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Generationen der Jugend

Bedeutung und aktuelle Relevanz des Generationskonzepts in der Jugendsoziologie

Magisterarbeit 2006 107 Seiten

Soziologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

I. Einführung

II. Bedeutung des Generationskonzepts für die Jugendsoziologie
1. Die Entdeckung der Jugend
1.1 Jugend in der vorindustriellen Zeit
1.2 Die Entdeckung der Jugend zu Beginn der Industrialisierung
1.3 Das 20. Jahrhundert als „Jahrhundert der Jugend“
2. Jugendbewegung und Generation
2.1 Zum Verständnis von Jugendbewegungen und Bünde
2.2 Form und Bildung einer Generation
2.2.1 Generation – eine Begriffsbestimmung
2.2.2 Theoretische Ansatzpunkte einer Generation und eines Generationenwechsels
2.3 Das Generationskonzept nach Mannheim
3. Die deutsche Wandervogelbewegung
3.1 Politisch-kulturelle und sozialstrukturelle Umstände – die Generationslagerung
3.2 Die Anfänge der Wandervogelbewegung
3.2.1 Der Generationszusammenhang
3.2.2 Soziale Kontrollmechanismen
3.3 Identitätsfindung – die Generationseinheit
3.4 Die Zersplitterung und das vorläufige Ende des Wandervogels
3.5 Die Wandervogelbewegung – eine Generation im Zeichen des Wandels
4. Das Nachkriegsjahrzehnt – die skeptische Generation
4.1 Geschichtliche Reflexion
4.2 Politischer Wandel und Untergang – die Generations-lagerung
4.3 Kollektiver Zweifel an einer eigenständigen Rolle
4.3.1 Der Generationszusammenhang
4.3.2 Versuch einer begrifflichen Bestimmung
4.4 Krise in der Verhaltenssicherheit – die Generationseinheit
4.5 Die skeptische Generation – ein Fazit
5. Die 68er Bewegung
5.1 Zu den Vorläufern der Studentenbewegung – die Generationslage
5.1.1 Historisch-sozialer Raum
5.1.2 Die geistigen Väter der Revolution
5.2 Konflikt und Mobilisierung – der Generations-zusammenhang
5.2.1 Konflikte bis 1966
5.2.2 Höhepunkt der Mobilisierung: 1967/68
5.3 Distanz zur Gesellschaft – die Generationseinheit
5.4 Die 68er Bewegung – Generation, Kulturrevolution und sozialer Wandel
6. Generationen3 – drei Jahrzehnte in Deutschland
6.1 Jugend nach der 68er Bewegung – vom fiktiven Generationenkonflikt zur Gesellschaftskrise
6.2 Die 78er – Aufstand im Schlaraffenland
6.2.1 Sozialstrukturelle Umstände – die Generationslagerung
6.2.2 Geschehnisse und Soziale Veränderungen – der Generationszusammenhang
6.2.3 Motto: Dagegensein – die Generationseinheit
6.3 Die Debatte um die 89er – Generation ohne Eigenschaft?
6.3.1 Krisen, Probleme, Einschränkungen – die Generations-lagerung
6.3.2 Der Anfang vom Ende – der Generationszusammenhang / die Generationseinheit
6.3.3 Die 89er: Generation ohne Eigenschaften – die Ursachen
6.4 Die 90er Jahre – die Generation @
6.4.1 Die Kinder der Medien – die Generationslagerung
6.4.2 Leben im Informationszeitalter – der Generations-zusammenhang
6.4.3 Technische Innovationen als generationsstiftendes Ereignis? – die Generationseinheit
6.5 Szenen, Stile und Kulturen – Wandel ohne Pause

III. Fazit & aktuelle Relevanz des Generationskonzepts für die Jugendsoziologie

IV. Literaturverzeichnis

I. Einführung

In den letzten Jahren hört man den Begriff der »Generation« immer öfter, sowohl in der Presse, als auch im Fernsehen, im Internet oder anderen Medien. Allein der Besuch des Internetportals „google.de“ listet auf den Suchbegriff »Generation« 383.000.000 Treffer auf (am 01.12.2005). Dabei wird zum Beispiel von einer neuen Computergeneration, von einer neuen MTV Generation, oder anderen eigentümlichen Generationstypen gesprochen. Fakt ist, dass in den letzten Jahrzehnten in Deutschland die Jugendkulturen und die Jugendszenen in einem solchen Maß zugenommen haben, dass es sehr schwer geworden ist, sich ein Gesamtbild zu verschaffen. Es finden sich in der jugendlichen Bevölkerung eine derartige Vielzahl von unterschiedlichen Orientierungen, Wertdeutungen und Erscheinungen von der jugendlichen Art zu Leben, dass man sie inzwischen nicht mehr als ein geschlossenes Konstrukt ansehen kann.

Die Jugend bietet dem Betrachter nämlich mit all ihren verschiedenen Einflüssen und Auswirkungen einen sehr vielfältigen Eindruck, der konfus und zugleich auch widersprüchlich erscheint. Unternimmt man den Versuch, eine bestimmte Bewegung in der Jugend zu untersuchen, scheitert dieses Vorhaben oft an der Schnelllebigkeit der jugendlichen Welt. Dies zeigt sich in nahezu allen Bereichen, wie zum Beispiel im Kleidungsverhalten, bei der Musik, im Freizeitverhalten, bei Tanzstilen, im Jargon. Was von dem Betrachter, von der Gesellschaft, als aktuelle Gegebenheit, Strömung oder Orientierung angesehen wird, wird von den Jugendlichen oft bereits als veraltet empfunden. Überspitzt könnte man deshalb auch formulieren, dass sich die Einstellungen zu den Werten bei den Jugendlichen oft von Tag zu Tag ändern. Beeinflusst natürlich auch durch übergeordnete Institutionen, die versuchen sich die Jugend so erziehen, wie sie am nützlichsten ist.

Bei dem Versuch, die Entwicklung der letzten Jahre in der Jugendszene zu kategorisieren oder zu etikettieren, wird dabei leider zu oft und zu vorschnell der Begriff »Generation« verwendet, ohne eigentlich genau zu wissen, was dieser Begriff exakt bedeutet und bezeichnet.

Diese Arbeit soll sich nun also mit dem Thema Jugend und Generationen beschäftigen. Im Detail geht es dabei vor allem um die Bedeutung und die aktuelle Relevanz des Generationskonzepts in der Jugendsoziologie.

Zu Beginn der Arbeit wird ein kurzer Abriss über die allgemeine Entstehung der Jugend als eigenständige Lebensphase gegeben, da ohne Jugend und Jugendphase naturgemäß keine Generationsbildung möglich ist. Dies geschieht durch eine Gegenüberstellung der Lebensumstände in der vorindustriellen und industriellen Zeit, sowie in einer Übersicht der Jugend im 20. Jahrhundert. Ebenso wird der Begriff Generation und Jugendbewegung näher erläutert, um von vornherein Verständnisprobleme zu vermeiden. Dafür werden grundsätzliche Überlegungen angestellt, was für eine Generationsbildung, beziehungsweise für einen Generationswandel notwendig ist. Darauf folgt die Darstellung der wichtigsten Grundlage für die Arbeit, nämlich das Generationskonzept von K. Mannheim, welches als Leitfaden und Analyseinstrument für die gesamte Arbeit dienen wird. Dabei werden besonders seine Generationsmomente hervorgehoben, als da wären: die Generationslagerung, der Generationszusammenhang und die Generationseinheit.

