Lade Inhalt...

Die Ausbildung Ehrenamtlicher für die telefonische Beratung / Begleitung von Menschen in seelischen Notlagen

Eine Konzeptentwicklung

Diplomarbeit 2008 108 Seiten

Psychologie - Beratung, Therapie

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

I. Abbildungsverzeichnis

II. Einleitung

III. Die TelefonSeelsorge
1. Geschichte der TelefonSeelsorge
2. Die Grundsätze der TelefonSeelsorge
3. Statistik 2005 - 2007
4. Die Bedeutung der Kommunikation mittels Telefon
5. Die Bedeutung der Ehrenamtlichkeit der Mitarbeiter
6. Die Ausbildung der Ehrenamtlichen bei der TelefonSeelsorge

IV. Der Telefonnotruf des Landshuter Netzwerks
1. Aufbau
2. Statistik 2007
3. Ausbildung
4. Fragebogen

V. Die Ausbildung der Ehrenamtlichen
1. Ausbildungsziele
2. Anforderungen an die Leitung einer Ausbildungsgruppe
3. Anfangsphase
4. Themenzentrierte Interaktion nach Ruth Cohn
5. Baustein: Wissensvermittlung (Didaktische Überlegungen)
6. Baustein: Gesprächsführung
6.1 Personzentrierte Gesprächsführung nach Carl Rogers
6.1.2 Theorie
6.1.2 Praktische Übungen
6.2 Ressourcenorientierte Gesprächsführung
6.2.1 Theorie
6.2.2 Praktische Übungen
6.3 Transaktionsanalyse nach Eric Berne
6.3.1 Theorie
6.3.2 Praktische Übungen
6.4 Rollenspiele als didaktische Methode
6.4.1 Theorie
6.4.2 Praktische Übungen
7. Baustein: Selbsterfahrung
7.1 Theorie
7.2 Praktische Übungen
8. Baustein: Hospitationen

VI. Qualitätssicherung
1. Qualitätssicherung der Ausbildung
2. Langfristige Qualitätssicherung der Arbeit
2.1 Fortbildungen
2.2 Praxisbesprechungen
2.3 Psychohygiene
2.4 Supervision

VII. Zusammenfassung

VIII. Anhang

IX. Quellenverzeichnis

X. Erklärung gem. § 31 Abs. 5 der Rahmenprüfungsordnung

I. Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Ehrenamtliche Mitarbeiter der TelefonSeelsorge 2005-2007

Abb. 2: Gespräche der TelefonSeelsorge 2005-2007

Abb. 3: Dauer der Gespräche bei der TelefonSeelsorge 2005-2007

Abb. 4: Geschlecht der Anrufenden bei der TelefonSeelsorge 2005-2007

Abb. 5: Alter der Anrufenden bei der TelefonSeelsorge 2005-2007

Abb. 6: Themen der Gespräche bei der TelefonSeelsorge 2005-2007

Abb. 7: Sechsfache Aufmerksamkeit

Abb. 8: Das Strukturmodell

Abb. 9: Das Eisbergmodell

Abb. 10: Aspekte im Prozess der ressourcenorientierten Gesprächsführung

Abb. 11: Strukturdiagramm erster Ordnung: Das Ich-Zustandsmodell

Abb. 12: Die funktionelle Analyse der Ich-Zustände

Abb. 13: Das Egogramm

Abb. 14: Die Trübung

Abb. 15: Der Ausschluss

Abb. 16: Komplementär- bzw. Paralleltransaktion zwischen den beiden Erwachsenen-Ich-Zuständen

Abb. 17: Komplementär- bzw. Paralleltransaktion zwischen Eltern-Ich- Zustand und Kind-Ich-Zustand

Abb. 18: Die Überkreuztransaktion

Abb. 19: Die Bilanz-Waage

II. Einleitung

Über zwei Millionen Anrufe gehen jährlich bei der TelefonSeelsorge ein. Viele Anrufer stoßen auf ein Besetztzeichen, sodass mittlerweile weitere Angebote dieser Art, unter anderem auch von freien Trägern, angeboten werden. Die Masse an Anrufen erfordert jedoch einen sehr hohen Zeitaufwand. Diesem Problem wird mit dem Einsatz von ehrenamtlichen Mitarbeitern begegnet. Da diese Ehrenamtlichen zunächst Laien sind, ist es notwendig sie entsprechend auf die Arbeit am Telefon vorzubereiten.

