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Markus 8,24-9,1 und die Frage der Identität Jesu

©1996 Diplomarbeit 90 Seiten

Zusammenfassung

Inhaltsangabe:Einleitung:
Im Mittelpunkt des Evangeliums nach Markus steht die geschichtliche Person Jesus von Nazareth, den der Evangelist als den Christus und Sohn Gottes identifiziert und dar- und vorzustellen sucht. Der Jesus des Markusevangeliums tritt als ein bevollmächtigter Künder der anbrechenden Gottesherrschaft auf. Er vollzieht erstaunliche Wundertaten, legt sich aufgrund seines Tuns und seiner Lehre mit der führenden jüdischen Obrigkeit an. Die Menschen seiner Zeit sind aufgrund dessen interessiert zu wissen, wer denn er sei. Dieser Jesus verbirgt jedoch seine wahre Identität im Geheimnis. Ihm gelingt es trotzdem nicht, der Öffentlichkeit seine Identität bzw. sein Wesen zu entziehen. "Er will das Geheimnis, und er wird nur bekannter." In einigen Stellen des Markusevangeliums wird die messianische Identität Jesu zwar erkannt und bekannt, aber fast jedesmal schließt sich dieser Erkenntnis und dem Bekenntnis ein Schweigegebot an. Mit der Perikope der Frage Jesu an seine Jünger nach dem, was die Menschen einschließlich der Jünger von ihm halten, sich der ersten Leidensankündigung und der Nachfolgerede anschließend, scheint sich eine Wende in der markinischen Evangeliumsdarstellung aufzutun. Die Jünger erkennen plötzlich, daß Jesus der Christus ist, scheinen aber nicht das messianische Selbstverständnis Jesu bzw. die Art und Weise seiner Messianität ganz zu begreifen. Die Verbindung der Messianität Jesu mit Leiden und Auferstehung scheint, den Erwartungs- und Verstehenshorizont der Jünger zu sprengen. Es ist allerdings wichtig für den Verfasser des Markusevangeliums, daß die wirkliche Identität Jesu sich nur in dieser Verbindung offenbart, verstanden und bekannt gemacht werden kann, und daß diese Verbindung auch für die Nachfolge Jesu entsprechende Konsequenzen mit sich zieht.
In dieser Diplomarbeit möchte ich mich, in Anwendung der linguistischen und historisch-kritischen Methoden der neutestamentlichen Exegese, mit einer Analyse dieser Perikope befassen. Dabei geht es darum, der Frage der Identität Jesu nachzugehen und den Sinn und die Bedeutung des markinischen Messiasverständnisses zu erarbeiten.

Inhaltsverzeichnis:Inhaltsverzeichnis:
1.Einleitung2
2.Textkritische Analyse5
2.1Textkritische Analyse von Mk 8,295
2.1.1¢pokriqej5
2.1.2`O cristÒj6
2.2Textkritische Analyse von Mk 9,16
3.Übersetzung7
4.Die literarische Struktur des Textes (Textanalyse)9
4.1Abgrenzung der Perikope9
4.2Stellung der Perikope im Kontext […]

Leseprobe

ID 2448
Oko, Ohajuobodo Ignatius: Markus 8,24-9,1 und die Frage der Identität Jesu / Ohajuobodo
Ignatius Oko - Hamburg: Diplomarbeiten Agentur, 2000
Zugl.: Bonn, Universität, Diplom, 1996
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Dipl. Kfm. Dipl. Hdl. Björn Bedey, Dipl. Wi.-Ing. Martin Haschke & Guido Meyer GbR
Diplomarbeiten Agentur, http://www.diplom.de, Hamburg 2000
Printed in Germany


2
INHALTSVERZEICHNIS
1. EINLEITUNG ... 3
2. TEXTKRITISCHE ANALYSE ... 5
2.1 T
EXTKRITISCHE
A
NALYSE VON
M
K
8,29 ... 5
2.1.1 ¢pokriqe^j ... 5
2.1.2 `O cristÒj ... 6
2.2 T
EXTKRITISCHE
A
NALYSE VON
M
K
9,1 ... 6
3. ÜBERSETZUNG... 7
4. DIE LITERARISCHE STRUKTUR DES TEXTES (TEXTANALYSE)... 9
4.1 A
BGRENZUNG DER
P
ERIKOPE
... 9
4.2 S
TELLUNG DER
P
ERIKOPE IM
K
ONTEXT DES
M
ARKUSEVANGELIUMS
... 9
4.3 G
LIEDERUNG UND
A
UFBAU DER
P
ERIKOPE
... 11
4.4 E
INHEITLICHKEIT DER
P
ERIKOPE
... 12
5. ANALYSE UNTER SYNCHRONEM ASPEKT... 12
5.1 S
PRACHLICH
-
SYNTAKTISCHE
A
NALYSE
... 12
5.2 S
EMANTISCHE
A
NALYSE
... 13
5.2.1 Textsemantik... 13
5.2.2 Begriffsemantik... 15
5.2.2.1 Zum Begriff: (Ð) cristÒj... 15
5.2.2.2 Zum Begriff: Ð uÕj toà ¢nqrèpou... 17
5.3 M
OTIVSEMANTIK
... 20
5.3.1 Zum Motiv des Messiasgeheimnisses... 20
5.3.1.1 Worin besteht das Problem? ... 21
5.3.1.2 Das Messiasgeheimnismotiv in der Forschungsgeschichte ... 23
5.3.2 Zum Motiv des Jüngerunverständnisses ... 27
5.3.3 Zum Leidensmotiv ... 32
5.3.4 Zum Nachfolgemotiv ... 34
5.4 P
RAGMATISCHE
A
NALYSE
... 39
5.5 B
ESTIMMUNG DER
T
EXTSORTE
... 41
6. ANALYSE UNTER DIACHRONEM ASPEKT ... 45
6.1 Z
UR
L
ITERARKRITIK
(Q
UELLENKRITIK BZW
.
SYNOPTISCHER
V
ERGLEICH
)... 46
6.2 Z
UR
S
CHEIDUNG VON
T
RADITION UND
R
EDAKTION
... 47
7. ANALYSE UNTER HERMENEUTISCHEM ASPEKT ... 53
7.1 E
INZELAUSLEGUNG
... 53
7.2 C
HRISTOLOGIE DES
M
ARKUSEVANGELIUMS
... 67
8. LITERATURVERZEICHNIS ... 79
9. ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS... 86

