Lade Inhalt...

Innovative und nachfrageadäquate Finanzprodukte in Zeiten der Finanzkrise am Beispiel eines deutschen Emissionshauses

Diplomarbeit 2011 118 Seiten

BWL - Bank, Börse, Versicherung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungs-/Tabellenverzeichnis

Anlagenverzeichnis

1 Einführung
1.1 Problemstellung und Ziel der Arbeit
1.2 Vorgehensweise und Aufbau der Arbeit

2 Das finanzwirtschaftliche Umfeld
2.1 Die Entstehung und Entwicklung der globalen Finanzkrise
2.1.1 Die Vorgeschichte der Subprime-Krise
2.1.2 Von der Subprime-Krise zur Finanzkrise im Jahr
2.1.3 Von der Finanzkrise zur Weltwirtschaftskrise ab
2.1.4 Von der Wirtschaftskrise zur Staatsschulden-Krise ab
2.2 Die Finanzkrise und die Banken
2.2.1 Die Risikosteuerung durch die Banken
2.2.2 Liquidität als Existenzberechtigung
2.2.3 Das „Bad Bank“-Gesetz
2.2.3.1 Die Bad Bank – Modelle
2.2.3.2 Kritische Würdigung

3 Nachfrageorientierte Innovationsnotwendigkeit
3.1 Innovationsgrundlage Marktforschung
3.1.1 Anliegen und begriffliche Einteilung
3.1.2 Ausgewählte Methoden der Informationsgewinnung
3.2 Innovationsnotwendigkeit aus Sicht der Kapitalanleger
3.2.1 Auswirkungen der Krise auf Geldanlagen
3.2.2 Online-Befragung zum Thema Geldanlage-Produkte
3.3 Innovationsnotwendigkeit aus Sicht finanzierender KMU
3.3.1 Auswirkungen der Krise auf die Finanzierung von KMU
3.3.2 Online-Befragung zum Thema KMU-Finanzierung
3.4 Volkswirtschaftliche Bedeutung von Innovationen
3.5 Betriebswirtschaftliche Bedeutung von Innovationen

4 Innovative Lösungsansätze – Die CAPTURA GmbH
4.1 Lösungsansatz Geldanlage-Produkt
4.2 Lösungsansatz KMU-Finanzierung

5 Fazit

Literaturverzeichnis

Anlagen

Alphabetisches Stichwortverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungs-/Tabellenverzeichnis

Abb. 1: Entwicklung des Neugeschäfts mit Subprime-Hypothekenkrediten Quelle: Sabry/Schopflocher 2007. In: Bloss et al. 2009a:

Abb. 2: US Häusermarkt-Index (Housing Market Index) von 1995- In Anlehnung an: National Association of Homebuilders (2008) In: Bloss et al. 2009a: 28

Abb. 3: Zahlungsverzugsraten bei US-Wohnimmobilienkrediten In Anlehnung an: Mortgage Bankers Association, Bloomberg In: BaFin 2007: 17

Abb. 4: Ausverkauf am Verbriefungsmarkt. In Anlehnung an: Markit Group In: BaFin 2007: 18).

Abb. 5: Rendite zehnjähriger Staatsanleihen ausgewählter europäischer Staaten In Anlehnung an: Bloomberg. In: BaFin 2010: 15

Abb. 6: Das Defizit der Euro-Länder im Vergleich Quelle: Eurostat. Infografik Welt Online. In: Bolzen et al. 2011

Abb. 7: Zweckgesellschaftsmodell In Anlehnung an: BMF. In: Sachverständigenrat 2009: 126

Abb. 8: Konsolidierungsmodell In Anlehnung an: Sachverständigenrat 2009: 128, Schaubild 30

Abb. 9: Marktforschungsmethoden im Überblick In Anlehnung an: Herrmann/Huber 2009: 35, Abbildung 3-2

Abb. 10: Effektivzinssätze deutscher Geschäftsbanken In Anlehnung an: Deutsche Bundesbank 2011d und European Central Bank 2011

Abb. 11: Auswertung zu Anlage 12 bzw. Frage Quelle: Eigene Umfrage über 2ask

Abb. 12: Auswertung zu Anlage 13 bzw. Frage Quelle: Eigene Umfrage über 2ask

Abb. 13: Auswertung zu Anlage 14 bzw. Frage Quelle: Eigene Umfrage über 2ask

Abb. 14: Auswertung zu Anlage 15 bzw. Frage Quelle: Eigene Umfrage über 2ask

Abb. 15: Auswertung zu Anlage 16 bzw. Frage Quelle: Eigene Umfrage über 2ask

Abb. 16: Auswertung zu Anlage 17 bzw. Frage Quelle: Eigene Umfrage über 2ask

Abb. 17: Auswertung zu Anlage 18 bzw. Frage Quelle: Eigene Umfrage über 2ask

Abb. 18: Anzahl der Selbstständigen 1999-2009 in Deutschland In Anlehnung an: Statistisches Bundesamt: Ergebnisse des Mikrozensus. In: ifM Bonn 2009

Abb. 19: Kreditablehnungsquote im Mittelstand zwischen 2007 und In Anlehnung an: KfW-Mittelstandspanel (inkl. Nachbefragung 2009) In: KfW-Research 2010: 11. .

Abb. 20: Auswertung zu Anlage 24 bzw. Frage Quelle: Eigene Umfrage über 2ask. ..

Abb. 21: Auswertung zu Anlage 25 bzw. Frage Quelle: Eigene Umfrage über 2ask

Abb. 22: Auswertung zu Anlage 26 bzw. Frage Quelle: Eigene Umfrage über 2ask. ..

Abb. 23: Auswertung zu Anlage 27 bzw. Frage Quelle: Eigene Umfrage über 2ask

Abb. 24: Auswertung zu Anlage 28 bzw. Frage Quelle: Eigene Umfrage über 2ask

Abb. 25: Auswertung zu Anlage 29 bzw. Frage Quelle: Eigene Umfrage über 2ask

Anlagenverzeichnis

Anlage 1: United States Inflation rate (Consumer prices) Quelle: index mundi

Anlage 2: Corporate and municipal bond rating. Quelle: FDIC

Anlage 3: Der Finanzmarktstabilisierungsfonds (SoFFin) Quelle: www.SoFFin.de. In: Bloss et al. 2009b:

Anlage 4: Wie Moody’s Staatsanleihen einstuft. Quellen: Bloomberg; Moody’s. Abbildung in: O.V. 2011e

Anlage 5: Transaktionsprozess von Asset Backed Securities (ABS) Quelle: Bloss et al. 2009b: 146, Abb

Anlage 6: Wie die Versicherer das Geld der Anleger verteilen (in %; gerundet). Quelle: GDV. In: Gerth/Hoyer

Anlage 7: Baupreisindex für Wohngebäude insgesamt Quelle: Statistisches Bundesamt 2011d:

Anlage 8: Mietpreisverlauf für Wohnungen mit mittlerem und gutem Wohnwert. Quelle: Immobilienverband Deutschland

Anlage 9: Einladungs-E-Mail zur „Online-Befragung zum Thema Geldanlage-Produkte“. Quelle: Eigene Komposition

Anlage 10: Startseite der „Online-Befragung zum Thema Geldanlage-Produkte“. Quelle: Eigene Umfrage über 2ask

Anlage 11: Frage 1 der „Online-Befragung zum Thema Geldanlage-Produkte“ Quelle: Eigene Umfrage über 2ask

Anlage 11a: Filter zu Frage 1 der „Online-Befragung zum Thema Geldanlage-Produkte“. Quelle: Eigene Umfrage über 2ask

Anlage 12: Frage 2 der „Online-Befragung zum Thema Geldanlage-Produkte“ Quelle: Eigene Umfrage über 2ask

Anlage 13: Frage 3 der „Online-Befragung zum Thema Geldanlage-Produkte“ Quelle: Eigene Umfrage über 2ask

Anlage 14: Frage 4 der „Online-Befragung zum Thema Geldanlage-Produkte“ Quelle: Eigene Umfrage über 2ask

Anlage 15: Frage 5 der „Online-Befragung zum Thema Geldanlage-Produkte“ Quelle: Eigene Umfrage über 2ask

Anlage 16: Frage 6 der „Online-Befragung zum Thema Geldanlage-Produkte“ Quelle: Eigene Umfrage über 2ask

Anlage 17: Frage 7 der „Online-Befragung zum Thema Geldanlage-Produkte“ Quelle: Eigene Umfrage über 2ask