Diese Diplomarbeit beschäftigt sich mit einer Konzeptentwicklung für eine Ausbildung, die Ehrenamtliche für die anschließende telefonische Beratung und Begleitung von Menschen in seelischen Notlagen qualifizieren soll. Die Arbeit zielt darauf ab, Leitern solcher Ausbildungsgruppen eine Hilfe an die Hand zu geben, um sich vorab in die Thematik einarbeiten zu können und um Anregungen für die praktische Umsetzung zu erhalten. Auch Leiter mit langjähriger Erfahrung können unter Umständen durch diese Diplomarbeit einige neue Anstöße erhalten.

Zunächst wird die TelefonSeelsorge als größte bundesweit tätige Einrichtung in diesem Bereich vorgestellt. Anschließend wird, als Beispiel eines weiteren Krisentelefons, der Telefonnotruf des Landshuter Netzwerks betrachtet. Bestandteil dabei ist unter anderem eine Umfrage, die mit dort tätigen Ehrenamtlichen durchgeführt wurde. Schließlich wird das eigentliche Thema, nämlich die Konzeption einer Ausbildung für Ehrenamtliche, im Detail erörtert. Es geht hierbei zunächst um die zu erreichenden Ziele der Ausbildung, sowie die Anforderungen, die an die Leitung solch einer Ausbildungsgruppe gestellt sind. Anschließend wird die Anfangsphase der Gruppe thematisiert, in der es vor allem um ein erstes Kennenlernen der Teilnehmer untereinander geht. Nach Behandlung der „Themenzentrierten Interaktion“, die hilfreiche Regeln für den Umgang miteinander in der Gruppe festlegt, wird auf die vier Bausteine der Ausbildung (Wissensvermittlung, Gesprächsführung, Selbsterfahrung und Hospitationen) eingegangen.

Gegen Ende behandelt die Arbeit das Thema Qualitätssicherung sowohl in Bezug auf die Ausbildung als auch im Hinblick auf die spätere Arbeit der Ehrenamtlichen. Hier wird die Bedeutung von ständiger Begleitung der Ehrenamtlichen durch Professionelle und die Bedeutung von Psychohygiene dargestellt.

Der Lesbarkeit halber wird in diesem Text nur die männliche Form verwendet, die weibliche Form ist immer eingeschlossen.

III. Die TelefonSeelsorge

1. Geschichte der TelefonSeelsorge

Als Alexander Graham Bell 1876 das Telefon erfand, wurde die erste Grundlage für die TelefonSeelsorge geschaffen. Schon zwanzig Jahre später, also noch in der Zeit, in der das Telefon immer noch keine breite Akzeptanz in der Bevölkerung gefunden hatte, wurde das Telefon von dem Pfarrer Harry Warren in New York das erste Mal für Seelsorge verwendet, indem er eine telefonische Kontaktstelle für suizidale Menschen einrichtete. Diese Initiative erfuhr aber keine weitere Verbreitung in den Vereinigten Staaten und erst im Jahr 1958 entstand in Los Angeles wieder eine ähnliche Einrichtung.

In Europa sind erste Projekte ab 1953 verzeichnet, die ebenfalls von Geistlichen ins Leben gerufen wurden und sich wiederrum ausschließlich mit Suizidenten beschäftigten. Der Pater Chad Varah aus London gilt heute als Gründervater der TelefonSeelsorge. Seine Arbeit wurde schnell in Europa berühmt und weitere Initiativen wurden ins Leben gerufen.

Die erste Einrichtung in Deutschland entstand in Berlin und wurde von dem Arzt und Pfarrer Klaus Thomas gegründet. Auch hier ging es zunächst nur um die telefonische Betreuung von suizidgefährdeten Menschen. Thomas führte eine kurze Ausbildung für zunächst zwölf Mitwirkende durch, wobei „eine zentral-biblische, menschlich warme und verstehende Seelsorge“ (Thomas 1956, S. 355 zit. n. Habenicht 2006, S. 17) im Zentrum stand. Weitere Stellen in anderen Städten Deutschlands entstanden, öffneten sich für das gesamte Spektrum an Problemlagen und waren teilweise schon 24 Stunden täglich erreichbar.

Damals wurde das Medium Telefon als sehr niederschwellige Kontaktmöglichkeit genutzt, jedoch spielte die Anonymität von Anrufern und Seelsorgern noch keine große Rolle. Oftmals fanden weiterführende Face-to-Face-Kontakte statt. Die Anrufe wurden sowohl von Laien als auch von Fachleuten entgegengenommen, wobei ein naives Seelsorgeverständnis der Arbeit zugrunde lag. Zuhören können und Wärme vermitteln, sowie die Kompetenz psychische Störungen der Anrufer zu erkennen, reichten damals aus.

