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Elternsorgen im Verlauf logopädischer Therapie: Ein Prä-Post-Vergleich auf Grundlage des Worrying-Prozess-Modells

Bachelorarbeit 2013 39 Seiten

Psychologie - Entwicklungspsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretische Grundlagen
2.1 Das Worrying-Prozess-Modell
2.1.1 Threat Appraisal
2.1.2 Worry-Activation
2.1.3 Coping
2.2 Fragestellung und Hypothesen

3 Methode

4 Ergebnisse

5 Diskussion
5.1 Zusammenfassung der Ergebnisse
5.2 Kritik
5.3 Ausblick

Anhang

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Seit 1974 befindet sich sprachtherapeutische Förderung im Leistungsumfang gesetzlicher Krankenkassen (Braun & Macha-Krau, 2000). Deren Daten werden seit 2004 zentral im Heilmittel-Informations-System (GKV-HIS, Spitzenverband Bund der Krankenkassen, 2004-2012) erfasst. Laut GKV-HIS zählen demnach sprachtherapeutische Leistungen seit 2005 zu den drei am stärksten in Anspruch genommenen Heilmitteln (ebd.).

Dabei erhalten in Deutschland heute vor allem immer mehr Kinder sprachtherapeutische Behandlung: Waren es 2007 noch durchschnittlich 86 Verordnungen und 779 Behandlungseinheiten pro 1000 gesetzlich versicherte Kinder bis zum Alter von 15 Jahren, erhielten 1000 Kinder derselben Altersgruppe 2011 schon durchschnittlich 111 Verordnungen mit 1004 Behandlungen, für 2012 ist diese Zahl noch einmal leicht gestiegen (ebd.).

Kinder stehen also deutlich im Mittelpunkt logopädischer Therapie und hierbei vor allen Dingen die Gruppe der Kinder im Alter von fünf - zehn Jahren, also im Vor- und Grundschulalter. Sie sind laut GKV-HIS diejenigen, die von 2007 - 2011 im Bereich der Sprachtherapie den größten Umsatz generierten, gefolgt von den noch jüngeren Kindern (ebd.).

Diese Zahlen sind leicht nachvollziehbar. Viele Eltern wissen heute um die Bedeutung gerade der ersten Lebensjahre eines Kindes für die Sprachentwicklung und auch die Tatsache, dass sprachliche Kompetenz für den schulischen Erfolg maßgeblich ist, ist nicht nur wissenschaftlich längst erwiesen (Müller, 1997; Chudaske, 2012), sondern auch gesellschaftlich anerkannt, wie Debatten um die Integration ausländischer Kinder und einen obligatorischen Sprachtest für Immigranten gezeigt haben.

Berücksichtigt man außerdem, dass ein höherer Schulabschluss einen effektiven Schutz vor Arbeitslosigkeit darstellt, wie eine Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung von 2012 belegt hat (OECD, 2012), ist es plausibel, dass auf Eltern ein gewisser gesellschaftlicher Druck lastet. Ulich schreibt in diesem Zusammenhang: “Das Wissen darüber hat das Bewusstsein vieler Eltern verändert und sie für alles sensibilisiert, was mit Schule, Schulerfolg und Schulversagen zusammenhängt.” (1993, S. 157).

Bislang liegen keine Untersuchungen dazu vor, aus welchen Gründen heraus Eltern mit ihren Kindern Logopäden aufsuchen. Anamnese-Fragebögen erfassen zwar einen konkreten Anlass und Therapeuten erfragen im Erstgespräch auch die Wahrnehmung der Eltern bezüglich der sprachlichen Probleme ihres Kindes, die zugrundeliegende Motivation der Eltern, einen Logopäden aufzusuchen, bleibt aber häufig im Dunkeln.

Die vorliegende Untersuchung soll daher verstehen helfen, welche Sorgen es sind, die Eltern dazu bewegen, einen Logopäden aufzusuchen. Diese Ergebnisse könnten dazu genutzt werden, konkrete Fragen in Anamnesefragebögen aufzunehmen oder um bei praktizierenden Logopäden ein Bewusstsein dafür zu wecken, welche verschiedenen Sorgen Eltern eines sprachlich oder sprecherisch verzögerten Kinders eventuell empfinden. Diese Sorgen könnten dann in Elterngesprächen über den gesamten Therapieverlauf thematisiert und so aufgefangen werden. Auf diese Weise sollen die Eltern nicht nur über die Verbesserung der sprachlichen Kompetenzen ihres Kindes sondern auch unmittelbar selbst entlastet werden.

Weiter soll geprüft werden, ob sich diese Sorgen im Verlauf der Behandlung des Kindes verändern und ob diese Veränderung abhängig von der Dauer der Therapie ist.

Zu diesem Zweck soll an die Eltern von logopädischen Patienten bis einschließlich Grundschulalter ein Fragebogen ausgeteilt werden, der zum einen retrospektiv die Sorgen vor dem Behandlungsbeginn und zum anderen die aktuellen Sorgen erfasst.

Im Folgenden werden zunächst die theoretischen Grundlagen erläutert.

2 Theoretische Grundlagen

2.1 Das Worrying-Prozess-Modell

Grundlage der vorliegenden Untersuchung soll das Worrying-Prozess-Modell (im Folgenden WP-Modell) von Tallis und Eysenck (1994) sein, das den Ablauf der Entstehung von Sorgen und daraus resultierende mögliche Handlungsfolgen veranschaulicht. Abbildung 1 stellt das Modell dar.