Mit Hilfe dieser Anhaltspunkte soll erörtert werden, inwieweit man in der heutigen Gesellschaft überhaupt noch von einer Jugendgeneration sprechen kann, beziehungsweise, ob sich heutzutage noch Generationen bilden können, oder, zumindest, ob man in der gegenwärtigen Gesellschaft Jugendbewegungen finden kann, die ein Anzeichen für eine zukünftige Generation sein könnten. Damit verbunden ist, mit dem Generationsphänomen zu untersuchen, ob sich ein Wandel in der Bildung von Generationen vollzogen hat, beziehungsweise gerade stattfindet, oder aber auch sich eine Art Kontinuität eingestellt hat, die es ermöglicht, dass sich auch weiterhin Generationen unter gewissen Umständen bilden werden. Zusätzlich soll geprüft werden, wie tragfähig das Generationskonzept zu welcher historischen Phase für die Jugendsoziologie ist, um somit zu einer Aussage zu kommen, welche die Bedeutung bestimmt. Auch der gesellschaftliche und der historische Wandel sollen mit dem Konzept geklärt werden. Damit würde man zu einem Ergebnis kommen, welches die aktuelle Relevanz des Generationskonzepts in der Jugendsoziologie belegen würde, und was das Konzept insgesamt leistet.

Die Grundlage, um zu wissenschaftlichen Aussagen über die Bedeutung des Generationskonzept und später zur aktuellen Relevanz zu gelangen, bildet die Betrachtung von bereits vergangen Generationen im 20. Jahrhundert in Deutschland. Um jedoch nicht den Rahmen der Arbeit zu sprengen, wurden zunächst nacheinander drei Generationen ausgewählt und bearbeitet. Diese wären zu Anfang des Jahrhunderts die Wandervogelbewegung, nach dem zweiten Weltkrieg die skeptische Generation, und danach die Studentenbewegung der 68er. Danach werden die 70er, 80er und 90er ebenfalls mit Hilfe des Analyseinstruments nach generationsrelevanten Indizien, sowie einem möglichen Wandel überprüft. Alle Komponenten werden nach demselben Schema untersucht, um möglicherweise unter den verschiedenen Generationen Parallelen und Gemeinsamkeiten zu finden, die dann auf die Betrachtung der gegenwärtigen Jugend angewendet werden können, um dann am Ende der Arbeit zu einem möglichst aussagekräftigen Ergebnis zu gelangen.

Die Vorgehensweise gestaltet sich dabei folgendermaßen: Jede Generation wird Anfangs aus dem Blickwinkel der gesellschaftlichen und politischen Einflüsse betrachtet, die es ermöglichten, dass sich überhaupt eine solche bilden konnte. Das bedeutet, es werden die sozialstrukturellen Gegebenheiten untersucht, welche die Jugendlichen in der betreffenden Bewegung erlebt haben. Darunter fallen der sozial-historisch Raum, dieselbe Lagerung naher Geburtsjahrgänge, gesellschaftliche Ereignisse und Zustände, und die ähnlichen Partizipations- und Erlebnismöglichkeiten. Diese Umstände sind unter dem Moment der Generationslage zusammengefasst. Danach wird der Generationszusammenhang der entsprechenden Generation betrachtet. Dabei wird versucht, Ereignisse zu dokumentieren, die in der Bewegung unter den Jugendlichen eine konkrete Verbindung entstehen lassen, die letztendlich unter ihnen ein reales „Wir-Gefühl“ hervorruft. Dieses Gefühl ist ein wichtiges Kennzeichen für eine Generation, allerdings fehlt dann, um die Thematik abzuschließen, noch die Generationseinheit als letzter Moment des Generationskonzepts. Diese soll in der Generation letztlich noch zeigen, dass die Mitglieder der Bewegung die gemeinsam erlebten Ereignisse verarbeitet haben, und so im Nachhinein die Situation subjektiv interpretieren können. Wenn dann am Ende alle diese drei Momente in der Bewegung nachgewiesen werden können, und ein Identitätsstiftendes „Wir-Gefühl“ vorliegt, dann kann man nach dem Generationskonzept von K. Mannheim erst von einer echten Generation sprechen. Die Betrachtung der jeweiligen Generation wird dann weitergeführt, um zu sehen, welche Bedeutung das Konzept für die Jugendsoziologie zu dieser bestimmten historischen Phase hat. Wie oben bereits kurz beschrieben, wird dabei auf den sozialen Wandel eingegangen und untersucht, wie tragfähig das Konzept in den verschiedenen Phasen ist.

Da die 70er, 80er, und 90er Jahre eine derartige geradlinige Untersuchung wegen der Schnelllebigkeit nicht zulassen, wird hier etwas anders verfahren. Dabei werden zuerst die wichtigsten Strömungen des betreffenden Jahrzehnts aufgezeigt. Es haben sich in dieser Zeit eine Vielzahl von neuen Größen entwickelt, die neben der Gesellschaft, der Familie und neben der Politik das Leben des Jugendlichen nun stark beeinflussen. Dazu zählen unter anderem die Medien, die Industrie und der neue Markt, soll heißen die Konsumanbieter. Nach deren Untersuchung wird eine der bedeutendsten Bewegungen des jeweiligen Zeitabschnittes herausgegriffen, die aber dann ebenfalls wieder nach den Regeln des Generationskonzept untersucht wird, um festzustellen, ob hier ebenfalls das Generationskonzept in allen Punkten erfüllt ist. Am Ende dieses Kapitels wird dann ebenfalls die Bedeutung des Generationsphänomens für die Jugendsoziologie betrachtet, und versucht zu zeigen, was das Konzept in der modernen Gesellschaft überhaupt noch leisten kann.

Am Schluss der Arbeit sollen dann diese und die anderen erarbeiteten Ergebnisse zusammengefasst und analysiert werden. Der Blick soll dabei auf der Brauchbarkeit des Generationskonzepts in der heutigen Forschung liegen. Mit der Untersuchung der Bewegungen in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, und durch die vergangenen Generationen der Jugend, können dann gleichzeitig die Bedeutung und die aktuelle Relevanz des Generationskonzepts für die Jugendsoziologie bestimmt werden.

II. Bedeutung des Generationskonzepts für die Jugendsoziologie

„Wir sehen uns gehalten, vor Darstellung des Materials zu erklären, was im Sinne der Untersuchung als »Jugend« verstanden wird, warum wir den Begriff »Generation« für die untersuchten Jahrgänge verwenden, mit welchen Gründen wir sie gegen die vorhergehende Jugendgeneration absetzen und welche Kriterien wir gegenüber einer späteren Jugend unterscheidend werten“ (Graf Blücher 1966, S. 9).