In der ehemaligen DDR entstand das erste Konzept dieser Art im Jahr 1983 unter dem Namen „Telefon des Vertrauens“, das von der SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands) gegründet wurde. Das Ziel war in erster Linie große Gefühlsregungen der Anrufer zu beschwichtigen und ihnen zu helfen ihren klaren Verstand wieder zu aktivieren. Ab 1986 gründeten sich auch TelefonSeelsorge-Einrichtungen in der DDR, die von Beginn an mit ehrenamtlichen Mitarbeitern arbeiteten, die eine einjährige Ausbildung durchliefen. Problematisch beim Telefon des Vertrauens, sowie bei der kirchlichen TelefonSeelsorge in der ehemaligen DDR war der Umstand, dass die Telefonate vom Staatssicherheitsdienst abgehört wurden, was natürlich die Hemmschwelle für die Anrufer stark erhöhte.

Nach der Wende wurden die neuen von den alten Bundesländern durch Informationsaustausch und mit finanziellen Mitteln unterstützt, wodurch weitere Stellen entstehen konnten.

Bereits 1968 kam es zu einer ersten Zusammenarbeit der katholischen und der evangelischen TelefonSeelsorge. Außerdem wurden internationale Treffen zum gegenseitigen Austausch westeuropäischer Länder arrangiert.

Seit 1995 wird auch das Medium Internet in die Arbeit der TelefonSeelsorge einbezogen (Email- und Chatberatung). Zwei Jahre später kam ein Kooperationsvertrag mit der Deutschen Telekom zustande. Seitdem sind die Anrufe aus dem Festnetz für die Anrufer kostenfrei.

(vgl. Habenicht 2006)

Heute gibt es mehr als hundert TelefonSeelsorge-Einrichtungen, die sich auf ganz Deutschland verteilen. (vgl. http://www.telefonseelsorge.de/wir/geschichte.htm)

Neben der telefonischen Seelsorge werden auch Internetberatungen (Email- und Chatberatungen) und in einigen Orten Face-to-Face-Kontakte angeboten. (vgl. http://www.telefonseelsorge.de/beratung/unser_angebot.htm)

Diese beiden Säulen der TelefonSeelsorge (Internetberatung und Face-to-Face-Kontakte) sollen aber in dieser Arbeit ausgeklammert werden, da hierbei wieder andere Aspekte berücksichtigt werden müssten.

2. Die Grundsätze der TelefonSeelsorge

Die TelefonSeelsorge arbeitet mit folgenden Grundsätzen:

(http://www.telefonseelsorge.de/wir/grundsaetze.htm)

Anonymität
Niemand, der anruft, wird nach seinem Namen gefragt. Jede und jeder kann anonym bleiben. Die Rufnummer der Anrufenden erscheint bei uns nicht im Display. Da das Telefonat gebührenfrei ist, wird es später nicht in einem Einzel-Verbindungsnachweis zur Telefonrechnung aufgeführt. So bleibt ein Anruf bei uns auch im Umfeld der Ratsuchendenverborgen. Die Verbindungsdaten werden jedoch zum Zwecke einer eventuellen Strafverfolgung von den Telekommunikationsunternehmen entsprechend den gesetzlichen Vorschriften seit Jahresbeginn 2008 für sechs Monate gespeichert.

Verschwiegenheit
Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unterliegen der Schweigepflicht.

Erreichbarkeit rund um die Uhr
Die TelefonSeelsorge-Stellen sind Tag und Nacht erreichbar, auch an Wochenenden und Feiertagen, bundesweit.

Offenheit
Die TelefonSeelsorge ist offen für alle Problembereiche, für alle Anrufenden in ihrer jeweiligen Situation.

Kompetenz
Die ehrenamtlich tätigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der TelefonSeelsorge sind sorgfältig ausgewählt, mindestens ein Jahr lang ausgebildet und werden durch regelmäßige Supervision begleitet.

Ideologiefreiheit
Auf die Anrufenden wird weder konfessioneller noch politischer oder ideologischer Druck ausgeübt.

Kostenfreiheit
Für die Ratsuchenden entstehen keine Kosten. Die anfallenden Gesprächsgebühren übernimmt die Deutsche Telekom AG als Partner der TelefonSeelsorge.

Die TelefonSeelsorge steht also rund um die Uhr Menschen aus unterschiedlichen Kontexten mit allen möglichen Problemlagen zur Verfügung. Ausgeschlossen werden lediglich Anrufer, die Mitarbeiter beleidigen, ihnen Gewalt androhen, unter Alkohol- oder Drogeneinfluss stehen, oder mit dem Ziel der sexuellen Befriedigung anrufen.