Im Folgenden wird das Modell zunächst erläutert, anschließend wird die Relevanz des Modells für die vorliegende Arbeit dargelegt. Beispielhaft wird dazu von einem Elternpaar ausgegangen, das sein Kind als sprachlich oder sprecherisch nicht altersgemäß entwickelt empfindet, unabhängig davon, ob es das auch tatsächlich ist.

Das WP-Modell besteht aus drei Phasen:

1. Threat Appraisal, also dem Bewerten einer Situation als bedrohlich,
2. Worry Activation, also dem Auftreten von Sorgen, und
3. Coping, also dem Umgang mit der Situation.

Die drei Phasen werden zunächst erläutert, um zu veranschaulichen, wie sie im vorliegenden Kontext angewendet werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1. Das Worrying-Prozess-Modell von Tallis und Eysenck veranschaulicht, wie es aufgrund einer Bedrohung zur Aktivierung von Sorgen kommt. Es ist in vereinfachter Form die Grundlage dieser Arbeit.

2.1.1 Threat Appraisal

Der Begriff Threat kann im Deutschen mit Bedrohung gleichgesetzt werden. Aus Gründen der Einheitlichkeit wird im Folgenden mit dem deutschen Begriff gearbeitet.

Ausführliche Beschreibungen zum Begriff der Bedrohung finden sich bei Lazarus und Folkman (1984) und deren Kognitiv - Transaktionaler Stresstheorie. Darin wird Bedrohung neben Schädigung/Verlust und Herausforderung als einer von drei stressauslösenden Faktoren genannt, der sich einstellt, wenn ein Individuum annimmt, eine Situation berge das Potential für Verlust oder Schaden.

Im vorliegenden Kontext soll davon ausgegangen werden, dass Eltern es als eine Bedrohung empfinden, wenn sie ihr Kind im Vergleich mit Gleichaltrigen als sprachlich oder sprecherisch verzögert empfinden, weil sie um die eingangs erwähnten Folgen bspw. im Hinblick auf den Schulerfolg wissen. Lazarus und Folkman betonen dabei den Unterschied einer empfunden Bedrohung im Vergleich zu den beiden anderen genannten Faktoren:

“The primary adaptional significance of threat […] is that it permits anticipatory coping. To the extent that humans can anticipate the future, they can plan for it and work through some of the difficulties in advance...” (ebd., S.33)

Eine Bedrohung lässt dem Bedrohten also immer noch Zeit, Gegenmaßnahmen einzuleiten, so genanntes antizipatorisches Coping. Doch bevor es dazu kommt, aktiviert die wahrgenommene Bedrohung in der zweiten Phase des Modells von Tallis und Eysenck zunächst Sorgen bei den Betroffenen.

2.1.2 Worry-Activation

An dieser Stelle diskutieren Tallis und Eysenck in erster Linie die klinische Relevanz von pathologischer Sorge, wie sie beispielsweise als Kardinalsymptom der Generalisierten Angststörung Eingang in das DSM-III gefunden hat (APA, 1987) sowie die Rolle von Arousal und Aufmerksamkeit im Zusammenhang mit Sorgen.

Da es in der vorliegenden Studie nicht um pathologische Formen von Sorgen gehen soll, wird auf die genauere Beschreibung der zweiten Phase des Modells verzichtet, zugunsten einer eingehenderen Beschreibung des psychologischen Konzepts Worries.

Das Konzept der Worries, das im Deutschen etwa die Entsprechung Sorgen hat, stammt vor allem aus der Forschung zu Prüfungsangst (Siegl, 2006). Liebert und Morris fanden 1967 in einer faktorenanalytischen Untersuchung des Test Anxiety Questionnaire (TAQ, Mandler & Sarason, 1952, zit. n. ebd.) zwei Faktoren der Prüfungsangst, die sie Emotionality und Worry nannten. Emotionality entsprach dabei der Wahrnehmung der physiologischen Reaktionen (hier spezifisch bei einem möglichen Versagen in einer Leistungssituation), die Worry-Komponente eher den Gedanken über Bewertung, Misserfolg und möglichen Konsequenzen beim Versagen. Eine aussagekräftige Definition von Worries wurde von Borkovec, Robinson, Pruzinsky und DePree (1983, S. 10) vorgeschlagen:

"Worry is a chain of thoughts and images, negatively affect-laden and relatively uncontrollable. The worry process represents an attempt to engage in mental problem-solving on an issue whose outcome is uncertain but contains the possibility of one or more negative outcomes. Consequently, worry relates closely to fear process."

“Sich sorgen” bedeutet also, dass ein Problem vorliegt, das gelöst werden muss. Die Sorgen selbst stellen dabei einen mentalen Problemlöseversuch dar. Ähnlich haben Szabó und Lovibond (2002) Worrying in ihrer Untersuchung als einen Problemlöseversuch aufbauend auf der Antizipation negativer Ereignisse bezeichnet; schon sehr früh fiel in diesem Zusammenhang der Begriff des antizipatorischen Copings (Janis & Leventhal, 1965).

Während nach dieser Auffassung schon die Sorgen selbst gewissermaßen als eine Form von Coping verstanden werden, ist Coping im WP-Modell von Tallis und Eysenck erst der nächste Schritt, der durch Sorgen ausgelöst wird. Bevor dieser dritte Abschnitt des WP-Modells, das Coping, näher erläutert wird, soll zunächst darauf eingegangen werden, welche spezifischen Formen der Sorge für die vorliegende Untersuchung relevant sein sollen.

