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Kafka und das Kino

Bachelorarbeit 2011 38 Seiten

Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Entstehung des Kinos
2.1 Die institutionelle Entwicklung
2.2 Die Entstehung des Films

3. Kafka und das Kino
3.1 Kafkas frühes Interesse am Kino
3.2 Kafkas leidenschaftliches Interesse am Kino von 1910-1914
3.3 Kafka und die Bedeutung des Kinos nach 1914

4. Filmische Schreibweise
4.1 Entstehung der filmischen Schreibweise
4.2 Der filmische Blick in Kafkas „Der Verschollene“
4.3 Filmisches Schreiben in „Der Process“

5. Zusammenfassung

1. Einleitung

„Seine Texte sind darauf angelegt, dass nicht zwischen ihnen und ihrem Opfer ein konstanter Abstand bleibt, sondern dass sie seine Affekte derart aufrühren, dass er fürchten muss, das Erzählte käme auf ihn los wie Lokomotiven aufs Publikum in der jüngsten, dreidimensionalen Filmtechnik.“[1]

Dieses Zitat von Theodor W. Adorno zeigt wie sehr Kafka seine Leser direkt mit seinen Texten konfrontieren wollte. Zudem spricht Adorno den Film „L´arrivée d´un train en gare de la Ciotat“ der Lumière Brüder an, der als erster dokumentarischer Beweis seiner Kinogänge in seinen Tagebucheinträgen vermerkt ist.

Die Beziehung Franz Kafkas mit den Anfängen des Kinos wirft in der Forschung viele Fragen auf. Auf der einen Seite vertritt Peter-André Alt die These, dass die zahlreichen Kinobesuche, die neuartigen Techniken eines Edwin Porter oder Giovanni Pastrone, Kafka in seinem Schreiben beeinflusst haben. Auf der anderen Seite gibt es Kritiker, wie Hanns Zischler, die davon überzeugt sind, dass Kafka die im Kino gesehenen Bilder aus seinen Texten fern halten wollte.

Der Referent will mit dieser Arbeit den Denkansatz von Peter-André Alt verfolgen und damit beweisen, dass ein filmisches Schreiben in den Werken von Franz Kafka vorhanden ist.

Vom Aufbau her besteht die Arbeit aus drei verschiedenen Teilen.

In einer ersten Phase werden die institutionelle Entstehung des Kinos und die Anfänge des Films von 1886 bis 1915 thematisiert. Exakt in diesem Zeitraum spielt auch das Interesse von Franz Kafka am Kino eine zentrale Rolle. Hierbei geht es aber weniger darum die wichtigsten Filme zusammen mit den wichtigsten Produzenten chronologisch aufzuführen, sondern viel mehr um die Art und Weise wie die Filme dieser Zeit produziert wurden. Angesichts der rasanten Entwicklung von neuen Filmtechniken werden die Anfänge des Films in Frankreich, Italien und den USA näher untersucht werden.

Techniken wie das „overlapping“ (Überlappen) oder der Szenenwechsel werden im Mittelpunkt der Analyse stehen. Zweifelsfrei kommt es jedem Kinobesucher auch auf den Inhalt der gezeigten Filme an. Kafka hingegen, beschäftigte sich fast ausschließlich mit der Konzeption der Filme.

Der deutsche Film wird daher nicht thematisiert werden, weil es dem Verfasser primär um die Produktionstechniken geht und diese in Deutschland zur damaligen Zeit keine bedeutende Rolle spielten.

Nach diesem einführenden Kapitel, wird der Referent sich mit der Frage auseinandersetzen, welche Rolle das Kino im Leben von Franz Kafka einnahm. Dabei wird der Frage nachgegangen wie und wann Kafka mit dem Kino in Berührung kam und wie sich dieses Interesse entwickelte.

Abgeschlossen wird dieser Teil mit der Frage, warum seine Leidenschaft ab 1914 ein abruptes Ende nahm.

Kafka kam erst gegen 1907 in Prag mit dem Kino in Berührung und wurde fortan in den Bann dieses neuen Mediums gezogen. Sein leidenschaftliches Interesse bekundete er vor allem in etlichen Tagebucheinträgen, wobei er selbst eine nächtliche Autofahrt in München in Zusammenhang mit einem Kinobesuch brachte.

In einer letzten Phase soll ein Einblick in die Entwicklung der filmischen Schreibweise gegeben werden. Mit der Entstehung des Films und infolge der neuen technischen Möglichkeiten der menschlichen Gesellschaft wurden zunehmend Werke verfasst, die Elemente und Strukturen einer Schreibweise für den Film enthielten.

