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Die Zukunft der Rhein-Main-Region

Vernetzung und Kooperation von Initiativen in der Region

Diplomarbeit 2006 136 Seiten

Politik - Sonstige Themen

Leseprobe

Gliederung

1.0 Einleitung
1.1 Aufbau der Arbeit

2.0 Vernetzung und Netzwerke
2.1 Begriffserklärung Vernetzung/Netzwerk
2.2. Netzwerke
2.2.1. Definition und Konzepte
2.3. Netzwerkmodelle
2.3.1 Fragmentierte Struktur
2.3.2. Hierarchisches Netzwerk-Modell
2.3.3. Netzwerk-Modell mit starker Führerschaft
2.3.4. Netzwerk ohne Führerschaft
2.3.5. Flexible Netzwerke
2.4. Voraussetzung für erfolgreiche Vernetzung
2.5. Regionale Kooperation als Netzwerkbildung

3.0 Die Region
3.1 Bedeutungszunahme der Region
3.2. Die lernende Region
3.3. Europäische Metropolregionen
3.4. Der Regionsbegriff
3.4.1. Die Stadtregion
3.4.2. Metropole zwischen Region, Staat und Außenwelt
3.4.3. Die Region- ein ungenauer Begriff
3.4.4. Kernstadt- Umland- Beziehungen
3.4.5. Suburbanisierung und Segregation
3.4.6. Wechselseitige Abhängigkeit
3.4.7. Regionalbewusstsein oder Kirchturmpolitik?
3.4.8. Nationale und internationale Konkurrenz
3.5. Die Region Frankfurt Rhein-Main
3.5.1. Entwicklung und Bedeutung
3.5.2. Abgrenzung

4.0. Empirie
4.1. Erhebungstechniken und Grundlagen
4.2. Qualitative Interviews

5.0. Die Initiativen
5.1. Definition und Auswahlkriterien
5.2. Wirtschaftsförderverein Region Frankfurt Rhein- Main
5.2.1. Gründungsphase und Gründungsmitglieder
5.2.2. Ziele des Vereins
5.2.3. Territoriale Abgrenzung
5.3. Wirtschaftsinitiative Frankfurt Rhein-Main
5.3.1. Gründungphase Gründungmitglieder
5.3.2. Ziel der Initiative
5.3.3. Territoriale Abgrenzung
5.4. Kulturinitiative Rhein- Main
5.4.1. Gründungsphase und Gründungsmitglieder
5.4.2. Ziele der Initiative
5.4.3. Territoriale Abgrenzung
5.5 Sportinitiative Frankfurt Rhein-Main
5.5.1. Gründungsphase und Gründungsmitglieder
5.5.2. Ziele der Initiative
5.5.3. Territoriale Abgrenzung
5.6. Frankfurter Kultur Komitee
5.6.1. Gründungsphase und Gründungsmitglieder
5.6.2. Ziele der Initiative
5.6.3. Territoriale Abgrenzung
5.7. Frankfurt RheinMain GmbH International Marketing of the Region
5.7.1. Gründungsphase und Gründungsmitglieder
5.7.2. Ziel der Gesellschaft
5.7.3. Territoriale Abgrenzung
5.8. Kultur Region Frankfurt RheinMain GmbH
5.8.1. Gründungsphase und Mitglieder
5.8.2. Ziele der Gesellschaft
5.8.3. Territoriale Abgrenzung
5.9 Zusammenfassung

6.0 Kooperation und Vernetzung in der Regionalbewegung
6.1 Regionale Kooperation als Netzwerkbildung in der Praxis
6.2 Kooperationen und Vernetzungen zwischen den Initiativen
6.3 Gründe für ein Scheitern von Kooperationen
6.4 Problematik der Anzahl der Initiativen
6.5 Möglichkeit der Gründung einer 82 Koordinierungsstelle/Dachverbandes
6.6 Das Problem der politischen Verfasstheit
6.7 Projekte zur Weiterentwicklung der Region

7.0. Zusammenfassung und Schlussfolgerungen

8.0. Literaturliste

9.0. Anhang

1.0 Einleitung

Ausgangspunkt dieser Arbeit, ist die Überlegung, dass Kommunen in der Regel die eigene und auch die Entwicklung der Region behindern, wenn sie unkoordiniert in einer Art Kirchturmpolitik eigene Ziele und Aktionsfelder zur Stärkung ihres ökonomischen und kulturellen Potentials verfolgen.

Die polyzentrische Region Frankfurt Rhein-Main hat im Gegensatz beispielsweise zu München, Stuttgart oder Berlin mehrere Oberzentren, dadurch wächst die Notwendigkeit der Kooperation, wenn eine gemeinsame Außen- und Innendarstellung der Region angestrebt wird. Eine unzureichende Koordination reduziert die Effizienz von ökonomischen und kulturellen Fördermaßnahmen und Verbesserungen.

Die vielerorts festzustellenden Diskrepanzen zwischen einer zunehmenden funktionalen Verflechtung von Kernstädten und ihren Umlandgemeinden und kleinteiligen politisch-administrativen Strukturen innerhalb von Stadtregionen einerseits sowie eine gleichzeitig immer deutlich werdende Ungleichverteilung von Lasten, Kosten und Einnahmen zwischen den kommunalen Gebietskörperschaften in diesen Räumen anderseits, haben die Forderung nach einer verbesserten interkommunalen Zusammenarbeit auf regionalen Kontext noch verstärkt[1].

Die Leistungsfähigkeit von Regionen beruht immer stärker auf der kollektiven Nutzung und Weiterentwicklung kontextspezifischer, implizierter Wissensbestände in regionalen Kommunikations- und Kooperationsnetzwerken.

Gegenstand der vorliegenden Arbeit sind Regionalinitiativen, Regionalförderungsvereine- und gesellschaften, die sich seit den 1990er Jahren in der Region Frankfurt Rhein-Main gegründet haben. Untersucht werden sowohl die Vernetzung der verschiedenen Initiativen untereinander, als auch eine mögliche noch engere Vernetzung der Initiativen in Form eines „Dachverbandes“.

Es soll versucht werden, das Engagement in der Region und für die Region zu analysieren. Dabei werden verschiedene Formen der regionalen Kommunikation und Kooperation und der regionalen Netzwerkbildung aufgezeigt. Zunächst sollen theoretische Konzepte dargestellt werden, die wichtige Erklärungsansätze für die untersuchten Phänomene liefern. Es soll geprüft werden, wer die regionalen Akteure sind und wofür sie sich einsetzen und ob und auf welche Weise sie miteinander kommunizieren bzw. kooperieren.

In der Arbeit der Regionalinitiativen und anderen Akteuren in der Regionalentwicklung kommt der Kommunikation und Kooperation ein zentraler Stellenwert zu. Um gemeinsame Ziele zu erreichen, braucht die Regionalbewegung einen Konsens über die Ziele und eine Zusammenarbeit zwischen möglichst vielen Akteuren. Zudem besteht gerade die Hauptaufgabe vieler regionaler Initiativen darin, Kommunikation und Kooperation in regionalem Kontext zu fördern. Einerseits scheinen sich alle regionalen Akteure in ihrer Zielsetzung einig zu sein, nämlich im Engagement für die Region, aber eine offene Zusammenarbeit scheint manchmal schwierig zu sein, bzw. scheinen auch Konkurrenzsituationen vorzuherrschen, so könnte man nämlich auch die große Anzahl der Initiativen zur Regionalentwicklung interpretieren.

Sowohl in der praktischen Arbeit der Aktivisten der Regionalbewegung als auch in der wissenschaftlichen Betrachtung derselben wird üblicherweise ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass die Intention eines regionalen Handels oder eines lokalen Handelns[2] allein durch die Regionalität bzw. Lokalität bereits ausreichend klar ist. Bei genauerer Betrachtung erweist es sich jedoch häufig als völlig unklar, welche Intention und welche Mittel regionales Handeln impliziert. Dementsprechend handelt es sich bei dieser Arbeit um eine akteurszentrierte Untersuchung der Ziele, Strategien und Kooperationsmöglichkeiten zwischen den Akteuren der Regionalbewegung.

Auf dem Weg der Analyse des Selbstverständnisses der in der Regionalbewegung engagierten Menschen sowie deren Kommunikations- und Interaktionsprozessen soll zugleich versucht werden, Antworten auf die Frage zu finden, warum es in den vergangenen Jahren überhaupt zur Gründung von so vielen Initiativen gekommen ist. Welche Problemlagen sind es, die solche Strukturen entstehen lassen? Behindern die vielen Initiativen eventuell eine gemeinsame Konsensfindung? Warum können entsprechende Anforderungen offenbar nicht von den bestehenden kommunalen und staatlichen Organisationen erfüllt werden? Warum können die räumlich organisierten Institutionen wie die regionalen Planungsverbände bzw. die Politik auf kommunaler, Landkreis- oder Regierungsbezirksebene anscheinend nicht das leisten, was man von einem regionalen Handeln oder regionaler Politik erwartet? Dabei wird auch auf die in der Region fehlende politische Verfasstheit eingegangen und den daraus entstehenden Schwierigkeiten für die Regionalinitiativen. Anhand einiger Projekte, die von den untersuchten Regionalinitiativen mitinitiiert wurden, soll gezeigt werden, dass sich auch ohne politische Verfasstheit die Region durchaus als solche bezeichnen lässt.