Da, wie schon eingangs erwähnt, der Großteil der Patienten im Kindergarten- oder Grundschulalter ist, soll davon ausgegangen werden, dass es sich bei den zu untersuchenden Sorgen vor allem um solche in Bezug auf den Kontext Schule oder allgemeiner in Bezug auf Leistungssituationen handelt.

Leider sind die “schulisch vermittelten Belastungen von Eltern bisher vernachlässigt worden” (Meister-Wolf, 2004), allerdings gibt es Untersuchungen zu schulischen Ängsten von Schülern (Jacobs & Strittmatter, 1979; Oestreich, 1975; Pobenberger, 2010). Diese Ängste können nach Winkel (1979, zit. n. Meister-Wolf, 2004) auch bei Eltern angenommen werden. In Anlehnung an das Forschungsprojekt von Wiederhold (1991) soll von den folgenden Ängsten ausgegangen werden:

- Leistungsangst
- Zukunftsangst
- Kompetenzangst
- Institutionsangst
- soziale Angst

Dabei soll kurz angemerkt werden, dass es sich bei den aufgeführten Angstformen zwar um Ängste und nicht um Sorgen im Sinne der Definition von Borkovic et al. handelt, folgt man jedoch Liebert und Morris (1967, zit. n. Siegl, 2006) in der schon eingangs erwähnten Annahme, Sorgen seien ein Teil von Angst, kann zu jeder Angstform auch die korrespondierende Form von Sorgen angenommen werden.

Die vorliegende Untersuchung konzentriert sich dabei auf die Leistungssorgen, Zukunftssorgen und sozialen Sorgen, da angenommen wird, dass sprachliche Probleme eines Kindes auf Seiten der Eltern vor allem diese drei Formen der Sorge beeinflussen. Als Leistungssorgen sollen Gedanken verstanden werden, die aus der Vermutung entstehen, das eigene Kind könne den Anforderungen in Grundschule oder weiterführender Schule nicht gerecht werden, was sich beispielsweise in schlechten Noten widerspiegelt. Zukunftssorgen meint Sorgen, die sich auf für das Kind biographisch noch weit entfernte Situationen beziehen. Dazu sollen vor allem Bedenken über reduzierte Chancen aufgrund mangelnder Leistungen gehören. Soziale Sorgen meinen Gedanken zu den sozialen Beeinträchtigungen, die sprachliche Schwierigkeiten eventuell auslösen könnten. Dazu sollen Dinge wie Ausgrenzung, Durchsetzungsfähigkeit in Konflikten, aber auch beeinträchtigte Persönlichkeitsentwicklung gehören, da es nachgewiesene Zusammenhänge zwischen eingeschränkten sprachlichen Fähigkeiten und Persönlichkeitsentwicklung gibt (Caulfield et al., 1989; Irwin et al., 2002).

Nachdem nun die ersten beiden Phasen des WP-Modells anhand des Beispiels verdeutlicht wurden, wird nun die dritte und letzte Phase des Modells näher erläutert.

2.1.3 Coping

Schon eingangs wurde erwähnt, dass eine Bedrohung nach Lazarus und Folkman (1984) vor allem dadurch gekennzeichnet ist, dass sie noch Handlungsspielraum zulässt. Das vermutete Problem ist noch nicht eingetreten und lässt sich durch adäquates Problemlöseverhalten noch reduzieren oder verhindern. Dieses adäquate Verhalten ist im WP-Modell die Phase des Copings.

Lazarus und Folkman definieren Coping als “Realistic and flexible thoughts and acts that solve problems and thereby reduce stress” (1984, S. 118). Bestimmte Handlungen oder Gedanken tragen also zur Lösung eines Problems oder zur Reduktion von Stress bei und werden dann als Coping bezeichnet. Lazarus und Launier (1981) unterscheiden zwei wesentliche Formen des Bewältigungsverhaltens: Während beim instrumentellen Coping der problematische Sachverhalt gezielt verändert werden soll, zielt emotionsregulierendes Coping auf die Bewältigung und Regulierung der auftretenden Gefühle ab, die das Problem hervorruft. Zusätzlich unterscheiden Lazarus und Folkman (1984) zwischen adaptivem und maladaptivem Coping, also Formen der Bewältigung, die in der aktuellen Lage angemessen oder unangemessen sind. Diese Unterscheidung ist notwendig, da nicht alle Handlungen oder emotionalen Reaktionen dazu geeignet sind, eine Bedrohung zu reduzieren oder zu beseitigen. Im angenommenen Beispiel eines Elternpaares mit einem sprachlich beeinträchtigten Kind, wäre es auf der emotionalen Ebene beispielsweise unangemessen, die Situation zu leugnen und zu ignorieren. Das Aufsuchen eines Logopäden soll in diesem Fall also als adaptiv-instrumentelles Coping betrachtet werden, weil es geeignet erscheint, das Problem durch aktives Handeln zu reduzieren. Damit ist die Erläuterung des Modells, das Grundlage der vorliegenden Untersuchung sein soll, abgeschlossen.

Abbildung 2 stellt eine stark vereinfachte Form des WP-Modells von Tallis und Eysenck dar, die nur die für diese Arbeit wesentlichen Elemente enthält und abschließend verdeutlichen soll, wie das Modell auf den vorliegenden Kontext angewendet wird. Es werden nun die Hypothesen der Arbeit vorgestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung. 2. Die Abbildung stellt das Modell dar, das der Arbeit zugrunde liegt.

