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Die Bedeutung der Elektrotechnischen Ausstellung 1891 für die Elektrifizierung der Städte im Deutschen Reich

Elektrizitätsversorgung in Frankfurt am Main 1890-1910.

Magisterarbeit 2010 82 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1Einleitung

2 Geschichte der Stromversorgung
2.1 Anfänge und Entwicklungen der Elektrifizierung im Deutschen Reich
2.2 Anfänge und Entwicklungen der Elektrifizierung in Frankfurt

3 Elektrotechnische Ausstellungin Frankfurt 1891 23
3.1 Bedeutung von Ausstellungen für die Elektrifizierung in den Städten
3.1.1 Elektrizitätsausstellungen
3.1.2 Pariser Weltausstellung im Jahre 1900
3.2 Hintergrund zur Frankfurter Ausstellung
3.2.1 Ursachen
3.2.2 Organisation, Konzeption und Ablauf der Ausstellung
3.3 Höhepunkte und Ergebnisse der Ausstellung

4 Folgen der Elektrotechnischen Ausstellung in Frankfurt
4.1 Konzeption und Betrieb des ersten städtischen Elektrizitätswerkes
4.1.1 Planungen und Bau des Elektrizitätswerkes
4.1.2 Betrieb und Entwicklung des Elektrizitätswerkes
4.2 Folgen in der Stadt – Anwendungsbeispiele der Elektrizität
4.2.1 Beleuchtung in der Stadt und Umgebung
4.2.2 Die elektrische Straßenbahn

5 Schluss

6 Quellen- und Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts gab es einige wichtige Erfindungen im Bereich der Elektrizität mit der 1866 von Werner von Siemens erfundenen Dynamomaschine als Höhepunkt.[1] Im Zuge dieser Entwicklung kam es gegen Ende des Jahrhunderts zur Elektrifizierung der Städte im Deutschen Reich. Wenn man das Thema in einen etwas größeren Zeitrahmen einbettet, bedeutete laut Radkau die Zeit um 1850 in der Industrie- und Technikgeschichte eine markante Zäsur.[2] Aufgrund verschiedener Erfindungen und einer durchgreifenden Technisierung erlebte Deutschland seinen ersten heftigen industriellen Aufschwung. Besonders die Elektrizität sollte sich zu der Fortschrittstechnik schlechthin entwickeln und die Begleitphänomene der Elektrifizierung prägten die Stadtentwicklung.

Ausgangspunkt der Elektrizitätsanwendung in den Städten waren so genannte elektrische Einzelanlagen, die einzelne Gebäude und Straßenzüge mit Strom versorgten, ehe dann seit den 80er Jahren in immer mehr Städten mit dem Bau von Elektrizitätswerken begonnen wurde.[3] Die zunehmende Elektrifizierung in den Städten wurde durch bestimmte Entwicklungen und die Eigenschaft der Elektrizität begünstigt.

Die Urbanisierung und das zunehmende Bevölkerungswachstum in den Städten und damit einhergehende Probleme wie die zunehmende Kriminalität verlangten nach neuen Lösungsansätzen, welche durch die Elektrifizierung erbracht werden konnten.[4] Die elektrische Beleuchtung von Straßen und Plätzen und der Ausbau des städtischen Nahverkehrssystems waren wichtige Elemente; gerade auf verkehrstechnischem Gebiet fand eine wahre Revolution statt.

Die Organisation von Eisenbahngesellschaften war nur denkbar mit dem technischen Hilfsmittel der Telegraphie[5], welche durch die Elektrizität einen enormen Aufschwung erfuhr. Die bisher unbekannten Eigenschaften der Elektrizität eröffneten neue Möglichkeiten und weckten in vielfacher Hinsicht das Interesse der Menschen. Das elektrische Licht elektrische Licht hatte – wie alle elektrotechnischen Systeme – mit der Beschleunigung und Minimalisierung von Zeit eine eigentümliche Charaktereigenschaft: Es konnte ebenso wie der elektromotorische Antrieb ohne Vorlaufzeit verwendet werden.[6] Um die schwierigen ökonomischen und technischen Probleme der Elektrifizierung zu lösen, bedurfte es weiterer Erfindungen und der Investitionsbereitschaft seitens der Städte und der Wirtschaft. Laut Margit Grabbas war die Ausbreitung des technischen Fortschritts in Gestalt der Elektrotechnik nämlich kein gleichmäßig verlaufender Prozess und eng mit der wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands verknüpft.[7] Grabbas ging der Frage nach, inwieweit die Ausbreitung der Elektrizität mit ihren elektrotechnischen Innovationen das wirtschaftliche Wachstum zwischen 1895-1914 mitbestimmt hat.

Einige Autoren wie Jürgen Reulecke, Steen und Schott vertreten die Meinung, dass die weitere Elektrizitätsversorgung der deutschen Städte durch die Internationale Elektrotechnische Ausstellung in Frankfurt am Main im Sommer 1891 einen ganz entscheidenden Impuls erhielt.[8] Diese Meinung schafft gleichzeitig die Verbindung zum Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Arbeit, nämlich der Wirkung der Elektrotechnischen Ausstellung in Frankfurt auf Planung, Auf- und Ausbau der Elektrizitätsversorgung im Deutschen Reich.

Die Magisterarbeit geht der These nach, dass die Ausstellung einen Meilenstein und entscheidenden Durchbruch bei der Durchsetzung der Elektrifizierung und der Beschäftigung mit Elektrizität darstellte. Zusätzlich soll auf die Rolle von Welt- und Elektrizitätsausstellungen, insbesondere jene der Weltausstellung in Paris 1900, und deren Anteil bei der Durchsetzung von Elektrizität eingegangen werden.

Die Leitthese soll am Beispiel von Frankfurt am Main überprüft werden. In diesem Zusammenhang ist die Annahme zu überprüfen, dass die geglückte Fernübertragung von Lauffen am Neckar nach Frankfurt am Main, bei der erstmals Strom über eine Strecke von mehr als 100 Kilometern übertragen wurde[9], maßgeblich den Durchbruch vorangetrieben hat. Welchen Anteil dieses Drehstrom-Experiment daran hatte und wie relevant es für die Elektrizitätsversorgung in Frankfurt war, sollen weitere Ausführungen der vorliegenden Magisterarbeit zeigen.

