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Die Implementierung von Bildung für Nachhaltige Entwicklung in Deutschland

Bachelorarbeit 2010 39 Seiten

Politik - Sonstige Themen

Leseprobe

1 Einleitung

"Nachhaltige Entwicklung ist eine Entwicklung, die die Lebensqualität der gegenwärtigen Generation sichert und gleichzeitig zukünftigen Generationen die Wahlmöglichkeit zur Gestaltung ihres Lebens erhält.“ So heißt es im Bericht der Brundtland-Kommission im Jahr 1987 und sagt aus, man sollte an den derzeitigen Lebensstilen unserer Gesellschaft anknüpfen. Querschnittsthemen wie Fragen des Klimawandels, des Umgangs mit der Ressource Wasser, oder auch Energiefragen sind in diesem Zusammenhang genauso relevant wie die Frage nach einer inter- und intragenerationellen Gerechtigkeit. Bei Bildung für nachhaltige Entwicklung, dem umfassenden politischen und pädagogischen Bildungskonzept, geht es daher nicht in erster Linie darum, die damit verbundenen komplexen Themenbereiche nur auf der Wissensebene zu vermitteln. Das Ziel der Bildung für nachhaltige Entwicklung ist es, jeden Einzelnen Fähigkeiten mit auf den Weg zu geben, die es ihm ermöglichen, aktiv und eigenverantwortlich die Zukunft mit zu gestalten. In diesem Zusammenhang spielen ebenso wahrnehmungs- wie auch handlungsbezogene Komponenten der Bildung eine entscheidende Rolle.

Das Prinzip der nachhaltigen Entwicklung hingegen stellt die engen Beziehungen, die zwischen Lebensstil, Umweltqualität und einer gerechten Verteilung der Ressourcen bestehen, in den Vordergrund. Aber wie wird dieses Thema in die aktuelle Bildungsdebatte in Deutschland integriert und ist es überhaupt möglich diese zu integrieren? Aus diesem Interesse heraus möchte ich herausfinden wie sich Bildung für nachhaltige Entwicklung in Deutschland definiert und im deutschen Bildungssystem verankert ist, welche politischen Akteure darauf Einfluss nehmen und insbesondere deutlich machen, warum es notwendig ist, das pädagogische Bildungskonzept – Bildung für nachhaltige Entwicklung – in die (Aus-) Bildung zu implementieren. Nachfolgend wird „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ mit dem Akronym „BnE“ abgekürzt.

Aus diesen Gründen wird die vorliegende Abschlussarbeit im Fach Regionalwissenschaften mit dem Titel „Die Implementierung der Bildung für nachhaltige Entwicklung in Deutschland“ benannt. Nachdem im ersten Kapitel die Grundlagen für Nachhaltigkeit und im zweiten Kapitel die Bildung für eine nachhaltige Entwicklung (BnE) in Deutschland erläutert wird, folgt im dritten Kapitel eine Darstellung der politischen Akteure und deren Einflussnahme auf BnE sowie die Messbarkeit von BnE. Das vierte Kapitel dient der Darstellung des Fallbeispiels Berlin und deren Implementierung von BnE. Dieses wird zusätzlich gestützt durch eine Expertenbefragung mit einer Berliner Lehrerin, die auch Regionalkoordinatorin für UNESCO Projekt Schulen (UPS) ist. Das fünfte und letzte Kapitel schließt mit den gewonnenen Ergebnissen zu meiner Leitfrage – Wie ist BnE im deutschen Bildungssystem implementiert? – ab und wird zusammenfassend dargestellt. Bevor die einzelnen Kapitel ihre Bedeutung finden, wird der Begriff der Nachhaltigkeit für sich betrachtet. Was bedeutet Nachhaltigkeit und wie wird der Begriff in Deutschland definiert? Welche Rolle nehmen Schulen und ganz allgemein Bildung in diesen Zusammenhang ein? Letztlich soll die vorliegende Arbeit einen Überblick und eine besseres Verständnis darüber geben, wie Nachhaltigkeit und Bildung im deutschen Bildungssystem miteinander verknüpft ist und umgesetzt wird.

