Lade Inhalt...

Flow und Achtsamkeit als Wirkfaktoren psychomotorischer Gesundheitsförderung - Entwurf eines Konzeptes

Diplomarbeit 2012 147 Seiten

Sozialwissenschaften allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Zusammenfassung

2. Einleitung
2.1. Ausgangssituation und Motivation
2.2. Fragestellung
2.3. Methodisches Vorgehen
2.4. Aufbau der Arbeit

3. Grundannahmen

4. Theoretische Grundlagen
4.1. Gesundheit und Gesundheitsförderung
4.1.1. Aktuelle Trends der Gesundheitsentwicklung
4.1.2. Begriffsabgrenzung
4.1.3. Gesundheitsförderung
4.1.4. Salutogenese nach Antonowsky
4.1.5. Zusammenfassung
4.2. Achtsamkeit
4.2.1. Die Komponenten der Achtsamkeit
4.2.2. Praxis von Achtsamkeit
4.2.3. Achtsamkeit – eine spirituelle Praxis
4.2.4. Achtsamkeit als Persönlichkeitsmerkmal
4.2.5. Ungerichtete und gerichtete Achtsamkeit
4.2.6. Achtsamkeit und Gesundheit
4.2.7. Anwendungsbereiche von Achtsamkeit
4.2.8. Achtsamkeit – kein Allheilmittel
4.2.9. Zusammenfassung und Bezug zur Fragestellung
4.3. Das Flow-Phänomen
4.3.1. Merkmale von Flow
4.3.2. Flow – eine neue Definition
4.3.3. Intensität von Flow
4.3.4. Positive und negative Aspekte von Flow
4.3.5. Zusammenfassung und Bezug zur Fragestellung
4.4. Zusammenführung von Flow und Achtsamkeit
4.4.1. Konzeptioneller Vergleich zwischen Flow und Achtsamkeit
4.4.2. Gemeinsamkeit Oneness
4.4.3. Das Oneness-Modell
4.4.4. Achtsamkeit als Türöffner zum Flow
4.4.5. Zusammenfassung und Bezug zur Fragestellung
4.5. Das Oneness-Modell und Gesundheitsförderung
4.5.1. Gegenwart als Anker
4.5.2. Zusammenhang von Glück mit Flow und Zufriedenheit mit Achtsamkeit
4.5.3. Einfluss von Achtsamkeit und Flow auf das Kohärenzgefühl
4.5.4. Integrale Salutogenese
4.5.5. Exkurs: Spiritualität als Gesundheitsressource
4.5.6. Zusammenfassung und Bezug zur Fragestellung
4.6. Psychomotorik
4.6.1. Inhalte der Psychomotorik
4.6.2. Psychomotorik als ganzheitliche Gesundheitsförderung
4.6.3. Entwicklung- ein lebenslanger Prozess
4.6.4. Heilkraft von Bewegung
4.6.5. Oneness-Modell und Psychomotorik
4.6.6. Zusammenfassung und Bezug zur Fragestellung
4.7. Kommunikationspsychologische Relevanz
4.7.1. Gelungene Kommunikation
4.7.2. Kommunikation und das Oneness-Modell

5. Praxisteil
5.1. Expertenbefragung
5.2. Auswertung der Experteninterviews
5.3. Konzeptionelle Vorüberlegungen für ein Gesundheitsförderungsprogramm
5.3.1. Ziele des Gesundheitsförderungsprogramms
5.3.2. Aufbau und Module des Gesundheitsförderungsprogramms
5.3.3. Konzeptionelle Merkmale des Gesundheitsprogramms

6. Fazit und Ausblick

Anhang
Interviewleitfaden
Übersicht über Experten-Interviews
Experten-Profile
Übung zur Disidentifikation ("Zeuge-Übung")
Übungen für das Modul: Entspannungs-Training
Übungen für das Modul: Achtsamkeits-Training
Übungen für das Modul: Ausdrucks- und Bewegungsspiele
Übung für das Modul: Hausaufgaben
Übung für das Modul: Ziel- und Werteklärung
Übung zur Aktivierung

Abkürzungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Ehrenwörtliche Erklärung

1. Zusammenfassung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Erarbeitung eines Konzeptentwurfes für ein Gesundheitsförderungsprogramm, welches Achtsamkeit und Flow-Erleben als Wirkfaktoren verwendet und praktisch erfahrbar macht. Es wird der Frage nachgegangen, wie ein solches Konzept gestaltet werden muss, damit die Gesundheit nachhaltig gefördert werden kann und welche Relevanz Flow und Achtsamkeit für die Kommunikationspsychologie besitzen.

Die Fragestellung wurde zum einen auf Grundlage der Auswertung aktueller Fachliteratur diskutiert, welche die theoretische Basis des Konzeptes schaffen soll. Dieser theoretische Teil beschreibt die Zusammenführung von Flow und Achtsamkeit mit psychomotorischer Gesundheitsförderung. Ziel der Gesundheitsförderung sollte es sein, Sichtweisen und Handlungsmöglichkeiten zu erweitern und Empowerment-Prozesse zu unterstützen. Flow-Erleben und Achtsamkeit werden in diesem Sinne als wichtige Ressourcen der Gesundheit beschrieben, die das Kohärenzgefühl erhöhen und zu einem Gefühl der Verbundenheit mit allem Seienden - dem Gefühl des Oneness führen. Dieses fördert das Empfinden von Sinnhaftigkeit und erweitert den Gesundheitsbegriff um die Ebene des Bewusstseins. Das Oneness-Modell beschreibt die zirkulierende Dynamik zwischen den beiden Zuständen. Achtsamkeit wird als Katalysator von Flow beschrieben, welcher die Auftretenswahrscheinlichkeit von Flow erhöht. Um die Wirkfaktoren zu erfahren und zu trainieren, bietet die Psychomotorik ein optimales Praxisfeld. Die kommunikationspsychologische Relevanz des Konzeptes ergibt sich aus dem starken Wirkungszusammenhang zwischen Achtsamkeit und gelungener Kommunikation sowie der Tatsache, dass Flow auch in der Kommunikation erlebt werden kann.

Zum anderen bietet diese Arbeit mittels der Auswertung von Experteninterviews Praxisanregungen für ein flow- und achtsamkeitsbasiertes Gesundheitsprogrammes. Die Interviews lieferten Hinweise für die Konzeption, Inhalte, Methoden und geeignete Anwendungsgebiete. Auf Basis der theoretischen Grundlagen und der qualitativen Daten aus den Interviews entstanden schließlich konzeptionelle Vorüberlegungen zur Durchführung des Gesundheitsförderungsprogrammes. Diese Vorüberlegungen beinhalten die Beschreibung von Modulen, einen Ablaufplan, den Spannungsverlauf einer Trainingseinheit sowie konzeptionelle Merkmale.

2. Einleitung

2.1. Ausgangssituation und Motivation

„Hallo, du da. Du hast jetzt so lange geschlafen. Wäre es nicht endlich Zeit aufzuwachen?“ (Schild am Eingang zu Ajahn Chahs Kloster)[1]

Achtsamkeit und Flow-Erleben sind zwei Wirkfaktoren zur aktiven Teilhabe am Leben - zum Aufwachen, d.h. Interesse am Leben zu finden, die Sinne zu öffnen, mit Augen, Ohren, Geruchs- und Geschmackssinnen beim Essen, beim Trinken- ja bei allen Tätigkeiten bewusst die Umwelt zu erfahren. Das bedeutet, aufmerksam zu sein. Offene Sinne bilden ein Gegengewicht zu Gedankenflügen und Tagträumereien, die uns irgendwo hinbringen, aber selten zu uns selbst. Und ist es nicht oft genug der Fall, dass im Alltag Geistesabwesenheit herrscht, der Kontakt mit sich selbst und der Gegenwart verloren geht?

Alle Missstände und alle anderen Probleme der Erde und der Menschheit lassen sich nach Brockert (2002, S.235) auf Geistesabwesenheit zurückführen. Er versteht darunter, das Fehlen des Kontaktes zur eigenen Leiblichkeit, das Fehlen von Geistesanwesenheit und Achtsamkeit sowie das Fehlen des Kontaktes zur Gegenwart. Er beschreibt den heutigen Menschen, als den „Mensch ohne Augenblick“ und zitiert an dieser Stelle den Philosophen Prof. Wolfgang F. Schmid:

„Der Mensch ohne Augenblick denkt voraus und nicht an das, was ist. Wenn er erwacht, denkt er daran, sich zu waschen. Wenn er sich wäscht, denkt er ans Frühstück. Während er frühstückt, liest er Zeitung oder denkt an die Fahrt zur Arbeit. Wenn er zur Arbeit fährt, denkt er an die vielen Gesprächstermine. Wenn er Gespräche führt, hört er nicht hin und denkt an das, was er noch zu erledigen hat oder was er am Abend tun wird. Wenn er endlich Feierabend hat und nach Hause fährt, freut er sich auf das Abendessen. Wenn er Abend isst, denkt er an den Film, den er sehen möchte. Während er sich den Film anschaut, denkt er daran, dass er bald schlafen gehen muss, weil er sonst unausgeschlafen ist. Wenn er zu Bett geht, denkt er an den morgigen Tag, und wenn er schläft, träumt er vielleicht von dem, was er versäumt hat.“ (S.235)

Dementsprechend ergibt sich die Dringlichkeit für die vorliegende Arbeit aus dem derzeitigen Zustand der Menschheit: dem Vorherrschen von Ego [2] (vgl. Tolle 2005, S. 34) und von Dualität, d.h. der Trennung von Körper und Geist (vgl. Wilber 2001, S. 209).

Praktisch äußert sich das durch eine unaufmerksame Gesellschaft, die eine gnadenlose Beschleunigung ihres Lebensstils erfährt. In dieser schnelllebigen Zeit fällt es den meisten Menschen immer schwerer, sich auf eine Sache zu konzentrieren. Es wird sich keine Zeit zum Reflektieren genommen. Vielmehr „springen“ die Gedanken zwanghaft von einer Sache zur Nächsten. Im Buddhismus nennt man diesen Zustand „Monkey-mind“, denn der Geist springt wie ein Affe von Baum zu Baum und kostet von jeder Frucht und kommt nie zur Ruhe (vgl. Weiss et al. 2010, S. 257). Die Fähigkeit und der Wille zur Konzentration gehen verloren und Gedankenverlorenheit sowie Zerstreutheit prägen den Alltag (vgl. Kabat-Zinn 2006, S. 156ff.). Multitasking ist ein typischer Ausdruck unserer Beschleunigung, d.h. zur gleichen Zeit mehrere Tätigkeiten auf einmal zu erledigen und die Aufmerksamkeit in verschiedene Richtungen zu lenken (vgl. Weiss et al. 2010, S. 40f.). Stress prägt den Alltag und trotzdem wird das Lebenstempo immer höher (vgl. Weiss et al. 2012, S. 40 ff.). Qualitäten, wie Aufmerksamkeit, Präsenz, Achtung und Selbstreferenz werden in den Hintergrund gedrängt, was eine Achtlosigkeit im Umgang mit inneren und äußeren Ressourcen mit sich bringt und negative gesundheitliche Konsequenzen zur Folge hat (vgl. Altner 2006, S. 605f.). Der aktuelle DAK- Gesundheitsbericht kann diesen negativen Trend bestätigen. Vor allem psychische Krankheiten hätten laut Bericht einen enormen Zuwachs (vgl. Kordt 2012, S. 27).

Altner (2006, S. 605 ff) betont, dass es unter den aktuellen Bedingungen vor allem nötig sei, Ressourcen zur Bewältigung dieser Missstände und zur Weiterentwicklung bewusst zu machen und zu fördern. Die Positive Psychologie hat dies bereits erkannt und einen Paradigmenwechsel weg von der Problem-Analyse hin zur Ressourcen- und Lösungsorientierung eingeleitet und auch Antonowsky lenkt mit seinem Ansatz der Salutogenese den Fokus weg von der Krankheit hin zur Gesundheit. So erweist sich auch die Motologie mit ihrer Praxis der Psychomotorik als salutogenetische und integrative Wissenschaftsdisziplin, um individuelle Ressourcen zu erschließen, das Gefühl der Selbstwirksamkeit zu intensivieren und den Menschen näher in Kontakt mit sich selbst zu bringen. Dieser Wandel zu ganzheitlichen, ressourcenorientierten Ansätzen in der Wissenschaft begann bereits vor einem halben Jahrhundert und setzt sich weiter fort (vgl. Fischer 2001, S.25).

