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Der Einfluss von Wertewandel auf die intimen Lebensformen in der postmodernen Gesellschaft

Diplomarbeit 2010 97 Seiten

Soziologie - Sonstiges

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG
1.1 SOZIOLOGISCHER WERTBEGRIFF
1.2 BEGRIFF DER POSTMODERNE

2. WERTEWANDEL IN DER POSTMODERNEN GESELLSCHAFT
2.1 EXKURS IN DIE GESCHICHTE
2.2 MENTALITÄT UND ZEITGEIST
2.3 ORIENTIERUNGSPROBLEME
2.4 DER INDIVIDUALISIERUNGSPROZESS
2.5 VERLANGEN NACH ABENTEUER UND AUFREGUNG
2.6 NEUE SCHAM- UND DESENSIBILISIERUNGSSTANDARDS

3. URSACHEN DES WERTEWANDELS
3.1 VERÄNDERUNG DER NATÜRLICHEN LEBENSBEDINGUNGEN
3.2 EINFLÜSSE DES DENKENS UND WISSENS
3.3 TECHNISCHER FORTSCHRITT; WIRTSCHAFTLICHE ENTWICKLUNG UND STEIGERUNG DES WOHLSTANDES
3.4 PROZESSE DER GESELLSCHAFTLICHEN DIFFERENZIERUNG UND INTERPRETATION
3.5 WANDEL DER HERRSCHAFTSVERHÄLTNISSE
3.6 DIE SOZIALSTRUKTUR UND DER WOHLFAHRSSTAAT
3.7 GLOBALE PROZESSE
3.8 EINFLÜSSE DER SOZIALISATION
3.9 REDUKTION KOGNITIVER DISSONANZEN

4. INTIME LEBENSFORMEN IN DER POSTMODERNE
4.1 VERVIELFÄLTIGUNG DER BEZIEHUNGSFORMEN
4.2 SINKENDE ATTRAKTIVITÄT UND BEDEUTUNGSWANDEL DER INSTITUTION EHE UND FAMILIE
4.2.1 Normalisierung des Scheidung
4.3 SINGLE-DASEIN
4.4 MODERNE ALTERNATIVEN ZUR EHESCHLIESSUNG
4.4.1 Alleinwohnende
4.4.2 Living-apart-together: getrenntes Zusammenwohnen
4.4.3 Wohngemeinschaften
4.5 WERTEWANDEL IM BEZUG AUF DIE SEXUALITÄT
4.5.1 Enttraditionalisierung und Selbstbestimmung der Frauen
4.5.2 Modernisierung der Sexualität
4.5.3 Sexuell nichtexklusive Partnerschaften: Demokratisierung der Sexualität
4.5.4 Alte – neue Perversionen

5. SPÄTMODERNE BEZIEHUNGSWELTEN –STUDIE: RAPORT ÜBER PARTNERSCHAFT UND SEXUALITÄT IN DREI GENERATIONEN
5.1 EINLEITUNG ZUR STUDIE
5.2 ERGEBNISSE
5.2.1 Beziehungswandel im früherem, mittlerem und höherem Erwachsenenalter
5.3 ZUSAMMENFASSUNG DER STUDIE

6. AKTUELLE TENDENZEN

7. ZUSAMMENFASSUNG

LITERATURVERZEICHNIS

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

Abbildung 1: individualistische wertorientierungen in der postmodernen gesellschaft

Abbildung 2: bedürfnispyramidenmodell nach abraham h. maslow

Abbildung 3: entwicklung von der mangelgesellschaft zur postmoderne

Tabelle 1: indikatoren zum scheidungsverhalten, 1965-2000

Abbildung 4: einzelpersonenhaushalte in westdeutschland 1960-1990

Tabelle 2: übersicht über die stichprobe

Abbildung 5: beziehungsformen in verschiedenen altersstufen nach generation und stadt

Abbildung 6: durchschnittliche anzahl der festen beziehungen bis zum alter von 20, 30, 45 und 60 jahren, nach generation und stadt

Abbildung 7: anteil der befragten, die im alter von 30 jahren in einer 5 jahre oder länger dauernden beziehung lebten, nach generation und stadt

Abbildung 8: durchschnittliche dauer der längsten beziehung bis zum alter von 30 jahren, nach generation und stadt

Abbildung 9: anteil der befragten, die im alter von 30 jahren drei oder mehr trennungen aus festen beziehungen erlebt haben, nach generation und stadt