Die Ausstellung fiel in den Zeitraum der so genannten Zweiten Industriellen Revolution[10], die von der Chemie, der Optik, dem Fahrzeugbau und ganz besonders von der Elektrotechnik bestimmt war. Sie ermöglichte Zeiteinsparungen in gewaltigem Ausmaß und brachte vielerlei neue Rationalisierungschancen wie auch Veränderungen des Alltagslebens mit sich.[11] Ein Indiz für große Entwicklungssprünge der Elektrifizierung und Elektrizitätswirtschaft in Deutschland nach 1890 kann, neben einem deutlichen Anstieg der Kraftwerksgrößen, in den jährlichen Steigerungsraten von über 20 Prozent der Zuwächse beim Anlagekapital der öffentlichen Stromversorgung zwischen 1900 und 1913 gesehen werden.[12]

Die genannten Faktoren können nur erste Hinweise zur Überprüfung der Leitthese geben. Im ersten Teil der Arbeit werden grundlegende Entwicklungen beschrieben, um die Leitthese in einen größeren Zusammenhang einordnen zu können. Dafür sind die Entwicklungen der Stromversorgung im Deutschen Reich und der Stadt Frankfurt darzulegen. Die Situation in Frankfurt vor und nach der Elektrotechnischen Ausstellung ist dabei von besonderer Bedeutung.

Danach wird auf die Bedeutung von Welt- und Elektrizitätsausstellungen eingegangen, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts immer häufiger abgehalten wurden. Diese stellten bei der Entwicklung der Elektrifizierung wichtige Teiletappen dar und lieferten beträchtliche Impulse. Solche Ausstellungen waren die Plattform schlechthin für den immensen Fortschritt von Wissenschaft und Technik.[13]

Damit ist gleichzeitig der Bogen zum Ausgangspunkt der Leitthese, der Elektrotechnischen Ausstellung 1891 in Frankfurt, gespannt. Deren Vorgeschichte, Konzeption und wichtigste Ereignisse werden im weiteren Verlauf der Arbeit dargelegt. Einen großen Stellenwert haben dabei die Kontroversen im Rahmen dieser Ausstellung im Systemstreit um das richtige Stromsystem ein.

Hauptfrage der Ausstellung war, wie die elektrotechnischen Errungenschaften für die Verwendung in der Stadt und die Verbesserung des Stadtlebens nutzbar gemacht werden könnten.[14] Dazu wollten die Organisatoren der Ausstellung – Vertretern der Stadt, Pioniere sowie hochrangige Techniker – bedeutenden deutschen elektrotechnischen Firmen und solchen aus dem regionalen Bereich Frankfurts eine Plattform geben, um die Anwendungsmöglichkeiten sowie den Fortschrittsgehalt der elektrotechnischen Möglichkeiten aufzuzeigen.[15] Mit der Ausstellung wollte man das Interesse der Bevölkerung, der Techniker und der Stadtverwaltungen an der Elektrizität wecken, damit diese über die Möglichkeiten der Elektrizitätsversorgung aufgeklärt wurden.[16] Um eine positive Resonanz zu erzielen, veranstaltete man im Rahmen der Ausstellung einen Städtetag und einen Elektrotechniker-Kongress.

Um die Leitthese auf der Basis der bisher skizzierten Zusammenhänge überprüfen zu können, muss als Kern der vorliegenden Arbeit die Auswertung von Quellenmaterial vorgenommen werden. Damit ist es möglich, die Bedeutung sowie Wirkung der Ausstellung und ihrer Rahmenveranstaltungen für den Durchbruch der Elektrifizierung herauszuarbeiten. Bau, Betrieb und Entwicklung des Elektrizitätswerkes sowie die Elektrifizierung der Straßenbahnen und der städtischen Beleuchtung als direkte beziehungsweise indirekte Folgen der Elektrizitätsausstellung in Frankfurt werden dann als nächster und weitergehender Entwicklungsschritt genauer in den Blick genommen.

Anhand der unmittelbaren Geschehnisse und längerfristigen Folgen können die Auswirkungen der Ausstellung auf die Elektrifizierung in Frankfurt in geeigneter Weise dargestellt werden. Bei den unmittelbaren Ereignissen handelt es sich um die Planung und den Bau des städtischen Elektrizitätswerkes, wobei hier die kontroverse Entscheidungsfindung für den Betreiber des Werkes mit hineinspielte. Hinzu kommen die Reaktionen auf technische Innovationen der Ausstellung sowie die Beratungen und Planungen zur Elektrifizierung der Straßenbahn. Die längerfristigen Folgen betreffen den Betrieb des Elektrizitätswerkes, die Entwicklung des Strompreises und die Umsetzung des Betriebes der elektrischen Straßenbahn sowie der Beleuchtung städtischer Gebäude und Straßen in die Praxis.

Zum Forschungsstand ist anzumerken, dass die allgemeine Geschichte der Elektrifizierung und Elektrizitätsversorgung im Deutschen Reich und Frankfurt am Main bereits eingehend untersucht wurde. Daher besteht für den Themenkomplex Elektrifizierung und Entwicklung der Elektrizität ein ausreichender Fundus an Literatur. Zu nennen ist beispielsweise die „Geschichte der Stromversorgung“ von Wolfram Fischer[17], welche die Anfänge und Entwicklungen von Elektrifizierung im Deutschen Reich in kompakter Weise und gut verständlich darstellt. Die einschlägigen Werke sowie Aufsätze von Dieter Schott und Beate Binder informieren über die Vernetzung der Städte, deren Urbanisierung und Elektrifizierung im Deutschen Reich.[18] Die Geschichte der Elektrifizierung Frankfurts wird mit einigem Anschauungsmaterial versehen von Jürgen Steen in seinem Band „Die zweite industrielle

Revolution“[19] beschrieben. Dabei wird auch die Elektrotechnische Ausstellung in Frankfurt mit einbezogen. In einem zweiten für diese Magisterarbeit grundlegenden Band „Eine Neue Zeit…!“[20] geht derselbe Autor auf Aspekte rund um die Elektrotechnische Ausstellung ein. Er streift dabei auch die Geschichte der Elektrifizierung in Frankfurt sowie deren Zusammenhang mit der Ausstellung. Darin wird zum einen die allgemeine Situation der Elektrizitätsentwicklung in Frankfurt zusammengefasst und zum anderen die Verbindung zu Vorgeschichte, Ablauf und Inhalt der Ausstellung hergestellt.