1.1 Definition und Herkunft der Nachhaltigkeit

Der Begriff Nachhaltigkeit ist in unserer heutigen Zeit zu einem „Modewort“ geworden und wird heute vielfältig zitiert und in den verschiedensten Bereichen benutzt, so dass die ursprüngliche Bedeutung des Begriffes nicht mehr impliziert ist. Die vorliegende Arbeit zeigt auf, dass das Prinzip der Nachhaltigkeit heute eine „(…) zentrale politische Forderung (…)“ (Christen 1999, S. 7) ist, die sowohl ökonomische, ökologische wie auch soziale Perspektiven und Ziele berücksichtigt. Historisch geht die Idee der Nachhaltigkeit auf die Forstwirtschaft zurück. Diese wurde von „(…) Forstleuten formuliert, da man Verwüstungen und Übernutzungen des Waldes im 18. Jahrhundert vorgefunden hat. Diese erkannten, dass man nur so viele Bäume fällen kann, wie wieder nachwachsen können. Die Idee der Nachhaltigkeit, d.h. die Vorstellung, dass heute auf wirtschaftlichen Nutzen verzichtet werden muss, damit die künftigen Generationen in der gleichen Weise wirtschaften können, wie wir es jetzt tun, war entwickelt. Zugleich wurde damit, erstmalig in der Geschichte der Neuzeit, wirtschaftliches Tun sehr strengen Rahmenbedingungen unterworfen. Der ethisch begründete Anspruch künftiger Generationen auf gleiche wirtschaftliche Bedingungen wie sie heute herrschen, zwang und zwingt die Menschen noch, auf kurzfristig realisierbaren Gewinn zu verzichten. Für die Forstwirtschaft heißt dies, weniger Holz zu schlagen, als im Wald vorhanden ist, für die Landwirtschaft, unter anderem weniger anzubauen als möglich.“ (Hamann, 2004, S.12)

War der Begriff der Nachhaltigkeit zunächst noch betriebswirtschaftliches Konzept, so wurde er seit Mitte der 1980er Jahre als „(…) generelles Schlagwort für eine Verbindung von wirtschaftlicher Entwicklung und Erhalt der ökologisch bestimmten Tragekapazität benutzt“. (Renn 2000, S. 40) Die Weltkommission für Umwelt und Entwicklung (Brundtland-Kommission) definierte 1987 den Begriff der „Nachhaltigen Entwicklung“ wie folgt:

„Sustainable development is development that meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs.” Übersetzt: „Nachhaltige Entwicklung ist Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.“ (vgl. Brundtland-Bericht 1987, S. 46) Mit dem Bericht „Unsere gemeinsame Zukunft“ der Brundtland- Kommission, auf dem das Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung begrifflich zurückgeht, wurde dieses zugleich weltweit bekannt.

Neben der hier genannten Definition der Brundtland-Kommission, gibt es eine unübersichtliche Vielzahl von weiteren Definitionen[1]. Dennoch „(…) „Sustainable development“ wird zumeist mit „nachhaltiger Entwicklung“ ins Deutsche übersetzt und entsprechend verwendet, wobei weitere Übersetzungsversuche in der Literatur, wie (dauerhaft) umweltgerechte Entwicklung, ökologisch-dauerhafte Entwicklung, zukunftsverträgliche Entwicklung, nachhaltig zukunftsverträgliche Entwicklung oder zukunftsfähige Entwicklung beispielhaft sind.“ (Hamann, 2004, S.13) Die vorliegende Arbeit wird die ursprüngliche Definition der Brundtland-Kommisssion verwenden und im weiteren Verlauf mit einbeziehen.

1.2 Grundlagen der Nachhaltigkeit

Als grundlegendes Werk zur nachhaltigen Entwicklung gilt die 1972 von einem Team aus 17 Wissenschaftlern am Massachusetts Institute of Technology erstellte Analyse „Limits to Growth“ („Die Grenzen des Wachstums“). Sie entstand auf Initiative von und mit Unterstützung des Club of Rome. In der Studie warnten die Autoren vor einem katastrophalen Wachstum in der Weltbevölkerung und dem Sinken des Lebensstandards innerhalb von 50 bis 100 Jahren, wenn die gegenwärtigen Trends anhalten würden, die sie wie folgt beschrieben:

- beschleunigtes Wachstum der Bevölkerung
- raschere Nutzung von Boden
- Steigerung von Produktion
- Verbrauch und Erzeugung von Schadstoffen