1. Die Entdeckung der Jugend

Wenn über die Jugend gesprochen wird, sollte zunächst erst einmal der Begriff näher erläutert werden. Die Jugend bietet nämlich dem Betrachter mit all ihren verschiedenen Einflüssen und Auswirkungen ein sehr vielfältiges Bild, das konfus und zugleich widersprüchlich ist. Versuche, eine bestimmte Bewegung in der Jugend zu untersuchen, scheitern oft an der Schnelllebigkeit der jugendlichen Welt.

Dennoch kann man heute – je nach Auffassung – zur Eingrenzung dieser Lebensphase bestimmte Alterswerte oder aber auch Definitionen anhand von qualitativen Eigenschaften vornehmen. Entsprechend dieser zweiten Möglichkeit wird als Beginn der Jugendphase vorwiegend die körperliche Geschlechtsreife gewählt, welche die biologische Voraussetzung der individuellen Entwicklung ist. Das Ende kann nach sozialen, psychologischen, ökonomischen und kulturellen Kategorien bestimmt werden, wie zum Beispiel dem Erreichen von finanzieller und emotionaler Eigenständigkeit. Jedoch ist es am Ende nahezu unmöglich, einen eindeutigen Zeitpunkt festzulegen. Trotzdem kann man die Jugend als einen Lebensabschnitt betrachten und somit Konstanten herausarbeiten. In die Jugendzeit fallen zum Beispiel auf alle Fälle die Pubertät, das Ende der Schullaufbahn, der Beginn der Berufsausbildung, die Abnabelung von den Eltern und die individuelle Identitätsfindung. Aus diesen Gründen wird die Jugendzeit nicht nur von dem Jugendlichen, der sie durchlebt, sondern auch von den Erwachsenen als nicht ganz unkompliziert angesehen.

„Der Begriff der »Jugend« bezeichnet nicht länger eine einheitliche Population mit identitätsstiftender, kollektiver Erfahrungswelt, sondern erweist sich als gesellschaftliches Konstrukt, abhängig von den jeweiligen historischen Konstellationen, enthält widersprüchliche Bedeutungen, vereinheitlicht unterschiedliche Lebenskarrieren, benennt gesellschaftliche Erwartungen an die nachwachsende Generation und bündelt die Sehnsucht der Gesamtgesellschaft nach körperlicher und geistiger Vitalität“ (Sigrid Pilz 1996).

Nach dem Soziologie-Lexikon von G. Reinhold versteht man traditionell unter Jugend, unter anderem, einen „Strukturwandel der Jugendphase. Innerhalb des Ablaufs der durchschnittlichen Biographie wurde die Jugendphase traditionell als »Statuspassage« von der Kindheit in die »sozial generell und endgültige gedachte Rolle des Erwachsenen« (Schelsky 1957) verstanden. Dem entsprach ein jugendtheorethisches Konzept, das die Jugendphase zugleich als »Moratorium«, als Schonraum zur Selbstfindung und Selbsterprobung (Spranger 1924, Erikson 1974), wie auch als Sozialisationsabschnitt, als Lern- und Vorbereitungszeit auf die Rolle und Aufgaben des Erwachsenen interpretiert“ (Reinhold 1991, S. 286).

U. Sander und R. Vollbrecht (Sander / Vollbrecht 2000, S. 7) sind der Meinung, dass der Begriff Jugend nicht einheitlich verwendet werden kann. Mit dem Ausdruck können junge Menschen als Personengruppen gemeint sein, die sich in einer bestimmten Zeitspanne der Biographie befinden, die sie als Jugend bezeichnen. Der Begriff kann aber auch eine historisch entstandene soziale Erscheinung darstellen oder den Möglichkeitsraum der Entwicklung, in dem sich der Jugendliche befindet, der allerdings von der Gesellschaft vorgegeben ist. Sie untergliedern Jugend in vier Kategorien: 1.) als Erziehungsaufgabe, 2.) als gesellschaftliches Problem, 3.) als Reifephase und 4.) als juristischen Terminus. Sie betonen, dass Jugend – begrifflich sowie die Lebensphase – historisch gesehen, noch ziemlich jung ist und deswegen noch nicht als Naturkonstante angesehen werden darf. „Sogar der historische Rückblick auf das 20. Jahrhundert selbst lässt sowohl geschichtliche Relativität, gesellschaftlicher Bedingtheit, aber auch gewisse Konstituiva eines Gleichaltrigenlebens Heranwachsender erkennen, das wir Jugend nennen“ (Sander / Vollbrecht 2000, S. 7).

T. Von Trotha geht einen Schritt weiter und sagt: „Zu den Selbstverständlichkeiten der modernen jugendsoziologischen Forschung gehören gleichermaßen die Aussage, dass Jugend kein universelles Phänomen ist, wie die Aussage, dass es „die“ Jugend nicht gibt“ (von Trotha 1982, S. 254). Er ist auch der Meinung, dass die Entstehung der Jugend stark mit den Bedürfnissen nach sozialer Kontrolle zusammenhängen. Allerdings können diese Aussagen nicht das theoretische Konstrukt widerspiegeln, das uns die Frage beantwortet, wie und unter welchen Umständen Jugend als eine eigenständige Lebensphase eigentlich entsteht beziehungsweise entstanden ist. Um sich dennoch mit diesem Thema auseinander zu setzen, wird im Folgenden eine Herangehensweise gewählt, die versucht, „die Frage nach der Entstehung von Jugend unter dem Gesichtspunkt einer Theorie des sozialen Wandels zu beantworten“ (von Trotha 1982, S. 255), nämlich durch den Vergleich von Eigenschaften der vorindustriellen sowie der industriellen Gesellschaft, um danach dann auf mögliche Terminanten von Generationen zu gelangen, und um das Generationskonzept zu verdeutlichen.

1.1 Jugend in der vorindustriellen Zeit

Jugend wird als eine Erfindung des 19. Jahrhunderts beziehungsweise des letzten Drittels dieses Jahrhunderts angesehen. Deswegen ist der Begriff Jugend historisch gesehen relativ jung und bezeichnete ursprünglich männliche Personen aus der Arbeiterklasse. Diese Bezeichnung hat sich dann in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts weiterentwickelt bis sie sich zu einer wesentlichen strukturellen Organisationsform der Sozialisation zum Erwachsenen fingiert hat (vgl. von Trotha 1982, S. 256). Dabei lassen sich in der vorindustriellen Gesellschaft Merkmale feststellen, welche für den späteren Vergleich von immenser Bedeutung sind und auf die jetzt im näheren eingegangen werden soll.

Die Jugend wird zu dieser Zeit als eine Art Ökonomie der Abhängigkeit, als eine Ökonomie des Dienstpersonals angesehen. Das bedeutet, dass bei dem Fehlen eines ausreichenden Erbes sowie eines finanziell abgesicherten Arbeitsplatzes die Möglichkeit bestand, dass man zum Beispiel von der Heirat ausgeschlossen wurde und damit nicht das Ziel erreichte, den vollendeten Erwachsenenstatus zu besitzen. Um diesem Schicksal entgegenzuwirken, war es also unumgänglich frühzeitig ins Arbeitsleben einzusteigen um sich finanziell abzusichern, was allerdings im Gegensatz zur Definition von Jugend generell ist, aber für diese Zeit typisch war.

