Lade Inhalt...

Motivation als Schlüsselfaktor der Freiwilligenarbeit in Non-Profit-Organisationen

Diplomarbeit 2009 78 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die Freiwilligenarbeit in Deutschland
1.1 Definition des Begriffs der Freiwilligenarbeit
1.2 Geschichte der Freiwilligenarbeit in Deutschland
1.3 Der aktuelle Stand und die Bedeutung der Freiwilligenarbeit
1.3.1 Verbreitung von Freiwilligenarbeit – Wer engagiert sich wie stark?
1.3.2 Felder der Freiwilligenarbeit – Wer engagiert sich in welchem Bereich?
1.3.3 Organisation von Freiwilligenarbeit – Welche Strukturen gibt es?

2. Grundlegende Erkenntnisse der Motivationsforschung
2.1 Zur Definition von Motiv und Motivation
2.1.1 Definition Motiv
2.1.2 Definition Motivation
2.2 Die verschiedenen Motivationsmodelle
2.2.1 Die Maslowsche Bedürfnispyramide – Inhaltsmodell
2.2.2 Rubikon-Modell der Handlungsphasen nach Heckhausen – Prozessmodell
2.3 Die Bedeutung von intrinsischer und extrinsischer Motivation

3. Motivationsrelevante Aspekte des Freiwilligenmanagements
3.1 Zur Definition von Freiwilligenmanagement und Non-Profit-Organisation
3.1.1 Definition Freiwilligenmanagement
3.1.2 Definition Non-Profit-Organisation
3.2 Die Rolle von Freiwilligenmanager und NPO
3.2.1 Schlüsselkompetenzen im Umgang mit Freiwilligen
3.2.2 Die Verantwortung der Trägerorganisation
3.3 Der Prozess des Freiwilligenmanagements
3.3.1 Bedarfseinschätzung und Konzeptentwicklung
3.3.2 Aufgaben- und Stellenentwicklung
3.3.3 Anwerbung und Gewinnung
3.3.4 Vorstellungsgespräche und Einpassung
3.3.5 Aus- und Weiterbildung
3.3.6 Begleitung und Beratung
3.3.7 Soziales Gruppenmanagement
3.3.8 Aufbau von Anreizsystemen
3.3.9 Evaluation
3.3.10 Abschied nehmen

4. Der Motivationskreislauf des Freiwilligenmanagements
4.1 Die Motivation der Mitarbeiter
4.1.1 Die Motivation des Freiwilligenmanagers
4.1.2 Negative Einflussfaktoren auf die Motivation des Freiwilligenmanagers
4.1.3 Die Motivation der Freiwilligen
4.1.4 Negative Einflussfaktoren auf die Motivation der Freiwilligen
4.2 Das Verhältnis zwischen Freiwilligenmanager und Freiwilligen
4.2.1 Positive Faktoren der Zusammenarbeit innerhalb der NPO
4.2.2 Problematische Faktoren der Zusammenarbeit innerhalb der NPO
4.2.3 Das Modell des Motivationskreislaufes
4.2.4 Interpretation des Kreislaufes und mögliche Modifizierungen

5. Zusammenfassung, Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Tabellen- und Grafikverzeichnis

Eidesstattliche Erklärung

Einleitung

In Deutschland engagieren sich 36% der Bürger[1] unentgeltlich. Das sind über 23 Millionen Menschen. Weshalb engagieren sich diese Menschen? Wer setzt sich ehrenamtlich ein? Und wer setzt sich in welcher Form für die Ehrenamtlichen ein?

Die vorliegende Arbeit hat die Motivation von ehrenamtlichen und hauptamtlichen Kräften in sogenannten Non-Profit-Organisationen zum Gegenstand. Die Hintergründe, Ziele und Bedürfnisse der Handelnden werden aufgezeigt und die moderne Organisation von freiwilliger Arbeit, das Freiwilligenmanagement, vorgestellt. Die leitende Fragestellung der Untersuchung: Wie ist motivierendes Management in der Freiwilligenarbeit von Non-Profit-Organisationen möglich?

Um eine möglichst weitreichende Erfassung des Themenkomplexes zu gewährleisten, wird im 1. Kapitel die Freiwilligenarbeit in Deutschland vorgestellt. Nachdem hier auf Begrifflichkeit und Geschichte eingegangen ist, folgt eine ausführliche Betrachtung der aktuellen Bedeutung. Es schließt sich ein 2. Kapitel an, das grundlegende und tiefergehende Informationen zum Motivationsbegriff gibt. Auf die Inhalte der beiden ersten Kapitel wird in den folgenden zurückgegriffen.

