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Klassischer Liberalismus und die Zukunft des Welthandels

Razeen Sallys Konzept einer Reform der Welthandelsordnung in der Tradition der Politischen Ökonomie des Vereinigten Königreiches

Seminararbeit 2010 85 Seiten

Politik - Sonstige Themen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung

I. Die Grundlagen des klassisch-liberalen Konzeptes des Welthandels
1. Die Grundannahmen des klassischen Liberalismus in der Internationalen Politischen Ökonomie
2. Die Vorbildrolle des Vereinigten Königreiches im Freihandel
3. Der Paradigmenwechsel im Welthandel im 20. Jahrhundert

II. Der klassisch-liberale Reformansatz für den Welthandel im 21. Jahrhundert nach Razeen Sally
1. Anmerkungen Razeen Sallys zum Zustand des Welthandels
2. Die Reformvorschläge Razeen Sallys für das Welthandelsregime
3. Ein klassisch-liberales Konzept für die Zukunft der Welthandelsordnung

Fazit und Ausblick

Bibliographie

Vorwort

Freiheit des Individuums, freie Märkte und freier Handel in einem System, in dem sich der Staat auf seine Kernaufgaben konzentriert, diese Idealvorstellung einer liberalen Ordnung von Politik und Wirtschaft findet ihren Ursprung in der politischen Ökonomie im Vereinigten Königreiches des 18. Jahrhunderts. Ihre geistigen Väter und deren Erben zählen zu den bedeutendsten Denkern ihrer jeweiligen Epoche, seien es die führenden Vertreter der Schottischen Aufklärung um David Hume und Adam Smith oder die wortgewaltigen Verfechter der Idee der Freiheit im 20. Jahrhundert wie etwa Ludwig von Mises oder Friedrich August von Hayek.

Der klassische Liberalismus stellt dabei nicht eine losgelöste politische oder wirtschaftliche Ordnungsvorstellung dar, sondern vielmehr ein alle Bereiche verbindendes Gesamtkonzept, dessen originäres und edelstes Ziel die schrittweise Verwirklichung der größtmöglichen Freiheit des Einzelnen ist.

Razeen Sally überträgt diese Prämissen in die Internationale Politische Ökonomie unserer Tage und führt so die Denkschule des Klassischen Liberalismus in das 21. Jahrhundert. Er erkennt dabei das unverminderte Potenzial dieses britischen Erbes für die politische und wirtschaftliche Ordnung der Staaten und ihrer globalen Vernetzung, gerade vor dem Hintergrund der Krise der Welthandelsordnung nach dem zumindest vorläufigen Scheitern der Doha-Welthandelsrunde.

Ziel dieses kleinen Werkes ist es, Sallys Arbeiten zum klassischen Liberalismus und der Zukunft des Welthandels näher zu betrachten und auf ihre Pertinenz zu hinterfragen. Es diene jedoch zugleich als Appell zur Wiederentdeckung des einmaligen Erbes der politischen Ökonomie Großbritanniens, als Inspirationsquelle und Anhaltspunkt in Zukunftsfragen der Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in der westlichen Welt.

Besonderer Dank gebührt an dieser Stelle zunächst meinem Doktorvater, Herrn Professor Dr. Klaus Schubert für seine stets wohlwollende Unterstützung meiner Arbeit. Des Weiteren sei meinen treuen Korrekturlesern, Frau Dipl. Soz. Ellen Ziegler und Herrn Matthias Egert M.A. herzlich gedankt, verbunden mit dem Versprechen auf noch reichlich Arbeit.

Die vorliegenden Ausführungen stellen eine überarbeitete Fassung einer Studienarbeit dar, die im Rahmen des integrierten deutsch-französischen Master-Studiengangs Politikwissenschaft der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und des Institut d’Etudes Politiques de Rennes verfasst wurde.