(vgl. Plöger 2006)

3. Statistik 2005 - 2007

(Quellen: http://www.telefonseelsorge.de/hintergrund/telefon_2004-2006.htm und

http://www.telefonseelsorge.de/hintergrund/telefon_2007-2009.htm)

Im Folgenden werden die Jahresstatistiken 2005 bis 2007 vorgestellt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Ehrenamtliche Mitarbeiter der TelefonSeelsorge 2005-2007

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Gespräche der TelefonSeelsorge 2005-2007

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Dauer der Gespräche bei der TelefonSeelsorge 2005-2007

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Geschlecht der Anrufenden bei der TelefonSeelsorge 2005-2007

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Alter der Anrufenden bei der TelefonSeelsorge 2005-2007

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6: Themen der Gespräche bei der TelefonSeelsorge 2005-2007

Die TelefonSeelsorge beschäftigte in den letzten drei Jahren sieben- bis achttausend ehrenamtliche Mitarbeiter, wobei rund 80 % Frauen waren. In Ausbildung sind jährlich circa 800 neue Ehrenamtliche.

Jedes Jahr gehen ungefähr zwei Millionen Anrufe bei der TelefonSeelsorge ein, jedoch kommt es bei circa 400.000 Anrufen zu keinen Gesprächen, da die Anrufer zuvor auflegen. Anrufer, die auf ein Besetztzeichen stoßen, werden statistisch nicht erfasst. Etwa 45% der Anrufe werden von Erstanrufern getätigt, 30 % sind Anrufer, die öfter anrufen und die restlichen 25% machen die regelmäßigen Anrufer aus. Ab wann von einem regelmäßigen Anrufer (Daueranrufer) gesprochen wird, geht aus dieser Statistik nicht hervor.

Annähernd ein Drittel der Gespräche dauert weniger als eine Minute. Die Mehrheit der Gespräche, 45 %, dauern fünf bis dreißig Minuten.

Rund doppelt so viele Frauen wie Männer rufen bei der TelefonSeelsorge an, jedoch können rund 20% der Anrufer keinem Geschlecht zugeordnet werden.

Etwa ein Drittel der Anrufer gehört der Alterssparte 11-19 Jahren an. In höherem Alter, ab ungefähr 70 Jahren, geht die Anruferzahl deutlich zurück.

Die Themen sind sehr vielfältig, psychische Erkrankungen sind jedoch der häufigste Grund für einen Anruf. Doch auch körperliche Krankheiten, Sinn/Orientierung oder Einsamkeit nehmen einen großen Teil ein.

4. Die Bedeutung der Kommunikation mittels Telefon

Am Telefon steht nur der akustische Sinneskanal zur Verfügung. Die tatsächliche Wahrnehmung hängt vom jeweiligen Telefonberater ab, der sich durch das Gesprochene, den Klang, der Modulation, der Rhythmik der Stimme sowie durch eventuelle Nebengeräusche ein eigenes Bild vom Anrufer macht. Er weiß nicht, wo der Anrufer gerade ist oder in welcher Situation er sich befindet. Genauso geht es dem Anrufer. Dieser kann nicht wissen, wo sich der Mensch am anderen Ende der Leitung aufhält, ob er sitzt oder steht, welche Mimik oder Gestik er macht. Alles bleibt der Phantasie überlassen.

Im Gegensatz zu einem Face-to-Face-Kontakt kann die Verbindung bei einem telefonischen Kontakt stets ohne Vorwarnung abgebrochen werden. Wenn dem Anrufer etwas nicht passt, legt er schlichtweg auf und eine Klärung ist nicht mehr möglich. Des Weiteren gibt es selten eine Fortsetzung von Gesprächen, da die Dienste auf viele Ehrenamtliche verteilt sind. Die Mitarbeiter können, mit Ausnahme bei den Daueranrufern, nicht nachvollziehen, wie es dem Anrufer nach dem Telefonat erging, wodurch sie den Nutzen eines Gesprächs schlecht einschätzen können.