Im 3. Abschnitt „Motivationsrelevante Aspekte des Freiwilligenmanagements“ werden die Begriffe „Freiwilligenmanagement“ und „Non-Profit-Organisation“ definiert. Es wird aufgezeigt, dass Motivation in allen Phasen des Managementprozesses bedeutsam ist. Ein entscheidender Aspekt für eine gelingende Freiwilligenarbeit ist neben der Tätigkeit des Freiwilligenmanagers auch die verantwortliche Haltung der Trägerorganisation. Beide Faktoren werden daher hier vorgestellt und beschrieben.

Nachdem im 2. Kapitel basale Erkenntnisse dargestellt wurden, erfolgt im 4. Teil die Spezifizierung auf den Motivationsaspekt im Freiwilligenmanagement. Hierfür werden Motivationen, Bedürfnisse und Ziele haupt- und ehrenamtlicher Mitarbeiter differenziert erläutert und Umstände aufgeführt, die negative Auswirkungen auf die Begeisterung der Akteure haben. Auch das für die Freiwilligenarbeit bedeutsame Verhältnis zwischen den Mitarbeitergruppen wird skizziert. Ein daran anschließendes Modell des Motivationskreislaufes in Non-Profit-Organisationen soll das Prinzip von Wirkung und Gegenwirkung der Vorgehens- und Verhaltensweisen veranschaulichen.

Innerhalb meiner zweijährigen Tätigkeit als Freiwilligenmanager für die Jugendarbeit der Arbeiterwohlfahrt Rhein-Neckar e.V. konnte ich einige Erfahrungen im Fachgebiet machen. Neben dem daraus resultierenden Interesse konnte ich mittels Literaturrecherche feststellen, dass dieses Themengebiet bisher nur wenig durch wissenschaftliche Arbeiten erschlossen ist. Beides war für mich Motivation, dieses Thema im Rahmen meiner Diplomarbeit aufzugreifen.

Renke Theilengerdes

1. Die Freiwilligenarbeit in Deutschland

In diesem Kapitel wird dargestellt, welche Bedeutung die Freiwilligenarbeit in Deutschland hat und wo sie in welcher Form betrieben wird. Nachdem der Begriff der Freiwilligenarbeit definiert ist, wird der Blick auf die Entwicklung und Geschichte des Ehrenamts gerichtet. Im Anschluss daran wird der aktuelle Stand des bürgerschaftlichen Engagements beschrieben. Dies impliziert im Weiteren, dass die konkreten Arbeitsfelder, die Verbreitung und Organisation von Freiwilligenarbeit betrachtet werden.

1.1 Definition des Begriffs der Freiwilligenarbeit

Bezieht man sich bei der Definition des Begriffs der Freiwilligenarbeit auf das Fachlexikon der Sozialen Arbeit, so erhält man eine auf den ersten Blick recht eingängige Deutung. Als (im sozialen Bereich) freiwillig Tätige werden hier Personen bezeichnet, die sich, ohne durch verwandtschaftliche Beziehungen oder ein Amt dazu verpflichtet zu sein, unentgeltlich für Aufgaben in einem institutionellen Rahmen zur Verfügung stellen (vgl. Fachlexikon der Sozialen Arbeit 2007, S.226). Diese Definition greift – im Zusammenhang mit der aktuellen Diskussion um ehrenamtliches Engagement betrachtet – allerdings zu kurz. Mittlerweile ist eine Anhäufung unterschiedlicher Begrifflichkeiten zu nennen, deren Entstehung auf den gesellschaftspolitischen Wertewandel seit Mitte der 80er Jahre (vgl. Beher, K. 2000, S. 12 ff.; Daneke, S. 2003 ff., S. 6 ff.) zurückzuführen ist. Beispielhaft sollen hier die vier am häufigsten zitierten Schlagwörter erwähnt werden:

- das Bürgerschaftliche Engagement als Sammelbegriff für die Gesamtheit von gemeinwohlorientierten Aktivitäten (vgl. Fachlexikon der Sozialen Arbeit 2007, S. 159 ff.)
- das Ehrenamt als längerfristige, organisatorische Funktionärs- und/oder Führungsposition (vgl. Nährlich, S. / Zimmer, A. 2000, S. 15)
- die Freiwilligenarbeit als meist projektbezogene und von eher kurzfristiger Organisationsbindung geprägter Tätigkeit (vgl. Steinbacher, E. 2004, S. 71)
- der Freiwilligendienst als eine Form des Engagements, bei der Dauer, Aufgaben, Zielsetzungen sowie Einsatzstellen und Trägerstrukturen vertraglich geregelt sind (vgl. Fachlexikon der Sozialen Arbeit 2007, S. 351 ff.)