3
1. Einleitung
Im Mittelpunkt des Evangeliums nach Markus steht die geschichtliche Person
Jesus von Nazareth, den der Evangelist als den Christus und Sohn Gottes
identifiziert und dar- und vorzustellen sucht. Der Jesus des Markusevangeliums
tritt als ein bevollmächtigter Künder der anbrechenden Gottesherrschaft auf. Er
vollzieht erstaunliche Wundertaten, legt sich aufgrund seines Tuns und seiner
Lehre mit der führenden jüdischen Obrigkeit an. Die Menschen seiner Zeit sind
aufgrund dessen interessiert zu wissen, wer denn er sei. Dieser Jesus verbirgt
jedoch seine wahre Identität im Geheimnis. Ihm gelingt es trotzdem nicht, der
Öffentlichkeit seine Identität bzw. sein Wesen zu entziehen. ,,Er will das
Geheimnis, und er wird nur bekannter."
1
In einigen Stellen des
Markusevangeliums wird die messianische Identität Jesu zwar erkannt und
bekannt, aber fast jedesmal schließt sich dieser Erkenntnis und dem Bekenntnis
ein Schweigegebot an.
2
Mit der Perikope der Frage Jesu an seine Jünger nach
dem, was die Menschen einschließlich der Jünger von ihm halten, sich der ersten
Leidensankündigung und der Nachfolgerede anschließend, scheint sich eine
Wende in der markinischen Evangeliumsdarstellung aufzutun. Die Jünger
erkennen plötzlich, daß Jesus der Christus ist, scheinen aber nicht das
messianische Selbstverständnis Jesu bzw. die Art und Weise seiner Messianität
ganz zu begreifen. Die Verbindung der Messianität Jesu mit Leiden und
Auferstehung scheint, den Erwartungs- und Verstehenshorizont der Jünger zu
sprengen. Es ist allerdings wichtig für den Verfasser des Markusevangeliums, daß
die wirkliche Identität Jesu sich nur in dieser Verbindung offenbart, verstanden
und bekannt gemacht werden kann, und daß diese Verbindung auch für die
Nachfolge Jesu entsprechende Konsequenzen mit sich zieht.
1
WREDE, W., Das Messiasgeheimnis in den Evangelien.
Zugleich ein Beitrag zum Verständnis des Markusevangeliums, (Göttingen
2
1913), 126.
2
1,24-25; (vgl.1, 35); 3,11-12; 8,29-30; 9,9.

4
In dieser Diplomarbeit möchte ich mich, in Anwendung der linguistischen und
historisch-kritischen Methoden der neutestamentlichen Exegese, mit einer Analyse
dieser Perikope befassen. Dabei geht es darum, der Frage der Identität Jesu
nachzugehen und den Sinn und die Bedeutung des markinischen
Messiasverständnisses zu erarbeiten.

5
2. Textkritische Analyse
2.1 Textkritische Analyse von Mk 8,29
2.1.1 ¢pokriqe^j
2.1.1.1 Der handschriftliche Befund
3
Die Lesart ¢pokriqe^j d lesen Codizes Sinaiticus (
a
01), Ephraemi Syri rescriptus
(C 04), Bezae Cantabrigiensis (D
ea
05), Freerianus (W 032), Coridethianus (Q 38),
die Minuskelfamilie
1,13
sowie der byzantinische Mehrheitstext. Hingegen
bezeugen die Codizes Alexandrinus (A 02) und Petropolitanus Purpureus (N 022),
die Minuskeln 33, 892, 1241, 1424 und wenige altlateinische Überlieferungen die
Lesart ka^ ¢pokriqe^j. Eine dritte Lesart ¢pokriqe^j wird vertreten von Codizes
Vaticanus (B 03), Regius (L
e
019) und wenigen Überlieferungen des Vulgates,
außerdem von der Syrer-Perschitta sowie der Syrer-Harclensis.
2.1.1.2 Beurteilung der Lesarten
Die erste Lesart ist sowohl quantitativ als auch qualitativ gut bezeugt, da die
Hauptzeugen (
a
01, C 04) zum alexandrinischen Text gehören, auch wenn die
übrigen Zeugen dieser Lesart nicht von großer Bedeutung sind. Obwohl
quantitativ stark, scheitert die zweite Lesart jedoch an der Qualität ihrer Zeugen,
die überwiegend dem byzantinischen Mehrheitstext angehören. Die dritte Lesart
ist hingegen quantitativ und qualitativ gut bezeugt. Die Entscheidung liegt also
zwischen der ersten und der dritten Lesart.
2.1.1.3 Textkritisches Urteil
Trotz der qualitativen Bezeugung der ersten Lesart scheint sie eine Angleichung
an die Parallelstellen der anderen Synoptiker (Mt 16,16; Lk 9,20) zu sein, die die
vorangehende Frage Jesu und die Antwort des Petrus wahrscheinlich aus
stilistischen Gründen mit der adversativen Konjunktion d zu verknüpfen suchen.
Da die dritte Lesart kürzer ist und zugleich Verständnisschwierigkeiten bereiten
kann, muß ihr der Vorzug der Ursprünglichkeit gegeben werden.
3
Alle handschriftliche Befunde sind dem Nestle-Aland
26
Greek-English New Testament
entnommen.

