Lade Inhalt...

Motivierende Kurzintervention als Konzept in der Dopingprävention: Eine Analyse der Möglichkeiten und Grenzen

Diplomarbeit 2011 91 Seiten

Sport - Sportpädagogik, Didaktik

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Dopingprävention in Deutschland
2.1 Definition des Begriffs Doping
2.2 Dopingprävention
2.2.1 Grundgedanke
2.2.2 Ziele
2.2.3 Ausgewählte aktuelle Konzepte

3 Motivierende Kurzintervention (MOVE)
3.1 Definition
3.1.1 Motivation
3.1.2 Transtheoretisches Modell der Verhaltensänderung
3.1.3 Motivierende Gesprächsführung
3.2 Einsatzbereiche
3.3 Ziele
3.4 Ergebnisse

4 Vergleich der Konzepte
4.1 Suchtprävention und Dopingprävention: Eine Gegenüberstellung
4.2 Vergleich der Motivierenden Kurzintervention mit dem Konzept der Deutschen Sportjugend

5 Diskussion

6 Verzeichnisse
6.1 Abkürzungen
6.2 Abbildungen
6.3 Tabellen
6.4 Literatur

7 Anhang
7.1 Expertengespräch mit Dipl.-Sozialpäd. Stefan Becker
7.2 Expertengespräch mit Prof. Gerhard Treutlein

1 Einleitung

In Deutschland wird seit mehr als zehn Jahren Dopingprävention[1] betrieben. Die diesbezüglichen Maßnahmen werden auf der Ebene der Verhaltens- und der Verhältnisprävention durchgeführt. Die Präventionsarbeit der Nationalen Anti-Doping Agentur für Deutschland (NADA) beschränkt sich vornehmlich auf Wissensvermittlung als Strategie zur Verhaltensänderung (siehe Kap. 2.2.1).

In der Suchtprävention hingegen kommen verschiedene Strategien zum Einsatz, um das Verhalten von Menschen zu ändern. Das Konzept der Motivierenden Kurzintervention (MOVE) wird dabei als besonders erfolgreich angesehen. Es basiert auf den Grundlagen der Motivierenden Gesprächsführung nach Miller Rollnick (2009), sowie auf dem Transtheoretischen Modell der Verhaltensänderung nach Prochaska, DiClemente und Velicer (vgl. Marzinzik Fiedler, 2005). Die theoretische Grundlage für MOVE beruht auf der Annahme, dass die Veränderung eines Konsumverhaltens ein Prozess ist, der verschiedene Stadien durchläuft (siehe hierzu auch ginko – Landeskoordinierungsstelle Suchtvorbeugung NRW, 2008).

Der Bedarf einer Ergänzung und/oder Anpassung der Dopingpräventionsmaßnahmen auf nationaler Ebene, resultiert aus einer Reihe von Studien und Beiträgen, zum Beispiel „zur Häufigkeit des Dopings im deutschen Spitzensport“ (Pitsch, Maats Emrich, 2009, S. 15-19; Dannemann, Meutgens Singler, 2011, S. 272f.).

Die Notwendigkeit ergänzende Maßnahmen im Bereich der Dopingprävention zu erarbeiten und anzubieten resultiert u.a. aus der Studie des Heidelberger Zentrums. Das Heidelberger Zentrum für Dopingprävention hat anlässlich des Auftrages des Rheinland-pfälzischen Ministeriums des Innern und für Sport, den Stand der Dopingprävention eruiert. Die Einstellungen und Wahrnehmungen der Landesfachverbands-Funktionäre zum Thema Doping und Dopingprävention wurden von Dezember 2008 bis September 2009 mittels Fragebögen und Interviews ebenfalls untersucht (Singler, 2009a; Singler, 2009b; siehe hierzu auch Singler, 2011).

Es gibt bisher kaum wissenschaftliche Studien, die verlässliche Aussagen über die Qualität und Beschaffenheit von Dopingpräventionsmaßnahmen in Deutschland geben. Diese Tatsache wirft u.a. die Frage auf, ob die jeweiligen Bundesfachverbände eine einheitliche Auffassung von Dopingprävention vertreten. Anhand von Stichproben auf ihren Internetseiten wurde die Verwendung des Be-griffs „Dopingprävention“ analysiert. Das Ergebnis macht deutlich, dass die Interpretationen des Begriffs bzw. die darunter aufgeführten Maßnahmen große Unterschiede aufweisen (Singler, 2009a). Eine negativpädagogische Orientierung ist z.B. beim Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV)[2] und beim Deutschen Schwimmverband (DSV)[3] festzustellen, da Präventionsmaßnahmen ausschließlich als repressive oder informative Interventionen (Dopingkontrollen, Warnungen vor den Gefahren des Dopings etc.) dargelegt werden. Diese Orientierung ist nicht mehr zeitgemäß, da das Augenmerk auf Abschreckung, Information und moralische Appelle gelegt wird (vgl. Hurrelmann, 2006). Das Anti-Doping-Konzept des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR)[4] beinhaltet dagegen zusätzlich die Vorstellung einer an sozialen Umweltbedingungen ansetzenden Verhältnisprävention durch Förderung der Handlungskompetenz , Stärkung der Ressourcen etc. und ist demzufolge positivpädagogisch ausgerichtet. Der BDR lehnt sich somit an das Präventionskonzept der Deutschen Sportjugend und des Heidelberger Zentrums für Dopingprävention an (Singler, 2009b, S. 25ff.; siehe hierzu auch Singler Treutlein, 2010, S. 174).

Die Feststellung, dass zumeist wenig effektive Präventionsmaßnahmen eingesetzt wurden und werden, war Anlass für eine Überprüfung des Standes der Dopingprävention und diesbezüglicher Einstellungen und Motive bei Sportfunktionären in Rheinland-Pfalz. 48 Verbände bzw. Arbeitsgemeinschaften wurden via Kurzfragebogen befragt. 31 Fragebogen wurden beantwortet und zurückgeschickt. Das Ergebnis der schriftlichen Befragung offenbarte, dass die Zuständigkeit für Dopingprävention innerhalb des Sports vornehmlich auf Bundes- und nicht auf Landesebene gesehen und dem Staat keine Zuständigkeit eingeräumt wird. Des Weiteren sind 45% der Befragten für eine Intensivierung der Dopingprävention (Singler, 2009b, S. 34-38).

