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Institutionen und Vertrauen

Verhaltensauswirkungen im interkulturellen Kontext

Diplomarbeit 2006 97 Seiten

Soziologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffliche Abgrenzung
2.1 Institutionen
2.1.1 Der kulturalistische Ansatz
2.1.2 Der individualistische Ansatz
2.1.3 Institutionen als eigenständige Einheiten
2.1.4 Der institutionelle Organisationenbegriff
2.2 Vertrauen
2.2.1 Begriff und Bedeutung
2.2.1.1 Vertrauen und Risiko
2.2.1.2 Vertrauen, Vertrautheit und Zutrauen
2.2.1.3 Vertrauen und Abhängigkeit
2.2.1.4 Vertrauen und Reziprozität
2.2.1.5 Vertrauen und Misstrauen
2.2.2 Personales und systemisches Vertrauen
2.2.2.1 Determinanten interpersonalen Vertrauens
2.2.2.2 Bestimmung systemischen Vertrauens
2.2.2.3 Typen personalen und systemischen Vertrauens

3 Theoretisrwache Ansätze
3.1 Institutionen und ihre Funktion aus ökonomischer und psychologischer Sicht
3.1.1 Neue Institutionenökonomie
3.1.1.1 Der Transaktionskostenansatz
3.1.1.2 Der Property-Rights-Ansatz
3.1.1.3 Die Prinzipal-Agent-Theorie (Agenturtheorie)
3.1.2 Der gestaltpsychologische Ansatz
3.1.3 Institutionen und Verhalten
3.2 Vertrauen aus ökonomischer und psychologischer Sicht
3.2.1 Vertrauen aus Sicht der Ökonomie
3.2.2 Die Psychoanalytische Tradition
3.2.3 Vertrauen in der sozialen Lerntheorie
3.2.4 Zielertungstheorie

4 Vertrauensbildung
4.1 Vertrauensentwicklung nach Petermann (1996)
4.2 Vertrauensbildung durch faire Entscheidungsverfahren in Organisationen
4.3 Vertrauensbildung im interkulturellen Kontext
4.3.1 Modell der Verhaltensannahmen der Vertrauens- entwicklung von Doney, Cannon und Mullen (1998)
4.3.2 Das integrative Modell der Vertrauensbildung von Huff und Kelley (1999)

5 Vertrauen und Institutionen im interkulturellen Kontext
5.1 Methode: Design und konzeptuelle Rahmenbedingungen des Laborexperimentes von Bohnet und Baytelman (2005)
5.1.1 Design des Vertrauensexperimentes
5.1.2 Konzeptuelle Rahmenbedingungen
5.2 Darstellung und Interpretation der Ergebnisse
5.3 Diskussion der Ergebnisse

6 Zusammenfassung und Ausblick

Anhang
Anhang A

Versuchsanleitung

Anhang B

Tabelle B.1
Tabelle B.2
Tabelle B.3
Tabelle B.4
Tabelle B.5

Literaturverzeichnis

Eidesstattliche Versicherung

Abstract

Institutions and trust – both aspects reduce the complexity of human interactions, but only institutional settings are a central element in economic theory. In traditional economics individuals are supposed to be rational and have fixed, outcome-based preferences. Economists expect institutions to motivate, coordinate and select people. New developments in behavioural economics, stimulated by cognitive and social psychology, suggest that institutional settings have (at least) tree other main functions – they provide information on the process leading to certain outcomes, they allow people to make attributions about other’s motivation and they have an effect on preferences. If the economic assumption of fixed preference is relaxed, institutions may alter behaviour not only by creating incentives to motivate but also by influencing preferences. Psychologists have long pointed out that external interventions may affect a person’s intrinsic motivation to perform a certain task. This paper examines how institutional settings affect trust behaviour in economic contexts in view of the fact that if institutions crowd out intrinsically motivated trust and trustworthy behaviour, this may erode an important component of what has been identified as the foundation of social interaction. In some recent empirical studies trust has been found to have positive effects on economic as well as organizational performance and is associated with economic growth and stable democracy.

This paper discusses important theories of institutions and trust in both disciplines: economy and psychology. It analyses how trust is built in a personal and organisational perspective and also focuses how trust development varies with respect to different intercultural backgrounds. It tries to explain why in individualistic societies trust generally is easier to establish as in collectivistic societies. This thesis ends with a description of an experiment that examines the effects of various institutional settings on trust and trustworthiness behaviour. The aim is to show, how the assumption of institutions influencing trustworthy behaviour can be verified. It suggests to carefully reviewing the institutional environments with respect to reduce the deterioration of intrinsic motivated trust in companies.

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildungen

Abbildung 1: Vertrauensdefinitionen nach Petermann (1996, S. 15)

Abbildung 2: Die Genese einer sozialen Norm zum Schutz des öffentlichen Gutes Vertrauensatmosphäre (Ripperger, 1998, S. 184)

Abbildung 3: Einfühlungsvermögen als Voraussetzung vertrauensvollen Verhaltens (Petermann, 1996, S. 110)

Abbildung 4: Verknüpfung von Selbstwirksamkeit und Vertrauen (Petermann, 1996, S. 112)

Abbildung 5: Drei-Phasen-Modelle (Vertrauensaufbau und Vertrauensverlust; nach Petermann, 1996, S. 117 und 121)

Abbildung 6: Modell der Bedingungen und Wirkungen von Vertrauen nach Thomas (2004, S. 19) und Huff und Kelly (1999)

Tabellen

Tabelle 1: Merkmale wahrgenommener Verfahrensfairness

Tabelle 2: Fairness-Regeln nach Sheppard & Lewicki (1987)

Tabelle 3: Hofstedes Kulturdimensionen und Vertrauensbildungprozesse in Anlehnung an Doney et al. (1998, S. 609)

1 Einleitung

„Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“

(W. I. Uljanow, bekannt als Lenin)

Das oben genannte Zitat ist sehr populär, wenn institutionelle Regelungen, die das Verhalten von Menschen steuern, gerechtfertigt werden sollen. Hält es aber auch einer wissenschaftlichen Analyse stand? Die vorliegende Arbeit widmet sich dieser Frage und untersucht, welche Wirkungen bestimmte Institutionen auf vertrauensvolles Verhalten haben. Es soll analysiert werden, wie dieser institutionelle Einfluss gegebenenfalls auch die Überzeugungen und Präferenzen von Menschen ändert, die Vertrauen motivieren. Dabei wird Vertrauen als ein zentrales Organisationsprinzip zwischenmenschlicher Interaktionen angesehen.

Die Arbeit bezieht sich insbesondere auf Kontexte, die in der Ökonomie von großer Bedeutung sind und unterzieht die ökonomische Sichtweise menschlichen Verhaltens mit Hilfe psychologischer Erkenntnisse einer kritischen Betrachtung. In diesem Zusammenhang wird Bezug genommen auf die in der Institutionenökonomie getroffenen Modell-Annahmen über menschliche Verhaltensweisen, die auf Rationalität und Eigennutz basieren. Institutionen sind ein zentrales Element der ökonomischen Theorie, sie bestimmen die „Spielregeln“, indem sie Anreize setzen, das Verhalten der Akteure koordinieren und selektieren. Mit Hilfe der Sozialpsychologie können diese stark vereinfachten Annahmen präzisiert werden. Neue Entwicklungen in der Verhaltensökonomie, die auf Erkenntnissen der Kognitiven – und der Sozialpsychologie beruhen, weisen daraufhin, dass Institutionen noch weitere Funktionen haben – sie gewähren Informationen über ergebnisrelevante Abläufe, ermöglichen Attributionsprozesse und beeinflussen die Präferenzen der Beteiligten.

Für die Analyse der o. g. Fragestellung soll u. a. auf die Ergebnisse verschiedener von Verhaltensökonomen durchgeführten, interkulturellen Experimente zurückgegriffen werden. Diese zeigen z. B. auf, dass sehr strikte institutionelle Beschränkungen (Kontrolle!), insbesondere der Einsatz von materiellen Strafmaßnahmen, intrinsisch motiviertes Vertrauen verdrängen. In Anbetracht des aufgefundenen Zusammenhangs zwischen dem intrinsisch motivierten Vertrauen der Individuen einer Gesellschaft, ihrem ökonomischen Wohlfahrtsniveau und der Existenz von Demokratie, scheint diese Untersuchung von besonderer Aktualität.

Die Arbeit ist wie folgt aufgebaut: In Kapitel 2 werden Institutionen und Vertrauen in Bezug auf die Fragestellung begrifflich abgegrenzt. Die Bestimmung des Vertrauensphänomens erfolgt umfangreicher über die Darstellung verschiedener Sichtweisen, da eine eindeutige Definition nur schwer möglich ist bzw. nur annähernd über eine Abgrenzung zu verwandten Konstrukten erfolgen kann. Eine Differenzierung zwischen personalem und systemischen Vertrauen sowie eine Darstellung verschiedener Vertrauenstypen wird ebenfalls in Kapitel 2 vorgenommen.

In Kapitel 3 werden, sowohl zu den Institutionen und ihren Aufgaben, als auch zur Sicht des Vertrauens aus ökonomischer und psychologischer Perspektive, einzelne theoretische Ansätze vorgestellt.

Die Vertrauensbildung steht im Mittelpunkt des 4. Kapitels, in dem zunächst ein subjektbezogenes Modell der Vertrauensbildung vorgestellt wird, um im Anschluss daran einen Aspekt der Vertrauensbildung in Organisationen zu fokussieren, der für die Vertrauensbildung maßgeblich ist: die Verfahrensgerechtigkeit. In der zweiten Hälfte des 4. Kapitels werden zwei Modelle dargestellt, die z. T. die theoretischen Ansätze integrieren und auf schlüssige Art und Weise die Entstehung von Vertrauen in verschiedenen Kulturen zu erklären versuchen.