6
2.1.2 `O cristÒj
2.1.2.1 Der handschriftliche Befund
Nach dem Ausdruck Ð cristÒj lesen die Codizes Sinaiticus (
a
01), Regius (L
e
019) und wenige andere griechische Handschriften zusätzlich Ð uÕj toà qeoà.
Hingegen vertreten der Codex Freerianus (W 032), die Minuskelfamilie
1,13
, wenige
einzelne altlateinische Handschriften sowie die syrische Perschitta und die
sahidischen (Koptischer Dialekt) Handschriften die Lesart Ð uÕj toà qeoà toà
zîtoj.
2.1.2.2 Beurteilung der Lesarten
Die äußeren Bezeugungen sprechen eindeutig für die Ursprünglichkeit der ersten
Lesart, die überwiegend vom alexandrinischen Text vertreten wird. Der zweiten
Lesart mangelt es an qualitativ bedeutsamen Zeugen, da ihre Hauptzeugen zu dem
umstrittenen Cäsarea-Text gehören.
2.1.2.3 Textkritisches Urteil
Obwohl die erste Lesart die ursprünglichere zu sein scheint, sind beiden Lesarten
die Ursprünglichkeit abzusprechen, da sie höchst wahrscheinlich auf nachträgliche
redaktionelle Zusätze zurückzuführen sind, durch die der Ausdruck Ð cristÒj
erläutert wird. Der Paralleleinfluß von Mt 16,16 und Lk 9,20 sowie von Mk 14,61
liegt nahe.
2.2 Textkritische Analyse von Mk 9,1
Die vom Codex Vaticanus (B 03) und der ursprünglichen Fassung des Codex
Bezae Cantabrigiensis bezeugte und von Nestle-Aland
26
als ursprünglich gehaltene
Lesart ïde tîn ~sthkÒtwn wird mit Umstellungen in zwei anderen Varianten
überliefert. Während die Lesart tîn ïde ~sthkÒtwn von dem geringfügig
abweichenden Codex Sinaiticus [(
a
)], sowie von den Kodizes Alexandrinus (A
02), Epraemi Syri Rescriptus (C 04), der zweiten Auflage des Codex Bezae
Cantabrigiensis (D
2
05), den Codizes Regius (L 019), Freerianus (W 032) und
Koridethianus (Q 038) sowie von der Minuskelfamilie
13
, den Minuskeln 33, von
dem Mehrheitstext und der durch Thomas von Harckel bearbeiteten Fassung der

7
syrischen Textes bezeugt wird, lesen der Papyrus
45
und die Minuskelfamilie
1
tîn
~sthkÒtwn ïde.
Das Gewicht der äußeren Bezeugung spricht für die Ursprünglichkeit der Lesart
tîn ïde ~sthkÒtwn. Von der Qualität der Textzeugen scheinen alle drei Lesarten
gleichgewichtig zu sein. Die textinternen Kriterien sprechen aber eindeutig für die
Ursprünglichkeit der Lesart ïde tîn ~sthkÒtwn, da sie möglicherweise
Schwierigkeiten aufweist, die die anderen Lesarten durch Umstellung bzw.
Glättung zu beheben suchen.
3.
Übersetzung
8,27 a
Und Jesus ging weg
und seine Jünger
in die Dörfer von Cäsarea Philippi;
b
und auf dem Weg fragte er seine Jünger,
ihnen sagend:
c
Wer sagen die Menschen,
[daß] ich sei?
28
a
Sie aber antworteten ihm, sagend:
b
Johannes den Täufer, und andere Elija,
c
andere aber einer der Propheten.
29
a
Und er fragte sie:
b
Ihr aber, wer sagt ihr,
[daß] ich sei?
c
Antwortend, sagt Petrus zu ihm:
Du bist der Christus.
30
a
Und er redete ihnen ernstlich zu,
b
daß sie mit niemandem über ihn reden sollten.
31
a
Und er began, sie zu lehren,
b
daß es nötig sei,
[daß] der Menschensohn viel leide
und verworfen werde
c
durch die Ältesten
und die Hohenpriester
und die Schriftgelehrten
d
und getötet
und nach dem dritten Tag auferstehen werde.

8
32
a
Und frei heraus redete er das Wort.
b
Und ihn beiseite genommen habend,
fing Petrus an,
ihm Vorhalte zu machen.
33
a
Und sich aber umgewandt habend
und seine Jünger sehend,
wies er Petrus zurecht und sagt:
b
weich hinter mich, Satan,
denn [was] du sinnest[,]
[ist] nicht Gottes, sondern des Menschen.
34
a
Und die Volksmenge
mit seinen Jüngern zu sich gerufen habend,
b
sagte er ihnen:
Wenn jemand mir nachfolgen will,
verleugne er sich selbst,
und nehme sein Kreuz auf [sich]
und folge mir nach.
35
a
Denn wer sein Leben retten will,
wird es verlieren;
b
wer aber sein Leben verliert
um meiner und um des Evangeliums willen,
wird es retten.
36
a
Denn was nützt es einem Menschen,
die ganze Welt zu gewinnen
b
und sein Leben [dabei] einzubüßen?
37
Denn was kann ein Mensch als Tauschmittel
für sein Leben geben?
38
a
Denn wer sich meiner und meiner Worte schämt
in diesem ehebrecherischen
und sündigen Geschlecht,
b
seiner wird sich der Menschensohn auch schämen,
c
wenn er kommt in der Herrlichkeit seines Vaters
mit den heiligen Engeln.
9,1
a
Und er sagte zu ihnen:
Wahrlich, ich sage euch:
Es sind einige der hier Stehenden,
die [den] Tod keinesfalls schmecken werden,
b
bis sie das Reich Gottes
in Kraft haben kommen sehen.

