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Die Auswirkungen der Terroranschläge vom 11. September auf die subjektive Arbeits- und Freizeitdefinition der amerikanischen Bevölkerung

Eine empirische qualitative Studie

Diplomarbeit 2003 180 Seiten

Soziologie - Sonstiges

Leseprobe

Die Auswirkungen der Terroranschläge des 11. Septembers 2001 auf die subjektive Arbeits- und Freizeit-Definition der amerikanischen Bevölkerung

-eine empirisch qualitative Studie-

(Gemeinschaftsarbeit)

1 Prolog: Begründung des Themas: Hat der 11. September 2001 die

Einstellung der Amerikaner verändert?

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Am 11. September 2001[1] brachten global operierende, religiös motivierte Terroristen das World Trade Center (WTC) und das Verteidigungsministerium (Pentagon) zum Einsturz und töteten Tausende Menschen. Das vierte der in den Anschlag involvierten Flugzeuge stürzte bei Pittsburgh in Pennsylvania ab und sollte offenbar den Präsidentensitz Camp Davis treffen.[2] In New York starben 2801 Menschen, in Washington 184 und in Pennsylvania 40, die insgesamt neunzehn Terroristen nicht mit eingerechnet.[3] Das Ereignis gilt traurigerweise als bisher „perfektester“ Terrorakt der Geschichte.

Der Mythos World Trade Center, dessen Zwillingstürme das Bild der New Yorker Skyline ein Vierteljahrhundert lang prägten, ist nun ein Relikt der Vergangenheit. Der japanische WTC-Architekt Minoru Yamasaki beschrieb ihn als ein Symbol für weltweiten Frieden, Glaube an die Menschlichkeit und die Repräsentanz des Bedürfnisses nach individueller Würde.[4]

Terroristen verbreiten Schrecken und zwingen uns, mit Gewalt über Dinge nachzudenken, denen wir vorher nicht genug Beachtung schenkten, wie in unserem Fall: Islam und Terror. Durch die Zerstörung der Herzstücke der „Über-Macht“ Amerika bewiesen sie dessen Verwundbarkeit und schockierten nicht nur die USA selbst, sondern auch die vom American Way of Life faszinierte Welt, die sich nach 9/11 am Abgrund von Tod und Vernichtung sah.[5]

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Abb.4

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Abb.3

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Niemals zuvor konnten Millionen Menschen ´live` im Fernsehen miterleben, wie ein Kontinent, ein Land, eine Stadt, ein Way of Life angegriffen wurde und Tausende Menschen vor den erstarrten Augen der vereinten Fernsehwelt jämmerlich in den Tod getrieben wurden. Diese globale Wahrnehmung in einer von Medien bestimmten Welt-gesellschaft lässt uns die Attentate als unvergesslichen und zutiefst verinnerlichten Film in Erinnerung behalten (und nicht nur lediglich als ein Datum in der Geschichte etwa so wie Pearl Harbor)[6].[7] Viele fühlten sich an das Schreckensszenario von Pearl Harbor zurückerinnert oder auch an den, durch ein Attentat auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand ausgelösten, Ausbruch des Ersten Weltkrieges am 28. Juni 1914 in Sarajevo.

Diese beispiellose Terrorwelle forderte nicht „nur“ zahlreiche Menschenleben und berühmte, kulturell einzigartige Gebäude, sondern erschütterte das Sicherheitsgefühl der Welt. Sie rief eine globale, neue, bis Dato in unseren Breitengraden des westlichen Kulturkreises nie gekannte Angst vor Terrorismus hervor, gefährdete die Stabilität der Weltwirtschaft, stellte politische Strategien in Frage und machte deutlich auf den fundamentalistischen Islam aufmerksam. Dieser Terror ist noch irrationaler und skrupelloser als der sozialrevolutionär motivierte Terror des 20. Jahrhunderts und verlangt neue Antworten der Weltpolitik.[8] Die Anschläge waren nicht nur eine Kriegserklärung an die USA, sondern an all diejenigen, die von einer friedlichen Welt ohne Grenzen träumen und an die universelle Gültigkeit der Menschenrechte glauben; der 11. September 2001 war eine Kampfansage an die gesamte zivilisierte Welt.[9] Nicht einmal der kalte Krieg lässt sich hier als Vergleich heranziehen, da er ein immerhin wägbares Machtgefüge zwischen westlicher Demokratie und östlichem Kommunismus war und die Nato-Strategien bisher bestimmte. Heute haben wir es jedoch nicht mehr mit dem Zweikampf polarisierender Ideologien zu tun, sondern mit religiös motivierten, radikal und emotional aufgeladenen Fanatikern, die ohne zu Zögern bereit sind, im „heiligen Krieg“ ihr Leben zu opfern und nur ´einen Funken` Verstand zeigen, wenn sie eiskalt planen können. Diese Irrationalität wird man wohl kaum mit Vernunft bezwingen können. Huntington[10] -Anhänger wollen hierin sogar, irrigerweise wie wir meinen, einen beginnenden „Kampf der Kulturen“ sehen.

Terroristen, Manager, Sekretärinnen, Fensterputzer, Polizisten, Feuerwehrmänner, Touristen, Computerexperten, illegal Beschäftigte, Menschen aus über 62 verschiedenen Ländern befanden sich an diesem Tag im WTC. Über 3000 Menschen starben, mehr als 9000 überlebten. In den Tagen nach 9/11 hieß es, dass nichts so bleibt, wie es ist, doch ist vieles wieder so, wie es vor 9/11 war. Dennoch bleibt dieser Terrorakt ein Angriff auf unser Denken.[11] Wie wir in der politischen Entwicklung erlebten, sind diese Tendenzen als eine Art schwankender zyklischer Prozess zu interpretieren, die abwechselnd Panik, Normalität und wiederum Panik und Normalität in veränderter Form auf niedrigerem Niveau implizieren: kurz nach dem Anschlag war die Verzweiflung groß, die Bedrohung akut; im Laufe der Zeit normalisierte sich tendenziell und grobkernig betrachtet vieles wieder; vor und während des Irak Krieges kroch die Angst wieder aus dem kollektiv verdrängten psychischen Bewusstsein hervor. Da Menschen die Fähigkeit besitzen sich an fast jede äußere und innere Situation anzupassen, und zudem die psychischen Abwehrmechanismen zum unbewussten ´Einsatz` kommen, sind sie in der Lage, auch nach einem traumatischen Ereignis wie dem 11. September 2001 wieder zur Normalität zu finden und ihr Leben bestmöglich zu meistern. Allerdings ist diese Normalität eine andere als zuvor, und gegenwärtige und zukünftige Ereignisse, die dem Terrorakt ähneln oder sich auf diesen beziehen, können einen „Déja-vue-Effekt“ auslösen, der die Menschen dazu bringt, all jene unaufgearbeiteten Gefühle des Terrortages nochmals zu durchleben. Trotzdem: je mehr Terror, Krieg und fatalistische Erfahrungen zum Alltag zu zählen sind, umso schwächer, aber immer noch dramatisch, fallen die Reaktionen und Intensitäten der Angst- und Panikgefühle ins Gewicht. So wandelt sich die Sensation zur veränderten Normalität. Als Extrembeispiel mag man sich das Leben der Israelis und Palästinenser vor Augen führen, die einen traurigen Alltag aus Terror und Gewalt zu führen haben.

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Abb.7

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Abb.8

Die Welt scheint nicht mehr so sicher und selbstverständlich zu sein, wie sie einmal war, und das verändert natürlich das subjektive Arbeits- und Freizeit-Empfinden, -Erleben, -Verhalten und deren subjektive -Definition. Die Schwelle, ab der Panik empfunden wird, muss sich im Zeitablauf kontinuierlich steigern, um gegenwärtig noch als solche erlebt zu werden, wohingegen das als normal erfahren wird, was die Leute zu einem früheren Zeitpunkt in Panik versetzt hat. Diese These werden wir anhand der Interviewten noch überprüfen, die wir zu ihrer persönlichen Einstellung vor 9/11, kurz danach, ein Jahr später und heute befragten.

Zur Beurteilung ist es sehr wichtig, sich ein besseres Verständnis der amerikanischen Kultur anzueignen. Bereits in Deutschland, einem im Vergleich zu Amerika kleinen Land, finden wir die verschiedensten Wertesysteme vor. Die amerikanische Kultur ist noch viel heterogener, mit unzähligen Subkulturen ausgestattet, die teilweise ganz unterschiedlich zueinander stehen und in denen viele gesellschaftliche sowie kulturelle Einflüsse miteinander verwoben sind. Jedes Mitglied bildet sich nun ein individuelles Wertesystem, das gesellschaftlich, sozial und kulturell bedingt ist. So haben wir in unserer Analyse im Laufe der Zeit feststellen müssen, dass es bei einem so hohen Maß an Heterogenität sehr viele komplexe, interdependierende Aspekte gibt, die wir natürlich nicht alle berücksichtigen können.

Hauptsächlich geht es uns um die individuelle subjektive Sichtweise, die unsere Ausgangsbasis darstellen wird. Im Anschluss daran werden wir versuchen makrosoziologische, wie etwa kulturelle Elemente miteinzubeziehen, so dass wir allgemeinere Aussagen über die Subkultur machen können, um dann im letzten Schritt, diese Aussagen in die gesamtgesellschaftliche und kulturelle Ebene der USA einordnen zu können. Wir werden versuchen, eine Brücke zwischen individueller Kultur, Subkultur und Gesamtkultur zu schlagen. Wir bemühen uns, die Amerikaner und die Kultur aus ihrer Sichtweise selbst heraus zu verstehen. Dieser „emische Ansatz“[12], der in der Wissenschaftstheorie einem ganzheitlich-phänomenologisch-qualitativem Ansatz entspricht, wird verbunden mit einer kulturrelativistischen Sicht[13], die im Gegensatz zum „Ethnozentrismus“[14] kulturelle Unterschiede anerkennt, aber versucht, keine Wertungen im positiven wie negativen Sinne vorzunehmen. D.h. wiederum, wir versuchen die US-amerikanische Wahrnehmung von innen heraus zu verstehen, die individuellen und subjektiven Sichtweisen zu beschreiben, ohne diese Orientierungen moralisch zu beurteilen. Uns ist jedoch bewusst, dass wir – wie jede andere Kultur auch – zu einer ethnozentristischen, also die eigene Kultur ins Zentrum stellenden, Sichtweise tendieren. Wir stellten uns dieser Herausforderung, indem wir uns gegenseitig kritisch hinterfragten und auch dem jeweiligen Interviewpartner Zeit gaben, unsere Interpretationen und Sichtweisen zu beurteilen. Aus diesem Reflexionsprozess, der zugleich einen Lernprozess darstellte, erhofften wir uns eine „objektivere“ Erkenntnisgewinnung.

Wir möchten den Leser auch darauf aufmerksam machen, dass er bereits im Vergleich zu einem Mitbürger seines eigenen Kulturkreises eine gänzlich andere Weltsicht mit einem individuell unterschiedlichen Werte-, Normen- und Verhaltensmuster haben kann und dementsprechend im Vergleich zu jemandem aus einer anderen Kultur noch ungleicher abschneiden könnte. Jeder Mensch ist zudem Mitglied einer oder mehrerer Subkulturen und hat dementsprechend viele – sich oft widersprechende – unterschiedliche Rollen auszufüllen und Verpflichtungen sowie Erwartungen gerecht zu werden, so dass es äußerst schwer fällt, Vergleiche zu ziehen und Menschen aus ihrer eigenen Existenz und Realität heraus zu verstehen und zu interpretieren.