2.2 Fragestellung und Hypothesen

Ausgehend von den bis hierhin angestellten theoretischen Überlegungen werden die Hypothesen der Untersuchung abgeleitet.

Hypothese 1

Eltern, deren Kind in logopädischer Behandlung ist, hatten im Vorfeld Sorgen hinsichtlich der Entwicklung ihres Kindes. Diese Sorgen sind quantitativ interindividuell unterschiedlich ausgeprägt. Die globalen Mittelwerte der Variablen Leistungssorgen, Zukunftssorgen und soziale Sorgen vor der Behandlung unterscheiden sich signifikant.

Hypothese 2

Diese Sorgen haben sich im Laufe der Behandlung reduziert, das heißt die Mittelwerte der Variablen Leistungssorgen, soziale Sorgen und Zukunftssorgen vor der ersten logopädischen Behandlung sind signifikant höher als die entsprechenden Mittelwerte zum Zeitpunkt der Abfrage.

Hypothese 3

Die Veränderung der Sorgen vor der logopädischen Behandlung im Vergleich zu den aktuellen Sorgen ist unterschiedlich groß. Die Mittelwertsdifferenzen Zukunftssorgen vor der Behandlung – Zukunftssorgen heute, Leistungssorgen vor der Behandlung – Leistungssorgen heute und soziale Sorgen vor der Behandlung – soziale Sorgen heute sind signifikant unterschiedlich.

Hypothese 4

Die genannten Sorgen haben sich in Abhängigkeit von der Dauer der Therapie reduziert. Es besteht eine signifikante und negative Korrelation zwischen den genannten Mittelwertsdifferenzen der jeweiligen Sorgen und der Dauer der Behandlung. Es wird also erwartet, dass die Sorgen mit zunehmender Behandlungsdauer abnehmen.

3 Methode

Die angegebenen Hypothesen sollten mithilfe einer empirischen Untersuchung überprüft werden. Da es, wie unter 2. erwähnt, kaum Untersuchungen gibt, die sich mit den Sorgen von Eltern, ausgelöst durch gesellschaftlichen Druck, beschäftigt haben, mussten die zu untersuchenden Kategorien von Sorge sowie passende Items zunächst konstruiert werden.

Es wurde zu diesem Zweck ein Persönlichkeitsfragebogen entworfen, der die drei unidimensionalen Merkmale Leistungssorge, Zukunftssorge und soziale Sorge so messen sollte, wie sie von den Eltern subjektiv berichtet werden. Da eine potentielle Veränderung der berichteten Sorgen im Laufe der logopädischen Therapie gemessen werden sollte, mussten diese zum einen retrospektiv und zum anderen bezogen auf die heutige Situation abgefragt werden. Es wurde ein Fragebogen aus 42 Fragen erstellt, der sowohl Emotionen zu Beginn der Therapie als auch die aktuellen Sorgen der Eltern abfragte. Seite 1 des Fragebogens gab Auskunft über den Inhalt der Untersuchung, klärte darüber auf, dass das Experiment anonymisiert ausgewertet werden würde, und bat die Eltern um ehrliche Beantwortung der Fragen. Auf diese Weise sollten im Sinne von Podsakoff et al. (2003) die Einflüsse sozialer Erwünschtheit oder die Anpassung der Antworten an antizipierte Erwartungen des Versuchsleiters reduziert werden. Außerdem wurden die Eltern darüber informiert, dass sie nach Fertigstellung der Untersuchung Informationen zu den Ergebnissen erfahren könnten, sofern sie dies wünschten. Auf diese Weise sollte die Bereitschaft der Eltern zur Bearbeitung des Fragebogens erhöht und eventuelle Bedenken reduziert werden. Zusätzlich wurde auf der ersten Seite abgefragt, wie lange sich das eigene Kind bereits in logopädischer Therapie befindet (Angabe in Monaten und Jahren). Alter oder Geschlecht des Kindes oder des Elternteils wurden aus Gründen der Sparsamkeit nicht erfasst, da diese Angaben für die vorliegende Untersuchung keine Rolle spielen sollten.

Seite zwei und drei enthielten die Fragen. Zunächst wurden dabei auf Seite zwei retrospektiv die Sorgen vor dem ersten Aufsuchen eines Logopäden erfragt. Die Instruktion lautete:

“Bitte versuchen Sie, sich für die folgenden Fragen an die Zeit zu erinnern, bevor Sie das erste Mal einen Logopäden aufgesucht haben. Dabei muss es sich nicht unbedingt nur um diese Praxis handeln. Bevor mein Kind das erste Mal bei einem Logopäden war, hatte ich die Sorge, dass...“

Anschließend folgten je sieben Items zu jedem der aufgeführten Merkmale, also insgesamt 21 Items zu Zukunftssorgen, Leistungssorgen und sozialen Sorgen, die auf einer fünfstufigen Likert-Skala beantwortet werden sollten. Die fünf Stufen lauteten nacheinander stimme überhaupt nicht zu, stimme nicht zu, teils/teils, stimme zu und stimme stark zu. Beispielitems für den Bereich Leistungssorgen lauteten u.a. „…hatte ich die Sorge, dass unser Kind die schulische Belastung krank machen würde.“ oder „..., dass wir unser Kind ständig zum Lernen auffordern müssen.“. Beispielitems aus dem Bereich Zukunftssorgen waren bspw. „…hatte ich die Sorge, dass unser Kind nicht die weiterführende Schulform (Realschule, Gymnasium,...) erreichen würde, die wir uns wünschen.“ oder „…, dass sich die mangelnden sprachlichen oder sprecherischen Fähigkeiten unseres Kindes auf andere Bereiche (Sozialverhalten, Persönlichkeitsentwicklung,...) negativ auswirken würden.“ Zwei von sieben Items aus dem Bereich soziale Sorgen lauteten „…hatte ich die Sorge, dass unser Kind sich verbal nicht durchsetzen können würde.“ und „…, dass unser Kind keine Freunde finden würde.“.