9
4. Die literarische Struktur des Textes (Textanalyse)
4.1 Abgrenzung der Perikope
Mit den einleitenden Worten ka^ TMxÁlqen Ð 'Ihsoàj markiert der Verfasser des
Markusevangeliums deutlich einen Abschied von der vorhergehenden Perikope
und zugleich einen Übergang zu einer vollkommen neuen Thematik. Während es
bei der vorhergehenden Perikope um die Heilung eines Blinden geht, handelt die
neue Perikope von einem Dialog zwischen Jesus und seinen Jüngern und deren
anschließende Belehrung. Bei der nachfolgenden Perikope wird es um die
Verklärung Jesu gehen, die sich nicht vor der Menschenmenge oder vor allen
seinen Jüngern, sondern im engsten Kreis von drei auserwählten Jüngern ereignet.
Außerdem weisen die Orts- sowie Zeitangaben eindeutig auf die Abgrenzung der
Perikope hin. Fand die Heilung des Blinden in Betsaida statt (8,22), so befindet
sich Jesus zunächst mit seinen Jüngern (die Volksmenge wird erst später
einbezogen) an einem unbestimmten Ort auf dem Weg (wahrscheinlich von
Betsaida) nach Cäsarea-Philippi. Die Verklärung, die erst sechs Tage (met¦ ¹msraj
·x) später eintritt, ereignet sich auf einem nicht genannten hohen Berg (9,2).
4.2 Stellung der Perikope im Kontext des Markusevangeliums
Obwohl es an eindeutigen Kriterien für eine allgemein akzeptable Gliederung des
Markusevangeliums mangelt, läßt sich jedoch das Evangelium unter sachlich-
theologischen, typologischen, liturgischen und anderen Gesichtspunkten,
4
in drei
Großabschnitte teilen. Der erste Abschnitt besteht aus dem Prolog (1,1-15) und
der Tätigkeit Jesu in Galiläa und im heidnischen Umland (1,16-8,26). Der zweite
Abschnitt (8,27-10,52) befaßt sich mit den Ereignissen auf dem Weg nach
Jerusalem, wobei ,,auf dem Weg" allerdings nicht unbedingt geographisch zu
verstehen ist. Beginnend mit dem triumphalen Einzug Jesu in Jerusalem umfaßt
der dritte Abschnitt (11,1-16,8) die Geschehnisse in Jerusalem bis hin zum Tod
und zur Auferstehung Jesu. Heftig umstritten ist, ob dem Evangelisten Markus
die Verfasserschaft von 16,9-20 - allgemein bekannt als ,,der sekundäre
4
Vgl. ERNST, J., Das Evangelium nach Markus, RNT, (Regensburg, 1981), 17f.

10
Markusschluß" - zugeschrieben werden kann, da diese Perikope in den ältesten
Textzeugen fehlt, obwohl sie Fragmente von Überlieferungsstücken enthält, die in
den übrigen Evangelien zu finden sind. Fast allgemein gilt die Meinung, daß
diese Perikope auf zusammengefaßte Erscheinungstraditionen zurückzuführen ist,
die nachträglich durch Paralleleinfluß von Lk 24,10f und Jn 20,14f Aufnahme in
Markusevangelium gefunden haben.
Im Markusevangeliums gehört 8,27-9,1 zum Anfang der zweiten
Evangelienhälfte, die sich weitaus geographisch-theologisch sowie systematisch-
christologisch von der vorangehenden Hälfte unterscheidet. Setzt 8,26 das Ende
zur galiläischen Tätigkeit Jesu, so leitet die mit 8,27 beginnende Perikopenfolge
den Abschnitt der Jüngerbelehrung ein. In diesem Abschnitt spricht Jesus stets
,,auf dem Weg" von seinem eigenen Lebensweg. ,,Er versucht, seinen Jüngern
deutlich zu machen, daß, er - angesichts des Auftrags, den er auf Geheiß Gottes
auszuführen hat, einerseits und der Pläne seiner Gegner, ihn aus dem Weg zu
räumen, andererseits, - nur die Wahl hat, sich entweder seinem Auftrag zu
entziehen oder sein Leben zu riskieren, und daß er darum mit dem Gang nach
Jerusalem in den Tod zieht. Zugleich versucht er, ihnen die Einsicht zu
vermitteln, daß sein eigener Lebensweg für seine Nachfolger nicht ohne
Konsequenzen bleiben kann. In dieser übertragenen Bedeutung des `Weges'
bildet dieser Teil nicht nur den quantitativen Mittelpunkt des Buches, sondern
zugleich das zentrale und alles beherrschende Thema, auf das Markus das
Interesse seiner Leser richten will. So versteht der Leser auch, warum die erste
und die letzte Zeile des Buches die Aufmerksamkeit gerade auf diesen Aspekt
lenken."
5
Im Hinblick auf Jerusalem als das Ziel und die Krönung des
Lebensweges Jesu hat diese Perikopenfolge ,,einen geographischen, in den drei
Leidensankündigungen einen christologischen und in der Jünger- und
Nachfolgethematik einen paränetischen Überbau."
6
Die Zentralität dieser
Perikope zeigt sich im Abbruch von einer in Volksszenen erteilten rätselhaften,
zumeist allgemeinen Belehrung wie auch im Übergang zu einer konkreten
Erklärung dessen - im engeren Kreis der Jünger - was der Messias, sein Schicksal
und seine Kreuzesnachfolge zu bedeuten haben.
5
IERSEEL, Bas van, Markus: Kommentar, (Düsseldorf, 1993), 71-72.

