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Arbeit und Menschenwürde: Zur Entkoppelung von Arbeit und Einkommen

Diplomarbeit 2012 106 Seiten

Philosophie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Einleitung

Kapitel I Zur Arbeit: Vergangenheit und Gegenwart
1. Zum Begriff der Arbeit
2. Arbeit aus historischer Sicht
3. Arbeit in der Gegenwart
4. Arbeit und Einkommen
4.1 Arbeit und ihre Bedeutung für das Individuum
4.2 Arbeit und ihr gesellschaftlicher Status
4.3 Arbeit und Armut
4.4 Sozialstaatliche Strukturen

Kapitel II Zur Existenzsicherung: Entkoppelung von Arbeit und Einkommen
1. Die Idee garantierter Existenzsicherung
2. Zum Begriff des bedingungslosen Grundeinkommens (BGE)
2.1 Ein egalitäres Grundeinkommensmodell nach Philippe Van Parijs
2.2 Zur Notwendigkeit eines BGE
2.3 Zur Frage der Finanzierung eines BGE
2.4 Wider und Für ein BGE
3. Zur Bedeutung der Entkoppelung von Arbeit und Einkommen
4. Zur Frage sozialer Gerechtigkeit

Kapitel III Zur Menschenwürde: Grundlagen einer neuen Arbeitskultur
1. Menschenwürde und Menschenbild
1.1 Bedürfnis vs. Leistung
1.2 Selbstbestimmung vs. Zwang
1.3 Freiheit
2. Tätigkeit vor Geschäftigkeit
3. Muße

Resümee

Literatur

Vorwort

Die Idee eine Arbeit über Arbeit zu schreiben, entstand aus der Neugier dem Alltäglichen auf den Grund zu gehen. Arbeit ist das, was alle tun bzw. tun müssen und zwar das, was innerhalb vertraglich geregelter Arbeitsverhältnisse getan wird. Es ist mir ein Bedürfnis, in den folgenden Seiten diese Selbstverständlichkeit von Arbeit als Erwerbsarbeit ihres hohen Ranges zu entheben. Es ist mir ebenso ein Bedürfnis zu zeigen, dass Arbeit mehr sein kann als sie gemeinhin ist. Das Verfassen der vorliegenden Arbeit war für mich überwiegend freies, selbstbestimmtes, mußevolles Tun. Auf die Wiederentdeckung dieses Aspekts von Arbeit, kommt es mir persönlich an. Privilegiert habe ich eine Zeit lang das getan, was ich wirklich tun wollte. Gewissermaßen habe ich durch persönliche Feldforschung erfahren, wie es sich anfühlen kann, von ökonomischem Zwang befreit, zu leben und zu tun. Dieses Gefühl ist in die vorliegende Arbeit eingeflossen in der Hoffnung, dass es jedem einzelnen Bewohner dieser Welt in naher Zukunft bedingungslos zu Teil werden wird.

Mein aufrichtiger Dank gilt all jenen, die unkonventionellen Ideen durch ihr Engagement Leben einhauchen und somit dazu beitragen diese Welt ein wenig menschlicher zu gestalten.

Im Besonderen möchte ich Herrn Prof. Dr. Ganthaler für die anregende und hilfreiche Begleitung danken.

Die Autorin, Salzburg Mai 2012

Einleitung

„Vieles fiele leichter, könnte man Gras essen. Hierhin hat es der Arme, sonst als Vieh gehalten, nicht so gut wie dieses. Nur die Luft ist ohne weiteres da, aber der Acker muß erst bestellt werden, immer wieder. In gebückter, mühsamer Haltung, nicht so, wie man feines Obst aufrecht an der Mauer zieht. Sammeln von Beeren, Früchten, freie Jagd sind lange vorbei, wenige Reiche leben von vielen Armen. Beständiger Hunger zieht durch das Leben, nur er zwingt zur Fron, dann erst zwingt die Peitsche. Wäre der tägliche Bissen so sicher wie die Luft, dann gäbe es kein Elend. So aber wächst nur im Traum das Brot wie Laub auf den Bäumen. Vorhanden ist nichts dergleichen, das Leben ist hart, und trotzdem war stets ein Gefühl des Auswegs da und daß er möglich sei. Da er so lange nicht gefunden wurde, schwärmte träumerischer Mut nach überallhin aus.“ (Bloch, 1969, p. 7)

„Wäre der tägliche Bissen so sicher wie die Luft, dann gäbe es kein Elend“, schreibt Ernst Bloch, 1969, in Freiheit und Ordnung .

Auch im 21. Jahrhundert lässt sich dieser Satz nicht von der Möglichkeits- in die Wirklichkeitsform übertragen, denn es gibt wohlweislich Elend auf der Welt und der Hunger zeigt sich in mehrfacher – in diesem Kontext – zumindest aber in dreifacher Hinsicht. So gibt es den Hunger der Menschen nach Brot, den Hunger der Menschen nach mehr Gerechtigkeit und den Hunger vieler, nach einem Leben, das sie wirklich leben wollen. Nicht ausschließlich, jedoch zu einem großen Teil steht diese gegenwärtige Armut, die neben dem materiellen auch sozialen Mangel in sich birgt, in enger Verbindung mit der Koppelung von Arbeit und Einkommen. Weltweit sind aktuell 75 Millionen Jugendliche (im Alter von 15-24 Jahren) ohne Arbeit. Insgesamt 200 Millionen Menschen von 3,3 Milliarden Arbeitern sind arbeitslos (Stand, 2012). 600 Millionen Arbeitsplätze fehlen zukünftig, um die 40 Millionen neuen Arbeiter pro Jahr sowie die 200 Millionen Arbeitslosen zu versorgen (vgl. ILO).

In der Mitte des 17. Jahrhunderts verknüpfte Thomas Hobbes die Arbeit und die Handlung mit der Macht potentia (vgl. Kocka, 2003, p.83). Er sprach von der Arbeit als „Gottheit“, die dem Menschen jeglichen Wohlstand zu ermöglichen in der Lage sei (vgl. Füllsack, 2009, p. 50). John Locke machte wenig später Arbeit, im Sinne von individueller Arbeit, zu einem gesellschaftlichen Grundbegriff. Er löste den Arbeitsbegriff aus den alten Verschränkungen von Mühe und Armut und verknüpfte die Arbeit mit dem Reichtum. Als wesentliches Moment schrieb Locke ihr Wertschöpfung zu. Dementsprechend wurde Armut als selbstverschuldetes Laster unter Bestrafung und Verfolgung geahndet sowie als bewusste Nicht-Arbeit definiert (vgl. Gutschner, 2002, p.146).

Die vom Menschen zur „Gottheit“ erhobene Arbeit scheint es nicht gut mit uns zu meinen. Die Existenz- und Lebenssicherung ist gekoppelt an das Haben eines bezahlten Arbeitsplatzes. Da institutionalisierte Arbeitsverhältnisse zunehmend knappe Ressourcen darstellen, führt die mangelnde Umverteilung dieser zu sozialen Ungleichheiten. Das verwirklichte Recht im Besitz einer menschenwürdigen Arbeit zu sein erweist sich mehr und mehr als ein Privileg für eine Minderheit, der eine Mehrheit vom Wirtschaftsmarkt und folglich der gesellschaftlichen Teilhabe Ausgegrenzten gegenübersteht. Eine bezahlte Arbeit zu haben ist das unbedingte Paradigma der Gegenwart. Ob es sich dabei um prekäre und somit atypische Arbeitsverhältnisse oder Arbeit unter menschenunwürdigen Bedingungen handelt, darf nicht in Frage gestellt werden. Wer essen will, muss einer Erwerbsarbeit nachgehen, auch wenn diese in vielen Fällen nicht zum erwarteten Wohlstand verhilft – nicht einmal das Lebensnotwendige zu sichern vermag –, wie der Ausdruck ` Working Poor `, unter den 30% der Weltbevölkerung (vgl. ILO, Stand, 2011) gezählt werden können, selbst erklärt.

Wird die Gruppe derer, die von der gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen sind, größer, so kommt es durch die zunehmende Ungleichheit zu gesellschaftlichen Spannungen. Bereits Hobbes wies darauf hin, dass eine staatlich geregelte Umverteilungsordnung zum Ausgleich einseitiger Gewinne als friedenssichernde Notwendigkeit jeder Gesellschaft bestehen müsste (vgl. Füllsack, 2002, p.84).

Angesichts ausreichend vorhandener Güter, lässt es sich zwar rational, aber nicht menschlich einsehen, warum es so viele Ausgegrenzte, Hungernde, absolut und relative arme Menschen in unseren Weltgesellschaften gibt. Rational ist es einsehbar, warum Teile der Welt immer wieder von Hungerkatastrophen heimgesucht werden. Geographische Gegebenheiten erhöhen das Risiko natürlicher Übel, die in Form von Dürrekatastrophen, Überschwemmungen, Erdbeben, Insektenplagen etc. die erarbeiteten Nahrungsgrundlagen der Menschen zerstören. Natürliche Übel lassen sich nicht aus der Welt schaffen, Auswirkungen moralischer Übel – wie folgend definiert – mit Sicherheit.