Ein weiteres Merkmal der vorindustriellen Gesellschaft war die ausgesprochen kurze Lebenserwartung. Die Jugend ist im Ganzen ein relativ weit ausdehnbares Konstrukt, welches aber durch den eben genannten Gesichtspunkt stark eingeschränkt wurde. Dadurch war die Ausbildung, sowie die Arbeit selbst, altersunabhängig und die Alterstrennung ohne Strukturen, da sich keine phasenspezifischen Entwicklungen, wie zum Beispiel sexueller, personaler und sozialer Art herausbilden konnten. Jugend war somit kein geschlossener Raum. Mittelalterliche Jugendvereinigungen hatten eher den Charakter von interessen-bezogener Organisation mit einem Novizenstatus des Jugendbrauchtums. Die Jugend wurde als eine außerfamiliäre Organisationsform angesehen, in der es bis dato keine Geschlechtertrennung gab und sie zeichnete sich außerdem durch eine nicht unerhebliche Anwesenheit von Gewalt als Mittel zur Selbsthilfe aus (vgl. von Trotha 1982, S. 257 f).

Diese Gesichtspunkte äußerten sich natürlich auch im Familienleben des Jugendlichen. Durch die in der vormodernen, agrarisch strukturierten Gesellschaft wenig ausgeprägten Arbeitsteilung wurden die damalig notwendigen Fähigkeiten und Sachverständigkeiten vorwiegend durch das Elternhaus vermittelt. Besaß die Familie in dieser Zeit also noch enorm viele Aufgaben, so musste sie viele davon im Laufe der Zeit an übergeordnete Sozialgebilde abtreten. Diese Pflichtentlastung begünstigte jedoch einerseits den Prozess der Emanzipation in der Familie, mit der Überwindung des Patriarchats, andererseits die Überwindung von ständischen Schranken zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppierungen (vgl. Sieder 1980, S. 127 f).

Mit zunehmendem Alter bekam der Jugendliche mehr und mehr Aufgaben und Pflichten auferlegt, die so gestaltet waren, dass sie den Erfordernissen und Anliegen der Familie und der Gesellschaft entsprachen. Somit begann schon in der Kindheit ein Sozialisationsprozess, denn nur unter Mithilfe des Kindes konnte das oberste Ziel – die Versorgung – gesichert werden. Wie bereits oben erwähnt, war also der frühe Einstieg in die Arbeitswelt der Hauptbereich, über den die Sozialisierung stattfand, und über den sie Grundeinstellungen wie Werte, Normen und Verhaltensregeln erlernten. Der Jugendliche wächst sozusagen in seine Rolle hinein, die aber meist von vornherein vorbestimmt war, wobei er sich dadurch in großer Abhängigkeit von seiner Familie beziehungsweise seinem Arbeitsplatz befand und wenig Möglichkeiten besaß, außerhalb alternative Wertemuster und Orientierungen kennen zu lernen. Die Primärgruppe Familie übernahm dabei nur eine vermittelnde Sozialisationsfunktion (vgl. Sieder 1980, S. 123).

An diesem Punkt kann man eine Unterscheidung zwischen bäuerlichen Haus-genossenschaften und Handwerkerfamilien machen, die sich im alltäglichen Leben für den Jugendlichen unterschieden. In den bäuerlichen Familien der vorindustriellen Zeit konnte sich der Jugendliche durch seine Arbeitskraft und den zu verrichtenden Arbeiten integrieren. Besondere Sozialisationstechniken kamen dabei aber nicht zum Einsatz, denn es zählte nur die Aneignung überlebenswichtiger Funktionen, die durch die Erwachsenen vorgelebt und die durch den Jugendlichen übernommen wurden (vgl. Sieder 1980, S. 123 f). In der Handwerkerfamilie gestaltete sich das Leben anders, nämlich durch Vereinbarungen zwischen dem Meister und den Eltern des Lehrlings. Damit wurden alle elterlichen Pflichten auf den Meister übertragen. Der Jugendliche beziehungsweise der Lehrling musste diese akzeptieren und leistet seinen Beitrag indem er dem Meister gehorchte, als wäre dieser sein eigener Vater (vgl. Sieder 1980, S. 128 f).

Mit der zunehmenden Industrialisierung am Ende des 18. Jahrhunderts stieg dadurch auch die Anzahl der Jugendlichen in den Betrieben. An diesem Punkt wurde dem Jugendlichen, neben dem Status des Lernenden, noch nicht Mündigen, noch zu Sozialisierenden, ein weiterer übertragen, nämlich der des noch nicht Erwachsenen. Damit war nun schon sehr vage eine eigenständige Lebensphase eingegrenzt, wobei man noch nicht sicher sagen konnte, dass dies die Jugend ist. Darauf soll im nächsten Abschnitt genauer eingegangen werden.

Als kurzes Fazit kann jedoch gesagt werden, dass es in der vorindustriellen Zeit kein Bewusstsein für Jugend als Lebensphase mit eigenen Bedürfnissen gegeben hat. Die meisten Jugendlichen wurden als kleine Erwachsenen beziehungsweise billige Arbeitskräfte betrachtet.

1.2 Die Entdeckung der Jugend zu Beginn der Industrialisierung

„Im 19. Jahrhundert beginnt mit der Konstruktion von Jugend ein Prozess, der mit einer Ausnahme eine völlige Umkehrung der Merkmale der Zwischenstufen zwischen Kindheit und Erwachsensein einleitet und durchsetzt“ (von Trotha 1982, S. 258). Diese Merkmale sind es, die diese genau wie die vorindustrielle Zeit, charakterisieren. Deshalb soll hier ebenfalls darauf näher eingegangen und betrachtet werden.

Die Jugend beginnt sich zu einer Psychologie und Pädagogik der Abhängigkeit zu konstituieren. Allmählich fängt die Jugend an sich aus der Welt der Arbeit zurückzuziehen und auszugliedern. Dies hat zur Folge, dass nun nicht nur die Arbeit, sondern auch die Ausbildung altersabhängig wird, die Schulklasse als Sinnbild der Altersabhängigkeit der Jugend angesehen wird. Dadurch kann man nun auch außerordentlich scharfe Alterstrennungen vornehmen und man erhält im Gegensatz zur Vorzeit phasenspezifische Entwicklungspunkte mit sexueller, personaler, sozialer und wirtschaftlicher Reife. Jugendvereinigungen werden jetzt unter die Obhut und Kontrolle von Erwachsenen gestellt. Die Jugend entwickelt sich dahin weiter, dass sie sich immer mehr als ein relativ geschlossener Raum begreifen kann, das heißt, die Jugendlichen sind noch keine Vollmitglieder der Gesellschaft, sondern befinden sich in ihrem eigenen Bereich, in dem sie sich entwickeln. Dieser wird zu einem stark familienbezogenen und durch die Familie organisierten Verhaltensbereich. Es wird damit begonnen die Welt der Jugendlichen aufgrund ihres Geschlechts zu trennen, da diese Zeit sich als Gefahr und Problem der Sexualität herausbildet. Auch in der Zeit der Industrialisierung herrscht immer noch die Gewalt als ein Teil jugendlicher Erfahrung. Allerdings wird begonnen, diesen Teil ebenfalls unter die Kontrolle der Erwachsenen zu stellen, sei es durch pädagogische Maßnahmen, oder in Form des Militärdienstes zur Vorbereitung für nationale Kriege. Wie oben schon angedeutet, hat sich ein Merkmal in dieser Entwicklung nicht verändert – nämlich die lange Dauer des Übergangs von Kindheit zum Erwachsensein. Dieser Zeitraum bildet sich im Verlauf der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einem immer längeren Vorbereitungsstatus heraus (vgl. von Trotha 1982, S. 258).

