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Bildungskonzept zum Erwerb reflexiver Handlungsfähigkeit im Umgang mit den Neuen Medien

Förderung des selbstorganisierten Lernens am Beispiel des Einsatzes eines Wikis im Unterricht am Fachgymnasium in der Fachrichtung Gestaltungs- und Medientechnik zum Thema 'Grundlagen HTML'

Examensarbeit 2009 123 Seiten

Pädagogik - Medienpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Einfluss des digitalen Zeitalters auf die Bildung
2.1. Das Internet - Die Auseinandersetzung des Menschen mit neuen Lebensbereichen
2.2. Neue Medien und die Notwendigkeit der Medienbildung
2.3. Wikis neues Wissen aus dem Netz
2.4. Generation Internet
2.5. Reflexive Handlungsfähigkeit – Voraussetzung zur Durchdringung des digitalen Zeitalters
2.6. Selbstorganisiertes Lernen zur Stärkung der individuellen Selbstständigkeit
2.6.1. Die Relevanz dieser Lernstrategie
2.6.2. Lernen durch das Regelkreisprinzip
2.7. Zusammenfassung

3. Das Unterrichtskonzept Wikiso(u)l – Mit einem Wiki selbstorganisiert Lernen
3.1. Einfluss Neuer Medien auf die schulischen Arbeitsweisen der Schüler
3.2. Anthropogene Bedingungen
3.2.1. Schülerspezifische Voraussetzungen
3.2.1.1.Soziodemografische und psychografische Merkmale
3.2.1.2.Wissens- und Kompetenzniveau
3.2.2. Lehrerspezifische Voraussetzungen
3.3. Institutionelle Bedingungen
3.3.1. Schulspezifische Voraussetzungen
3.3.2. Curriculare Voraussetzungen
3.4. Didaktische Analyse
3.4.1. Das Wiki als Lernumgebung
3.4.2. Grundlagen HTML als Inhalt des Wikis
3.5. Lernziele
3.5.1. Lernziel reflexive Handlungsfähigkeit
3.5.2. Lernziel Fachkompetenz
3.5.3. Lernziel Methodenkompetenz
3.5.4. Lernziel Selbstkompetenz
3.5.5. Lernziel Sozialkompetenz
3.6. Konzeptumsetzung
3.6.1. Phase – Einstieg
3.6.2. Phase - Selbstorganisiertes Lernen mit Wiki –Unterstützung
3.6.3. Phase der Präsentation

4. Reflexion und Evaluation der versuchsweisen Konzeptumsetzung
4.1. Reflexion der Einstiegphase
4.2. Reflexion der Phase des Selbstorganisiertes Lernen
4.3. Reflexion der Phase der Präsentation
4.4. Evaluation
4.4.1. Evaluationsdesign
4.4.2. Evaluationsbericht

5. Resümee

6. Literaturverzeichnis

7. Anlagen

1. Einleitung

Die Welt erlebt seit Anfang der achtziger Jahre den rasantesten, je da gewesenen technischen Wandel in den Technologien der Informationsverarbeitung. Die Fachliteratur geht von einer wahren Explosion der Vielfalt[1] aus und verwendet häufig in diesem Kontext den Begriff der Neuen Medien. Das Internet als deren technische Basis trägt dazu bei, dass sich bestimmte Verhaltensweisen der Menschen verändern. Besonders die Generationen, die in diese Zeit hinein geboren wurden, scheinen davon stark betroffen zu sein. Das könnte auch auf die Schüler[2] der 11. Klassen des Fachgymnasiums der Landeshauptstadt Schwerin in der Fachrichtung Gestaltungs- und Medientechnik zutreffen, denn sie wurden nach 1980 geboren und gehören somit der Generation an, die die Entwicklung der Digitalisierung der Informationen von Beginn an miterlebt hat. Im Gegensatz zu anderen Generationen sind für die oben Genannte die vielen neuen Möglichkeiten der Informationsverarbeitung völlig normal. Laut Palfry[3] sind die Schüler „Digital Natives“. Vorwiegend durch Selbstorganisation haben sich in dieser Generation, anders als bei allen Generationen zuvor, die Nutzung der Medien, das Denken und das Lernen gravierend verändert. Was geschieht aber, wenn die Aufnahme und Verarbeitung der Informationen, die aus scheinbar immer neu entstehenden Quellen stammen, unreflektiert bleiben? Es stellt sich die Frage, wie sich dieses verhindern lässt.

Motivation ist die Triebkraft für das Erreichen von Zielen. Auch im Fachgymnasium lässt sich beobachten, dass Schüler der besagten Generation motiviert sind, wenn sie mit Neuen Medien arbeiten. Wenn diese Nutzung motiviert, dann stellen diese Medien eine Basis für Kreativität, Erfinder- und Entdeckergeist und Neugier dar. Das sind Voraussetzungen für eine kritische Auseinandersetzung des Menschen mit seiner materiellen, sozialen und kulturellen Welt. Doch offen bleibt, welches neue Medium exemplarisch geeignet wäre, um Unterricht konstruktiv zu gestalten, dass dadurch notwendige Entwicklungsprozesse möglich werden.

Diese Arbeit greift die oben genannten Fragen auf und bietet mit dem dargelegten Bildungskonzept „Wikiso(u)l“ einen Lösungsansatz an. Dieser ermöglicht eine Förderung des Selbstorganisierten Lernens. Durch die Integration eines Wikis in den Unterricht entsteht eine neue Lernumgebung, die die notwendigen Voraussetzungen zum Erwerb reflexiver Handlungsfähigkeit bietet. Erst dieser Erwerb unterstützt den vernünftigen und bewussten Umgang mit den Neuen Medien.

2. Einfluss des digitalen Zeitalters auf die Bildung

2.1. Das Internet - Die Auseinandersetzung des Menschen mit neuen Lebensbereichen

Aus der Geschichte ist bekannt, dass es von der Entwicklung des Buchdruckes bis zur massenhaften Verbreitung der ersten gedruckten Exemplare viele Jahrhunderte dauerte. Die Entwicklung der digitalen Informationsverarbeitung und deren weltweite milliardenfache Anwendung dauerten dagegen nur wenige Jahrzehnte. Fast alle Bereiche unseres Lebens werden vom Umgang mit diesen neuen Technologien beeinflusst. Dadurch leben wir immer mehr in einer von Medien durchdrungenen Welt. Verantwortlich dafür ist besonders das Internet[4] mit seinem Dienst dem World Wide Web[5], zu dessen Absichten sich einst sein Entwickler Tim Berners- Lee wie folgt äußerte:

„Das Web ist eher ein gesellschaftliches als ein technisches Produkt. Ich wollte die Zusammenarbeit erleichtern – und nicht ein technisches Spielzeug entwickeln. Das höchste Ziel des Webs ist die Unterstützung und Verbesserung einer netzartigen Lebensform. Wir schließen uns in Familien, Vereinigungen und Unternehmen zusammen. Wir entwickeln Vertrauen über Meilen hinweg und Misstrauen gegenüber Dingen, die in der Nachbarschaft geschehen. Was wir glauben, bewundern, akzeptieren und wovon wir abhängen, ist im Web darstellbar und dort auch zunehmend zu finden.“[6]

Tatsächlich ist es ihm gelungen eine netzartige Lebensform zu kreieren, die Grenzen über Meilen hinweg aufweicht. Es ist heute kein Problem mehr, als Europäer den amerikanischen Wahlkampf unmittelbar mitzuverfolgen. Die Politiker kommunizieren diesbezüglich nicht nur auf ihren Wahlkampfveranstaltungen vor Ort mit den Wählern, sondern sie nutzen zur Darstellung ihrer Strategien das Internet. Dabei argumentieren sie über E- Mails[7] oder stellen ihre Absichten in Echtzeit als Video auf Websites[8] dar. Selbst die Religion bleibt von dem Wandel nicht unberührt. So wenden sich Pfarrer, Rabbiner, Imame und sogar buddhistische Mönche über Weblogs[9] an ihre Gläubigen.

Jeder kann aktiv werden und das Internet mitgestalten. Die Zeiten, in denen Informationen vom Nutzer nur passiv aufgenommen wurden, sind vorbei. Experten nennen diese zweite Generation des Internets „Web 2.0“[10] und meinen damit das sogenannte „Mitmachnetz“. Diese Aktivität lässt sich beispielhaft in sogenannten Communitys[11] nachweisen. Communitys sind virtuelle Räume (Internetseiten), in denen ein Nutzer die Möglichkeit hat, neue soziale Kontakte zu knüpfen. Dort trifft man sich, stellt sich vor, tauscht Ideen aus und arbeitet zusammen. Unter der Adresse www.fotocommunity.de treffen sich nicht nur Hobbyfotografen aus aller Welt, sondern auch Profis. Sie präsentieren dort ihre Fotos, tauschen Informationen aus und diskutieren über ihre Schnappschüsse. Ähnliche Aktivitäten sind zunehmend unter Studenten und Schülern festzustellen. Vornehmlich tummeln sich diese in Communitys wie www.studivz.net oder www.stayfriends.de

Diese Entwicklung hat dazu beitragen, dass den Menschen weltweit ein neuer kultureller Raum zur Verfügung steht. Den Bedarf diesen zu nutzen steig nicht nur in Deutschland[12], sondern weltweit[13].