(vgl. Seidlitz/Theiss 2007)

5. Die Bedeutung der Ehrenamtlichkeit der Mitarbeiter

Die Existenz der TelefonSeelsorge wäre heute ohne den Einsatz von Ehrenamtlichen undenkbar. Aber dies nicht nur aufgrund der begrenzten finanziellen Mittel und Sparmaßnahmen sozialer Institutionen, sondern auch konzeptionell sind gerade die Laienmitarbeiter für die Beratung am Telefon besonders wertvoll. (vgl. Biel 2006)

Harsch (1985, S. 27) formulierte dazu folgendes: „Telefonseelsorge könnte auch von einem kleinen hauptamtlichen Team getan werden. Wir meinen aber, daß [sic!] die Hilfe für Menschen in ihren Konflikten und Krisensituationen Sache einer mündigen und verantwortungsbewußten [sic!] Gemeinde ist. Bei der Vielfalt der Probleme hat es sich bewährt, wenn eine größere Mitarbeiterschaft mit verschiedenartigen Fähigkeiten in einem Team zusammenarbeitet.“

Die große Belastung durch die vielen Anrufe und die Bereitstellung einer 24-Stunden-Erreichbarkeit, wird durch die große Anzahl von ehrenamtlichen Mitarbeitern auf viele Schultern verteilt, wobei jeder seine speziellen Fähigkeiten und Kenntnisse einbringen kann. Jeder Mitarbeiter bringt bereits vorhandene Stärken und Fähigkeiten mit, wenn er die Ausbildung beginnt. Jeder Einzelne hat seine eigene und somit individuelle Lebensgeschichte, von der er geprägt wurde. Diese Mannigfaltigkeit der Erfahrungen eröffnet den Anrufern eine Vielfalt von unterschiedlichen Persönlichkeiten und Kompetenzen. Von diesen unterschiedlichen Sichtweisen können die Anrufer profitieren. Die Hauptsache ist jedoch, dass die Ehrenamtlichen den Anrufenden ihre freie Zeit schenken, in der sie nur für diese da sind. Sie nehmen sich Zeit, diesen Personen zuzuhören, wenn es niemand anderes mehr möchte. Da die Mitarbeit bei der TelefonSeelsorge freiwillig ist, steht eine hohe Motivation dahinter. Die Ehrenamtlichen müssen verlässlich sein, sowie die Bereitschaft zeigen sich regelmäßig fortzubilden und ihre Arbeit angemessen zu reflektieren. Die Freiwilligen sind nutzbringend für die Gesellschaft, deshalb wollen und müssen auch sie selbst von ihrer Tätigkeit profitieren, um die notwendige Motivation aufrechtzuerhalten. Prestige spielt bei Mitarbeitern der TelefonSeelsorge wohl nur eine untergeordnete Rolle, da die Arbeit nicht öffentlich stattfindet. Die Ausbildung und weitere Fortbildungsangebote, die nicht nur für die Arbeit gewinnbringend, sondern auch für die Ehrenamtlichen persönlich bereichernd sind, haben hier wohl die größte Bedeutung. Sicherheit in Gesprächen, Selbsterfahrung und die Erweiterung des Wissens über soziale Tatbestände und psychologische Phänomene, sind nicht nur für die Arbeit am Telefon nützlich. Neben der Ausbildung sind auch eine Aufwertung der beruflichen Qualifikation und zum Teil religiöse Aspekte als Motivationsantrieb zu nennen. Diese unterschiedlichen Anreize der Ehrenamtlichen gilt es als Leiter einer Ausbildungsgruppe oder als Supervisor bewusst wahrzunehmen und mit den Ehrenamtlichen zu reflektieren. Der Ausbildungsleiter sollte stets versuchen auf die Bedürfnissen der Ehrenamtlichen einzugehen, damit sie sich in der jeweiligen Stelle auf Dauer wohlfühlen können.

(vgl. Biel 2006)

6. Die Ausbildung der Ehrenamtlichen bei der TelefonSeelsorge

Die katholische TelefonSeelsorge wurde anfänglich nur von hauptberuflich Angestellten geleistet, wogegen die evangelische TelefonSeelsorge schon von Beginn an mit ehrenamtlichen Mitarbeitern arbeitete. Zunächst vermittelte die Ausbildung den Ehrenamtlichen vor allem Informationen über bestimmte Problemthemen, die am Telefon Gegenstand von Gesprächen werden könnten. Selbsterfahrung und Gesprächsführung waren damals noch zweitrangig. Um 1970 änderte sich diese Einstellung und die eigene Betroffenheit der Teilnehmer einer Ausbildungsgruppe spielte von nun an eine wesentliche Rolle. Somit wurde Selbsterfahrung als wichtiger Teil in die Ausbildung integriert. Die Ausbildungsinhalte: Themenzentrierte Interaktion nach Ruth Cohn, Gesprächsführung auf Grundlage der Transaktionsanalyse nach Eric Berne und später die Personzentrierte Gesprächsführung nach Carl Rogers, sowie eine beziehungsfördernde Grundhaltung, gewannen immer mehr an Bedeutung.