Allen drei Bereichen des bürgerschaftlichen Engagements sind, bei der Ausübung innerhalb einer Non-Profit-Organisation, folgende Merkmale gemein:

- die Entscheidung zur Aufnahme der Tätigkeit erfolgt aus freien Stücken
- die Tätigkeit erfolgt unentgeltlich
- es besteht eine Absicherung gegen Risiken (z.B. Unfall, Haftpflicht)[2]
- die Ausübung erfolgt kontinuierlich oder in Projekten
- der Aufgabenkreis ist am Gemeinwohl orientiert
- die Tätigkeiten finden im sozialen, ökologischen, kulturellen, pastoralen, politischen, Frieden und Versöhnung stiftenden Bereich, im Bereich der Bildung, des Sports o.ä. statt

Um die Bedeutung des Engagements im Sinne dieser Arbeit darzustellen, muss eine Abgrenzung zwischen den Begriffen des Ehrenamts und der Freiwilligenarbeit gegenüber dem Freiwilligendienst erfolgen. Grundsätzlich sind mit den Trägern des Freiwilligen Sozialen/Ökologischen Jahres und der europäischen/internationalen Freiwilligendienste nur zwei Rechtsformen von Freiwilligendiensten vorhanden. Demgegenüber steht ein großes Trägerspektrum bei Ehrenamt und Freiwilligenarbeit. Des Weiteren kann der ehrenamtlich Engagierte oft selbst entscheiden, an welchem Ort er tätig wird. Dies ist beispielsweise der Fall, wenn es um die Betreuung einer Kinderfreizeit oder um die Wahl des Ortes für ein formelles Teamtreffen geht. Im Freiwilligendienst ist der räumliche Aspekt oft schon durch den Standort der Dienststelle vorbestimmt. Weitere wesentliche Unterschiede finden sich auch in den Bereichen der Rahmenstrukturen, Selbst- und Mitbestimmungsmöglichkeiten, im zeitlichen Tätigkeitsumfang und der Altersstruktur (siehe Tabelle 1).

Im Rahmen dieser Arbeit wird bürgerschaftliches Engagement im Sinne von Ehrenamt und Freiwilligenarbeit verstanden. Die drei Begriffe werden mittlerweile im deutschen Sprachgebrauch teils uneinheitlich, teils synonym verwendet (vgl. BMFSFJ 2005, S.45). Der Praktikabilität halber erfolgt die Begriffsverwendung hier gleichbedeutend, wobei der Ausdruck Freiwilligenarbeit häufiger zur Anwendung kommt. Anlass hierfür ist das Ergebnis einer Umfrage im Freiwilligensurvey des Jahres 2004 (vgl. BMFSFJ 2005, S. 94), nach der 43% der Befragten ihre Tätigkeit als Freiwilligenarbeit bezeichnen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Unterschiede zwischen Ehrenamt / Freiwilligenarbeit und Freiwilligendienst. Quelle: Fachlexikon der Sozialen Arbeit 2007, S. 236 ff. / S. 351ff. / Caritas Deutschland

1.2 Geschichte der Freiwilligenarbeit in Deutschland

Wie bereits erwähnt, werden die Synonyme für bürgerschaftliches Engagement erst seit gut zwei Jahrzehnten so verwendet. Als ursprüngliche Bezeichnung für die unentgeltliche und freiwillige Aufnahme mildtätiger, gemeinwohlorientierter Tätigkeiten kann die Ehrenamtlichkeit (vgl. Wagner, S. F. 2007, S. 3 ff.) genannt werden. Dem christlichen Weltbild folgend waren in diesem Sinne bereits im Mittelalter durch das Ständesysteme zumeist privilegierte Personen nach den Aspekten der Wohltätigkeit und Nächstenliebe aktiv. Ein bekanntes Beispiel hierfür stellt Elisabeth von Thüringen dar, welche sich trotz ihres hohen Standes – dem sogenannten Armutsideal folgend – der Pflege von Aussätzigen widmete und sich in Mildtätigkeit hervortat (vgl. Oexle, O. G. 1981, S. 78 ff.).