Dieser Raum ermöglicht die Konfrontation mit dem Unbekannten, gewährleistet soziale und kulturelle Auseinandersetzung mit fremden Lebensbereichen. Dadurch ist die Möglichkeit der Initiierung von Bildungsprozessen gegeben. Denn diese sind Prozesse der Auseinandersetzung mit kulturell geprägten Welten.[14] So scheint einem computergestützten Lernen, als Herausforderung einer Wissensgesellschaft nichts im Wege zu stehen[15]. Diese Form des Lernens und Lehrens ermöglicht das Vernetzen verschiedener Informationsquellen, den schnellen Zugriff auf Informationen, das selbstständige Recherchieren, das Vorhandensein vielfältiger Lernmaterialien und einen zeitnahen Informationsaustausch mit anderen Menschen. Sie kann den Erwerb unterschiedlichster Kompetenzen positiv beeinflussen. Bei all diesen Vorteilen lässt sich annehmen, dass das Lernen ubiquitär und zum „Just in Time - Lernen“ wird.

Doch was passiert, wenn Lernende sich der Konsequenzen des eigenen Handelns nicht bewusst werden, rezipierte Inhalte unreflektiert bleiben und die gesendeten Informationen in unkontrollierte Bahnen gelangen. Besonders gefährdet sind Kinder und Jugendliche. Sie sind diejenigen die das Internet am häufigsten nutzen. So stieg allein der Anteil der Computernutzer unter den 12 bis 19- jährigen Jugendlichen von 71% im Jahr 1998 auf 97% im Jahr 2006.[16] Von diesen Jugendlichen sind 60% im Besitz eines eigenen Gerätes.[17] Es ist davon auszugehen, dass aktuell mehr als vier Fünftel aller Jugendlichen den Computer mehrmals pro Woche nutzen. Im Jahr 2002 waren es dagegen mit dieser Intensität nur ca. 66%.[18]

Wie jede kulturelle Veränderung unterliegt auch das Internet der Formung durch den Menschen als Träger und Nutzer dieser Kultur. Mit dem Medium Internet und seinen Möglichkeiten ist es wie mit Beton. Es kommt darauf an, was man daraus macht. Dazu braucht man Zeit und Kreativität. Doch genau hier liegt ein riesiges Problem.

2.2. Neue Medien und die Notwendigkeit der Medienbildung

Das Medium Internet verändert sich täglich, stündlich, wenn nicht sogar in jeder Sekunde. Alle Informationen sind fluide. Damit lässt sich nicht ausschließen, dass es immer wieder neue Wege der Kommunikation geben wird, ohne dass bereits bestehende hinreichend reflektiert wurden. Konnte man im Zeitalter traditioneller Medien von einer bestimmten transparenten Handhabung sprechen, so trifft das für die Neuen Medien nicht so einfach zu. Doch was versteht man unter dem heute so häufig benutzten Begriff der „Neuen Medien“.

Den traditionellen Medien Rundfunk, Presse und Film stehen durch die zugrunde liegende Digitalisierung der Informationen die „Neuen Medien“ gegenüber. Für den Begriff „Neue Medien“ gibt es in der Fachliteratur keine feste Definition[19]. Charakteristisch sind aber technische Besonderheiten. Entgegen den traditionellen Medien bieten die Neuen Medien die Möglichkeit der Kombination von Texten, Grafiken, bewegten Bildern und Tönen in einem Medium. Daher leitet sich für den Begriff der „Neuen Medien“ synonym auch der Begriff „Multimedia“ ab. Eine weitere Besonderheit der Neuen Medien stellt auch immer der Informationsaustausch auf der Basis eines Datennetzes dar. Das Internet ist hierbei als das bekannteste zu nennen.

Als Mitte der 80ziger Jahre die ersten Computer vernetzt wurden, kannte noch keiner ein Forum, ein Wiki, eine Homepage, einen Blog oder eine Community. An die Stelle von lokalen Grenzen tritt die Globalität. Das Internet weicht räumliche Distanz auf. Grenzen lokaler Gemeinschaften und nationaler Gesellschaften werden durch die globale Vernetzung aufgebrochen. Der Vernetzungsgrad innerhalb der Gesellschaft wird immer engmaschiger und der Mensch wandelt sich von der Rolle des Rezipienten in die des interaktiven Gestalters. Der Nutzer Neuer Medien nimmt nicht nur Informationen auf, sondern gibt auch permanent welche ab. Häufig geschieht die Abgabe aber ohne das Wissen des Nutzers. Wenn aber Informationen über den Nutzer im Umlauf sind und diese durch ihn nicht mehr kontrolliert werden können, dann könnte ein fundamentaler Grundsatz des Persönlichkeitsrechts verletzt sein. Gleichzeitig kennzeichnet die Individualisierung zudem eine Tendenz innerhalb aller Veränderungen, nämlich das spezifische Selbst zu betonen, also die Individualität in den Vordergrund zu stellen. Innerhalb dieses Prozesses ist kritische Reflexion von Risikostrukturen von entscheidender Bedeutung.

Diese immer komplexer werdende Welt verlangt gerade von Pädagogen eine neue Sichtweise auf den Bildungsbegriff und damit auf die Bildung im Umgang mit den Medien. Oft sind allerdings statische Reflexionsmuster und eingefahrene Sichtweisen zu beobachten, die die gesellschaftlichen Veränderungen nur teilweise oder gar nicht berücksichtigen.[20] Obwohl versucht wurde, mit bundesweiten Initiativen[21] auf die Probleme zu antworten, muss gegenwärtig davon ausgegangen werden, dass die Anstrengungen, eine Medienkompetenz als Kernkompetenz unserer Zeit zu verstehen noch nicht ausreichend verstanden werden. Wie lässt sich sonst die mangelhafte Ausstattung deutscher Schulen mit Computern und Internetzugang[22] als Voraussetzung für eine zeitgemäße Medienbildung im europäischen Maßstab erklären[23].

Die zunehmenden Medienkompetenzunterschiede zwischen Lernenden und Lehrenden polarisieren und lassen Zweifel aufkommen, ob die gegenwärtig angestrebte Medienkompetenz den gesellschaftlichen Veränderungsprozessen entspricht. So halten 52 % der deutschen Studenten das Wiki „Wikipedia“ vertrauenswürdiger, als bewährte Online – Ausgaben von Meyers Lexikon oder die der „Encyklopädia Britannica“.[24] Auch die ARD/ ZDF – Online – Studie bestätigt einen ähnlichen Trend[25]. Von 2007 bis 2008 stieg die Anzahl der „Wikipedia-Nutzer“ ab 14 Jahre von 47% auf 60%. Diese Zahlen sind deshalb so erstaunlich, weil viele Nutzer sich der gezielten Manipulation bestimmter Informationen innerhalb der Neuen Medien bewusst sind. Professoren an Universitäten mahnen immer wieder Zweifel an der Verlässlichkeit der Informationen aus den Neuen Medien an[26]. Trotzdem lassen sich die Studenten in der Nutzung dieser Quellen nicht umstimmen. Was könnte also das Motiv für diese ungebrochene Euphorie sein?

2.3. Wikis neues Wissen aus dem Netz

„Wikipedia“ ist ein Wiki. Dieser Vertreter der Neuen Medien repräsentiert in Form von Internetseiten alle nur denkbaren Möglichkeiten soziale Netzwerke aufzubauen, Informationen zu sammeln und diese audiovisuell darzustellen. Es gibt im Gegensatz zu einer eigenen Homepage nicht nur einen Autor, sondern beliebig viele. Wikis können der Generation des „WEB 2.0“ und somit der „Social Software“[27] zugeordnet werden. Heute gibt es kaum noch ein Thema, welches nicht durch einen Wiki intensiver betrachtet wird. Der bekannteste Vertreter eines Wikis ist die netzgestützte Enzyklopädie „Wikipedia“.[28] Der Name Wikipedia setzt sich aus dem hawaiischen Wort „wikiwiki“[29] und dem englischen Begriff „encyclopedia“[30] zusammen. Freiwillige Autoren aus der ganzen Welt gestalten permanent dieses Projekt, indem jede Seite beliebig geschrieben, jederzeit leicht und schnell verändert werden kann. In der deutschen Version gibt es gegenwärtig 840.937Artikel und täglich werden es mehr[31].