11
4.3 Gliederung und Aufbau der Perikope
Die Perikope gliedert sich in drei abgerundete mehr oder weniger selbständige
Erzähleinheiten, die sekundär in einem aufeinander aufgebauten Sinnganzen eng
miteinander verbunden sind. Der erste Teil (8,27-30) besteht aus der
Ortsbestimmung und Situationsangabe (V. 27a) und der dialogisch dargestellten
Szene der Fragen Jesu und der Antworten der Jünger. Der Höhepunkt dieses
Teiles bildet das Messiasbekenntnis des Petrus (V. 29c), an das sich das
Schweigegebot (V. 30) anschließt. Angebunden an den ersten Teil zunächst durch
das parataktische
ka^ und inhaltlich durch das Personalpronomen aÙtoÝj (V. 31),
das sich auf die Jünger bezieht, geht es im zweiten Teil um die (erste)
Ankündigung des Leidens und der Auferstehung Jesu (V. 31). An diese
Ankündigung schließt sich das Unbehagen des Petrus und dessen Zurechtweisung
durch Jesus an (V. 32-33). Der dritte Teil umfaßt die Belehrung der Jünger über
die Anforderungen und Konsequenzen der Nachfolge (8,34-9,1).
Trotz der thematischen Selbständigkeit der einzelnen Erzähleinheiten lassen sie
sich durch inhaltliche Verknüpfungen zu einem Sinnganzen verbinden. Es besteht
aber Spannungen und sachliche Unstimmigkeiten zwischen einigen erwähnten
Personen und deren Funktion sowie zwischen einigen verwendeten Lexemen in
den verschiedenen Einheiten. Gewisse Spannungen bestehen beispielsweise
zwischen Petrus in seiner positiven Rolle als Bekenner (V. 29) und Petrus in
seiner negativen Rolle als Satan (V. 33) und zwischen dem als Christus bekannten
Jesus (V. 29) und dem leidenden und auferstehenden Menschensohn (V. 31).
Auch unter formal-stilistischer Hinsicht lassen sich Spannungen feststellen in der
Ortsbestimmung "in die Dörfer von Cäsarea Philippi" einerseits und "auf dem
Weg" andererseits (V.27a.b), in der zweifachen Nennung der Jünger (V. 27a.b), in
der Nebeneinanderstellung von den übrigen Jüngern und Petrus (V. 29.30.33), im
Wechsel von der Befragung (V. 27-29) zur Belehrung (V. 31), in der
Unvermitteltheit von Schweigegebot (V.30) und öffentlicher Rede (V.32a).
6
ERNST, J., Markus, 17.

12
4.4 Einheitlichkeit der Perikope
Für die literarische Uneinheitlichkeit der Perikope spricht die Dreiteilung in drei
Erzähl- und Sinneinheiten (8,27-30, 31-33, 34-9,1). Jede Einheit ist - abgesehen
von der Thematik - mehr oder minder einheitlich. Die erste Erzähleinheit (8,27-
30) erweist sich als durchaus einheitlich. Die doppelte Frage Jesu zunächst nach
Volksmeinung und anschließend nach der Meinung der Jünger über Jesus wird
kaum als eine versehentliche Doppelschreibung oder als eingefügte Randnotiz
anzusehen sein. Vielmehr verbirgt sich hier ein kompositorisches Motiv. Die
thematische Verbindung der zwei Abschnitte (V.31-32a, 32b-33) der zweiten
Erzähleinheit wirkt gekünstelt. Denn es ist nicht leicht auszumachen, worauf sich
die Reaktion des Petrus bezieht. Bezieht sie sich auf das angekündigte Geschick
(Leiden und Auferstehen) Jesu, so scheint das Augenmerk des Petrus nur auf das
Leiden gerichtet zu sein. Es ist allerdings unwahrscheinlich, daß Petrus die
Auferstehungsansage überhört oder gar nicht wahrgenommen hat. Aufgrund
dieser sachlich-thematischen Unstimmigkeit wird die zweite Erzähleinheit kaum
als eine in sich geschlossene Einheit gelten können. Es begegnet in der dritten
Erzähleinheit (8,34-9,1) eine Reihe von aneinander angereihten paränetischen
Sprüchen, die ursprünglich nicht viel miteinander zu tun haben dürften, die aber
(bis auf 9,1) eine thematische Einheit in ihrer jetzigen Zusammenstellung bilden.
5. Analyse unter synchronem Aspekt
5.1 Sprachlich-syntaktische Analyse
Die Perikope besteht aus Aussage-, Frage- Bedingungs- und Imperativsätzen. Mit
der Ausnahme zweier Fragesätze, die jeweils mit (Øme) t...na me beginnen
(V. 27c.29b), besteht der erste Teil (8,27-30) aus Aussagesätzen, die sich in
einfachen und parataktisch durch ka^ zusammengesetzten Sätzen unterscheiden.
Im zweiten Teil (8,31-33) finden sich zusammengesetzte Aussagesätze (V.31), ein
Aussage- (V.33a), ein Imperativ- und ein rückbezogener Begründungsatz (V.33b).
Hingegen begegnen im dritten Teil (8,34-9,1) eine Reihe von Bedingungsätzen
(V.34b.35.38a), die sich aus Haupt- und Neben- wie auch Relativsätzen