Anlage 18: Frage 8 der „Online-Befragung zum Thema Geldanlage-Produkte“ Quelle: Eigene Umfrage über 2ask

Anlage 19: Datenabfrageseite der „Online-Befragung zum Thema Geldanlage-Produkte“. Quelle: Eigene Umfrage über 2ask

Anlage 20: Schlussseite der „Online-Befragung zum Thema Geldanlage-Produkte“. Quelle: Eigene Umfrage über 2ask

Anlage 21: Die neuen Schwellenwerte. In Anlehnung an: Europäische Kommission 2006: 14 (Abbildung)

Anlage 22: Existenzgründungen1), Liquidationen1) und deren Saldo im 1. Halbjahr 2007 bis 2. Halbjahr 2011 in Deutschland Quelle: ifM Bonn

Anlage 23: Startseite der „Online-Befragung zum Thema KMU-Finanzierung“ Quelle: Eigene Umfrage über 2ask

Anlage 24: Frage 1 der „Online-Befragung zum Thema KMU-Finanzierung“ Quelle: Eigene Umfrage über 2ask

Anlage 24a: Filter zu Frage 1 der „Online-Befragung zum Thema KMU-Finanzierung“. Quelle: Eigene Umfrage über 2ask

Anlage 25: Frage 2 der „Online-Befragung zum Thema KMU-Finanzierung“ Quelle: Eigene Umfrage über 2ask

Anlage 26: Frage 3 der „Online-Befragung zum Thema KMU-Finanzierung“ Quelle: Eigene Umfrage über 2ask

Anlage 27: Frage 4 der „Online-Befragung zum Thema KMU-Finanzierung“ Quelle: Eigene Umfrage über 2ask

Anlage 27a: Filter zu Frage 4 der „Online-Befragung zum Thema KMU-Finanzierung“. Quelle: Eigene Umfrage über 2ask

Anlage 28: Frage 5 der „Online-Befragung zum Thema KMU-Finanzierung“ Quelle: Eigene Umfrage über 2ask

Anlage 29: Frage 6 der „Online-Befragung zum Thema KMU-Finanzierung“ Quelle: Eigene Umfrage über 2ask

Anlage 30: Datenabfrageseite der „Online-Befragung zum Thema KMU-Finanzierung“. Quelle: Eigene Umfrage über 2ask

Anlage 31: Schlussseite der „Online-Befragung zum Thema KMU-Finanzierung“. Quelle: Eigene Umfrage über 2ask

Anlage 32: Auswertung zu Anlage 27a Quelle: Eigene Umfrage über 2ask

Anlage 33: Endgültige Angebotsbedingungen der Inhaberschuld-verschreibung (Serie 35) der CAPTURA GmbH Quelle: CAPTURA GmbH 2011d

1 Einführung

Nachstehende Ausführungen geben einen Überblick über die Themenstellung des Buches und skizzieren den inhaltlichen Aufbau .

1.1 Problemstellung und Ziel des Buches

Im Jahre 2007 erlebte die Weltbevölkerung den Beginn einer Finanz- und Wirtschaftskrise, wie es sie seit dem Jahre 1929 nicht gegeben hat. Ausgelöst durch eine regionale Subprime[1] -Krise in den USA, wurden als erste deutsche Opfer Finanzinstitutionen wie die IKB oder die Sachsen LB getroffen. Die bravsten deutschen Kleinbanken, die sich darauf spezialisiert haben, mittelständische Betriebe zu finanzieren, hatten in Märkte investiert, deren Rendite nicht gesichert war (vgl. Münchau 2008: 25). Diese Situation verschärfte die bereits vorhandene Kreditklemme, die aufgrund der Basel-II-Kriterien durch höhere Eigenkapitalerfordernisse bereits verbreitet war (vgl. Captura GmbH 2011g).

Neben den Kreditinstituten waren jedoch auch Privatanleger unmittelbar betroffen. Als prominentes Beispiel ist die Investmentbank Lehman Brothers (USA) zu nennen, an der unzählige Privatanleger über Zertifikate beteiligt waren. Mit der Anmeldung der Insolvenz am 15. September 2008 bescherte Lehman Brothers sowohl Privatanlegern als auch seinen institutionellen Shareholdern schwere Verluste. Beispielsweise musste die Bank mit den meisten Privatkunden in Deutschland aus diesem Grund 364 Millionen Euro abschreiben (vgl. O.V. 2008e).

Solche Wertberichtigungen waren die Ursache für starke Liquiditätsengpässe bei mehreren großen deutschen Banken, so dass die Bundesbank einen großen Knall für das deutsche Bankwesen fürchtete (vgl. Münchau 2008: 55).

Um zu verhindern, dass die Mehrheit der deutschen Sparer ihre Sichteinlagen abräumen würde, versuchte Bundeskanzlerin Angela Merkel am 05. Oktober 2008 Ruhe in diese ökonomisch gefährliche Situation zu bringen. Sie wollte das Vertrauen der Bevölkerung gewinnen, indem sie verkündete: „Wir sagen den Sparerinnen und Sparern, dass ihre Einlagen sicher sind" (Merkel 2008). Dieses Ziel scheint Frau Merkel laut einer Umfrage aus November 2008 erreicht zu haben (vgl. Langer, Goedde-Menke 2009: Folie 20). Dennoch ist das Vertrauen der deutschen Sparer in die Kompetenz der Geschäftsbanken deutlich gesunken (vgl. Langer, Goedde-Menke 2009: Folie 12). Dieser Imageverlust ist gleichermaßen auf viele Anlageprodukte übertragbar. Gleichzeitig erhalten kleine- und mittelständische Unternehmen nur noch sehr begrenzt Bankkredite. Das Buch skizziert aus diesem Grund mögliche Finanzprodukt-Lösungen, die der Nachfrage der deutschen Sparer und Unternehmer weitgehend entsprechen.

Das Ziel dieses Werkes besteht darin,

1. die Finanz- und Wirtschaftskrise sowie die Rolle der Banken innerhalb der Krise als situativen Hintergrund dieser Arbeit zu beleuchten,

2. krisenbedingte Wirkungen auf bestehende Finanzprodukte zu beschreiben, zielgruppenorientierte Produkteigenschaften zu ermitteln sowie die Bedeutung von Innovationen zu skizzieren,

3. die ermittelten Produkteigenschaften auf praktische Beispiele zu transferieren, und diese Produkte kritisch zu bewerten.

1.2 Vorgehensweise und Aufbau der Arbeit

Zunächst geht das Werk in Kapitel 2 auf die Hintergründe und die Basis des vorliegenden Themas, das finanzwirtschaftliche Umfeld, ein. Ausgangspunkt ist dabei die Entstehung der Subprime-Krise sowie die Entwicklung hin zur Finanz-, Wirtschafts- und Staatsschuldenkrise.

Der zweite Abschnitt dieses Kapitels befasst sich konzentriert mit dem Bankensektor in Krisenzeiten, und mit dessen Möglichkeiten, die finanziellen Wirkungen der Krise zu verarbeiten.

Kapitel 3 erläutert die Notwendigkeit, innovative Finanzprodukte aufgrund der zuvor beschriebenen finanzwirtschaftlichen Situation zu schaffen. Zunächst wird die Marktforschung als Grundlage herangezogen, und es werden adäquat zum weiteren Gang dieser Arbeit Methoden identifiziert und beschrieben. Darauf aufbauend werden die zwei Zielgruppen „Kapitalanleger“ und „finanzierende Unternehmen“ sowie die Auswirkungen der Krise auf den jeweiligen Nutzen dieser beiden Gruppen vorgestellt. Um nachfrageadäquate Produkte schaffen zu können, wird mit beiden Zielgruppen eine Befragung durchgeführt und im Folgenden ausgewertet. Das Kapitel wird schließlich mit einer theoretischen Betrachtung über die volks- und betriebswirtschaftliche Bedeutung von Innovationen abgerundet.

Kapitel 4 liefert Lösungsansätze für die zuvor erarbeiteten Marktforschungsergebnisse. Die nachfolgenden Ausführungen beschreiben zwei innovative Produkte eines real existierenden deutschen Emissionshauses und würdigen diese kritisch. Es folgen jeweils Handlungsempfehlungen für die Gestaltung dieser Produkte.

Das Buch schließt mit einem Fazit und einem Ausblick im fünften Kapitel.

