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Dauerprojekt Familie: Wohnst Du noch, oder lebst Du schon?!

Der personenzentrierte Ansatz als Familienkultur

Diplomarbeit 2011 75 Seiten

Soziologie - Sonstiges

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Einleitung
1.1 Zielsetzung der Arbeit
1.2 Aufbau der Arbeit
1.3 Eingrenzung der theoretischen Grundlagen und Konzepte

2 Entwicklung und Verwandlung der Gemeinschaft „Familie“
2.1 Definition des Begriffs Familie
2.2 Statistische Erhebungen
2.3 Vielfalt der Hilfsangebote für Familien und Paare

3 Grundlagen
3.1 Der personenzentrierte Ansatz nach Carl R. Rogers
3.1.1 Die Persönlichkeitstheorie
3.1.2 Die klientenzentrierte Gesprächsführung
3.2 Wissenschaftliche Untersuchungen und Weiterführungen von Rogers’ Theorie förderlicher zwischenmenschlicher Beziehungen
3.2.1 Ein Überblick über förderliche Dimensionen für die persönliche Entwicklung nach R. Tausch und A. Tausch
3.2.2 Das Gordon-Modell – „Parent-Effectiveness-Training“
3.2.3 Das Family Effectiveness Training (FET)
3.2.4 Die Wirksamkeit des GORDON-Elterntrainings
3.2.5 Über den Zusammenhang des P.E.T und der personenzentrierten Familie

4 Der personenzentrierte Ansatz als Familienkultur
4.1 Die Vision einer Neuen Familie
4.1.1 Entscheidungsbildung innerhalb der Familie
4.2 Der personenzentrierte Ansatz als Haltung der Eltern und seine Konsequenzen für die Erziehung
4.2.1 Über Demokratie innerhalb der Eltern-Kind-Beziehung
4.2.2 Über die Bedeutung und den Wert von Grenzen
4.2.3 Über den Wert des Glücklichseins
4.3 Die Paarbeziehung als lebendige, wachstumsfördernde Begegnung
4.4 Die Bedeutung der Beziehungsqualität der Eltern für die Entwicklung des Kindes
4.5 Kritische Aspekte und Grenzen bei der Umsetzung des personenzentrierten Ansatzes

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Institution der Familie hatte und hat immer noch eine absolut zentrale Bedeutung sowohl in der Gesellschaft als auch im Leben jedes Einzelnen. Durch den Wandel der Leitbilder und Werte von Familien hat sich im Laufe der Zeit zwar radikal verändert, was es bedeutet, in einer Familie zu leben, dennoch hat die Institution Familie nie an Bedeutung verloren. Sie ist die flexibelste aber auch zerbrechlichste Form des menschlichen Miteinanders, welche unabhängig von Kultur, Epoche, Bildung, Gesellschaftsform, Politik etc. Fortbestand hat. Das ist ein Zeichen ihrer fundamentalen Bedeutung im Leben des Menschen. „Die Familie ist vom ersten bis zum letzten Atemzug Zeuge unserer Existenz.“[1] Sie ist der Startpunkt jedes Lebens und befriedigt unsere Bedürfnisse nach körperlichen, emotionalen und geistigen Beziehungen, nach Pflege, Kommunikation und Sexualität (Ehepaar). Sie hat die Funktion, ihre Mitglieder in ihrer eigenen sozialen Gruppe darauf vorzubereiten, ihren Platz in der größeren sozialen Gruppe zu finden, indem sie ihnen hilft, die Werte und Traditionen dieser Gruppe zu verinnerlichen. Ein Ziel ist es also, die Familienmitglieder als selbständige, autonome Wesen in die größere Gemeinschaft zu entlassen. Dort sollen sie dann ihre eigene Vorstellung von der Familie verwirklichen. Dieser Kreislauf zeigt, was für einen großen Einfluss und Kraft die Familie hat und damit natürlich auch eine enorme Verantwortung.[2]

Verläuft das Miteinander harmonisch und liebevoll, offen und wachstumsfördernd, können sich die einzelnen Persönlichkeiten durch den Halt und die Kraft der Gemeinschaft voll entwickeln, und Potentiale werden freigesetzt. Zerfällt sie hingegen, kann ein ähnlich großes Potential an Zerstörungskraft aus ihr wachsen. Es obliegt der Verantwortung jedes einzelnen Familienmitglieds, über die Entwicklung ihrer Gemeinschaft zu entscheiden. Das Projekt Familie kann damit eine der größten Chancen im Leben sein, in seiner Persönlichkeit zu wachsen und sowohl individuelle als auch gemeinschaftliche Potentiale zu entfalten – oder aber eines der größten Schicksale im Leben, die uns zu ewigen Opfern unserer Kindheit machen, indem wir alte Verletzungen und Missverständnisse aus der Herkunftsfamilie in unsere eigens gegründete weitertragen und –sei es unbewusst oder bewusst – den Kreislauf fortsetzen. Die Schmerzen, die wir in unserer Kindheit erlebt haben und nicht zum Ausdruck bringen konnten, tragen wir mit uns herum bis ins Erwachsenenalter. Die Familie bietet die intensivsten Bindungen zwischen Menschen, und intensive Bindungen führen dazu, dass alte Wunden aufplatzen. In unserer Kommunikation und Interaktion innerhalb der Familie offenbaren sich dann in unseren Reaktionen all diese Ärgernisse und Schmerzen, die wir in der Vergangenheit nicht haben überwinden können. Das Fatale an der Sache ist, dass wir dann unserem jeweiligen Gegenüber unterstellen, er habe sie verursacht.[3]