Das Ziel dieser Untersuchung ist es herauszufinden, ob und inwiefern sich das Konzept der Motivierenden Kurzintervention (MOVE) in die bestehenden Konzepte der Dopingprävention integrieren lässt. Demgemäß werden in Kapitel 2 die Begriffe Doping und Dopingprävention und die Ziele der Dopingprävention beschrieben sowie zwei ausgewählte Konzepte dargestellt. Um das große Themenfeld einzugrenzen, werden sich die Ausführungen ausschließlich auf Deutschland, also auf die nationale Ebene, beziehen.

Kapitel 3 gibt zunächst einen Überblick über die theoretischen Grundlagen des MOVE-Konzeptes. Die wesentlichen Elemente, z.B. die Motivierende Gesprächsführung, sowie die Einsatzbereiche und Evaluation dieses Konzeptes werden ausführlicher beschrieben.

Inwiefern sich Gemeinsamkeiten und Unterschiede aus der theoretischen Betrachtung ausgewählter Konzepte der Dopingprävention und der des MOVE-Konzeptes herauskristallisieren lassen, ob es Anknüpfungspunkte gibt und wie ein Transfer aussehen könnte, werden die Kapitel 4 und 5 zeigen.

2 Dopingprävention in Deutschland

Nach einer kurzen Einführung zur Entstehungsgeschichte (siehe hierzu Reinold, 2010, S. 362-377) werden ausgewählte Definitionsversuche des Begriffes Doping und die aktuell gültige Definition der Nationalen Anti-Doping Agentur (NADA) vorgestellt, um einen ersten Eindruck von der Problematik des Doping-Phänomens zu vermitteln, die später differenziert behandelt wird.

2.1 Definition des Begriffs Doping

Die Ursprünge des Begriffs „Doping“ gehen auf den Anfang des 17. Jahrhunderts zurück. Die Geschichte des Dopings, d.h. der Anwendung von Wirkstoffen zur Leistungssteigerung, reicht jedoch zurück bis in die Antike (Karakaya, 2004, S. 21). Demzufolge gab es also schon immer, im Kontext Sport aber auch darüber hinaus, ein Bestreben des Menschen, über das rein körperliche Training hinaus, Leistungssteigerungen durch die Zufuhr ausgewählter Nahrung bzw. Wirkstoffe zu erreichen. 300 v. Chr. nahmen griechische Athleten[5] „Kräuter, Pilze, Stierhoden“ (Weineck, 2010, S. 912), um bei den Wettbewerben bessere Leistungen zu erzielen. Bei den skandinavischen „Berserkern“ wurde im 5. Jahrhundert n. Chr. die Droge „Bufotein“ (ebd., S. 912) aus Pilzen gewonnen, um die Kampfkraft (wie man meinte) um das 12-fache zu steigern. Andere Stimulanzien wie bspw. Cocablätter (bei den Inkas) oder die Wurzeln des Peyote-Kaktus, die vom Stamm der Uto-Azteken verwendet wurden, sollen ähnliche Wirkungen erzielt haben.

Mit dem Wort „Dop“ bezeichneten die Eingeborenen in Südostafrika einen selbsthergestellten hochprozentigen Schnaps, der die Wirkung der Kulthandlungen verstärken sollte. Diese Bezeichnung wurde von den Buren aufgegriffen und nach England gebracht (ebd., S. 219). 1889 erschien das Wort „Doping“ zum ersten Mal in einem englischen Lexikon und beschrieb dieses als eine Mischung aus Opium und Narkotika, die zu dieser Zeit ausschließlich Pferden verabreicht wurde, um diese bei Rennen zu stimulieren (Weineck, 2010, S. 912; Haug, 2005, S. 24ff.).

„Doping meant the administration to a horse of certain medical preparations with the object of either stimulating or retarding the animal‘s progress in a race“(Karakaya, 2004, S. 20).

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts taucht das Phänomen Doping im Sport zum ersten Mal im Radsport auf, wo hauptsächlich Kokain, Nitroglyzerin und Getränke, die Koffein oder Alkohol enthielten, verwendet wurden (Weineck, 2010, S. 912).

Erst nach dem 2. Weltkrieg begann, vor allem im Radsport, die Hochzeit des Dopings. Die Todesfälle von Knud Enemark Jensen[6] bei den Olympischen Spielen 1960 in Rom und Tom Simpson bei der Tour de France 1967, veranlassten das Internationale Olympische Komitee (IOC) und den Internationalen Radsportverband (UCI), ein Anti-Doping-Reglement für den Wettkampf aufzustellen, das seit der Einführung stetigen Veränderungen und Anpassungen unterliegt (ebd.). Das erste Anti-Doping Gesetz wurde 1963 in Frankreich erlassen. Belgien folgte 1965. 1967 gründete das IOC eine eigene medizinische Kommission. Nach den Olympischen Spielen in Seoul 1988 wurden, anlässlich des Dopingfalles von Ben Johnson, der das anabole Steroid „Stanozol“ substituiert hatte, erstmals auch Trainingskontrollen durchgeführt (siehe Technische Universität München, Internetquelle).

Von 1967 bis 2003 wurden die Anti-Doping-Regeln durch das IOC immer wieder angepasst, überarbeitet und von den olympischen Sportverbänden übernommen. Seit 1999 ist die World Anti-Doping Agency (WADA)[7] weltweit für die Bekämpfung des Dopings im Leistungssport zuständig (Schänzer Thevis, 2007). Der WADA-Code trat zum ersten Mal am 1. Januar 2004 in Kraft und regelt, sportartübergreifend und global, die Dopingbekämpfung und die Dopingkontrollen (Haug, 2005, S. 80ff.; World Anti-Doping Agency, 2010).