Einführung

„The WTO is beginning to look like a tragic example of ‘advance into decline’. Its birth looked like a mas­sive breakthrough, since it turned the GATT into the international organisation it was originally supposed to become, as the International Trade Organisation. Yet, in practice, the more institutionalised and comprehen­sive the trading system has become, the less effective it has also risked becoming, notably at the old business of trade liberalisation.”[1]

Diese Einschätzung des Zustandes des Welthandelsregimes des britischen Wirtschaftsjournalisten Martin Wolf fasst im Jahre 2009 die enttäuschten Hoffnungen und die Ernüchterung vieler Fachleute und Beobachter über die Entwicklung dieses Internationalen Regimes (IR) am Beginn des 21. Jahrhunderts zusammen. Nachdem mit der Gründung der Welthandelsorganisation – World Trade Organisation (WTO) – allenthalben große Erwartungen verbunden worden sind, dieses neue Regime könne durch offene Märkte, dem Prinzip der Nichtdiskriminierung und einer glaubwürdig einklagbaren Rechtsgrundlage für den Handel seiner Mitglieder, deren nationale Wohlfahrt weiter stärken und damit zur Steigerung des wirtschaftlichen Wohlstandes und der Sicherung einer stabilen und friedlichen internationalen Ordnung weltweit beitragen, ist diese hehre Zielsetzung der WTO am Ende der ersten Dekade des neuen Jahrtausends scheinbar in weite Ferne gerückt: Der Ruf nach Reform und Anpassung des Welthandelsregimes und der Welthandelsordnung an neue Gegebenheiten wird lauter.[2]

Zunächst sei daran erinnert, dass die 1995 neugeschaffene Institution der WTO Erbin des ihr fürderhin eingegliederten General Agreement on Tariffs and Trade (GATT) ist, welches seit dem Jahre 1948 als provisorische Vertragsgrundlage – nicht als Internationale Organisation – für den Welthandel gedient hat.[3] Wiewohl diesem der institutionelle Rahmen fehlt, gelingt es den Vertragsparteien den in der Präambel des GATT definierten Zielsetzungen näher zu kommen, zu denen die Hebung des Lebensstandards, Vollbeschäftigung, ein stetig wachsendes Realeinkommen und Anwachsen der effektiven Nachfrage, sowie die Nutzung der weltweiten Rohstoffe und die Ausweitung der Güterproduktion und deren Austauschs zwischen den Vertragsparteien zählen.[4] Der Abbau von Handelsschranken bedeutet jedoch nicht, dass ein vollkommen freier Welthandel als Fernziel der Bemühungen fixiert wird. „This continues under the WTO. Thus, contrary to popular belief, the formal objective of the WTO is not free trade. Trade is a means to achieve the objectives listed in the Preamble, not an end in itself.”[5]

Die Schaffung der WTO hebt die internationale Kooperation zur Regelung des Welthandels nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes auf eine neue Ebene. Mit ihrer Gründung geben die Signatarsstaaten dem Welthandelsregime nicht nur die bislang fehlende institutionelle Struktur, sondern erweitern auch dessen Handlungsrahmen grundlegend.[6] Dem GATT-Abkommen werden zwei weitere hinzugefügt, die neben dem Güterhandel auch den Handel mit Dienstleistungen und die Problematik des geistigen Eigentums als Kern haben.[7]

Die WTO will damit nicht nur die Erfolgsgeschichte des GATT fortsetzen, in dessen Rahmen es einerseits im Laufe der Jahre effektiv gelungen ist den weltweiten Güterhandel zu liberalisieren und andererseits ein zuverlässiges System internationalen Rechts zu etablieren.[8] Die neue Vertragsgrundlage stellt vielmehr eine ambitionierte erweiterte Tagesordnung für das Welthandelsregime dar, mit neuen ihm zugedachten Wirkungsfeldern und daraus resultierenden komplexeren Aufgabenbereichen sowie Herausforderungen, die seinen Mitgliedern durch veränderte internationale Gegebenheiten nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes und dem weiter fortschreitenden Phänomen der Globalisierung erwachsen.

„Three trends go a significant way toward explaining the challenges now facing the WTO and the multilateral trading system: (1) the increasing participation of developing countries in the GATT and the WTO; (2) the growing attention of multilateral trade negotiators to barriers to trade behind national borders; and (3) the increasing influence both over the multilateral trade agenda and over the trade policies of key industrial countries of networks of civil society groups.”[9]

