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Das Wissen der deutschen Gesellschaft um den Holocaust im wissenschaftlichen und populären Diskurs

Bachelorarbeit 2008 48 Seiten

Geschichte - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Von der Verfolgung zum systematischen Massenmord an den europäischen Juden – ein Überblick
2.1 1933 – 1939: Administrative Verfolgung und Gewaltaktionen gegen Juden
2.2 1939 – 1941: Mordaktionen im besetzten Polen
2.3 1941 – 1945: Der allmähliche Übergang zur systematischen Massenvernichtung

3 Das Wissen der deutschen Gesellschaft um den Holocaust im wissenschaftlichen Diskurs – eine Forschungsgeschichte
3.1 Möglichkeiten der Wahrnehmung des Holocaust
3.1.1 NS-Propaganda
3.1.2 Ausländische Propaganda
3.1.3 Gerüchte
3.1.4 Zusammenfassung
3.2 Wissen Einzelner – Wissen einzelner Gruppen
3.2.1 Die Perspektive des Einzelnen
3.2.2 Wissen einzelner Gruppen
3.2.3 Zusammenfassung
3.3 Das Wissen der Bevölkerung
3.3.1 Stimmungs- und Lageberichte des SD
3.3.2 Verdichtung zum Bild der Massenvernichtung
3.4 Verdrängung
3.5 Fazit

4 Das Wissen der deutschen Gesellschaft um den Holocaust im populären Diskurs – eine Untersuchung an den Beispielen des Magazins DER SPIEGEL und der Wochenzeitung DIE ZEIT
4.1 Das Magazin DER SPIEGEL
4.1.1 60er und 70er Jahre: Berichterstattung über Einzelpersonen
4.1.2 80er, 90er und 2000er Jahre: Betrachtung der Gesellschaft gelangt in den Mittelpunkt
4.1.3 Zusammenfassung
4.2 Die Wochenzeitung DIE ZEIT
4.2.1 Das Jahr 1979
4.2.2 Peter Longerich und Bernward Dörner
4.2.3 Zusammenfassung

5 Schlussbetrachtung

6 Literatur- und Quellenverzeichnis

1 Einleitung

„Davon haben wir nichts gewusst!“ Das konsequente Leugnen der Kenntnis vom Massenmord an den europäischen Juden war in der Nachkriegszeit unter den Deutschen weit verbreitet. Doch was konnte der einfache Deutsche wirklich vom Holocaust wahrnehmen? Welche Personen oder Personengruppen verfügten über detailliertes Wissen? Kann man vom Wissen der deutschen Gesellschaft sprechen? Diese Fragen sollen Gegenstand dieser Arbeit sein. Basierend auf einer Überblicksdarstellung über den Weg von der Verfolgung zur Vernichtung der europäischen Juden wird das Thema auf zwei unterschiedlichen Wegen untersucht. Zum einen wird in der Analyse des wissenschaftlichen Diskurses die Entwicklung und der Fortgang in der Erforschung des Wissens der Deutschen um den Holocaust dargestellt. Hierbei spielen die oben formulierten Fragen die zentrale Rolle. Auf der anderen Seite untersucht die Arbeit die Darstellung des Themas im populären Diskurs, also die öffentliche Verarbeitung des Themas am Beispiel des Magazins DER SPIEGEL und der Wochenzeitung DIE ZEIT, wobei vor allem die Frage interessant erscheint, inwiefern es Unterschiede bzw. Gemeinsamkeiten zum wissenschaftlichen Diskurs gibt.

Die Darstellung des wissenschaftlichen Diskurses erfolgt anhand der Analyse der zum Thema verfügbaren Literatur sowohl aus jüngster als auch aus älterer Perspektive, wie zum Beispiel David Bankiers Die öffentliche Meinung im Hitler-Staat. Die Endlösung und die Deutschen. Eine Berichtigung oder Peter Longerichs Davon haben wir nichts gewusst. Die Deutschen und die Judenvervolgung 1933-1945 sowie Bernward Dörners Die Deutschen und der Holocaust. Was niemand wissen wollte, aber jeder wissen konnte.

Die Darstellung des populären Diskurses erfolgt anhand einer Auswahl an publizierten Artikeln in den beiden betrachteten Nachrichtenblättern.

