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Zwischen Eigennutz und journalistischen Ambitionen

Eine empirische Studie zur Motivation partizipativer Journalisten am Beispiel der Nutzer von neon.de

Magisterarbeit 2010 143 Seiten

Medien / Kommunikation - Medienökonomie, -management

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1. Einleitung

2. Partizipativer Journalismus – Hintergründe und Studien
2.1 Definitionen
2.1.1 Web 2.0
2.1.2 Partizipativer Journalismus
2.1.3 Professionell-partizipative Nachrichtenseiten
2.2 Die Internetnutzung in Deutschland
2.3 Partizipative Journalisten und die traditionellen Medien
2.3.1 Vom Nutzer zum Produtzer
2.3.2 Vom Gatekeeper zum Gatewatcher und Guidedog
2.3.3 Die Nutzung des Potentials partizipativer Journalisten
2.4 Bisherige Untersuchungen zur Motivation partizipativer Journalisten
2.4.1 Offener Kanal
2.4.2 Weblogs
2.4.3 OhmyNews
2.4.4 Opinio
2.4.5 myheimat.de
2.5 Nutzungsmotive partizipativer Journalisten zwischen Freizeitbeschäftigung und journalistischen Ambitionen
2.5.1 Selbstbezogene Motive
2.5.2 Fremdbezogene Motive
2.5.3 Journalistische Motive
2.6 Forschungsfragen

3. Methode
3.1 Exemplarischer Untersuchungsgegenstand – neon.de
3.2 Fragebogen
3.3 Durchführung der Studie
3.4 Stichprobe
3.5 Methodische Einschränkungen

4. Darstellung der Ergebnisse
4.1 Forschungsfrage 1: Welche Gründe motivieren die neon.de-Nutzer, ihre selbst verfassten Artikel auf neon.de zu veröffentlichen, und welche Rangfolge lässt sich unter diesen Motiven erkennen?
4.1.1 Rangfolge der Motive
4.1.2 Vergleich nach Artikelmenge
4.1.3 Sonstige Motive
4.2 Forschungsfrage 2: Inwieweit werden neon.de-Nutzer, die schon lange für neon.de schreiben, durch andere Gründe motiviert als jene Nutzer, die erst seit kurzem auf neon.de publizieren?
4.3 Forschungsfrage 3: Werden neon.de-Nutzer durch unterschiedliche Motive beeinflusst, je nachdem unter welcher Rubrik sie in erster Linie schreiben?
4.4 Forschungsfrage 4: Werden neon.de-Nutzer, die auch für andere partizipative Webseiten schreiben oder professionelle Journalisten sind, durch andere Gründe motiviert als jene Nutzer, die journalistische Laien sind und nur für neon.de schreiben?
4.5 Forschungsfrage 5: Wie unterscheiden sich die Motive der neon.de-Nutzer, die für einen ehrenamtlichen Journalismus und kostenlose Informationen für alle einstehen, von jenen, denen diese Aspekte weniger wichtig sind?
4.5.1 Kostenlose Nachrichten
4.5.2 Ehrenamtlicher Journalismus

5. Fazit

6. Bibliographie

7. Anhang
7.1 Tabellen
7.2 Einladungstexte
7.3 Fragebogen
7.4 Screenshots

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Die Wertschöpfungskette in der industriellen Produktion

Abbildung 2: Der Produtzer – ein Hybrid aus Nutzer und Produzent

Abbildung 3: Eine Möglichkeit der Zusammenarbeit

Abbildung 4: Rücklauf der Umfrage

Abbildung 5: Vergleich des Anteils der Internetnutzer zwischen 20 und 29 Jahren an der Gesamtbevölkerung und des Anteils der Internetnutzer zwischen 21 und 30 Jahren an den neon.de-Autoren

Abbildung 6: Mitgliedsdauer bei neon.de

Abbildung 7: Motive – Rangfolge

Abbildung 8: Motive – Vergleich nach Anzahl veröffentlichter Artikel

Abbildung 9: Motive – Vergleich nach Mitgliedsdauer

Abbildung 10: Motive – Vergleich nach Rubriken

Abbildung 11: Motive – Vergleich nach Veröffentlichungsort

Abbildung 12: Motive – Vergleich nach Zustimmung zu „Kostenlos“

Abbildung 13: Motive – Vergleich nach Zustimmung zu „Ehrenamt“

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Uses-and-Gratification-Typologie von Shaun Sutton

Tabelle 2: Motive – Häufigkeiten

Tabelle 3: zusätzliche Motive der Journalisten

Tabelle 4: Rezeption des Neon-Magazins – Vergleich nach Mitgliedsdauer

Tabelle 5: Rubriken – Häufigkeiten

Tabelle 6: Geschlecht – Vergleich nach Rubriken

Tabelle 7: Alter – Vergleich nach Rubriken

Tabelle 8: Rezeption des Neon-Magazins – Vergleich nach Rubriken

Tabelle 9: Veröffentlichungsort – Häufigkeiten

Tabelle 10: Alter – Vergleich nach Veröffentlichungsort

Tabelle 11: Rezeption des Neon-Magazins – Vergleich nach Veröffentlichungsort

Tabelle 12: Zustimmung zu „Kostenlos“ und „Ehrenamt“ – Häufigkeiten

Tabelle 13: Alter – Vergleich nach Zustimmung zu „Kostenlos“

Tabelle 14: Rezeption des Neon-Magazins – Vergleich nach Zustimmung zu „Kostenlos“

Tabelle 15: Alter – Vergleich nach Zustimmung zu „Ehrenamt“

Tabelle 16: Rezeption des Neon-Magazins – Vergleich nach Zustimmung zu „Ehrenamt“

1. Einleitung

Im Januar 2007 unternahm die Frankfurter Allgemeine Zeitung ( FAZ ) ein Experiment. Bevor sie einen großen Artikel über das deutsche Gesundheitssystem in der Printausgabe veröffentlichte, wurde er auf der Webseite der Zeitung publiziert. Diesen Artikel sollten die Internetnutzer nun kommentieren und überprüfen. „Wir wollten wissen, ob die Leser im Internet vielleicht mehr wissen als wir“, erklärte FAZ -Redakteur Jörg Albrecht (vgl. Albrecht 2007: 53). Die Leser wussten mehr, und so kam der Artikel schließlich am 14. Januar ins Blatt – ergänzt durch Kommentare aus dem Internet. Was die FAZ als „kleines Experiment“ (ebd.) bezeichnete und auf der Webseite der Zeitung unter den Nutzern ausgetragen wurde, ist nicht neu. Schon im 19. Jahrhundert wurden Leserkommentare vor allem in den Lokalzeitungen abgedruckt. Rege Diskussionen, wie man sie heute nur aus den Kommentarbereichen mancher Webseite kennt, focht man damals in den Printmedien aus (vgl. Kopp/Schönhagen 2008: 79). In den letzten zwanzig Jahren wurde diese Art der Bürgerbeteiligung im World Wide Web wiederbelebt. Es begann mit Diskussionsforen, Chatrooms und privaten Homepages und wurde mittlerweile zum großen Teil auf Weblogs (vgl. Sutton 2006: 4-5) und auf soziale Netzwerke im Internet, sogenannte Social Network Services (SNS), verlegt. Schließlich entdeckten auch die traditionellen Medien das Potential ihrer Rezipienten. Augenzeugenberichte der Katastrophen des 11. September 2001, des Tsunamis 2004 oder der Bombenanschläge in Madrid (2004), London (2005) und Moskau (2010) fanden ihren Weg aus dem Internet in die Printmedien. Viele Medien (z.B. Bild , Stern , Associated Press ) rufen ihre Rezipienten mittlerweile gezielt dazu auf, Themenvorschläge, Berichte, Fotos und Videos an die Redaktionen zu schicken.