Abbildung 10: anzahl und dauer der singleperioden (in jahren) nach der ersten beziehung bis zum alter von 30 jahren, nach generation und stadt

Tabelle 3: beziehungsideale, nach generation und stadt (in %)

Tabelle 4: Eheb e zogene Parameter im Alter von 60 Jahren, nach Stadt (in %)

Tabelle 5 : Beziehungsbiografien im Alter von 60 Jahren, nach stadt (in %)

1. Einleitung

Schon seit Langem interessiert mich besonders das Thema der soziokulturellen Werte und des Wertewandels, denn unser Zusammenleben hängt vom Wertefundament der dynamischen, postmodernen Gesellschaft ab. Der Wertewandel beeinflusst alle gesellschaftlichen Bereiche unseres Lebens: Ehe und Familie, Partnerschaft, Erziehung, Bildung, Arbeits- und Berufsleben, Konsum und Freizeit.

Es heißt, wir leben im Übergang von der ersten oder einfachen Moderne in die zweite oder Spät- oder Postmoderne.[1] In Bezug auf diese Begriffe existieren unterschiedliche Theorien und Einschätzungen darüber, in welcher Richtung die Entwicklung führen kann: Die postmodernen Erscheinungen werden erstens als eine andere Normalität dargestellt, zweitens wird von einer Destruktion des Sozialen, vom Verschwinden der Seele, der Moral und der kulturellen Verelendung gesprochen.[2] Wertepluralismus, Werteverfall und -verlust, Wertkrise sind Begriffe, mit denen die gegenwärtige Lebenssituation des Menschen und das Zusammenleben etikettiert werden. Gemeinsam für die beiden Bewertungen ist jedoch die Annahme, dass wir in Zeiten des Wandels leben, in denen bekannte Formen der Arbeit, der Freizeit, des sozialen, privaten und intimen Lebens sowie der Politik und Kultur durch andere abwechslungsreiche ergänzt oder gar ersetzt werden.

Die gewöhnlichen intimen Lebensformen werden dereguliert; die Stichworte lauten hierzu: Entwertung der Herkunftsfamilie, Schrumpfen der Kleinfamilie zur Kleinstfamilie, in der ein Individuum selbst zu seiner eigenen Familie wird, Vervielfältigung der Beziehungs- und Lebensformen, Pluralisierung der früheren Perversitäten zu gesunden Neosexualitäten, die mit großer Selbstverständlichkeit inszeniert werden.[3] Folgt man Prof. Sigusch, so zerlegt die neue Revolution die traditionellen intimen Lebensformen und setzt sie neu zusammen. Dadurch treten Phänomene, Intimbeziehungen und Präferenzen hervor, die bisher verschüttet waren, keinen Namen hatten oder gar nicht existierten.[4]

Charakteristisch für die Postmoderne ist die narzisstische Selbsterfindung: Die Selbstverwirklichung zwingt die Individuen zur Vielfalt, zum Ausprobieren: Alles ist offen, verführerisch und greifbar. Es werden immer intensivere Erlebnisse gesucht. Nicht zuletzt zu beobachten sind neue Scham-, Ekel- und Desensibilisierungsstandards.[5]

Die beschriebenen Prozesse des Zerlegens und Neuzusammenlegens sind für den Kapitalismus charakteristisch. Sie resultieren aus der allgemeinen und gewaltigen Veränderungsdynamik, die das kapitalistische Wirtschaften anstößt, benötigt und zulässt. Keine bisherige Gesellschaftsform war so wandlungsfähig und flexibel.

Die fortschreitende ökonomische Funktionalisierung begünstigt die soziale Desintegration und zunehmende Atomisierung der Gesellschaftsindividuen. Niklas Luhmann spricht von einer funktionalen Ausdifferenzierung der Teilsysteme, die einen enormen Leistungszuwachs der modernen Gesellschaft ermöglicht hat, gleichzeitig aber zu einer sozialen Desintegration geführt hat.[6]

Im Bereich der intimen Lebensformen hat eine große Bewegung eingesetzt. Von einer Pluralisierung der Lebensformen ist überall die Rede: Man spricht von einer Entwicklung, die aus der Normalbiografie in die Wahlbiografie führe. Gemeint ist eine individuelle Anpassung der ansprechendsten Lebenskonzepte. Nichteheliche Formen des Zusammenlebens setzen sich zunehmend durch: Weniger Frauen und Männer heiraten und die, die überhaupt heiraten, tun es später, haben weniger Kinder und lassen sich häufiger scheiden. Dadurch dass die Ehe ihr Monopol verloren hat, Sexualität zu legitimieren, verliert sie ihren Alleinanspruch, Beziehungen und Familien zu definieren.[7]