In der regionalwissenschaftlichen Fachliteratur[3] ist oft die Rede von dem Wunsch nach weniger hierarchischen Strukturen sowie nach einem Bedeutungszuwachs der regionalen Ebene. Es wird postuliert, dass die regionalen Akteure ernster genommen werden und an Macht gewinnen, wenn sie sich mit anderen vernetzen und zu größeren effizienteren Organisationen zusammenschließen. Durch ein professionelles Auftreten in der Öffentlichkeit können wesentlich leichter Forderungen an die Politiker artikuliert werden. Hierbei stellt sich aber die Frage, ob diese Zielsetzungen einer Vernetzung und Professionalisierung in der Realität tatsächlich mit den Interessen der Vertreter der Regionalinitiativen übereinstimmen. Deshalb soll danach gefragt werden, ob und inwiefern Zusammenschlüsse und Kooperationen zwischen Initiativen zur Regionalbewegung deren Zielen überhaupt gerecht werden.

Die thematische Beschränkung auf Akteure der Regionalbewegung erfordert eine begriffliche Klärung dessen, was darunter im Rahmen dieser Untersuchung verstanden wird. Die Arbeit legt eine umfassende Definition solcher Akteure zugrunde, nach der das ausschlaggebende Kriterium ist, dass die Orientierung an „der Region“, „dem Regionalen“ oder „dem Lokalen“ im Mittelpunkt des Selbstverständnisses steht. Als eine Initiative der Regionalbewegung im weitesten Sinne werden demnach alle Gruppen angesehen, die als eine Interessensgemeinschaft von mehreren Menschen ein Mindestmaß an formaler Organisation aufweisen und die durch ihre Namensgebung bzw. Selbstbeschreibung verdeutlichen, dass es ihnen um die Region geht.

Sofern das „Regionale“ nur für die räumliche Organisationsstruktur einer Gruppe steht und offensichtlich andere spezielle Themen im Mittelpunkt stehen, handelt es sich nicht um eine Gruppe der Regionalbewegung. Für eine Regionalinitiative im hier verstandenen Sinne ist es geradezu bezeichnend, dass es über regionale und lokale Orientierung hinaus nur relativ geringe thematische Beschränkungen des Tätigkeitsfeldes gibt und es den Initiativen vielmehr um eine umfassende integrative Entwicklung der Region geht. Die Region ist nicht nur die räumliche Begrenzung der Organisation einer solchen Gruppe, sondern die Idee der „Region“, des „Regionalen“ oder der „Regionalisierung“ ist das entscheidende Selbstverständnis dieser Initiative und ihrer Mitglieder.

Die Forschungsfragen mussten während der empirischen Erhebung immer wieder angepasst werden. Einige konnten im Laufe der Arbeit genauer ausdifferenziert werden, anderen Fragen konnte aus quantitativen Gründen nicht weiter nachgegangen werden.

Die folgenden Fragen haben sich als Basisfragen herauskristallisiert:

Wie, wann und warum sind die Initiativen der Regionalbewegung entstanden?

Wie lauten die Zielsetzungen der Initiativen und Akteure?

Wie funktioniert die Zusammenarbeit zwischen den Initiativen?

Welche Arten von Zusammenarbeit existieren überhaupt schon?

Welche Schwierigkeiten sind dabei entstanden und können entstehen?

Ist die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Initiativen sinnvoll und möglich?

Lässt sich die Zusammenarbeit in einem „Dachverband“ besser koordinieren?

1.1 Aufbau der Arbeit

Die vorliegende Arbeit gliedert sich in sieben Hauptkapitel, wobei Kapitel 2, Vernetzung und Netzwerke als theoretischer Teil der Studie verstanden werden kann, während Kapitel 5 und 6 den empirischen Teil der Arbeit darstellen. Das dritte Kapitel, der Begriff der Region, ist als Bindeglied zwischen den theoriegeleiteten Teil der Diskussion und den praxisbezogenen Ausführungen anzusehen. Kapitel 4 legt die empirische Vorgehensweise dar. Eingefasst werden diese Bereiche durch ein einleitendes Kapitel sowie ein Fazit. Im einzelnem ist die Arbeit wie folgt angelegt:

Zunächst wird, im Anschluss an die Einleitung, mit dem Netzwerkgedanke ein theoretischer Bezugsrahmen formuliert. Ziel hierbei ist es dem Leser den hier zugrunde liegenden Untersuchungsgegenstand aus verschiedenen Blickwinkeln zu präsentieren. An dieser Stelle möchte ich nicht verschweigen, dass im Rahmen der vorliegenden Arbeit nur ein Ausschnitt aus dem weiten Spektrum der Netzwerktheorie, welches ökonomische, geographische, politische und soziologische Ansätze umfasst, beleuchtet werden kann.

Im folgenden Kapitel wird der Begriff der Region dargestellt, und auf die steigende Bedeutung der Regionen in Europa verwiesen, die immer mehr in einem Wettbewerb, um Kapital und Arbeit zu einander stehen. Explizit wird daraufhin die Region Frankfurt Rhein-Main untersucht. Innerhalb dieses Bereiches werden auch die Schwierigkeiten im Zusammenwachsen und in der Weiterentwicklung der Region dargestellt.

Kapitel 4 skizziert die Vorgehensweise in der Feldforschung und die Erhebungsgrundlagen. Im darauf folgenden Kapitel 5 werden Initiativen, die zur Verbesserung der interkommunalen Zusammenarbeit in der Region gegründet wurden aufgezeigt.

Betrachtet werden aber nur einige einzeln ausgewählte Initiativen, die aus der Masse der Initiativen, wegen deren Einfluss und/oder Bedeutung herausstechen. An den ausgewählten Initiativen wird in Kapitel 6 versucht werden, bestehende und zukünftige Vernetzungen aufzuzeigen, Gründe für ein mögliches Scheitern aufzuzählen und auf deren spezifisches Eintreffen hin zu untersuchen. Außerdem wird der Aspekt diskutiert, ob es sinnvoll und möglich ist, die einzelnen Organisationen in einem „Dachverband“ zu vereinigen und damit deren „Stimme“ bzw. „Macht“ zu bündeln, um eine gewichtigere Rolle in der Debatte um die Zukunft der Rhein-Main Region spielen zu können. Zum Schluss dieses Kapitels wird noch auf die Problematik der politischen Verfasstheit der Region eingegangen und Projekte der Akteure in der Regionalentwicklung vorgestellt, die verdeutlichen sollen, dass Rhein-Main sich durchaus als gemeinsame Region bezeichnen kann.

Das Schlusskapitel skizziert einerseits grundlegende Ergebnisse der Arbeit, anderseits versucht es zukünftige Entwicklungstendenzen aufzuzeigen.

2.0 Vernetzung und Netzwerke

2.1 Begriffserklärung Vernetzung/Netzwerk

Mit der begrifflichen Erklärung dessen, was im Folgenden mit „Vernetzung“ gemeint sein soll, ist zu beginnen. Eine Arbeitsdefinition des Vernetzungsbegriffes muss einerseits präzise genug sein, um das zu untersuchende Phänomen einzugrenzen, andererseits offen genug, damit nicht schon durch die Definition Aspekte von Vernetzungsphänomenen ausgeschlossen werden.

Vernetzen bedeutet, etwas zu verbinden, verknüpfen, netzartig zusammenzuschließen[4]. Vernetzungsprozesse sind, beispielsweise in Form von Spinnennetzen bereits aus der Natur bekannt. Der Netzbegriff wird davon ausgehend auf vielfältige Weise auch in anderen Zusammenhängen benutzt, wobei das Ergebnis von Vernetzungen stets Netze oder Netzwerke sind. Verschiedene Elemente oder Knoten des Netzes sind netzartig verzweigt miteinander verbunden, wobei die Art der Verbindung ganz unterschiedlicher Natur sein kann. Verbindungen können zum Beispiel Leitungen, Drähte, Seile oder auch elektromagnetische Wellen sein, also physikalisch direkt messbare Größen. In allen technischen Netzwerken sind die Knoten auf solch eine Weise miteinander verbunden. In sozialen Netzwerken wird die Verbindung zwischen Menschen durch Kommunikation hergestellt, die über Institutionen, wie zum Beispiel über sprachlichen Ausdruck, Konvention oder Verträge, geregelt werden und damit nicht als solche physikalisch messbar sind.