Diese Art der Projektion ist oft sogar schon eine bedeutende Komponente beim Eingehen einer Paarbindung. Das Paar sucht in seinem Gegenüber unbewusst den Menschen, der seine alten Wunden heilen soll. Die Frau baut z.B. darauf, dass der Mann der Vater ist, der sie niemals verlassen wird, während der Mann hofft, dass sie die Mutter ist, die ihn bedingungslos akzeptiert. Wenn die beiden dann merken, dass diese Hoffnungen sich nicht erfüllen, fangen sie an, unzufrieden mit dem Gegenüber zu werden und ihn zu beschuldigen. Es entsteht eine innere Leere, ohne dass die Partner genau wissen, wie es dazu kommen konnte. Sie fühlen nur, dass der andere sie nicht zu füllen vermag, und oft genug entsteht aus diesem Gefühl der Wunsch, ein Kind zu haben. Letztlich entscheiden sich dann zwei augenscheinlich erwachsene Menschen für das hoffnungsvolle Projekt Familie, und im Grunde genommen leben hier zwei bedürftige Kinder zusammen, die ihr Heil wiederum in ihrem Kind suchen.[4]

Die beschriebenen Szenarien erscheinen auf den ersten Blick mitunter etwas pathetisch oder dramatisiert, diese Überzeichnung ist aber bewusst gewählt, um zu verdeutlichen, was die Motivation dieser Diplomarbeit ist. Die geschilderte Problematik kommt im Laufe der Epochen innerhalb der Familie zwar unterschiedlich zum Ausdruck, in ihrer bloßen Existenz ist sie aber zeitlos. Um den Kreislauf von festgefahrenen, manifestierten und internalisierten Familientraditionen, -kulturen und Glaubenssätzen nachhaltig zu unterbrechen und neue, innovative und wachstumsfördernde Lebensumstände innerhalb einer Familie zu erschaffen, braucht es einen frischen Wind, einen radikalen Umschwung, eine absolutes Neudenken, welches in Grunde schon seit 30 Jahren existiert. Der personenzentrierte Ansatz nach Carl Rogers gewinnt in Zeiten der Individualisierung, Selbstverwirklichung und des Bewusstseinswandels eine ganz neue Bedeutung und könnte gerade heute in den gelebten Familienbeziehungen eine alltagstaugliche angewandte Praxis finden.

1.1 Zielsetzung der Arbeit

Das Ziel dieser Arbeit ist es, die von Rogers entwickelten Aspekte eines personenzentrierten Ansatzes auf das Leben in der Familie zu übertragen. Meine Recherchen haben ergeben, dass heutzutage zwar zahlreiche personenzentrierte Beratungsangebote und Therapien existieren, dieser Ansatz sich aber immer auf die Haltung des Therapeuten/Beraters[5] bezieht und es bisher keine klaren Konzepte, Schriften oder Untersuchungen darüber gibt, eine personenzentrierte Haltung in das alltägliche Familienleben eines „Laien“ zu übertragen. Um einen personenzentrierten Familienalltag als „Konzept“ darstellen zu können, habe ich einige ausgewählte Untersuchungen und Ansätze, die Rogers’ Theorie aufgreifen, betrachtet und bzgl. der Zielsetzung dieser Arbeit bewertet. Die daraus herausgearbeiteten Aspekte werden dann zusammenfassend erläutert und durch weitere Ideen ergänzt, um somit den Ausblick einer möglichen personenzentrierten Familienkultur zu entwerfen.

1.2 Aufbau der Arbeit

Diese Diplomarbeit beginnt mit dem Kapitel „Einleitung“, in welchem zunächst das Thema erläutert und die genaue Zielsetzung der Arbeit definiert werden. In diesem Zusammenhang findet auch eine Abgrenzung der ausgewählten theoretischen Grundlangen zu anderen Ansätzen und Modellen aus dem Bereich der Psychologie, Soziologie und Pädagogik statt.

In dem Kapitel „Entwicklung und Verwandlung der Gemeinschaft „Familie““ wird nach einer kurzen Begriffsdefinition von Familie die Entwicklung der Eheschließungs- und Scheidungsraten in Deutschland dargestellt, um den Wandel unserer Gesellschaft im Bezug auf Normen und Werte zu verdeutlichen. Abschließend wird mit einem groben Einblick in die bestehenden Hilfsangebote im Bereich der Familien-, Ehe- und Erziehungsberatung der gesellschaftliche Bedarf an Unterstützung begründet. Dieses Kapitel soll dem Leser lediglich einen Einstieg in das Thema Familie geben und ihre heutige Bedeutung nachvollziehbarer machen.

Das Kapitel „Grundlagen“ führt den personenzentrierten Ansatz nach Carl Rogers ein und begründet durch die Ausführungen des Gordon-Modells und der Untersuchungen von Reinhard und Anne-Marie Tausch die Bedeutsamkeit der Qualität von Beziehungen. Hierbei werden Prinzipien und Dimensionen definiert, welche für die persönliche Entwicklung förderlich sind und deren Anwendbarkeit verdeutlichen.