Ab dem Zeitalter der Aufklärung ist eine Häufung systematischer Organisation des Ehrenamts festzustellen. So etablierte sich im Jahre 1788 das sogenannte „Hamburger System“: Die Hansestadt wurde in 60 Bezirke aufgeteilt, in denen jeweils drei ehrenamtlich Tätige mit der Armenpflege betraut waren. Die Verwaltung oblag der Stadt – also erstmalig einem kommunalem Träger (vgl. Wendt, W. R. 1990, S. 29). Im Jahre 1808 wurde das Ehrenamt mit den Stein-Hardenbergschen Reformen der Preußischen Städteordnung zum ersten Mal festgeschrieben. Das erstarkende Bürgertum sollte die Möglichkeit der kommunalen Mitbestimmung bekommen, damit es nicht zu Aufständen kam (vgl. Notz, G. 1987, S. 22 ff.). Als weiterer Meilenstein in der Entwicklung des Ehrenamtes kann das 1853 eingeführte „Elberfelder System“ bezeichnet werden, welches den Vorläufer des modernen Quartiersmanagements darstellt: Den Armenpflegern der Stadt wurde eine höhere Entscheidungsbefugnis bezüglich der anzuwendenden Hilfen zugestanden. Ihre Anzahl erhöhte sich im Verhältnis zu kleiner werdenden „Armenquartieren“ (vgl. Werner, G. 1957, S. 27 ff.). Dies führte zu einer Dezentralisierung und Straffung der Organisationsstrukturen. Als sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Elendsviertel der Arbeiterschaft von den Wohngebieten der wohlhabenderen Bürgerschaft weitgehend auftrennten und die Aufgaben sozialer Unterstützung immer umfangreicher wurden, begann die Ablösung der freiwilligen Helferschaft durch professionelle Sozialarbeiter. Diese beanspruchten umgehend Vorgesetzte der Ehrenamtlichen zu werden und begründeten dies mit deren nicht vorhandener fachlicher Kompetenz (vgl. Wagner, S. F. 2007, S. 3 ff.). Das bürgerschaftliche Engagement nahm, obwohl es nun auch zunehmend im kulturellen Bereich an Bedeutung gewann, während der kommenden Jahrzehnte mehr und mehr die Rolle einer Hilfstätigkeit an, während organisatorische und verantwortliche Entscheidungen dem Sozialarbeiter vorbehalten waren. Als große öffentliche Träger ehrenamtlicher Arbeit können, bis zur nationalsozialistischen Machtergreifung 1933, vor allem die kirchlichen Organisationen, aber auch die 1919 gegründete Arbeiterwohlfahrt genannt werden. Während des NS-Regimes wurden die Träger der Freiwilligenarbeit – soweit sie sich nicht vom System „gleichschalten“ ließen – verboten und aufgelöst. Ehrenamtlichkeit musste nun zwangsweise zum „Wohle des Volksganzen“ betrieben werden.

„Das Rote Kreuz und die Caritas bekamen in Form der Nationalsozialistischen Volkswohl fahrt (NSV) eine gleichgeschaltete Konkurrenz. Das Winterhilfswerk, eine Aktion zur Linde- rung der Not infolge der Winterarbeitslosigkeit, wurde 1933 von den freien Wohlfahrtsver- bänden auf die NSV übertragen. Die Haussammlungen und der Straßenverkauf von Abzei- chen erfolgten zwar ehrenamtlich, hatten allerdings häufig nichts mehr mit wirklich freiwilli- gem Engagement einzelner zu tun, sondern glichen eher einer mediengerecht inszenierten Propaganda-Aktion“

(vgl. Landesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement Bayern 2009 / www.wir-fuer-uns.de)

Nach dem zweiten Weltkrieg wurde für das Ehrenamt, im Hinblick auf die soziale Arbeit, wieder der Zustand der Weimarer Republik hergestellt. Hauptamtliche Mitarbeiter dominierten die Freiwilligen (vgl. Hieber, A. 1992, S. 2-10). Deren Zahlen waren rückläufig. Ein entscheidender Faktor hierfür begründet sich im steigenden Bedarf an Arbeitskräften während des Wirtschaftswunders, da in dieser Zeit auch verstärkt Frauen der Erwerbsarbeit nachgingen (vgl. Notz, G. 1987, S. 32 ff.). Im Zuge der neuen Frauenbewegung seit Beginn der siebziger Jahre und der dadurch bedingten emanzipatorischen Notwendigkeit zur Verdrängung der klassischen, helfenden und fürsorglichen Frauenrolle durch die Aufnahme einer Erwerbsarbeit (vgl. Peglow, M. 2002, S. 14 ff.) vermehrte sich deren Engagement nur geringfügig.