1978 erschien ein Rahmenplan für die Ausbildung der Ehrenamtlichen, in dem erstmals auch die Bedeutung der Auswahl von kompetenten Freiwilligen festgehalten wurde. Darin wurden die wichtigsten Voraussetzungen für die Teilnahme an einer Ausbildung festgelegt : „ausreichende Selbstexplorationsfähigkeit, Lernbereitschaft, Belastbarkeit, Einfühlungsvermögen, Flexibilität, Offenheit und Wertschätzung für sich und andere, Beziehungs- und Abgrenzungsfähigkeit, Teamfähigkeit“ (Seidlitz 2006, S. 52). Diese Eigenschaften, die nicht leicht festzustellen sind, werden anhand von Fragebögen und Auswahlgesprächen zu ermitteln versucht.

Ein Ausbildungskurs bei der TelefonSeelsorge umfasst zwischen 100 und 300 Stunden und wird in kleinen Gruppen von 12-15 Personen durchgeführt. Allgemeine Informationen zu wichtigen Themengebieten, Gesprächsführungstechniken und Selbsterfahrung sind nach wie vor die drei maßgeblichen Bestandteile, wobei jede Stelle und jeder Ausbildungsleiter eigene Schwerpunkte setzen kann.

(vgl. Seidlitz 2006)

IV. Der Telefonnotruf des Landshuter Netzwerks

1. Aufbau

Neben der TelefonSeelsorge, die bundesweit verbreitet ist, gibt es viele kleine regionale Anbieter, die sich das Konzept der TelefonSeelsorge und auch deren Ausbildung für die Ehrenamtlichen zum Vorbild nehmen. Bei durchschnittlich zwei Millionen Anrufen pro Jahr und der Häufigkeit eines Besetztzeichens, welches die Anrufer oft zu hören bekommen, wird die Notwendigkeit solcher zusätzlichen Angebote deutlich. Ein Beispiel hierfür ist der „Telefonnotruf“ des Landshuter Netzwerks, der im Folgenden kurz vorgestellt werden soll. Die Konzeptentwicklung im Rahmen dieser Diplomarbeit ist demnach nicht alleinig für die Ausbildung Ehrenamtlicher bei der TelefonSeelsorge, sondern genauso für andere Einrichtungen, die derartige Krisentelefone anbieten wollen, gedacht.

Den Telefonnotruf „Brücke“, der nun beim Landshuter Netzwerk eingegliedert wurde, gibt es seit nunmehr über 20 Jahren. Er steht allen Bürgern der Region Landshut, sowie den Nachbarregionen zur Verfügung.

Die Grundsätze sind denen der TelefonSeelsorge sehr ähnlich, allerdings ist das Notruftelefon täglich nur von 17:00 - 23:00 Uhr besetzt, wobei jeweils ein Ehrenamtlicher von 17:00 - 20:00 Uhr und einer von 20:00 - 23:00 Uhr am Telefon arbeitet. Der Anruf aus dem Festnetz ist ebenso wie bei der TelefonSeelsorge kostenfrei.

Zurzeit arbeiten ungefähr 50 Ehrenamtliche regelmäßig am Notruftelefon. Eine hauptamtlich angestellte Sozialpädagogin führt die Ausbildung durch und begleitet die Ehrenamtlichen auch danach.

2. Statistik 2007

(Landshuter Netzwerk, Jahresbericht 2007)

Anzahl der Anrufe: 2280

im Frühdienst: 1226

im Spätdienst: 1054

Aufleger: 213

Anzahl der Anrufe (ohne Aufleger): 2067 davon 1904 Frauen

163 Männer

Daueranrufer: 1714 davon 1609 Frauen

105 Männer

Im vergangenem Jahr wurden 2.067 Gespräche am Notruftelefon des Landshuter Netzwerks geführt. Erstaunlicherweise riefen etwa 15mal so viele Frauen wie Männer an. Bei der Statistik der TelefonSeelsorge wird von einem 2:1–Verhältnis ausgegangen. Ebenso ist der Anteil der Daueranrufer beim Landshuter Netzwerk wesentlich höher. Über 90% der Gespräche wurden mit regelmäßigen Anrufern geführt.

3. Ausbildung

Einmal im Jahr wird eine neue Gruppe ausgebildet, für die sich interessierte Bürger bewerben können. Die Ausbildung ist kostenlos und findet jedes Jahr von Ende Oktober bis Juli des folgenden Jahres statt. Die Treffen sind gewöhnlich einmal pro Woche und dauern jeweils zweieinhalb Stunden. Zusätzlich finden zwei ganztägige Samstagsseminare statt. Insgesamt beinhaltet die Ausbildung 85 Stunden und 12 Hospitationsstunden. Genau wie bei der TelefonSeelsorge-Ausbildung ist neben der Wissensvermittlung intensive Selbsterfahrung ein wichtiger Bestandteil. Außerdem werden grundlegende Gesprächsführungstechniken erlernt und geübt.