Welthandelsexperten sind sich angesichts dieser Herausforderungen einig, dass die WTO in vielerlei Hinsicht an den Erfolgen der Vergangenheit (Martin Wolf) leide, die bei ihren Mitgliedern und der Öffentlichkeit unrealistische Erwartungen und Einschätzungen ihres Potenzials, ihrer Handlungsfähigkeit und ihrer Belastbarkeit nähren. Erstmals sichtbar wird diese Problematik im Jahre 1999 beim WTO-Ministertreffen in Seattle, das unter dem lautstarken Protest radikaler Gegner des Welthandelsregimes, vor allem aber dem tiefgehenden Dissens der Mitgliedsstaaten über die Agenda einer neuen Welthandelsrunde (round of multilateral trade negotiations – MTN) scheitert. Zwei Jahre darauf gelingt es die aktuelle Handelsrunde in Katars Hauptstadt Doha zu beginnen, deren Ziel nicht nur die Wiederherstellung der Glaubwürdigkeit der WTO, sondern auch ein greifbarer Fortschritt für die Position der Entwicklungsländer im Welthandel ist.[10] Das Bonmot des ehemaligen WTO-Generaldirektors Michael Moore, die WTO habe 144 Handbremsen, aber nur ein Gaspedal, das nur bei Konsens betätigt werden könne[11], ist im Rahmen dieser Verhandlungen schnell zur Realität geworden, als diese bereits kurz nach ihrer Lancierung ins Stocken geraten und bis dato nicht zu einem Abschluss gebracht werden konnten.

Der ausbleibende Erfolg der „Doha-Runde“ verstärkt indes den Krisendiskurs, der bereits seit Seattle an Fahrt gewinnt und fortdauert, wie unter anderem die kontinuierlich wachsende wissenschaftliche Literatur zu dieser Thematik eindrücklich unter Beweis stellt.[12] Für manchen Beobachter hat die WTO gar ihren Höhepunkt überschritten und das Vertrauen in das internationale multilaterale Handelssystem verspielt.[13] Die internen und externen Kritikpunkte an der Funktionsweise und den Ergebnissen des Welthandelsregimes sind dabei mannigfach und je nach Gesinnung oftmals gegenläufig:[14]

„First, the WTO’s growing membership hinders expeditious decision-making versus WTO decision-making is undemocratic. Second, the North has dominated trade decision-making versus the North is providing inadequate leadership in the WTO. Third, the WTO is too powerful versus the WTO lacks authority to effectively perform its functions.”[15]

Die Fülle der angesprochenen Fragen illustriert stellvertretend das Dilemma aller internationalen Institutionen, die sich mit einer wachsenden Erwartungs– und Anspruchshaltung konfrontiert sehen, ohne die dafür notwendige strukturelle Konfiguration zu besitzen.[16]

Vor dem Hintergrund des Reformbedarfs globaler multilateraler Kooperation angesichts veränderter politischer, ökonomischer und gesellschaftlicher Bedingungen ist besonders im Hinblick auf die Reformdebatten im Bezug auf das Welthandelsregime ein Festhalten an den Grundprämissen der in der Nachkriegszeit festgelegten Funktionsweisen auffällig.[17] Selbige sind Ausdruck des Kompromisses zwischen einer liberalen Weltwirtschaftsordnung und der angenommenen Notwendigkeit, deren Legitimität durch politische Korrekturmaßnahmen – sprich Interventionismus – in der nationalen Wirtschaftspolitik zu sichern; kurz, dem sogenannten „embedded liberalism“.[18]

Diese Annahmen spiegeln sich im Falle des Welthandelsregimes in theoretischer Hinsicht in der Zusammenführung zweier Strömungen der liberalen Schule der Internationalen Politischen Ökonomie (IPÖ) wider, die sich einerseits aus den Prämissen der neoklassischen rational-choice -Theorie der Wirtschaftswissenschaften und andererseits denen des neoliberalen Institutionalismus speisen.[19] Gerade Vertreter letzterer in der IPÖ, wie John G. Ruggie oder Robert O. Keohane, betonen die der WTO inhärenten Prinzipien der negotiated cooperation zwischen den Vertragsparteien und der reciprocity, die gemeinsam das Herzstück des „liberalism from above“ (Razeen Sally) bilden, der den Charakter des Welthandelsregimes ausmacht. Für die Befürworter dieser Vorgehensweise sind die genannten Prämissen im Interesse einer stabilen, das heißt wachstumsförderlichen und friedlichen liberalen Ordnung einer interdependenten Weltwirtschaft unerlässlich.[20]