Wir denken, dass es gerade heute, im Zeitalter der global orientiert denkenden Weltgesellschaft besonders wichtig ist, möglichst viele Menschen gerade durch Aufklärung der kulturell bedingten Existenz individuell voneinander abweichender Verhaltens- und Handlungssysteme zu sensibilisieren, um so miteinander respektvoller, interessierter und verständnisvoller umgehen zu können.

Der Einblick in die amerikanische Kultur und Denkweise, im Vorfeld unserer qualitativen Studie, stellt das Fundament unserer Arbeit dar.

Nachdem es uns um die Veränderung der subjektiven Arbeits- und Freizeitdefinition sowie um arbeits- und freizeitrelevante Einstellungsveränderungen der Einzelnen aufgrund des bisher größten Terroranschlags geht, dient die dem allgemeinen und auf Amerika angewandten Kulturkapitel[15] folgende Chronologie der Attentate[16] sowie ein Psychogramm der Terroristen[17] und Erläuterungen zum Terrorismus[18] zum universellem Verständnis.

Wir werden jede Entwicklung von der Erstellung der quantitativen und qualitativen Fragebögen und Leitfadeninterviews bis hin zur Auswertung, Theoriebildung und Ergebnisformulierung nachvollziehbar festhalten. Abschließend, sowie bereits vorher in die Analyse mit eingeflossen, beenden wir unsere Diplomarbeit mit dem Aufzeigen einiger der unzähligen nationalen und globalen Konsequenzen der Terroranschläge 9/11 und Überlegungen zur weiterführenden Forschung.

Das Datenmaterial zu den vorgestellten Kapiteln basiert auf einer umfangreichen Dokumenten-, Literatur-, Internet- und Videoanalyse, einer quantitativen und qualitativen E-Mail-Umfragen-Erhebung, sowie auf qualitativen problemzentrierten Interviews direkt[19] und indirekt[20] betroffener Amerikaner. Anders als in unserer Seminararbeit „subjektive Arbeits- und Feizeitdefinition“[21], in der wir lediglich Deutsche zu ihrer generellen subjektiven Arbeit-/Freizeit-Definition befragten, ohne auf angstverursachende gefühls-, einstellungs- und verhaltensverändernde Ereignisse einzugehen, konzentrieren wir uns hier zusätzlich auf einen anderen Kulturkreis und befragen Menschen zu ihrer subjektiven Arbeits- und Freizeit-Definition, die den bisher schlimmsten Terroranschlag überlebten.

Ziel unserer Arbeit ist es, die Auswirkungen dieser global wirkenden Terroranschläge auf die subjektive Arbeits- und Freizeitdefinition anhand ausgewählter amerikanischer Personen aus unterschiedlichen Betrachtungsebenen – mikro- sowie makroskopisch –, zu verschiedenen statischen Zeitenpunkten – kurz-, mittel und langfristig – darzustellen und zu analysieren, sowie die dynamische Entwicklung nachzuzeichnen, um dann mit den herausgearbeiteten und sich entwickelnden theoretischen Konstruktionen und gefundenen Konsequenzen die Arbeit zu beenden.

2 Einführung in die Welt der Kultur, der USA und des Terrorismus

Das folgende Kapitel stellt, wie soeben bereits erwähnt, in unserer Diplomarbeit eine sehr zentrale und fundamentale Passage dar. Wir werden dem Leser nun einen Einblick in drei komplexe, für das Verständnis der Studie immanent wichtige Themengebiete vermitteln. Diese sind: „Kultur“ an sich, das „kulturelle Vorverständnis der amerikanischen Gesellschaft“[22] und „Ursachen des Terrorismus“[23], so dass er nicht nur unsere qualitative Forschung nachvollziehen und in diese gedanklich intensiv eintauchen kann, sondern auch einen Anreiz verspürt, sich darüber hinaus Gedanken zu machen und diese ´weiter zu spinnen`.

2.1 Kultursteckbrief

Dem Phänomen Kultur kann sich aus diversen Richtungen genähert werden, doch man wird sie nie wirklich scharf vor Augen haben, da sie sowohl in sichtbarer, materieller als auch in unsichtbarer, mentaler oder sozialer Form erscheinen kann. Kultur gibt es seit Menschengedenken, früher wurde sie nur - wie wir gleich hören werden - nicht so betitelt. Im ersten der drei von uns gewählten Themenabschnitte gehen wir kurz auf die Geschichte, die Definition und die Herkunft des Begriffes „Kultur“ sowie auf den Aufbau und einige Basisdimensionen ein, um das abstrakte Faszinosum Kultur ein wenig greifbarer, konkreter und nachvollziehbarer werden zu lassen.

2.1.1 Geschichtlicher Aspekt

Die im Laufe der Geschichte sich wandelnde Auffassung von Kultur, lässt sich beispielsweise daran aufzeigen, dass es für moderne Gesellschaften typisch ist, die eigene Gesellschaft, die eigene Nation unter den Begriff „Kultur“ zu subsumieren. Dies ist anders als in früheren Epochen. Die Chinesen, Römer oder Griechen etwa, begnügten sich damit, sich von Fremden abzugrenzen, indem sie sich selbst als kulturell wertvolle Menschen und die anderen als kulturfremde Barbaren betrachteten.

Später, im antiken Kunstverständnis, wie z.B. bei den Römern, wurde mit Kultur nicht nur das assoziiert, was man selbst unter Kontrolle hatte, sondern es wurde auch die Gunst der Götter, also etwa äußere Umstände und Bedingungen auf die man keinen Einfluss hatte, miteinbezogen. „Erst Samuel von Pufendorf[25]... Mitte des 17. Jahrhunderts und Jean-Jacques Rousseau[26]... Mitte des 18. Jahrhunderts versuchten gesellschaftliche Zustände als kulturelle Zustände zu beschreiben.“[27]. Während für Pufendorf die Erreichung des Kulturzustandes das ultimativ anzustrebende Ideal darstellte, was die Befreiung aus dem Naturzustand[28] voraussetzte, so vertrat Rousseau die gegenteilige Auffassung, nämlich, dass Individuen sich eben nur im Naturzustand auch im Glückszustand befinden. Für ihn war Kultur ein Gefangennehmen der zivilisierten Bevölkerung in „künstliche ... Bedürfnisse ..., falsche(r) Höflichkeit, ... eitle(r) Neugier und ... leere(n) Gesten der Galanterie“[29].

„Mit der Beschreibung kultureller Zustände [wiederum] lassen sich [nun] Gesellschaften miteinander vergleichen. Kultur nach dem modernen Verständnis ist also das, was sich an den Lebensweisen anderer Menschen unterscheidet und in dieser Hinsicht mit den Lebensweisen anderer Menschen verglichen werden kann, kurz: Kultur ist das, was unvergleichbare Lebensweisen vergleichbar macht.“[30].

2.1.2 Herkunft und Definitionsversuch des Begriffs Kultur

Der Kulturbegriff wurde und wird auf diverse Art und Weise sowie auch aus Sichtweisen der verschiedensten Wissenschaftszweige zu definieren versucht. Mit dem Aufzeigen einiger Ansichten soll dem Leser zunächst ein grundlegendes Verständnis des Kulturbegriffes verschafft werden. So sah beispielsweise Edward B. Tylor[31] Kultur als „jenes komplexe Ganze, das Kenntnisse, Glaubensvorstellungen, Künste, Sitte, Recht, Gewohnheiten und jede andere Art von Fähigkeiten und Dauerbetätigung umfasst, die der Mensch als Mitglied der Gesellschaft erwirbt.“[32]. Melville J. Herskovits[33] meinte „Kultur ist der vom Menschen gemachte Teil der Umwelt“[34] und Hofstede[35], auf den wir uns später beziehen werden, definiert Kultur als „die Software des Geistes“ und behauptet damit, dass Kultur als „mentale Programmierung“ zu betrachten ist, die von jedem Mitglied einer Gemeinschaft, Organisation oder Gruppe erlebt wird und entsprechend derer er voraussichtlich folgerichtig handeln wird.[36] Loenhoff[37] stellte in seinem Buch 1992 fest, dass „das Spannungsverhältnis von Kultur als a) manifesten Objektivationen in Schrift und Symbolen, Alltagsprodukten, Kunst u.a., b) den dahinter liegenden erklärenden und handlungsleitenden Wissensystemen, kognitiven Schemata und kulturspezifischen Kompetenzsystemen und c) konkreten Handlungen und Kommunikationen, die Kultur produzieren und reproduzieren und nutzen, ... durch die meisten Theorien zugunsten eines Pols aufgelöst [wird]. Die daraus resultierende Einseitigkeit reduziert den Blickwinkel und schmälert den jeweiligen Erklärungsanspruch."[38] Für uns ist Kultur, wenn man in metaphorischer Analogie spricht, am besten mit einem Baum zu vergleichen: tiefe, nie ans Tageslicht gelangende Wurzeln, die der Pflanze bei Wind und Wetter Halt geben. Sein sichtbarer Teil, bestehend aus Stamm, Ästen und Blättern ist der einzige, über den ein Dritter leichtfertig urteilen kann, frei um soziale Beziehungen zu pflegen und ´interkulturelle Kommunikation` mit fremden Kulturen wie etwa Vögeln, Insekten zu führen. Egal wie individuell verschieden er sein tägliches Dasein gestaltet: Wasser, Nahrung, Luft und Sonnenlicht sind für jeden Baum lebensnotwendig.

Die Grenzen der Gesamtkultur eines Kontinents, eines Landes etc. sind zwar nicht identisch mit den geographischen Grenzen, man kann aber trotzdem unabhängig davon charakteristische Merkmale der Gesamtkultur herausfiltern. Schon eine Nationalkultur besteht aus unzähligen und unterschiedlich großen Einzelkulturen wie Organisationen, Gemeinden, Familien und vielen Subkulturen wie etwa Schicht, Stamm, Clique, Religion, Region, Generation, Geschlecht usw. Egal wie vielen Subkulturen und/oder kleineren Einzelkulturen ein Individuum angehört, die Gesamtkultur des Landes prägt oder dominiert ihn normalerweise. Wilhelm E. Mühlmann[39] nimmt an, dass „Kultur ... die Gesamtheit der typischen Lebensformen einer Bevölkerung einschließlich der sie tragenden Geistesverfassung [ist], insbesondere der Werteinstellungen“[40], wobei für ihn „die typischen Lebensformen ... auch die technischen Grundlagen des Daseins [umfassen] samt ihren materiellen Substraten (Kleidung, Obdach, Werkzeuge und Geräte usw.) und den gestalteten Naturraum als Kulturlandschaft.“[41].