2 Von der Verfolgung zum systematischen Massenmord an den europäischen Juden – ein Überblick

Der Historiker und Holocaustforscher Dieter Pohl stellt fest, dass die Herrschaft der Nazis im Deutschen Reich ab der Machtübernahme vom 30.Januar 1933 von der Verfolgung der Juden geprägt war.[1] Grob lässt sich diese Verfolgung in drei Phasen unterteilen. Die erste Phase stellt die Zeit von 1933 bis zum Ausbruch des 2.Weltkrieges 1939 dar, während die zweite Phase vom Ausbruch des Krieges bis zum Einmarsch in die Sowjetunion 1941 reicht und die dritte Phase die Zeit bis zum Kriegsende beschreibt. In den folgenden Abschnitten sollen die Charakteristika der einzelnen Phasen exemplarisch herausgestellt werden, um so die Entwicklung von der anfänglichen Verfolgung im Deutschen Reich bis zum systematischen Massenmord an den europäischen Juden aufzuzeigen.

2.1 1933 – 1939: Administrative Verfolgung und Gewaltaktionen gegen Juden

Direkt nach der Machtübernahme setzte die Verfolgung der deutschen Juden ein. Zunächst zeichnete sich diese Verfolgung durch spontane Gewaltakte gegen Juden von Seiten der SA aus, wurde jedoch etwa ab Mitte/Ende Februar vom Beginn der systematischen Verfolgung abgelöst, die durch die almmähliche Zersetzung des „demokratischen Rechtssystems“ geprägt war. So wurde beispielsweise in dieser Zeit unter anderem die Verwaltung und die Polizei der Länder nach und nach von den Nationalsozialisten übernommen und schließlich wurden nach dem Reichstagsbrand am 28.02.1933 die Weimarer Grundrechte außer Kraft gesetzt.[2]

In dieser Zeit sahen sich die Juden der Verfolgung auf mehreren Wegen ausgesetzt. Zum einen auf administrativem Wege durch Gesetzte und Verordnungen und zum anderen in so genannten „Selbstreinigungsaktionen“, spontanen Gewaltakten von einer Vielzahl von SA- und NSDAP-Organisationen. Hier seien, so Pohl, vor allem der „staatlich organisierte Boykott von Geschäften jüdischer Besitzer“ sowie das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums zu nennen, wodurch vielen Juden die Existenzgrundlage genommen wurde. Besonders die Gewaltakte gegen Juden hatten an vielen Orten des Deutschen Reiches bereits verheerende Folgen. So ereigneten sich neben öffentlichen Demütigungen, spontanen Gewaltaktionen gegen Juden oder jüdische Geschäfte bereits erste Morde an Juden. Die Gewaltaktionen gegen die Juden hielten in der gesamten Phase an, mit Ausnahme der Zeit der Olympischen Spiele 1936 in Berlin, wo die Gewalt aus außenpolitischen Gründen zurückgeschraubt wurde.[3]

Mit dem Ende der Olympischen Spiele radikalisierte sich die Verfolgungspolitik des Regimes gegenüber den Juden drastisch. Die deutschen Juden sahen sich nun neben den nach wie vor and er Tagesordnung stehenden Gewaltaktionen allmählich mit dem Verlust ihrer Rechte und ihres Eigentums konfrontiert, was zu einer vollständigen Isolierung führte. Die Annexion Österreichs im Jahr 1938 sorgte für eine Beschleunigung der Verfolgung, da sich nun auch die österreichischen Juden mit den Folgen ihrer Entrechtung und Ausplünderung durch die Nazis konfrontiert sahen.[4]

Einer erneuten Radikalisierung blickten die Juden im November 1938 entgegen. Das Attentat des im Deutschen Reich lebenden jüdischen Jugendlichen Herschel Grynszpan auf den Legionssekretär der Deutschen Botschaft in Paris, Ernst vom Rath, lieferte den Nazis die Grundlage dafür, die Verfolgungswelle gegen die Juden zu einem reichsweiten Pogrom auszuweiten. Bei der Gewaltaktion am 09./10.November 1938 gegen jüdische Einrichtungen kamen mehrere hundert Juden ums Leben. Die Aktion, die unter anderem auch die Einweisung von 27000 Juden in Konzentrationslager umfasste, war darauf aus, eine Massenflucht der Juden aus dem Deutschen Reich zu erzwingen.[5]

