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Möglichkeiten und Grenzen systemischer Aufstellungsarbeit unter besonderer Berücksichtigung der Überwindung symbiotischer Verstrickungen

Diplomarbeit 2011 141 Seiten

Pädagogik - Familienerziehung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Systemtheoretische Grundannahmen
2.1 Erkenntnistheoretische Annahmen
2.2 Anthropologische Annahmen
2.3 Familie als System

3. Systemische Aufstellungsarbeit
3.1 Definitionen von systemischer Aufstellungsarbeit
3.1.1 Begriffsklärung: systemische Aufstellungsarbeit
3.1.2 SySt in Abgrenzung zu dem Familien-Stellen Hellingers
3.2 Familienrekonstruktion nach Virginia Satir
3.2.1 Weltsicht und innere Haltung
3.2.2 Überlebenshaltungen
3.2.3 Herangehensweise an die Familienrekonstruktion
3.2.4 Prozess der Familienrekonstruktion
3.2.5 Allgemeine Ziele und Ebenen der Veränderung
3.3 SySt nach Insa Sparrer und Matthias Varga von Kibéd
3.3.1 Weltsicht und innere Haltung
3.3.2 Das Besondere der SySt – Definition und Beschreibung der SySt
3.3.3 Wurzeln der SySt
3.3.4 Herangehensweise an die SySt
3.3.5 Prozess einer Familienstrukturaufstellung (FSA)
3.3.6 Allgemeine Ziele – Wunder und Lösungen
3.4 Zusammenfassung – Gemeinsamkeiten, Unterschiede, Erweiterungen

4 Symbiotische Verstrickungen
4.1 Definitionen von Symbiose und Autonomie
4.1.1 Bindungstheorie – die Bedeutung einer sicheren Bindung
4.1.2. Identität und Individuation – aus dem Wir zum Ich
4.2 Definition von symbiotischen Verstrickungen
4.2.1 Mehrgenerationenperspektive
4.2.2 Loyalitätsbindungen – Verbindungen und Gebundenheiten
4.2.3 Begriffsklärung: Verstrickung
4.2.4 Verstrickung als Folge eines Symbiosetraumas
4.3 Magersuchtfamilien – der Fall: Familie Landmann

5 Möglichkeiten und Grenzen systemischer Aufstellungsarbeit: Familienrekonstruktion und FSA am Fallbeispiel Petra Landmann
5.1 Eine symbiotische Verstrickung: Indexpatientin Petra Landmann
5.2 Möglichkeiten und Grenzen beider Ansätze

6 Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wenn man das Zusammenleben von Menschen in Familien betrachtet, so entdeckt man verschiedene Ausgestaltungen von Möglichkeiten und Begrenzungen des individuellen Wachstums, Chancen persönlicher und familiärer Weiterentwicklung und Bedingungen des Zusammenhalts. Die familiären Lebensentwürfe beruhen nicht nur auf Entscheidungen einzelner Familienmitglieder der Gegenwart, sondern sind aufgrund von alten Glaubenssätzen, Loyalitäten, guten wie traumatischen Erfahrungen und Kompetenzen der vorherigen Generationen miteinander verbunden, was die Komplexität von familiären Bedingungs- und Wirkungszusammenhängen Wirklichkeit werden lässt.

In Anlehnung an die Metapher, die Weber und Stierlin (1989) als Grundlage ihrer Argumentationen in ihrem Buch anführen, werde auch ich in meinen einleitenden Worten der vorliegenden Arbeit dieses Bild nachzeichnen:

Ähnlich eines Hauses, das je nach Ausgestaltung groß oder klein ist, verschiedene Zimmer und neben Eingangs- und Hintertür Zwischentüren aufweist, haben ebenso Familien „Beziehungstüren“ (Weber & Stierlin, 1989, S. 10), die je nach Beziehungsklima und Vorstellung von Zusammenhalt und Weiterentwicklung einzelner Familienmitglieder unterschiedlich behandelt werden. So kommt es vor, dass je nach Ausprägung diese Zwischentüren Beziehungen zwischen den Familienmitgliedern eröffnen oder verschließen können. Familien, die in ihren Beziehungszusammenhängen Zwischentüren als unnötig erachten, werden möglicherweise diese aus diesem Grund aushängen; eine andere Familie würde im Gegensatz dazu ihre Türen mit unüberwindbaren Schlössern sichern.

Im Rahmen dieser vorliegenden Arbeit soll explizit der Frage nachgegangen werden, auf welche Weise bestimmte „Beziehungstür-Muster“ in die nächste Generation übertragen oder weitergereicht werden können und inwieweit diese verstrickten Beziehungsstrukturen die persönliche Identitätsbildung und Weiterentwicklung beeinflussen und behindern können. Mein persönlicher Anreiz, über diese Thematik zu schreiben, liegt darin begründet herauszufinden, inwieweit mögliche entwicklungshinderliche familiäre Gegebenheiten mit persönlichen und Hilfe stellenden Mitteln und Kompetenzen überwunden werden können. Folglich soll den leitenden Fragen nachgegangen werden: Inwieweit kann systemische Aufstellungsarbeit symbiotische Verstrickungen in Familienzusammenhängen lösen? Welche Möglichkeiten und Grenzen stehen im Rahmen von Familienrekonstruktion und Familienstrukturaufstellung zur Überwindung möglicher symbiotischer Verstrickungen dem Klienten zur Verfügung?

Der Schwerpunkt der Arbeit liegt in der Beschreibung und Erklärung entstehender symbiotischer Verstrickungen, wobei die besondere primäre Beziehung zwischen Kind und Mutter hervorgehoben werden soll. Diese eigentümliche Beziehungs- und Bewältigungsstruktur wird am Fallbeispiel der Familie Landmann, mit dem Fokus auf die erkrankte Tochter Petra, erläutert und im methodischen Teil der Arbeit mit den vorgestellten Aufstellungsformaten verknüpft werden. In diesen Ausführungen wird ausschließlich auf die Möglichkeiten und Grenzen der Familienrekonstruktion nach Satir und der Familienstrukturaufstellung nach Sparrer und Varga von Kibéd eingegangen werden.

Die Arbeit gliedert sich in sechs Kapitel. Nach den einleitenden Worten werden im zweiten Kapitel die systemischen Grundannahmen, die das Fundament sowohl systemischer als auch systemisch-konstruktivistischer Arbeit mit Menschen ausmachen, vorgestellt und neben den erkenntnistheoretischen auch die anthropologischen Annahmen dargestellt. Nach einer kurzen Einführung in die Systemtheorie, deren zeitliche Entwicklung, prägnanter systemtheoretischer Begrifflichkeiten und der Beschreibung von subjektiven Wirklichkeitskonstruktionen, werden das grundlegende Menschenbild, das ganzheitliche Denken und das Verständnis von Schwierigkeiten in Systemzusammenhängen erläutert. Im Anschluss werden die komplexen Wirkungszusammenhänge eines Familiensystems aufgezeigt und die Merkmale unterschiedlich gestalteter Grenzziehungen von Familiensystemen besprochen, wodurch der Leser in die komplexe und herausfordernde Arbeit in Familienkontexten eingeführt wird. Im dritten Kapitel wird die systemische Aufstellungsarbeit in Abgrenzung zu Bert Hellingers Familienstellen definiert. Neben den kritischen medialen Einwänden der Hellinger-Methode und der Potsdamer-Erklärung der Systemischen Gesellschaft, werden gesondert bestimmte Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Hellingers Familienstellen und den systemischen Strukturaufstellungen nach Sparrer und Varga von Kibéd nachgezeichnet werden. Diese Vorgehensweise ermöglicht es zum einen möglichen informellen Verunsicherungen entgegenzuwirken und die besondere systemisch-konstruktivistische Sichtweise Sparrers und Varga von Kibéds vorzustellen und zum anderen Hellingers bahnbrechende Leistung im Feld systemischer Therapie und Aufstellungsarbeit annehmbar zu würdigen.

Im weiteren Verlauf des Kapitels werden die beiden systemisch-konstruktivistischen Aufstellungsformate vorgestellt, die das Grundgerüst dieser Arbeit darstellen: die Familienrekonstruktion nach Satir und die systemischen Strukturaufstellungen nach Sparrer und Varga von Kibéd. Neben der Weltsicht und inneren Haltung werden zudem die Herangehensweisen an die Methoden, die Durchführungen und Abläufe sowie deren Zielsetzungen detailliert nachgezeichnet. Das dritte Kapitel schließt mit einer kurzen Zusammenfassung der beiden Ansätze, indem deren Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Erweiterungen dargestellt werden.

Das vierte Kapitel dient der Darstellung und Erklärung der bedeutenden Begriffe wie Symbiose und Autonomie, sowie möglicher Erklärungskonzepte für symbiotische Verstrickungen, welche zum einen die Besonderheit der primären Mutter-Kind-Beziehung (Bindungstheorie) und zum anderen die Herausforderung einer gelungenen Individuation demonstrieren. Außerdem werden mit der Definition von symbiotischen Verstrickungen, die grundlegende Mehrgenerationenperspektive, die Kraft von Loyalitätsbindungen und Gebundenheiten, sowie Rupperts Konzept einer symbiotischen Verstrickung als Folge eines Symbiosetraumas verdeutlicht. Anschließend wird das Fallbeispiel, die Familie Landmann mit der an Magersucht erkrankten Tochter Petra in tabellarischer Form vorgestellt werden, womit ein praktischer Bezug zum theoretischen Teil der Arbeit hergestellt werden kann.

Das fünfte Kapitel bildet den methodischen Schwerpunkt dieser Arbeit. In den Ausführungen dieses Kapitels wird zum einen die symbiotische Verstrickung in der Familie Landmann, mit dem Fokus auf Petra, veranschaulicht und anhand der ausgewählten Kategorien die beiden bereits vorgestellten Aufstellungsformate angewandt. Im Hinblick auf mögliche Überwindungen symbiotischer Verstrickungen werden neben den denkbaren Begrenzungen der Ansätze oder menschlicher Unzulänglichkeiten die entscheidenden Möglichkeiten und Chancen einer Familienrekonstruktion oder Familienstrukturaufstellung deutlich dargeboten.