Seit der zweiten Hälfte der 80er Jahre wird der Freiwilligenarbeit ein grundsätzlicher Gestaltwechsel bescheinigt (vgl. Beher, K. / Liebig, R. / Rauschenbach, T. 2000, S. 12). Dieser wird durch die Bezeichnungen „traditionelles“ und „modernisiertes“ Ehrenamt charakterisiert. Das modernisierte Ehrenamt wird als ein „Medium für Prozesse der Identitätssuche und Selbstfindung“ (vgl. Beher, K. / Liebig, R. / Rauschenbach, T. 2000, S. 13) betrachtet. Die Wechselwirkung der Norm von Geben und Nehmen ersetzt jene des selbstlosen Handelns (vgl. Rauschenbach, T. / Müller, S. / Otto U. 1988, S. 223 ff.). An die Stelle der Sozialisation in einem bestimmten Milieu, welche ihre spezifische Motivation impliziert, rückt nun das „Prinzip der biographischen Passung“, bei dem das persönliche Engagement als eigenverantwortlich gewähltes Element der Biographiegestaltung gesehen wird (vgl. Olk, T. / Jakob, G. 1991, S. 500 ff.). Die Formen der freiwilligen Tätigkeit werden in der neuen Ehrenamtlichkeit nach den größeren Freiräumen und persönlichen Gestaltungsmöglichkeiten gewählt. Damit einher geht der Trend weg von der langfristigen Aufgabenerfüllung und Trägerbindung hin zu überschaubaren Projektarbeiten bei freier Organisationswahl (vgl. Galuske, M. 1997, S. 16-20; Reinert, A. 1997a, S. 23-24; Reinert, A. 1997b, S. 14-24).

Als weitere Entwicklung, die ihren Ursprung in den 80er Jahren findet, kann die Aufwertung der Freiwilligenarbeit gegenüber dem Hauptamt betrachtet werden. Mittlerweile wird die Qualität einer sozialen Maßnahme an deren Ergebnissen gemessen. Werden diese für gut befunden, so wird die Aufgabenlösung, unabhängig von der Ausführung durch freiwillige oder hauptamtliche Mitarbeiter, für professionell befunden (vgl. Wagner, S. F. 2007, S. 8).

Seit in den 90'er Jahren erste Studien veröffentlicht wurden, welche den Umfang des bürgerlichen Engagements zum Thema hatten (vgl. Peglow, M. 2002, S. 14 ff. und BMFSFJ 2005, S. 18 ff.), wird ersichtlich, dass in Deutschland die Bereitschaft zur aktiven Teilhabe der Bürger an freiwilligen Tätigkeiten stetig steigt. Während sich 1999 noch 34% der über 14-Jährigen engagierten, so waren es 2004 bereits 36%. Weitere Teilaspekte, wie beispielsweise die Unterteilung der regionalen Bereitschaft zum Ehrenamt oder die Einordnung der Helferschaft in ihre jeweiligen Herkunftsmilieus, werden durchgeführt und statistisch erfassbar gemacht.

Eine immer größere Vielfalt der Möglichkeiten zum freiwilligen Engagement (siehe 1.3) hat sich in den letzten 25 Jahren entwickelt. Gefördert und beworben werden diese bürgerlichen Betätigungsfelder dabei nicht mehr nur durch die Trägerorganisationen allein; zahlreiche und großangelegte politische Kampagnen auf Landes- (vgl. „Wir tun was“- Initiative des Landes Rheinland-Pfalz für Ehrenamt und Bürgerengagement 2009) und Bundesebene sowie praktische Förderungsmodelle, wie beispielsweise die kostenlose Bereitstellung von Unfallversicherungen für freiwillig Engagierte, haben die Attraktivität, Anerkennung und Ausbreitung des Ehrenamts in Deutschland ansteigen lassen.

1.3 Aktueller Stand und Bedeutung der Freiwilligenarbeit

„Ohne (freiwilliges) Engagement würden viele Bereiche unseres Gemeinwesens gar nicht funk- tionieren“.

So äußerte sich Bundespräsident Köhler bei der Auftaktveranstaltung zur Woche des bürgerschaftlichen Engagements im September 2006 (vgl. Bulletin Nr. 83-1 der Bundesregierung). Auch andere (Landes-) Politiker, wie der baden-württembergische Ministerpräsident Oettinger, pflichten ihm bei:

„Eine engagierte Bürgerschaft ist nicht nur wichtigste Voraussetzung für einen demokratisch organisierten Staat, sie ist auch das Herz unserer Gesellschaft.“ (vgl. Grußwort zur Ehrenamtsaktion „Echt gut“).