Während der Internetnutzer für die traditionellen Medien häufig nur ein Informationslieferant ist, etabliert sich im Internet neben der professionellen Berichterstattung eine ganz eigene Nachrichtenkultur, die fast ausschließlich von den Beiträgen der Rezipienten – zum größten Teil journalistische Laien – lebt. Vorreiter war die koreanische Nachrichtenseite OhmyNews , auf der jeder Internetnutzer zum Journalisten werden kann. Sie gilt als das herausragendste Beispiel des modernen Bürgerjournalismus (vgl. Sutton 2006: 8). In Deutschland lassen seit einigen Jahren unter anderem die Süddeutsche Zeitung , die Rheinische Post und das Magazin Neon ihre Leser im Internet zu Wort kommen. So haben sie auf jetzt.de , Opinio (www.opinio.de) oder neon.de die Möglichkeit, eigene Artikel zu verfassen und damit selbst journalistisch aktiv zu werden. Die Nutzer, die in der Literatur häufig als partizipative – also mitwirkende – Journalisten bezeichnet werden (Kapitel 2.1.2) geben sich häufig große Mühe, professionelle Texte zu verfassen und ihre eigenen Leser zu informieren oder zu unterhalten. Einige wenige Berichte sind so gut, dass sie es in die gedruckten Medien schaffen, die mit den jeweiligen Webseiten kooperieren oder diese betreiben, eine Garantie dafür gibt es aber nicht. Da die aktiven Nutzer[1], die ihre Texte auf Webseiten wie neon.de , Opinio oder OhmyNews publizieren, zunächst keine direkte Entschädigung für ihren Aufwand erhalten, stellt sich die Frage, wodurch ihre Beteiligung an den Inhalten solcher Webseiten motiviert ist. Zur Beantwortung dieser Frage möchte die vorliegende Arbeit beitragen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Motivation von Weblog-Autoren, sogenannten Bloggern, die immer wieder auch als Konkurrenz zum traditionellen Journalismus gesehen werden (vgl. Neuberger/Nuernbergk/Rischke 2007: 96), ist in der Kommunikationswissenschaft bereits umfassend untersucht worden (vgl. z.B. Nardi et al. 2004, Armborst 2006 oder Huang et al. 2007). Studien zur Motivation partizipativer Journalisten aber, die auf eigens dafür vorgesehen Plattformen im Internet unentgeltlich Artikel veröffentlichen, gibt es bisher auch in der internationalen Forschung nur wenige (z.B. Sutton 2006 oder Kopp/Schönhagen 2008), obwohl die Beteiligung partizipativer Journalisten von zunehmender Bedeutung für den professionellen Journalismus ist (vgl. Sutton 2006: 5 und Kapitel 2.3.3). So zählt die vorliegende Arbeit im deutschen Raum zu einer der ersten, die explizit nach der Motivation von Bürgerjournalisten fragt. Exemplarisch werden zur Beantwortung dieser Frage die Motivationen der Nutzer der Webseite neon.de untersucht, die sich vor allem an die Leser des Lifestyle-Magazins Neon richtet. Auf dieser Seite kann jeder, der sich kostenlos als Mitglied registriert, eigene Texte verfassen und veröffentlichen, die schließlich von den Lesern kommentiert werden können. Neon.de erscheint als interessantes Fallbeispiel, da die Seite neben tagesaktuellen Themen vor allem Themen aufgreift, die die Leser unabhängig vom aktuellen Weltgeschehen bewegen, wie Berufswahl, Beziehungen oder Freizeitgestaltung. So dürften sich auf neon.de partizipative Journalisten mit den unterschiedlichsten Motiven für ihre Tätigkeit finden.

Die Ergebnisse der vorliegenden Studie sollen die bisher noch sehr raren Kenntnisse über die Motivation partizipativer Journalisten erweitern und Aufschluss darüber geben, warum Menschen ihre Zeit, Kreativität und ihr Wissen in Beiträge auf partizipativen Nachrichtenseiten investieren, obwohl sie aus dieser Tätigkeit keinen direkten materiellen Nutzen ziehen können. Darüber hinaus kann die Beantwortung dieser Frage Wege aufzeigen, wie traditionelle Medien das Engagement partizipativer Journalisten nutzen und sie zur Mit- und Zusammenarbeit motivieren können.

Obwohl Internetnutzer sich schon seit einigen Jahren an der Produktion journalistischer Inhalte im Internet beteiligen, gibt es in der Literatur noch immer keinen klaren Begriff für dieses Phänomen, geschweige denn eine einheitliche Definition für die häufig verwendete Bezeichnung „partizipativer Journalismus“ (vgl. Engesser/Wimmer 2009: 45). Aus diesem Grund beschäftigt sich der nächste Abschnitt dieser Arbeit mit der Formulierung einer Arbeitsdefinition für diesen Begriff. Zuvor soll jedoch das „Web 2.0“, ohne das partizipativer Journalismus kaum möglich wäre, näher beleuchtet werden. Zudem muss die Bezeichnung jener Webseiten, die partizipativen Journalisten eine professionelle Plattform bieten, als „professionell-partizipative Nachrichtenseiten“, für das Verständnis dieser Arbeit geklärt werden. Nach der Klärung dieser Begriffe wird erläutert, inwiefern sich die Internetnutzer hinsichtlich ihrer Bereitschaft, selbst zu Inhalten im Internet beizutragen, in den letzten Jahren verändert haben und wie sich diese Veränderung auf den professionellen Journalismus auswirkt. Daraufhin werden Möglichkeiten vorgestellt, wie der traditionelle Journalismus und damit dessen Rezipienten von den Beiträgen der Bürgerjournalisten profitieren können. Es folgt eine Übersicht über die Erkenntnisse bisheriger Studien zu den Motiven partizipativer Journalisten und darauf aufbauend eine Vorstellung der Motive, die im Rahmen der vorliegenden Studie untersucht werden. Zum Ende dieses theoretischen Abschnitts werden die einzelnen Forschungsfragen noch einmal genau formuliert. Das dritte Kapitel dieser Arbeit beschäftigt sich mit der Befragung der Nutzer von neon.de , die durchgeführt worden ist, um die Frage nach der Motivation von Bürgerjournalisten zu beantworten. Dafür wird zunächst die Webseite neon.de näher vorgestellt. Nach einer Darstellung des methodischen Vorgehens und der methodischen Einschränkungen, denen diese Studie unterliegt, werden die Ergebnisse der Befragung im vierten Kapitel ausführlich erläutert und die Forschungsfragen beantwortet. Eine Diskussion der Ergebnisse und ein Ausblick auf die weitere Forschung auf dem Gebiet des partizipativen Journalismus schließen die Arbeit ab.

2. Partizipativer Journalismus – Hintergründe und Studien

2.1 Definitionen

2.1.1 Web 2.0

Während das Internet als Alternative zu Printmedien und Radio (zunehmend auch als Alternative zum Fernsehen) gerade unter jungen Menschen seit Ende der 90er Jahre immer beliebter wird, ist die Teilhabe an der Erstellung von Inhalten im Internet für die Mehrheit der Internetnutzer erst seit wenigen Jahren möglich. Wie die Printmedien und der Rundfunk war das Internet zunächst nur ein weiteres Medium, dessen Inhalte zum größten Teil von einigen wenigen Sachkundigen produziert und anschließend einem breiten und wenig aktiven Publikum zur Verfügung gestellt wurden (vgl. Busemann/Gscheidle 2009: 356). Das änderte sich mit der Entstehung des Web 2.0. In der Literatur gilt Tim O’Reilly häufig als der Erfinder dieses Begriffs (vgl. Bruns 2008: 2, Busemann/Gscheidle 2009: 356 und Neuberger/Nuernbergk/Rischke 2007: 96). Zum ersten Mal öffentlich erwähnt wurde er aber bereits 2003 von Eric Knorr, der das Jahr 2004 als den Beginn des Web 2.0 bezeichnete, „where the Web becomes a universal, standards-based integration platform“ (Knorr 2003: 90). Nichtsdestotrotz gilt O’Reilly als derjenige, der den Begriff Web 2.0 zum ersten Mal definierte und damit prägte (vgl. O’Reilly 2005 und 2006):

Web 2.0 is the business revolution in the computer industry caused by the move to the internet as platform, and an attempt to understand the rules for success on that new platform. Chief among those rules is this: Build applications that harness network effects to get better the more people use them. (O’Reilly 2006: o.S.)

Busemann und Gscheidle bringen es noch etwas knapper auf den Punkt:

Beim Web 2.0 geht es um Partizipation, Vernetzung und Austausch – darum, sich auf speziellen Plattformen aktiv einzubringen und eigene Inhalte beizusteuern. (Busemann/Gscheidle 2009: 357)

Nach dem Platzen der Dotcom-Blase entstand damit eine ganz neue Form des Internets, die das World Wide Web zu einer virtuellen Plattform machte, zu einem „Mitmachnetz“ (Busemann/Gscheidle 2009: 356), auf der nun jeder Internetnutzer mehr als bisher aktiv werden konnte. O’Reilly bezeichnet das Web 2.0 daher als „global brain“ (O’Reilly 2005: o.S.), dessen Inhalte sich wie die Synapsen im Gehirn miteinander verknüpfen und an Bedeutsamkeit zunehmen, je häufiger sie von den Nutzern aufgerufen oder verlinkt werden. Diese „collective activity“, also das Zusammenarbeiten vieler Internetnutzer, ist es, was die Web 2.0-Angebote im Internet ausmacht. Spezielle Software, sogenannte Social Software“, macht die Kommunikation und Vernetzung von Menschen möglich (vgl. Busemann/Gscheidle 2009: 356 und van Eimeren/Frees 2007: 362).

Die ARD/ZDF-Onlinestudie, die jährlich repräsentative Daten zur Onlinenutzung der deutschen Bevölkerung erhebt (www.ard-zdf-onlinestudie.de), differenziert zwischen folgenden fünf Angebotsformen im Web 2.0 (vgl. Busemann/Gscheidle 2009: 357-358): Weblogs (kurz: Blogs) bieten ihrem Nutzer eine einfache und schnelle Möglichkeit, eigene Texte zu publizieren, Fotos und kleine Filme online zu stellen und auf andere Webseiten und Blogs zu verlinken. Die Leser eines Blogs können ihrerseits mittels einer Kommentarfunktion ihre Meinung zu dem jeweiligen Beitrag des Blogautors abgeben. Weblogs sind mittlerweile derart verbreitet, dass sich ein eigener Terminus für die Gesamtheit aller Blogs herausgebildet hat, der durch seine Synthese der Worte „Blog“ und „Sphäre“ auf die virtuelle Welt, die Weblogs bilden, hinweist: die Blogosphäre. Wer regelmäßig interessante und relevante Beiträge auf seinem Blog veröffentlicht und durch geschickte Vermarktung und Verlinkung seines Weblogs die Aufmerksamkeit vieler Leser auf sich zieht, kann in der Blogosphäre so weit aufsteigen, dass sogar politische Akteure und die traditionellen Medien davon Notiz nehmen. Prominente Beispiele sind der Rücktritt des US-amerikanischen Senators Trent Lott, nachdem Blogger ihm die Befürwortung der Rassentrennung vorgeworfen hatten, und die Berichterstattung über US-amerikanische Gefallene im Irakkrieg, die von dem Blogger Russ Kick angestoßen wurde (vgl. Bruns 2008: 87-88).