Ward Cunningham entwickelte 1995 das erste Wiki.[32] Das Motiv bestand darin, eine unüberschaubare Menge von Informationen, die es im Internet gab zu ordnen, in einer Datenbank zu speichern und nach Stichworten zu sortieren. Somit lässt sich ein Wiki mit einem Lexikon vergleichen. Jedoch gibt es erhebliche Unterschiede. Jeder Nutzer hat die Möglichkeit selbst Beiträge zu erstellen, die er dann pflegen und verändern kann. Dabei bleibt jederzeit nachvollziehbar, wer wann welche Änderungen an bestehenden Einträgen vorgenommen hat. Kennzeichnend für ein Wiki, ist weiterhin der einheitliche Seitenaufbau, die Verlinkung zu anderen Wiki – Beiträgen, die Bearbeitungsfunktion, die Versionshistorie und die Möglichkeit der Diskussion über einen Beitrag. Auch die Erstellung eines eigenen Wikis ist dank einfach zu bedienender Software heute kein Problem mehr. Medienpädagogisch betrachtet sind Wikis noch sehr junge Werkzeuge und müssen erst noch in Richtung kooperativer Lernsysteme ausgebaut werden. Das Potenzial dazu haben sie.

Die Beliebtheit eines Wikis lässt somit in dem interaktiven Ansatz und der damit verbundenen Erweiterung des Wissens erklären. Es sind aber auch die hohe Veränderungsdynamik und der enorme Aktualitätsvorsprung gegenüber vergleichbaren Anwendungen. Alle Inhalte eines Wikis bieten die Basis für einen kritischen Umgang mit etwas Neuem. Sie stellen so den Nutzer vor die Aufgabe, ein unabhängiges Urteilsvermögen zu entwickeln, welches die Grundlage für die Bildung eines Menschen darstellt. Zudem ist ein Wiki ein Medium, mit dem Wissen nicht nur „eingetrichtert“, sondern konstruktiv und kooperativ erarbeitet werden kann. Es bietet damit die besten Voraussetzungen für Schüler, reflexive Handlungsfähigkeit im Umgang mit den Neuen Medien zu erwerben. Erfolgreich kann dieses Ziel erreicht werden, wenn es gelingt einen geeigneten didaktischen Ansatz zu finden. Das wiederum setzt die genaue Kenntnis der Handlungen mit den Neuen Medien und der Motive dieser Generation voraus.

2.4. Generation Internet

Bemerkenswert an der Entwicklung des digitalen Zeitalters ist die unterschiedliche Akzeptanz neuer Technologien unter den Generationen. Betrachten vorwiegend ältere Generationen, also auch Lehrer, diese Entwicklung als eher skeptisch, so ist davon auszugehen, dass alle nach 1980 Geborenen dieser Entwicklung offen gegenüber stehen.

Der Grund für die unterschiedliche Sichtweise ist plausibel. Alle nach 1980 Geborenen haben ihr gesamtes Leben im digitalen Zeitalter verbracht. Sie sind in einer Welt aufgewachsen, in der das Internet, das Handy, der Computer oder der iPod die Basis für eine permanent vernetzte Welt darstellen. Heute ist es bewiesen, dass sie anders lernen, anders kommunizieren, anders arbeiten und anders schreiben.[33] Viele ihrer sozialen Bereiche sind digital geprägt. Wenn es nach den Autoren John Palfry und Urs Gasser[34] geht, dann gehören diese Menschen einer anderen Generation an. Es ist die Generation Internet. Es sind „Digital Natives Lerners“.

Es ist offensichtlich, dass der Umgang mit den Neuen Medien diese Generation auf außergewöhnliche Art und Weise motiviert. Wie lassen sich sonst folgende gravierende Veränderungen erklären:

1. Diese Generation schreibt kaum noch Briefe, sie kommuniziert in Multi Tasking - Manier über Instand Messenger und SMS.
2. Sie sieht Filme nicht nur im Kino, sondern über www.youtube.com am Computer.
3. Für das Erstellen von Fotos braucht sie kein Labor, sondern sie fotografiert mit dem Handy, bearbeitet diese am Computer und versendet die Bilder per MMS oder E- Mail in die ganze Welt.
4. Das Lesen einer Zeitung ist eher selten. Die neusten Informationen bekommt sie über Foren und Blogs.
5. Den Ausweis einer Bibliothek kennt sie vielleicht gar nicht mehr, stattdessen nutzt sie digitale Nachschlagewerke, wie z.B. Wikipedia.

Diese Veränderungen erzeugen Unsicherheiten, bringen Bewährtes ins „Wanken“ und „rütteln“ in beachtlicher Weise an tradierten, gesellschaftlichen und sozialen Werten.

Bleiben diese Veränderungen in der Schule unberücksichtigt, dann lässt sich ein Spannungsfeld zwischen den Generationen nicht vermeiden. In diesem Szenario ließen sich neue Problemzonen nicht ausschließen. Auch wenn Ergebnissen von Umfragen diese Veränderungen relativieren[35], so bleibt das Risiko bestehen, dass unsere Gesellschaft und somit auch die Schule es versäumen, die positiven Aspekte des digitalen Zeitalters bewusst in den Lernprozess eines Menschen zu integrieren.

2.5. Reflexive Handlungsfähigkeit – Voraussetzung zur Durchdringung des digitalen Zeitalters

Im Bereich des Hochschulwesens haben sich Anwendungen des digitalen Zeitalters bereits etabliert. So stehen den Studenten an den meisten Einrichtungen virtuelle Lernplattformen[36] zum kooperativen Arbeiten, zur Information und zur Präsentation zur Verfügung. Mittlerweile existieren aber auch zahlreiche Wikis[37], die zunehmend an Bedeutung für das kollaborative Lernen im Bereich des E – Learning[38] gewinnen. Demnach scheint es, dass Universitäten und Hochschulen die Integration der Neuen Medien zum Zwecke der Forschung und Lehre bereits verinnerlicht haben. Wie aber werden angehende Studenten und somit Schüler eines Fachgymnasiums auf dieses Arbeiten vorbereitet?

Ein Fachgymnasium hat die Aufgabe, Schüler auf ein Hochschulstudium und in besonderer Weise auf die Berufswelt vorzubereiteten. Allzu vereinfacht erscheint in diesem Kontext häufig das verbreitete Verständnis, ein Fachgymnasium übernehme den Auftrag vordergründig einem Lehrplan zu folgen, um massiv fachwissenschaftliche Inhalte zu vermitteln. Aus diesem Kanon ließe sich ableiten, dass für ein Fachgymnasium der Begriff von Bildung allein mit dem Aneignen von trägem Wissen verbunden ist. Das wiederum kann nicht im Sinne eines modernen gesamtgesellschaftlichen Interesses an Bildung sein und lässt elementare Voraussetzungen für ein wissenschaftliches Arbeiten vermissen.

Aufbauend auf Gudjons anthropogenen Zielperspektiven als Fundament allen pädagogischen Wirkens ist für Tennberg[39] der moderne Bildungsbegriff normativ fundiert und multidimensional ausgerichtet. Dieser Bildungsbegriff hat die Funktion, in die Gesellschaft einzuführen und gleichzeitig eine kritische und reflexive Distanz herzustellen. Diese Bildung gelingt nur im Sinne einer Selbstbildung und umfasst Selbstvergewisserung, Selbstkonstitution und zeitgeschichtliche Ortsbestimmung. Auf das menschliche Handeln wirkt sie als dimensionierende und strukturierende Kraft ein. Auf dieser Grundlage sind zwei Zieldimensionen des Bildungsauftrages eines Fachgymnasiums zu verzahnen. Einerseits betrifft dies das Herausbilden einer beruflichen Handlungskompetenz, die als Fähigkeit des Einzelnen verstanden wird, sich in beruflichen, gesellschaftlichen und privaten Situationen sachgerecht, durchdacht sowie individuell und sozial verantwortlich zu verhalten[40]. Anderseits sind Arbeits – und Lernformen zu entwickeln, denen das vernetzte Denken, das fächerverbindende und wissenschaftliche Arbeiten eigen ist. Sind Schüler parallel dazu in der Lage, Prozesse oder Handlungen strukturell und selbstreflexiv zu bewerten, dann kann von dem Erwerb einer reflexiven Handlungsfähigkeit[41] gesprochen werden. Diese zeigt demnach das Vermögen an, durch zweifache Reflexivität vorgegebene Situationen, Anforderungen und Probleme aus einer gewissen Distanz zum unmittelbaren Geschehen zu erfassen, zu deuten und in handlungsorientierter Absicht zu bewerten. Ein Konzept, dass diese Ansicht unterstützen könnte, ist das Konzept vom Selbstorganisierten Lernen (SOL).

2.6. Selbstorganisiertes Lernen zur Stärkung der individuellen Selbstständigkeit

2.6.1. Die Relevanz dieser Lernstrategie

Es ist mittlerweile durch Neurowissenschaftler bestätigt, dass unser Gehirn ein geschlossenes und selbstorganisiertes System ist[42]. Demzufolge kann Lernen nicht nur die Rezeption externen Wissens sein, sondern wie Siebert treffend feststellt:

„…, vor allem die Aktivierung von Gedächtnisinhalten und die Neuverknüpfung neuraler Netzwerke – angeregt durch Informationen aus der Umwelt.“[43]

Damit müsste sich die pädagogische Aufmerksamkeit, besonders an Schulen, von einer Wissensvermittlung zu einer selbstständigen Wissensaneignung und Wissenskonstruktion hin verlagern.