Die genannten Trends gelten nicht nur für die Bundesrepublik, sondern für alle (auch überwiegend katholischen) Länder der Europäischen Union, natürlich auch für die USA und Kanada. Es handelt sich also um globale Prozesse in den westlichen Industriegesellschaften.[8]

1.1. Soziologischer Wertbegriff

Werte werden nach Rüdiger Lautmann als normativer Maßstab des Wünschenswerten begriffen.[9] Für Wolfgang Rudolph ist ein soziokultureller Wert ein grundlegender, allgemeiner „Standard selektiver Orientierung“[10], eine Orientierungslinie und Generalmotivator des menschlichen Handelns.[11] Werte „bilden die Legitimations- bzw.

Rechtfertigungsgrundlage für die haltgebenden Institutionen des sozialen Zusammenlebens, für die mannigfaltigen situationsbezogenen Normen und Sanktionen eines bestimmten soziokulturellen Bereiches … Dadurch werden Werte sozial sanktioniert.

Mit der Bestrafung eines normverletzenden Verhaltens wird also zugleich die Missachtung der legitimatorisch zugrunde liegenden Werte geahndet.“[12]

Werte hängen von der jeweiligen Kultur ab: Im geschichtlichen Entwicklungsprozess innerhalb einer Kultur haben Werte eine bestimmte „Ausprägung, Eigenart und handlungsbestimmende Kraft gewonnen“.[13] Sie sind nicht nur kulturell typisiert, sondern prägen die Kultur selbst, d. h., sie finden ihren Ausdruck in Ideen, Symbolen, in den moralischen und ästhetischen Normen und Verhaltensregeln der Kultur.[14] Wolfgang Rudolph meinte: „Die Werte sind … die entscheidenden Elemente einer Kultur, ihr funktionaler Befehlsstand. Das Spezifische einer jeden Kultur entspricht dem spezifischen Charakter aller in ihr zusammengefassten Werte …“[15]

Der Wertewandel der Institution Ehe und Familie, der Sexualität und anderen intimen Lebensformen „drückt sich in den Veränderungen des Binnenselbstverständnisses und der Beziehungsstrukturen aus“.[16] Neu entstehende Orientierungsmuster ermöglichen dem Individuum entsprechende Identitätsmöglichkeiten und -erfahrungen. Weil Werte tief in der Persönlichkeitsstruktur des Individuums eingebettet sind, können sie nicht als allgemeine Ordnungskonzepte aufgefasst und befolgt werden. Sie werden eher als individuelle Wertvorstellungen denn als eigene Wünsche, Bedürfnisse und Interessen definiert.[17] Ein wichtiger Aspekt in Bezug auf das Thema meiner Diplomarbeit besteht darin, dass Werte nicht beziehungslos nebeneinander existieren können, sondern vielfältige Beziehungen aufweisen[18]: „wechselseitige Abhängigkeiten und Verstärkungen, Über- und Unterordnungen, Spannungen und Antagonismen. Damit bilden Werte Elemente hierarchisch strukturierter Wertsysteme, die vor allem in den modernen dynamischen Großgesellschaften einen stark pluralistischen Charakter aufweisen.“[19]

Hinsichtlich der modernen pluralistischen Gesellschaft ist es empirisch-analytisch schwierig, ein allgemeines gesamtgesellschaftliches Wertesystem zu identifizieren; es lässt sich höchstens ein dominierendes Wertsystem beschreiben[20], das „zwar im Zentrum der Mehrheitskultur steht, aber durch alternative Lebensentwürfe infrage gestellt wird. Da dieses vorherrschende und zugleich kritisierte Wertsystem selbst innerhalb der Mehrheitskultur sozialstrukturell-individuell mannigfaltig variiert wird, kann es nur als ein Durchschnittstypus dargestellt werden, das in dieser Form real überhaupt nicht existiert.“[21]

In meiner Diplomarbeit soll dargestellt werden, wie sich die Wertorientierungen und Moralvorstellungen im Bereich der intimen Lebensformen entwickelt und ausdifferenziert haben. Im zweiten Kapitel soll die Entwicklung des Wertewandels in der modernen Gesellschaft dargestellt werden. Das dritte Kapitel beschreibt Ursachen des Wertewandels; im vierten Kapitel soll der Zusammenhang zwischen den sich verändernden Werten in der postmodernen Gesellschaft und den intimen Lebensformen dargestellt werden. Das darauf folgende Kapitel stellt empirisch die Ergebnisse der Untersuchung über die Sexual- und Beziehungsbiografien dreier Generationen der Abteilung für Sexualforschung der Universität Hamburg und des Zentralinstituts für Jugendforschung des DDR in Leipzig über den sozialen Wandel der intimen Beziehungswelten dar. Das letzte Kapitel beschäftigt sich schließlich mit aktuellen Tendenzen in Bezug auf die Institution Ehe, mit Familie, Sexualität und alternativen Formen des intimen Zusammenlebens und der Zusammenfassung meiner Überlegungen.