Eine weitere Form des Web 2.0 ist Wikipedia , eine Onlineenzyklopädie, deren Informationen jeder Internetnutzer abrufen und verändern kann. Sie bietet die Möglichkeit, Artikel zu bestimmten Themen zu verfassen, die Artikel anderer Nutzer zu verändern und so zum allgemeinen Wissensschatz der Menschheit beizutragen. Der Begriff „wiki“ (aus dem Hawaiianischen: schnell) wird dabei nicht exklusiv für den Namen Wikipedia gebraucht, sondern bezeichnet eine Art von Webseite, an der jeder Nutzer nach dem Vorbild von Wikipedia mitarbeiten kann.

Foto- und Videocommunitys (bekannt sind YouTube , Flickr oder Pixum ) nennt die ARD/ZDF-Onlinestudie als dritte Angebotsform des Web 2.0. Diese Communitys bieten ihren Mitgliedern die Möglichkeit, eigene Fotos und kleine Filme im Internet zu veröffentlichen. Auch hier kann das Publikum im Normalfall wieder eigene Kommentare abgeben und die Beiträge bewerten.

Beliebt sind auch SNS wie Facebook , wer-kennt-wen , StudiVZ oder Xing , auf denen der registrierte Nutzer ein eigenes Profil erstellen kann (inklusive Profilfoto, Fotoalben und Informationen zu Hobbys, Herkunft, Berufsweg, Interessen u.Ä.), das anderen registrierten Usern zugänglich ist. Alle diese SNS bieten ihren Nutzern die Möglichkeit, über eine E-Mailfunktion mit anderen Mitgliedern zu kommunizieren, der eigenen Freundesliste Kontakte hinzuzufügen und sich zu verschiedenen mehr oder weniger ernst gemeinten Interessengruppen zusammenzufinden.

Die fünfte Angebotsform des Web 2.0, die in die ARD/ZDF-Onlinestudie einbezogen wird, sind soziale Lesezeichensammlungen. Hier können die Nutzer Adressen von Webseiten, die sie für sich selbst gespeichert haben, für andere User veröffentlichen und sie mit Stichworten versehen. Wer sich also für eine bestimmte Webseite interessiert, kann auf Seiten wie del.icio.us oder Mister Wong andere Webseiten finden, die sich mit ähnlichen Themen beschäftigen und von anderen Internetnutzern empfohlen wurden (vgl. Busemann/Gscheidle 2009: 358).

Wikipedia , eBay oder Weblog-Provider wie B logspot und W ordpress , sie alle bieten den Internetnutzern Plattformen in einem bestimmten Kontext, zu denen die Nutzer selbst Inhalte beitragen. Ohne die User wäre keines dieser Web 2.0-Angebote möglich, doch ohne diese Angebote hätten die Nutzer auch keine Plattform, auf der sie ihre Inhalte (z.B. Verkaufsangebote, Wissen oder Webloginhalte) anbieten und sich vernetzen könnten (vgl. O’Reilly 2005: o.S.). Diese Plattformen werden zwar nur von einem kleinen Teil der Internetnutzer, dafür aber rege genutzt (Kapitel 2.2). Reisetagebücher, Gedichte, Anleitungen zu einer stilsicheren Bewerbung oder zum Basteln von Vogelhäuschen, Erfahrungsberichte über das neue iPad , Beschwerden über Bundestagsabgeordnete oder Berichte über die letzte Mitgliederversammlung des Kaninchenzüchtervereins – zu welchem Thema auch immer jemand etwas zu sagen hat, im Internet findet er eine Plattform. Der Internetnutzer scheint zunehmend im endlosen Raum des World Wide Web das Sagen zu haben. Und das nutzt er seit wenigen Jahren nicht nur in Form von Produktbewertungen auf Amazon oder privaten Urlaubserzählungen auf dem eigenen Weblog, sondern auch in Form von partizipativem Journalismus. Dieser in der Literatur immer noch recht schwammige Begriff wird im nächsten Kapitel erläutert.

2.1.2 Partizipativer Journalismus

Die Entstehung des Web 2.0 und damit eben jener Angebote im Internet, die dem User die aktive Erstellung und Verbreitung von Inhalten ermöglichen, wird gerne als der Beginn einer neuen Ära, eine „Revolution“ (vgl. Grossman 2006: o.S.) oder als der Anbruch eines „interaktiven Zeitalters“ (vgl. Leckenby/Li 2000: o.S.) bezeichnet. Denn erst die Angebote des Web 2.0 machten die Partizipation der breiten Masse der Internetnutzer an der Produktion von Content, also von Webinhalten, möglich. Dieser User-Generated-Content (UGC) umfasst dabei alle Inhalte, die Internetnutzer beabsichtigt oder unbeabsichtigt auf professionell betriebenen Webseiten erstellen (vgl. Fröhlich/Quiring/Engesser 2010: 6 und Schweiger/Quiring 2006: 87)[2]. Zu diesen nutzergenerierten Inhalten im Internet gehört ein Phänomen, dass mit dem Aufkommen von Weblogs einen enormen Aufschwung erlebte und nicht nur auf Weblogs reduziert werden kann: der partizipative Journalismus . Was genau darunter verstanden werden kann, darüber teilen sich die Meinungen (vgl. Engesser/Wimmer 2009: 45). Bowman und Willis beschreiben partizipativen Journalismus als „the act of a citizen, or group of citizens, playing an active role in the process of collecting, reporting, analyzing and disseminating news and information“ (Bowman/Willis 2003: 9)[3]. Allerdings schließen Bowman und Willis unter partizipativem Journalismus nahezu alle nutzergenerierten Inhalte im Internet ein. Diskussionsforen, Weblogs, Kommentare, Beteiligungen an Mini-Umfragen, ja sogar in der Peer-to-Peer-Kommunikation wie Instant Messaging (IM) oder Short Message Services (SMS) werden die Nutzer nach dem Verständnis von Bowman und Willis partizipativ journalistisch aktiv (vgl. Bowman/Willis 2003: 21-31). Dies ist meiner Einschätzung nach ein zu weit gefasstes Verständnis von partizipativem Journalismus, weswegen der Begriff in dieser Arbeit enger eingegrenzt werden soll.

Joseph D. Lasica versteht unter partizipativem Journalismus die Beteiligung der Rezipienten an der Nachrichtenproduktion traditioneller Medien in Form von Kommentaren, Berichten, Fotos oder Videos sowie ihre Mitarbeit an anderen Nachrichten- und Informationswebseiten (worunter auch unabhängige Weblogs zählen, egal, ob dort nun Texte, Video- oder Audiobeiträge veröffentlicht werden), wie OhmyNews, Opinio , kuro5hin oder Metafilter , auf denen registrierte Nutzer eigene Artikel veröffentlichen können. Auch die Mitwirkung an Newslettern und Mailinglists, durch die Mitglieder Nachrichten als E-Mail zugestellt bekommen, zählt Lasica zum partizipativen Journalismus (vgl. Lasica 2003: o.S.). Lasica grenzt die Formen partizipativen Journalismus damit zwar weiter ein, bietet aber noch keine eindeutige Definition, wie Bowman und Willis sie dargelegt haben. Steve Outing stellt zu Recht fest: „Citizen journalism isn’t one simple concept that can be applied universally by all news organizations. It’s much more complex, with many potential variations.“ (Outing 2005: o.S.) Am besten beschreibt meiner Meinung nach Sven Engesser das Phänomen:

Participatory journalism allows users to participate at least in the process of content production, is practised beyond professional activity and enables active audience participation in the public media sphere. (Engesser 2008b: 66)

Nicht nur wird der partizipative Journalismus in der Kommunikationswissenschaft immer wieder unterschiedlich definiert, auch finden sich viele unterschiedliche Begriffe, die bisweilen beinahe synonym zu der jeweiligen Definition des partizipativen Journalismus verwendet werden. So versteht Steve Outing unter partizipativem Journalismus die Zusammenarbeit eines Journalisten mit seinen Lesern, die ihr Wissen und ihre Erfahrungen zu einem bestimmten Thema in die Berichterstattung einbringen sollen (vgl. Outing 2005: o.S.). Synonym dazu verwendet Outing den Begriff Open-Source-Journalismus (vgl. ebd.), der diese Zusammenarbeit, bei der die Leser als Informationsquelle für den Journalisten dienen, meiner Meinung nach treffender beschriebt. Ähnlich setzt Mark Deuze diese Bezeichnung ein. Er versteht unter Open-Source-Journalismus die Berichterstattung professioneller Journalisten, die neben ihrer herkömmlichen Recherche auch „open sources“ nutzen. Ähnlich wie bei Open-Source-Software, an der jeder fähige Internetnutzer mit programmieren, Hinweise geben und Änderungsvorschläge einbringen kann, wird beim Open-Source-Journalismus, wie Deuze und Outing ihn beschreiben, den Lesern im Internet ein noch ungedruckter Artikel zur Bearbeitung und Kritik angeboten, bevor dieser in einem Printmedium veröffentlicht wird (vgl. Deuze 2001: o.S.). Eben so, wie es die FAZ in ihrem Experiment getan, aber bisher nicht weiter verfolgt hat.