Einzelne Kulturen können sich beispielsweise in Punkto Ernährungshabitus, Sprache, Hygiene, Bekleidungsstil, politisches System, Erziehungsmethode, paradigmischer Wertanschauung, Religionsausübung, emotionaler Intelligenz, Körperabstand, Sexverhalten, Gesten, Umgangsformen usf. unterscheiden. Neben diesen alltäglichen und gewohnten Dingen, in denen Kultur eher passiv und unbewusst erlebt wird, wird sie aber wie etwa in der Freizeit auch aktiv produziert. Jeder Mensch ist eine kulturelle Schöpfung. Wie Aldous Huxley bereits feststellte, ist „die Beziehung des einzelnen zur Kultur ... merkwürdig ambivalent. Wir sind zugleich die Nutznießer unserer Kultur und ihre Opfer. Ohne Kultur ... würde der Mensch nichts anderes sein als eine weitere Spezies Paviane. Der Sprache und der Kultur verdanken wir unsere Menschlichkeit.“[42]. Der Mensch ist also einerseits seiner Kultur ausgesetzt, die er in sich trägt, durch die er bestimmt und beeinflusst wird und die ihn überall umgibt, andererseits ist er aber auch darüber hinaus in der Lage, fremde Kultur zu absorbieren und die in ihm innewohnenden kulturellen Elemente zu modifizieren und neue zu produzieren. Er spielt beispielsweise auf der einen Seite traditionelle Musik, stellt kulturspezifische Kunst, Gerichte etc. her und auf der anderen Seite verkörpert er auf Reisen seine Kultur in anderen Ländern, während er wiederum gleichzeitig die fremde Kultur aufnimmt und verarbeitet. Kultur ist somit nicht nur statisch, d.h. von vornherein festgelegt, sondern eben auch durch den Menschen direkt beeinflussbar. Sie besitzt eine innere Dynamik[43]. So kann sich Kultur im Zeitablauf wandeln, selbst Geschichte existiert nur in der Kultur weiter, solange sie in der Gegenwart weiterlebt und in die Zukunft mitgenommen wird. Menschen besitzen ein kulturelles Erbe, das ihnen durch Sozialisation und Erziehung angeeignet wurde. Kultur wird des Weiteren durch Menschen, die alle einen einzigartigen „Lebensstil“[44] und ein eigenes „ökonomisches“, „soziales“ und „kulturelles Kapital“[45] besitzen sowie durch Objekte oder Lehren an Individuen vermittelt, die wiederum die Möglichkeit haben ihrerseits dieses kulturelle Kapital weiter zu geben.

Kultur umfasst nach Clyde Kluckhohn[46] und William Kelly[47] „alle jene historisch geschaffenen Lebensmuster[48], explizit und implizit, rational, scheinbar-rational und nicht rational, die zu einer gegebenen Zeit als potentielle Steuerungen für das Verhalten von Menschen existieren."[49].

Schreyögg führt hierzu aus: „Der Kulturbegriff [an sich] stammt aus der Ethnologie und bezeichnet die besonderen, historisch gewachsenen und zu einer komplexen Gestalt geronnenen Merkmale von Volksgruppen, insbesondere Wert- und Denkmuster einschließlich der sie vermittelten Symbolsysteme, wie sie im Zuge menschlicher Interaktion entstanden sind. Es handelt sich in einem gewissen Sinne um eine je spezifische Standardisierung des Denkens, Empfindens und Handelns.“[50]. Er wird im Alltagsverständnis oft als Hochkultur, also beispielsweise bildende Kunst, Theater, Literatur oder als gute Umgangsform gesehen. Die etymologischen Wurzeln des Begriffs beschreiben Kultur als „das seit dem 17. Jahrhundert bezeugte, aus lat. cultura Landbau; Pflege (des Körpers und des Geistes) entlehnte Substantiv, [das] von Anfang an im Sinne von Feldbau, Bodenbewirtschaftung einerseits ... und Pflege der geistigen Güter andererseits ... verwendet [wurde].“[51].

2.1.3 Aufbau einer Kultur

Kultur kann schematisch vereinfachend in Kreisen oder Ebenen dargestellt werden. Hofstede beispielsweise entwarf ein Zwiebeldiagramm, das Kultur in vier Kategorien darstellen soll.[53]

Die Symbole befinden sich auf der Außenhaut, da sie am oberflächlichsten, am einfachsten zugänglich und leicht erkennbar sind wie etwa durch Worte, Gesten, Moden, Umgangsformen, Bilder und Objekte. Sie stehen „stellvertretend für etwas nicht Wahrnehmbares (auch Gedachtes bzw. Geglaubtes) ...“[54]. Symbole lassen sich zudem leicht verändern.

Im Zwischenbereich befinden sich Helden[55] und Rituale[56] und im Kernstück der Zwiebel sind die Werte verortet. „Als Werte bezeichnet man die allgemeine Neigung, bestimmte Umstände anderen vorzuziehen. Werte sind Gefühle mit einer Orientierung zum Plus- oder zum Minuspol“[57], wie gut-böse, anormal-normal etc. Werte bekommt man bereits als Kind im Erziehungs- und Sozialisationsprozess vermittelt. Diese von außen an das Kind herangetragenen Werte werden dann im Laufe der Zeit zunehmend verinnerlicht, so dass das eigene Handeln und Verhalten, die individuelle Prioritätenfestsetzung, sowie das moralische und ethische Empfinden danach ausgerichtet wird. Das Verhalten, die Wahrnehmung und das Handeln wird auf der Basis der individuell subjektiven Weltanschauung durch grundlegende Vorstellungs- und Orientierungsmuster geleitet. Laut Schreyögg werden „sechs Grundthemen menschlicher Existenzbewältigung ... unterschieden: Annahmen über die Umwelt, Vorstellungen über Wahrheit ... über die Zeit, Annahmen über die Natur des Menschen ... [sowie] des menschlichen Handelns und ... zwischenmenschlicher Beziehungen“[58].

2.1.4 Basisdimensionen von Kultur

Die Basisdimensionen von Kultur setzen sich zusammen aus der Bezugsebene, den Komponenten, den Funktionen und der Dynamik von Kultur.

Die erste Frage die sich stellt, wenn man Kultur abzugrenzen versucht ist, ob diese ein individuelles oder kollektives Phänomen darstellt.

Um jedoch erstmal einen Kulturkreis bestimmen zu können, bedarf es dreierlei Kriterien, die bei der Abgrenzung Anwendung finden können: der geografische Raum, die Sprache und die Kommunikation bzw. die soziale Interaktion.

Der geografische Raum und die Sprache geben erste zentrale Hinweise auf den Kulturkreis. Eindeutig bestimmt wird dieser dagegen in sozialen Interaktionen, dem zentralen Merkmal der Kulturkreisabgrenzung, da sich hier die Mitglieder eines Kulturkreises über geteilte und kollektive Ideen, Wert- und Normvorstellungen und kulturkonforme Verhaltensweisen verständigen. Bei der Anwendung aller drei Kriterien muss die Kulturgrenze nicht mit der Ländergrenze identisch sein. Ein Kulturkreis ist zumeist kein homogenes System, sondern ein sehr heterogenes. Kultur kann so als hierarchisches System kulturell geprägten Verhaltens, von Subkulturen bzw. Milieus sowie eines Kulturkreises betrachtet werden.[59] Dabei meint eine Subkultur „die von der Gesamtkultur einer Gesellschaft unterscheidbare Teil- oder Eigenkultur einer relativ kleinen und geschlossenen (Sonder-)Gruppe, die sich durch erhöhte Gruppensolidarität auszeichnet. Die Eigenart der Subkultur, der Grad ihrer Abweichung vom übergeordneten kulturellen Zusammenhang sowie ihr Verhältnis zu diesem sind durch ihr Normen- und Wertesystem, ihre Schichtzugehörigkeit, Berufs-, Alters-, Rassen-, Geschlechtsstruktur, regionale Verteilung sowie durch ihre besondere Lebens- und Verhaltensweisen geprägt.“[60].

Kultur gliedert sich in verschiedene Komponenten. So kann man zwischen Verhaltensnormen, der mentalen Kultur, Verhaltensmustern, der sozialen Kultur, und Verhaltensresultaten, der materiellen Kultur, unterscheiden. Die mentale Kultur umfasst hierbei Bedürfnisse, Wert- und Normvorstellungen, Einstellungen, Rollenverteilungen, kulturelle Standards sowie grundlegende Orientierungen. Die soziale Kultur impliziert (non)verbale Sprache, soziale Institutionen, Religion, Rituale, Sitten, Gebräuche und soziale Verhaltensweisen. Die materielle Kultur schlägt sich schließlich in Kleidung, Literatur, Musik, Kunstgegenständen, Werkzeugen und Konsumgütern nieder.

Die Erhaltung, Weitergabe und der Wandel von Wertvorstellungen und Normen stellen eine Funktion der Kultur dar. Alle kollektiv geteilten, impliziten und expliziten Verhaltensnormen, -muster, -resultate und -äußerungen von Kultur werden von den Gesellschaftsmitgliedern erlernt und mittels Symbolen von Generation zu Generation weitergegeben. Eine weitere Funktion repräsentiert das Streben nach innerer Konsistenz. Kultur wirkt auf der individuellen Ebene durch Wahrnehmungs- und Bewertungsprozesse verhaltenssteuernd. Sie dient sowohl dem inneren und äußeren Zusammenhalt, als auch der Funktionsfähigkeit einer sozialen Gruppe und stellt bewährte Methoden und Instrumente zur Verfügung, um Probleme zu lösen und Bedürfnisse zu befriedigen. Deshalb sind Kulturen auch in der Lage - um noch eine ihrer Funktionen vorzustellen - sich an eine sich verändernde Umwelt anzupassen. Kulturen sind also dynamisch, sie verändern sich im Zeitablauf und sind, wie ihre einzelnen Mitglieder auch, anpassungs- und veränderungsfähig. Auf makroskopischer Ebene zeigt sich der Veränderungsprozess entweder als Evolution bzw. Revolution oder Diffusion. Auf individueller Ebene wird Kultur erlernt, wobei Prozesse der Entkulturation und der Akkulturation unterschieden werden.

Die Ursachen kulturellen Wandels sind interner und/oder externer Natur. Ist die Quelle der Ursache innerhalb der Gesellschaft zu finden, muss sich die Kultur an die Umwelt anpassen. Durch Veränderungen der natürlichen, technologischen, ökonomischen bzw. sozialen Rahmenbedingungen müssen sich die Individuen der Gesellschaft darauf einstellen und einen adaptiven Anpassungsprozess erbringen. Diese kulturelle Evolution kann von den Mitgliedern der Kultur aktiv beeinflusst werden. Liegt die Quelle der Ursache kulturellen Wandels außerhalb der Gesellschaft, handelt es sich um eine Austauschbeziehung mindestens zweier Kulturkreise, die eine Übernahme kultureller Anleihen der fremden Kultur zur Folge hat und als Diffusion sprozess beschrieben wird. Diese externen Quellen können sein: ethnoscapes (Kontakt zwischen Mitgliedern verschiedener Kulturkreise), technoscapes (z.B. globale Verbreitung neuer Technologien), ideoscapes (z.B. Verbreitung kultureller Ideen wie Freiheit, Demokratie), mediascapes (Kommunikation, insbesondere Massenkommunikation) und finanscapes (z.B. internationale Finanzplätze). Dabei unterliegen die Bestandteile der materiellen, sozialen und der mentalen Kultur dem kulturellen Wandel, wobei Elemente der materiellen Kultur schneller übernommen werden als solche der mentalen Kultur. “The burger is not only consumed physically as material substance, but is consumed culturally as an image and an icon of a particular way of life.“[61]. Kultureller Wandel kann linear, d.h. als gerichtete kulturell verschiedene Stufen durchlaufende Entwicklung verlaufen oder auch ungerichtet durch zufällige Anstöße zustande kommen. Im ersten Fall bezeichnet man dies als kulturelle Evolution, im letzteren als kulturelle Revolution. Auf makroskopischer Ebene kann man also zwischen der kulturellen Evolution, der kulturellen Revolution und der Diffusion unterscheiden. Letztere impliziert Veränderungen innerhalb eines Kulturkreises, die durch kulturelle Anleihen, also einer bzw. diversen externen Quelle(n), aus anderen Kulturen entstehen. Dieser Diffusion sprozess setzt den Kontakt zu anderen Kulturkreisen und eine Austauschbeziehung zwischen diesen voraus. Kulturkreise, von denen bestimmte, andere Kulturkreise häufiger kulturelle Anleihen übernehmen, werden als Lead Cultures bezeichnet. Die kulturelle Evolution beinhaltet Veränderungen innerhalb eines Kulturkreises, die durch kreative Handlungen innerhalb eben dieses Kulturkreises initiiert werden. Die bereits beschriebenen internen Faktoren sind für diesen Wandel verantwortlich.