Der Umfang dieser Arbeit verbietet eine ausführliche Darstellung aller Details, weder im Hinblick auf Ereignisse in den einzelnen Phasen der Krise, noch bei der Darstellung der Marktforschungsmethoden. Auch der Innovationsbegriff kann aus

Platzgründen nur skizziert dargestellt werden.

Vor dem Hintergrund der Finanzkrise stellt sich die Frage, zu welchem Grad der Nachfrageorientierung es möglich ist, Produkte auf dem Markt anzubieten, und zu welchem Grad dies in der Realität tatsächlich erfolgt.

2 Das finanzwirtschaftliche Umfeld

Dieses Kapitel erläutert den makroökonomischen Hintergrund der Notwendigkeit innovativer und nachfrageadäquater Finanzprodukte.

2.1 Die Entstehung und Entwicklung der globalen Finanzkrise

Dieser Abschnitt skizziert wichtige Hintergründe in chronologischer Reihenfolge und schafft damit ein Grundverständnis für die dann folgenden Ausführungen.

2.1.1 Die Vorgeschichte der Subprime-Krise

In den Jahren ab 2003, nach der Abschaffung des Neuen Marktes, der als beispiellose Kapitalvernichtung angesehen wird (vgl. von Frentz 2003), „profitierte die Weltwirtschaft von niedrigen Verbraucherpreisen“ (Münchau 2008: 5). Der Grund waren Billigimporte vor allem aus Asien sowie niedrige Ölpreise (vgl. Münchau 2008: 7). Um die Binnenwirtschaft mit günstigem Geld zu fördern, senkte die amerikanische Zentralbank Federal Reserve den Leitzins im Juni 2003 auf 1% (vgl. Deutsche Bundesbank 2003: 25). Damit lagen die amerikanischen Zinsen unterhalb der Inflationsrate, die sich zu dem Zeitpunkt bei etwas über 2% befand (vgl. Münchau 2008: 6 und Anlage 1); der Realzins[2] war also negativ.

Deshalb „begannen [die Amerikaner] in großem Umfang Häuser zu bauen und zu verkaufen und lösten bestehende Hypotheken ab, indem sie neue Kredite zu günstigeren Zinssätzen aufnahmen“ (Bloss et al. 2009a: 15). Die USA erlebte zum ersten Mal eine negative Sparquote (vgl. Münchau 2008: 6).

Als Folge der Niedrigzinspolitik stiegen die realen Immobilienpreise zwischen den Jahren 2000 und 2009 um fast 85% (vgl. Buchter 2007. In: Bloss et al. 2009a: 16). In einzelnen Regionen, z.B. in Los Angeles, stiegen die Immobilienpreise bis 2006 um 170%, in Miami sogar um 180% (vgl. Münchau 2008: 7). „Diese hohen Hauspreise verleiteten Immobilienfirmen dann dazu, weitere Gebäude hochzuziehen“ (Fischermann 2009).

Um für schnelles Marktwachstum zu sorgen, war die Verbriefung eines Großteils der herausgegebenen Hypothekenkredite der entscheidende Treiber (vgl. BaFin 2007: 15). Laut der Federal Deposit Insurance Cooperation (FDIC) stehen weltweit mehr als 20% aller festverzinslichen Wertpapiere direkt oder indirekt in Verbindung mit amerikanischen Immobilien (vgl. Bloss et al. 2009a: 19). Diese Entwicklung wurde durch Agenturen wie Moody’s, Standard & Poor’s oder auch Fitch unterstützt, indem solchen Wertpapieren gute bis sehr gute Ratings verliehen wurde („upper medium grade“ bis „gilt-edged“; vgl. Anlage 2). Diese klassifizierten Wertpapiere wurden nun durch Investmentbanken gebündelt und als anleiheähnliche strukturierte Finanzprodukte an Investoren in der ganzen Welt verkauft (vgl. BaFin 2007: 15). „Für die Bank hat der Weiterverkauf eines verbrieften Kredits den Vorteil, dass sie für diesen Kredit keine Mindestreserve mehr halten muss“ (Glebe 2008: 114).

„Um die kontinuierlich zunehmende Nachfrage der Investmentbanken nach verbriefungsfähigem Material zu befriedigen“ (vgl. BaFin 2007: 15), „wurden die Voraussetzungen für die Kreditvergabe gelockert. Somit wurde eine sehr risikoreiche Hypothekenvariante für Kreditnehmer mit hohem Ausfallrisiko geschaffen, die Subprime-Hypothekenkredite“ (Bloss et al. 2009a: 19). „Ermutigt durch die Politik vergaben US-Banken Kredite mit variablem Zinssatz an Schuldner mit mäßiger Bonität“ (Glebe 2008: 114). „Es kamen immer abenteuerlichere Hypotheken auf den Markt, Hypotheken mit Startzinsen, die niedriger waren als die Marktzinsen…, oder Hypotheken, die in ihrer Summe größer sind als der Wert der Immobilie“ (Münchau 2008: 7, 8). Hauskäufern ohne Eigenkapital gelang es oft problemlos, die Lücke durch ein nachrangiges zusätzliches Darlehen zu schließen (vgl. BaFin 2007: 16). „Im Jargon der Banker sprach man von sogenannten Ninja-Anleihen. Ninja stand für ‚no income, no job, no assets‘… . Hier wurden also arme und zum Teil ungebildete Menschen regelrecht übers Ohr gehauen“ (Münchau 2008: 8). Verbreitet waren vor allem Kredite mit variabler Zinsvereinbarung. „Wegen des niedrigen Zinsniveaus waren die Raten zunächst niedrig. Das Risiko einer Zinserhöhung lag bei den Schuldnern, denen dies häufig nicht bewusst war“ (Glebe 2008: 114).

Das Neugeschäft solcher zweitklassigen Hypotheken stieg zwischen 2001 und 2005 von 120 Milliarden US-Dollar auf 625 Milliarden US-Dollar an; es wuchs also um 520%:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Entwicklung des Neugeschäfts mit Subprime-Hypothekenkrediten.

Quelle: Sabry/Schopflocher 2007. In: Bloss et al. 2009a: 20.

Dieser rasante Anstieg des Neugeschäftes war auch der Euphorie der Banken und Immobilienmakler zu verdanken, die solche Hypothekenkredite ohne jegliche Bonitätsprüfung innerhalb kurzer Zeit zur Verfügung stellten. Dabei wetteten sie auf permanent weiter steigende Immobilienpreise in den USA (vgl. Münchau 2008: 8). Wäre dieses Szenario Realität, könnte die Immobilie im Falle der Zahlungsunfähigkeit des Kreditnehmers zu einem höheren Marktwert verkauft werden (vgl. Glebe 2008: 114).

Solche Subprime-Hypothekenkredite sind aufgrund der Ausfallwahrscheinlichkeit ihrer Schuldner teurer als erstklassige Kredite. Da diese aber üblicherweise für den Immobilienkauf verwendet wurden, war es den Kreditnehmern möglich, sich alleine aufgrund steigender Immobilienpreise und des niedrigen Marktzins-Niveaus zu refinanzieren (vgl. Bloss et al. 2009a: 20). Daher „wurden die meisten Schuldner nicht mit großen Zahlungsschocks konfrontiert“ (Bloss et al. 2009a: 26). Sich zu refinanzieren hieß, dass die Neubewertung der eigenen Immobilie eine weitere Beleihung erlaubte, und folglich eine Kreditumstrukturierung samt Einbeziehung der Altschulden möglich war.

Solange also der Immobilienmarkt boomte, funktionierte dieses Pyramidenspiel (vgl. Münchau 2008: 9). „Die Wurzeln für eine krisenhafte Zuspitzung hatten sich damit bereits gebildet“ (BaFin 2007: 16).

2.1.2 Von der Subprime-Krise zur Finanzkrise im Jahr 2007

Der „starken Preissteigerung folgte ein plötzlicher und starker Preisverfall“ (Bloss et al. 2009a: 28). Im Jahre 2006 stagnierte der Häusermarkt der amerikanischen Ost- und Westküste; in einzelnen Regionen gaben die Preise sogar etwas nach. Der repräsentative US-Häusermarkt-Index der National Association of Home Builders zeigt den Rückgang der Aktivitäten deutlich. Alleine zwischen Ende 2005 und Mitte 2007 reduzierten sich die tatsächlichen Hausbauaktivitäten um etwa 380% (siehe rote Linie):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: US Häusermarkt-Index (Housing Market Index) von 1995-2007.