Politisch instabile Verhältnisse, Despotismus und Korruption, die Macht der Finanzmärkte, interne wie externe Ausbeutung vorhandener Ressourcen, die einige wenige zu Gewinnern und viele zu Systemverlieren machen, sind nicht natürlichen Ursprungs und deshalb nicht legitimierbar. Denn nicht nur in den Entwicklungsländern ist Armut nach wie vor lebensbeherrschend, nein, zunehmend zeigt sich auch in den sogenannten Industrieländern, dass die Kluft zwischen arm und reich größer wird, erstere an Personenzahl, letztere an Vermögensbesitz zunehmen. Diese Armut drückt sich in sozialer wie auch materieller Hinsicht aus und gründet sich in einer neuen Klasse, dem Prekariat .

Ein Gros der Weltbevölkerung ist dem Gesetz von ca. 80.000 transnationalen Konzernen untertan (von 1996 bis 2008 verdoppelte sich die Anzahl TNU, vgl. BpB.). Dieses Gesetz gehorcht der Logik des Marktes und des Kapitals. Diese Logik ist nicht rational, nicht neu, aber besonders effektiv. Diese sogenannte moderne Ökonomie verlangt nach billiger, flexibler menschlicher Arbeitskraft als Ware und opfert zugunsten der Produktivität an Gütern das Recht auf sichere und menschenwürdige Arbeitsplätze, erhebt die Effizienz über die Humanität.

Die Sicherungsmodelle der europäischen Wohlfahrtsstaaten sind gekennzeichnet durch die Koppelung der meisten Sozialleistungen an den Beschäftigungsstatus (so in Deutschland, Österreich, Frankreich und den Beneluxstaaten). Diese Koppelung lässt sich aber ohne ein verwirklichtes Recht auf Arbeit, nicht begründen. Zudem hinkt diese Art sozialer Sicherung, aufgrund der Zunahme prekärer Beschäftigungsverhältnisse und deren Konsequenzen dem Zeitgeist hinter her. Sicherungsmodelle, die auf Normalarbeitsverhältnisse ausgerichtet sind, werden der prekären Situation der Arbeitsverhältnisse nicht gerecht.

Im Fokus der vorliegenden Arbeit liegt die Beschäftigung mit den moralischen Übeln unser tägliches Brot betreffend. Dabei wird in Kapitel I der Begriff der `Arbeit` geklärt, die geschichtlichen Hintergründe des ökonomischen Arbeitsbegriffs erläutert und auf dieser Basis die Probleme, die ein verengter Arbeitsbegriff, vor allem gegenwärtig aufwirft, diskutiert.

Ob Erwerbsarbeit als zentraler Lebens- und Überlebensfaktor der das Recht auf Nahrung an die Pflicht zur Arbeit koppelt, und dies, obwohl die Wirtschaft weltweit zum Großteil auf unbezahlter Arbeit basiert, die zum Hauptteil von Frauen getragen wird, noch zeitgemäß ist, gilt es zu hinterfragen.

Der träumerische Mut, dass es besser würde, dass der Wohlstand alle Menschen gleich machen würde in ihrem Dasein und den Bedingungen ihrer Lebensmöglichkeiten, ist noch immer eine Hoffnung, deren Verwirklichung drastischen Umdenkens bedarf. Etwas läuft grundlegend falsch – eine These ist , dass der Fehler in der Organisation von gesellschaftlicher Arbeit liegt. In Kapitel II soll daher ein bedingungsloses Grundeinkommen vorgestellt werden, das das Werkzeug bietet, herkömmliche Arbeit im Sinne eines würdigen Lebens für alle umzugestalten. Die Lösung der Arbeit von der ökonomischen Verknüpfung bietet Chancen für eine neue Kultur der Arbeit auf Basis eines ganzheitlichen Menschenbilds, welches in Kapitel III entwickelt wird.

Konkret heißt dies, dass der Mensch sich das Leben unnötig schwer macht, dass die Arbeit zu einer abstrakten Tätigkeit herabgewirtschaftet wurde, deren Nutzen gemeinhin in Frage zu stellen ist. Die schöpferische, sinnstiftende Komponente der Arbeit ist eine verschwindende Randerscheinung im Dasein des Menschen. Das Potential von Arbeit in ihrer Vielfältigkeit wiederzuentdecken, kann nur eine Bereicherung für alle sein. Es gilt zu erörtern, wie wir in Zukunft leben wollen.

Noch träumen einige von uns mutig, dass es Auswege aus dem Elend gibt und dass ein Ausgangspunkt zur Lösung der sozialen Frage – nämlich der unbedingten Gewährleistung von Lebensnotwendigem, sprich Nahrung, Wohnen und Kleidung für alle – in der Entkoppelung von Arbeit und Einkommen seinen Ausgang nehmen könnte.

„Arbeit ist eine zentrale Grundbestimmung menschlichen Lebens. Sie ist im Zusammenhang von Annahme und Entfaltung menschlicher Würde zu sehen, und sie hat in jeder geschichtlichen Epoche die Gesellschaft und ihre Entwicklung erheblich beeinflusst.“ (Fink, 1994, p.102)

Kapitel I Zur Arbeit: Vergangenheit und Gegenwart

1. Zum Begriff der Arbeit

Arbeit scheint die Tätigkeit des Menschen schlechthin zu sein. Jeder Blick offenbart uns eine Welt, in der viel gearbeitet wird und in der bereits viel gearbeitet wurde. Schier unendlich und allgegenwärtig kreiert diese sogenannte Arbeit in unendlichen Kreisläufen Neues, was seinerseits wiederum nach dieser großen unbekannten Bekannten, der Arbeit verlangt. Fest steht, Arbeit per se arbeitet nicht. Einen Gutteil der gesellschaftlich produktiven Tätigkeiten verrichtet der Mensch als Subjekt, dessen Gegenstand die Arbeit, die körperliche und/oder geistige ist, mit dem Ziel der mittelbaren sowie unmittelbaren Befriedigung seiner materiellen und/oder ideellen Bedürfnisse. Eine Holzplatte wird in einzelnen Arbeitschritten zugeschnitten, geschliffen, lackiert, durchläuft den Prozess der Arbeit, um dann als Arbeitsresultat ihrem Zweck als Tisch zu dienen. Holz arbeitet bekanntlich, doch scheint es nicht die Ambition zu haben, auf einen Endzweck als Tisch zuzusteuern.

Der Mensch vergegenständlicht aktiv die Welt und schreibt den Dingen Zwecke zu. Er ist zugleich Produzent und Konsument der von ihm hergestellten Güter. Arbeit ist nicht gleich Arbeit, doch konstituiert sich die conditio humana im Wesentlichen auf dem Drang und Zwang zu tun, sich die Natur anzueignen und zeitweise diese zu enteignen, ihres ursprünglichen Zweckes zu entfremden. Der Arbeitsbegriff enthält demgemäß eine anthropologische Bestimmung.

Dem Ausdruck ´Arbeit´ obliegt eine Mehrdeutigkeit, die sich in den verschiedenen Anwendungen des Begriffs der ´Arbeit´ ausdrückt. So kann zwischen dem Prozess -, dem Resultat - und dem Zweck-Sinn des Ausdrucks ´Arbeit´ unterschieden werden. Im Gegensatz zum Spiel dient Arbeit gemeinhin keinem Selbstzweck, sondern lässt sich als Mittel begreifen – instrumentelles Mittel einerseits zur Vergegenständlichung des Menschen in seinen Produkten – Reproduktion von Lebensnotwendigem und Generierung von Kulturgütern –, andererseits Mittel zur Schaffung und Herstellung weiterer Mittel, die zur Fertigstellung von Arbeitsprozessen nötig sind. Wird unter Arbeit der Resultatsinn des Ausdrucks `Arbeit’ verstanden, so stellt ihr Produkt Konsumgüter dar, die zur Generierung von Kulturgütern führen können, mit Hilfe derer nachfolgende Generationen ihrerseits Arbeit verrichten. Durch vorhandene Arbeit wird folglich notwendig der Bedarf an weiterer Arbeit erzeugt. Dies entspricht dem Prozesssinn von `Arbeit`, dem der materielle oder ideelle Zwecksinn vorausgehen (vgl. Lange, 1980, pp.13). Begriffsgeschichtlich lässt sich das Wort ´Arbeit´ vom indogermanischen Wortstamm `orbho` ableiten, woraus im Althochdeutschen `arabeit` und zu mittelhochdeutsch das Wort `arebit` wurden. Die Grundbedeutung von `Arbeit`, nämlich „Mühsal, Not, Plage, Anstrengung“ ist allen drei Sprachstufen gemein (vgl. Walther, 1990, p.4). Wortgeschichtlich dürfte sich diese negative Zuschreibung durch Reduktion auf rein körperliche Tätigkeiten, wie sie von Sklaven oder Knechten verlangt wurden, herausgebildet haben. Die Römer bezeichneten das mühevolle Tätigsein ihrer Sklaven, welches sich in der bloßen Notwendigkeit erschöpfte, mit laborare, wohingegen der Aspekt des Werks mit dem lateinischen Wort opera bedacht wurde (vgl. Füllsack, 2009, pp.8). Bei den Griechen wird der Aspekt der Mühe als ponein , hingegen der des Werks ergazesthai , dem in Freiheit geschaffenen Werk ergon, gegenübergestellt. Den Römern wie den Griechen ist kein einheitlicher Arbeitsbegriff bekannt. Körperlich wie geistige Tätigkeiten unter einen Begriff zu fassen, erscheint ihnen unsinnig. Vor allem die körperliche Arbeit mit ihren Aspekten der Notwendigkeit und zumal Mühseligkeit der mit ihr verbundenen knechtischen Unfreiheit des Arbeitenden findet in der aristotelischen Bestimmung der Lebensweisen Geringschätzung. Dabei stellt der Lastcharakter, nur einen Aspekt von Arbeit im anthropologischen Sinn dar.

