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Verbalisierung von Emotionen bei gewaltbereiten Jugendlichen

Eine Analyse von Interviews im Strafvollzug

Magisterarbeit 2001 98 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung

Einleitung

1 Emotion
1.1. Der Versuch einer Begriffsbestimmung
1.2. Überblick über die Emotionstheorien
1.2.1. Emotion als Wahrnehmung körperlicher Veränderungen: die James-Lange-Theorie
1.2.2. Die Zwei-Faktoren-Theorie nach Schachter & Singer
1.2.3. Der evolutionstheoretische Ansatz nach Robert Plutchik
1.2.4. Der kognitionstheoretische Ansatz nach Richard Lazarus
1.2.5. Emotionen vor jeder Kognition: Robert Zajonc
1.2.6. Das Komponenten-Prozess-Modell nach Klaus Scherer
1.2.7. Der sozial-konstruktivistische Ansatz nach James Averill
1.3 Zusammenfassung

2 Auswirkungen von Emotion in der Sprache
2.1. Thematische Schwerpunktsetzung
2.2. Emotionale Ausdrucksweisen in der Sprache
2.2.1. Soziale Regeln emotionalen Ausdrucks
2.2.2. Zusammenhang zwischen Gesprächsinhalt und Sprachstil
2.2.3. Systematik emotionaler Ausdrucksweisen
2.2.4. Position linguistischer Elemente im Satz
2.2.5. Unterschiedliche Abstraktionsgrade in Sprache
2.2.6. Verwendung der Standardsprache
2.2.7. Quantitative Emotionsanalyse nach Gottschalk & Gleser
2.2.8. „Non-immediate language style“
2.3. Zusammenfassung

3 Die Stichprobe der Untersuchung

4 Empirischer Teil
4.1. Sprachanalyse
4.2. Analysebeispiele
4.2.1. Dieter oder: Wer hat die Schuld an Dieters emotionalem Befinden?
4.2.2. Dieter oder: War Dieter als Kind manchmal traurig?
4.2.3. Karl oder: Karls Verhältnis zu Liebe
4.2.4. Marcel oder: Kann Marcel zeigen, dass er sich gut fühlt?
4.2.5. Wolfgang oder: Warum ist Wolfgang nervös?
4.2.6. Gerd oder: Macht sich Gerd Gedanken über seine Gefühle?
4.2.7. Silvio oder: Leidet Silvio unter seinen Gefühlen?
4.2.8. Robert oder: Versteht Robert die Frage nach Selbstreflexion?
4.2.9. Jochen oder: Wie steht Jochen zu seinen Gefühlen?
4.2.10. Alexander oder: Wann ist Alexander unsicher?
4.2.11. Alexander oder: Rechtfertigt Angst die Tat?
4.2.12. Heiko oder: Empfindet Heiko Trauer?
4.3. Zusammenfassung der Ergebnisse

5 Diskussion

Literatur

Vorbemerkung

Als ich mit ca. 16 Jahren eines Nachts mit einem Freund in meiner Heimatstadt unterwegs war, sahen wir uns plötzlich in einer denkbar unangenehmen Situation gefangen: Keine 20 Meter entfernt von uns sahen wir eine Horde von Skinheads, schätzungsweise 15 Mann, auf uns zukommen. Sie waren sichtlich guter Laune, angetrunken, wie wir es bis kurz unmittelbar vor diesem Anblick auch gewesen waren; wir jedoch zu zweit und in deren Augen, wie es damals hieß, zwei „Scheiß-Popper“. Wir kamen uns auf einem schmalen Fußweg entgegen, der von zwei Mauern beidseitig begrenzt war. Panische Flucht in alle möglichen Richtungen also ausgeschlossen, außer in die Richtung, aus der mein Freund und ich gekommen waren; aber an Flucht dachte ich nicht, denn das, so wusste ich aus Erfahrung mit anderen, ebenso streitlustigen Menschen, konnte erst recht provozieren.

Schon hatten die ersten Skins uns erblickt und begannen zu witzeln, da hatte mein Freund folgende geniale Idee: Er ging geradewegs auf einen der vordersten der Glatzen zu, forschen Schrittes, und begr-ßte ihn kameradschaftlich und polternd. Ich war ebenso verdutzt wie der Skin, doch bevor ich der Situation gänzlich gewahr werden konnte, zog mich mein Freund weiter mit der Entschuldigung, wir beide hätten es eilig, m-ssten „weiterchecken“, und bis zum nächsten Mal etc. Die Horde Skins ging ebenso ihres Weges, weiter gröhlend, einige blickten uns nach, wunderten sich vielleicht, warum unsere Gesichter ihnen fremd waren.

Woran ich mich heute nach 10 Jahren noch deutlich erinnern kann, ist der Gesichtsausdruck des Skins, der von meinem Freund so kameradschaftlich begr-ßt worden war. Er zeigte sich überrascht, reagierte aber durchaus wohlwollend, ein kurzes, irritiertes Lächeln flüchtete über sein dumpfes Gesicht. Die Bemerkung meines Freundes erschien mir plausibel, dass solche Typen doch auch irgendwie Menschen seien, die, wenn man ihnen offensiv freundlich begegne, im ersten Augenblick doch auch entsprechend reagieren m-ssten. Zumindest in dieser Situation hatte es geklappt. Die Frage stellte sich mir: Sind solche sozial-emotionalen Verhaltensweisen ähnlich wie Reflexe angeboren?

Weiterhin: Sind es reine Reflexe ohne emotionalen Inhalt oder versp-ren auch Menschen, von denen man es gemeinhin nicht annimmt, die zu Hass und Gewalt fähig sind, soziale Gefühle? Haben solche harten Jungs dieselben Gefühle wie „normale“ Menschen, und wenn, wie zeigen sie diese? Können sie darüber reden? Auch wenn es dem Selbstbild, z.B. dem Klischee eines starken Mannes, der keine Gefühle zeigt, widersprechen mag? Diese Fragen begannen mich zunehmend zu beschäftigen.

Ich gehe davon aus, dass ein Mensch, der zu Hass und Gewalt fähig ist, eine Vielzahl an unterschiedlichen Gefühlen besitzt (auch soziale, „positive“ Gefühle), wenn auch vielleicht nicht in einer „normalen“, durchschnittlichen Ausprägung, die zu einem „normalen“, durchschnittlichen emotionalen Verhalten führt. Ebenso gehe ich davon aus, dass dieser Mensch seine Gefühle zum Ausdruck bringt.

Mit diesem Gefühlsausdruck beschäftigt sich die vorliegende Arbeit. Anhand einer Analyse von Interviews mit fremdenfeindlichen Gewalttätern will sie den Gefühlsausdruck in der Sprache aufzeigen.

Die Sprachaufnahmen (Interviews) entstammen einer Studie der Universität Jena und des Deutschen Jugendinstituts, „Biographische Hintergründe und Motivationen fremdenfeindlicher Gewalttäter“ aus dem Jahr 1999-2001 unter Leitung von Prof. Dr. Wolfgang Frindte (Universität Jena) und PD Dr. Klaus Wahl (Deutsches Jugendinstitut, M-nchen).

Ich möchte an dieser Stelle ganz besonders Klaus Wahl einen herzlichen Dank aussprechen, der mich an der Studie teilhaben ließ und mir sowohl mit analytischem Sachverstand helfend zur Seite stand, wann immer ich das Gespräch suchte, als auch jederzeit und hilfsbereit T-r, Tor und seinen Computer öffnete, sodass ich mich mit relevanten Daten und projektbezogenen Ergebnissen „f-ttern“ konnte[1]. Ebenso möchte ich Christiane Tramitz danken, die im Auftrag des Instituts für Psycholinguistik der Universität M-nchen (Prof. Gerd Kegel) an dem Projekt beteiligt war und mir ebenso viele Anregungen gab. Durch ihr persönliches Engagement in dem Projekt und ihren Ehrgeiz, tiefer durch die oberflächlichen Daten schauen zu wollen, war sie es, die mir den Gewalttäter auch als Menschen und nicht als reines wissenschaftliches Untersuchungsobjekt zu verstehen gab. Ich denke, ohne dieses Verständnis würde meiner folgenden wissenschaftlichen Betrachtungsweise die nötige tiefere Basis fehlen. Zuletzt möchte ich natürlich Herrn Kegel ganz herzlich für die Betreuung der Magisterarbeit danken.