Auf mikroskopischer Ebene unterscheidet man zwischen der Entkulturation und der Akkulturation. Entkulturation meint einen Lernprozess, in dem Mitglieder einer Kultur lernen, wie sie sich in dieser zu verhalten haben, d.h. welche Verhaltensweisen mit den Wert-, Norm- und Rollenvorstellungen der Gesellschaft zu vereinbaren sind. Es handelt sich um einen Prozess sozialer Interaktion und Kommunikation. Dieses sozial Erlernte wird von Generation zu Generation weitergegeben. Akkulturation stellt sich ein, wenn Mitglieder einer Gesellschaft mit einer anderen Kultur in Kontakt kommen. Es findet ein direkter Kontakt zwischen Individuen verschiedener Kulturkreise statt. Dabei ist die Übernahme von kulturellen Anleihen umso wahrscheinlicher, je ähnlicher und somit auch vertrauter sich die Kulturen bzw. Individuen der Kultur sind. Es existieren vier Typen der Akkulturation: Integration, Assimilation, Separation, Marginalisation. Integration beschreibt einen kontinuierlichen Kontakt mit Personen aus einem anderen kulturellen Umfeld. So vermischen sich bei der Migration beim Individuum gewissermaßen kulturelle Eigenarten der fremden mit der originären Kultur. Bei der Assimilation passt sich das individuelle Verhaltensmuster jenes der fremden Kultur an und die eigene Kultur wird vollständig abgelegt. Die Separation beschreibt Individuen, die trotz ihrer Immigration in eine fremde Kultur, ihre eigene kulturelle Tradition bewahren wollen. Dies kann man beispielsweise an New Yorks China Towns beobachten. Die Marginalisation meint schließlich eine vom Individuum initiierte Negierung eigener und fremder Kultureinflüsse.

2.1.5 Ablehnung kultureller Anleihen

„Einem Menschen, der weiß, dass es viele Kulturen gegeben hat und dass jede Kultur für sich beansprucht die beste und einzig wahre von allen zu sein, wird es schwer fallen, die Prahlerei und Dogmatismen seiner eigenen Tradition allzu ernst zu nehmen.“[62].

Natürlich besteht die Möglichkeit der Ablehnung kultureller Anleihen. Dies geschieht durch den bereits erwähnten Ethnozentrismus, der die eigene Kultur als gegenüber anderen überlegen sieht und andere Kulturen anhand der eigenen Maßstäbe bewertet. Eine weitere Möglichkeit beschreibt die kulturelle Feindseligkeit, die als Antipathie durch frühere oder gegenwärtige militärische, politische oder wirtschaftliche Ereignisse begründet ist und das eigene kulturelle Erbe als bedroht sieht. Diese Variante der kulturellen Ablehnung ist stark von Affektivität und Emotionen geprägt.

2.2 Kulturelles Vorverständnis der amerikanischen Gesellschaft

„Bad Reichenhall ist nicht die Bronx, Meißen nicht Littletown und Bielefeld nicht South Central Los Angeles, und doch blitzt mit jedem Schuss, jedem Stich mehr die Befürchtung auf, Amerika ist bald überall.“[63].

Nach dieser allgemeinen Einführung in die Welt der Kultur kommen wir hier dem Land unserer Studie aus unterschiedlichen Sichtweisen näher. So folgt dem erklärenden Anfangskapitel, einem kurzen Portrait der USA in Zahlen und Daten, die Anwendung der Kultur an einem spezifischen Kulturmodell nach Hofstede. Um die Kultur möglichst umfassend identifizieren zu können, werden wir im Anschluss daran ausführlich auf einige wichtige Symbole, Rituale und Klischees des Landes der Gegensätze zu sprechen kommen. Diese Beschreibung wird nicht einfach werden, denn obwohl unsere Distanz zu Amerika größer ist als die der in den USA lebenden Amerikanern, so können wir lediglich versuchen durch gegenseitige Dialoge und Gespräche mit anderen möglichst neutral und distanziert zu bleiben sowie dem Postulat der „Objektivität“ zu folgen. Doch sei an dieser Stelle festgehalten, dass diese Arbeit natürlich in zweierlei Hinsicht subjektiv geprägt ist: einerseits aufgrund der subjektiven Definitionen, Einstellungen, Haltungen und Handlungen der Interviewten. Andererseits spiegelt diese Studie in der Analyse und Interpretation des erhobenen Datenmaterials auch unsere eigenen subjektiven Weltanschauungen und Beurteilungen wider.

2.2.1 Daten, Fakten und Zahlen

Kurz und knapp einiges Wissenswertes über die Vereinigten Staaten von Amerika. Sie bestehen aus fünfzig Bundesstaaten, mit der Hauptstadt Washington, DC. Die Fläche beträgt 9.809.155 km² (ohne Alaska, Hawaii und Außengebiete), Deutschlands Fläche im Vergleich ist davon lediglich drei Prozent. Die größte Stadt ist New York mit acht Millionen Einwohnern.

Nach der Volkszählung im Jahre 2000 lebten offiziell 281.422 Millionen Einwohner in den USA, davon 69,1% nichthispanische Weiße, 12,5% Bürger hispanischer, 12,3% afrikanischer Abstammung, 2,4% Einwohner, die sich als gemischt rassig bezeichnen: Asiaten, Indianer, Eskimos und Flüchtlinge. Die US-Amerikaner hispanischer Herkunft haben die Afro-Amerikaner als größte Minderheit überholt. Im bevölkerungsreichsten Bundesstaat Kalifornien sind die Weißen mit einem Anteil von nur mehr 47% zur Minderheit geworden. Auffallend ist, dass, im Gegensatz zu den meisten anderen Industriestaaten, die Bevölkerung der USA seit 1990 um 13,1%, also 32,7 Millionen, wuchs.

Nach Religionszugehörigkeiten aufgeteilt, setzt sich die Gesellschaft vorwiegend aus Christen (55% Protestanten, 28% Katholiken), daneben Baptisten, Methodisten, Juden und anderen zusammen.

Seit dem 20. Januar 2001 ist George W. Bush der 43. Präsident der USA. In den USA gibt es keine Parteien im europäischen Sinn, sondern eher Interessengruppen; hier teilen sich die Grand Old Party (GOP) der Republikaner und die Demokraten die Macht. Es gibt keine Wehrpflicht, sondern eine Berufsarmee. 16,2% der Staatsausgaben stehen dem Militär zur Verfügung. Das Wirtschaftswunder endete mit der Ära Clinton[65], denn Bush[66] ist in erster Linie nicht an Schuldentilgung interessiert, sondern an Entwicklung.[67]

Die größten Fluggesellschaften sind Delta, United und American Airlines. 1999 kamen 48,49 Millionen Touristen nach Amerika, 2 Millionen davon waren Deutsche. Nur Frankreich und Spanien ziehen mehr Urlauber an.

Um nun Amerika nicht nur faktisch, sondern auch aus der Sicht eines Kulturforschers kennen zu lernen, wählten wir im Folgenden die Kulturtheorie nach Hofstede.

2.2.2 Die „Culture Theory“ von Hofstede

Es ist an dieser Stelle nicht möglich, die volle theoretische Komplexität aller Kulturforscher darzustellen. Statt dessen wollen wir uns auf die fünf Dimensionen[69] des Kulturforschers Geert Hofstede konzentrieren, nämlich Machtdistanz, Individualismus vs. Kollektivismus, Maskulinität vs. Feminität, Unsicherheitsvermeidung und Langzeit/Kurzzeit-Orientierung, da sie unserer Meinung nach für Zwecke des Kulturvergleichs auf die USA angewendet einprägsame Gesichtspunkte der amerikanischen Kultur liefern und Verständnis für so manches Verhalten ermöglichen.

Es bleibt indes zu beachten, dass dies ein Typisierungsversuch sein soll und daher in der Realität so wohl nicht anzutreffen sein wird. Es handelt sich hierbei also nicht um eine generelle Aussage, die auf alle Mitglieder der Bevölkerung der USA pauschal angewendet werden kann und die komplexe Realität widerspiegelt, sondern um kulturelle Tendenzen, die eine vereinfachende, idealisierende Beschreibung der nordamerikanischen Kultur liefert und als spezifisches Kulturmodell ohne Anspruch auf generelle Gültigkeit verstanden werden soll.

Am Ende dieser Arbeit, wenn die Auswertung der empirischen Daten erfolgt, werden nochmals detailliert kulturelle Einflüsse, die auf die Individuen wirken und deren subjektive Arbeits- und Freizeitdefinition tangieren, erörtert, besprochen und mit den persönlichen Einstellungen und Wertprioritäten verwoben, um all jene sich interdependierenden Faktoren festzuhalten, zu verstehen und zu interpretieren, die wiederum Zugang zu einem Verständnis der jeweils individuellen subjektiven Definition von Arbeit und Freizeit verschaffen sollen. Hofstedes Abgrenzungsversuch gibt dennoch Aufschluss darüber, welche kulturellen Tendenzen in den Vereinigten Staaten von Amerika anzutreffen sind und wie die amerikanische Kultur und deren gesellschaftliche Strukturen Einfluss auf die jeweils individuelle subjektive Definition von Arbeit bzw. Freizeit auszuüben vermag.

Die erste Dimension, die nach Hofstede eine Kultur prägt, ist die Machtdistanz, die “a nation´s unique score on how to deal with social inequality“[70] beschreibt. “Power and inequality ... are extremly fundamental facts of any society.”[71]. Je größer die Machtdistanz in einem Land wie etwa Asien, Afrika oder Südamerika, desto ungleicher leben die Menschen miteinander. Die emotionale Distanz zwischen beispielsweise Chef und Mitarbeiter ist viel größer und Statussymbole repräsentieren Macht. Die Abhängigkeit seitens der Mitarbeiter zu ihren Vorgesetzten ist sehr groß. Die USA nimmt im Machtdistanzindex, dem Index für die soziale Distanz, eine untere bis mittlere Position ein (Platz 38)[72] und wird so den Ländern mit geringer Machtdistanz zugeordnet. Sie verfolgen also das Ideal der Gleichheit, was aber nicht impliziert, dass es keine Ungleichheit gibt, sondern nur, dass diese so gering wie möglich gehalten werden soll. Eine gewisse Abhängigkeit zwischen Mächtigen und weniger Mächtigen besteht durchaus. Mitarbeiter in Organisationen erwarten in Entscheidungen miteinbezogen zu werden, die Organisationsstruktur wird dezentral gehalten. Die Hierarchie kommt, so denken sie, lediglich aus praktischen Gründen zustande, die Rollen sind aber substituierbar. Statussymbole werden anerkannt, dienen aber nicht zur Autoritätssteigerung. In Fragen der Erziehung drückt sich eine geringe Machtdistanz z.B. dadurch aus, dass Eltern ihre Kinder wie ihresgleichen behandeln.

Die zweite Dimension ist die des Individualismus vs. Kollektivismus. “On the collectivist side, we find societies in which people from birth onwards are integrated into strong ... ingroups ... which continue protecting them in exchange for unquestioning loyalty.”[73].