Was die Ausstellungen angeht, ist die Elektrotechnische Ausstellung in Frankfurt und die Weltausstellung in Paris in zeitgenössischen Quellenbeständen recht gut nachgezeichnet, wobei die Quellen durch Sekundärliteratur unterfüttert werden. Für die Beschäftigung mit der Elektrotechnischen Ausstellung hat sich der erste Band des Offiziellen Ausstellungsberichts als sehr nützlich erwiesen[21]. Besonders der Städtetag und seine Wirkung lassen sich mit Hilfe dieser Quelle gut nachvollziehen. Über das Ereignis des Drehstrom-Experiments gibt es ebenfalls einige Quellenberichte.[22] Zur Weltausstellung in Paris gibt die Ausstellungszeitschrift „Die Weltausstellung in Wort und Bild“ wertvolle Hinweise.[23]

Um den Zusammenhang zwischen der Elektrotechnischen Ausstellung und den Entwicklungen der Elektrizitätsversorgung in Frankfurt herzustellen, wurden weitere zeitgenössischer Quellenbestände herangezogen. Neben Akten der Stadtwerke, Magistratsakten und Denkschriften zum Bau und Betrieb der Elektrizitätswerke in Frankfurt wurden Dokumente zur Genehmigung, Einführung und Anwendung konkreter Elektrifizierungsmaßnahmen bezüglich der elektrischen Straßenbahn sowie der Beleuchtung von Gebäuden, Straßen und Plätzen ausgewertet. Hervorzuheben sind Quellenbestände aus Archivbeständen des Stadtarchivs Frankfurt am Main.[24] Hinzu kommen einzelne Bestände der Bibliothek des Landesmuseums für Technik und Arbeit in Mannheim.[25] Unterstützend konnten Informationen zur Elektrizitätsversorgung in Frankfurt am Main aus Bänden der Elektrotechnischen Zeitschrift (ETZ) herangezogen werden.[26]

Die Einzelaspekte der Elektrotechnischen Ausstellung einerseits und der Elektrifizierung in Frankfurt andererseits sind zwar weitgehend erschlossen, aber eine Herstellung des konkreten Zusammenhangs zwischen beiden Komponenten wurde bisher nicht behandelt. Dies war somit Aufgabe der vorliegenden Magisterarbeit. Gerade die konkrete Entwicklung der Elektrizitätsversorgung in Frankfurt stellte in der bisherigen Forschungsliteratur eine Lücke dar.

2 Geschichte der Stromversorgung

2.1 Anfänge und Entwicklungen der Elektrifizierung im Deutschen Reich

Die Techniken der Elektrifizierung wie elektrisches Licht und die Gründung von Elektrizitätswerken fanden ihren Eingang in die Städte genau in der Zeit, als diese wegen kontinuierlichem Wachstum mit der Notwendigkeit konfrontiert waren, neue soziale, politische und technische Konzepte zu erproben und einzuführen.[27] Der Durchbruch der Elektrizität in Deutschland gelang mit den Erfindungen von Siemens und Edison.

Elektrische Kraftanlagen wurden vor allem durch die Entdeckung des dynamoelektrischen Prinzips von Werner von Siemens 1866 und die Erfindung des Trommelankers durch einen leitenden Mitarbeiter der Firma Siemens&Halske revolutioniert.[28] Diese Erfindungen machten den elektrischen Generator wirtschaftlich, welcher zunächst von Dampfmaschinen angetrieben wurde. Eine Vorstufe des öffentlichen Kraftwerks war ab den 70ern und 80ern die Einzelanlage, welche einzelne Häusern und Fabrikanlagen versorgte.[29] Wenig später errichtete man Blockstationen, die ganze Straßenzüge und Wohnblocks mit Strom versorgen konnten. Blockstationen, die den Nachteil einer begrenzten Leistungsgröße und eines zu niedrigen Nutzungsgrades hatten, entstanden in vielen Städten und wurden auch noch gebaut, als es die ersten Elektrizitätswerke gab.[30]

Die ersten elektrischen Zentralstationen hatten wie andere Anlagen in dieser Zeit allerdings mit technischen Defekten, mangelnder Nachfrage und zu geringer Auslastung zu kämpfen. Wegen des hohen Preises für Lichtstrom, der um 1890 bei 70 - 80 Pfennigen je KWh lag, blieb die Elektrizität Luxusware und Repräsentationsgegenstand. Der Tagelohn eines Facharbeiters betrug lediglich vier Mark.[31]

Eine erste Phase der Elektrifizierung, die durch das Thema Beleuchtung bestimmt war, kann man laut Schott ab 1880 feststellen .[32] Die elektrischen Lampen setzten mit ihrer strahlenden Helligkeit nicht nur neue Maßstäbe für künstliche Beleuchtung, sondern waren auch für eine neue Stufe städtischer Entwicklung verantwortlich. Um 1880 wurden die ersten Straßenbeleuchtungen probeweise installiert.[33] Elektrotechnische Firmen holten sich von den städtischen Gremien die Erlaubnis ein, eine Zeit lang Lampen zu installieren, um die Vorzüge elektrischer Beleuchtung zu demonstrieren und die Städte von der Notwendigkeit zu überzeugen, langfristig in elektrisches Licht zu investieren.[34]

Die Entwicklungen auf dem Gebiet der Lichttechnik waren vor 1880 schon vereinzelt von Bogenbeleuchtungen bestimmt und danach durch die Kohlfadenlampe von Thomas Alva Edison verbessert worden. Auf der internationalen elektrischen Ausstellung in Paris 1881 stellte dieser neben seiner Glühlampe ein komplettes elektrisches Versorgungssystem vor.[35]

Emil Rathenau erwarb die Rechte, das Edison-System in Deutschland kommerziell einzuführen. 1883 gründete er die „Deutsche Edison-Gesellschaft für angewandte Elektrizität“, aus der 1887 die Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft (AEG) hervorging.[36] In einigen Städten wurden schon 1883 verschiedene Einrichtungen wie Theater mit Glühlampen beleuchtet.[37]

Bevor dann die ersten Elektrizitätswerke gegründet wurden, führten Gegner und Befürworter von Elektrizität eine grundlegende Auseinandersetzung über den Sinn und Nutzen der neuen Energieform. Es entwickelte sich eine breite Debatte über die Auswirkungen der neuen Technik, wie die Ausdehnung des Nachtlebens, den wachsenden Verkehr und neue Wahrnehmungsmuster sowie Lebensgewohnheiten der Bürger.[38]

Auch die Gestaltungsmöglichkeiten der neuen Technik und der Sinn einer hohen Beleuchtungsintensität waren Bestandteile der Diskussionen. Obwohl es einige kritische Stimmen gab, welche Kosten und Zuverlässigkeit kritisierten und so viel Helligkeit für überflüssig hielten, war mit den ersten genehmigten Lampen bald der Bann gebrochen. Denn die abendliche Beleuchtung war ein Publikumsmagnet und lockte viele Menschen auf die Straße.[39]

Den kommunalpolitischen Ebenen der Städte stellte sich bald die Frage der Versorgung mit elektrischer Energie.[40] Die Skepsis gegenüber der Elektrotechnik speiste sich aus der Tatsache, dass hohe Investitionskosten entstanden und ein Elektrizitätswerk nur dann rentabel war, wenn damit nicht nur nächtliche Beleuchtung abgedeckt wurde. Durch den gezielten Einsatz elektrischer Energie sah man dennoch positive Möglichkeiten der Stadtentwicklung.[41]