Der britische Politik- und Wirtschaftswissenschaftler Razeen Sally[21], der in der Tradition der britischen Ausprägung der IPÖ steht, stellt den beiden erwähnten liberalen Strömungen in seinem Werk „Classical Liberalism and International Economic Order“ eine dritte gegenüber, den sogenannten classical liberalism, den klassischen Liberalismus. Seine klassisch-liberalen Prämissen der IPÖ finden ihren Ursprung in den Werken von Adam Smith und David Hume. Sie haben ihre Fortsetzung bei Jacob Viner, Friedrich August von Hayek, Jan Tumlir und den Vertretern des deutschen Ordoliberalismus. Selbstredend sind diese Beiträge zur IPÖ vor dem Hintergrund der größeren ideengeschichtlichen Entwicklung des klassischen Liberalismus zu betrachten, wie dieser seit dem 17. Jahrhundert, vor allem durch die Philosophie John Lockes gewachsen ist. Diese theoretischen Fundamente bilden die Grundlage der 2008 veröffentlichten Fundamentalkritik Razeen Sallys an den Funktions- und Herangehensweisen des bestehenden Welthandelsregimes, genauso wie für seine darin vorgebrachten Vorschläge einer grundsätzlichen Neuorientierung der Welthandelsordnung im Sinne der Verwirklichung eines der WTO bis dato fremden Zieles: des Freihandelsgedankens im Sinne des klassischen Liberalismus.[22]

Die vorliegende Untersuchung verfolgt vor diesem Hintergrund ein doppeltes Erkenntnisinteresse: Zunächst soll in die ideengeschichtlich-theoretische Grundlage der Arbeiten Razeen Sallys – des klassischen Liberalismus – Einblick gewonnen werden, damit in einem zweiten Schritt die daraus folgenden Anmerkungen und Vorschläge zur Zukunft des Welthandels erläutert werden können. Angesichts der konstatierten Krise der multilateralen Welthandelsordnung stellt sich im Rahmen dieser Betrachtungen die Frage, inwieweit der von Sally verfochtene klassisch-liberale Freihandelsgedanke nach britischem Vorbild einen Weg in die Zukunft für das liberale System des Welthandels bieten kann.

In einem ersten Kapitel wird daher auf die Grundlagen des klassisch-liberalen Konzeptes des Freihandels eingegangen werden, indem die Annahmen des klassischen Liberalismus betrachtet werden – einer in der IPÖ relativ vernachlässigten liberalen Strömung, die bislang oftmals dargestellt wird als „an anachronism, an intelletual curiosum of the past, too minimalist and simpliste to be of relevance to the awesomely complex world of today.“[23] Daran anschließend erscheint es notwendig auf den Freihandelsgedanken im Rahmen des classical liberalism einzugehen, wie er im Vereinigten Königreich des 18. Jahrhunderts entsteht und im Laufe der Jahre die dominierende politikökonomische Kraft im Britischen Weltreich wird. Der bereits erwähnte embedded liberalism stellt den Abschluss der Ausführungen des ersten Kapitels dar, insofern dieser Paradigmenwechsel entscheidend für das Verständnis des heutigen Welthandelssystems und der Kritik Sallys an selbigem ist.

Das zweite Kapitel thematisiert zunächst die Unzulänglichkeiten des multilateralen Welthandels zu Beginn des 21. Jahrhunderts aus der Sicht Razeen Sallys, um im Anschluss einerseits seine Reformvorschläge für das Welthandelsregime, sprich die WTO, und danach sein klassisch-liberales Konzept für die Zukunft der Welthandelsordnung zu skizzieren. Im Fazit sollen abschließend die Besonderheiten der Argumentation Sallys noch einmal unterstrichen sowie ihr Potenzial für die Zukunft des multilateralen Welthandels hinterfragt werden.

I. Die Grundlagen des klassisch-liberalen Konzeptes des Welthandels

Die IPÖ ist eine erst im Laufe der 1960er Jahre konsequent vorangetriebene Disziplin der IB, die sich seither jedoch nachhaltig etablieren konnte. Sie verbindet sozialwissenschaftliche – namentlich politikwissenschaftliche – Expertise mit wirtschaftswissenschaftlichen Analysen. Ihre theoretischen Richtungen unterteilen sich in die liberale, die realistische und die marxistische Schule, wobei diese sich erneut in verschiedene Strömungen gliedern lassen. Heute wird besonders auf die Bedeutung des Unterschiedes zwischen der US-amerikanischen und britischen Tradition der IPÖ verwiesen, wobei erstere stark positivistisch, letztere eher hermeneutisch geprägt ist.[24]