Das Kapitel „Der personenzentrierte Ansatz als Familienkultur“ ist das Herzstück dieser Arbeit und stellt die Vision einer „neuen Familie“ vor. Hierbei wird insbesondere auf die Eltern-Kind-Beziehung und auf die Paarbeziehung der Eltern eingegangen und dargestellt, inwiefern sich eine personenzentrierte Haltung auf die Interaktionen und das tägliche Miteinander innerhalb der Familie auswirkt. Hierfür werden neben Rogers’ theoretischen Aspekten und seinen Erfahrungsberichten auch die Prinzipien des Elterntrainings von Gordon sowie Juuls Ausführungen über Familienbeziehungen aufgegriffen und in die Vision der „neuen Familie“ eingebaut.

Abschließend wird in einem Fazit die Zielsetzung aufgegriffen und zur Umsetzung der theoretischen Erkenntnisse in Bezug auf das Ziel Stellung genommen. Die Arbeit endet dann mit einem persönlichen Plädoyer über die Vision der Autorin, und schließlich wird aufgedeckt, was es mit dem etwas reißerischen Arbeitstitel „Wohnst du noch, oder lebst du schon?!“, dem Werbeslogan eines Möbelkonzerns, auf sich hat.

Anmerkung: Werden Personenbezeichnungen aus Gründen der besseren Lesbarkeit lediglich in der männlichen oder weiblichen Form verwendet, so schließt dies das jeweils andere Geschlecht mit ein.

1.3 Eingrenzung der theoretischen Grundlagen und Konzepte

Es existieren diverse Modelle, nach denen mit psychotherapeutischen oder pädagogischen Mitteln Verhaltensstörungen und persönliche Leidenszustände beeinflusst werden können. Therapie und Beratung setzen immer da an, wo bereits ein seelischer bzw. psychischer Notstand vorherrscht und der individuelle Leidensdruck zumindest so groß ist, dass Hilfe und Unterstützung von einem Außenstehenden gesucht wird. Das Ziel dieser Arbeit ist es aber, durch die Übertragung der personenzentrierten Aspekte auf das Familienleben eine Art Familienkultur zu entwickeln, welche einen absolut präventiven Charakter hat und somit ansetzt, bevor „das Kind in den Brunnen gefallen ist“ und tatsächliche Notsituationen entstehen. Das zugrundeliegende Interesse ist demnach auf das persönliche Wachstum gerichtet und nicht auf den Umgang mit Verhaltensstörungen oder anderen psychischen Krankheiten . Es geht darum, therapeutisch wirksame Beziehungen aufzubauen und zu leben, welche die Entfaltung und das Wachstum der Persönlichkeit bestmöglich fördern. Genau hierin liegt auch der Unterschied zu vielen anderen soziologischen oder psychologischen Modellen und Konzepten. Es geht nicht darum, solche Bedingungen zu schaffen, dass Familien, Beziehungen, Freundschaften oder Arbeitsverhältnisse möglichst reibungslos funktionieren und lange bestehen bleiben, sondern vielmehr um das Schaffen von wachstumsfördernden, herausfordernden Bedingungen und um die Art und Weise, mit Konflikten umzugehen. Die Frage ist also: Was braucht es, damit sich alle Familienmitglieder in ihrer Familie gesehen, verstanden, respektiert, geschätzt, integriert, geliebt und gefördert fühlen? Was benötigt man für das Zusammenleben, damit alle Beziehungen untereinander geprägt sind von emotionaler Nähe, Offenheit, Persönlichkeitswachstum und tiefer Verbundenheit? Fakt ist, dass all diese aufgezählten Attribute – sofern sie in ihrer eigentlichen Form gelebt werden – positive Auswirkungen auf das persönliche Wohlbefinden haben und das Gemeinschaftsgefühl einer Gruppe erheblich stärken. Fakt ist aber auch, dass eine Beziehung umso riskanter und gefährdeter ist, je intensiver, offener und echter sie gelebt wird. Carl R. Rogers hat nicht nur eine neue Ausrichtung der Psychotherapie entwickelt, sondern darauf aufbauend eine neue Art, miteinander in Beziehung zu treten und daraus folgend eine neue Art des Zusammenlebens, sei es von Paaren, Familien oder Freunden entwickelt. Mit der Weiterführung dieser Vision des „Neuen Menschen“ zur neuen Familienkultur beschäftigt sich diese Diplomarbeit.

Aus diesem Grund werden andere therapeutische Perspektiven sowie die vielfältigen Elterntrainings und Elternberatungen in dieser Arbeit nicht weiter berücksichtigt, obgleich sie selbstverständlich für die Entwicklung und den Fortschritt in den Bereichen der Pädagogik und der Psychologie grundlegend und prägend sind. Einzig das Gordon-Modell mit seinem Eltern- und Familientraining wird in dieser Arbeit untersucht, da Thomas Gordon als ein Student, Freund und Mitarbeiter von Rogers den personenzentrierten Ansatz in seinen Arbeiten aufgegriffen und weiterverarbeitet hat.

2 Entwicklung und Verwandlung der Gemeinschaft „Familie“

Im diesem Kapitel wird zunächst der Begriff „Familie“ erläutert. Im weiteren Verlauf dienen die Aufführung statistischer Daten bzgl. der Scheidungs- und Eheschließungsrate sowie ein Überblick der Beratungsangebote für Familien- und Paare als Ausgangspunkte für die Annahme eines gewissen gesellschaftlichen Hilfebedarfs in Fragen der Alltagsbewältigung und der zwischenmenschlichen Beziehungsgestaltung.