Diese Meinung herrschte in den meisten zunehmend professionalisierten sowie bürokratisierten Stadtverwaltungen vor, an deren Spitzen bildungsbürgerliche Funktionseliten traten. Diese mussten sich aber die Unterstützung der besitzbürgerlichen Schichten in den Stadtparlamenten einholen. Dafür entwickelten sie die Vision einer modernen und attraktiven Stadt, um die Stadtverordneten für die Zustimmung finanziell aufwendiger Investitionsvorhaben zu gewinnen.[42] Die Diskussionen um den Aufbau umfassender Stromversorgung riefen eine Vorstellung von den Potentialen einer modernen Stadt und einer leistungsorientierten Stadtverwaltung hervor.[43]

Befürworter der Elektrizität wie führende Kommunalpolitiker, unter ihnen der Frankfurter Oberbürgermeister Franz Adickes und bürgerliche Sozialreformer, hatten große Hoffnungen. Sie wollten die durch die Dampfkraft ausgelöste Konzentration gewerblicher Arbeitsplätze in den Fabriken aufweichen und strebten eine „umfassende Dezentralisierung von Arbeitsplätzen auf der Grundlage allgemeiner und preiswerter Verfügbarkeit von Energie zum Antrieb von Arbeitsmaschinen“ an.[44] Mit der Elektrizität als Universaltechnologie konnte man dieses Ziel erreichen.[45] Durch die Gründung eines Elektrizitätswerkes erschloss sich für die Städte, die reichspolitisch eher einflusslos waren, zudem ein neues Handlungsfeld und sie konnten den Stolz der Bürger auf ihre Stadt unterstützen.[46]

Die Inbetriebnahme des ersten deutschen Elektrizitätswerkes 1885 in Berlin markierte den erfolgreichen Abschluss der technischen Erprobung von Kraftanlagen zur Stromerzeugung und den Beginn der Elektrizitätswerksgeschichte in Deutschland.[47] Da Städte und Gemeinden über den öffentlichen Grund verfügten, konnten sie die Entwicklung der allgemeinen Stromversorgung maßgeblich mitbestimmen. Es entwickelte sich in den meisten Städten eine Debatte darüber, ob die Elektrifizierung von der Stadt selbst oder privaten Unternehmern durchgeführt werden sollte.

Da sie das Risiko großer finanzieller Investitionen zunächst scheuten, praktizierten die Städte zu Beginn meist die Konzessionsvergabe an ein Privatunternehmen.[48] Für den Betrieb des Kraftwerks in Berlin bestand ein Konzessionsvertrag der deutschen Edison-Gesellschaft mit der Stadtgemeinde, was der Gesellschaft die Verlegung elektrischer Versorgungsleitungen erlaubte. Die Stadtgemeinde verlangte dafür einen recht hohen Anteil der Einnahmen, da man Einbußen beim Gasgeschäft befürchtete.[49] Erst nachdem private Stromversorgungsunternehmen überzeugende Betriebserfahrungen vorweisen konnten, setzten die Städte allmählich auch auf den Eigenbetrieb der Kraftwerke.[50]

Das wichtigste Argument vieler Kommunen für den Einstieg in die Elektrizitätswirtschaft waren oft Pläne zur Einführung der elektrischen Straßenbahn im gesamten Stadtgebiet und deren kommunale Stromversorgung.[51] Das größte ökonomische Problem für die Betreiber der Kraftwerke war bisher die stark schwankende Kapazitätsauslastung. Damals wurde die meiste elektrische Energie für Beleuchtungszwecke und somit meist erst abends benötigt.[52]

Durch Zusammenarbeit von Kraftwerken der öffentlichen Versorgung und industriellen Erzeugungsanlangen auf ein großes Versorgungsnetz hin konnte das Wachstum am besten gefördert werden. Mit der Entwicklung gebrauchsfähiger Drehstrommotoren begannen sich in den 90ern zudem auch die Industrie und das Handwerk für den elektrischen Strom zu interessieren.[53]

Da zur Speisung von Glüh- oder Bogenlampen das Gleichstromsystem hervorragend geeignet war, waren alle frühen Elektrizitätswerke Gleichstromanlagen.[54] Dennoch entwickelte sich bald in vielen Städten eine breite Diskussion um die Grundsatzentscheidung für ein bestimmtes technisches System.[55]

Mit der Erfindung des Transformators kam dem Wechselstrom durch seine Transformierbarkeit auf hohe Spannungen ein bedeutender Vorteil zu. Dies ließ gegenüber dem Gleichstrom ökonomisch vergleichsweise rentable und relativ verlustfreie Fernübertragungen zu.[56] Wo hier die Elektrizitätszentrale außerhalb des städtischen Versorgungsgebietes angesiedelt werden konnte, mussten Gleichstromzentralen hingegen möglichst im Zentrum des Versorgungsgebietes aufgebaut sein.[57] Dies hatte den großen Nachteil, dass das Kraftwerk inmitten der Stadt beziehungsweise des Wohngebietes stationiert war und so das Alltagsleben der Menschen negativ beeinflusste. Die direkte Berührung mit der Industrie wurde für die Lebensqualität als störend empfunden.

Das Wechselstromsystem erschien als anpassbare Großstadttechnologie, welche durch ein technisch breit ausgebautes und räumlich unbegrenztes Stromnetz preiswert große Energiemassen liefern konnten, ohne für den Konsumenten im Alltag sichtbar zu werden.[58]

Der Gleichstrom hatte dagegen den Vorteil, dass er gespeichert werden konnte und die Maschinen bei Strombedarf nicht laufen mussten. Zudem basierte dieser auf einer vertrauten Technik, galt als ausgereift und war gleichzeitig ohne Explosions- und Vergiftungsgefahr herzustellen. Für das Risiko, dass das Wechselstromprojekt eine Fehlinvestition darstellen konnte, wollte keiner verantwortlich sein.[59] Die Gegner des Wechselstroms sahen außerdem eine Gefahr bei der Transformation hoher Übertragungsspannung auf Gebrauchsspannung. Die größte Schwäche bestand aber im Fehlen eines brauchbaren Motors. Laut den Befürwortern des Wechselstroms hatte der elektrische Motor genau so keine Zukunft, wie für die Gleichstrompartei der Strom noch längere Zeit ein Luxusgut bleiben würde.[60]

Man schloss von technischen Schwächen auf den gesellschaftlichen Bedarf. Der aufkommende Systemstreit zwischen den An­hängern des Gleich-, Wechsel- beziehungsweise Drehstroms war ein komplexes Problemfeld, bei dem politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Fragen zusammenliefen, wobei zusätzlich nicht nur unparteiische Wissenschaftler, sondern auch Firmeninteressen aufeinandertrafen.[61]

Der entscheidende Faktor war jedoch, dass die Stadtverwaltungen über den genauen Verwendungszweck der Elektrizität und die Auswahl zwischen verschiedenen technologischen Alternativen keine genauen Vorstellungen hatten. Es fehlte ein Gesamtkonzept zukünftiger Stadtentwicklung.[62]