Das darauf folgende Kapitel 5 stellt exemplarisch ein vertrauensökonomisches Laborexperiment vor, das eine Beurteilung der theoretischen Ansätze ermöglicht und eine differenzierte Antwort auf die o. g. Fragestellung liefert.

In Kapitel 6 werden die Ergebnisse der Arbeit zusammengefasst.

2 Begriffliche Abgrenzung

2.1 Institutionen

Der Institutionenbegriff wird auf eine Vielzahl von unterschiedlichen Phänomenen angewandt. So werden die Ehe, die Familie, Organisationen, Märkte, die Kirche oder Sitten als Institutionen bezeichnet.

Im Allgemeinen werden Institutionen näher bestimmt als „Normenbündel“ oder „Regelsysteme“, die sozial anerkannt sind und eine gewisse Stabilität aufweisen (vgl. Bea & Göbel, 1999, S. 5).

In der Ökonomik dient der Institutionenbegriff zur Beschreibung sowohl kooperativer Gebilde als auch normativer Regeln und Verhaltensmuster (Ripperger, 1998, S. 23-24). Die Psychologie nutzt den Institutionenbegriff als Bezeichnung für Einrichtungen und die relativ fest gefügten Vorstellungen über deren Art und Funktion. Institutionen werden als Bezugssystem des sozialen Verhaltens verstanden, dem sie Normen und Stabilität verleihen. Ihnen wird auch die Funktion des Fundamentes für bestimmbare Kulturen beigemessen, wobei Beziehungen zu Institutionen den Vorgang der Sozialisation voraussetzen (Fröhlich, 1993, S. 220).

Wie aber entstehen Institutionen? Weibler (2001, S. 43) betont die verschiedenen Funktionen bzw. Problemlösungsbeiträge, die eine Gesellschaft sicherstellen muss, um überlebensfähig zu bleiben und konstatiert, „um diese Funktionen zu erfüllen, müssen Strukturen herausgebildet werden, die eine sachliche, zeitliche und räumliche Verzahnung der zu erbringenden Leistungen garantieren.“ Gehlen (1961) zeigt auf, dass Menschen im gegenseitigen Umgang geregelte Verhaltensmuster herausbilden und dass diese Handlungsstränge sich über die Zeit verfestigen. Irgendwann werden sie als so selbstverständlich wahrgenommen, dass auch diejenigen, die anfänglich nicht an diesem Austausch beteiligt waren, sie als etwas Vorgegebenes hinnehmen und akzeptieren. Resultat dieses Prozesses sind Institutionen wie die Ehe, die Familie, Organisationen und Märkte etc., deren Bedeutung im Rahmen der Sozialisation vermittelt wird. In sehr homogenen Gesellschaften, so Weibler (2001, S. 44) bestehen nur geringe Interpretationsunterschiede im Bezug auf die Ausformung und Bedeutung der Institutionen. Dieser Interpretationsspielraum ist in heterogenen Gesellschaften höher, und zwar umso mehr, je geringer diese Institution formal gefasst ist. Auf diese Zusammenhänge soll detailliert in Kapitel 5 Vertrauen und Institutionen im interkulturellen Kontext eingegangen werden.

Betrachtet man Institutionen als stabile, gegenseitige Verhaltenserwartungen, ist dies solange unproblematisch, wie Individuen Vereinbarungen nachkommen, die sie aus eigenem Antrieb einhalten. Verfolgen sie hingegen strategische Interessen und unterwerfen sich nicht den gegebenen Regeln, wirft dieses Institutionenverständnis Probleme auf, da nicht hinreichend genau thematisiert wird, wie individuelle Verhaltensweisen selbst Institutionen begründen (Kubon-Gilke, 1997, S. 29). In den nun folgenden Abschnitten soll kurz auf die unterschiedlichen Sichtweisen von Institutionen eingegangen werden, um das Institutionenverständnis dieser Arbeit begründend ableiten zu können.

2.1.1 Der kulturalistische Ansatz

Vertreter der kulturalistischen Perspektive sehen Institutionen häufig als kollektive Handlungseinheiten. Asch (1987, S. 15-16) formuliert, dass die Gesellschaft als Ganzes die primäre Realität darstellt und die Individuen in ihren Werten, Einstellungen und Zielen formt. Die Unterschiede zwischen den Individuen können demnach nur über die Betrachtung der jeweiligen gesellschaftlichen Bedingungen erschlossen werden.

Durkheim (1938; zitiert nach Kubon-Gilke, 1997, S. 29), der einen kulturalistischen Ansatz vertritt, sieht soziale Regelsysteme durch autonome Kräfte und Prinzipien generiert, die auf der Ebene des Individuums weder biologisch (siehe auch Asch, 1987) noch psychologisch erklärt werden können. „Durkheim sieht die Entstehung von Institutionen nur im außeralltäglichen, kollektiven, expressiven Handeln.“ (Joas, 1992, S. 96)

Dieser Darstellung kultureller Phänomene, als Ausdruck unabhängiger kollektiver Kräfte, die nicht zu den Einzelentscheidungen der Individuen in Beziehung stehen, wird in der vorliegenden Arbeit nicht gefolgt.

Hier wird die Ansicht vertreten, dass sich kollektive Regelsysteme gerade nicht autonom konstituieren, sondern durch die Interaktionen mit dem individuellen Verhalten der Akteure. Diese Annahme soll in den nun folgenden Ausführungen verdeutlichen werden.

2.1.2 Der individualistische Ansatz

Sowohl der individualistische als auch der kulturalistische Ansatz vertreten die Ansicht, dass Institutionen als Regelsysteme bzw. Restriktionen verstanden werden können, die individuelles Verhalten kanalisieren, um die Funktionsfähigkeit einer Gesellschaft sicherzustellen. Die Entstehung und die Stabilisierung von Regeln werden aus individualistischer und kulturalistischer Perspektive aber unterschiedlich bewertet.

Aus individualistischer Sicht formen sich Institutionen als Resultate individuellen Verhaltens. Eine Position, die auch von der Neuen Institutionenökonomie vertreten wird. So verweisen Furubotn und Richter (1991) in ihrer Übersicht zu dieser Forschungsrichtung auf deren individualistische Grundhaltung:

The central idea is that ‚society’, ‚the state’, ‚the people’, ‚the firm’ or ‚parties’ are not to be understood as collective entities that behave as though they were individual actors. The organization or collectivity per se is no longer the main focus. Rather, the theory of such social units must start with and base its explanations on the positions and actions of their individual members. (Furubotn & Richter, 1991, S. 4).

Dieser Interpretation folgend, werden kulturelle Entitäten und Phänomene als Ergebnis der Interaktionen aller beteiligten Individuen gesehen. Das Wesen einer Institution wird von den Vertretern des individualistischen Ansatzes häufig als Geflecht von impliziten und expliziten Verträgen interpretiert, fraglich ist nur, ob sich Institutionen allein darauf reduzieren lassen. Kubon-Gilke (1997, S. 27) stellt fest, dass „unabhängig von der konkreten Institutionendefinition … in der strengen individualistischen Sicht häufig implizit vorausgesetzt [wird], dass die Vorlieben und Präferenzen der Individuen exogen gegeben sind und Institutionen die Präferenzen nicht tangieren.“

Die für die Analyse wichtiger institutioneller Fragen entscheidende Wechselseitigkeit zwischen individuellem Verhalten und sozialem Regelsystem wird somit durch die Annahmen des individualistischen Ansatzes nicht ausreichend erfasst. In dieser Arbeit wird davon ausgegangen, dass Institutionen Verhaltenswirkungen haben, die nicht ausschließlich auf ein bestehendes System von Normen und Regeln, bei exogen angenommenen Präferenzen der Individuen, zurückgeführt werden können.

Unter Präferenzen sollen die Gründe für individuelles Verhalten verstanden werden, also die Eigenschaften eines Menschen, die gemeinsam mit seinem Glauben und seinen Fähigkeiten für die Handlungen in einer gegebenen Situation ursächlich sind (vgl. Bowles, 1998, S. 78).

Von Handlungen wird oft als intentionalem, zielgerichtetem sowie sinnhaftem Verhalten gesprochen. „Handeln“ betont in erster Linie die Besonderheiten menschlichen Verhaltens in Abgrenzung zum tierischen Verhalten. Im Rahmen dieser Arbeit soll menschliches Verhalten nicht lediglich im behavioristischen Sinne als Reaktion auf soziale Stimuli verstanden werden, sondern auch als aktive Einflussnahme des Individuums auf seine äußere Umwelt (vgl. Weibler, 2001, S.41-42). Handeln und Verhalten werden daher in dieser Arbeit, auch aus Gründen der Vereinfachung, synonym verwendet.

Aus dem o. g. Grunde soll das Institutionenverständnis des individualistischen Ansatzes um die Annahmen des folgenden Abschnitts ergänzt werden, die für die weitere Argumentation wesentlich sind.

2.1.3 Institutionen als eigenständige Einheiten

Im Rahmen dieser Arbeit, soll mit Kubon-Gilke (1997, S. 31) ein Institutionenverständnis präferiert werden, das „ weder individuelle Präferenzen noch das kulturelle Gefüge als exogen [ansieht]“. Es soll betont werden, dass menschliches Denken, Handeln und Fühlen durch Emotionen, Motivationen und Handlungen der Individuen hervorgerufen werden, die auf Wahrnehmungen, Kategorisierungen und Interpretationen beruhen. So werden auch soziale und kulturelle Erscheinungen auf diese Weise erschlossen und „bekommen durch die zugrunde liegenden Gesetzmäßigkeiten der Wahrnehmung und ihre unmittelbaren emotionalen und motivationalen Konsequenzen eine gewisse Eigenständigkeit“ (Kubon-Gilke, 1997, S. 454).