Wie einleitend bereits erwähnt besteht Razeen Sallys Neuerung in der IPÖ darin, den classical liberalism als eine dritte Strömung ihrer liberalen Schule zu identifizieren, umfassend historisch-theoretisch aufzuarbeiten und ihre Aussagekraft für aktuelle Fragestellungen der IPÖ wieder ins Gedächtnis der Wissenschaft zu rufen, die den klassischen Liberalismus seit Ende des 19. Jahrhunderts – mit ehrenwerten Ausnahmen wie Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek – lange Zeit vernachlässigt hat. Gleichzeitig will er den klassischen Liberalismus klar abgrenzen von anderen liberalen Strömungen in der Theorie der IB, allen voran dem neoliberalen Institutionalismus, aber auch Entwicklungen wie des Neuen Liberalismus.[25]

„At a time when there is so much background noise, popular and otherwise, on the state of the international economic order (…), it is high time, with the aid of Hume, Smith, Viner, Röpke, Tumlir and others, to reconstruct and set out a classical liberal perspective on international economic order. To be worth the effort, the latter should have a distinctive message and strike a different note to the conventional ‘liberal’ treatments of the same subject.”[26]

Dem theoretisch-wissenschaftlichen Interesse ordnet Sally also das Ziel bei, der klassische Liberalismus solle als alternativer Handlungsleitfaden – oder in seinen Worten, als „searchlight on modern policy“ – in den heutigen Herausforderungen der internationalen Wirtschaftsordnung dienen. Nicht zuletzt geht es ihm dabei aber auch um einen Beitrag zur ewig jungen normativen Frage nach der besten politischen und ökonomischen Ordnung einer Gesellschaft.

Das vorliegende erste Kapitel wird daher den Spuren des klassischen Liberalismus in der IPÖ folgen und in einem zweiten Abschnitt den damit verbundenen klassischen Freihandelsgedanken skizzieren, der die Grundlage für das Wirtschaftssystem des Britischen Weltreiches im 19. Jahrhundert gelegt hat, welches als konkrete Ausformung dieser Überzeugungen gelten kann. [27]

1. Die Grundannahmen des klassischen Liberalismus in der Internationalen Politischen Ökonomie

Am Beginn der vorliegenden Ausführungen sei bemerkt, dass bei der Betrachtung der Grundannahmen des classical liberalism zu beachten ist, dass seine schottischen Vordenker bei ihren Ausführungen zu allererst die nationale politische Ökonomie und Ordnung im Sinn haben. Das Verständnis selbiger ist aber in klassisch-liberaler Sicht unabdingbar für Rückschlüsse auf die internationale Ordnung, die am Ende dieser Ausführungen kurz dargestellt werden sollen. Der klassische Liberalismus muss desweiteren stets im Vergleich zu den späteren Ausprägungen des Liberalismus gesehen werden, da er teils gerade in seinem Gegensatz zu diesen an Bedeutung und Erklärungspotenzial gewinnt.[28]

Im Folgenden soll versucht werden den wichtigsten Grundprämissen des klassischen Liberalismus nachzugehen, wobei zunächst auf das Herzstück des klassischen Liberalismus eingegangen wird, die alles überstrahlende Betonung, die er der Freiheit des Individuums zumisst.

„At bottom, what distinguishes from all others that form of societal order which classical liberals maintain best for all human beings is the magnitude of the measure of liberty which it accords its sane adult members. This form of polity uniquely grants them the liberty to do whatever they want, provided no one but, at most, themselves is harmed by their doing it.”[29]

Adam Smith nennt dieses Konzept „natürliche Freiheit“ – natural liberty. [30] Dieser, in Anlehnung an Isaiah Berlin, negativ verstandene Freiheitsbegriff des klassischen Liberalismus legt zugleich einen Schwerpunkt auf die Sicherung der rule of law, die unabdingbar ist, um zu garantieren, dass das Tun des Einen dem anderen und sich selbst nicht schade.[31] Bedeutsam ist dieses Prinzip besonders im wirtschaftlichen Bereich, wenn es die Produktion und den Konsum der freien Diskretion des Einzelnen überlässt. „Hence the normative core of classical liberalism is the approbation of economic freedom or laissez faire – Adam Smith’s ‘obvious and simple system of natural liberty’ – out of which spontaneously emerges a vast and intricate system of cooperation in exchanging goods and services.”[32] Entscheidend hierbei ist, dass das ökonomische System nicht losgelöst von anderen gesellschaftlichen Systemen betrachtet werden kann, wie das in der neoklassischen Wirtschaftswissenschaft der Fall ist, sondern dass zwischen der politischen, wirtschaftlichen und rechtlichen Sphäre der Gesellschaft ein interdependenter Zusammenhang besteht.[33]

Dabei unterscheidet sich der klassische Liberalismus also besonders durch seine „Smithian methodology“ grundlegend von der neoklassischen „Ricardian methodology“.[34] Besonders deutlich wird dies einerseits in der Zurückweisung des als unrealistisch aufgefassten neoklassischen Postulats des homo oeconomicus durch den klassischen Liberalismus, der ein komplexeres, realistisches und zugleich hobbesianisches Menschenbild hat.