In diesem Kontext hat das Selbstorganisierte Lernen als systemisches Konzept, kurz SOL, in den vergangenen Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen. Mit verantwortlich für die Einführung des Konzeptes ist aber auch der rasante Zuwachs von Wissen in vielen Bereichen, die damit verbundene Halbwertszeit und die Entwicklung neuer Informations- und Kommunikationstechniken. Somit lässt sich ein in der Pädagogik einsetzender Perspektivwechsel, der sich mit der Abkehr von behavioristischen zu kognitivistischen und konstruktivistischen Konzepten des Lehrens und Lernens auseinandersetzt nicht mehr leugnen. Leider finden diese Ansätze in den Schulen noch nicht die notwendige Akzeptanz. So stellt Arnold fest, dass sich die uns vertraute Kultur des lehrerabhängigen Lernens getreu dem Motto „Was ich selbst durchlaufen habe oder praktiziere, kann doch nicht verkehrt sein“ bis heute hin behauptet und damit für das Hemmen eines Schulentwicklungsprozesses verantwortlich ist. Ein Individuum kann sich immer dann entwickeln, wenn ihm eine entgegen behavioristischer Theorien, eher konstruktive und aktive Rolle in diesem Prozess zu Teil wird.[44] Besonders die Betrachtung, dass mit dem Begriff Individuum nicht nur der Schüler fokussiert wird, sondern auch der Lehrer, sorgt für Irritationen. Hierbei wirken Versuche, das Bekannte, dessen Insuffizienz vielfach belegt wurde, infrage zu stellen, sich häufig provozierend und erschreckend aus, weil die Macht der Gewohnheit zu überlegen ist.[45] Besonders dieser Zustand wirkt sich störend auf den eigentlich durch eine Schule zu injizierenden Lehr- Lehrprozess aus. Zudem kann eine missverständliche Interpretation der Abkürzung SOL (SOL = Schule ohne Lehrer) Nährboden für alle Kritiker sein, die durch die Tatsache, dass sich die Rolle des Lehrers grundlegend wandelt, gestärkt werden könnte. Der grundlegende Aspekt des Selbstorganisierten Lernens ist, den Lernprozess als eine Gesamthandlung zu betrachten, in dem neue Informationen aufgenommen, verarbeitet, gespeichert, wieder abgerufen und auf neue Situationen transferiert werden. Dabei findet dieser Prozess nicht in sozialer Isolation, sondern abwechselnd in Anwesenheit Anderer, also in gezielter Kooperation statt. Der Lehrer verändert in diesem Prozess seine Rolle. Er ist nicht mehr vordergründig der Vermittler, sondern wird zu einem Begleiter und Berater. Es dürfte logisch erscheinen, dass eine angenehme und Neugier erweckende Lernumgebung den gesamten Prozess positiv beeinflusst. Denn welcher Schüler würde sich nicht wohl fühlen, wenn ihm eine angenehme Atmosphäre, moderne Technik und aktuelle Medien für das Lernen zur Verfügung stünden. Besonders der Einsatz der Medien kann hierbei für Schüler eine wesentliche Rolle einnehmen. Die dargelegten Möglichkeiten eines Wikis scheinen demnach besonders geeignet zu sein.

Selbstorganisiertes Lernen als Gesamthandlung weist also die Aspekte Kognition, soziale Interaktion, Motivation und ressourcenvielfältige Mediennutzung auf. Werden die genannten Aspekte für die Organisation und Durchführung selbstorganisierter Lernphasen berücksichtigt, können diese einen entscheidenden Beitrag zum Erwerb beruflicher Handlungsfähigkeit liefern.

2.6.2. Lernen durch das Regelkreisprinzip

Das Selbstorganisierte Lernen ist keine neue methodische Variante, sondern es ist ein Konzept, in dem bewährte Unterrichtsmethoden aufgegriffen und in einen anderen Kontext gestellt werden. Zu diesen Unterrichtsmethoden zählen das Gruppenpuzzle[46], die Sandwichmethode[47] oder ein Advanced Organizer[48]. Es ist nicht, wie häufig von Skeptikern betrachtet so zu verstehen, dass lehrerzentrierte Phasen keine Rolle mehr spielen und die Aneignung grundlegenden Fachwissens vernachlässig wird. Das Gegenteil ist der Fall. Die schulische Wirklichkeit wird aufgegriffen und die Schüler lernen handlungsorientiert[49]. Es unterstützt die pädagogische Antwort auf den tiefgreifenden Wandel des kulturellen Aneignungsprozesses von Schülern in einer Welt, in der „Erfahrungen aus zweiter Hand“ jene aus „erster Hand“ zu überlagern beginnen.[50] Dem Schüler ermöglicht das Lernen nach diesem Konzept, das schrittweise selbstständige und selbstverantwortliche Handeln. Dabei ist ein hohes Maß der Selbstorganisation immer an einen Entwicklungsprozess des Schülers gebunden. Dem Lehrer liefert das Konzept zugleich die Unterstützung in einem notwendigen Rollenwandel. Das gewohnte lehrerzentrierte Unterrichten wird durch didaktisch gestalterische und beratende Funktionen getauscht. Das begründet sich auch darin, dass es nicht mehr ausreicht, auch wenn viele Schüler es heute noch sehr gewohnt sind, vom Lehrer durch den Unterrichtsalltag geführt zu werden. Der Großteil sozialer und personaler Kompetenzen kann nicht im lehrerzentrierten Unterricht vermittelt werden. Diese Tatsache sollte heute nicht mehr in Frage gestellt werden. Der Unterricht braucht somit Möglichkeiten, dass neben den fachlichen auch die methodischen, sozialen und personalen Kompetenzen entwickelt werden können. Wenn beides miteinander verbunden wird, trägt es positiv zum Erreichen beruflicher Bildung bei. Auch wenn für selbstorganisiertes Lernen das Synonym selbstgesteuertes Lernen[51] verwendet wird, so scheint es in Bezug auf das pädagogische Konzept sinnvoller, den ersten Begriff zu verwenden. Die Form des Lernens beruht auf einem systembezogenen Ansatz, der in der Fachliteratur auch als Regelkreis[52] bezeichnet wird. Wird der Begriff des selbstgesteuerten Lernens verwendet, könnte dies zu einem Trugschluss führen. Aus technischer Sicht lassen sich für ein System der Begriff „Regelung“ und „Steuerung“ verwenden. Jedoch liegt der entscheidende Unterschied darin, dass eine Regelung ein geschlossenes und eine Steuerung ein offenes System ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. Prinzip der Regelung im Selbstorganisierten Lernen

Bezieht man diese Betrachtung auf menschliche Handlungen, dann ist erkennbar, dass in einer geschlossenen Handlung immer beobachtet und reflektiert wird. Kennzeichnet für offene Handlungen ist aber, dass offenbar beobachtet werden kann, aber eine Reflexion nicht vorgenommen wird. Die Reflexion aller Handlungen ist aber die Grundlage für das Herausbilden von Kompetenzen und somit für das Erreichen realistischer Ziele. Das Selbstorganisierte Lernen lässt sich also mehr mit dem Begriff eines sich selbst regelenden Systems assoziieren als mit dem eines sich selbst steuerenden Systems. Selbstorganisierte Lernen ist somit das zielorientierte und schrittweise Aufbauen von Kompetenzen. Ein Schüler erlernt demzufolge innerhalb eines festgelegten Rahmens den eigenen Lernprozess zu ordnen und zu strukturieren. Insbesondere initiiert durch den Wechsel individueller und kooperativer Arbeitsphasen.

2.7. Zusammenfassung

Schön wäre es, wenn Systeme so funktionieren würden, dass selbst bei geringen Zielabweichungen, die durch störende Einflüsse von außen entstehen, schnell und einfach korrigiert werden kann. In der Technik ist es möglich. In einem System, in dem aber der Mensch durch seine Entwicklung ein Ziel darstellt, ist es weitaus komplizierter. Der unreflektierte Umgang mit den Neuen Medien könnte als ein störender Einfluss angesehen werden. Um aber zukunftsorientiert im Humboldtschen Sinne[53] zu lehren und zu lernen, ist jedem Schüler eine kritische Auseinandersetzung mit seiner materiellen, sozialen und kulturellen Welt zu ermöglichen. Das trifft im digitalen Zeitalter besonders auf den Umgang mit den Neuen Medien zu. Erst diese ermöglicht die Überwindung einfacher Wahrnehmungsmuster oder Urteilsweisen um zu einer komplexen und flexiblen Weltsicht zu gelangen.