Abschließend wird die filmische Schreibweise bei Franz Kafka Grundlage der Analyse sein. Der Verfasser wird sich dabei auf zwei zentrale Werke Kafkas stützen. Sowohl „Der Verschollene“, der zwischen 1911 und 1914 entstand, als auch „Der Process“, den Kafka von 1914 bis 1915 niederschrieb, enthalten grundlegende Elemente filmischen Schreibens. Anhand von verschiedenen Textstellen aus den angesprochenen Werken wird verdeutlicht, wie ausgeklügelt die Schreibweise bei Franz Kafka war um dem Inhalt eine filmische Struktur zu verleihen.

In der Schlussfolgerung werden die einzelnen Ergebnisse der Arbeit zusammengeführt und analysiert. Dabei soll die Position des Verfassers, dass in einzelnen Werken Kafkas Elemente einer filmischen Schreibweise zu finden sind, nochmals bestärkt werden.

2. Die Entstehung des Kinos

2.1 Die institutionelle Entwicklung

Vor kurzer Zeit fand die 83. Verleihung des „Academy Awards“ in Los Angeles statt. Vor allem „The King´s Speech“ vom britischen Regisseur Tom Hooper, der insgesamt 4 Oscars gewann, überzeugte die Kritiker in den USA. Heutzutage kann man sich ein Leben ohne Kinobesuche nicht mehr vorstellen. Die Institution Kino hat sich im kulturellen Alltagsleben unserer Gesellschaft fest verankert und versucht mit immer neuen Technologien, wie zum Beispiel 3D Filmen, diese Position zu wahren.

Das Streben nach einem neuen Medium im 19. Jahrhundert war vor allem ein Vorhaben sich gegen die „literale Kultur“[2] zu wehren. Kinovorführungen in großen Sälen, wie wir sie heute kennen, gab es um 1900 noch nicht. Es waren vielmehr kleine Wanderkinos, die vor allem auf den großen Jahrmärkten anwesend waren und ein breites Varietee-Programm anboten, die die Aufmerksamkeit der Besucher erregen sollten.

Auch knapp 100 Jahre nach der Entstehung der ersten Wanderkinos, wurde im Jahr 2007 auf der alljährlichen Schobermesse in Luxemburg mit der „Crazy Cinematographe“ eine Einrichtung ins Leben gerufen, die den Besuchern das Gefühl eines Kinobesuchs um 1900 vermitteln soll. Das Interesse an der Entwicklung am frühen Kino hat also bis heute nicht abgenommen.

Durch die besonders große Anzahl an Filmproduktionen ab 1900, entschloss man sich kleinere Läden zu sogenannten „Kintöppen“ umzubauen, um den Besuchern dort gegen Eintritt Filme vorzuführen. Solche Vorführungssäle waren keinesfalls bequem und oft waren sie nur mit dem Nötigsten eingerichtet.

„Noch hatten Kintöppe kein eigenes architektonisches Gesicht, allein mit der überdimensionalen Reklame, machten sie die Passanten auf sich aufmerksam.“[3]

Erst ab 1908 entstanden in Europa und Amerika prächtige Einrichtungen, die wir heute als Kino bezeichnen würden. L´Estrange Fawcett (1847-1929), ein britischer Filmproduzent und Filmhistoriker, beschrieb einen New Yorker Kinopalast wie folgt:

„Schon das Vestibül ist sehenswert. Die Raumverschwendung einer Kathedrale vereinigt sich dort mit der strahlenden Pracht überladener Ornamentik, was aber den Massen gefällt und sie anlockt. Betreten wir einmal an einem heißen Sommernachmittag nach Geschäftsschluss einen New-Yorker Kinopalast. Die überhitzte Atmosphäre, der Staub und der Trubel der hauptstädtischen Straßen sind unerträglich; wie matte Fliegen schleppen sich die Leute durch den glühenden Hexenkessel – da reißt ein prächtig uniformierter Portier die doppelten Flügeltüren des Lichtspieltheaters auf, und wenn wir eintreten, fühlen wir uns in eine schönere Welt versetzt.“[4]

Durch prunkvolle Bauten und durch den Unterhaltungswert der Filme konnten die Kinopaläste massenhaft Besucher anlocken. Dem Erfolg des neuen Mediums stand nun nichts mehr im Wege.

2.2 Die Entstehung des Films

Anders als für die Literatur oder für das Theater gibt es für die Geburt des Kinos eine bestimmte Datierung. Am 28. Dezember 1895 waren es Auguste und Louis Lumiére, die in Paris erstmals öffentlich einen Film vorführten. Mit dem Originaltitel „L´arrivée d´un train en gare de la Ciotat“ (Die Ankunft des Zuges am Bahnhof von Ciotat) versetzten die französischen Filmemacher die Massen in Staunen. Es waren einfache Filme aus dem alltäglichen Leben, die von nun an auf der Leinwand gezeigt wurden. Andere bekannte Werke der Gebrüder Lumière waren „Der begossene Gärtner“ oder der Klassiker „Arbeiter verlassen die Lumière Werke“.