In der Schlussbetrachtung, dem sechsten Kapitel der Arbeit, werden die erarbeiteten Ergebnisse zusammengefasst, offen gebliebene Fragen erläutert und zukunftsorientierte Ausblicke geboten. Das Ende der Ausarbeitung wird die persönliche Schlussbemerkung der Autorin darstellen.

Bevor der Einstieg in die Materie der vorgelegten Arbeit geschehen kann, soll zuvor die Verwendung der grammatikalischen Geschlechtsformen illustriert werden. Für die Betonung der Gleichstellung von Mann und Frau wird häufig eine geänderte Schreibweise (KlientIn oder BegleiterIn) verwendet. In dieser Arbeit werden, im Sinne der besseren Lesbarkeit, Wörter wie Klient oder Begleiter als geschlechtsübergreifende Kategorien angesehen, denen sowohl weibliche als auch männliche Personen angehören.

2. Systemtheoretische Grundannahmen

Das systemische Denken findet mittlerweile in unterschiedlichen Gebieten Anwendung, u. a. auch in der Arbeit mit Familien. Die Systemtheorie bietet dabei den theoretischen Hintergrund, der sich aus unterschiedlichen Theoriezweigen und Wissenschaftsbereichen wie Biologie, Psychologie und Soziologie entwickelt hat (vgl. von Schlippe & Schweitzer, 2007).

Im anstehenden Kapitel wird ein Überblick über die Systemtheorie, ihre Wurzeln und Weiterentwicklungen gegeben, wobei gezielt systemtheoretische Begrifflichkeiten erläutert werden, die für diese Arbeit relevant erscheinen. Neben anderen systemtheoretischen Ansätzen, die vereinzelt Erwähnung finden, wird explizit auf den systemisch-konstruktivistischen Ansatz eingegangen. Dabei werden die prinzipiellen Grundthesen, die dazu gehörigen Konsequenzen und der anwendbare Nutzen dieser Sichtweise anschaulich dargestellt.

Generell soll der Konstruktivismus in dieser Arbeit als Erklärungsmodell der Entstehung von Wirklichkeiten und gleichzeitig als theoretische Basis zur Erläuterung der Aufstellungsarbeit dienen.

2.1 Erkenntnistheoretische Annahmen

„Um die Wahrheit zu erfahren, muss man eine Unzahl Lügen erfinden. Denn was ist die Wahrheit? In Fragen der Religion ist es einfach die Anschauungsweise, die überlebt hat. In Fragen der Wissenschaft die neueste Entdeckung. In Fragen der Kunst ist es die letzte Stimmung.“ (O. Wilde, 1854 bis 1900)

Bevor auf die, die geschichtliche Entwicklung der Systemtheorie, bezeichnenden Wortbedeutungen und konstruktivistischen Wirklichkeitskonstruktionen eingegangen werden kann, wird zuerst der Systembegriff genauer definiert.

Im Allgemeinen wird unter dem Begriff System ein „Gebilde von wechselseitig voneinander abhängigen Einheiten“ (Bozormenyi-Nagy & Spark, 1981, S. 20) verstanden, das sich aus verschiedenen Elementen (materieller und geistiger Art) zusammensetzen kann. „Dabei ist nicht ein für alle Mal festgelegt, was Element und System ist, sondern es hängt von der Perspektive des Beobachters ab, was er als Element oder als System ansetzt (Bertalanffy, 1949, zitiert nach Rosner, 2007, S. 22 f.).

Der Systembegriff stammt von dem griechischen Wort to systema ab und verdeutlicht, dass es sich bei der auf Systemtheorie beruhenden Arbeit und Forschung nicht mehr nur um die Beobachtung einzelner Phänomene handelt, wie es in den psychodynamischen Ansätzen der Fall ist, sondern vielmehr um die Beobachtung ihrer Vernetzung (Sydow, Beher, Retzlaff & Schweitzer, 2007, S. 30; Schmidt & Vierzigmann, 2006, S. 218; von Schlippe, 1995, S. 22). Die Systemwissenschaften haben verschiedene Blickwinkel auf die unterschiedlich gearteten Systemelemente erarbeitet und diverse Schwerpunkte im Bezug auf deren Funktion und strukturelle Gesetzmäßigkeiten gelegt (Simon, Clement & Stierlin, 2004, S. 320). „Allen systemtheoretischen Überlegungen liegt die Erkenntnis zugrunde, dass ein System in seiner Ganzheit sich qualitativ neu und anders verhält als die Summe seiner isoliert betrachteten Einzelelemente“ (Simon et al., 2004, S. 320), wobei sich emergente, das heißt Eigenschaften komplexer Systeme sich nicht – oder jedenfalls nicht offensichtlich – auf Eigenschaften der Elemente, sondern nur aus ihrem Zusammenwirken erklären lassen (Holitzka & Remmert, 2007, S. 22; Sydow et al. 2007, S. 32; Simon, 2006, S. 16; Simon et al., 2004, S. 74; Mücke, 2003, S. 202; Kneer & Nassehi 2000, S. 17; Boszormenyi-Nagy & Spark, 1981, S. 20).

Allerdings lassen sich zwei, für die Arbeit mit Familien relevante, unterschiedliche Ansätze erkennen: Die Kybernetik 1. Ordnung und die Kybernetik 2. Ordnung.

Die ältere Systemtheorie orientiert sich an der Unterscheidung zwischen der Systemeinheit und ihren Einzelteilen und richtet ihre Aufmerksamkeit auf die Organisation der Interaktion zwischen den einzelnen Elementen. Hierbei ist das Konzept der Homöostase (= Gleichgewicht) ein zentraler Bestandteil der Untersuchungen, wobei nachgeprüft werden sollte, welche „Systemparameter unter wechselnden Umweltbedingungen konstant gehalten werden können“ (von Schlippe & Schweitzer, 2007, S. 61; Sydow et al. 2007, S. 32). In diesem Zusammenhang wurde zwischen 1950 und 1980 von „Kybernetik[1] 1. Ordnung“ gesprochen (von Schlippe & Schweitzer, 2007, S. 53). Strukturelle (vgl. Minuchin 1990) und strategische Ansätze systemischer Familientherapie können diesem Modell zugesprochen werden (Schmidt & Vierzigmann, 2006, S. 219).

Anfang der 1980er Jahre beeinflussten die chilenischen Biologen Maturana (geboren 1928) und Varela (1946 bis 2001) mit ihren erkenntnistheoretischen Überlegungen zur Autopoiese[2] (Selbstorganisation) lebender Systeme die Sichtweisen der Systemtheoretiker nachhaltig (von Schlippe & Schweitzer, 2007, S. 51; Simon, 2006, S. 32; Luhmann, 1998, S. 65). „Der Fokus verschob sich mehr und mehr auf die innere, autonome Selbstorganisationslogik lebender Systeme, auf ihre operationale Abgeschlossenheit[3] und damit auch auf die Grenzen externer Einflussnahme“ (von Schlippe & Schweitzer, 2007, S. 51). Die Idee, kontrollieren zu können, was in einem lebenden System geschieht, wurde aufgegeben (S. 51). Zentral für diese Theorie ist, dass lebende Systeme sich selbst erzeugen, regulieren und erhalten können, wobei sie nicht nur ihre eigenen, internen Strukturen, sondern auch Elemente schaffen können, aus denen sie gebildet sind (von Schlippe & Schweitzer, 2007, S. 69; Simon, 2006, S. 32; Mücke, 2003, S. 139).

Nach Simon, Clement und Stierlin (2004) hängt die Entstehung und Aufrechterhaltung lebender Systeme von der Fähigkeit ab, ihre Strukturen je nach Anforderung verändern, aber ihre Organisation beibehalten zu können (Aspekt der Selbstreferenz) (S. 39). Infolgedessen sind autopoietische Systeme „strukturell determiniert“ (Simon et al., 2004, S. 39) und können von Ereignissen aus der Umwelt höchstens verstört (Perturbation) werden. Das Konzept der Autopoiese beinhaltet darüber hinaus noch eine erkenntnistheoretische Aussage, indem das Leben eine Form von Erkennen darstellt und als Konsequenz die Welt nur durch unsere Wahrnehmung erschaffen werden kann (S. 52). Der radikale Konstruktivismus, der aus der philosophischen Erkenntnistheorie stammt, brachte ähnliche Überlegungen hervor. „In beiden Theorien wird die Wirklichkeit als nicht loslösbar vom Beobachter gesehen, der diese Wirklichkeit durch den Akt der Beobachtung erst hervorbringt“ (von Schlippe & Schweitzer, 2007, S. 87; Simon et al., 2004, S. 52).

Eine weitere Entwicklung des Autopoiese-Konzeptes hat Niklas Luhmann (1927 bis 1998) (Soziale Systemtheorie) vorgenommen. Er baute seine systemtheoretischen Weiterentwicklungen auf dem Konzept der Autopoiese auf, wobei er „nicht Individuen, sondern Kommunikation als autopoietisch erzeugte Elemente eines sozialen Systems“ ausmacht (Simon et al., 2004, S. 40).

Ab 1980 erfuhr die Systemtheorie einen tiefgreifenden Wandel (Paradigmenwechsel), der nach von Schlippe (1995) zu der linear-kausalen Denkweise eine ganzheitlich-systemische hinzufügte (S. 16). Neben anderen Theorien, wie der Chaostheorie, Synergetik und Autopoiese-Konzepten hatte der Konstruktivismus großen Einfluss auf den Meinungsaustausch und die Praxis systemischer Therapie und Beratung (von Schlippe & Schweitzer, 2007, S. 52; Nußbeck, 2006, S. 67). Das Interesse galt weniger dem Konzept von Gleichgewicht und Anpassungsfähigkeit von Systemen, sondern vielmehr der Selbstorganisation, Autonomie und Eigendynamik eines Systems. Im Gegensatz zur Kybernetik 1. Ordnung ist ein Berater oder Therapeut, im Rahmen von familientherapeutischen Prozessen, nicht mehr unabhängiger, analysierender Beobachter eines Systems, sondern er ist Teil desselben. Er verliert den „Expertenstatus gegenüber dem zu beratenden System“ (Schmidt & Vierzigmann, 2006, S. 221). Prozesse, die zu einer Unterscheidung zwischen Systemen und Umwelt führen; Relationen, die das aufzeigen, was „zwischen den Elementen“ (Rosner, 2007, S. 26) ist, das ist jetzt von Interesse (Simon, 2006, S. 41; Simon et al., 2004, S. 320).