2.2 1939 – 1941: Mordaktionen im besetzten Polen

Mit dem Einmarsch deutscher Truppen in Polen begann nicht nur der Zweite Weltkrieg, sondern ebenfalls eine weitere Radikalisierung in der Verfolgung der Juden. Mit den schnellen Erfolgen der deutschen Truppen gelangten innerhalb kürzester Zeit zwei Millionen in Polen lebende Juden in den deutschen Herrschaftsbereich. Bereits im September 1939 gab es die ersten Mordaktionen seitens der SS, Polizei und der Wehrmacht und bis Jahresende waren bereits mehrere tausend jüdische Opfer in Polen zu verzeichnen.[6]

Ebenfalls im Jahr 1939 setzten die ersten Deportationen europäischer Juden aus Kattowitz, Wien und Mähren an die Ostgrenze des deutschen Herrschaftsgebietes ein. Diese als Abschiebungsaktionen durchgeführten Deportationen wurden jedoch bald wieder eingestellt. Stattdessen begannen die deutschen Besatzer ab dem Frühjahr 1940 mit der Einrichtung von Ghettos wie z.B. in Lodz, in denen die Juden unter Zwangsarbeit unter schlechten Bedingungen leben sollten. Im Laufe des Jahres 1940 wurden in Polen zahlreiche Ghettos für Juden gegründet, unter anderem das Warschauer Ghetto, in dem Mai 1941 etwa eine halbe Million Juden lebten. Die Situation in den Ghettos wurde mit zunehmender Dauer schlechter, Hunger und Epidemien breiteten sich aus, sodass im Winter 1940/41 Tausende der Schwächsten der schlechten Lage starben.[7]

Auch im Deutschen Reich verschärfte sich die Lage der Juden weiter. Mit Kriegsbeginn waren die Juden fast vollständig von Staat und Gesellschaft ausgeschlossen. Tausende im Reich lebende polnische Juden wurde in Konzentrationslager eingewiesen und ab dem Frühjahr 1940 begannen im Reich die Euthanasiemorde, denen viele Juden zum Opfer vielen.[8]

Die Konzentrations- und Mordaktionen hatten also bereits vielen europäischen Juden das Leben gekostet bevor die Wehrmacht im Juni 1941 in die Sowjetunion einmarschierte.

2.3 1941 – 1945: Der allmähliche Übergang zur systematischen Massenvernichtung

Mit dem Einmarsch deutscher Truppen in die Sowjetunion radikalisierte sich die Verfolgung der Juden allmählich zum systematischen Massenmord. Dies zeigt sich darin, dass Einheiten der SS und der Polizei bereits einen Tag nach dem Einmarsch in die Sowjetunion mit Massenerschießungen von jüdischen Männern im wehrfähigen Alter begannen. Binnen weniger Wochen weiteten sich die Morde auch auf Frauen und Kinder aus, sodass der Charakter künftiger Vorgehensweise offenbar wurde.[9]

Die Verfolgung der Juden wurde also auf eine neue Dimension gebracht und mit den steigenden Opferzahlen schwand allmählich der ursprüngliche Gedanke der Verantwortlichen, die Juden in entlegende Gebiete zu deportieren, um sie hier zu Grunde gehen zu lassen. So wurden seitens des Reichssicherheitshauptamtes in Berlin Pläne entwickelt, wie mit den Juden nach erfolgreicher Beendigung des Feldzugs gegen die Sowjetunion verfahren werden sollte. Im Herbst 1941 wurde jedoch schnell deutlich, dass ein schneller Sieg nicht zu erwarten war somit entstanden Pläne, die eine weitere systematische Vernichtung der Juden vorsahen. Zudem gab es aus den Verwaltungen der besetzten Gebiete und aus dem Reich den Wunsch, die Juden loszuwerden und dabei auf die Methoden des Euthanasieprogramms zurückzugreifen.Eine Deportation der Juden in ein entlegenes Gebiet schien nicht möglich und deshalb ging man dazu über, die Juden an Ort und Stelle zu ermorden. Zu diesem Zweck wurden Ende 1941 / Anfang 1942 erste Vernichtungslager in Chelmno, Belzec und Sobibor errichtet.[10]

Zu diesem Zeitpunkt liefen die Vorbereitungen zur so genannten Endlösung also auf Hochtouren, während die bereits geschilderten Mordaktionen in Polen und der Sowjetunion in erheblichem Maße anhielten und eine Vielzahl an Opfern forderten. Mitte des Jahres 1942 waren die Vorbereitungen der Endlösung weitgehend abgeschlossen und sahen vor, die europäischen Juden innerhalb von etwa zwölf Monaten umzubringen.[11]