Einleitung

Die zentrale Fragestellung meiner Arbeit ist, welche spezifischen linguistischen Merkmale auf ein deviantes, ambivalentes Emotionsempfinden eines Menschen schließen lassen.

Unter einem „devianten Emotionsempfinden“ eines Menschen verstehe ich, dass dessen (des Menschen) personenspezifisches Emotionssystem (die persönliche emotionale Anlage) und damit dessen emotionales Befinden und Verhalten in ihren Ausprägungen auffallend von einem allgemeinen, „durchschnittlichen“ Emotionssystem bzw. –befinden bzw. –verhalten abweichen. Zum anderen verstehe ich darunter, dass dieser Mensch eine deutliche Unfähigkeit aufweist, über das eigene emotionale Befinden zu reflektieren.

Unter einem „ambivalenten Emotionsempfinden“ verstehe ich, dass dieser Mensch ein zwiespältiges, doppeldeutiges emotionales Befinden und Verhalten aufweist. Ein ambivalentes Emotionsempfinden ist zum Beispiel „Hassliebe“. Ein ambivalentes emotionales Verhalten ist z.B., wenn eine Person angibt, unter ihren Gefühlen nicht zu leiden, sprachliche Merkmale der Person hingegen auf ein solches Leiden schließen lassen.

Eine Grundannahme bei der Fragestellung der Arbeit ist, dass Menschen ihr emotionales Befinden sprachlich zum Ausdruck bringen. Ebenso, dass es eine Aufgabe in einem Gespräch ist, aufgrund dieses sprachlichen Ausdruckes auf die Existenz von Emotion beim Gesprächspartner zu schließen.

Meine Arbeit fokussiert einen Teilbereich dieser kommunikativen Aufgabe, sie spezifiziert linguistische Merkmale, die auf ein deviantes und ambivalentes Emotionsempfinden des Sprechers[2] hinweisen.

Die Arbeit untersucht Interviews[3] mit gewaltbereiten Jugendlichen[4] vornehmlich aus dem sog. Skinhead-Milieu. Diese Jugendlichen („Skinheads“[5] ) stehen für mich als Beispiele „emotional devianter und ambivalenter“ Menschen (vgl. Kap. 3).

Die Arbeit möchte anhand einer qualitativen[6] Analyse von einzelnen Interviewsequenzen, in denen Emotionen thematisiert werden, einen Zusammenhang zwischen Sprache und Emotion des jeweiligen Skinheads aufzeigen.

Dabei sollen ausgehend von der Sprache des Skinheads mögliche R-ckschlüsse auf sein deviantes und ambivalentes emotionales Befinden gezogen und diskutiert werden. Es kann und soll nicht aufgezeigt werden, ob der jeweilige Skinhead eine spezifische Emotion tatsächlich versp-rt oder nicht. Ein derartiger Nachweis ist kaum möglich[7]. Vielmehr soll primär anschaulich gemacht werden, wie der jeweilige Skinhead in einem emotionalen Kontext sprachlich handelt.

In der wissenschaftlichen Diskussion, insbesondere in der empirischen Sprachwissenschaft, stellt die verbale Analyse von Emotion ein bislang eher vernachlässigtes Forschungsinteresse dar (vgl. Fiehler, 1990; auch Tramitz, 2001b).

Beispielhaft dafür steht der im studentischen Umfeld vorherrschende Mangel an Interesse an diesem Thema. Von 187 Magisterarbeiten seit 1982 und 27 Dissertationen seit 1983 im Institut für Phonetik und Sprachliche Kommunikation in M-nchen, in das die Psycholinguistik eingebettet ist, die als interdisziplinäre Vertreterin prädestiniert für eine integrative Betrachtungsweise von Emotion und Sprache erscheinen mag[8], haben lediglich 4 Magisterarbeiten (Hascher, 1990; Huthmann, 1995; Kunkel 1990; Wu 1997) und 2 Dissertationen (Hascher 1994; Hoch, 1999) Emotion und Sprache zum Thema[9].

Die vorliegende Arbeit soll in diesem Sinne einen Beitrag zu einem differenzierten wissenschaftstheoretischen Verständnis von Emotion und deren Realisierung in Sprache leisten. Ebenso soll sie die Plausibilität wissenschaftlicher Beschäftigung mit diesem Forschungsfeld kritisch zur Diskussion stellen.

Zentral für die Arbeit sind die Begriffe „Emotion“ und „Verbalisierung von Emotion“. Dadurch steht die Arbeit sowohl in einem emotionspsychologischen als auch in einem psycholinguistischen Kontext. Dem entspricht die Gliederung der Arbeit.

Zu Beginn der Arbeit (Kap. 1) gehe ich auf „Emotion“ ein. In der emotionspsychologischen Literatur herrscht bislang weder eine einheitliche Begriffsbestimmung noch eine homogene und umfassende Theoriebildung vor. An den Versuch einer Begriffsbestimmung schließt sich ein Überblick über emotionspsychologische Theorieansätze an. Aufgrund der Heterogenität soll in dem Kapitel abschließend eine integrative Begriffsdefinition erarbeitet werden, die für einen forschungspraktischen Umgang mit Emotion plausibel und sinnvoll ist.

Im Anschluss daran gehe ich auf den Zusammenhang zwischen Emotion und Sprache ein (Kap. 2). Der Schwerpunkt liegt auf solchen sprachtheoretischen Arbeiten aus der Literatur, die als Grundlage für die anschließende Sprachanalyse dienen.

Demnach wird der (unidirektionale) Einfluss von Emotion auf die Sprache behandelt[10].

In Kap. 3 gehe ich kurz auf die Stichprobe der Untersuchung ein, das sind gewaltbereite Jugendliche, ausschließlich aus dem Milieu der Skinhead-Szene. Die Fragestellung vorliegender Arbeit ist aus einer psycholinguistischen Perspektive gestellt; dieser Umstand soll die K-rze dieses Teils der Arbeit rechtfertigen. Es soll keine umfassende Darstellung der Skinhead-Szene gegeben werden. Vielmehr soll im Hinblick auf das Thema der Arbeit angedeutet werden, welch emotionales Befinden und Verhalten für diesen Personenkreis charakteristisch sein mag. Damit soll die Auswahl dieser Jugendlichen als Untersuchungsstichprobe in meiner Arbeit plausibel gemacht werden.

Im empirischen Teil der Arbeit (Kap. 4) gehe ich zunächst auf einige allgemeine methodische Fragen ein. Durch eine Darstellung von Möglichkeiten und Grenzen einer linguistischen Emotionsanalyse (Sprachanalyse) soll der forschungstheoretische Hintergrund verdeutlicht werden, vor dem die Analysen zu verstehen sind.

Daran schließen sich die eigentlichen Analysebeispiele und eine Zusammenfassung der Ergebnisse an.

Im abschließenden Kap. 5 werden die Ergebnisse der Arbeit diskutiert. Meine Arbeit möchte u.a. einen Beitrag zu einem differenzierteren Verständnis wissenschaftlicher Beschäftigung mit dem Untersuchungsbereich „Emotion und Sprache“ leisten. In diesem Sinne soll der Diskussionsteil diese Arbeit abschließen.

1 Emotion

1.1. Der Versuch einer Begriffsbestimmung

„Everyone knows what an emotion is, until asked to give a definition.“ (Fehr/Russell, 1984:464)

Für eine wissenschaftliche Arbeit, die sich mit Emotion beschäftigt, ist es bedeutsam zu klären, was mit Emotion gemeint ist.

Was ist eine Emotion? Eine erschöpfende und präzise Antwort auf diese Frage zu geben ist nicht einfach.