In den ersten Jahren in denen das Kino sich langsam aber sicher in der Gesellschaft etablierte konnte man feststellen, dass das Interesse und die Neugier am neuen Medium im Vordergrund stand. Der Inhalt der gezeigten Kurzfilme spielte anfangs keine bedeutende Rolle.

Schon sehr früh erkannten verschiedene Unternehmen das enorme Entwicklungspotenzial des Kinos. Der französische Filmregisseur Georges Méliès gründete 1896 seine eigene Produktionsfirma unter dem Namen „Star-Film“. Méliès wendete sich jedoch von den gezeigten Filmen der Lumière Brüder ab. „Er begriff, dass der Film mehr bieten müsse als die kunstlosen Streifen der Lumières, um das Schaubedürfnis der Massen zu befriedigen.“[5] Vor allem war es die Technik der Illusion von der er Gebrauch machte. Es entstanden hauptsächlich Märchenfilme in denen Méliès zum Beispiel die Technik eines unsichtbaren Seils anwendete. Die Zuschauer selbst hatten das Gefühl schwebende Figuren zu beobachten. Etwa 500 Filme produzierte der französische Regisseur selbst, jedoch kann man auch hier nicht von einem neuartigen Stil sprechen. Die Filme der Anfangszeit orientierten sich nämlich noch sehr nah an Theateraufführungen.

Die ersten Filmproduktionen arbeiteten noch nicht mit der Methode des Szenenwechsels. „Wie auf der Bühne folgte Méliès auch der Theatertradition, dass alle Darsteller eine Szene erst verlassen haben müssen, bevor der Szenenwechsel vollzogen werden konnte“.[6]

Das neue Medium brauchte also neue Techniken um das Publikum weiterhin in seinen Bann ziehen zu können. Um 1907 entstand in Frankreich mit dem „Film d´Art“ eines neues Genre, das vor allem die obere Klasse in der Gesellschaft ansprechen sollte. Insbesondere historische Filme gehörten der Kategorie des Kunstfilmes an. Zwar enthielt der Kunstfilm Elemente des Theaters, allerdings weichten diese von den monotonen Techniken der Anfangsjahre deutlich ab. So wurde 1908 der Film „Die Ermordung des Herzogs de Guise“ veröffentlicht, wo erstmals die Technik des „overlapping“[7] angewendet wurde. In einer Szene spazierte der Herzog von einem Raum in den nächsten, ohne dass der Zuschauer einen Umschnitt erkennen konnte. Durch diese neuartige Technik wurde dem Zuschauer das Gefühl vermittelt zwei Szenen hintereinander zu sehen, ohne dass diese durch einen Schnitt unterbrochen wurde. Da der „Film d´Art“ eher für die obere Klasse der Gesellschaft gedacht war und so hohe Anforderungen an sein Publikum stellte war es nicht verwunderlich, dass diese Kategorie von Filmen sehr schlecht bei Zuschauern ankam, die einen niedrigeren Bildungsstatus besaßen.

Einer der bekanntesten Filmemacher in Frankreich war ohne Zweifel Max Linder (1883-1925). Vor allem im Bereich der Komödien galt er als einer der Pioniere der Filmgeschichte. Von 1911 bis 1915 brachte er die bekannte „Max-Serie“[8] hervor, die besonders durch zahlreiche Verfolgungsjagden und ironische Anspielungen bestach. Max Linder kann allgemein in der Filmgeschichte als herausragende Persönlichkeit angesehen werden, jedoch wurden seine Verdienste mit zunehmender Zeit immer mehr in den Schatten des legendären Charlie Chaplin gestellt. Nichts desto trotz ist „Chaplin, wie er niemals verhehlte, von Max Linder entscheidend beeinflusst worden.“[9]

Um die Anfänge der französischen Filmgeschichte abzuschließen, wendet der Referent sich nun Louis Feuillade (1874-1925) zu. Feuillade wollte an erster Stelle den Realismus fördern, indem er „Szenen aus dem Leben zeigte, welche jegliche Phantasie verbot und Dinge so wiedergab wie sie waren und nicht wie sie sein sollten.“[10] Der Realismus, dessen Ursprung Mitte des 19. Jahrhundert anzusiedeln ist, etablierte sich nun auch zunehmend im Bereich des Films.