Er wird begleitet von einem Bewusstseinswandel [3], dem Tolle (2005, S. 30) eine hohe Dringlichkeit einräumt. Diese Dringlichkeit zur Transformation begründet er mit der Annahme: wenn „[…] die Strukturen im Geist des Menschen unverändert bleiben, werden wir im Wesentlichen die gleiche Welt, die gleichen Übel, die gleichen Störungen stets neu erschaffen.“ Der Kern einer solchen notwendigen Transformation des Bewusstseins besteht für Tolle (2005, S. 30ff) aus der Transzendenz, durch die sich „über das Denken erhoben“ werden kann. Das Ego und die Identifikation mit den Gedanken wird beseitigt und es wird ein Gefühl des Verbundenseins mit dem Ganzen erreicht – das Gefühl des Oneness (Schmid 2007, 2012).

„Das Leben ist der Tänzer und du bist der Tanz“ schreibt Tolle (2005, S.125). Er meint damit, dass das Geheimnis allen Erfolgs und Glücks darin liegt, eins zu sein mit dem Leben und dem Jetzt. Es gilt die Selbstbestimmtheit zu fördern und die Menschen zu unterstützen, der Entleiblichung und Entfernung von der Gegenwart entgegen zu wirken, Experte zu werden für die eigene Gesundheit, Verantwortung zu übernehmen und sich eins zu fühlen mit sich selbst und der Umwelt. Das Abkoppeln von dysfunktionalen Denkstrukturen und die Weiterentwicklung des Bewusstseins ist also ein wesentlicher Bestandteil ganzheitlicher Gesundheitsförderungskonzepte.

Die vorliegende Arbeit soll zeigen, wie Flow und Achtsamkeit die Menschen wieder mehr in den Kontakt mit sich selbst und in das Hier und Jetzt führen. Es geht darum den „Autopilotenmodus“ zu verlassen und sich der dysfunktionalen Verhaltensmuster bewusst zu werden, wodurch kompetente Entscheidungen in Bezug auf die eigene Gesundheit getroffen werden können. Es soll gezeigt werden, wie der Kontakt mit dem eigenen Körper und das intensive Erleben des aktuellen Moments zur Erhöhung der Lebensqualität und zum subjektiven Wohlbefinden führen und letztendlich die Gesundheit fördern. Die Psychomotorik wurde hierfür als passendes Praxisfeld gewählt, da sie nicht nur die praktische Erfahrung ermöglicht, sondern auch durch den zugehörigen Wissenschaftsbereich der Motologie den nötigen wissenschaftlichen Hintergrund bietet, um den Zusammenhang von körperlichen und psychischen Prozessen mit Gesundheit theoretisch zu belegen.

2.2. Fragestellung

Ziel dieser Arbeit ist es, einen Ansatz für ein Arbeitskonzept zu entwerfen, welcher beschreibt, wie und warum es möglich ist, Flow und Achtsamkeit in der Praxis erfahrbar zu machen und zu trainieren. Dieser Ansatzes soll nachhaltig gestaltet werden und deshalb dem Klienten nicht nur im Verlauf Flow-Erleben und Momente der Achtsamkeit verschaffen, sondern auch über die Zeit hinaus im Alltag das Erleben von Momenten im Flow und der Achtsamkeit fördern und somit die Lebensqualität und Gesundheit der Personen zu steigern.

Es soll theoretisch geprüft werden, warum Flow und Achtsamkeit über den Gegenwartsbezug zu subjektivem Wohlbefinden und zur Oneness-Erfahrung führen und weshalb Achtsamkeit einen begünstigenden Einfluss auf die Erfahrung mit Flow hat, d.h. als Schlüssel für den Flow-Zustand dient. Welche Rolle Flow und Achtsamkeit im Rahmen der Gesundheitsförderung haben, soll näher erläutert werden. Ebenso wird theoretisch erforscht, inwieweit die Psychomotorik ein passendes Praxisfeld für ein flow- und achtsamkeitsbasiertes Gesundheitsförderungsprogramm bietet. Es soll weiterhin geklärt werden, warum dieses Konzept eine entscheidende kommunikationspsychologische Relevanz besitzt.

Die zentrale Frage wird es jedoch sein, wie ein solches Praxiskonzept gestaltet sein sollte, damit Achtsamkeit und Flow nachhaltig erfahrbar werden und die Gesundheit gefördert wird. Konkrete konzeptionelle Vorüberlegungen sollen diese Frage beantworten, indem sie einen ersten Eindruck über Methoden, Zielgruppe und Ablauf eines Gesundheitsförderungsprogrammes bieten.

Die zentralen Fragen, welche meine Arbeit zu klären versucht, sind deshalb folgende:

1) Wie muss ein Praxis-Konzept gestaltet sein, damit Flow und Achtsamkeit die Gesundheit fördern können?
2) Welche Relevanz besitzt dieses Konzept für die Kommunikationspsychologie?

2.3. Methodisches Vorgehen

Für das Ziel meiner Arbeit, einen Ansatz zu erarbeiten für ein Praxiskonzept der ganzheitlichen psychomotorischen Gesundheitsförderung, bilden Literaturrecherchen die Grundlage. Nach Darstellung der theoretischen Grundlagen zu Achtsamkeit, Flow-Erleben, Gesundheitsförderung, Psychomotorik und Kommunikation geht es in diesem Teil besonders um die Zusammenführung des Oneness-Modells mit psychomotorischer Gesundheitsförderung.

Im empirischen Teil geht es darum, Anregungen zu finden für die praktische Umsetzung eines solchen Konzeptes. Dafür wurden narrative teilstrukturierte Interviews durchgeführt. Der Leitfaden für diese Interviews ergab sich aus den im Theorieteil erarbeiteten Fragen. Das Ziel dieser Interviews war es, Anregungen zu finden, für die Umsetzung des Oneness-Modells in der Praxis. Die Interviews wurden nach dem Leitfaden von Mayring (2010) zur Qualitativen Inhaltsanalyse durchgeführt und ausgewertet. Bei den Interviewpartnern handelte es sich um Experten mit langjährigem Erfahrungshintergrund im Bereich Achtsamkeit und/oder Flow. Die zitierten Aussagen wurden mittels E-Mailkontakt nochmals verifiziert und teilweise konkretisiert. Im Anhang befinden sich selbst erstellte Kurz-Biografien zu den Interviewpartnern.

Auf Grundlage des Theorieteils und den qualitativen Daten folgt letztendlich der Konzeptansatz für ein Gesundheitsförderungsprogramm.

2.4. Aufbau der Arbeit

Die Arbeit ist gegliedert in einen Theorieteil (Kap. 4) und einen Praxisteil (Kap. 5). Im Theorieteil werden alle Grundlagen dargestellt, die zum Verständnis des Konzeptansatzes nötig sind. Vor Darlegung des theoretischen Teils wird es einen kurzen Abriss über die Grundannahmen (Kap. 3) geben, um ein Verständnis für die Motivation und des Hintergrundes dieser Arbeit zu geben. Danach werden theoretische Schilderungen über Gesundheit und Gesundheitsförderung (Kap. 4.1), Achtsamkeit (Kap. 4.2.) und Flow (Kap. 4.3.) folgen. Außerdem sollen logische Zusammenhänge aufgezeigt werden zwischen Flow und Achtsamkeit mit Hilfe des Oneness-Modells (Kap. 4.4.) und ein Bezug hergestellt werden zur Gesundheitsförderung (Kap. 4.5.) und zur Psychomotorik (Kap. 4.6.). Es geht darum ein Verständnis sowie eine gewisse Sensibilität für das Thema zu entwickeln und dem Konzept eine theoretische Grundlage zu geben. Letztendlich wird im Theorieteil eine Einordnung des Konzeptes in den kommunikationspsychologischen Kontext (Kap. 4.7.) erfolgen. Im Praxisteil erfolgt zunächst eine Beschreibung der Experteninterviews (Kap. 5.1.) und anschließend folgt die Auswertung und Diskussion der Ergebnisse (Kap. 5.2.). Im Abschnitt 5.3. werden letztendlich konkrete Vorüberlegungen für ein Konzept der Gesundheitsförderung erfolgen.

3. Grundannahmen

Die nachfolgenden Ausführungen sollen ein Verständnis für die Motivation der vorliegenden Arbeit vermitteln. Sie bilden außerdem die Grundlage und den Maßstab für die Zielsetzung und die Inhalte dieser Arbeit.

Um Menschen wirklich zu erreichen, schreibt Auhagen (2004, S. 11), sei es zum einen notwendig Visionen und neue Ideen zu entwickeln. Der vorliegenden Arbeit lege ich deshalb folgende Vision zugrunde: Jeder Mensch ist glücklich, lebt in Harmonie mit sich selbst und im Einklang mit seiner Umwelt. Er übernimmt Verantwortung für sein Handeln und für seine Gefühle. Außerdem ist er achtsam im Umgang mit sich selbst und seiner Umwelt und erfährt in all seinen Handlungen Glück und Zufriedenheit.

Um neues wissenschaftliches Denken zu entwickeln, sei es nach Auhagen (2004, S. 10) zum anderen notwendig, Menschenbilder zu reflektieren. Dies sei besonders wichtig, um zu erkennen, welche Entwicklungsmöglichkeiten einem Menschen zugetraut werden. Mein Menschenbild ergibt sich aus folgenden Annahmen, denen Aussagen der humanistischen, integralen und der positiven Psychologie zugrunde liegen:

1) Glück und Wohlergehen bilden den höchsten Wert. Ein glückliches Leben ist für jeden Menschen möglich, da er bereits alle Ressourcen besitzt, die er benötigt, um glücklich zu sein. Diese müssen nur aktiviert werden. Unter Ressource verstehe ich „[…] eine mögliche Hilfsquelle zum Erreichen von Zielen, Zuständen, Veränderungen und Optimierungen […]“ (Auhagen 2004, S.7). Flow und Achtsamkeit sind z.B. wichtige personale Ressourcen.

2) Soziale Interdependenz: Der Mensch ist ein soziales Wesen, der seine Identität in der Auseinandersetzung mit der Umwelt findet (vgl. Kriz 2007, S.161). Er kann nicht von seinem Kontext unabhängig betrachtet werden. Seine Handlungen schaffen die Interaktion zwischen ihm und der Umwelt und sind notwendige Voraussetzungen, um seine geistige Entwicklung voranzutreiben. Psyche und Motorik stehen somit in einer wechselseitigen Beziehung.

3) Streben nach Autonomie: Der Mensch strebt nach Unabhängigkeit und möchte als aktives Wesen unabhängig von äußerer Kontrolle aktiv in seine eigene Entwicklung eingreifen und diese gestalten (vgl. Kriz 2007, S.161).

4) Der Mensch strebt nach Selbstverwirklichung, d.h. seine schöpferischen Fähigkeiten zu entfalten. Er ist aktiv, unternehmungslustig und lebendig. Selbstaktualisierungstendenzen und Wachstumsbedürfnisse gehören zu den Antriebskräften des Organismus. In Kontakt mit der Umwelt kann der Mensch vorhandene Fähigkeiten entfalten und ausdifferenzieren (vgl. Kriz 2007, S.161).

5) „Entwicklung ist Evolution. Evolution ist Transzendenz“ (Wilber 2001, S.9). Selbstverwirklichung erreicht der Mensch durch Selbsttranszendenz (vgl. Wilber 1988, S.125). Die psychische Entwicklung des Menschen ist gleichzeitig eine Entwicklung des Bewusstseins und dessen Transformation. Ziel ist das Erreichen des höchsten Einheits-Bewusstseins. Der Weg dorthin vollzieht sich auf verschiedenen Stufen. Die Entwicklung schreitet durch erneute Disidentifikation, Differenzierung und Transzendenz auf jeder Stufe voran. Dieser Prozess wiederholt sich solange bis die höchste Stufe des Bewusstseins, Selbsttranszendenz und Selbstverwirklichung erreicht ist (vgl.Wilber 1988, S.117). Oder mit den Worten von Erich Jantsch: „Evolution ist Selbst-Verwirklichung durch Selbst-Transzendenz.“ (zitiert nach Wilber 2001, S.9).