Individualistisch geprägte Länder hingegen, unter welchen die USA den höchsten Wert im Individualismusindex einnimmt (Platz 1)[74], beschreibt die USA als Gesellschaft, die sich durch lockere Bindungen zwischen den Menschen ausdrückt und von jedem Mitglied der Gesellschaft erwartet, sich um sich selbst und um seine Familie zu kümmern. Das Wohlergehen des Einzelnen wird über dem der Gruppe bewertet. Dieser Individualismus bewirkt eine Identitätsfindung im Individuum selbst. Freie Meinungsäußerung, Denken in Ich-Begriffen, sowie die Wichtigkeit persönlicher Zeit und Freiheit sind Indizien des stark ausgeprägten amerikanischen Individualismus. Das für den Amerikaner höchste Ziel, nämlich seine Selbstverwirklichung, kann dadurch erreicht werden. Allerdings ist dieser unterstellte Individualismus sowie das Postulat der freien Meinungsäußerung besonders im Falle des kriegerischen Irak-Konflikts sehr stark in Frage zu stellen. Zunächst, jedenfalls wurde dies medial so inszeniert und behauptet, hätten alle Amerikaner patriotisch, einheitlich und solide hinter ihrem Präsidenten gestanden. Es schien als bildeten sie in dieser Zeit der Krise eine relativ homogene Gruppe, die sich durch ein sehr kollektives, hochemotionalisiertes und vaterlandsliebendes Miteinander und ´Gegen-den-Feind-Gruppengefühl` auszeichnete. Der Amerikaner fühlte sich durch den 11. September 2001 in seiner Seele verletzt und in seiner Ehre und in seinem Stolz auf sein Vaterland tief getroffen. Der Irak-Krieg sollte dies in gewisser Weise rächen. Daher verwundert es auch nicht, dass die amerikanische Medienlandschaft, wohlwissend über ihren starken Einfluss auf die Meinungsbildung, sich eine freiwillige Selbstzensur auferlegte und ausgeschlossen unkritische und parteiische Berichterstattung betrieb. Freie kritische Meinungsäußerung wurde sofort als amerikafeindliche Gesinnung verunglimpft oder aber schlicht und einfach verboten und sanktioniert. Besonders Großkatastrophen wie 9/11 oder der Irak-Krieg sind relevante Ereignisse, die nicht nur kulturelle Merkmale, wie z.B. den Individualismusgrad, wie ihn Hofstede unterstellt, relativieren und modifizieren können. An einer kritischen Betrachtung der Theorie von Hofstede wurde aus Gründen der Komplexität und des Umfanges gespart.

Für amerikanische Organisationen bedeutet der hohe Grad des Individualismus ein Management von Individuen, die alle ihre Meinung sagen dürfen und nach eigenen Interessen handeln können, wobei sie diese jedoch mit den Anforderungen der Organisation in Einklang bringen müssen, und die nach Fertigkeiten und Leistungen bewertet werden. In einer Gesellschaft wie dieser hat die Aufgabe Vorrang vor der Beziehung, wie beispielsweise zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, denn erbringt letzterer etwa schlechte Leistung oder wird er von einem anderen Unternehmen abgeworben, dann stellt dies legitime, sozial anerkannte Gründe für die Beendigung des Arbeitsverhältnisses dar. Dadurch ist in den USA eine Hire and Fire Mentalität entstanden, die sich in einer hohen Fluktuation bzw. einem häufigen Wechsel des Arbeitsplatzes im Lebenslauf eines Individuums niederschlagen kann. Dies trägt u.a. auch zu einer sog. Patchwork- Biografie des Amerikaners bei. Darauf soll allerdings zu einem späteren Zeitpunkt eingegangen werden.

In einer femininen Kultur, in der „sowohl Frauen als auch Männer ... bescheiden ... sein [sollten] und Wert auf Lebensqualität legen [sollten]“[75], in der die Erwerbstätigkeit einen nicht so hohen Stellenwert in der Gesellschaft einnimmt, lässt sich die Arbeitsmoral wie folgt ausdrücken: „Arbeite , um zu leben!“[76], wohingegen es in einer maskulinen Kultur, zu welcher auch die USA gezählt wird, da sie den fünfzehnten Platz[77] im Maskulinitätsindex einnehmen, heißt: „Leben, um zu arbeiten“[78].

Demnach handelt es sich um eine Gesellschaft, in der die Geschlechterrollen eindeutig gegeneinander abgrenzt sind: Männer gelten als hart und konkurrenzbetont, Frauen hingegen als fürsorglich und sich um zwischenmenschliche Beziehungen kümmernd. Man sympathisiert mit den Starken und bewertet Geld, Besitz, Karriere und materiellen Erfolg als wichtige und erstrebenswerte Faktoren. In der Schule wird die Norm nach dem besten Schüler festgesetzt und Versagen wird als Katastrophe bewertet und ebenso kommuniziert. In den USA zählt hauptsächlich das Ergebnis der Arbeit, d.h. Leistung ist die entscheidende Komponente nach der bewertet wird. Dabei zählt in den USA oftmals der Schein des selbstsicheren Auftretens und der positiven bestimmten Selbstdarstellung zu wichtigen Elementen des beruflichen Erfolgs.

Diese Dimension der Maskulinität interdependiert mit der Dimension des Individualismus und daher kann und wird eine solche Kultur von außen stehenden Kulturen als großspurig und protzig betrachtet. Dies schlägt sich beispielsweise in der Stigmatisierung der USA als Weltpolizei nieder.

Kulturen gehen individuell verschieden tolerant mit Ungewissheit um. Der Grad des Unsicherheitsvermeidungswertes beschreibt das Ausmaß, in welchem sich die Mitglieder einer Kultur durch Unsicherheiten in Form von unstrukturierten Situationen bedroht fühlen. Die USA besitzt mit Platz 43[79] einen relativ geringen Wert, d.h. dass die Gesellschaft der USA Unsicherheiten als Bestandteil des täglichen Lebens akzeptiert, man hat sie hinzunehmen und zu ertragen. Diese Akzeptanz unsicherer zukünftiger Ereignisse führt individuell zu geringerem Stress und einem verbesserten persönlichen Empfinden als dies in Gesellschaften mit einem hohen Unsicherheitsvermeidungswert der Fall ist. Emotionen und Aggressionen werden indessen selten gezeigt.

Hier existieren in den Organisationen weniger formelle Regeln als in Ländern mit hohem Index, da die Arbeitnehmer keine unzähligen Gesetze benötigen, um sich wohl zu fühlen. Die wenigen wichtigen Regularien, die es trotz alledem gibt, werden im allgemeinen stärker beachtet als in Ländern mit vielen Vorschriften. Im Vergleich spielt Präzision und Pünktlichkeit in Ländern mit geringem Index eine untergeordnete Rolle und neben getaner Arbeit empfindet man in diesen Ländern nicht ständig das Bedürfnis etwas tun zu müssen, sondern kann sich auch entspannt erholen.

Die letzte Dimension stellt die im Jahre 1991[80] eingeführte Dimension der Langzeitorientierung (LZO)[81], der „Suche einer Gesellschaft nach der Tugend“[82], dar. Wertvorstellungen der Länder mit hoher LZO wie Japan sind Sparsamkeit, Ausdauer und Fleiß. Kurzfristig orientierte Länder wie Amerika, Kanada und England haben Werte wie Respekt vor Tradition, soziale Verpflichtungen und Gesichtswahrung.

2.2.3 Die USA – ein Land der Kontraste, Versuch einer kulturellen

Charakterisierung

USA und Kultur - das passt nicht zusammen - urteilt man oft voreilig. ´Un-Kultur` ja, aber Kultur besitzen ´die da drüben` wohl nicht. McDonalds und Coca-Cola, Oberflächlichkeit und Kriminalität, Naivität und Dummheit oder Kapitalismus und Geldgier sind Schlagworte, die vielleicht so mancher mit der US-Kultur verbinden vermag, wenn er sich über die Supermacht Amerika und ihre Einwohner Gedanken macht. Amerikaner haben, wie jede andere Nation auch, eine eigene Kultur, die bereits mit der Ernährung, der Sprache, der politischen Organisation, der Erziehung, der materiellen Kultur, der Religion, der Kunst etc. anfängt. Wir können nicht spezifisch auf die Eigenheiten der unterschiedlichsten Segmentierungen der Gesamtkultur eingehen, wie z.B. die Kulturen der Gemeinden, Klassen, Altersgruppen, Berufsgruppen usw., sondern wir versuchen ´typisch Amerikanisches` zu identifizieren, das einzelne Kulturbausteine der Gesamtkultur widerspiegelt, um aufzuzeigen, dass die USA aus weit mehr als Fastfood, Klischees und Vorurteilen besteht.

Goethe schrieb einst „Amerika, du hast es besser als unser Kontinent, ... Dich stört nicht im Innern zu lebendiger Zeit unnützes Erinnern und vergeblicher Streit.“[83].

Amerika besitzt keine Tradition im europäischen Sinne, denn dafür ist es viel zu jung. Im Jahre 2001 feierten die USA den 214. Geburtstag ihrer Verfassung. Natürlich ist das Alter wiederum in Relation zu sehen, denn wenn man Europa mit China vergleicht, dann besitzt es ebenso eine sehr halbwüchsige Kultur.

„Die amerikanische Sache ist in hohen Maße die Sache der ganzen Menschheit.“[84].

Jeder, der in die USA reist, assoziiert etwas mit diesem Land, sei es, dass er an amerikanische Produkte wie Barbie, das T-Shirt, den Jeep, das Hero-Sandwich, Kellogg´s, Marple Syrup, die Harley-Davidson, Tiffany oder an Persönlichkeiten wie Marilyn Monroe, Donald Duck, Elvis Presley, James Dean, John Wayne, Harrison Ford, Calvin Klein oder die Route 66, Cowboys, Woodstock, den Cheesburger und die Harvard University denkt. Andere wiederum bringen mit Amerika eher kriegerische Auseinandersetzungen wie Korea, Vietnam, Somalia und Irak in Verbindung, vielleicht erinnert sich so mancher an den Geschichtsunterricht, in dem über Uncle Sam[85], die Mayflower[86], Boston-Tea Party[87], Bürgerrechtsbewegung und Martin Luther King[88], über Hiroshima[89], den Kalten Krieg[90], John F. Kennedy[91], die Kuba-Krise[92] u.v.m. berichtet wurde. Auch an sich mit dem Oscar schmückende Schauspieler aus Hollywood wird oft gedacht, wenn über die Supermacht geredet wird; an Künstler des abstrakten Expressionismus wie Jackson Pollock oder Hans Hofmann, die New York in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts zur neuen Kunstmetropole verhalfen, oder Künstler der Pop-Art-Szene wie Roy Lichtenstein, Andy Warhol oder Keith Harring, die den amerikanischen Traum verfolgten und alltägliche Comics, Werbung und die ordinäre Warenwelt zur Kunst stilisierten. Kinder von heute bringen wohl eher berühmte Leute wie Bruce Springsteen, Pamela Anderson und Brad Pitt in Zusammenhang mit der Tattoo-Kultur Amerika.

Es ist bekannt, dass Amerikaner riesige Autos bauen, die ihnen die bedeutsame und wertvolle Mobilität, Individualität und Freiheit bescheren, verschwenderisch mit ihren Energiereserven, ihren Rohstoffen und Ressourcen umgehen und ein gewaltiges Haushaltsdefizit haben. Sie verfolgen den amerikanischen Traum, der vorsieht, jedem Amerikaner die Möglichkeit zu bieten, vom „Tellerwäscher zum Millionär“[93] aufzusteigen, wenn er oder sie sich nur genügend anstrengt. Dass die USA aber auch etliche bedürftige, hungernde, am Existenzminimum lebende, arme Menschen beherbergt, ist eine unbestreitbare Tatsache.

