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Case Management und managerielle Vernunft: Kritische Beobachtungen im sozialpädagogischen Feld

Diplomarbeit 2007 142 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung, oder: Anmerkungen zu einer importierten Methode

Überlegungen zur wissenschaftlichen Arbeitsweise, oder: Etablierung einer Propädeutik des Zwischen

Feld, Habitus und Kapital, oder: zur Dialektik von mentalen und sozialen Strukturen

Case Management im Sozial- und Gesundheitsbereich, oder: zwischen Vernetzung und Beratung

Wandlungen im (sozial-) politischen Feld, oder: Versuch einer syn- und diachronen Verortung von Case Management
Ein Psychiatriekoordinator im Gespräch – „Das war ein Impuls, der kam von der Verwaltung raus“

Eine Case Management-Ausbilderin im Gespräch – „Warum sollte man es eigentlich anders machen?“

Wandlungen im sozialpädagogischen (Hilfe-) Feld, oder: vom Professionalismus zum Managerialismus
Eine Case Managerin in einem Seniorenheim im Gespräch – „Es ist wirklich eine reine Statistik“
Eine Mitarbeiterin einer Alzheimerberatungsstelle im Gespräch – „Die Sicht auf den Menschen hat sich sehr verändert“
Ein Mitarbeiter des Arbeitsmarktservice im Gespräch – „Ich würde mir mal eine eindeutige Definition wünschen“

Case Management als Beratungsansatz, oder: zur Logik der Inventur
Die Ehefrau eines Alzheimerpatienten im Gespräch – „Ich habe Hilfe gebraucht“
Eine Umschülerin des Berufsförderungswerkes im Gespräch – „Also, ich habe einen Ansprechpartner“

Abschließende Betrachtung,

oder: Plädoyer für eine unorthodoxe Sichtweise

Literatur......

EINLEITUNG, ODER: ANMERKUNGEN ZU EINER IMPORTIERTEN METHODE

„Ich schreibe nur, weil ich noch nicht genau weiß, was ich von dem halten soll, was mich so sehr beschäftigt.“

MICHEL FOUCAULT

Der Begriff Case Management ist derzeit allgegenwärtig und bestimmt in gleichem Maße die sozialpolitische Rhetorik vom Umbau des Sozialstaats, wie auch die wissenschaftlichen Diskurse innerhalb der Sozialen Arbeit bzw. Sozialpädagogik.[1] Dabei hält die bereits in den 1970er Jahren in den USA entwickelte Methode des Case Management zwar bereits seit einigen Jahren auch in Deutschland zunehmend Einzug in die Interventionsstrategien der Sozialen Arbeit und im Gesundheitswesen, die Diskussion um Einführung, Finanzierung und Wirkung des Ansatzes aber ist bei weitem noch nicht abgeschlossen. Insbesondere im Rahmen der aktuellen Diskussion um die Neu- bzw. Umstrukturierung des Sozial- und Gesundheitssystems wird der Ansatz als eine Art Allheilmittel zur Lösung system-immanenter Probleme propagiert. Angesichts der stetig steigenden Kosten sollen die sozialen Sicherungssysteme durch den gezielt gesteuerten Einsatz der vorhandenen materiellen, finanziellen und persönlichen Ressourcen bei gleich bleibender Qualität für die betroffenen Bevölkerungsgruppen effizienter und kostengünstiger arbeiten. Diese Ressourcensteuerung kann und soll zukünftig verstärkt durch so genannte Case Manager erfolgen, die beispielsweise für öffentliche Institutionen, Wohlfahrtsverbände bzw. im sozialen Bereich angesiedelte Non-Profit-Organisationen arbeiten. Ihre Aufgabe besteht darin, die Ansprüche und Bedürfnisse der Adressaten gesundheitlicher oder sozialer Dienstleistungen einerseits und die Vorgaben und Erwartungen von Politik und Gesellschaft in Bezug auf die damit verbundenen Kosten andererseits in Deckung zu bringen. Dabei soll anhand der strukturierten Arbeitsweise des Case Management zunächst der Hilfebedarf anhand eines umfassenden Assessments festgestellt, in einem Vertrag die Zielvereinbarungen festgehalten, die Einhaltung überprüft und abschließend das gesamte Verfahren evaluiert werden. Auf diese Weise sollen die Handlungsabfolgen und Hilfeprozesse überprüfbar und vergleichbar werden und sich somit nach den Kriterien von Effizienz und Effektivität beurteilen lassen.

Die vorliegende Arbeit versucht dabei, den Case Management-Ansatz nicht auf ein bestimmtes Anwendungsfeld einzugrenzen oder auf einen bestimmten Aspekt einzuengen. Vielmehr wird versucht, das Konzept ‚im Ganzen’ zu besprechen. Dabei soll insbesondere der sehr abstrakt und theoretisch gehaltenen Hypothese nachgegangen werden, inwieweit dieser vor allem auch zur Kostensenkung im Sozialbereich eingeführte Ansatz einer ‚manageriellen Vernunft’ zum Durchbruch verhilft, beziehungsweise als Ausdruck einer Durchsetzung ebendieser angesehen werden kann. Der Begriff der manageriellen Vernunft wird dabei im Zuge der Arbeit entwickelt und dient als Wortschöpfung vor allem dazu, eine zunehmende Etablierung managerieller Wirksamkeitsvorstellungen innerhalb der Denk- und Handlungsansätze der Sozialen Arbeit zu beschreiben. Schließlich soll der Erfolg und die zunehmende Präsenz des Ansatzes daraufhin befragt werden, ob dieser nicht auch in eine großflächigere Verschiebung hin zu einem ökonomisch-neoliberalen Verständnis der sozialen Welt eingeordnet werden kann. Dieser Hypothese zufolge wäre die Importierung der Methode somit nicht nur geographisch[2] – durch eine Übertragung vom US-amerikanischen Sozial- und Gesundheitswesen auf das bundesrepublikanische – kritisch zu betrachten, sondern vor allem auch philosophisch, indem der Ansatz einem dem sozialen Sektor fremden Feld- und Rationalitätsverständnis entspringt.

Die Ausgangsfrage schließlich, ob die Karriere des Case Management-Konzeptes auch auf Wünschen und Vorstellungen einer verbesserten sozialtechnischen Planbarkeit und Gestaltbarkeit der sozialen Welt beruht, wird aufgrund ihres hohen Abstraktionsgrades am Ende der Ausführungen keineswegs mit einer klaren Antwort abgerundet werden können. Vielmehr soll es darum gehen, den geheimen Lehrplan des Ansatzes, der im Sinne einer „stillen Pädagogik“[3] die beschriebenen sozialtechnokratischen Erwartungsmuster gleichsam unter der Hand mitliefert, zu beobachten und signifikante Erscheinungen und Entwicklungen auszumachen. Diese kritische Lesart soll mit Hilfe der Theorieansätze und Modelle des französischen Soziologen Pierre Bourdieus erfolgen und somit insgesamt die Theorietradition der französischen Poststrukturalisten als Ausgangsbasis nehmen. Dieser Theoriestrang erweist sich für dieses Vorhaben vor allem deshalb als fruchtbar, weil der Fokus hier insbesondere auch auf verinnerlichte Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsschemata gerichtet wird, und somit neben den objektiv sichtbaren Veränderungen der sozialen Welt insbesondere auch die sich oftmals vor- oder unbewusst ablaufenden Entwicklungen sichtbar gemacht werden können.

Nachdem zunächst in einem eigenständigen Kapitel sowohl das Wissenschaftsverständnis im Allgemeinen wie die wissenschaftliche Vorgehensweise im Speziellen ausführlich dargelegt und entfaltet wird, sollen in einem nachfolgenden Kapitel die Theoriebausteine Bourdieus – insbesondere die Feld-, Habitus- und Kapitaltheorie – diskutiert werden. Dass diese Modelle relativ detailliert besprochen werden, bedingt sich dabei zum einen der Tatsache, dass die Theorie Bourdieus als Grundlage für die weiteren Kapitel angesehen werden muss und zum anderen auch den zahlreichen Neuerscheinungen[4], insbesondere im Bereich Pädagogik/Sozialpädagogik, die somit eine erneute Erörterung rechtfertigen. Bevor der Ansatz schließlich auf den drei verschiedenen Ebenen – der politischen, der institutionellen und der individuellen Ebene – bezüglich der Ausgangshypothese kritisch beobachtet werden kann, muss schließlich noch in einem vorgeschobenen Kapitel die Entstehung, Definition und die Rahmenbedingungen des Case Management-Ansatzes in Theorie und Praxis erläutert werden. Schließlich wird derjenige[5], der mit der Methode nicht vertraut ist, auch deren Missbrauch nicht erkennen können.[6]

Um der von Bourdieu entworfenen und geforderten praxeologischen Wissenschaftsauffassung gerecht zu werden, sollen die theoretischen Erörterungen auf der jeweiligen Ebene mit dem Abdruck nicht-standardisierter Interviews abgerundet werden. Auf diese Weise kommen neben Akteuren aus dem sozialpolitischen Umfeld und Case Managern auch Klienten zu Wort, so dass sich die Arbeit explizit von der gängigen Case Management-Forschung abgrenzt, die sich – auf der Basis quantitativer Methoden – vorwiegend auf Status-quo-Beschreibungen und Kosten-Nutzen-Rechnungen reduziert und sich insbesondere darauf konzentriert, die im Rahmen des Benchmarking geforderten Best-practice-Modelle zu eruieren[7], aber schlicht nicht die Menschen befragt, die davon betroffen sind.

Gemäß der Ausgangshypothese wird dabei der Fokus auf die kritischen Momente des Case Management-Ansatzes gerichtet werden. Allerdings darf die Arbeit weder als Hagiographie Bourdieus, noch als Versuch einer Verteufelung von Case Management missverstanden werden. Vielmehr versuchen sich die Ausführungen in das Forschungsfeld einer ‚Kritischen Sozialpädagogik’[8] bzw. einer ‚Reflexiven Erziehungswissenschaft’[9] einzuschreiben und in diesem Rahmen die oftmals als alternativlos dargestellten Perspektiven, die sich aus einem Konglomerat aus Finanzierungsfragen des Systems und einer normativ-ideologischen Neuprogrammierung des Hilfesystems speisen, ihrer Alternativlosigkeit zu entreißen. Hierbei wird sich insbesondere die Theorie Pierre Bourdieus als fruchtbar erweisen, um durch eine kritische Auseinandersetzung mit der Methode des Case Management zu verhindern, dass „an die Stelle eines inhaltlich fundierten ‚Kapierens’ ein vorschnelles ‚Kopieren’ anglo-amerikanischer Case Management-Konzepte tritt“ [10].