In Anlehnung an: National Association of Homebuilders (2008). In: Bloss et al. 2009a: 28.

In dieser Situation, in der die Hauspreise - anstatt weiter zu steigen - verfielen, „traten die Schwachstellen im Verbriefungssystem offen zu Tage“ (BaFin 2007: 16). Die in Kapitel 2.1.1 beschriebene Refinanzierungsmöglichkeit der Kreditnehmer war nicht mehr möglich. Hatte der Schuldner also seine Hypotheken-kreditrate nicht bedient, war nun die Folge, dass er sein Haus aufgeben musste. Aufgrund des gesunkenen Immobilienwertes deckte der Verkaufserlös allerdings die Restschuld des Hypothekenkredites nicht mehr vollständig ab. Dadurch blieb der ehemalige Hausbesitzer Schuldner der Bank – aber ohne einen Gegenwert für diese Schulden bieten zu können.

Auch aufgrund dieser Problematik gab Europas größte Bank, die HSBC, Anfang Februar 2007 eine Gewinnwarnung heraus und musste einräumen, stärker als erwartet unter der Abkühlung am US-Immobilienmarkt zu leiden. Die Rückstellungen für faule Kredite, so die HSBC, fielen mit 10,5 Milliarden US-Dollar rund 20% höher aus als von Analysten erwartet (vgl. O.V. 2007j).

Wenige Tage später „meldete New Century, der zweitgrößte Subprime-Kreditgeber in den USA, plötzlich hohe Verluste im Subprime-Geschäft. Die Meldung schreckte den gesamten Kreditmarkt auf. Überall stiegen die Zinsmargen, und zwar auch für Kreditpapiere, die überhaupt nichts mit dem Immobiliensektor zu tun hatten“ (Münchau 2008: 15).

In den Jahren 2002 bis 2005 konnte der Zahlungsverzug bei Hypothekenkrediten vor allem durch Kreditumstrukturierungen von 15% auf 10% gesenkt werden. Zwischen Anfang 2006 und Ende 2007 schnellte der Anteil notleidender Kredite plötzlich um etwa 150% in die Höhe. „Bei den Subprime-Krediten mit variablen Zinsen…war der Schub wegen des markanten Zinsanpassungsschocks besonders stark ausgeprägt“ (BaFin 2007: 17). Für diese Kreditart ergab sich im benannten Zeitraum ein Anstieg notleidender Kredite um etwa 200%:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Zahlungsverzugsraten bei US-Wohnimmobilienkrediten.

In Anlehnung an: Mortgage Bankers Association, Bloomberg. In: BaFin 2007: 17.

Zunächst war die beginnende Subprime-Krise ein rein amerikanisches Problem. US-Hypothekenbanken, die Kreditportfolien zuvor an Investmentbanken verkauft hatten, wurden ähnlich einem Bumerang-Effekt von ihren ehemaligen Krediten eingeholt. Sie mussten nämlich „Not leidende Kredite aufgrund vertraglicher Vereinbarungen von den Investmentbanken zurücknehmen“ (BaFin 2007: 17). Das hatte allerdings auch zur Folge, dass diese Risiken die Bankbilanz negativ verändern würde. New Century Financial musste aus diesem Grund Anfang April 2007 Insolvenz anmelden, „nachdem mehrere Kreditgeber ihn gedrängt hatten, Milliarden Dollar an faulen Krediten zurückzukaufen“ (O.V. 2007i).

Nach einer kurzen Schockphase „nahm die Blase[3] ein weiteres bedrohliches Ausmaß an“ (Münchau 2008: 16): Es wurden Cov-lite-Kredite entwickelt. Dabei steht „Cov“ für das englische Wort „Covenant“, also Vertrag, und „lite“ = „light“ für locker. Cov-lite-Kredite bezeichnen also eine lockere vertragliche Beziehung (vgl. Münchau 2008: 17). „Bei dieser speziellen Form von Kredit wurde auf alle..Vorsichtsmaßnahmen verzichtet. Es handelte sich dabei um ein Äquivalent von [!] Subprime-Kredit, diesmal übertragen auf den Markt für Unternehmenskredite“ (Münchau 2008: 16, 17). Am 18. Mai 2007 warnten sogar professionelle Insider aus der Industrie höchstpersönlich öffentlich vor diesem hochriskanten Finanzinstrument: „Ted Scott, manager of the F&C UK Growth and Income Fund, agrees the creation of a ‚credit derivates market‘…has spread risk of failure across the market…We will need one of those loans to go bad before we see which investors are going to be affected“ (O.V. 2007d).

Im Juni 2007 setzten mehrere Rating-Agenturen die Bewertung hunderter strukturierter Finanzprodukte, die eine Subprime-Hinterlegung auswiesen, herab. Das Volumen der betroffenen Papiere betrug rund 17 Milliarden US-$ (vgl. BaFin 2007: 20).

Im selben Monat gab die Investmentbank Bear Stearns bekannt, dass ihre beiden Hedge-Fonds nahezu wertlos seien (vgl. O.V. 2007h). „Die beiden Fonds hatten von Investoren Einlagen von insgesamt rund 1,5 Milliarden Dollar eingesammelt. Mit Hilfe hoher Kredite kauften sie dann zeitweise Vermögenswerte von mehr als 20 Milliarden Dollar“ (O.V. 2007h).

Die in den USA geborene Subprime-Krise entwickelte sich zunehmend zu einem neuen, globalen Problem. Denn die Investoren, die die verbrieften Subprime-Kreditpakete erworben hatten, kamen nicht nur aus den USA, sondern sie verteilten sich in der ganzen Welt.

„Im Sommer 2007 platzte die Blase im US-Immobilienmarkt… . Die Sorgen über eine sich verlangsamende Weltkonjunktur mehrten sich, weil nicht nur die USA, sondern auch große Kreditgeberländer wie…Deutschland von der Krise betroffen waren“ (Bloss et al. 2009a: 227).

Die Hiobsbotschaften vom US-Wohnimmobilienmarkt nahmen immer weiter zu, und die Kreditqualität verschlechterte sich zusehends. Dadurch kamen verbreitet Zweifel über die Werthaltigkeit von US-Subprime-Hypothekenkrediten auf. Die bis dahin auf den US-Hypothekenmarkt begrenzten Turbulenzen griffen nun auch auf die Kreditmärkte über und erreichten damit eine neue Dimension (vgl. BaFin 2007: 17).

Anfang Juli 2007 begann eine Ausverkaufswelle am Verbriefungsmarkt, wobei weitere ungünstige Nachrichten vom US-Häusermarkt diese Kursverluste verstärkten (vgl. BaFin 2007: 18). Dabei war zu beobachten, dass die am besten gerateten Papiere (AAA) deutlich weniger verkauft wurden als alle anderen. In nur sechs Wochen gab der Kurs für die minderwertigeren Papiere um bis zu 50% nach (AA bis BBB-):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Ausverkauf am Verbriefungsmarkt. In Anlehnung an: Markit Group. In: BAFIN 2007: 18).

Die Mittelstandsbank IKB war eine der ersten deutschen Bankhäuser, die aufgrund des dargestellten Ausverkaufes am Verbriefungsmarkt in ernst zu nehmende Schwierigkeiten geriet. Ende Juli 2007 musste die staatliche Förderbank KfW die IKB mit rund 8,1 Milliarden Euro unterstützen (vgl. O.V. 2007e).

Am 09. August 2007 kam es dann zum Beginn der weltweiten Finanzkrise.

„Da viele Institute [!] die am US-Subprime-Hypothekenmarkt eingegangenen Positionen nicht offen legen konnten oder wollten, entwickelte sich eine schwere Vertrauenskrise, die den Interbankenmarkt vollständig lahm legte“ (BaFin 2007: 20).

Gegen Mittag spitzte sich die Lage auf dem Geldmarkt zu. Zahlreiche Banken horteten ihre Geldbestände, um im Falle einer Ausweitung der Krise über genügend Liquidität zu verfügen. Das Horten der Geldbestände hatte den Abzug von Geld aus dem Geldkreislauf zur Folge. Die Tagesgeldsätze stiegen dadurch kräftig (vgl. O.V. 2007f). „Der Marktzins für Tagesgeld sprang plötzlich von ungefähr vier Prozent, dem Leitzinssatz der Europäischen Zentralbank, auf über 4,4 Prozent. Es war also offensichtlich, dass am Geldmarkt das Geld knapp wurde“ (Münchau 2008: 21). Darauf reagierte die Europäische Zentralbank prompt und stellte dem Euro-Geldmarkt mit einem Schnelltender[4] knapp 95 Milliarden Euro zur Verfügung (vgl. O.V. 2007a). „Die EZB erhielt Gebote von 49 Banken, alle erhielten einen Zuschlag“ (O.V. 2007a).