Heinz von Foerster kann als Mitbegründer der Kybernetik 2. Ordnung verstanden werden, da er das frühere Konzept weitreichend erweiterte und das Beobachtersystem in das Klientensystem integrierte (Bamberger, 2001, S. 9). Es kommt „zu einer Kybernetik der Kybernetik“ (Simon et al. 2004, S. 193; Bamberger, 2001, S. 10), wobei der Berater und der Klient weiterhin in einem systemischen Zusammenhang aufeinander bezogen bleiben. Das bedeutet, der Berater bleibt Interaktionspartner und fördert bewusst und zum Teil unbewusst bestimmte Interaktionsmuster (Nußbeck, 2006, S. 71). Eine solche, erweiterte Sichtweise bleibt nicht ohne Folgen. Zum einen kann es nach diesem Modell keine „Objektivität“ (im eigentlichen Sinne) mehr geben, da der Berater selbst immer auch Teil des Systems ist und keine außenstehende Position mehr einnehmen kann, jedoch beinhaltet diese Neuerung auch eine Chance. Der Berater ist gleichzeitig entlastet von der Bürde, das „einzig Richtige“(Bamberger, 2001, S. 10) tun zu müssen. Mit diesem Modell besteht die Möglichkeit, mit dem Klienten gemeinsam Wege und Alternativen zu finden, wobei allerdings dem Berater weiterhin eine gesonderte Verantwortung von Interaktionsprozessen bleibt (Bamberger, 2001, S. 10).

Nach Simon, Clement und Stierlin (2004) lässt sich die Systemtheorie auf Basis der Kybernetik 2. Ordnung nur noch konstruktivistisch betreiben (S. 193). Es bleibt keine höhere Instanz zurück, die über eine objektive Sicht verfügt und beschreiben könnte, was „wirklich“ ist.

Bevor in diesem Zusammenhang auf die Unterscheidung der Begriffe Wirklichkeit und Realität eingegangen werden kann, die in der Gegenüberstellung eine systemisch-konstruktivistische Denkweise besonders veranschaulichen können, soll die Lehre des konstruktivistischen Ansatzes vorgestellt und dessen Besonderheiten beleuchtet werden.

Die Lehre des Konstruktivismus beschäftigt sich mit der Entdeckung und Konstruk tion von Wirklichkeiten[4], wobei die Ursprünge des konstruktivistischen Denkens von der Antike über Kant, Wittgenstein, Piaget, um nur einige zu nennen, bis hin zur Neuzeit reichen (vgl. von Glaserfeld, 2006). Bei diesem Modell wird der Frage auf den Grund gegangen, auf welche Weise Menschen aktiv Anteil an der Konstruktion ihrer Erfahrungswelt haben (Mücke, 2003, S. 87). Die Grundthese besagt, dass eine Wahrnehmung niemals ein Abbild der Realität liefert, sondern immer eine Konstruktion aus Sinnesreizen und Gedächtnisleistung eines Individuums ist. Die Konsequenz aus diesem konstruktivistischen Denken ist, dass jedes Individuum sich seine Welt (innere Landkarte) selbst errichtet und dafür Verantwortung trägt (von Glaserfeld, 2006, S. 17; Mücke, 2003, S. 87 f.).

Der radikale Konstruktivismus, begründet in den 1970er Jahren von Ernst von Glaserfeld und Heinz von Foerster, kann als eine separate Strömung des konstruktivistischen Ansatzes verstanden werden (Sydow et al., 2007, S. 36). Diese Richtung wird als radikal bezeichnet, weil mit „Konventionen [gebrochen] und eine Erkenntnistheorie entwickelt [wurde], in der die Erkenntnis nicht mehr eine objektive, ontologische (Lehre des Seins) Wirklichkeit betrifft, sondern ausschließlich die Ordnung und Organisation von Erfahrungen in der Welt unseres Erlebens“ (von Glaserfeld, 2006, S. 23). Foerster (2006) postuliert: „Die Umwelt, so wie wir sie wahrnehmen, ist unsere Erfindung“ (S. 40). Aus diesem Grund ist Objektivität im Sinne einer Übereinstimmung von wahrgenommenem (konstruiertem) Bild und Realität unmöglich; ausnahmslos jede Wahrnehmung ist subjektiv (Reich, 2010, S. 20 f.; Massing, Reich & Sperling, 1992, S. 44). Darin besteht die Radikalität (Kompromisslosigkeit) des radikalen Konstruktivismus. Folglich kann der radikale Konstruktivismus nicht als „Abbild oder Beschreibung einer absoluten Wirklichkeit aufgefasst werden […], sondern als ein mögliches Modell der Erkenntnis in kognitiven Lebewesen […]“ (von Glaserfeld, 2006, S. 37). Das Interesse liegt dementsprechend nicht darin, eine absolute Wahrheit zu finden, sondern darin aufzuzeigen, aufgrund welcher Bewertungen bestimmte Dinge nützlich erscheinen (Bamberger, 2001, S. 7). So gesehen liegt die Brauchbarkeit dieser radikal konstruktivistischen Denkweise darin begründet, dass Handlungen, mit denen Menschen ihre Erlebenswelt zusammenstellen, auf diese Weise größtenteils erschlossen werden können.

Auf Basis dieser Überlegungen sind Menschen durch bewusstes Handeln in der Lage, eigenes Erleben anders und möglicherweise besser zu gestalten, wodurch eine relativ verlässliche, eigene Welt geschaffen werden kann (von Glaserfeld, 2006, S. 38). Findet dieses Modell in zwischenmenschlichen Zusammenhängen Anwendung, wird deutlich, dass „Wirklichkeiten“ im Dialog, in Gesprächen und in wechselseitigen Beziehungsstrukturen, entstehen (von Schlippe & Schweitzer, 2007, S. 89).

Welche Denkweise und welches Menschenbild liegen diesen Erkenntnissen zugrunde? Was wird unter „Problemen“ oder gar „Symptomen“ verstanden? Kurz gesagt: Welche anthropologischen Annahmen schließen sich diesen grundlegenden Einsichten an? Im nachstehenden Kapitel soll diesen Fragen nachgegangen werden.

2.2 Anthropologische Annahmen

Der Mensch wird aus systemischer Sicht als ein zugleich biologisches, als auch soziales Wesen betrachtet, der auf eine soziale Gemeinschaft angewiesen ist. Das menschliche Leben ist in bedeutsame Sinn- und Bedeutungsbezüge eingefügt, wobei Veränderungen von Bedeutungen und Bedeutungskontexten einen hohen Stellenwert einnehmen (Sydow et al., 2007, S. 19 f.).

Mit der Systemtheorie entwickelte sich eine neuwertige Sichtweise auf die individuellen Merkmale eines Menschen (Klienten oder Patienten), wobei der Fokus fortan vielmehr auf der Interaktion und Wechselbeziehung zwischen dem Individuum und seiner Umwelt liegt und die psychodynamische Tradition ablöste (Sydow et al., 2007, S. 30; von Schlippe, 1995, S. 16). Das Wesentliche im systemischen Denkansatz besteht darin, dass ein grundsätzliches Umdenken einsetzte. Lineare Ursache-Wirkungsketten wichen zu Gunsten des ganzheitlichen Denkens. Anstelle von gradlinig-kausalen Erklärungszusammenhängen entstanden zirkuläre Begründungen, die bei komplexen, lebenden Systemen Sinn ergeben. Charakteristisch ist das Denken in Netzwerken, Kreisläufen und gegenseitiger Beeinflussung (zirkuläres Denken) (Reich, 2010, S. 26; Sydow et al., 2007, S. 15; von Schlippe, 1995, S. 30). Das bedeutet, dass das Verhalten eines Systemelementes Ursache für das Verhalten als auch Wirkung des Verhaltens anderer Systemelemente sein kann (Rückkopplungsprozesse) (Reich, 2010, S. 30; Sydow et al., 2007, S. 32). Bezogen auf systemische Aufstellungsarbeit besagt dieser Aspekt, dass ein Mensch, der sich unwohl fühlt, stets aus zwei Perspektiven zugleich betrachtet wird. Zum einen wird der Frage nachgegangen, inwieweit sein Verhalten als Reaktion auf sein soziales Umfeld verständlich gemacht werden kann und zum anderen wird geprüft, inwieweit sein Verhalten sein soziales Umfeld prägt und formt (Sydow et al., 2007, S. 32). Dieser Gesichtspunkt wird als Selbstreferenz oder „Selbstbezüglichkeit“ (Simon et al., 2004, S. 291) bezeichnet (Reich, 2010, S. 26; von Schlippe & Schweitzer, 2007, S. 71). Anhand dieses Beispiels wird deutlich, dass eine linear-kausale Sichtweise im Bezug auf komplexe Systeme zu kurz greifen würde. Der Begriff zirkuläre Kausalität, geprägt von Norbert Wiener, macht an dieser Stelle mehr Sinn, wobei „die Teile eines Systems wechselwirkend aufeinander wirken“ (von Schlippe & Schweitzer, 2007, S. 90). Jedoch finden sich auch hier Einwände, da sich herausgestellt hat, dass dieses Argument als ausschließliches Erklärungsprinzip für eine systemische Sichtweise ebenso wenig ausreicht (S. 93).

Findet sich innerhalb einer Familie eine Schwierigkeit, ein Symptom, so wird dies als Signal verstanden, woraufhin keine „Behandlung der Ursache“ (von Schlippe & Schweitzer, 2007, S. 93) erfolgt, sondern therapeutisch gelenkte Anstöße gegeben werden können, die helfen, dass die Familie neue Muster miteinander entwickeln kann und Wachstum möglich wird (Boszormenyi-Nagy & Spark, 1981, S. 26). Das Prinzip dieses Ansatzes liegt darin, dass es nicht um „richtig“ oder „falsch“, sondern um „anders“ geht. Jedes Verhalten hat eine sinnvolle Bedeutung für den Zusammenhalt des Gesamtsystems, auch wenn ein Teil des Systems einen scheinbaren Nachteil angibt (Nußbeck, 2006, S. 69). Wenn Probleme entstehen, bedeutet das, dass die Fähigkeiten einzelner Systemelemente und der Kontext nicht optimal zusammen passen, was durch die Erweiterung und Vergrößerung von Handlungsalternativen und neuwertigen Blickrichtungen verändert werden kann. Passend dazu hat von Foerster (2006) die Zielrichtung systemischen Denkens in einem ethischen Imperativ wie folgt beschrieben: „Handle stets so, dass weitere Möglichkeiten entstehen“ (von Schlippe & Schweitzer, 2007, S. 116; Foerster, 2006, S. 60). Das hat zur Konsequenz, dass jegliche Einschränkungen wie Denkverbote, Richtig- und Falschbewertungen sowie Tabus systemischem Arbeiten entgegenstehen, weil diese Aktionen die Anzahl von Möglichkeiten begrenzen (von Schlippe & Schweitzer, 2007, S. 116).