An solche Aussagen knüpft sich die Frage, von wie vielen Bürgern tatsächlich ein Ehrenamt wahr genommen wird? Wer engagiert sich auf welchem Gebiet und in welcher Form? Wird das aktuelle Maß an freiwilliger Partizipation den Aussagen der Politiker gerecht?

Um den wirklichen Stellenwert und Umfang bürgerschaftlichen Engagements zu erfassen, müssen quantitative Erhebungen in Betracht gezogen werden. Trotz der (im vorangegangen beschriebenen) langen Tradition der Freiwilligenarbeit in Deutschland kann das empirisch gesicherte Wissen über die Verbreitung, Organisationsformen und Arbeitsfelder des Ehrenamts über einen langen Zeitraum als unbefriedigend bezeichnet werden (vgl. Fachlexikon der sozialen Arbeit 2007, S.227). Wissenschaftlich gestützte Untersuchungen lagen noch in den 90er Jahren nur von einzelnen Trägerorganisationen der Freiwilligenarbeit vor.

Dieser Zustand hat sich vor allem durch die 1999 und 2004 vom BMFSFJ initiierten und herausgegebenen Freiwilligensurveys erheblich verbessert. Ein ganzheitlicher Überblick scheint nun möglich. Die im Folgenden beschriebenen Zahlen und Erkenntnisse beziehen sich allesamt auf die vorgelegten Surveys. Abweichende Quellen werden explizit benannt.

1.3.1 Verbreitung von Freiwilligenarbeit – Wer engagiert sich wie stark?

Das Institut TNS Infratest, welches vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) mit der Durchführung der Surveystudien betraut wurde, unterscheidet zwischen „Freiwillig Engagierten“ und „Gemeinschaftlich Aktiven“ Personen. Dabei gilt als gemeinschaftlich aktiv, wer sich in einer Mannschaft, einem Verein oder einer Freizeitgruppe betätigt, ohne dort einer bestimmten Aufgabe unentgeltlich nachzugehen. Freiwillig Engagierte übernehmen eine qualitativ andere Tätigkeitsform. Sie partizipieren „...in dem Sinne, daß man in Vereinen, Initiativen, Projekten, Selbsthilfegruppen oder Einrichtungen aktiv mitmacht und dort unbezahlt oder gegen geringe Aufwandsentschädigung freiwillig übernommene Aufgaben oder Arbeiten ausübt (vgl. Rosenbladt, B. Von/ Picot, 1999, S. 10).“ Freiwillig Engagierte leisten also Freiwilligenarbeit und nehmen damit ein Ehrenamt war. Dieser Personenkreis steht im folgenden im Mittelpunkt des Interesses.

Im Jahr 1999 übten 34% der über 14-jährigen Bürger ein Ehrenamt aus. Diese Quote steigerte sich bis 2004 auf 36% (Grafik 1), was insgesamt 23 Millionen Menschen entspricht. Im internationalen Vergleich der Industrienationen nimmt Deutschland damit einen vorderen Mittelplatz ein, liegt aber beispielsweise deutlich hinter Ländern wie den USA und Kanada zurück. Die Ehrenamtsquote von 36% gilt nicht bundeseinheitlich. Sie ergibt sich vielmehr aus der Addition von 31% ehrenamtlich Engagierten in den neuen Bundesländern und 37% in den alten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Grafik 1: Freiwillig Engagierte und „nur“ gemeinschaftlich Aktive (1999 und 2004). Bevölkerung ab 14 Jahren (Angaben in %). Quelle Freiwilligensurvey 2004

Im aktuellen Survey geben 42% der freiwillig Engagierten an, dass sie mehr als nur eine Aufgabe oder Funktion übernehmen. 1999 war dies nur bei 37% der Fall.

Auch das Engagementpotenzial hat sich deutlich – von 26% auf 32% – erhöht. Hiermit wird zum einen die Bereitschaft von nicht Engagierten angesprochen, zukünftig ehrenamtlich aktiv zu werden, zum anderen wollten sich 2004 diejenigen Menschen, die bereits engagiert waren, zu einem deutlich höheren Anteil noch stärker einbringen.

Das Engagement in der Freiwilligenarbeit ist in fast allen Bevölkerungs- und Altersgruppen gestiegen (Grafik 2 und Grafik 3). Jugendliche zwischen 14 und 24 Jahren gelten nach wie vor als eine der aktivsten Altersklassen. Die Engagementquote lag zwar 2004 im Schnitt aller Bevölkerungsgruppen bei 36%, allerdings waren weitere 43% bereit, sich freiwillig zu engagieren.