Es wurde erkannt, dass eine strategische Lösung aller bedeutenden Probleme erarbeitet werden muss, insbesondere auch im Hinblick auf die Einwirkung des Menschen auf seine Umwelt. Die Schlussfolgerung lag nah, dass das nur durch veränderte Wert- und Zielvorstellungen jedes einzelnen zu erreichen ist. Auch wenn der Name des Leitbilds für eine nachhaltige Entwicklung erst später mit dem Brundtland-Report[2] entstand, sind das die ersten Vorzeichen der heutigen Nachhaltigkeit. Im gleichen Jahr fand die erste Umweltkonferenz der Vereinten Nationen in Stockholm statt, die deutlich machte, dass die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen des Menschen ein größtmögliches Maß an Zusammenarbeit der Nationen erfordern würde. Dabei war insbesondere die Abhängigkeit des Menschen von seiner Umwelt und die Rückkopplung weltweiter Umweltveränderungen auf sein Verhalten bzw. seine Handlungsmöglichkeiten zu berücksichtigen. (vgl. Hamann, 2004, S.12)

Seit dem Weltgipfel 1992 in Rio de Janeiro, der größten Gipfelkonferenz des 20. Jahrhunderts, ist nachhaltige Entwicklung zum weltweiten Ziel erklärt, dessen Grundlage die Erkenntnis ist, dass es in einer Welt mit einem Ungleichgewicht aus Armut und Umweltschäden keine zukünftige gesunde Gesellschaft oder Wirtschaft geben kann. Die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung muss sich in Hinblick auf die Bedürfnisse der Umwelt verändern. Ziel ist es, die Befriedigung der menschlichen Grundbedürfnisse mit einer qualitativ hochwertigen Umwelt und einer gesunden Wirtschaft für alle Menschen der Erde miteinander in Einklang zu bringen. Dies kann keine Nation für sich allein - vielmehr ist eine weltweite Partnerschaft für eine nachhaltige Entwicklung erforderlich.[3] Nur eine Vernetzung von Gesellschaft, Wirtschaft und Ökologie führt zu einer zukunftsfähigen und damit nachhaltigen Entwicklung, die sich nach Bolscho/Seybold (1996, S. 73) wie folgt darstellt:

Abbildung 1: Vernetzung einer nachhaltigen Entwickung nach Bolscho/Seybold

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Verknüpfung von Gesellschaft (Sozialem), Ökonomie und Ökologie ist „(…) eine Zukunftsaufgabe der Menschheit, die keine kleine Veränderungsaufgabe ist, sondern eine große Idee für das kommende Jahrhundert von den Ausmaßen der politischen Freiheitsidee der Französischen Revolution.“ (Haan, 1999, S. 82) Seitens der UNCED-Konferenz von Rio de Janeiro 1992 sind die Ziele von Nachhaltigkeit in 27 Grundsätzen zusammengefasst (Bundesminister für Umwelt 1994, S. 45-47). Dieses Konzept fußt in Deutschland auf folgenden Leitlinien (Deutscher Bundstag 1994):

„1. Die Abbaurate erneuerbarer Ressourcen soll ihre Regenerationsrate nicht überschreiten. Dies entspricht der Forderung nach Aufrechterhaltung der ökologischen Leistungsfähigkeit.“ (S. 29)
„2. Nicht erneuerbare Ressourcen sollen nur in dem Umfang genutzt werden, in dem ein physisch und funktionell gleichwertiger Ersatz geschaffen wird“ (S. 30).
„3. Stoffeinträge in die Umwelt sollen sich an der Belastbarkeit der Umweltmedien orientieren“ (S. 32)

Die Aufforderung und damit verbundene Aufgabenstellung ist, ökologische und ökonomische Lebensverhältnisse aller Menschen, gegenwärtig wie auch zukünftig, zu verbessern und die sozialen Lebensgrundlagen in Einklang zu bringen und zu sichern. Ökonomisch gesprochen, es soll gewährleistet sein vom Kapital und nicht von den Zinsen zu leben. (vgl. Hamann, 2004, S.13)

Nachdem hier einleitend der Begriff der Nachhaltigkeit und dessen Herkunft näher gebracht wurde, wird im folgenden Kapitel der Bezug zwischen Nachhaltigkeit und Bildung in Deutschland näher erläutert.

