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Möglichkeiten und Probleme bei der Unterstützung von Studierenden mit psychischen Schwierigkeiten

Ein Vergleich verschiedener Bundesländer

Bachelorarbeit 2011 59 Seiten

Pädagogik - Hochschulwesen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einführung

2) Vorgehen

3) Zu den Begrifflichkeiten der psychischen Schwierigkeit und der psychischen Störung

4) Studium und Spätadoleszenz

5) Belastungen und Ressourcen im Studium

6) Psychische Lage und psychische Schwierigkeiten von Studierenden
6a.) Heidelberger-Studie

7) Beratung und Behandlung von Studierenden mit psychischen Schwierigkeiten
7a.) Entwicklung der psychologischen Beratung an deutschen Hochschulen
7b.) Aktuelle Studienbedingungen
7c.) Veränderungen in der Beratung

8) Psychologische Beratung an den Hochschulstandorten Hamburg und Magdeburg
8a.) Beratung in Magdeburg S. 35
8b.) Beratung in Hamburg

9) Praxisbeispiele und mögliche Maßnahmen zur Unterstützung von Studierenden mit psychischen Schwierigkeiten
9a.) „Nightline“ das Zuhör-Telefon
9b.) Studienabschlussunterstützung „Endspurt“

10) Fazit

11) Literaturverzeichnis

12) Internetquellen

1.) Einführung

In der öffentlichen Wahrnehmung ist der Eindruck, dass Studierende ein besonders privilegiertes Leben mit vielen Freiheiten führen, weit verbreitet. Studenten können meistens ausschlafen und haben lange Semesterferien, so heißt es oft zur Begründung dieses Eindrucks. Doch dass ein Studium nicht nur von vielen Freiheiten gekennzeichnet ist, wird oft übersehen. Ein Studium erfordert ein hohes Maß an Selbstverantwortung und Selbstorganisation, die Hochschule stellt hohe fachlich Anforderungen an die Studenten. Zusätzlich ist die Studienzeit eine biographische Übergangsphase zum Erwachsenwerden mit vielen Entwicklungsanforderungen. Psychische Schwierigkeiten sind in dieser Zeit nicht selten. Schon berühmte Schriftsteller wie Max Frisch und Wolfgang von Goethe klagten über psychische Schwierigkeiten in ihrer Studienzeit. Goethe fühlte sich einsam und verzweifelt nachdem er sein Elternhaus für das Studium verlassen hatte. Er studierte in Leipzig Rechtswissenschaften, zu seinen Problemen gehörten Verstopfung, Infekte, Zahnschmerzen, Husten, Arbeitsstörungen bis hin zu Selbstmordphantasien. Diese und ähnliche Probleme haben auch heute noch viele Studenten. Goethe konnte seine Schwierigkeiten durch schöpferische Tätigkeiten selbst überwinden, aber nicht jeder ist in der Lage eine psychische Krise allein zu bewältigen. Viele benötigen Hilfe, um ihre Probleme lösen und das Studium schaffen zu können. „Ohne Hilfen, können Selbstwertprobleme, depressive Verstimmungen, Arbeitsstörungen, soziale Isolation oder sogar Suizid die Folge sein.“ (vgl. Holm-Hadulla 2001, S. 8) Bei einer „beträchtlichen Anzahl“ von Studenten, ist die Arbeitsfähigkeit aufgrund psychischer Probleme eingeschränkt, sie sind depressiv und verzweifelt. (Holm-Hadulla 2001, S. 8) Daher wurden psychologische bzw. psychotherapeutische Beratungsstellen für Studierende mit psychischen Schwierigkeiten eingerichtet. Die neuen Studienbedingungen scheinen die Probleme noch zu verstärken.

Da ich persönlich auch während meiner Studienzeit mit psychischen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, habe ich das Thema Studieren mit psychischen Schwierigkeiten zu meinem Bachelorarbeitsthema gemacht. In dieser Arbeit soll die psychische Lage von Studierenden anhand von empirischen Befunden aufgezeigt, mögliche Ursachen bestimmt und Behandlungsmöglichkeiten vorgestellt werden. Folgende Fragen sollen in dieser Arbeit untersucht werden: Unter welchen psychischen Schwierigkeiten leiden Studierende? Was sind mögliche Ursachen? Verstärken die aktuellen Studienbedingungen tatsächlich psychische Probleme? Was gibt es für Hilfsmöglichkeiten für Studenten? Ist ein Studium mit psychischen Schwierigkeiten überhaupt möglich und sinnvoll? Ein Student der Otto-von-Guericke Universität Magdeburg dazu: „Psychische Probleme sind in der Uni fehl am Platz. Und damit stellt sich auch schnell das Gefühl ein, irgendwie selbst fehl am Platz zu sein.“ (in Ackermann 2010, Uni-Report, S. 10) Dieses Gefühl haben viele Studenten mit psychischen Schwierigkeiten, so auch ich. In der vorliegenden Arbeit versuche ich diese Frage zu beantworten.