3. Das Unterrichtskonzept Wikiso(u)l – Mit einem Wiki selbstorganisiert Lernen

3.1. Einfluss Neuer Medien auf die schulischen Arbeitsweisen der Schüler

Das Konzept „Wikiso(u)l zu entwickeln, entstand auf der Basis der Erkenntnisse, dass auch die Schüler einer 11.Klasse am Fachgymnasium der Beruflichen Schule Technik in Schwerin in der Fachrichtung Gestaltungs- und Medientechnik nicht nur aufgrund ihres Alters der Generation der „Digital Natives“ zugeordnet werden konnten, sondern auch aufgrund ihrer Arbeitsweisen mit den Neuen Medien. So haben bereits alle Schüler tiefgreifende Erfahrungen mit dem Internet. Sie nutzen es beinahe täglich (72%)[54] zur Kommunikation und Kooperation. Dabei haben sie Fertigkeiten in der Nutzung von Chats, E – Mails, Foren und Wikis. Offensichtlich verändert sich dadurch das Sozialverhalten. Auch das Lösen von Aufgaben zeigt auffällige Abweichungen von traditionellen Ansätzen. Demnach ist für alle Schüler ein Wiki ein unentbehrlicher Wissens – und Informationsspeicher. Sie verlassen sich somit für das Lösen von Aufgaben eher auf die Inhalte eines Wikis als auf die Inhalte eines traditionellen Nachschlagewerkes. Diese Arbeitsweise nutzen sie, obwohl ihnen einerseits die vollständigen Wirkungsmechanismen eines Wikis nicht einmal bekannt sind und anderseits die rezipierten Inhalte nur teilweise (43%) oder nur selten (36%) überprüft werden. Häufig werden zudem auch noch die Inhalte völlig unreflektiert(50%) und ohne Quellenangaben in eigene Lösungen eingebunden. Dieses Verhalten der Schüler kann sicherlich nicht als Einzelfall einer Schule oder einer Klassenstufe betrachtet werden. Demzufolge sollte es jeden Pädagogen nachdenklich stimmen, wenn Schüler Neue Medien wie oben aufgeführt, zur Lösung von Aufgaben verwenden. Daraus lässt sich der Bildungsbedarf für das Konzept ableiten, der nicht durch eine Unterbindung der Nutzung der Neuen Medien gedeckt wird, sondern durch ein didaktisches Konzept, welches die Schüler befähigt mit den Neuen Medien reflexive zu lernen. Die Handlungsfähigkeit wird dadurch erreicht, dass das Selbstorganisierte Lernen durch Integration eines Wikis in den Unterricht als Basis der Information, Kooperation und Kommunikation, gefördert wird. Im folgenden Abschnitt wird auf alle notwendigen Aspekte des Konzeptes eingegangen.

3.2. Anthropogene Bedingungen

3.2.1. Schülerspezifische Voraussetzungen

3.2.1.1.Soziodemografische und psychografische Merkmale

An der versuchsweisen Umsetzung des Konzeptes werden die 15 Schüler des Kurses FG81/83 teilnehmen. Sie alle besuchen das Fachgymnasium Technik in der Schwerpunktfachrichtung Gestaltungs- und Medientechnik an der Beruflichen Schule Technik der Landeshauptstadt Schwerin.

Schulorganisatorische Entscheidungen führten dazu, dass sich der Kurs aus Schülern zweier Klassen zusammensetzt. Alle Schüler des Kurses sind Schüler der Jahrgangsstufe 11, die als Vorbereitung zur zweijährigen Qualifikationsphase innerhalb des Fachgymnasiums dient. Die 8 weiblichen und 7 männlichen Schüler sind zwischen den Jahren 1987 und 1992 geboren und können einen Realschulabschluss nachweisen. Obwohl das Fachgymnasium als Ziel die allgemeine Hochschulreife hat, sind nicht alle Schüler davon überzeugt, ein Studium nach Beendigung der Ausbildung aufzunehmen. Es überwiegt gegenwärtig die Einstellung, erst das Abitur zu machen, um im Anschluss über weitere berufliche Entwicklungen zu entscheiden. Der überwiegende Teil der Schüler hat sich für die Fachrichtung entschieden, weil einerseits persönliche Neigungen ausschlaggebend waren und anderseits der Branche gute Zukunftschancen eingeräumt werden. Demzufolge können sich viele der Schüler vorstellen, dass die Fachrichtung auch nach dem Abitur eine zentrale Rolle im beruflichen Leben des Einzelnen einnehmen kann.

Die Leistungen in der Klasse sind relativ homogen. Alle Schüler beteiligen sich rege am Unterrichtsgeschehen, sind aufmerksam und neugierig. Manchmal fällt es ihnen noch schwer sachlogisch zu denken und zu handeln. Besonders die weiblichen Schüler sind konzentriert, aufmerksam und fleißig. Werden neue Inhalte assoziativ in den Kontext der Fachrichtung gestellt, zeigen sich die Schüler interessiert. Selbstorganisierte und handlungsorientierte Unterrichtssequenzen haben bei den Schülern einen hohen Stellenwert. Das Arbeitstempo und die Arbeitsweise sind aber noch unterschiedlich ausgeprägt. Nicht nur in diesen Sequenzen ist aber die Bereitschaft vorhanden, kooperativ zu arbeiten und leistungsschwächere Schüler zu unterstützen. Gegenwärtig haben sie noch Schwierigkeiten, Aufgaben richtig zu interpretieren und diese fachwissenschaftlich zu bearbeiten. In der Handhabung von Arbeitsmaterialien und in der Nutzung von Informationsquellen zeigen die Schüler gute Ansätze. Dagegen treten beim Verfassen eigener Texte gelegentlich sprachliche Probleme auf.

Die Tatsache, dass alle Schüler der Generation der „Digital Natives“ zugeordnet werden können, kann als Grund dafür ansehen werden, dass die Arbeit mit einem Computer und die Nutzung des Internets selbstverständlich und durch scheinbar nichts zu ersetzen sind. Demzufolge ist es offensichtlich, dass der Umgang mit den Neuen Medien und der dazugehörenden Technik die Schüler dieses Kurses in außergewöhnliche Art und Weise motiviert. Die Schüler sehen es demnach als sinnvoll an, die Neuen Medien in den Lernprozess mit einzubeziehen. So können sich auch die meisten Schüler E – Learning – Angebote als Unterstützung traditioneller Unterrichtsmethoden[55] vorstellen. Begründet ist diese Einstellung sicherlich auch dadurch, dass die meisten Schüler eigene Erfahrungen in der Nutzung des Internets vorweisen können. Es ist aber davon auszugehen, dass grundlegende Fähigkeiten zur Selbsteinschätzung und eine notwendige Reflexionskompetenz noch nicht vollständig ausgeprägt sind, was sicherlich auch darin begründet ist, dass bestimmte interaktiven Möglichkeiten der Neuen Medien noch nicht hinreichend erkannt wurden. Einige Schüler zeigen typische Auffälligkeiten dieser Altersklasse. Sie lassen sich schnell ablenken, albern herum und können sich dann nicht auf Sprache oder andere Unterrichtsaktivitäten konzentrieren.

3.2.1.2.Wissens- und Kompetenzniveau

Der Einsatz eines Wikis ist immer an einen Inhalt gebunden. Für die versuchsweise Umsetzung des Konzeptes entwickelt sich dieser Inhalt aus den Zielformulierungen und Rahmenplänen der Gestaltungs- und Medientechnik. Insbesondere betrifft dies in der Jahrgangsstufe 11 das Anwenden von HTML[56], als Werkzeug zur Erstellung von Webseiten.

Schon vor dem Beginn ihrer Ausbildung waren einigen Schülern der Klasse allgemeine Grundlagen der Sprache HTML bekannt. Auf der Basis des in diesem Ausbildungsjahr erteilten Unterrichts, konnten sich alle Schüler ein annähernd gleiches Wissen- und Kompetenzniveau aneignen, so dass zu Beginn der Einführung des Konzeptes kaum fachliche Differenzen zu erwarten sind. Es kann also davon ausgegangen werden, dass alle Schüler die Zielsetzung der Sprache HTML verstanden haben und den Aufbau eines HTML – Dokumentes kennen. Die Einbindung von Grafiken, Bildern, Text und Links[57] sind dagegen noch nicht ausgeprägt.

Die methodische Umsetzung des Konzeptes orientiert sich an den didaktischen Prinzipien des Selbstorganisierten Lernens. Dieses Lernen hat für alle Schüler einen hohen Stellenwert. Laut deren Aussagen wird diese Form des Lernens in der Schule allerdings kaum angewendet. Das kann auch als Grund dafür angesehen werden, dass ein Advanced Organizers und das Gruppenpuzzle noch nicht bekannt sind. Ein Wiki verbinden die Schüler gegenwärtig nur dem Begriff einer virtuellen Informationsquelle. Ein möglicher Indikator dafür wäre das Nutzungsverhalten der Schüler beim Lösen von Aufgaben mit einem Wiki[58].

3.2.2. Lehrerspezifische Voraussetzungen

Mein seit 18 Jahren täglicher Umgang mit den Schülern einer Beruflichen Schule und mein Interesse am E- Learning haben dazu beigetragen, dass sich meine Aufmerksamkeit in Hinsicht auf die Entwicklung der Neuen Medien und die sich daraus ergebenen Veränderungen des menschlichen Handelns besonders ausgeprägt hat.