1.2. Begriff der Postmoderne

Die Idee der Postmoderne hat ihre Quelle in den künstlerischen und politischen Wandlungen der 1960er-Jahre in den USA. Der Begriff bricht mit dem Einfluss ideologischer Eliten.[22] Die Postmoderne geht auf F. Nietzsche zurück: Weil die Welt nicht erklärt werden kann, müssen eine Relativierung, Rekombination und Pluralisierung von Denkstilen stattfinden. Nach Jean-Francois Lyotard ist die Postmoderne von Wertpluralismus und Institutions- und Elitenkritik geprägt: Die ideologische Elite wird von einer technokratischen Elite abgelöst. Alte Institutionen wie beispielsweise Parteien,

Verbände oder Kirchen verlieren ihre Anziehungskraft.[23] Die traditionellen Bindungen und zwischenmenschliche Solidarität geht verloren. Das gesellschaftliche Leben ist von Sektoralisierung und einer Vielzahl von Individuen mit unterschiedlichsten Denk- und Verhaltensweisen geprägt.

Ulrich Beck beschreibt die Postmoderne als „reflexive Moderne“. Die reflexive Moderne ist ein Geschöpf und eine zwingende Folge der endenden Industriegesellschaft. Reflexive Modernisierung heißt, dass sich die Modernisierungen nach dem Schema und Konzept der westlichen Industriegesellschaft verselbstständigen. Als Motor des Wandels gilt nicht mehr die Zweckrationalität der Industriemoderne, sondern die „Nebenfolgen“ der Industriemoderne: Risiko, Gefahr, Individualisierung und Globalisierung.[24] Nach Beck verkündet sich ein Aufbruch einer neuen Epoche, in der die Werte nicht mehr identisch mit denen der Moderne/Industriemoderne sind.[25] Es entsteht eine neue Wertordnung mit neuen ökonomischen, politischen, sozialen, kulturellen und moralischen Normen; es entsteht eine Periode der Individualisierung: individuelle Werte sind am individuellen Nutzen orientiert. Infolge dessen entstehen emotionale und soziale Erfahrungen sozialer Gegensätze. Gesellschaftliche Institutionen verlieren ihre Bedeutung.[26] Die Individuen werden aus dem Rollenkäfig der verschiedensten gesellschaftlichen Institutionen, aus Zwängen und Bindungen freigesetzt.[27] Die Biografie verläuft nicht mehr linear: In der nachindustriellen Gesellschaft übernimmt das Individuum sein eigenes Schicksal, inszeniert selbst seine Biografie.[28] Die Sicherheit, die durch die etablierten Normensysteme geboten war, ist in der neuen Moderne nicht mehr relevant. Die reflexive Moderne wird eine Risikogesellschaft sein: „Heute werden Menschen aus der Industriegesellschaft in eine Weltrisikogesellschaft entlassen und müssen von nahezu allen Werten, den politischen, sozialen, ökonomischen, kulturellen und moralischen, lassen. Ihnen wird also ein Leben … mit den unterschiedlichsten, einander widersprechenden globalen und persönlichen Risiken zugemutet … Lebensentscheidungen werden riskant, die tradierten Rollen und Normen tragen nicht mehr, Arbeitsverhältnisse werden flexibilisiert.“[29]

Die einmal dominierten Gebote in der Partnerschaft wie beispielsweise Unauflöslichkeit der Ehe oder Pflicht des Vaters, die Familie zu ernähren, gelten nicht mehr. Frauen sind unabhängig geworden. Mittlerweile sind beide Partner gezwungen, außerhalb der Partnerschaft ihre eigene Biografie zu konzipieren und zu leben.[30] Die Identitäten der Individuen sind nicht mehr geschlossen, sondern entwickeln sich zu dynamischen Bildern.[31] „Es hat sich ein tiefgreifender Wandel von geschlossenen und verbindlichen zu offenen und zu gestaltenden sozialen Systemen vollzogen. Nur noch in Restbeständen existieren Lebenswelten mit geschlossener weltanschaulich-religiöser Sinngebung, klaren Autoritätsverhältnissen und Pflichtkatalogen.“[32]