Zwar könnte der Open-Source-Journalismus dazu dienen, einen Artikel vor dem Druck durch die Leser im Internet verbessern und vervollständigen zu lassen, doch ist es auch heute noch weitaus üblicher, Artikel zeitgleich im Printmedium und auf der Webseite zu publizieren, wo die Leser anschließend Kommentare abgeben und über das behandelte Thema diskutieren können. Der Inhalt des Artikels selbst wird durch die Kommentare der Leser im Allgemeinen nicht beeinflusst, er bleibt unverändert erhalten. Nach Bowmann und Willis handelt es sich bei diesen Kommentaren auch um partizipativen Journalismus. Joyce Nip bezeichnet diese Beteiligung der Leser, die erst nach der Veröffentlichung des Artikels stattfindet, stattdessen als interactive journalism (vgl. Nip 2006: 221-222).

Jeff Jarvis dagegen prägte die Bezeichnung networked journalism . Er betont damit jedoch weniger die journalistische Tätigkeit der Laien, sondern vielmehr die Konvergenz der Arbeit professioneller Journalisten und des Beitrags der partizipierenden Bürgerjournalisten (vgl. Deuze 2008: 255). Dabei tauschen professionelle Journalisten und journalistische Laien untereinander Informationen, Fragen und Ideen aus, um letztendlich eine umfassende Berichterstattung zu gewährleisten (vgl. Jarvis 2006: o.S.). Es ist also eine Erweiterung des Open-Source-Journalismus, bei dem nun professionelle und partizipative Journalisten Hand in Hand arbeiten. Diese Vorstellung einer scheinbar gleichberechtigten Zusammenarbeit von professionellen Journalisten und ihren Rezipienten zu Gunsten einer objektiven und allumfassenden Berichterstattung scheint jedoch etwas idealistisch, die Realität sieht noch immer anders aus. Entweder publizieren Laien ganz ohne Unterstützung professioneller Journalisten (vor allem auf Weblogs), oder sie fungieren lediglich als Handlanger der Redaktionen, indem sie Fotos oder Informationen weitergeben. Nur selten arbeiten professionelle und partizipative Journalisten zusammen an einem Thema, wie etwa bei dem Experiment der FAZ .

Diese Gegenüberstellung macht deutlich, dass sich die Frage, was partizipativer Journalismus genau ist, nicht in der Suche nach einer geeigneten Definition erschöpft. Darüber hinaus finden sich für das Phänomen, das partizipativer Journalismus beschreiben soll, in der Literatur auch noch viele andere Namen.

In der englischen Literatur wird der Begriff citizen journalism[4] häufig synonym zum participatory journalism verwendet und von Rosen sehr einfach auf den Punkt gebracht: „When the people formerly known as the audience employ the press tools they have in their possession to inform one another, that’s citizen journalism.“ (Rosen 2008: o.S.). Lemann versteht unter citizen journalists Amateure, die über ihr lokales Umfeld berichten und damit „a fuller, richer picture of the world“ liefern als traditionelle Medien (vgl. Lemann 2006: o.S.)[5].

In der deutschsprachigen Literatur findet sich ebenfalls häufig der Begriff Bürgerjournalismus (vgl. Walther 2005: o.S.). Diese Bezeichnung meint jedoch nicht nur die Produktion journalistischer Inhalte durch den Bürger, der ansonsten nicht professionell journalistisch tätig ist, sondern laut Mirjam Kopp und Philomen Schönhagen ganz allgemein den user generated content (vgl. Kopp/Schönhagen 2008: 79), also den „von Nutzern erstellten Webseiten-Content“ (Schweiger/Quiring 2006: 97). Darunter fallen Beiträge auf Weblogs oder kollaborativen Webseiten, auf denen mehrere Nutzer zum Inhalt der Seite beitragen, Kommentare zu redaktionellen Inhalten, aber auch Beiträge in Foren oder auf Plattformen, auf denen die Nutzer ihre Meinungen und Erfahrungen zu verschiedenen Produkten veröffentlichen können (z.B. Ciao oder Amazon ) (vgl. Schweiger/Quiring 2006: 97). Selbst private Homepages, Wikis (dabei besonders Wikipedia ), Audio- und Videobeiträge (z.B. Youtube ) sind nutzergenerierte Inhalte (vgl. Kopp/Schönhagen 2008: 80) und würden demnach zum „Bürgerjournalismus“ zählen.[6]

Einen guten Überblick über die verschiedenen Begriffe, die für die journalistische Tätigkeit von Internetnutzern gebraucht werden, bieten Fröhlich, Quiring und Engesser (vgl. Fröhlich/Quiring/Engesser 2010: 4).

Welcher Begriff beschreibt nun das Phänomen der Beteiligung journalistischer Laien an journalistischen Inhalten am besten? Der Begriff Journalismus sollte jedenfalls beibehalten werden, da auch Blogger oder die Autoren von OhmyNews an der „Erarbeitung bzw. Verbreitung von Informationen, Meinungen und Unterhaltung durch Medien mittels Wort, Bild, Ton oder Kombination dieser Darstellungsmittel“ (DJV 2009: 1) beteiligt sind, was nach Definition des Deutschen Journalistenverbands die journalistische Tätigkeit kennzeichnet. Dass sie das allerdings nicht notwendigerweise „durch Recherchieren (Sammeln und Prüfen) sowie durch Auswählen und Bearbeiten der Informationsinhalte, durch deren eigenschöpferische medienspezifische Aufbereitung (Berichterstattung und Kommentierung), Gestaltung und Vermittlung“ (ebd.) tun, unterscheidet sie von professionellen Journalisten. Fröhlich, Quiring und Engesser weisen jedoch darauf hin, dass partizipativer Journalismus auch von professionellen Journalisten ausgeübt werden kann, sofern sie die entsprechenden Inhalte unentgeltlich – und gewöhnlich in ihrer Freizeit – verfassen (vgl. Fröhlich/Quiring/Engesser 2010: 6).

In Anlehnung an die Beschreibung des journalistischen Berufsbildes durch den Deutschen Journalistenverband und die hier diskutierten Definitionen wird partizipativer Journalismus im Rahmen dieser Arbeit wie folgt definiert:

Partizipativer Journalismus bezeichnet die eigenständige, unentgeltliche und nicht redaktionelle Produktion von Inhalten in Internet, Print- oder Rundfunkmedien zur Information, Meinungsäußerung oder Unterhaltung durch Personen, die ihren Lebensunterhalt nicht mit der Produktion dieser Inhalte bestreiten.

Dabei wird zunächst außen vorgelassen, wo genau die Texte partizipativer Journalisten veröffentlicht werden, ob auf einem Blog oder auf der Webseite eines traditionellen Mediums, das die Veröffentlichung von Texten ihrer Nutzer ermöglicht, wie das bei neon.de , OhmyNews oder Opinio der Fall ist. Damit fallen auch Blogger unter diese Definition, sind demnach per definitionem auch partizipative Journalisten. Im weiteren Verlauf dieser Arbeit wird jedoch der Einfachheit halber zwischen Bloggern, also jenen partizipativen Journalisten, die ihre Texte auf einem Weblog veröffentlichen, und partizipativen Journalisten, die auf professionell-partizipativen Nachrichtenseiten (Kapitel 2.1.3) und deren Motive im Rahmen dieser Studie untersucht wurden, unterschieden.

Zusätzlich ist anzumerken, dass die Texte, die von partizipativen Journalisten erstellt werden, im Allgemeinen zunächst ohne Einschränkung publiziert werden können (sei es auf Weblogs oder – abhängig von den AGB der jeweiligen Webseite – auf Seiten wie neon.de ) und erst anschließend der Korrektur und Kommentierung durch die Leser überlassen werden (vgl. Engesser 2008a: 111).

Da partizipative Journalisten nicht zwangsläufig journalistische Laien sein müssen, ist der häufig synonym verwendete Begriff Laienjournalismus nur bedingt zutreffend. Als Synonym zum partizipativen Journalismus bietet sich daher nur noch der Begriff Bürgerjournalismus an, der den Wandel vom passiven Konsumenten zum aktiven, journalistisch tätigen und damit produzierenden „Produtzer“ (vgl. Bruns 2009a und Kapitel 2.3.1) betont, wenngleich auch diese synonyme Verwendung in Frage gestellt (vgl. Nip 2006: 222-224), aber dennoch praktiziert wird (vgl. Fröhlich/Quiring/Engesser 2010: 4).