Ab Herbst 1941 begannen die Deportationen aus dem Reich in die Lager nach Lodz, Minsk, Kaunas und Riga. Mit Beginn des Jahres 1942 verschärften sich die Deportationen und führten jetzt hauptsächlich in die Vernichtungslager von Chelmno und Sobibor. Ab Dezember 1942 führten viele Transporte dann nach Auschwitz. Gegen Ende des Jahres 1942 waren etwa 218.000 Juden aus dem Reich und aus Böhmen/Mähren in die Vernichtungslager deportiert worden. Im Juni 1943 galt die Endlösung im Reich als weitgehend abgeschlossen.[12]
Auch in Polen setzten die Deportationen in die Vernichtungslager ein. Hier wurden die Juden vor allem in die Vernichtungslager von Belzec, Sobibor, Treblinka und Auschwitz deportiert und umgebracht. In den als schrecklichsten Monaten der Judenvernichtung geltenden Monaten Juli bis November 1942 wurden viele der eingerichteten Ghettos gewaltsam geräumt und die Einwohner in die Vernichtungslager transportiert, wo in diesem Zeitraum etwa zwei Millionen Juden ermordet wurden.[13]

Insgesamt vielen 5,6 bis 6,3 Millionen Juden der systematischen Massenvernichtung zum Opfer.

3 Das Wissen der deutschen Gesellschaft um den Holocaust im wissenschaftlichen Diskurs – eine Forschungsgeschichte

Die Frage nach dem Wissen der deutschen Gesellschaft um den Holocaust beschäftigt seit den 70er Jahren deutsche und internationale Historiker. Der nun folgende Teil meiner Arbeit stellt die seit dieser Zeit entwickelten Forschungsstandpunkte vor. Hierbei ist es mir besonders wichtig, nicht nur einzelne Autoren einander gegenüber zu stellen und ihre Standpunkte zu benennen, sondern mich an ganz konkreten Fragestellungen zu orientieren und auf diese Weise eine Entwicklung in der Erforschung des Themas darzustellen. Zunächst möchte ich der Frage nachgehen, welche Möglichkeiten es zur Zeit der Ermordung der europäischen Juden gab, hiervon zu erfahren? Ausgehend von den Antworten auf diese Frage, ist es interessant zu erfahren, wie einzelne Zeitgenossen und Bevölkerungsgruppen sich Wissen aneigneten, um dann auf die Frage einzugehen, ob und wie auf das Wissen einer ganzen Gesellschaft geschlossen werden kann? Schließlich stellt sich zum Schluss die Frage, wie es dazu kam, dass die Masse der Gesellschaft „davon“ nichts gewusst haben wollte.

3.1 Möglichkeiten der Wahrnehmung des Holocaust

So geht es zunächst darum, zu untersuchen, welche Möglichkeiten der Wahrnehmung des Massenmordes an den europäischen Juden es überhaupt gab. Gerade in der jüngeren Erforschung des Themas wurde immer wieder auf die Bedeutung der NS-Propaganda als Informationsquelle hingewiesen. Aber auch der im deutschen Reich illegal zu empfangene Rundfunk der Alliierten sowie von ihnen über deutschem Gebiet abgeworfene Flugblätter und Gerüchte, die im Deutschen Reich um den Massenmord kursierten, spielen in der Forschung eine Rolle.

3.1.1 NS-Propaganda

Besonders der NS-Rundfunk ermöglichte seinen Hörern in regelmäßigen Abständen einen Einblick in die Vernichtungspolitik des Regimes. Bernward Dörner hat mit seiner exemplarischen Untersuchung des NS-Rundfunks nachgewiesen, dass der deutsche Rundfunk „durch die Übertragung wichtiger Reden erheblich zur Legitimierung des Judenmords beigetragen [hat]. Die ausgesprochenen Vernichtungsdrohungen müssen von den Hörern auch als solche verstanden worden sein, wenn auch nicht sofort in ihrer gesamten Grausamkeit.“[14]

Er belegt sein Ergebnis mit der Auflistung zahlreicher Reden von Regime-Mitgliedern, im Besonderen der Reden Adolf Hitlers. So stellt er heraus, dass die meisten Deutschen auf Grund der Popularität Hitlers fast jede seiner Reden gehört haben, so auch die Todesprophezeiung gegen die Juden vom 30.Januar 1939, in der es heißt:

„Wenn es dem internationalen Finanzjudentum inner- und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit de[r]n Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa.“[15]

Diese Drohung Hitlers gegen die Juden wurde zu einem zentralen Motiv seiner Reden. Immer wieder zitierte er seinen Ausspruch vom 30.01.1939, so am 30.09.1942 im Berliner Sportpalast, am 08.11.1942 und am 24.02.1943 in München (hier verlesen von Staatssekretär Herrmann Esser). Diese Reden wurden jeweils wiederholt im Rundfunk gesendet.[16] Nach der Kriegwende 1942/43 wurden Reden Hitlers immer seltener. Wenn er auftrat, betonte er jedoch den Vernichtungswillen gegen die Juden. In diese Kategorie fällt auch die berühmte Rede Goebbels´ im Berliner Sportpalast vom 18.02.1943, die im Rundfunk übertragen wurde. Hier heißt es unter anderem:

„Deutschland jedoch hat nicht die Absicht, sich dieser jüdischen Bedrohung zu beugen, sondern vielmehr die, ihr rechtzeitig, wenn nötig unter vollkommener und radikalster Ausrott-, -schaltung des Judentums entgegenzutreten.“[17]

Auch andere Mitglieder des Regimes traten öffentlich auf und auch ihre Reden wurden im Rundfunk übertragen. So zum Beispiel der Führer der Deutschen Arbeitsfront, Robert Ley, der in seiner Rundfunkrede vom 03.Mai 1943 ausführte, dass der Jude gehasst und vernichtet werden müsse. Ähnlich äußerte er sich noch einmal am 20.Juli 1944 als er nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler die Ausrottung der Juden verlangte.[18]

Peter Longerich hält zu dem genannten Vernichtungstopos in Rundfunkreden fest, dass es sich hierbei nicht um eine den Vernichtungsprozess der Juden kontinuierlich begleitende Propagandakampagne handele, sondern vielmehr seien die Drohungen von einem ansonsten konsequenten Schweigen des Regimes zum Vorgehen in der Judenfrage begleitet gewesen. Gerade in der Phase als die meisten Juden aus Deutschland deportiert wurden, habe die Judenfrage in der Propaganda des Regimes eine untergeordnete Rolle gespielt.[19]

Eine weitere Untersuchung Dörners betont die öffentlichen Reden des Regimes, die nicht im Rundfunk ausgestrahlt worden sind. Hier stellt Dörner heraus, dass nicht nur NSDAP-Spitzenpolitiker öffentliche Reden hielten, sondern auch Funktionäre der unteren Ebenen, was zur Folge hatte, dass viele Menschen Ohrenzeugen der Todesdrohungen werden konnten. In diesem Zusammenhang sei die Rede des Kölner Gauleiters Josef Grohé vom 28.09.1941 zu nennen, in der er vor Tausenden Zuhörern in der Kölner Messehalle betont, dass die Juden getötet werden müssen. Dörner nennt weitere Reden des Ostministers Rosenberg vom 09.05.1943 in Trier, des Gauleiters von Südhannover-Braunschweig vom 05.07.1943 und des fränkischen Gauleiters Karl Holz vom 10.01.1944, die in ihren Reden von der Vernichtung des Judentums sprechen. Dörner hält fest, dass ein erheblicher Teil der Bevölkerung auf öffentlichen Kundgebungen Zeuge der Todesdrohungen gegen die Juden wurde und dass anzunehmen sei, dass die Bevölkerung viel über diese Veranstaltungen gesprochen habe.[20]

Dörner hält weiter fest, dass viele dieser Reden zudem auch in der Presse abgedruckt wurden, womit er zu seiner exemplarischen Untersuchung der NS-Presse hinsichtlich der Möglichkeiten der Wahrnehmung des Massenmords an den Juden überleitet. Er geht hierbei davon aus, dass der NS-Presse viel Aufmerksamkeit geschenkt wurde, da nicht jeder über einen Rundfunkempfänger verfügte. Die Presselandschaft sei zwar gleichgeschaltet gewesen, dies mache es allerdings noch interessanter, da in der Presse nur noch das stand, was die Bevölkerung auch erfahren sollte.[21] Dörner basiert auf der Erkenntnis Longerichs, der anhand der Auswertung von 12 Tageszeitungen zu dem Schluss gelangt, das NS-Regime habe in der Presse wiederholt die Ausrottung der Juden signalisiert.[22] Dörner stellt fest, dass zwischen 1939 und Ende 1941 über das Schicksal der Juden berichtet wurde, so unter anderem in einem Leitartikel Goebbels´ vom 16.11.1941 in der auflagenstarken Wochenzeitung Das Reich, in dem er den Juden die Schuld am Krieg gab und daraus das allmähliche Durchleiden eines Vernichtungsprozesses der Juden begründete.[23]