2.1 Definition des Begriffs Familie

Eine allgemeingültige, gesetzliche Definition von Familie gibt es nicht, und im Bürgerlichen Gesetzbuch werden nur Begriffe wie Verwandtschaft, Schwägerschaft, Adoption und Pflegekind verbindlich definiert. Der lateinische Begriff familia bedeutet Hausbestand/Hausgemeinschaft und ist abgeleitet von lat. „famulus“ (der Haussklave).[6] Im Handlexikon für pädagogische Psychologie wird Familie als „biologisch-soziale Gruppe von Eltern mit ihren ledigen, leiblichen und/oder adoptierten Kindern“ definiert.[7] Eine soziologische Definition der Familie formulieren Kurt Lüscher et al. wie folgt:“ Der Begriff ‚Familie’ bezeichnet in zeitgenössischen Industriegesellschaften primär auf die Gestaltung der sozialen Beziehungen zwischen den Generationen hin angelegte Sozialformen eigener Art, die als solche gesellschaftlich anerkannt und damit institutionalisiert werden“.[8]

Darüber hinaus gibt es noch zahlreiche Definitionen aus der Soziologie, der Pädagogik und der Biologie. Es findet sich aber kaum eine Definition des Begriffs „Familie“, welche biologische, rechtliche und gesellschaftliche Aspekte vereint.

In unserer heutigen Gesellschaft geht es in der Diskussion um die „Familie" meist um Menschen, die verwandt sind und zusammen wohnen. So wurde zum Beispiel für eine Volkszählung in den USA der Begriff der „Familie" offiziell definiert als „zwei oder mehr blutsverwandte, verheiratete oder adoptierte Menschen, die zusammen in einem Haushalt wohnen".[9]

In der vorliegenden Diplomarbeit steht der Aspekt dauerhafter intimer Beziehungen zwischen Menschen im Mittelpunkt. Da diese Betrachtungsweise der Familie objektive Aspekte wie Emotionen, Gefühle und Nähe anstelle objektiver Kriterien in den Vordergrund stellt, ist sie für psychologische Zwecke angemessener.

2.2 Statistische Erhebungen

„Die Haushalte in Deutschland werden tendenziell immer kleiner. Dieser Trend ist seit Beginn der statistischen Erfassung Ende der 1950er Jahre zu beobachten. Eine Besonderheit in der Entwicklung der letzten drei Jahrzehnte besteht darin, dass die Einpersonenhaushalte zahlenmäßig alle anderen Haushaltsgrößen übertreffen – im Jahr 2006 lag ihr Anteil bei 38,8 Prozent aller Haushalte. Auch die Zahl der Zweipersonenhaushalte hat sich kontinuierlich erhöht. Die Zahl der Haushalte mit drei und mehr Personen sinkt dagegen beständig. Haushalte mit 5 und mehr Personen, die 1970 noch einen Anteil von 12,9 Prozent an allen Haushalten hatten, machten 2006 nur noch 3,7 Prozent aus.“[10] Im Jahr 2006 wurden in Deutschland 373.681 Ehen geschlossen. 1950 lag die Zahl der Eheschließungen noch bei knapp 750.500. Die Zahl der Ehescheidungen von 1992 bis 2003 stieg, mit Ausnahme des Jahres 1999, beständig von 135.000 auf 214.000. Zwischen 1950 und 2006 wurden in Deutschland 7,7 Millionen Ehen geschieden.[11]

Dieser kurze Einblick in die Statistiken des Bundeszentralamtes gibt lediglich Aufschluss über den Rückgang von Eheschließungen und den Anstieg von rechtskräftigen Scheidungen in Deutschland innerhalb der letzten 56 Jahre. Die Ursachen für eine derartige Entwicklung sind keiner Statistik zu entnehmen, und selbst der kausale Zusammenhang mit einer generell vermehrten Unzufriedenheit in Ehen ist nicht ohne Weiteres herzustellen. Darüber hinaus ist eine Scheidung nicht unbedingt etwas Schlechtes, in manchen Fällen kann sie sogar Leben retten. Falls es so etwas wie einen Vorhersagefaktor für den Bestand von Ehen gibt, dann ist es sicherlich die Art und Weise, wie Ehepartner mit Konflikten umgehen. Auf diesen Punkt wird in Kapitel 4.3 weiter eingegangen. Die bloße Auflistung von Eheschließungs- und Scheidungsraten soll hier lediglich den Wandel in der Gesellschaft verdeutlichen bzw. die Veränderung der Bedeutung der Institution Ehe. Da sich das Thema dieser Arbeit mit der Familie und ihren Beziehungen befasst, ist es notwendig, die Bedeutung von Familie und Ehe im Vorfeld zu beleuchten sowie einen kurzen Überblick über ihre Entwicklung zu geben.