Einige Geldmarkthändler sahen zunächst eine Verteilungskrise, weniger eine Liquiditätskrise (vgl. O.V. 2007f). Doch „die Interventionen dauerten mehrere Wochen, ohne dass es gelang, den Geldmarkt zu stabilisieren…Überall auf der Welt lagen die Geldmarktzinsen knapp einen halben Prozentpunkt über den Leitzinsen. Es handelte sich [also] um ein weltweites Liquiditätsproblem“ (Münchau 2008: 22).

Im Zuge der inzwischen weltweit versprengten Subprime-Kredit-Problematik und der daraus entstandenen Liquiditätsknappheit überschlugen sich in den Folgemonaten die Ereignisse.

In den USA wurde publik, dass ein Hedgefonds der Investmentbank Goldman Sachs erheblich unter Druck geraten sei. Der Fonds musste daraufhin mit knapp drei Milliarden Euro durch Investoren gestützt werden (vgl. O.V. 2007b).

In England musste die Hypothekenbank Northern Rock mit einem Notfallkredit der Nationalbank gestützt werden. Als das Liquiditätsproblem der Hypothekenbank der Öffentlichkeit bekannt wurde, stürmten tausende Kunden die Bankfilialen, weil sie Angst vor dem Verlust ihrer Sichteinlagen hatten (vgl. O.V. 2007g). In den folgenden Monaten wurde nach einem Investor gesucht, der die finanziell angeschlagene Bank übernehmen könne. Zwei private Übernahmeangebote lehnte das britische Finanzministerium ab, da die Angebote für den Steuerzahler keinen angemessenen Wert dargestellt hätten. Im Februar 2008 schließlich verstaatlichte die britische Regierung die Hypothekenbank (vgl. O.V. 2008f).

In Deutschland hatte die Sachsen LB mit drei Milliarden Euro in amerikanische Subprime-Kredite investiert und erlitt daraus einen Bewertungsverlust in Höhe von 500 Millionen Euro. Um die Liquidität der Sachsen LB zu sichern, sprangen alle übrigen Landesbanken mit 17,3 Milliarden Kreditrahmen ein. Dafür verlangten diese allerdings eine Garantieerklärung des Bundeslandes Sachsen (vgl. O.V. 2007c).

Viele weitere, vor allem internationale, Großbanken mussten drastische Wertberichtigungen auf ihr Subprime-Engagement vornehmen. Zudem wurde weiterer Abschreibungsbedarf prognostiziert, da die Vermutung nahe lag, dass viele Finanzintermediäre ihre Risikopositionen bislang noch gar nicht offen gelegt hatten (vgl. BaFin 2007: 21). Es wurde im Verlauf des Jahres 2008 zum Regelfall, dass Investment- oder Hypothekenbanken Rekordverluste veröffentlichten (BaFin 2008: 19).

Anfang März 2008 sorgte die Kreditkrise für ein Beben in der Bankenbranche. Bear Stearns, deren beiden Hedgefonds noch etwa zehn Monate zuvor als wertlos eingestuft werden mussten, war die Liquidität nahezu ausgegangen (vgl. O.V. 2008i). Die Intensität der Finanzkrise wurde durch einen großen Vertrauensverlust und Unsicherheit der Wirtschaftsakteure verstärkt (vgl. Bloss et al. 2009b: 8). Bear Stearns war von einem solchen Vertrauensverlust unmittelbar betroffen: Die Investmentbank erlitt einen klassischen Bank-Run. Sie war plötzlich nicht mehr in der Lage, sich zu refinanzieren, weil sie keine neue Liquidität mehr von anderen Banken erhielt (vgl. Münchau 2008: 40). Dies machte sich das drittgrößte US-Kreditinstitut JPMorgan zu Nutze, und übernahm Bear Stearns zum Spottpreis von zwei Dollar pro Aktie (vgl. O.V. 2008i).

Im Mai 2008 gab der US-Finanzminister Henry Paulson seine Einschätzung des Krisenfortschrittes in der Welt bekannt: „Das Schlimmste haben wir wahrscheinlich hinter uns“ (Paulson 2008). Dies sollte sich aufgrund fundamentaler Ereignisse bereits einige Wochen später als großer Irrtum herausstellen.

2.1.3 Von der Finanzkrise zur Weltwirtschaftskrise ab 2008

Die Märkte glaubten zu diesem Zeitpunkt zu erkennen, dass die Situation in Europa kaum besser sei als in Amerika. Dabei zeigten die europäischen Stimmungsindikatoren sehr eindeutig, dass es mit der Wirtschaft nach unten ging (vgl. Münchau 2008: 44). Weltweit gab es zunehmend nun auch staatliche Eingriffe. Zum einen, um die Vertrauenskrise im Interbankensektor und die daraus entstehende Liquiditätsnot einzudämmen. Zum anderen, um durch die finanziellen Nöte einzelner Großunternehmen nicht den gesamten Finanzsektor in Mitleidenschaft zu ziehen.

Im September 2008 bat der amerikanische Versicherer American International Group – kurz AIG – die Federal Reserve um einen milliardenschweren Überbrückungskredit (vgl. Münchau 2008: 48, 49). „AIG ist die nach der deutschen Allianz zweitgrößte Versicherung der Welt“ (Münchau 2008: 48). Der Versicherer hatte sich massiv an kurzfristig lukrativen, höchst risikoreichen Kreditderivaten[5] beteiligt und das Gesamtrisiko systematisch unterschätzt (vgl. Münchau 2008: 49). Da Experten im Falle eines Zusammenbruches der AIG einen unabsehbaren Schaden für das globale Finanzsystem befürchteten, stellte die amerikanische Zentralbank einen Notfallkredit bis zu 85 Milliarden Dollar zur Verfügung (vgl. O.V. 2008h).

Ähnlich verhielt es sich im deutschen Bankensektor. Der Bund stellte dem bankrott-gefährdeten deutschen Baufinanzierer Hypo Real Estate zunächst 35 Milliarden Euro zur Verfügung. Dieser Rettungsschirm wurde wenige Wochen später um weitere 15 Milliarden Euro aufgestockt (vgl. O.V. 2008c). Bundeskanzlerin Angela Merkel tat öffentlich kund, sie werde nicht zulassen, dass die Schieflage eines Instituts zu einer Schieflage des gesamten Systems führt (vgl. ebd.).

Anfang September 2008 geriet die US-Investmentbank Lehman Brothers stark unter Druck. Die Viertgrößte der amerikanischen Investmentbanken hatte bereits im vergangenen Geschäftsquartal einen Verlust von 2,8 Milliarden Dollar verbucht. Nach Berichten über gescheiterte Gespräche mit möglichen Investoren war der Aktienkurs um 45 Prozent eingebrochen (vgl. O.V. 2008g). Die britische Barclays Bank kam zwischenzeitlich als potenzieller Käufer von Lehman Brothers ins Gespräch. Die Bank ließ die Verhandlungen allerdings platzen, weil sie das Risiko nicht alleine tragen wollte (vgl. Münchau 2008: 49, 50).

„In Kreisen hieß es weiter, zur Diskussion stehe bei Gesprächen von Lehman mit der US-Regierung neben einer vollständigen Übernahme auch der Verkauf von Unternehmensteilen oder ein Eingreifen der Regierung“ (O.V. 2008b).

Es gab jedoch auch entschiedene Kritiker gegen ein solches Eingreifen des Staates. Der Harvard-Professor Kenneth Rogoff veröffentlichte einen Artikel, in dem er eine Warnung niederschrieb. „Wenn eine Zentralbank mit Kreditverlusten konfrontiert wird, kann sie sich entweder durch Inflation aus dem Schlamassel ziehen oder eine Sanierung durch die Steuerzahler abwarten. Beide Lösungen sind äußerst traumatisch. … Ein gewisses Schrumpfen [der Finanzbranche] ist unvermeidlich. Die Zentralbanken müssen anfangen, die Konsolidierungen zu fördern, anstatt wahllos Kredite zu verteilen“ (Rogoff 2008).