Bei aller Vielfalt von Funktionen, die Netze erfüllen, dürfte ihnen die Grundstruktur gemeinsam sein: Netzwerke bestehen einerseits aus Knoten, andererseits aus Verbindungen zwischen Knoten, die dazu dienen, zwischen einzelnen Knoten etwas auszutauschen. Netzwerke sind also einerseits durch ein strukturelles Moment, Knoten und Verbindungen, gekennzeichnet, andererseits durch ein funktionales Moment, den Austauschprozess.

Wenn Vernetzung als Prozess von Strukturbildung bezeichnet wird, dann ist damit keine feste, gar unveränderliche Struktur gemeint, im Gegenteil, viele Netzwerke sind ausgesprochen dynamisch. Man kann aber davon ausgehen, dass in dem Moment, indem ein Netzwerk operiert, es eine bestimmte, netzartige Struktur erfordert.

Zusammenfassend kann man sagen, dass Vernetzung den Prozess der Strukturbildung, der den Austausch von Materie und/oder Energie und/oder Informationen zwischen zahlreichen, relativ gleichwertigen Knoten erlaubt.

Diese Definition ist eine Minimaldefinition, weil viele Netzwerke komplexere Größen austauschen, die man zunächst nicht in Kategorien von Materie, Information oder Energie ausdrücken würde. Soziale Beziehungen werden beispielsweise eher in persönlichen Kategorien wie Vertrauen, Anerkennung oder Zuwendung beschrieben.

2.2. Netzwerke

2.2.1. Definition und Konzepte

Die Vernetzung oder Zusammenarbeit von Menschen im Kontext einer Region wird als zukunftsweisendes und viel versprechendes Instrumentarium im Rahmen der Regionalentwicklung betrachtet. Die Netzwerkbildung gilt als Symbol des gesellschaftlichen Aufbruches. Sie dient dazu, mit den neuen Herausforderungen fertig zu werden, die die Regionen durch die zunehmende weltwirtschaftliche Globalisierung bewältigen müssen.[5] Durch den Zusammenschluss verschiedener Akteure soll die Wettbewerbsfähigkeit von Regionen bzw. Unternehmen innerhalb einer bestimmten Region hergestellt bzw. erhalten werden. Allerdings darf die Initiierung eines Netzwerkes keinesfalls als ein Allheilmittel verstanden werden. Mit der Bildung eines Netzwerkes lösen sich Probleme in der Regionalentwicklung nicht von selbst, oft kann dies aber ein Schritt in die richtige Richtung sein. Während der Begriff „Netzwerk“ in der regionalwissenschaftlichen Diskussion eher positiv belegt ist, ist die Bewertung im regionalen Alltag zwiespältiger. Hier werden mit dem Begriff durchaus auch Seilschaften und Machtkartelle verbunden.[6]

Im Gegensatz zu den Erklärungsmodellen der 60er und 70er Jahre wird seit den 90er Jahren das Netzwerkkonzept fast immer zur Erklärung der Entwicklung einer Region herangezogen. Viele Autoren sprechen gar von einem Paradigmenwechsel bzw. einem Netzwerk- Paradigma.[7] Untrennbar verbunden sind damit auch die Schlagwörter Cluster, Kreative Milieus, Industrial District oder Lernende Region.

Der Staat kann alleine nicht mehr einseitig intervenierend handeln, sondern muss sich kooperativ verhalten. Raumplanung ist nicht mehr eine staatliche Steuerungsaufgabe, sondern eher ein konservatives Management. Gleichzeitig wurde die Forderung nach dem „kooperativen Staat“ laut. Knieling legt dar, dass sich der Staat als ein Akteur unter vielen sieht und die Steuerung durch Konsens zwischen den Partnern möglich ist:

„Danach erkennt der Staat die Schwächen hierarchischer Steuerung an und vollzieht einen Paradigmenwechsel, so dass er sich nur noch als ein Akteur unter vielen versteht und Steuerung in erster Linie auf verhandlungsbasierten Koordinationsmechanismen fußt.“ [8]

Netzwerke werden in diesen Zusammenhang oft als hybride Organisationsformen zwischen Markt und Hierarchie verstanden.[9] Sie verbinden beide Steuerungssysteme und können näher am Markt oder auch näher an den hierarchischen Strukturen sein. Netzwerke haben immer auch eine Koordinationsfunktion, die die Wahrnehmungs- und Wertemuster der Akteure beeinflussen.

Was versteht man nun konkret unter einem Netzwerk? Obwohl der Ausdruck in Forschung und Praxis häufig verwendet wird, bleibt die Definiten sehr unscharf. Der Begriff ist also „schillernd“ und „vielseitiger Natur“ und es besteht die Gefahr, dass er zur Beliebigkeit verkommt, inzwischen alles umfasst und somit „alles Netzwerk“ ist.[10] Der Netzwerkbegriff wird so unspezifisch verwendet, dass letztlich nichts anderes damit ausgedrückt wird, als dass alles mit allen in irgendeiner Weise vernetzt ist oder vernetzt werden könnte. Der Ausdruck beinhaltet immer auch eine gewisse normative Komponente, die insbesondere mit den Begriffen Flexibilität, Modernität und Innovationskraft verbunden ist.[11] In wirtschaftsgeographischer Hinsicht steht das Netzwerk auch für eine flexible, dezentral gesteuerte und postfordistische Produktionsweise, die als Gegenmodell zur zentral gesteuerten industriellen fordistischen Massenproduktion gilt. Doch auch in diesem Diskussionskontext wird der Netzwerkbegriff sehr unterschiedlich verwendet, nämlich deskriptiv oder normativ und auf ganz verschieden Sachverhalte bezogen. Systemtheoretisch besteht ein Netzwerk formal aus Knoten und Kanten. Knoten können Personen, Projekt bzw. Ereignisse sein, Kanten sind die Beziehungen bzw. Transaktionen zwischen den Knoten.[12]

Bei regionalen Netzwerken müssen sich die Knoten und Kanten in räumlicher Nähe zueinander befinden. All dies zeigt, dass es sinnvoll ist, den Ausdruck „Netzwerk“ im Hinblick auf die Fragestellung der vorliegenden Arbeit zu diskutieren.

Im Lexikon der Geographie[13] werden soziale Netzwerke als informelle, soziale Infrastruktur verstanden, die neben der formalen sozialen Struktur zu fördern ist. Dabei ist die räumliche Nähe der Akteure von hohem Stellenwert, Sinnvoll ist die Unterteilung in informelle und formelle Netzwerke.[14] Letztere weisen formalisierte Verbindungen auf, beispielsweise als ökonomische Transaktionen, die immer einen Kaufvertrag einschließen, als politische Entscheidungsprozesse oder als sonstige vertraglich geregelte Interaktion bzw. Kooperation.

Informelle Netzwerke beruhen meist nur auf persönlichen Kontakten ohne eine festgeschriebene Art und Weise der Vernetzung. Es existieren in der Regel keine vertraglichen Vereinbarungen, und die Akteure verfügen meist nicht über eine demokratische Legitimation von politischen Mandats- bzw. Entscheidungsträgern.

Als Gegenmodell zu hierarchischen und zwanghaften Beziehungen zwischen einzelnen Akteuren gilt das Netzwerk als eine relativ lose Bindung, die von Akteuren freiwillig eingegangen wird. Je nach Situation, Ausgangslage oder Problemstellung können sie das passende Netzwerk auswählen. Netzwerke stellen insofern eine effiziente Organisationsform dar, weil man sich nicht auf organisatorisch und bürokratisch starre Strukturen festlegen muss. Nach Scheff sind Netzwerke Beziehungsgeflechte zwischen unterschiedlichen Akteuren, die am Prozess der Ziel- und Strategieformulierung und der Implementierung beteiligt sind. Es handelt sich dabei um Verflechtungen zwischen Personen, die unterschiedlichen Institutionen angehören.[15] Allerdings besteht das Netzwerk nur formal aus autonomen Akteuren, da sie in der Praxis meistens aufeinander angewiesen sind und in wechselseitigen Beziehungen stehen. Birkhölzer weist bei seiner Netzwerkdefinition darauf hin, das die Netzwerkpartner nicht ihre Eigenständigkeit verlieren und bei Bedarf ihre Fähigkeiten in das Netzwerk einbringen:

„Netzwerke sind in der Regel informelle Sozialformen, in denen sich die unterschiedlichsten Gruppen, Einrichtungen und Personen zueinander in Beziehung setzen können, ohne ihre jeweilige Eigenständigkeit aufgeben zu müssen. Sie sind deshalb besonders geeignet für Formen der Zusammenarbeit, die über traditionelle, bürokratische, politische und kulturelle Grenzen hinausgehen. Sie beruhen auf der Bereitschaft ihrer Mitglieder, sich bei Bedarf die jeweiligen Fähigkeiten und Kenntnisse gegenseitig zur Verfügung zu stellen.“ [16]

In Hinblick auf die Regionalentwicklung und auf regionale Initiativen als Träger regionaler Vernetzungsaktivitäten rückt die Regionalität von Netzwerken in den Mittelpunkt des Interesses. Es geht also um die Frage, wie regionale Akteure Netzwerke bilden können und bereits gebildet haben.