Gegen Ende der Ausbildung haben die Teilnehmer durch mehrere Hospitationen bei erfahrenen Notrufberatern die Möglichkeit, die praktische Arbeit kennen zu lernen und sich auch schon selbst am Telefon auszuprobieren.

Nach abgeschlossener Ausbildung erhalten die Berater fortwährend von einer Fachkraft Unterstützung und Beratung für die Arbeit am Telefon. Hierzu finden monatlich Praxisbesprechungen, zwei Fortbildungen jährlich und regelmäßige Supervisionen statt.

(vgl. Flyer: Telefonnotruf Landshuter Netzwerk; Ausbildung zum/zur ehrenamtlichen Notrufberater/in)

Die Ausbildung wird kostenlos angeboten, da anschließend eine einjährige Verpflichtung zur ehrenamtlichen Mitarbeit am Notruftelefon vorausgesetzt wird. Diese Verpflichtung beinhaltet vier Dienste à drei Stunden pro Monat, die Teilnahme an der monatlich stattfindenden Praxisbesprechung sowie mindestens eine Fortbildung pro Jahr. Wenn dieses Jahr ohne schwerwiegende Gründe nicht abgeleistet werden kann, müssen die Ausbildungskosten in Höhe von 1.500 Euro selbst getragen werden.

Folgende Inhalte werden in der Ausbildung beim Landshuter Netzwerk vermittelt:

(Quelle: Flyer: Telefonnotruf Landshuter Netzwerk; Ausbildung zum/zur ehrenamtlichen Notrufberater/in)

- Aspekte des Helfens
- Gesprächsführung
- (Sexuelle) Gewalt
- Transaktionsanalyse
- Psychische Erkrankungen
- Sucht
- Co-Abhängigkeit
- Sterben – Tod – Trauer
- Krisenintervention
- Suizidalität
- Wahrnehmung – Kontakt
- Vernetzung der Einrichtungen
- Organisation und Regeln
- Selbsterfahrung
- Hospitationen im Telefonnotruf

4. Fragebogen

Im Rahmen dieser Arbeit wurde ein Fragebogen mit vier Fragen erstellt, der von 15 ehrenamtlichen Mitarbeitern des Telefonnotrufs ausgefüllt wurde. Während einer der monatlichen Praxisbesprechungen im April 2008 wurden die Fragebögen verteilt und die Ehrenamtlichen hatten rund 15 Minuten Zeit, die Fragen zu beantworten.

Folgende Fragen wurden gestellt:

1. Was hat Sie dazu bewegt die Notrufausbildung beim Landshuter Netzwerk zu beginnen?
2. Welche Ausbildungsinhalte empfanden Sie für Ihre spätere Arbeit am Telefon am nützlichsten?
3. Haben Sie die Ausbildung auch außerhalb des Telefonnotrufs als bereichernd empfunden? Bitte erläutern Sie kurz.
4. Haben Sie Verbesserungsvorschläge für zukünftige Ausbildungsgruppen? Bitte erläutern Sie kurz.

Der Fragebogen enthielt nur offene Fragen, da die Wahrscheinlichkeit groß erschien, dass die Antworten zu individuell und vielfältig ausfallen würden, als dass man sie in Kategorien einteilen und vollständig aufzählen könnte.

Selbstverständlich sind die Ergebnisse dieses Fragenbogens nicht als repräsentativ zu verstehen und sollen nur in Ansätzen die Sichtweise der Ehrenamtlichen widerspiegeln.

Bei vielen der Befragten liegt die Ausbildung schon längere Zeit (mehrere Jahre) zurück. Inwieweit sich die Ausbildung in diesem Zeitraum verändert hat, ist schwer zu sagen. Die grundlegenden Elemente sollten sich jedoch nicht allzu stark gewandelt haben.

Nachfolgend soll die Auswertung des Fragebogens dargestellt werden. Hierzu wurden die Antworten in Bereiche eingeteilt. Die Angabe in der Klammer gibt die Häufigkeit der Nennung einer Kategorie an.

Frage 1: Was hat Sie dazu bewegt die Notrufausbildung beim Landshuter Netzwerk zu beginnen?