2.1.3 Professionell-partizipative Nachrichtenseiten

Spätestens seit der Entstehung des Web 2.0, das einen hohen Grad an Interaktivität zwischen den Internetnutzern ermöglicht, hat dieses Konzept nicht nur in der Medienlandschaft in atemberaubendem Tempo zugenommen, auch Marketing- und Werbestrategen oder Hersteller von Computerspielen konzentrieren sich zunehmend auf die Zusammenarbeit mit ihren Kunden. Werbebanner, auf die interessierte Internetnutzer klicken konnten, waren nur der Anfang (vgl. Leckenby/Li 2000: o.S.). Heute haben Firmen, Vereine, Parteien und andere Organisationen eigene Profile auf Facebook , Myspace oder StudiVZ und treten mit ihren Kunden als virtuelle Personen in Kontakt. In der Computerspieleindustrie setzt man mittlerweile, nach dem Vorbild von Open-Source-Projekten, auf die Mitarbeit versierter Computerspieler bei der Entwicklung von neuen Produkten (vgl. Jeppesen/Molin 2003: 364). Wie in der Wirtschaft so haben auch die traditionellen Medien in den vergangenen Jahren festgestellt, dass es hilfreich sein kann, die Rezipienten in die Nachrichtenproduktion einzubeziehen. Diese Zusammenarbeit vollzieht sich zum Teil allerdings noch recht zaghaft. So fungieren die Leser der Bildzeitung oder des Stern lediglich als Informationslieferanten. Sie senden Fotos, Videos oder Kommentare an die Redaktionen, die je nach Bedarf und Interesse in das Medium aufgenommen werden. Andere Medien, wie die Zeit , der Trierische Volksfreund und die Hessische/Niedersächsische Allgemeine trauen ihren Lesern mehr journalistische Eigenständigkeit zu. Sie integrieren Weblogs oder Wikis in ihren Internetauftritt, deren Inhalt von den Rezipienten unabhängig von der Redaktion erstellt wird (vgl. Engesser 2008a: 114).

Diese beiden Formen von Nachrichtenseiten – jene, denen die Leser als Informationslieferanten dienen, und jene, die ihren Lesern eine von dem eigentlichen Internetauftritt weitgehend unabhängige Plattform zum Publizieren bieten – unterscheidet Christoph Neuberger nach der Art, in der sie Informationen vermitteln, und nach der Berufszugehörigkeit ihrer Autoren in professionell-redaktionelle und partizipative Nachrichtenseiten (vgl. Neuberger 2006b: 118). Einige Webseiten wie neon.de verbinden jedoch diesen partizipativen Aspekt mit der Arbeit von professionellen Journalisten. Weder die Bezeichnung „professionell-redaktionell“ noch allein der Ausdruck „partizipativ“ werden diesen Webseiten gerecht. Sven Engesser prägt daher den Begriff der „professionell-partizipativen Nachrichtenseite“, der die Kombination aus professionellem und partizipativem Journalismus deutlicher widerspiegelt.

Professionell-partizipative Nachrichtensites sind eine Hybridform aus professionell-redaktionellen und partizipativen Formaten. Bei ihnen findet die Nutzerbeteiligung auf Beitragsebene statt. Sie beziehen ihre Inhalte teilweise oder vollständig von den Nutzern und verfügen gleichzeitig über eine professionelle Redaktion, die die eingesandten Beiträge selektiert, kontrolliert oder redigiert. (Engesser 2008a: 115).

Auf professionell-partizipativen Nachrichtenseiten erstellen demnach journalistische Laien zunächst relativ unabhängig von einer Redaktion eigene Beiträge. Diese werden aber nicht auf einem Weblog oder einer eigenen Homepage veröffentlicht, sondern in den Internetauftritt eines traditionellen (Print-)Mediums eingefügt. Häufig machen diese Nutzerbeiträge den größten oder gar den ganzen Inhalt einer solchen Webseite aus. Beispiele sind neben der Seite neon.de , deren Nutzer im Rahmen dieser Arbeit untersucht werden, im deutschsprachigen Raum vor allem die Webseite Opinio , ein Leserportal der Rheinischen Post , und jetzt.de der Süddeutschen Zeitung , deren Konzept dem von neon.de sehr ähnlich ist. Nicht nur unter dem Dach eines bereits bestehenden Mediums ist die Konvergenz von Bürgerjournalismus und professionellem Journalismus mittlerweile erfolgreich umgesetzt. Die älteste und international sehr erfolgreiche professionell-partizipative Nachrichtenseite OhmyNews agiert unabhängig von einem anderen Medium. El Morrocotudo oder YourHub sind Beispiele für professionell-partizipative Nachrichtenseiten aus Chile und den USA (vgl. Engesser 2008a: 112). Diese Seiten bestehen zum größten Teil aus Beiträgen ihrer Nutzer, die von hauptamtlichen Journalisten gesichtet, je nach Webseite auch redigiert und nach Themen und Wichtigkeit sortiert veröffentlicht werden. Professionell-partizipative Nachrichten-seiten stellen somit eine Plattform dar, auf der Bürgerjournalisten eigene Beiträge selbstständig verfassen und in Verbindung mit Fotos oder Videos publizieren können.

Engesser unterscheidet professionell-partizipative Nachrichtenseiten nach publizistischen und ökonomischen Kriterien. Die publizistische Kategorie bezieht sich auf die geographische Ausrichtung der Webseite (international, national, lokal oder ultralokal), auf den Anteil der partizipativen Beiträge (bis zu einhundert Prozent) und auf den Einfluss, den die Redaktion auf die gelieferten Beiträge in Form von Selektion, Kontrolle und Redigieren nimmt. Die ökonomische Kategorie unterscheidet die mediale Verflechtung der Nachrichtenseite (angebunden an ein Muttermedium oder eine eigene Printausgabe), deren Finanzierung (Anzeigen- und Vertriebserlöse des Muttermediums, alternative Erlösformen) und die Anreize, mit denen partizipative Nutzer zur Beteiligung am Content der Webseite motiviert werden sollen (Veröffentlichung im Printmedium, Einstellung als Redakteur, alternative Entlohnungsmodelle) (vgl. Engesser 2008a: 116-117). Die Webseite neon.de ist, ebenso wie das Magazin Neon , auf eine deutschsprachige Zielgruppe ausgerichtet. Der Inhalt der Webseite besteht zum größten Teil aus den Beiträgen der Nutzer, die von professionellen Journalisten zwar gelesen und bei besonders guter Qualität auf der Startseite platziert, aber nicht bearbeitet werden.

Hierbei ist einzuschränken, dass neon.de zwar nach Engessers Definition als professionell-partizipative Nachrichtenseite zu bezeichnen ist, es sich jedoch bei den Texten, die auf der Webseite veröffentlicht werden, weniger um Nachrichten im Sinne von tagesaktuellen, gesellschaftlichen, politischen oder wirtschaftlichen Themen handelt. Ebenso wie das Printmedium Neon bestehen auch die Beiträge der neon.de -Nutzer zum größten Teil aus (häufig sehr gefühlsbetonten) Erlebnisberichten, Reportagen und Kommentaren. In Ermangelung einer passenderen Bezeichnung, unter die auch die ähnlich wie neon.de konzipierte Webseite jetzt.de fallen würde, und in der Übereinstimmung von neon.de mit Engessers Definition professionell-partizipativer Webseiten wird dieser Begriff im Rahmen dieser Arbeit auch auf neon.de angewandt.

2.2 Die Internetnutzung in Deutschland

In nur fünf Jahren – schneller als jedes andere Medium – erreichte das Internet in Deutschland massenmedialen Charakter. Waren 1997 nur sieben Prozent der deutschen Bevölkerung über 14 Jahren online, nutzten vier Jahre später schon 39 Prozent zumindest gelegentlich das Internet (vgl. Ridder 2002: 121). Im vergangenen Jahr ermittelte die ARD/ZDF-Onlinestudie 43,5 Millionen Internetnutzer in Deutschland, über zwei Drittel der Bevölkerung sind damit zumindest gelegentlich im World Wide Web (vgl. van Eimeren/Frees 2009: 335).

Mit dem Web 2.0 eröffnen sich seit einigen Jahren nun noch mehr Möglichkeiten, das Internet zu nutzen. Jetzt kann nicht mehr nur konsumiert werden, auch die Produktion eigener Inhalte ist möglich. Wo im Web 1.0 noch spezielles Wissen nötig war, um Inhalte im Internet zu erstellen, genügen im Web 2.0 einfache Kenntnisse, die Zugangsbarrieren sind geschwunden (vgl. ebd. und Neuberger 2002: 30-31).

Doch trotz dieser Einfachheit greifen noch sehr wenige User auf die vielfältigen Möglichkeiten des Web 2.0 zurück. Zwar machen fast zwei Drittel der Internetnutzer (65%) von der Online-Enzyklopädie Wikipedia und gut die Hälfte (52%) von Videoportalen wie YouTube zumindest gelegentlich Gebrauch, werden private Netzwerke wie Facebook oder MySpace dagegen nur von einem Drittel (34%), Weblogs sogar nur von acht Prozent der Internetnutzer wenigstens gelegentlich verwendet (Busemann/Gscheidle 2009: 358). Betrachtet man zudem die Zahl derer, die diese Angebote nicht nur passiv nutzen, sondern selbst aktiv Inhalte ins Netz stellen, fällt das Ergebnis noch bescheidener aus. Nur sechs Prozent der Onliner, die Wikipedia gelegentlich nutzen, veröffentlichen selbst Inhalte in der Online-Enzyklopädie. Nur jeder Zehnte YouTube -Nutzer veröffentlicht auch eigene Videos. Allein von den acht Prozent der gelegentlichen Weblog-Nutzer ist es immerhin gut die Hälfte (55%), die ihrerseits auch Content produziert, was allerdings nur vier Prozent aller Internetnutzer im Jahr 2009 ausmacht (vgl. Busemann/Gscheidle 2009: 362).