ÜBERLEGUNGEN ZUR WISSENSCHAFTLICHEN ARBEITSWEISE, ODER: ETABLIERUNG EINER PROPÄDEUTIK DES ZWISCHEN

„Ideal wäre es, könnte man beides verbinden: den Überblick des Generals und die einzelne Wahrnehmung des gemeinen Soldaten im Getümmel.“

PIERRE BOURDIEU

Die Frage, mit welcher Met-hode (griechisch: meta < nach, hinter und odoV < der Weg) sich eine wissenschaftliche Arbeit ‚auf den Weg’ macht, um ihre Fragestellung bzw. Hypothese darzulegen, zu entfalten und gegebenenfalls zu beweisen, erweist sich als so grundlegend, dass hierzu ein eigenständiges Kapitel vorausgeschickt werden soll. Zudem wird die gewählte Methodik stets einen Ausdruck des der jeweiligen Abhandlung zugrunde liegenden Wissenschaftsverständnisses darstellen, also sowohl der Idee von Wahrheit als auch der Auffassung, wie sich dieser mit wissenschaftlichen Mitteln angenähert werden kann und soll. Aus diesem Grund wird im Folgenden zunächst auf relativ abstrakte wissenschaftstheoretische Überlegungen und Konstrukte eingegangen werden, die allerdings – wie zu zeigen sein wird – äußerst konkrete Auswirkungen auf den weiteren Verlauf der Arbeit haben werden.

Obgleich die Arbeit zwar grundlegend multi- bzw. transdisziplinär[11] angelegt ist und so vor allem zwischen den verschiedenen Fachbereichen Philosophie, (allgemeine) Pädagogik, Sozialpädagogik, Soziologie und Sozialpolitik oszilliert, so werden doch als Fundament und Ausgangsplattform die Grundannahmen und Ideen der allgemeinen Pädagogik dienen. Doch gerade die Tradition der allgemeinen Pädagogik ist dabei durchweg geprägt von dichotomen Deutungsmustern und (di-) polaren Sichtweisen: Kann es auf der einen Seite dem Menschen gelingen, sich mit Hilfe von Erziehung und Bildung in den Zustand der Mündigkeit emporzuheben, so verbleiben auf der anderen Seite die Ungebildeten im Zustand der Unmündigkeit[12]. Wird der Mensch einmal als freies und autonomes Wesen beschrieben, so erscheint er ein andermal als durchweg gesellschaftlich präformiert und determiniert. Letztlich hält sich dieses dichotome Denken bis in die Forschungslandschaft der Erziehungswissenschaften selbst durch: Stehen auf der einen Seite die sich einer geisteswissenschaftlichen Tradition verpflichtet fühlenden Forscher, die die Erziehungswirklichkeit mittels hermeneutischer Methoden zu verstehen suchen, um so dem subjektiv gemeinten Sinn der sozialen Akteure nachzuspüren, so versuchen auf der anderen Seite die empirisch verfahrenden Wissenschaftler, die Abläufe in Erziehung und Unterricht mit empirischen Methoden abzubilden und auf diese Weise mess- oder zumindest vergleichbar zu machen[13].

Wirft man allerdings – entgegen den „eigentümlichen Rezeptionssperren“ [14] der deutschen Pädagogik – den wissenschaftlichen Blick sowohl über die geographischen Grenzen Deutschlands als auch über die internen Grenzen des pädagogischen Fachgebietes hinaus, so wird man bald feststellen, dass sich vor allem im Nachbarland Frankreich zahlreiche Diskurse im Bereich der Philosophie und der Soziologie etabliert haben, „die weitgehend frei sind von den Zwängen des dichotomen Denkens“ [15] und die so mit ihren Modellen und Theorien nicht nur einen bedeutenden Beitrag zur Überwindung der Freiheits- oder Mündigkeitsproblematik leisten können. Vielmehr erweisen sich diese Ansätze vor allem fruchtbar, um die zwischen subjektivistischen und objektivistischen Positionen polarisierende Wissenschaftslandschaft durch eine synthetisierende Beschreibung der sozialen Welt weiterzuführen. Vor allem das Werk Pierre Bourdieus[16] stellt sich ausdrücklich die Aufgabe, die beiden Paradigmen des Subjektivismus und des Objektivismus zu überwinden und eine neue wissenschaftliche Erkenntnisweise zu etablieren.

Tatsächlich schreibt Bourdieu in seinem bereits 1980 in Frankreich unter dem Titel „Le sens pratique“ erschienen Werk „Sozialer Sinn – Kritik der theoretischen Vernunft“, in dem er seine grundlegenden Modelle und Theoriebausteine sowie sein Wissenschaftsverständnis ausführlich entwirft, bereits als ersten und einführenden Satz: „Von allen Gegensätzen, die die Sozialwissenschaften künstlich spalten, ist der grundlegendste und verderblichste der zwischen Subjektivismus und Objektivismus.“ [17] Und er fährt fort: „Schon dass diese Spaltung immer wieder in kaum veränderten Formen aufbricht, dürfte zur Genüge belegen, dass die beiden Erkenntnisweisen, zwischen denen sie unterscheidet, für eine Wissenschaft der Sozialwelt, die weder auf eine Sozialphänomenologie noch auf eine Sozialphysik reduziert werden kann, gleichermaßen unentbehrlich sind.“ [18]

Die grundlegende Intention Bourdieus liegt folglich darin, die soziale Welt zu beschreiben und mit wissenschaftlichen Methoden zu analysieren, ohne sich dabei für entweder das subjektivistische oder das objektivistische Paradigma entscheiden zu müssen. Wie er diese beiden wissenschaftlichen Erkenntnisweisen schließlich gegenüberstellt und dabei einen neuen Typus von Wissenschaftsverständnis kreiert, der zwischen den beiden Extremen des Subjektivismus und des Objektivismus zu vermitteln und ihre relativen Wahrheiten systematisch zusammenzuführen vermag, ist verständlicherweise der Struktur des französischen Wissenschaftsfeldes geschuldet. Die Ergebnisse werden sich allerdings nahtlos in die zuvor angeführten Überlegungen zur Problematik der erziehungswissenschaftlichen Forschung einbauen lassen[19].

Obgleich es Bourdieu in seiner Kritik der subjektivistischen wie der objektivistischen Erkenntnisweise weniger um eine Aburteilung einzelner Personen oder soziologischer Schulen ging, so entwickelte er doch die spezifischen Vereinseitigungen und Schwächen der jeweiligen Tradition an den entsprechenden Theorien. Schon die Wissenschaftsgeschichte der französischen Soziologie stellte für Bourdieu einen fortwährenden ‚Kampf’ zwischen den beiden Erkenntnisweisen dar: Dominierte Anfang des 20. Jahrhunderts bis zum 2. Weltkrieg die Schule Durkheims mit ihrer Lehre vom Zwang der sozialen Tatsachen, denen gegenüber das Subjekt buchstäblich als das gesetzmäßig ‚Unterworfene’ (sub-jectum) erscheint und folglich erkenntnistheoretisch von lediglich sekundärem Interesse ist, so avancierte nach 1945 angesichts der Erfahrung von Kriegszerstörung, Besatzung und Kollaboration mit den Nationalsozialisten, aber auch in Anbetracht der stalinistischen Schreckensherrschaft, der Mensch in seiner existenziellen Grundbefindlichkeit zum Zentralthema[20]. Nach dem Verblühen des existentialistischen Humanismus in den 1960er Jahren erweckte schließlich der Strukturalismus das Durkheimsche Postulat vom Zwangscharakter der sozialen Tatsachen abermals zum Leben.

Die polaren Schwankungen vom Objektivismus zum Subjektivismus und umgekehrt stellten somit „keine Auseinandersetzung [en] um bloß methodologische Fragen“ [21] dar, sondern es handelte sich jeweils um die Gültigkeit einer bestimmten Tradition der Beschreibung des Menschen. Wird der Mensch einmal – in der objektivistischen Tradition – als Getriebener der sozialen Zusammenhänge, als ein Element einer übergeordneten Struktur beschrieben, so gilt er in der subjektivistischen Perspektive als weitestgehend autonomes, souveränes und selbsttransparentes Wesen.

Unter das subjektivistische Paradigma fasst Bourdieu dabei so unterschiedliche wissenschaftliche Strömungen wie die phänomenologische Soziologie (A. Schütz), die Ethnomethodologie (H. Garfinkel), die interaktionistische Soziologie (E. Goffman), aber auch die voluntaristische Philosophie Jean-Paul Sartres und die Rational-Choice-Theorie (J. Elster). Dabei handelt es sich um Theorien aus mikrosoziologischer Perspektive, die die Praktiken, Wahrnehmungen und Intentionen der sozialen Akteure vom Akteur selbst aus zu verstehen suchen. Als Gemeinsamkeit unterstellt Bourdieu all diesen Theorien, dass sie die soziale Welt als eine natürliche und selbstverständlich vorgegebene Welt begreifen. Sie beschäftigen sich ausschließlich mit der Art von Erscheinungen, „die der – alltäglichen oder wissenschaftlichen – Erkenntnis direkt zugänglich ist“ [22], und brauchen im Prinzip diese Primärerfahrungen sozialer Akteure nur explizit zu registrieren und gegebenenfalls zu systematisieren, um zu den von ihr angestrebten soziologischen Erkenntnissen zu gelangen. In dieser mangelnden Distanz zur vorwissenschaftlichen Primärerfahrung sieht Bourdieu schließlich auch den Hauptkritikpunkt dieser Erkenntnisweise: „Weil die Handelnden nie ganz genau wissen, was sie tun, hat ihr Handeln mehr Sinn, als sie selber wissen.“ [23] Das subjektivistische Paradigma reduziert die soziale Welt, indem sie die „objektiven Beziehungen, die die verschiedenen Praxisformen und deren Repräsentationen […] strukturieren“ [24] schlichtweg negiert, folglich auf eine Welt von gleichsam autonomen Subjekten, die ihre Beziehungen und Lebensverhältnisse allein auf der Grundlage freier Entscheidungen regeln.