In der Nikomachischen Ethik unterscheidet Aristoteles drei ideale Lebensweisen voneinander, deren Ziel die Erlangung von Glückseligkeit ist. „Die Glückseligkeit stellt sich dar als ein Vollendetes und sich selbst Genügendes, da sie das Endziel alles Handelns ist.“ (ebd., 1097b)

So bestimmt Aristoteles das Leben im Genuss und für die Lust als die eine, das Leben in der Polis als politisch Handelnder als die zweite und deutet als die höchst erstrebenswerte Lebensweise das Leben in philosophischer Betrachtung (vgl. Aristoteles, Nikomachische Ethik, 1095b). Diesen drei Lebensweisen ist gemein, dass sie sich gegenüber den übrigen hervortun, indem „(...) sie sich alle im Bereich des »Schönen« abspielen, das heißt in der Gesellschaft von Dingen, die nicht notwendig gebraucht werden, ja nicht einmal zu irgendetwas Bestimmtem zu nütze sind.“ (Arendt, 2002, p.23) Durch das Fernsein jeglichen Zwanges stehen die drei aristotelischen Lebensweisen als autonome „Bewohner“ des Reiches der Freiheit den unfreien, heteronom bestimmten Dingen des Reiches der Notwendigkeit gegenüber. Das Reich der Freiheit spiegelt die Lebensarbeit unter den Bedingungen der Selbstbestimmung, der Selbsttätigkeit und intrinsischem Handelns wider. Im Vordergrund der aristotelischen Bestimmung steht die Praxis und nicht die Poiesis. Das Ziel dieses Handlungszuganges ist die Verinnerlichung im Gegensatz zur Entäußerung. Vorraussetzung für das Handeln und Tun ist die Muße – Muße, die sich nicht erzwingen lässt, sondern im Rhythmus der eigenen Zeit des Lebens schwingt.

Das Reich der Notwendigkeit hingegen ist gekennzeichnet durch Last und Mühe, Ausdruck von Unfreiheit und Unterwürfigkeit gegenüber der Natur sowie speziell in der Antike dem Herren als Diener. Es befindet sich also fernab des Bereichs des Schönen. Lebensbestimmend ist die Poiesis , die herstellende Arbeit unter den Bedingungen enteigneter Zeit. Sie dient dazu Konkretes, Gegenstände, vergängliche und beständige Güter hervorzubringen. Das Ziel dieses Weltzuganges liegt außer seiner selbst. Denn es ist die einer Notwendigkeit innewohnende Zweck-Mittel-Relation, die sich gemeinhin aufdrängt, wenn von Arbeit in diesem Sinne geredet wird. Arbeit ist demzufolge etwas individuell-existentiell Notwendiges, dem ein (materieller und/oder ideeller) Zweck-Sinn vorausgeht. Die aristotelische Trennung der vita contemplativa von der vita activa ist idealer Natur, realiter aber nur durchführbar, indem andere die notwendige Arbeit für einen erledigen.

Arbeit ist geprägt von einem Doppelcharakter, der eine Art Problemlösen beinhaltet. Der Ursprung dieses Problemlösens liegt im Reich der Notwendigkeit , in der Bedingtheit des Menschseins und hat sein Ziel in der Erweiterung des Reiches der Freiheit .

Um zu einem positiven Arbeitsbegriff zu gelangen, lässt sich Karl Marx Unterscheidung in nützliche oder abstrakte Arbeit heranziehen.

„Als Bildnerin von Gebrauchswerten, als nützliche Arbeit, ist die Arbeit daher eine von allen Gesellschaftsformen unabhängige Existenzbedingung des Menschen, ewige Naturnotwendigkeit, um den Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur, also das menschliche Leben zu vermitteln.“ (ebd., 2009, p.56)

Nützliche Arbeit oder konkrete Arbeit , verstanden als zweckmäßig produktive Tätigkeit, erzeugt Produkte mit Gebrauchswert für die menschliche Existenz. Der Gebrauchswert wird durch die Nützlichkeit eines Dinges bestimmt. Unter `produktiver Tätigkeit` versteht Karl Marx nicht `produktiv` im modernen Sinn. Freie Ziel- und Zwecksetzung der Aktivitäten durch das handelnde Subjekt kennzeichnen, was Marx unter `produktiver Tätigkeit´ versteht (vgl. Thieß, 2009, p.2). A bstrakte Arbeit ist entfremdete Arbeit, in der die Nützlichkeit nicht von Belang, allein der Tauschwert, der den Wert der Waren produziert, ausschlaggebend ist (vgl. ebd., 2009, p. 6).

Mit Aristoteles` idealer Bestimmung von Arbeit als Praxis mit Muße als komplementärem Begriff , unter den Vorzeichen des Reichs der Freiheit und Marx` Bestimmung von Arbeit als produktiver Tätigkeit im Sinne einer grundlegenden Bedingung des Menschseins soll in Ergänzung ein qualitativ-ideeller Arbeitsbegriff folgend definiert werden:

Arbeit im positiven Sinne ist Selbstzweck ohne ihre Bedeutung für die Gemeinschaft leugnen zu müssen. Die Qualität einer solchen hat individuelle wie gesellschaftliche Bedeutungsfunktion. Im Sinne von Praxis ist die Zeit dem Arbeitenden eigen unter Vorrausetzungen der Muße. Die Zusammenführung von körperlicher und geistiger Arbeit entspricht dem Marxschen Begriff ´lebendiger Arbeit´ , die unter den Vorzeichen der Selbstbestimmung, der Zeit-, der Sach- und der personalen Souveränität verrichtet wird. Diese Form von Arbeit entspricht Tätigkeiten, die sowohl in institutionalisierten Verhältnissen als auch als informelles Tun verrichtet werden. Dieser sinnkonstitutive Arbeitsbegriff bildet die Grundlage der in Kapitel II und III zu entwickelnden Idee einer neuen Kultur der Arbeit.

In Abgrenzung dazu liegt der Fokus in Kapitel I auf dem quantitativ-realen Arbeitsbegriff , dessen ökonomische Fundamentalisierung in der Neuzeit ihren Ausgang nahm. Diesem entspricht der Charakter ´abstrakter Arbeit´ , gekennzeichnet durch die Trennung von körperlicher und geistiger Arbeit, weiters definiert durch strikte Instrumentalisierung sowohl des Arbeitenden als auch des Arbeitsresultats im Hinblick auf den Tauschwert. Ausschließlich im Reich der Notwendigkeit verhaftet gestaltet sich die Arbeit als bloßer Gegenstand, der der Zweck-Mittel-Relation untergeordnet ist sowie auch das Arbeitssubjekt zum reinen Objekt – im Sinne von Arbeitskraft als Ware – entwertet. Gegensatzbegriffe dieser sind die Freizeit als Zeit der Erholung von der Arbeitszeit sowie gemeinhin die Erwerbsarbeitslosigkeit. Zeit als quantitatives Moment und materielle Vergütung als Maßstab kennzeichnen überwiegend institutionalisierte, formelle Arbeitsverhältnisse.

Der Ursprung von Arbeit verengt als Erwerbsarbeit mit ihrer vorrangigen Zweck-Mittel-Struktur soll im historischen Rückblick erörtert werden.

2. Arbeit aus historischer Sicht

Dem Thema Arbeit aus historischer Sicht gerecht zu werden verlangt die unbedingte Berücksichtigung historisch-kultureller Gegebenheiten. Zu diesen zählen unter anderen die Organisation der jeweiligen Gesellschaft, ihre spezifischen Produktionsformen sowie die Wirkungen unterschiedlicher Herrschaftspraktiken.

Die folgende Darstellung erhebt nicht den Anspruch, erschöpfend und hinreichend zu sein und verfolgt keine Gegenüberstellung der historisch-konträren Lebenswelten. Lediglich stellt sie einen Versuch dar, ´Arbeit` in Europa – von der vorindustriellen bis zur postindustriellen Periode – zu beleuchten, um zu zeigen, dass durch unterschiedliche Bewertungen das Wesen der Arbeit selbst verändert wird.