Auf nationaler Ebene (Deutscher Olympischer Sportbund, 2011, Sport in Deutschland ) ist durch die Vereinigung des Deutschen Sportbundes (DSB) und des Nationalen Olympischen Komitees für Deutschland (NOK) am 20. Mai 2006 der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) als Sportdachverband entstanden. Bis zu diesem Zusammenschluss gab es eine gemeinsame Anti-Doping-Kommission (ADK) und ein Schiedsgericht, das durch eine wechselnde Besetzung, eine möglichst große Unabhängigkeit gewährleisten sollte. Die ADK hatte die Bekämpfung des Dopings und das Erreichen eines dopingfreien Sports zum Ziel. Zu ihren Aufgaben zählten die Durchführung von Dopingkontrollen, Informationsvermittlung, Erziehung von Sportlern sowie die Sensibilisierung der Öffentlichkeit durch Aufklärungskampagnen. Im Juli 2002 wurde die NADA als unabhängige Stiftung von Bund, Ländern etc. ins Leben gerufen, die die Aufgaben der ADK übernahm (Haug, 2005, S. 77ff.). Zweck der Stiftung ist, „durch geeignete pädagogische, soziale, medizinische, wissenschaftliche und sportliche Maßnahmen“ (Haug, 2005, S. 78), den Fair Play Gedanken im Sport zu fördern.

Eine erfolgreiche Arbeit von Institutionen zur Bekämpfung des „Dopings“ setzt eine klare Bestimmung dessen voraus, was mit „Doping“ genau gemeint ist. Ein Blick in die Fachliteratur zeigt jedoch eine Vielzahl an Definitionen, aus denen im Folgenden einige vorgestellt und zu einer eigenen Begriffsbestimmung herangezogen werden sollen (Steinmann, 2011, S. 7-8; Clasing, 2010, S. 29-31; Haug, 2005, S. 25-30; Bette Schimank, 2006, S. 175-189).

Das folgende Zitat von Bette und Schimank (2006, S. 175) skizziert die Pro-blematik einer adäquaten Begriffsbestimmung.

„Ein Phänomen kann so komplex beschaffen sein, dass jeder Versuch, es definitorisch auf einen eindeutigen Begriff zu reduzieren, zum Scheitern verurteilt ist. Und ein Phänomen kann im Zentrum heftiger Konflikte stehen, die sich dann ebenfalls in einer unklaren Definition, nämlich in einem unüberwindbaren Gegeneinander widerstreitender Definitionsansprüche, niederschlagen. Auf Doping trifft, soviel kann voraus geschickt werden, beides zu“ (Bette Schimank, 2006, S. 175).

Im Jahre 1952 definierte der Deutsche Sportärztebund Doping wie folgt:

„Die Einnahme eines jeden Medikaments – ob es wirksam ist oder nicht – mit der Absicht der Leistungssteigerung während des Wettkampfes, ist als Doping zu betrachten“ (Clasing, 2010, S. 29).

Diese frühe Definition beinhaltet zwar das Verbot der Verwendung von leistungssteigernden Medikamenten, die Methoden der unnatürlichen Manipulation bleiben jedoch unberücksichtigt. Die nachstehende Definition durch das Komitee für außerschulische Erziehung des Europarates im Jahre 1963 und 1965 erfasst die fehlende Komponente:

„Doping ist die Verabreichung einer auf welchem Wege auch immer eingeführten körperfremden Substanz oder physiologischen Substanz in abnormalen Mengen oder auf abnormalen Wege an ein gesundes Individuum bzw. der Gebrauch durch dasselbe zum Zwecke einer künstlichen und unfairen Leistungssteigerung während der Wettkampfteilnahme. Gewisse psychologische Maßnahmen zum Zwecke der Leistungssteigerung können als Doping angesehen werden“ (Clasing, 2010, S. 29).

Die Ausführungen von Bette und Schimank (2006) machen deutlich, dass eine Definition, sowohl die vom Sportärztebund als auch die des Europarates, mit überwiegend moralischem Augenmerk nicht ausreicht, um Doping adäquat bekämpfen zu können. Des Weiteren sind beide Definitionen zu allgemein formuliert und ermöglichen demnach zu viel Handlungsspielraum zu Manipulationen jeglicher Art und stellen keine rechtsverbindliche Grundlage dar (Bette Schimank, 2006, S. 176 ff.).

Die aufgezeigten Beispiele können stellvertretend für alle Versuche in der Vergangenheit angesehen werden, den Begriff „Doping“ genau zu definieren. Diese sind an Formulierungsschwierigkeiten gescheitert, da es nicht gelungen ist, die vielfältigen Inhalte der verbotenen Wirkstoffe und Methoden der nicht physiologischen Leistungsmanipulation zu erfassen. Doping wurde und wird auf Grund der beschriebenen Problematik durch die Dopingliste der WADA mit präzise aufgezählten und beschriebenen Wirkstoffen und Vorgehensweisen definiert (siehe hierzu auch Reinold, 2010, S. 374). Die aktuelle deutschsprachige Version aus dem Jahre 2010 des Nationalen Anti-Doping Codes (NADC) enthält 18 Artikel. Für die Definition sind vor allem die ersten beiden bedeutsam. Im ersten Artikel wird festgestellt, dass jegliche Verstöße gegen die Anti-Doping-Bestimmungen, die in Artikel 2 des NADC aufgeführt sind, als Doping anzusehen sind. Die folgende Auflistung zeigt einen sinngemäßen Überblick der in Artikel 2 aufgeführten Verstöße. Jeder dieser Punkte enthält im Original weitere Unterpunkte, die diesen näher charakterisieren (vgl. Nationale Anti Doping Agentur Deutschland , 2010c).

Als Verstoß gegen die Anti-Doping-Bestimmungen gelten:

- „das Vorhandensein eines verbotenen Wirkstoffs oder seiner Metaboliten oder Marker in Körpergewebe- oder Körperflüssigkeitsproben einer Athletin oder eines Athleten […],
- der Gebrauch oder versuchte Gebrauch eines verbotenen Wirkstoffs oder einer verbotenen Methode – auch wenn dies keine Verbesserung der sportlichen Leistung bringt oder gebracht hat –,
- der Versuch, eine Dopingkontrolle zu verweigern oder sich einer Dopingkontrolle zu entziehen,
- das Versäumnis einer Athletin oder eines Athleten, korrekte Angaben zum Aufenthaltsort und zur Erreichbarkeit für Trainingskontrollen abzugeben, und/oder das Versäumen einer Dopingkontrolle,
- der Versuch, eine Dopingkontrolle zu manipulieren,
- der Besitz verbotener Wirkstoffe oder Hilfsmittel für verbotene Methoden, sofern dieser nicht aufgrund einer medizinischen Ausnahmegenehmigung oder aufgrund anderer überzeugender Begründungen gerechtfertigt ist,
- der Handel mit verbotenen Wirkstoffen oder Hilfsmitteln für verbotene Methoden,
- jede Tatbeteiligung bei einem Verstoß oder versuchten Verstoß gegen Anti-Doping-Regeln (dazu gehören die Verabreichung oder versuchte Verabreichung verbotener Wirkstoffe und Methoden, die Anleitung, Anstiftung oder Unterstützung zum Doping und die Verschleierung von Doping),
- die Teilnahme oder der Versuch der Teilnahme an einem Wettkampf während einer Sperre“ (Nationale Anti Doping Agentur Deutschland, 2011g).