Diese Internetnutzer, die selbst Inhalte im Internet veröffentlichen, sind eher männlich, überdurchschnittlich gut gebildet, und sie sind vor allem eines – sie sind jung (vgl. Haas 2007: 216). Der Generation der „Digital Natives“ (Busemann/Gscheidle 2009: 356), jene Internetnutzer, die zwischen 1980 und 1995 geboren wurden, fällt es offenbar leicht, die immer wieder neuen Möglichkeiten des Internets auszuprobieren und anzuwenden. Gerade wenn es darum geht, eigene Inhalte zu erstellen und zu veröffentlichen, führen die 14- bis 29-Jährigen das Feld der partizipativen Internetnutzer an. 59 Prozent aller Weblognutzer dieser Altersgruppe konsumieren nicht nur, sondern bloggen auch selbst (vgl. ebd.: 362). Auch Videoportale leben von ihren jungen Nutzern. 15 Prozent aller 14- bis 29-Jährigen Onliner haben schon einmal Videos im Internet veröffentlicht (vgl. ebd.: 361). Bei Wikipedia jedoch, dem Paradebeispiel für die Mitmach-Möglichkeiten des Web 2.0, hält sich die Beteiligung selbst bei den Nutzern zwischen 20 und 29 Jahren, die sonst von allen Altersgruppen die meisten Informationen im Internet verbreiten, in Grenzen. Nur neun Prozent der Twens haben schon selbst am Inhalt der Online-Enzyklopädie mitgewirkt (vgl. ebd.).

Diese Ergebnisse erklären sich daraus, dass nur 31 Prozent der Teilnehmer an der ARD/ZDF-Onlinestudie die Möglichkeit, aktiv Beiträge im Internet zu veröffentlichen, etwas oder sogar „sehr interessant“ fanden (vgl. ebd.: 357). „Das Mitmachnetz wird überwiegend passiv genutzt“, stellen Busemann und Gscheidle fest (vgl. ebd.: 361). Doch auch wenn das Web 2.0 gegenwärtig von nur einem Bruchteil der Onliner genutzt wird, werden es immer mehr. Wikipedia , Videoportale, private Netzwerke und Fotosammlungen verzeichneten in den letzten zwei Jahren eine stetige Zunahme der Nutzerzahlen. Die Nutzung von Weblogs ging allerdings zurück (vgl. ebd.: 358).

Die in dieser Studie untersuchten Autoren der professionell-partizipativen Nachrichtenseite neon.de stellen damit unter den Internetnutzern noch eine Randerscheinung dar. Die Zukunft wird zeigen, ob das Interesse daran, selbst Inhalte im Internet zu erstellen, abhängig ist vom Alter der Internetnutzer oder von der Kohorte, ob es also auch in zehn Jahren in erster Linie die jungen Internetnutzer sein werden, die die Mitmachmöglichkeiten des Web 2.0 nutzen, oder ob diese Möglichkeiten allein für die Generation der zwischen 1980 und 1995 Geborenen interessant bleibt.

Doch auch wenn es zumindest in Deutschland nur wenige sind, die eigene Inhalte im Internet veröffentlichen, so sehen die traditionellen Medien ihr Monopol der Nachrichtengenerierung und -verbreitung auch von diesen wenigen bedroht. Mit diesem Verhältnis von traditionellen Medien zu „the people formerly known as the audience“ (Rosen 2008: o.S.), die heute nicht nur in Weblogs, sondern eben auch auf professionell-partizipativen Nachrichtenseiten Beiträge veröffentlichen, beschäftigt sich das nächste Kapitel.

2.3 Partizipative Journalisten und die traditionellen Medien

Das Internet hat sich gewandelt. Es ist nicht mehr Domäne intelligenter, aber etwas verschrobener Außenseiter, die in verdunkelten Zimmern an summenden Rechnern mit komplizierten Programmiersprachen Webseiten basteln, während am anderen Ende eine große Masse relativ passiver Internetnutzer diese Webseiten rezipieren. Im Gegenteil, die Aufteilung in Kommunikator und Rezipient ist seit einiger Zeit im Begriff, sich aufzulösen (vgl. Quandt/Schweiger 2008: 11). Die rezipierende Gesellschaft wandelt sich zur multimedialen partizipierenden Gesellschaft, möglich geworden durch zahlreiche Web 2.0-Angebote, durch kollaborative Onlineplattformen wie Wikipedia , Flickr , YouTube , durch SNS oder Weblogs. Die Internetnutzer „formlerly known as the audience“ (Rosen 2006: o.S.) werden selbst zu den Medien (vgl. Bowman/Willis 2003), zu einer „redactional society“ (Hartley 2000: 39). Denn das Internet oder vielmehr die Angebote des Web 2.0 machen die Kommunikation mit der Öffentlichkeit mittlerweile jedem Internetnutzer möglich (Neuberger 2008: 21).

2.3.1 Vom Nutzer zum Produtzer

Die Digital Natives werden also erwachsen, sie beobachten nicht nur die Ereignisse um sich herum, wie es ihre Eltern taten, sie kommentieren diese Ereignisse auch noch. Diese neue Generation der Internetnutzer besitzt die notwendige Hardware, die Fähigkeiten und vor allem den Willen, Webinhalte zu produzieren. Sie berichten einander von ihren Erlebnissen, Lebenswegen, Wünschen, Sorgen und Meinungen. Trendwatching.com betitelt diese Generation der aktiven Internetnutzer mit dem Buchstaben C, Nachfolger der Generationen X und Y (vgl. Bruns 2009a: 1 und trendwatching.com 2004: o.S.). Das C steht unter anderem für „content“, den nahezu jeder Internetnutzer produzieren kann, aber auch für die „creativity“, mit der Laien diesen Content produzieren, für „control“, die Internetnutzer mit ihrer Beteiligung an der Contentproduktion ausüben, indem sie beispielsweise einander über Produkte und Produktanbieter informieren. Es steht aber auch für „casual collapse“, den langsamen Zusammenbruch traditioneller Vorstellungen und Werte durch das öffentliche Propagieren von Meinungen abseits des Mainstreams (vgl. ebd.) sowie den Zusammenbruch traditioneller Mediensysteme, die gegen kostenlose Nachrichteninhalte im Internet kämpfen, Softwareproduzenten, die es mit Open-Source-Produkten aufnehmen müssen, oder beispielsweise die Encyclopædia Britannica , die hilflos mit ansehen muss, wie immer mehr Menschen lieber Wikipedia um Rat fragen (vgl. Bruns 2009a: 2). Ebenso wie der Begriff Web 2.0 beschreibt „Generation C“ „einen klar sichtbaren Übergang von statischen zu dynamischen Inhalten“ (ebd.).

Axel Bruns sieht im Internetnutzer der Generation C eine Weiterentwicklung des „informierten und aktiven Verbrauchers und Nutzers“ (ebd.), den schon Alvin Toffler Ende der 80er Jahre als „Prosumer“ (Toffler 1987: 265-288) beschrieb, also als „‚Prosument‘, der die wachsende Menge an Informationen und Ratschlägen, die ihm zur Verfügung stand, nutzte, um ein hochinformierter, hochqualifizierter Verbraucher zu werden“ (Bruns 2009a: 2). Während der „Prosument“ der 1980er Jahre nur selbst oder allenfalls mit seinem näheren Umfeld zusammen von seinen eigenen Informationen profitieren konnte, hat der „Prosument“ des beginnenden 21. Jahrhunderts die Möglichkeit, eine unbestimmte Zahl sowohl bekannter als auch fremder Personen im Web 2.0 an seinen Informationen, Meinungen und Erfahrungen teilhaben zu lassen und somit auch andere zu informierten und qualifizierten Verbrauchern und Bürgern zu machen.

Wie in Kapitel 2.1.1 beschrieben, zeichnet sich das Web 2.0 dadurch aus, dass nun die Internetnutzer selbst Inhalte produzieren. Herkömmlicherweise – und das ist außerhalb des Web 2.0 auch heute noch der Standard – werden Inhalte entlang einer linearen Wertschöpfungskette produziert (Abbildung 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Bruns 2009a: 3

Danach schafft ein Produzent Inhalte, die anschließend vertrieben und vom Verbraucher konsumiert werden. Nur selten und meistens indirekt erhält der Produzent ein Feedback vom Verbraucher, beispielsweise über die Nachfrage nach seinem Produkt oder durch Kundenbefragungen (vgl. ebd.). Sämtliche Entscheidungen darüber, wie das Produkt aussehen oder welche Inhalte es vermitteln soll, liegen beim Produzenten. Auf diese Weise verfahren traditionelle Medien schon immer. Das Internet hingegen ermöglicht nun nicht nur Kommunikationsnetzwerke zwischen Produzenten und Konsumenten, um Feedback zu geben und Kundenwünsche zu evaluieren, sondern eben auch, dass der Konsument selbst zum Produzenten werden kann. Zur Beschreibung dieses Phänomens hat Axel Bruns eine Wortneuschöpfung aus Nutzer und Produzent entwickelt: den „Produtzer“ (engl. produser) (ebd.: 4). Dieser stellt nun sowohl Ausgangs- als auch Endpunkt der Wertschöpfungskette dar (Abbildung 2).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Bruns 2009a: 5

Bruns plädiert für die Verwendung dieses Begriffs zur Beschreibung des produzierenden Nutzers in Abgrenzung zum professionellen Produzenten (vgl. Bruns 2009b: 1). Den Prozess der Erstellung von Inhalten durch Produtzer bezeichnet Bruns dementsprechend als Produtzung (engl. produsage). Bruns meint damit die Schaffung von Content durch mehrere Produtzer, wie das bei Wikipedia möglich ist, und definiert Produtzung „als eine Form der kollaborativen Inhaltserschaffung (...), die von den Nutzern, die als Produtzer auftreten, gesteuert wird, oder an der diese zumindest entscheidend beteiligt sind“ (ebd.: 3).