In der Antike waren ursprünglich Tätigkeiten, die unmittelbar mit der Befriedigung elementarer Lebensbedürfnisse verbunden sind und somit keine gegenständlichen Spuren in der Welt hinterlassen – in Form von Dingen mit Bestand –, verachtet. Diese Verachtung weitete sich im Laufe der Entwicklung der griechischen Polis auf alle Tätigkeiten, die nicht direkt dem Politischen galten, aus. Sich allem zu enthalten, was nur irgendwie körperliche Anstrengung bedeutete, wurde zur politischen Forderung. „Arbeiten hieß, Sklave der Notwendigkeit sein, und dies Versklavtsein lag im Wesen des menschlichen Lebens.“ (Arendt, 2002, p.101) Sich aus diesem Zwang zu befreien konnte nur gelingen, wenn andere die Notwendigkeiten des Lebens für einen trugen. Die Einrichtung der Sklaverei war im Altertum der bewusste Versuch, das Animalische, das der Arbeit als Lebensnotwendigkeit anhaftet, aus dem „menschlichen“ Leben zu verbannen (vgl. Arendt, 2002, pp.100). Die aristotelische Bestimmung des Menschen als animal rationale war nicht mit der Last und vor allem der Körperlichkeit von Arbeit vereinbar. Werkzeugen gleich wurden Sklaven als bloße Arbeitskräfte betrachtet, die den Priveligierten der Griechen die körperliche Arbeit ersparten (vgl. Füllsack, 2009, pp.27). Die Sklaven wie auch die Frauen, die mit den Sklaven zum Haushalt gehörten, konnten keine vollwertigen Mitglieder der Polis werden. Sie waren mit der Sorge um das Private, der cura privatii negotii beschäftigt und somit mit minderen partizipativen Rechten ausgestattet. Im Gegensatz dazu kümmerten sich die mit der Sorge um das Öffentliche cura rei publicae betrauten freien Männer um das Gemeinwesen. Als frei galt nur der sogenannte „freie Mann“ – eine Bezeichnung, die sich bis zur Neuzeit hielt. Von der Lebensnot durch die Arbeit seiner Sklaven befreit, oblag es ihm sich differenzierten Formen der Muße zuzuwenden (vgl. Inàntsy-Pap, 1967, p.102). Die freien Bürger waren weder untätig noch faul, denn „Nicht Untätigkeit, sondern die Möglichkeit, über die Arbeit selbstständig zu bestimmen, galt den Griechen als wahrlich erstrebenswert und damit als tugendhaftes Verhalten.“ (Füllsack, 2009, p.30) Das politische Handeln, bios politikos, war zwar Ausdruck der Freiheit, als das eigentlich Menschliche aber galt das kontemplative Leben der Philosophen, die vita contemplativa , denen fernab irdischer Notwendigkeiten das Erkennen der Wahrheit möglich war (vgl. Barzel, 1973, p.164). Die Freiheit des priveligierten Mannes in der Polis definiert sich sowohl als psychische wie auch physische Unabhängigkeit gegenüber einem Vorgesetzten wie auch materieller Bedingtheiten. Dem Verständnis der Antike entsprach dem Wesen des Menschen, die Eigenschaften des Lebens eines homo politicus oder auch eines homo philosophicus (vgl. Bauer, 1984, p.70).

Im klassischen Altertum lässt sich hinsichtlich der hierarchisch organisierten Gesellschaftsstruktur kein allgemeiner Begriff der ´Arbeit´ finden. Bezogen auf die mühevollen Tätigkeiten der Sklaven war Arbeit an sich negativ konnotiert. Ebenso wurde die Arbeit der Bauern, der Handwerker, der Kaufleute und Tagelöhner, sowie wirtschaftliche und abhängige Arbeit im Allgemeinen, skeptisch beäugt und negativ bewertet. Arbeit war synonym mit physischer Anstrengung, mit lästiger Notwendigkeit und mit Unfreiheit, derer man sich im Besitz der möglichen Mittel durch Sklaven entledigte. Die Muße war Ausdruck des Glücks und Privileg der männlichen, freien Bürger (vgl. Kocka, 2003, p.79). Aus der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts ist der Begriff der Muße s´cholë in der Bedeutung von freier Zeit, ein Anhalten, sich Zeit lassen, erstmalig schriftlich überliefert (vgl. Dietrich, 1994, p.21). Strikt wurde zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit unterschieden, die Nicht-Muße, die Arbeit, bedeutungsgleich mit dem Animalischen gesetzt, welches nicht in das Selbstverständnis des antiken Menschenbildes zu integrieren war. Die Handarbeit der Sklaven und die intellektuelle Arbeit eines Schriftstellers mit derselben Kategorie zu fassen, wäre den Griechen als unsinnig erschienen (vgl. ebd., 2003, p. 79).

„So konnten die Griechen keinen Arbeitsbegriff bilden, es konnte ihnen auch nicht zu Bewusstsein kommen, daß Arbeit der Hauptproduktionsfaktor sei; sie hatten keinerlei Anlaß, sie als die eigentliche wertschaffende Komponente der Volkswirtschaft zu erkennen, weit wichtiger als die Natur. Wie sie auch keine Volkswirtschaft kannten (und keine Wissenschaft davon), innerhalb derer ein solcher Arbeitsbegriff respektive ein solches Arbeitsverständnis hätte bedeutsam sein können. (...) Entsprechend konnte den Griechen Arbeit nicht der gemeinsame Nenner sein, auf den sie die verschiedensten Tätigkeiten von Hoch und Niedrig hätten bringen, der Begriff unter dem zugleich manches hätte subsumiert werden können, was bis dahin nicht als Arbeit gelten konnte (weil gesellschaftliche respektive ständische Barrieren es verhinderten, Tätigkeiten der Oberschicht als Arbeit zu verstehen).“ ( Meier, 2003, p.20)

Das Handeln – im Sinne von politischer Aktivität – wurde über das bloße Herstellen der gemeinen Arbeit gestellt.

Das Christentum trug in der Antike maßgeblich zur Entdiskriminierung von (körperlicher) Arbeit bei. Bei genauer Betrachtung, zeigt sich, dass die jüdisch-christliche Tradition selbst

ein deutlich ambivalentes Verhältnis zur Arbeit prägt. Vor allem in der Bibel wird Arbeit einerseits mit Mühsal und Fluch verbunden, andererseits als Aufforderung Gottes an den Menschen verstanden, sich die Erde untertan zu machen. So spiegelt sich der göttliche Fluch und Segen zugleich in der profanen Arbeit wider (vgl. Kocka, 2003, p. 79). Nicht die Arbeit im Allgemeinen, sondern die mit ihr meist einhergehende Mühsal und Last machen sie zu einer deutlich negativ beachteten Aktivität. Arbeit per se galt als unerlässlich, nicht nur der Notwendigkeit wegen, sondern dem Willen Gottes zufolge, sowie als Dienst am Nächsten und auch als Erfüllung bringende Tätigkeit. Seit dem 6. Jahrhundert bezogen sich die christlichen Mönchsorden durch Arbeit auf die Teilnahme am Schöpfungswerk Gottes. In den mittelalterlichen Klöstern nahm das ora et labora , welches die Arbeit nur dem Beten nachordnete, einen großen Stellenwert ein. Die klösterlichen Regeln, die sich in strengen Tagesabläufen und durch Askese ausdrückten, wurden später als Vorläufer der modernen Fabriksdisziplin und der abstrakten, betriebswirtschaftlichen Zeitrechnung herangezogen. Das sich entwickelnde christliche Arbeitsethos kann mit der berühmten Benediktiner-Regel „otiositas inimica est animae“ – „Nichtstun ist eine Gefahr für die Seele“ – beschrieben werden (vgl. Füllsack, 2009, pp.37). Fest steht, dass die Mönchsregeln zur Umwertung der Arbeit in Europa beitrugen, indem das Christentum gegen die Sklaverei Stellung bezog und dadurch die Arbeit vom Stigma der Unfreiheit loslöste, das ihr in der Antike lange anhaftete. Trotzdem änderte die christliche Deutung der Arbeit als sinnvoll nichts an der mit Handarbeit verbundenen Dimension der Arbeit als drückender Last. Gerade dieser dominante Aspekt aber ist es, der der Lebenswelt der allermeisten Arbeitenden in den Städten und auf dem Land tatsächlich entsprach (vgl. Kocka, 2003, p.80). Die Orden und Kirchen, die aufgrund des tief verinnerlichten Arbeitsethos innerhalb kürzester Zeit enormen wirtschaftlichen Aufschwung erlangten, kamen gegenüber der vorwiegend armen Bevölkerung ob ihres Reichtums in Erklärungsnot, was bekanntlich zu Abspaltungen von der Hauptkirche führte. Intern ermöglichte der Erfolg der klösterlichen Wirtschaft die Trennung von geistiger und körperlicher Arbeit . So wurden Mönche, die nicht mehr für körperliche, das heißt dem täglich Notwendigem dienende Tätigkeiten gebraucht wurden, beispielsweise zum Abschreiben kirchlicher Texte oder zur Neuinterpretation dieser herangezogen. Dadurch erst wurden diese Mönche zu Geistlichen im Sinne von Wissensarbeitern, die sich frei von körperlicher Arbeit ausschließlich Glaubensfragen widmen konnten. Im 13. Jahrhundert trug Thomas von Aquin, indem er Aristoteles rezipierte, durch die Hervorhebung der vita contemplativa gegenüber der vita activa zu einer erneuten Rangerhöhung der geistigen gegenüber der körperlichen Arbeit bei. Die griechische Geringschätzung gegenüber körperlicher Tätigkeit war jedoch im christlichen Kontext bei Weitem nicht so stark ausgeprägt, denn letztendlich zählte Arbeit, respektive körperliche, zu den von Gott auferlegten Pflichten im Zusammenhang mit der Vertreibung aus dem Paradies (vgl. Füllsack, 2009, p.39).