Demzufolge wird ein Krankheitszeichen innerhalb eines Familiensystems nicht der Eigenschaft einer Person zugeschrieben, sondern es wird vielmehr als bezeichnendes „Merkmal von Beziehungsstrukturen“ (Sparrer, 2009a, S. 36) verstanden, welche sich durch bestimmte Kommunikationsabläufe zwischen den Familienmitgliedern, auszeichnen. Es existiert nicht eine Ursache für ein Problem, sondern es bestehen „zirkuläre[n] Verursachung[en]“(S. 38).

Aufgrund dieser Gesichtspunkte lässt sich festhalten, dass die systemisch-therapeutische Arbeit, worunter ebenso systemische Aufstellungsarbeit verstanden werden kann, darauf abzielt, die „unterschiedlichen Sichtweisen und Bedeutungszuschreibungen von Familienmitgliedern herauszuarbeiten und neue, ressourcenorientierte Sichtweisen einzuführen“ (Sydow et al., 2007, S. 36).

Bevor in den anstehenden Ausführungen das komplexe System der Familie behandelt werden kann, wird ein kurzer Überblick über die vielfältigen Familientherapiemodelle gegeben, wobei hierbei nicht alle Pioniere und Gründer familientherapeutischer Schulen vorgestellt werden können, da es sich dabei um eine Vielzahl von Personen, Orten und Institutionen handelt und das der Schwerpunktlegung in meiner Arbeit nicht dienlich wäre (von Schlippe & Schweitzer, 2007, S. 20). Die nachstehende Darstellung dient allein der Illustration des zum Teil unübersichtlichen Feldes systemischer Therapie, bzw. Familientherapie, die sich in den letzen Jahrzehnten enorm entfaltet hat (Reich, 2010, S. XI).

Bei der systemischen Familientherapie kann nicht von einem genialen Begründer gesprochen werden, wie das bei anderen Theoriebildungen ab und an der Fall ist (als Beispiel in der Psychoanalyse: Freud). „Es sind eher eine ganze Reihe herausragender Persönlichkeiten“ (von Schlippe & Schweitzer, 2007, S. 19), die hier zu nennen wären (Nußbeck, 2006, S. 66). Anhand eines Schemas haben von Schlippe und Schweitzer (2007) versucht, die unterschiedlichen Konzepte systemischer Therapie zusammengefasst darzustellen, obwohl sie darauf hinweisen, dass sie in dieser Form nicht allen Aspekten und Überschneidungen gerecht werden können (S. 23).

Unter den klassischen Modellen, die der Kybernetik 1. Ordnung zugeschrieben werden, werden die strukturelle Familientherapie nach Minuchin, die erlebnisorientierte Familientherapie nach Satir, die strategische Familientherapie nach Haley und das Mehrgenerationenkonzept nach Stierlin (ursprünglich von Boszormenyi-Nagy) aufgeführt. Als kybernetische Modelle 2. Ordnung, welche ab 1980 Anwendung fanden, finden die systemisch-konstruktivistische Therapie, nach Stierlin (weiterentwickelt von von Foerster und von Glaserfeld zum radikalen Konstruktivismus) und das Reflecting Team von Andersen u. a. Erwähnung (vgl. Schlippe & Schweitzer, 2007).

Diese vielfältigen systemischen Ansätze haben sich in unterschiedlichen Therapie- und Beratungsformaten etablieren können und stellen einen wertvollen Erfahrungsschatz für Therapeuten und Familien dar.

Was macht die Arbeit mit Familien so besonders? Welche Struktur und Ordnungszusammenhänge liegen diesem System zugrunde? Im nachstehenden Kapitel wird diesen Fragestellungen auf den Grund gegangen, damit ein erster Eindruck entstehen kann, was die Arbeit in Familienzusammenhängen bedeutet.

2.3 Familie als System

Neben allen anderen sozialen Systemen stellt das Familiensystem eine Besonderheit dar. Im Gegensatz zu künstlich zusammengesetzten Systemen, die mitunter aus rationaler Übereinkunft geschlossen wurden, sind die familiären Verbindungen im Allgemeinen durch Geburt oder Heirat entstanden. Zwischen Eltern und Kindern besteht ein lebenslängliches Verhältnis, welches im Gegenzug zu anderen, frei gewählten Beziehungen, der Familie noch einmal mehr eine einzigartige Bedeutung zukommen lässt (Mücke, 2003, S. 205). „Die Familie zeichnet sich durch eine natürliche Hierarchie bzw. Ordnung aus“ (Mücke, 2003, S. 205). Insbesondere die Anhänger der strukturellen Familientherapie (u. a. Minuchin) sind der Ansicht, dass die hierarchische Ordnung zwischen Eltern und Kindern bestehen bleibt, wenngleich sich die Zugehörigkeitsbedingungen von Herkunfts- in Gegenwartsfamilie verlagern können (Simon et al., 2004, S. 116; Mücke, 2003, S. 205). Systeme können infolgedessen in Subsysteme oder übergeordnete Systeme zerlegt werden. Angewandt beim Familiensystem bedeutet das, dass „höher geordnete Systeme alle untergeordneten Systeme umfassen“ (von Schlippe, 1995, S. 27). Die Gesellschaft umfasst die Familie und die Individuen. Die Familie umfasst wiederum das Elternsystem, das Paarsystem und das Subsystem möglicher geschwisterlicher Systeme (Perrez & Bodenmann, 2009, S. 78).

Wird diese Hierarchie verletzt, indem Generationsgrenzen missachtet werden, kann die Familie mit Problemen rechnen, welche sich auf unterschiedliche Art und Weise zeigen können (Mücke, 2003, S. 205).

Bei der Betrachtung einer Familie kann man dem System nur gerecht werden, wenn man die Prozesshaftigkeit berücksichtigt und darüber hinaus die Vernetzung der Beziehungsgefüge, „das heißt, die Wechselwirkungen zu unterschiedlichen Bezugsgruppen (Herkunftsfamilie, Verwandtschaft, eigene Familie, Institutionen)“ (Barth, 1985, S. 19) zu begreifen versucht (von Schlippe, 1995, S. 23). Die Wechselwirkungen zwischen den Elementen (Eltern, Kinder, u. a.) bilden das Familiensystem in Abgrenzung zu dessen Umwelt. Systeme können nur als solche identifiziert werden, indem sie sich klar von der Umwelt abgrenzen. Diese Grenzziehungen haben vor allem bei lebenden, komplexen Systemen, wie einem Familiensystem, eine nützliche, komplexitätsreduzierende Funktion (Sydow et al., 2007, S. 31; Simon et al., 2004, S. 127). Für ein Familiensystem bedeutet das, dass es nur funktionieren und als solches erkannt werden kann, wenn es klare Grenzen aufweist. Diese Grenzziehung, wer dazu gehört und wie, wird durch das Aufstellen von Regeln gewährleistet (Simon et al., 2004, S. 127). „Regeln können offen (explizit) oder verdeckt (implizit), funktional oder dysfunktional sein“ (von Schlippe, 1995, S. 27), was je nach Ausrichtung verschiedene Konsequenzen für das familiäre Zusammenleben haben kann.

Jedes Familiensystem hat seine eigenen, relevanten Systemgrenzen, welche der Eigenkonstruktion der Familie entsprungen sind und systemfunktional Sinn ergeben. Allerdings ist die Art der Grenzziehung entscheidend für ein gesundes Miteinander und die Weiterentwicklung der einzelnen Systemmitglieder (Perrez & Bodenmann, 2009, S. 80). Dabei unterscheidet Minuchin drei verschiedene Qualitäten von Grenzen, wobei er diese Einteilung als ein „Kontinuum“ (Minuchin, 1990, S. 70) zwischen zwei Polen versteht. „Diese beiden Extreme der Handhabung der Grenzen werden als „Verstrickung“ bzw. als „Loslösung“ bezeichnet“ (Minuchin, 1990, S. 70). Ein Pol steht für starre, unangemessene Grenzen (Loslösung), der andere für diffuse Grenzen (Verstrickung) (Perrez & Bodenmann, 2009, S. 79; von Schlippe, 1995, S. 52; Minuchin, 1990, S. 71). Laut Minuchin sind die meisten Familien auf der Linie zwischen den beiden Polen anzutreffen (normaler Bereich = klare Grenzen) (von Schlippe & Schweitzer, 2007, S. 59; von Schlippe, 1995, S. 52; Minuchin, 1990, S. 70 f.).

Was kündigen diese Dispositionen für das Wachsen eines Individuums in einem Familiensystem an? Was bedeutet es für einen Menschen, in einem System mit starren Grenzen groß geworden zu sein? Welche Wirkung haben diese Erfahrungen auf sein späteres Leben? Diese Thematik wird in aller Ausführlichkeit im vierten Kapitel (Symbiose und Autonomie) zur Sprache kommen.

Im Anschluss an die konkreten Darstellungen der erkenntnistheoretischen und anthropologischen Annahmen und der Vorstellung des komplexen Familiensystems, nähere ich mich dem Schwerpunkt meiner Arbeit. Auf Basis dieser Einsichten und Überlegungen soll im Folgenden die Aufstellungsarbeit definiert und beschrieben werden.