Auch wenn einige dieser Merkmale eher als Einschränkung des Jugendlichen verstanden werden können, gab es in der Zeit der Industrialisierung, vor allem in dem Bereich Familie einige Veränderungen, die sich positiv für den Jugendlichen ausgewirkt haben.

Mit der Industrialisierung vollzieht sich in der Familie eine Funktions-verschiebung – sie besitzt nicht mehr die alleinige Ausbildungsfunktion. Durch die voranschreitender Industrialisierung, und vor allem auch Technisierung reichte die Familienerziehung nämlich nicht mehr aus, und die Fähigkeiten sowie Fertigkeiten sollten zunehmend in der Schule vermittelt und erworben werden. Grund- beziehungsweise Pflicht- und Berufsschulen werden zu einer notwendigen Einrichtung, um Kenntnisse zu vermitteln und zu verinnerlichen. Dies bedeutet aber dann automatisch auch eine längere Freistellung der nachwachsenden Generation von der Arbeitswelt. Diese Entwicklung veranlasst einen strukturellen Wandel, in dem die Familie nicht mehr die Primärgruppe darstellt, sondern sich vom Ort des Lernens und Dienens zum Ort des Wohnens und der Regeneration wandelt (vgl. Sieder 1980, S. 133). Dadurch wird die Familie vor komplett neue Erziehungs- und Betreuungsaufgaben gestellt, und der Jugendliche erscheint erstmals als soziales Phänomen. Weitere neue einflussreiche und außerhäusliche Sozialisationsgebilde entstehen, auf welche aber im Folgenden noch genauer eingegangen werden soll. Die Jugendlichen haben nun die Möglichkeit sich frei zu entscheiden und Sie können sich Selbstverwirklichen. „In diesem wird [...] neuerdings davon gesprochen, dass Jugend Ende des 19. Jahrhunderts als eigenständige Lebensphase [...] im Sinne einer gesellschaftlichen Herausforderung ‚entdeckt’ wurde“ (Brand 1993, S.38).

Als kleines Fazit dieses Abschnittes kann man die Entwicklung der Jugend in der Familie sehen, gleichgestellt mit der teilweisen Befreiung aus familiärer Abhängigkeit und Fremdbestimmung. Es herrscht jetzt die Konstellation Gleichheit und Kooperation statt Zwang und Dominanz.

1.3 Das 20. Jahrhundert als „Jahrhundert der Jugend“

Das 20. Jahrhundert kann man aufgrund mehrerer Gegebenheiten auch als das „Jahrhundert der Jugend“ bezeichnen. Ein Grund der dafür spricht ist – wie oben schon genannt – zum Beispiel der Wandel vom Ende des 19. zum Anfang des 20. Jahrhunderts, als die Kinder nun nicht mehr früh aus ihrer Kindheit gerissen und in die Erwachsenenwelt zum arbeiten gedrängt wurden, sondern ihnen ein gewisses Maß an Freiheit zugesprochen wurde. Dazu passt das jugendtheoretische Konzept des Moratoriums, das diese Phase als Schonzeit zur Selbstfindung und Selbsterprobung, als Zeit des Lernens und der Vorbereitung auf das spätere Leben ansah (vgl. Lamnek 1997, S. 316). Diese Veränderung führte dazu, dass alle Heranwachsenden nun als Jugendliche galten. Dennoch gab es zwischen ihnen immer noch Unterschiede, zum Beispiel durch eine verschieden lange Sozialisationsphase, behaftet mit unterschiedlichen Aspekten, wie die Abhängigkeit von Möglichkeiten, Geld, dem sozialen Status, und letztendlich auch dem Geschlecht, was wiederum eine ungleiche Behandlung hervorrief. Die doch eher positiveren Entwicklungsmöglichkeiten erhielten in jener Zeit nur Jugendliche, die aus Familien mit gehobenen wirtschaftlichen Verhältnissen kamen.

Diese eben genannten Tendenzen konnten aber nicht als eine einzige Bewegung angesehen werden, da durch die verschiedensten Etablierungen der Wissenschaft im 20. Jahrhundert, wie Pädagogik, Psychologie oder Soziologie, sich immer wieder unterschiedliche Jugendbilder entwickelt und geformt haben. Wie schon erwähnt, wurde es im Laufe der Entwicklung immer komplizierter, Jugend vom Erwachsenenalter abzugrenzen, die eigentliche Jugendphase überhaupt zu bestimmen, weil sie sehr schnelllebig war. „Diese Entwicklung der Ausbildung und der Ausdifferenzierung der Jugend vollzog sich unter verschiedenen gesellschaftlichen Einflüssen. Dazu zählen etwa Schulreformen mit tendenzieller Angleichung von Lebenschancen und der Verlängerung der Ausbildungszeiten, Wertewandel, Kommerzialisierung und Durchdringung der Lebenswelt mit Medien, politische Umwälzungen und nicht zuletzt auch jugendspezifische Einflüsse“ (Sander 2000).

Die Folge dieses Wandels führt auch schon zum zweiten Argument, warum dieses Jahrhundert als „Jahrhundert der Jugend“ bezeichnet werden kann. Mit der Entstehung von verschiedenen Jugendkulturen, entstanden gleichzeitig auch deren eigene Stile, Lebenseinstellungen, Biographien, Normen und Rollen, eigene Generationen, mit dem Ziel, sich von den Erwachsenen abzuheben. Dies führte natürlich zu einer enormen Veränderung in der Gesellschaft. „Kunst, Mode, Musikrichtungen, Lebensziele und Werte allgemein orientieren sich im 20. Jahrhundert immer stärker an jugendkulturellen Vorgaben, und die Freizeitindustrie sowie der Konsumsektor haben sich darauf eingestellt“ (Sander 2000).