6) Der Mensch ist ziel- und sinnorientiert. Humanistische Werte (Freiheit, Gerechtigkeit und Menschenwürde) prägen seine Handlungen (vgl. Kriz 2007, S. 161).

7) Der Mensch ist eine ganzheitliche Einheit von Körper, Seele und Geist. Diese beeinflussen sich gegenseitig und sind nicht unabhängig voneinander zu betrachten (vgl. Brockert 2002, S.34).

4. Theoretische Grundlagen

Das folgende Kapitel wird sich mit den theoretischen Grundlagen des Konzeptentwurfes beschäftigen. Es wird zunächst ein Verständnis für die Begriffe Gesundheit und Gesundheitsförderung erarbeitet. Danach folgen Ausführungen zu den Zuständen Flow und Achtsamkeit und deren Zusammenführung bzw. Integration in das Oneness-Modell. Abschließend wird der Bezug von Flow und Achtsamkeit zur Gesundheitsförderung und Psychomotorik dargestellt und theoretisch begründet.

4.1. Gesundheit und Gesundheitsförderung

4.1.1. Aktuelle Trends der Gesundheitsentwicklung

„Das Gesundheitsinteresse ist riesengroß, das Gesundheitswissen ist mäßig, das Gesundheitsverhalten ist miserabel“ (Christian Morgenstern, zitiert nach Dahlke 2000, S.19). Heidenreich (2006, S. 606) formuliert es ähnlich, indem er sagt, dass das Gesundheitswissen zwar da sei, aber ungleich verteilt. Gesundheit steht laut Dahlke (2000, S. 16) auf der Wunschliste ganz obenan und rückt immer mehr in das Interesse der Gesellschaft, dennoch befinden sich die Menschen erst auf dem Weg zu einer verantwortungsvollen Lebensführung. Aktuell prägen Verbrauch und Verwertung den Umgang mit inneren und äußeren Ressourcen und Achtlosigkeit beeinflusst den Alltag. So vermehren sich neue Formen der Gesundheitsbeeinträchtigungen, die auf problematische soziale, ökologische und eine ungünstige Veränderung im Gesundheitsverhalten zurückzuführen sind, z.B. chronische Erkrankungen (Neurodermitis, Allergien, Übergewicht, psychosomatische und psychische Beschwerden, Haltungs- und Bewegungsstörungen, Aufmerksamkeits- und Wahrnehmungsstörungen) (vgl. Altner 2006, S. 605 f.). Nach Kabat-Zinn (2006, S. 159ff.) ist es vor allem die Fähigkeit, sich auf eine Sache zu konzentrieren, die den Menschen verloren gegangen ist und nun für Erkrankungen wie ADHS und zu Überforderung führt.

Was die tatsächliche aktuelle Gesundheit in Deutschland betrifft, so bestehe laut DAK-Gesundheitsblatt ein negativer Trend. Besonders psychische Krankheiten, welche nach epidemiologischen Studien die häufigsten und auch kostenintensivsten Erkrankungen sind, hatten im Jahr 2011 einen Zuwachs von 1,3 Prozentpunkten (vgl. Kordt 2012, S. 27). Laut BDP (Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen) wird jeder dritte Mensch westlicher Industrienationen im Laufe seines Lebens seelisch so leiden, dass eine Psychotherapie notwendig sein wird. Für den deutschen Sprachraum wären das 30 Mio. Psychotherapiebedürftige. Eine enorme Zahl und nicht verkraftbar für ein Gesundheitssystem (vgl. Brockert 2002, S.24). Die Verbreitung von Depression ist beispielsweise seit 1960 um den Faktor 10 angestiegen (vgl. Brockert 2002, S.31). Aktuell sieht es nicht viel besser aus. Zwischen den Jahren 2009 und 2011 stieg die Anzahl der Versicherten laut Krankenkassen, die aufgrund von Depressionen oder eines Burn-out ins Krankenhaus mussten, um 18,3 Prozent. Zukünftig, so prognostizieren Experten, werden psychische Erkrankungen bis 2030 neben Herz-Kreislauf-Erkrankungen die häufigste Krankheitsursache sein. Deshalb müsse künftig dringend Prävention und Gesundheitsförderung in Betrieben eine deutlich größere Rolle spielen (vgl. Deutsches Ärzteblatt 2012). Die Zunahme an diagnostizierten psychischen Erkrankungen, woraus Arbeitsausfallzeiten und vorzeitige Verrentungen drohen, haben auch den BDP veranlasst, von allen Institutionen der öffentlichen und privaten Gesundheitsversorgung größere Anstrengungen zu deren Bekämpfung und Prävention zu fordern (vgl. Schaffmann 2011).

Die Weltgesundheits-Organisation postulierte bereits im Jahr 1986, dass das Ziel der Gesundheitsförderung wäre, allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen (vgl. Steinbach 2004, S. 61). Menschen sollten demnach selbstverantwortlich entscheiden können, welches Verhalten für sie optimal bzw. am gesündesten wäre. Voraussetzung dafür ist allerdings in nahem Kontakt mit sich selbst zu sein, Empfindungen und Befindlichkeiten wahrzunehmen und diese Wahrnehmungen des Körpers richtig zu interpretieren. Doch das ist gar nicht so leicht und stellt eine große Herausforderung dar, da der Kontakt mit der Gegenwart eine grundlegende Bedingung für den Kontakt mit internen und externen Befindlichkeiten ist (vgl. Schmid 2007, S. 130). Zum einen ist es in unserer heutigen schnelllebigen Gesellschaft eine Seltenheit, sich selbst zu spüren und zum anderen muss ein achtsamer Blick erst entwickelt werden. Dieser nimmt eine bedeutende Rolle ein in Bezug auf Gesundheitsbemühungen, denn mit Hilfe von Achtsamkeit können „[…] auch Ressourcen deutlich werden, die für ein Bewältigen und Weiterentwickeln unter den gegenwärtigen Bedingungen notwendig sind“ (Altner 2006, S. 605 f.).

4.1.2. Begriffsabgrenzung

Bevor ich auf das Thema Gesundheit und Gesundheitsförderung intensiver eingehe, möchte ich zunächst einige zentrale Begriffe klar voneinander abtrennen und deren Zusammenhang kurz erfassen.

Zufriedenheit kann als ein globaler kognitiver Bewertungsprozess verstanden werden. Anhand von subjektiven Urteilen wird das Leben als Ganzes oder nur einzelne Lebensbereiche durch individuelle Kriterien und Maßstäbe bewertet. Verschiedene Lebensbereiche können dabei mit unterschiedlicher Relevanz beurteilt werden und somit die gleichen Lebensumstände von unterschiedlichen Personen in Abhängigkeit von Persönlichkeit, Bewältigungsstrategien, Werten und Zielen bewertet werden (vgl. Schmid 2012, S. 15).

Glück ist im Gegensatz zur Zufriedenheit eher eine zeitlich kürzere emotionale Reaktion, die sich durch einen aktuellen affektiven Zustand charakterisiert. Durch deren positive Aktivierung wird Energie, Konzentration und freudiges Engagement freigesetzt. Die häufige positive Befindlichkeit führt folglich zu einem glücklichen Leben, was wiederum positive Auswirkungen auf Gesundheit und subjektive Lebensqualität hat (Schmid 2012, S. 13).

Subjektives Wohlbefinden (SWB) ist ein quantifizierbarer Marker, also ein Messwert subjektiver Lebensqualität. Es gibt für dieses Konstrukt zwei Hauptbewertungsprozesse: den kognitiven (Lebenszufriedenheit) und den emotionalen (Glück). Beide unterliegen unterschiedlichen Einflussfaktoren, sind aber dennoch nicht voneinander unabhängig (vgl. Schmid 2012, S. 12).

Wenn von Lebensqualität gesprochen wird, so handelt es sich in dem Fall um das Ergebnis eines komplexen subjektiven Bewertungsprozesses. Dieses ergibt sich aus einer Kombination von subjektivem Wohlbefinden und den objektiven Lebensbedingungen eines Individuums (vgl. Mayring 1991, S. 77). Operationalisiert wird Lebensqualität über das Ausmaß an subjektivem Wohlbefinden.

Psychische Gesundheit ist eine Dimension von Gesundheit und bildet sich aus dem subjektiven Wohlbefinden und den individuellen Kompetenzen (Abele 1991, S.52 f.). Es handelt sich dabei um keinen rein subjektiven Begriff, denn durch den Aspekt der individuellen Kompetenzen wird dem Menschen eine gewisse Verantwortung zugeschrieben, d.h. wer kompetenter ist, der erhöht die Wahrscheinlichkeit, psychisch gesund zu sein. Es reicht nicht aus, sich gesund zu fühlen, denn auch die Kompetenzen zur Bewältigung von Belastungen sind entscheidend für die psychische Gesundheit (vgl. Mayring 1991, S. 76). Im weiteren Verlauf werden diese Kompetenzen auch Ressourcen genannt werden.

Die wohl bekannteste Definition von Gesundheit ist die der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in der „Constitution“[4] 1948: „Health is a state of complete physical, mental, and social well-being and not merely the absence of disease or infirmity. The enjoyment of the highest attainable standard of health is one of the fundamental rights of every human being without distinction of race, religion, political belief, economic or social condition“ (zitiert nach Steinbach 2004, S.58).

Diese Definition verdeutlicht, dass Gesundheit etwas mit Wohlbefinden zu tun hat. Es gilt bis heute als empirisch gesichert, dass Gesundheit und Wohlbefinden zusammenhängen. A. Zautra und A. Hempel konnten dies bereist 1984 in einer Reanalyse von 81 Studien belegen (vgl. Mayring 1991, S. 76).

Indem die Weltgesundheitsorganisation Gesundheit mit einem Zustand des Wohlbefindens gleichsetzt, geht sie von einem subjektivistischen Gesundheitsbegriff aus, der sich an subjektiven körperlichen-seelischen und sozialen Befindlichkeiten orientiert. Sie definiert den Menschen als bio-psycho-soziale Einheit. Kommt es zum Verlust vom körperlichen, seelischen oder sozialen Wohlbefinden, so ist die Grundlage „normaler“ psychophysischer Abläufe gestört. Der seelisch-geistige Zustand verändert sich (vgl. Fischer 1993, S.149).

4.1.3. Gesundheitsförderung

Gesundheitsförderung versucht die im vorigen Abschnitt beschriebene Einheit zu erhalten. Von diesem Standpunkt aus ergibt sich ein Paradigmenwechsel weg von der Vermeidung von Krankheit hin zur Annäherung an die Gesundheit. Gesundheitsförderung bildet einen Ansatz zur Unterstützung der Gesundheit und zur Aktivierung von Ressourcen. In diesem Abschnitt soll deshalb gezeigt werden, dass Gesundheitsförderung demnach nicht nur ganzheitlich, sondern auch partizipatorisch und ressourcenorientiert sein sollte (vgl. Steinbach 2004, S. 39).

1) Ein ganzheitlicher Ansatz

„Unsere Gesellschaften sind durch Komplexität und enge Verknüpfung geprägt; Gesundheit kann nicht von anderen Zielsetzungen getrennt werden. Die enge Bindung zwischen Mensch und Umwelt bildet die Grundlage für einen sozialökonomischen Weg der Gesundheit“ (Ottawa-Charta 1986, zitiert nach Steinbach 2004, S.61).

Ganzheitlich bedeutet in dem Sinne, dass sich die Gesundheit körperlich (z.B. Haltung, Bewegung), psychisch (z.B. Genussfähigkeit, Stressresistenz) und sozial (z.B. Freundeskreis, soziale Stellung) äußert. Gesundheit betrifft somit alle Bereiche des Menschen, d.h. Körper, Seele, Umwelt und soziales Gefüge. Diese machen in ihrer Gesamtheit die Gesundheit aus und stehen in ständigen Wechselwirkungsbeziehungen (vgl. Steinbach 2004, S.52 f.).

2) Ein partizipatorischer Ansatz

In der Ottawa-Charta der WHO wurde 1986 postuliert: „Gesundheitsförderung zielt auf einen Prozess, nämlich allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen und sie damit zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen“ (zitiert nach Steinbach 2004, S. 61).