2.) Vorgehen

In diesem Abschnitt soll zu Beginn mein Vorgehen erläutert werden. Die psychischen Schwierigkeiten von Studierenden allgemein und von psychisch erkrankten Studierenden im speziellen sollen vorgestellt werden. Dabei werden „harmlose“, nicht krankheitswertige psychische Probleme bis hin zu krankheitswertigen psychischen Störungen berücksichtigt. Die Klärung dieser Begriffe folgt in Punkt drei. Anschließend werden die besondere Situation des Studierens und Theorien dazu genauer erläutert. Die Psychische Lage und psychische Schwierigkeiten von Studierenden werden anhand von empirischen Befunden vorgestellt, im Besonderen die Heidelberger- Studie, da sie auf die Probleme psychisch schwer erkrankter Studierender eingeht. So können Ergebnisse allgemeiner psychischer Probleme bei der Gesamtheit der Studierenden und von psychisch gestörten Studierenden herausgearbeitet werden. Weiterhin werden die historische Entwicklung und die momentane Lage der psychologischen Beratung an deutschen Hochschulen herausgearbeitet, dazu werden auch die aktuellen Studienbedingungen berücksichtigt. Etwas genauer wird dann die Beratung am Studienort Hamburg als „Paradebeispiel“ und die Beratungsmöglichkeiten am Hochschulstandort Magdeburg vorgestellt. Anschließend folgen zwei Bespiele aus der Praxis für weitere mögliche Maßnahmen zur Verbesserung der Unterstützung von Studierenden mit psychischen Schwierigkeiten. Abschließend erfolgt eine Zusammenfassung meiner Ergebnisse und die vorher gestellten Fragen sollen beantwortet werden.

3.) Zu den Begrifflichkeiten der psychischen Schwierigkeit und der psychischen Störung

Der Begriff psychische Schwierigkeit wird in dieser Arbeit als Sammelbegriff verwendet, für krankheitswertige und nicht krankheitswertige psychische Probleme und Beeinträchtigungen. Sie kann selbst bewältigt werden, professionelle Hilfe wird nicht unbedingt benötigt. Obwohl fachliche Unterstützung wahrscheinlich dennoch sinnvoll wäre. Während psychische Störung explizit krankheitswertige und behandlungsbedürftige Probleme meint. Die Begriffe psychische Schwierigkeit, psychische Beeinträchtigung und psychisches Problem werden im Folgenden synonym verwendet.