2 Bildung für nachhaltige Entwicklung in Deutschland

Im Folgenden wird auf das begriffliche Bildungskonzept – Bildung für nachhaltige Entwicklung – in Deutschland eingegangen. Ein weiterer Schwerpunkt dieses Kapitels liegt in der Darstellung der Definition und Entwicklung von Bildung für nachhaltige Entwicklung sowie was sind die konzeptionellen Vorgaben der BnE. Zudem wird die ‚Nachhaltige Konzeption’ – Agenda 21 als grundlegendes Instrument für die BnE vorgestellt. Seit einigen Jahren gilt der Begriff der Nachhaltigkeit als Leitbild für eine zukunftsfähige Entwicklung der Menschheit. Nicht nur die Bezeichnung, ausgehend von der einstigen „Umweltbildung“ über „Bildung für Nachhaltigkeit“ und „Nachhaltige Bildung“ bis hinzu der „Bildung für nachhaltige Entwicklung“, veränderte sich immer wieder, vor allem inhaltlich erfolgte eine weitreichende Umorientierung.

2.1 Die Definition und Entwicklung von BnE in Deutschland

„Die Auseinandersetzung mit Fragen des Tier-, Natur- und Landschaftsschutzes hat im allgemeinbildenden Schulsystem eine lange, wenn auch schwach ausgeprägte Tradition. In einzelnen Fächern der Sekundarstufe I wie der Biologie lassen sich umweltbezogene Themen zurückverfolgen bis ins letzte Jahrhundert (…)“ und „(…) Wurzeln einer „Naturnahen Erziehung“ reichen noch viel weiter zurück (…).“ (Bolscho/Seybold 1996, S. 79) Nach Comenius[4] soll die Natur nicht nur als Inhalt des Unterrichts erscheinen, sondern als Vorbild für die Erziehung. Friedrich Fröbel[5] hat mit dem von ihm begründeten Kindergarten schon in der Wahl der Begrifflichkeit eines Gartens für Kinder die Natur impliziert. Die Gründung der Landerziehungsheime Anfang des 20. Jahrhunderts beinhalteten als Schwerpunkte pädagogischer Arbeit gärtnerisches und landwirtschaftliches Arbeiten. Eduard Spranger[6] schließlich sieht im „heimatkundlichen Prinzip“ die seelische Verbindung der Kinder mit der Umgebung, um durch eine innere Aneignung der Umgebung die Umwelt zur „Heimat“ zumachen. Der Beschluss „Naturschutz- und Landschaftspflege sowie Tierschutz“ vom 30.9.1953 der Kultusministerkonferenz (KMK) stellt einen ersten Versuch dar, Natur- und Umweltthemen in größerem Umfang und in allen einschlägigen Fächern, besonders im naturwissenschaftlichen und erdkundlichen Unterricht, in der Schule zu etablieren. Erzieherische und gemütsbildende Werte von Naturschutzbewegungen und Landschaftspflege, sowie die wirtschaftliche Bedeutung von Naturschutz und Landschaftspflege für Ernährung, Wasserhaushalt, Boden und die biologische Gesundheit der Landschaft sind die inhaltlich beschriebenen Schwerpunktsetzungen. Im Jahr 1971 erstellte die damalige Bundesregierung mit Blick auf die zunehmende Gefährdung der Umwelt ein Umweltprogramm, in das Leitsätze zur umweltbezogenen (Aus-)Bildung integriert sind. Umweltbewusstes Verhalten dient nach diesem Programm der Abwehr von Umweltgefahren. (vgl. Hamann, 2004, S.15) „Nach Bolscho/Seybold liegt der hier geforderten Form der Umweltbildung mit den Hinweisen auf „eigenes Versagen“, „Opfer zu bringen“ und „Einschränkungen auf sich zu nehmen“ ein individualistisches Verständnis zugrunde, das beinhaltet, dass jeder durch Erziehungsprozesse in die Lage versetzt werden kann, in verantwortungsvoller Weise am Erkennen und Lösen von Umweltproblemen teilhaben zu können. (…) Damit wird der Umwelterziehung die Aufgabe zugewiesen, einen wesentlichen Beitrag zur vorherrschenden Umweltkrise zu leisten.“ (Hamann, 2004, S.15)