Auf der Elektrotechnischen Ausstellung von 1891 gelang eine nie da gewesene und für nicht rea­lisierbar gehaltene Stromübertragung. Dies war ein wichtiger Durchbruch für die Anwendungsmöglichkeiten von Wechselstrom in Form von neuartigem, dreiphasigem Wechselstrom, dem Drehstrom. Über eine Strecke von 175 km, von Lauffen am Neckar bis nach Frankfurt am Main wurde hochgespannter Drehstrom geleitet und damit auf dem Ausstellungsgelände ein künstlicher Wasserfall betrieben.[63] Die Umwandlung hoch gespannten Stroms in niedrig gespannten und verbrauchfreundlichen Strom ohne Übertragungsverluste machte es möglich .[64]

Initiator dieser Demonstration war der Münchner Wasserbauingenieur Oskar von Miller, welcher die Elektrotechnische Ausstellung in München organisierte und entscheidender Mann bei der Ausstellung in Frankfurt war.[65] Mit dem Portland Zementwerk in Lauffen am Neckar, welches nur einen Teil der Energie seines Flusskraftwerkes für den eigenen Betrieb nutzte, vereinbarte er, die restliche Energie in Strom zu verwandeln und diesen nach Frankfurt zu leiten.[66] Das Zementwerk hatte sich schon 1889 entschlossen, dasselbe Prinzip zur Elektrifizierung der zehn Kilometer entfernten Stadt Heilbronn zu nutzen.

Bei der Umsetzung der Fernübertragung in Frankfurt spielte die Meinung von Miller’s, der zunächst das Einphasen-Wechselstromsystem empfahl, die entscheidende Rolle. Nach weiteren Überlegungen wurde er auf den von Michael von Dolivo-Dobrowolski entwickelten Drehstrom-Asynchronmotor aufmerksam gemacht.[67] Dolivo-Dobrowolski, Cheftechniker bei der AEG, beschäftigte sich intensiv mit mehrphasigem Wechselstrom und war der Begründer des Drehstroms. Er ergänzte sich damit sehr gut mit Charles Brown von der Maschinenfabrik Oerlikon, der sich ebenfalls der Entwicklung von Wechselstrommaschinen zuwandte.[68] Von Miller konnte den zuständigen Direktor von Oerlikon überzeugen und bekam den Auftrag für Betreuung und Ausführung des Projekts.[69]

„Die entscheidende Innovation für die volkswirtschaftliche Nutzung und Ausbreitung der elektrischen Energie“[70] bestand für Grabbas in dieser Fernübertragung. Entscheidend war die Möglichkeit einer räumlichen Trennung von Energieerzeugung und ihrer Anwendung. Der geglückte Versuch war die Initialzündung für einen beeindruckenden Aufschwung, da die an die volkswirtschaftliche Ausnutzung von Starkstromtechnik geknüpften Erwartungen einen wichtigen Schubeffekt für Investitionsentscheidungen auslösten.[71]

Das Drehstromexperiment auf der Frankfurter Ausstellung verfolgten zahlreiche Städtevertreter mit großer Aufmerksamkeit. So wurden die Kommunen bald die wichtigsten Träger der Elektrifizierung und standen im Mittelpunkt des seit 1895 immer stärker werdenden Konkurrenzkampfes zwischen den Elektrounternehmen um die Vergabe zum Bau von Stromzentralen.[72]

Die Ausstellung in Frankfurt bedeutete Schott zufolge für die Zeitgenossen keineswegs einde­utig den Beginn des Siegeszugs von Wechselstrom.[73] Zunächst einmal mussten Grundfragen zukünftiger Stadtentwicklung wie die Durchsetzung des elektrischen Lichts gegenüber der Gasbeleuchtung beantwortet werden. Die Systemvielfalt sowie die mit dem Auer-Glühlicht wieder konkurrenzfähige Gasbeleuchtung Anfang der 1890er Jahre erschwerten vielmehr Verbreitung von Elektrizität im Beleuchtungsbereich.[74] Die gewaltigen Gebrauchsvorteile konnten seitens der elektrischen Beleuchtung erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit der Metallfadenlampe kompensiert werden.[75]

Selbst dort, wo Elektrizitätswerke entstanden, ging der Gasverbrauch in der Regel nicht zurück. Der zügigen Weiterverbreitung von Elektrizität tat dies laut Bernhard Stier keinen Abbruch: „Das Energiebedürfnis wurde insgesamt stimuliert und die beiden Konkurrenten teilten sich einen wachsenden Energiemarkt“[76]. Einer raschen Verbreitung standen außerdem noch der hohe Preis von Motoren und die Probleme der Stromzuführung bei der Straßenbahn im Wege.

Der niedrige Nutzungsgrad war für die meisten Beobachter Anlass genug, die Wechselstromkraftwerke weiterhin skeptisch zu bewerten.[77] Zwar wurden in den 90ern einige Drehstromkraftwerke auf Basis von Wasser und Dampfkraft erbaut, aber die Dominanz der Gleichstromkraftwerke konnte erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts langsam gebrochen werden.[78]

Die Gründe für den großen Zeitverzug zwischen Verfügbarkeit der Drehstromtechnologie und ihrer eigentlichen Durchsetzung waren also vielschichtig. Dazu trugen natürlich auch die Bedenken vieler Elektrizitäts- und Wechselstromkritiker bei. Selbst Frankfurt entschied sich zunächst für ein einphasiges Wechselstromsystem, das für eine industrielle Nutzung recht enge Grenzen hatte.[79] Wie dieser Sachverhalt mit der Elektrizitätsversorgung in Frankfurt nach 1891 zu verbinden ist und welche Schlüsse man diesbezüglich auf die Leitthese der vorliegenden Arbeit ziehen muss, ist ein wichtiger Aspekt der weiteren Ausführungen.

Zwischen 1890 und 1900 nahmen dennoch der Bau von Kraftwerken und die Anschlussleistung für Motoren überproportional zu, was eine weiterführende Phase der Elektrifizierung bedeutete.[80] Die Elektrifizierung entwickelte sich nun meist sehr erfolgreich mit einem massiven Boom kurz vor der Jahrhundertwende. Die bisherige Dominanz der Dampfmaschine und des Gasmotors als Kraftversorgungsquellen in der Industrie, wurde zusehends aufgehoben.[81] Durch ihre Flexibilität leitete die elektromotorische Kraftverwendung das Ende der Dampfmaschinen-Ära ein. In den Fabriken begann die Verdrängung der Dampfmaschinen aus dem engeren Bereich der Produktionsstätten in die Kraftstationen, wo sie stromerzeugende Maschinen betrieben.