13
zusammensetzen und denen g¦r als begründende Verbindungspartikel dient. Hier
sind auch einfache Sätze und Aussagesätze (9,1) zu finden.
Für die syntaktische Einheit der Perikope sorgt die häufige Verwendung von
Konjunktionen (insbesondere ka... [23mal], aber auch ds, ¢ll£, e, g£r, Ótan, Óti,
>wj) sowie Proformen (34mal insgesamt). Was den Stil angeht, zeigt die Perikope
eine kunstvolle Mischung von zumeist einleitender Erzählung und entfaltender
direkter Rede. Sowohl die in der direkten Rede (8,27c.28b.c.29b.cb.33b.34b-
38c.9,1b.c) als auch die in der indirekten Rede wiedergegebenen Redeeinheiten
(30. 31b.c.d. 32b) sowie die einleitenden Erzählungen und Zwischenbemerkungen
(8,27a.b. 28a. 31a. 32a.b. 33a. 34a; 9,1a) lassen eine abwechslungsreiche
Verwendung von Verben verschiedener Modi und Tempusformen feststellen.
Auffallend ist, daß die Verben (insgesamt 55) mit wenigen Ausnahmen (1mal in
der 1. Person Singular, 3mal in der 2. Person Singular, 1mal in der 2. Person
Plural, und 4mal in der 3. Person Plural) in der 3. Person Singular vorkommen.
Dies unterstreicht den Erzählcharakter der Perikope. Auffallend ist schließlich die
Häufigkeit der Verwendung des Partizips (9mal insgesamt).
5.2 Semantische Analyse
5.2.1 Textsemantik
Hier gilt es, die Bedeutung der in der vorliegenden Perikope enthaltenen
sprachlichen Zeichen und die der Zeichenfolge
7
bezüglich ihrer Beziehung
zueinander zu untersuchen. Mit der Ausnahme der Situationsbeschreibung (Jesus
ging weg..., [Petrus] ihn beiseite genommen habend..., sich [Jesus] aber
umgewandt habend...) ist die Perikope gänzlich von einem Sprechvorgang
zwischen Jesus und seinen Jüngern (und später auch der Volksmenge) geprägt.
Auffallend ist das Überwiegen der Kommunikationsverben oeromai (2mal), lsgein
(8mal), e,,pe(2mal), ¢pokr...nomai (1mal), TMpitim©n (3mal), did£skein
(1mal), l£lein (1mal), proskalsomai (1mal). Die genannten Personen lassen sich in
verschiedene Gruppierungen einordnen. Zum einem werden prophetische
7
EGGER, W., Methodenlehre zum Neuen Testament, (Freiburg-Basel-Wien,
3
1987), 92ff.

14
Gestalten genannt (Johannes der Täufer, Elija), zu denen Jesus nach der
Volksmeinung gehört (V. 28). Zum anderen werden die Ältesten, Hohenpriester
und Schriftgelehrten in ihrer Funktion als ,,die höchste jüdische Gerichts- und
Verwaltungsbehörde in Jerusalem"
8
erwähnt, eine Funktion, die sie eventuell auf
Jesus ausüben werden (V. 31). Eine weitere Gruppe ist die Volksmenge, also die
einfachen namenlosen Menschen, die neben den Jüngern und den Gegnern Jesu
immer wieder als Zu- uns Mithörer herangezogen werden. Ihre Funktion in dieser
Perikope dürfte die Universalisierung der Lehre Jesu sein. Schließlich ist dem
Jüngerkreis als der Gruppe der Vertrauten und Begleiter Jesu Aufmerksamkeit zu
schenken. An diese Gruppe richtet Jesus die doppelten Bilanzfragen und die
Belehrung über sein Geschick. Allerdings fällt auf, daß Petrus hervorgehoben
wird und daß ihm - im Gegensatz zu den übrigen Jüngern, die sich damit
begnügen müssen, wie die Volksmenge, im Hintergrund zu bleiben - besondere
Aufmerksamkeit zuteil geschenkt wird (V.29c, 32b-33).
Weitere semantische Merkmale sind im Zusammenhang mit den Oppositionen
zwischen den Bedeutungsinhalten der Perikope zu erheben. Offensichtlich
bestehen gegensätzliche Spannungen zwischen dem als Christus erkannten und
bekannten Jesus (V.29) - zumindest seitens der Jünger - und dem ihm, seinem
Wort und Selbstverständnis zufolge, von Gott zugewiesenen Leiden (V.31),
zwischen seinem unentrinnbaren Tod und seiner (eventuellen) Auferstehung,
zwischen dem Entsetzen und Unverständnis des Petrus (V.32) einerseits und
seinem Bekenntnis (V.29) und dem ihm von Jesus erteilten Verweis (V.33)
andererseits, zwischen dem Schweigegebot (V.30) und der als ,,mit Offenheit"
bezeichneten Rede Jesu (V.32). Das, was Petrus über Jesu Geschick denkt, wird
als ,,menschlich", d.h. als dem menschlichen Geist entsprungen (ab-)qualifiziert.
Das, was Jesus als auf ihn zukommend angekündigt hat, wird hingegen als
,,göttlich" bezeichnet. Auffällig ist auch die paradoxe Entgegensetzung von
,,Leben erhalten" und ,,Leben verlieren" (V. 35), sowie die Antithese vom Gewinn
der Welt auf Kosten der eigenen Seele bzw. des eigenen Lebens (V.36).
Nachfolge (¢kolouqe) wird daher nicht einfachhin mit dem ,,wortwörtlichen"
Hin- und Her-Ziehen hinter Jesus gleichgesetzt. Vielmehr stellt sie eine
8
KELLERMANN, U., sunsdrion, in: EWNT, Bd. III, (Stuttgart-Berlin-Köln,
2
1992), 718.