Es lassen sich unterschiedliche Merkmale nennen, wie z.B.: Emotion hat jeder, Emotion kommt aus einem heraus, Emotion zeigt man, Emotion hat etwas mit Gefühl zu tun, ist unbewusst, kann man nicht kontrollieren, kann gefährlich sein, kann gut tun, erleichtert das Gem-t etc. Eindeutig für eine Begriffsklärung sind solche Merkmale nicht. Was für den einen Emotion darstellt, mag für einen anderen vielleicht schon keine mehr sein. Haben z.B. für den einen auch Tiere Emotionen, so mag das ein anderer vielleicht verneinen. Für den einen sind Emotionen nur Reaktionen oder kurze Handlungen oder Gefühlsausbrüche, ein anderer mag in Emotion nicht unbedingt eine Handlung erkennen, sondern mehr eine generelle Anlage im Sinne einer Persönlichkeitseigenschaft („er ist immer so emotional“).

Etymologisch stammt der Begriff „Emotion“ aus dem Lateinischen. E-movere heißt hinausschaffen, hinausbewegen. Der etymologischen Erklärung zufolge ist eine Emotion das, was aus einem Menschen hinausbewegt worden ist (das heißt, es ist schon draußen.) Ist dementsprechend Emotion, wenn sie nicht „hinausbewegt worden ist“, keine Emotion? Ist z.B. stille Trauer über den Verlust eines Menschen keine Emotion? Oder die Wut über die ungerechte Behandlung durch den Chef, die man nicht zeigen darf, ist sie keine Emotion?

Die etymologische Erklärung kann das definitorische Problem nicht lösen. Aber sie weist eine Richtung, wenn man eine Einschränkung zulässt: Emotion muss nicht, aber sie kann aus dem Menschen herausgebracht werden. Sie kann zum Ausdruck kommen. Diese Erklärung ist für die vorliegende Arbeit ein Schritt nach vorne, denn es geht in meiner Arbeit um den Ausdruck von Emotion. Diese Möglichkeit zum Ausdruck scheint mithin ein konstitutives Element für Emotion zu sein.

Wenn man einen Begriff nicht vollends klären kann, ist es hilfreich, ihn gegen verwandte Begriffe abzugrenzen. Dadurch wird eine begriffliche Eingrenzung ermöglicht. Da Emotion wie oben beschrieben „irgendwas mit Gefühl zu tun hat“, lautet die folgende Frage: Was ist ein Gefühl?

Wenn man sich einige sprachliche Kontexte vergegenwärtigt, in denen der Begriff „Gefühl“ im Deutschen auftreten kann, eröffnet sich ein weites semantisches Feld. „Gefühl“ kann für vieles stehen. Zum Beispiel: „Ich habe das Gefühl, dass dieser Sommer wirklich gut war“; „ich habe das Gefühl, dass uns der Terroranschlag in New York noch lange in Atem halten wird“; „ich habe das Gefühl, dass der VfB auf einem aufsteigendem Ast ist“; „ich habe das Gefühl, dass 16 mal 16 so um die 250 ist“; „ich habe das Gefühl, dass ich ihm noch nie begegnet bin“ etc. Dies sind sprachliche Kontexte, die in der deutschen Alltagssprache plausibel sind. Kann man aus diesem Grunde urteilen, dass diese Ausdrücke für Gefühle stehen? Für Emotionen?

„Großzügig, wie die deutsche Sprache mit dem Wort Gefühl umgeht, belegt sie auch eine andere Klasse von psychischen Vorgängen mit ihm, die mit eigentlichen Gefühlen wenig zu tun hat.“ (Zimmer 1988:17)

Die oben genannten Ausdrücke umschreiben Gedanken, Mutmaßungen, unbegründete Schlussfolgerungen. Umfassen Gefühle somit auch kognitive[11] Einheiten, die gemäß Zimmer „mit eigentlichen Gefühlen wenig zu tun haben“? Wäre Kognition dann ein mögliches Ausschlusskriterium für „Emotion“ (in Abgrenzung zu „Gefühl“)? Demnach wäre für „Emotion“ zentral, dass sie unbewusst ist und nicht kognitiv. Dem ist nicht so, Emotion kann durchaus bewusst sein und von kognitiven Prozessen beeinflusst (vgl. z.B. Trauer bei Verlust eines nahe stehenden Menschens, Freude bei sportlichem Erfolg, Lust bei sexueller Erregung etc.).

Man kann weiterfragen: Worin genau unterscheiden sich Gefühle von Emotionen, oder dann: Was ist eine Stimmung, ein Gefühlszustand? Die deutsche Alltagssprache stellt eine Vielzahl an weiteren Begriffen bereit: „Affekt“, „Gefühlslage“, „Erlebnistönung“, „Temperament“, „Gefühlseinstellung“ etc.

Je mehr man darüber nachdenkt, desto schwieriger ist eine eindeutige begriffliche Entscheidung. Vielmehr stellt man fest, dass eine allgemeine und einheitliche Begriffsbestimmung für den Bereich der Emotion zumindest in der Alltagssprache nicht gegeben ist.

Übereinkunft herrscht darin, dass neben wesentlichen Merkmalen wie dem Denken, dem Instinkt etc. auch Emotionen uns Menschen konstituieren und charakterisieren. Emotion ist etwas für den Menschen Grundlegendes. Es ist davon auszugehen, dass jeder Mensch im Groben eine Vorstellung davon hat, was eine Emotion oder ein Gefühl bei ihm ausmacht[12]. Schwierig bleibt eine exakte Definition, was eine Emotion tatsächlich ist.

Im Gegensatz zur Alltagssprache bem-ht sich die Wissenschaft um eine eindeutige und plausible Begriffsbestimmung. Und obwohl der Untersuchungsgegenstand „Emotion“ auf eine lange forschungsgeschichtliche Tradition zurückblicken kann (vgl. Lyons, 1999; Scherer, 1990; Schmidt-Atzert; 1981:14ff.; Schönpflug, 2000)[13], hat sich bis heute, ebenso wie in der Alltagssprache, auch in der wissenschaftlichen Literatur keine einheitliche und differenzierte Begriffsbestimmung durchsetzen können (vgl. Battacchi et al., 1996; Fehr/Russell, 1984; Goller, 1992:15; Otto et al., 2000a; Schönpflug, 2000).

Häufig anzutreffen (vgl. Otto et al, 2000a:12) ist eine konzeptuelle Differenzierung, wonach sich der komplexe Bereich der Emotionen, der Gefühle etc. aufteilt in einen Hintergrund, das ist eine tendenziell unbewusste, diffuse Erlebensebene (für diese Ebene können Begriffe wie „Stimmung“, „Gefühlszustand“ stehen) und in einen Vordergrund, in dem einzelnen Erlebens-Einheiten, die zuerst diffus sind, konzentrierte Aufmerksamkeit der empfindenden Person zuteil wird, und in dem die Erlebens-Einheiten dann einen fig-rlichen oder Ding ähnlichen, wenn auch oft wenig strukturierten Charakter annehmen können. Den Begriff „Emotion“ könnte man letzterer Ebene (dem Vordergrund) zuweisen. Mit dieser Art der Charakterisierung von Emotion ist oben genanntes Merkmal konsistent, wonach Emotion etwas ist, das ausgedrückt werden kann (nicht muss). Im Ausdruck erfährt die Erlebens-Einheit Aufmerksamkeit.

Zudem bietet diese Art der begrifflichen Differenzierung die Grundlage für eine Begriffskonzeptualisierung von „Emotion“ für diese Arbeit wie sie weiter unten herausgearbeitet wird (Kap. 1.3., „Zusammenfassung“).

Eine Möglichkeit, „Emotion“ terminologisch einzugrenzen, stellt eine systematische Beantwortung der Frage dar, inwiefern einzelne Begriffe/Wörter, die die deutsche Sprache zur Bezeichnung einzelner, spezifischer emotionaler Zustände bereitstellt (z.B. „Liebe“, „Wut“, „Angst“, „Überraschung“ etc.), inwiefern oder ob diese Begriffe tatsächlich eine Emotion bezeichnen und in welcher Beziehung sie zueinander stehen.