Im Jahr 1977 fand die UNESCO-Konferenz Environmental Education in Tiflis/UdSSR statt. Bei dieser ersten weltweiten Konferenz zur Umwelterziehung wurden Empfehlungen für den Bildungsbereich entwickelt. Im Jahr 1980 empfiehlt die Kultusministerkonferenz (im folgenden KMK genannt) der Bundesrepublik Deutschland eine nationale Einführung einer Umwelterziehung an den allgemeinbildenden Schulen: „Für den einzelnen und die Menschheit insgesamt sind die Beziehungen zur Umwelt zu einer Existenzfrage geworden. Es gehört daher auch zu den Aufgaben der Schule, bei jungen Menschen das Bewusstsein für Umweltfragen zu erzeugen, die Bereitschaft für den verantwortlichen Umgang mit der Umwelt zu fördern und zu einem umweltbewussten Verhalten zu erziehen, das über die Schulzeit hinaus wirksam bleibt. (KMK 1982)“ (Becker, 2001, S. 52). Zunächst hatte diese Empfehlung jedoch keine Auswirkungen in der Praxis und der Unterricht blieb, wie schon zuvor, an Naturschutz und Landschaftspflege, sowie der Heimat mit dem Fach Heimatkunde in Deutschland orientiert. Ob Schule überhaupt in der Weise zur Lösung von z.B. Umweltproblemen beitragen kann, wie dies in der KMK-Empfehlung gefordert wird, stellen besonders die ersten didaktischen Konzepte zur Umwelterziehung in den 1970er Jahren in Frage, wobei besonders die individualistische Ausrichtung kritisiert wird. Hierbei wird der gesamtgesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Zusammenhang übersehen, der an Umweltent-scheidungen von Einzelnen weitreichenderen Einfluss hat, als im Rahmen einer Umwelterziehung durch Veränderungen von Bewusstsein und Handeln erreicht werden kann. (vgl. Hamann, 2004, S.16).

In den 1970er Jahren noch von ökologischen Fragestellungen ausgehend und später als implementierte Umweltbildung, wird heute die Frage nach den ökonomischen wie sozialen Perspektiven des Mensch-Natur-Verhältnisses vertieft und der Blick auf globale Gerechtigkeit verfolgt. Mit der Agenda 21 und dem verbreitet geführten Nachhaltigkeitsdiskurs wurde immer deutlicher, dass nicht allein politische Maßnahmen ausreichen, sondern ein globaler Mentalitätswandel, durch neue Wissensbestände und –formen, veränderte Normen und Wertvorstellungen, angestrebt werden muss. Denn folgt man dem Leitbild der Nachhaltigkeit, ist es wesentlich für die BnE, Wissensbestände und Werthaltungen aufzubauen. (vgl. Hamann, 2004, S. 14)

Das damalige Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft[7] verabschiedete 1987 ein Arbeitsprogramm, das eine Beteiligung am Umweltschutz in allen Bildungsbereichen vorsah, indem Grundlagenwissen, angestrebte Verhaltensänderungen und (öko)ethische Normen zugrunde gelegt sind. Als Ergebnis ist durch die Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung der Begriff der „Umweltbildung“ benannt und etablierte sich. In den 1990er Jahre orientierte sich Umweltbildung dann aber immer weniger an den Kontroversen des vorangegangenen Jahrzehnts, in dem noch nach dem Lösungskonzept gesucht worden ist, sondern die sich weiter steigende Vielfalt wurde etabliert und eine realistischere Betrachtungsweise der Möglichkeiten einer Umweltbildung stellte sich ein. (vgl. Becker, 2001, S. 106) „Die Auseinandersetzung mit dem Leitbild der Nachhaltigkeit stellte den Beginn einer notwenigen Neuorientierung dar, wobei sich zunächst eher skeptisch den Implikationen des Nachhaltigkeitskonzepts für die Umweltbildung genähert wurde.“ (BMBF, 2002, S. 14) Mitte der 1990er Jahre begann man die Konsequenzen des Nachhaltigkeitsdebatte und vor allem der Agenda 21[8] zu überdenken und zu diskutieren. Der Begriff - Bildung für nachhaltige Entwicklung – rückt seitdem in den Vordergrund und wird als erweiternde Dimension in der Diskussion um Umweltbildung in Deutschland und international institutionalisiert. „Zugleich hat sich das Bildungskonzept ‚Globales Lernen’, das sich in den letzten Jahren neben der Umweltbildung etablieren konnte, der Bildung für eine nachhaltige Entwicklung angenähert. Standen in der Umweltbildung lange Zeit die Bedrohungen der Umwelt im Vordergrund, verbindet sich mit der Bildung für eine nachhaltige Entwicklung die Chance zur gesellschaftlichen Modernisierung und Gestaltung.“ (Hamann, 2004, S. 16)

Letztlich beschreibt das Bildungskonzept Bildung für nachhaltige Entwicklung folgendes und ist das aktuelle Ergebnis eines Prozesses, der sich stetig in Bewegung befindet.