„Classical liberals do not idealize man or human nature. They have a realistic view of human’s abilities and powers; he or she is seen as governed by interplay of passion and reason. Men’s intellectual capabilities are not omnipotent; he often makes mistakes or fails to make proper expectations about the future.”[35]

Andererseits wird das neoklassische Konzept des perfect knowledge – umfassenden Wissens – im Rahmen wirtschaftlicher Aktivitäten zurückgewiesen und vielmehr auf das nur partielle Wissen – oder besser die von Hayek postulierte constitutional ignorance – des Individuums im täglichen Wirtschaftsprozess aufmerksam gemacht. Gerade die freie Marktwirtschaft erlaubt dem Einzelnen sein beschränktes Wissen wirtschaftlich nutzbar zu machen, wobei ihm allgemeine Regeln und besonders der Preis helfen, individuelle, seiner Situation adäquaten Entscheidungen auf dem Markt zu treffen. Diese sind dabei stets in gewisser Weise experimenteller Natur und durch einen konstanten Prozesses der Erfahrungssammlung (experimentation) gekennzeichnet.[36] Der Markt ist daher nie statisch im Gleichgewicht, sondern stets dynamisch, sich durch individuellen Entscheidungen verändernd und weiterenwickelnd. Diese Aspekte verdeutlichen den grundlegenden Unterschied des klassischen Liberalismus zur neoklassischen Wirtschaftswissenschaft. Ihren abstrakten theoretischen Annahmen über die Natur des Marktes und des Menschen stellt der klassische Liberalismus eine realitätsnahe und ergebnisorientierte Methode des Vergleichs verschiedener Entscheidungen und ihrer Auswirkungen im Markt gegenüber, woraus Schlüsse für künftiges Handeln gezogen werden. Aus diesen Erfahrungswerten entstehen letztlich neue Regeln des Handelns auf dem Markt, die künftige Entscheidungen prägen.[37]

[...]


[1] Martin WOLF: Does the trading system have a future? (Jan Tumlir Policy Essays Nr. 1/2009); in: http://www.ecipe.org/publications/jan-tumlir-policy-essays/does-the-trading-system-have-a-future/PDF (aufgerufen am 16. August 2010).

[2] Beispielhaft seien folgende aktuelle Beiträge genannt: Thomas COTTIER: Preparing For Structural Reform in the WTO; in: http://www.wto.org/english/forums_e/public_forum_e/structural_reform_of_the_wto_cottier.pdf (aufgerufen am 16. August 2010). Uri DADUSH: WTO Reform – The Time to Start is Now; in: http://carnegieendowment.org/files/WTO_reform.pdf (aufgerufen am 16. August 2010). Aaditya MATTOO & Arvind SUBRAMANIAN: From Doha to the Next Bretton Woods; in: FOREIGN AFFAIRS 1/ 2009; S. 15-26. Valentin ZAHRNT: Eine Prise Reformeifer für die WTO; in: SÜDDEUTSCHE ZEITUNG 8. April 2009.

[3] Die eigentlich im Zusammenhang der internationalen institutionellen Neuordnungen nach dem Zweiten Weltkrieg geplante Internationale Handelsorganisation (ITO), die den Beschlüssen zur Regelung des Welthandels - der sogenannten Charta von Havanna - einen institutionellen Rahmen geben sollte, scheitert im Dezember 1950 am Widerstand des US-Kongresses. Das parallel zu den ITO-Beratungen ausgehandelte GATT-Abkommen tritt zum 1. Januar 1948 provisorisch bis zu einer eventuellen Ratifikation der ITO in Kraft.

[4] Vgl. World Trade Organisation: The General Agreement on Tariffs and Trade; in: http://www.wto.org/english/docs_e/legal_e/gatt47_e.pdf (aufgerufen am 16. August 2010).