Gibt es Begriffe, die deutlicher für eine Emotion stehen als andere? Bezeichnet z.B. „Freude“ expliziter eine Emotion als z.B. „Entspannung“?

Eine prominente Methode zur semantischen Analyse von Begriffen und damit zur Herausarbeitung einer möglichen Struktur dieser Begrifflichkeit ist die Wortfeldanalyse (vgl. Schmidt-Atzert, 1996:87ff.; Strube 1984). In einer Wortfeldanalyse versucht man abzuschätzen, welches semantische Verständnis ein Sprecher in Bezug auf die zu untersuchenden Begriffe hat und inwiefern einem Begriffsfeld dabei gemeinsame semantische Dimensionen zugrunde liegen. Dabei wird angenommen, dass der gesamte Wortschatz einer Person in Form eines „mentalen Lexikons“ vorliegt, auf das die Person jederzeit uneingeschränkt Zugriff hat.

„Ziel einer empirischen Wortfelduntersuchung ist es, aus dem vorgegebenen Feld von Begriffen die diesen gemeinsamen semantischen Dimensionen herauszuziehen.“ (Marx 1982:137)

In der Emotionspsychologie hat sich die Wortfeldanalyse einer großen Verwendung erfreut (z.B. Bush, 1973; Clore et al., 1987; Fehr/Russell, 1984; Johnson-Laird/Oatley, 1989; Marx, 1982; Tischer, 1988b; Traxel/Heide, 1961)[14].

Eine klassische Wortfeldanalyse stellt die Untersuchung von Ähnlichkeitsmerkmalen emotionaler Begriffe von Marx (1982) dar. Nach Marx liegen allen Emotionsbegriffen der deutschen Sprache zwei semantische Dimensionen zugrunde: „Lust-Unlust“ und „Aktivation“.

Clore et al. (1987) fordern ein Entscheidungskriterium, das angibt, ob ein Emotionsbegriff X wirkliche eine Emotion (genuine emotion) oder aber keine „echte“ Emotion bezeichnet.

Anhand der Aussagen „ich fühle mich X“ und/ oder der Aussage „ich bin X“ sei es den Autoren zufolge möglich, einen Begriff als einen „echten“ Emotionsbegriff auszuweisen. Nur Emotionsbegriffe, bei denen beide Aussagen, „ich fühle mich X“ als auch „ich bin X“, natürlich und plausibel erscheinen, stellen „echte“ Emotionen dar.

„We hypothesized that words that referred to genuine emotions would be judged as such when presented in the context of feeling or being (e.g., feeling angry and being angry should be rated as emotions).“ (Clore et al., 1987:751)

Fehr/Russell (1984) schlagen ein prototypisches Einteilungsschema für Emotionsbegriffe vor. Den Autoren zufolge kann die Frage nicht sein, ob ein spezieller Emotionsbegriff X eine „echte“ Emotion oder schon keine mehr ist, sondern inwiefern dieser Begriff einen guten Vertreter oder einen weniger guten Vertreter von Emotion darstellt. Damit sprechen sich die Autoren gegen eine strukturelle Einteilung von einzelnen spezifischen Emotionsbegriffen nach klar definierten semantischen oder konzeptuellen Merkmalen aus. Es gibt demnach keinen Emotionsbegriff, der nicht mehr für eine Emotion steht (neben Begriffen, die für Emotion stehen).

„…that membership in the concept of emotion is matter of degree rather than allüorünone (that the concept has an internal structure) and that no sharp boundary separates members from nonmembers (that the concept has fuzzy boundaries).“ (Fehr/Russell, 1984:464)

Als gute Vertreter[15] nennen die Autoren z.B. Glück/Wohlbefinden (happiness), Ärger (anger), Trauer (sadness), Liebe (love), Angst (fear).

Nach Johnson-Laird/Oatley (1989) gibt es fünf Basisemotionen: Glück/Wohlbefinden (happiness), Trauer (sadness), Angst (fear), Ärger (anger) und Ekel/Abneigung (disgust). Diese Basisemotionen sind nicht weiter analysierbar oder aufteilbar. Jeglichem emotionalem Erleben liegt jeweils eine dieser fünf Basisemotionen zugrunde.

Hupka et al. (1999) beschäftigen sich mit der Frage nach den Universalien emotionaler Begrifflichkeit (vgl. auch Chen 1995; Moore et al., 1999; Planalp, 1999; Porter/Samovar, 1998; Scherer, 1997). Gibt es ein allen Sprachen der Welt zugrunde liegendes semantisches Emotionslexikon[16] ? Gibt es Emotionen, die in allen der Sprachen der Welt[17] als basaler, als grundlegender angesehen werden?

In ihrer Studie[18] stellen sie fest, dass tatsächlich in den meisten Sprachen eine ähnliche Hierarchie von Emotionskategorien besteht. Als basale Emotionen gelten in allen Sprachen der Welt Emotionen wie Ärger und Schuld.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass unterschiedliche wortfeldanalytische Studien betreffs emotionaler Begriffe zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Das mag angesichts der heterogenen Begriffsbildung nicht verwundern.

Den meisten Studien gemeinsam ist die Reduzierung auf zwei semantische Dimensionen: „Lust-Unlust“ und „Aktivierung“[19]. Emotionen sind eher angenehm oder eher unangenehm (Lust-Unlust), sie sind eher stark, erregend oder eher schwach (Aktivierung). Freude ist z.B. eine angenehme und erregende Emotion, Zufriedenheit eine angenehme, aber weniger stark erregende Emotion. Wut ist eine unangenehme, erregende Emotion, Langeweile eine unangenehme, weniger stark erregende Emotion.

Zudem scheinen gewisse Emotionen wie Ärger, Trauer, Liebe etc. Emotionen zu sein, die expliziter für eine Emotion stehen – oder als Basisemotionen zu definieren sind.

Auch wenn die Wortfeldanalyse nicht zu einer eindeutigen Begriffsbestimmung von „Emotion“ geführt hat, so ist damit der Untersuchungsgegenstand doch ein wenig eingegrenzt. Aber auch die Wortfeldanalyse vermag das definitorische Problem nicht zu lösen.

1.2. Überblick über die Emotionstheorien

„Was das Sehnsuchtsvolle an der Sehnsucht ist, kann uns der Logos nie beantworten. Hier endet Wissenschaft. Hier beginnt Kunst.“ (Vogel, 1996:202)

Im Zusammenhang mit einer bislang fehlenden einheitlichen Begriffsbestimmung steht die Heterogenität der Theorienbildung in der wissenschaftlichen Emotionspsychologie. Eine einheitliche, umfassende Formulierung einer Theorie steht bisher aus. Vielmehr lässt sich in der Literatur eine nicht unbeachtliche Anzahl unterschiedlicher Theorien finden, die ihrem Verständnis nach jeweils einen anderen Aspekt für zentral erachten für die Genese, den Prozess und die Struktur emotionalen Erlebens.

„Emotionen zählen in der Psychologie zu den umstrittensten Phänomenen ... “ (Goller, 1992:15)

In der emotionspsychologischen Einführungsliteratur lassen sich unterschiedliche Kriterien zu einer Kategorisierung diverser Theorieansätze finden (vgl. Izard, 1994a; Otto et al., 2000b; Schmidt-Atzert, 1981, 1996; Ulich, 1995).

Ein prominentes Kriterium ist, inwiefern Theorien vor allem kognitive Prozesse für Emotionen verantwortlich machen oder inwiefern Emotionen zeitlich vor bzw. unabhängig von kognitiven Prozessen verstanden werden, ob z.B. physiologische Prozesse als zentral für die Emotionsgenese formuliert werden. Dabei ist festzuhalten, dass die Merkmale „kognitiv“ vs. „nicht kognitiv“ als Extrempunkte in einem Kontinuum unterschiedlicher Abstufungen gedacht werden m-ssen. Keine Theorie argumentiert ausschließlich kognitiv oder ausschließlich nicht kognitiv[20].