15
Herausforderung dar, sich selbst zu verleugnen und das eigene ,,Kreuz" hinter dem
zum Leiden verurteilten Menschensohn her zu tragen. So steht Nachfolge in
Opposition zu der Haltung derer, die sich des Menschensohnes und seiner Worte
schämen; auch der Menschensohn wird sich nicht scheuen, sich ihrer zur
gelegenen Zeit zu schämen. Daß der Menschensohn baldigst ,,in der Herrlichkeit
seines Vaters mit den heiligen Engeln" kommen wird, steht offenbar im
Gegensatz zu dem, was mit ihm jetzt tatsächlich geschehen wird: seine
erniedrigende Verwerfung und Tötung. Daß einige der Zuhörer Jesu den Tod
nicht ,,schmecken" werden, scheint vorauszusetzen, daß andere der dort Stehenden
eventuell dem Geschick Jesu (Verwerfung und Tod) erliegen werden, gerade weil
sie sich seiner und seiner Worte nicht schämen.
Zusammenfassend kann man sagen, daß die Schlüsselbegriffe des
Selbstverständnisses Jesu sowie das Problem des Jünger(un)verständnisses zum
Ausdruck kommen. Jesus wird unter die Propheten eingereiht, als Christus
bekannt; er bezeichnet sich als Menschensohn, kündigt seinen bevorstehenden
Tod und seine Auferstehung an, ergänzt ein vermeintlich unzureichendes
Verständnis seines Auftrags bzw. Schicksals, ruft zur Nachfolge auf, benennt die
Bedingungen und Konsequenzen der Nachfolge sowie die Konsequenzen der
Nicht-Nachfolge und deutet schließlich auf die Parousie bzw. das Eschaton an.
Daraus kann man auf eine christologische Konzentration der Perikope schließen,
daß sie nämlich um die Person Jesu zentriert ist - also von Jesus aus, auf Jesus hin
konzipiert ist.
5.2.2 Begriffsemantik
9
5.2.2.1 Zum Begriff: (Ð) cristÒj
(
`O
) cristÒj
ist ein vom Verb cr...w (welches ,,einreiben", ,,bestreichen", und
,,salben" meint) abgeleitetes Verbaladjektiv und bedeutet ,,aufstreichbar",
,,aufgestrichen", ,,gesalbt".
10
Es ist das griechische Übersetzungswort des
hebräischen c-D1m
+
, welches ursprünglich auf die israelitischen Könige,
9
Hier gilt es, die Bedeutung und die Funktion der Schlüsselbegriffe im weiteren und engeren
Kontext der Perikope zu untersuchen.
10
Vgl. HAHN, F., cristÒj, in: EWNT III, 1148;

16
Hohenpriester, manchmal auch auf prophetische Gestalten in ihrer Funktion und
Würde und in ihrem Amt als beauftragte Teilnehmer ,,an der Heiligkeit, an
Sakralcharakter Gottes"
11
angewendet wird. Dieser Begriff wird außerhalb der
Septuanginta (LXX) und des Neuen Testaments und der von ihnen abhängigen
Schriften niemals auf Personen bezogen.
Im Neuen Testament, wo
(
Ð
)
cristÒj 531mal vorkommt, wird es ,,ausschließlich
personbezogen, entweder auf die erwartete unbekannte Messiasgestalt oder auf
Jesus von Nazareth als den gekommenen Messias" gebraucht.
12
c-D1m
bzw.
cristÒj bezeichnet sowohl im alttestamentlich-jüdischen als auch im
neutestamentlichen Sprachgebrauch nicht so sehr einen Eigennamen als vielmehr
eine Prädikation, die eine Funktion, Hoheitsaussage oder einen titularen Charakter
ausdrückt.
13
Während es sich im Alten Testament hauptsächlich auf eine
Heilswende - wie auch immer sie vorgestellt wurde
14
- handelt, geht es im Neuen
Testament um die Erfüllung und Vollendung dieser alttestamentlichen
messianischen Hoffnungen in der geschichtlichen Person Jesus von Nazareth.
Diese Bezeichnung
(
Ð
)
cristÒj kommt bei Markus insgesamt 7mal vor (1,1; 8,29;
9,41; 12,35; 13,21; 14,61; 15,32), davon 3mal (1,1; 8,29; 14,61) in
Schlüsselstellen. An zwei Stellen (1,1, 9,41) wird die bereits in der Tradition der
christlichen Gemeinden verankerte christologische Formel cristoà (dem Christus
gehörend) aufgenommen. Was Markus zu erzählen gedenkt, wird in der
Überschrift als Evangelium 'Ihsoà cristoà bezeichnet, wobei eine Betonung der
Messianität Jesu an dieser Stelle offensichtlich nicht beabsichtigt wird. Diesen
Ausdruck 'Ihsoà cristoà verwendet Markus hierzu, wie viele Christen vor und nach
ihm, ohne titulare Übertöne.
15
Diese nicht-titulare Verwendung dürfte auch in
9,41 vorliegen.
GRUNDMANN, W., cr...w, ThWNT, Bd IX, 485.
11
CAZELLES, H., Alttestamentliche Christologie, (Einsiedler, 1983), 19.
12
HAHN, F.,in: cristÒj, in: EWNT III, 1148.
13
Vgl. ebd., 1149.
14
Das Alte Testament bietet kein einheitliches Bild, sondern nur eine Fülle von divergierenden,
zum Teil sich widersprechenden Auffassungen des erhoftten Messias dar. Für eine
ausführliche Abhandlung dieser vielfältigen Messiaserwartungen vgl. ZENGER, E., Jesus von
Nazaret und die messianische Hoffnungen, in: STUPPE, U., (Hrsg.), Studien zum Messiasbild
im Alten Testament, 23-66.
15
Vgl. de JONGE, M., The Earliert Christian Use of Christos, in: NTS 32 (1986), 324f.