Mir fiel es nicht schwer, mich zur versuchsweisen Umsetzung des Konzeptes für die Schüler der 11.Klasse zu entscheiden. Schon nach ersten Gesprächen entwickelten sich in dieser Klasse ein positives Arbeitsklima und eine freundliche, offene Atmosphäre. Besonders die Aufgeschlossenheit und Ehrlichkeit, die mir begegnete, war eine Basis für meine Entscheidung. So basiert das Verhältnis zwischen den Schülern und mir auf gegenseitiger Wertschätzung und dem Respekt für einander. Die Schüler honorieren das „offene Ohr“ für ihre Probleme, schätzen das Teilen der Freude über Erfolge und lassen sich begeistern von Unterrichtsstunden, in denen neben der Arbeit auch der Spaß nicht zu kurz kommt.

3.3. Institutionelle Bedingungen

3.3.1. Schulspezifische Voraussetzungen

Die versuchsweise Umsetzung des Konzeptes „Wikiso(u)l“ erfolgt an der Beruflichen Schule der Landeshauptstadt Schwerin – Technik. Diese Schule gehört mit zu den größten Berufsschulen Westmecklenburgs und befindet sich gegenwärtig in der Entwicklung zu einem Regionalen Beruflichen Bildungszentrum[59]. Neben der dualen Berufsausbildung zählt das Fachgymnasium zu den tragenden Säulen der Einrichtung.

Für den Unterricht innerhalb der versuchsweisen Konzeptumsetzung steht der Laborraum 217 zur Verfügung. Die Gestaltung dieses Raumes schafft auch mit einer großen Klasse ein sehr angenehmes Unterrichtsklima. Große Fensterreihen gestatten nicht nur den dort angeordneten und vernetzten Computerarbeitsplätzen viel natürliches Licht, sondern ermöglichen dieses auch den in der Mitte vorhandenen Schülerarbeitsplätzen. Diese können auch problemlos für alle notwendigen Sozialformen des Selbstorganisierten Lernens umgestaltet werden[60]. Alle Arbeitsplätze können auf der Grundlage eines Netzwerkes über den Lehrercomputer gesteuert werden. Das ermöglicht dem Lehrer die Kontrolle der computergebundenen Schülertätigkeit, z.B. in der Arbeit mit dem Wiki, aber auch die Wiedergabe von Bildschirminhalten der Schülerarbeitsplätze über einen Beamer. Alle Computer besitzen über DSL[61] einen schnellen Internetzugang. In der Präsentationsphase steht eine von allen Arbeitsplätzen gut einsehbare Projektionsfläche zur Verfügung. Desweiteren bietet sich die Möglichkeit an, das frontal angeordnete und höhenverstellbare Whiteboard zu nutzen. Der zur Einrichtung des Wikis notwendige Speicherplatz auf einem internetfähigen Server konnte durch die Schule nicht bereitgestellt werden, so dass für die versuchsweise Durchführung alternativ auf privaten Webspace zurückgegriffen wurde.

3.3.2. Curriculare Voraussetzungen

Am Fachgymnasium erfolgt die Ausbildung auf der Grundlage der Fachgymnasiumsverordnung des Landes Mecklenburg - Vorpommern[62]. Diese umfasst die einjährige Vorstufe, die Jahrgangsstufe 11 und die zweijährige Qualifikationsphase, die Jahrgangsstufen 12 und 13. Die Jahrgangsstufe11soll dabei Defizite in den Vorkenntnissen der Schüler beheben und somit auf die spezifischen Arbeitsweisen der zweijährigen Qualifikationsphase vorbereiten. Der Unterricht wird in Sprachen, in Gesellschaftswissenschaften und in den Naturwissenschaften erteilt. In der gymnasialen Fachrichtung Technik, mit dem Schwerpunkt Gestaltungs- und Medientechnik, orientiert sich die Ausbildung an der Gestaltung von Flächen, dem Anwenden von Darstellungstechniken und dem ganzheitlichen Bearbeiten von Multimediaproduktionen. Auf eine Medienbildung, die einen reflexiven und vernünftigen Umgang besonders mit den Neuen Medien ermöglicht, wird in allen für das Fachgymnasium vorliegenden Curricularen nicht eingegangen. Der Unterricht in der Gestaltungs – und Medientechnik orientiert sich an einem durch den Fachbereich entwickelten Stoffverteilungsplan. In diesem ist für das Bearbeiten und Anwenden multimedialer Produktionen ein Zeitrahmen von jährlich 76 Unterrichtsstunden vorgesehen. Aus diesem Rahmen ergibt sich für die versuchsweise Durchführung des Konzeptes ein Unterrichtsvolumen von 4 Unterrichtsblöcken zu je 90 Minuten[63].

3.4. Didaktische Analyse

3.4.1. Das Wiki als Lernumgebung

Wikis sind neben Blogs, Communitys und Foren Vertreter der Neuen Medien. Um didaktisch horizontal zu reduzieren, konzentriert sich das Konzept exemplarisch an allen Funktionen eines Wikis.

Durch ein Wiki wird ein Nutzer des Internets schnell und einfach vom Empfänger zum Sender. Somit liefert es die Grundlage für internetgestützte Kommunikation und Kooperation.

„Ein Wiki ist eine webbasierte Software, die es allen Betrachtern einer Seite erlaubt, den Inhalt zu ändern, indem sie diese Seite online im Browser editieren. Damit ist das Wiki eine einfache und leicht zu bedienende Plattform für kooperatives Arbeiten an Texten und Hypertexten.“[64]

Die technischen Hürden, Informationen in die ganze Welt über das Internet zu senden, sind somit bei einem Wiki auf ein Minimum reduziert. Im Mittelpunkt steht, auch wenn es für viele Schüler völlig neu ist und zu einem kleinen „Kultur-Schock“ führt, das gemeinsame Schreiben von Texten. Das Konzept „Wikiso(u)l“ greift die Technologie der frei verfügbaren und kostenlosen Software „mediawiki“[65] auf. Für die Durchführung wurde die Version „mediawiki-1.12.0“ gewählt, angepasst und auf einem Web – Server installiert[66]. Den Schüler stehen somit ein Arbeitsbereich (1), ein Navigationsbereich (2), ein Userbereich (3) und ein Informationsbereich (4) zur Verfügung (siehe Abb. Hauptseite Wikiso(u)l S.24).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. Hauptseite „Wikiso(u)l“

Der Arbeitsbereich bildet den Mittelpunkt eines Wikis. Dort wird der für jeden Schüler veränderbare Inhalt eines Eintrages zu sehen sein. Die durch die Schüler vorzunehmenden Veränderungen der Inhalte oder das Neugestalten von Beiträgen wird durch das Betätigen des Buttons „Bearbeiten“ gewährleistet. Die Schüler haben im Arbeitsbereich auch die Möglichkeit, sich Versionen älterer Beiträge und Diskussionseinträge anzeigen zu lassen. Sie erfahren an dieser Stelle, wer wann welche Änderung vorgenommen hat. Sie können virtuell diskutieren und somit Rückschlüsse ziehen. Im Navigationsbereich wird den Schülern über eine Suchfunktion und über verschiedene Links der Zugang zu den unterschiedlichsten Inhalten ermöglicht. Der Userbereich dient der Anmeldung und Akkreditierung um den Zugriff zur Bearbeitung von Inhalten zu erhalten. Verschiedene Angaben und Informationen über das Wiki können im Informationsbereich abgerufen werden. Die Hauptseite[67] des Wikis in „Wikiso(u)l“ bildet für alle Schüler den zentralen Anlaufpunkt. Von dieser Seite aus haben die Schüler die Möglichkeit, Seiten zu erreichen die speziell der Gruppenarbeit und den individuellen Arbeitsphasen dienen.

Auf der Grundlage der vertikalen didaktischen Reduktion, wird während der versuchsweisen Durchführung auf die Vergabe administrativer Rechte an die Schüler verzichtet. Damit soll erreicht werden, dass sich die Struktur des Wikis in einem angemessenen Rahmen bewegt und Eingriffe von außen die Konzeptumsetzung nicht stören. Der Lehrer hat als Administrator die Möglichkeit, alle Einträge zu kontrollieren. Er kann bei Bedarf, Seiten für weitere Bearbeitungen jederzeit sperren lassen.

Die reflexive Handlungsfähigkeit in der Nutzung eines Wikis kann durch die Schüler nur dann erworben werden, wenn es für das Wiki Inhalte gibt. Innerhalb der versuchsweisen Umsetzung des Konzeptes wurde auf der Grundlage der schulinternen Stoffverteilung das Unterrichtsthema „Grundlagen HTML“ gewählt[68]. Im folgenden Abschnitt wird dieses Thema einer konkreten Sachanalyse unterzogen.