Bruns weist somit explizit darauf hin, dass an manchen Inhalten nicht nur ein Produtzer aktiv beteiligt ist, sondern gleich mehrere. So wird ein Beitrag in der Online-Enzyklopädie Wikipedia beispielsweise nicht nur von einem Produtzer erstellt und anschließend unverändert und statisch in seinem einmal formulierten Wortlaut belassen, sondern kann ständig durch andere Produtzer verändert und erweitert werden. Jeder Wikipedia -Artikel ist demnach ein dynamisches Produkt (vgl. Bruns 2009a: 5-6). Die meisten Webinhalte, die von Produtzern erstellt werden, wie etwa Weblogs und Artikel auf professionell-partizipativen Nachrichtenseiten, können zwar jeweils nur von dem ursprünglichen Autor bearbeitet werden, doch der gesamte Inhalt einer professionell-partizipativen Nachrichtenseite ist ebenso ein kollaboratives Produkt, von vielen Produtzern erstellt, wie ein Artikel auf Wikipedia . Für diese Form der Inhaltserstellung im Internet – die Produtzung – hat Bruns vier Merkmale herausgearbeitet (vgl. Bruns 2009a: 6-9):

Jeder kann mitmachen. Die Inhalte werden gemeinschaftlich von möglichst vielen Produtzern erstellt. Und sie werden auch von möglichst vielen bewertet und auf ihre Richtigkeit überprüft. Wikipedia beispielsweise wurde erst nach Umsetzung dieses Konzepts richtig erfolgreich. Der Vorteil dieser gemein-schaftlichen Produktion und Kontrolle: Viele leisten mehr als einer (oder ein kleines Team) allein, aus dem Wissen und den Erfahrungen vieler werden umfassende Informationen für alle.

Rollen können beliebig gewechselt werden. In der Produtzung ist niemand ausschließlich Produzent, Korrektor oder Nutzer. Idealerweise verfasst jemand auf Wikipedia einen Artikel (als Produzent), liest später aus Interesse einen anderen Artikel (als Nutzer), erkennt dort vielleicht einen Fehler oder eine Ungenauigkeit und korrigiert diese (als Korrektor) oder hinterlässt einen Kommentar mit einem entsprechenden Hinweis. Denn meistens kann nicht jeder im Internet so einfach wie auf Wikipedia Webinhalte erstellen und gar die Artikel anderer verändern, häufig ist der Wechsel von einer Rolle in die andere an eine Mitgliedschaft oder Registrierung gebunden. Durch Kommentare kann dann auf andere Artikel Einfluss genommen werden. Über diese Kommentarfunktion stellt die Gruppe als Ganzes die in ihr herrschenden Regeln auf und setzt sie gleichzeitig durch. Wer aus der Reihe fällt, wird in Kommentaren kritisiert, kann aber auch vom Seitenbetreiber gesperrt werden.

Inhalte werden ständig weiterentwickelt. Wo Nutzer jederzeit Inhalte verändern können, ist das Ergebnis der Produtzung, anders als der Inhalt von Zeitungen und den meisten Webseiten, immer im Wandel. Dieser Wandel kann, zumindest im Falle von Wikipedia , von den Nutzern eingesehen und somit nachvollzogen werden. Anders als bei Produkten der Industrie, die ebenfalls ständig weiterentwickelt und damit in gewisser Weise unvollkommen sind wenn sie auf den Markt kommen, wird auf Webseiten, die aus Beiträgen ihrer Nutzer bestehen, die Unvollkommenheit des Contents nicht verschleiert. Die Nutzer werden im Gegenteil dazu aufgerufen, die Inhalte immer weiter zu verbessern.

Alle sind Produtzer, niemand ist Besitzer. Wo Produkte (ob nun geistiger oder materieller Art) von einer Person oder einer eingrenzbaren Gruppe hergestellt werden, ist auch ein Besitzer des Produkts leicht zu ermitteln, der etwa finanzielle Ansprüche geltend machen kann. Urheberrechte in diesem Sinne sind für gemeinschaftlich produzierte Inhalte im Internet kaum durchzusetzen. Denn Sinn von Wikipedia oder Open-Source-Projekten ist es ja gerade, dass jeder daran mitarbeiten kann, ohne auf Ansprüche eines Urhebers Rücksicht nehmen zu müssen. Dennoch gibt es in verschiedenen Fällen die Möglichkeit, individuelle Leistungen zu kennzeichnen, indem etwa auf dem Profil eines Nutzers zu sehen ist, an wie vielen Projekten er schon mitgearbeitet hat. Partizipative Nachrichtenseiten wie OhmyNews z.B. machen es ihren Autoren außerdem möglich, mit ihren Beiträgen Geld zu verdienen, indem die Leser bei Gefallen für einen Artikel einen beliebigen Betrag spenden können.

Dieser Wandel der ehemals passiven Onlinekonsumenten zu aktiven Produtzern hat, wenn er auch nur einen Bruchteil der Internetnutzer betrifft (Kapitel 2.2), doch einen erheblichen Einfluss auf den traditionellen Journalismus. Denn dieser Wandel trug dazu bei, dass der traditionelle Journalismus im Internet schon für unnötig erklärt wurde (vgl. Neuberger 2002: 30). Mittlerweile geht man aber davon aus, dass der Bürgerjournalismus die professionelle Berichterstattung eher bereichern wird, statt sie überflüssig zu machen (vgl. Neuberger 2004: o.S.)

2.3.2 Vom Gatekeeper zum Gatewatcher und Guidedog

Mit der Entstehung des Internets Mitte der 90er Jahren waren die unterschiedlichsten Hoffnungen und Befürchtungen verbunden. Christoph Neuberger unterscheidet zwischen der Hoffnung, das Internet würde „fast alle Wünsche, die wir jemals an den Journalismus hatten“ (Neuberger 2002: 25), erfüllen, der Sorge, das Internet würde den Journalismus überflüssig machen, und der Synthese aus beidem, dass nämlich der Journalismus „im Internet seine Identität“ verliert und unsichtbar werde (vgl. ebd.). Angesichts professioneller Nachrichtenseiten, die sich klar von privaten Weblogs und durch ihr gedrucktes und in Radio und Fernsehen ausgestrahltes Pendant auch deutlich von Laiennachrichtenseiten abheben, scheinen diese Befürchtungen noch nicht eingetreten zu sein. Ein anderes Phänomen, das Neuberger nennt, tritt dagegen weit offensichtlicher zu Tage: Das Berufsfeld des Journalismus wird „entgrenzt“ bzw. an seinen Rändern „ausgefranst“ (ebd.: 26-27). Jeder ist Journalist, von dem einfachen Blogger, der über seine Gefühls- und Gedankenwelt publiziert und von ähnlich fühlenden und denkenden Menschen rezipiert wird, bis hin zum professionell ausgebildeten Redakteur, der im Auftrag seines Arbeitgebers Nachrichten im Internet veröffentlicht. Auch Public Relations und die Werbung sind häufig nicht mehr vom Journalismus zu trennen, wenden sie doch ebenfalls journalistische Arbeitsweisen an. Im journalistischen System selbst lösen sich die Grenzen zwischen Ressorts, Mediengattungen und Nationen auf (vgl. ebd.: 27).

Damit ändert sich auch die journalistische Arbeitsweise. Im Web 1.0, dem Internet der 90er Jahre, galten noch die „Regeln der Massenmedien und Massenmärkte“ (Neuberger 2008: 21). Axel Bruns bezeichnet daher die herkömmliche, profitorientierte Arbeitsweise im professionellen Journalismus, die den Rezipienten lediglich als Kunden und Endverbraucher betrachtet, als „industrielle Nachrichtenproduktion“ (Bruns 2008: 71). Sie verläuft linear vom Nachrichtenproduzenten (Journalisten, Fotografen etc.) über den Vertrieb des Mediums (Rundfunkprogramm, Printmedium, Onlinebeiträge) zum Rezipienten. Die Journalisten fungieren bei dieser Arbeitsweise als „Gatekeeper“ zwischen einer unendlichen Menge an Informationen und der wachsenden Masse der Rezipienten. Als Gatekeeper wählen sie aus der Vielzahl von Ereignissen, die täglich auf der Welt geschehen, jene aus, die sie für berichtenswert halten, und entscheiden damit darüber, was ihre Rezipienten wissen und erfahren sollen. Auch die Reaktionen der Leser (in Form von Leserbriefen oder E-Mails) werden nur selektiert veröffentlicht[7] (vgl. Bruns 2008: 71 und Noelle-Neumann/Schulz/Wilke 2004: 107).

Welche Ereignisse zu Nachrichten werden und es in die Medien schaffen, hängt dabei von verschiedenen Faktoren ab. Dazu gehören neben den klassischen Nachrichtenfaktoren, die Galtung und Ruge definiert haben (vgl. Noelle-Neumann/Schulz/Wilke 2004: 357), auch Kriterien wie der verfügbare Platz im Medium (auf der Zeitungsseite oder die Sendezeit im Programm) und die Attraktivität einer Nachricht für Werbekunden (vgl. Bruns 2008: 71). Denn ein Anzeigenfeld neben einem Artikel, der für möglichst viele Leser interessant sein dürfte, verspricht auch dem Anzeigenkunden mehr Aufmerksamkeit für sein beworbenes Produkt. Verzerrungen in der Nachrichtenselektion sind somit vorprogrammiert (vgl. ebd.: 72-73).