Tatsache ist, dass seit 1950 ein enormer Gesellschaftswandel stattgefunden hat im Bezug auf Werte, Normen und die Rolle der Frau. Traditionelle Werte verlieren immer mehr an Bedeutung, während der Aspekt Selbstentfaltung und die Planung eines individuellen Lebensentwurfes an Bedeutung gewinnen . Die Ehe als Institution steht heute nicht mehr vorrangig für die Erfüllung bestimmter Bedürfnisse wie z.B. Sexualität oder materielle Versorgung der Frau. Aus dem traditionellen Verständnis von Familie, nämlich dem Dasein für Andere (Kinder, Großeltern, Ehepartner), wurde immer mehr die Gestaltung eines selbst bestimmten Lebens.[12] Verschiedene Aspekte haben zu diesem Wandel der Familienstrukturen beigetragen. Die Angleichung der Bildungschancen beider Geschlechter hat dazu geführt, dass sich viel mehr Frauen gegen die Elternschaft entscheiden, um sich beruflich uneingeschränkt zu entfalten. Die Zweifel an der Vereinbarkeit dieser Lebensbereiche sind angesichts der vorherrschenden Betreuungs- und Unterstützungsmöglichkeiten von berufstätigen Müttern mit Kleinkindern nachvollziehbar. Ebenso hat sich die Anzahl der Männer, die sich gegen die Familiengründung entscheiden, erhöht, da private Interessen und Freiheiten mehr Gewichtung bekommen haben und die Angst vor der Aufgabe des Haupternährers, angesichts der heutigen Arbeitsmarktsituation, gestiegen ist. Durch die Reform des Scheidungsrechts 1976 wurde das Scheidungsverfahren vereinfacht, und die verbesserten Verhütungsmethoden führten zu einer einfacheren Geburtenkontrolle. Damit stieg die Scheidungs- und sank die Geburtenrate deutlich. Die beschriebenen Entwicklungen und Tendenzen zeigen, dass sich unsere westliche Gesellschaft in einem immer noch währenden Umbruch befindet. Die traditionellen Werte und Normen der älteren Generation existieren in ihrer ursprünglichen, dogmatischen Form nicht mehr, wurden aber auch nicht von einer neuen, klaren und einheitlichen Linie abgelöst. Es existieren heutzutage vielmehr diverse Lebensformen und Wertauffassungen nebeneinander, die geprägt sind von einer tendenziellen Offenheit gegenüber neuen Erkenntnissen und Sichtweisen über Themen wie Familie, Erziehung, Wertvorstellungen, Lebensformen und über den Sinn des Lebens. Ein menschliches Miteinander, welches auf den Grundprinzipien des personenzentrierten Ansatzes basiert, kann gerade in dieser Zeit einen wertvollen Nährboden finden.

2.3 Vielfalt der Hilfsangebote für Familien und Paare

Das Angebot regelt sich immer über den Bedarf, und dieser scheint in unserer Kultur unabhängig vom Wertewandel, vom gesellschaftlichen Frauen- und Familienbild sowie von der Individualisierungs- oder Pluralisierungstendenz zu sein. Es gibt in Deutschland zahlreiche Familienberatungsstellen, die vom Staat, von der Kirche oder auch von privaten Trägern angeboten werden. Der Begriff „Sozialpädagogische Familienhilfe“ ist im Sozialgesetzbuch (SGB) als spezielle Hilfeform geprägt und unter dem §31 SGB VIII rechtlich verankert. Die Familienhilfe gehört im Familienrecht zu den Hilfen zur Erziehung (§ 27 SGB VIII).

Darüber hinaus bieten freie und private Träger aus dem Bereich der Jugendhilfe auch spezielle Gruppenangebote für Mädchen, Frauen, Jungen und Männer an, in denen durch gemeinsame Gespräche und Freizeitaktivitäten an den alltäglichen Problemen der jeweiligen Zielgruppe gearbeitet wird. Pädagogische Globalziele sind hierbei meist die Stärkung des Selbstbewusstseins, Kontaktherstellung zu Gleichgesinnten, die Entwicklung der Fähigkeit, eigene Gefühle wahrzunehmen und mitzuteilen und dabei die Erfahrung zu machen, dass dieser Vorgang von anderen Menschen wohlwollend aufgenommen wird. Des weiteren werden in diesen Gruppen persönliche Ziele und Perspektiven für das zukünftige Leben herausgearbeitet und hinterfragt sowie die Copingstrategien der Mitglieder erweitert und gefördert. Die Mitglieder solcher Gruppen sind Mädchen, Jungen, Mütter und Väter, und sie alle sind in ihrem privaten Leben ein Teil einer Familie, sei es nun ihrer Herkunftsfamilie oder auch der selbst gegründeten. Die Bedürfnisse und Hoffnungen, die sie zur Teilnahme an einer solchen Gruppe bewegen, haben ihren Ursprung fast immer in einem emotionalen Defizit bzw. Missstand innerhalb ihrer Familienbeziehungen. Tatsache ist auch, dass überall auf der Welt Klienten mit ihrem Psychotherapeuten schmerzlichen Kindheitserinnerungen aufarbeiten. Sie tragen u.U. seit Jahren Vorwürfe und Schuldgefühle gegenüber ihren Eltern und Geschwistern mit sich herum und bewerten gegenwärtige Ereignisse ihres Lebens stets durch diese vergangenheitsüberladene Wahrnehmung. Unterhaltungsangebote der Medien, sei es Fernsehen, Zeitschriften, Radiosendungen, beinhalten immer mehr Diskussionen, Foren und Ratgeber zum Thema Familie, Erziehung und Paarbeziehung. Der Bedarf der Menschen nach Hilfe und Unterstützung in ihren zwischenmenschlichen privaten Beziehungen und ihrem alltäglichen Familienleben ist also zweifellos vorhanden.