Der zweite Fragebogen enthielt inhaltlich die gleichen Fragen. Es wurden lediglich die Formulierungen so angepasst, dass aktuelle Sorgen erfasst werden konnten. Die Items wurden also von Präteritum in Präsens gesetzt, ansonsten aber nicht geändert, um eine möglichst hohe Vergleichbarkeit zwischen den korrespondierenden Items aus Fragebogen 1 und Fragebogen 2 zu gewährleisten. Die bereits genannten Beispielitems lauteten nun „…, dass unser Kind keine Freunde findet.“ oder „…, dass sich die mangelnden sprachlichen oder sprecherischen Fähigkeiten unseres Kindes auf andere Bereiche (Sozialverhalten, Persönlichkeitsentwicklung,...) negativ auswirken.“.

Die Instruktion wurde ebenfalls modifiziert und lautete nun: “Diese Fragen beziehen sich auf die aktuelle Situation. Dabei sind die Fragen so formuliert, dass sie unabhängig davon beantwortet werden können, ob ihr Kind schon eingeschult ist oder noch eingeschult wird. Heute habe ich die Sorge, dass...“

Insgesamt waren also zwei Mal 21 Items zu beantworten. Dabei wurden die Items der einzelnen Merkmale Leistungssorge, Zukunftssorge und soziale Sorge innerhalb eines Fragebogens vermischt, so dass nicht jedes der Konstrukte nacheinander komplett erfragt wurde, sondern immer nur eine bestimmte Zahl von Items eines Merkmals aufeinander folgte. Dies wurde unternommen, um nach Podsakoff und Organ (1986) mögliche Verzerrungen zu reduzieren, wie sie in Untersuchungen auf der Grundlage von Selbstberichten auftreten können.

Es wurden 31 Fragebögen in zwei logopädischen Praxen in Magdeburg ausgeteilt. Es handelte sich also um eine anfallende Stichprobe, bei der die Auswahl der Probanden nicht randomisiert erfolgte, weshalb der Einfluss unbekannter konfundierender Variablen nicht ausgeschlossen werden kann, wie Rubin und Babbie (2008) anmerken.

Die Auswertung der Fragebogen erfolgte mit dem Computerprogramm SPSS (Version 21).

4 Ergebnisse

Die mittlere Behandlungsdauer eines Kindes der vorliegenden Stichprobe lag bei 21,5 Monaten (SD = 25,3), wobei die kürzeste bis zum Befragungszeitpunkt absolvierte Behandlung bei einem Monat, die längste bei 88 Monaten lag (vgl. Tab. 1)

Um Hypothese eins zu untersuchen, wurden zunächst aus den jeweils sieben Items der Konstrukte soziale Sorgen vor Behandlung, Zukunftssorgen vor Behandlung und Leistungssorgen vor Behandlung die Mittelwerte für jeden Probanden berechnet. Es ergaben sich für jede Versuchsperson drei Mittelwerte im Bereich von eins bis fünf, die das Ausmaß der jeweils empfundenen Sorge abbilden sollten. Aus diesen drei mal 31 Werten wurde wiederum für jedes Konstrukt ein globaler Mittelwert über alle Probanden berechnet. Es ergab sich für Leistungssorgen ein Mittelwert von M = 3,05 (SD = 1,13), für Zukunftssorgen ein Mittelwert von M = 3,13 (SD = .99) und für soziale Sorgen ein Mittelwert von M = 2,83 (SD = .99) (vgl. Tab. 1).

Bei den Leistungssorgen hatten die Items “...Sorge, dass unser Kind in der Schule schlechte Noten in sprachrelevanten Fächern haben würde.” mit M = 3,35 (SD = 1,14) und “...Sorge, dass wir unser Kind ständig zum Lernen auffordern müssen.” mit M = 3,26 (SD = 1,53) die höchsten Mittelwerte.

Im Bereich der Zukunftssorgen waren die Items “...Sorge, dass die Schulzeit für unser Kind eine große Belastung werden würde.” mit einem Mittelwert von M = 3,42 (SD = 1,21) und “...Sorge, dass sich die mangelnden sprachlichen Fähigkeiten auf andere Bereiche (Sozialverhalten, Persönlichkeitsentwicklung,...) auswirken würden.” mit einem Mittelwert von M = 3,39 (SD = 1,20) am stärksten ausgeprägt.

Bei den sozialen Sorgen waren die “Sorge, dass unser Kind von Anderen nicht verstanden würde (inhaltlich oder akustisch)” mit einem Mittelwert von M = 3,29 (SD = 1,44) und die “Sorge, dass unser Kind sich verbal nicht durchsetzen können würde.” mit einem Mittelwert von M = 3,19 (SD = 1,25) am größten (vgl. Tab. 1).

Insgesamt war der Mittelwert von Leistungssorgen vor Behandlung intraindividuell am häufigsten der größte Wert (zwölf Probanden), gefolgt von Sozialen Sorgen bei acht Probanden und Zukunftssorgen bei sechs Probanden. Bei den restlichen Probanden waren zwei bis drei Merkmale gleich ausgeprägt.