In der mittelalterlich-frühneuzeitlichen Stadt , die seit dem 12. Jahrhundert ausgebaut wurde und fast durchwegs als Gewerbestadt organisiert war, wurde dem Bürger die Verschränkung zwischen Arbeit und Bürgerrecht zuteil. Es ist die Rede von „ehrbarem Handwerk“ und „ehrsamen Handel“, wodurch sich die positive Konnotation und prägende Bedeutung von Arbeit, nämlich als Berufsarbeit , in der sich entwickelnden bürgerlichen Kultur ausdrückt. Der Arbeitsbegriff war geprägt vom Bürgerbegriff, zu dem die städtische Autonomie sowie die Entwicklung einer selbstbewussten Kultur freier, sich zusammenschließender und selbst organisierender Bürger gehörte. Diese positive Konnotation von Arbeit wirkte im späten Mittelalter und in der Frühen Neuzeit fort. Die wirtschaftlichen Beziehungen erweiterten sich über die einzelnen Stadtgrenzen hinaus und führten zum Handelskapitalismus mit dem Fernhandel als Hauptkern. Die ökonomischen und demografischen Krisen des 14. und 15. Jahrhunderts brachten jedoch auch zunehmende Armut mit sich und die Furcht davor – nämlich vor der Bettelei und dem „Müßiggang“ – führte zu Phänomenen wie der oktroyierten Positivnormung von Arbeit , Fleiß und Disziplin und umgekehrt zur Negativnormung von Armut assoziiert mit Müßiggang und Unsittlichkeit. Im 16. Jahrhundert führten Martin Luthers Bestrebungen zur Unterstreichung des Vorzuges der vita activa gegenüber der vita contemplativa . Luthers Lob der Arbeit und seine scharfe Kritik am Müßiggang der Eliten, gepaart mit dem Kampf gegen die Arbeitsscheu der kleinen Leute, waren wohl gedankliche Vorreiter für die Errichtung von Arbeits- und Zuchthäusern, die zunächst in den protestantischen Ländern entstanden. Arbeit wurde als Mittel und nicht als Selbstzweck verstanden, als Mittel zur Disziplinierung und als Instrument zur Förderung von Unterwürfigkeit (vgl. Kocka, 2003, pp.81).

Das 17. und 18. Jahrhundert , aus dem die europäische Moderne hervorging, war geprägt von stetem Wandel und Fortschritt. Die Epoche des Merkantilismus bzw. Kameralismus stellte Arbeit in den Kontext einer möglichst effizienten Beschäftigung (vgl. Gutschner, 2002, p.144). Auf der Grundlage der voranschreitenden Durchsetzung des Kapitalismus, der Staatsbildungspolitik der absolutistischen Fürstenstaaten sowie der gesellschaftlichen Ächtung und sozial-moralischen Diskriminierung von Armut konnte sich der moderne, allgemeine Arbeitsbegriff durchsetzen. Arbeit umfasste nun zugleich körperliche wie auch geistige Tätigkeiten und wurde vorrangig positiv konnotiert als bewusstes, intentionales Handeln zur Stillung von Lebensbedürfnissen sowie als unerlässlicher Teil der Daseinerfüllung des Menschen. Arbeit wurde zu einem Instrument staatlicher Förderung und Regulierung und Gegenstand staatlicher Macht. Dem Staate durch Fleiß und Arbeit nützlich zu werden galt als oberste Pflicht. Die Einteilung der Menschen in zwei Klassen, nämlich in „nützliche“ und „überlästige“ – im Sinne von faul – wurde in dieser Epoche festgeschrieben. „Arbeit wurde als Strafe für Verfehlungen, aber auch generell als Zucht- und Erziehungsmittel eingesetzt. Damit wurden die Fundamente für Grundhaltungen gelegt, welche die Basis der industriellen Arbeitswelt darstellten.“ (Gutschner, 2002, pp.144)

Begriffsgeschichtlich müssen zwei Entwicklungen unterschieden werden: (1) Zum einen tragen die Philosophie der Aufklärung wie auch der Deutsche Idealismus zu einer empathischen Fundamentalisierung des Arbeitsbegriffs bei. In der Mitte des 17. Jahrhunderts verknüpft Thomas Hobbes die Arbeit und die Handlung mit der Macht potentia (vgl. Kocka, 2003, p.83). Er spricht von der Arbeit als „Gottheit“, die dem Menschen jeglichen Wohlstand zu ermöglichen in der Lage ist (vgl. Füllsack, 2009, p. 50). John Locke machte wenig später Arbeit im Sinne von individueller Arbeit zu einem gesellschaftlichen Grundbegriff. Er löste den Arbeitsbegriff aus den alten Verschränkungen von Mühe und Armut, verknüpfte die Arbeit mit dem Reichtum und schrieb ihr das wesentliche Moment der Wertschöpfung zu. Dementsprechend wurde Armut als selbstverschuldetes Laster unter Bestrafung und Verfolgung geahndet sowie als bewusste Nicht-Arbeit definiert (vgl. Gutschner, 2002, p.146). Das Wesen von Arbeit hinsichtlich seiner Mühe und Last verliert zunehmend in der Hoffnung durch die neuen Techniken Arbeitserleichterung zu erlangen an Kraft. Immanuel Kant wertet die Muße als leere Zeit ab und die Arbeit als Lebenssinn auf.

In den Bildungsreformbewegungen des 18. und 19. Jahrhunderts wurde die Verinnerlichung vom hohen Wert der Arbeit zur treibenden Kraft. Lange vor Karl Marx übte Johann Heinrich Pestalozzi scharfe Kritik an dieser Aufwertung, der die tatsächliche Arbeitswirklichkeit, die sich repetitiv, höchst arbeitsteilig und in allen Formen von Ausbeutung (u.a. Kinderarbeit) gestaltete und somit dem normativ-idealtypischen Begriff von Arbeit nicht annähernd entsprach. Er verurteilte diese Zustände, indem er sagte, dass die rein mechanische und ausbeutende Arbeit der menschlichen Bestimmung widerspricht (vgl. Kocka, 2003, pp.83).

(2) Zum anderen kommt es zur Ökonomisierung des Arbeitsbegriffs . Etwa bei Adam Smith findet sich die Bestimmung von Arbeit als Quelle des Reichtums und somit als primärer Produktionsfaktor. Arbeit war einerseits Mittel zur Existenzsicherung, andererseits diente sie der Anhäufung von Kapital. Das Verständnis von Arbeit erhielt eine rein ökonomisch geprägte Dimension, fernab von der zuvor so mächtigen negativen Konnotation der Mühe und Plage. Durch diese normative Neubewertung wurde Arbeit zum wertschaffenden als auch wertfreien Faktor (vgl. Gutschner, 2002, p.146). Der von den Eliten bestimmte Arbeitsbegriff war abstrakt und somit losgelöst von der Arbeitsrealität der Arbeitenden.

Theoretisch wurde der neuzeitliche Arbeitsbegriff unter anderem von John Locke, über Georg Wilhelm Friedrich Hegel bis hin zu Karl Marx geprägt und entspricht dem idealtypisch-normativen Begriff „Wesen der Arbeit“ . In dieser Tradition ist Arbeit die Kraft des Menschen, zwischen dem Einzelnen mit seinen Überlebensbedürfnissen, Plänen und Projektionen und der ihm gegenüberstehenden Umwelt als dem Allgemeinen, noch Unspezifizierten. Der Akt der Spezifizierung, der Individualisierung ist die Arbeit, die ihre Ursache in der aneignenden Kraft des Einzelnen hat (vgl. Piepmeier, 1983, p.224). Die aneignende Kraft des Einzelnen wird bei Hegel durch den Begriff der Selbsterzeugung ausgedrückt. Der Logik der Dialektik zufolge erfährt sich der Mensch in der Selbsterzeugung durch die Arbeit zugleich als Subjekt wie auch als Objekt seines Handelns und Schöpfens. Als Subjekt erzeugt der Mensch Produkte, die zur Befriedigung seiner Bedürfnisse notwendig sind. Über die Notwendigkeit hinaus entstehen Produkte, die ihrerseits beim Menschen die Notwendigkeit und das Verlangen nach weiteren, neuen Produkten hervorrufen – ad infinitum. Somit wird das schaffende Subjekt zum Objekt der von ihm geschaffenen, dinglichen Welt (vgl. Kramer, 1982, p.51). Der Mensch wird zum Sklaven der von ihm hergestellten Güter.

Wie die alten Griechen sah auch Hegel in der „absoluten“ (körperlichen) Arbeit eine Notwendigkeit, die im Naturverhältnis des Menschen verankert ist. Die abstrakt geistige Arbeit war für ihn die reine, mit Anerkennung verknüpfte Arbeit (vgl. Arndt, 2001, pp.108). Marx` Kritik an Georg W.F. Hegel bezieht sich auf diese eingeschränkte Sichtweise. „Die Arbeit, welche Hegel allein kennt und anerkennt, ist die abstrakt geistige.“ (Marx, 1978, p.270) Beide aber, Hegel wie Marx, sind sich darüber einig, dass Arbeit selbst – wird ihre körperliche von ihrer geistigen Komponente getrennt – nur mehr auf das Mittel zum Leben herabgewertet und somit zur tödlichen Bedrohung für die Menschheit wird. Der Mensch bedarf der lebendigen Arbeit , sie ist ein Lebensbedürfnis. Anknüpfend an den hegelschen Terminus der Selbsterzeugung sieht Marx in der Entwicklung der Arbeit die Möglichkeit der Befreiung des Menschen von der entfremdeten Arbeit .