Jungen Leuten dient das Ehrenamt oftmals zur Orientierung: Verschiedene Aktivitätsfelder werden getestet, um herauszufinden, welche am besten zu den eigenen Neigungen und Fähigkeiten passen. Ist ein ansprechender Aufgabenkreis gefunden, stehen die Jugendlichen oftmals am Anfang einer „Engagementkarriere“. Diese bietet Ihnen häufig, bedingt durch informelle Lernprozesse in engem Kontakt mit Gleichaltrigen, einen hohen Schulungsertrag im Bezug auf Belastbarkeit, Einsatzbereitschaft und Organisationstalent.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Grafik 2: Freiwillig Engagierte nach Bevölkerungsgruppen (1999 und 2004). Bevölkerung 14 Jahren (Angaben in %). Quelle Freiwilligensurvey 2004

Der Engagementvergleich zwischen Männern und Frauen zeigt auf, dass weibliche Freiwillige die andauernde männliche Dominanz im Ehrenamt langsam einholen. Lag die Engagementquote der Frauen 1999 noch bei 30% (Männer 1999: 39%), so waren es 2004 schon 32% (Männer 2004: 39%). Zuvorderst haben erwerbstätige Frauen ihre bürgerschaftliche Mitarbeit gesteigert (2004: 37%, 1999: 32%). Allerdings ist die Doppelbelastung durch Berufs- und Familienarbeit nach wie vor der Hauptgrund dafür, weniger Zeit in freiwilliges Engagement investieren zu können als Männer. Dies, obwohl sich seit 1999 mehr Männer in typisch weiblichen Bereichen wie Schule, Kindergarten sowie die häusliche Kleinkinderbetreuung einbringen. An dem typischen Unterschied, dass Männer in der Freiwilligenarbeit wesentlich öfter Leitungs- und Vorstandsfunktionen wahrnehmen, Frauen sich dagegen eher den helfenden und betreuenden Diensten widmen, hat sich wenig geändert.

Auch bei Menschen ab dem 60. Lebensjahr ist der Anteil der engagierten Bürger in den letzten Jahren deutlich gestiegen. In der Altersklasse 60 bis 69 sogar von 31% auf 37%. Diese Entwicklung fand geschlechterunabhängig und deutschlandweit statt. Das Engagement älterer Menschen kommt insbesondere ihrer eigenen Altersklasse zugute und wird von ihnen selbst als Dienst im Sinne des traditionellen „Ehrenamtes“ aufgefasst. Gesellschaftspolitisches Interesse und soziale Motivation sind in dieser Bevölkerungsgruppe besonders stark ausgeprägt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Grafik 3: Freiwillig Engagierte nach Altersgruppen (1999 und 2004). Bevölkerung 14 Jahren (Angaben in %). Quelle Freiwilligensurvey 2004

Dem Gesamttrend folgte auch die Engagementquote bei den arbeitslosen Bürgern. Von 23% im Jahr 1999 stieg diese auf 27% im Jahr 2004. Arbeitslose wollen durch freiwilliges Engagement soziale Einbindung erfahren und ihre Kenntnisse und Fähigkeiten erweitern. Die ehrenamtliche Tätigkeit wird dabei auch als Möglichkeit gesehen, die eigene Beschäftigungsfähigkeit zu erhalten.

Die letzte von TNS Infratest befragte Bevölkerungsgruppe sind die Migranten[3]. In Deutschland engagierten sich 2004 etwa 23% davon freiwillig. Mit 42% war in dieser Gruppe ein überproportionales Engagementpotenzial festzustellen. Bei den Menschen, welche im Besitz eines ausländischen Passes[4] sind, erhöhte sich der Anteil der freiwillig Engagierten von 20% im Jahr 1999 auf 24%[5] im Jahr 2004.