Das kann zum einen als eine Schaffung von Synergieeffekten innerhalb einer abgegrenzten Region oder in Zusammenhang mit räumlicher Nähe verstanden werden, zum anderen aber auch als eine Regionsbildung durch Vernetzung. Das heißt, erst durch die Herstellung von Vernetzungen zwischen Akteuren in einem bestimmten Raumausschnitt bzw. der räumlichen Nähe zwischen den Akteuren bilden sich Regionen heraus, die genau durch diese Vernetzungen konstruiert und von ihrer Umgebung abgegrenzt werden.

Tabelle 1: Charakteristika regionaler Netzwerke [17]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Entscheidend ist die Zielorientierung innerhalb eines Netzwerkes. Eine Kooperation zwischen regionalen Akteuren kann nur gelingen und erfolgreich umgesetzt werden, wenn ein Grundkonsens über die zu erreichenden Ziele vorhanden ist, den alle Akteure teilen und der von allen Akteuren getragen wird. Die Gefahr besteht oftmals darin, dass Zielsetzung und Aufgabe des Netzwerkes nicht gemeinsam festgelegt und damit nicht klar für alle Netzwerkpartner definiert werden.[18]

Zwei Besonderheiten lassen sich dabei herauslesen, die als entscheidende Merkmale regionaler Netzwerke angesehen werden, und die Netzwerke in einem allgemeinen Sinne – also „nicht-regionale“ Netzwerke- nicht immer aufweisen.

Erstens ist dies der Öffentlichkeitscharakter dieser Netzwerke, der mit der räumlichen Abgrenzung einhergeht. Nachdem die öffentliche Verwaltung und die Politik nach räumlichen Prinzipien und Abgrenzungen organisiert sind, ganz anders als z.B. Unternehmen, werden regionalen Netzwerken immer quasi- öffentliche Funktionen zugewiesen, selbst wenn überhaupt keine Akteure aus Verwaltung und Parteipolitik Teil des Netzwerkes sind. Regionale Netzwerke haben unabhängig von der Art der einbezogenen Akteure somit zwangsläufig immer einen gewissen politischen Anspruch.[19]

Zweitens wird eine besondere Bedeutung räumlicher Nähe für den Erfolg einer Netzwerkbildung angenommen. Regionale Netzwerke werden als Reaktion auf regionsspezifische Problemlagen aufgefasst, die gemeinsame Interessen und ein Gemeinschaftsgefühl von Akteuren in der entsprechenden Region entstehen lassen. Der gemeinsame Problemdruck bewirkt eine gewisse regionale Identität, die vorwiegend im Sinne einer Aufbruchstimmung als entwicklungsfördernd gilt. Bei starken regionalen Egoismen, der so genannten „Kirchturmpolitik“ kann diese allerdings auch entwicklungshemmend sein. Zudem wird dem direkten persönlichen Kontakt zwischen den Beteiligten eine Schlüsselrolle zugesprochen. Die physische Präsenz der Akteure am gleichen Ort oder innerhalb des gleichen Gebietes ist als zentrale Annahme für den Erfolg regionaler Netzwerkbildung jedoch durchaus fragwürdig, schließlich hat die Bedeutung persönlicher Kontakte aufgrund von modernen Kommunikationsmedien und Transportmitteln fundamental abgenommen. Offensichtlich wird aber in der Theorie und in der Praxis der Bildung von regionalen Netzwerken in dem direkten menschlichen Umgang in räumlicher Nähe dennoch eine Stärke gesehen, die trotz entfernungsunabhängigen und grenzenlosen Kommunikationsmöglichkeiten nach wie vor unersetzbar ist. Man könnte aber auch die politischen Bemühungen um Bildung regionaler Netzwerke als Reaktion auf den Bedeutungsverlust räumlicher Nähe interpretieren.

Vor allem in den Wirtschaftswissenschaften und der Wirtschaftsgeographie hat das erforschen von Netzwerkstrukturen einen besonderen Stellenwert erlangt. Dabei geht es in erster Linie um das Phänomen der räumlichen Konzentration von Unternehmen, meist einer bestimmten Branche, und auch um entsprechende Implikationen für Regionalentwicklung und Regionalpolitik. Die Herausbildung von High-Tech-Regionen mit räumlichen Agglomerationseffekten und von „Industrial Districts“[20] bzw. „Produktionsclustern“[21] wird vor allem durch spezifische Netzwerkstrukturen zwischen dezentralen Akteuren erklärt.[22] Durch weniger hierarchische und somit schwächere Bindungen zwischen den einzelnen Akteuren in einem solchen Netzwerk wird eine höhere Flexibilität des gesamten Produktionssystems und somit der Erfolg derartiger Produktionsregionen angesehen.[23]

Unterschieden wird in der Literatur über Unternehmensnetzwerken vor allem zwischen horizontalen und vertikalen Verflechtungen bzw. Netzwerkstrukturen. Während zu den vertikalen Beziehungen insbesondere Zulieferverflechtungen zählen und sich diese Verbindungen daher auf produktionstechnische Zusammenarbeit beziehen, sind die horizontalen Verflechtungen von der Ambivalenz zwischen der Konkurrenz gleichartiger Betriebe und den Vorteilen der Kooperation zwischen Betrieben gekennzeichnet.

Für das hier behandelte Thema sind weniger die rein wirtschaftlichen und produktionstechnischen Vernetzungen von Interesse als vielmehr die prinzipiellen Möglichkeiten der nahräumlichen organisierten bzw. regionalen Kooperation. Die Kooperation zwischen verschiedenen Akteuren, sowie die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Initiativen der Regionalbewegung, lassen sich nicht nach horizontalen oder vertikalen Netzwerken unterscheiden. Zwar geht es dabei zum Teil auch um Vorteile einer Arbeitsteilung und um den Zwiespalt zwischen Konkurrenz und Kooperation, was eher der horizontalen Netzwerkbildung entsprechen würde, doch die Art der Kooperation ist eher der Sphäre politischer Netzwerke als wirtschaftlicher Netzwerke zuzuordnen.

Hilfreicher für die Untersuchung der Kooperationen von regionalen Initiativen ist die folgende Unterscheidung von den beiden Betriebswirtschaftswissenschaftlern Sydow[24] und Scheff[25], die eine Vielzahl weiterer Merkmale enthält und die sich auch problemlos auf Nicht- Unternehmen übertragen lässt.

Strategische Unternehmesnetzwerke

Bei strategischen Netzwerken, meist international ausgerichteten Netzwerken führen ein bzw. wenige Unternehmen das Netzwerk strategisch an. Sie dominieren nicht nur am Markt, sondern beteiligen sich auch intensiv an den Strategien, Technologien sowie an der Ausgestaltung des Netzwerkes. Oft verbinden sich Unternehmen unterschiedlicher Größe. Die Führungsposition innerhalb des Netzwerkes wird meist von Großunternehmen eingenommen, die die Zusammenarbeit formal- vertraglich regeln. Sehr häufig ist diese Art von Netzwerken in der Automobilzulieferindustrie zu finden.

Regionale Unternehmensnetzwerke

Sie bestehen aus kleinen und mittleren Unternehmen einer räumlichen Agglomeration. Das Netzwerk entsteht, um Größenvorteile zu nutzen bzw. um die Innovationskraft in der Region zu stärken. Eine Netzwerkführerschaft wie beim den strategischen Netzwerken ist kein unbedingtes Erfordernis, denn die Unternehmen sind formal gleichberechtigt. Allerdings sind regionale Netzwerk längst nicht so stabil wie strategische Netzwerk, da die Kooperationspartner nicht stetig, sondern je nach Auftragslage eingebunden werden. Regionale Netzwerke sind lose Gebilde und dürfen keinesfalls bürokratische Strukturen aufweisen. Zum einen muss der informelle Charakter beibehalten werden, zum anderen müssen Netzwerke so organisiert sein, dass sie verbindlich für die Beteiligten sind und regelmäßige Treffen stattfinden. Problematisch ist daher, die richtige Balance zu finden.

Projektnetzwerke

Wichtigstes Kriterium der Projektnetzwerke ist die zeitliche Befristung. Die Mitglieder des Netzwerkes arbeiten nur für die Dauer des Projektes zusammen. Es besteht aber selbstverständlich auch nach Ende des Projektes persönliche Beziehungen zwischen den Mitgliedern.