Außerdem weiß man, denn man hört es immer wieder, dass alle Amerikaner frei sind das zu fühlen, zu denken, zu sagen und zu tun, was sie wollen. Dass aber viele Schwarze und Hispanics in einem freien Land in menschenunwürdigen Ghettos leben müssen, ist ebenfalls eine Grundwahrheit. In einem Land, in dem jeder frei, unabhängig, reich und glücklich sein darf, wenn er die Kraft und die nötige Energie dazu aufbringen kann, wird die Tatsache, dass die anderen, die dies nicht schaffen, eben Pech gehabt haben und als gesellschaftliche Versager stigmatisiert werden, zu einem gesamtgesellschaftlichen sozialen Problem. Der ungleiche Kontrast zwischen Gewinner und Verlierer verschärft diese Kernkonflikt zunehmend. Das Kranken-, Sozial- und Versicherungssystem ist in den USA im Vergleich zu Deutschland skandalös unterentwickelt und so arbeiten viele Amerikaner ohne Versicherungsschutz oder Altersversicherung, da sie sich diese nicht leisten können.

Genauso ist in einem Land, in dem Gleichheit ein Basiswert ist, Diskriminierung und Rassismus an der Tagesordnung. Das Verhältnis von Weißen und Schwarzen ist weiterhin von Furcht und Angst – vor dem schwarzen Mann – oder auch Verachtung geprägt. Man weiß zwar voneinander, aber kennt sich kaum. So ist es nicht verwunderlich, dass eine Mischung oder Annäherung beider Rassen nur langsam voranschreitet und eine Akzeptanz der Schwarzen als Macher und nicht nur als Mitbürger sehr schleppend erfolgt. Eines der wenigen Zeichen ist wohl die Verleihung des Oscars an die erste schwarze Schauspielerin Hall Berry im Jahre 2002.

Analphabetismus und Puritanismus sind in einem Land der glorreichen Universitäten und der Fernseh- und Internet-Kultur ein weiterer prägnanter Kontrast.

Amerikaner leben mehr im Hier und Jetzt „in dem Film Matrix sagt der Abtrünnige, der Verräter des wahren, echten Lebens im Vorblick auf die von ihm ersehnte Wiederaufnahme in die heile Scheinwelt: Ich werde einschlafen, und nach dem Aufwachen werde ich fett und reich sein und mich an rein gar nichts erinnern. Das ist der amerikanische Traum.“[94]. „Beliebt ist auch die Verachtung des Alten vor allem in den Branchen, wo es um Innovation geht.“[95].

In den unzähligen Gesprächen, die wir mit Amerikanern im Laufe des letzten Jahres geführt haben, erfuhren wir einiges über ihr Leben oder das ihrer Freunde und möchten im Folgenden unserer Meinung nach erwähnenswerte Symbole und Rituale festhalten, die später auch mit in die Auswertung einfließen werden.

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Abb. 10

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Beginnen werden wir bei der wahrscheinlich weltweit einzigartigen Sympathie, die der Amerikaner seiner Flagge[96]Old Glory oder Stars and Stripes genannt – entgegenbringt, der sogar ein eigener Feiertag – Flag Day – gewidmet wird. Sie repräsentiert mehr als nur eine Fahne, sie steht für gemeinsame Ziele, symbolisiert die Werte und Traditionen der Vereinigten Staaten und ist bekannt als ein Bild für Freiheit, Gleichheit und unbegrenzte Möglichkeiten. Ein weltweites Vorbild für Gerechtigkeit und Frieden, was auch in den immer wieder gekonnt fesselnd formulierten Reden der verschiedensten Präsidenten der Vereinigten Staaten deutlich wird. In diesen Reden werden die Mitbürger beispielsweise dazu aufgerufen, durch Anbringen der Flagge ihre Verbundenheit zu demonstrieren, an öffentlichen Treffen ihren Treueeid zu erneuern, ihren Patriotismus sowie ihren Stolz und Respekt dem American Way of Life gegenüber zu zeigen.[97] Die Flagge wird an vielen Orten täglich gehisst. Neben Ostern und Weihnachten sind Thanksgiving und der Independance Day - The Fourth of July - die wohl wichtigsten und weltweit bekanntesten Feiertage. Die Amerikanische Flagge ist „zum Symbol der weltlichen Religion geworden.“[98].

Der von Jean Jacques Rousseau geprägte Begriff „civil religion“, weltliche Religion, passt immens gut auf die USA, denn er „verleiht dem Bereich von Politik und Öffentlichkeit eine quasi-religiöse Dimension“[99]. Auch ist zu erwähnen, dass die Gründungsväter Amerikas z.B. als „Propheten und Märtyrer“[100] bezeichnet und die Declaration of Independence sowie die Constitution als zwei Heilige Schriften erklärt werden.[101]

Alle Interviewten erinnerten sich an den allmorgendlichen Gruß in der Schule, an die Flagge, den Treueschwur zur Republik sowie das Singen der Nationalhymne und Hissen der Flagge bei jeder Sportveranstaltung. Doch auch das Auftreten des Präsidenten ebenso wie religiöse Traditionen prägen das tägliche US-Leben. Sie bilden zusammen sozusagen die Grundlage der weltlichen Religion, die wiederum die politische Kultur sehr stark beeinflusst. Die weltliche Religion ist auch stets präsent, selbst in der manifesten Stadtarchitektur. Schon im zweiten Weltkrieg rechnete Franklin Roosevelt[102] die „Religionsfreiheit zu den amerikanischen Kriegszielen“[103], was die „Rolle der Religiosität in der US-Gesellschaft“[104] unterstreicht.

Was den Sport anbelangt, so steht die USA wohl weltweit auch als Paradebeispiel für das Baseballspiel, „das Millionen und Abermillionen Amerikaner brüderlich vereint, aus Wettstreitern Verwandte, aus Fremden Nachbarn, aus Feinden Freunde macht – wenn auch nur solange das Spiel währt.“[105].

In satirischen und sozialkritischen Filmen wie „Bowling for Columbine“[106] oder „Wag the Dog“[107] kann man unserer Meinung nach sehr viel über die Doppelmoral der Amerikaner lernen. Sie zeigen in überspitzter, unterhaltender, karikierter Form ein Amerika, das nicht ganz so sauber, glänzend, moralisch und „politisch korrekt“ ist, wie es oftmals den Anschein macht.

2.2.4 Die USA und ihre Klischees: Wahr oder falsch?

Amerikaner können, um weiter kulturelle Klischees und Vorurteile zu bedienen, sehr herzliche Menschen sein, die schnell mit Fremden ins Gespräch kommen und per du sind, demgegenüber können sie genauso rasch unverbindlich und oberflächlich wirken. So wird man beispielsweise im Supermarkt mit einem „How are you?“ begrüßt, ohne dass es ernst gemeint ist oder eine Antwort erwartet wird, ebenso wie eine Verabredung zu einem Essen nur ein Ausdruck dessen sein kann, dass man sich gut verstanden hat, ohne sich später wirklich dazu zu treffen. Amerikaner sind humorvoll, optimistisch, unverbindlich, sprunghaft, oft opportunistisch und auf die Zukunft fixiert. Sie glauben an die Stärke, Macht und Unerschütterlichkeit ihres Landes, an ihre Scheinwelt der unabhängigen Träumer, Visionäre und Macher und lieben ihre demokratische Nation. Dieser leidenschaftliche Patriotismus schlägt sich vor allem in der pathetischen, kollektiven wie individuellen Bedeutung und Symbolkraft ihrer Nationalflagge nieder und dem ständigen Anstimmen der Nationalhymne zu allen möglichen Anlässen. Der Schriftsteller Salman Rushdie bemerkte dazu kritisch in seinem Roman Wut über den amerikanischen Patriotismus: „Amerikaner klebten allem und jedem ihr amerikanisches Etikett auf: American Dream, American Buffalo, American Graffiti, American Psycho (...) Aber alle anderen hatten auch solche Dinge, und in der übrigen Welt schien das Hinzufügen eines nationalen Präfixes keine so große Bedeutung zu besitzen. (...) Amerikas Sucht, alles amerikanisch zu machen, es in Besitz zu nehmen ... ist das Zeichen einer seltsamen Unsicherheit. Darüber hinaus natürlich ... kapitalistisch.“[108].

Amerikaner lieben das Große, Bombastische und Fantastische. Natürlich gibt es Dank der Globalisierung und dem Zusammenrücken der Welt auch hierzulande bzw. in Europa all die in den USA angebotenen materiellen Konsumgüter. Jedoch existiert in den USA immer ein weiterer Superlativ, der all dies in megadimensionalem Umfang in den Schatten zu stellen scheint. Die Twin Towers von New York waren daher auch in ihrer Größe, Mächtigkeit und Symbolkraft ein Ausdruck der amerikanischen materiellen Kultur dieser unverhältnismäßigen Entwicklung: immer größer, immer besser, die in den USA nicht zum Stillstand zu kommen scheint. Das WTC, der ehemals größte Bürohauskomplex der Welt, hatte auch in seiner Symbolik als Macht- , Finanz- und Weltwirtschaftszentrum zugleich die Funktion eines sozialen und mentalen Kulturgutes. Seine Zerstörung wurde von fast 90 Prozent der amerikanischen Bevölkerung als Kriegshandlung betrachtet.[109]

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Abb. 13

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Abb. 12

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Amerikaner stre-ben nach individu-ellem Glück und sind hierbei äußerst prag-matisch. Nicht der Weg ist das Ziel, sondern das Ziel selbst, das persönliches Glück versprechen soll, wird anvisiert. „Unglücklichsein wurde zu körperlicher Unfitness umdefiniert, Verzweiflung zu einer Frage guter Rückenmuskeln. Glücklichsein war besseres Essen, klügere Möbelauswahl, tiefere Atemtechnik. Glücklichsein war Egoismus“[110], schrieb Rushdie sarkastisch. Dabei sucht der Amerikaner nach materiellem und finanziellem Glück und findet dies in einer erfolgreichen Karriere, die jeder Amerikaner unabhängig von Ausbildung oder sozialer Ausgangssituation, dem amerikanischen Traum zu Folge, auch erreichen kann. Immaterielles Glück wird in Beziehungen zum anderen oder gleichen Geschlecht gesucht, wobei Amerikaner dazu neigen, relativ früh zu heiraten und sich schnell wieder scheiden zu lassen. ´Es gibt immer wieder eine neue Chance` könnte einen typischen amerikanischen Aphorismus darstellen. Ebenso wird immaterielles Glück in der Religion oder in Heilsversprechungen spiritistischer Gurus, Swamis, Yogis oder anderer Sektenführer gesucht. Allerdings geht es hier auch zumeist um das individuelle persönliche Glück, das der Amerikaner erreichen will, und nicht um die Lehre und spirituelles Wachstum an sich. Glück ist für den Amerikaner ein Grundrecht, das jeder Amerikaner bei der Geburt erhält. Sogar Thomas Jefferson formulierte dies als ein von der Verfassung verbrieftes Recht: „Wir halten diese Wahrheit aus sich selbst erwiesen, dass alle Menschen gleich geschaffen und von ihrem Schöpfer mit bestimmten unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; darunter das Recht auf Leben, auf Freiheit und auf Streben nach Glück.“[111]

Die Religion, insbesondere das Christentum, spielt im Leben der Amerikaner eine weitere wichtige Rolle. Die Religion spendet den Amerikanern ein Zugehörigkeitsgefühl. Außerdem sind die Amerikaner der Meinung, dass der Glaube an Gott den Glauben an die Demokratie impliziert, d.h. ohne den Glauben an Gott kann eine Demokratie nicht funktionieren. Kirche und Staat werden zwar strikt getrennt, dabei sind diese beiden Institutionen jedoch innig miteinander verquickt. Rushdie schreibt dazu: „Und in Washingtons Land, sagten die angeblich nicht ausreichend frommen Bürger, wenn sie gefragt wurden, würden über neunzig Prozent von ihnen für einen jüdischen oder homosexuellen Präsidenten stimmen, aber nur neunundvierzig Prozent für einen Atheisten.“[112].