Schlicht (1990) konstatiert diesbezüglich:

Diese jeweils subjektiv empfundene Eigenständigkeit begründet zunächst noch keine objektive Eigenständigkeit der Institutionen. Jedoch gehen Menschen bei ihrem Handeln von diesen Interpretationen aus. Sie messen Gruppen, Familien, Unternehmungen, staatlichen Institutionen, aber auch Sitten und Gebräuchen eine eigenständige Existenz bei und sehen in diesen Begriffen nicht bloß Kürzel für eine Vielzahl individueller Aktivitäten. Weil sie aber kulturelle Gegebenheiten in dieser Weise auffassen und ihr Handeln darauf aufbauen, gewinnen diese Interpretationen selbst reale Bedeutung. Die Auffassung der Menschen von der sozialen und kulturellen Realität wird Teil dieser Realität, weil die das reale Handeln der Menschen leitet. (Schlicht,1990, S. 117).

Die angeführten Zusammenhänge verleihen Institutionen somit eine quasi-objektive Eigenständigkeit; sie basieren auf Verhaltensbindungen und entfalten selbst verhaltensbindende Kräfte, die in den emotionalen und motivationalen Begleiterscheinungen der Wahrnehmung begründet sind. Die Gestaltgesetze der Wahrnehmung sind über Kulturen hinweg gültig und stellen die Basis für diese quasi Überlegungen dar. Die Gestaltpsychologie beschreibt eine Reihe von Gesetzmäßigkeiten der menschlichen Wahrnehmung. So konnte die von Aristoteles formulierte und von den Gestaltpsychologen als ein Hauptsatz ihrer Lehre übernommene These: „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“, auch „Übersummativitätskriterium“ genannt (Sprung & Sprung, 1993, S. 82), durch phänomenologische Analysen und Demonstrationen belegt werden. Wahrnehmungsinhalte besitzen demnach Eigenschaften, die nicht als Summe der Wahrnehmung physischer Einzelmerkmale aufgefasst werden können. Der Grundsatz, dass zusätzlich zur psychischen Analyse auch immer nach den organismischen Grundlagen des Psychischen zu fragen sei (Isomorphieprinzip), ist auch ein Resultat der gestaltpsychologischen Forschung (vgl. Sprung & Sprung, 1993, S. 82). Auf die gestaltpsychologischen Erkenntnisse wird in Abschnitt 3.1.2 Der gestaltpsychologische Ansatz genauer eingegangen.

Kubon-Gilke (1997, S. 32) postuliert: „in dieser weder strikt individualistischen noch kulturalistisch geprägten Sicht können Institutionen – grob gesprochen – als über Gestaltzusammenhänge verselbstständigte Interaktionssysteme gesehen werden.“ Sie bezieht sich hierbei insbesondere auf die Verhaltenswirkungen, die die Kategorisierungs- und Generalisierungsphänomene der Gestaltzusammenhänge entfalten, und sieht die Entstehung, Stabilisierung und Veränderung von Institutionen im Zusammenwirken von Gestalt und Wettbewerb begründet. Diese Zusammenhänge werden in Kapitel 3.1.2 eingehender thematisiert.

2.1.4 Der institutionelle Organisationenbegriff

Organisationen sind ein charakteristisches Merkmal moderner Gesellschaften. Sie erfüllen vielfältige und höchst facettenreiche Aufgaben, die ein einzelnes Individuum klar überfordern würden und können dabei sowohl als Einrichtung als auch im Sinne eines Ordnungsschaffens verstanden werden. Eine begriffliche Fassung ist daher immer abhängig vom jeweiligen Kontext bzw. der eingenommenen Perspektive auf die Organisation (Kieser, 2001; Schreyögg, 1996).

Unter Organisation im institutionellen Sinne soll hier in Anlehnung an Bea und Göbel (1999, S. 5-6) eine bestimmte Art von Institution verstanden werden, die folgende Merkmale aufweist:

1. Zu einer Organisation gehören die daran beteiligten Personen („player“) und ihre Spielregeln („rules“). Nach North (1992, S. 5) begründen bereits diese Spielregeln eine Institution.
2. Um alle Beteiligten der Organisation identifizieren zu können, braucht die Organisation beständige Grenzen. Eine Organisation kann nur bestehen, wenn es ihr gelingt, die Grenzen zur Umwelt aufrecht zu erhalten und so die organisatorische Innenwelt von der Außenwelt zu unterscheiden (vgl. Schreyögg, 1996, S. 10).
3. Organisationen sind auf spezifische Zwecke hin ausgerichtet, die in einer konsistenten Ordnung zueinander stehen müssen und sich zumeist nur partiell mit den Zielen der Organisationsmitglieder decken (siehe Schreyögg, 1996, S. 9). Denn oft gehören die Individuen mehreren Organisationen gleichzeitig an und müssen in jeder bestimmte Regeln einhalten (Kieser, 2001, S. 295).
4. Eine Organisation wird „vorsätzlich“ geschaffen, wohingegen das Gros der anderen Institutionen mit der Zeit von selbst entstanden ist (North, 1992, S. 4-5).

Neben dem institutionellen Verständnis der Organisation als Ganzes, soll zudem ihr Charakter als Medium der Verhaltensbeeinflussung hervorgehoben werden, das die koordinierende Steuerung menschlichen Verhaltens zum Ziel hat. Die Organisation als Verhaltenssteuerungsmedium ist in vielen Bereichen präsent, der bedeutendste ist wohl aber der ökonomische Kontext, der zur Realisierung von Nutzenpotentialen auf besonders effektive Steuerungsmedien angewiesen ist. Aus diesem Grunde bedienen sich insbesondere Unternehmen des Mediums Organisation zur Koordination des Verhaltens ihrer Mitarbeiter (z. B. Kieser, 2001; Hatch, 1997; Türk, 1997).

Der nun folgende Überblick und die begriffliche Abgrenzung des Vertrauensphänomens werden über die Darstellung verschiedener Sichtweisen von Vertrauen realisiert, da eine eindeutige Definition nur schwer möglich ist. Eine Differenzierung zwischen personalem und systemischen Vertrauen sowie eine Begriffsbestimmung verschiedener Vertrauenstypen wird ebenfalls im folgenden Abschnitt vorgenommen.

2.2 Vertrauen

In sozialen Interaktionen ist der Umgang bzw. das Verhalten der Akteure von zentraler Bedeutung. Diese können grundsätzlich kooperativ oder un­kooperativ miteinander umgehen. Welche der beiden Optionen in der sozi­alen Interaktion gewählt wird, hängt entscheidend davon ab, ob Individuen vertrauen oder misstrauen. Hobbes (1960), der ein sehr pessimistisches Menschbild vertrat, gab diesbezüglich zu bedenken: „If a covenant be made wherein neither of the parties perform presently, but trust one another … he that perfor­meth first has no assurance the other will perform after… (Hobbes, 1960, S. 89-90).

Gehen die Akteure aber dieses Risiko ein und schenken anderen Ver­trauen, so kann bedeutend zum Wohlergehen der Gemeinschaft beigetra­gen werden. Thomas (2004, S. 1) stellt fest, dass ohne ein gewisses Maß an Vertrauen das zwischenmenschliche Zusammenleben überhaupt nicht denkbar ist, und dass zwischenmenschliches Vertrauen in hohem Maße Lebensqualität bedeutet. Trotz der Schwierigkeiten die eine eindeutige Be­stimmung des komplexen Phänomens Vertrauen mit sich bringt, besteht allgemeiner Konsens über die Vorteile des Vertrauens. Die verschiedenen Vorzüge des Vertrauens im Rahmen zwischenmenschlicher Aktionen sollen in den nächsten Abschnitten genauer thematisiert werden.

Um einen allgemeinen Überblick zur Vertrauensthematik zu erhalten, soll zunächst in 2.2.1 auf den Begriff und die Bedeutung von Vertrauen eingegangen und zugleich eine Abgrenzung zu verwandten Phänomenen vorgenommen werden. In Abschnitt 2.2.2 wird dann zwischen interpersonalem und systemischen Vertrauen unterschieden und eine Bestimmung der verschiedenen Vertrauenstypen für beide Bereiche präsentiert.

2.2.1 Begriff und Bedeutung

Die etymologische Ableitung des Begriffs Vertrauen erfolgt aus der Wort­gruppe: Glauben, Hoffen, Zutrauen – gut werden, zugleich treu sein und etwas wagen (vgl. Thomas, 2004, S. 4). Das Wort „vertrauen“ ist seit dem 16. Jahrhundert bekannt (althochdeutsch „fertruen“, mittelhochdeutsch „vertruwen“ = „fest werden“) und geht auf das gotische „trauan“ zurück. (vgl. Drosdowski, 2001). Das Wort charakte­risiert ein Phänomen, welches in unsicheren und risikohaften Situationen auftritt, gleichzeitig aber auch ein positives, motivierendes Moment hat.

Einer der Reize des Vertrauensbegriffs besteht darin, dass er nicht nur in Alltagsdiskursen vorkommt, sondern auch in politischen und sozialwissenschaftlichen Diskursen thematisiert wird. Die Vertrauensforschung ist interdisziplinär, sehr unterschiedliche Wissenschaften beschäftigen sich mit diesem Phänomen.[1] Vertrauensforschung wird sowohl von Psychologen (z. B. Rotter, 1967; Bierhoff, 2000; Petermann, 1996; Thomas, 2004) als auch von Soziologen (z. B. Luhmann, 1989; Gambetta, 2001) und Ökonomen (z. B. Ripperger, 1998; Williamson 1985; Fitz 2004) bzw. Verhaltensökonomen (z. B. Bohnet, 2005) betrieben. Aber auch Politologen (z. B Hardin, 2002), Pädagogen, Philosophen u. a. Wissenschaften betreiben Vertrauensforschung.