2. Wertewandel in der modernen Gesellschaft

2.1. Exkurs in die Geschichte

Im soziokulturellen Lebenszusammenhang der Menschen haben Werte eine zentrale Stellung – sie haben maßgeblichen Anteil an der Steuerung des menschlichen Verhaltens. „Angesichts dieser ebenso tiefgreifenden wie weitreichenden Einflusskraft ist es voll gerechtfertigt, die im gegenwärtigen Zeitalter beschleunigt auftretende Veränderungen

der Werte als ein Schlüsselproblem ins Auge zu fassen.“[33]

Bereits in den 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts erkannte und beschrieb in erstaunlich hellsichtiger Weise Friedrich Nietzsche (1844-1900) den Wertewandel als Problem der modernen Gesellschaft. Es handelte sich bei Nietzsche um eine extrem gefährliche Umwertung oder gar „Entwertung der Werte“, die den Kern des Nihilismus bildet. Es herrscht Wertlosigkeit und das heißt auch Sinnlosigkeit; der Nihilismus hat nach Nietzsche einen menschenfeindlichen Charakter.[34] „Unsere ganze europäische Geschichte bewegt sich seit langem schon mit einer Tortur der Spannung, die von Jahrzehnt zu Jahrzehnt wächst, wie auf eine Katastrophe los: unruhig, gewaltsam, überstürzt: wie ein Strom der ans Ende will, der sich nicht mehr besinnt, der Furcht davor hat, sich zu besinnen.“ Die Leere und Armut an Werten kommt immer mehr zur Geltung und die obersten Werte entwerten sich.

Später, Ende des 19. Jahrhunderts, ist die sich immer deutlicher abzeichnende Krise der Kultur in Europa vor allem von Emile Durkheim aus soziologischer Sicht beschrieben worden. Durkheim war der Meinung, dass die Wünsche des Menschen immer mehr ins Unersättliche und Unbegrenzte rutschen, was Quelle ständiger Unzufriedenheit und Qualen sein kann. Infolge der Industrialisierung, Wohlstandszunahme und wirtschaftlichen Schwankungen ist in der modernen dynamischen Gesellschaft der gesellschaftlich-normativ regulierte Zustand des Gleichgewichts zwischen Bedürfnissen und Befriedigungsmöglichkeiten aufgesprengt worden.[35] „Sowohl Wirtschaftskatastrophen wie

auch die Wohlstandssteigerung führen zu Gleichgewichtsstörungen, normativen Erschütterungen und Orientierungsschwierigkeiten. Im Zuge der Wohlstandssteigerung schießen die dann ausufernden Ansprüche und Erwartungen über die zuvor gültigen Regulierungen hinaus.“[36] Die Bedürfnisse steigen und befreien sich aus ihren Schranken, die alten Regeln verlieren ihre Autorität: Diesen Zustand der gestörten gesellschaftlich-normativen Ordnung bezeichnet Durkheim mit dem Begriff der Anomie[37].

Mit zunehmender Differenzierung muss die Gesellschaft dem Individuum mehr Individualbewusstsein bieten, da die Wertorientierungen bei wachsender Vielfältigkeit der spezialisierten gesellschaftlichen Bereiche nicht mehr über externe Vorgaben gesteuert werden können. Prozesse der Privatisierung und Individualisierung sind die Folge[38], was einen enormen Einfluss auf den Wandel der intimen Lebensformen hat.

Die Ursache für den Verlust der Großfamilie sah Durkheim in der Industrialisierung der modernen Gesellschaft und deren Folgewirkungen.[39] Mit fortschreitender Differenzierung gerät die Familie in einen Prozess der abnehmenden Bedeutung des Familienlebens; Teil dieser Entwicklung ist ein geringerer Stellenwert der Familie für die Verfolgung moralischer Ziele. Die Quelle des Morallebens, die früher in der Familie lag, verlagert sich ständig.[40]

Eine positivere Auffassung der Anomie kündigte sich schon vor Emile Durkheim bei Jean Marie Guyau an. Anomie wurde von ihm als Abwesenheit apodiktischer, verfestigter und universeller Normen charakterisiert. Es ist eine Form der Moralität der Menschen, die mit dem Wachsen des Wissens und der Rationalität geschaffen worden ist. Guyau sieht die Anomie im Kontext einer dynamischen, sich wandelnden Gesellschaft, in der die Individuen als Aktive dieses Wandels wirken. Die Anomie wird nicht als Zustand einer gestörten normativen Ordnung, sondern als eine Chance für größere Freiheits- und Gestaltungsmöglichkeiten für die individuell handelnden Menschen gesehen. Der positive Aspekt ist jedoch mit dem Problem verbunden, inwieweit die vergrößerten Gestaltungsspielräume Chancen für eine vernünftige Weiterentwicklung der

gesellschaftlichen Verhältnisse bieten oder aber dem Chaos Chance gewähren.