Bereits bei der Konferenz von Alma Ata (1978) wurde festgelegt, dass die Menschen das Recht, aber auch die Pflicht haben, Verantwortung für ihre Gesundheit zu tragen (vgl. Steinbach 2004, S. 60). Es geht demnach um mehr Selbstbestimmung des Einzelnen in Bezug auf seine Gesundheit. Das höchste Ziel ist es deshalb, Fähigkeiten zu entwickeln, um mit beeinflussenden Faktoren adäquat umzugehen. Empowerment [5] als Prozess zur Befähigung für mehr Selbstbestimmung in Bezug auf Gesundheitsförderung soll dabei helfen sowie die Stärkung der Gesundheitsressourcen. Die Grundlage hierfür bildet ein bestimmtes Maß an Wissen und Kompetenz (vgl. Steinbach 2004, S.53). Der Mensch selbst soll deshalb zum Experten für seinen eigene Gesundheit werden, Verantwortung für sie übernehmen und gesundheitlich relevante Entscheidungen treffen. Aus diesem Grund ist Gesundheitsförderung subjektorientiert (vgl. Steinbach 2004, S.49).

3) Ein ressourcenorientierter Ansatz

Gesundheitsförderung bedeutet außerdem neben einer defizitorientierten Sichtweise auf Krankheiten auch einen positiven Blickwinkel auf den Menschen und das Leben einzunehmen und somit zu einer ganzheitlichen Sichtweise zu gelangen (vgl. Brockert, S.30 ff). Im Fokus dieses positiven Blickwinkels der Betrachtung stehen die Ressourcen des Menschen, die es gilt zu entdecken und zu aktivieren, was zu der Frage führt: Was hält den Menschen gesund? (vgl. Steinbach 2004, S. 106) Die Positive Psychologie im Gesundheitsbereich steht für Vorbeugen, Selbsthilfe und auch im weitesten Sinne für Empowerment (vgl. Brockert 2002, S.32). Ein Konzept, welches diesen beschriebenen positiven Blickwinkel einnimmt und Gesundheit als dynamisches und labiles Konstrukt auf einem Kontinuum darstellt, wo Gesundheit und Krankheit ineinander übergehen, ist das Salutogenese-Konzept.

4.1.4. Salutogenese nach Antonowsky

Das Konzept der Salutogenese[6] nach Aaron Antonovsky geht davon aus, dass die Bedingung für die Erhaltung der Gesundheit das Gefühl verantwortlich ist, das Leben selbst in die Hand nehmen zu können, es zu bestimmen und zu gestalten. Es gilt, den Menschen zum Experten für seine eigene Gesundheit zu machen und seine Selbstbestimmtheit zu fördern. In dieser Ressourcenperspektive werden die Fähigkeiten eines Menschen fokussiert, um Belastungen zu verhindern oder zu reduzieren (vgl. Steinbach 2004, S. 106).

Gesundheit ist demnach mehr als nur die Abwesenheit von Krankheit. Gesundheit und Krankheit gehen vielmehr ineinander über, wobei Gesundheit keinen stabilen Zustand darstellt, der aus dem Gleichgewicht gebracht werden kann, wie es die WHO in ihrer Definition (siehe Abschnitt 4.1.3.) postuliert. Es handelt sich hierbei um etwas Labiles, was es gilt zu fördern und zu erhalten. Positive Erfahrungen in Bezug auf die Problemlösefähigkeit können den gesunden Bereich des Gesundheits-Krankheits-Kontinuums stärken (vgl. Steinbach 2004, S. 107ff). Gesundheit und Störungen der Gesundheit sind somit als gleichwertige Aspekte menschlicher Befindlichkeit zu verstehen und werden in jedem Augenblick des Lebens neu gestaltet.

Kohärenzgefühl

Diese positiven Erfahrungen sind nach Antonovsky vom Kohärenzgefühl[7] (SoC, Sense of Coherence) abhängig. Es handelt sich dabei um ein Gefühl des Vertrauens, welches sich ergibt, wenn die Ereignisse im Leben als verstehbar wahrgenommen werden (Comprehensibility) und zur Bewältigung der Anforderungen genügend Ressourcen zur Verfügung stehen (Manageability). Von zentraler Bedeutung ist allerdings die empfundene Sinnhaftigkeit für das Leben (Meaningfulness). Während die Komponente der Verstehbarkeit sich aus Erfahrungen der Konsistenz ergibt, so bildet sich eine erlebte Handhabbarkeit aufgrund einer optimalen Anforderung zwischen Unter- und Überlastung. Das Empfinden von Sinnhaftigkeit entsteht durch das Gefühl, die Gestaltung der Situation beeinflussen zu können. Konstitution und die individuelle Lebenserfahrung sind nach Antonowsky verantwortlich für das Kohärenzgefühl. Die Lebenserfahrung beeinflussen generalisierte Widerstandsressourcen, d.h. individuelle, soziale und kulturelle Faktoren, welche eine Spannungsbewältigung ermöglichen. Das Kohärenzgefühl steht demnach in einem engen Zusammenhang zur Biografie eines Menschen. Es ist ein relativ statischer Faktor, der sich im Laufe des Lebens entwickelt und später kaum veränderbar ist. Im Erwachsenenalter kann nur mit mehr Aufwand darauf Einfluss genommen werden (vgl. Jork & Peseschkian 2003, S.18 f.).

4.1.5. Zusammenfassung

Durch den Paradigmenwechsel, welcher zu einer Hinwendung zu den Fähigkeiten im Sinne Positiver Psychologie und Salutogenese führt, bekommt der Kohärenzsinn eine zentrale Bedeutung. Umso größer dieser ausgeprägt ist, desto besser kann die eigene Gesundheit trotz Belastungen erhalten bleiben. Die Bedeutung der Sinnhaftigkeit erweitert das Blickfeld und ergänzt das Konzept um den Gedanken der Entfaltung und Entwicklung der Persönlichkeit. Ziel der Gesundheitsförderung ist es dementsprechend weniger, Lebenseinstellungen zu ändern, sondern vielmehr Sichtweisen und Handlungsmöglichkeiten zu erweitern (vgl. Mösch 2011, S. 88). Im Zentrum steht die Erhöhung der Selbstbestimmtheit des Menschen indem Ressourcen aktiviert und gefördert werden. Es gilt folglich Empowerment -Prozesse zu fördern, um den Menschen zum Experten zu machen und sein Wahrnehmungs- und Handlungsspektrum zu erweitern, damit verantwortungsvoll Entscheidungen getroffen werden können, die gut für die individuelle Gesundheit sind. Inwieweit Flow und Achtsamkeit als Ressourcen auf die Gesundheit, das Wohlbefinden und das Kohärenzerleben einwirken, sollen die weiteren Ausführungen dieser Arbeit zeigen. Nach theoretischen Erläuterungen zu den Zuständen Flow und Achtsamkeit wird in Kapitel 4.5. die Zusammenführung von Flow und Achtsamkeit mit der Gesundheitsförderung erfolgen.

4.2. Achtsamkeit

„Meine Freunde, durch die Entwicklung der lieblichen Klarheit der Achtsamkeit vermögt ihr, das Greifen nach Vergangenheit und Zukunft zu überwinden, Anhaftung und Abneigung hinter euch zu lassen und alles ängstliche Streben zu unterlassen, sodass sich die unerschütterliche Freiheit des Herzens einstellt, hier und jetzt.“ (Buddha)[8]

Achtsamkeit, englisch „mindfulness“, ist ein Konzept, welches seine Wurzeln im Buddhismus hat. 1901 verfasste der Mönch Nyanaponika in Sri Lanka ein Standardwerk mit dem Namen „Geistestraining durch Achtsamkeit“ und beschrieb Achtsamkeit folgendermaßen:

„ […] das klare, unabgelenkte Beobachten dessen, was im Augenblick der jeweils gegenwärtigen Erfahrung (einer äußeren oder inneren) wirklich vor sich geht. Es ist die unmittelbare Anschauung der eigenen körperlichen und geistigen Daseinsvorgänge, soweit sie in den Spiegel unserer Aufmerksamkeit fallen. Dieses Beobachten gilt als > rein <, weil sich der Beobachtende dem Objekt gegenüber rein aufnehmend verhält, ohne mit dem Gefühl, dem Willen oder Denken bewertend Stellung zu nehmen und ohne durch Handeln auf das Objekt einzuwirken. Es sind die >reinen Tatsachen<, die hier zu Wort kommen sollen“ (Nyanaponika 2000, S.26, zitiert nach Weiss, Harrer und Dietz 2010, S.19).

Bereits die verschiedenen buddhistischen Traditionen unterscheiden sich in ihren Auffassungen von Achtsamkeit. Auch außerhalb der Traditionen sind die Definitionen von Achtsamkeit unterschiedlich und abhängig von der Tatsache, für welche Zielgruppe und in welchem Kontext der Begriff verwendet wird. Desweiteren sind die charakteristischen Merkmale der Achtsamkeit auch abhängig von der jeweiligen Weltanschauung und dem wissenschaftlichen Hintergrund (vgl. Weiss, Harrer und Dietz 2010, S. 19 f.).

Großmann (2006) beschreibt einen gemeinsamen Kern aller Definitionen von Achtsamkeit:

„Achtsamkeit ist ein anhaltendes unmittelbares Bewusstsein körperlicher Empfindungen, Wahrnehmungen, Affektzustände, Gedanken und Vorstellungen, ohne dabei über diese nachzudenken, Lösungen zu suchen oder in irgendeiner Form unmittelbar zu reagieren“ (Großmann 2006, S.73 f., zitiert nach Schmid 2012).

4.2.1. Die Komponenten der Achtsamkeit

Der inhaltliche Konsens aller Autoren, die versuchen Achtsamkeit zu definieren, kann durch folgende Komponenten beschrieben werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4.1: Die vier Komponenten der Achtsamkeit (eigene Darstellung nach Weiss et al. 2010, S. 20 ff)

1) Modus des Seins

Befindet sich eine Person in einem achtsamen Zustand, so befindet sich ihre Aufmerksamkeit in der Gegenwart und beim gegenwärtigen Erleben (vgl. Weiss et al. 2010, S. 20 f.). Deshalb bedeutet Achtsamkeit, sich für die Gegenwart mit ihren Erlebnissen und Empfindungen zu öffnen (vgl. Weiss et al. 2010, S. 25 f.).

Durch rezeptives [9] Beobachten und Gewahrsein [10] sollen innere und äußere Reize ganz bewusst erkannt werden. Üblicherweise ist die Lenkung der Aufmerksamkeit durch im Laufe der Entwicklung erworbene Automatismen und angeborene Muster bestimmt. Diese Bewusstheit über die Lenkung der Aufmerksamkeit ermöglicht es solche automatischen Reaktionen zu verhindern. Achtsamkeit charakterisiert sich durch eine klare und bewusste Aufmerksamkeit für die jeweilige Innen- und Außenwelt. Weiss et al. (2010) formulieren es als „reine Aufmerksamkeit“ und vergleichen diesen Zustand mit dem eines auf Hochglanz polierten Spiegels:

„Er reflektiert einfach alles, was sich ihm zeigt. Im Sinne der Akzeptanz haben Spiegel auch keine Vorlieben oder Abneigungen gegenüber dem, was sie spiegeln. Wenn man die Persönlichkeit als Haus betrachtet, werden durch Achtsamkeitstraining die Wände, Böden und Decken immer durchlässiger. Sie werden schließlich durchsichtig wie Glas, sodass man vom Keller bis in den Dachboden schauen kann. So wird die Innenwelt immer deutlicher und klarer sichtbar“ (Weiss et al. 2010, S. 24).

Durch die Präsenz im gegenwärtigen Moment kann die achtsame Person eine „innere Metaperspektive“ einnehmen, d.h. sie ist an ihren Handlungen beteiligt als teilhabender Beobachter (vgl. Weiss et al. 2010, S. 20 f.). Diese Position des „inneren Beobachters“ schafft Distanz, um bewusst beobachten und wahrzunehmen zu können, was im Hier und Jetzt geschieht. Es geht nicht um Kontrolle, Selbstregulation oder Identität, sodass eine Identifikation mit den Erlebnissen verhindert wird. Vielmehr kommt es zu einer Disidentifikation, die zur Folge hat, dass Bewusstseinsinhalte differenziert werden können in Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen. Die Beobachtung dieser unterschiedlichen Wahrnehmungen hilft Abstand von ihnen zu gewinnen, „Zeuge“ zu sein, der sich ständig ändernden Empfindungen und Gedanken und sich unabhängig von ihnen als „Selbst“ bzw. „Ich“ wahrzunehmen (vgl. Weiss et al. 2010, S.27 ff.). Tolle (2002, S 19) formuliert diesen Vorgang mit folgenden Worten: „Wenn du also einem Gedanken lauschst, bist du dir nicht nur dieses Gedankens bewusst, sondern auch deiner selbst als Zeuge dieses Gedankens. Damit öffnet sich eine neue Bewusstseinsdimension.“ Achtsamkeit stellt deshalb auch eine spirituelle Praxis dar, auf die in Abschnitt 4.2.3. näher eingegangen wird.