Der Elektromotor war ein universeller Motor, der für seinen jeweiligen Einsatzzweck technisch modifiziert werden konnte und gegen Ende des Jahrhunderts die industrielle Produktion grundlegend veränderte.[82] Durch die Perfektionierung der Verbindung von Dampfkraft und Turbine schritt die Entwicklung der Elektrizitätserzeugung weiter voran.[83] Bald glichen die Betriebskosten der maschinellen Stromerzeugung praktisch denen der Kraftmaschine, welche die Dynamomaschine betrieb.[84]

In der Verwendung der elektrischen Kraft gehörte der Elektromotor bei elektrischen Straßenbahnen im Verkehr zur letzten Entwicklungsstufe. Die Straßenbahn war ein völlig neues innerstädtisches Verkehrssystem, dessen Anwendungsgebiet allein von der Verteilbarkeit der elektrischen Kraft abhing und zugleich flexibel an die Stadt angepasst werden konnte.[85]

Die positive Entwicklung der Elektrifizierung brachte jedoch eine schwierige Situation mit sich. Denn die neuen und sensationellen Anwendungsmöglichkeiten der Elektrotechnik führten zu einem Prozess der Überkapazität und einigen unrentablen und nicht weiter existenzfähigen Unternehmen.[86] Die Elektroindustrie war durch intensivierte Erfindungstätigkeit darum bemüht, die sie betreffende schwere Wirtschaftskrise seit Ende 1899 zu überwinden.[87] Sie erholte sich so bald wieder und die Elektrifizierung ging weiter.

Im Laufe des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrhunderts verfügten immer mehr Städte über ein eigenes kommunales Elektrizitätswerk .[88] Damit überschritten die Städte nun sehr deutlich die Schwelle ihrer traditionellen Daseinsvorsorgepolitik und richteten in Konkurrenz oder unter Zurückdrängung privater Anbieter Eigenbetriebe mit Gewinnerwartung und Tendenz zum Monopolbetrieb ein.[89] Je nach lokalen Erfordernissen und Rahmenbedingungen wurden die konkret verfügbaren technischen Optionen abgewogen.

Die Elektrifizierung der Stadt war letztlich nicht aufzuhalten und spätestens seit der Jahrhundertwende vielfältig im öffentlichen Raum wahrzunehmen: Bogenlampen, Schaufenster- und Reklamebeleuchtungen, elektrische Uhren, Straßenbahnen und die dazugehörige technische Infrastruktur.[90]

2.2 Anfänge und Entwicklungen der Elektrifizierung in Frankfurt

Mehrere Faktoren belegen, das Frankfurt sehr frühzeitig und umfangreich an der Entwicklung der Elektrotechnik in Deutschland beteiligt war. 1849 wurde die erste Ferntelegrafenlinie Europas zwischen Frankfurt und Berlin fertig gestellt. Das steigende bürgerliche Interesse an beschleunigter und öffentlicher Kommunikation hatte seinen Anteil daran, dass in Frankfurt Mitte der 1860er Jahre 18 Ferntelegrafenlinien zusammen liefen.[91] In den 90er Jahren ist Frankfurt zum Zentrum im überregionalen Ausbau des Fernsprechnetzes geworden. 1881 kam es zur Einführung des dritten öffentlichen Telefonnetzes im Deutschen Reich und zur Gründung der Elektrotechnischen Gesellschaft, welche es zuvor nur in Berlin gab.[92] 1889 wurde als erste Einrichtung dieser Art im Deutschen Reich eine Elektrotechnische Lehranstalt zur Ausbildung von Elektroinstallateuren gegründet. Bis 1880 basierte die gesellschaftlich relevante Nutzung der Elektrizität genauso wie die Telegrafie auf der Schwachstromtechnik.

Träger des Entwicklungsschubes der elektrotechnischen Industrie in den zehn Jahren nach der Gründung der Elektrotechnischen Gesellschaft war die Starkstromtechnik.[93] Die ersten in Frankfurt eingerichteten elektrischen Anlagen waren wie in anderen Großstädten Einzelanlagen und dienten der Lichterzeugung. Zum Kundenkreis gehörten zunächst ausschließlich Fabriken, Banken, Druckereien, Restaurants, öffentliche Einrichtungen und Warenhäuser. Die relativ große Anzahl von Kunden der elektrotechnischen Industrie belegt eine hohe Investitionsbereitschaft für die neue Technik, da vollständig neue Anlagen gebaut werden mussten.[94] Der Frankfurter Markt besaß eine große Attraktivität, denn neben kleineren, im regionalen Umkreis angesiedelten Firmen beteiligten sich auch die Großfirmen wie Siemens und einige süddeutsche Firmen am Aufbau der Frankfurter Elektrizitätsversorgung.[95]

In den Fabriken waren in der Regel Dampfmaschinen vorhanden, welche die Dynamos betrieben. Später wurden die Dampfmaschinenanlagen vermehrt durch Gasmotoren ersetzt. Dass die elektrischen Anlagen in Maschinenfabriken und anderen Einrichtungen der elektrotechnischen Industrie vorerst nur für Lichtstrom vorgesehen waren, macht deutlich, dass der elektromotorische Antrieb noch der Zukunft angehörte.[96]

Mit der Patent- und Musterschutzausstellung 1881 hatte die Frankfurter Bevölkerung zum ersten Mal die Chance, den Entwicklungsstand der Elektrotechnik umfassend zu besichtigen. Der Inhaber der ersten im selben Jahr in Frankfurt gegründeten elektrotechnischen Fabrik, Möhring, bot dem Frankfurter Magistrat die probeweise elektrische Beleuchtung des Opernplatzes an.[97] Die Oper war Treffpunkt des Bildungsbürgertums und als Platz in der Stadt ideal geeignet, dem potenziellen Kundenkreis das neue Licht werbewirksam zu demonstrieren. Der Magistrat zögerte und auch Möhrings Vorschlag, die Anlage auf eigene Kosten zu errichten, beschleunigte die Entscheidung nicht.

Allerdings lenkte der Vorschlag die Aufmerksamkeit der städtischen Gremien auf die Entwicklung der Elektrotechnik und diese befassten sich zunehmend mit der Frage, wie die bevorstehende Elektrifizierung der Stadt zu regeln sei.[98]

1886 ging die erste Frankfurter Blockstation in Betrieb. Diese versorgte ausgerechnet das Direktionsgebäude der Frankfurter Gasgesellschaft. Dies erscheint aufgrund des Konkurrenzkampfes zwischen Gaslicht und elektrischem Licht sehr überraschend. Es zeigt auf, dass viele Kritikpunkte am elektrischen Licht, die zur Verteidigung der Überlegenheit des Gaslichts benutzt wurden, nicht objektiv waren. So speiste sich das Lichtbedürfnis nicht nur aus der Demonstration vor öffentlichem Publikum, denn vor allem in Fabriken und Firmengebäuden wurde elektrische Beleuchtung installiert. Zum anderen entsprach das Argument, die Lampen seien zu hell, nicht der Realität.[99] Seriöse Berechnungen zeigten zudem, dass sich die Kosten für elektrisches Licht im Vergleich zum Gaslicht je nach Verwendungszweck veränderten. Die Elektrizität entwickelte sich in den Jahren darauf zu einem ernstzunehmenden Konkurrenten für Gas.