„Im Gegensatz zu Bear Stearns versagte die amerikanische Zentralbank Fed der angeschlagenen Investmentbank Lehman Brothers finanzielle Unterstützung beim Konzernumbau. Die Idee hinter dieser Entscheidung war, ein Zeichen gegen die unüberschaubaren Risiken der Investmentbanken und die Erwartung automatischer Hilfen durch den Staat zu setzen“ (Bloss et al. 2009b: 9).

Da auch keine weiteren Investorenangebote für einen Kauf vorlagen, gab es für Lehman Brothers keine Rettung mehr: Die Investmentbank musste Mitte September 2008 Konkurs anmelden (vgl. O.V. 2008d).

Da der Lehman-Vorfall Anlass für spekulative Marktmanipulationen gab, verhängten zahlreiche Finanzaufsichtsbehörden weltweit ein zeitlich befristetes Verbot für ungedeckte Leerverkäufe[6] auf ausgewählte Finanztitel (vgl. BaFin 2008: 13). Zudem verabschiedeten einige europäische Länder umfangreiche Rettungspakete. In Deutschland wurde diesbezüglich ein Sonderfonds zur Finanzmarktstabilisierung (SoFFin)[7] eingerichtet, der den Banken Kapital bis zu 80 Mrd. € und Garantien bis zu 400 Mrd. € geben kann (vgl. BaFin 2008: 20). Anfang 2009 erwarb dieser Fonds z.B. neue Stammaktien der Commerzbank im Wert von 1,8 Milliarden Euro und wurde zusätzlich stiller Gesellschafter in Höhe von 8,2 Milliarden Euro, um der Geschäftsbank zu neuer Liquidität zu verhelfen (vgl. Bastian et al. 2009). Auch der HSH Nordbank, der IKB und der Hypo Real Estate stellte der Fonds Liquiditätsgarantien in Milliardenhöhe bereit (vgl. BaFin 2009: 18, 19).

Die Lehman-Pleite löste eine weltweite Kettenreaktion aus. Die Folge des Insolvenzganges war eine fast lebensbedrohliche Starre auf dem Geldmarkt (vgl. Bloss et al. 2009b: 9). Der ohnehin schwelende Vertrauensverlust unter den Banken wurde dramatisch verstärkt (vgl. BaFin 2008: 19). Zudem hielten sich die Banken „angesichts massiver Verluste und wegbrechender Eigenkapitalausstattung bei der Vergabe risikoreicher Kredite zunehmend zurück“ (BaFin 2008: 17). Dadurch, dass die Banken also die Fristentransformation[8] nicht mehr ausübten, wurde der Wirtschaftskreislauf negativ beeinflusst und die Realwirtschaft empfindlich gestört (vgl. Bloss et al. 2009b: 46).

Das Ausmaß der globalen Finanzkrise ließ sich auch deutlich an der Weltproduktion und am Welthandelsvolumen erkennen. Bei konstanter Weltproduktion bis 2008 sank der Welthandel bis 2008 um 5%. Diese Überproduktion hat vor allem Deutschland als exportstarke Nation empfindlich getroffen (vgl. EBD). Repräsentativ ist die Automobilindustrie, die in besonderem Maße auf Verfügbarkeit von Krediten angewiesen ist. Dort gab es Ende 2008 von einem auf den nächsten Monat einen Exportrückgang von 18% (vgl. Bloss et al. 2009b: 47).

„Seit November [2008] gilt als sicher: Deutschland steckt in der Rezession, die Wirtschaft wird im kommenden Jahr schrumpfen. Volkswirte sind ratlos und sprechen von Einbrüchen, ‚die wir noch nie gesehen haben‘. Autohersteller schicken ihre Mitarbeiter in Zwangsferien. Die Opel-Bosse pilgern ins Kanzleramt, um staatliche Bürgschaften zu erbetteln“ (O.V. 2008a).

Um die aktuelle Finanzkrise zu überwinden und eine neue, internationale Finanzarchitektur zu schaffen (vgl. BaFin 2009: 19), fanden sich die zwanzig wichtigsten Industrie- und Schwellenländer im April 2009 zu einem Gipfel in London zusammen.

Der Großbritannien-Korrespondent für SPIEGEL ONLINE, Carsten Volkery, interpretierte die Veranstaltung als „Gipfel der doppelten Botschaften“ (Volkery 2009). Hiernach betonten die Briten und Amerikaner die Ankurbelung der Weltwirtschaft, indem fünf Billionen Dollar in die Märkte gepumpt werden sollten. Hingegen die deutsch-französische Achse thematisiere schwerpunktmäßig die Regulierung; außerdem habe Deutschland „…eigentlich gar keine Zahlen zu Konjunkturhilfen im Abschlussdokument lesen wollen“ (Volkery 2009). Doch Frau Merkel müsse das Billionen-Paket irgendwie gut finden (vgl. Volkery 2009).

Demgegenüber sah die freie Journalistin und Bestseller-Autorin Margaret Heckel in ihrem Themenbeitrag in WELT ONLINE die Botschaft der deutsch-französischen Achse eher als ein Ringen nach besseren Regeln (vgl. Heckel 2009). „..Merkel hat kein Verständnis dafür, nur die Symptome statt der [!] Ursachen zu bekämpfen. Und die liegen für sie im Regulierungssystem“ (Heckel 2009). Zudem lehne Frau Merkel Konjunkturhilfen nicht ab; Deutschland habe, relativ zur eigenen Wirtschaftsleistung, bereits am meisten für die Konjunktur-stimulierung ausgegeben (vgl. Heckel 2009).

Die Interpretation der Journalistin Heckel ist den Ausführungen des Korrespondenten Volkery im Rahmen dieser Diplomarbeit vorzuziehen. Der Grund ist die etwas plakative Darstellungsweise in der Veröffentlichung von SPIEGEL ONLINE. Zudem fehlt dort eine Erläuterung möglicher Hintergründe für die Positionierung Deutschlands und Frankreichs auf dem G-20-Gipfel, die wiederum von Heckel präsentiert wird.

Im weiteren Jahresverlauf bemühte sich die Finanzindustrie, ihre Bilanzen zu bereinigen und Kapital als Ausgleich für aufgelaufene Verluste zu beschaffen (vgl. BaFin 2009: 13). Hohe Abschreibungen auf toxische Wertpapiere konnten so in vielen Fällen kompensiert werden; zum Ende des Jahres war das Finanzsystem wesentlich stabiler als noch im Jahr 2008 (vgl. EBD).

2.1.4 Von der Wirtschaftskrise zur Staatsschulden-Krise ab 2010

„Die umfangreichen Konjunkturprogramme und Hilfen für die Finanzwirtschaft brachten die öffentlichen Haushalte in weiten Teilen der Welt an die Grenze der Belastbarkeit. Die Staatsverschuldung schoss nach oben…“ (BaFin 2009: 14).

In Europa stachen zunächst besonders Irland und Griechenland hervor.

Irland drohte bei der Rettung seines Bankensektors das Geld auszugehen und geriet dadurch in Bedrängnis (vgl. O.V. 2010f). Die EU stellte zusammen mit dem IWF ein Rettungspaket in Höhe von 85 Milliarden Euro zur Verfügung (vgl. EBD). „Im Gegenzug muss das Land seinen maroden Bankensektor neu aufstellen und dafür sorgen, sein Minus in der Staatskasse zu verringern“ (O.V. 2010h).

Für Griechenland wurden innerhalb weniger Monate zwei Angaben über das Haushaltsdefizit veröffentlicht, die um etwa 1,4%[9] des BIP voneinander abwichen (vgl. O.V. 2010d). Solche Meldungen sorgten für schwindendes Vertrauen der Kapitalmärkte in die Zahlungsfähigkeit der betroffenen Länder. Im April 2010 bat Griechenland die Europäische Union und den Internationalen Währungsfonds (IWF) um eine Finanzspritze von insgesamt 45 Milliarden Euro (vgl. O.V. 2010a); bereits wenige Wochen später mussten alle Beteiligten einsehen, dass eine Aufstockung um weitere 65 Milliarden Euro notwendig sei, um eine drohende Staatspleite Griechenlands abzuwenden (vgl. O.V. 2010c). „Die ausufernden Staatsschulden in Griechenland beruhten in erster Linie auf mangelnder Haushaltsdisziplin über einen langen Zeitraum hinweg“ (BaFin 2010: 15). Bedingung für dieses Rettungspaket war allerdings „ein Drei-Jahres-Sparprogramm über 30 Milliarden Euro, das die Neuverschuldung des Landes…senken soll“ (O.V. 2010c). Die internationalen Rating-Agenturen taten ihr Übriges. So wurde Griechenland durch Moody’s im Juni 2010 um vier Stufen von „AAA“ auf „Ba“ herunter gestuft (vgl. O.V. 2010f), was als vorwiegend spekulativ gewertet wird (vgl. Anlage 2). Nur etwa ein Jahr später sahen die Rating-Agenturen eine unmittelbar drohende Zahlungsunfähigkeit und stuften Griechenland im Juli 2011 auf „Ca“ herab (vgl. Greive 2011), was als höchst spekulativ gewertet wird (vgl. Anlage 2). „Das EU-Rettungspaket verschaffe Griechenland erst einmal Luft und erlaube eine geordnete Insolvenz, hieß es“ (Greive 2011).