Demgegenüber stellt Bourdieu die objektivistische Wissenschaftsauffassung, die vor allem durch den klassischen Strukturalismus (Linguistik von F. de Saussure, Anthropologie von C. Lèvi-Strauss), den Funktionalismus (T. Parsons) und diverse marxistische Theorien (v.a. L. Althusser) vertreten wird. Diese Theorien versuchen nun aus makrosoziologischer Perspektive die Handlungslogik der einzelnen sozialen Akteure aus den objektiven gesellschaftlichen Strukturen und Funktionen abzuleiten und somit zu erklären. Durch den vollkommenen Bruch mit den Primärerfahrungen der sozialen Akteure laufen diese objektivistischen Theorien, indem sie Modelle konstruieren, die vom Willen und Bewusstsein der Akteure völlig unabhängig sind, allerdings Gefahr, „die Primärerfahrungen der Subjekte wo nicht völlig zu ignorieren, so doch als bloß sekundäre, abgeleitete und daher tendenziell vernachlässigbare Rationalisierungen oder Ideologien zu begreifen“ [25]. Auf diese Weise reduziert die objektivistische Erkenntnisweise die soziale Welt auf eine Welt von objektiven Strukturen und Gesetzen, in denen den denkenden und handelnden Subjekten nur mehr die Rolle von „Ausführungsorganen gesellschaftlicher Strukturgesetzlichkeiten“ [26] zukommt.

Um diese polare Logik von Subjektivismus und Objektivismus zu umgehen, entwickelt Bourdieu schließlich eine dritte, gleichsam als Synthese konstruierte praxeologische Erkenntnisweise[27], die die beiden komplementären Einseitigkeiten zu vermeiden sucht: „Gegenstand der Erkenntnisweise schließlich, die wir praxeologische nennen wollen, ist nicht allein das von der objektivistischen Erkenntnisweise entworfene System der objektiven Relationen, sondern des weiteren die dialektischen Beziehungen zwischen diesen objektiven Strukturen und den strukturierten Dispositionen, die diese zu aktualisieren und zu reproduzieren trachten.“ [28] Es müssen folglich neben den objektiven Strukturfaktoren auch die sozialen Akteure – „als konstitutiver Bestandteil der sozialen Welt“ [29] – mit ihren praktischen Erfahrungen und Alltagserkenntnissen von der soziologischen Analyse berücksichtigt werden. Die von Bourdieu geforderte „totale Wissenschaft von der Gesellschaft“ [30] muss sich so einerseits von den Annahmen des mechanischen Strukturalismus lossagen, der die einzelnen Individuen oder Gruppen nur als die passiven Träger gesellschaftlicher Kräfte zu beschreiben in der Lage ist, andererseits aber auch von jeglicher Art von Sozialphänomenologie, in deren Augen die Gesellschaft als das Produkt der freien Entscheidungen und Handlungen von bewussten Individuen erscheint. Bourdieu selbst beschreibt den von ihm verfolgten Ansatz, um diese Zwischenstellung zwischen den beiden Lagern auszudrücken, als „strukturalistischer Konstruktivismus und konstruktivistischer Strukturalismus“ [31].

Allerdings versucht Bourdieu mit Hilfe seines praxeologischen Ansatzes nicht nur, die Überwindung des Antagonismus von Subjektivismus und Objektivismus zu erreichen, sondern im gleichen Zuge auch die gemeinsamen Grundannahmen herauszuarbeiten, die beide wissenschaftliche Erkenntnisweisen im Gegensatz zur praktischen Erkenntnisweise als der Grundlage der ‚normalen’ Erfahrung der Sozialwelt charakterisieren. Hierdurch eröffnet sich für ihn der große Problembereich von Theorie und Praxis, den er praxistheoretisch neu formuliert als Grundgegensatz zwischen theoretischer (wissenschaftlicher) Praxis und praktischer (alltäglicher) Praxis, die jeweils auf verschiedenen Erkenntnisweisen beruhen.

Auf diese Weise gelingt es Bourdieu, das Theorie-Praxis-Problem, d.h. inwiefern sich Theorie und Praxis wechselseitig beeinflussen, mit Hilfe neuer und weiterführender Überlegungen anzugehen. Indem er Wissenschaft und Praxis zwei unterschiedliche Erkenntnisweisen und Logiken unterstellt, überwindet er so auch diese Dichotomie von Theorie und Praxis, ohne sie dabei unvermittelt gegenüberzustellen oder aber auf die aristotelische Trias von Theorie, Praxis und Poiesis herunterzubrechen[32]. Dabei stellt Bourdieu dem Erkenntnisinteresse der Wissenschaft den praktischen Sinn (‚sens pratique’) gegenüber, einen praktisch-lebensweltlichen Sinn, in dem sich der kognitive nicht vom motivationalen Aspekt, „das Wissen nicht vom Willen“ [33] trennen lässt.

Während für die theoretische Erkenntnispraxis aufgrund ihrer Handlungsentlastetheit und ihrer (theoretischen) Losgelöstheit von ökonomischen und sozialen Zwängen das Paradigma der formalen Logik gilt, funktioniert die Alltagspraxis nach einer ihr impliziten Eigenlogik. Die Menschen werden immer nur so viel Logik aufwenden, wie für die Bedürfnisse der Praxis erforderlich ist. Bourdieu schreibt hierzu in seinem „Entwurf einer Theorie der Praxis“: „Der Praxis muss demzufolge eine Logik zugeschrieben werden, die keine der Logik ist, um damit zu vermeiden, ihr mehr Logik abzuverlangen, als sie zu geben in der Lage ist, und sich auf diese Weise dazu zu verurteilen, entweder Inkohärenzen in ihr aufdecken oder ihr eine Kohärenz aufzwingen zu wollen.“[34]

Die Ursache für die Ausbildung dieser grundlegend verschiedenen Logiken besteht für Bourdieu dabei in den jeweils unterschiedlichen Wirkungsweisen von Zeit. „Es gibt eine Zeit der Wissenschaft, die nicht die der Praxis ist.“ [35] Im Unterschied zur diskontinuierlichen, weil von den Zwängen der Praxis losgelösten, d.h. zeitlosen Zeit der Wissenschaft bildet die Zeit der Praxis ein Kontinuum, das auch von den Handelnden implizit als solches erlebt wird. Für den zeitlichen Verlauf der Praxis ist vor allem ihre Ausrichtung und Irreversibilität, ihr Rhythmus und schließlich ihre Dringlichkeit charakteristisch. Eine Handlung in der Praxis ist stets vom zeitlichen Vorher und Nachher der Praktiken abhängig, in deren unmittelbarem Zusammenhang sie stattfindet. Wissenschaft hingegen weist sich gerade durch ein unpraktisches Verhältnis zur Praxis aus, durch eine Losgelöstheit von den Dringlichkeiten der Zeit. Oder anders formuliert: „Im Unterschied zur sozialen Praxis, die einem Zeit- und Handlungsdruck unterliegt, findet Wissenschaft unter Bedingungen einer Handlungsentlastetheit statt.“ [36]

Dass nun Theorie und Praxis nach eigenständigen Logiken funktionieren, veranlasst Bourdieu allerdings nicht zu einer resignativen Haltung gegenüber der Erkenntniskraft von Wissenschaft. Vielmehr scheint es für ihn so, dass im Gegenteil das klare Erkennen der Grenzen der theoretischen Erkenntnis es erst erlaubt, den so genannten scholastischen Fehlschluss – „scholastic fallacy“ [37] – zu vermeiden. Dieser Fehlschluss besteht genau darin, die genuin praktische und weitgehend implizit bleibende Erkenntnisweise, die für die sozialen Akteure im Vollzug der Praxis charakteristisch ist, stillschweigend gleichzusetzen mit den unter den völlig anderen Bedingungen der Zeit- und Handlungsentlastetheit stehenden (theoretischen) Erkenntnisweisen der Wissenschaftler und Intellektuellen. Somit bewirkt Bourdieus Analyse weniger eine Kritik am System der Wissenschaft („Die wissenschaftliche Erkenntnis verdankt eine ganze Reihe ihrer wesentlichsten Merkmale der Tatsache, dass die Bedingungen ihrer Produktion nicht die Bedingungen der Praxis sind.“[38]), sondern vielmehr an der Neigung der Wissenschaftler, die von ihnen untersuchten Handlungsakteure nach ihrem eigenen und folglich theoretischen Bild zu denken, und somit dem „Epistemozentrismus“ [39] zu huldigen. Die Aufgabe des Wissenschaftlers müsste so vor allem darin bestehen, die Grenzen des wissenschaftlichen Feldes genau zu kennen und bestenfalls „jedem wissenschaftlichen Bericht einen Bericht über die Grenzen von wissenschaftlichen Berichten bei [zu] geben“ [40].

Zur praktischen Umsetzung dieses Wissenschaftsverständnisses erweisen sich vor allem die so genannten qualitativen[41] Methoden der Sozialforschung als geeignet. Aufgrund ihres komplexen Zugangs zu ihrem Gegenstand vermögen diese einen Beitrag zu leisten zur Überwindung der Kluft zwischen einer ‚empirielosen Theorie’ einerseits und einer ‚theorielosen Empirie’ andererseits. Bourdieu selbst trat nicht nur für eine engere Verbindung von theoretischer und empirischer Arbeit ein, ihm ging es vielmehr um ihre „völlige wechselseitige Durchdringung“ [42]. Um diese Durchdringung zu erreichen, werden die wissenschaftlichen Standards im Sinne eines „methodologischen Pragmatismus“ [43] nicht – wie dies der konventionellen epistemologischen Sichtweise entspricht – aus erkenntnistheoretischen Prinzipien (deduktiv) abgeleitet, deren Geltung von den Ergebnissen empirischer Forschung völlig unabhängig zu sein hat. Vielmehr werden, um den Eigenlogiken von Theorie und Praxis gerecht zu werden, die methodologischen Standards selbst Gegenstand und zum Teil auch Ergebnis empirischer Rekonstruktion und werden in jedem Fall in der Auseinandersetzung mit den Erfahrungen empirischer Forschung ausgearbeitet. Rekonstruktive Verfahren grenzen sich so zum einen gegen eine standardisierte und hypothesenprüfende Vorgehensweise im konventionellen Sinne ab, zum anderen aber auch gegen völlig offene Verfahren, die sich weder an den natürlichen Standards noch an einer metatheoretischen Fundierung orientieren.