Mit Beginn des Jahres 1942 nahm das Regime die Berichterstattung zur Lage der Juden weitgehend aus der öffentlichen Diskussion heraus und es erschienen nur noch vereinzelte Artikel, aus denen nur indirekt Informationen zur Lage der Juden abzuleiten waren, so zum Beispiel Ende März 1942 in der Deutschen Presse, in der es hieß, die europäischen Völker seien dazu übergegangen, das „Judengift aus ihrer Gemeinschaft zu verbannen“.[24] Trotz des Verbots der Berichterstattung über die Lage der Juden vom 11.06.1942 entstand in der Bevölkerung ein Diskurs über das Schicksal der Juden. Mit der Jahreswende 1943 begann das Regime, die Propaganda gegen die Juden zu verstärken und in der Folge erschienen in der ersten Jahreshälfte 1943, vor allem im Zusammenhang mit dem Massenmord von Katyn zahlreiche Artikel, die die Vernichtung der Juden in Europa thematisierten. Als Beispiel sei hier ein Artikel von Goebbels vom 08.05.1943 genannt, in dem er betont, am Ende des Krieges sei die Prophezeiung Hitlers vom 30.01.1939 verwirklicht.[25] Weil so offen darüber gesprochen wurde, gelangte der Mord an den europäischen Juden immer stärker zu einem offenen Geheimnis, so Dörner, was auch darauf zurückzuführen sei, dass dem Regime mittlerweile klar gewesen sei, dass der Genozid in alle Teile der Bevölkerung vorgedrungen sei.[26] Als Fazit könne festgehalten werden, dass in allen deutschen Blättern im Altreich und in den okkupierten Gebieten in kaum verhüllter Weise auf das Schicksal der Juden hingewiesen wurde. Die exemplarische Auswertung der NS-Presse lasse nur den Schluss zu, dass die deutsche Bevölkerung in allen Regionen spätestens mit Beginn der Katyn-Kampagne vom Tod der im deutschen Herrschaftsgebiet befindlichen Juden gewusst haben muss. Die Hinweise auf den Judenmord seien zwar einzeln nie zwingend gewesen, in der Summe jedoch ergaben sie ein eindeutiges Bild.[27]

Auch Longerich sieht in der NS-Presse eindeutig die Entwicklung einer regelrechten Hasskampagne gegen die Juden, die sich dadurch auszeichnete, dass immer wieder Hinweise auf ihre Verfolgung im deutsch besetzten Europa zu lesen waren. Longerich betont jedoch auch, dass die Berichterstattung „höchst uneinheitlich und sporadisch“ verlief, sodass Meldungen über „Maßnahmen im Ausland“ nie in der gesamten Presse erschienen, sondern meist auf einzelne Blätter beschränkt waren.[28]

Diese Position Longerichs widerspricht der Dörners, der wie oben erwähnt angibt, mit Beginn der Katyn-Kampagne habe jeder Deutscher vom Schicksal der Juden wissen müssen.