Im Gegensatz zu früheren Definitionen, weist eine enumerative Definition, wie die der NADA, zwar einerseits eine explizite rechtliche Handhabbarkeit auf, fördert bzw. macht andererseits jedoch die Suche nach noch nicht auf der Dopingliste aufgeführten verbotenen Substanzen und Methoden möglich.

Es muss an dieser Stelle daran erinnert werden, dass Doping nicht nur ein Phänomen des Leistungssports ist. Auch im „nicht organisierten Freizeitsport“ (Bräutigam Sauer, 2004, S. 19) werden Substanzen zur Leistungssteigerung eingenommen. Doch die Bereiche müssen getrennt voneinander betrachtet werden, da es deutliche Unterschiede zwischen den beiden Phänomenen gibt (Bräutigam Sauer, 2004, S. 19).

Der Begriff Doping wird ausschließlich im organisierten Sport (Sport auf Leistungsebene) verwendet. Es gibt klare Bestimmungen, welche Substanzen und Methoden der Leistungsmanipulation verboten sind (siehe Nationale Anti Doping Agentur Deutschland, 2010c). Im nicht-organisierten Freizeitsport finden keine Dopingkontrollen statt, weil die Sportler keinem Kader bzw. keinem Spitzenverband[8] angehören. Die Motive der Freizeit- und Breitensportler, z.B. Spaß an der Bewegung, Körperkult, Mannschaftsgefühl, Stressabbau oder Entspannung, grenzen sich ebenfalls von denen der Leistungssportler (Fokus auf der sportlichen Leistung) ab. Im (nicht-) organisierten Sport wird der Lebensunterhalt, mit Ausnahme der Zahlung von Aufwandsentschädigungen, nicht durch den Sport, sondern extern erwirtschaftet. Im Freizeit- und Breitensport wird schlussfolgernd der Begriff Medikamentenmissbrauch verwendet, um diesen Bereich von der Leistungssportebene abzugrenzen. Die Gründe (Freizeitverhalten, Art und Weise des Umgangs mit Medikamenten, negative Einflüsse durch Werbung etc.) für einen Medikamentenmissbrauch im nicht organisierten Sport sind anderer Natur und keineswegs zu verharmlosen. (siehe hierzu Bräutigam Sauer 2004, S. 19; Trachsel, o.J.).

2.2 Dopingprävention

2.2.1 Grundgedanke

Der Begriff Prävention beschreibt allgemein Interventionen zur Vorbeugung möglicher Beeinträchtigungen und Schädigungen. Maßnahmen, die den Menschen betreffen, sollen nach Hurrelmann die Handlungskompetenz des Individuums fördern, so dass eine Auseinandersetzung mit den Anforderungen der sozialen Umwelt in adäquater Weise möglich ist.

„Die soziozentrierten Maßnahmen müssen so beschaffen sein, daß die soziale und die dinglich-materiale Umwelt eine solche Gestaltung annehmen, daß sie für eine Person mit den ihr zur Verfügung stehenden Kompetenzen auch tatsächlich bewältigbar sind“ (Hurrelmann, 1998, S. 198, zitiert nach Singler Treutlein, 2010, S. 186).

Ziel präventiver Maßnahmen ist es, das Ausmaß des Dopings in naher Zukunft nachhaltig zu verringern. Das Ausmaß wird sowohl durch die beteiligten Menschen als auch durch die Strukturen (Institutionen etc.) beeinflusst. Dopingprävention kann nur interdisziplinär erfolgreich umgesetzt werden. Dementsprechend müssen sich die Bereiche Sportmedizin, verbandsinterne Schiedsgerichtsbarkeit, Soziologie, Pädagogik, Psychologie und Politik ergänzen, miteinander kommunizieren und kooperieren. Jeder Bereich muss in die Verpflichtung genommen werden, einen angemessenen Beitrag im Anti-Doping-Kampf zu leisten.

Dopingprävention wird auf zwei Ebenen durchgeführt. Die Verhältnisprävention, als strukturelle Maßnahme, hat die Aufgabe, auf die soziale und sportliche Umwelt der Spitzenathleten einzuwirken. Informationen und Aufklärung des einzelnen Leistungssportlers hingegen sind Kennzeichen der Verhaltensprävention (Singler Treutlein, 2010, S. 187ff.; Nickel, 2009, S. 260ff.).

Singler und Treutlein (2010, S. 187) beschreiben drei Formen der Prävention: die primäre, sekundäre und tertiäre Prävention. Die primäre Prävention setzt vor dem Beginn erster Dopingversuche ein und beinhaltet den Aufbau und die Stärkung von Ressourcen (Handlungskompetenz) für einen dopingfreien Sport, sowie die Verminderung vorliegender Risikofaktoren, z.B. negative Beeinflussung durch Trainer. Sie ist auf der personellen bzw. verhaltenspräventiven Ebene anzusiedeln. Die Erfassung von Doping durch Dopingkontrollen sowie die Auseinandersetzung mit den Ursachen und Folgen sind Aufgaben der sekundären Prävention. Tertiäre Prävention befasst sich vor allem mit den gesundheitlichen Langzeitfolgeschäden durch Doping, aber auch mit der Resozialisierung von Sportlern, die gedopt haben.

Die entscheidende Rolle innerhalb der Dopingprävention spielt die primäre Prävention, da sie zu einem Zeitpunkt ansetzt, bevor Annäherungen bzw. Dopingversuche stattgefunden haben. Des Weiteren sollte diese bereits im Kindes- und Jugendalter erfolgen, da diese Personengruppe die Zukunft aller Leistungsebenen des Sportsystems verkörpert. Zumeist werden jedoch erst die gefährdeten Sportler, z.B. diejenigen, die einem Spitzenverband angehören, durch gezielte Präventionsmaßnahmen angesprochen.