Für eine wissenschaftliche Vorgehensweise, die neben dem subjektiv gemeinten Sinn der sozialen Akteure ebenso die Struktur der Praxis zu erforschen sucht, und sich somit jenseits von Subjektivismus und Objektivismus bewegt, erweist sich so vor allem die dokumentarische Methode wie auch die Methodologie des narrativen Interviews[44] als grundlegend. Im Sinne des Relationismus, d.h. entscheidend sind die Verhältnisse (Relationen) zwischen den gesellschaftlichen Strukturen und den einzelnen sozialen Akteuren, gehen die Interpreten des Forschungsmaterials also nicht davon aus, dass sie mehr wissen als die Akteure im Forschungsfeld und somit über einen privilegierten Zugang zur Realität verfügen, sondern davon, dass letztere selbst nicht wissen, was sie da eigentlich alles wissen, somit über ein implizites Wissen verfügen, welches ihnen reflexiv nicht so ohne weiteres zugänglich ist[45]. Die Explikation dieses Wissens durch den Interpreten vollzieht sich in komparativer Analyse vor dem Gegenhorizont anderer Fälle, d.h. in Relation zu diesen und deren implizitem Wissen. Ausgehend von diesen Grundannahmen kann das Ziel wissenschaftlicher Forschung schließlich nicht mehr darin bestehen, einen auf der Basis von Repräsentativität gebildeten Durchschittstypus (d.h. des durchschnittlich gemeinten Sinns) zu ermitteln, sondern vielmehr eine Art Idealtypus[46] zu konstruieren, der auf die Repräsentanz tiefer liegender Sinnstrukturen zielt.

Um die nachfolgende Arbeit diesem sehr ausführlich entworfenen Wissenschaftsverständnis gerecht werden zu lassen, sollen als Abschluss der theoretischen Analyse der jeweiligen Ebene (Makro-, Meso- und Mikroebene) jeweils narrative Interviews durchgeführt werden. Der Aufbau und die Durchführung dieser Interviews ist der Methodik der Interviews in Pierre Bourdieus großer Sozialstudie „Das Elend der Welt“[47] nachempfunden. Um das implizite Wissen der Befragten im Gespräch zu erfahren, muss es während des Interviews vor allem darum gehen, eine Beziehung des aktiven und methodischen Zuhörens zu schaffen. Der Interviewer muss versuchen, einen Standpunkt zu übernehmen, „der dem der befragten Person so nahe wie möglich ist, ohne sich dabei ungerechterweise in jenes Alter ego […] hineinzuprojizieren“ [48]. Diese persönliche Anteilnahme, mit der man sich in das Gespräch einbringt und damit auch seinen Gesprächspartner dazu bewegt, sich einzubringen, ist das, was Bourdieus Interviewtechnik von einem herkömmlichen Interview, „in dem der Interviewer in seinem Bemühen um Neutralität jedes persönliche Sich-Einbringen vermeidet“ [49], am deutlichsten unterscheidet. Dabei kann es allerdings nicht um die „magische Aufhebung“ [50] der Distanz von Interviewer und Befragtem gehen, sondern vielmehr um die Objektivierung dieser objektivierenden Distanz und der sozialen Bedingungen, die sie möglich machen.

Aus diesem Grund wird den transkribierten[51] Interviews jeweils ein kurzer Text vorangestellt, in dem an die sozialen Bedingungen und Konditionierungen erinnert wird, deren Produkt der Verfasser der Rede ist: „seine Laufbahn, seine Ausbildung, seine Berufserfahrungen, alles das, was in der transkribierten Rede sowohl verborgen wie offengelegt wird“ [52]. Hierdurch wird gleichsam der praxeologischen Wissenschaftsauffassung entsprochen, nach der der subjektiv gemeinte Sinn der jeweiligen Interviewpartner stets in Abhängigkeit (Relation) zu den gesellschaftlichen Verhältnissen und Strukturen zu verstehen ist, denen dieser Akteur ausgesetzt ist und war. Das Interview wird auf diese Weise zu einem wirksamen Instrument der Aufklärung und der Befreiung, das den Befragten dabei unterstützt, seine Wahrheit zu veräußern, bzw. besser: sich von ihr zu befreien.[53]

Dass Bourdieus Wissenschaftsverständnis dabei einer kritischen Wissenschaftstradition zugeordnet werden kann, erscheint nicht weiter fraglich.[54] Nach der von Habermas[55] eröffneten Unterscheidung von technischem, praktischem und emanzipatorischem Erkenntnisinteresse ist die von Bourdieu verfolgte Wissenschaftsauffassung eindeutig dem emanzipatorischen zuzurechnen.[56] Vor allem indem die Veränderbarkeit und Quasi-Natürlichkeit von gesellschaftlichen Strukturen und Zwängen aufgezeigt werden, sollen die sozialen Akteure in einen Reflexionsprozess versetzt werden, um sich so von den gesellschaftlichen Zwängen zu befreien. Demgemäß sieht Bourdieu auch die Rolle des Soziologen als desjenigen, „der anderen hilft, etwas ans Licht zu bringen, das sie wissen, ohne es zu wissen“ [57], bzw. dem daran gelegen ist, „implizite Sachverhalte explizit zu machen“ [58]. Dieses kritische Wissenschaftsverständnis, dem sich schließlich auch der Autor selbst verschreibt, wird im Nachfolgenden so keineswegs dazu führen, das Konzept des Case Management ausschließlich aus verschiedenen Richtungen zu kritisieren und anderen Modellen entgegenzusetzen. Vielmehr besteht die Kritik im Wesentlichen darin, die Gestaltungsmöglichkeiten und die Veränderbarkeit der sozialen Welt aufzuzeigen und die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse so ihrer ‚Quasi-Natürlichkeit’ zu berauben. „Indem sie also die grundsätzliche Historizität, Kontingenz und Veränderbarkeit dieser (von sozialen Akteuren produzierten und reproduzierten) Ordnung (wieder) vor Augen führt, wird Soziologie kritisch, wird Wissenschaft Kritik.“ [59]

FELD, HABITUS UND KAPITAL, ODER: ZUR DIALEKTIK VON MENTALEN UND SOZIALEN STRUKTUREN

Ehe nun das Konzept des Case Management – in seiner Entstehung, seiner Verortung wie seiner Folgen – auf den verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen aufgezeigt wird, sind zunächst Bourdieus Modelle und Theoriebausteine zu erörtern, mit deren Hilfe der Blick vor allem auf die impliziten Wirkungen und Folgen von Case Management geschärft werden soll. Dies stellt sich vor allem deshalb als keineswegs leichtes Unterfangen dar, da Bourdieu – wie oben bereits aufgezeigt – die eigenen Theorieansätze im Sinne eines „ methodologischen Pragmatismus“ [60] durch seine Forschungsergebnisse immer wieder modifizierte und weiterentwickelte. Seine begrifflich-theoretischen Konzepte bilden somit keine homogene Theorie, die der Realität übergestülpt wird, sondern sie sind Werkzeuge[61], um die permanent stattfindenden sozialen Auseinandersetzungen des Alltags analysieren und (wieder) sichtbar machen zu können. Folglich erscheint es angemessener in Bezug auf Bourdieus Werk nicht von einer ausgearbeiteten Theorie, sondern vielmehr von mehreren nebeneinander stehenden, aber auch aufeinander aufbauenden Theoriebausteinen zu sprechen.

Wie bereits mehrfach angesprochen, ist Bourdieu bei all seinen Modellen daran gelegen, eine Verschmelzung von Subjektivismus und Objektivismus, von Mikro- und Makroebene zu erreichen. Dabei erweisen sich die Feld-, die Habitus-, sowie die Kapitaltheorie als die wichtigsten Modelle. Im Sinne von Idealtypen liegt die Aufgabe dieser Modelle weniger darin, die Wirklichkeit möglichst genau nachzubilden, vielmehr handelt es sich um gedankliche Sinnbilder, die zwar nicht so in der Wirklichkeit vorzufinden sind, mittels derer sich aber nun die Wirklichkeit daraufhin untersuchen lässt, „inwieweit sie sich einem solchen Modell annähert oder nicht“ [62]. Die Modelle gewinnen ihre Erklärungskraft vor allem durch ihren wechselseitigen Bezug aufeinander, der die Verschmelzung der verschiedenen Ebenen noch einmal hervorhebt.

Grundlegend stellt sich für Bourdieu der soziale Raum als aufgeteilt in drei Strukturebenen dar. Auf der einen Seite wirken die Kräfte der objektiv-materialen Bedingungen, die im Sinne von Lebensbedingungen die einzelnen sozialen Akteure beeinflussen. Auf der anderen Seite bildet sich der Raum der Lebensstile heraus, die Ebene der Praxis, in der die sozialen Akteure miteinander auf spezifische Weise interagieren. Diese polare Aufteilung – beruhend auf dem Antagonismus von Subjektivismus und Objektivismus – unterläuft Bourdieu nun durch die Einführung einer dritten Strukturebene: des Habitus.

Da er vor allem aufgrund seiner ethnologischen Studien an der kabylischen Gesellschaft[63] davon ausging, dass soziales Handeln eben nicht nach expliziten (logischen) Regeln arrangiert ist, wie es der Strukturalismus annahm, stellte er sich die Frage: „Wie können Verhaltensweisen geregelt sein, ohne dass ihnen eine Befolgung von Regeln zugrunde liegt?“ [64] Der Mensch handelt zwar nicht nach expliziten gesellschaftlichen Gesetzen und Zwängen, und doch erweisen sich die gesellschaftlichen Strukturen als überaus stabil und träge.

Dieses Scharnier zwischen den objektiven gesellschaftlichen Strukturen und der sozialen Praxis bildet für Bourdieu der Habitus. Er selbst beschreibt den Habitus in einer für seine Schreibweise typischen Formulierung als „Systeme dauerhafter Dispositionen, strukturierte Strukturen, die geeignet sind, als strukturierende Strukturen zu wirken“ [65]. Die gesellschaftlichen Strukturen bilden sich nach Bourdieu folglich im sozialen Akteur ab, entwickeln eine Art Dispositionssystem, das im Folgenden nun das Handeln dieses sozialen Akteurs beeinflusst. Auf diese Weise werden die gesellschaftlichen Strukturen und Verhältnisse durch die Praxis der sozialen Akteure ständig reproduziert.

Der Begriff des Habitus ermöglicht es Bourdieu, auf der einen Seite die handelnden sozialen Akteure nicht mehr nur als strukturalistische Träger der Struktur zu erfassen, auf der anderen Seite gelingt es ihm somit aber auch, nicht wieder dem Individualismus zu verfallen. Die gesellschaftlichen Strukturen schreiben sich in den einzelnen sozialen Akteur ein, so dass dieser in den spezifischen Situationen genau weiß, wie er sich zu verhalten hat, oder genauer: weiß, ‚was sich gehört’. Indem auf diese Weise in der Praxis die vom Habitus vermittelten objektiven Strukturen durch die Handelnden repräsentiert und zugleich reproduziert werden, gelingt es Bourdieu nach dem doppelten Prinzip „ der Interiorisierung der Exteriorität und der Exteriorisierung der Interiorität“[66] die Gesellschaftsstrukturen in das Individuum selbst hineinzuholen sowie dadurch die Gesellschaftsstrukturen an die sozialen Akteure rückzubinden.