Psychische Störung ist ein Sammelbegriff für Erkrankungen der Psyche. Dieser Begriff löste in der Psychiatrie, Psychologie und der Psychotherapie die älteren Begriffe der psychischen Krankheit oder psychischen Erkrankung ab, auch wenn diese ab und zu noch verwendet werden. Der Begriff Störung ist wertneutraler als die älteren Begriffe und soll eine Stigmatisierung vermeiden. Allerdings existiert keine einheitliche Definition des Begriffes psychische Störung, da es schwer ist, die für die psychischen Störungen charakteristischen Merkmale festzulegen. Die Weltgesundheitsorganisation und die American Psychiatric Association waren daher bemüht, die Beschreibung einzelner Störungsbilder zu vereinheitlichen und eine Beschreibung des Begriffes herauszuarbeiten. Beide erarbeiteten international anerkannte und genutzte Klassifikationssysteme, in denen einzelne psychische Störungen anhand von Kriterien definiert und näher beschrieben werden. Die ICD-10 (“International Classification of Diseases” 10.) der Weltgesundheitsorganisation WHO ist ein Klassifikationssystem aller medizinischen Krankheiten und Störungen. Die psychischen Störungen finden sich im Kapitel V (F). Das DSM-IV (“Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders”, 4. Revision) wurde von der American Psychiatric Association herausgebracht und enthält Beschreibungen, statistische Angaben und Kriterien für 395 Störungen. In diesem Diagnostischen und Statistischen Manual psychischer Störungen (DSM) der American Psychiatric Association (APA) wird folgende Definition verwendet: „…jede psychische Störung als ein klinisch bedeutsames Verhaltens- oder psychisches Syndrom oder Muster aufgefaßt, das bei einer Person auftritt und das mit momentanem Leiden (z.B. einem schmerzhaften Symptom) oder einer Beeinträchtigung (z.B. Einschränkung in einem oder in mehreren wichtigen Funktionsbereichen) oder mit einem stark erhöhten Risiko einhergeht, zu sterben, Schmerz, Beeinträchtigung oder einen tiefgreifenden Verlust an Freiheit zu erleiden. Zusätzlich darf dieses Syndrom oder Muster nicht nur eine verständliche und kulturell sanktionierte Reaktion auf ein bestimmtes Ereignis sein, wie z.B. den Tod eines geliebten Menschen. Unabhängig von dem ursprünglichen Auslöser muß gegenwärtig eine verhaltensmäßige, psychische oder biologische Funktionsstörung bei der Person zu beobachten sein. Weder normabweichendes Verhalten (z.B. politischer, religiöser oder sexueller Art) noch Konflikte des Einzelnen mit der Gesellschaft sind psychische Störungen, solange die Abweichung oder der Konflikt kein Symptom einer oben beschriebenen Funktionsstörung bei der betroffenen Person darstellt.“ (Saß 2003, DSM-IV-TR, S. 979) Klinisch bedeutsam heißt krankheitswertig und behandlungsbedürftig. Von einer psychischen Störung Betroffene leiden aktuell unter ihren psychischen Problemen, sie sind in ihrer Freiheit eingeschränkt, sind z.B. vor Angst nicht mehr in der Lage öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen oder ihrem Beruf nachzugehen. Als psychische Störung wird nicht angesehen, wenn Probleme aus der Kultur der Person erklärbar sind, z.B. Trauer nach dem Tod eines Freundes oder wenn sie lediglich auf Konflikte der Person mit gesellschaftlichen Normen und Anforderungen zurückzuführen sind, z.B. Angehörigkeit zu einer in einem Staat verbotenen politischen Organisation oder Homosexualität (Diskriminierung). Einzelne Störungsbilder sind Schizophrenie, Affektive Störungen (Manie, Depression), Zwangsstörungen, Angststörungen (Panikstörung, Soziale Phobie), Persönlichkeitsstörungen (Borderline-Persönlichkeitsstörung) oder Dissoziative Störungen (Dissoziative Identitätsstörung). Der Übergang zwischen einer psychischen Schwierigkeit, also einer vorübergehenden Lebenskrise und einer chronischen psychischen Störung ist fließend und daher nicht leicht trennbar.