In Anlehnung an Singler Treutlein (2010, S. 188ff.) werden nachstehend drei Ebenen vorgestellt, um die verschiedenen Möglichkeiten der Präventionsarbeit zu verdeutlichen. Die erste Ebene , die sogenannte Makroebene , umfasst die Gesellschaft und die Spitzenverbände. Auf dieser Ebene bilden sich Systemdruck und Systemzwänge heraus, denen Sportler unterliegen. Demzufolge liegt das Augenmerk auf strukturellen Veränderungen zur Verminderung der strukturellen Zwänge, die Doping begünstigen (ebd., S. 203f.). Ziele auf dieser Ebene sind z.B. die Erhöhung des Mindestalters für die Teilnahme an internationalen Wettkämpfen, um Minderjährige zu schützen. Eine Verringerung der Zahl der internationalen Wettkämpfe pro Jahr ist eine weitere Möglichkeit, die körperliche Belastung zu reduzieren und die Hemmschwelle zu erhöhen, auf unphysiologische Substanzen und Methoden zur Leistungssteigerung bzw. Leistungserhaltung zurückzugreifen.

Die Mezzo-Ebene (ebd., S. 188), auch vermittelnde Ebene genannt, beschäftigt sich mit dem Umfeld des Athleten. Vornehmliches Ziel ist die Entwicklung eines widerstandsfähigen Milieus gegen Doping. Das Umfeld kann sowohl in positiver als auch in negativer Hinsicht Einfluss auf den Sportler nehmen und infolgedessen Doping begünstigen oder verhindern. Die folgende Abbildung soll das Beziehungsnetz von Sportlern verdeutlichen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Beziehungsnetz von Sportlern (Singler Treutlein, 2010, S. 209)

Im Mittelpunkt der zweiten Präventionsebene (Athletenumfeld) steht der Trainer, weil er stets als Vorbild fungiert und zentrale Aufgaben bei der sportlichen Weiterentwicklung des vorrangig minderjährigen Athleten übernimmt (Singler Treutlein, 2010, S. 208ff.).

„Nachahmungsverhalten [des Athleten] wird besonders stabil, wenn es durch positive Konsequenzen belohnt wird. Durch das Lernen am Modell und das Lernen durch Beobachtung übernimmt der Lernende [der Athlet] nicht nur das erwünschte Verhalten, sondern auch die ihm zugrunde liegenden Überzeugungen, Einstellungen und Denkmuster“ (Singler Treutlein, 2010, S. 211).

Der Rolle des Trainers und seiner Vorbildfunktion wurde in der Sportwissenschaft und Trainerausbildung in der Vergangenheit nicht die Bedeutung eingeräumt, die eigentlich notwendig wäre. Fairness und Werteerziehung standen und stehen hinter der Verbesserung von Technik, Taktik und Kondition zurück (ebd., S. 213). Für die Umsetzung erfolgreicher präventiver Maßnahmen auf der Mezzo-Ebene reicht eine Qualifikation, die die reine Fachkompetenz des Trainers im Fokus hat, nicht aus. Gefragt sind vielseitige Qualifikationen im Bereich Psychologie, Pädagogik, Sozialpsychologie etc..

Eine wichtige Rolle spielen z.B. auch Eltern, Ärzte, Freunde, ggf. auch Lehrer (siehe Abb. 4). Die Qualifizierung des weiteren Umfeldes ist demzufolge ebenfalls nicht zu vernachlässigen. Spitzensportler, die in der Öffentlichkeit stehen, und deren Verhalten vor allem von jungen Athleten nachgeahmt wird, müssen in die Pflicht genommen werden, einen dopingfreien Sport zu repräsentieren. In der Öffentlichkeit wirksame Initiativen sind z.B. die Vergabe von Fair Play Preisen an bestimmte Sportler oder Kampagnen wie ‚Keine Macht den Drogen‘ (ebd., S. 217).

Die personale bzw. dritte Ebene, auch Mikroebene genannt, hat die direkte Intervention beim Athleten zum Ziel. Im Mittelpunkt steht, neben einer gezielten Informations- und Wissensvermittlung, die Entwicklung eines Bewusstseins zur Doping-Problematik und daraus resultierend die Entwicklung von Handlungskompetenz. Beobachten, Reflektieren, Entscheiden und Handeln sind ebenfalls entscheidende Bestandteile eines Beratungskonzeptes (ebd., S. 225ff.).

Singler und Treutlein (2010, S. 227) formulieren folgende Aspekte, die bei der Auseinandersetzung mit dem Doping-Phänomen berücksichtigt werden müssen:

- Reflexion über Ziele im Leistungssport
- Vorteile und Risiken der Zugehörigkeit zu einer Gruppe
- Dopingmittel – Wirkungsbereich, Risiken
- Problemsituationen in Sportlerkarrieren (Trainerwechsel, Vereinswechsel, Zugang zu nationalen Kadermaßnahmen, nationale und internationale Wettkämpfe, Verletzungen, Niederlagen, Karriereende)
- Erkennen der Diskrepanz zwischen offiziellen Zielen/Werten und Alltagshandeln
- Auseinandersetzung mit Dopingkarrieren

Die Reflexion möglicher Probleme, das Erkennen von Diskrepanzen etc. soll den Athleten auf mögliche Drucksituationen vorbereiten. Eine effektive Maßnahme ist der Einsatz von Filmen (z.B. „Entscheide selbst“[9] ), in denen Fallbeispiele gezeigt werden, anhand derer Entscheidungssituationen diskutiert, simuliert und trainiert werden können. Solche Medien unterstützen das Erarbeiten von Problemlösungen sowie möglicher Handlungsalternativen und erweitern somit den Handlungsspielraum des Athleten (Singler Treutlein, 2010, S. 227ff.).