Bei den Nachfolgeverträgen mit den Gasgesellschaften in den 80ern wurde festgelegt, dass die Stadt nicht mehr ausschließlich an die Verwendung von Gas gebunden war. Daher war die Einführung des elektrischen Lichts nicht mehr unmöglich. Als Konzessionsträger der 1886 eröffneten Blockstation wollte die Gasgesellschaft einer absehbaren Konkurrenz durch ein elektrisches Versorgungsnetz begegnen. Das elektrische Licht erzeugte Druck in solchem Ausmaß, dass es für die Stadt und die Gasgesellschaften nicht gut gewesen wäre, für die Zukunft wie bisher nur auf das Gas zu setzen.[100] In der Blockstation setzte man eine größere Akkumulatorenbatterie ein.

Der Akkumulator war eine Sensation der Pariser Weltausstellung 1889 gewesen, da mit diesem Elektrizität speicherbar wurde und damit ein wichtiges Element der Gasversorgung auch für die Elektrizitätsversorgung anwendbar war. Damit war die Möglichkeit gegeben, Licht rund um die Uhr und eine bessere Ausnutzung der Anlage zu gewährleisten. In dicht besiedelten Gebieten war der Maschinenbetrieb nachts untersagt.[101] Da Akkumulatoren auf Gleichstrom angewiesen waren, wurde die Vorherrschaft des Gleichstroms untermauert.

Die erste elektrische Straßenbahn in Frankfurt wurde mit Gleichstrom betrieben und somit die Überlegenheit des Gleichstrommotors mit seinem guten Anzugsmoment und der Drehzahlregelung demonstriert.[102] Alle Frankfurter Einzelanlagen und Blockstationen verwendeten Gleichstrom woran sich bis in die 90er Jahre nichts änderte.[103] Dies änderte sich erst im Zuge der Überlegungen um das richtige Stromsystem für das städtische Elektrizitätswerk.

[...]


[1] Vgl. Reulecke, Jürgen: Die Mobilisierung der „Kräfte und Kapitale“: Der Wandel der Lebensverhältnisse im Gefolge von Industrialisierung und Verstädterung, in: Kähler, Gert (Hg.): Geschichte des Wohnens, Bd. 3: Reulecke, Jürgen: 1800 - 1918, das bürgerliche Zeitalter, Stuttgart 1997, S. 109.

[2] Vgl. Radkau, Joachim: Technik in Deutschland: Vom 18. Jahrhundert bis heute, Frankfurt am Main 2008, S. 128.

[3] Vgl. Reulecke, Mobilisierung, S. 109.

[4] Vgl. Schott, Dieter: Die Vernetzung der Stadt: Kommunale Energiepolitik, öffentlicher Nahverkehr und die „Produktion“ der modernen Stadt; Darmstadt - Mannheim - Mainz ; 1880 - 1918, Darmstadt 1999, S. 39.

[5] Vgl. Kuchenbuch, Thomas: Die Welt um 1900: Unterhaltungs- und Technikkultur, Stuttgart 1992, S. 52.

[6] Vgl. Steen, Jürgen; Historisches Museum Frankfurt am Main: Die zweite industrielle Revolution: Frankfurt und die Elektrizität 1800-1914 (Kleine Schriften des Historischen Museums 13), Frankfurt am Main 1981, S. 229.

[7] Vgl. Grabbas, Margrit: Konjunktur und Wachstum in Deutschland von 1895-1914, Berlin 1992, S. 225.

[8] Vgl. Reulecke, Mobilisierung, S. 109.

[9] Vgl. Lauer, Erich: Eine Technische Herausforderung – Die Drehstromübertragung von Lauffen am Neckar nach Frankfurt am Main, in: Zementwerk Lauffen; Elektrizitätswerk Heilbronn: Moderne Energie für eine neue Zeit: die Drehstromübertragung Lauffen a. N. - Frankfurt a. M. 1891, Heilbronn 1991, S. 55.

[10] Vgl. Steen, Zweite industrielle Revolution, S. 65.

[11] Vgl. Reulecke, Mobilisierung, S. 110.

[12] Vgl. Fischer, Wolfram: Die Geschichte der Stromversorgung, Frankfurt am Main 1992, S. 129.

[13] Vgl. Fuchs, Eckhardt: Das deutsche Reich auf den Weltausstellungen vor dem ersten Weltkrieg, in: Fuchs, Eckhardt (Hg.): Weltausstellungen im 19. Jahrhundert, Leipzig 2000, S.67.

[14] Vgl. Steen, Jürgen: „ Eine neue Zeit .. !“: Die Internationale Elektrotechnische Ausstellung 1891, Frankfurt am Main 1991, S. 24.

[15] Vgl. Strunk, Peter: Die Protagonisten des elektrischen Stroms, in: Wessel, Horst A. (Hg.); Verband Deutscher Elektrotechniker: Moderne Energie für eine neue Zeit: am 3. und 4. September 1991 anlässlich der VDE-Jubiläumsveranstaltung "100 Jahre Drehstrom" in Frankfurt am Main (Geschichte der Elektrotechnik Band 11), Berlin 1991, S. 14.

[16] Vgl. Steen, Neue Zeit , S. 28.

[17] Fischer, Geschichte der Stromversorgung.

[18] Schott, Dieter (Hg.): Elektrizität und die mentale Produktion von Stadt um die Jahrhundertwende, in: Plitzner, Klaus: Elektrizität in der Geistesgeschichte, Bassum 1998, S. 205-225; Schott, Vernetzung der Stadt; Binder, Beate: Die Konstitution der Stadt im Licht, i n: Alte Stadt (Vierteljahreszeitschrift für Stadtgeschichte, Stadtsoziologie, Denkmalpflege und Stadtentwicklung), 34(2007)1, S. 18-31; Binder, Beate: Die Inszenierung einer elektrischen Welt auf der Frankfurter „Internationalen Elektrotechnischen Ausstellung“ von 1891, in: Becker, Jörg (Hg.): Telefonieren (Hessische Blätter für Volks- und Kulturforschung), Marburg 1989, S.31-45.

[19] Steen, Zweite industrielle Revolution.

[20] Ders., Neue Zeit.

[21] Internationale Elektrotechnische Ausstellung; Vorstand der Ausstellung (Hg.): Offizieller Bericht über die Internationale Elektrotechnische Ausstellung in Frankfurt am Main 1891, Bd.1: Allgemeiner Bericht über die Internationale Elektrotechnische Ausstellung in Frankfurt am Main 1891, Frankfurt am Main 1893.

[22] Vgl. Kapitel 3.3 ‚Höhepunkt und Ergebnisse der Ausstellung’.

[23] Malkowsky, Georg; Apostol, Paul: Die Pariser Weltausstellung in Wort und Bild, Berlin 1900.