Leider wird der Vertrauensbegriff innerhalb der Sozialwissenschaften un­terschiedlich definiert. Einerseits wird Vertrauen im Sinne einer verhaltens­prägenden Variable anderen Personen oder Personengruppen gegenüber gebraucht. Andererseits erfolgt eine Ausweitung seiner Bedeutung auf, im Vergleich zum zuvor genannten Aspekt, ganz unterschiedliche Gebiete wie z. B. das Vertrauen in Ideen, auf gutes Wetter, ganze politische Systeme oder die konjunkturelle Lage. Dieser Umstand erschwert seine eindeutige Abgrenzung (vgl. Petermann, 1996, S. 11). Man könnte annehmen, dass die Psychologie, die sich insbesondere mit den seelischen Grundlagen, Verlaufsprozessen und Wirkungen menschlichen Verhaltens und Erlebens beschäftigt, dem Thema Vertrauen besonders viel Aufmerksamkeit schenkt. Schweer (1997) und Thomas (2004) bedauern, dass dies nicht der Fall ist, obwohl ein wachsendes Interesse wahrgenommen wird. Beide verweisen auf die Tatsache, dass selbst innerhalb der Sozialpsychologie erst bei den in der letzten Dekade neu aufgelegten Lehrbüchern, Kapitel zum Thema Ver­trauen zu finden sind (z. B. Bierhoff, 1998; Brown & Gaertner, 2003). Auch Luhmann (1989, S. 23-24, Fn. 1) be­klagte bereits, „dass in der Psychologie … ein sehr viel weiterer und unbe­stimmterer Vertrauensbegriff vertreten [wird], dessen Operationalisierung noch nicht recht gelungen ist.“ Nichtsdestotrotz geht die umfangreichste Zusammenstellung von Vertrauensdefinitionen aus wissenschaftlicher Per­spektive auf einen Psychologen zurück. Petermann (1996, S. 15) fasst die wichtigsten Aussagen zu diesem Thema wie folgt zusammen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Vertrauensdefinitionen nach Petermann (1996, S. 15)

Mit Schweer (1997, S. 13) und Weibler (2001, S. 190) lässt sich zusammenfassend sagen, dass viele Vertrauensde­finitionen ausdrücklich oder implizit als wesentliche Merkmale von Vertrauen, die Zu­kunftsgerichtetheit, die Unsicherheit/das Risiko, die Verwundbarkeit des po­tentiell Vertrauenden, eine erwartete positive Absicht und Kooperationsbe­reitschaft der Zielperson des Vertrauens sowie die beidseitige Freiwilligkeit des Vertrauenschenkens benennen. Es sollen nun kurz einige der Merkmale verdeutlicht bzw. eine Abgrenzung zu verwandten Konstrukten vorgenommen werden.

2.2.1.1 Vertrauen und Risiko

Von Vertrauen wird nur dann gesprochen, wenn das Risiko besteht bzw. die Möglichkeit, dass das Vertrauen „enttäuscht“ oder „gebrochen“ werden kann. Besteht diese Gefahr nicht, dann „verlassen“ wir uns auf jemandem oder haben „blindes Vertrauen“. Hier weicht der umgangssprachliche Gebrauch von der wissenschaftlichen Bestimmung ab, denn „blindes Ver­trauen“ bedeutet, dass etwas mit Sicherheit angenommen wird, wodurch wie­derum jegliches Risiko ausgeschlossen wird und dann kein Vertrauen im genannten Sinne vorliegt (Weibler, 2001, S. 190; Schweer & Thies, 2003, S. 13).

2.2.1.2 Vertrauen, Vertrautheit und Zutrauen

Vertrauen ist auch nicht identisch mit „Zutrauen“. Letzteres entsteht durch Gewöhnung (z. B. die Angewohnheit vieler Bewohner kleinerer Orte, ihre PKW oder Häuser nicht abzuschließen).

Die wiederholte Erfahrung wiederum, dass geschenktes Vertrauen von der Zielperson des Vertrauenden nicht missbraucht wird, führt zu Vertrautheit. Luhmann (1989), der die funktionale Einbettung des Vertrauens herausgearbeitet hat, äußert sich hierzu wie folgt:

Vertrautheit ist Voraussetzung für Vertrauen wie für Misstrauen, dass heißt für jede Art des Sichengagierens in eine bestimmte Einstellung zur Zukunft. …. Man kann nicht ohne Anhaltspunkt und ohne Vorerfahrung Vertrauen schenken. Aber Vertrauen ist keine Folgerung der Vergangenheit, sondern es überzieht die Informationen, die es aus der Vergangenheit besitzt und riskiert eine Bestimmung der Zukunft. Im Akt des Vertrauens wird die Komplexität der zukünftigen Welt reduziert. [Hervorhebung v. Verf.] Der vertrauensvoll Handelnde engagiert sich so, als ob es in der Zukunft nur be­stimmte Möglichkeiten gäbe. …. Vertrautheit und Vertrauen sind mithin komplementäre Mittel der Absorbtion von Komplexität und, wie Vergangenheit und Zukunft selbst, aneinandergekettet. (Luhmann, 1998, S. 19-20).

2.2.1.3 Vertrauen und Abhängigkeit

Eine weitere Bedingung für Vertrauen ist ein gewisser Grad an Abhängig­keit, da die Interessen einer Partei nicht erreicht werden kön­nen, ohne dass sich auf die andere Partei verlassen werden kann (vgl. Rousseau et al., 1998, S. 395). Allerdings müssen mehrere Handlungsopti­onen für denjenigen, in den vertraut wird bestehen, nicht nur die vom Ver­trauenden erwartete Aktionsmöglichkeit, denn bei Abwesenheit jeglicher Handlungsalternativen ist von einer starken Abhängigkeit der Zielperson von ihrem Interaktionspartner auszugehen: „Hier greift ein funktionales Äquivalent von Vertrauen besser, nämlich Macht.“ (Weibler, 2001, S. 191).

2.2.1.4 Vertrauen und Reziprozität

Ein weiteres Kernmerkmal erlebten Vertrauens ist das Prinzip der Wechselseitigkeit. Wird Vertrauen geschenkt, erwartete man, dass der Interaktionspartner das Vertrauen erwidert (Schweer & Thies, 2003, S. 45). Grunwald (1997, S. 210) weist in seiner Arbeit darauf hin, dass die Norm der Gegenseitigkeit oder auch Fairness genannt von jeher in fast allen arbeitsteilig organisierten sozialen Gruppen und Verbänden existiert hat. Er führt an, dass schon Aristoteles die Austauschbeziehungen (von Wohltaten, Gütern, Dienstleistungen, Geld, Informationen) als das bindende Element zwischen Menschen ansah.

Im Kontext von Organisationen können z. B. durch das erwartungsgemäße Verhalten ihres Vorgesetzten, reziproke Reaktionen der Mitarbeiter initiiert werden, gemäß den kulturell bedingten Rollenerwartungen der Mitarbeiter. Die dann wiederum ähnlich vom Inhaber der Führungsposition beantwortet werden können usw. So kann auf diesem Wege eine sich selbstverstärkende Vertrauensspirale entstehen. Für den entgegengesetzten Fall, dem Fehlen entsprechender Wechselseitigkeit und Fairness, läge als Ergebnis analog eine sich selbstverstärkende Misstrauensspirale vor (Grunwald, 1997, S. 215).

2.2.1.5 Vertrauen und Misstrauen

Laut Schweer und Thies (2003, S. 22) herrscht innerhalb der Psychologie im Bezug auf die Relation von Vertrauen und Misstrauen Uneinigkeit. Oft wird die Auffassung vertreten, dass Vertrauen das Gegenteil von Miss­trauen darstellt, was aber empirisch nicht eindeutig belegt werden konnte. Beide Autoren verweisen auf die differentielle Vertrauenstheorie, die im Anschluss an eine diesbezügliche Studie den psychologischen Zustand des Nichtvertrauens deklariert, der nicht mit Misstrauen identisch ist, da empirisch große interindividuelle Unterschiede bei der Bestimmung der Dimension beider Begriffe festgestellt wurden. Die Gegebenheit, jemandem nicht zu misstrauen, bedeutet nicht zwangsläufig ihm zu ver­trauen (siehe auch Lewicki, McAllister & Bies, 1998, S. 445). Misstrauen kann zwar auch die Funktion der Komplexitätsreduktion erfüllen, birgt aber gleichzeitig die Gefahr problematischer Routinen, die sich in Form von z. B. Stress, verstärktem Absicherungsverhalten, ver­mehrter Rivalität oder Verzicht äußern können. Luhmann (1989) bringt die Nachteiligkeit des Misstrauens folgendermaßen zum Ausdruck:

Auch Misstrauen leistet … Vereinfachung, oft drastische Ver­einfachung. Wer misstraut, braucht mehr Informationen und ver­engt zugleich die Informationen, auf die er sich zu stützen traut. Er wird von weniger Informationen stärker abhängig. Damit ge­winnt die Möglichkeit, ihn zu täuschen, wiederum an Berechen­barkeit. …. [Misstrauensstrategien] absorbieren die Kräfte des­sen, der misstraut, nicht selten in einem Maße, dass wenig Raum für unvoreingenommene, objektive Umweltforschung und Anpassung, also weniger Möglichkeiten des Lernens bietet. Vertrauen ist demgegenüber psychologisch der leichtere Weg, und starke Motive, eine Beziehung mit Vertrauen zu beginnen, haben hier ihren Grund. (Luhmann, 1989, S. 79).