4.) Studium und Spätadoleszenz

Das Studium fällt in der Regel in die Zeit der Spätadoleszenz. Adoleszenz meint dabei den Übergang vom Jugend- zum Erwachsenenalter. „Entscheidende Weichen hin zu einer stabilen seelischen Verfassung oder zur pathologischen Entwicklung“ werden in dieser Zeit gestellt. Es ist eine Zeit der Krisen, in der „widersprüchliche Selbstvorstellungen zu einer relativ integrierten Selbstpräsenz verknüpft“ werden müssen. (vgl. Leuzinger-Bohleber 2001, S. 14) In dieser Phase bildet sich die Grundlage für eine stabile Identität. Kindliche Identifizierungen, Werte und Normen werden geprüft und verändert und neue Identifizierungen, Wertvorstellungen und Normen werden aufgenommen. Berufswahl und Partnerwahl müssen getroffen werden und realistische Grenzen anerkannt werden. Die eigene Unvollkommenheit bzw. Fehlerhaftigkeit muss anerkannt werden. Die Spätadoleszenz, die Phase am Ende der Adoleszenz, kann eine weitere Entfaltung der eigenen Persönlichkeit oder auch ein Weg in die Krankheit bzw. Entwicklung einer psychischen Störung sein. Häufig wird eine Psychotherapie in dieser Phase begonnen. „Spätadoleszenz als entscheidender Turningpoint ihrer Lebensgeschichte.“ (vgl. Leuzinger-Bohleber 2001, S. 16) In dieser Entwicklungsphase ist noch vieles offen, dabei sind Spielräume zum Ausprobieren neuer Möglichkeiten notwendig. Bildungsinstitutionen, und damit auch Hochschulen und Universitäten haben eine hohe individuelle und gesellschaftliche Aufgabe, sie müssen die nötigen Spielräume zur Entwicklung einer stabilen Persönlichkeit liefern. Denn mit dem „Verschwinden äußerer und innerer Spielräume in solchen Bildungsinstitutionen steigt die Wahrscheinlichkeit, dass kreative und komplexe Integrationsprozesse bei der Entwicklung einer tragenden und flexiblen Identität gestört werden.“ (vgl. Leuzinger-Bohleber 2001, S. 37) Kreative Prozesse und komplexe Denkleistungen sind als erstes bei Belastungen gestört, Arbeits- und Leistungsstörungen im Studium können die Folge sein. Ein Studium bietet zwar viele berufliche, persönliche und gesellschaftliche Möglichkeiten, aber ständige Veränderungen, Verunsicherungen und Orientierungslosigkeit sind ebenfalls der Fall. „Risikofaktoren für die Ausbildung psychischer Symptome sind Störungen bei den Übergängen in eine neue Lebensphase mit spezifischen Anforderungen“ (vgl. Soeder et al 2001, S. 158) Das Studium stellt einen derartigen Übergang in eine neue Lebensphase dar. Neue unbekannte Anforderungen und Rollenerwartungen seitens der Hochschule müssen erfüllt werden. Die Loslösung von der gewohnten Sicherheit der Eltern muss umgesetzt werden. Selbstverantwortliches Arbeiten wird erwartet. Es ist eine Zeit der Herausforderungen. Ressourcen müssen mobilisiert werden und eigene Kräfte getestet werden. Bei einigen ist es auch eine Zeit der Belastungen und Schwierigkeiten. Sie schaffen die gestellten Herausforderungen nicht, gesundheitliche und soziale Beeinträchtigungen können die Folge sein. Psychosoziale Krisen bei Studenten sind daher wahrscheinlich. Neuorientierung und Eingewöhnung in den universitären Lebensraum sind zu Beginn des Studiums die Herausforderungen. Während zum Ende die Beschäftigung mit dem Studienabschluss wichtiger wird, damit sind Unsicherheiten bezüglich der Zukunft verbunden. Im Laufe der Zeit gehen mehr und mehr Spielräume verloren. Nachdem Abschluss wird der „Eintritt in eine verantwortungsvolle berufliche Stellung, selbstständiges Geldverdienen und eine strukturierte Lebensführung erwartet“ (vgl. Holm-Hadulla 2001, S. 11) Man könnte das Studium auch als „psychosoziales Moratorium“ bezeichnen. (Krejci 1982, zit. n. Flögel 2005, S. 11) Studenten befinden sich in einem widersprüchlichen Zwischenzustand, zwischen Abhängigkeit und Erwachsenenstatus, also alleiniger Verantwortung für ihr Leben. Sie verfügen einerseits über viele Freiheiten, wie die freie Zeiteinteilung. Sie sind anderseits aber auch oft finanziell von den Eltern abhängig, während Gleichaltrige, die eine Lehre machen, ihr eigenes Geld verdienen. Andere müssen zusätzlich arbeiten um die Finanzierung sicher zu stellen, was eine zusätzliche Belastung für das Studium ist. Oder sie bekommen Bafög, wobei sie auch wieder aufpassen müssen, denn es hat eine begrenzte Förderungshöchstdauer. Zusätzlich werden die Hochschulen immer voller. Immer mehr Studenten werden von einem Dozenten betreut. Dadurch fehlt die nötige Nähe zwischen Lernenden und Lehrenden. „Fehlt aber der persönliche Bezug zu den Dozenten, wie das an deutschen Universitäten meistens der Fall ist, (…), so fehlt eine Motivationsquelle. (Krejci 1982, zit. n. Flögel 2005, S. 13) „Die Massenuniversität erschwert die Entwicklung eines Zugehörigkeitsgefühls, fehlende Rückmeldungen und Gratifikationen verhindern die Orientierung und eine realistische Einschätzung der Grenzen der eigenen Leistungsfähigkeit. Die Hochschule scheint kein förderlicher Ort, um sich der eigenen Wirksamkeit zu vergewissern.“ (Flögel 2005, S. 12) Psychische Probleme und Schwierigkeiten sind also charakteristisch für die Lebensphase Studium. Es muss sich neu orientiert werden und die Identität ausgebildet werden. Die Ablösung von der Familie und der gleichzeitige Aufbau eines eigenen sozialen Netzes, eigenverantwortlich mit Zeit und Geld umzugehen und die Leistungsanforderungen der Hochschule zu erfüllen, sind die wichtigsten Aufgaben in dieser Zeit. Viele Studierende machen erste Erfahrungen mit einer festen Partnerschaft, mit dem Alleinleben oder auch mit dem Leben in einer Wohngemeinschaft. Die Mehrheit der Studierenden schaffen die notwendigen Anpassungsleistungen aus eigener Kraft. Aber „20% aller Studierenden kommen mindestens einmal im Studium an die Grenzen ihrer Bewältigungsmöglichkeiten“. (vgl. Ackermann/Schumann 2010, S. 231) Sie sind plötzlich oder schleichend überfordert und zuvor nützliche Bewältigungsstrategien funktionieren in der aktuellen Situation nicht mehr.