Heute kann man behaupten, dass die Anfänge der Filmproduktion in Frankreich stattgefunden haben. Erwartungsgemäß fand das neue Medium etliche Nachahmer in anderen Ländern, so auch in Italien.

Als Begründer des italienischen Films wird Filoteo Alberini angesehen. Anders als in Frankreich, wo es zur Anfangszeit schon eine große Zahl eigener Filmproduktionen gab, wurden in Italien vorwiegend Filme aus dem französischen Raum gezeigt. Eigene Werke entstanden im italienischen Raum erst um 1904.

In den ersten Jahren des italienischen Films waren es vor allem historische Streifen, die produziert wurden. Solche Produktionen wurden als Monumentalfilme bezeichnet.

„Die Filme mussten grandios und edel sein; verschwenderische Dekoration, gigantische Schauplätze und unübersehbare Statistenmengen garantieren hohe Einnahmen.“[11]

Bedeutende Filme dieser Zeit waren „Der Fall Trojas“ von Giovanni Pastrone oder „Othello“ von Mario Caserini. Die historischen Filmproduktionen aus Italien spielten vor allem in ausländischen Kinosälen eine Menge Geld ein und so war es nicht verwunderlich, dass manche dieser Filme sogar mehrmals verfilmt wurden. Im Gegensatz zum französischen Film, wo die Filmemacher sich mit neuartigen Techniken zu übertrumpfen versuchten, war es in Italien der wirtschaftliche Erfolg der in den ersten Jahren im Vordergrund stand.

Giovanni Pastrone (1883-1959) setzte sich als erster italienischer Filmemacher mit den technischen Hilfsmitteln auseinander. In seinem Film „Cabiria“ verwendete er als einer der ersten die „Kamerafahrten als Ausdrucksmittel.“[12] Durch eine rasante Kamerafahrt konnte man dem Zuschauer ein Gefühl einer schnelleren Dynamik verleihen und besonders in den Anfangsjahren, wurde diese Methode von den Kinobesuchern gefordert, weil die Filme aufgrund dieser Technik auf der Leinwand noch realistischer erschienen.

Nach diesem Exkurs zu den Anfängen des italienischen Films, wird der Referent sich nun dem amerikanischen Film widmen.

Ein halbes Jahr später als die Lumière Brüder in Frankreich, konnte Thomas A. Edison (1847-1931) am 16. April 1896 in New York den Zuschauern den ersten Film auf amerikanischem Boden vorführen. Es dauerte jedoch ganze neun Jahre bis in Pittsburgh der erste feste Schauplatz für Kinofilme seine Türen öffnete.

In den Staaten waren vor allem realistische Filme gefragt. „Phantastische Filme, wie die des Franzosen Méliès, fanden in Amerika keinen Nachahmer.“[13]

[...]


[1] Theodor W. Adorno. Aus: »Aufzeichnungen zu Kafka«. In: 'Prismen'. München 1955

[2] Werner Faulstich, Filmgeschichte, Paderborn 2005, S.17

[3] Karl Prümm, Die Stadt ist der Film…Film und Metropole in den zwanziger Jahren am Exempel Berlin. In: Alter, Metropolen, S.111-130

[4] L'Estrange Fawcett, Die Welt des Films , Wien 1928, S. 81

[5] Ulrich Gregor/Enno Patalas, Geschichte des Films 1895-1939, Reinbek bei Hamburg 1976, S.14

[6] Joachim Paech, Literatur und Film, 2. Auflage, Stuttgart-Weimar 1997, S.13

[7] Joachim Paech, Literatur und Film, 2. Auflage, Stuttgart-Weimar 1997, S.31

[8] Ulrich Gregor/Enno Patalas, Geschichte des Films 1895-1939, Reinbek bei Hamburg 1976, S.17

[9] Siefried Kracauer, Kleine Schriften zum Film 1921-1927, Band 6 Teil 1, University of Michigan 2004, S. 254

[10] Georges Sadoul. Histoire générale du cinéma, Band III, 1, Paris 1951, S.192

[11] Ulrich Gregor/Enno Patalas, Geschichte des Films 1895-1939, Reinbek bei Hamburg 1976, S.21

[12] Ulrich Gregor/Enno Patalas, Geschichte des Films 1895-1939, Reinbek bei Hamburg 1976, S.21

[13] Ulrich Gregor/Enno Patalas, Geschichte des Films 1895-1939, Reinbek bei Hamburg 1976, S.26

Details

Seiten
38
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783842823082
Dateigröße
361 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v228705
Institution / Hochschule
Université du Luxembourg – Germanistik, Studiengang Cultures Européennes
Note
Schlagworte
kafka kino film geschichte analyse

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