Die drei Netzwerktypen werden unterteilt in die Kategorien stabil/dynamisch und hierarchisch/heterarchisch. Strategische Netzwerke werden als eher hierarchisch stabil betrachtet, Projektnetzwerke als hierarchisch und wegen der kurzen Dauer als dynamisch klassifiziert. Für die hier angestellten Überlegungen sind vor allem die regionalen Netzwerke von Interesse, die im Vergleich zu den beiden anderen Netzwerktypen weder als stabil noch als dynamisch eingestuft werden. Bei der Form der Bildung liegt weniger der hierarchische, sondern vielmehr der heterarchische Stil vor. Anderes als in der wirtschaftswissenschaftlichen Sichtweise beschränken sich regionale Netzwerke, keineswegs auf kleine und mittlere Unternehmen. Auch der Regionsbegriff, der hier in einem objektivistischen Verständnis mit einer klar abgegrenzten räumlichen Agglomeration gleichgesetzt wird, soll in einer offeneren und variableren Weise verwendet werden.

2.3. Netzwerkmodelle

2.3.1 Fragmentierte Struktur

Das Modell einer fragmentierten Struktur stellt kein Netzwerk nach den bisherigen Definitionen dar. Es zeigt vielmehr auf, wann eine Struktur von Akteuren kein Netzwerk bildet und bietet somit eine negative Definition einer Vernetzungsstruktur. Alle Aktivitäten der betrachteten Akteure innerhalb einer bestimmten Gesamtheit, z.B. durch räumliche Nähe oder regionale Grenzen definiert, laufen vollkommen separat voneinander ab. Es findet im „Idealfall“ keinerlei Kommunikation, keine Interaktion und somit auch keine Kooperation zwischen den einzelnen Akteuren statt.[26]

Für den Fall, dass mehrere Akteure die gleichen Ziele verfolgen, könnte das bedeuten, dass eventuell Potenziale zur gemeinsamen Zielerreichung brachliegen und keine Synergieeffekte vorliegen.

2.3.2. Hierarchisches Netzwerk-Modell

Wichtigstes Merkmal ist die Steuerungsform der Führung des Netzwerkes. So können innerhalb eines Netzwerkes stark hierarchische Strukturen existieren, bei denen ein Akteur an der Spitze steht, der auch die Machtposition innehat. Bei dieser Stelle laufen alle Informationen zusammen. Allerdings handelt es sich hier nicht um einen klassischen Netzwerkansatz, da die Beteiligten keineswegs gleichberechtigt sind. Dieses hierarchische Modell mit meist vertikalen Entscheidungsstrukturen findet sich oft in traditionellen und/oder großen Unternehmen und in der öffentlichen Verwaltung wieder.

2.3.3. Netzwerk-Modell mit starker Führerschaft

Denkbar wäre auch ein Netzwerk, das sich um einen zentralen Koordinationspunkt gruppiert. Je nachdem, wie viel eigene Entscheidungsgewalt dieser zentralen Stelle zukommt, gehen von ihr Führungsaufgaben aus, oder sie beschränkt sich auf reine Koordinations- und Vermittlungsaufgaben, ohne selbst Macht auf die beteiligten Akteure auszuüben. Die Koordinationsstelle im Zentrum hat zu allen Akteuren bzw. Organisationen intensiven Kontakt, aber die Akteure untereinander arbeiten nicht zwangsläufig zusammen. Ein Nachteil an dieser Struktur ist, dass sehr viel Koordinationsarbeit von der zentralen Stelle abhängt, die ihrerseits auch hohe Kosten verursachen kann.

Für die beiden zuletzt vorgestellten Modelle gelten nicht die Koordinationsstrukturen, die nach den oben ausgeführten Grundsätzen unter einem Netzwerk im eigentlichen Sinne verstanden werden. Es fehlt ihnen ein bedeutendes Kriterium, nämlich die Dezentralität der Steuerung von Entscheidungen sowie das Prinzip der (möglichst großen) Gleichberechtigung der Akteure.[27] Immerhin kann das Netzwerk-Modell mit Führerschaft wesentlich schneller und flexibler auf neue Anforderungen reagieren als das hierarchische Netzwerk-Modell.[28]

2.3.4. Netzwerk ohne Führerschaft

Ein dezentrales Netzwerk kommt ohne Mittelpunkt aus. Die Aufgaben werden nach Tätigkeitsfeldern zwischen den Akteuren aufgeteilt. Wenn auf ein festes Steuerungsinstrument verzichtet wird, muss dennoch die Koordination geklärt werden. Für alle Akteure müssen Aufgabenbereiche transparent gemacht werden. Die einzelnen Akteure haben eine sehr hohe Verantwortung und bedürfen einer hohen Kompetenz. Auch in diesem Fall ist ein Sprecher des Netzwerkes nach außen hin nötig. Man muss sich nicht auf eine Einzelperson festlegen, doch sollte für Außenstehende deutlich gemacht werden, wer für welche Aufgaben und welchen Bereich zuständig und verantwortlich ist. Außerdem kann es vorkommen, dass nicht alle Akteure Kontakt zu allen anderen haben. Bei bidirektionalen Verbindungen sucht sich ein Akteur bzw. eine Initiative spezifische Partner, mit denen man ein bestimmtes Handlungsziel erreichen will. Die Wahl erfolgt völlig frei. Eine andere Variante wäre ein multidirektionales Netzwerk, bei dem alle Akteure oder Organisationen vernetzt sind und gleichberechtigt miteinander in Kontakt und Verbindung stehen.

2.3.5. Flexible Netzwerke

Wichtigstes Merkmal dieser Netzwerke ist ihre Flexibilität. In flexiblen Strukturen, bei denen ständig wechselnde Akteure keine Seltenheit sind, kann man sich schnell auf neue Ideen und Innovationen einstellen. Ebenso kann man es leichter verkraften, dass Akteure ausscheiden oder Initiativen aufgelöst werden, wenn nicht alles auf eine Person konzentriert ist.[29] Dennoch muss jemand das Netzwerk zusammenhalten und lenken. Die Aufgabe übernimmt in einem Unternehmen das Management. In der Lokalökonomie gibt es keine alleinige Machtperson mehr, es sind vielmehr mehrere Schlüsselpersonen mit unterschiedlichen Machtpositionen vorhanden. Kritisch kann es vor allem im Hinblick auf die mächtigsten und größten Akteure/Initiativen werden, die sich ebenfalls in die Netzwerkstruktur einpassen müssen.[30]

Voraussetzung für diese Art von Netzwerken ist, dass alle Akteure miteinander verbunden sind und auch die Aufgabenstellung, beispielsweise durch vertragliche Vereinbarungen, klar definiert ist. Alle Akteure müssen an einer gemeinsamen Strategie arbeiten, um erfolgreich sein zu können. Dieses Unterfangen ist nicht immer einfach, denn jeder Akteur (oder auch jede Initiative) muss die eigene Zielsetzung verfolgen, darf aber nicht die gemeinsame kollektive Strategie aus den Augen verlieren. Erschwert wird dies durch die in jedem Netzwerk nicht zu vernachlässigenden internen Konflikte, die in der Struktur deutlich zu Tage treten können.[31]

2.4. Voraussetzung für erfolgreiche Vernetzung

Unter Vernetzung versteht man in der Raumplanung das Verbinden bzw. das Verbundensein von Akteuren zu Netzwerken, die Kommunikation und Kooperation fördern. Wichtige Aspekt für die Vorraussetzung einer Vernetzung sind sowohl die Freiwilligkeit der Vernetzung der regionalen Akteure als auch deren Kooperationswille.[32] Wenn eine Vernetzung unter Zwang welcher Art auch immer geschieht, wird dieses Netzwerk nicht erfolgreich arbeiten können, da die Bereitschaft zur Kooperation nicht vorhanden ist. Daher wird häufig eine Gleichberechtigung der Netzwerkpartner gefordert. Außerdem sollen eine Struktur der Netzwerkorganisation sowie konkrete Handlungsfelder und umsetzungsorientierte Projekte vorhanden sein.[33]

Der Volkswirtschaftswissenschaftler Fürst[34] setzt voraus, dass die Akteure innerhalb eines Netzwerks Interesse an einer gemeinsamen Problembehandlung, d.h. Konsensfindung, haben.

Das bedeutet aber auch, dass die eigenen Belange zugunsten des Kollektivinteresses zurückstehen müssen. Netzwerke sind besonders handlungsfähig, wenn die Akteure gemeinsame Ziele und Überzeugungen entwickeln können. Doch wann ist eine Vernetzung überhaupt sinnvoll? Aus welchen Gründen soll diese angestrebt bzw. ein Netzwerk initiiert werden? Fürst nennt hierzu folgende Punkte. Eine Initiierung eines Netzwerks ist sinnvoll

- bei gemeinsamen Zielen
- zur Bündelung von Ressourcen
- zur Mitteleinsparung (bessere Ausnutzung von Kapazitäten)
- zur Überwindung mangelnder Ausstattung
- zur Vermeidung von Doppelinvestitionen
- zur Abstimmung der Arbeitsbereiche
- zum gemeinsamen Erfahrungsaustausch
- zur Vertretung gemeinsamer Interessen

Netzwerke basieren in der Regel auf persönlichen Kontakten, deshalb ist auch die Intensität der Beziehung für den Erfolg eines Netzwerkes bedeutsam.