5.) Belastungen und Ressourcen im Studium

Mit dem Studienbeginn beginnt der Übergang in ein neues Sozialisationsfeld. Die Schule wird durch die Hochschule ersetzt, die andere spezifische Anforderungen und Erwartungen an den Lernenden stellt.

Während des Studiums wird ein höheres Maß an Selbstverantwortung und Eigeninitiative erwartet und gefordert. Wobei die Rolle des Studenten widersprüchlich ist, ein Oxymoron, wenn man möchte. Sie sind nach ihrem Alter rechtlich mündige Bürger, aber dennoch oft existentiell von ihren Eltern abhängig Das erfordert eine Anpassung an die neue Situation, wobei Krisen möglich sind. Bei einer Krise „wirken Lebensereignisse auf das Mensch-Umwelt-System, eine interne Restrukturierung wird erforderlich, Anpassung, Neuorientierung wird notwendig und damit wird auch ein Scheitern möglich.“ (Hornung/Fabian 2001, S. 133) Die Folge können Beschwerden, psychische Störungen und körperliche Symptome sein. Der „Krisencharakter dieser Lebenssituation mit einer erhöhten Anfälligkeit für Gesundheitsbeeinträchtigungen ist durch eine Reihe empirischer Studien bestätigt“ (Hornung/Fabian 2001, S. 134) Ein Studium bietet sowohl Belastungen, als auch Ressourcen. Nachfolgend soll dies auf Grundlage einer Befragung von Studenten der Universität Zürich und der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH) erläutert werden.

Die Ergebnisse dieser Befragung sollen hier nachfolgend als Ressourcen und Belastungen vorgestellt werden. (in: Hornung/Fabian 2001, S. 135ff) Theoretische Grundlage dieser Untersuchung ist der Ressourcen-Belastungs-Ansatz. Er besagt, dass die „psychophysische Gesundheit als Ergebnis einer Balance zwischen Belastungen und Ressourcen gesehen werden kann.“ (Hornung/Fabian 2001, S. 135) Also ähnlich wie bei einer Waage, Belastungen und Ressourcen müssen gleich „schwer“ sein. Individuelle Ressourcen sind Selbstwert, Selbstwirksamkeit (das Gefühl, durch das eigene Handeln etwas bewirken zu können) und angemessene Bewältigungsstrategien. Eine soziale Ressourcen ist die soziale Unterstützung (z. B. durch Mitstudenten, Freunde, Familie). Belastungen können studienspezifische Leistungsanforderungen und Belastungen in anderen Lebensbereichen, wie eine schlechte Wohnsituation, sein.