Der Grundgedanke der Präventionsarbeit der NADA, dass ein dopingfreier Sport nicht ausschließlich durch Kontrollen und Sanktionen zu erreichen ist, begründet die Einbindung eines zweiten, präventiven Bereiches, der durch adäquate Informationsvermittlung, die Förderung von Handlungskompetenz etc. gekennzeichnet ist (Nationale Anti Doping Agentur, 2011b ; Nickel, 2009, S. 260;). Wie in Kapitel 2.2.1 erwähnt, finden Dopingpräventionsmaßnahmen sowohl auf der verhaltenspräventiven (personellen) als auch der verhältnispräventiven (strukturellen) Ebene statt. Aufgrund der Tatsache, dass Athleten nicht ausschließlich durch persönliche Eigenschaften, persönliche Ziele etc. auf verbotene Substanzen oder Methoden zurückgreifen, sondern zusätzlich durch das Umfeld und auf struktureller Ebene (z.B. durch die Verbände) beeinflusst werden, ist es unerlässlich, dass beide Ebenen abgedeckt werden. Der Fokus der verhaltenspräventiven Intervention liegt auf der Ebene der Primärprävention. Das Augenmerk liegt auf der Zielgruppe der jungen Nachwuchssportler (aber auch der Spitzenathleten), die möglichst frühzeitig aufgeklärt und hinsichtlich ihrer Kompetenzen gefördert werden sollen, so dass sie gewappnet sind, sich gegen Doping entscheiden zu können (Nickel, 2009, S. 260ff).

Eine Studie der TU München im Jahr 2008 zeigt, dass bis dato nicht alle Bereiche erfasst werden, die für die Dopingbekämpfung notwendig sind (siehe Wippert, Borucker, Waldenmayer, Schweizer Beckmann, 2008). Vor allem der Bereich des Freizeit- und Breitensports muss wissenschaftlichen Studien zufolge stärker berücksichtigt werden. Nachwuchssportler sowie ihr Umfeld sollten bereits zu Beginn einer möglichen Sportkarriere an eine dem Doping gegenüber konsequent ablehnende Haltung herangeführt werden. Der Nationale Dopingpräventionsplan (NDPP) geht folgerichtig über den Leistungssport hinaus und schließt zusätzliche Maßnahmen im Breiten- und Jugendsport mit ein. Für seine Umsetzung ist eine Steuerungsgruppe verantwortlich, die aus den Partnern des NDPP ( Bundesministerium des Innern (BMI), Sportminister - (SMK) und Sportreferentenkonferenz (SRK) , DOSB/ DSJ und NADA) besteht. Die NADA ist federführend und verantwortlich für die Organisation (Nationale Anti Doping Agentur Deutschland, 2010a). Zweimal im Jahr macht die Steuerungsgruppe Vorschläge zur Bündelung und Optimierung der Dopingpräventionsmaßnahmen in Deutschland und beschließt auf der Grundlage von Empfehlungen (Strategie und Ausrichtung der Dopingprävention) des „ Runden Tisches Dopingprävention “ (Nationale Anti Doping Agentur Deutschland, 2009b) einen Rahmenplan. Zum „Runden Tisch“[10], der einmal jährlich stattfindet, werden neben den Mitgliedern der Steuerungsgruppe Beteiligte aus den Bereichen Politik, Sport, Gesundheit etc. eingeladen. Es werden aktuelle Entwicklungen diskutiert und laufende Projekte des NDPP vorgestellt. Den Vorsitz des Runden Tisches haben BMI und SMK/SRK.

Jede Dopingpräventionsmaßnahme wird von dem jeweiligen Projektträger bzw. der jeweiligen Organisation selbst verantwortet. Diese kann durch die Steuerungsgruppe finanzielle Unterstützung erhalten. Für jede Zielgruppe ist, wie in der nachfolgenden Abbildung dargestellt, eine Stelle federführend zuständig. Die Organisationen haben die Aufgabe, sich gegenseitig bei den Dopingpräventionsprojekten zu aktivieren und zu unterstützen. So stellt z.B. die NADA für die DSJ Informationsmaterialien zur Verfügung und umgekehrt. Auf diese Weise soll eine Abdeckung der gesamten Breite des Sports und seines Umfeldes gewährleistet werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: ohne Titel (Nationale Anti Doping Agentur Deutschland, 2011a)

Zur erfolgreichen Umsetzung des NDPP ist eine ständige Kommunikation und Interaktion aller beteiligten Organisationen unerlässlich. Die Bildung von Netzwerken, der Austausch von Erfahrungen und die Nutzung von Synergieeffekten der einzelnen Organisationen sind für die Weiterentwicklung des NDPP maßgeblich. (Nationale Anti Doping Agentur Deutschland, 2010b, S. 43ff; siehe hierzu auch Nationale Anti Doping Agentur Deutschland, 2011a).

Als Fazit kann festgehalten werden, dass der NDPP versucht, die verschiedenen Dopingpräventionskonzepte zu bündeln sowie Kooperationen und Synergien zu schaffen. Er hat, wie beschrieben, keine Entwicklungsfunktion, sondern ausschließlich eine Steuerungs- und Koordinierungsfunktion bei der Durchführung aller Dopingpräventionsmaßnahmen in Deutschland.

2.2.2 Ziele

Die Ziele der Dopingprävention werden durch die Ideale des Sports und durch die bereits gewonnenen Erfahrungen und vollzogenen Entwicklungen bestimmt. In Anlehnung an den NADC (Artikel 15) ist das Ziel der Dopingprävention:

„[…]den Sportsgeist zu bewahren und zu verhindern, dass er durch Doping untergraben wird. Im Sinne des Fairplays und zum Schutz der körperlichen Unversehrtheit und Gesundheit sollen Athleten davor bewahrt werden, bewusst oder unbewusst Verbotene Substanzen und Methoden anzuwenden (Nationale Anti Doping Agentur Deutschland, 2010c, S. 64).“

Allgemeine Ziele der Dopingbekämpfung sind das Herstellen von fairen und gleichen Wettkampfbedingungen, der gesundheitliche Schutz der Athleten, der Erhalt des Sportwesens, seiner Werte und Authentizität sowie seiner Vorbildfunktion (siehe Prokop, 2000). Vor allem der Schutz der erzieherischen Funktion des Sports, spielt eine zentrale Rolle. Viele Eltern vertrauen ihre Kinder den Sportvereinen an, damit ihre sportlichen Fähigkeiten in pädagogischer Verantwortung entwickelt und gefördert werden. Aufgrund der Tatsache, dass eine Leistungssportkarriere oft bereits im Kindesalter beginnt, ist der Sport auf den Nachwuchs angewiesen. Die Vorbildfunktion der Spitzensportler darf ebenfalls nicht außer Acht gelassen werden, da sie von Kindern und Jugendlichen oft zu Idolen erkoren und ihnen nachgeeifert wird. Dies gilt sowohl für positive als auch für negative Verhaltensweisen. So besteht die Gefahr, dass der Medikamentenkonsum in die Vereine getragen wird und die Gesundheit der jungen Sportler gefährdet. Darüber hinaus geht auch die erzieherische Glaubwürdigkeit des Sports verloren. Um dies zu verhindern, ist ein moralisch intakter und vertretbarer Hochleistungssport unerlässlich (Haug, 2005, S. 115; siehe hierzu auch Bette, 2006a; Bette, Schimank, Wahlig Weber, 2002).