Um die Unterschiede zwischen den einzelnen Ausprägungen der globalen Mittelwerte von Leistungssorgen vor Behandlung, Zukunftssorgen vor Behandlung und soziale Sorgen vor Behandlung auf Signifikanz zu testen, sollte ein t-Test für abhängige Stichproben berechnet werden. Da der t-Test gerade bei kleineren Stichprobenumfängen von n < 30 Normalverteilung zur Voraussetzung hat (Bortz, 2005) und die vorliegende Stichprobe nur knapp über diesem Wert liegt, wurde zunächst mittels Kolmogorov-Smirnov-Test Normalverteilung sichergestellt. Normalverteilung war gegeben (vgl. Tab. 2). Der anschließende T-Test (vgl. Tab. 3) zeigte signifikante Unterschiede für alle drei Mittelwerte. Es ergaben sich für Leistungssorgen vor der Behandlung t (30) = 15,02, p < .001, für Zukunftssorgen vor der Behandlung t (30) = 17,59, p < .001 und für soziale Sorgen vor der Behandlung t (30) = 15,97, p < .001 (vgl. Tab. 3).

Um Hypothese zwei zu prüfen, wurden zusätzlich die Mittelwerte für die Konstrukte Leistungssorgen, Zukunftssorgen und soziale Sorgen zum aktuellen Zeitpunkt berechnet. Diese Mittelwerte sollten mit den Mittelwerten der entsprechenden Konstrukte vor Behandlungsbeginn verglichen werden. Dazu wurde zunächst getestet, ob es sich auch bei den neu berechneten Mittelwerten um normalverteile Werte handelt. Dies geschah mittels eines Kolmogorov-Smirnov-Anpassungstests, der nicht signifikant wurde. Die getestete Verteilung war also normalverteilt (vgl. Tab. 4). Anschließend wurden die globalen Mittelwerte der Variablen Zukunftsangst vor der Untersuchung versus Zukunftsangst heute, Leistungsangst vor der Untersuchung versus Leistungsangst heute und Soziale Angst vor der Untersuchung versus Soziale Angst heute jeweils mittels t-Test auf Unterschiede geprüft. Die drei t-Tests ergaben signifikante Unterschiede zwischen den gemessenen Mittelwerten für Zukunftsangst, Leistungsangst und Sozialer Angst jeweils vor der Behandlung und zum heutigen Zeitpunkt. Es ergab sich für Leistungsangst vor der Behandlung t (30) = 15,02, p < .001, für Leistungssorgen nach der Behandlung t (30) = 13,68, p < .001, für Zukunftssorgen vor der Behandlung t (30) = 17,59, p <.001, für Zukunftssorgen nach der Behandlung t (30) = 15,49, p < .001, für soziale Sorgen vor der Behandlung t (30) = 15,97, p < .001 und für soziale Sorgen nach der Behandlung t (30) = 15,11, p < .001 (vgl. Tab. 5). Da bei jedem der Konstrukte die globalen Mittelwerte vor der Behandlung höher waren als zum aktuellen Zeitpunkt, kann davon ausgegangen werden, dass es sich bei diesen Veränderungen um signifikante Reduktionen handelte.

Zum Testen der dritten Hypothese wurden für jeden Probanden die Differenzen aus den Mittelwerten Leistungssorgen vor der Behandlung – Leistungssorgen heute, Zukunftssorgen vor der Behandlung – Zukunftssorgen heute und soziale Sorgen vor der Behandlung – soziale Sorgen heute berechnet. Es ergaben sich für jeden Probanden drei neue Variablen, für die ebenfalls jeweils ein globaler Mittelwert berechnet wurde. Da auch hier Mittelwerte innerhalb einer Stichprobe miteinander verglichen werden sollten, wurden die drei neuen Variablen auf Normalverteilung geprüft und anschließend mittels t-Test auf signifikante Unterschiede getestet. Normalverteilung war gegeben, der Kolmogorov-Smirnov-Test wurde nicht signifikant (vgl. Tab. 6).

Die globalen Mittelwertsdifferenzen unterschieden sich signifikant (vgl. Tab. 7). Es ergab sich für die Veränderung der Leistungssorgen t (30) = 2,68, p = .01, die Veränderung der Zukunftssorgen t (30) = 4,24, p < .001 und die Veränderung der Sozialen Sorgen t (30) = 6,31, p < .001. Die drei Formen der Sorge wurden also im Laufe der Behandlung unterschiedlich stark beeinflusst. Die stärkste Veränderung zeigten dabei die Sozialen Sorgen mit einer Differenz der Mittelwerte von M = .71 (SD = .63), gefolgt von Zukunftssorgen mit einer Mittelwertsdifferenz von M = .57 (SD = .74). Die geringste Differenz wiesen Leistungssorgen mit einem Mittelwert von M = .45 (SD = .93) auf (vgl. Tab. 8).

Anhand einer Pearson-Korrelation jeweils zwischen der Behandlungsdauer in Monaten und den Differenzen der Mittelwerte für jedes Konstrukt wurde die vierte Hypothese untersucht. Es ergab sich eine signifikante Korrelation zwischen dem Konstrukt Soziale Angst und der Behandlungsdauer von r (29) = .52, p = .003, die beiden anderen Korrelationen wurden nicht signifikant (vgl. Tab. 9). Da der berechnete Mittelwert für die Soziale Angst heute niedriger war als der entsprechende Mittelwert vor der Behandlung, lag eine negative Korrelation vor.