Zum Studienbeginn werden als stärkste Belastung die Studienbedingungen am häufigsten genannt. Hohe Belastungen durch Prüfungen und durch eine mangelnde Transparenz der Anforderungen, viele wissen nicht, was von ihnen erwartet wird und was sie zu leisten haben. Mangelnder sozialer Kontakt an der Hochschule wird ebenfalls als sehr belastend empfunden. Es fehlen Kontakte zu Mitstudenten und Professoren. Auch klagen viele Studenten über unbefriedigende soziale Kontakte im Privatleben, am Studienort haben sie nur wenige Freunde. Für viele ist es ein neuer Wohnort und damit müssen Freunde erst gefunden werden. Allgemeine Lebensbedingungen wie zu wenig Freizeit oder schlechte Wohnbedingungen können ebenfalls belastend sein. Gerade zu Beginn herrscht ein großer Selektionsdruck. Viele Studenten befinden sich in den Bachelorstudiengängen, es gibt aber nur wenige Plätze für den Master. Daraus resultiert ein großer Konkurrenzdruck, zusätzlich zu den hohen Studienanforderungen. Bei der Befragung sind unterschiedliche Belastungen der Studenten der Universität und der Fachhochschule bezüglich der Anforderungen aufgetreten. Einerseits wird von den Studenten der Universität Unklarheit und Unstrukturiertheit bezüglich der Studienbedingungen bemängelt und anderseits wird von den Studenten der Technischen Hochschule eine hohe Strukturierung mit zu hohem Zeitaufwand als Hauptbelastung angegeben. Das resultiert aus einer unterschiedlichen Lehr- und Lernkultur an beiden Hochschulen. An den Universitäten sind die größten Belastungen der hohe Selektionsdruck, hohe Studienanforderungen und unklare Studienbedingungen. Während an Fachhochschulen zu wenig Freizeit als belastend empfunden wird. Die „zentrale Bedeutung des Spannungsfeldes Struktur versus Freiraum wird hier deutlich, eine Balance zwischen beidem ist notwendig.“ (vgl. Hornung/Fabian 2001, S. 136) Weitere Belastungen sind Probleme und Defizite beim eigenen Arbeitsstil und das Fehlen geeigneter Studien- und Lerntechniken. Maßnahmen gegen die mangelnde Studierfähigkeit und die unzureichenden Arbeitstechniken sollten eingeleitet werden. Es könnten Seminare und Kurse, in denen geeignete Arbeits- und Studienkompetenzen erworben und persönliche Probleme diesbezüglich geklärt werden können, eingeführt werden. Ebenfalls sinnvoll wären „korrektive Maßnahmen auf struktureller Ebene für mehr Transparenz der Studienbedingungen und weniger zeitliche Belastung. (vgl. Hornung/Fabian 2001, S. 138)

Eine wichtige Ressource zum Studienbeginn ist eine befriedigende Wohnsituation, bei der Studierende eine angemessene Arbeitsumgebung haben, in der sie sich wohl fühlen und ungestört arbeiten können. Aber die wichtigste Ressource während des gesamten Studiums ist die soziale Unterstützung, ein guter Kontakt zu den Mitstudenten und zu Dozenten. Gerade zu Beginn des Studiums ist ein guter Kontakt zu den Eltern ebenso förderlich. Voraussetzung für soziale Unterstützung ist ein soziales Netz. Die Größe der sozialen Netze bei beiden Hochschulen ist unterschiedlich ausgeprägt. An der Technischen Hochschule sind sie umfangreicher, also haben die Studenten der ETH mehr soziale Ressourcen. Der Studienkontext hat darauf einen großen Einfluss. Die kleinsten Netze finden sich an der Universität. Diese Phänomen lässt sich folgendermaßen erklären: An der Technischen Hochschule, und das lässt sich für alle Fachhochschulen verallgemeinern, gibt es mehr Pflichtstunden, mehr obligatorische Lehrveranstaltungen und Praktika, sowie mehr Anwesenheitspflicht mit wechselnden Übungs- und Projektgruppen. Man lernt mehr Studenten dauerhafter kennen als an der Universität. Das Gemeinschaftsgefühl ist stärker und dadurch sinkt der Konkurrenzdruck. Gute Betreuung durch Professoren und Assistenten ist ebenfalls gegeben. Dabei hat „soziale Unterstützung eine Schutzfunktion“ (vgl. Hornung/Fabian 2001, S. 141). Eine Schutzfunktion vor zu großen psychischen Krisen. Denn „ob sich Depressivität verstärkt, hängt von der Größe des sozialen Netzes, der Anzahl aktueller Beziehungen und von der Zufriedenheit mit den sozialen Kontakten zu Mitstudenten ab. “ (vgl. Hornung/Fabian 2001, S. 141) Kontextbedingungen des Studienfaches beeinflussen soziale Netze, sie können sie fördern oder behindern. Ein hoher gemeinsamer Zeitanteil im Studium hat großen Einfluss auf soziale Ressourcen. An der Universität gibt es nur wenig gemeinsame Zeit und damit auch weniger soziale Kontakte. Viel muss zu Hause selbstständig erarbeitet werden.