Lernprozesse sind jedoch eine wesentliche Voraussetzung für die Anpassung an eine sich rasant wandelnde Umwelt. Vertrauen gerät in diesem Zusammenhang mehr denn je zum kritischen Erfolgsfaktor von Reorganisationsprozessen in Unternehmen (vgl. hierzu z. B. Weibler, 2001; Ripperger, 1998; Kramer 1999; Reimer 2005).

Bierhoff und Buck (1984, S. 94-95) kamen in ihrer Unter­suchung zur alltäglichen Bedeutung von Vertrauen zu dem Er­gebnis, dass unter jenen Menschen, denen Personen vertrauen, Freunde und Partner überrepräsentiert sind. Dieses Ergebnis ist nicht überraschend. Bemerkenswert ist jedoch, dass Arbeits- und Studienkolle­gen unter den Personen überrepräsentiert waren, denen man misstraute. „Das wenigste, was man aus diesen Ergebnissen er­schließen kann, ist, dass das Arbeitsleben relativ häufig interpersonelle Beziehungen hervorruft, die durch ein gewisses Misstrauen gekennzeich­net sind.“ (Bierhoff & Buck, 1984, S. 95). Dabei werden vertrauensvollen Beziehungen positive Korrelate zugesprochen wie z. B. eine bessere Kommunikation, hohes Engagement, eine positive Arbeitseinstellung, ein intensiverer Austausch von Informationen, Wissen und Ressourcen, ein hoher Lerntransfer, eine höhere Bereitschaft andere zu unterstützen, die Bereitwilligkeit zur Selbstkritik, kreatives Denken oder effektiveres Problemlösungsverhalten etc. (siehe u. a. Jones & George, 1998, S. 539-542; Weibler, 2001, S. 192).

Ripperger (1998, S. 260-261) bemerkt, dass obwohl Vertrauen in vielen Situationen zunächst ungerechtfertigt erscheint, es sich durch seine Erfüllung im Nachhinein selbst rechtfertigt und oftmals schöpferisch wirkt. Ripperger betont, dass über den Einzelfall hi­nausgehend gesagt werden kann, dass die schöpferische Kraft des Ver­trauens u. a aus der Erkenntnis resultiert, dass der Vertrauensmechanis­mus selbst einen erheblichen sozialen und ökonomischen Wert besitzt, dessen Funktionsfähigkeit nur dann aufrecht erhalten werden kann, wenn Vertrauen selbst gerechtfertigt wird. Vertrauen verpflichtet durch diesen immanenten Wert seiner Funktion. Dadurch entsteht jene schöpferische Kraft, die dem Misstrauen fehlt.

Yamagishi (2001, S. 125) nimmt gleichfalls Bezug auf diesen beachtlichen Wert des Vertrauensmechanismus, wenn er ausführt, dass generalisiertes Misstrauen keine gewinnbringende Strategie ist für jene Personen, die in der Lage sind in einer risikoreichen aber potentiell gewinnbringenden sozialen Situation die Signale von Unzuverlässigkeit ihrer Interaktionspartner zu erkennen. Für solche sozial intelligenten Menschen ist es grundsätzlich die bessere Alternative, diese Interaktion einzugehen, als – und das wäre die Alternative – sich selbst zu isolieren. Die Erfahrung von Erfolg in der oben genannten Situation, trotz einiger negativer Erlebnisse, fördert ihre Vertrauensneigung und macht sie eher bereit sich auch weiterhin auf solche Situationen einzulassen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Die Genese einer sozialen Norm zum Schutz des öffentlichen Gutes Vertrauensatmosphäre (Ripperger, 1998, S. 184)

An dieser Stelle soll der Versuch, das ubiquitäre Phänomen Vertrauen hin­sichtlich Begriff und Bedeutung allgemein darzustellen, beendet und eine Vertrauensdefinition bestimmt werden, die für das weitere Vorge­hen dieser Arbeit maßgebend ist:

„Trust is a psychological state comprising the intention to accept vulnerabil­ity based upon positive expectations of the intentions or behaviour of an­other.“ Diese Definition ist einem interdisziplinären Überblick von Rousseau et al. (1998, S. 395) entlehnt und bestimmt den Begriff Vertrauen sowohl als soziale Motivation als auch in der Form einer Überzeugung bzw. eines Glaubens (Hardin 2002, Bohnet & Baytelman 2005).

Bevor in Kapitel 3 verschiedene theoretische Ansätze der Vertrauens- und Institutionenforschung vorgestellt werden, sollen zunächst die Begriffe personales- und systemisches Vertrauen geklärt werden. Es soll der Frage nachgegangen werden, wie interpersonales Vertrauen determiniert ist und wodurch sich systemisches Vertrauen auszeichnet.

2.2.2 Personales und systemisches Vertrauen

In den letzten Jahrzehnten hat sich eine getrennte Betrachtung des personalen und systemischen Vertrauens innerhalb der psychologischen Forschung durchgesetzt. In diesem Kontext wird erstgenanntes als sich primär auf Personen des unmittelbaren sozialen Umfeldes beziehend und letzteres auf politisches Vertrauen bzw. das Vertrauen in ein ganzes gesellschaftliches System (Organisationen und Institutionen) angewandt. Die getrennte wissenschaftliche Analyse erfolgt aufgrund der unterschiedlichen psychologischen Prozesse, die an personalen bzw. systemischen Vertrauen beteiligt sind, obwohl eine starke Relation zwischen ihnen bestehen bleibt, da jedes System auch immer durch unterschiedlich vertrauenswürdige Personen repräsentiert wird (vgl. Schweer & Thies, 2003, S. 43-44).

2.2.2.1 Determinanten interpersonalen Vertrauens

Wie aber ist interpersonales Vertrauen determiniert? Weibler (2001, S. 193) bestimmt, auf der Basis einer umfangreichen Literaturrecherche, interpersonales Vertrauen in Organisationen als ein Produkt der folgenden Determinanten (siehe auch Schweer & Thies, 2003, S. 58):

1. der „Vertrauensneigung“ als einer persönlichen Disposition des Vertrauenden (siehe auch Abschnitt 3.2.1 Die Psychoanalytische Tradition);
2. der Vertrauenswürdigkeit der Zielperson, die wiederum durch Faktoren wie z. B. soziale Kategorien (Alter, sozialer Status, Geschlecht, insbesondere die Ähnlichkeit mit dem Vertrauenden stellt hier ein Hauptkriterium für die Vertrauensbildung dar), Kompetenz, Integrität bzw. Konsistenz des Verhaltens (siehe Neubauer, 1997, S. 107), offene Kommunikation, Gutwilligkeit entweder im Sinne den potentiell Vertrauenden nicht intentional schaden zu wollen, oder im Sinne der expliziten Berücksichtigung seiner Interessen;
3. einer beiderseitigen Beziehung zwischen dem Vertrauenden und der Zielperson, wobei Vertrauen hier eher als Ergebnis einer erfolgreichen Kooperation angesehen wird und nicht primär als deren Voraussetzung (dieser Zusammenhang wird in Kapitel 3.2.4 erneut aufgegriffen).
4. Interpersonales Vertrauen wird durch das Systemvertrauen mit beeinflusst, da es von der Notwendigkeit einer Prüfung weitgehend entlastet wird: Systeme gewähren Sicherheitsgarantien (z. B. Haftung, Kontrollgremien), die ihrerseits nicht an einzelne Personen innerhalb des Systems gebunden sind und entlasten somit personal bedingtes Vertrauen bzw. substituieren und ergänzen es. Eine ähnliche Wirkung hat z. B. der „gute Ruf“ – die Reputation - einer Institution.
5. Interpersonales Vertrauen wird weiterhin durch situationale Einflüsse moderiert, z. B. die Art der Abhängigkeit beider Seiten, die Struktur der Kommunikationskanäle oder der Umfang der Informationen, die beiden Parteien über einander zur Verfügung stehen. Krampen (1997, S. 22) betont, dass situative Parameter bestimmend sind für die Unterscheidung von Vertrauen und Leichtgläubigkeit. Auf diesen Aspekt wird detailliert in Kapitel 3.2.3 eingegangen.

2.2.2.2 Bestimmung systemischen Vertrauens

Systemisches Vertrauen lässt sich analog zum interpersonalen Vertrauen als soziale Einstellung erfassen, die kognitive, emotionale und behaviorale Elemente in sich vereint. Diese Art des Vertrauens löst sich von unmittelbaren sozialen Beziehungen zwischen Individuen und beruht vor allem auf der Funktionsfähigkeit eines ganzen Systems (vgl. Luhmann, 1989) bzw. auf bestimmten Ergebnissen, die das System hervorbringt. Ähnlich dem personalen Vertrauen wird auch in diesem Fall ein Risiko eingegangen, denn der Einzelne entlastet sich durch systemisches Vertrauen psychologisch von der Verpflichtung sich selbst zu informieren und aktiv zu sein. Abgesehen davon ergeben sich bezüglich der Überprüfung von Informationen unüberwindliche Zugriffsbarrieren für den Laien (siehe Weibler, 2001, S. 195).

Hinsichtlich der Erforschung systemischen Vertrauens sind sehr unterschiedliche Terminologien gebräuchlich. Es werden in Abhängigkeit vom untersuchten System u. a. Begriffe wie öffentliches Vertrauen, Institutionenvertrauen, organisationales Vertrauen oder politisches Vertrauen verwendet, wobei es sich hier wie Schweer und Thies (2003, S. 43-44) anmerken, eher um eine semantische, denn um eine fachterminologische Differenzierung handelt.