3. Systemische Aufstellungsarbeit

Die systemische Aufstellungsarbeit hat sich, begründet auf der Arbeit Hellingers ab den 1980er Jahren, in der heutigen Gesellschaft in vielen Bereichen etablieren können (Schlötter, 2005, S. 9). Das Angebot systemischer Aufstellungsarbeit ist überaus vielseitig, was für zahlreiche Interessierte oft eine Überforderung darstellt. Dieser Facettenreichtum zeigt, dass diese Arbeitsweise unterschiedlich phantasievolle Weiterentwicklungen zulässt und sogar wünscht, jedoch enthüllt diese Übersichtslosigkeit auch eine andere Seite der Medaille: Systemische Aufstellungsarbeit ist kein rechtlich, namentlich abgesicherter Berufsstand, bei dem gewisse Ausbildungskriterien zu erfüllen sind. Es entwickelten sich zwar mit der Zeit einige Ausbildungsinstitute (vgl. SySt-Institut, nach Insa Sparrer & Matthias Varga von Kibéd), die mittlerweile ihre Arbeitsweise geschützt weiter geben wollen und dafür Sorge tragen, dass nur geschulte Menschen dieser Arbeit nachgehen (Sparrer & Varga von Kibéd (2011). Startseite: SySt-Institut. Verfügbar unter: http://www.syst.info/ [25.08.11]). Allerdings gibt es noch ein weites Spektrum, in dem Menschen Aufstellungsarbeit anbieten, wo nicht sichergestellt werden kann, dass es sich um wertvolle, kompetente und verantwortungsvolle Aufstellungsarbeit handelt. „Der Verbreitungserfolg wird [nach wie vor] von einer kontroversen Debatte über Interpretation, Nutzen und Seriosität der Methode begleitet“ (Schlötter, 2005, S. 9), was darüber hinaus Verunsicherungen bei interessierten Menschen auslöst.

Neben diesem Aspekt findet sich noch ein anderer Gesichtspunkt, der sich in den letzten Jahren negativ auf den Ruf systemischer Aufstellungsarbeit ausgewirkt hat. Im Jahre 2002 erschien bereits, neben medial ausgetragenen kritischen Einwänden (z. B. Lakotta, 2002), die erste „Stellungnahme der Systemischen Gesellschaft zur Aufstellungsarbeit Bert Hellingers“ mit dem Fazit, dass es sich bei der Aufstellungsarbeit Hellingers in keinem Fall um eine Methode systemischer Therapie handeln kann (von Schlippe (2002). Stellungsnahme der Systemischen Gesellschaft zur Aufstellungsarbeit nach Bert Hellinger. Verfügbar über: http://www.paar-therapeut.de/constr3/couns/stellunghellinger.pdf [07.09.11]). Viele Kollegen befürchteten, dass der Bereich der systemischen Therapie und Beratung, durch seine Methoden in Verruf geraten könnte. Neben dieser Sorge stand ebenso das Wohl des Klienten im Vordergrund der Überlegungen. Nach Meinung vieler Systemiker scheint bei den Familienaufstellungen nach Hellinger das Wohl des Klienten nicht immer gewährleistet zu sein (Systemische Gesellschaft (2004). Potsdamer Erklärung der Systemischen Gesellschaft zur systemischen Aufstellungsarbeit. Verfügbar unter: http://www.homoeopathie-ffm.de/dokumente/potsdamererklaerung .pdf [25.08.11]).

Diese kurze Stellungnahme kann als Erklärung für die Reaktion vieler interessierter Menschen, Systemiker und Aufstellungskollegen verstanden werden und dabei verdeutlichen, dass es weiterhin wichtig ist, sich weitreichend zu informieren, bevor man sich entschließt, systemische Aufstellungsarbeit in Anspruch zu nehmen.

3.1 Definitionen von systemischer Aufstellungsarbeit

Eppirhema

Müsset im Naturbetrachten

Immer eins wie alles achten;

Nichts ist drinnen, nichts ist draußen:

Denn was innen, das ist außen.

So ergreifet ohne Säumnis

Heilig öffentlich Geheimnis.

Freuet euch des wahren Scheins,

Euch des wahren Spieles:

Kein Lebendiges ist ein Eins,

Immer ist´s ein Vieles.

(J. W. v. Goethe, 1749 bis 1832)

Dieses Kapitel dient als Einleitung der anstehenden Ausführungen über ausgewählte Aufstellungsformate. Die systemische Aufstellungsarbeit wird im Folgenden definiert und im Speziellen von Hellingers Arbeitsweise abgegrenzt. Da in den nachstehenden Kapiteln nicht nur auf die systemische, sondern explizit auch auf eine konstruktivistische Sichtweise eingegangen werden soll, werden gezielt die wesentlichen Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen dem konstruktivistischen und dem phänomenologischen Aufstellungsformat, vorgestellt werden.

3.1.1 Begriffsklärung: systemische Aufstellungsarbeit

Unter Aufstellungsarbeit versteht man das Aufdecken von Störungen oder Blockaden in Systemen, wie beispielsweise der Familie und / oder dem Körper (Holitzka & Remmert, 2007, S. 16). Dabei werden für die wichtigsten Beteiligten des Systems Stellvertreter / Repräsentanten gewählt, die nach Gefühl im Raum positioniert werden. Die Repräsentanten spüren sich ein und teilen mit, welche körperlichen und anderen Symptome oder Gefühle sie am jeweiligen Platz entwickeln. Schlötter (2005) unterscheidet zwischen Aufstellungsarbeit und „reine[r] Externalisierung und Visualisierung innerer Bilder von Beziehungsmustern“ (Simon zit. nach Schlötter, 2005, S. I) Die Nutzung so genannter Stellvertreter oder Repräsentanten macht die Besonderheit aus.

Durch das Umstellen des Bildes, bis alle einen guten Platz gefunden haben, lösende Sätze, Würdigung all dessen, was zum System gehört, lösen sich Blockaden und das System kann wieder frei fließen (Holitzka & Remmert, 2007, S. 16 f.; Rosner, 2007, S. 33). Durch Aufstellungen scheint ein Zugang zu systemischen Strukturen innerhalb der Familie und ein Infragestellen und Erweitern der Perspektiven des Klienten möglich zu sein (Simon zit. nach Schlötter, 2005, S. I).

„Die Aufstellungsarbeit reicht von den soziometrischen und psychodramatischen Anfängen Jacob Morenos über Virginia Satirs Skulpturenarbeit und Bert Hellingers therapeutischen Familienaufstellungen bis zu den Weiterentwicklungen der Heidelberger Schule[…], dem von Matthias Varga von Kibéd und Insa Sparrer vertretenen Ansatz der SySt, […]“ (Rosner 2007, S. 11) sowie dem theoretischen Ansatz von Ivan Boszormenyi-Nagy (1981), dessen jahrzehntelange Forschung von Beziehungsmustern und generationsübergreifenden Bindungen ebenso in systemischer Aufstellungsarbeit Anwendung findet. Neben den genannten Einflüssen gibt es noch viele andere Weiterentwicklungen, auf die im Rahmen dieser Arbeit nicht genauer eingegangen werden soll.[5]

3.1.2 SySt in Abgrenzung zu dem Familien-Stellen Hellingers

Wie in der Einleitung des Kapitels bereits verdeutlicht, ist es notwendig, Abgrenzungen zu dem Aufstellungsformat, dem Familienstellen Bert Hellingers, vorzunehmen. Der Fokus der Ausführungen liegt nicht in der detaillierten Darbietung der Arbeitsmethode Bert Hellingers, sondern in dem differenzierten und kritischen Aufzeigen von nennenswerten Gemeinsamkeiten und Unterschieden. Mit dieser Darstellungsweise sollen die Möglichkeiten der systemisch-konstruktivistischen Arbeit hervorgehoben und die kritischen Ansichten Hellingers sichtbar gemacht werden.

Hellingers phänomenologischer Ansatz beruht auf festgesetzten Grundannahmen, den „Ordnungen der Liebe“ (Eidmann, 2009, S. 116; Simon et al., 2004, S. 100; Hellinger, 2001, S. 66), welche Regelungen und Prinzipien einer gesunden und funktionierenden Familie aufzeigen. Nach Hellinger kann eine Familie nur dann wahrhaftig leben, wenn die zeitliche Reihenfolge (zuerst kommen die Eltern, dann die Kinder) gewürdigt und die Ordnungen von Geben und Nehmen (Eltern geben und Kinder nehmen) eingehalten werden (Simon et al., 2004, S. 100; Weber, 1998, S. 22). In dieser Festlegung zeigt sich der Widerspruch zu dem konstruktivistischen Grundgedanken, der im Gegensatz zu der einzigen Wahrheit Hellingers, jedem Individuum seine individuelle Wahrheitskonstruktion lässt (Daimler, 2008, S. 31). Bei der phänomenologischen Sichtweise geht es im Wahrnehmungsprozess um „absichtsloses Schauen“ (Döring-Meijer, 2004, S. 9; Hellinger, 2001, S. 21), wobei es sich nicht um eine objektive Wahrheit handelt, auch wenn Hellinger in manchen Aufstellungssituationen das Publikum das glauben machen will (Madelung, 1996, S. 173). In Gegenüberstellung dazu interessiert bei den systemisch-konstruktivistischen Aufstellungsformaten, welche Bedeutung die Klienten eigenen Erfahrungen und Erlebnissen zuschreiben und welche Schlussfolgerungen sie daraus ziehen.

Grundsätzlich lässt sich sagen, dass die SySt im Gegensatz zur Aufstellungsarbeit von Hellinger das Anliegen des Klienten und dessen Wunsch nach Veränderung ins Zentrum ihrer Arbeit stellt, auf eine „Leitungsposition“ verzichtet und ihre Arbeit als eine Kooperation zwischen dem Klienten und sich selbst versteht, wobei inhaltliche Deutungen und provokante Interventionen keinen Platz haben (Sparrer & Varga von Kibéd (2011). Was zeichnet SySt gegenüber anderen Verfahren aus? Verfügbar unter: http://www.syst.info/was-ist-syst/was-zeichnet-syst-gegenueber-anderen-ver-fahren-aus [25.08.11]). Zur Verdeutlichung der unterschiedlichen Haltungen, Interventionsformen und dem andersgearteten Verständnis von Wirklichkeiten und Lösungen, haben Sparrer und Varga von Kibéd, bezogen auf ihre SySt, eine Tabelle zusammengestellt.[6]

In der Auseinandersetzung mit Bert Hellingers Arbeit haben sich zwei Denkrichtungen hinsichtlich systemischer Aufstellungsarbeit[7] herausgebildet: eine phänomenologische und eine konstruktivistische. Insa Sparrer und Matthias Varga von Kibéd heben allerdings in ihren Schriften hervor, dass beide Zugangsweisen sich nicht grundsätzlich ausschließen müssen (Sparrer, 2009b, S. 400; Rosner 2007, S. 21).