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Abb. 14

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Amerikaner fühlen sich und ihr Land als von Gott auserwählt und sind davon überzeugt, dass die USA God´s own country verkörpert. Der amerikanische Patriotismus lässt sich dadurch auch einigermaßen erklären, da niemand das in Frage stellen kann, was Gott ihm, dem Amerikaner bzw. dem gesamten amerikanischen Volk, anvertraut hat. Daher sind die Amerikaner und die amerikanische Außenpolitik auch davon überzeugt, dass alles, was sie tun und lassen Gottes einzigartigen Willen widerspiegelt und somit unbestritten gut ist, und dass alle, die dagegen sind oder eine andere Einstellung verkörpern böse bzw. schlecht sind. Sie handeln nicht im Sinne Gottes und sind, um mit den Worten von George W. Bush zu sprechen, apriori „evil“. Er bezeichnete in mehreren Reden den damals bevorstehenden Irak-Krieg messianisch als „Tag der Abrechnung“. Diese anhängliche Beziehung zu Gott ist das Erbe der amerikanischen Vorfahren, der Pioniere, die im Namen Gottes das amerikanische Territorium in ihren Besitz nahmen. Dabei ist das Streben nach Glück und Seelenheil durchaus auch auf die Gegenwart bezogen und nicht nur auf das Leben nach dem Tode. Dies bedeutet für den Amerikaner, dass er um dies zu erlangen, fleißig, strebsam und leistungsorientiert, getreu den Vorstellungen der protestantischen Berufsethik, arbeiten und auch in der Gegenwart nach materiellem Glück suchen soll. Allerdings wird die christliche Religion, wie etwa bei den Baptisten, oft für überzogene Moralvorstellungen und extrem konservative Erziehungsmaßnahmen missbraucht, die strengen Gehorsam fordern und fördern, Feminismus verleumden und Sexualität verteufeln. “No Sex until marriage“ ist nur einer der Schlagrufe, der jungen Menschen eingedrillt wird und zu einem gestörtem Umgang mit der eigenen Sexualität führt und häufig in verfrühter Heirat endet, die alsbald wieder geschieden wird. Dies ist auch eine der Begründungen für die klischeehafte Doppelmoral der Amerikaner, die auf der einen Seite Promiskuität und sexuelle Freizügigkeit verteufeln und auf der anderen Seite den Amerikaner dazu nötigen, eine Maske der Unschuld aufzusetzen, die er in der Fülle und Anonymität der Großstadt wieder absetzt, um zumindest dort sein wahres Gesicht zu zeigen.

Mobilität ist ein weiteres amerikanisches Attribut, das vielen US-Einwohnern sehr wichtig und unverzichtbar zu sein scheint, um Freiheit auszuleben und persönliches Glück verfolgen zu können. Dabei scheint Freiheit die Bedeutung zu haben, das Recht und die Möglichkeit zu besitzen, jederzeit in Bewegung zu sein, jeden gewünschten Ort erreichen zu können und wann immer der Amerikaner es für nötig und wichtig empfindet den Wohnort wechseln zu können. Viele Amerikaner ziehen zudem jährlich innerhalb der USA um. Dabei übernimmt das Auto für den Amerikaner die Hauptfunktion um mobil sein zu können. Es ist allerdings auch vonnöten, da die Entfernungen von einem Ort zum anderen mit öffentlichen Verkehrsmitteln oft kaum oder gar nicht zu überbrücken sind. Schon das tägliche Erreichen des Arbeitsplatzes wird in den USA oft zunächst mit dem Auto von den Suburbs, den Vororten der Großstadt begonnen, um es anschließend im Park and Ride Verfahren an der Metro zu lassen und dann mit dem öffentlichen Verkehrsmittel nach Downtown in die Innenstadt zum Job zu gelangen. Das Automobil scheint dem Amerikaner heilig zu sein und der Führerschein darf daher in den USA schon ab dem 16. Lebensjahr erworben werden. So wurde zum Beispiel in Los Angeles bis heute nicht in Erwägung gezogen, eine Metro oder Hochbahn zu bauen, ebenso wie viele Busstationen auch nur mit dem Auto zu erreichen sind. Daher sind Verkehrsstaus die Regel, über die sich kaum noch einer aufzuregen scheint, und die Einführung einzelner Highwayspuren, die nur mit Autos mit mehr als zwei Insassen benutzt werden dürfen, um Fahrgemeinschaften anzuregen, schaffen dort auch nur eine geringfügige Milderung. Das Auto ist für den Amerikaner aber mehr als nur ein Fortbewegungsmittel, Freizeitvergnügen oder Statussymbol. Es ist ein Symbol seiner Individualität und Unabhängigkeit und daher unabdingbar für seinen Optimismus und die Realisation seines eigenen amerikanischen Traums, d.h. der Amerikaner träumt nicht nur, sondern sein Auto ermöglicht ihm sogar die Verwirklichung des Erträumten.

“Here´s my credo: there are no good guns. There are no bad guns. A gun in the hands of a bad man is a bad thing. Any gun in the hands of a good man is no threat to anyone … except bad people.”[113]. Dieses Zitat von Charleton Heston[114] wurde von der irischen Popband U2 als Einleitung auf den Song „Bullet the blue sky” auf der Elevation-Tour von 2001 auf eine Leinwand projiziert, um auf die unsinnige und tödliche Laudatio eines der Mitglieder der reichen und einflussreichen amerikanischen Waffenlobby aufmerksam zu machen. Heston zufolge ist die Waffe als solches weder gut noch böse. Böse und gefährlich werde diese nur durch die Benutzung eines Kriminellen. Ebenso sei die Waffe eine Bedrohung für Kriminelle in den Händen eines rechtschaffenden amerikanischen Bürgers. Dieser habe aber als solcher ein gottgegebenes Recht auf Verteidigung seiner Person, seiner Familie und seines Besitzes. Heston machte dies vor dem Senate Judiciary Commitee nochmals unmissverständlich klar: “ (...) The law-abiding citizen is entitled to own a rifle, pistol, or shotgun. The right, put simply, shall not be infringed (...).”[115]. Dass dieses angebliche Recht mehr als genug unschuldige Opfer gefordert hat, dürfte wohl kaum bezweifelt werden. Amerika wurde der Waffenlobby zufolge mit dem Gewehr in der Hand geboren und nicht Waffen seien es, die Menschen töten, sondern allein die Menschen selbst töteten ihresgleichen. Diese Aussage wirkt allerdings anachronistisch und antiquiert, da die Zeit, in der Amerikaner sich als Pioniere verteidigen und das Land blutig erobern mussten, seit langem vorbei ist. Nichtsdestotrotz pochen viele Amerikaner auf ihr Recht, eine Waffe zu erwerben, zu besitzen und sie bei Bedarf auch einsetzen zu dürfen. Das Faszinosum Waffe wird auch dadurch nicht entschärft, dass bereits achtzehnjährige, unreife Teenager einfach in einem Waffenladen um die Ecke eine Pistole kaufen können. Die Konsequenzen dessen sind vielfältig und brauchen hier nicht weiter diskutiert zu werden. Bekannt ist allerdings, dass an manchen Schulen in den USA Metalldetektoren zum Einsatz kommen müssen, um die Gefahr eines Feuergefechts an Schulen zu minimieren. Trotzdem häufen sich Massaker und Amokläufe an amerikanischen Schulen und fordern zahlreiche Opfer. Die Polizei in den USA ist deshalb, auch aus Gründen des Selbstschutzes, schneller bei der Waffe als dies etwa in Deutschland der Fall ist und daher ist es ratsam, sich in einer entsprechenden Weise US-Polizeibeamten gegenüber zu verhalten, um nicht fälschlicherweise provokant auf diese zu wirken.

[...]


[1] Im Folgenden mit „9/11“ abgekürzt.

[2] Vgl. SZ (Nr.210 / 12.09.01), S.1.

[3] Vgl. SZ (Nr.36 / 12.02.02), S.1.

[4] Vgl. Heidemann, Britta (2001), S. 109.

[5] Vgl. Stern Extra (Nr.38 ), S. 2.

[6] 07.12.41 Überraschungsangriff eines japanischen Flugzeugträgerverbandes auf die Basis der US- Pazifikflotte in Pearl Harbor, Hawaii; 2400 Tote und ca. 1100 Verletzte.

[7] Günther, Markus (2001), S. 24.

[8] Aust, Stefan (2002), S.9.

[9] Vgl. Zeit( Nr.38 / 13.09.01), S.1.

[10] Huntington, Samuel P., Harvard Politologe.

[11] Aust, Stefan (2002), S.9.

[12] Prägung des Begriffs durch den amerikanischen Kulturforscher Pike.

[13] Maletzke, Gerhard (1996), S. 26/27.

[14] Vgl. Levine, R.A. /Campell, D.T.(1972). Begriff geprägt von Summner, W.G. (1906). In: Maletzke, Gerhard (1996), S. 209.

[15] Vgl. Punkt 2.2.

[16] Vgl. Punkt 2.3.1.

[17] Vgl. Punkt 2.3.2.

[18] Vgl. Punkt 2.3.3.

[19] Menschen, die jemanden verloren haben.

[20] Restwelt.

[21] Förster, Thomas/ Pfaff, Silke (2001).

[22] Vgl. Punkt 2.2.

[23] Vgl. Punkt 2.3.3.

[24] Vgl. Buchwald, Kultur und Management: Hofstede, Geert:„Culture Consequences“, S. 1/2.

In: http://www.rrz.uni-hamburg.de/perso/archiv/pwl_th1.doc

[25] Deutscher Naturrechtsphilosoph und Historiker, 1632-1694.

[26] Französischer Philosoph 1712-1778.

[27] Buchwald, Kultur und Management: Hofstede, Geert:„Culture Consequences“, S. 2. In: http://www.rrz.uni-hamburg.de/perso/archiv/pwl_th1.doc

[28] Befreiung aus dem Naturzustand war wiederum durch Abwurf der eigenen Ängste etc. in gegenseitigem Austausch in sozialer Beziehungen möglich; Vgl. Buchwald, Kultur u. Management: Hofstede, Geert:„Culture Consequences“, S. 2. In: http://www.rrz.uni-hamburg.de/perso/archiv/pwl_th1.doc

[29] Buchwald, Kultur und Management: Hofstede, Geert: „Culture Consequences“, S. 2. In: http://www.rrz.uni-hamburg.de/perso/archiv/pwl_th1.doc

[30] Buchwald, Kultur und Management: Hofstede Geert: „Culture Consequences“, S. 2. In: http://www.rrz.uni-hamburg.de/perso/archiv/pwl_th1.doc

[31] Englischer Anthropologe (1832-1917).

[32] Tylor (1873): Die Anfänge der Kultur, S.1. In: http:// www.payer.de/kommkulturen/kultur02.htm

[33] Herskovits, Melville J. (1895-1963).