[24] Siehe „Ungedruckte Quellen“.

[25] Singer, J.: Die Städtischen Elektrizitäts-Werke zu Frankfurt am Main: Denkschrift für die Deutsche Städte-Ausstellung zu Dresden 1903, Frankfurt am Main 1903; Verband Deutscher Elektrotechniker: Die Elektrotechnik in Frankfurt am Main: Festschrift zur 6. Jahresversammlung des Verbandes Deutscher Elektrotechniker in Frankfurt a. M., 2. - 5. Juni 1898, Frankfurt am Main 1898; Beetz , Wilhelm von: Internationale Elektricitäts-Ausstellung 1882, München. Offizieller Bericht über die im Königlichen Glaspalaste zu München 1882... stattgehabte Internationale Elektricitäts-Ausstellung : verbunden mit elektrotechnischen Versuchen / bearb. und hrsg. von der Prüfungskommission. Red.: W. von Beltz, München 1883.

[26] Verband Deutscher Elektrotechniker (VDE): Elektrotechnische Zeitschrift (ETZ), Berlin (o.J.).

[27] Vgl. Binder, Konstitution der Stadt, S. 29.

[28] Vgl. Fischer, Geschichte der Stromversorgung, S. 42.

[29] Vgl. ebd., S. 43.

[30] Vgl. ebd., S. 44.

[31] Vgl. Stier, Bernhard: Elektronische Energie und Gesellschaft gegen Ende des 19. Jahrhunderts, in: Zementwerk Lauffen; Elektrizitätswerk Heilbronn: Moderne Energie für eine neue Zeit: Die Drehstromübertragung Lauffen a. N. - Frankfurt a. M. 1891, Heilbronn 1991, S. 36.

[32] Vgl. Schott, Vernetzung der Stadt, S. 39.

[33] Vgl. Binder, Konstitution der Stadt, S. 19.

[34] Vgl. Binder, Konstitution der Stadt, S. 20.

[35] Vgl. Fischer, Geschichte der Stromversorgung, S. 42.

[36] Vgl. ebd., S. 43.

[37] Vgl. ebd., S. 43.

[38] Vgl. Binder, Konstitution der Stadt, S. 28.

[39] Vgl. ebd., S. 20.

[40] Vgl. ebd., S. 23.

[41] Vgl. ebd., S. 23.

[42] Vgl. Schott, Elektrizität und mentale Produktion, S. 208.

[43] Vgl. Binder, Konstitution der Stadt, S. 25.

[44] Schott, Elektrizität und mentale Produktion, S. 210.

[45] Vgl. Ebd., S. 210.

[46] Vgl. Binder, Konstitution der Stadt, S. 24.

[47] Vgl. Fischer, Geschichte der Stromversorgung, S. 43.

[48] Vgl. ebd., S. 126.

[49] Vgl. ebd., S. 46.

[50] Vgl. ebd., S. 126.

[51] Vgl. Fischer, Geschichte der Stromversorgung, S. 127.

[52] Vgl. Michael North; Ambrosius, Gerold (Hg.): Handbuch zur Wirtschaftsgeschichte: Ein Jahrtausend im Überblick, München² 2005, S. 242.

[53] Vgl. ebd., S. 243.

[54] Vgl. Fischer, Geschichte der Stromversorgung, S. 125.

[55] Vgl. ebd., S. 26.

[56] Vgl. ebd., S. 50.

[57] Vgl. ebd., S. 51.

[58] Vgl. Steen, Neue Zeit , S. 18.

[59] Vgl. ebd., S. 12.

[60] Vgl. Steen, Neue Zeit , S. 18.

[61] Vgl. Schott, Vernetzung der Stadt, S. 710.

[62] Vgl. Schott, Elektrizität und mentale Produktion, S. 212.

[63] Vgl. Binder, Inszenierung einer elektrischen Welt, S.33.

[64] Vgl. Grabbas, Konjunktur und Wachstum, S. 230.

[65] Vgl. Strunk, Protagonisten des elektrischen Stroms, S. 15.

[66] Vgl. Steen, Neue Zeit , S. 25.

[67] Vgl. Strunk, Protagonisten des elektrischen Stroms, S. 15.

[68] Vgl. ebd., S. 16.

[69] Vgl. ebd., S. 16.

[70] Grabbas, Konjunktur und Wachstum, S. 231.

[71] Vgl. ebd., S. 231.

[72] Ebd., S. 238.

[73] Vgl. Schott, Vernetzung der Stadt, S. 711.

[74] Vgl. ebd., S. 711.

[75] Vgl. Stier, Elektronische Energie und Gesellschaft, S. 38.

[76] Stier, Elektronische Energie und Gesellschaft, S. 38.

[77] Vgl. Fischer, Geschichte der Stromversorgung, S. 52.

[78] Vgl. ebd., S. 54.

[79] Vgl. Schott, Elektrizität und mentale Produktion, S. 211.

[80] Vgl. Fischer, Geschichte der Stromversorgung, S. 48 f.

[81] Vgl. Grabbas, Konjunktur und Wachstum, S. 237.

[82] Vgl. Steen, Zweite industrielle Revolution, S. 230.

[83] Vgl. Reulecke, Mobilisierung, S. 135.

[84] Vgl. Steen, Zweite industrielle Revolution, S. 66.

[85] Vgl. Steen, Zweite industrielle Revolution, S. 228.

[86] Vgl. Grabbas, Konjunktur und Wachstum, S. 233.

[87] Vgl. ebd., S. 230.

[88] Vgl. Schott, Vernetzung der Stadt, S. 711.

[89] Vgl. Reulecke, Mobilisierung, S. 111.

[90] Vgl. Binder, Konstitution der Stadt, S. 27.

[91] Vgl. Steen, Neue Zeit , S. 16.

[92] Vgl. ebd., S. 16 f.

[93] Vgl. Steen, Zweite industrielle Revolution, S. 65.

[94] Vgl. ebd., S. 68.

[95] Vgl. ebd., S. 68 f.

[96] Vgl. ebd., S. 68.

[97] Vgl. Steen, Neue Zeit , S. 12.

[98] Vgl. weiterer Verlauf des Kapitels.

[99] Vgl. Steen, Zweite industrielle Revolution, S. 70 f.

[100] Vgl. ebd., S. 72.

[101] Vgl. ebd., S. 72.

[102] Vgl. ebd., S. 72.

[103] Vgl. ebd., S. 73.

Details

Seiten
82
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783842829398
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v229179
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Philosophisch-Historische Fakultät, Mittlere und Neuere Geschichte
Note
1,7
Schlagworte
elektrifizierung elektrotechnische ausstellung erfindung urbanisierung deutsches reich

Autor

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Titel: Die Bedeutung der Elektrotechnischen Ausstellung 1891 für die Elektrifizierung der Städte im Deutschen Reich