Als dritten und letzten Grund, der hier aufgeführt werden soll, kann man „die Durchsetzung von Jugendlichkeit als universale und normative Sozialkultur-vorgabe in Deutschland und alle anderen modernen Gesellschaften“ (Sander 2000) nennen. Das bedeutet, dass die Jugendlichen im Laufe der Zeit von einer eher niedrigeren, unterdrückten Ebene, zu einer Höheren aufgestiegen sind, auf der sie jetzt auch eigene Rechte in der Erwachsenenwelt besitzen. Diese Veränderung hat für den Jugendlichen natürlich einen besonders hohen Stellenwert und somit verschwindet ein weiterer wichtiger Teil des Erwachsenwerdens, der vorher von den Jugendlichen angestrebt wurde. Dies hat zur Folge, dass immer mehr Heranwachsende immer länger jugendlich bleiben möchten, ähnlich wie nun auch mehr und mehr Erwachsene, die schon längst die Altersgrenze überschritten haben, wieder jugendlich sein wollen und deshalb versuchen, sich so zu verhalten und sich so zu geben.

Das Jugendbild in der Soziologie wird erst zur Mitte des 20. Jahrhunderts als relevantes Diskursthema entdeckt, vor allem durch Helmut Schelsky. Dabei wird die „Jugend [...] in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts vornehmlich als eine gesellschaftliche Größe interpretiert und diskutiert“ (Sander 2000). Ähnlich sieht das auch J. Reulecke. Er ist der Ansicht, dass die Definition des Alters von Jugend eher nebensächlich ist. „»Jugend« benennt im 20. Jahrhundert in erster Linie ein proklamiertes (und reklamiertes) Lebensgefühl“ (Reulecke 1986, S. 319).

Hier ist also zu erkennen, dass die Jugend das 20. Jahrhundert, mit all ihren Entwicklungen, Einflüssen und Tendenzen stark mitbestimmt hat, ja sogar diese Zeit teilweise dirigiert hat. Darauf soll aber in den folgenden Abschnitten nochmals genauer eingegangen werden. Dennoch ist es gerechtfertigt zu sagen, dass eben dieses Jahrhundert das „Jahrhundert der Jugend“ darstellt.

2. Jugendbewegung und Generation

Da sich die Arbeit in den späteren Kapiteln hauptsächlich mit den Komponenten Jugendbewegung und Jugendgeneration beschäftigen wird, sollen vorerst diese Begriffe näher betrachtet werden.

2.1 Zum Verständnis von Jugendbewegungen und Bünde

„Unter den verschiedenen Typen von Alters- und Jugendgruppen der modernen Gesellschaft haben die deutschen Jugendbewegungen einen hervorragenden und besonderen Platz eingenommen; denn in gewisser Weise sind sie ein Prototyp aufrührerischer Jugend, einer spezifischen jugendlichen sozialen Bewegung“ (Eisenstadt 1966, S. 98).

Von Jugendbewegung ist in Deutschland erst seit 1896 die Rede. Zu Beginn gab es eine starke Verflechtung mit reformpädagogischen Einflüssen, welche der „Jugendbewegung zumeist hinzugerechnet wird, ohne das sie explizit eine pädagogische Bewegung gewesen ist [...]“ (Knoll 1988, S. 14). Allerdings war die Besonderheit der Jugendbewegung, dass sie von der Jugend selbst ausging, während die pädagogischen Einrichtungen meist von Erwachsenen betreut wurden. Als erste solche deutsche Bewegung gilt der Wandervogel, auf den aber später noch genauer eingegangen wird.

Historisch betrachtet formierte sich die Jugendbewegung „aus einem antibürgerlichen Affekt, der junge Menschen im bewussten Gegensatz zum Stadtleben durch Ausflüge [...] die Natur nahe zu bringen versuchte“ (Wikipedia 2005 a). Dies wurde erreicht durch ihr Motto »Zurück zur Natur«, welches „mit einem bewussten, mit Anklängen an die Romantik verbrämten Rückgriff auf Traditionen“ (Wikipedia 2005 a) korrespondierte. Man versuchte damit eine unpolitische Antwort zu finden, um gegen die – vorher bereits erwähnte – Industrialisierung, Verstädterung und sozialen Probleme zu protestieren.

Diese Art von Vereinigung wurde im Verlauf der Jahre durch den großen Zuspruch der Jugendlichen so stark, dass um 1910 auch andere Einrichtungen, wie zum Beispiel Parteien, Vereine und Kirchen begannen, sich ihre eigene Jugendbewegung zu sichern und sie ebenfalls zu formieren versuchten. Allerdings sind diese neuen Jugendvereinigungen keine typischen Jugendbewegungen, weil „viele dieser neuformierten oder neugegründeten Jugendverbände in Abhängigkeit von Erwachsenenvereinigungen standen (so zum Beispiel von Parteien)“ (Wikipedia 2005 a). Dennoch schafften es auch solche Institutionen, wie zum Beispiel die Pfadfinder, sich immer ihre Autonomie und Souveränität zu behalten, und sich auf der ganzen Welt ausbreiteten. „In diesem Sinne versteht man den Wandervogel als die erste Phase der deutschen Jugendbewegung, während man die Bündische Jugend als ihre zweite Phase sieht, in der sich nach dem ersten Weltkrieg der Stil und Tradition des Wandervogels mit denen der internationalen Pfadfinderbewegung zu etwas Neuem verband“ (Wikipedia 2005 a).

Nach 1933 wurden von den Nationalsozialisten, nach der Machtübernahme, alle Bünde entweder verboten, aufgelöst, oder aber in die Hitlerjugend integriert. Manche Gruppen gingen daraufhin in den Untergrund und führten dort ihre Vereinigungen illegal fort, andere formierten sich zu Widerstandsgruppen. Nach 1945 und dem Fall des Hitler-Regimes gab es eine Vielzahl an Neugründungen von Bünden in Westdeutschland, die sich an der Jugendbewegung orientierten (vgl. Schneider 1990, S. 20ff, S. 105ff).

Auch heutzutage gibt es noch einige – zwar kleinere – Bünde, wie zum Beispiel die Pfadfinder-, Wandervögel- und Jungenschaftsbünde, beziehungsweise Burschenschaften. Es stellt sich allerdings die Frage, ob diese Bünde oder Jugendbewegungen heute noch fortleben. „Während Historiker in der Regel einen Schlusspunkt der bündischen Phase in der Eingliederung der freien Bünde in die Hitler-Jugend in den Jahren 1933/1934 sehen [...]“ (Wikipedia 2005 a), stufen sich viele Mitglieder von gegenwärtigen Gruppen in einer direkten Verbundenheit mit alten historischen Traditionen ein. C. Lütkens geht noch einen Schritt weiter und ist der Meinung, dass die gegenwärtigen Zeiten nichts mehr mit den früheren zu tun haben, und „die ganze Jugendbewegung heute national und sozial eingestellt“ (Lütkens 1986, S. 186f) ist.

Da dieser Abschnitt nur einen kurzen Abriss über die Jugendbewegung geben kann, soll hier als kleine Zusammenfassung noch ein kurzes Zitat von J. H. Knoll angeführt werden: Die „Jugendbewegung ist eine ideengeschichtlich und demographisch diffuse Erscheinung, die hinsichtlich der sie repräsentierenden Personen und des sie beschreibenden literarischen Materials nur schwer auf einen Nenner zu bringen ist“ (Knoll 1988, S. 15).