Zwischen den Netzwerkakteuren muss ein vertrauensvolles Verhältnis entstehen, das von Solidarität, Vertrauen und Sicherheit geprägt ist. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass Netzwerke dann sinnvoll sind, wenn gemeinsame Zielsetzungen mehrerer Akteure vorliegen oder wenn sich die Ziele mehrerer Akteure durch Kooperation leichter, d.h. mit geringerem finanziellen, personellen oder zeitlichen Aufwand erreichen lässt. Im letzteren Fall spricht man auch von Synergieeffekten oder, speziell im Fall von regionalen Vorteilen durch Kooperation, von bewusst durch Kooperationen eingegangen „localization“ (horizontal) und „urbanization“ (vertikal) economies.

Tabelle 2 Chancen und Risiken von Netzwerken [35]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Gleichwohl ist eine Kooperation nicht von selbst für alle Akteure von Vorteil. Den Kostenersparnissen durch Kooperation, sind die Kosten der Netzwerk-Koordination gegen zurechnen, und der durch die Kooperation bedingte Verlust an Eigenständigkeit kann sich durchaus negativ auf den Erfolg bei der Zielerreichung der einzelnen Akteure auswirken. Die überwiegend als positiv erachtete Weitergabe von Wissen kann für einzelne Beteiligte ebenfalls von Nachteil sein, da sie so auf einen Wissensvorsprung verzichten. Für die Betrachtung der Initiativen und der daran beteiligten Akteure wird daher insbesondere zu prüfen sein, ob und inwiefern überhaupt Kooperation und Vernetzung als Vorteil oder als Nachteil für die eigenen Ziele angesehen werden kann.

2.5. Regionale Kooperation als Netzwerkbildung

Kooperation kann ganz generell als definitorischer Minimalkonsens jeder Form der Zusammenarbeit der verschiedenen oder gleichen Einheit verstanden werden.[36]

Bedeutsames Merkmal für die regionale Kooperation ist die Freiwilligkeit des Zusammenschlusses, d.h. die Beteiligung sollte nie durch Regeln oder Verordnungen erzwungen werden.[37] Kooperation basiert auf Vertrauen und ähnlichen Wertevorstellungen zwischen den Akteuren. Außerdem muss eine Kooperation von Nutzen für die Akteure sein, d.h. Nützlichkeitserwägungen standhalten. Mögliche Kooperationswiderstände von Seiten der Akteure können nur beseitigt werden, wenn drei Aspekt aufeinander treffen. Es gibt erstens ein regionales Problem, welches zweitens von regionalen Akteuren gelöst werden kann, wozu diese auch bereit sind. Drittens müssen sich die Regionen als solche wahrnehmen.[38] Nach dem Grad der Organisiertheit können regionale Netzwerke in primäre, sekundäre und tertiäre Netzwerke eingeteilt werden.[39] Die primären Netzwerke sind alltägliche lebensweltliche Kontakte, beispielsweise mit der Familie oder engen Freunden. Als sekundäre Netzwerke können selbstorganisierte Initiativen eingeordnet werden, die oft infolge eines gewissen Leistungsdrucks aus primären Netzwerken entstanden sind. Deren Akteure propagieren eine Regionalentwicklung „von unten“ nach dem Prinzip der demokratischen Partizipation.[40]

Relativ neu und diskussionswürdig sind Kooperationsansätze die „weich“ strukturiert sind, z.B. Runde Tische oder Regionalkonferenzen. Sie können als Ausdruck eines neuen Vernetzungsbedarfs verstanden werde, der typisch für die gegenwärtige Phase der Umstrukturierung von Wirtschaft und Gesellschaft ist.

Die neuen, weichen Kooperationen in der Region sind demnach besonders geeignet für Aufgaben der regionalen Selbststeuerung, der Zusammenarbeit zwischen privaten und institutionellen Akteuren (public-privat-partnership).[41]

Abschließend seien aus der Vielzahl der aufgeführten Definitions- und Typisierungsversuche für regionale Netzwerke noch einmal kurz die wichtigsten Kriterien zusammengefasst, die für die empirische Untersuchung der Regionalbewegung und der beteiligten regionalen Akteure von besonderer Bedeutung sind.

Um den vielfältigen Varianten von Vernetzung innerhalb und zwischen den Initiativen Rechnung zu tragen, soll eine sehr weite und offene Netzwerkdefinition verwendet werden. Danach ist ein Netzwerk eine Form der Interaktion zwischen mehreren Akteuren, die sich durch gemeinsame Ziele und kooperative Beziehungen zwischen den Akteuren mit der Aussicht auf Vorteile für alle Beteiligten auszeichnet. Generell lässt sich ein Netzwerk zudem durch die Freiwilligkeit der eingegangenen Beziehung sowie durch eine höhere Flexibilität der Beziehungsstruktur charakterisieren.

3.0 Die Region

3.1 Bedeutungszunahme der Region

Die Region hat sich als eine neue Handlungsebene etabliert, und das obwohl es eigentlich in der Bundesrepublik Deutschland im politisch-administrativen System gar keine Regionen gibt.[42] Dennoch werden die Begriffe Region und Regionalpolitik verwendet. Denn die Region füllt die Lücke der politischen Ebene zwischen Kreisen/ kreisfreien Städten und den Bundesländern. Die Region muss allerdings stets neu definiert werden. Es kann nie eine allgemeingültige Definition des Begriffs geben.[43]

„Entdeckt“ wurde die Region als politische Handlungsebene in der heutigen Form Ende der 80er Jahre, weil die bestehenden Institutionen den Erfordernissen regionaler Entwicklungspolitik nicht mehr gerecht werden konnten.[44] Sowohl die nationale als auch die kommunale Ebene hat an Bedeutung verloren, was zu einer Verschiebung auf die regionale Ebene geführt hat.[45] Viele Probleme lassen sich auf der kommunalen Ebene nicht mehr lösen. So ist es sowohl für die Wirtschaftsförderung als auch für die Steuerung des Fremdenverkehrs sinnvoll, größere Maßstabsebenen als die Kommunen zu wählen, nämlich die Region. Der Mangel an politischen Bezugsgrößen zwischen Kreis- und Bundesländerebene geriet dabei immer stärker ins Bewusstsein. Durch gemeinsame Absprachen in Form von kommunalen Allianzen könnte nun vereinbart werden, wie die Region zu entwickeln sei. So kann sich beispielsweise eine Stadt auf den kulturellen Bereich konzentrieren und eine andere, daran angrenzende Kommune könnte eher den Bedarf an Freizeiteinrichtungen decken. Der Journalist Meise erklärt, warum die Region zu einem „Hoffnungsraum“ für politische Probleme und für gesellschaftliche Akteure geworden ist; „nur auf der regionalen Ebene sind überhaupt Reformversuche durchgeführt worden.“[46] Die Region als Handlungsebene ist immer noch „Neuland“, was sich dadurch zeigt, dass sie noch Freiraum für diverse Ideen und Möglichkeiten bietet.

„Sie ist nicht durchinstitutionalisiert und damit relativ offen für das Zusammenspiel gesellschaftlicher und staatlicher Akteure.“[47] Die Region ist eines der wenigen Politikfelder, in denen in den letzten Jahren Reformversuche stattgefunden haben.

3.3. Die lernende Region

Lernende Region ist ein Ansatz aus der Regionalentwicklung der 90er Jahre, die das Wissen der kooperierenden Akteure, das kreative Umfeld sowie generell Lernprozesse in den Vordergrund stellt.

Das Lernen wird Grundvoraussetzung für die Entwicklung einer Region. Die Lernende Region wird in diesem Ansatz als kollektives Ganzes betrachtet, das Leistungen wie Flexibilität, Kreativität, ständige Verbesserung, dezentrale Entscheidungsfindung und organisatorisches Lernen in den Mittelpunkt stellt.

Es bezeichnet Personengebundenes und in diesem Sinne auch immobiles Wissen, das nicht beliebig von einer Person zur anderen und somit auch nicht von einen zum anderen Ort übertragen werden kann. Für Learning by Networking ist daher die räumliche Einbettung von Netzwerken bedeutsam. In gut funktionierenden Netzwerken, in denen ein offenes und vertrauensvolles Verhältnis herrscht, sich die Akteure regelmäßig treffen, kann ein besonders innovatives Wissen entstehen.