5 Diskussion

5.1 Zusammenfassung der Ergebnisse

Hypothese eins konnte bestätigt werden. Die befragten Elternteile hatten vor Therapiebeginn unterschiedliche Formen von Sorgen im Hinblick auf die Entwicklung ihres Kindes. Die Mittelwertsunterschiede zwischen den einzelnen Formen der Sorge wurden signifikant; die Sorgen waren unterschiedlich stark ausgeprägt. Zukunftssorgen waren dabei größer als Leistungssorgen, gefolgt von Sozialen Sorgen, die am geringsten ausgeprägt waren.

Außerdem veränderten sich die entsprechenden Sorgen im Laufe der Therapie signifikant. Die globalen Mittelwerte der verschiedenen Formen von Sorgen waren zu Therapiebeginn signifikant höher als die entsprechenden Sorgen zum Zeitpunkt der Abfrage. Damit wurde auch die zweite Hypothese bestätigt.

Das Maß der Reduktion war dabei bei den drei konstruierten Formen von Sorge unterschiedlich stark ausgeprägt. Am stärksten veränderten sich über den Therapiezeitraum soziale Sorgen, gefolgt von Zukunftssorgen und Leistungssorgen. Auch Hypothese drei wurde also beibehalten.

Die vierte Hypothese erwies sich dagegen nur in Teilen als zutreffend, da nur bei sozialen Sorgen eine signifikante negative Korrelation zwischen Behandlungsdauer und Veränderung der Sorgen gefunden werden konnte, bei den beiden anderen Formen der Sorgen konnte ein entsprechender Zusammenhang hingegen nicht belegt werden. Der ermittelte Zusammenhang zwischen sozialen Sorgen und Behandlungsdauer muss allerdings nicht zwangsläufig heißen, dass sich die sozialen Sorgen in Abhängigkeit von der Behandlungsdauer reduzierten. Da aus einer Korrelation die Richtung des Zusammenhangs nicht hervorgeht, wäre auch ein umgekehrter Zusammenhang denkbar, beispielsweise dahingehend, dass Eltern mit hohen sozialen Sorgen mit ihrem Kind länger in Therapie bleiben.

Unter der Annahme, dass die gefundenen Reduktionen aller Formen von Sorge und dabei insbesondere der sozialen Sorgen zumindest teilweise ein Ergebnis logopädischer Therapie ist, liefert die Arbeit interessante Ergebnisse. Erstmals wird deutlich, aus welchen verschiedenen Gründen Eltern mit ihrem Kind einen Logopäden aufsuchen. Es sind vor allem Sorgen in Bezug auf reduzierte Chancen des eigenen Kindes, hier Zukunftssorgen genannt, die vor Therapiebeginn am größten waren. Soziale Sorgen waren dagegen zu Therapiebeginn am niedrigsten, konnten aber im Laufe der Therapie am deutlichsten reduziert werden. Im Bereich der Leistungssorgen, also Sorgen darüber, das eigene Kind könnte zukünftigen Anforderungen (in der Schule) nicht gerecht werden, wirkt logopädische Therapie am wenigsten. Dennoch werden auch diese Sorgen im Laufe der Therapie reduziert.

Der Logopäde therapiert also nicht nur das sprachliche Problem des Kindes, sondern fängt gleichzeitig auch direkt oder indirekt die Sorgen der Eltern auf, was sich anhand der signifikanten Reduktion aller erfassten Formen von Sorgen zeigt.

Doch nicht nur für den Zusammenhang zwischen Sorgen von Eltern und logopädischer Therapie bietet die Studie einen Nutzen. Der Fragebogen kann auch helfen, dem behandelnden Logopäden zu veranschaulichen, wie stark die Sorgen von Eltern ausgeprägt sind, und diese entweder im Elterngespräch anzusprechen oder auch das Aufsuchen einer Beratung zu empfehlen, wenn er der Ansicht ist, dass die Sprachtherapie alleine nicht ausreicht.

Zusätzlich bietet die Vorher-Nachher-Abfrage der elterlichen Sorgen eine Möglichkeit zur Evaluation der eigenen Arbeit. So wäre es denkbar, den Fragebogen zu Beginn, im Laufe der Therapie und am Ende auszuteilen. Haben sich die Sorgen der Eltern über den Behandlungszeitraum hinweg reduziert, kann der behandelnde Therapeut daraus Motivation für die eigene Arbeit ziehen, sind die Sorgen unverändert, kann er dies wiederum mit den Eltern thematisieren.

Bevor die Ergebnisse dieser Arbeit sowie der entwickelte Fragebogen aber tatsächlich Eingang in den therapeutischen Alltag finden, sollten einige kritische Anmerkungen berücksichtigt werden.

5.2 Kritik

Ein kritischer Punkt bei der vorliegenden Untersuchung ist die retrospektive Abfrage von Emotionen. So zeigte sich beispielswiese in einer Studie von Barrett (1997), dass der retrospektive Selbstbericht von Emotionen verschiedenen Einflüssen unterworfen ist. Die Probanden von Barrett mussten sich zunächst im Hinblick auf Neurotizismus und Extraversion selbst einschätzen, außerdem sollten sie ihre aktuelle Gefühlslage bewerten. Die Bewertung der eigenen Emotionen wurde anschließend über 90 Tage drei Mal täglich wiederholt. Am Ende der 90 Tage wurden die Probanden angehalten, ihre Emotionen zu Beginn des Untersuchungszeitraums erneut einzuschätzen. Es zeigte sich, dass die retrospektive Selbsteinschätzung zum Beispiel abhängig von der eigenen Persönlichkeit ist. Probanden, die sich als eher neurotisch eingeschätzt hatten, bewerteten ihre Gefühle zu Beginn des Experiments negativer, Probanden mit hohen Extraversionswerten bewerteten die damaligen Emotionen zu Beginn positiver als sie es damals angegeben hatten. Ein weiterer Einflussfaktor, der gefunden wurde, war die aktuelle Emotionslage. Gaben die Probanden in der letzten Woche der Studie insgesamt eher positive Gefühle an, wurden auch die Emotionen zu Beginn des Experiments retrospektiv positiver erinnert als sie es damals tatsächlich gewesen waren, analog verhielt es sich bei negativen Emotionen.