Die neuzeitliche Arbeitsorganisation ist gekennzeichnet durch forcierte, gesellschaftliche Arbeitsteilung, Trennung von geistiger und körperlicher Arbeit, dementsprechend monotonen Arbeitsabläufen, kurzum entfremdeter Arbeit . Die gesteigerte Produktivität verleiht der Arbeit per se in der Neuzeit eine Rangerhöhung.

„Als das neue Zauberwort `Produktivität` das alte Stichwort `Fruchtbarkeit der Arbeit` ablöste, musste das die Arbeit bis in ihre praktischen Abläufe hinein verändern. Der `swingende` Rhythmus der Arbeit, ihr vitaler Elan, wurde unter der Ägide rationalisierter Produktionsprozesse immer mehr zum nervtötenden Gleichakt. Zugleich aber brachte es die Arbeit seit der Mitte des 18. Jh. zu einem vorher nie geahnten Ansehen: als Quelle von Eigentum, Reichtum und Selbstverwirklichung des Menschen.“ (Wannenwetsch, 2001, p. 83)

Die Arbeit – und nicht Gott − habe den Menschen erschaffen und die Arbeit ist es − und nicht die Vernunft –, die ihn vom Tier unterscheidet, so der gängige, neuzeitliche Konsens. Das animal laborans, wie Hannah Arendt treffend formulierte, befindet sich auf dem Siegeszug.

Die neuzeitliche Metaphysik der Subjektivität entrückt das menschliche Handeln und Schaffen der bloßen, unvollkommenen Nachahmung des göttlichen Schöpfertums und gesteht ihm – theoretisch – die Potentiale der Selbstentfaltung, Selbstentwicklung sowie Selbstgestaltung der gegebenen Welt zu. Karl Marx betont das sich gegenständlich entäußernde Naturwesen Mensch sowie dessen materiellen Naturbezug deutlich:

„Die Arbeit ist zunächst ein Prozess zwischen Mensch und Natur, ein Prozess, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigene Tat vermittelt, regelt und kontrolliert. Er tritt dem Naturstoff selbst als eine Naturmacht gegenüber. (...) Indem er durch diese Bewegung auf die Natur außer ihm wirkt und sie verändert, verändert er zugleich seine eigene Natur.“ (Marx, 1973, MEW 23, p.192)

Für Marx ist Arbeit also ein Naturprozess, in den der Mensch in Auseinandersetzung mit der Natur – aber als Teil von ihr – aktiv, aneignend und gestaltverändernd eingreift. Dabei kommt es zu systematischen Wechselwirkungen zwischen der äußeren Natur und der Natur des Menschen im Einzelnen sowie des Menschen als Gattungswesen (vgl. Voß, 2010, pp.33).

Denn Arbeit im primären Sinne ist operatio transiens – ein „Sich-Äußern“, ein leibliches Tun im welthaften Umfeld (vgl. Haeffner, 1999, p.4). Idealerweise ist es die Verbindung zwischen dem geistigen Planen und Vordenken und dem leiblichen Tun, die die Arbeit lebendig macht und so gestaltend auf den Schaffenden durch Sinngebung rückwirkt.

Der in der Neuzeit aufkommende Industriekapitalismus unterliegt nicht dem Gesetz einer positiven Wechselwirkung, sondern vollzieht durch rasch anwachsende Produktion sowie den Ausbau des Handels einen bezeichnenden Wandel der Arbeit, nämlich zur Arbeit, verengt als Lohnarbeit . Die Arbeitssituation der Industriearbeiter, zu denen Kinder genauso wie kranke oder alte Menschen gehörten, war geprägt von harter körperlicher Arbeit bis zu 80 Stunden pro Woche, gefährlichen wie gesundheitsschädigenden Arbeitsbedingungen und miserabler Bezahlung. Die einzige Möglichkeit vieler war der Verkauf der Arbeitskraft um den Lebensunterhalt zu bestreiten – ohne politische Rechte zu besitzen (vgl. Koller, 2009, p.7).

Durch die Herausbildung sozialer Klassen wurde der Zusammenhang zwischen Arbeitsergebnis und Bedürfnisbefriedigung immer mehr zerrissen. Zunächst geschah dies über die Tauschbeziehung zwischen unmittelbar produzierten Waren und angebotenen Dienstleistungen, dann aber vor allem über die Ware-Geld-Beziehung. Nicht nur für die Hergabe eines bestimmten Produkts, sondern für die Hergabe der Arbeitskraft des Menschen selbst wird Geld gezahlt, ebenso aber auch für lebensnotwendige Produkte sowie Dienstleistungen, die nur gegen Geld zu erhalten sind (vgl. Lang, 1994, pp.60). Bereits die Griechen standen der Chrematistik, der Geldwirtschaft, skeptisch gegenüber. Aristoteles bezeichnet diese als widernatürliche Erwerbskunst und stellt sie der Oikonomik, der Hauswirtschaft, die der Beschaffung lebensnotwendiger Dinge dient, als abzulehnen gegenüber.

„(...)Denn das Geld mißt alles und demnach auch den Überschuß und den Mangel; es dient also z.B. zur Berechnung, wie viel Schuhe einem Haus oder einem gewissen Maß von Lebensmitteln gleichkommen. (...) Ohne solche Berechnung kann kein Austausch und keine Gemeinschaft sein. Die Berechnung ließe sich aber nicht anwenden, wenn nicht die fraglichen Werte in gewissem Sinn gleich wären. So muss denn für alles ein Eines als Maß bestehen. (...) Dieses Eine ist in Wahrheit das Bedürfnis , das alles zusammenhält. Denn wenn die Menschen nichts bedürften oder nicht die gleichen Bedürfnisse hätten, so würde entweder kein Austausch sein oder kein gegenseitiger. Nun ist aber kraft Übereinkunft das Geld gleichsam Stellvertreter des Bedürfnisses geworden, und darum trägt es den Namen Nomisma (Geld), weil es seinen Wert nicht von Natur aus hat , sondern durch den Nomos, das Gesetz, und es bei uns steht, es zu verändern und außer Lauf zu setzen.“

(Aristoteles, Nikomachische Ethik , 1133b)

Was Aristoteles seiner Zeit voraus denkt, wird in der Neuzeit frei nach dem Motto: „Alles hat einen Preis und nichts einen Wert“ gleichsam auf Arbeitskräfte wie Waren angewandt.

Die wachsende technische Entwicklung, die zur Industrialisierung des alten Europas führte, war die Antwort auf den an Priorität gewinnenden Faktor des nationalen Wohlstands , der die steigende Nachfrage der Bedürfnis- und Güterbefriedigung selbstlaufend ins Rolle brachte und somit Arbeit um den ökonomischen Aspekt bereicherte .

Um die immer spezieller werdenden Maschinen in den Fabriken am Laufen zu halten, waren immer mehr Arbeitskräfte notwendig. Diese Arbeitskräfte, zuvor am Land vorwiegend in Subsistenzwirtschaft tätig, standen nun am Fließband, wo sie in monotoner, stundenlanger Arbeit Teile von Ganzen fertigten, deren Zusammengesetztes sie nie zu Gesicht bekamen. Die Lohnarbeit wurde das zentrale Moment und somit Hauptvariante von Erwerbsarbeit . Das Versprechen des empathisch bestimmten Begriffes von Arbeit als selbständige, sinnvolle und selbstverwirklichende Tätigkeit ging in der tatsächlichen Lebenswelt der Arbeitenden, die abhängig, fremdbestimmt sowie ausgebeutet arbeiten mussten, nicht auf. Dies führte bekanntlich zum Protest der Arbeiter im 19. Jahrhundert und zur Kritik in der Theorie von Karl Marx (vgl. Kocka, 2003, p.86).

Die Trennung zwischen Arbeiter und Arbeitsprodukt, zwischen dem Arbeiter und dem Arbeitssinn führen zu dem Phänomen, das Karl Marx als Entfremdung beschreibt. Die Entfremdungskategorie erhält bei Marx eine universale anthropologische Bedeutung: der Mensch in toto verliert sich selbst. Das Naturwesen Mensch entfernt sich durch den Verlust der Selbsterzeugung und somit durch den fehlenden (räumlich wie zeitlichen) Bezug zu den geschaffenen Objekten von seinem eigentlichen Charakter und damit von sich selbst (vgl. Fleischer, 1978, pp.24).

„Marx´ ursprüngliche Entfremdungstheorie beruht auf der Vorstellung, daß der Mensch sich durch Arbeit selbst verwirklicht, daß ideale Arbeit schöpferische Arbeit ist und daß Werte allein durch menschliche Arbeit geschaffen werden.“( Kramer, 1982, p.50)

Arbeit wird nach Marx durch drei Konstituenten bedingt zu entfremdeter Arbeit : Das Privateigentum hindert den Arbeiter sich das Produkt seiner Arbeit anzueignen; der Prozess der Arbeitsteilung bewirkt, dass sich der Mensch durch seine Arbeit nicht schöpferisch entwickeln kann; die Entwertung des Menschen, sowie die seiner Arbeit durch den Warencharakter seiner Tätigkeit macht den Menschen immer unfreier (vgl. Kramer, 1982, p. 52). Das Reich der Notwendigkeit bezwingt das mögliche Reich der Freiheit . Da sich die Notwendigkeit der Arbeit nicht so einfach aus der Welt schaffen lässt, liegt das Reich der Freiheit nur in greifbarer Nähe, wenn die Befreiung von entfremdeter Arbeit gelingt und an ihre Stelle im Sinne von Marx die Befreiung durch lebendige Arbeit tritt.