2.2 Form und Bildung einer Generation

In diesem Abschnitt soll gezeigt werden, welche Faktoren bestehen müssen, beziehungsweise welche Rahmenbedingungen existieren müssen, damit sich aus allgemeinen Jugendbewegungen, welche die Grundbasis darstellen, Generationen bilden konnten. Außerdem soll allgemein gezeigt werden, wie das Generationskonzept versucht, eine solche Gestaltbildung zu erklären.

2.2.1 Generation – eine Begriffsbestimmung

Wenn man den Begriff Generation näher betrachtet, stellt man fest, dass man ihn sowohl in alltäglichen Diskussionen, aber auch in methodischen und akademischen Abhandlungen mehrdeutige Definitionen verwendet werden. Bei genauerer Untersuchung finden sich drei unterschiedliche Grundkonzeptionen des Begriffs, die allerdings nicht vermischt werden dürfen, sondern klar voneinander getrennt werden müssen. Folgende drei unterschiedliche Bezeichnungen werden verwendet:

- „Als Kategorie zur Unterscheidung der Abstammungsfolge in Familien, wie sie aus dem Alltag und der Familienforschung bekannt sind – Genealogischer Generationsbegriff.
- Als pädagogisch-anthropologische Grundkategorie, in der es um ein Grundverständnis der Erziehung, das Verhältnis zwischen vermittelnder und aneignender Generation geht – Pädagogischer Generationsbegriff.
- Zur Untersuchung kollektiver historischer und / oder sozialer Gruppierungen, die sich durch ihr gemeinsames Leben im historischen Raum, durch gemeinsame prägende und durch gemeinsame Verarbeitungs- und Handlungsformen auszeichnen – Historisch-gesellschaftlicher Generationsbegriff“ (Bartels 2002).

Im Folgenden soll die Definition des historisch-gesellschaftlichen Generationenbegriffs verwendet werden.

2.2.2 Theoretische Ansatzpunkte einer Generation und eines Generationenwechsels

Es ist sehr schwierig ein einheitliches Bild von einer Generation, geschweige denn feste Grundzüge für mehrere Generationen zu bekommen, aufgrund der großen Vielfalt die in einer solchen herrscht.

Ein Idealmodell würde sich aus folgenden Komponenten zusammensetzen: mehrere Geburtsjahrgänge eines bestimmten Zeitraums bilden eine gemeinsame und kennzeichnende Mentalität heraus, die sich von vorherigen und nachfolgenden Generationen stark abhebt. Dadurch ist es den Jugendlichen möglich ein neues, andersartiges, kollektives Bewusstsein zu entwickeln. Es herrscht ein Gemeinsamkeitsgefühl, eine Einheit im Denken und Handeln, sowie gleiche Einstellungen gegenüber Werten, Zielen und Normen (vgl. Jaide 1988, S. 280). Jedoch existiert so ein Idealmodell in der Realität nicht, und Merkmale dieses Entwurfs lassen sich nur in Kleingruppen teilweise auffinden.

Um jedoch von einer Generation reden zu können, muss man sich auf die Suche machen, Faktoren zu finden, die zur Bildung beziehungsweise Entstehung einer Generation führen und welche in jeder zu finden sind. Durch diese Annahme ist es aber möglich, sich auch diesem Thema anzunähern. Es ist anzunehmen, „dass Jugendkohorten, weil sie die gleichen Zeitumstände durchleben – deshalb auch Konvergenz oder Gleichartigkeiten in ihrem Bewusstsein tragen“ (Jaide 1988, S. 273). Somit können sie Erlebnisse und Erfahrungen gemeinsam durchleben und diese formen sie auch alle in derselben Weise. Vor allem gleichartige Richtlinien, Lehrpläne, Bildungsinhalte, Abhängigkeiten und Förderungen können zu einem universellen Generationscharakter beitragen. Die Jugendlichen die sich in einer Jahrgangskohorte befinden, haben die Möglichkeit, sich in Gruppen zu formieren um in ihnen Aktivitäten durchzuführen, und somit ihrem gemeinsamen Handeln und Denken Ausdruck zu verleihen. In solchen Gebilden ergeben sich dann am wahrscheinlichsten Kristallisationskerne für ein gemeinsames Generations-bewusstsein. Allerdings ist es doch fraglich, ob man nur durch diese Vermutungen von einer Jugendkultur, und folgend von einer Jugendgeneration sprechen kann. Das eigentliche Problem der Generationsgestalt ist, dass sie keine messbaren Einflüsse hat, die empirisch-quantitativ analysiert werden könnten (vgl. Jaide 1988, S. 274ff). Das Leben eines Jugendlichen ist sehr schnelllebig und ändert sich oft von Tag zu Tag. Dieses setzt sich natürlich auch weiter fort auf die Einflüsse, auf die Generation, die somit mit Vorsicht zu genießen und zu interpretieren sind.

Wie nun aber die Umstände sein müssen, damit eine Generation entsteht beziehungsweise es zu einem Generationenwechsel kommt, soll jetzt näher beleuchtet werden.

Wenn man eine Theorie des Generationenwechsels formulieren würde, müsste sie folgende Fragen und Tatsachen erklären können: „Wie kommt es zur Ballung bestimmter Geburtsjahrgänge, zu einer Alterskohorte und zur Abgrenzung von vorhergehenden und folgenden Jahrgängen? Wie kommt es, dass eine solche Alterskohorte eine spezielle Mentalität ausbildet, die für einen großen, zu ermittelnden Teil ihrer Mitglieder Geltung erhält, und eine gewisse Gemeinsamkeit begründet? Wie kommt es, dass eine solche Einstellung real wirksam wird im Jugendalter und eventuell bis ins Erwachsenenalter aufrechterhalten oder sogar […] bereichsweise für die Zukunft durchgesetzt werden? Wie korrelieren dabei wechselseitig die objektiven Zeitverhältnisse und die Bewusstseinsbildung in der Jugend […]?“ (Jaide 1988, S. 281f).

Aus der Vergangenheit hat man bereits Schlüsse ziehen können, wann Jugendgenerationen entstehen können. Eine Erkenntnis ist, dass sie nur in ruhigen Zeiten entstehen, das heißt nicht während gesellschaftlicher und politischer Auseinandersetzungen, wie zum Beispiel Krieg, oder Revolution. Ebenso entstehen sie nicht bei einer Häufung von biologischen, sozialen und politischen Veränderungen. „Jugendgenerationsspezifische Reaktionen treten offenbar nicht synchron mit starken Wandel in Erscheinung, abgesehen davon, dass Jugendliche dabei auch mitwirken“ (Jaide 1988, S. 282). Die typischen Jugendkohortenmentalitäten entstehen meist nach solchen Ereignissen, verbunden mit einer benötigten Jugendbewegung. Man kann also sagen, dass die Jugendbewegungen im Grunde gar nicht die Gesellschaft erneuern, denn sie reagieren und handeln erst nach einer bestimmten Vorlaufsphase, in der fortschrittlichen Zeit auch mit der Unterstützung der Medien. Dadurch ergeben sich für Jugendbewegungen zwei Richtungslinien, nämlich „die Nutzung der Errungenschaften, die aus einer vorangegangenen Wende resultieren – und die Distanzierung gegenüber aktuellen“ Missständen und Gefährdungen „die sich in einer künftigen Wende entladen beziehungsweise korrigieren können“ (Jaide 1988, S. 285). Am Anfang steht also erst noch eine Bewegung an der Front, die sich dann zu einer Generation formiert beziehungsweise formieren kann.