Für gewöhnlich verschlechtert sich die Psychophysische Gesundheit während des ersten Studienjahres, weil Ressourcen unter den hohen Anforderungen abnehmen und Belastungen zunehmen. Das seelische Wohlbefinden verschlechtert sich. Personale oder individuelle Ressourcen wirken als „Schutzfaktoren wie Persönlichkeitsmerkmale mit potentieller gesundheitsfördernder und erhaltender Funktion (Selbstwert, Optimismus, Empathie, Humor)“ und nehmen leicht ab. (vgl. Hornung/Fabian 2001, S. 143) Der Studienbeginn als Übergangsphase in das Erwachsenwerden ist ein “markanter Eingriff in die Persönlichkeitsentwicklung und hat in der Regel negative Auswirkungen auf die personalen Ressourcen“ zur Folge. (vgl. Hornung/Fabian 2001, S. 144) Das erste Studienjahr ist gekennzeichnet von einem Zuwachs von fachlichem Wissen und der Abnahme personaler Ressourcen. Daher ist die „Hochschule zu Beginn kein Ort, von dem positive Impulse auf die Entwicklung zentraler, auch gesundheitsrelevanter Persönlichkeitsmerkmale ausgehen.“ (vgl. Hornung/Fabian 2001, S. 144) Das Studium verlangt also viel von Studierenden und daher ist es nicht verwunderlich, wenn psychische Schwierigkeiten auftreten. Die Hochschule sollte deswegen verstärkt auf die persönliche und individuelle Entwicklung ihrer Studenten achten. Hilfsmöglichkeiten sollten allen zugänglich sein. Belastungen können nämlich auch so groß werden, dass sie nicht mehr alleine bewältigt werden können. Selbsthilfekräfte reichen dann nicht mehr aus. „Ungefähr die Hälfte aller Studenten hat zum Studienbeginn eine Krise aufgrund des vulnerablen Charakters der Phase des Studienbeginns“ (vgl. Hornung/Fabian 2001, S. 145) Bei Krisen finden sich auch schlechtere Werte der Vitalität, der Depressivität und psychosomatische Beschwerden. Eine Krise beeinflusst also physische Prozesse und die psychische Befindlichkeit von Studierenden. Professionelle Hilfe kann eine Krise schnell abklingen lassen und eine Verschlimmerung verhindern. Um Studenten zu unterstützen, müssen Belastungen abgebaut und Ressourcen gefördert werden. Klare und transparente Studienbedingungen sollten geschaffen werden, damit Studenten wissen, was von ihnen erwartet wird. In einigen Fächern sollte die Stundenzahl reduziert werden. Der Kontakt zwischen Lehrenden und Lernenden muss verbessert werden. Dazu sollten mehr Dozenten und Professoren eingestellt werden, damit sie sich auch individuell um ihre Studenten kümmern können und bei Fragen ansprechbar sind. Kurse zu Arbeits-und Lerntechniken sollten für alle Studenten verpflichtend angeboten werden. Zudem sollten „frühzeitig niederschwellige Beratungsangebote in der Studieneingangsphase“ angeboten werden. (vgl. Hornung/Fabian 2001, S. 155) Die Persönlichkeitsmerkmale Selbstwert und Optimismus sind bei vielen Studenten nicht sehr stark ausgeprägt. Oft glauben sie nicht an ihre eigenen Fähigkeiten. Durch eine entsprechende Gestaltung der Lehrerfahrung mit persönlichen Rückmeldungen der Lehrenden, also Lob und konstruktive Kritik, könnten diese Merkmale bei Studierenden gestärkt werden. Eine „Sensibilisierung der Dozenten für ihre potentiell selbstwert- und ressourcenstärkenden Aspekte ihrer Tätigkeit“ ist notwendig. (vgl. Hornung/Fabian 2001, S. 155)

[...]

Details

Seiten
59
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783842822528
Dateigröße
470 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v228692
Institution / Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg – Fakultät für Geistes-, Sozial- und Erziehungswissenschaften, Studiengang Bildungswissenschaften
Note
2,7
Schlagworte
psychotherapeutische studienberatung studium deutschland vergleich praxisbeispiele

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Titel: Möglichkeiten und Probleme bei der Unterstützung von Studierenden mit psychischen Schwierigkeiten