Das dritte Schlüsselkonzept ist die Evolutive Netzwerkarchitektur. Darunter versteht der Geograph Buzin[48], das die Netzwerkstrukturen immer auf eine bestimmte Raum- Zeit- Situation ausgerichtet und wahrscheinlich für zukünftige Generationen nicht mehr anwendbar sind. Bei der lernenden Region wird versucht, die regionale Netzwerkarchitektur so auszurichten, dass auch zukünftige Probleme gelöst werden können, d.h. dass eine dauerhafte Innovationsfähigkeit erhalten bleibt. Eine Gefahr dabei ist, dass man auf die Dauerhaftigkeit von bestehenden Netzwerken baut und sich mit dem Erfolg des Netzwerkes bewährte Routinen in die Arbeit einschleichen. Das richtige Maß hinsichtlich der Diversität der Akteure, genauer der Wahrnehmungs- und Handlungsmuster, muss austariert werden.[49]

Wichtig ist die Frage, wer sind eigentlich in der Praxis die Akteure in einer lernenden Region? Nach Scheff[50] gehören zu den Akteuren Persönlichkeiten aus Politik, Verwaltung, sowie sonstigen öffentlichen Einrichtungen. Weitere involvierte Gruppen sind externe Know-How-Träger, z.B. aus Bildungs-, Beratungs- und Forschungseinrichtungen, sowie Unternehmen der Region.

Nicht einbezogen werden bei Scheff Bürger, die in privat organisierten Regionalinitiativen zum Wohle der Regionalentwicklung mitarbeiten. Diese, zumeist sehr engagierten und motivierten, Gruppen können jedoch ganz wesentliche Impulse in einer lernenden Region geben.

Kernaufgabe der lernenden Region ist die Organisation der Vielfalt. Das bedeutet, dass die Akteure Innovationen aufgeschlossen gegenüberstehen und auch die Netzwerke offen strukturiert sind.[51] Es geht darum, Kooperationsprozesse zwischen den verschiedenen Akteuren zu initiieren und deren Wissensbestände zusammenzuführen. Dazu ist der Aufbau neuer Kommunikations- und Kooperationsstrukturen nötig, damit regionales Lernen möglich wird und sich auch eine regionale Identität herausbilden kann. Im Mittelpunkt der Lernenden Region stehen immer das Gemeindewohl und nicht die Einzelinteressen von Kommunen.

Scheff (1999, S.22ff) definiert regionales Lernen als einen Prozess

- der im Wechselspiel zwischen regionalen Akteuren und der Region stattfindet,
- durch den die Akteure Wissen und Informationen über die Region erwerben und auch kommunizieren und
- bei dem durch die ausgeprägte Lernfähigkeit der Akteure kollektive, auf das Gemeinwohl der Region ausgerichtete, Ziele, Werte und Regeln festgelegt werden.

Dadurch können neue Kommunikationsstrukturen und auch neue Schnittstellen zwischen den Akteuren in der Region entstehen, denn es gibt immer Unterschiede bei der Art des Lernens der Akteure. Wichtig ist, dass die Informationen, die für eine lernende Region bedeutsam sind, in der richtigen Art, zum richtigen Zeitpunkt und am richtigen Ort gespeichert und vor allem weitergegeben werden. Ein Netzwerkmanagement muss zum einen, die Akteure mit ihren unterschiedlichen „Lernarten“ sensibel vereinen, und zum anderen muss die Balance zwischen Offenheit und Geschlossenheit, zwischen Homogenität und Diversität, zwischen loser und fester Koppelung, Fremd- und Selbststeuerung im Netzwerk gewahrt bleiben.[52]

3.3. Europäische Metropolregionen

Unter Metropolregionen[53] werden Räume verstanden, die im Siedlungssystem eine Spitzenstellung gegenüber anderen Stadtregionen einnehmen (Bevölkerungszahl von mindestens 1,5 Millionen Einwohnern), die herausragende Funktionen im internationalen Kontext aufweisen und damit besonders konkurrenzfähig sind.[54] Der Wirtschafts- und Sozialgeograph Blotevogel[55] grenzt Metropolregionen nach drei Kriterien ab, nämlich mit der Entscheidungs- und Kontrollfunktion, damit ist der Sitz großer Firmen sowie staatlicher und supranationaler Organisationen gemeint, der Innovations- und Wettbewerbsfunktion, Sitz von Universitäten und Forschungseinrichtungen, kultureller Einrichtungen, sowie der Gateway-Funktion[56], das heißt den Zugang zu Menschen, Wissen und Märkten durch Verkehrsknoten, Medien und Messen.

In Deutschland sind elf Metropolregionen ausgewiesen, es handelt sich um Hamburg, Berlin/Brandenburg, Rhein-Ruhr, Stuttgart, München, Rhein-Main, das Sachsendreieck mit Halle und Leipzig, Nürnberg, Hannover, Bremen und Rhein-Neckar.[57] Förderinstrumente- und Maßnahmen, die diesen Metropolregionen helfen sollten, den „Druck der Globalisierung“ standzuhalten, waren nach Stiens,[58]

- Vernetzung der Kerne innerhalb der Metropolregion
- Verbessertes Mobilitätsmanagement innerhalb der Metropolregion und auch zwischen den Metropolregionen
- Entlastung der Innenstädte vom Individualverkehr
- Förderung der Konkurrenzfähigkeit durch Regionalmarketing- Strategien, Ausbau von Hotelkapazitäten und Kongresszentren, Verbesserung von internationaler Anbindungen.

Insgesamt lässt sich das dichte Netz von polyzentrischen Metropolregionen in Deutschland nur schwer mit anderen internationalen Metropolregionen vergleichen. Länder wie Großbritannien und Frankreich haben beispielsweise nur eine, aber dafür besonders bedeutsame Metropolregion mit den Städten London bzw. Paris. In Deutschland gibt es so ein dominierendes Zentrum nicht. Allerdings ist der Wettbewerb zwischen den Metropolregionen in Deutschland heftiger denn je,[59] und auch die Rhein-Main-Region sieht sich immer wieder in direkter Konkurrenz hauptsächlich zu München, um einen vorderen Platz im Städteranking.

Disparitäten zwischen Regionen werden nicht mehr abgebaut, sondern verstärkt, da die regionalen Unterschiede herausgehoben und vermarktet werden. Denn schließlich müssen sich die Räume im Wettbewerb der Regionen profilieren. Andere Räume, die aufgrund mangelhafter und geringerer Potenziale nicht zu den europäischen Metropolregionen gehören, werden dauerhaft kaum eine Chance haben, konkurrenzfähig zu bleiben oder zu werden.

3.4. Der Regionsbegriff

3.4.1. Die Stadtregion

Seit etwa hundert Jahren gibt es Diskussionen, Planungen und Modelle zur Lösung der Konflikte zwischen Großstädten und den ihnen direkt benachbarten Gemeinden. Spätestens seit dem rapiden Wachstum europäischer Städte während der Industrialisierung wurden die teilweise aus dem Mittelalter überkommenen Gemeindegrenzen zu Hindernissen der Stadtentwicklung. Während die Bebauung im Allgemeinen ungebremst über die politischen Gemeindegrenzen hinweg wuchs, begann politisch mit der neuen Gemarkung auch der Zuständigkeitsbereich eines neuen Bürgermeisters, einer neuen Gemeindeverwaltung und in vielen Fällen auch einer anderen staatlichen Einheit. Während vom Beginn der Gründerzeit, bis in die Weimarer Republik, baulich und funktionell zusammengewachsene Gemeinden meist durch Eingemeindung in die alte Kernstadt zu einer auch politischen Einheit zusammengefasst wurden, tolerierte man nach dem zweiten Weltkrieg eher ein Nebeneinander eigenständiger Gebietskörperschaften in einer Stadtregion. Abgesehen von den kommunalen Gebietsreformen der 70er (alte Bundesländer) und 90er Jahre (neue Bundesländer) wurde, vor allem in den saturierten Stadtregionen Westdeutschlands, die Wahrung der kommunalen Selbstverwaltung höher bewertet als die Einheit der Stadtregionen.

3.4.2. Metropole zwischen Region, Staat und Außenwelt

Die heutigen europäischen Großstädte stehen von zwei Seiten her unter Druck: Während sie auf der überregionalen Ebene ihre Stellung im nationalen oder kontinentalen Städtesystem halten oder ausbauen möchten, haben sie es vor Ort mit den Eigeninteressen der Umlandgemeinden zu tun. Als drittes „Gegenüber“ kommt die staatliche Ebene hinzu, die für die Metropole Förderer, aber auch Rivale sein kann.