2) Bestimmte Haltung gegenüber Erfahrung

Im Zustand der Achtsamkeit besitzt der Mensch eine gewisse Haltung gegenüber seinen Erfahrungen, die sich durch verschiedene Merkmale beschreiben lässt:

a) Akzeptanz und Nicht-Werten

Erfahrungen werden im achtsamen Zustand zugelassen und erlaubt. Es wird nicht versucht, sie zu vermeiden, sie zu unterdrücken oder sie anders haben zu wollen. Zum einen ergibt sich diese Haltung durch die Akzeptanz dieser Erfahrungen, indem sie so anerkannt werden, wie sie sind. Es findet keine Bewertung statt, ob eine Erfahrung gut oder schlecht ist. Dadurch wird konzeptuelles Denken verhindert, denn die Erfahrungen werden nicht in bestehende Konzepte eingeordnet bzw. mit Erlebnissen in der Vergangenheit verknüpft. Diese achtungsvolle Geisteshaltung ist wichtig, um die gegenwärtige Offenheit gegenüber Erfahrungen zu erhalten. Sobald Bewertungen oder kritische Beurteilungen stattfinden, wird der Zustand der Achtsamkeit verlassen, die Sicht auf die Wirklichkeit verzerrt und das wahrhafte Erleben in Kontakt mit der Gegenwart verhindert. Akzeptiert der Achtsamkeit-Praktizierende gegenwärtige Erfahrungen, Fakten, Situationen, sich selbst und andere Menschen, kommt er in Kontakt mit dem tatsächlichen, wahren Erleben. Eine Tatsache zu akzeptieren und sie anzuerkennen, kann Ausgangpunkt für zukünftige Veränderungen darstellen. Akzeptanz ist somit eine innere Haltung und muss abgegrenzt werden von Resignation. Es geht darum, genau hinzuschauen und anzuerkennen, was im gegenwärtigen Moment stattfindet (vgl. Weiss et al. 2010, S.26 f.).

b) Interesse und Neugier

Desweiteren werden aktuelle Erlebnisse mit Interesse und Neugier betrachtet. Weiss et al. (2010, S.26) formulieren diese Art geistiger Haltung mit dem Begriff „ Anfängergeist “ aus dem Zen-Buddhismus.

c) Open-Mindfulness

Letztendlich definiert sich die Haltung gegenüber Erfahrungen dennoch über die Intention, achtsam sein zu wollen. Der Wille zur Achtsamkeit muss somit vorhanden sein, um in diesen Zustand zu gelangen (vgl. Weiss et al. 2010, S.21). Die Haltung der Akzeptanz ist eine wichtige Voraussetzung um den Zustand einer "absichtsvollen Absichtslosigkeit" herstellen zu können. Es handelt sich hierbei um "open mindfulness" (Schmid, Persönliche Mitteilung am 6.11.2012). Auf Achtsamkeit und willentliche Handlungssteuerung wird in Kapitel 4.4.1. zu den Modi der Handlungssteuerung noch näher eingegangen.

3) Techniken

Um in den Zustand der Achtsamkeit zu gelangen, existieren verschiedene Techniken, die im Folgenden kurz erläutert werden sollen. Eine detaillierte Ausführung zur Praxis von Achtsamkeit folgt in Abschnitt 4.2.2.

a) Konzentration und Fokussierung

Mit Konzentration ist die Fähigkeit gemeint, mit der Aufmerksamkeit auf einem gewählten Objekt zu verweilen oder die Aufmerksamkeit ohne Fokussierung eines speziellen Objektes auf das Gewahrsein selbst zu richten. Fokussierung meint demnach die Auswahl dessen, worauf sich die Aufmerksamkeit richtet (vgl. Weiss et al. 2010, S. 256). Der Fokus kann sich auf das Innenleben (Innere Achtsamkeit), auf die Außenwelt, auf Ruhe, Wandel oder auch „Liebende Güte“ richten. Durch Konzentration und Fokussierung kann versucht werden, innere Ruhe zu erzeugen, die eine Voraussetzung für Achtsamkeit darstellt (vgl. Weiss et al. 2010, S. 21 ff.). Um in den Zustand der Achtsamkeit zu gelangen, ist meist eine sogenannte Zugangskonzentration notwendig. Diese entsteht durch die Konzentration auf ein konkretes Objekt. Achtsamkeit im engeren Sinn bedeutet allerdings Offenheit für Wahrnehmungen in der Gegenwart im Sinne des Gewahrseins (vgl. Weiss et al. 2010, S. 23 ff.). Aus diesem Grund kommt es auch zur Unterscheidung zwischen gerichteter und ungerichteter Achtsamkeit, die im Abschnitt 4.2.5. näher erläutert wird.

b) Etikettieren

Eine andere Technik ist das Etikettieren (das Benennen) von auftauchenden Objekten, ohne diese zu analysieren oder zu interpretieren und diese anschließend wieder loszulassen, z.B. mit den Worten: Geräusch, Gedanke oder Gefühl (vgl. Weiss et al. 2010, S. 21).

4) Ziele und Wirkungen

Achtsamkeit kann verschiedene Wirkungen hervorrufen. Personen, die Achtsamkeit praktizieren, möchten durch ihre Achtsamkeitspraxis z.B. mehr innere Klarheit und Einsicht erreichen oder zu Ruhe, innerem Frieden und Gleichmut gelangen. Aber auch die Heilung von Leid oder einzelnen Symptomen kann ein Ziel von Achtsamkeit sein. Auf den Zusammenhang von Achtsamkeit und Gesundheit wird in Abschnitt 4.2.6. noch näher eingegangen. Weitere Intentionen können Mitgefühl und die Entwicklung von liebender Güte sein, Selbstregulation, Präsenz, Effektivität oder letztendlich das Ermöglichen neuer Erfahrungen. Nach Shinzen Young (2006, 2007) kann das Trainieren von Achtsamkeit drei zentrale menschliche Fähigkeiten entwickeln und verfeinern. Er erklärt, dass es sich bei diesen Fähigkeiten um Klarheit, Gleichmut und Konzentration handelt. Klarheit bedeutet, sich selbst und die Welt immer mehr so wahrzunehmen, wie sie ist. Gleichmut trägt dazu bei, emotionales und körperliches Leid zu verringern und Konzentration ist nötig, um die Erfahrungen zu vertiefen und die Aufmerksamkeit zu lenken. Durch die Erweiterung und Verfeinerung der Wahrnehmung kann ein erhöhtes Bewusstsein für körperliche und geistige Vorgänge eine Verhaltensänderung und Verhaltensregulation begünstigen (vgl. Weiss et al. 2010, S. 22). Mit Achtsamkeit erreicht der Mensch einen geistesgegenwärtigen Zustand, der die Qualität sozialer Interaktion durch ein höheres Empathievermögen und bewusstes, kontextgerechtes Verhalten erhöht (vgl. Brockert 2002, S. 244).

4.2.2. Praxis von Achtsamkeit

Um Achtsamkeit zu erfahren und zu üben, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Harrer (2008) teilt Achtsamkeitspraxis in formelle und informelle Praxis auf.

Formelle Achtsamkeitspraxis beschäftigt sich mit dem Erfahren und Trainieren von Achtsamkeit anhand bestimmter Methoden und Techniken. Die wohl bekannteste Form der Ausführung der Achtsamkeitspraxis ist das Sitzen, mit Übungen z.B. zur Atemwahrnehmung, zum Spüren einzelner Körperteile (Body-Scan) oder auch das Benennen bzw. Etikettieren. Eine andere Form des Praktizierens ist in der Bewegung. Das kann z.B. achtsames Gehen oder Stehen beinhalten, Yoga, Stretching und Tanz. Außerdem gibt es auch Übungen zu zweit, in der Gruppe oder speziell für Kinder (vgl. Harrer 2008).

Informelle Achtsamkeitsübungen unterstützen den Praktizierenden eher darin, Achtsamkeit weiter in den Alltag zu integrieren. Sie zielen darauf ab, einen wachen und bewussten Geisteszustand auch über die formalen Übungen hinaus zu bewahren (Michalak et al. 2012, S. 54). So werden als informelle Übungen z.B. achtsame Aktivitäten bezeichnet, wie Zähne putzen, Essen oder Abspülen. Es gibt aber auch strukturierte Übungen zum Innehalten, wie die STOP-Übung (siehe Anhang S. 126) – eine Übung zur Bestandaufnahme, ob man mit der aktuellen Tätigkeit weiter so verfahren möchte oder Kontemplations-Übungen, wie z.B. bewusstes Lesen (vgl. Harrer 2008).

Desweiteren gibt es neben den zwei Möglichkeiten der Ausrichtung der Achtsamkeitspraxis auch spezielle Übungen, die einem bestimmten Fokus haben, der trainiert werden soll. Eine bekannte ist z.B. die Disidentifikations-Übung von Ken Wilber (siehe Anhang S. 115). Weitere sind Übungen mit dem Fokus „Liebende Güte“, Mitgefühl und Empathie oder auch Aufmerksamkeit fokussieren und weiten und noch viele weitere Übungen, die je nach Bedarf und Zielgruppe Anwendung finden (vgl. Harrer 2008).

4.2.3. Achtsamkeit – eine spirituelle Praxis

Zwingmann (2004) beschreibt „Spiritualität als [einen] subjektiv erlebte[n] Sinnhorizont, der sowohl innerhalb als auch außerhalb traditioneller Religiosität verortet sein kann und damit allen - nicht nur religiösen - Menschen zu Eigen ist" (zitiert nach Harrer 2012).

Spiritualität ist ein vielschichtiges, facettenreiches Phänomen und äußert sich laut Bucher (2007, S. 33) darin, „[…] dass der Mensch sich selbst transzendieren und Verbundenheit entfalten kann, und dies sowohl zu einem höheren, geistigen Wesen als auch hin zur Natur und zur sozialen Mitwelt. In dem Maße, in dem das Ich sich in diese Verbundenheit hinein transzendiert, geschieht auch die Realisierung eines Selbst, das mehr ist als das Ich“.

Das Ziel spiritueller Achtsamkeits-Praxis ist die Selbstüberwindung, d.h. die „Überwindung von Egozentrik und Ich-Verhaftung“ (Schmid 2012, S. 41). Achtsamkeit wird in allen Weltreligionen gelehrt, doch nirgends nimmt sie einen so zentralen Stellenwert ein wie im Buddhismus. Dort ist sie Teil des edlen achtgliedrigen Pfades, der eine Anleitung zum Gewinn der Erlösung gibt (vgl. Tamme 2010). Wenn als Ziel des menschlichen Lebens die Entwicklung des Bewusstseins gesehen wird und den Geist zu schulen, so kann Achtsamkeit wesentlich zu diesem Reifungsprozess beitragen. Neben dem buddhistischen acht-gliedrigen Pfad beschreiben auch andere spirituelle Traditionen bestimmte Entwicklungsstufen, z.B. der Samatha-Weg nach Alan Wallace mit seinen 10 Stufen oder der Zen-Weg mit sechs Stufen nach Charlotte Joko Beck (vgl. Weiss et al. 2010, S. 86ff.).

R egelmäßige Achtsamkeitspraxis kann der Schulung bestimmter "Geistes-Zustände" dienen, die in diese Definition fallen. Disidentifikation und die Fragen "Wer bin ich?"und "Wer beobachtet?" führen in Bereiche des so genannten "Zeugen-Bewusstsein", zum "reinen Gewahrsein" und in non-duale Bereiche (vgl. Harrer 2012).