Mit der zunehmenden Industrialisierung und folglich Verstädterung kommt es zur Erwerbsarbeitzentrierung sowie zur räumlichen Trennung vom privaten und öffentlichen Bereich. Die Verengung von Arbeit als Erwerbsarbeit führt zur Bestimmung von Arbeiten im Haus oder für die Familie als Nicht-Arbeit. Im Gegensatz zu Arbeit im vorindustriellen Zeitalter erhielt Arbeit nun ihre eigene Zeit, indem sie messbar und schärfer reglementiert wurde. Berufsarbeit auf Lebenszeit nahm zu und somit auch die Dimensionen von Arbeit, die Identitätsstiftung und soziale Position beinhalten (vgl. Kocka, 2003, pp.89).

Die Reglementierung und Teilung von Arbeit machte sich im Übergang vom 19. ins 20. Jahrhundert der Sozialwissenschafter Frederick Taylor zunutze. Er analysierte das Arbeitsverhalten und erschuf durch die Enteignung des Erfahrungswissens der Arbeiter ein System, das durch strenge Arbeitsteilung und bewusst intendierte Entfremdung gesteigerte Produktivität möglich machte. Henry Ford übersetzte die empirischen Studien letztendlich in seine industrielle Produktion dergestalt, dass an seinen Fließbändern jeder nur mehr einen Handgriff zu machen brauchte. Der Taylorismus mit seiner implementierten Trennung von Kopf- und Handarbeit führte bereits Ende der 20er Jahre zu Problemen. Die Arbeitsmotivation war aufgrund der automatisierten, stupiden Arbeitsabläufe nicht mehr gegeben. Die Entdeckung der Motivation als grundlegende Arbeitsressource wurde daraufhin zugunsten der Unternehmen untersucht und weiterentwickelt (vgl. Bonss, 2010, pp.77). In den berühmten Hawthorne-Studien wurden in den Jahren 1924 bis 1932 in Illinois Möglichkeiten zur Steigerung der Arbeitsleistung untersucht. Ergebnis dieser Untersuchungen war unter anderem die Erkenntnis, dass ein nicht direktiver, verständnisorientierter Führungsstil gepaart mit finanziellen Anreizen deutliche Leistungssteigerungen erbrachte. Der plötzliche Fokus des Arbeitgebers auf den Arbeitnehmer als Potential, das es in die Kalkulationen miteinzuberechnen gilt, nahm durch diese und ähnliche Studien seinen Ausgang.

Im Laufe des 20. Jahrhundert kam es allmählich zu Verbesserungen der Arbeitswelt. Die Entwicklung des Wohlfahrtsstaates trug dazu ebenso bei wie die Entwicklung gewerkschaftlicher Organisationen, die die Arbeiter mit partizipativen Rechten ausstatteten. Diese Errungenschaften führten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu dem Phänomen, welches als typische Beschäftigung bezeichnet wird: Erwerbsarbeit nahm die Form von unbefristeter Vollzeitarbeit in Verbindung mit tariflich ausverhandelten Kollektivverträgen an, die ein würdiges Einkommen sowie ausreichend soziale Sicherheit garantierten (vgl. Koller, 2009, p.8). Zeitgleich kam es aber zu einer erneuten Umstrukturierung von Arbeit, die für den Postfordismus bezeichnend ist und deren Auswirkungen gegenwärtig spürbar sind.

Von Japan ausgehend, entwickelten sich Maßnahmen, die den einzelnen Arbeitnehmer eng an das jeweilige Unternehmen banden. Unter den Begriffen corporate identity oder corporate solidarity verbarg sich eine Ideologie, die mit Hilfe von Motivationstrainings und diversen Gemeinschaftsaktivitäten eine Bindung zwischen dem Beschäftigten und dem Unternehmen herzustellen suchte. Die Firma bot sich als quasi familiäre Umgebung an und erhielt im Gegenzug die Arbeitsmotivation der Arbeitskraft (vgl. Füllsack, 2009, p. 99). Im Gegensatz zum Taylorismus, in dem das grundlegende Misstrauen der Führungsebene gegenüber den Arbeitskräften durch Kontrollzwang beherrscht wurde, geht das System der lean production , auch Toyotismus bzw. Ohnoismus genannt, direkt vom Arbeiter als unverzichtbare Ressource aus. Fähigkeiten wie Analyse, Planung und Kommunikation werden von jedem Arbeiter jederzeit verlangt. Dementsprechend hebt sich niemand vom anderen durch spezielle Fertigkeiten ab, die Fähigkeiten sind vielmehr allen gemein und fallen unter den Begriff des `general intellect`. Die Massenintellektualität führt dazu, dass alle gleichzeitig potentielle Arbeiter wie potentielle Arbeitslose sind (vgl. Gorz, 2000, p.46; p.61; p.65). Dem entspricht das japanische Modell des Kaizen :

„Kaizen, ein auf Gruppenarbeit, Selbstständigkeit und basaler Verantwortung beruhendes Prinzip permanenter Optimierung von Arbeitsabläufen, wurde zum Kernelement des japanischen Industrialisierungserfolgs – und damit alsbald in aller Welt kopiert.“ (Füllsack, 2009, p.100)

Diese Entwicklungen sind auch unter Outsourcing bekannt. Die scheinbare Autonomie der Angestellten spiegelte sich in befristeten Anstellungsverhältnissen, Werkverträgen und schlechter Bezahlung trotz hohem persönlichen Einsatzes wider. Die Unternehmen profitierten von der Scheinselbstständigkeit der Arbeitnehmer, indem sie sich sowohl Lohnkosten ersparten als auch von der Last der schwer kalkulierbaren Arbeitsmotivation des Einzelnen befreiten (ebd., 2009, p. 101).

Bis dato waren die Unternehmen hierarchisch organisiert und folgten strengen Aufgabenverteilungen wie Zuständigkeitsbereichen. Beeinflusst von der japanischen Arbeitsorganisation ersetzen die bislang schwächsten Glieder, in Netzwerkstrukturen funktionierend, die starren und rigiden Strukturen tayloristischer Modelle. So schreibt André Gorz:

„Anstelle eines zentral von außen gesteuerten Systems (wie beim fordistischen Modell) haben wir es hier mit einem azentrischen, selbstorganisierten System zu tun, einem Nervensystem vergleichbar, was dann auch die Netzwerkstrukturen zu imitieren versuchen.“ (ebd., 2000, pp.46)

Die den Arbeitnehmern vorgespielte Autonomie verlangt den Wenigen, die als Fixbeschäftigte in diesem System tätig sind, alles ab und manipuliert ihre Leistungsmotivation – sollte sie nicht freiwillig zustande kommen – indem ihnen, den Priveligierten, eine große Anzahl an werkvertraglich, befristet Beschäftigten wie ein Mahnmal gegenüber stehen.

Dieser erneute Strukturwandel der Arbeitsorganisation führte zu einer Abnahme der Beschäftigungsstabilität und zur Zunahme von Arbeitslosigkeit (vgl. Bonss, 2010, p.78). Gegenwärtige Beschäftigungsverhältnisse sind das Abbild der auf Produktivität und Effizienz abzielenden Wirtschaftsmärkte – Instabilität der Arbeitsverhältnisse und Inhumanität in diesen spiegeln die Arbeitsrealität vieler gegenwärtig Arbeitender wider.

Arbeit aus historischer Sicht kann kurz zusammengefasst werden unter „labora semper reformanda“. Wie gezeigt wurde, kann Arbeit immer nur im Kontext der jeweiligen Gesellschaftsverhältnisse verstanden werden. Arbeit ist nicht gleich Arbeit – auch das sollte aus dem Vorangegangenen ersichtlich geworden sein. `Anerkennung`, `Reichtum`, `Armut`, `Macht´, ´Rechte und Pflichten´, ´Abhängigkeit´, ´Selbstbestimmung´, ´Selbstverwirklichung´, ´Selbsterzeugung´, ´Ausbeutung´, etc. sind Begriffe, die der Arbeit im Laufe „ihrer“ Geschichte zugeschrieben wurden und die eine weitreichende Wirkmacht – sozialer, politischer und wirtschaftlicher Natur – besitzen. Arbeit ist im Wesentlichen, phylo- wie ontogenetisch, Seins-bestimmend.