Ich gebe im folgenden einen exemplarischen Überblick über emotionspsychologische Theorienbildung. Dabei sollen vor allem ihre prominenten Vertreter dargestellt werden (vgl. Goller, 1992).

1.2.1. Emotion als Wahrnehmung körperlicher Veränderungen: die James-Lange-Theorie

Die erste Emotionstheorie, die einen populären und viel diskutierten Status[21] erreichte, stammt aus dem Ende des 19. Jahrhunderts und wird die James-Lange-Theorie genannt. Etwa zur selben Zeit formulierten unabhängig voneinander William James (1884) und Carl G. Lange (1885) (zitiert nach Goller, 1992:29f.; Ulich, 1995:105ff.), dass physiologische Reaktionen (körperliche Veränderungen) nicht die Folge von Emotion, sondern vielmehr die Ursache von Emotion seien.

Unter physiologischen Reaktionen versteht die James-Lange-Theorie viszerale (die Eingeweide betreffend), skeletale und muskuläre Prozesse, die vom vasomotorischem System (Gefäßnerven betreffend), d.h. vom autonomen Nervensystem gesteuert werden. Ein externer Reiz aktiviert diese körperlichen Prozesse, die ihrerseits und erst dann Emotion auslösen. Die Wahrnehmung dieser körperlichen Veränderungen ist sozusagen das emotionale Befinden. Emotion ist ein sekundärer Effekt.

Wenn ein Mensch z.B. einen Bären sieht (externer Reiz), wird automatisch Adrenalin ausgeschüttet, Schweiß bricht aus, und dieser Mensch flüchtet (physiologische Reaktionen). Indem dieser Mensch seine körperlichen Veränderungen wahrnimmt, entsteht in ihm Emotion, z.B. „Furcht“.

Damit widerspricht die Theorie einer „common-sense-Intuition“, derzufolge körperliche Empfindungen Begleiterscheinungen oder die Folge von emotionalem Erleben sind. Die James-Lange-Theorie formuliert explizit den umgekehrten Weg in der Emotionsgenese.

„Die hier zu verteidigende Hypothese besagt, ... daß wir traurig sind, weil wir weinen, ... und nicht, daß wir weinen, ... weil wir traurig sind.“ (James 1890, zitiert nach Ulich, 1995:106)

Mit der Formulierung des Primats körperlicher Reaktionen in emotionalen Prozessen hat die James-Lange-Theorie entscheidend den Weg für nicht-kognitive Theorien gewiesen.

1.2.2. Die Zwei-Faktoren-Theorie nach Schachter & Singer

Einer der ersten theoretischen Ansätze in der Emotionspsychologie, der eine physiologische Komponente mit einer kognitiven Komponente konzeptuell verbindet, ist die Zwei-Faktoren-Theorie von Schachter (1964) bzw. von Schachter/Singer (1962). Die Autoren setzen als Erste experimentelle Studien zur Erforschung emotionalen Befindens ein.

Den Autoren zufolge entsteht Emotion aus dem Zusammenwirken zweier Faktoren (deswegen: „Zwei-Faktoren-Theorie“), das sind „physiologische Erregung“ und „Kognition“. Als Auslöser in diesem Prozess gilt die physiologische Erregung (z.B. die Atmung wird schneller, die Herzschlagfrequenz erhöht sich etc.). Ein wesentliches Merkmal der physiologischen Erregung ist, dass sie für sich emotionsunspezifisch ist. Sie kann die Qualität einer Emotion nicht bestimmen, lediglich deren Intensität.

Ob aus einer physiologischen Erregung eine Emotion entsteht und vor allem welche Emotion, hängt von dem zweiten Faktor „Kognition“ ab.

Unter Kognition verstehen die Autoren zum einen, dass die Person, die eine physiologische Erregung versp-rt, die Situation, in der sie sich befindet, überhaupt als emotionsrelevant beurteilt. Wenn das der Fall ist, bedeutet Kognition zum anderen, dass die spezifische Situation tatsächlich für die aktuelle, spezifische physiologische Erregung verantwortlich gemacht wird. Erst wenn die Person die spezifische Situation tatsächlich verantwortlich macht für die erlebte Erregung, entstehen emotionale Prozesse. Wird die Situation jedoch nur als emotionsrelevant beurteilt, nicht jedoch als eigentlicher Auslöser für die aktuelle physiologische Erregung, folgen keine emotionalen Prozesse.

Versp-rt eine Person eine physische Erregung, schätzt die Person aber die Situation, in der sie sich befindet, nicht als emotionsrelevant ein oder kann sie die Erregung nicht mit einer konkreten Situation in Verbindung bringen, entsteht ein Bedürfnis nach Ursachenzuschreibung der erlebten Erregung. Die Suche nach emotionsrelevanten Situationen oder Ereignissen wird in Gang gesetzt. Wird eine emotionsrelevante Situation, z.B. in der Vergangenheit, gefunden, hängt die Qualität der erlebten aktuellen Emotion wiederum von der Art der Einschätzung ab, inwiefern die Situation für die erlebte physiologische Erregung verantwortlich gemacht wird – im eben genannten Fall (Situation aus der Vergangenheit) würde der Zeitfaktor eine wesentliche Rolle bei der Emotionsgenese spielen (inwiefern kann die vergangene Situation kognitiv in ihren Einzelheiten aktuell zur Verfügung gestellt werden?).

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der Zwei-Faktoren-Theorie zufolge spezifische Emotionen erstens aus der Wahrnehmung körperlicher Erregungen entstehen und zweitens aus der spezifischen Art der Ursachenattribuierung, d.h. der Situationszuschreibung. Daraus folgt, dass das emotionale Erleben und Verhalten je nach Situationszuschreibung für eine physiologische Erregung unterschiedlich ausfallen kann.

1.2.3. Der evolutionstheoretische Ansatz nach Robert Plutchik

Ein funktionaler, evolutionstheoretischer Ansatz[22] stammt von Plutchik (1980a, 1980b, 1984). Plutchik zufolge hat sich Emotion im Laufe der Evolution als adaptive Funktion des organischen Lebens entwickelt. Emotion steht im Dienste der Lebenserhaltung bzw. der Bewältigung der Überlebensprobleme. Deshalb lässt sich Emotion auch bei niederen organischen Lebensformen (Tieren) finden.

„The concept of emotion is applicable to all evolutionary levels and applies to animals as well as to humans.“ (Plutchik, 1980b:8)

Emotion hat sich erbbiologisch an die Überlebensaufgaben angepasst; Emotion ist beim heutigen Menschen genetisch fest angelegt.

Plutchik definiert Emotion als eine geschlossene Reaktionsfolge auf einen Umweltreiz. Diese Reaktionsfolge umfasst kognitive, erlebensmäßige (feeling), physiologische Prozesse und Handlungsweisen (Verhalten). Kognitive Prozesse stehen dabei weitestgehend im Dienste der Emotion, da sie externe Reize danach evaluieren, ob sie dem Organismus n-tzlich (beneficial) sind oder nicht. Wenn ein Mensch z.B. eine äußere Bedrohung wahrnimmt, melden kognitive Prozesse „Gefahr“, die erlebensmäßige Reaktion ist „Furcht“, was zu einem typischen Verhalten wie z.B. „weglaufen“ führt. Die Funktion dieses gesamten Prozesses ist der Schutz bzw. das Überleben der eigenen Person.

1.2.4. Der kognitionstheoretische Ansatz nach Richard Lazarus

Ein theoretischer Ansatz, der zentral kognitiv argumentiert, stammt von Lazarus (z.B. Folkman/Lazarus, 1990; Lazarus, 1991; Lazarus/Folkman, 1984). Emotion ist für Lazarus ein postkognitives Phänomen. Sie stellt für Lazarus eine Verschmelzung hochentwickelter kognitiver Funktionen mit Handlungsimpulsen und körperlichen Veränderungen dar.