Gemeinsam ist dem personalen und systemischen Vertrauen ihre komplexitätsreduzierende Funktion. Der fundamentale Unterschied zwischen ihnen aber ist durch den Faktor der Interaktion begründet, denn ist dieser für das interpersonale Vertrauen unablässig, bleibt er bei systemischem Vertrauen oftmals außen vor. Eine Institution kann sich zwar als vertrauenswürdig erweisen, aber dem Einzelnen gegenüber keine Vertrauenshandlungen realisieren oder erwidern. Dieser Einseitigkeit, also der fehlenden Reziprozität, ist es zuzuschreiben, dass sich das Vertrauen eines Individuums in eine Institution nur zögerlich entwickeln kann. Die Institution muss daher dieses so wichtige Vertrauensmerkmal durch andere Mechanismen (wie o. g. Sicherheitsgarantien: Beschwerdewege, Haftung, Gütesiegel, Reputation etc.) kompensieren (vgl. Schweer & Thies, 2003, S. 46). Trotz dieser Tatsache wird systemisches- von personalem Vertrauen tangiert, da der Kontakt mit der jeweiligen Institution i. d. R. über deren Repräsentanten statt findet (vgl. Schweer & Thies, 2003, S. 45).

2.2.2.3 Typen personalen und systemischen Vertrauens

Im Folgenden soll eine Differenzierung verschiedener Typen von Vertrauen im interpersonalen und im systemischen Bereich vorgenommen werden.

Lewicki und Bunker (1996, S. 119-123) spezifizieren personales Vertrauen durch die Unterscheidung von drei Vertrauenstypen, die sie als sequentielle Schrittfolge (sequential iteration) verstehen, bei der das erlangte Vertrauen auf einer Stufe erst die Weiterentwicklung desgleichen auf der nächstfolgenden Stufe ermöglicht. Sie unterscheiden:

1. Kalkülbasiertes Vertrauen, dass vornehmlich dann eine Rolle spielt, wenn Individuen erstmalig aufeinander treffen, die sich nicht kennen (z. B. bei einer neu angebahnten Geschäftsbeziehung). Im Vordergrund dieses Vertrauenstyps stehen die antizipierten negativen Konsequenzen, die eintreten, wenn das Verhalten nicht absprachenkonsistent ist bzw. weil vertrauenswürdiges Verhalten im Interesse des Vertrauensnehmers ist. Die Angst um das Verschlechtern bestehender sozialer Beziehungen ist in diesem Fall größer, als die Motivation, die die versprochene Gegenleistung auslöst. Ein schlechter Ruf kann sich schnell verbreiten und zukünftige Beziehungen beeinträchtigen. Ein guter Ruf wiederum fördert einträchtige künftige Beziehungen und kann als soziales Kapital angesehen werden. Dieser Betrachtung nach ist Vertrauen ein sehr marktorientierter, ökonomisch-kalkulierter Wert, der determiniert ist durch den Nutzen der Bildung und Aufrechterhaltung einer solchen Beziehung relativ zu den Kosten der „Beziehungspflege“ oder einer Trennung. Voraussetzung ist, dass ein Vertrauensmissbrauch ermittelbar und ersichtlich sein muss. Der Betrogene muss zudem fähig sein, opportunistisches Verhalten zu bestrafen. (Siehe Kapitel 3.1.1)
2. Wissensbasiertes Vertrauen gründet sich darauf, dass vertrauenswürdiges Verhalten der Zielperson(en) aufgrund von Erfahrungswerten prognostiziert werden kann, d. h. dieser Vertrauenstyp liegt nur vor, wenn eine gemeinsame Vorgeschichte existiert und die Beteiligten regelmäßig miteinander kommunizieren. Durch die erworbenen Informationen kann in „einem so reduzierten Risikobereich … Vertrauen leichter, intensiver oder aber auch differenzierter geschenkt werden.“ (Weibler, 2001, S. 201).
3. Identifikationsbasiertes Vertrauen basiert auf der Gleichsetzung mit den Wünschen und Absichten des anderen. Auf diesem Niveau ist durch eine gemeinsame Entwicklungsgeschichte ein Vertrauen entstanden, das sich durch ein tiefes gegenseitiges Verständnis und einen wechselseitigen Respekt der Bedürfnisse des Gegenübers auszeichnet. Dieser Vertrauenstyp ermöglicht es zu „denken wie der andere“ oder „zu fühlen wie der andere“, da seine Präferenzen, Ziele und Verhaltensmuster verinnerlicht sind.

Kramer (1999, S. 575-580) definiert für den innerorganisatorischen Bereich fünf Vertrauenstypen, mit denen er die Voraussetzungen für Vertrauen in Organisationen hinsichtlich psychologischer, sozialer und organisationaler Einflussfaktoren zu bestimmen sucht. Kramer nennt diesbezüglich in seiner Arbeit die folgenden Typen von Vertrauen in Organisationen:

- Dispositionales Vertrauen: Individuen vertrauen aufgrund ihrer „Vertrauensneigung“ sehr unterschiedlich. Ihre Vertrauensdisposition ist u. a. abhängig von ihrem Menschenbild und den Erfahrungen der Vergangenheit. In Kapitel 3.2.2 und 3.2.3 wird diese Abhängigkeit noch näher ausgeführt.
- Vergangenheitsbasiertes Vertrauen: Ähnlich wie Lewicki und Bunker (1996) im vorherigen Abschnitt, argumentiert Kramer, dass wechselseitige Interaktionen über einen längeren Zeitraum Informationen über die Dispositionen, Präferenzen oder Motive der Interaktionspartner bzw. über die Funktionsweise eines ganzen Systems liefern. Diese Informationen wiederum sind die Grundlage für Vorhersagen über die Vertrauenswürdigkeit und das Verhalten der anderen Seite in der Zukunft. Vergangenheitsbasiertes Vertrauen kann in Organisationen als wichtige Form des oben genannten wissensbasierten Vertrauens ausgelegt werden, wenn auch unter erschwerten Bedingungen, da es in Organisationen fast unmöglich ist, alle nötigen Informationen zu sammeln, die für eine Vertrauensentscheidung gegenüber den Beteiligten notwendig sind. Nicht zuletzt aus diesem Grund wird daher häufig auf Substitute für Vertrauen zurückgegriffen (siehe Kapitel 3.1.1 Neue Institutionenökonomie).
- Dritte als Überträger von Vertrauen: (siehe auch Burt & Knez, 1996) Das zuvor genannte Missverhältnis zwischen der Abhängigkeit von Informationen über die Vertrauenswürdigkeit einer Partei und der Schwierigkeit in Organisationen diese in ausreichendem Maße zu beziehen, führt dazu, dass Dritte eine besondere Rolle bei der Informationsverteilung spielen. Das können einerseits anerkannte Experten sein, die durch ihre Fähigkeiten das Vertrauen in z. B. bestimmte organisatorische Abläufe verstärken. Andererseits sind informelle Äußerungen Dritter, häufig in Form von „Klatsch und Tratsch“, eine wichtige Quelle für Erkenntnis aus zweiter Hand über die Vertrauenswürdigkeit anderer. Auch wenn informelle Informationen problematisch sind z. B. in Bezug auf die Neigung ihrer Übermittler, bevorzugt die Dinge anzusprechen, von denen sie glauben, dass die andere Seite sie hören will und der noch unzureichend erforschten, da sehr komplexen Effekte dieser Art Informationen auf die Vertrauensentscheidung von Individuen in Organisationen, kann doch festgestellt werden, dass Dritte eine wichtige Rolle als „go-betweens“ in neuen Beziehungen einnehmen. Personen, die Erfahrungen, Erwartungen und Möglichkeiten aus gut etablierten heraus auf neue Beziehungen übertragen, für die noch keine adäquaten „Vertrauensdaten“ vorliegen, können eine erste Basis für Vertrauen bzw. einen Vertrauensvorschuss im Umgang miteinander bewirken. Als ein bekanntes Beispiel kann die Wirkung von Käuferbewertungen durch Dritte in Online-Shops (z. B. Ebay) angeführt werden.
- Kategoriebasiertes Vertrauen: Informationen über die Zugehörigkeit der Zielperson zu einer bestimmten sozialen Schicht oder organisationalen Ebene beeinflussen ebenso die Einschätzung der Vertrauenswürdigkeit durch potentiell Vertrauende. Die gemeinsame Zugehörigkeit zu einem bestimmten Kreis z. B. dient “[as] a rule for defining the boundaries of low-risk interpersonal trust that bypasses the need for personal knowledge and the costs of negotiating reciprocity“ (Brewer 1981, zitiert nach Kramer 1999, S. 577). Die kognitive Konsequenz dieser Kategorisierung und “ingroup bias” ist, dass die Individuen einer bestimmten Gruppe dazu neigen, anderen Mitgliedern nur aufgrund der gleichen Zugehörigkeit Vertrauenswürdigkeit und andere positive Eigenschaften zu attestieren (dieser Aspekt wird in Kapitel 4.3 Vertrauensbildung im interkulturellen Kontext erneut aufgegriffen).
- Rollenbasiertes Vertrauen: Wie schon der zuvor genannte ist auch dieser Vertrauenstyp eine Form entpersonalisierten Vertrauens. Denn er beruht auf dem Wissen darüber, dass eine Person eine bestimmte formale Rolle innehat, und nicht auf der Kenntnis über die Dispositionen, Fähigkeiten und Motive etc. derselben. Formale Rollen in Organisationen übernehmen stellvertretend die Funktionen von interpersonalem Vertrauen zwischen Organisationsmitgliedern. Kramer sieht aber auch die Kehrseite dieser Vertrauensart, wenn er ausführt, dass „role-based-trust also can be quite fragile and produce catastrophic failures of cooperation and coordination, especially during organizational crises or when novel situations arise which blur roles or break down role-based interaction scripts” (Kramer, 1999, S. 578).
- Regelbasiertes Vertrauen: Dieser Vertrauenstyp basiert auf einem geteilten und akzeptierten System von Regeln für angemessenes Verhalten. „When reciprocal confidence in member´s socialization into and continued adherence to a normative system is high, mutual trust can acquire a taken-for-granted quality.“ (Kramer, 1999, S. 579). Wird Vertrauen auf der Makro-Organisationsebene durch bestimmte Verfahrensweisen institutionalisiert, wie beispielsweise der Verzicht auf Stechuhren und auf Schlösser vor den Material- und Ausrüstungsräumen bei Hewlett-Packard, wird durch die Organisation die gemeinsame Erwartung zum Ausdruck gebracht, dass Kooperationsbereitschaft und Vertrauen erwidert werden. Dadurch wird Vertrauen auch auf der Mikro-Organisationsebene, also von den einzelnen Mitgliedern internalisiert. Folglich kann rule-based-trust in Organisationen als ein großer Vorzug angesehen werden, da aufgrund der Erwartungshaltung der Beteiligten, die spontane Koordination und Kooperation zwischen den Organisationsmitgliedern erleichtert wird.