Insa Sparrer (2009b) hat sich eingängig mit der Thematik, der Unterscheidung von Phänomenologie und Konstruktivismus, beschäftigt und dokumentiert, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede diese wissenschaftlichen Herangehensweisen innehaben.

Für Sparrer handelt es sich bei der Unterscheidung der systemisch-phänomenologischen und der systemisch-konstruktivistischen Methode nicht um grundsätzliche Unterschiede, sondern nur um Unterscheidungen in der „didaktischen Betonung“ (Sparrer 2009b, S. 403). Laut Sparrer (2009b) kann die Aufstellungsarbeit durchaus als konstruktivistischer Prozess betrachtet und ihre entwickelte SFT (= solution focused therapy) ebenso als phänomenologische Methode verstanden werden (S. 403).

Die Gemeinsamkeiten der beiden Herangehensweisen liegen deutlich in den von den Begründern vorgegebenen Grundprinzipien. In Anlehnung an Hellingers vier Grundprinzipien (vgl. Kapitel 3.3.1) haben Sparrer und Varga von Kibéd ihre Grundannahmen aufgestellt. Nach Ansicht einiger Kritiker (z. B. Reich, 2003 ff.) haben sie dabei allerdings nicht ausreichend Abstand zu den bereits vorkonstruierten Wirklichkeiten Hellingers genommen. Eine bedeutsame Verbundenheit zwischen der SySt und dem Familienstellen Hellingers liegt in der Methodik, Personen für ein fremdes System aufzustellen. Das Erstaunliche daran ist, dass Repräsentanten / Stellvertreter gestellt werden und durch repräsentatives Wahrnehmen (laut Sparrer und Varga von Kibéd) oder laut Hellinger „Bewegungen der Seele“ (Hellinger (2011). Das Familien-Stellen. Ein Überblick. Verfügbar unter: http://www2.hellinger.com/home/bert-hellinger/bert-hellinger/das-familien-stellen-ein-ueberblick/ [25.08.11]) Dinge erleben, Impulse verspüren und Körperwahrnehmungen erleben, obwohl sie keine inhaltliche Kenntnis über das fremde System besitzen (Sparrer 2009b, S. 103). Ebenso wie bei Hellinger wird bei der SySt besonderer Wert darauf gelegt, die Repräsentanten gut in ihre Rolle einzuführen, damit sie sich ganz auf ihre intuitiven Wahrnehmungen einlassen können und diese Eindrücke sich nicht mit eigenen intellektuell ausgedachten Empfindungen und Interpretationen mischen können (Sparrer 2009b, S. 105).

Die Unterschiede liegen deutlich bei der Differenzierung der Grundannahmen der SySt und den übergeordneten Metaprinzipien, die zwar auf Grundlage von Hellingers vier Grundprinzipien entwickelt wurden, jedoch Anpassung an die systemisch- konstruktivistische Perspektive erfahren haben. Eine weitere Abweichung besteht darin, dass die SySt viele unterschiedliche Repräsentantenkategorien aufgestellt hat und zudem mit einem Strukturebenenwechsel arbeiten kann, was beim Familien-Stellen nicht vorgesehen ist. Eine gravierende Unterscheidung liegt in der Einstellung des Therapeuten, oder wie Sparrer und Varga von Kibéd sagen, des Gastgebers, was allein schon durch die Wortwahl der Aufstellungsleitungsperson deutlich wird (Eidmann, 2009, S. 149; Sparrer, 2004, S. 86; Varga von Kibéd & Sparrer, 2003, S. 18). Ziel der SySt ist nicht das Finden von Wahrheit und Lösungen, sondern zu versuchen, den Handlungsspielraum des Klienten zu erweitern und statt einer Wahrheit Mehrdeutigkeiten zuzulassen (Sparrer & Varga von Kibéd (2011). Unterschiede zwischen SySt und Hellingers Familienstellen. Verfügbar unter: http://www.syst.info/sites/default/files/unterschiede-syst-und-hellinger.pdf [25.08. 11]. Im Kapitel 3.3 werden die Besonderheiten der SySt gezielt dargestellt.

Diese innere Haltung und Weltanschauung der Arbeit von Sparrer und Varga von Kibéd hat ihre Ursprünge in den Arbeiten Virginia Satirs. Im anschließenden Kapitel wird Satirs besondere und fortschrittliche Aufstellungsmethode ausführlich dargelegt.

3.2 Familienrekonstruktion nach Virginia Satir

Virginia Satir gilt als „Mutter der Familientherapie“ und schuf mit ihrem neuwertigen Konzept[8] – dem Wachstumsmodell – neue Entwicklungsansätze und Handlungsperspektiven. Sie hat mit ihrem Buch Familienbehandlung, welches 1973 erschien, zu einem Umbruch in der therapeutischen Welt beigetragen. Immer mehr Menschen bedienen sich seither des systemischen Ansatzes, um Familien zu helfen (Satir, Banmen, Gerber & Gomoril, 2000, S. 19).

3.2.1 Weltsicht und innere Haltung

Satirs neue Sicht auf den Menschen, das System Familie und die Art, die Welt wahrzunehmen, stellen eine radikale Kehrtwende dar. Denn bei dem zu der Zeit vorherrschenden psychoanalytischen Ansatz wurden die Familienmitglieder stets getrennt voneinander behandelt und jeglicher Austausch zwischen dem Therapeuten und anderen beteiligten Familienmitgliedern war verwehrt. Durch die innovative Sichtweise von Satir wurde der gebräuchliche, psychoanalytische Ansatz in Frage gestellt (Rosner, 2007, S. 25; Satir et al., 2000, S. 19). Mit dieser Neuentwicklung entfernte sie sich von dem „ […] linearen, eingleisigen Ursache- und Wirkungs-Ansatz […]“ (Satir et al., 2000, S.19) da sie der Ansicht war, dass ein Ereignis nicht nur eine Ursache haben kann, sondern ein komplexer Zusammenschluss von Faktoren zu einem einzigartigen Ereignis führt (S. 28). Sie glaubte daran, dass jeder Mensch über innere Ressourcen und Wahlmöglichkeiten verfüge und dass Veränderung in einem System möglich sei (S. 17). Demnach kann Satirs Konzept, eingebunden in eine humanistische Psychologie, dem entwicklungsorientierten Ansatz zugeschrieben werden (von Schlippe, 1995, S. 60).

Grundsätzlich trachtet der Mensch danach zu überleben und zu wachsen, sowie anderen Lebewesen nahe zu sein. Sein immerwährendes Verhalten bringt dies zum Vorschein und vermag gelegentlich „gestört“ erscheinen. Auf der Basis der humanistischen sowie systemischen Grundannahmen werden allerdings Symptome als eine Art Bewältigungsstrategie betrachtet und nicht als Krankheit (von Schlippe, 1995, S. 61). Krankheitszeichen werden vielmehr als Hinweis oder Hilferuf eines Systemmitgliedes verstanden, dass bestimmte Bedürfnisse möglicherweise übersehen wurden und notwendige Änderungen im Verhalten und in der Umwelt unerlässlich geworden sind (Franke, 1998, S. 57). Satir behauptete, Menschen seien vielmehr „Manifestationen positiver Lebensenergie“ (Satir et al., 2000, S. 19), die benutzt werden kann, um einen „heilsamen Umgang mit sich selbst“ (S.19) lernen zu können. Wichtig sei, dass jedes Familienmitglied seinen Platz im System habe und dass jedem der eigene Wert bewusst sei. Satir selbst betrachtete jeden Menschen als einen wertvollen Teil der Schöpfung, den es zu achten gilt. Wie auch andere Vertreter der humanistischen Psychologie (nachzulesen bei Quitmann, 1996) nahm Satir an, dass Menschen, die unter wachstumsfördernden positiven Bedingungen aufwachsen und leben, grundsätzlich gut, kreativ, produktiv und liebevoll seien (Satir et al., 2000, S. 21).

Auf Basis dieser Weltsicht und inneren Haltung entwickelte Satir ein „Wachstumsmodell“ (Satir et al., 2000, S. 22) für alle Menschen. In diesem Modell war ihr wichtig, eine Familie ganzheitlich zu betrachten und auch so mit ihr zu arbeiten. Für sie bedeutete Ganzheit mehr als das Wissen und die Wahrnehmung einzelner Mitglieder. Ganzheit war für sie das, was gegenwärtig ist (Satir et al., 2000, S. 22). Um es zu verdeutlichen, bediente sie sich eines Beispiels:

„Wir können beispielsweise nicht die Knochen in unseren Fingern sehen, aber wir bewegen unsere Finger in dem Wissen und in dem Bewusstsein, dass diese Knochen vorhanden sind. Das Ergebnis unserer Untersuchung darüber, was sich in unserem eigenen Inneren befindet, ob wir es nun sehen können oder nicht, ist ganzheitliches Sein.“ (Satir et al., 2000, S. 22)

Ein ebenso wesentlicher Bestandteil des Wachstumsmodells ist die Liebe der Familienmitglieder untereinander. Aufgrund eines liebevollen Miteinanders in der Familie haben die Mitglieder die Freiheit, ihre Gefühle und die zwischenmenschlichen Unterscheidungen zum Ausdruck zu bringen (S. 32). Sie wissen, dass sie ihren Platz in dem System haben und dass er ihnen auch noch sicher ist, wenn sie wachsen und sich weiter entwickeln.

Satir machte die Erfahrung, dass ein Großteil menschlicher Probleme auf ein zu niedriges Selbstwertgefühl zurückzuführen ist. Ihrer Meinung nach hatten viele Menschen ein niedriges Selbstwertgefühl, was dazu führte, dass diese achtlos und minderwertig mit sich selbst und auch anderen umgehen. Der Selbstwert, der in den ersten Lebensjahren geprägt wird, bestimmt die gegenwärtigen Gefühle des Menschen im Hier und Jetzt und infolgedessen auch den Umgang mit Herausforderungen und den Fähigkeiten zur Kommunikation (S. 19). Es scheint also davon abhängig zu sein, welche Rückmeldung ein Mensch in der frühen Zeit seines Lebens über sein Verhalten von seinen Eltern und wichtigen Verwandten erhalten hat.