3.1.2 Ausländische Propaganda

Auch die Propaganda anderer europäischer Länder wurde, vor allem in jüngster Zeit, intensiv zur Frage nach dem Wissen der Deutschen erforscht. Hier seien zunächst die Radioprogramme erwähnt, für die bereits Karl-Heinz Reuband die Bedeutung als Informationsquelle für die deutsche Bevölkerung hervorhob. Aus Umfragen, die nach dem Krieg durchgeführt wurden, entnimmt Reuband die Information, dass, nach eigenen Angaben, rund die Hälfte aller Deutschen ausländische Rundfunksender wie die britische BBC hörte, jedoch lediglich unregelmäßig und zumeist erst ab 1943. Reuband betont, die BBC habe seit 1942 regelmäßig über den Holocaust berichtet, unter anderem in Verbindung mit den Ansprachen Thomas Manns.[29] Die Annahme Reubands, rund die Hälfte aller Deutschen hätten gelegentlich die deutschsprachigen Programme der BBC gehört, wird auch von Peter Longerich gestützt, der ebenfalls die Ansprachen Thomas Manns aus dem Jahr 1942 nennt, der schon zu dieser Zeit die Ermordung der Juden mit Gas thematisierte. Weiterhin erwähnt Longerich die umfangreiche Berichterstattung der BBC über den Mord an den Juden im Zusammenhang mit der Alliierten Deklaration vom 17.12.1942 als eine Woche lang mehrmals täglich Meldungen und Sondersendungen zum Judenmord in deutscher Sprache gesendet wurden. Auch im Jahr 1943, so Longerich, seien von Seiten der BBC „wiederholt in erheblichem Umfang“ auch Einzelheiten des Massenmords genannt worden. Die Archivlage erlaube jedoch „keine umfassende oder qualifizierende Analyse der Sendemanuskripte.“ Dennoch kommt Longerich zu der Feststellung, dass die Ermordung der europäischen Juden in den alliierten Radioprogrammen insgesamt kein Hauptthema darstellte.[30]

In jüngster Zeit hat sich wiederum Bernward Dörner ausführlich mit den Inhalten der Radioprogramme ausländischer Sender beschäftigt, deren deutschsprachige Programme verbotenerweise von der deutschen Bevölkerung gehört wurden. Als erstes nennt Dörner auch das Programm der britischen BBC. Hier nennt er auch die bereits erwähnte Rolle Thomas Manns, der ab Januar 1942 (hier über den Mord an holländischen Juden zu Versuchszwecken) die deutschen Hörer über den Mord an den Juden informierte. In welcher Deutlichkeit Mann die Vorgänge ansprach, soll der Auszug einer Ansprache vom 27.09.1942 zeigen:

[...]


[1] vgl. Pohl, Dieter: Holocaust. Die Ursachen - das Geschehen - die Folgen. 2.Auflage. Freiburg/Basel/Wien 2000: Seite 25

[2] vgl. Pohl, Dieter: Verfolgung und Massenmord in der NS-Zeit 1933-1945. Darmstadt 2003: Seite 10f.

[3] vgl. ebd.: Seite 12

[4] vgl. ebd.: Seite 16

[5] vgl. Longerich, Peter: Davon haben wir nichts gewusst. Die Deutschen und die Judenverfolgung 1933-1945. Bonn 2006: Seite 123f.

[6] vgl. Pohl (2003): Seite 64

[7] vgl. ebd.: Seite 65

[8] vgl. ebd.: Seite 69

[9] vgl. ebd.: Seite 70

[10] vgl. ebd.: Seite 80

[11] vgl. ebd.: Seite 82-84

[12] vgl. ebd.: Seite 86

[13] vgl. ebd.: Seite 88f. und 94f.

[14] Dörner, Bernward: Der Holocaust und die Deutschen. Was niemand wissen wollte, aber jeder wissen konnte. Berlin 2007: Seite 147f.

[15] zitiert nach: Dörner (2007): Seite 136

[16] vgl. ebd.: Seite 139-141

[17] zitiert nach: ebd.: Seite 142

[18] vgl. ebd.: Seite 145f.

[19] vgl. Longerich (2006): Seite 202

[20] vgl. Dörner (2007): Seite 149-157

[21] vgl. ebd.: Seite 157-159

[22] vgl. Longerich (2006): Seite 201ff.

[23] vgl. Dörner (2007): Seite 162f.

[24] vgl. ebd.: Seite 165

[25] vgl. ebd.: Seite 170-176

[26] vgl. ebd.: Seite 179

[27] vgl. ebd.: Seite 192f.

[28] vgl. Longerich (2006): Seite 203 und 209

[29] vgl. Reuband, Karl-Heinz: Gerüchte und Kenntnisse vom Holocaust in der deutschen Gesellschaft vor Ende des Krieges. Eine Bestandsaufnahme auf der Basis von Bevölkerungsumfragen. In: Benz, Wolfgang (Hg.): Jahrbuch für Antisemitismusforschung Band 9. Berlin: Campus-Verlag 2000: Seite 199f.

[30] vgl. Longerich (2006): Seite 240 - 243

Details

Seiten
48
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783842828957
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v229162
Institution / Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg) – Geschichte und ihre Didaktik, Studiengang Vermittlungswissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
holocaust wissen gesellschaft zeitungsartikel diskurs vergangenheitsbewältigung

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