[5] Bernard M. HOEKMAN & Petros C. MAVROIDIS: The World Trade Organization – Law, economics, and politics; Abingdon 2007; S. 14.

[6] Für eine detaillierte Analyse der diversen Aufgaben und Handlungsfelder der WTO siehe: HOEKMAN & MAVROIDIS 2007. Ebenfalls: Valentin ZAHRNT: Die Zukunft globalen Regierens – Herausforderungen und Reformen am Beispiel der WTO; Stuttgart 2005. Douglas A. IRWIN: Free Trade Under Fire; Princeton 22005; S. 203-253.

[7] Das General Agreement on Trade in Services (GATS) im Dienstleistungsbereich und das Agreement on Trade-related Intellectual Property Rights (TRIPS) für Belange des geistigen Eigentums. Neben dieser thematischen Erweiterung ändert sich die Qualität der multilateralen Kooperation im Rahmen der WTO, wobei die Weiterentwicklung der Schiedsgerichtsbarkeit, des dispute settlement system, die wohl wichtigste Neuerung darstellt, da verschiedene Defizite dieses graduell gewachsenen Mechanismus so behoben werden und ein einmaliges System internationaler Streitschlichtung entsteht, das die WTO zur „most powerful international juridicial institution in the world“ (JACKSON 2008) macht.

[8] Vgl. Martin WOLF: What the world needs from the multilateral trading system; in: Gary P. SAMPSON (Hrsg.): The Role of the World Trade Organization in Global Governance; New York 2001; S. 184f.

[9] Peter D. SUTHERLAND, John SEWELL & David WEINER: Challenges facing the WTO and policies to address global governance; in: Gary P. SAMPSON (Hrsg.): The Role of the World Trade Organization in Global Governance; New York 2001; S. 85.

[10] Daneben stehen sechs weitreichende Themen zur Verhandlung an: Liberalisierung der Landwirtschaft, Marktzugang nichtagrarischer Produkte, Dienstleistungen, die „Singapur Themen“ (Transparenz, Handelserleichterungen, internationales Investment und Wettbewerbspolitik), Fragen zu geistigem Eigentum und entwicklungspolitische Fragen. Nähere Ausführungen zur Doha-Runde finden sich u. a. bei: Razeen SALLY: Whither the world trading system? – Trade policy reform, the WTO and prospects for the New Round; Braamfontein 2003.

[11] Vgl. Michael MOORE: A World Without Walls – Freedom, Development, Free Trade and Global Governance; Cambridge 2003; S. 110.

[12] Ausgewählte neuere Beispiele hierfür sind: Amir Ullah KHAN & Debashis CHAKRABORTY: The WTO Deadlocked – Understanding the Dynamics of International Trade; Neu Dehli 2008. Razeen SALLY: New Frontiers in Free Trade – Globalization’s Future and Asia’s Rising Role; Washington DC 2008. David A. DEESE: World Trade Politics – Power, Principles, and Leadership; Abingdon 2008. Eberhard BOHNE: The World Trade Organization – Institutional Development and Reform; Basingstoke 2010. Kent JONES: The Doha Blues – Institutional Crisis and Reform in the WTO; Oxford 2010.

[13] Rawi ABDELAL & Adam SEGAL: Has Globalization Passed Its Peak?; in: FOREIGN AFFAIRS 1/2007; S. 106.

[14] Die diskutierten Streitfragen lassen sich beliebig erweitern um Themen wie Umwelt, die Menschen- und Arbeitnehmerrechte, die Problematik der Unterstützung von Entwicklungsländern bei ihrer Integration in die Weltwirtschaft, die Rolle der WTO in der Globalisierung, die Globalisierung – wie auch immer sie von den diversen Gruppen definiert wird – im Allgemeinen und noch manches mehr.

[15] Theodore H. COHN: The World Trade Organization and Global Governance; in: Simon LEE & Stephen MCBRIDE (Hrsg.): Neo-Liberalism, State Power and Global Governance; Dordrecht 2007; S. 201.

[16] Vgl. Peter D. SUTHERLAND, John SEWELL & David WEINER: Challenges facing the WTO and policies to address global governance; in: Gary P. SAMPSON (Hrsg.): The Role of the World Trade Organization in Global Governance; New York 2001; S. 105f.