"Der Zeuge ist eine sehr hohe und unbedingt notwendige Entwicklungsstufe, aber nicht die letzte. Wenn der Zeuge - die Seele - transzendiert wird, geht er in all dem auf, dessen Zeuge er bisher war. Die Subjekt/Objekt-Dualität verschwindet, und übrig bleibt reines, nichtduales Gewahrsein" (Wilber 1996, S. 124).

Die Schulung und Übung von meditativen Zuständen führt zu einem beschleunigten Durchlaufen der Entwicklungsstufen des Bewusstseins. Desweiteren kann Achtsamkeit eine spirituelle Haltung unterstützen, die sich nach Büssing (2006) äußert in Gottvertrauen/Geborgenheit, Erkenntnis/Einsicht, Transzendenz-Überzeugung, Großzügigkeit/Toleranz, bewusster Umgang mit anderen, sich selbst und der Umwelt, Ehrfurcht und Dankbarkeit, Gleichmut (vgl. Harrer 2012).

Achtsamkeit steht somit für eine zentrale spirituelle Praxis. Wohin der Weg einer solchen Bewusstseinsentwicklung führt, hängt von den sozialen und individuellen Gegebenheiten und vom kulturellen Hintergrund ab. Auch wie dieser Weg gegangen wird, ist abhängig von der jeweiligen spirituellen Tradition (vgl. Weiss et al. 2012, S.86).

4.2.4. Achtsamkeit als Persönlichkeitsmerkmal

Trainiert ein Mensch seine Achtsamkeit, so können zwei Zustände unterschieden werden. Es handelt sich um vorübergehende Zustände -„ states “ und verinnerlichte, überdauernde Merkmale -„ traits “. Diese Unterscheidung ist relevant aufgrund der Tatsache, dass durch die Praxis der Achtsamkeit der eingenommene Zustand mit wiederholtem Anwenden immer selbstverständlicher und immer mehr internalisiert bzw. integriert wird, sodass sich ein neues Persönlichkeitsmerkmal etabliert (vgl. Weiss et al. 2010, S.22). Zu Beginn der Praxis tritt Achtsamkeit eher als ein vorübergehender Zustand auf, während mit fortschreitender Praxis Achtsamkeit mehr und mehr zu einem zeitlich überdauernden, nachhaltigen Zustand wird, der als Teil der Persönlichkeit letztendlich erhalten bleibt. Verantwortlich dafür ist die Neuroplastizität, welche die lebenslange Fähigkeit von Nervenzellen im menschlichen Gehirn beschreibt, benutzungsabhängig und immer wieder neue Verknüpfungen (Synapsen) zu bilden. Durch sie kommt es zu strukturellen Veränderungen im Gehirn, vor allem im präfrontalen Cortex und zur leichteren Aktivierung bestimmter Nervenzellverbände, da sich mit steigender Anzahl an Achtsamkeitspraxis relevante Muster für das Verhalten und Erleben bilden (vgl. Harrer 2008).

Achtsamkeit ist deshalb auf der einen Seite ein Zustand oder Prozess des Bewusstseins (state), der sich instrumental direkt nach einer Achtsamkeitsintervention messen lässt und auf der anderen Seite auch eine stabile Tendenz, über verschiedene Situationen hinweg (trait), der z.B. durch Fragen nach Häufigkeit des Auftretens instrumentell beobachtet werden kann (vgl. Sauer 2009, S. 27).

Dementsprechend kann auch zwischen absichtlicher und müheloser Achtsamkeit unterschieden werden. Absichtliche Achtsamkeit wird willentlich kultiviert, während nach fortlaufender Achtsamkeitspraxis dieser Zustand auch spontan auftreten kann, so kann von müheloser Achtsamkeit gesprochen werden (vgl. Kabat-Zinn 2006, S. 121).

4.2.5. Ungerichtete und gerichtete Achtsamkeit

Eine andere Unterscheidung ergibt sich durch die Ausrichtung der Aufmerksamkeit, denn bei der Beschreibung von Achtsamkeit kann außerdem zwischen ungerichteter und gerichteter Achtsamkeit unterschieden werden. Soll eine bestimmte Tätigkeit willentlich, kontrolliert und mit höchster Aufmerksamkeit ausgeführt werden, so handelt es sich in diesem Fall, um die gerichtete Achtsamkeit. Der Fokus der Aufmerksamkeit ist dementsprechend auf die Tätigkeit beschränkt, so z.B. auf den Atem, das Gehen oder das Essen. Geht es allerdings um eine Bewusstmachung aller Wahrnehmungen von Empfindungen, Sinneseindrücken, Gedanken, Gefühlen und Handlungsimpulsen ohne zu werten oder unmittelbar zu reagieren, so ist damit die ungerichtete Achtsamkeit gemeint. Bei ihr ruht die Aufmerksamkeit absichtslos in der Gegenwart. Gemeinsam ist beiden Aufmerksamkeitszuständen, dass ein Bezug zur Gegenwart besteht und eine Art Überbewusstsein entwickelt wird, d.h. eine Bewusstheit über das eigene Bewusstsein (vgl. Schmid 2012, S. 116). Im weiteren Verlauf der Arbeit beziehe ich mich bei der Verwendung des Wortes „Achtsamkeit“ immer auf beide Formen der Achtsamkeit, wenn es nicht differenzierter ausgeführt wird.

4.2.6. Achtsamkeit und Gesundheit

„Von all den meditativen Weisheitspraktiken, die sich in den traditionellen Kulturen in der ganzen Welt entwickelt haben, ist Achtsamkeit vielleicht die grundlegendste, die einflußreichste, die universellste, eine der am leichtesten zu begreifende und zu praktizierende und wahrscheinlich die heutzutage am dringendsten gebrauchte.“ (Kabat-Zinn 2006, S. 121)

Durch das wachsende Interesse an Achtsamkeit und den damit zusammenhängenden Methoden gibt es zahlreiche Studien, die die Wirkung von Achtsamkeit in unterschiedlichsten Anwendungsfeldern untersuchen. So konnte nachgewiesen werden, dass sich Achtsamkeit in verschiedenen Bereichen positiv auswirkt (vgl. Weiss et al. 2012, S. 263 ff).

Ein untersuchter Bereich ist die Gesundheit. Den Zusammenhang zwischen Achtsamkeit und Gesundheit beschreibt Altner (2006, S. 611 ff) indem er einige signifikante Studien zitiert. In einer Untersuchung von Roth & Stanley (2002) wurde unteranderem festgestellt, dass sich bei Personen, die Achtsamkeit praktizieren, nicht nur die Anzahl der Symptome sondern auch die Arztbesuche reduzieren. Davidson et al. (2003) fanden heraus, dass bereits eine kurze Achtsamkeitsschulung nachweisbare positive Veränderungen der Hirn- und Immunfunktionen bewirken kann, sodass sich eine Veränderung der Hirnaktivität in Richtung positiver Affekte ergibt und auch eine signifikante Antikörperzunahme. Auch gesunde Erwachsene profitieren von Achtsamkeit, durch vermindertes Stresserleben und die Reduktion psychischer Belastung. Zu diesem Ergebnis kamen Williams et al. (2001) in ihren Studien. Dass die Haltung der Achtsamkeit außerdem nicht nur den Umgang einer Person mit sich selbst beeinflusst, bestätigt die Untersuchung von Altner et al. (2006), denn sie wirkt auch auf das zwischenmenschliche Miteinander, indem Achtsamkeit nachweislich für mehr Empathie, Offenheit, Ausgeglichenheit und Bestimmtheit sorgt.

Unumstritten ist die positive Wirkung von Achtsamkeit auf psychische Erkrankungen, wie die Ergebnisse zahlreicher Studien belegen, die Weiss et al. (2010, S. 263ff.) zusammengetragen haben und auf die ich mich im folgenden Abschnitt beziehe.

Die Symptome verschiedener psychischer Erkrankungen können durch die Praxis von Achtsamkeit gemindert werden und auch Therapieformen, die von Achtsamkeitspraxis begleitet werden, können sogar bessere Ergebnisse erzielen als klassische Therapiemethoden. So wurde beispielsweise in einer Untersuchung von Miller et al. (1995) herausgefunden, dass bei Angstpatienten durch die Praxis von Achtsamkeit positive Langzeiteffekte erzielt werden können. Bei Borderline-Störungen führte die achtsamkeitsbasierte Therapie (DBT) in einer Studie von Bosch et al. (2005) nachweislich zu weniger parasuizidalem Verhalten, weniger impulsivem Verhalten, weniger Alkohol-Missbrauch, weniger Suizidversuchen, Klinikaufnahmen, Notfallambulanzbesuchen und Drop-Out-Raten. Nach mehreren Untersuchungen von Ma&Teasdale (2004), Williams et al. (2008), Finucane&Mercer (2006) und Kenny&Williams (2006) ist Achtsamkeit im therapeutischen Geschehen vor allem prophylaktisch wirksam bei depressiven Patienten. Bei Patienten mit Akutversorgung reduziert sich die Angst und Depression und bei therapieresistenten Patienten nehmen die Symptome sogar ab. Wenn die übliche Therapie von psychotischen Patienten von Achtsamkeitstraining begleitet wird, so verringert sich nicht nur die verbale und körperliche Aggression, sondern auch die Rehospitalisierungs-Rate. Das belegen die Studien von Bach&Hayes (2002) und Singh et al. (2007). Wird die Nikotin-Ersatz-Therapie durch eine Rauchentwöhnung mittels ACT ersetzt, so verbessern sich die Ergebnisse (Gifford et al., 2004). Auch bei Patienten mit chronischen Schmerzen und Stress führt ACT zu weniger Krankenstandtagen (Dahl et al., 2004). Mit Studien zum MBSR-Training konnte festgestellt werden, dass es Burn-Out-Symptome reduziert und Entspannung und Lebenszufriedenheit fördert (Mackenzie et al., 2006). Schenström et al. (2006) stellte außerdem fest, dass Stress weniger wahrgenommen wird. Vielmehr unterstützt Achtsamkeit die Kultivierung von Selbstwert und Selbstakzeptanz (Brown&Ryan, 2003).

4.2.7. Anwendungsbereiche von Achtsamkeit

Inzwischen findet Achtsamkeit aufgrund der zahlreichen Forschungsgebiete Anwendung in verschiedenen Bereichen. So wurden unteranderem Konzepte entwickelt für die Medizin, z.B. für HIV-Erkrankte, für Krebskranke oder auch für die Gynäkologie und Geburtshilfe. Auch in der Gesundheits- und Entwicklungsförderung findet Achtsamkeit Anwendung. Es wird hier beispielsweise genutzt zur Früherkennung von Burn-Out oder zur Stressreduktion. Auch in Organisationen wurde der Nutzen von Achtsamkeit erkannt und wird dort eingesetzt im Bereich der Führungsebene mit Programmen wie dem „Search Inside Yourself" (SIY) (vgl. Harrer 2008). Schulen und andere Institutionen mit pädagogischem Hintergrund verwenden Achtsamkeit immer häufiger, denn der positive Effekt ist im Bereich der Erziehung sehr hoch. Auch haben sich einige Institutionen gebildet, wie z.B. die „Association for Mindfulness in Education“ oder „Mindfulness in Education Network“, die Konzepte veröffentlichen und deren Umsetzung aktiv vertreten, um unteranderem Phasen der Achtsamkeit in den Unterricht zu integrieren, Schulungen zur Selbstwahrnehmung bei Schülern anzubieten oder Achtsamkeitsseminare für Lehrer zu ermöglichen (vgl. Kaltwasser 2007, S.4). Eine weitere Anwendung im sozialen Berufsfeld findet Achtsamkeit in der Altenpflege, wofür das Programm „Mindfulness-Based Elder Care“ von Lucia McBee entwickelt wurde. Auch Paarbeziehungen können von Achtsamkeit profitieren mit Programmen wie dem „Insight Dialogue“ von Kramer (2009) oder Ansätzen für die Paartherapie beispielsweise von Fischer (2002) zur Einführung von Hakomi[11] mit Paaren. Desweiteren expandiert das Konzept der Achtsamkeit bereits in Bereiche der Politik und des Rechts mit Programmen zum Achtsamkeitstraining bei amerikanischen Soldaten zur Resilienzförderung oder mit „The mindful lawyer“, einem Programm des Institute for Mindfulness Studies, das Achtsamkeitskurse für Anwälte anbietet (vgl. Harrer 2008).