Im Zusammenhang mit dem soziokulturellen Wandel des 20. Jahrhunderts wurden Werte, Normen und vor allem religiös-jenseitsbezogene Sanktionsmechanismen zunehmend erschüttert. Die Kirche verlor ihre Autorität als Stütze des menschlichen Handelns, ihre Werte und Normen wurden aufgelockert. Mit diesen geschichtlichen Veränderungen machte sich insgesamt immer mehr eine tief greifende nihilistisch-anomische Krise bemerkbar. Allerdings muss berücksichtigt werden, dass es auch in früheren Epochen mentale Veränderungen im Bereich der Werte und Normen im Zusammenhang mit dem Wandel der Lebensverhältnisse gab.[41]

In Bezug auf den Nihilismus hat Friedrich Nietzsche Katastrohen vorausgesagt, die die Menschheit noch nicht erlebt hat und die tatsächlich im 20. Jahrhundert eingetreten sind: „Unter Missachtung der mit der Aufklärungsphilosophie aufgekommenen humanen Idealwerte und Menschenrechte wurden zahllose grausame Kriege geführt: mit riesigen Menschenopfer und gewaltigen Zerstörungen (…). Im Ersten Weltkrieg wurde schon in

umfangreichem Maße Giftgas eingesetzt. Der Zweite Weltkrieg wurde 1945 mit dem Abwurf von zwei Atombomben beendet (…). Hinzu kam, dass aus ideologischen Gründen in totalitären Herrschaftssystemen Menschenmassen diskriminiert, gedemütigt und entrechtet, in Arbeits- oder Konzentrationslagern gefangen gehalten, aus ihrer Heimat vertrieben oder sogar vernichtet wurden. Der Nihilismus, die Entwertung von Werten und menschlichen Individuen kam im GULAG (Abkürzung für die Hauptverwaltung des Straflagersystems in der ehemaligen UdSSR), in Auschwitz, überhaupt im Holocaust, aber auch in der Zerstörung von Dresden, Nagasaki und Hiroshima skrupellos und brutal zum Ausdruck.“[42] Weiterhin trat der Nihilismus des 20. Jh. In besonderer Weise zerstörerisch im Stalinismus und Nationalsozialismus auf. Diese Ideologien lehnten die Werte der westlichen Kultur ab: den Humanismus, den intellektuellen Rationalismus, den Liberalismus, den Humanismus und Individualismus. Die Gefahr des die Menschheit vernichtenden Atomkrieges hat einen höchst dramatischen Punkt erreicht; damit trat die Möglichkeit der Entwertung aller Werte in Erscheinung.[43]

Das gewaltige Wirtschaftswachstum im 20. Jahrhundert, das Wachstum der Bevölkerung, die enorme Steigerung des Lebensstandards, die Ausweitung des Konsums und nicht zuletzt die gestiegenen technischen Möglichkeiten des Menschen zur Naturbeherrschung haben zu Belastungen oder sogar Zerstörungen der Natur geführt, welche die Überlebensbedingungen des Menschen gefährden.[44]

2.2. Mentalität und Zeitgeist

Der Wandel der Werte in der Gegenwart ist mit dem veränderten „Zeitgeist“ der Moderne verbunden; die Werte bilden ein zentrales Element dieses „Zeitgeistes“. Die veränderten Orientierungen und Ideen, Denkgewohnheiten und Einstellungen, Interessen, Wünsche, Stile, Verhaltensweisen und Lebensformen haben einen entscheidenden Einfluss auf die gesellschaftlichen Werte und Mentalität.