3 Grundlagen

Für die Zielsetzung dieser Arbeit ist es wichtig, wissenschaftliche Modelle und Theorien aufzuführen, welche sich mit dem Thema förderlicher zwischenmenschlicher Beziehungen befassen. Da es in dieser Arbeit immer um die Grundaspekte des personenzentrierten Ansatzes geht, findet eine Eingrenzung auf die Theorien von Carl Rogers und einigen ausgewählte Autoren statt, die sich in ihren Ausführungen und Untersuchungen klar auf Rogers beziehen oder eine starke Parallele darin haben.

3.1 Der personenzentrierte Ansatz nach Carl R. Rogers

Carl R. Rogers wurde 1902 in Oak Park, dem Staat Illinois der USA geboren und starb am 4. Februar 1987 in La Jolla, Kalifornien. Rogers gilt als einer der Hauptvertreter der Humanistischen Psychologie. Er war nach seinem Studium 12 Jahre lang psychotherapeutisch und beratend tätig und lehrte dann von 1940 bis 1963 an drei amerikanischen Universitäten als Professor für Psychologie. Sein gesamtes Berufsleben lang beschäftigte er sich mit der Frage nach den Bedingungen, die dazu führen, dass eine Person von sich aus über ihr Erleben und ihre Gefühle spricht, sich dabei besser verstehen lernt und schließlich zu Einstellungs- und Verhaltensänderung gelangt.[13] „Seine Beobachtungen über den Zusammenhang zwischen personzentrierter Haltung und konstruktiven Persönlichkeitsveränderungen konnten mit einer Reihe von empirischen Untersuchungen überprüft und in den wesentlichen Punkten bestätigt werden.“[14]

1941 schrieb er ein Buch über Beratungstechnik und Psychotherapie, welches 1941 unter dem Originaltitel „Counselling and Psychotherapy“[15] erschien. Der Inhalt dieses Buches beschäftigt sich ausschließlich mit der verbalen Interaktion zwischen Helfer und Hilfesuchenden. 1951 erschien dann sein Buch „Client-centered therapy“[16], in welchem Rogers seine Sichtweise umfassender darlegt und zum ersten Mal weitergehende Implikationen berücksichtigt und Konzepte wie Gruppentherapie oder schülerzentrierten Unterricht erörtert. In seinem Werk „On Becoming a Person“[17], welches 1961 erschien, stellt Rogers diverse Aufsätze sowie Auszüge aus aufgezeichneten Therapiegesprächen zusammen, die zwischen 1951 und 1961 entstanden sind. Sein Anliegen war es, diese Arbeiten zum ersten mal nicht nur für Fachpsychologen, sondern auch für den „intelligenten Laien“ zugänglich zu machen.[18] Er schreibt „ich hoffe aufrichtig, dass viele Menschen, die kein besonderes Interesse an Fragen der Beratung oder Psychotherapie haben, feststellen werden, dass die Lernerfahrungen aus diesem Bereich auch sie in ihrem Leben stärken können.“[19] Aufgrund der Erkenntnis über die weitreichende Anwendbarkeit seiner Theorie entwickelte sich die anfangs „non-direktive Beratung“ über die „klientenzentrierte Psychotherapie“ hin zu einem „personenzentrierten Ansatz“.

3.1.1 Die Persönlichkeitstheorie

Rogers’ Persönlichkeitstheorie und sein klienten- bzw. personenzentrierter Ansatz, welcher darauf basiert, wird der humanistischen Psychologie zugeordnet, welche eine phänomenologische Orientierung hat. Das bedeutet, dass vorurteilsfrei von den Dingen an sich ausgegangen wird und der Mensch als einzigartiges Individuum gesehen wird, mit der Fähigkeit zu Selbstständigkeit, Selbstbewusstsein und Stabilität. Rogers vertritt die Grundüberzeugung, dass der Mensch von Natur aus gut ist und in sich die Fähigkeit trägt, sich selbst zu entwickeln und zu verwirklichen. Es wohnt in jedem Menschen diese treibende Kraft nach konstruktiver Veränderung und Selbstverwirklichung. Rogers nennt diesen Aspekt in seiner Theorie die „Aktualisierungstendenz“. Diese Tendenz strebt nach Erhaltung und Förderung des Organismus’.[20]

Der sog. organismische Bewertungsprozess beurteilt Erfahrungen stets danach, ob sie für den Organismus als Ganzes erhaltend oder förderlich sind oder ob sie eher hemmend wirken. Im Laufe der Entwicklung eines Kindes als psychische Struktur entsteht dann das „Selbst“ und als Teil der Aktualisierungstendenz entsteht die „Tendenz zur Selbstaktualisierung“.[21] Hier werden Erfahrungen nunmehr danach bewertet, ob sie für den Organismus förderlich sind und ob sie für das Selbstkonzept förderlich sind. Da die Entstehung des Selbst unmittelbar mit dem Verlangen nach unbedingter Wertschätzung verbunden ist, richtet sich das Kind mehr und mehr nach den Bewertungen seiner Bezugspersonen und weniger nach seinen eigenen organismischen Bewertungen. Die eigenen Bedürfnisse werden immer weniger wahrgenommen und zugunsten einer positiven Zuwendung seitens der Bezugspersonen unbewusst in den Hintergrund gedrängt. Erfahrungen finden durch die „bewertende Brille der Erwachsenen“ statt und werden somit oft verfälscht oder verleugnet, da sie ansonsten nicht mit dem Selbstkonzept übereinstimmen, welches sich, geprägt durch das Umfeld und die Beziehungen, aufgebaut hat. Rogers nennt diesen Prozess „die grundlegende Entfremdung im Menschen“.