Präventionsmaßnahmen gegen Doping müssen, parallel zur personellen Ebene (Primärprävention), auch in den Strukturen des Sports verankert werden. Dabei ist in Anlehnung an Bette et al. (2002, S. 12) die Veränderung der „dopingfördernden Kontextstrukturen des Athleten“ ein wichtiges Ziel (Buschmann, Lämmer Petry, 2011, S. 134ff.; Nickel, 2009, S. 262).

2.2.3 Ausgewählte aktuelle Konzepte

Aus der überschaubaren Zahl der Dopingpräventionskonzepte in Deutschland wird zunächst das Konzept der NADA und anschließend das der DSJ dargestellt.

Der Kampagne „ Gemeinsam gegen Doping “ beschreibt alle Dopingpräventionsmaßnahmen der NADA. Die Aufklärungsarbeit richtet sich an mehrere Zielgruppen (Nachwuchssportler/Spitzenathleten, Trainer/Betreuer, Eltern, Lehrkräfte). Für jede Zielgruppe wurden speziell auf sie ausgerichtete Materialien erstellt, die auf den organisierten Sport zugeschnitten sind (Nationale Anti Doping Agentur Deutschland, 2011b).

Um eine nachhaltige Wirkung zu erreichen, setzen die Aufklärungsarbeit sowie die Informations- und Wissensvermittlung bei Athleten ab ca. 12 Jahren an. Die NADA-Broschüre „Gemeinsam gegen Doping“, die im Februar 2011 in überarbeiteter Form veröffentlicht wurde, adressiert die Zielgruppe der Nachwuchssportler in altersangemessener Form: „Wir wollen euch helfen, sauber euren Weg im Leistungssport zu gehen.“ Durch eine direkte Anrede, soll Nähe erreicht werden (Nationale Anti Doping Agentur Deutschland, 2011d).

Mit Hilfe der Jugendbroschüre soll Athleten über eine theoretische Vermittlung von Handlungskompetenzen die Möglichkeit gegeben werden, sich gegen Doping zu entscheiden. Im Vorwort wird kurz auf die zwei Säulen (Sanktionen/Kontrollen und Prävention) Bezug genommen. Ein wichtiger Ansatz ist die Betonung, dass das Doping-Problem nicht allein durch Kontrollen und Sanktionen gelöst werden kann. Es ist vielmehr wichtig, dass Jugendliche so gut wie möglich informiert sind, die Regeln kennen und sich für einen dopingfreien Sport einsetzen.

Zu Beginn der Broschüre wird erklärt, wie der Begriff Doping entstanden ist, wann die ersten Dopingkontrollen stattgefunden haben und wie die aktuelle Definition, mit Verweis auf den NADC 2009, lautet. Es werden Auszüge des NADC und das Dopingkontrollsystem beschrieben. Exemplarisch werden ferner soziologische und psychologische Aspekte (z.B. kritische Momente in einer Sportkarriere) angeführt, die Doping begünstigen können und aufgezeigt, welche sportlichen, gesundheitlichen, sozialen und finanziellen Konsequenzen Doping haben kann. Anschließend werden Wirkungen und Nebenwirkungen ausgewählter Substanzen beschrieben. Die physiologischen und psychologischen Auswirkungen, die zum Teil geschlechtsspezifisch sind, werden anhand einer „ Bodymap “ dargestellt. Es folgt eine Auflistung verbotener Substanzen und erlaubter Medikamente, mit dem Verweis auf die Online-Medikamenten-Datenbank der NADA[11], die es vor allem Athleten ermöglichen soll, eine schnelle Auskunft über die Dopingrelevanz von Medikamenten zu erhalten. Weitere Informationen zu den verschiedenen Testpools mit der Angabe der Rechte und Pflichten des Athleten, sowie mögliche Sanktionen werden ebenfalls beschrieben. In dem Kapitel „Sauber bleiben“ werden kurze Ratschläge zu folgenden Aspekten gegeben (Nationale Anti Doping Agentur Deutschland, 2011d, S. 23):

- Kritisches Hinterfragen ist angesagt
- Medikamente sorgsam prüfen
- Mit einem vertrauten Menschen sprechen
- Fachkundigen Rat bei NADA und DOSB einholen
- Alternativen suchen
- Stellung beziehen

Die Nachwuchssportler erhalten Anregungen, wie sie sich verhalten können, wenn ihnen verbotene Substanzen angeboten werden, wie sie prüfen und erkennen können, ob es sich bei Medikamenten, die sie verschrieben oder verabreicht bekommen, um Dopingmittel handelt. Zudem werden bei auftretenden Fragen seitens der Jugendlichen sowie bei Problemen in Zusammenhang mit Doping Ansprechpartner des DOSB benannt. Anschließend werden drei Fallbeispiele ehemaliger Spitzensportlerinnen beschrieben, die des Dopings überführt wurden. Die Konsequenzen im Fall Marion Jones, die aufgrund ihrer Falschaussagen, die sie unter Eid getätigt hatte, für mehrere Monate ins Gefängnis musste und abschließend ihren Rücktritt vom Spitzensport erklärte, demonstrieren mögliche strafrechtliche Folgen (vgl. Shipley, 2007).

Das Kapitel „Wo stehst du?“ regt den Nachwuchssportler dazu an, sich mit der Frage nach dem Status quo bzgl. der eigenen Einstellung zu Doping zu beschäftigen. Mit Hilfe der Anregungen (z.B. Betrug – ein zweifelhaftes Vergnügen, Beispiel siehe unten) sollen sich die Jugendlichen bewusst mit der Frage des Für und Wider auseinandersetzen, damit sie nicht unvorbereitet sind, falls der Ernstfall eintritt und es zum direkten oder indirekten Kontakt mit Doping kommt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.3: Betrug – ein zweifelhaftes Vergnügen (Nationale Anti Doping Agentur Deutschland, 2011d, S. 27)

Zu jedem Thema werden in der Broschüre weiterführende Internetquellen aufgeführt, die bei Bedarf eine tiefergehende Recherche ermöglichen. Die Jugendlichen haben ferner die Möglichkeit, anhand von sechs Fragen ihren Wissensstand zu testen. Am Ende der Broschüre werden diese Fragen beantwortet und erklärt (Nationale Anti Doping Agentur Deutschland, 2011d).