Den Grundvorgang, der das geistige Klima zu Beginn des 21. Jahrhunderts bestimmt, kann man mit dem Begriff der Option beschrieben. Das Individuum verfügt über mehrere Wahlmöglichkeiten und entscheidet frei.[45]

Auch auf dem Feld der zwischenmenschlichen Beziehungen ist das Phänomen Option präsent. Die Individuen fürchten sich vor Nähe; sie versuchen, die Abhängigkeit zu vermeiden. In den Beziehungen lässt sich eine gestörte Balance feststellen: Die Erwartungen an den Partner und an das, was er in die Beziehung investieren soll, sind enorm groß. Der Partner muss körperlich attraktiv sein und erotisch anziehend, er muss intelligent, erfolgreich, geistig anregend sein, ohne Altlasten. Was man allerdings selbst in die Beziehung einzubringen bereit ist, bleibt weit dahinter zurück: Man möchte keine Schwäche zeigen, man möchte sich nicht ausliefern, man möchte frei sein. Die Individuen wollen keine Beziehung, sondern eine Option auf eine Beziehung. Lose Verabredungen für einen Abend oder am Wochenende: Das ist der Raum, in dem sich die vor Nähe fürchtenden Menschen noch wohlfühlen. Eine weitere charakteristische Tatsache in der modernen Gesellschaft ist die ständige Suche nach dem perfekten, richtigen Partner. Daraus resultiert ein unbedingtes Verlangen nach Steigerung und Verbesserung.[46]

Verpflichtungen werden vermieden, man soll lernen, „cool“ zu wirken. Die Möglichkeit einer neuen, besseren Option muss bestehen bleiben. Diese Einstellung hat jedoch einen hohen Preis: eine dauernde Ungewissheit und Enttäuschung, etwas versäumt zu haben. Diese anstrengende Kontaktwelt schafft nur derjenige, der „gut drauf“ ist.[47]

2.3. Orientierungsprobleme

Die Pluralisierung von Wertesystemen und die Werteverunsicherung sind mit Orientierungsproblemen und Identitätsstörungen sowie Verunsicherung in Hinblick auf Sinnvorstellungen verbunden. Diese Auswirkungen haben enormen Einfluss auf die Psyche der Menschen, werden als sehr belastend empfunden und stellen in der Lebenswelt eine Herausforderung dar.[48]

Eine demokratische Gesellschaftsform wirft Probleme und Schwierigkeiten auf, die das Verhalten der Individuen beeinträchtigen können. Die Meinungsvielfalt erschwert Entscheidungen: Es entstehen Zweifel darüber, ob die angestrebten Ziele und Verhaltensvariationen richtig sind.[49] „An die Stelle einer absoluten kollektiven Wahrheit treten subkollektive Richtigkeiten, die bei ihren Mitgliedern häufig Orientierungslosigkeit und Rollenunsicherheit hervorrufen.“[50]

Der Wandel trägt grundlegend dazu bei, dass sich immer mehr Menschen durch eine Flut von Optionen und Lebensmöglichkeiten überschwemmt fühlen, die sie nicht mehr verarbeiten können. Die Überlastung ist für das Individuum noch größer, wenn es keine

Fähigkeit der Selektion der angebotenen Möglichkeit hat. Je mehr diese Fähigkeit unterentwickelt ist, umso eher kann es zur Reaktion der Abwehr jener Flut kommen: Das Individuum zieht sich in eine Privatsphäre zurück, um sich gegenüber den Optionen und Informationen zu schützen.[51]

Viele Menschen können ihre stark veränderte soziokulturelle Umwelt nicht mehr verstehen. Das Leben erscheint sinnlos, Gefühle der Zukunftsangst, der Resignation und des Pessimismus sind immer mehr präsent. „Die zunehmende Kluft zwischen sich verändernden Werten und der eigenen persönlichen Existenz lässt das Gefühl entstehen, nicht mehr in die Gesellschaft hineinzupassen und stattdessen im Abseits zu landen. Wie Anrufe von suizidgefährdeten Menschen bei der Telefonseelsorge bestätigen, gibt es sogar Personen, die durch den Wertewandel das Gefühl der existenziellen Bedrohung empfinden.“[52] Eine aufschlussreiche Arbeit hat zu diesem Thema bereits Durkheim geleistet: Seine Theorie des „Selbstmordes“ kann als die Folge des Werte- und Normenverfalls aufgefasst werden. In einem Zustand der Normlosigkeit ist ein sozial reguliertes Handeln nicht mehr möglich („anomischer Selbstmord“).[53]