Auch Staaten wie Spanien wurden in ihrer Kreditwürdigkeit um eine Note von „AA+“ auf „AA“[10] herabgestuft; dies spiegelte wider, dass sich die Haushaltslage in Spanien schlechter als erwartet entwickelt (vgl. O.V. 2010e).

Durch das Bekanntwerden einer desolaten Haushaltslage, oder durch eine Herabstufung vonseiten einer Rating-Agentur, steigen die Finanzierungskosten eines Staates drastisch an. Zwischen Ende 2009 und Ende 2010 erhöhte sich dadurch vor allem die Rendite griechischer und irischer Staatsanleihen erheblich:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 5: Rendite zehnjähriger Staatsanleihen ausgewählter europäischer Staaten.

In Anlehnung an: Bloomberg. In: BaFin 2010: 15.

Eine hohe Rendite bedeutet im Regelfall allerdings für einen Investor, dass er im Gegenzug ein erhöhtes Risiko in Kauf nehmen muss (nicht nur bei Staatsanleihen!). Dies ist die Ursache für einen Rückgang der Nachfrage nach solchen Papieren, da viele Investoren keine hohen Risiken eingehen wollen. Um die Refinanzierung betroffener Staaten zu erleichtern, kaufte die Europäische Zentralbank Anleihen hoch verschuldeter Euro-Staaten, wie Irland und Portugal, an (vgl. O.V. 2010b und Bolzen et al. 2011). „Die EZB fürchtet, dass sie damit indirekt die Verschuldung von Staaten finanziert, was ihr verboten ist“ (Kühnlenz 2011). Und Währungshüter sahen in einem solchen Eingriff den Keim für Inflation (vgl. Bolzen et al. 2011). Allerdings erkannte die EU im Krisenverlauf ein systemisches Risiko und eine Bedrohung für die finanzielle Stabilität von Eurozone und EU, weshalb sie sich zu diesem Schritt entschloss (vgl. O.V. 2010b). Zudem erreichten die Schuldenstände einiger EU-Staaten bis Mitte 2011 ein bedrohliches Niveau. So wies z.B. Griechenland ein Staatsdefizit von 142,8% seines Bruttoinlandsproduktes aus:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 6: Das Defizit der Euro-Länder im Vergleich.

Quelle: Eurostat. Infografik Welt Online. In: Bolzen et al. 2011

Die schlechte finanzielle Verfassung war nicht nur bei europäischen Staaten zu finden. So übertraf Japan mit einem Schuldenstand von 200% des BIP Griechenland bei Weitem (vgl. BaFin 2010: 19). Auch die Verschuldungsquote der USA näherte sich im Jahre 2010 der Marke von 120% (vgl. EBD). Gleichzeitig entwickelt sich die US-Konjunktur nur schleppend (vgl. O.V. 2010i). Um die Anleger zu motivieren, ihr Geld weder zu horten noch in relativ sicheren Papieren anzulegen, wäre die Senkung des Leitzinses grundsätzlich geeignet (vgl. EBD). Allerdings lag der Leitzins in den USA schon praktisch bei null; daher reagierte die US-Notenbank im Rahmen ihrer expansiven Geldpolitik und beschloss, für 600 Milliarden Dollar amerikanische Staatsanleihen zu kaufen (vgl. O.V. 2010i).

Trotz aller Bemühungen erreichten die USA Mitte Mai 2011 ihre gesetzlich festgelegte Schulden-Obergrenze von 14,3 Billionen Dollar (vgl. O.V. 2011c). Würde diese Grenze nicht erhöht, drohe eine Ausuferung der weltweiten Finanzkrise mit einhergehender Rezession (vgl. EBD). Um aber das Gesetz ändern zu können, musste es im US-Repräsentantenhaus zu einem Kompromiss zwischen den Demokraten und den Republikanern kommen. „Wochenlang hatten beide Parteien um einen Kompromiss in der Schuldenkrise gestritten“ (O.V. 2011j). Anfang August 2011 gab es dann die erhoffte Einigung; es wurde ein weiteres Sparpaket unterzeichnet, was die Schuldengrenze nach oben verschob und eine Staatsinsolvenz verhinderte (vgl. O.V. 2011j).

Diese aufgeschobene amerikanische Budgetkrise veranlasste wiederum die Rating-Agentur Standard & Poor’s zu einer Herunterstufung der Kreditwürdigkeit von AAA auf AA+ (vgl. Stürmer 2011). Die Medien mussten institutionellen wie privaten Investoren zwischen den Jahren 2009 und 2011 Bonitäts-Herabstufungen für 16 Staaten alleine durch die Rating-Agentur Moody’s mitteilen (vgl. Anlage 4).

Vor allem die drohende Staatspleite des Wirtschaftsgiganten USA war und ist die Ursache schwindenden Vertrauens weltweit – in die Leitwährung Dollar, in die jeweils eigene Währung und in das Finanzsystem. Dieser Vertrauensverlust wurde durch wahre Kursstürze an allen großen Börsenplätzen weltweit am 05. August 2011 unterstrichen. „Hauptgrund für die Kursstürze ist…der Verlust an Zuversicht. ‚Die Eurokrise und die amerikanische Staatsschuldenkrise haben Unternehmen und Verbraucher nervös gemacht‘“[11] (O.V. 2011d).

Der Konjunkturexperte des Instituts für Weltwirtschaft, Joachim Scheide, unterstreicht diese Wertung: „Die Märkte seien nervös, weil sie sähen, dass die politischen Akteure in den USA wie in Europa ihre Schuldenprobleme nicht im Griff hätten“ (EBD).

Dr. Christoph Kind, Leiter des Fondsmanagements bei Frankfurt-Trust, sieht die europäische Schuldenkrise eher als ein Ergebnis zahlreicher politischer Fehler an. So habe die Währungsunion zu einer Konvergenz der Kapitalmarktzinsen auf niedrigem Niveau geführt und damit die Neuverschuldung der ehemaligen Hochzinsländer erleichtert (vgl. Kind 2011: 3). Darüber hinaus kritisiert Kind das Fehlen eines autarken Handelns der EZB:

Im Mai 2010 hatte sich Bundeskanzlerin Merkel öffentlich sehr positiv über die Bereitschaft der deutschen Wirtschaft geäußert, sich am Rettungspaket für Griechenland beteiligen zu wollen (O.V. 2010g). Als sich der private Sektor später doch aus der Finanzierung zurückzog, verursachte dies massive Zinsaufschläge der betroffenen Staatsanleihen. In der Folge nahm die EZB die bereits bekannten Stützungskäufe von Staatsanleihen zur Beseitigung des Debakels vor[12], „das die Politik unter grober Missachtung der Warnungen der EZB selbst geschaffen hat“ (Kind 2011: 4). Es bleibt abzuwarten, wie sich die weltweite Staatsschuldenkrise in die nächsten Jahre hinein entwickeln wird. Zumindest Peer Steinbrück ist der Meinung, ein maßloser Kapitalismus, wie wir ihn erlebt hätten, fräße sich am Ende selbst auf (vgl. Steinbrück 2010).

2.2 Die Finanzkrise und die Banken

Die Finanzkrise konnte sich auch deshalb global ausbreiten, weil die meisten Banken mit ihrem eigenen Vermögen in die globalen Kreditmärkte investiert hatten. Dieses Kapitel beschäftigt sich deshalb zunächst damit, wie die Bankenbranche die Risiken solcher Kreditmarkt-Papiere bewertet hat. Aus dieser Erläuterung wird eine Antwort auf die Frage modelliert, ob solche Investitionen als hoch spekulativ oder als beeinflussbares Kalkül gesehen werden können.