17
Von besonderem Belang sind die Stellen, die bekenntnisartige Aussagen über die
Person Jesu bzw. seine Identifizierung als den ,,Christus" enthalten. Von den
Dämonen, die Jesus eine messianische Würde zusprechen, wird gesagt, sie
wüßten, wer Jesus sei. Sie erhalten daher das Redeverbot (1,24-25.34; 3,11-12).
Entgegen der Volksmeinung über Jesus bekennt Petrus: sÝ e Ð cristÒj (8,29).
Darauf folgt nicht nur ein Redeverbot (8,30), sondern auch die Rede vom Leidens-
und Auferstehungsschicksal des uÕn toà ¢nqrèpou (8,31). Die Verhör- und
Hinrichtungszenen (14,61-15,32) lassen vermuten, daß Jesus hingerichtet wurde,
weil er als Messiasprätendant galt. Die Frage nach Jesu Messianität entzündet
sich an diesem Tatbestand. In der Frage und Antwort vor dem Hohenrat und vor
Pilatus (14,61f, 15,2f) wird die zunächst politisch gemeinte Anklage gegen Jesus
heilsgeschichtlich durch die Urgemeinde als ein gottgewolltes Geschehen
verstanden.
16
Markus ist sich dieses Verständnisses bewußt, aber auch der
Meinungsverschiedenheit über das rechte Verständnis der Messianität Jesu. In
dieser Verhörszene, wie auch in der Cäsarea-Philippi-Perikope ,,läßt Markus Jesus
die Titel Christus und Sohn Gottes durch `Menschensohn' deuten und mit Inhalt
füllen."
17
Jesus ist also nach dem Zeugnis des Evangelisten Markus der Messias.
Was aber unter der Messianität Jesu zu verstehen ist, drückt er in der
Gegenüberstellung von der Volksmeinung und dem Bekenntnis des Petrus und in
der Verbindung desselben mit dem Leiden und der Auferstehung des
Menschensohnes aus.
5.2.2.2 Zum Begriff: Ð uÕj toà ¢nqrèpou
Der Ausdruck Ð
uÕj
toà
¢nqrèpou ist die griechische Übersetzung des
aramäischen
Dn=a6 rb- bzw. aD=n=(a6) rb- und des hebräischen
Md=a= Nb
#
, das allgemein als Umschreibung für ,,Mensch" gebraucht
wird. In der biblischen und außerbiblischen Tradition vor und neben dem Neuen
Testament wird ,,Menschensohn" als der Ausdruck der Zugehörigkeit zum
Menschengeschlecht oder (quasi-)titular in bestimmten apokalyptischen
Zusammenhängen für eine himmlische endzeitliche Richter- und zugleich
16
Vgl. HAHN, F., in: cristÒj, EWNT III, 1153f.
17
PERRIN, Norman, Die Christologie des Markus-Evangeliums, in:
PESCH, Das Markus-Evangelium, 360.

18
Heilsgestalt verwendet.
18
Letzteres ist der Fall in Dan 7,13f, wo von einem die
endzeitliche Königsherrschaft zu verleihenden ,,menschenähnlichen" himmlischen
Wesen gesprochen wird. Derselbe Gedanke liegt in den Bilderreden des
Äthiopischen Henochbuchs (37-71) von einem präexistenten, die Gerechtigkeit
besitzenden und das Verborgene offenbarenden himmlischen Wesen vor. Auch in
4 Esra 13 ist die Rede von einem lang bei Gott präexistent verborgenen, zur
Vernichtung der Feinde und zur Rettung und Sammlung Israels bestellten Wesen.
Die Hauptfunktion dieses Menschensohnes steht im Zusammenhang mit Gericht
und Heil. Während seine richterliche Funktion sich auf die Sünder, die (fremden)
Könige oder die (Heiden-)Völker bezieht, übt er in bezug auf Israel bzw. auf das
Erwählungskollektiv eine Heilsfunktion aus. An dieser Heilsfunktion dürfte nach
Helmut MERKLEIN ,,sogar das primäre Überlieferungsinteresse der Tradenten
gehaftet haben; sie ist eine entscheidende Voraussetzung für die Kontamination
des Menschensohnes mit der Messiasgestalt, die ebenfalls der Heilsvorstellung
zuzuordnen ist."
19
So sieht MERKLEIN den Menschensohn in dieser
Doppelfunktion als Mandat Gottes und zugleich als den himmlischen
Repräsentant des eschatologischen Erwählungskollektivs.
20
Eine ausdrückliche
messianische Titulatur liegt allerdings nicht vor.
In den synoptischen Evangelien findet sich Ð
uÕj
toà
¢nqrèpou nur im Munde
Jesu als seine Selbstbezeichnung bzw. als sein Selbstoffenbarungswort. Obwohl
die Grundstruktur der Aussage von Lk 12,8f par Mk 8,38 möglicherweise doch
auf ein authentisches Jesuwort zurückgeführt werden kann, dürften die
Menschensohnaussagen in ihrer jetzigen Formulierung kaum auf Jesus
zurückgehen. Das Wort ,,Menschensohn" begegnet weder in der Anrede noch in
einer Bekenntnisformel. Auch dessen Verwendung ausschließlich in der dritten
Person läßt darauf schließen, daß ursprünglich zwischen dem sprechenden Jesus
und dem Menschensohn unterschieden wurde, daß sie also nicht identisch
gewesen sind. Die Identifizierung Jesu mit dem Menschensohn dürfte aus der
Tendenz der nachösterlichen Zeit entstanden sein, Jesu Vollmachts- und
18
Vgl. ERNST, J., Markus; 240; NELIS, J., Menschensohn, in: Bibel-Lexikon, 1128-1134;
HAHN, F., Christologische Hoheitstitel, (Göttingen, 1966), 13-53;
Ders., uÒj, in: EWNT, III, 912-937, besonders 927ff;
COLPE, C., Ð uÕj toà ¢nqrèpou, in: ThWNT VIII, 403-481, besonders 422-433.
19
MERKLEIN, H., Jesu Botschaft von der Gottesherrschaft, (Stuttgart,
3
1989), 158.
20
Vgl. Ebd. 160.

Details

Seiten
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
1996
ISBN (eBook)
9783832424480
ISBN (Paperback)
9783838624488
Dateigröße
705 KB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn – Theologie
Note
2,0
Schlagworte
christologie exegese neuen testaments identität jesu markusevangelium theologie
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Titel: Markus 8,24-9,1 und die Frage der Identität Jesu
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