„Die Prägekraft der Arbeitsgesellschaft und der Erwerbsarbeit hat mit dem hohen Stellenwert von Arbeit als bewusstem und zielgerichtetem Handeln der Menschen zur Befriedigung von Bedürfnissen durch die Herstellung von Gütern und Dienstleistungen, aber auch zur Verwirklichung der eigenen Person zu tun. Menschliche Arbeit ist immer durch diesen Doppelcharakter gekennzeichnet: Einerseits ist sie Mühsal, Last und Bewältigung des Notwendigen. Andererseits ist sie die spezifisch menschliche Form des Umgangs mit der Umwelt, Selbstverwirklichung des Menschen und seine

«Vergesellschaftung».“ (Lang, 1994, p.60)

3. Arbeit in der Gegenwart

Die Entwicklungen gegenwärtiger Beschäftigungsverhältnisse stehen in einem starken Gegensatz zu den vormals erwähnten typischen Beschäftigungen oder Normalarbeitsverhältnissen . Die Welt der Arbeit verändert sich rasant und dies führt wie zu allen Zeiten zur Zunahme sozialer, kultureller und politischer Spannungen.

Arbeit im 21. Jahrhundert ist überwiegend durch Erhöhung prekärer Beschäftigungsverhältnisse gekennzeichnet. ´Prekär´ drückt dabei im Wortsinne die Unsicherheit aus, der Arbeitnehmer als Unternehmer ihrer selbst ausgesetzt sind.

Konnte in den 80er und 90er Jahren des 20. Jahrhunderts noch vom sogenannten Dreischritt der Erwerbsarbeitbiographie – Ausbildung, Arbeit, Pension – ausgegangen werden, so kommt es gegenwärtig zur Stückelung der Erwerbsarbeitsbiographien (vgl. Bonss, 2010, p.79). Einem Normalarbeitsverhältnis im Sinne einer Vollzeitbeschäftigung von der Ausbildung bis zur Pension in ein und derselben Firma nachzugehen, ist die Ausnahme – nicht mehr die Regel. Die Krise der bis dato „normalen Arbeit“, macht Peter Koller an zwei Punkten fest: Zum einen ist die Arbeitslosenrate durchgehend hoch, zum anderen werden atypische Beschäftigungsverhältnisse immer mehr zur Norm (vgl. ebd., 2009, p.8).

Aktuell beträgt die Zahl arbeitsloser Menschen in der Europäischen Union rund 23,82 Millionen (EURO-STAT, Stand 12/2011, saisonbereinigt). Darunter befinden sich zur Hälfte Frauen, ältere Menschen, schlecht oder wenig Ausgebildete und zunehmend Jugendliche. Dies impliziert, dass eine große Gruppe an Menschen vollkommen von gesellschaftlicher Partizipation sowie Teilhabe am (wohlweislich vorhandenen) ökonomischen Wohlstand ausgeschlossen sind. Dass diese Tatsache für die Betroffenen zermürbend ist und frustriert, erklärt sich von selbst. Dazu Schermaier:

„Die Synonymsetzung von Arbeitslosigkeit und Erwerbslosigkeit verweist auf einen Arbeitsbegriff, der nur gesellschaftlich geregelte ökonomische Erwerbstätigkeit als ARBEIT anerkennt. Nur der, der innerhalb des gesellschaftlich anerkannten Erwerbssystems tätig ist, arbeitet. Ein derartiger Arbeitsbegriff schließt Hausarbeit, Hobby-Tätigkeiten und Arbeiten im Bereich der Schattenwirtschaft aus und negiert die Tatsache, daß Arbeit eine anthropologische Grunddimension menschlicher Existenz ist.“ ( ebd.,1988, p.3)

Manfred Füllsack bringt die Heterogenisierung der Arbeit mit dem Begriff der `Kurzfristigkeit` in Verbindung. Dadurch, dass der Arbeitsmarkt gesättigt scheint und Arbeitsplätze zu knappen Ressourcen geworden sind, ist sich niemand mehr – auch nicht speziell oder gut Ausgebildete – seines Arbeitsplatzes sicher. Jede steht mit jedem im Wettbewerb. Wolfgang Bonss spricht in diesem Zusammenhang von Unternehmerinnen und Unternehmern der eigenen Arbeitskraft (vgl. ebd., 2010, p. 12). Jeder einzelne agiert als Ich-AG um zu überleben. „Individualisierung wird zur grundlegenden Bedingung zeitgenössischer Arbeit.“ (Füllsack, 2009, p.104) Jedes Individuum kämpft an seiner Front, Zusammenhalt gegen das Gesetz des Marktes würde die individuelle Existenz in Gefahr bringen. Daraus folgt erstens , dass die historisch bedeutende Vergesellschaftungskraft von Arbeit gegenwärtig zu einer Ent-Gesellschaftung führt, indem auf Konkurrenz und Wettbewerb hinauslaufend nur Egoismus zum materiellen Überleben und im günstigsten Fall zu beruflichen Erfolg führen kann. Zweitens dürfen aufgrund von Arbeitsplatzknappheit weder die Qualität, die Arbeitsbedingungen noch angemessene Entlohnung der jeweiligen Arbeit in Frage gestellt werden. Der Terminus `W orking Poor ` steht in enger Verbindung mit schlechten bis miserablen Arbeitsbedingungen, woraus niedrige Sozialleistungen, schlechte medizinische Versorgung und Niedrigpensionen folgen.

Unter jobless-growth verbirgt sich die Tatsache, dass immer weniger lebendige Arbeitskraft zur Aufrechterhaltung von Produktivität benötigt wird. Dies führt zu einem kontinuierlichen Anstieg der Arbeitslosenrate – vor allem in den westlichen Industrieländern.

Der Gestaltwandel von manueller zu nicht-manueller Arbeit, von der industriellen Arbeitsgesellschaft zur Dienstleitungsgesellschaft, beeinflusst durch Digitalisierung, Globalisierung sowie der Erweiterung der Produktionsfaktoren Wissen und Kapital, führt zu einer fundamentalen Veränderung von Arbeit im bisherigen Verständnis (Kocka, 2003, pp.90). Am anschaulichsten lässt sich die gegenwärtige Organisation von Arbeit anhand von einigen bezeichnenden Entwicklungen beschreiben (vgl. Bonss, 2010, pp.74):

Im Laufe der modernisierten Moderne kommt es zur Relativierung der industriellen Produktion . Aus der Gütergesellschaft wird allmählich eine Dienstleistungsgesellschaft , wobei unter Dienstleistung alles verstanden wird, was nicht im Sinne von Gütern stapel- und lagerungsfähig ist. In diesem Zusammenhang wird auch von Tertiärisierung gesprochen. Damit einher gehen Beschäftigungsverhältnisse, für deren Ausübung wenig spezifisches Wissen gebraucht wird und die dementsprechend niedrig entlohnt werden. Der Übergang zur Arbeit als Dienstleistung lässt sich ab etwa 1970 festmachen. Zeitgleich kommt es zu einer zunehmenden Verwissenschaftlichung der Produktion . Dieser Trend markiert den Übergang von der industriellen Erfahrungs- hin zur postindustriellen Wissensgesellschaft . Das Erfahrungswissen, welches sich ein Lehrling in der klassischen industriellen Ausbildung beim Meister abgeschaut und dementsprechend nachgeahmt hat, verliert zunehmend an Bedeutung. Das wissenschaftliche Wissen erfährt größere Relevanz.

„In der postindustriellen Gesellschaft kommt es zu einer Abwertung des Erfahrungswissens: Es spielt keine Rolle mehr, ob Beschäftigte eine lange Erfahrung im Betrieb haben. Gefragt sind vielmehr jene, die frisch von der Universität kommen, die das neue theoretische Wissen haben und damit neue Produkte erfinden.“ (ebd., 2010, p.76)

Diese Entwicklung verlangt nach speziell ausgebildeten Arbeitenden, denen nicht nur ein spezifisches Wissen abverlangt wird, sondern vor allem die Fähigkeit, auf Änderungen der Technik rasch lernfähig zu reagieren, um das jeweilige Unternehmen konkurrenzfähig zu halten. Wer dem permanenten Druck der Anpassung und Verbiegung nicht standhält, ist nicht von Nutzen.

Die postindustrielle Wissensgesellschaft agiert digital und global. Die Globalisierung , primär gekennzeichnet durch die Überwindung der nationalstaatlichen Grenzen, bedingt die Ausbildung von Netzwerkgesellschaften, die nicht mehr den Regulativen der Nationalstaaten unterliegen. Informations- und Kapitalströme werden von den Gesetzen des Marktes gelenkt. Dadurch beeinflusst gestaltet sich auch die Arbeitswelt zunehmend raumzeitlich flexibel . Arbeitsplätze, die an einen fixen Ort gebunden sind, werden zunehmend rar. Zudem sind auch festgesetzte Tages- und Wochenarbeitszeiten in Auflösung begriffen. Eine strikte Trennung zwischen Arbeitszeit und Freizeit vorzunehmen wird dadurch erschwert. Virtuelle Unternehmen verlagern ihre Produktion dorthin, wo am günstigsten produziert werden kann. Dementsprechend können auch Arbeitsleistungen unabhängig von fixen Firmensitzen erbracht werden. Von Virtualisierung der Produktion kann dahingehend gesprochen werden.

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Details

Seiten
106
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783842834897
Dateigröße
685 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v229264
Institution / Hochschule
Universität Salzburg – Philosophie
Note
1
Schlagworte
armut sozialstaatlichkeit existenzsicherung grundeinkommen parijs gerechtigkeit menschenwürde

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Titel: Arbeit und Menschenwürde: Zur Entkoppelung von Arbeit und Einkommen