Entsteht nun eine Diskrepanz zwischen der Aktualisierungstendenz und der Selbstaktualisierungstendenz, spricht Rogers von „Inkongruenz“. Dem Erhalt des Selbstkonzepts wird meist Vorrang vor dem Erhalt des Organismus’ gegeben.

Das Ziel der klientenzentrierten Therapie ist es von daher, eine Übereinstimmung des Selbstkonzepts mit den organismischen Bewertungen herzustellen. Das Selbstkonzept muss dafür flexibler werden, sodass der Klient mehr und mehr Erfahrungen in sein Selbstbild integrieren und somit für sich akzeptieren kann. Es werden bestenfalls alle positiven und negativen und alle bisher verzerrten und verleugneten Erfahrungen in das Selbstkonzept integriert, wobei Rogers dann von der sog. „fully-functioning-person“ spricht. „Das bedeutet nicht, dass ein voll funktionsfähiger Mensch sich ständig all seiner inneren Vorgänge bewusst ist. Es bedeutet vielmehr, dass dieser Mensch fähig wäre, ein Gefühl subjektiv zu erleben, aber auch sich dieses bewusst zu machen.“[22] Das bedeutet, dass er einerseits Gefühle wie Liebe, Angst oder Trauer subjektiv erleben und damit erfahren kann, dass er andererseits aber auch bewusst erkennen kann: „Ich liebe“, „Ich habe Angst“ oder „Ich bin traurig“. Für eine sog. voll funktionsfähige Person gibt es „keine Schranken und keine Hemmungen, die ihn daran hindern, alles was organismisch vorhanden ist, voll zu erleben.“[23] Wenn ein Mensch auf diese Art und Weise funktioniert, hat er sehr großes Vertrauen in seine Entscheidungen und Erfahrungen, selbst wenn hiervon nur Aspekte in sein Bewusstein dringen.

Im nächsten Abschnitt wird weiterführend auf die klientenzentrierte Gesprächsführung eingegangen, und ihre spezifischen Merkmale werden erläutert.[24]

3.1.2 Die klientenzentrierte Gesprächsführung

Nach Rogers’ klientenzentriertem Ansatz ist die Beziehung zwischen Berater und Therapeut eine therapeutische Qualität an sich und zentraler Wirkungsfaktor des therapeutischen Verlaufs. Rogers geht, wie im vorstehenden Absatz bereits erläutert, davon aus, dass der Mensch potentiell über alle Möglichkeiten verfügt, um sich selbst zu begreifen und um seine Selbstkonzepte, seine Grundeinstellungen und sein selbstgesteuertes Verhalten zu verändern. Dieses Potential kann, seiner Meinung nach, nur dann erschlossen werden, „wenn es gelingt, ein klar definierbares Klima förderlicher psychologischer Einstellungen herzustellen.“[25]

Er definiert hierzu drei Bedingungen, welche für die Entstehung eines derart wachstumsfördernden Klimas vorausgesetzt sein müssen. Diese Bedingungen gelten dabei nicht nur für die Beziehung zwischen Therapeut und Klient, sondern für jede Situation, in der eines der gesetzten Ziele die persönliche Entwicklung ist. Insofern sind sie ebenso anzuwenden im Verhältnis zwischen Eltern und Kind, Leiter und Gruppe, Lehrer und Schüler oder Führungskraft und Mitarbeiter etc.[26]

Die erste Bedingung bezeichnet Rogers als Echtheit oder Kongruenz. Je mehr der Therapeut in der Beziehung zum Klienten er selbst ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Klient sich öffnen, äußern und auf konstruktive Weise wachsen wird. Das bedeutet, dass der Therapeut darauf verzichtet, sich in einer erhabenen Rolle zu sehen bzw. zu verhalten und keinerlei professionelles Gehabe und keine persönliche Fassade nötig hat. Hierfür bedarf es seinerseits natürlich der Fähigkeit, mit seinen aktuellen Gefühlen und Gedanken stets in Kontakt zu sein. D.h.: Das Erlebte ist dem Bewusstsein zugänglich, denn nur so kann es in der Beziehung gelebt und ggf. kommuniziert werden. Der Therapeut macht sich damit seinem Klienten gegenüber vollkommen transparent. Nur so kann er dem Klienten als Person begegnen und in dieser Beziehung eine Gleichwertigkeit entstehen. Der Klient kann und wird durch diese Echtheit und Offenheit des Beraters angeregt, sich selber zu öffnen und Vertrauen zu fassen. Auch kann der Klient nur dann eine unbedingte Wertschätzung annehmen, wenn er den Berater als stimmig und echt erlebt. Des Weiteren ist die Stimmigkeit des Beraters auch eine unabdingbare Voraussetzung für Empathie und bedingungslose Wertschätzung, welche die weiteren förderlichen Aspekte des Beziehungsangebotes darstellen.