Achtsamkeit in der psychotherapeutischen Behandlung

Neben den bereits genannten Anwendungsgebieten ist ein wichtiges Anwendungsfeld die Psychotherapie mit inzwischen einem großen Angebot an Ansätzen, die nach Heidenreich (2011) unterschieden werden in achtsamkeitsähnliche, achtsamkeitsinformierende und achtsamkeitsbasierende.

Wenn von achtsamkeitsähnlichen Ansätzen die Rede ist, so sind damit Therapieschulen gemeint, die inhaltliche Parallelen aufweisen zu achtsamkeitsbasierenden Ansätzen. So z.B. die Psychoanalyse bzw. Tiefenpsychologie, die Gesprächspsychotherapie bzw. humanistische Therapie oder die (Kognitive) Verhaltenstherapie und noch weitere Therapieschulen. Die Nähe zur Psychoanalyse besteht durch die von Sigmund Freud vorgestellte kritiklose Selbstbeobachtung im Bereich der Traumdeutung und die gleichschwebende Aufmerksamkeit auf der Seite des Analytikers. Achtsamkeits- und akzeptanznahe Prinzipien lassen sich in der humanistischen Therapie finden mittels der von Rogers postulierten Basisvariablen: Unbedingte positive Wertschätzung, empathisches Verstehen und Kongruenz als auch Präsenz. Nur bei genauer Betrachtung lassen sich in der Verhaltenstherapie Parallelen zur Achtsamkeit finden durch die Forderung, das aktuelle Erleben so umfassend wie möglich zu erfassen, um Vermeidungsverhalten zu verhindern. Weitere Parallelen bestehen zur Gestalttherapie von Fritz Perls und auch zur emotionsfokussierten Therapie nach Greenberg (2002) (vgl. Heidenreich 2011).

Bei achtsamkeitsinformierenden Ansätzen handelt es sich um Ansätze, die sich explizit auf Achtsamkeitsprinzipien beziehen, ohne jedoch umfassende oder gar ausschließlich Meditationsübungen durchzuführen. Die Übergänge sind jedoch fließend zu den achtsamkeitsähnlichen und den achtsamkeitsbasierten Ansätzen.

So kann die Konzeption von Alan Marlatt (1994), die sich mit Achtsamkeit im Suchtbereich beschäftigt in den Bereich der achtsamkeitsinformierenden und achtsamkeitsbasierenden Ansätze eingeordnet werden. Inhaltliches Anliegen ist es die Süchtigen zu unterstützen, aktuell ablaufende Gedanken und Gefühle wahrzunehmen und mit ihnen im Kontakt zu sein, ohne sich von ihnen zu Handlungen hinreißen zu lassen. Im Rahmen dieses Therapieprogrammes entstand auch der Begriff «urge surfing», was eine Haltung bezeichnet, in der starke Zustände des Verlangens nach einer Droge achtsam wahrgenommen werden, ohne ihnen nachzugeben (vgl. Heidenreich 2011).

Für Therapeuten wurde der Alliance Ruptures-Ansatz von Safran und Muran (2000) entwickelt, bei dem Achtsamkeits-Übungen dem Therapeuten in erster Linie helfen, mit Brüchen in der therapeutischen Beziehung umzugehen, Ablaufmuster besser wahrzunehmen und offener und flexibler im Umgang mit der therapeutischen Beziehung zu sein. Zentrales Ziel ist es dabei, den metakommunikativen Austausch zu fördern (vgl. Michalak et al. 2012, S. 11f.).

Achtsamkeitsbasierend werden Ansätze genannt, deren zentrales definierendes Element längere formelle Achtsamkeitsübungen darstellen. Diese werden in verschiedenen Anwendungskontexten genutzt.

Abbildung 4.2: Überblick über achtsamkeitsbasierte und – informierte Ansätze (Quelle: Michalak et al. 2012, S. 12)

So kann Achtsamkeit nicht nur als Alternative zum Alltagsbewusstsein angewendet werden, sondern auch zum Umgang mit negativen Gedanken und Depression. Auf diesem Hintergrund wurde die Mindfulness-based Cognitive Therapy (MBCT) von Segal, Williams und Teasdale (2008) entwickelt. Diese Therapieform war das Ergebnis ihrer Forschung zur Rückfallprophylaxe bei depressiven Störungen. Die Grundstruktur des MBSR-Programms wird hier ergänzt durch kognitiv-verhaltenstherapeutische Elemente. Diese sind speziell zugeschnitten auf depressive Patienten, z.B. Informationsvermittlung zu Depression, Umgang mit Gedanken und Hindernissen, Rückfallpläne. Zentraler Bestandteil sind die Durchführung formeller Achtsamkeitsübungen und die Besprechung in der Gruppe. Außerdem gibt es Anleitungen für den Transfer in den Alltag und das Praktizieren bei alltäglichen Routinetätigkeiten. MBCT reduziert im Vergleich zu einer Standardbehandlung die Rückfallraten deutlicher und nachhaltiger, sodass es längere Zeit dauert bis es zum nächsten Rückfall kommt. Im Vergleich zu einer medikamentösen Erhaltungstherapie ist die MBCT gleich wirksam. Auch für andere Störungsbereiche gibt es Adaptionen des MBCT-Programms, z.B. für Schlafstörungen (vgl. Michalak et al. 2012, S. 10f.).

Neben dem Umgang mit Gedanken kann Achtsamkeit auch den Umgang mit Gefühlen positiv beeinflussen und wird deshalb in der Dialektisch Behaviorale Therapie (DBT) eingesetzt. Diese Form der Therapie wurde von Marsha Linehan Anfang 1980er Jahre entwickelt als ambulantes Verfahren zur Behandlung von chronisch suizidalen Patientinnen (vgl. Weiss et al. 2010, S. 51). Sie besteht aus Einzeltherapie-Sitzungen zur Bearbeitung akuter Krisen und Traumata und aus Gruppentherapie-Sitzungen zum Erlernen neuer Fertigkeiten („Skills-Training“). Die Übungen zur Achtsamkeit prägen vor allem den Beginn des Fertigkeitstrainings (vgl. Michalak et al. 2012, S. 11). Außerdem fließt Achtsamkeit als Prinzip im gesamten Prozess immer in das Verhalten des Therapeuten ein durch die Grundidee der Dialektik, d.h. dass es zu allen Situationen verschiedene Positionen gibt, die es gilt zu beleuchten in Hinblick auf die Zielerreichung, sodass eine entwicklungsfördernde Atmosphäre entsteht (vgl. Weiss et al. 2010, S. 51).

Das “Mindfulness-based Stress Reduction Program” (MBSR) setzt hier an. Es wurde von Jon Kabat-Zinn Ende der 1970er Jahre als zusätzliches Programm für Schmerzpatienten entwickelt. Es besteht aus einem intensiven achtwöchigem Trainingsprogramm mit wöchentlichen zweieinhalb-stündigen Gruppensitzungen und einem ganztägigen Schweigeretreat in der 6. Woche. Es finden formale Übungen statt, d.h. traditionelle Sitzmeditation, sanfte und achtsam ausgeführte Yogaübungen und Body-Scan[12]. Der Atem ist immer zentral und lenkt die Aufmerksamkeit in die Gegenwart. Außerdem werden Informationen vermittelt über Stressforschung, kognitive Psychologie und Kommunikationswissenschaft. Ziel ist es neben dem Training einmal in der Woche auch Achtsamkeit im Alltag einfließen zu lassen (Weiss et al. 2010, S. 65 f.). MBSR wirkt also nicht nur zur Reduktion von Stress, sondern auch bei der Bewältigung von Schmerzen.

Ein anderes achtsamkeitsbasiertes Verfahren ist die Acceptance and Commitment Therapy (ACT), ein verhaltensanalytischer Psychotherapieansatz, der lediglich Komponenten von Achtsamkeit einfließen lässt, z.B. Akzeptanz, Gegenwärtigkeit, Disidentifikation zum Abbau von Vermeidungsverhalten und Aufbau von wertbezogenem, engagiertem Handeln (vgl. Weiss et al. 2010, S. 251). Es erwies sich bei unterschiedlichen psychischen Erkrankungen als wirksam, so z.B. bei Psychosen, Depression, akuten Schmerzen und generalisierten Angststörungen (vgl. Altner 2006, S. 348 ff.).

Weiterhin findet Achtsamkeit Aufmerksamkeit in der Traumatherapie von Reddemann (2006). Dort unterstützt sie das Ziel, ein gesundes Hier-und-Jetzt-Erleben zu fördern und dissoziativen Zuständen vorzubeugen.

Eine weitere Anwendungsmöglichkeit ergibt sich in der Prophylaxe und Früherkennung von Burnout. Dort ist Achtsamkeit sehr wirksam durch die Disidentifikation, wodurch die Fähigkeit gefördert wird, sich abgrenzen zu können von Anforderungen und durch die Aktivierung von Ressourcen - wie z.B. Gleichmut, Mitgefühl oder Gelassenheit - Belastungssituationen besser bewältigen zu können.

4.2.8. Achtsamkeit – kein Allheilmittel

Empirische Untersuchungen und auch die starke Verbreitung achtsamkeitsbasierter und – informierter Ansätze verweisen auf den Erfolg des Konzeptes Achtsamkeit. Und dennoch sollte dieser Trend kritisch betrachtet werden. Günther Hudasch ( Vorsitzender des MBSR-MBCT-Verbands in Berlin) bringt es auf den Punkt: „Es ist kein Allheilmittel. Eine körperliche Einschränkung, ein chronischer Schmerz oder ein Schicksalsschlag verschwinden nicht. […] Die Übungen besitzen eine große Kraft. Es gibt aber keine ganz so einfache Beziehung zwischen Anwendung und Wirkung wie bei einer Tablette“ (Weneit 2012).

Achtsamkeitspraxis stellt vielmehr eine Erweiterung der bisher klassischen Therapiemethoden dar (vgl. Heidenreich 2011). Der Gefahr eines „überbegeisterten“ Umgangs sollte entgangen werden, indem die Grenzen und differenzierenden Aspekte der Integration des Achtsamkeitsprinzips beachtet werden (vgl. Michalak et al. 2012, S.4). Doch diese Grenzen in der Anwendung der Achtsamkeit sind noch nicht klar herausgearbeitet. Deshalb besteht für die zukünftige Forschung im Bereich der Achtsamkeit die Aufgabe, klare Anhaltspunkte herauszufinden, wann und in welchen Situationen achtsamkeitsbasierte Interventionen angebracht sind, denn auch diese haben Risiken und Nebenwirkungen, die es gilt zu identifizieren. Es gilt bereits die Tatsache, dass Achtsamkeit allein nicht gegen schwere psychische Störungen hilft (vgl. Heidenreich 2011). So ist Achtsamkeit nicht für jeden Menschen in jeder Situation geeignet. Sie sollte nie erzwungen werden und immer freiwillig ausgeführt werden, da die Praxis der Achtsamkeit viel Ausdauer, Geduld, Vertrauen und Leidensfähigkeit erfordert (vgl. Schmid 2012, S. 53 f.). Sind diese Voraussetzungen nicht gegeben, kann es zu Schwierigkeiten kommen. Bei akuter Depression kann sich z.B. die Gefahr erhöhen, dass im weiteren Verlauf bereits kurze, alltägliche Stimmungstiefs eine so starke Selbstinfragestellung auslösen, dass sich eine Stimmungsverschlechterung und letztendlich eine depressive Episode hochschaukelt (vgl. Hell 2008). Eine andere Gefahr besteht bei einer Achtsamkeitspraxis mit traumatisierten Menschen, bei denen sich aufgrund zu schneller Konfrontation mit den Erlebnisinhalten eine Retraumatisierung einstellen kann (vgl. Schmid 2012, S. 54).