Wie sich diese Strömungen nun aber im wirklichen Leben geäußert haben, und welchen Einfluss sie auf die Menschen in der Gesellschaft genommen haben, soll später in der Analyse gezeigt werden, verbunden mit den Überlegungen des Generationskonzepts, welches im nächsten Teil vorgestellt wird.

2.3 Das Generationskonzept nach Mannheim

Um in die Materie des Generationskonzepts zu gelangen, wird im Folgenden auf das Generationskonzept von Karl Mannheim eingegangen. Mit seinen Erkenntnissen sollen später die ausgewählten Jugendgenerationen untersucht werden, um mögliche feste Determinanten einer jeden zu finden, die es letztendlich möglich machen, zu einer wissenschaftlichen Aussage am Ende der Arbeit zu gelangen. Es wird hierfür der historisch-gesellschaftliche Generationsbegriff mit dem Einfluss des sozialwissenschaftlichen Ansatzes von Mannheim näher betrachtet werden.

Die Grundlagen für K. Mannheims Generationskonzept bildet die romantisch- historische These von W. Dilthey, die „der Gemeinsamkeit der gesellschaftlichen und geistigen Einflüsse auf eine Generation“ (Bartels 2002), sowie die These von W. Pinder, die der „Ungleichzeitigkeit der Gleichzeitigen“ (Pinder 1926, S. 33), welche bedeutet, dass mehrere unterschiedliche Generationen zu jeder Zeit parallel zu einander existieren können. Statt einer, in der äußeren Zeit linearen Aufeinanderfolge von Generationen, geht es hier vielmehr um die inneren Abfolgen einer jeden Generation, die sich im Lebens- und Erlebnisraum auswirken. Aus diesem Kontext arbeitete K. Mannheim drei Momente der Generationserscheinung heraus: 1.) die Generationslagerung, 2.) den Generationszusammenhang und 3.) die Generationseinheit.

Aus dem ersten Punkt folgert er zwei verschiedene Arten von sozialer Lagerung, nämlich die soziale Klassenlage und die Generationslage. Erstere beeinflusst das Denken, Fühlen und Handeln eines jeden Individuums, welche allerdings nur unter gewissen sozialen Konditionen zu einem Klassenbewusstsein im engeren Sinne zur Folge haben (vgl. Mannheim 1970, S. 528). Identisch dazu verhält sich ebenfalls die Generationslage. Jeder Mensch gehört nach seiner Geburt einem Geburtsjahrgang an. Diese Zugehörigkeit schließt allerdings auch benachbarte Geburtsjahrgänge ein, welches zur Folge hat, dass eine verwandtschaftliche Lagerung im Bereich einer historischen Konstellation einer Gesellschaft besteht. Das heißt, „dass Individuen ähnlichen Alters im selben historisch-sozialen Raum Leben, dadurch im etwa gleichen Lebensalter den gleichen gesellschaftlichen Ereignissen und Zuständen ausgesetzt sind und somit ähnliche Partizipations-, Erlebnis- und Erlebnisverarbeitungsmöglichkeiten besitzen“ (Bartels 2002; vgl. Mannheim 1970, S. 528f). Durch die Lagerung werden also die objektiven Lebensmöglichkeiten der annähernd Gleichaltrigen bestimmt.

Das zweite Moment des Generationsphänomens das K. Mannheim erarbeitet hat, der Generationszusammenhang, stellt hingegen mehr als eine alleinige Existenz in einem historisch-sozialen Gefüge dar. Um jedoch von einem Generations-zusammenhang reden zu können, benötigt man zusätzlich eine greifbare Verbindung. Erst dann ist ein solcher Zusammenhang gegeben, „wenn reale soziale und geistige Gehalte gerade in jenem Gebiet des Aufgelockerten und werdenden Neuen eine reale Verbindung zwischen den in derselben Generationslagerung befindlichen Individuen stiften“ (Mannheim 1970, S. 543).

Die Generationseinheit als drittes Moment, wird als eine viel konkretere Verbindung angesehen als der zuvor angesprochene Generationszusammenhang. K. Mannheim möchte verdeutlichen, wie die Gesellschaft gemeinsam erlebte Ereignisse begreift, also wie subjektives der herrschenden Bedingungen interpretiert werden. Dies verdeutlicht K. Mannheim am Beispiel der Jugend um 1800: „Dieselbe Jugend, die an derselben historisch-aktuellen Problematik orientiert ist, lebt in einem »Generationszusammenhang«, diejenige Gruppen, die innerhalb desselben Generationszusammenhanges in jeweils verschiedener Weise diese Erlebnisse verarbeiten, bilden jeweils verschiedene »Generationseinheiten« im Rahmen desselben Generationszusammenhangs“ (Mannheim 1970, S. 544). Hier wird deutlich, dass es möglich ist, dass sich im gleichen Generationszusammenhang mehrere gegensätzliche Generationseinheiten bilden können. „Die Generationseinheit, [...], ist nicht in Gestalt einer konkreten Gruppe vorhanden, wenn auch ihr Kern durch eine konkrete Gruppe gebildet wird, die von sich aus die wesentlichsten Anregungen, die fortbildbaren Keime in die Welt setzt“ (Mannheim 1970, S. 548).

Abschließend lässt sich festhalten, dass der Generationsbegriff von Mannheim nahe an der sozialen Realität liegt, denn die in Kindheit sowie Jugend erlernten Normen und Rollen, wie zum Beispiel Einstellungs- und Verhaltensmuster, haben ein Leben lang Einfluss auf das Individuum. Generative prägende Gemeinsamkeiten entstehen nicht durch die lebhafte Teilnahme an besonderen Ritualen oder Bewegungen, sondern – wie bereits erwähnt – eher durch die gemeinsam, kollektiv verbrachte Zeit durch die Nähe der Geburtenjahrgänge, wobei hier immer noch die Möglichkeit besteht, dass sich durch eine unterschiedliche Wahrnehmung und Reaktion des Erlebten, unterschiedliche Konstellationen herausbilden können. „Grundintention und Gestaltungsprinzipien sind die in erster Linie sozialisierenden Faktoren im gesellschaftlich-historischen Geschehen. In dies muss man hineinwachsen, wenn man wahrhaft am kollektiven Geschehen teilnehmen will“ (Mannheim 1970, S. 545).

[...]

Details

Seiten
107
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783956361524
Dateigröße
609 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v225164
Institution / Hochschule
Universität Augsburg – Philosophisch-Sozialwissenschaftliche Fakultät
Note
2,0
Schlagworte
jugendsoziologie generation soziologie karl mannheim

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Titel: Generationen der Jugend