Im folgenden Kapitel werden verschiedene Institutionentheorien sowie Theorien des Vertrauens vorgestellt und diskutiert, die für die Auseinandersetzung mit der Fragestellung der vorliegenden Arbeit wesentliche sind. Es werden theoretisch abgeleitete Annahmen über die Wirkung von Institutionen auf menschliches Handeln getroffen, die im Rahmen des in Kapitel 5 dargebotenen Laborexperimentes getestet wurden. Die vertrauenstheoretischen Ansätze dienen dem Überblick über neuere Entwicklungen einerseits in der Ökonomie, als auch der Fundierung der in Kapitel 4 Vertrauensbildung vorgestellten Gestaltungsvorschläge und Modelle zum Vertrauensaufbau.

3 Theoretische Ansätze

3.1 Institutionen und ihre Funktion aus ökonomischer und psychologischer Sicht

3.1.1 Neue Institutionenökonomie

Institutionen sind schon seit vielen Jahrzehnten Gegenstand der Wirtschaftstheorie, auch wenn diese sich in ihren Untersuchungen lange Zeit allein auf den Markt (als Institution) beschränkt hat. R. H. Coase (2000, S. 3-5), der als geistiger Vater der Neuen Institutionenökonomie gilt, stellt mit seinen Arbeiten die Entwicklung des herkömmlichen ökonomischen Denkens in Frage und bezieht sich damit ausdrücklich auf die Mikroökonomie, die die Verhaltensentscheidungen der Haushalte und Unternehmen, sowie das Zusammentreffen der Akteure auf den Märkten untersucht. Coase beklagt, dass die traditionelle Mikroökonomie, die die gewerbswirtschaftlichen Organisationen nicht als Institution, sondern idealisierend als Produktionsfunktion bzw. Minimalkostenkombination betrachtet (vgl. Schreyögg, 1996, S. 69), viel zu lange ohne signifikanten Wandel geblieben ist. Die traditionelle Ökonomie, so Coase (2000, S.3-5), wurde im Laufe der Zeit immer abstrakter in dem Bemühen Adam Smiths Doktrin von der unsichtbaren Hand zu formalisieren und hat sich, wie er es formuliert, wenig gesorgt, um dass, „what happens in the real world“.

Aber auch der Ansicht Adam Smith folgend, kann die Notwendigkeit einer Abkehr von dieser Art Analyse begründet werden. Smith war es, der formulierte, dass die Wohlfahrt einer Gesellschaft abhängig ist von den Güter- und Dienstleistungsströmen, die wiederum durch die Leistungsfähigkeit ihres ökonomischen Systems bestimmt werden. Er erklärte, dass die Produktivität eines ökonomischen Systems in erster Linie auf Spezialisierung bzw. Arbeitsteilung beruht. Arbeitsteilung ist nur durch Austausch realisierbar, und je geringer die Kosten des Austauschs (Transaktionskosten) sind, desto mehr Spezialisierung wird es geben und umso höher wird demzufolge die Produktivität und Wohlfahrt des Systems ausfallen.

Mit Transaktionskosten sind hier jene Belastungen gemeint, die im Zuge der Anbahnung, des Abschlusses und der Überwachung von Verträgen entstehen. Es handelt sich dabei im Wesentlichen um Informations- und Kommunikationskosten (Kieser, 2001, S. 225). Die Höhe dieser Transaktionskosten wird bestimmt durch die Institutionen eines Landes: das Wirtschaftssystem, das Rechtssystem, das Sozialsystem, das Bildungssystem, seine Kultur etc. Im Endeffekt, so Coase (2000, S. 5), sind es die Institutionen, die die Leistungsfähigkeit einer Ökonomie definieren. Auch North (2000) konstatiert:

…we should realize that any society, economy or polity is structured and the structure is a person-made function of the way we order society. This structure is a complex mixture of rules, norms, conventions and behavioural beliefs, all of which together form the way in which we operate and determine how successful we are in achieving our goals. Now once you understand that, then you are going to have a different view about institutions and you are going to think differently about them with respect to the theory we must develop because there is no such thing as an efficient market that is not structured by the players to produce that result. (North, 2000, S. 7).

Genau dieser Zusammenhang und insbesondere die Entstehung und Veränderung von ökonomischen Institutionen wird von der Neuen Institutionenökonomie thematisiert.

Nun folgend sollen die zentralen Aussagen dreier Teilansätze der Neuen Institutionenökonomie vorgestellt werden. Gemeinsam ist allen drei Ansätzen, dass die Vorstellung der Neoklassik von völlig kosten- und reibungslosen Interaktionen zwischen den ökonomischen Akteuren aufgegeben werden muss. Erstmals in der ökonomischen Theorie wird den Akteuren nicht nur vollständig rationales Handeln, sondern auch begrenzte Rationalität und Opportunismus (oder auch „moralische Skrupel“) unterstellt. Damit wird die Allmacht des marktlichen Preismechanismus zur Steuerung und Regelung ökonomischer Interaktionen aufgegeben. Für alle drei Ansätze gelten die folgenden Annahmen (vgl. Bea & Göbel, 1999, S. 126-127):

1. individuelle Nutzenmaximierung ohne moralische Skrupel der Akteure (Opportunismus);
2. unvollkommene Information (Unsicherheit)
3. eine erwartungsgemäße Berechenbarkeit der relevanten Handlungsalternativen, sowie
4. unbegrenzte Rationalität der Akteure (Property-Rights-Ansatz und Prinzipal-Agenten-Theorie) bzw. begrenzte Rationalität (Transaktionskostenansatz).

Eine Ökonomik, die nicht mehr idealisierte sondern realistische Verhaltensweisen der Beteiligten in ihre Analyse einbeziehen will, muss sich mit Fragen der Verhaltenssteuerung und demnach mit Institutionen auseinander setzen. Institutionen werden von den Neo-Institutionalisten, wie eingangs im Zusammenhang mit dem individualistischen Institutionenansatz in Abschnitt 2.1.2 thematisiert, als ein „System von Normen einschließlich ihrer Garantieinstrumente [gesehen], welches den Zweck verfolgt, individuelles Verhalten auf ein bestimmtes Zielbündel auszurichten“ (Bea & Göbel,1999, S. 126). Die Vertreter des Neo-Institutionalismus gehen zudem davon aus, dass falls sich Institutionen in ihren Kosten und Wirkungen unterscheiden, die effizienteste von Ihnen gewählt wird, und somit ein Wettbewerb der Institutionen entwickelt (u. a. Türk, 1997).

3.1.1.1 Der Transaktionskostenansatz

Diese Theorie richtet sich auch gegen die neoklassische These, dass das Preissystem keine zu berücksichtigenden Koordinationskosten verursacht. Der Transaktionskostenansatz sieht ökonomische Transaktionen als kostenintensiv an und postuliert, dass aus diesem Grunde alternative Koordinationsmedien für ökonomische Austauschbeziehungen, jenseits des preisgesteuerten Marktes, gefunden werden müssen. R. H. Coase, der diesen Ansatz geprägt hat, sieht vor allem in der innerorganisatorischen Abwicklung (von Coase „Hierarchie“ genannt, siehe Schreyögg, 1996, S. 70) einen alternativen Koordinationsmechanismus, der durch hierarchische und langfristige Beziehungen gekennzeichnet sein muss. „Wichtig ist dabei die Frage unter welchen situativen Bedingungen welcher Koordinationstyp die geringsten Transaktionskosten verursacht…“ (Schreyögg, 1996, S. 71).

Die Entstehung von gewerbswirtschaftlichen Organisationen als alternatives institutionelles Arrangement wird auch von Williamson (1985) immer für den Fall unterstellt, dass durch sie Transaktionen kostengünstiger (effizienter) koordiniert werden können, als über den Markt. Williamson (1985) trifft folgende Verhaltensannahmen über die Akteure: Alle an den Transaktionen Beteiligten handeln nur begrenzt rational, aufgrund unvollständiger Denk- und Informationsverarbeitungskapazität; sie streben nach eigener Nutzenmaximierung und agieren opportunistisch. Opportunismus erzeugt bei den Interaktionspartnern Unsicherheit, die dieser Theorie nach im Rahmen einer Hierarchie grundsätzlich besser kontrolliert werden kann, als in der Marktkoordination.