Die gesellschaftlichen Strukturen finden so Eingang in die Lebenswelt der sozialen Akteure. Als „eine Art psychosomatisches Gedächtnis“ [67] werden im Habitus die gesellschaftlichen Strukturen abgespeichert, und somit internalisiert. Der Mensch ist somit von Geburt an gesellschaftlich geprägt. Im Sinne einer „Sozialtopologie“ [68] schreiben sich schließlich gerade diejenigen sozialen Strukturen in den Habitus des sozialen Akteurs ein, die den sozialen Raum strukturieren, in dem dieser sich befindet, d.h. vor allem die Strukturen, in denen er lebt, die Lebensbedingungen, sowie seine Position innerhalb dieser Strukturen. Der Habitus kann so als „Resultat eines standortspezifischen nichtintentionalen Sozialisationsprozesses“ [69] beschrieben werden, bei dem neben den allgemeinen Lebensbedingungen auch Sozialisation, Bildung und Erziehung eine entscheidende Rolle spielen. Dabei kann die Genese des Habitus auf drei Wegen erfolgen[70]: Zum einen durch das unmerkliche Vertrautwerden mit einer Kultur, das sich durch bloße Beobachtung von und allmähliche Beteiligung an kulturellen Praktiken unbewusst einstellt, zum anderen durch Praktiken der Unterweisung und Überlieferung, die auf eine direkte Weitergabe kulturellen Wissens abzielen und schließlich durch so genannte strukturale Übungen, bei denen – häufig unentdeckt – eine Verleiblichung der symbolischen Ordnung betrieben wird.

Indem Bourdieu den Habitus nicht auf mentale Schemata reduziert, sondern – und dies ausdrücklich – auch körperliche und ästhetische Muster integriert, verwirft er auch den cartesianischen Dualismus von Körper und Geist.[71]. Vor allem diese im Sinne einer „stillen Pädagogik“ [72] vermittelten körperlichen und ästhetischen Grundstrukturen, wie Körperhaltung (Hexis), Mimik, Sprachgewohnheiten, Geschmack etc. tragen entscheidend zu einer Reproduktion der sozialen Strukturen (und damit auch der Herrschaftsverhältnisse) bei.

Dass gerade der Geschmack als Ausdruck der sozialen Verhältnisse betrachtet werden kann, belegte Bourdieu durch seine wohl einflussreichste Studie „Die feinen Unterschiede“[73], in der er durch zahlreiche empirische Befunde die Schicht- und Klassenabhängigkeit von Geschmacksurteilen nachwies. Indem der Habitus durch die aktive Präsenz früherer Erfahrungen im Organismus je spezifische Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata[74] ausbildet, ist er ausschlaggebend dafür, dass die einzelnen Individuen[75] die Welt unter einer bestimmten Perspektive wahrnehmen, dieses Wahrgenommene auf spezifische Weise deuten und daraus ihre Handlungen ableiten. Die sozialen Akteure werden so einen bestimmten Lebensstil an den Tag legen, bestimmte Geschmackskriterien bemühen, die allerdings ihrer Position im sozialen Raum entsprechen.

Aufgrund der Tatsache dass sich der Habitus als Abbild eines spezifischen Ortes innerhalb der Sozialstruktur entwickelt, wird sich dieser vor allem in ihm bekannten Regionen wohl fühlen und so die Reproduktion der sozialen Welt bewirken. „[U] nd wenn der Habitus ein Verhältnis zu einer sozialen Welt eingeht, deren Produkt er ist, dann bewegt er sich wie ein Fisch im Wasser und die Welt erscheint ihm selbstverständlich.“ [76] Diese Verknüpfung der sozialen und der mentalen Strukturen kann so als Geheimnis der Stabilität der sozialen Ordnung angesehen werden. Die einzelnen sozialen Akteure entscheiden sich folglich nicht bewusst und nach Abwägung rationaler[77] Gründe für die Reproduktion der gesellschaftlichen Strukturen, sondern diese drückt sich vielmehr auf einer „präreflexiven Ebene der Leiblichkeit“ [78] aus, als praktischer Sinn, der oftmals mit der Sicherheit eines sozialen Instinkts[79] operiert.

Doch eben dieses präreflexive und unbewusste Moment in Bourdieus Habitusmodell brachte ihm des Öfteren Vorwürfe des Determinismus[80] ein, bekräftigt vor allem durch die wiederholte Zitation des bekannten Leibniz-Zitats, die Menschen seien zu Dreivierteln ihrer Handlungen Automaten[81]. Dabei wurde das Habitus-Konzept gerade gegen die deterministischen Vorstellungen des Strukturalismus entwickelt. Bourdieu zufolge ist der Habitus vielmehr als ein „System von Grenzen“ [82] anzusehen, das – entsprechend Chomskys System der generativen Grammatik – aus einigen begrenzten Strukturen doch unendlich viele, (und vor allem) nicht vorhersehbare Handlungen zu generieren in der Lage ist. Somit bedeutet der Habitus gerade keine völlige Determination des Handlungsspielraums[83]. In den Grenzen seiner Strukturen ist der Habitus geradezu „schöpferisch und erfinderisch“ [84], dort haben die sozialen Akteure einen „beachtlichen Improvisationsspielraum“ [85]. Auf der Basis des Habitus ist Handeln also weder spontan noch determiniert, sondern Ergebnis einer notwendigen Verbindung von Disposition und objektivem Ereignis. Somit vermag das Konzept des Habitus nicht nur zwischen den „Lieblingsunterscheidungen“ [86] des soziologischen Faches – zwischen Individuum und Gesellschaft – zu vermitteln, sondern auch zwischen Freiheit und Determination, die als grundlegende Dichotomie die Diskurse des pädagogischen Faches bestimmen.

Im Sinne einer „Soziologie als Sozialtopologie“ [87] ist das Handeln der Akteure aber immer auch bedingt vom jeweiligen Standpunkt innerhalb des sozialen Raumes. Für Bourdieu stellt sich folglich das menschliche Handeln nicht nur von innen – durch die Grenzen des Habitus – als eingeschränkt dar, sondern auch von außen durch die Grenzen des sozialen Feldes, in dem sich der soziale Akteur bewegt. Die soziale Welt lässt sich in Form eines mehrdimensionalen Raums darstellen, dem bestimmte Unterscheidungs- bzw. Verteilungsprinzipien zugrunde liegen. Dieser soziale Raum bildet nun nach Bourdieu diverse gesellschaftliche Sub-Räume aus, so genannte soziale Felder, in denen je spezifische Prinzipien und Regeln gelten. Im Zuge der Arbeitsteilung differenzieren sich (entsprechend der Durkheimschen These zur gesellschaftlichen Differenzierung durch Arbeitsteilung) diese sozialen Felder zunehmend aus, spezialisieren sich und etablieren so eigene ‚Spielregeln’[88], so dass in modernen, ausdifferenzierten Gesellschaften weitgehend unabhängige soziale Felder innerhalb des sozialen Raumes bestehen. Da Bourdieu – gemäß seiner Wissenschaftsauffassung – auch das Feldkonzept aus der empirischen Forschung entwickelte und immer wieder modifizierte, („der Begriff des Feldes trat immer häufiger auf, die Anzahl der Felder wurde ständig vermehrt“[89]), bleibt auch die Frage unklar, ob Bourdieu überhaupt noch ein übergeordnetes Feld, ein Feld der Gesellschaft oder einen umfassenden sozialen Raum annahm. Schwingel schlägt deshalb vor, den systematischen Unterschied zwischen den beiden Konzepten Raum und Feld dahingehend zu machen, dass der Schwerpunkt bei der Analyse des Feldes in der diachronen Perspektive liegt, also in der Entwicklung der Kräfteverhältnisse, wogegen das Raum-Modell einen synchronen Zustand zum Ausdruck bringt[90].

Da sich die Feldtheorie ständig im Forschungsalltag bewähren muss, erscheint es für Bourdieu niemals möglich, sämtliche sozialen Teilfelder zu bestimmen[91]. Charakteristische und von ihm untersuchte soziale Felder aber wären das politische, das literarische oder das religiöse Feld[92]. Weiterhin spricht Bourdieu aber beispielsweise auch vom Feld der Wissenschaft, vom Feld der Mathematik, sowie vom universitären Feld. Jedes dieser Felder weist eine individuelle Entstehungsgeschichte auf, es herrschen je spezifische Spielregeln vor, und doch weisen sie eine homologe Struktur auf. „Es gibt allgemeine Gesetze von Feldern.“[93] Analytisch gesprochen, könnte man ein Feld als „ein Netz oder eine Konfiguration von objektiven Relationen zwischen Positionen [..] definieren[94]. Soziale Felder sind also objektive, d.h. vom Willen und Bewusstsein der einzelnen sozialen Akteure relativ unabhängige Strukturen, die obgleich sie nur durch die Praktiken der sozialen Akteure existieren, dennoch ein gewisses Eigenleben führen. In diesen ‚autonomen Sphären’ gelten je feldspezifische Gesetze oder Regeln, an die sich die sozialen Akteure halten müssen, um nicht aus dem Feld auszuscheiden. Die sozialen Felder konstituieren so einen Rahmen möglicher und unmöglicher ‚Spiel-Praktiken’, dem sich die Akteure nicht entziehen können, ohne das Spiel zu verlassen.

Innerhalb dieser sozialen Felder versuchen nun die sozialen Akteure durch den Einsatz von Ressourcen, den eigenen Standpunkt zu optimieren, die eigenen Ressourcen zu vermehren oder aber die Regeln des Feldes selbst zu verändern. Dabei entspricht jedem Feld eine spezifische Ressource – Bourdieu spricht von Kapital –, die es anzusammeln gilt bzw. der der höchste Tauschwert zugesprochen wird. Die Kapitalarten lassen sich dabei untergliedern in ökonomisches, kulturelles, soziales und symbolisches Kapital.[95] Bourdieu rekonstruiert den sozialen Raum und die sich in ihm abbildenden sozialen Positionen somit aus einer ökonomischen Perspektive, „die den Warentausch lediglich als speziellen Fall unter mehreren möglichen Formen von sozialem Austausch behandelt“ [96], und versucht hieraus eine allgemeine Wissenschaft von der Ökonomie der Praxis zu entwickeln.