Neben dieser Verzerrung in der Berichterstattung ist ein weiterer Nachteil des professionellen und damit zumeist auch kommerziellen und profitorientierten Journalismus das Unvermögen (oder auch der fehlende Wille), eine breite Palette an Meinungen abzubilden, auch Außenseiter zu Wort kommen zu lassen, kurz: eine differenzierte Berichterstattung zu bieten. Wer Gewinne erwirtschaften muss, dem fehlt oft die Zeit, alle Betroffenen eines Ereignisses oder Konflikts zu befragen, wer Anzeigenkunden nicht verlieren will, der darf sie durch kritische Berichterstattung nicht verärgern. In diese Kerbe schlagen die Bürgerjournalisten und sorgen für Meinungsvielfalt im Internet (vgl. ebd.: 70-71). Besonders bekannt ist hier der Bildblog (www.bildblog.de), der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Berichterstattung der Bildzeitung – und mittlerweile aller großen Medien Deutschlands – zu beobachten, zu überprüfen und zu kritisieren. Webseiten wie Opinio oder Wikinews ermöglichen es auch Internetnutzern, die keinen eigenen Blog betreiben wollen, selbst Informationen zu verbreiten.

Auf der anderen Seite führen die umfangreichen Möglichkeiten, im Internet zu recherchieren und Nachrichten mitunter bis zu ihrer Quelle hin zurückverfolgen zu können, dazu, dass jeder Internetnutzer sich je nach Interesse seine eigenen Informationen suchen kann, ohne auf traditionelle Medien angewiesen zu sein. Während der normale Bürger früher nur über eine sehr begrenzte Zahl von Ereignissen reden konnte, die es in die Zeitungen und in den Rundfunk geschafft hatten, steht ihm heute eine nahezu unbegrenzte Zahl an Nachrichten online zur Verfügung, es kommt zu einer Nachrichtenexplosion im Internet (Anderson/Dardenne/Killenberg 1997: 103). Die Chance, die Aufmerksamkeit des Rezipienten zu gewinnen, sinkt dadurch natürlich erheblich (vgl. Neuberger 2008: 23) und mit schwindenden Leserzahlen auch gleichzeitig die Attraktivität der traditionellen Medien für den Werbemarkt.

Noch vor kurzem lag also die Möglichkeit der Informationsverbreitung fast ausschließlich bei den professionellen Journalisten. Dieses „Nadelöhr“ (ebd.) hat sich durch das Internet derart erweitert, dass nun auch „Kamele hindurchgehen“ können. Es entsteht ein komplexes Netzwerk aus professionellen Journalisten, PR- und Werbefachleuten und den ungezählten Laien. „Dadurch kann sich die öffentliche Kommunikation von einer sozial selektiven, linearen und einseitigen zu einer partizipativen, netzartigen und interaktiven Kommunikation verändern“ (ebd.: 22, kursiv im Original).

Die traditionellen Medien kontrollieren also nicht mehr die Tore, die sie einst hüteten (vgl. Nuttall 1999: o.S.). Jeder aktive Internetnutzer kann heute so ein Tor sein, durch das Nachrichten, Meinungen und Kritik an die Öffentlichkeit dringen. Ebenso, wie sich das Selbstverständnis und die Rolle der Internetnutzer vom (relativ passiven) Nutzer zum (aktiven) Produtzer hin entwickelt hat, so muss sich der traditionelle Journalismus der neuen Rollenverteilung anpassen und sich neu positionieren. Er wird nicht überflüssig, wie zu Beginn des Web 2.0 befürchtet wurde, doch seine Aufgabe ändert sich. Denn die oft hochgelobte Beteiligung der Internetnutzer an der Produktion von Inhalten bringt auch einige Probleme mit sich, die der professionelle Journalismus lösen kann.

Wo viele Menschen ihre Meinungen publizieren und über die verschiedensten Themen schreiben, entsteht nicht nur eine enorme Informationsflut, diese Veröffentlichungen sind auch häufig stark von der Sichtweise und den Erlebnissen der einzelnen Autoren geprägt. Denn partizipative Journalisten haben gar nicht den Anspruch, objektiv und neutral zu berichten, sie wollen vielmehr ihre Meinung verbreiten und ihre Geschichten erzählen (vgl. Kopp/Schönhagen 2008: 87). Der Leser von bürgerjournalistischen Angeboten ist sich daher nie sicher, ob hier nach journalistischen Standards vorgegangen, ob gründlich recherchiert und möglichst objektiv berichtet wurde[8] (vgl. Bruns 2008: 70). An dieser Stelle kann der professionelle Journalismus sich neu etablieren. Gerade weil mittlerweile jeder Internetnutzer zum Nachrichtenproduzenten werden kann, gehört das Vertrauen der Nachrichtenkonsumenten noch immer den traditionellen Medien, auch wenn hier gleichfalls ein zunehmendes Misstrauen gegenüber der wahrheitsgetreuen und neutralen Berichterstattung der Medien zu beobachten ist (vgl. Foremski 2010: o.S. und Globe-Scan 2010: o.S.)

[...]


[1] Folgenden wird zwar immer die männliche Form verwendet, selbstverständlich sind damit aber auch Journalistinnen, Nutzerinnen, etc. gemeint.

[2] Quiring und Schweiger betonen die Professionalität von Webseiten, auf denen UGC erstellt wird, und schließen damit scheinbar Amateur-Webseiten aus (vgl. Schweiger/Quiring 2006: 87). Warum private Homepages kein von Nutzern generierter Inhalt sein sollen, bleibt dabei offen.

[3] Bowman und Willis fahren fort: „The intent of this participation is to provide independent, reliable, accurate, wide-ranging and relevant information that a democracy requires“ (Bowman/Willis 2003: 9). Die Autoren geben allerdings keinen Beleg dafür, ob dies tatsächlich die primäre Absicht partizipativer Journalisten darstellt. Welche Motive partizipative Journalisten tatsächlich antreiben, gilt es genauer zu untersuchen.

[4] Citizen journalism darf allerdings nicht mit public, civic, communitarian oder community journalism (vgl. Black 1997: vi) verwechselt werden, die eine bürgernahe Bewegung innerhalb des professionellen Journalismus bezeichnet.

[5] Jarvis kritisiert allerdings den Begriff citizen im citizen journalism , zum einen, da er den Journalismus in zwei Lager – in professionell und nicht professionell – teilt, und zum anderen, weil professionelle Journalisten ja auch als Bürger agieren können (vgl. ebd.).

[6] Da der Begriff „Bürgerjournalismus“ ebenso wie „partizipativer Journalismus“ sehr weitläufig genutzt wird, plädieren Mirjam Kopp und Philomen Schönhagen für eine differenziertere Betrachtung dieser Bezeichnung (vgl. Kopp/Schönhagen 2008: 80). Ihrer Meinung nach haben jene nutzergenerierten Inhalte, die allgemein als „Bürgerjournalismus“ bezeichnet werden, mit Journalismus nicht viel zu tun, „da sich alle erwähnten Phänomene klar von den professionellen Vermittlungs- und Konzentrationsleistungen des Journalismus unterscheiden“ (Kopp/Schönhagen 2008: 80) und in den meisten Fällen nur die Interessen der jeweiligen Autoren vertreten würden. Sie schlagen daher den Begriff „Laienpublizistik“ vor „als Sammelbegriff für die verschiedenen Varianten von (Online-)Publikationen (…), die ohne Beteiligung professioneller Journalisten bzw. Redaktionen zustande kommen“ (ebd.). Darunter zählen Weblogs, private Homepages, Kommentare und Beiträge auf Foren und Verbraucherplattformen, aber auch Beiträge auf partizipativen Nachrichtenseiten wie OhmyNews oder neon.de . Von dieser Laienpublizistik unterscheiden Kopp und Schönhagen die Leserbeiträge, die professionellen journalistischen Angeboten zugeführt werden, also Informationen oder Fotos, die Leser an Redaktionen schicken und die dann einen Platz im redaktionellen Inhalt erhalten (vgl. ebd.). Da sonst jedoch noch nicht versucht wurde, den Begriff Journalismus aus partizipativem, Laien- oder Bürgerjournalismus zu streichen und auch „Laienpublizisten“ durchaus journalistische Arbeit leisten, wird im Rahmen dieser Arbeit weiterhin der Begriff des partizipativen Journalismus verwendet.

[7] Eine Ausnahme stellt hier die Kommentarfunktion unter den Artikeln vieler Nachrichtenwebseiten dar, die allerdings zum Teil auch erst durch einen Moderator freigeschaltet werden müssen oder bei Missfallen jederzeit durch einen Redakteur gelöscht werden können.

[8] Diese Garantie gibt es zwar leider auch im professionellen Journalismus nicht unbedingt – häufig aus Geld- und Zeit- bzw. Personalmangel und aus Erfolgsdruck –, aber im professionellen Journalismus können bestimmte journalistische Standards vorausgesetzt werden.

Details

Seiten
143
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783842845695
DOI
10.3239/9783842845695
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v229358
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Institut für Publizistik
Note
2,0
Schlagworte
journalismus neon motivation bürgerjournalismus netzwerke

Autor

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Titel: Zwischen Eigennutz und journalistischen Ambitionen