[34] Herskovits, Melville J. (1948). In: Internationale Kommunikationskulturen Kapitel 2 Kultur. In: www.payer.de/kommkulturen/kultur02.htm

[35] 1928 in Holland geborener Anthropologe und Organisationswissenschaftler.

[36] Vgl. Hirt (2003), Interkulturelles Management, Folie 26 von 36, Uni Graz. In: http://www.kfunigraz.ac.at/iimwww/Hirt/ccmvu1.pdf

[37] Kommunikationswissenschaftler, Uni Essen.

[38] o. V.; „Mentale Programmierung“. In: http://www.imointernational.de/index_deutsch.htm?/deutsch/html/mental.htm

[39] Mühlmann, Wilhelm Emil, Ethnologe (1904-1988).

[40] Mühlmann, Wilhelm Emil (1972): Kultur in Wörterbuch der Soziologie. In: www.payer.de/kommkulturen/kultur02.htm

[41] Mühlmann ,Wilhelm Emil (1972): Kultur in Wörterbuch der Soziologie. In: www.payer.de/kommkulturen/kultur02.htm

[42] Huxley, Aldous (1963), S. 264.

[43] Mehr zu Dynamik vgl. Kapitel Basisdimensionen von Kultur.

[44] Lebensstile sind ein sozialwissenschaftliches Konstrukt, gleichzusetzen mit Lebensweise, Lebensführung. vgl. Hartmann, P. H. (1999): Lebensstilforschung, S. 15.

[45] Ökonomisches (Geld, Immobilien,..), soziales (Gruppenzugehörigkeit) und kulturelles (inkorporiert- Bildung-;objektiviert-Kunst,Musik-;institutionalisiert) Kapital Hoffmann, Kultur. In: http://www.erzwiss.uni-hamburg.de/personal/hoffmann/vorlesung/Handout.htm

[46] Kluckhohn Clyde (1905-1960), Anthropologe.

[47] Kelly William (1902 geboren), Anthropologe.

[48] Lebensmuster = nicht nur die Theorie, wie etwas getan oder gefühlt werden sollte, sondern auch die Praxis, d.h. auch die Muster, denen verbotene und missbilligte Verhaltensformen in ihrer Ausführung unterliegen wie auch die Muster, denen Verhaltensformen unterliegen, die in Hinblick auf gemeinsame Normen "neutral" sind. In: http://www.payer.de/kommkulturen/kultur02.htm

[49] Kluckhohn, Kelly (1945), „The concept of cultur”. In: Linton (1945), “The science of man in the world crisis”. In: Payer, Int. Kommunikationskulturen, Kultur. In: http://www.payer.de(kommkulturen/kultur02.htm

[50] Schreyögg, G. (1998), S.444. In: http://www.rrz.uni-hamburg.de/perso/archiv/pwl_th1.doc, S.2.

[51] Duden (2001).

[52] Vgl. Zell (2001), „Symbole, Rituale, Helden und Werte“. In: http://www.ibim.de/ikult/2-2.htm und o. V., Hofstede, Symbole, Wert, Rituale, Helden. In: http://www-user.tu-chemnitz.de/~suss/tutorium/1

[53] Hofstede, Geert (1997), S. 8.

[54] Meyer´s Enzyklopädisches Lexikon (1971).

[55] Tote, lebendige, fiktive Charaktere, die in einer Kultur als Vorbild angesehen werden.

[56] Sind kollektive Tätigkeiten, die im Endeffekt überflüssig sind, aber in einer Kultur als sozial notwendig definiert werden.

[57] Zell (2001), „Symbole, Rituale, Helden und Werte“. In: http://www.ibim.de/ikult/2-2.htm

[58] Vgl. Schreyögg (1998), Organisation, S. 443 ff.. In: Buchwald, Kultur und Management: Hofstede, Geert:„Culture Consequences“, S. 3. In: http://www.rrz.uni-hamburg.de/perso/archiv/pwl_th1.doc

[59] Vgl. Bhagat,R.S./Mc Quaid,H. (1982).

[60] Meyer´s Enzyklopädisches Lexikon (1971).

[61] Featherstone, Mike (1995), S.34.

[62] Huxley, Aldous (1963), S. 267.

[63] Leggewie, C.(2000), S. 119.

[64] Vgl. Spiegel Almanach (2002), S. 428-438.

[65] Spiegel Almanach (2002), S. 432. Bill Clinton, Demokrat, 1993-2001, 42. amerikanischer Präsident.

[66] George Bush, Republikaner, seit 2001 43. amerikanischer Präsident.

[67] Spiegel Almanach (2002), S. 432.

[68] Scores on the first four dimensions were obtained for 50 countries and 3 regions on the basis of the IBM study, and on the fifth dimension for 23 countries on the basis of student data collected by Bond. In: Hofstede, Geert: A summary of my ideas about national culture differences, In: http://www.kubnw5.kub.nl/web/iric/hofstede/page3.htm

[69] Vgl. Hofstede, Geert (1997).

[70] Five fundamental dimensions of culture. In: dimensions of culture. In: http://wwwkubnw5.kub.nl/web/iric/index2.htm

[71] Hofstede, Geert: A summary of my ideas about national culture differences. In: http://kubnw5.kub.nl/web/iric/hofstede/page3.htm

[72] Univ.-Prof. Dr. Christian Scholz, Vorlesung Personalmanagement – Wien -. In: http://www.orga.uni-sb.de/wiener_hp/scholz/IPMG_2002.pdf. S. 6

[73] Hofstede, Geert: A summary of my ideas about international culture differences. In: http://kubnw5.kub.nl/web/iric/hofstede/page3.htm

[74] Univ.-Prof. Dr. Christian Scholz, Vorlesung Personalmanagement – Wien -. In: http://www.orga.uni-sb.de/wiener_hp/scholz/IPMG_2002.pdf. S. 6

[75] Buchwald, Kultur und Management: Hofstede, Geert: „Culture Consequences“, S. 11. In: http://www.rrz.uni-hamburg.de/perso/archiv/pwl_th1.doc

[76] Buchwald, Kultur und Management: Hofstede, Geert:„Culture Consequences“, S. 12. In: http://www.rrz.uni-hamburg.de/perso/archiv/pwl_th1.doc

[77] Buchwald, Kultur und Management: Hofstede, Geert:„Culture Consequences“, S. 21. In: http://www.rrz.uni-hamburg.de/perso/archiv/pwl_th1.doc

[78] Buchwald, Kultur und Management: Hofstede, Geert:„Culture Consequences“, S. 13. In: http://www.rrz.uni-hamburg.de/perso/archiv/pwl_th1.doc

[79] Univ.-Prof. Dr. Scholz, Vorlesung Personalmanagement – Wien -. In: http://www.orga.uni-sb.de/wiener_hp/scholz/IPMG_2002.pdf. S. 6

[80] http://www.intercultural-network.de/einfuehrung/kulturelle_dimensionen.shtml

[81] http://www.dirk-koentopp.de/kap3/kap3235.htm

[82] Hofstede, Geert (1991), S. 159. In: http://www.dirk-koentopp.de/kap3/kap3235.htm

[83] Lobeshymne an die USA von Goethe. In: Thomä, D. (2000), S. 166.

[84] Paine. In: Thomä, D. (2000), S. 5.

[85] Symbolfigur der USA, dargestellt als großer, weißhaariger, in den Nationalfarben gekleideter Mann mit Spitzbart und Zylinderhut; man nimmt an, dass sie im Krieg 1812 entstand, als ein amerikanischer Geschäftsmann Samuel `Uncle Sam´ Wilson die US-Army mit Dosenrindfleisch, mit den Initialen U.S. versorgte.

[86] 1620, 18 Familien mit insgesamt 102 Personen unterwegs auf der Mayflower von Plymouth in die „Neue Welt“ .

[87] 1773, Protest gegen die Teesteuer.

[88] Einer der einflussreichsten Menschen des 20. Jahrhunderts, 1929-1968.

[89] August 1945, Abwurf von Atombomben auf Hiroshima (6.8.) und Nagasaki (9.8.).

[90] 1947, Beginn des Kalten Krieges.

[91] 35. amerikanischer Präsident, 1961-1963, Demokrat.

[92] Mehr in: Der Spiegel, 16. Jg., Nr. 44 zur Kuba-Krise, 1962.

[93] Sog. „Machbarkeitsphilosophie“; Vorländer, „Länderbericht“, S. 282. In: Torma, „Die Amerikanische Flagge“, S. 15. In: http://www.de-oratore.de/Person/USA%20Hausarbeit03.pdf

[94] Thomä, D. (2000), S. 171. „Der Publizist Walter Lippmann entdeckte im Jahre 1914 die Furcht der modernen Menschen vor der Vergangenheit “, S. 169.

[95] Thomä, D. (2000), S.167.

[96] Rote und weiße Streifen:13 originalen Staaten; 50 Sterne: einzelnen Staaten der Union

[97] Vgl. Torma, „Die Amerikanische Flagge, S. 2-5. In: http://www.de-oratore.de/Person/USA%20Hausarbeit03.pdf

[98] Lösche, Amerika in Perspektive, S. 289. In: Torma, „Die Amerikanische Flagge“, S. 8. In: http://www.de-oratore.de/Person/USA%20Hausarbeit03.pdf

[99] Vorländer, USA Länderbericht, S. 281. In: Torma, „Die Amerikanische Flagge“, S. 8. In: http://www.de-oratore.de/Person/USA%20Hausarbeit03.pdf

[100] Vorländer, USA Länderbericht, S. 281. In: Torma, „Die Amerikanische Flagge“, S. 9. In: http://www.de-oratore.de/Person/USA%20Hausarbeit03.pdf

[101] Vgl. Lösche, Amerika in Perspektive, S. 286. In: Torma, „Die Amerikanische Flagge“, S. 9. In: http://www.de-oratore.de/Person/USA%20Hausarbeit03.pdf

[102] Franklin D. Roosevelt, Demokrat, 1933-1945 (gest.), 32. amerikanischer Präsident.

[103] Leggewie, C. (2000), S. 123.

[104] Leggewie, C. (2000), S. 123.

[105] Thomä, D. (2000), S. 143.

[106] Moore, Michael. In: http://www.bowlingforcolumbine.com

[107] 1997 New Line Cinema, „Wenn der Schwanz mit dem Hund wedelt“, Film von Barry Levinson mit Dustin Hoffman und Robert de Niro.

[108] Rushdie, S. (2002), S. 84, 85.

[109] http://www.3sat.de/nano/astuecke/23495/index.html

[110] Rushdie, S. (2002), S. 272.

[111] The Declaration of Independence 7/04/1776. In: http://www.hausaufgaben.de/111welcome.htm?www.007-001-908-d.de/hausaufgaben/geschichte/g0109.htm

[112] Rushdie, S. (2002), S. 273.

[113] Heston, Charleton, N.R.A. Präsident. In: www.mikezornek.com/features/u2_pitt/index.shtml.

[114] Schauspieler und ehemaliger Präsident der National Rifle Association (N.R.A.).

[115] Heston, Charleton before the Senate Judiciary Comitee 9/23/98. In: www.nrawinningteam.com/hestquot.html

Details

Seiten
180
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783832479503
Dateigröße
2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v223193
Institution / Hochschule
Universität Augsburg – Wirtschafts und Sozialwissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
kultur osama laden george bush terrorismus

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Titel: Die Auswirkungen der Terroranschläge vom 11. September auf die subjektive Arbeits- und Freizeitdefinition der amerikanischen Bevölkerung