„Leben lernen“, so sagt Kaufmann (1990), „steht für die Erfahrungen und Einprägungen des Kindes, wenn es sich in Beziehungen erlebt“ (S. 6). Das Kind lernt sich in angepasster Form im Familienregelsystem zu verhalten. Es bekommt einen Platz im System. So entsteht nach und nach das innere und äußere Bild des Kindes von sich selbst im Bezug zu seiner direkten Umgebung. Das beinhaltet sein Selbstwertgefühl (S. 6 f.).

„Selbstwert oder Selbstachtung ist der Wert, den ein Mensch sich selbst zumisst […]“ (Satir & Baldwin, 2004, S. 159), unabhängig davon, wie andere über ihn denken. Satirs Überzeugung war, dass Familien mit einem niedrigen Selbstwert dieses Grundgefühl an ihre Kinder weitergeben und auch diese sich Partner suchen, die sich ähnlich minderwertig fühlen (S. 160). Sie vermutete deshalb, dass die Mehrzahl der Menschen entsprechend einem althergebrachten, hierarchischen Modell leben.

Sie unterschied zwischen den Menschen, die diesem Modell anhängen und denen, die entsprechend des Wachstumsmodells die Welt verstehen wahrzunehmen (Satir et al., 2000, S. 22). Die Unterscheidung dieser Modelle verdeutlichte sie anhand von vier Phänomenen (S. 23 f.), die im Folgenden genauer erläutert werden.

Definition einer Beziehung. Nach dem hierarchischen Modell sind Beziehungen fortdauernd in einer ungleichen und heteronomen Struktur eingefasst. Es gibt immer einen, der dominant und machtvoll und einen, der unten, devot und unterdrückt ist; einen der stärker und einen der schwächer ist. Dies wird häufig den komplementären Rollen zugeordnet, wie Vater und Kind oder Chef und Untergebener (Satir et al., 2000, S. 23; Kaufmann, 1990, S. 40). Innerhalb der Beziehung tauchen vielfach Gefühle, „wie sinnlose Leere, Wut, Angst und Hilflosigkeit auf“ (Satir & Baldwin, 2004, S. 137; Satir et al., 2000, S. 23; von Schlippe, 1995, S. 62) Damit einhergehen körperliche Ausdrucksformen, die Satir Überlebenshaltungen nannte. Diese geben Aufschluss darüber, welche psychischen Wunden unter der Oberfläche verborgen sind (Satir et al., 2000, S.23).

Im Unterschied dazu werden Beziehungen auf der Basis des Wachstumsmodells als gleichwertig, also auf gleicher Augenhöhe akzeptiert. Nur so können Beziehungen reifen und ein positives Miteinander stattfinden.

Definition einer Person. Im hierarchischen Modell hängt die Definition der eigenen Person von den Regeln anderer ab. Es geht hier primär um Konformität, um das Beibehalten des Status quo. Durch das Schaffen von strengen Regeln wird eine Norm gestaltet, an der man sich messen und vergleichen muss. Ein Mensch, der nun feststellt, dass er dieser Norm nicht nachkommt, also „unzureichend“ ist und versucht mit aller Kraft, sich dieser Norm anzupassen, negiert seine Persönlichkeit (Satir et al., 2000, S. 25). Er übergeht seine eigenen Gefühle und entwertet sie. Das wiederum schwächt sein Selbstgefühl und allmählich verliert er, ohne es zu merken, seine Identität. Solange die Sichtweise besteht, dass der eigene Wert von äußeren Faktoren abhängig sei, wird versucht sich konform zu verhalten. Es besteht so die Hoffnung, dass durch Gehorsam die eigene Person akzeptiert wird (S. 25).

In Gegenüberstellung dazu wird entsprechend dem Wachstumsmodell eine Person als einzigartig angesehen, akzeptiert und als gleichwertig neben anderen definiert (S. 27). Deren Individualität wird anerkannt und Regungen, ganz gleich welcher Art, haben Erlaubnis wahrgenommen zu werden. Satir meint dazu: „Instead of a box to put it in, we need a pot to let it grow” (it = das Kind) (Satir zit. nach von Schlippe, 1995, S. 63). Es bestehen gewisse Ähnlichkeiten, jedoch ebenso bestimmte Unterschiede zwischen den Menschen, die den Reiz eines Miteinanders erst ausmachen.

Erklären eines Vorfalls. Die lineare Erklärungsweise eines Ereignisses ist dem hierarchischen Modell zu eigen, was sich durch die komplementären Gesetzmäßigkeiten, wie Dominanz und Unterdrückung in den Beziehungen, erklären lässt. Es besteht eine klare Ursache-Wirkungs-Struktur, nach der ein Ereignis erklärt werden kann (Satir et al., 2000, S. 27; Kaufmann, 1990, S. 41). Nach dem Wachstumsmodell gibt es nicht nur eine Ursache für ein Ereignis, sondern einen Zusammenschluss von etlichen Faktoren, die ein Ereignis produzieren. Dies gilt es zu erkennen und zu akzeptieren (Satir & Baldwin, 2004, S. 138; Satir et al., 2000, S. 28).

Einstellung gegenüber Veränderung. Auf Basis des hierarchischen Modells werden Veränderungen als etwas Unerwünschtes gesehen, da der Ist-Zustand Sicherheit darstellt und Ordnung schafft. Diesen Schutz wollen Mitglieder eines Systems selten aufgeben. Veränderungen bedeuten stets Risiko und Bewegung. Das kann Angst machen, der sich viele Menschen nicht stellen wollen. Das bedeutet, dass kein Wachsen, keine Weiterentwicklung möglich ist (Satir & Baldwin, 2004, S. 139, S. 166; Satir et al., 2000, S. 29). Von Schlippe (1995) äußert in diesem Kontext, dass gerade das Mitglied eines Familiensystems in einer bedrohlichen Lage sei, das versuche, sich aus den Gegebenheiten der Systembegrenzungen zu lösen (S. 66).

Nach dem Wachstumsmodell erkennen die Mitglieder eines Systems den Eigenwert, die Gleichwertigkeit und die Einzigartigkeit jedes Einzelnen im System an. So können Veränderungen willkommen geheißen, und nicht als Bedrohung wahrgenommen werden (Satir et al., 2000, S. 29).

In diesem Zusammenhang unterschied Satir zwischen geschlossenen und offenen Systemen. Geschlossene Systeme bestehen aus unveränderlichen Verordnungen, Gesetzen, Regeln und Befehlen. Sie funktionieren durch die Ausübung von Macht und denen, die sich dem unterordnen. Macht und Pflichterfüllung sind dem Selbstwert jedes Einzelnen vorangestellt. Satir war davon überzeugt, dass Menschen, die in solchen Systemen leben, sich nicht weiterentwickeln können, „[…] sie können bestenfalls existieren. Menschen brauchen und wollen [jedoch] mehr als dies“ (Satir, 1993, S. 144).

Offene Systeme bieten ein breites Spektrum an Wahlmöglichkeiten, reagieren auf von außen herangetragene Veränderungen flexibel und achten jedes einzelne Systemmitglied. Das Selbstwertgefühl steht an erster Stelle. Nichts steht fest, sondern alles ist zu jeder Zeit wandelbar. Das führt dazu, dass Wachstum und Weiterentwicklung der einzelnen Mitglieder und des Systems selbst möglich sind (Satir & Baldwin, 2004, S. 157 f.; Satir, 1993, S. 143 f.).

3.2.2 Überlebenshaltungen

Die erste Beziehung, die ein Mensch in seinem Leben eingeht, ist die Beziehung zu seinen Eltern. Um diese Beziehung bemüht sich das Kind vom ersten Augenblick an, weil es so sein Überleben sichert (Satir et al., 2000, S. 71). Ist die grundlegende Sehnsucht des Kindes, zu lieben und geliebt zu werden, bedroht, wird es versuchen durch Überlebenshaltungen diese so wichtige Beziehung aufrechtzuerhalten.

Kinder haben oft das Gefühl zu wissen, was ihre Eltern glücklich macht. Sie versuchen die Überlebenshaltungen ihrer Eltern zu verändern, was ihnen gewöhnlich nicht gelingt. Mitunter wird das gesamte Leben damit zugebracht, um diese Überzeugung Wirklichkeit werden zu lassen. Der Preis, den sie dafür zahlen, ist sehr hoch. Sie verbringen ein Leben in Abhängigkeit. Durch das Verhalten der anderen werden sie selbst definiert und ihr Selbstwertgefühl geschwächt (S. 72).

Satir war der Ansicht, dass Eltern stets gute Absichten haben und ihr Bestmöglichstes tun, um ihren Kindern gerecht zu werden. Sie halten sich an das, was sie selbst gelernt haben, wobei viele dieser Lernerfahrungen bis in vergangene Generationen hinein reichen. Aufgrund ihrer langjährigen Arbeitserfahrung war Virginia Satir davon überzeugt, dass Lernerfahrungen von Generation zu Generation weitergegeben werden können, weshalb sie sich in ihrem Satir-Modell einer Drei-Generationen-Perspektive bediente (Satir et al., 2000, S. 71 f.) (vgl. Kapitel 4.2.1).

Satir definierte vier Überlebenshaltungen, die alle aufgrund einer geringen Selbstachtung entstehen können. Diese Haltungen werden übernommen, um sich gegen verbale und nonverbale Bedrohungen zu schützen. Diese Wahrnehmungen, bzw. Informationen von Bedrohungen, spiegeln allerdings nur gefilterte Interpretationen der Wirklichkeit wider, da dem Einzelnen nicht alle existierenden Perspektiven und Informationen zur Verfügung stehen können (S. 49). Gleichzeitig ist Kommunikation an sich nicht immer klar, was weitere Interpretationen und verschiedene Wahrnehmungen begünstigen kann. In diesem Zusammenhang sprach Satir von inkongruenter Kommunikation[9], wobei als Folge jener inkongruenten Botschaften, die ebenso häufig Wiederholung finden, der Selbstwert geschwächt werden kann (S. 50).