Das Potential der Achtsamkeit sollte also nicht überschätzt, aber auch nicht unterschätzt werden. Zielgerichtete Forschung kann und sollte in Zukunft die Grenzen der Achtsamkeit noch besser herausarbeiten, damit klar herausgestellt werden kann, was Achtsamkeitspraxis bieten kann und was nicht, sodass eine „feinkörnige“ und wirksame Integration in das Gesundheitssystem möglich wird, welches besonders an Effizienz und Effektivität interessiert ist (vgl. Schmid 2012, S. 53). Dennoch sollte bei dem Achtsamkeits-„Hype“ nicht vergessen werden, was der zentrale Kern von Achtsamkeit eigentlich ist und eine Integration in das Gesundheitssystem mit hoher Sensibilität stattfinden. Altner (2006, S. 619) betont, dass nicht vergessen werden sollte, dass es sich bei der Achtsamkeitspraxis um eine spirituelle Praxis handelt und sie nicht auf eine reine Entspannungstechnik oder Bewältigungsstrategie reduziert werden sollte ohne ihr Potential für eine transpersonale Entwicklung der Persönlichkeit zu vergessen. Für Hell (2008) ist eine Präzisierung von Begrifflichkeiten besonders erforderlich, damit durch die Funktionalisierung von Achtsamkeit nicht aus einer Lebenshaltung bzw. einem spirituellen Anliegen eine kommerzialisierbare Technik gemacht wird. Somit ist eine Unterscheidung zwischen dem Mittel der Achtsamkeit und dem Weg bzw. letztendlich dem Ziel der Achtsamkeit wichtig. Er begründet das mit der Tatsache, dass vertiefte Achtsamkeit z.B. bei MBSR erst erfahren werden kann, wenn es den behandelten Menschen zuvor gelingt, sich von eigenen Befürchtungen und übertriebenen Erwartungen dank kognitiver Techniken und Meditationsübungen besser zu distanzieren. Achtsamkeit wird deshalb nicht als (symptomreduzierendes) Mittel eingesetzt und ist nicht funktionalisierbar. Es existieren lediglich bestimmte Übungen, die es einem Menschen erleichtern können, dem Ziel der Achtsamkeit näher zu kommen, etwa Meditation oder Beten. Außerdem ist Achtsamkeit als funktionalisierbares Instrument innerhalb einer Therapiemethode nicht angebracht, denn achtsam sein mit reflektierter Absicht ist ein Widerspruch in sich selbst (vgl. Hell 2008, S. 1627 ff.).

Nichtsdestotrotz sind die positiven Wirkungen von Achtsamkeit durch die zahlreichen kontrollierten und randomisierten Evaluationsstudien belegt und sprechen für ein enormes Potential. Weiterhin können die aktuellen Unklarheiten zur Indikation und Kontraindikation durch aktive Forschung auf diesem Gebiet beseitigt werden. Auch wenn Achtsamkeit zunehmend aus dem spirituell-religiösen Kontext herausgelöst betrachtet wird, so erhöht es meiner Meinung nach dennoch die Wahrscheinlichkeit, dass nach positiver Erfahrung sich Menschen mehr und mehr mit diesen ursprünglichen östlichen Lehren auseinandersetzen.

4.2.9. Zusammenfassung und Bezug zur Fragestellung

Bei Achtsamkeit handelt es sich somit um einen vielschichtigen Begriff, der je nach Kontext und Zielgruppe unterschiedlich definiert werden kann. Dennoch handelt es sich dabei immer um eine metakognitive Kompetenz, d.h. eine Haltung, aus der ohne Wertung beobachtet und nicht unmittelbar reagiert wird. Die Gegenstände der Wahrnehmung werden vielmehr akzeptierend angenommen, wie sie sind. Von primärer Bedeutung ist die Gegenwärtigkeit der Achtsamkeits-Erfahrung, denn in diesem Zustand befindet sich der Mensch in einem Modus des Seins und vollkommen präsent im aktuellen Moment. Durch dieses rezeptive Beobachten können Schemata und automatische Reaktionen erkannt und verhindert werden. Um diese Wirkung in der Praxis zu erfahren, gibt es inzwischen unterschiedliche Techniken und Methoden für zahlreiche verschiedene Kontexte. Dabei sollte beachtet werden, dass Achtsamkeit ein Zustand ist, der erst trainiert und erlernt werden muss. Der Wille achtsam zu sein, muss vorhanden sein, was in der Praxis und beim Entwurf eines Konzeptes zur Gesundheitsförderung berücksichtigt werden sollte.

Dass sich Achtsamkeit positiv auf die Lebensqualität auswirkt, wurde bereits in vielen Studien belegt und unterstützt auch weiterhin deren starke Verbreitung. Personen, die Achtsamkeit praktizieren, erhalten die Möglichkeit bewusster zu leben, intensiver in Kontakt zu kommen mit den eigenen Sinnen und so das subjektive Wohlbefinden zu erhöhen. Durch den Kontakt zur eigenen Leiblichkeit und auch durch die sensible aufmerksame Wahrnehmung der Außenwelt können im Alltag Entscheidungen getroffen werden, die der eigenen inneren Bedürfnislage entsprechen, aber auch die Bedürfnisse der Umwelt mit einbeziehen.

Nicht vergessen werden sollte, dass es sich bei der Achtsamkeitspraxis auch um eine spirituelle Praxis handelt, die zur transpersonalen Entwicklung der Persönlichkeit dienen kann, bei der es unteranderem zur Auflösung des Ich-Bewusstseins und zu einem veränderten Bewusstseinszustand kommen kann, sodass ein Gefühl des Eins-Seins und der Transzendenz entsteht. Eine Integration in das Gesundheitssystem sollte deshalb sensibel erfolgen und unterstützt werden durch aktive Forschung in Bezug auf Zielgruppe, Anwendungsgebiet, Indikation und Kontraindikation, um neben den zahlreichen positiven Aspekten auch die Grenzen der Achtsamkeit zu erkennen und zu beachten.

4.3. Das Flow-Phänomen

"Panta rhei - alles fließt.", dieser auf Heraklit zurückzuführende Aphorismus verdeutlicht, dass das Leben ein sich ständig verändernder Strom von Ereignissen ist, in dem wir, die Menschen, zum einen Handelnde sind und zum anderen Spielball von Kräften. Manchmal fließen wir mit und lassen uns treiben und manchmal greifen wir aktiv in den Strom des Lebens ein, indem wir aktiv teilhaben am Leben. Nach dem amerikanischen Philosophen Ken Wilber ist ein Merkmal der höchsten Stufen der menschlichen Entwicklung, dass überall Flow ist. Doch was ist Flow eigentlich genau?

Csikszentmihalyi (1998) beschreibt Flow etwas genauer:

„Deine Konzentration ist vollständig. Deine Gedanken wandern nicht herum, Du denkst an nichts anderes: Du bist total in Deinem Tun absorbiert. In deinem Körper hast du ein gutes Gefühl. Du bemerkst nicht die geringste Steifheit. Der Körper ist überall wach. Kein Bereich, wo du dich blockiert oder steif fühltest. Deine Energie fließt sehr leicht. Du fühlst dich entspannt, angenehm und energievoll“ (S.62).

In einer explorativen wissenschaftlichen Untersuchung von Schmid (2012, S.95) zum Verständnis des Flow-Phänomens bei Tänzern beschrieben die Studienteilnehmer das Flow-Phänomen folgendermaßen:

Auf die Frage, was Flow-Erleben für sie bedeutet, antworteten die meisten Befragten mit:

- Verbunden sein/eins sein
- Leichtigkeit, energetisch, lebendig, wach
- Glücklich sein
- Raum und Zeit spielen keine Rolle
- Im Hier und Jetzt zu sein/präsent sein
- Annehmen/Akzeptieren
- Ohne Selbst- und Fremdbewertung
- Sich hingeben
- In der eigenen Mitte ruhen/geerdet sein

Auf die Frage, was den Flow blockiere, antworteten sie:

- Sorgen/grübeln/im Kopf sein
- Urteilen/Bewerten
- Negative Gefühle (Angst, Wut, Stress)
- Nicht loslassen können
- Erwartungen
- Leistungsorientierung
- Mangelnder Selbstwert

Diese Ansichten überschneiden sich mit den Ergebnissen der Forschungen von Csikszentmihalyi, auf den ich mich zunächst beziehen werde, um das Phänomen Flow näher zu erläutern. Er selbst bezeichnete Flow als das „holistische Gefühl bei völligem Aufgehen in einer Tätigkeit“ (Csikszentmihalyi 1985, S.58 f.).

In zahlreichen Studien belegte er die Universalität des Flow-Phänomens, welches für alle Menschen unabhängig von Kultur, Bildung, Gesellschaftsschicht, Alter oder Geschlecht gleichermaßen beschrieben werden kann. In seinen Untersuchungen kam es zu ähnlichen Beschreibungen vom Erleben von Menschen, die unterschiedliche Aktivitäten ausführten, z.B. Bergsteigen oder Schachspielen. Sie berichteten die nahezu gleichen Empfindungen während des Ausführens der Tätigkeit. Deshalb kam Csikszentmihalyi zu der Erkenntnis, dass die „ […] optimale Erfahrung und die psychischen Bedingungen, die es [Flow] ermöglichen, scheinen in der ganzen Welt die gleichen zu sein“ (Csikszentmihalyi 1998, S.74).

4.3.1. Merkmale von Flow

Zwar hat Csikszentmihalyi das Flow-Phänomen nie konkret definiert, allerdings charakteristische Merkmale dieses Zustandes beschrieben, die nun im folgenden Abschnitt näher erläutert werden sollen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4.3: Merkmale von Flow (eigene Darstellung nach Csikszentmihalyi 1998)

[...]


[1] Zitat aus Kornfield (2008), S.316

[2] Ego ist lateinisch und bedeutet: ‚ich‘. Eckhart Tolle versteht unter Ego die Identifikation mit den Gedanken , sodass das Ego als ein (Ich-)Konzept des Bewusstseins verstanden werden kann, mit dessen Hilfe sich das Ich in der Welt zurechtzufinden versucht und sich getrennt von dieser erlebt.

[3] Unter Bewusstsein wird in der Psychologie die Gesamtheit der unmittelbar in uns vorgefundenen Inhalte des Erlebens verstanden. Diese sind abzugrenzen von nicht klar bewussten Vorgängen und unbewussten Vorgängen. Charakteristische Merkmale des Bewusstseins sind der klare Zusammenhang von Vorstellungen und sonstiger Erlebnisinhalte. Es fehlen hier keine Zwischenglieder wie bei halbbewussten Vorgängen (vgl. Fischer 1993, S. 176).

[4] englisch für Verfassung, Grundgesetz

[5] „Empowerment ist ein Prozess, durch den Menschen, Organisationen, Gemeinschaften oder Gesellschaften in die Lage versetzt werden, Herrschaft über ihr Leben und ihre Lebensbedingungen zu erlangen“ (Steinbach 2004, S.50).

[6] „Salutogenese = Entstehung von Gesundheit; salus (lat.) = heil, gesund; genesis (griech.) = Ursprung, Entstehung, Beginn“ (Steinbach 2004, S. 106)

[7] Kohärenz = Zusammenhang

[8] Zitat aus Kornfield (2008), S. 140

[9] (nur) aufnehmend, empfangend

[10] „Das Wort wird zur Übersetzung von »awareness« benutzt […]. »Gewahrsein« ist aktiver als Wahrnehmung und passiver als Bewusstsein. Von Gewahrsein wird gesprochen, wenn die Wahrnehmung von dem Wissen begleitet wird, dass wir wahrnehmen (»[selbst-]bewusstes Wahrnehmen«). Das Bewusstsein dagegen hat die Tendenz, die Wahrnehmung den eigenen Konzepten, Beurteilungen, Interpretationen, Erinnerungen usw. unterzuordnen“ (Blankertz & Doubrawa 2005, S. 126).

[11] Die Hakomi-Methode ist ein tiefenpsychologisches Verfahren, das aus dem Hintergrund der humanistischen Psychologie der 1960er Jahre entstand. Sie wird weltweit gelehrt und ist heute eine der am weitesten verbreiteten körperpsychotherapeutischen Methoden. Hakomi ist achtsamkeitszentriert, körperorientiert, systemisch, explorativ-forschend, beziehungsbasiert und körperbezogen (vgl. Weiss et al. 2010, S. 203 f.). Weitere Infos gibt es z.B. unter: www.hakomi.de

[12] Methode, bei der, der Körper wohlwollend geistig von innen „abgetastet“ wird.

Details

Seiten
147
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783842837027
Dateigröße
2.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v270324
Institution / Hochschule
Hochschule Zittau/Görlitz; Standort Görlitz – Kommunikationspsychologie
Note
1,0

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Flow und Achtsamkeit als Wirkfaktoren psychomotorischer Gesundheitsförderung - Entwurf eines Konzeptes