3.1.1.2 Der Property-Rights-Ansatz

Dieser Ansatz (auch Theorie der Verfügungsrechte genannt) postuliert, dass ökonomische Transaktionen nicht nur Güter und Dienstleistungen als solche betreffen, sondern auch die Übertragung von Eigentumsrechten implizieren. Voraussetzung dafür ist, dass ein Vertragsrecht existiert, mit dessen Hilfe Eigentum übertragen werden kann. Im Rahmen dieser Theorie wird ausschließlich auf das Instrument des Vertrages gebaut. Die Option Verträge abschließen zu können, wird hier als zentraler Anreiz für ökonomisches Handeln gesehen. Alle gesellschaftlichen Institutionen (nicht nur Märkte) können i. d. S. als ein Netzwerk von Verträgen ausgelegt werden (Pirker, 1997, S. 68). Zugespitzt formuliert: Arbeitgeber und Arbeitnehmer müssen sich täglich neu entscheiden, ob der Leistungsaustausch für beide Seiten zufrieden stellend verläuft. Bei Unzufriedenheit haben beide Parteien die Option, den Vertragspartner zu „feuern“ oder zu „verklagen“ (Bea & Göbel, 1999, S. 132).

3.1.1.3 Die Prinzipal-Agent-Theorie (Agenturtheorie)

Als eine extreme Form des zuvor genannten Ansatzes gilt die Agenturtheorie. Sie geht im Allgemeinen bereits davon aus, dass Institutionen bestehen. Es wird angenommen, dass im Rahmen dieser Institutionen Auftrageber (Prinzipal) und Auftragnehmer (Agent) aufeinander treffen, und zwar unter den eingangs genannten Bedingungen: beschränkte Verfügbarkeit von Informationen (Unsicherheit) und opportunistisches Verhalten. Um trotzdem einen fairen bilateralen Austausch von Leistung und Gegenleistung zu erreichen, werden ausgeklügelte Verträge aufgesetzt, die dieses Problem lösen sollen (Bea & Göbel, 1999, S. 129). Das Unternehmen besteht somit aus nichts anderem als horizontalen Vertragsbeziehungen zwischen Unternehmern und Mitarbeitern mit denen die Transaktion „Arbeit“ koordiniert wird (Pirker, 1997, S. 68). Der Mensch als Agent bzw. Arbeitnehmer wird dabei vor allem als unbegrenzt rational handelnd, seine Eigeninteressen verfolgend und unmotiviert charakterisiert.

Ripperger (1998) äußert sich aus insitutionenökonomischer Sicht zur Entstehung von Institutionen, indem sie deren strategische Verhaltenswirkungen betont:

Soziale Institutionen entstehen … als Nebenprodukt substantieller Konflikte über die Distribution von Ergebnissen sozialer Interaktionen …. Handlungsrestriktionen werden im Prozess der Institutionalisierung quasi aus dem postkonstitutionellen vertraglichen Kontext in die Verfassung des sozialen Systems selbst transformiert. Institutionalisierung manifestiert sich im Prozess sozialer Anerkennung strategischer Verhaltensregeln [Hervorhebung v. Verf.]. Institutionen dienen Akteuren dann als konstitutioneller Festlegungsmechanismus auf individuell (und sozial) erwünschte distributive Konsequenzen und tragen als solche entscheidend zur Überwindung sozialer Dilemmata bei. (Ripperger, 1998, S. 176-177).

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass Institutionen im Rahmen der Neuen Institutionenökonomie mit dem „typischen Instrumentarium“ der öko-nomischen Analyse zu erklären versucht werden. Eine typische Modellierung der Neuen Institutionenökonomie sähe wie folgt aus: Individuen, die unbegrenzt oder begrenzt rational agieren, verfolgen ihren eigenen Nutzen bei gegebenen Präferenzen. Bei bestimmten Problemen wie z. B. unvollständiger Information oder Externalitäten benötigen Individuen spezielle Anreize, um Aktionen zu wählen, die einen möglichst großen Gesamtüberschuss nach sich ziehen.

Die Analysen der Neuen Institutionenökonomie konzentrieren sich insbesondere auf die Verhaltensbeschränkungen, die notwendig sind, um als Konsequenz der Eigennutzbestrebungen der Akteure ein für alle Beteiligten möglichst vorteilhaftes Ergebnis zu erzielen. Eine erkenntnissteigernde Wirkung dieses Ansatzes im Bezug auf ein umfassenderes Verständnis von Institutionen und ihren Verhaltenswirkungen, kann von dieser Sichtweise demnach nicht erwartet werden. Wichtige Kennzeichen von Institutionen, die wie im nächsten Kapitel aufgezeigt wird, auf der situationalen Ebene liegen, bleiben hier unberücksichtigt (vgl. Kubon-Gilke, 1997, S. 454-455).

Es zeigt sich, dass trotz der grundsätzlich neuen Perspektive auf institutionelle Gebilde, die Rationalitätsannahme in der Institutionenökonomie nach wie vor sehr zentral ist. Die Transaktionskostentheorie, die von begrenzter Rationalität im Sinne einer begrenzten Denk- und Informationsverarbeitungskapazität ausgeht, nimmt eine geringfügige Modifikation in Richtung des „wahren“ Verhaltens von Menschen vor. Warum aber ausschließlich kognitive Gesetzmäßigkeiten einbezogen werden und andere Erkenntnisse über die Psychologie des Menschen unberücksichtigt bleiben, wird nicht thematisiert (siehe Kubon-Gilke, 2002, S. 158-159). Auch wenn sich die Ökonomik langsam von ihren traditionellen Verhaltensannahmen löst, werden die psychologischen Gesetzmäßigkeiten der Regelbildung und die emotionalen und motivationalen Effekte von Regeln vorwiegend marginalisiert. Die Suche nach Alternativen zur Rationalitätsannahme konzentriert sich sehr auf Modelle, die an der Vorstellung festhalten, dass „menschliches Verhalten … aus evolutionären Ausleseprozessen [resultiere] und in der Regel durch ein Zusammenspiel fester Präferenzen und Restriktionen erklärt werden [könne]“ (Kubon-Gilke, 2002, S. 160). Die Präferenzen von Individuen sind aber nicht konstant, sondern werden systematisch durch den institutionellen Kontext beeinflusst, wie im Folgenden dargestellt werden soll (siehe auch Bohnet, 2005; Bohnet & Baytelman, 2005).

3.1.2 Der gestaltpsychologische Ansatz

Um die Gesetzmäßigkeiten der Werte- und Präferenzbildung zu verstehen und geeignete Verhaltensannahmen für Institutionen herauszuarbeiten, sollen mit dem gestaltpsychologischen Ansatz, die situative Verhaltensbindung von Institutionen beleuchtet werden. Unter Gestalt werden dabei ganzheitliche Gebilde verstanden, deren Eigenschaften sich nicht auf die Eigenschaften der sie konstituierenden Elemente zurückführen lassen (siehe Abschnitt 2.1.3).

Als wichtigster zeitgenössischer Vertreter eines umfassenden gestaltpsychologischen Ansatzes ist Salomon Asch (1987) zu nennen, der aufzeigt, wie die Gestaltprinzipien die „Organisation“ der menschlichen Psyche beeinflusst. Im Mittelpunkt seines Interesses stehen die Prinzipien nach denen Gestalten wahrgenommen werden sowie der Zusammenhang zwischen Kognitionen, Emotionen, Motivationen und menschlichem Verhalten.

Um dem primären Interesse dieses Abschnitts nachzukommen, die Entstehung von Werten und Präferenzen aus gestaltpsychologischer Sicht zu erklären, soll zunächst das Konzept der Gefordertheit mit Kubon-Gilke (1997) erläutert werden:

Mit Gefordertheit wird umschrieben, dass bestimmte Gegebenheiten oder Situationen ein bestimmtes Verhalten von den Individuen fordern können, weil Bewertungen und Präferenzen eben nicht allein willkürlich emotionale Ergänzungen oder Begleiterscheinungen bestimmter Tatsachen sind, sondern weil Werte in gesetzmäßiger Weise durch den von den Individuen wahrgenommenen Kontext hervorgerufen werden können. (Kubon-Gilke, 1997, S. 355)

Asch (1987, S. 357) formuliert: „Action that fits the requirements we judge to be appropriate or right; to fail to act appropriately we experience as violating a demand, or being unjust …. We feel that we value as we do for reasons connected with the situation“. Wenn Menschen nun in mehrheitlichem Konsens Gefordertheiten in sozialen Situationen verspüren, so kann von einer sozialen Regel als Quasi-Objektivität gesprochen werden (vgl. Abschnitt 2.1.3 Institution als eigenständige Einheit). Die Wahrscheinlichkeit, dass die Individuen ihr Verhalten an dieser Regel ausrichten und auch das Verhalten anderer an der Achtung und Erfüllung der Gefordertheiten messen, erhöht sich. Urteile der Individuen über gerechtes und ungerechtes Verhalten und die jeweilige Reaktion darauf werden von den wahrgenommenen Gefordertheiten abhängig gemacht (Kubon-Gilke, 1997, S. 358). Situationen werden also nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten wahrgenommen.

[...]


[1] Die Auswahl der im Folgenden genannten Autoren erfolgte in ihrer Mehrheit aufgrund der Tatsache, dass im weiteren Verlauf dieser Arbeit auf sie Bezug genommen wird.

Details

Seiten
97
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783836603935
Dateigröße
1.9 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v228923
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Wirtschaftswissenschaften, BWL, Psychologie sozialer Prozesse
Note
1,3
Schlagworte
verhaltensökonomie institution kultur vertrauensbildung verfahrensfairness

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Titel: Institutionen und Vertrauen