Jede Familie hat ihre eigenen Kommunikationsregeln, die vom Kind bereits früh erlernt werden. Diese Regeln sind z. T. verdeckt und nicht klar in der Familie kommuniziert. Verdeckte Regeln haben häufig zur Folge, dass Familienmitglieder keine Chance haben, sich bewusst gegen sie zu entscheiden. Sie führen unbewusst zu einem schlechten Gewissen bei Zuwiderhandlung, ohne dass Kenntnis darüber besteht, warum. Würden diese Regeln aufgedeckt werden, könnten unterschiedliche Gefühle dazu preisgegeben werden und das Miteinander wäre transparent und echt. Bei verdeckten Regeln im Familiensystem besteht diese Möglichkeit nicht. Gefühle werden verborgen, was zur Folge hat, dass bestimmte Mitglieder sich isolieren und gleichzeitig schuldig fühlen, weil sie sich ungehorsam bezogen auf die Familienregel zeigten. Diese negative Grundeinstellung sich selbst gegenüber verringert das ohnehin schon geringe Selbstwertgefühl. Eine verbindende Nähe innerhalb der Familie ist so nicht möglich (Satir & Baldwin, 2004, S.165).

Das bedeutet, dass ein Kind sehr früh ein Übermaß an Regeln lernt, welche absolut verbindlich sind, weil sie das Überleben in der Familie sichern. Durch die Orientierung an den Überlebenshaltungen wird versucht, Akzeptanz im Familiensystem zu erlangen (Satir et al., 2000, S. 52 f.).

Satir hat über diese Überlebenshaltungen, bzw. Kommunikationshaltungen ein Konzept entwickelt, um in übertriebener Form zu demonstrieren, auf welche Art und Weise Menschen ihre inneren Gefühle und ihren Selbstwert zeigen (Satir et al., 2000, S. 53). Sie charakterisiert vier Muster von Überlebenshaltungen, die allerdings nicht nur in Reinform, sondern auch im Wechsel auftreten können: Beschwichtigen oder Versöhnlichstimmen (placating), Anklagen oder Beschuldigen (blaming), übertrieben Vernünftig-Sein oder übermäßig Rationalisieren (being super-reasonable / computing) und Ablenken oder irrelevant Reagieren (being irrelevant / distracting). Das fünfte Muster, welches dagegen keine Überlebenshaltung darstellt, ist der Zustand der Kongruenz (S. 53). Es ist wichtig zu betonen, dass es sich hierbei nicht um unveränderliche Charakterstrukturen, sondern vielmehr um Stressreaktionen handelt (von Schlippe, 1995, S. 66).

Beschwichtigen . Ein beschwichtigender Mensch vermittelt seinem Gegenüber das Gefühl, unwichtig zu sein (Satir et al., 2000, S. 54). Er ist meist freundlich und nett, auch wenn ihm zeitweilig gar nicht danach ist. Sein eigenes Selbstwertgefühl wird von ihm missachtet, was ihn sehr viel Energie kostet. Der Unterschied zum kongruenten Bemühen eines Menschen besteht darin, dass der Beschwichtigende einem anderen eine Freude machen möchte auf Kosten seines Selbstwertes. Dies wird verdeutlicht durch die von Virginia Satir angefertigten Skizzen. Die kniende Körperhaltung eines Beschwichtigenden versinnbildlicht die devote Haltung gegenüber einem anderen (Satir et al., 2000, S. 57; von Schlippe, 1995, S. 69).

Anklagen. Die anklagende Haltung ist eine inkongruente Fassung der gesellschaftlichen Regel, für sich selbst einzustehen. Ein Anklagender entschuldigt sich nicht und nimmt Beschimpfungen anderer in Kauf. Um sich zu schützen, werden andere angegriffen. Die anderen zählen nicht, nur er selbst und der Kontext (Satir et al., 2000, S. 59). Die anklagenden Menschen flößen Angst ein, was dazu führt, dass man ihnen aus dem Weg geht. Menschen, die so eine Überlebenshaltung einnehmen, kennen Momente der Einsamkeit, weil sich viele von ihnen abwenden. Nur in diesen Momenten können Tränen der Trauer fließen. Unter Menschen dürfen sie keine Schwäche zeigen. Die drohende Körperhaltung eines Anklagenden verdeutlicht dessen Beziehungsgestaltung (Satir et al., 2000, S. 60; von Schlippe, 1995, S. 71).

Übermäßig Rationalisieren. Das Kernmerkmal dieser Haltung ist geradezu eine „unmenschliche Objektivität“ (Satir et al., 2000, S. 63). Nach diesem Kommunikationsmuster bleiben das Selbst und die anderen Personen unberücksichtigt. Was zählt, ist der Kontext, die Sache. Es gibt keine Erlaubnis, keinen Sinn, die eigenen Gefühle oder die der anderen mit einzubeziehen (S. 63 f.). Irrtümlicherweise wird diese Haltung oft mit Intelligenz verwechselt. Es besteht zwischen dem übermäßig Rationalisierenden und seinem Gegenüber eine große Distanz, die eine kongruente, klare Beziehung unmöglich macht. Das Bild eines übermäßig Rationalisierenden illustriert seine steife Gefühllosigkeit (Satir et al., 2000, S. 64 f.; von Schlippe, 1995, S. 73).

Irrelevantes Reagieren. Menschen, die diese Überlebenshaltung verinnerlicht haben, sind ständig in Bewegung. Mit diesem Verhalten wird versucht, die Aufmerksamkeit der anderen von dem eigentlichen Thema abzulenken (Satir et al., 2000, S. 67). Irrelevant reagierende Personen können sich schwer konzentrieren, vermitteln dem Gegenüber im besten Fall das Gefühl von Spontanität und Flexibilität, im ungünstigen Fall eher den Eindruck von Unverbindlichkeit und inadäquatem Benehmen. Ihre Handlungen sind oft ziellos und unangemessen; wirken verwirrend und übertrieben (Satir et al., 2000, S. 68; von Schlippe, 1995, S. 75).

Satir ist der Überzeugung, dass all diese Überlebenshaltungen erlernt wurden, um das eigene Überleben zu sichern. Aufgrund dessen war ihr in der Arbeit mit Menschen wichtig, klar herauszustellen, dass diese Haltungen Wertschätzung verdienen, obwohl sie vielleicht nicht mehr zum gewünschten Ziel führen und hinderlich geworden sind. Sie äußert, dass diese Haltungen den eigenen Selbstwert und den Willen zu leben repräsentieren und das allein sei Anerkennung wert (Satir et al., 2000, S. 62).

Kongruenz . Kongruenz bedeutet für Satir einen Zustand von Ganzheit; im umfassenden Sinne, Mensch zu sein (S. 83). Wirkliche Kongruenz ist nur dann möglich, wenn der Kontakt zu einem selbst wiederhergestellt ist, der Mensch mit sich selbst einverstanden ist, die Einzigartigkeit des einzelnen anerkennt, die Bereitschaft hat, sich selbst und anderen zu vertrauen und ebenso Risiken einzugehen (Satir et al., 2000, S. 83 f.). Nach Meinung von Satir sind u. a. folgende Kriterien erfüllt, wenn man von einem kongruenten System spricht: Es gibt Grenzen innerhalb der Familie und in Abgrenzung zur Umwelt, es besteht Intimität und eine ganze Bandbreite von Gefühlen, die den Familienmitgliedern zur Verfügung stehen; Konflikte werden als Chance gesehen und es existiert der Glaube, dass Beziehungen Bestand haben, auch wenn sie sich wandeln und verändern (von Schlippe, 1995, S. 77). Die Handlungsbasis der Familienmitglieder besteht nicht darin, Kontrolle in Beziehungen auszuüben noch berechnende Absichten zu haben, sondern die Fähigkeit zu entwickeln, direkte Beziehungen zu gestalten und authentisch zu sein (Satir et al., 2000, S. 84).

[...]


[1] Kybernetik = geht auf den Mathematiker Norbert Wiener zurück und bedeutet Steuerungslehre (Simon, 2006, S. 13).

[2] Autopoiese: (= Selbst-Reproduktion): „[…] Der Begriff impliziert, dass nur das System selbst seine Elemente erzeugen kann und in der Tiefenstruktur seiner Selbststeuerung von seiner Umwelt unabhängig ist.“ (Willke, 2006, S. 247).

[3] operational geschlossen meint, „[…], dass das Netzwerk der Interaktion, das die Grenzen des Systems kreiert und dadurch das System als abgegrenzte Einheit hervorbringt, in sich und gegenüber dem Rest der Welt abgeschlossen funktioniert“ (Simon, 2006, S. 34).

[4] An dieser Stelle sollen die Begriffe Wahrheit und Wirklichkeit unterschieden werden. Im Gegensatz zur Wahrheit bezieht sich die Wirklichkeit auf die Welt der Wirkungen, wobei alles, was wirkt, Teil der Wirklichkeit ist. Demzufolge kann sowohl Unwahres, als auch Wahres Wirkungen enthüllen (Mücke, 2003, S. 190).

[5] Eine Darstellung der anderen Weiterentwicklungen findet sich in der Abbildung: Genogramm der Aufstellungsarbeit (Eidmann 2009, S. 106).

[6] Sparrer und Varga von Kibéd (2011). Unterschiede zwischen SySt und Hellingers Familienstellen. Verfügbar unter: http://www.syst.info/sites/default/files/unterschiede-syst-und-hellinger.pdf [25.08.11]

[7] Andere systemisch-konstruktivistischen Aufstellungsformate neben den SySt sollen hier vernachlässigt werden.

[8] Wie auch andere Methoden enthält diese Form der Familienarbeit Elemente anderer Schulen, wie z. B. aus System- und Kommunikationstheorie, Gruppendynamik, Psychodrama, Gestalttherapie und Psychoanalyse (Satir & Baldwin, 2004, S. 199; Nerin, 1992, S. 164).

[9] Inkongruente Kommunikation bedeutet, dass verbale und nonverbale Botschaften eines Menschen im Widerspruch stehen (S. 50).

Details

Seiten
141
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783842830417
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v228874
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Erziehungswissenschaftliche- und Humanwissenschaftliche Fakultät, Diplom Pädagogik
Note
1,0
Schlagworte
aufstellungsarbeit hellinger symbiose autonomie sparrer varga kibéd verstrickungen

Autor

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Titel: Möglichkeiten und Grenzen systemischer Aufstellungsarbeit unter besonderer Berücksichtigung der Überwindung symbiotischer Verstrickungen