1.3.2 Felder der Freiwilligenarbeit – Wer engagiert sich in welchem Bereich?

Mit dem Fortschreiten der bürgerschaftlichen Entwicklung seit der Nachkriegszeit, u. a. durch die Gründung von Vereinen und Initiativen oder durch die Konsolidierung der Spitzenverbände der Wohlfahrtspflege, ging auch ein Anstieg der Möglichkeiten zu ehrenamtlichem Engagement einher. Diese Aufgabenkreise der Freiwilligenarbeit werden von den Autoren der vorliegenden Surveys in vier Ober- und 14 Unterkategorien aufgeteilt[6]. 1999 wie auch 2004 war der größte Engagementbereich „Sport und Bewegung“, gefolgt von „Schule und Kindergarten“ sowie „Kirche und Religion“. Den stärksten Zuwachs an Freiwilligen hat der soziale Bereich erfahren. Im Jahr 1999 gaben 4% der Befragten an, hier aktiv zu sein. 2004 waren es schon 5,5%. Auch die Felder Jugend- und Bildungsarbeit sowie „Schule und Kindergarten“ konnten jeweils um 1% zulegen (Tabelle 2). In allen drei Bereichen leisten vorwiegend Frauen ehrenamtliche Arbeit. Der einzige Rückgang ist im Bereich Freizeit und Geselligkeit festzustellen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Engagement in verschiedenen Bereichen (1999 und 2004). Bevölkerung 14 Jahren (Angaben in %, Mehrfachnennungen). Quelle Freiwilligensurvey 2004

Tabelle 3 macht deutlich, in welchem Umfang sich die Altersgruppen und Geschlechter in den jeweiligen Bereichen engagierten. Im Wesentlichen sind die Aktivitäten der Altersgruppen in den verschiedenen Bereichen zwischen 1999 und 2004 stabil geblieben. Das Wachstum in den bereits genannten Feldern „Schule und Kindergarten“ und „Jugend- und Bildungsarbeit für Erwachsene“ wird vor allem von den 14 bis 30-Jährigen getragen. Im sozialen Bereich verstärkte sich vor allem das Engagement der Menschen ab 45 Jahren.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 3: Freiwilliges Engagement in 14 Bereichen (1999 und 2004, Angaben in %; Mehrfachnennungen, keine Addition zu 100%) / Quelle Freiwilligensurvey 2004

Besonders auffällig sind die Steigerungsraten (im Vergleich zur Beteiligung 1999) insgesamt in den Altersgruppen der 45 bis 65-Jährigen und über 65. Die Zuwachsrate bei den bis 45-Jährigen lag etwas unterhalb des Durchschnitts, während die der Geschlechter in etwa dem Mittelwert entspricht.

[...]


[1] Der Lesbarkeit halber sind alle Formen innerhalb der Arbeit männlich gehalten. Weibliche Betrachtungen sind selbstverständlich eingeschlossen.

[2] Bei freiwilligem Engagement außerhalb von anerkannten Trägerorganisationen ist der Versicherungsschutz nicht gewährleistet. Die meisten Bundesländer bieten allerdings, auch unabhängig von Mitgliedschaften bei anerkannten Trägern, kostenlose Ehrenamtsversicherungen an (vgl. Broschüre „Sicherheit für freiwillig Engagierte“, Staatskanzlei Rheinland-Pfalz 2007)

[3] Im Freiwilligensurvey werden aufgrund der Befragung (deutschsprachige Telefoninterviews) vorrangig besser integrierte Migranten erfasst. Das Zentrum für Türkeistudien (ZIT) gibt für türkischstämmige Migranten und Migrantinnen eine Engagementquote von 10% bis 12% an.

[4] In dieser Gruppe gelten ähnliche Beschränkungen wie in ³.

[5] Diese Zahlen basieren auf einer nachträglichen Auswertung der Daten des 1.Freiwilligensurveys 1999. Eine Trendaussage für Migranten mit ausländischem Pass ist im Gegensatz zu Migranten mit erweitertem Migrationshintergrund möglich, da bereits 1999 die Frage nach der Staatsangehörigkeit (deutsch: ja/nein) im Fragebogen enthalten war.

[6] Die Zuordnung der Tätigkeiten in die verschiedenen Bereiche fällt nicht immer eindeutig aus. Beispielsweise könnte eine ehrenamtlich durchgeführte Ferienfreizeit für körperlich behinderte Kinder, welche von einem Tennisverein organisiert wird, gleichsam begründet den Bereichen Freizeit und Geselligkeit, Gesundheit, Soziales oder Sport und Bewegung zugeordnet werden. Auch durch die Formulierung von Zuordnungsregeln wären Unschärfen nicht vermeidbar. Die Zuordnung wurde in der Erhebung deshalb vom Befragten selbst vorgenommen (Zuordnungsregeln siehe Freiwilligensurvey 2004, S. 425-426)

Details

Seiten
78
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783842822092
Dateigröße
566 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v228671
Institution / Hochschule
Katholische Fachhochschule Mainz – Soziale Arbeit
Note
1,3
Schlagworte
motivation ehrenamt freiwilligenmanagement motivationskreislauf freiwilligenarbeit

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Motivation als Schlüsselfaktor der Freiwilligenarbeit in Non-Profit-Organisationen