In ruhigen Phasen der Auseinandersetzung, wenn die Struktur der Positionen und die Regeln des Interagierens nicht in Frage stehen, gleichen die sozialen Felder somit einem Spielfeld. Auf diesem wird nach etablierten Regeln und tradierten Konditionen mit individuellen bzw. Gruppen-Einsätzen um Vorteil und Gewinn gerungen. Das jeweilige Kapital stellt dabei den Einsatz dar, der auf dem Spiel steht und um den sich die Akteure folglich streiten. Bourdieu vergleicht diese Phase häufig mit dem Ansammeln von Spieleinsätzen: „Vor sich haben die Spieler verschiedenartige Chips aufgestapelt, Ausbeute aus vorangegangenen Runden. Die unterschiedlich gefärbten Chips stellen unterschiedliche Arten von Kapital dar.“ [97]

Soziale Felder können aber auch als Kampffelder bezeichnet werden, auf denen um die Wahrung und Veränderung der jeweiligen Kräfteverhältnisse, d.h. vor allem der Verteilung und der Legitimation der Kapitalarten, unter den sozialen Akteuren gekämpft wird. Im Gegensatz zum Habitus, in dem sich die Geschichte verleiblicht, können die sozialen Felder so als „Ding gewordene Geschichte“ [98] beschrieben werden. Die Struktur eines sozialen Feldes gibt stets den Stand der Machtverhältnisse zwischen den am Kampf beteiligten Akteuren wieder, bzw. „den Stand der Verteilung des spezifischen Kapitals, das im Verlauf früherer Kämpfe akkumuliert wurde und den Verlauf späterer Kämpfe bestimmt“ [99]. Es können so sowohl die Wertigkeit der Kapitalarten als auch die Grenzen der Felder[100] zu Gegenständen von feldinternen Kämpfen werden. Dass Bourdieu die Logik des Wettbewerbs, der Ökonomie und des Kampfes dabei schlicht als gegeben voraussetzen muss, und dass er diese auf alle(!) Bereiche menschlichen Zusammenlebens ausweitete, wurde ihm von seinen Kritikern wiederholt vorgeworfen[101].

Indem sich Feld und Habitus wechselseitig bedingen und sich auseinander entwickeln, tragen sie zur Ausbildung einer doxa bei, einer aus der Übereinstimmung von Feld und Habitus[102] resultierenden Unterwerfung unter die Alltagswelt, die nicht in Frage gestellt wird. Die in einem speziellen Feld sozialisierten Akteure sind somit geprägt durch einen unbedingten Glauben an den Einsatz und die Kämpfe – die illusio – in diesem Feld und verfügen über einen Habitus, der die verschiedenen Einsätze und Regeln kennt. Dadurch dass jedes Feld seine eigene illusio und seine eigenen Einsätze aufweist, die zwar von außen als unsinnig erscheinen, aber in den Habitus der im Feld beteiligten Akteure integriert sind, können sich die einzelnen sozialen Akteure auf die vorbewussten und impliziten Strategien des praktischen Sinns verlassen. Ausschließlich im Krisenfall, wenn der Habitus keine dem Feld angemessenen Praktiken mehr hervorbringen kann, besteht der Zwang, auf bewusste Überlegungen zurückzugreifen, beispielsweise dann, wenn sich die sozialen Bedingungen des Feldes ändern, wenn der Akteur in ein neues, ihm bisher unbekanntes Feld eintritt oder wenn sich seine Stellung in einem Feld ändert.[103]

Aus diesem „Verhältnis […] der Konditionierung“ [104] zwischen Habitus und Feld leitet Bourdieu auch sein Verständnis sozialer Klassen ab. Indem Akteure aus einem ähnlichen sozialen Umfeld auch einen ähnlichen Habitus ausbilden – Bourdieu spricht vom Klassenhabitus –, reproduzieren sich auch die gesellschaftlichen Herrschaftsstrukturen. Auch hinsichtlich des Klassenverständnisses gelingt es ihm mithilfe seiner Modelle, nicht beim statischen (objektivistischen) Klassenbegriff à la Marx stehen zu bleiben, sondern diesen mit dem (subjektivistischen) System sozialer Schichtung von Max Weber zu verbinden, indem er dem Raum der sozialen Positionen (Volks-, Mittel- und herrschende Klasse) den Raum der Lebensstile gegenüberstellt. Bourdieu geht von einem homologen Verhältnis dieser beiden sozialen Räume aus, das dazu führt, dass einer jeweiligen sozialen Position bestimmte typische Praktiken und Objekte der symbolischen Lebensführung zugeordnet werden können[105]. Diese Vermittlung der beiden Räume bewirkt nun wiederum der Habitus. Als „inkorporiertes Schema systematischer Lebensführung“[106] ist der Habitus mit den in ihm angelegten ästhetischen Beurteilungs- und Wahlschemata dafür verantwortlich, dass auf der symbolischen Ebene kultureller Praktiken genau derjenige Lebensstil realisiert wird, der mit den gesellschaftlichen Existenzbedingungen objektiv und subjektiv vereinbar ist. Diese Abstimmung von objektiven und subjektiven Strukturen, von institutionalisierten und inkorporierten Formen führt gleichsam automatisch und wie selbst gesteuert dazu, dass die soziale Welt als selbstverständlich und fraglos hingenommen wird.

Diese konservative, heißt bewahrende Wirkung, die von „der Ordnung der Dinge“ [107] ausgeübt wird und von der herrschenden Klasse bewusst oder unbewusst zu deren ‚Standortsicherung’ betrieben wird, nennt Bourdieu nun symbolische Gewalt. Die Besonderheit dieser Art von Gewalt liegt darin begründet, dass sie „über einen sozialen Akteur unter Mittäterschaft dieses Akteurs ausgeübt wird“ [108] . Das heißt, aufgrund der Verflechtung von Habitus und Feld kommt es auf Seiten der Beherrschten zu einer Beteiligung an dem eigenen Ausschluss, ohne dass dieser von ihnen bewusst angestrebt würde. Eben jene Kräfte und Mechanismen, die die fortgesetzte Unterwerfung des Menschen betreiben und somit dessen Selbstbestimmung verhindern, versucht Bourdieu in seinen eigenen wissenschaftlichen Arbeiten zu untersuchen. Dabei erschien ihm die befreiende Kraft der Sozialwissenschaften umso größer, je mehr an Notwendigkeit sie wahrnimmt und je besser sie die Gesetzmäßigkeiten der sozialen Welt erkennt.

CASE MANAGEMENT IM SOZIAL- UND GESUNDHEITSBEREICH, ODER: ZWISCHEN VERNETZUNG UND BERATUNG

Anschließend an die nun ausführlich dargestellte Wissenschaftsauffassung und die theoretischen Modelle Pierre Bourdieus soll nun in den folgenden Kapiteln das Konzept des Case Management in seiner Entstehung, Verortung wie seiner Folgen zunächst auf der Ebene der Sozialpolitik, anschließend im Feld der Sozialpädagogik und deren Institutionen und schließlich auf der Ebene der individuellen Beratungssituation kritisch beobachtet werden. Die Trennung in Makro-, Meso- und Mikroebene wird dabei lediglich aus heuristischen Gründen eingeführt. Durch die Modelle Bourdieus, die sich – wie oben bereits erläutert – gerade durch das Aufheben der Differenz von Individuum und Gesellschaft, von Mikro- und Makroebene auszeichnen, werden diese zwar immer wieder verwischt und auf ihren konstruierten Charakter zurück verwiesen, dadurch aber keineswegs ihrer analytischen Kraft beraubt.

Um das Konzept des Case Management auf den verschiedenen Ebenen verorten zu können, soll in diesem Kapitel zunächst das Handlungskonzept im allgemeinen, seine Inhalte, Strukturen und Ziele erörtert werden. Hierzu erscheint es sinnvoll, eine erste Annäherung an ebenjenes Konzept zu erreichen, indem einige grundlegende in der Literatur aufgefundene Definitionen von Case Management gegenübergestellt und anschließend diskutiert werden. Die Auswahl der im Folgenden abgedruckten Definitionen bezieht sich dabei insbesondere auf den Anwendungsbereich im Sozialwesen. Obgleich sich die Methode des Case Management zwar auch dadurch auszeichnet, dass sie aufgrund ihres hohen Abstraktionsgrades sehr leicht auf verschiedene Arbeitsbereiche anzuwenden ist, erfährt sie doch bei der Implementierung und Fortentwicklung im spezifischen Feld diverse Nuancierungen.[109] Insbesondere der weite Bereich des Nursing Case Management, das auf die speziellen Bedürfnisse von Krankenhäusern, Alten- und Pflegeheimen zugeschnittene Konzept des Case Management, muss hier wie im Folgenden unberücksichtigt bleiben.

„Case Management ist eine professionelle Verfahrensweise, mit der personenbezogen ein Versorgungszusammenhang (continuum of care) bearbeitet wird. Er verknüpft formelle Dienste mit informeller, ‚häuslicher’ Lebensführung einer Person oder Familie in ihren sozialen und gesundheitlichen Belangen.“ (Wendt, 1997, S. 30)

„Case management is a collaborative process which assisses, plans, implements, coordinates, monitors and evaluates the options and services to meet an individual´s health needs, using communication and available resources to promote quality, cost effective outcomes.” (CCM Certification guide)[110]

„Case Management ist ein Verfahren, das einzelfallorientiertes Vorgehen mit sozialer Netzwerkarbeit verbindet. Durch das Case Management sollen den Klienten differenzierte Hilfestellungen in der richtigen Form zum richtigen Zeitpunkt zukommen.“ (Neuffer, 1998, S. 17)

„Case Management ist eine Erweiterung der Einzelfallhilfe im Bereich der sozialen Arbeit. Case Management erweitert diese um:

- die konsequente Einbeziehung der Klienten zur Erarbeitung ‚passgenauer’ Hilfen
- Zielfindung und –definition
- eine Ablauf- (Entwicklungs-)Planung
- Evaluation durch verpflichtende Leistungsdokumentation
- die planmäßige und systematische Vernetzung aller an der Problemlage Beteiligten
- die Entwicklung eines umfassenden Hilfeplans und die Steuerung des Hilfeprozesses.“ (Remmel-Fassbender 2002)[111]

„Case Management tritt als Fallmanagement und/oder Systemmanagement in Erscheinung. Mit Fallmanagement ist eine konkrete Unterstützungsarbeit zur Verbesserung der persönlichen Netzwerke gemeint. Hier geht es darum, einen hilfebedürftigen Menschen effektiv und effizient zu begleiten, den Hilfeprozess für ihn zu steuern. Systemmanagement bezieht sich auf die Nutzung, Heranziehung und Initiierung von Netzwerken. Hier geht es um ein effizientes und effektives Management der Versorgung im Gebiet der jeweiligen Zuständigkeit und darum, das System der Versorgung zu optimieren. In der Praxis des Case Management fließen die beiden Aspekte meist zusammen.“ (Löcherbach, 2002)[112]

„Ergo zeichnet sich Case Management vor allem dadurch aus, dass es entlang des (möglichst gesamten) Krankheits- oder Betreuungsverlaufs eines Patienten oder Klienten (‚over time’) und quer zu den Grenzen von Versorgungseinrichtungen und –sektoren sowie Professionen (‚across services’) agiert.“ (Ewers, 2000b, S. 55)

[...]