Das Akzeptieren, die Anteilnahme und die unbedingte Wertschätzung sind unabdingbar: Der Berater nimmt den Klienten als Person an, akzeptiert und wertschätzt ihn, unabhängig von dessen Verhaltensweisen, Handlungen oder Erscheinungsbild. Der Klient wird als Mensch respektiert und bedingungslos akzeptiert. Sein Verhalten und seine Einstellungen ändern nichts an seinem Wert als Person, er wird in seinem „Da-Sein“ vollkommen akzeptiert und respektiert. „Der Berater ist bereit, den Klienten sein jeweiliges Gefühl, welches er gegenwärtig empfindet, ausleben zu lassen, unabhängig davon, ob es sich um positive oder negative Emotionen handelt. Wenn der Berater eine positive, akzeptierende Einstellung gegenüber dem erlebt, was der Klient in diesem Augenblick ist, dann wird es mit größerer Wahrscheinlichkeit zu therapeutischer Bewegung oder Veränderung kommen.“[27] Das setzt immer ein Verstehen seitens des Beraters voraus, bedeutet aber natürlich nicht, dass der Berater deshalb automatisch alle Verhaltensweisen bzw. Taten des Klienten bejaht. Zugrunde liegt hier lediglich die grundsätzliche Einstellung, dass der Mensch von Natur aus gut ist und jegliches Verhalten an seinem Wert nichts ändert.

Der dritte förderliche Aspekt einer solchen Beziehung ist das einfühlsame Verstehen bzw. Empathie. Das bedeutet, dass der Berater die Gefühle und persönlichen Bedeutungen spürt, welche der Klient erlebt und dass er dieses Verstehen dem Klienten mitteilt. Es wird also der innere Bezugsrahmen des Klienten möglichst exakt wahrgenommen. Der Berater sieht die Welt quasi durch die Augen des Klienten, gerade so, als ob man der Andere wäre, wobei Rogers hier betont, dass dabei stets darauf zu achten sei, die „Als-ob-Position“ nicht aufzugeben. Die emotionalen Erlebnisse des Klienten und die Bewertungen, die er ihnen beimisst, werden vom Berater sprachlich ausgedrückt. Einfühlendes Verstehen bezieht sich aber nicht nur auf die vom Klienten direkt verbal geäußerten Emotionen, sondern auch auf die subtilen, vom Berater wahrgenommenen nonverbalen Signale des Klienten d.h. auch auf Emotionen „am Randes des Gewahrseins“.

Der Berater bietet eine Beziehung an, welche geprägt ist von Echtheit, bedingungsloser Wertschätzung und einfühlendem Verstehen und nicht von einem ausfragenden, dirigierenden oder Ratschläge erteilendem Berater. Es geht immer um den Klienten und seine subjektiven Wahrnehmungen, Wahrheiten und Bewertungen, wobei der Berater dabei hauptsächlich die Funktion übernimmt, diese Emotionen und gefühlsmäßigen Erlebnisse dem Klienten widerzuspiegeln. Die Verbalisierungen sollten dabei stets ein Angebot und keine festgelegten Tatsachen darstellen. Es geht im personenzentrierten Ansatz darum, dass der Klient sich öffnen kann, sich dadurch selbst besser kennerlernt und somit eigene „Lösungen“ in sich findet. Man könnte die Funktion des Therapeuten also sinnbildlich mit einem „chemischen Katalysator“ vergleichen.[28] Das Ziel der Therapie ist es, dass der Klient unabhängiger und selbstbewusster wird und dadurch zukünftig auch besser mit Problemen umzugehen weiß, da er selbst zu einer Einstellungs- und Verhaltensveränderung gekommen ist.

[...]


[1] Hofer, Klein-Allermann, Noack 1992, S.1

[2] Ebenda S. 1 ff.

[3] Bucay 2010, S. 64 ff.

[4] Ebenda, S.68

[6] www.duden.de/rechtschreibung/familie

[7] Hans Schiefele, Andreas Krapp 1981, S. 124

[8] K. Lüscher, M. Wehrspaun, A. Lange 1989, S. 62.

[9] Vgl. Erwin J. Haeberle 1985., Kapitel 3, Punkt 11.2

[10] Statistisches Bundesamt: Statistisches Jahrbuch 2007 , PDF Version: 6.430 KB, Bevölkerung und Erwerbstätigkeit, Entwicklung der Privathaushalte bis 2025

[11] Ebd.

[12] Vgl.http://de.wikipedia.org/wiki/Familie

[13] http://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Rogers, besucht am 09.08.2011

[14] Ebenda

[15] Der deutsche Titel lautet „die nicht-direktive Beratung“

[16] Der deutsche Titel lautet „die klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie“

[17] Der deutsche Titel lautet „Entwicklung der Persönlichkeit“

[18] Rogers 1988, S.13

[19] Ebd.

[20] Organismus bedeutet hier die physische und psychische Ganzheit des Menschen.

[21] Rogers 1983, S.40, S. 139

[22] Rogers 1962, S. 25

[23] Ebenda S. 25

[24] Ebenda S. 40 ff.

[25] Rogers 1991, S.66

[26] Ebenda, S. 66 ff.

[27] Ebd., S. 67.

[28] In der Chemie nennt man Stoffe, die den Reaktionsablauf fördern, „Katalysatoren“. Sie gehen nicht direkt ein in die chemischen Umsetzungsformeln, verändern aber die Aktivierungsenergie. (D.Schuphan, M. Knappe 1993, S. 70)

Details

Seiten
75
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783842821965
Dateigröße
549 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v228663
Institution / Hochschule
Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg – Sozialpädagogik
Note
2,1
Schlagworte
gesprächstherapie carl rogers erziehung familie beziehungen

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Titel: Dauerprojekt Familie: Wohnst Du noch, oder lebst Du schon?!