„Bildung für nachhaltige Entwicklung vermittelt Wissen über:

- globale Zusammenhänge und Herausforderungen wie den Klimawandel oder globale Gerechtigkeit;
- die komplexen wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Ursachen dieser Probleme.

Bildung für nachhaltige Entwicklung vermittelt Kompetenzen:

Mit Gestaltungskompetenz wird die Fähigkeit bezeichnet, Wissen über nachhaltige Entwicklung anwenden und Probleme nicht nachhaltiger Entwicklung erkennen zu können. Sie umfasst zum Beispiel folgende Fähigkeiten:

- vorausschauendes Denken;
- interdisziplinäres Wissen;
- autonomes Handeln;
- Partizipation an gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen.“[9]

Mit der UN-Dekade (2005-2014) - Bildung für nachhaltige Entwicklung - haben sich die Staaten der Vereinten Nationen, somit auch Deutschland, verpflichtet, das Bildungskonzept im formalen als auch informellen Lernen zu stärken. Die Agenda 21, nennt in Artikel 36 Bildung als Schlüsselfaktor auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit und wird, neben den konzeptionellen Vorgaben, im folgenden Abschnitt näher betrachtet.

[...]


[1] Gibt man in die Suchmaschine „Google“ die Begriffe „Definition Sustainable Development“ ein, werden ungefähr 17.900.000 Ergebnisse angezeigt (Stand: 03.10.2010). Dies ist kein Indiz für wissenschaftliches Arbeiten, aber zeigt, dass es in vielfacher und vielfältiger Form in unseren heutigen Wortschatz vorhanden ist.

[2] Der Bericht geht zurück auf eine Initiative der 38. Generalversammlung der UNO im Herbst 1983 und erschien 1987. Er erhielt seinen Namen von der damaligen norwegischen Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtlandt, die die Leitung der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung übernahm. (World Commission of Environment and Development, WCED)

[3] vgl. http://www.nachhaltigkeit.info/artikel/geschichte_10/index.htm (letzter Zugriff 20.10.2010)

[4] Johann Amos Comenius (1592-1670) bekannt als Schul-Reformer im 17. Jahrhundert

[5] Friedrich Wilhelm August Fröbel (1782 - 1852) war ein deutscher Pädagoge, auf den die Bezeichnung Kindergarten für Einrichtungen zur Kinderbetreuung zurückgeht.

[6] Eduard Spranger (1882 - 1963) war ein Philosoph, Pädagoge und Psychologe, war maßgeblich beteiligt an der Etablierung der Pädagogik als selbständiger akademischer Disziplin

[7] 1994 wurden die Bundesministerien für Bildung und Wissenschaft (BMBW) sowie Forschung und Technologie (BMFT) zum Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie (BMBFT) zusammengeführt; 1998 änderte sich die Bezeichnung in Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)

[8] Agenda 21: ist ein entwicklungs- und umweltpolitisches Aktionsprogramm für das 21. Jahrhundert, ein Leitpapier zur nachhaltigen Entwicklung, beschlossen auf der Konferenz für Umwelt und Entwicklung der Vereinten Nationen (UNCED) in Rio de Janeiro (1992)

[9] http://www.globaleslernen.de/coremedia/generator/unesco/de/02__UN-Dekade_20BNE/01__Was_20ist_20BNE/Einf_C3_BChrung__neu,print=true,slc=unesco_2Fde.html (letzter Zugriff 18.10.2010)

Details

Seiten
39
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783842812161
Dateigröße
628 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v228416
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Geografie und Politik, Studiengang Regionalwissenschaften
Note
2,1
Schlagworte
nachhaltige entwicklung bildung lokale agenda berlin deutschland

Autor

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