[17] Vgl. dazu beispielsweise die Beiträge in: Gary P. SAMPSON (Hrsg.): The WTO and Global Governance – Future Directions; New York 2008. Ebenfalls: BOHNE 2010.

[18] Nähere Ausführungen hierzu bei: John G. RUGGIE: International Regimes, Transactions, and Change – Embedded Liberalism in the Postwar Economic Order; in: INTERNATIONAL ORGANIZATION 2/1982; S. 379-415 (auch verfügbar unter: http://www.wto.org/english/forums_e/public_forum_e/ruggie_embedded_liberalism.pdf).

[19] Razeen SALLY: Classical Liberalism and International Economic Order; London 1998; S. 177-184.

[20] Vgl. dazu näher: Robert O. KEOHANE: After Hegemony – Cooperation and Discord in the World Political Economy; Princeton 1984. John G. RUGGIE (Hrsg.): Multilateralism Matters – The Theory and Praxis of an Institutional Form; New York 1993.

[21] Dr. Razeen Sally ist Direktor des European Centre for International Political Economy (ECIPE) in Brüssel und seit 1993 Dozent an der London School of Economics and Political Science. Desweiteren ist Sally Senior Research Associate am South African Institute of International Affairs in Johannesburg. In den vergangenen Jahren war er Gastprofessor am Institut d’Etudes Politiques de Paris, Senior Visiting Research Fellow am Institute of Southeast Asian Studies in Singapur und Direktor für Handelspolitik am Commonwealth Business Council in London. Er ist Mitglied des Academic Advisory Council des Institute of Economic Affairs in London und des Advisory Board des Cato Centre for Trade Policy Studies in Washington D.C.

[22] Vgl. SALLY 2008; S. 2.

[23] SALLY 1998; S. 178.

[24] Eine detaillierte Darstellung der IPÖ findet sich bei: John RAVENHILL: Global Political Economy; Oxford 2005. Benjamin COHEN: International Political Economy – An Intellectual History; Princeton 2008.

[25] Siehe zur Thematik des neoliberalen Institutionalismus: Arthur A. STEIN: Neoliberal Institutionalism; in: Christian REUS-SMIT & Duncan SNIDAL (Hrsg.): The Oxford Handbook of International Relations; Oxford 2008; S. 201-221. Zur Thematik des Neuen Liberalismus in den IB: Siegfried SCHIEDER: Neuer Liberalismus; in: Siegfried SCHIEDER & Manuela SPINDLER (Hrsg.): Theorien der Internationalen Beziehungen; Opladen 22006; S. 175-212.

[26] SALLY 1998; S. 5.

[27] Die Ausführungen dieses Unterkapitels beruhen auf den umfassenden Analysen klassisch-liberaler Schriften durch Razeen Sally im zweiten Kapitel seines Grundlagenwerkes, auf der Lektüre einiger ausgewählter Klassiker dieser Denkschule und der konzisen zusammenfassenden Darstellung der wichtigsten Element der Philosophie des klassischen Liberalimus bei: Edwin van de HAAR: Classical Liberalism and International Relations Theory – Hume, Smith, Mises, and Hayek; Basingstoke 2009; S. 17-40.

[28] Einen umfassenden Vergleich zwischen klassischem Liberalismus und neueren liberalen Strömungen bietet: David A. CONWAY: Classical Liberalism – The Unvanquished Ideal; Basingstoke 1998.

[29] CONWAY 1998; S. 8.

[30] Vgl. Adam SMITH: Reichtum der Nationen; Paderborn 2004; S. 707f.

[31] Eine ausführliche Erläuterung dieses Prinzips findet sich bei: Friedrich August von HAYEK: The Constitution of Liberty; Abingdon 2006; S. 11-20.

[32] SALLY 1998; S. 17.

[33] Vgl. Walter EUCKEN: Grundsätze der Wirtschaftspolitik; Tübingen 1990; S. 332f.

[34] Vgl. SALLY 1998; S. 18.

[35] HAAR 2009; S. 20.

[36] Vgl. HAYEK 2006; S. 21ff.

[37] Vgl. SALLY 1998 ; S. 21.

Details

Seiten
85
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783842810327
Dateigröße
567 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v228330
Institution / Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt – Geschichts- und Gesellschaftswissenschaftliche Fakultät, Deutsch-französischer integrierter Studiengang Politikwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
welthandel reform liberalismus großbritannien razeen sally

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Titel: Klassischer Liberalismus und die Zukunft des Welthandels