[1] Als Beleg für die wissenschaftliche Relevanz und Aktualität der Thematik können zahlreiche Diskursbeiträge vor allem in den Zeitschriften ‚Neue Praxis – Zeitschrift für Sozialarbeit, Sozialpädagogik und Sozialpolitik’, ‚Sozialmagazin’ und ‚Widersprüche – Zeitschrift für sozialistische Politik im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialbereich’, aber auch zahlreiche einschlägige Monographien zu diesem Thema angeführt werden. Vgl. als Auswahl: Bothmer, 2005, Buestrich/Wohlfahrt, 2005, Ewers, 2000a und 2000b, Ewers/Schaeffer, 2000, Freyberg, 2003, Hansen, 2005 und 2006, Heite, 2006, Hansen u.a., 2006, Wendt/Löcherbach, 2006, Klug, 2003, 2004 und 2005, Löcherbach, 2002, 2005 und 2006, Meinhold, 2002 und 2006, Mennemann, 2006a und 2006b, Neuffer, 2005 und 2006, Riet/Wouters, 2002, Sambale, 2005, Schneider, 2004, Trube, 2005, Wendt, 2004, 2005a und 2005b, 2006a und 2006b.

[2] Vgl. Hansen, 2005.

[3] Bourdieu, 1993b, S. 128.

[4] Vgl. als Auswahl: Audehm, 2001, Alkemeyer, 2006, Brumlik, 2006, Großmaß, 2000, Friebertshäuser, 2006, Jurt, 2003, Liebau, 2006, Nassehi, 2004b, Neumann/Honig, 2006, Papilloud, 2003, Rehbein, 2006, Rieger-Ladich, 2002a und 2002b, 2004a und 2004b, 2005, 2006, Wigger, 2006.

[5] Obgleich es in der Tradition der (Sozial-) Pädagogik üblich ist, im Rahmen der Gleichberechtigung sowohl die männliche wie die weibliche Anrede auszuschreiben und gerade Bourdieu als eine Art Gallionsfigur der ‚Gender Studies’ angesehen werden kann, wird aus Gründen des Textflusses hier wie im Folgenden nur die männliche Form ausgeschrieben werden. Die Gleichstellung von Mann und Frau wird dadurch nicht in Frage gestellt.

[6] Vgl. Hansen, 2005, 122.

[7] Vgl. Schedler/Proeller, 2003, S. 170 und Klug, 2005, S. 65

[8] Vgl. vor allem die Ansätze von Hans-Uwe Otto, Fabian Kessl oder Holger Ziegler.

[9] Vgl. vor allem die Ansätze von Barbara Friebertshäuser, Markus Rieger-Ladich oder Lothar Wigger.

[10] Ewers, 2000a, S. 47.

[11] Zur Thematik und Bewertung von Transdisziplinarität vgl. Mittelstrass, 1998, S.7: „Doch Interdisziplinarität ist nicht genug. In interdisziplinären Forschungskontexten rücken die Disziplinen lediglich auf Zeit zusammen; sie bleiben, wie sie sind, zumal es auch keine interdisziplinären Kompetenzen gibt, die disziplinäre Kompetenzen ersetzen könnten. Anders im Falle der Transdisziplinarität. Mit ihr bezeichne ich Forschung, die sich aus ihren disziplinären Grenzen löst, die ihre Probleme disziplinenunabhängig definiert und disziplinenunabhängig löst.“ Durch das Konzept der Transdisziplinarität soll allerdings auch an dieser Stelle bereits an Bourdieu angeschlossen werden, der sich ausdrücklich für ein Fächer übergreifendes Forschen aussprach: „Es gibt objektive Trennungen (die in Lehrfächer etwa), die, zu mentalen Trennungen geworden, in der Weise funktionieren, dass sie bestimmte Gedanken verunmöglichen.“ (Bourdieu, 1993c, S. 52).

[12] Zu einer grundlegenden Kritik dieses polaren (Un-) Mündigkeitsverständnisses, sowie Vorschlägen zu dessen Überwindung vgl. Rieger-Ladich, 2002a und ebd., 2002b.

[13] Dass sich diese beiden Traditionslinien nicht bis heute unvermittelt gegenüberstehen, dass zahlreiche Überwindungs- bzw. Vermittlungsversuche unternommen wurden, wird an dieser Stelle keineswegs bestritten. Die Aufspaltung dient vor allem zur Klärung der nun zu entwickelnden „neuen“ Forschungsrichtung.

[14] Rieger-Ladich, 2002, S. 268.

[15] Rieger-Ladich, 2002, S. 268f.

[16] Neben Pierre Bourdieu muss hier ausdrücklich auf das Werk Michel Foucaults hingewiesen werden, der durch seine wissenschaftliche Methode der Diskursanalyse bereits eine Überwindung von subjektiven und objektiven Deutungsmustern zu erreichen suchte. Die Traditionslinien dieses Versuchs lassen sich schließlich weiterverfolgen über den späten Ludwig Wittgenstein, Gaston Bachelard und Ernst Cassirer bis hin zu Friedrich Nietzsche.

[17] Bourdieu, 1993b, S. 49.

[18] Bourdieu, 1993b, S. 49.

[19] Dass diese Ergebnisse bis dato so wenig Anklang in der deutschsprachigen Erziehungswissenschaft gefunden haben, mag neben den angesprochenen Rezeptionssperren auch in den späten Erscheinungsjahren bzw. Übersetzungen einiger seiner wichtigsten Werke [Reflexive Anthropologie 1996, Das Elend der Welt 1997, Praktische Vernunft 1998, Vom Gebrauch der Wissenschaft 1998, Meditationen 2001, Wie die Kultur zum Bauern kommt 2001, Ein soziologischer Selbstversuch 2002, sowie zahlreichen Aufsätzen], sowie der Tatsache begründet liegen, dass Bourdieus Werke als genuin soziologische Arbeiten schlichtweg einfacher „ unter gesellschafts- oder kulturtheoretischen Vorzeichen zu lesen [..] und für diese Kontexte fruchtbar zu machen“ (Liebau, 1987, S. 52.) scheinen. Dennoch können gerade in jüngster Zeit einige erfreuliche Rezeptionsversuche und –vorschläge verzeichnet werden. Siehe hierzu vor allem: Friebertshäuser u.a., 2006 und Rieger-Ladich, 2002a, S. 285-358.

[20] Vgl für eine ausführlichere Darstellung der gegensätzlichen Erkenntnismodi im Frankreich des 20. Jahrhunderts: Krauss, 2005.

[21] Rieger-Ladich, S. 2002, S. 300.

[22] Schwingel, 2003, S. 45.

[23] Bourdieu, 1993b, S. 127.

[24] Bourdieu, 1976, S. 147.

[25] Schwingel, 2003, S. 48.

[26] Liebau, 1993, S. 253.

[27] Dass Bourdieu freilich sein Plädoyer für ein relationales Denken, für ein Denken jenseits von Dichotomien, erst aus der Gegenüberstellung dieser beiden Erkenntnisweisen entwickelt, und folglich den Dualismus, den zu bekämpfen er vorgibt, zunächst selbst aufbaut, erweist sich für einige seiner Kritiker als durchaus problematisch.

[28] Bourdieu, 1976, S. 147.

[29] Schwingel, 2003, S. 49.

[30] Wacquant, 1996, S. 28.

[31] Wacquant, 1996, S. 29. Hierbei darf der Begriff des Konstruktivismus allerdings nicht fälschlicherweise auf die Annahmen des radikalen Konstruktivismus (nach Maturana und Varela) bezogen werden. Der Begriff des Konstruktivismus ist vielmehr wörtlich zu verstehen, im Sinne des Konstruierens, da die gesellschaftlichen Strukturen – im Gegensatz zum klassischen Strukturalismus – nicht mehr statisch und den sozialen Akteuren vorgesetzt, sondern als im weitesten Sinne dynamisch vorgestellt werden. Daher ist statt von konstruktivistischem zuweilen auch von „genetischem Strukturalismus“ (Schwingel, 1993, S. 33) die Rede.

[32] Vgl. als Lösungsvorschlag dieser Art: Böhm, 1995. Inwieweit dieser Lösungsvorschlag, der die Position der Praxis mit der der Poiesis ersetzt und die Praxis im Sinne der christlichen Handlungsethik aufwertet, wirklich zu einer Weiterentwicklung des Wissenschaftsverständnisses beiträgt, bleibt allerdings fraglich. Im Bereich der allgemeinen Pädagogik geht Benner (2001) noch einen Schritt weiter auf das praxeologische Lager zu. Allerdings bleibt auch dieser noch zu stark normativ behaftet, so dass Tenorth diesen Ansatz als „kryptonormative Praxeologie“ (Tenorth, 1998) beschreibt.

[33] Pfeffer, 1985, S. 293.

[34] Bourdieu, 1976, S. 248.

[35] Bourdieu, 1976, S. 217.

[36] Schwingel, 1993, S. 50.

[37] Bourdieu, 1993a, S. 372.

[38] Bourdieu/Wacquant, 1996, S. 101.

[39] Bourdieu, 1993a, S. 370.

[40] Bourdieu/Wacquant, 1996, S. 101. An anderer Stelle spricht Bourdieu davon, dass ein bedeutender wissenschaftlicher Fortschritt darin bestünde, stellte man jeder wissenschaftlichen Abhandlung über die Sozialwelt eine Präambel mit dem Wortlaut: „alles spielt sich so ab, als ob…“ voran (vgl. Bourdieu, 1993b, S. 56.).