Wie groß die Verzerrung durch die genannten Einflüsse in der vorliegenden Untersuchung ist, kann nicht geklärt werden. In zukünftigen Studien und in der praktischen logopädischen Arbeit würde es ohnehin mehr Sinn machen, die entsprechenden Emotionen gleich zu Beginn der Therapie abzufragen, beispielsweise als Fragebogen, der beim ersten Termin mit nach Hause gegeben wird. Durch weitere Abfragen im Laufe der Therapie könnte der behandelnde Logopäde eine Evaluation der eigenen Arbeit und Feedback über die Wirkung der Therapie auf die Emotionen der Eltern erfahren. Dennoch sollte klar sein, dass die Emotionen, welche die Probanden in diesem Experiment retrospektiv angaben, mit großer Wahrscheinlichkeit nicht die zu Therapiebeginn tatsächlich empfundenen sind.

Auch der entwickelte Fragebogen muss kritisch betrachtet werden. Da die vorliegende Arbeit zunächst nur einen ersten Eindruck des Gebietes liefern sollte, wurde darauf verzichtet, den Fragebogen auf das Erfüllen der Testgütekriterien hin zu überprüfen. Dies könnte Gegenstand einer weiteren Arbeit sein. Auch die Konzeptualisierung der drei Formen von Sorge ist bislang rein intuitiv erfolgt. Eine Faktorenanalyse der Items könnte hier Aufschlüsse darüber geben, inwieweit von den Faktoren Zukunftssorgen, soziale Sorgen und Leistungssorgen ausgegangen werden kann oder ob es Überschneidungen bei den Items gibt. Die Tatsache, dass gerade auch Leistungssorgen im vorliegenden Fall Sorgen sein können, die sich auf Zukünftiges beziehen, gibt Anlass zu der Annahme, dass die Konstrukte Leistungssorge und Zukunftssorgen nicht so klar zu trennen sind und die Faktorenstruktur eine andere als die zugrunde gelegte ist.

5.3 Ausblick

Inwieweit die gefundenen Reduktionen für alle Formen von Sorgen wirklich das Ergebnis der logopädischen Therapie sind, lässt sich nur mutmaßen. Ein geeignetes Design, diesen Zusammenhang zu prüfen, ist nur schwer vorstellbar. Es müsste eine Langzeitstudie konstruiert werden, bei der zwei Gruppen aus Kindern mit möglichst ähnlicher sprachlicher Problematik gebildet werden. Diese müssten anschließend randomisiert auf beide Gruppen aufgeteilt werden. Die Kinder der Kontrollgruppe müssten dabei eine Form von Placebo-Therapie erhalten, die Kinder der Experimentalgruppe eine methodisch einwandfreie logopädische Therapie, beispielsweise anhand eines validierten Konzepts. Parallel müsste die Veränderung der Sorgenlage eines Elternteils von jedem Kind der beiden Gruppen gemessen werden, zu Beginn der Therapie und an deren Ende. Reduzieren sich die Sorgen der Eltern in der Experimentalgruppe signifikant stärker als bei den Eltern der Kontrollgruppe, könnte dieser Effekt auf die erfolgreiche Therapie zurückgeführt werden. Ein solches Design kann es aus unterschiedlichen Gründen nicht geben. Zum einen gleicht die sprachliche Symptomatik eines Kindes fast nie der eines anderen Kindes, zum anderen wäre eine Placebo-Therapie bei einem sprachlich beeinträchtigten Kind ethisch nicht zu rechtfertigen.

Die vorliegende Studie hat gezeigt, dass Eltern unterschiedliche Sorgen um ihre Kinder empfinden, wenn sie einen Logopäden aufsuchen. Es konnte aber auch gezeigt werden, dass sich diese Sorgen im Laufe der Therapie reduzieren. Ob diese Reduktion tatsächlich Ergebnis logopädischer Arbeit ist, kann aus wissenschaftlich-methodischer Perspektive nicht zuverlässig beantwortet werden, erscheint aber neben potentiellen weiteren Einflussfaktoren intuitiv sehr wahrscheinlich.

Auch wenn es noch weiterer Arbeit bedarf, bevor der entwickelte Fragebogen im therapeutischen Alltag zuverlässig anwendbar ist, so hat die vorliegende Studie doch deutlich gemacht, dass auch Eltern mehr in den Fokus logopädischer Therapie rücken müssen. Das sprachliche Problem ihres Kindes beeinträchtigt auch sie.

Anhang

Tabelle 1

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

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Details

Seiten
39
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783842837201
Dateigröße
291 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v272131
Institution / Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg – Psychologie
Note
2,3

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Titel: Elternsorgen im Verlauf logopädischer Therapie: Ein Prä-Post-Vergleich auf Grundlage des Worrying-Prozess-Modells