3.4.2. Grundlagen HTML als Inhalt des Wikis

Viele Informationen werden heute im WWW in Form von HTML – Dateien auf Servern gespeichert. Die Aufgabe von HTML ist es, die logischen Bestandteile eines textorientierten Dokuments zu beschreiben. Typische Bestandteile eines solchen Dokuments und somit Grundlagen sind HTML – Seiten mit strukturiertem Text, mit Bildern oder Grafiken und mit Links. Der Unterschied zwischen schlechtem Quellcode[69] und professionellem Webdesign ist oft auf den ersten Blick nicht zu erkennen und erfordert Grundkenntnisse in der Erstellung von Webseiten. Eine klar strukturierte Gestaltung eines Textes ermöglicht das schnelle Erfassen aller Informationen eines multimedialen Produktes. Somit greift man in der Gestaltung von HTML – Dokumenten auf typografische Erfahrungen der Druckmedien zurück. Das bedeutet, dass die Strukturierung eines Textes mit der Schrift, dem Absatz oder mit Text und Raum erfolgen kann. Die im WWW dargestellten Informationen werden in Anlehnung zu den in Druckmedien gestalteten Seiten (z. B. die Seiten eines Buches) als Webseiten bezeichnet. Demzufolge sind Webseiten Dokumente. HTML beschreibt nicht wie ein Element aussieht oder wo es platziert ist, HTML beschreibt was ein Element ist – eine Überschrift, ein Bild, ein Absatz oder ein Link. In der Regel erstrecken sich bestimmte Elemente über einen definierten Raum. Das bedeutet, dass jedes Element ein Anfang und ein Ende hat. So hat beispielsweise eine Überschrift ein erstes Zeichen und ein letztes Zeichen. Diese Auszeichnung kann von einem Browser[70] aufgelöst werden und das Element erscheint, in optisch gut erkennbarer Form auf einem Bildschirm. Die Auszeichnungsmarkierungen für HTML heißen Tag. Diese Tags haben eine bestimmte Schreibweise. Dementsprechend wird jeder Tag von spitzen Klammern eingeschlossen.

<tag>

Außerdem gibt es ein öffnendes Tag (markiert den Anfang) und ein schließendes Tag (markiert das Ende). Der schließende Tag wird zusätzlich, innerhalb der spitzen Klammern, von einem Schrägstrich (/ = slash) eingeleitet.

</tag>

Das Element für eine Überschrift heißt h (engl.: heading). Eine in HTML ausgezeichnete Überschrift hat folgendes Aussehen:

<h1>Dies ist eine Überschrift erster Ordnung</h1>

Die einzelnen Elemente können ineinander verschachtelt sein. Verschachtelungen müssen immer hierarchisch geordnet werden, um eine strukturierte Seitenbeschreibung zu gewährleisten. Die Verschachtelung dient dazu, innerhalb eines Tags weitere spezielle Auszeichnungen vorzunehmen. Wird die Verschachtelung nicht ordnungsgemäß durchgeführt, kann es zur Fehlinformation in Webseiten kommen. Daraus lässt sich ableiten, dass ein verschachteltes Element immer geschlossen sein muss, bevor das umgehende Element geschlossen wird. Diese Arbeitstechnik ist besonders für die Gestaltung textstrukturierter Seiten bedeutend. Die diesbezügliche Notierung wird auch als der Quellcode[71] einer HTML – Datei bezeichnet. Für die Notierung, kann ein einfaches Textverarbeitungsprogramm(z.B. Editor) verwendet werden. Die Darstellung auf einem Bildschirm erfolgt dann über einen Browser.

Innerhalb der versuchsweisen Umsetzung des Konzeptes reduziert sich die Anwendung möglicher Tags auf die Gestaltung einfacher Textstrukturen, die Einbindung von Links und die Verwendung von Bildern oder Grafiken. Demzufolge könnte eine Seite folgendes Aussehen haben:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. HTML – Seite mit strukturiertem Text, Grafik und Link

Für die Schüler entsteht durch die Nutzung eines Wikis eine neue Lernumgebung, in der sie einerseits gewonnene Erkenntnisse sichern und anderseits weltweit zur Kommunikation anbieten. Gelingt es den Schülern diese Arbeit erfolgreich zu gestalten, kommen sie dem Erreichen des Globalzieles ein Stück näher. Der folgende Abschnitt erläutert diesbezüglich alle Zielsetzungen des Konzeptes.

3.5. Lernziele

3.5.1. Lernziel reflexive Handlungsfähigkeit

Den Schülern gelingt es gegenwärtig noch nicht, im Umgang mit den Neuen Medien, kritisch und reflexiv zu handeln[72]. Das Konzept Wikiso(u)l greift dieses Problem auf und ermöglicht durch seine Gestaltung den Erwerb notwendiger reflexiver Handlungsfähigkeit. Diese Zielformulierung ist das Globalziel des Konzeptes.

Erreichen lässt sich das Globalziel, durch eine aufgaben- und methodenbezogene Integration eines Wikis in den Unterricht. Die so entstandene neue Lernumgebung, lässt die Selbstorganisation der Schüler zu, regt sie an und macht sie zwingend erforderlich. Diese ermöglicht die Förderung des Selbstorganisierten Lernens[73]. Durch die Förderung erlernen die Schüler ein selbstkritisches, sachgerechtes, durchdachtes sowie individuelles und sozial verantwortliches Verhalten im Umgang mit den Neuen Medien. Diesbezüglich kann davon ausgegangen werden, dass die Schüler das Ziel erreicht haben, wenn

1. sie das Thema „Grundlagen HTML“ selbstverantwortlich und eigenständig mit Unterstützung eines Wikis erfolgreich bearbeitet haben.
2. sie den zur Bearbeitung des Themas erforderlichen Zeitraum, der sich ausschließlich aus den Aufgabenstellungen ergibt, einhalten.
3. der Lehrer die von den Schülern zu organisierenden Arbeits- und Lernprozesse nur noch beraten und begleitet hat.
4. die Sozialformen und Methoden entsprechend der Aufgabenstellung von den Schülern variabel eingesetzt wurden.

Aufbauend auf diesen Aussagen werden, auf der Grundlage des Kompetenzmodells, die Lernziele hinsichtlich der Fachkompetenz, der Methodenkompetenz, der Selbstkompetenz und der Sozialkompetenz konkretisiert.

3.5.2. Lernziel Fachkompetenz

Die Schüler

- entwickeln die Fähigkeit eines kritischen Umgangs mit den Neuen Medien, in dem sie ein Wiki zur Lösung von Aufgaben nutzen. Diesbezüglich erstellen sie selbstständig Inhalte in einem Wiki, verändern andere Inhalte, diskutieren virtuell über Inhalte mit anderen Schülern und hinterfragen dargestellte Inhalte kritisch.
- erstellen selbstständig ein HTML – Dokument mit strukturiertem Text, mindestens einem Link und mindestens einem Bild oder einer Grafik, in dem sie das Wiki als Wissensspeicher benutzen.

3.5.3. Lernziel Methodenkompetenz

Die Schüler

- bearbeiten selbstverantwortlich und eigenständig ein HTML - Dokument, indem sie die Methode des Gruppenpuzzles benutzen und ihre Arbeit in den Stamm- und Expertengruppen selbstständig organisieren, verteilen und kontrollieren.
- beurteilen den eigenen Kompetenzzuwachs durch die Arbeit mit einem Advanced Organizer.
- handeln in der Bearbeitung ihres Auftrages ganzheitlich, indem sie selbstständig ihr HTML – Dokument planen, erstellen, überprüfen, präsentieren und bewerten.

3.5.4. Lernziel Selbstkompetenz

Die Schüler

- erkennen durch die Nutzung der Inhalte, die ihnen über das Wiki zur Verfügung stehen, dass alle Inhalte kritisch reflektiert werden müssen.
- gewinnen durch das Schreiben eigener Texte in das Wiki Selbstvertrauen und erkennen, dass sie für diese die Verantwortung tragen.
- reflektieren ihre eigene Handlungen, indem sie kontinuierlich eigene Zielstellungen überprüfen.

3.5.5. Lernziel Sozialkompetenz

Die Schüler

- entwickeln ein kritisches und verantwortungsvolles Bewusstsein im Umgang mit unterschiedlichen Meinungen, indem sie mit anderen Schülern eigene Lösungen im Unterricht und im Wiki diskutieren und vergleichen.
- organisieren die Arbeit in den Gruppen selbstständig, indem sie auch das Wiki als Kooperations- und Kommunikationsinstrument benutzen.
- entwickeln Empathie, indem sie in den Gruppenarbeitsphasen leistungsschwächere Schüler unterstützen und die Bereitschaft zur Toleranz zeigen.

3.6. Konzeptumsetzung

Das Konzept lässt sich in drei grundlegende Phasen einteilt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.6.1. Phase - Einstieg

Die Komplexität des Konzeptes erfordert aus didaktischer Sicht einen instruktionsgeprägten Einstieg[74] im Plenum. Auf dieser Grundlage wird in der Einstiegsphase vordergründig lehrerzentriert unterrichtet, um die Schüler zu sensibilisieren, sie zu motivieren und sie über die methodische Umsetzung zu informieren. Beginnend mit einem Lehrervortrag, werden mit Unterstützung einer speziell eingerichteten Internetseite[75], das Konzept und die damit verbundenden Ziele erläutert. Diese Internetseite steht den Schülern ubiquitär über das Internet zur Verfügung. Um gleichzeitig Transparenz in der Programmierung dieser Internetseite zu gewährleisten, wurde die Seite so gestaltet, dass der Quelltext einerseits an das Vorwissen der Schüler anknüpft und anderseits auch die neu zu erlernenden Inhalte der Sprache HTML beinhaltet.