Lazarus differenziert die kognitive Komponente: Demnach wird nicht nur die Situation und deren Relevanz für das emotionale Befinden bewertet (wie es die Schachter-Singer-Theorie formuliert), sondern ebenso die eigene Reaktions- bzw. Bewältigungskompetenz. Diese zusätzliche kognitive Bewertung geht unmittelbar in die Emotionsgenese mit ein.

Den Prozess der Emotionsgenese formuliert Lazarus folgendermaßen: Tritt ein emotionsauslösendes Ereignis ein, wird sowohl die Situation eingeschätzt (primary appraisal) als auch die eigene Fähigkeit, diese (Stress-)situation[23] zu bewältigen (secondary appraisal). Beide Einschätzungsprozesse laufen dabei parallel ab und bedingen im Anschluss eine Neubewertung der Situation (reappraisal). Diese wiederum dient nun als Ausgangspunkt einer erneuten Einschätzung der Situation als auch der eigenen Bewältigungskompetenz etc. Nach Lazarus sind diese drei Prozesse theoretischer Natur und zeitlich und phänomenologisch nicht zu unterscheiden. In der Gesamtheit zeichnen sie verantwortlich für die Qualität und Intensität der erlebten Emotion. Ebenso bedingen sie die Qualität der Beziehung der Person zu ihrer Umwelt. Nach Lazarus (Lazarus, 1991) bilden sich durch die Bewertungsprozesse jedem Menschen eigene Emotionsmuster oder -strukturen, die langfristig zu wiederkehrenden emotionalen Reaktionen und damit zu tendenziell stabilen Person-Umwelt-Beziehungen führen.

1.2.5. Emotionen vor jeder Kognition: Robert Zajonc

Im Gegensatz zu kognitiven Theorien (Lazarus, 1991; Lazarus/Folkman, 1984; Mandler, 1980, 1990; Ortony et al., 1988; Scherer, 1984, 1987, 1990) stellt Zajonc (1980, 1984) das Primat der kognitiven Prozesse in der Emotionsgenese in Frage[24] (vgl. auch Izard, 1994b). Für Zajonc ist Emotion nicht ausschließlich postkognitiv, vielmehr stellen Emotion und Kognition zwei unterschiedliche Systeme dar, die miteinander interagieren, aber auch getrennt voneinander in Erscheinung treten können. Das emotionale System ist dabei das phylogenetisch ältere System[25], da z.B. Tiere ebenso Emotion zeigen, nicht aber kognitive Prozesse (z.B. Sprache). Zajonc betrachtet dabei Emotion als adaptive Funktion des Organismus (vgl. auch Plutchik 1980a, 1980b, 1984). Für Zajonc sind emotionale Reaktionen primär und unausweichlich. Sie treten unwillk-rlich auf, im Gegensatz zu Kognitionen. Emotionale Prozesse lassen sich weniger bewusst kontrollieren als kognitive Prozesse.

Zajonc leugnet einen Einfluss von Kognition im Emotionsprozess keineswegs. Ihm geht es nur um den auslösenden Moment, zu dem es nicht unbedingt einer kognitiven Bewertung bedarf. Zajonc stellt fest, dass die ersten menschlichen Reaktionen in einer Situation hauptsächlich emotionale Reaktionen sind.

Mit der Formulierung seiner Theorie löst Zajonc die viel zitierte Emotions-Kognitions-Debatte aus (vgl. auch Beeman et al., 1995:360). Vor allem Lazarus (1984) argumentiert gegen Zajonc.

Goller (1992) sieht in dieser Emotions-Kognitions-Debatte mehr eine semantische Kontroverse um den Terminus „Kognition“ als eine tatsächlich inhaltliche (vgl. auch Dörner, 1984; Leventhal/Scherer, 1987; Ulich, 1995:27ff.). Nach Goller (1992:171ff.) fasst Lazarus den Begriff „Kognition“ sehr weit, indem er jede Form der Informationsverarbeitung darunter versteht, auch die ersten wertenden Wahrnehmungen. Zajonc hingegen fasst den Terminus „Kognition“ sehr eng, indem er darunter vor allem bewusstseinsfähige Informationsverarbeitung versteht. Aus diesem Grund können nach Zajonc Emotionen vor kognitiven Prozessen stattfinden.

1.2.6. Das Komponenten-Prozess-Modell nach Klaus Scherer

Scherer (1984, 1987, 1990) formuliert mit dem Komponenten-Prozess-Modell einen integrativen emotionspsychologischen Ansatz. Die kognitiven Prozesse sind allerdings als zentral in der Emotionsgenese zu nennen.

Dem Komponenten-Prozess-Modell zufolge prüft der menschliche Organismus ständig interne sowie externe Reize bzw. Ereignisse. Der Autor spricht dabei von sog. „stimulus evaluation checks“. Das Resultat der stimulus evaluaton checks ist nach Scherer ein spezifischer emotionaler Zustand[26]. Die stimulus evaluaton checks umfassen folgende Komponenten (deswegen „Komponenten-Prozess-Modell“):

1. Ein Stimulus wird dahingehend überprüft, inwiefern er neu ist.
2. Ein Stimulus wird auf seine intrinsische Angenehmheit überprüft. Wenn ein Stimulus angenehm ist, dann ist von einer Akzeptanz oder Annäherung an den Stimulus zu rechnen. Wird er als unangenehm evaluiert, ist von Vermeidungsstrategien auszugehen.
3. Zieldienlichkeit: Ist der Stimulus mit persönlichen Zielen kompatibel? Der Stimulus wird danach geprüft, ob er überhaupt relevant ist für das Erreichen eines Zieles, ob er dabei während der Handlungssequenz mit den eigenen Erwartungen übereinstimmt und ob er zur Zielerreichung förderlich ist.

[...]


[1] Im Rahmen meiner Forschungen wurden alle relevanten datenschutzrechtlichen Bestimmungen eingehalten.

[2] Ich werde im folgenden Begriffe hauptsächlich in ihrer männlichen Form anführen (z.B. „der Sprecher“). Darunter ist ebenso die weibliche Entsprechung zu verstehen („die Sprecherin“).

[3] Die Interviews wurden im Rahmen einer Studie der Universität Jena und des Deutschen Jugendinstituts, „Biographische Hintergründe und Motivationen fremdenfeindlicher Gewalttäter“, aus dem Jahr 1999-2001 unter Leitung von Prof. Dr. Wolfgang Frindte (Universität Jena) und PD Dr. Klaus Wahl (Deutsches Jugendinstitut, M-nchen) durchgeführt (Wahl, 2001). Die Studie wurde von der Volkswagenstiftung finanziert (siehe Kap. 3).

[4] In Anlehnung an die Studie (s.o.) übernehme ich von den federführenden Autoren einen relativ weit reichenden Jugendbegriff aus soziologischer Terminologie (vgl. Heinz/H-bner-Funk, 1977; zitiert nach Wahl et al. 2001:121). Dieser Begriff schließt Altersklassen bis ca. 30 Jahre ein (vs. im juristischen Sinne bis 18 Jahre).

[5] Ich möchte darauf hinweisen, dass es in der Realität den Skinhead nicht gibt; vielmehr lassen sich in der Skinhead-Szene zum Teil erhebliche Differenzen sowohl in der ideologischen Ausrichtung als auch in spezifischen Erscheinungsformen etc. finden (vgl. vor allem Farin, 1999; Farin/Seidel-Pielen, 1995).
Der Schwerpunkt meiner Arbeit liegt in einer psycholinguistischen Fragestellung. Es geht mir nicht um „den Skinhead“ z.B. als ein aus einer soziologischen Perspektive zu untersuchendes Phänomen. Die Arbeit fokussiert weder die Skinheads in ihren spezifischen, unterschiedlichen Erscheinungsformen noch stellt sie deren ideologisches, teils konträres Gedankengut (wenn denn tatsächlich ein solches vorliegt) zur Diskussion. Meine Arbeit behandelt die Emotionen dieser Menschen. In diesem Sinne ist eine exakte begriffliche Differenzierung nicht ausschlaggebend für die Fragestellung der Arbeit.
Die Stichprobe der Untersuchung sind fremdenfeindliche Personen, die eine Gewalttat begangen haben (vgl. Kap. 3). Einige wenige dieser fremdenfeindlichen Gewalttäter geben an, nicht der Skinhead-Szene anzugehören. Die meisten von ihnen bezeichnen sich hingegen als einen „Skinhead“. Aus diesem Grund verwende auch ich in meiner Arbeit den Begriff „Skinhead“ stellvertretend für die gesamte Stichprobe.