Die Antworten auf die erste Frage waren sehr vielfältig. Unter anderem wurden folgende Motive genannt:

- Wunsch an sich selbst zu arbeiten und Erkenntnisse für sich persönlich zu gewinnen (3x)
- Wunsch der Gesellschaft etwas zurückzugeben (3x)
- Wunsch seine freie Zeit sinnvoll zu nutzen (3x)
- Wunsch zu helfen (2x)
- Berufliche Weiterbildung (2x)
- Wunsch nach Information (1x)
- Interesse an Psychologie (1x)
- Wunsch Erfahrungen aus eigener schwieriger Lebensgeschichte weiterzugeben (1x)
- Wunsch die eigene positive Einstellung weiterzugeben (1x)
- Wunsch einer sinnvollen Tätigkeit in der Rente nachzugehen (1x)
- Suche nach einem neuen Lebensinhalt (1x)
- Interesse an den Mitmenschen (1x)
- Wunsch mit den Problemen anderer besser zurechtzukommen (1x)
- Wunsch andere Menschen kennen zu lernen (1x)
- Sinnsuche (1x)
- Wunsch Gesprächsführung zu erlernen (1x)

Durch die vielfältigen Antworten auf die Frage nach der Motivation die Ausbildung zu beginnen, wird deutlich, dass es hierauf keine pauschale Antwort gibt. Jeder Ehrenamtliche hat gänzlich unterschiedliche Gründe für die Aufnahme der Ausbildung. Während der Ausbildung sollten diese Motivationen auch thematisiert und reflektiert werden. Interessanterweise gibt niemand religiöse Gründe für die Aufnahme des Ehrenamtes an, wie es früher wohl eher üblich gewesen wäre. Heutzutage scheint es absolut legitim zu sein, aus der Ausbildung auch für sich persönlich profitieren zu wollen.

Frage 2: Welche Ausbildungsinhalte empfanden Sie für Ihre spätere Arbeit am Telefon am nützlichsten?

Diese Frage sollte Aufschluss darüber geben, was den Ehrenamtlichen in der Ausbildung am meisten gebracht hat. Dies sollte auch in Zukunft unbedingt Teil solch einer Ausbildung bleiben. Folgende Antworten wurden gegeben:

- Informationen zu verschiedenen Krankheitsbildern (10x)
- Rollenspiele (5x)
- Gesprächsführung (4x)
- Aktives Zuhören (3x)
- Transaktionsanalyse (3x)
- Krisenintervention (2x)
- Fallbeispiele (2x)
- Austausch mit den anderen der Ausbildungsgruppe (2x)
- Sich in andere einfühlen zu können (2x)
- Umgang mit den unterschiedlichen Problemlagen (1x)
- Stille aushalten zu können (1x)
- Grenzen zu setzen (1x)
- Erkenntnis, dass man nicht sofort die Probleme lösen muss (1x)
- Erkenntnis wie negativ Ratschläge sein können (1x)
- Thema: Daueranrufer (1x)
- Selbsterfahrung (1x)

Zwar ist in vielen Antworten die Wissensvermittlung enthalten, allerdings wurde deutlich, dass für jeden Teilnehmer andere Schwerpunkte wichtig erscheinen. Für die einen war es das Themengebiet Suchterkrankungen, für andere psychische Erkrankungen oder Gewalt in der Familie. Gesprächsführung und Rollenspiele wurden überdurchschnittlich häufig genannt; Selbsterfahrung explizit nur einmal. Dies zeigt, dass die Gesprächsführung, die häufig in Form von Rollenspielen geübt wird, für die Ehrenamtlichen einen zentralen Stellenwert einnimmt. Der Bereich Selbsterfahrung scheint den Ehrenamtlichen nicht allzu bedeutend für die Arbeit am Telefon zu erscheinen, was aber auch daran liegen könnte, dass Selbsterfahrungselemente in der Ausbildung immer wieder einfließen, aber nie explizit so benannt werden. Bei der dritten Frage wird dennoch die Bedeutung der Selbsterfahrung für die Ehrenamtlichen deutlich.

Frage 3: Haben Sie die Ausbildung auch außerhalb des Telefonnotrufs als bereichernd empfunden? Bitte erläutern Sie kurz.

[...]

Details

Seiten
108
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783836627054
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v226625
Institution / Hochschule
Hochschule für angewandte Wissenschaften Landshut, ehem. Fachhochschule Landshut – Soziale Arbeit
Note
1,0
Schlagworte
telefonseelsorge ehrenamt ausbildung gesprächsführung selbsterfahrung

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Die Ausbildung Ehrenamtlicher für die telefonische Beratung / Begleitung von Menschen in seelischen Notlagen