Die gewonnene Feststellung, dass ein Wiki den Lernprozess unterstützen wird, bildet für die Schüler den Ausgangspunkt, auf der Grundlage der Metaplanmethode individuell den Begriff eines Wikis weiter zu konkretisieren. Alle Antworten werden auf Moderationskarten geschrieben, an eine Metaplanwand gepinnt und anschließend durch die Schüler nach Affinitäten geclustert, die so visualisiert die Grundlage für die internetgestützte Demonstration elementarer Funktionen eines Wikis bilden. Dieses Wiki wurde speziell für die Klasse eingerichtet und strukturiert. Den Schülern wird dadurch schnell der informatorische Aspekt eines Wikis deutlich. Schon bekannte Inhalte sind als einzelne Seiten dargestellt, jederzeit verfügbar und veränderbar. Um die Möglichkeit der Veränderung der Inhalte zu verdeutlichen und die Aufmerksamkeit der Schüler weiter zu wecken, wurde der Inhalt einer Seite bewusst fehlerbehaftet abgespeichert. Aufmerksame Schüler dürften diese Fehler bemerken und intervenieren. Die Intervention bildet den Ausgangspunkt zur Erklärung grundlegender Funktionen der Bearbeitung von Inhalten durch Textstrukturierung und Linksetzung. Vertiefend erhalten die Schüler anschließend die Möglichkeit, das Wiki individuell zu erkunden um Konventionskriterien zu erarbeiten. Alle Schüler werden aufgefordert, sich als Nutzer des Wikis über einen Benutzernamen und unter Angabe einer E – Mailadresse anzumelden. Mögliche Ergebnisse der Erkundung werden daraufhin in Partnerarbeit mit einem Mitschüler verglichen und diskutiert. Im Plenum werden anschließend Erfahrungen ausgetauscht und die Klasse einigt sich auf einheitliche Konventionskriterien, auf deren Grundlage die weitere Arbeit mit dem Wiki erfolgen wird. Die Kriterien werden im Wiki gespeichert und sind dadurch für jeden Schüler transparent gesichert.

[...]


[1] Vgl. Steinmüller K. ; 2006 S.43

[2] In der gesamten Arbeit wird aus Gründen der besseren Lesbarkeit auf eine geschlechterbezogene Formulierung verzichtet.

[3] Vgl. Palfrey J. ;2008

[4] Das Internet ist ein weltweiter Verbund von Computern und Computernetzwerken.

[5] WWW = WEB und Internet sind nicht synonym. WWW ist ein Hypertextbasiertes Informationssystem.

[6] Vgl. Mertens M.; 2006 S.8

[7] E-Mail ist das Versenden von Nachrichten über das Internet. Häufig verwendet man auch den Begriff Elektronische Post.

[8] Websites sind mehrere Internetseiten, die in einem logischen Zusammenhang stehen. Synonym verwendet man auch den Begriff Internetseite.

[9] Ein Blog oder Weblog (Wortkreuzung aus engl. Web „Netz“ und Log), ist ein digitales Journal. Es wird am Computer geschrieben und im World Wide Web veröffentlicht.

[10] Vgl. Gräßer L.; 2007 S.7

[11] Communitys heißt ins Deutsche übersetzt Gemeinschaften. Diese virtuellen Netzwerke funktionieren wie Vereine oder Hobbygruppen.

[12] Vgl. ZDF/ ARD – Onlinestudie 2008

[13] Die Zahl der Internet-Nutzer steigt weltweit auf 1,2 Milliarden, somit ist fast jeder fünfte Mensch online.(http://www.bitkom.org/de/presse/49914_46069.aspx 18.01.09; 17:54Uhr)

[14] Vgl. Marotzki, W.; 2005 S.37

[15] Vgl. Siebert H.; 2006 S. 78

[16] Vgl. JIM – Studie 2006

[17] Vgl. JIM – Studie 2006

[18] Vgl. JIM – Studie 2006

[19] Vgl. Gersdorf H.; 2004 S.19

[20] Siehe Diskussionsbeitrag „Dürfen die das?“ in „Die Zeit“ Nr.11 vom 6. März 2008 zum Thema Internetportal spickmich.de.

[21] Als Beispiel ist hier die bundesweite Initiative „Schulen ans Netz“ zu nennen. In dieser wurde Schulen ein kostenloser Internetzugang eingerichtet.

[22] Deutschland befindet sich im EU – Maßstab abgeschlagen auf Platz 18.

[23] http://www.bitkom.org/de/markt_statistik/46255_38545.aspx; 22.12.2008 16.00Uhr

[24] Hisbus – Befragung; “Studieren im Web2.0“ 2008; http://www.his.de/publikation/HISBUS-Kurzinformationen ; 27.12.2008

[25] Vgl. ZDF/ ARD – Onlinestudie 2008

[26] Vgl. “Die Zeit” Nr.48; 20.11.2008; „Die schnelle Info aus dem Netz“

[27] Vgl. Himpsl K.; 2007 S.41

[28] http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:%C3%9Cber_Wikipedia; 27.12.2008 17.30Uhr

[29] „wikiwiki“ = schnell

[30] „encyclopedia“ = Enzyklopädie

[31] Stand: 23.12.2008, 19.00Uhr

[32] Vgl. Ebersbach A.; 2005 S.10

[33] Vgl. Euler, D.; 2007 S. 7

[34] Vgl. Palfrey, J.; 2008 S.13

[35] Vgl. ARD/ ZDF – Online - Studie 2008

[36] z.B. www.studip.de

[37] Vgl. http://wellmann.uni-trier.de/index.php?title=Hauptseite ; http://wiki.ib.hu-berlin.de

[38] E – Learning umfasst alle Lernformen, die Telematik als technisch organisatorische Basis zur Unterstützung des Lernens benutzen, d.h. zur Beschaffung von Information, zur Kommunikation oder zur Kooperation mit Lernenden oder Lehrenden. (Vgl. Arnold P. 2004 S.12)

[39] Vgl. Tenberg R.; 2006 S.21

[40] Vgl. KMK – Handreichungen; 2000

[41] Vgl. Dehnbostel P.; 2007 S.182

[42] Vgl. Spitzer, M. ; 2006 S.53

[43] Vgl. Siebert, H.; 2008 S.108

[44] Vgl. Arnold R.; 2007 S. 127

[45] Vgl. Dehnbostel P.; 2007 S. 94

[46] Vgl. Siebert H.; 2008 S. 67

[47] Vgl. Gudjohns H.; 2008 S. 31

[48] Vgl. Siebert H.; 2008 S. 67

[49] Vgl. Gudjohns H. ; 2008 S. 30

[50] Vgl. Gudjons H. ; 2008 S.12

[51] Vgl. Siebert, H.; 2006

[52] Vgl. Dehnbostel P.; 2007 S.92

[53] Vgl. Liessmann P. 2006, S.117

[54] Alle in diesem Absatz verwendeten prozentualen Zahlenangaben sind der Anlage 2 (S.56) entnommen.

[55] siehe Anlage 2; S. 56

[56] HTML = Hypertext Markup Language ist eine Sprache zur Auszeichnung von Texten im World Wide Web (WWW) einem Dienst des Internets.

[57] Ein Link ist die Verknüpfung auf eine andere Internetseite oder der Verweis auf eine andere Position innerhalb der gleichen Internetseite.

[58] siehe Anlage 2; S.56

[59] Vgl. Schulgesetz des Landes Mecklenburg - Vorpommern §39a

[60] siehe Anlage 3; S. 69

[61] DSL = Digital Subscriber Line – Ist eine Technologie der Digitalen Informationsübertragung

[62] Vgl. Fachgymnasiumsverordnung – FGVO M-V vom 27. Februar 2006

[63] siehe Anlage 4; S.71

[64] siehe Ebersbach A.; 2005; S.10

[65] http//www.mediawiki.org

[66] http://www.ostseemann.de/wiki

[67] siehe Abb. Hauptseite „Wikisoul“

[68] siehe Kapitel 3.2.3.

[69] Mit den Anweisungen einer Programmiersprache formuliertes Programm, dass als Textdatei vorliegt.

[70] Browser sind Computerprogramme, die den HTML – Code interpretieren und dadurch Webseiten auf einem Bildschirm darstellen können.

[71] siehe Anlage 5; S.72

[72] siehe Kapitel 3.1.

[73] Vgl. Friedrich F.; 2003 S.71

[74] siehe Anlage 10; S.87

[75] siehe Anlage 5; S.69 und http://www.ostseemann.de

Details

Seiten
123
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783836631013
Dateigröße
7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v226881
Institution / Hochschule
Landesinstitut für Schule und Ausbildung Mecklenburg-Vorpommern – Landesseminar für Gymnasien und Berufliche Schulen, Berufliche Bildung
Note
1,0
Schlagworte
neue medien bildungskonzept wiki e-learning selbstorganisiertes lernen

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Titel: Bildungskonzept zum Erwerb reflexiver Handlungsfähigkeit im Umgang mit den Neuen Medien