2.2.1 Die Risikosteuerung durch die Banken

Ein typisches Verbriefungsinstrument im Rahmen milliardenschwerer Investitionen vonseiten der Banken waren die sog. „Asset Backed Securities“, kurz ABS. Hierbei handelte es sich um gebündelte unternehmerische Forderungen (vgl. Bloss 2009b: 144). Dieses Forderungspaket wurde rechts- und steuerwirksam an eine spezielle Zweckgesellschaft ausgegliedert, die dafür einen Kaufpreis bezahlen musste (vgl. Bloss 2009b: 146).

Die Zweckgesellschaft refinanzierte den gezahlten Kaufpreis, indem sie mit Hilfe eines Bankenkonsortiums die ABS am Kapitalmarkt emittierte[13]. Für eine Bewertung des Anlagerisikos verließen sich interessierte Investoren, z.B. Geschäftsbanken, weitgehend auf Ratings großer Ratingagenturen (vgl. EBD). Diese wiederum bewerteten solche Papiere oft zu Höchstnoten (vgl. O.V. 2011i). Diese positive Einstufung wurde zeitpunktbezogen vorgenommen (vgl. Bloss 2009b: 146). Da der Bewertungszeitpunkt vor Beginn der Subprime-Krise lag, bewerteten die Agenturen das Risiko dieser Papiere, ausgehend von diesem Zeitpunkt, als gering[14]. Außerdem wurde überprüft, ob die in einem Portfolio steckenden Risiken korrekt berücksichtigt wurden, eine rechtlich einwandfreie Forderungsübertragung stattfand und eine rechtzeitige Rückzahlung der Wertpapiere möglich wäre (vgl. Bloss 2009b: 146-147).

Eine Risikosteuerung ermöglicht dem Bankmanagement grundsätzlich, dass eine Risikobegrenzung erreicht werden kann (vgl. Bloss 2009b: 166). Eine korrekte Angabe über vorherrschende Risiken entspricht allerdings keiner numerischen Bewertung der Risiken, und dies ist ein grundlegendes Problem der Kreditmärkte (vgl. Münchau 2008: 142). „ In den Kreditmärkten ist es nicht möglich, empirisch irgendetwas zu ermitteln. Wenn man sich die Frage stellt: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass Firma X bankrott geht, dann ist die Firma offensichtlich noch nicht bankrott. Man kann also nicht die Vergangenheit bemühen, um die Wahrscheinlichkeit zu ermitteln “ (Satyajit 2006. In: Münchau 2008: 142-143).

Robert Merton, Professor an der Harvard Universität (Cambridge/USA), meint, dass bereits der Versuch, Risiko zu quantifizieren, dazu führe, dass insgesamt mehr Risiko im System existiere, da jeder sich sicherer fühle als vorher und daher höhere Risiken einginge (vgl. Münchau 2008: 151). Es handelt sich also um eine sich selbst nährende Risikospirale, die sich dynamisch entwickelt.

Eine weit verbreitete Methode, die zur Berechnung möglicher Veränderungen von Vermögenspositionen genutzt wurde und nach wie vor genutzt wird, ist das „Credit Value at Risk“-Konzept, kurz CVaR.

Dem CVaR liegt die Normalverteilung aus der Statistik zugrunde. Es werden auch Risikoarten mit dieser Methode bewertet, bei denen nicht unmittelbar die Normalverteilung zugrunde gelegt werden kann, z.B. Ausfallrisiken (vgl. Wolke 2008: 28). Auf diese Weise haben Investment- und Geschäftsbanken z.B. errechnet, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Portfolio aus ABS einen Verlust von x US-Dollar innerhalb einer betrachteten Zeitperiode erleiden wird (vgl. Wolke 2008: 33). Mit einem solchen mathematischen Ergebnis glaubten die Banken, das Risiko zu kennen und es vollständig kontrollieren zu können (vgl. Münchau 2008: 150).

Benoit Mandelbrot, bis 2010 Professor an der Yale Universität (New Haven/USA), fand demgegenüber heraus, dass bestimmte Wertpapiere der sog. „Cauchy-Verteilung“ unterliegen (vgl. Münchau 2008: 149). „Sie ist die Verteilung des Quotienten zweier unabhängiger, standard-normalverteilter Zufallsgrößen“ (Hesse 2003: 182). „Im Vergleich zur Standard-Normalverteilung hat die Cauchy-Verteilung mehr Wahrscheinlichkeitsmasse in den Rändern, da ihre Dichte langsamer abklingt“ (Hesse 2003: 183). Dadurch ist eine Ausfall-Wahrscheinlichkeit über die Cauchy-Verteilung deutlich komplizierter zu errechnen.

René Carmona, Professor an der Princeton Universität (New Jersey/USA), verglich beide Methoden anhand mehrerer Beispiele und erhielt dramatisch unterschiedliche Rechenergebnisse (vgl. Münchau 2008: 150).

Das Problem innerhalb des Bewertungs-Prozederes ist nicht die Mathematik selbst, denn die Modelle in sich sind schlüssig (vgl. Münchau 2008: 154). Das Problem ist vielmehr, dass „viele der Anwender die grundlegende Mathematik nicht verstehen, und viele Mathematiker eine oft sehr vereinfachte Vorstellung davon haben, wie Finanzmärkte in der Realität funktionieren…“ (Münchau 2008: 154).

[...]


[1] Subprime-Kredite sind zweitklassige Kredite am US-Hypothekenmarkt (vgl. Bloss 2009a: 15).

[2] Der Realzins entspricht dem Nominalzins abzüglich der erwarteten Inflationsrate (vgl. Blanchard/Illing 2009: 421).

[3] Ähnlich wie Aktienkurse entwickeln sich auch andere Vermögenspreise. Die meisten Ökonomen deuten eine starke Entwicklung innerhalb einer relativ dazu kurzen Zeitperiode als eine spekulative Blase, die sich zuerst ausdehnt und dann platzt (vgl. Glebe 2008: 81).

[4] Tender wird eine Auktion der EZB genannt, die Geld gegen Zinsen bereitstellt (vgl. O.V. 2007a). Tender werden von der EZB als Instrumente der Geldmengensteuerung verwendet.

[5] = Kreditderivate sind Finanzderivate, die es ermöglichen, ein potenzielles Ausfallvolumen außerbilanziell zu erhöhen oder zu verringern. Durch Kreditderivate wird das potenzielle Ausfallvolumen vom Käufer zum Verkäufer übertragen. Kreditderivate haben für den Käufer somit Versicherungscharakter und ähneln von ihrer Struktur her einer herkömmlichen Garantie (vgl. Hölscher et al. 2011).

[6] Hier handelt es sich um den „Verkauf von Wertpapieren, die man nicht besitzt, die man zu einem späteren Zeitpunkt allerdings kaufen muss. Mit einem Leerverkauf spekuliert man auf einen Verfall eines Preises“ (Münchau 2008: 52).

[7] vgl. zur Funktionsweise Anlage 3

[8] Diese „umfaßt [!] die Umwandlung formell kurzfristig angebotener Gelder in langfristig nachgefragte Kredite. Kreditinstitute werden damit (begrenzt) in die Lage versetzt, sowohl den Vorstellungen der Einleger nach hoher Liquidität ihrer Anlage als auch den Wünschen der Kreditnehmer nach mittel- und langfristigem Kapital Rechnung zu tragen“ (Betge 1996: 14).

[9] inkl. der griechischen Sozialversicherung

[10] entspricht der Stufe „high quality“ (zu Deutsch: hohe Qualität); vgl. Anlage 2 unter „Description“ Zeile 2

[11] Der Verfasser zitiert hier Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank.

[12] Vgl. auch Abschnitt 2.1.4 auf Seite 17 unten

[13] vgl. für den Transaktionsprozess von ABS auch Anlage 5

[14] vgl. dazu Zitat von Fischermann in Abschnitt 2.1.1 auf Seite 4

Details

Seiten
118
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783842822542
Dateigröße
24.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v228693
Institution / Hochschule
Hamburger Fern-Hochschule – Wirtschaftswissenschaften
Note
1,1
Schlagworte
finanzprodukt finanzkrise emissionshaus subprime-krise bank geldanlage

Autor

Zurück

Titel: Innovative und nachfrageadäquate Finanzprodukte in Zeiten der Finanzkrise am Beispiel eines deutschen Emissionshauses