Die Internetseite der NADA „ high five[12] bietet Nachwuchsathleten einen umfassenden theoretischen Überblick zur Dopingprävention und Informationen zu verbotenen Substanzen und Methoden, Nahrungsergänzungsmitteln, Ablauf einer Dopingkontrolle etc. Als weitere Präventionsmaßnahmen sind ein Wissensquiz und eine interaktive Bodymap[13] zu sehen, die Informationen über Wirkungen und Nebenwirkungen bestimmter Dopingsubstanzen geben.

Die E-Learning-Plattform „Gemeinsam gegen Doping“ der NADA[14] dient der medialen Wissensvermittlung und -überprüfung mit verschiedenen Themenschwerpunkten: Verbotsliste, Ablauf einer Dopingkontrolle, Rechte und Pflichten des Sportlers. Die Module der Online-Kurse können komplett oder themenspezifisch absolviert werden. Der Online-Test ermöglicht die Überprüfung des aktuellen Wissensstandes. Wenn der Test erfolgreich absolviert wurde (mindestens 80%), hat der Athlet, nach Ausfüllen des Feedback-Formulars, die Möglichkeit, sich ein Teilnahme-Zertifikat auszudrucken.

Der NADA-Informationsstand wird durch Studierende der Deutschen Sporthochschule Köln betreut und ist bei Sportveranstaltungen wie Jugend trainiert für Olympia vor Ort. Der Informationsstand dient der direkten Kommunikation und Kontaktaufnahme mit jungen Athleten und deren unmittelbarem Umfeld. Es werden zielgruppenspezifische Informationen und Materialien verteilt. An mobilen Terminals kann das Wissensquiz, wie auf der Internetplattform, genutzt werden.

Ein weiterer Bestandteil der NADA-Präventionsmaßnahmen für die Zielgruppe der Nachwuchssportler sind die interaktiven Seminare an den Eliteschulen des Sports. Bei diesen werden durch die Referenten des Ressorts Prävention zielgruppenspezifische Anti-Doping-Informationen, mit dem Ziel der Aufklärung und Wissensvermittlung, vorgestellt. Schüler sowie Lehrkräfte werden aktiv mit einbezogen und erarbeiten eigenständig die Inhalte der Veranstaltung. Die Referenten stehen während und nach den Veranstaltungen für Fragen zur Verfügung. Sofern möglich, werden aktuelle und ehemalige Spitzensportler zu den Seminaren eingeladen, die durch Erfahrungsberichte und Fragen den Bezug zum Anti-Doping-Thema herstellen bzw. veranschaulichen sollen (Nationale Anti Doping Agentur Deutschland, 2009a).

[...]


[1] Im laufenden Text erfolgen Hervorhebungen, z.B. von Fachausdrücken bei ihrer ersten Nennung, durch Kursivsetzung.

[2] Informationen zur Präventionsarbeit des DLV siehe http://www.deutscher-leichtathletik-verband.de/index.php?SiteID=548 (Zugriff am 2. November 2011).

[3] Informationen zum DSV siehe http://www.dsv.de/anti-doping/ (Zugriff am 2. November 2011).

[4] Informationen zur Präventionsarbeit des BDR siehe http://www.rad-net.de/html/antidoping/

dokumente/massnahmenkatalog-antidoping-2008_v2.pdf (Zugriff am 2. November 2011).

[5] Zur Verbesserung der Lesbarkeit habe ich mich entschieden, auf eine durchgehende Nennung der männlichen und weiblichen Sprachform zu verzichten. Demzufolge werden Personenbezeichnungen in der männlichen Sprachform verwendet, es sind natürlich immer Frauen und Männer gemeint.

[6] Weitere Informationen zum Fall Jensen siehe: http://www.sports-reference.com/olympics/

athletes/je/knud-enemark-jensen-1.html (Zugriff am 27. Oktober 2011).

[7] Die World Anti-Doping Agency (WADA) (dt.: Welt-Antidoping-Agentur ) wurde, aufgrund der spektakulären Dopingfälle bei der Tour de France (1998), im Jahre 1999 in Lausanne gegründet. Weitere Informationen siehe http://www.wada-ama.org/ (Zugriff am 11. November 2011).

[8] Übersicht über die Spitzenverbände in Deutschland siehe http://www.dosb.de/de/

organisation/mitgliedsorganisationen/spitzenverbaende/ (Zugriff am 17. März 2012).

[9] Der Film von Dominik Knebel steht der Öffentlichkeit kostenlos zur Verfügung, siehe http://www.uni-landau.de/fus/downloads/ms1005/Knebel-1.pdf (Zugriff am 17. März 2012).

[10] Das Ergebnisprotokoll und weitere Informationen zum 4. Rundentisch siehe http://www.nada-bonn.de/praevention/runder-tisch-2011/ (Zugriff am 8. November 2011).

[11] Weitere Informationen zur NADAMed Medikamenten-Datenbank siehe http://www.nada-bonn.de/nadamed/ (Zugriff am 14. Juli 2011).

[12] Informationen zur Internetseite „high five“ siehe www.highfive.de (Zugriff am 14. Juli 2011).

[13] Interaktive Bodymap siehe www.highfive.de/?id=727 (Zugriff am 17. März 2012).

[14] E-Learning Plattform siehe http://www.gemeinsam-gegen-doping.de/online2/login/nadade/ index.php (Zugriff am 14. Juli 2011).

Details

Seiten
91
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783842831230
Dateigröße
1.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v229220
Institution / Hochschule
Deutsche Sporthochschule Köln – Institut für Biochemie, Diplom Sportwissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
dopingprävention motivierende kurzintervention gesprächsführung suchtprävention sport

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Motivierende Kurzintervention als Konzept in der Dopingprävention: Eine Analyse der Möglichkeiten und Grenzen