[6] Zum Wissenschaftsverständnis und dem Methodenkanon qualitativer Sozialforschung siehe Flick et al. (1995), Garz/Kraimer (1991), Lueger (2000), Mayring (1999).

[7] Auf die Grenzen und Möglichkeiten einer linguistischen Emotionsanalyse werde ich in Kap. 4.1. („Sprachanalyse“) explizit eingehen.

[8] Eine systematische Verbindung zwischen emotionspsychologischer Theorienbildung und den psycholinguistischen forschungspraktischen Konsequenzen liefert Tischer (1988a).

[9] Außer Kunkel (1990) – (Literaturarbeit) haben alle Autoren eine empirische Vorgehensweise gewählt. Hascher (1990, 1994) und Hoch (1999) werten Sprachdaten qualitativ aus. Huthmann (1995) und Wu (1997) werten fragebogengestützt quantitativ aus.

[10] Nicht thematisiert wird der Einfluss von Sprache bzw. Kommunikation oder allgemein Interaktion auf das emotionale Befinden bzw. Verhalten des einzelnen Sprechers (der für eine klassische Gesprächsanalyse von Belang sein könnte). Ebenso beschränkt sich die Analyse auf den verbalen Aspekt der Sprachäußerungen. Paraverbale Merkmale werden weitestgehend ausgeblendet (siehe dazu Kap. 2.2., „Thematische Schwerpunktsetzung“).

[11] Auf den Begriff der „Kognition“ gehe ich ausführlicher im Zusammenhang mit kognitiver emotionspsychologischer Theorienbildung ein (Kap. 1.2.)

[12] Fiehler bietet einen detaillierten Überblick über „alltagsweltliche Konzeptualisierungen von Emotionen“ (1990:41f).

[13] Seit den Anfängen der abendländischen Kulturgeschichte ist über „Emotion“ nachgedacht worden.

Aristoteles (384 – 322 v.Chr.) postuliert in seiner Mäßigungslehre den Weg der goldenen Mitte: Gefühle gehören zum Menschen und tragen zur Zielerreichung bei. Zu viel oder zu wenig Gefühl verfehlt allerdings das Ziel. Gefühle sind nur im rechten Maße förderlich und deswegen in diesem Maße anzustreben. So ist z.B. die Besonnenheit zwischen Lust und Unlust anzusiedeln und damit sowohl der Lust als auch der Unlust vorzuziehen. Ebenso sieht die Lehre der Stoa (ca. 310 v.Chr. – 2. Jhr. n. Chr.) im übermäßigen Genuss und in der Suche nach Lustgewinn die innere menschliche Ruhe und Selbstkontrolle gefährdet. Die strenge Ausrichtung der stoischen Ethik misst den Emotionen (Affekten) ausschließlich schädigende Wirkung bei. Demnach verwirren sie die Vernunft. Deshalb muss es eine lebenslange Aufgabe sein, Affekte zu unterdrücken. Nur wem das gelingt, ist wirklich tugendhaft (vgl. Störig, 1991; Hiltenbrunner, 1961).

Doch nicht nur schädigende Kraft wird den Emotionen nachgesagt. In der Antike gelten Gefühle auch als Voraussetzungen für gute Taten. Nach Cicero (106-43 v.Chr.) ist es der Mut, der die Soldaten stark macht, in den Krieg zu ziehen, oder Freundschaft, die einen anderen helfen lässt. Ebenso betrachtet in der Neuzeit Descartes (1596-1650) Gefühle als wesentliche Triebe, Taten anzupacken.

In der Romantik setzt eine Erweiterung des Gefühlsbegriffes zu einer maßgeblichen psychologischen Kategorie ein (Schönpflug, 2000:24). Damit verstärkt sich das Interesse an Emotion zunehmend.

[14] Wenn man die einschlägigen Wortfelduntersuchungen betrachtet, stammen die Daten vornehmlich aus einem Personenkreis, der einem studentischen Milieu zuzurechnen ist. Darin liegt eine gewisse Einschränkung wortfeldanalytischer Erklärungen (zu einer kritischen Diskussion betreffs der Wortfeldanalyse vgl. auch Zimmer [1988:25ff.]).
Im Hinblick auf meine Stichprobe der Untersuchung (Skinheads) bleibt z.B. zu fragen, inwiefern Personen mit einem devianten und ambivalenten Emotionsverständnis abweichende Begrifflichkeiten dem Emotionswortschatz zugrunde legen. Dieser Fragestellung kann im Rahmen meiner Arbeit nicht weiter nachgegangen werde.
Von Scheidt (1994) wirft empirischer Psychologie allgemein vor, vorzugsweise Studenten als Versuchspersonen zu rekrutieren und damit nicht unbedingt zu verallgemeinerbaren Ergebnissen und Aussagen zu gelangen.

[15] Die Autoren ermittelten den Grad der Prototypikalität einer Emotion, indem sie Versuchspersonen aufforderten, in einem freien Assoziationsverfahren Begriffsbeispiele der Kategorie „Emotion“ zu nennen. Je schneller ein Begriffsbeispiel genannt wird, desto stärker kann dabei von einem guten Vertreter von Emotion ausgegangen werden. In einer weiteren Studie sollten Versuchspersonen angeben, was für eine Art Ding einzelne, den Versuchspersonen vorgelegte Begriffe seien und inwiefern ein spezifischer emotionaler Begriff („Liebe“, „Wut“ etc.) mit dem Oberbegriff „Emotion“ substituiert werden könne. Je öfter der Begriff als Emotion bezeichnet wird und je öfter er mit dem Oberbegriff „Emotion“ ausgetauscht werden kann, desto mehr ist dabei von einem guten Vertreter von Emotion auszugehen.

[16] Durch den Fokus auf einzelne (verbale) Begriffe schließen die Autoren ausdrücklich nonverbale Formen emotionalen Ausdruckes sowie verbale Umschreibungen aus, die in einigen Sprachen für englische Begriffsentsprechungen zur Verfügung stehen. Den Autoren geht es um die Frage, wenn denn Emotionen sprachlich realisiert werden, haben sich in diesen Sprachen ähnliche Kategorien gebildet, unter denen einzelne Emotionsbegriffe subsumiert werden?

[17] Die Autoren untersuchen in ihrer Studie 64 Sprachen. Die jeweiligen Sprachen stehen als Vertreterinnen eines größeren Sprachareals, sodass Vergleiche zwischen den großen Sprachsystemen der Welt gezogen werden können.

[18] Die Autoren stellten sich die Frage, ob einzelne Emotionsbegriffe in verschiedenen Sprachen der Welt dieselben Kategorien bilden. Dabei ließen die Autoren native speakers der jeweiligen Sprachen einzelne Emotionskategorien frei benennen. Anhand der Reihenfolge der Benennungen lassen sich R-ckschlüsse auf die Zentralität der jeweiligen Kategorie ziehen. Dabei ist für die Autoren die Annahme zentral, dass diejenigen Kategorien, die zuerst benannt werden, universalerer Struktur sind.

Als erstes werden Emotionen wie Ärger (anger) und Schuld (guilt) genannt. In einer zweiten Kategorie befinden sich Verehrung (adoration), Formen von erregter Wachsamkeit (alarm), Vergn-gen (amusement) und Depression (depression). In dritter Kategorie befinden sich Emotionen wie Entfremdung (alienation), Erregung (arousal) und Formen wie Qual und Verzweiflung (agony). Die vierte Kategorie bilden Emotionen wie Begierde (eagerness). Übrige Emotionsbegriffe bilden weitere Kategorien.