3.4.3. Die Region- ein ungenauer Begriff

Der Begriff „Region bezeichnet eine räumliche Einheit mittlerer Größe, wird aber von verschiedenen Disziplinen unterschiedlich gebraucht. In dieser Arbeit bezeichnet er die Umgebung einer Großstadt, aber auch hier bleibt noch die Frage nach der Großzügigkeit der Abgrenzung. Zu unterscheiden sind mindestens zwei Ebenen, die als "Region" bezeichnet werden, die Stadtregion, also die Kernstadt und ihr Vorortbereich, sowie die Großregion, die den gesamten Verflechtungsbereich eines Ballungsraums abdeckt. Eine Stadtregion besteht aus einer oder mehreren Kernstädten und ihren unmittelbaren Vororten (suburbaner Bereich). Die Gemeinden der Stadtregion sind durch starke wechselseitige funktionale und bauliche Verflechtung sowie hohe Bevölkerungs- und Arbeitsplatzdichten gekennzeichnet und durch ein oft hoch belastetes Verkehrsnetz miteinander verknüpft. In manchen Ländern sind Teile der Stadtregionen den Kernstädten durch Eingemeindungen politisch angegliedert worden, in anderen nicht oder in nur sehr geringem Umfang. Für die Bürger ist es meist irrelevant, wo eine Stadtgrenze verläuft, da die Stadtregion als Einheit wahrgenommen wird[60]. Politisch und administrativ ist die Zugehörigkeit zu Verwaltungseinheiten und deren Abgrenzung dagegen von großer Bedeutung.

In der Bundesrepublik sind diese Konflikte aufgrund der traditionell sehr starken und sogar in der Verfassung verankerten kommunalen Selbstverwaltung besonders massiv. Bürgermeister werden nicht ernannt, sondern direkt oder indirekt gewählt. Die Gemeinden haben weit reichende Kompetenzen bis hin zur Erhebung eigener Steuern. In vielen anderen Ländern wird der Begriff „Stadt“ synonym mit „Stadtregion“ benutzt, solange nicht ausdrücklich die Administration der Kernstadt gemeint ist[61]. Werden zum Beispiel Einwohnerzahlen französischer Städte genannt, sind darin im Allgemeinen die Vororte dazugerechnet. Bei deutschen Städten nennt man dagegen fast immer nur die Einwohnerzahl der Kernstadt in ihren politischen Grenzen. Auch der Begriff „Stadt“ ist also nicht eindeutig, er kann im geografischen oder verengt im administrativen Sinn benutzt werden. Die Großregion umfasst ein wesentlich größeres Gebiet als die Stadtregion. Sie schließt auch dünnbesiedelte ländliche Räume (das „Hinterland“) mit ein, sofern sie auf bestimmte Weise mit der Stadtregion verflochten sind. Die Abgrenzung fällt noch schwerer als die für den unmittelbaren Vorortbereich, weil verschiedene Verflechtungskriterien verschiedene räumliche Wirkungsbereiche haben können.

Die wichtigsten Verflechtungsmerkmale sind die Pendlerbeziehungen der Berufstätigen. Durch hohe Mietpreise in den Kernstädten, Mangel an bezahlbarem Bauland im suburbanen Bereich, niedrigen Transportkosten, dem Wunsch nach großer Wohnfläche oder einer emotionalen Bindung an die ländliche Heimatregion nehmen viele im Ballungsraum Beschäftigte lange Anfahrtswege zur Arbeit in Kauf. Weitere Kriterien sind wirtschaftliche Verflechtungen, der Freizeit- und Ausflugsverkehr oder infrastrukturelle Beziehungen (Trinkwassergewinnung, Abfallentsorgung). Wichtig ist außerdem die Nutzung zentraler Einrichtungen des nichtperiodischen Bedarfs durch die Regionsbewohner, etwa zur gelegentlichen Nutzung der Shopping- und Ausgehmöglichkeiten, zum Theater-, Ausstellungs- oder Museumsbesuch, zur Nutzung des städtischen Flughafens für die Urlaubsreise.

[...]


[1]. Auf diesen Punkt wird genauer in Kapitel 3 und Kapitel 6 eingegangen

[2] Vgl. das Nachhaltigkeitsmotto „Global denken, lokal handeln“

[3] Regionalwissenschaftliche Fachliteratur wurde auch in dieser Arbeit verwendet, vergleiche dazu Literaturliste

[4] Duden, Deutsches Universalwörterbuch, 4.Auflage, Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich 2001

[5] Vgl. Genosko 1999, S.7 und Wiechmann 2001, S.5

[6] Vgl. Knieling 2001, S. 18

[7] Vgl. Wiechmann 2001, S.5ff und Knieling 2001, S19

[8] Vgl. Knieling 2001, S.19

[9] Vgl. Fürst 1994, S.6ff und Knieling 2001, S. 18

[10] Vgl. Backhaus/Meyer 1993, S. 332

[11] Vgl. Diller 2002, S. 48

[12] Vgl. Genosko 1999, S. 32

[13] Brunotte 2002, S. 435ff

[14] In der Praxis wird der Netzwerkbegriff oft auch beinahe synonym mit dem Begriff Kooperation verwendet, z.B. Städtenetze, Kompetenznetzwerke oder Projektnetzwerke.

[15] Vgl. Scheff 1999, S. 59

[16] Siehe Birkhölzer 1995, S. 512

[17] Quelle: nach Müller/Wiechmann/Löwis, 2001, S. 148

[18] Vgl. Müller/Wiechmann/Löwis 2001, S. 7ff

[19] Vgl. Müller/Wiechmann/Löwis 2001, S. 7ff

[20] Bei einem Industrial District liegt nach Pruschwitz (1996, S.56ff) ein regional abgegrenztes Produktionssystem vor, in dem meist kleine und mittlere Unternehmen (KMU) einer Branche dominieren. Oft handelt es sich dabei um neue Produktionstechnologien mit einer qualitativ sehr hohen, aber auch sehr flexiblen Leistungserstellung. KMU sind in einem Geflecht von Kooperationen und Netzwerken eingebunden.

[21] Vgl. Porter 1991

[22] Vgl. Knyphausen-Aufsess 1999

[23] Vgl. Bathelt 1998

[24] Vgl. Sydow 1999

[25] Vgl. Scheff 1999

[26] Vgl. Benett und Mc Coshan 1993, S. 208ff

[27] Vgl. Benett und Mc Coshan 1993, S. 208ff

[28] Vgl. Benett und Mc Coshan 1993, S. 209

[29] Vgl. Benett und Mc Coshan 1993, S. 211

[30] Vgl. Benett und Mc Coshan 1993, S. 208ff

[31] Vgl. Benett und Mc Coshan 1993, S. 208

[32] Vgl. Tröger-Weiss 1996, S. 34

[33] Vgl. Tröger-Weiss 1996, S. 34ff

[34] Fürst 1994, S. 11ff

[35] Quelle: Sydow 1999, S. 291

[36] Vgl. Dörsam/Icks 1997, S.4

[37] Hierzu ist zu sagen, dass die hessische Landesregierung, durch das Ballungsraumgesetz immer wieder mit Zwangsverbänden droht.

[38] Vgl. Scheff 1999, S. 17

[39] Vgl. Kern 1999, S.66ff

[40] Vgl. Vgl. Akademie für Raumforschung und Landesplanung 1998, S.1

[41] Vgl. Akademie für Raumforschung und Landesplanung 1998, S.9

[42] Vgl. Weichhart 2000, S. 1

[43] Vgl. Weichhart 2000, S. 2ff

[44] Vgl. Meise 1998, S.92

[45] Vgl. Danielzyk 2002, S.42

[46] Vgl. Meise 1998, S.12

[47] siehe Meise 1998, S.12

[48] Vgl. Buzin 1999

[49] Vgl. Grabher 1997, S. 4

[50] Siehe Scheff 1999, S. 88

[51] Vgl. Rigassi/Huber 2000, S.46

[52] Vgl. Butzin 1999, S. 45ff

[53] Der Begriff Metropole stammt aus der griechischen Antike und bedeutet Mutterstadt.

[54] Vgl. Frommer 2002

[55] 2002, S.346

[56] Als Gateway-Regionen bezeichnet man solche Regionen, die z.B. für osteuropäische Staaten als Zugang/Tor zur europäischen Union gelten.

[57] Durch den Beschluss der Ministerkonferenz für Raumordnung vom 28. April 2005 wurden elf deutsche

Regionen als Metropolregionen benannt. Hier konzentrieren sich

politische und unternehmerische Entscheidungs- und Kontrollfunktionen (z. B. Regierungssitze,

Unternehmenszentralen),

technisch-wissenschaftliche und soziokulturelle Innovationen sowie

der schnelle Zugang zu Märkten, Wissen und Menschen (Gateway-Funktion).

Zusammen genommen leben und arbeiten in den Metropolregionen rund die Hälfte aller Einwohner Deutschlands.

[58] 2000, S. 524ff

[59] Zu beobachten war dies beispielsweise an der möglichen Verlagerung der Konzernzentrale der deutschen Bahn von Berlin nach Hamburg Anfang 2006.

[60] Vgl. Wentz 1994, Seite 12

[61] M. Roth 1996, 1.1

Details

Seiten
136
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783832497569
Dateigröße
1.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v224830
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Gesellschaftswissenschaften, Stadt- und Regionalforschung
Note
1,0
Schlagworte
kooperation netzwerk wirtschaftsförderung rhein-main-region politik

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Titel: Die Zukunft der Rhein-Main-Region