[41] Wenngleich nach Bohnsack auch die begriffliche Leitdifferenz von quantitativen und qualitativen Methoden zugunsten der Differenz von standardisierten und rekonstruktiven Methoden zu ersetzen sei: „Die Unterscheidung in ‚quantitative’ und ‚qualitative’ Methoden erweist sich unter diesem Gesichtspunkt als eine unzulängliche – wenngleich für die schnelle alltägliche Verständigung inzwischen unvermeidbare – begriffliche Leitdifferenz. Wenn es darum geht, die besonderen Ansprüche, Kriterien und Standards dessen zu bestimmen, was unter dem Begriff ‚qualitative’ Forschung in der Praxis geschieht, so erscheint die Leitdifferenz standardisierte/rekonstruktive Methoden weitaus geeigneter.“ (Bohnsack, 2005, S. 65)

[42] Wacquant, 1996, S. 60.

[43] Luhmann, 1990, S. 509.

[44] Vgl. Bohnsack, 2005, S. 72.

[45] In Bourdieus Worten: […] weil die Subjekte im eigentlichen Sinne nicht wissen, was sie tun, weil das, was sie tun, mehr Sinn aufweist, als sie wissen“ (Bourdieu, 1976, S. 179).

[46] Vgl. hierzu Weber, 1991 (Einleitung von Michael Sukale): „Idealtypen sind also Idealbilder der Wirklichkeit, die dadurch zustande kommen, dass einzelne konkrete, also tatsächlich vorliegende Elemente der Wirklichkeit gedanklich gesteigert werden, die zwar nicht so in der Wirklichkeit zu finden sind, aber ein als konkret gedachtes Modell von Teilen der Wirklichkeit vorstellen, mit dem die Wirklichkeit verglichen und so gemessen werden kann.“

[47] Bourdieu u.a., 1997. In diesem soziologischen Werk berichten Menschen, die sonst weder zu Wort kommen noch gehört werden, über ihr alltägliches Leben, ihre Hoffnungen und Frustrationen, Verletzungen und Leiden. In ihrer Zusammenschau ergeben diese Lebens- und Gesellschaftsbilder ein schonungsloses Röntgenbild der gegenwärtigen Gesellschaft, geprägt von zunehmendem Konkurrenzdruck, struktureller Massenarbeitslosigkeit, Sozialabbau, gesellschaftlicher Marginalisierung immer breiterer Bevölkerungsgruppen.

[48] Bourdieu u.a., 1997, S. 14.

[49] Bourdieu u.a., 1997, S. 794.

[50] Wacquant, 1996, S. 70.

[51] Allein schon durch die Transkription an sich werden so viele Nuancen des Interviews verwischt, dass Bourdieu selbst dazu schreibt: „Transkribieren heißt also immer auch schreiben im Sinne von neu schreiben.“ (Bourdieu u.a., 1997, S. 798)

[52] Bourdieu u.a., 1997, S. 14.

[53] Vgl. Rieger-Ladich, 2002a, S. 346.

[54] Als ausführliche Studie zum Verhältnis von Pierre Bourdieu und Kritischer Theorie vgl. Schwingel, 1993, insbesondere S. 168ff.

[55] Vgl. Habermas, 1969, S. 155ff.

[56] Vgl. stellvertretend für zahlreiche Aussagen: „Dabei denke ich allen Ernstes, dass die Intention der Aufdeckung gesellschaftlicher Zwänge emanzipatorisch ist.“ Bourdieu, 2005b.

[57] Bourdieu, 2001d, S. 164.

[58] Bourdieu, 2001d, S. 164.

[59] Schwingel, 1993, S. 183.

[60] Luhmann, 1990, S. 509.

[61] Wie pragmatisch Bourdieu dabei den Gebrauch seiner Begriffe einsetzt, beschreibt beispielsweise auch Wacquant: „Sein eigenes Verhältnis zu den Begriffen ist pragmatisch: Er behandelt sie als ‚Werkzeugkästen’ (Wittgenstein), die dazu da sind, ihm bei der Lösung von Problemen zu helfen.“ (Wacquant, 1996, S. 55).

[62] Weber, 1991, S. 17.

[63] Diese algerischen Schriften müssen ohnedies als Kristallisationskern der gesamten Theorie Bourdieus angesehen werden, um den sich die Theorie spiralförmig entwickelte. Vgl. Rehbein, 2006, S. 19.

[64] Bourdieu, 1992, S. 86.

[65] Bourdieu, 1976, S. 165.

[66] Bourdieu, 1976, S. 147.

[67] Rehbein, 2006, S. 90.

[68] Bourdieu, 1985a, S. 9.

[69] Krauss, 2005, S. 9.

[70] Vgl. als ausführliche Darstellung zur Genese des Habitus: Rieger-Ladich, 2002a, S. 322ff.

[71] Vgl. Wacquant, 1996, S. 41.

[72] Bourdieu, 1993b, S. 128.

[73] Bourdieu, 2000.

[74] Vgl. Bourdieu, 1993b, S. 62. Dass es Bourdieu hierbei vor allem auch darum geht, Kants Verstandeskategorien an ‚das Soziale’ bzw. ‚die Gesellschaft’ rückzubinden, kann hier nur am Rande erwähnt werden.

[75] Bourdieu vermeidet es, von Individuen oder Subjekten zu sprechen. Vielmehr werden die Individuen, indem sie die sozialen Strukturen internalisieren, zu sozialen ‚Akteuren’, deren Gedanken, Aussagen und Handlungen primär von ihrer Position im Sozialraum abhängen.

[76] Bourdieu/Wacquant, 1996, S. 161.

[77] Vgl. dazu Wacquant, 1996, S. 39: „Der Habitus ist eine Instanz zur Vermittlung von Rationalität, aber eben von einer praktischen Rationalität, die einem historischen System von sozialen Verhältnissen immanent ist und damit dem Individuum transzendent.“

[78] Schwingel, 1993, S. 67.

[79] Vgl. Schwingel, 1993, S. 67.

[80] Beispielhaft dürften die Beiträge Axel Honneths, in dessen Gespräch mit Pierre Bourdieu gelten. Abgedruckt in: Bourdieu, 1992, S. 15-49.

[81] Vgl. Bourdieu, 2000, S. 740.

[82] Bourdieu, 2005b, S. 33.

[83] Zur Verteidigung Bourdieus Theorie gegen Determinismusvorwürfe, sowie „das fehlende Positive“ in seiner Theorie vgl. Pfeffer, 1985, sowie für die jüngeren Diskussionsbeiträge: Rieger-Ladich, 2005.

[84] Wacquant, 1996, S. 40.

[85] Bourdieu, 2001d, S. 165.

[86] Nassehi, 2004a, S. 8.

[87] Bourdieu, 1985a, S. 9.

[88] Die auf den ersten Blick fraglos erscheinende Homologie zwischen Bourdieus ‚Feldtheorie’ und Luhmanns ‚Systemtheorie’ darf aber nicht über die inhaltlichen Differenzen hinwegtäuschen. Auch in dem von Armin Nassehi herausgegebenen Sammelband „Bourdieu und Luhmann – ein Theorienvergleich“ (2004), in dem die Werke der beiden Soziologen allerdings weitgehend aus systemtheoretischer Perspektive verglichen werden, bestehen die Hauptgemeinsamkeiten vorwiegend in einzelnen Aspekten der Theorieästhetik. Aufgrund der diametral entgegengesetzten Wissenschaftsauffassung führen aber doch die ähnlich wirkenden Theoriemodelle zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen.

[89] Rehbein, 2006, S. 110.

[90] Vgl. Schwingel, 1993, S. 61.

[91] Vgl. Kneer, 2004, S. 40.

[92] Siehe Bourdieu, 2001a, 1999 und 2000a.

[93] Bourdieu, 1993c, S. 107.

[94] Bourdieu/Wacquant, 1996, S. 127. Erinnert sei noch einmal daran, dass sich Begriffe wie Habitus, Feld und Kapital zwar durchaus definieren lassen, „aber eben nur innerhalb des theoretischen Systems, das sie bilden, und niemals für sich allein“ (Bourdieu/Wacquant, 1996, S. 125). Sie gewinnen ihre analytische Kraft nicht durch möglichste Widerspruchsfreiheit und Passung innerhalb der Theorie, sondern müssen sich jeweils in der Praxis (Empirie) bestätigen.

[95] Vgl. Bourdieu, 1983. Zu einer ausführlichen Darstellung von Bourdieus Kapitaltheorie siehe das Kapitel zur Mikro-Ebene: Case Management als Beratungsansatz, oder: zur Logik der Inventur.

[96] Bourdieu, 1983, S. 184.

[97] Bourdieu, 2005b, S. 38.

[98] Schwingel, 2003, S. 82.

[99] Bourdieu, 1993c, S. 108. Vgl. zum Verhältnis von Feld und Kapital auch Bourdieu, 1985a, S. 27.

[100] Auf die Frage, wo sich die Grenzen der sozialen Felder befinden, bietet Bourdieu nach Kneer zwei Varianten an: einmal befinden sich die Grenzen dort, wo die Feldeffekte aufhören, ein anderes Mal werden die Grenzen in fortgesetzten Definitionskämpfen ständig neu festgelegt.

[101] Vgl. Nassehi, 2004b, S. 183 und Rehbein, 2006, S. 110.

[102] Zum Verhältnis von Feld und Habitus vgl. ausführlicher: Bourdieu/Wacquant, 1996, S. 160.

[103] Vgl. Audehm, 2001, S. 107.

[104] Bourdieu/Wacquant, 1996, S. 160.

[105] Diese Zuordnung darf wiederum nicht determistisch missverstanden werden. Bourdieu geht bei seinen Modellen vielmehr mit Bachelard von einer ‚Kausalität des Wahrscheinlichen’ aus.

[106] Schwingel, 2003, S. 114.

[107] Bourdieu/Wacquant, 1996, S. 205.

[108] Bourdieu/Wacquant, 1996, S. 204.

[109] Vgl. Sambale, 2005, S. 85: „Das Konzept selbst bleibt von der Spezifik der Felder, in denen es eingesetzt wird, unberührt und verhält sich neutral zu seinen Anwendungen. Gleichwohl haben sich Case Management Konzepte, je nach Einsatzgebiet differenziert entwickelt“.

[110] Zitiert nach Wendt 1999, S. 50.

[111] Zitiert nach FG-CM-DGS, 2005.

[112] Zitiert nach FG-CM-DGS, 2005.

Details

Seiten
142
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783842828186
Dateigröße
932 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v229126
Institution / Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg – Philosophische Fakultät III, Institut für Pädagogik
Note
1,0
Schlagworte
case management pierre bourdieu kritik sozialpädagogik soziales kapital

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Titel: Case Management und managerielle Vernunft: Kritische Beobachtungen im sozialpädagogischen Feld