[19] Damit entsprechen sie den ersten beiden Dimensionen des Osgood´schen semantischen Raumes. Die Dimensionen der Emotionswörter entsprechen denen anderer Wörter - z.B. lassen sich Tiere oder Gemälde ebenso beschreiben. Wortfeldanalysen emotionaler Begriffe führen mithin zu keinen neuen Ergebnissen (Schmidt-Atzert, 1996:89).

[20] An dieser Stelle soll kurz auf den Begriff „Kognition“ eingegangen werden, um den forschungstheoretischen Hintergrund der im Text folgenden emotionspsychologischen Theorien aufzuzeigen. „Kognition“ ist die menschliche, geistige Aktivität der Informationsverarbeitung wie Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Denken, Problemlösen, Lernen, Sprachverstehen und Sprachproduktion (Lexikon der Psychologie, 2001, Band 2, S.352).

Kognitionstheoretische Ansätze stehen in einer relativ jungen forschungsgeschichtlichen Tradition. Erste kognitionstheoretische Formulierungen entstehen in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts. Im Kontext einer sich neu bildenden, interdisziplinären Forschungsrichtung (vor allem in der Psychologie und Linguistik, aber mit Einflüssen auch aus der Künstlichen Intelligenz-Forschung und Computerwissenschaft) werden sie hauptsächlich als Antwort auf den orthodoxen behaviorismus (z.B. Skinner) gestellt.

Der orthodoxe behaviorismus beschränkt sich in der Untersuchung menschlicher Prozesse allein auf beobachtbares Verhalten und schließt eine Fokussierung und Formulierung innerer Prozesse und Strukturen kategorisch aus. Diese programmatische Reduktion allein auf äußerliches Verhalten und die daraus abgeleiteten Erklärungen allgemeiner menschlicher Gesetzmäßigkeiten oder Fähigkeiten werden als unzureichend empfunden. An dieser Stelle setzt die Kognitionswissenschaft an: Sie versucht, in den Menschen „hineinzuschauen“. Für menschliches Verhalten und Erleben werden hauptsächlich oben genannte interne Prozesse und Strukturen verantwortlich gemacht. Die Gesamtheit dieser Prozesse ist „Kognition“ (vgl. Baldauf, 1997:29ff.; Schwarz, 1998).

[21] In der Folgezeit der James-Lange-Theorie entwickelt sich eine Kontroverse, als deren Hauptvertreter gegen die James-Lange-Theorie Walter Cannon zu nennen ist, und die bis in die heutige Neuzeit verfolgt werden kann (Stemmler, 2000:480). Cannon (1927) spricht sich vehement gegen die Lokalisation von Emotion in peripheren somatoviszeralen Systemen aus, d.h. in Systemen, die unter Kontrolle des autonomen Nervensystems stehen (Goller, 1992:30ff.; Pauli/Birbaumer, 2000:75). Cannon sieht den Ursprung von Emotion im zentralen Nervensystem.

[22] Evolutionstheoretische Ansätze stehen in der Nachfolge Darwins (1809-1882). Darwin (1872; zitiert nach Euler, 2000:45ff.; Schmidt-Atzert, 1996:14ff.) fokussiert vor allem den Ausdruck von Emotion (Mimik, Gestik, Verhaltensweisen etc.). Sein Ziel ist es, allgemeine Gesetzmäßigkeiten des Emotionsausdruckes zu formulieren. Durch kulturvergleichende Studien gelangt Darwin zu dem Schluss, dass manche Emotionsausdrücke, die in vielen unterschiedlichen Kulturen als gleich erkannt werden (z.B. Lächeln), nicht erlernt sein können, sondern erblich determiniert sein m-ssen (vgl. auch Ekman, 1982; Ekman/Friesen, 1971).

[23] Lazarus formulierte seine ursprüngliche Theorie im Zusammenhang mit Untersuchungen zu Stressverhalten.

[24] Zajonc (1980) nimmt explizit Bezug auf Wilhelm Wundt, der zu Anfang des 20. Jahrhunderts „das Primat der Gefühle“ formulierte (Euler, 2000:45).
„Wenn irgendein physischer Prozess über die Schwelle des Bewußtseins tritt, sind es die Gefühlselemente, die, sobald sie stark genug sind, zuerst bemerkt werden. Sie drängen mit großer Kraft ins Zentrum des Bewußtseins, ehe noch von den Vorstellungselementen irgend etwas wahrgenommen wird. ... Auf ähnliche Weise gehen der klaren Apperzeption von Ideen in Akten der Kognition und Wiedererkennung immer Gefühle voraus.“ (Wundt, 1907; zitiert nach Goller, 1992:163)

[25] Das limbische System, das für Emotion verantwortlich ist, ist entwicklungshistorisch ein früher Teil des menschlichen Gehirns (z.B. vor der Entwicklung des Neokortex, der für kognitive Prozesse verantwortlich gemacht wird). Das limbische System bildet das Randgebiet zwischen dem Großhirn und dem Gehirnstamm. An dieser Stelle gehe ich kurz auf die neuroanatomischen Grundlagen von Emotion ein.
Mittlerweile ist umstritten, in welchem Umfang das limbische System für Emotionen verantwortlich ist (vgl. LeDoux/Fellous, 1995). Vielmehr wird davon ausgegangen, dass nur ein spezifischer Teil des limbischen Systems, der Amygalda, eine kleine Region im Frontallappen, für Emotionen verantwortlich ist. Der Amygalda hat sich in vielen Untersuchungen als am Emotionsprozess beteiligt gezeigt. Grund dafür mag die komplexe gehirnanatomische Vernetzung des Amygalda sein. Der Amygalda kann in einen lateralen und einen zentralen Nukleus gegliedert werden, die beide miteinander vernetzt sind.
Der laterale Nukleus des Amygalda erhält Informationen sowohl wahrnehmungsspezifischer Systeme wie des Thalamus und anderer kortikaler Bereiche als auch von kortikalen Assoziationsarealen. Damit wird eine komplexe Menge an Informationen geliefert, die reine sensorische „Rohdaten“ wie z.B. aus dem Thalamus bis hin zu ganzheitlichen, kontextuellen Repräsentationen wie z.B. aus dem Hypocampus ausmachen. Diese Menge an Repräsentationen fließt im lateralen Nukleus des Amygalda zusammen. Es wird angenommen, dass dadurch emotionale Prozesse ausgelöst werden. Der laterale Nukleus kann somit als sensorische und kognitive Reiz-input-Region für emotionale Funktionen des Amygalda betrachtet werden.
Der zentrale Nukleus stellt demgegenüber die motorische output-Region dar, indem er Informationen sowohl an verschiedene kortikale Regionen, die für emotionale Reaktionen wie typisch mimisches, gestisches Verhalten verantwortlich sind, als auch an das autonome Nervensystem sendet.
Anderen Bereichen des limbischen Systems ist eine funktionale Beteiligung am Emotionsprozess nicht ausreichend nachzuweisen. Man geht davon aus, dass sie in kognitive Prozesse involviert sind, die wiederum den Emotionsprozess beeinflussen (vgl. Buchanan et al. 2000; LeDoux/Fellous, 1995:357; Pauli/Birbaumer, 2000; Ploog, 1980; Wagner/Born, 2000).

[26] Scherer schlägt eine explizite Trennung zwischen den Begriffen „Emotion“ und „Gefühl“ vor. Der Prozess der stimulus evaluation checks stellt den Emotionsprozess dar. Demgegenüber ist der subjektive Gefühlszustand als Reflexion dieses Prozesses zu verstehen. Diese Reflexion ist nur in Teilen dem Bewusstsein zugänglich. Und nur ein Teil wiederum davon lässt sich verbalisieren.

Details

Seiten
98
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783832452179
ISBN (Buch)
9783838652177
Dateigröße
814 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v220744
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Psychologie und Pädagogik
Note
1,5
Schlagworte
interviewanalyse emotionen sprache soziolinguistik sprachverhalten

Autor

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Titel: Verbalisierung von Emotionen bei gewaltbereiten Jugendlichen