Mit der Erschütterung der Werte ist die Auswahl an Werten keinesfalls kleiner geworden oder im Sinne eines Werteverlustes verschwunden. Im Gegenteil: Infolge der Globalisierung, aufgrund stark zugenommener interkultureller Austauschprozesse und der fortschreitenden Individualisierung ist eher eine extreme Pluralität heterogener, teilweise auch antagonistischer und sich schneller wandelnder Wert- und Sinnangebote entstanden, die schon als Wertechaos charakterisiert wird. Der Pluralismus der Werte trägt dazu bei, dass sich die Individuen in den hoch entwickelten Industriegesellschaften in einer grenzenlosen, gewaltigen Flut von verschiedensten Wert- und Sinnorientierungen, Optionen und Möglichkeiten befinden. Die Fülle dieser unterschiedlichen Eventualitäten der Lebensgestaltung wird von vielen Widersprüchen durchzogen und ist nur schwer überschaubar. Die Menschen geraten in ein Dilemma: „Die individuelle Lebenszeit ist zu

kurz für ein weitgehendes Ausschöpfen der vielfältigen Lebensmöglichkeiten in der so komplex gewordenen soziokulturellen Lebenswelt. Wenn der Einzelne nicht gewillt ist, sich durch Sozialisationsinstanzen bzw. durch einflussstarke Mitmenschen auf einen bestimmten Lebensweg festlegen zu lassen, dann muss er im abwägenden Hinblick auf den Pluralismus von Werten, Sinnangeboten und Lebensmöglichkeiten eine eigene, selbstverantwortliche Auswahl vornehmen.“[54]

Orientierungslosigkeit ist teilweise zur Normalität geworden. Bei der Suche nach dem Sinn des Lebens werden die Menschen alleingelassen. Der Sinn wird nicht mehr beispielsweise durch Kirche definiert; der Sinn wird vollständig individualisiert und in den Verantwortungsbereich des Einzelnen verlagert.[55] Eine demokratische Gesellschaftsform wirft Probleme und Schwierigkeiten auf, die die Entwicklung ihrer Angehörigen beeinträchtigen und gefährden können. Die Meinungsvielfalt erschwert Entscheidungen und lässt oft Zweifel darüber entstehen, ob die angestrebten Ziele und diverse Ausdrucks- und Verhaltensvariationen richtig sind. An die Stelle einer „absoluten“ kollektiven Wahrheit treten subkollektive Richtigkeiten, die bei ihren Mitgliedern häufig Orientierungslosigkeit und Rollenunsicherheit hervorrufen. Auch der Prozess der Demokratisierung bedeutet eine Herausforderung, da Demokratie vom Individuum mehr Selbstverantwortung und Entscheidungsfähigkeit verlangt. Sie ermöglicht eine Vielfalt von Meinungen und Ansichten, sodass die gestatteten Formen des Lebens relativ weit streuen, und erschwert gleichzeitig Entscheidungen darüber, was richtig und was falsch ist. Sie verwischt Eindeutigkeiten und vergrößert die Toleranz für verschiedenste Lebensbereiche, welche vielleicht ehemals öffentlich nicht gebilligt wurden. Sie bietet die Chance zur größeren Mündigkeit ihrer Mitglieder und gibt Spielraum für personale Entwicklungen und Fehlentwicklungen. Die frei werdenden Räume und Lücken werden durch individuelle Lernvorgänge ersetzt, wodurch die Menschen einen größeren Spielraum erwerben. Der Mensch wird in zunehmendem Maß zur Selbstbestimmung gezwungen und erhält mehr

unklare und verschwommene kulturelle Unterweisungen für sein Verhalten.[56]

2.4. Der Individualisierungsprozess

Der gegenwärtig populärste Erklärungsansatz, die Individualisierungsthese von Ulrich Beck, knüpft an Aussagen der klassischen Soziologie (Emile Durkheim, Ferdinand Tönnies, Georg Simmel, Max Weber) an, die den Übergang in die Moderne als Prozess der Freisetzung des Menschen aus ständischen Bindungen und als Zunahme des Entscheidungsspielraums beschrieben.[57]

Die Individualisierung ist keinesfalls ein Phänomen der heutigen Zeit. Sie gehört zum menschlichen Leben: „im Sinne sowohl der Menschenwerdung jedes Individuums als auch der Befreiung der Menschheit von den Fesseln vorgegebener Lebensweisen“.[58] Im Verlaufe der Geschichte haben die Herausbildung und später auch die Verstärkung individualistischer Wertorientierungen starke Anreize erhalten: durch die Aufklärungsphilosophie, den Liberalismus, die Demokratiebewegung und die Frauenemanzipation. Im 20. Jahrhundert waren für die Ausbreitung des Individualismus die Entstehung demokratisch-marktwirtschaftlicher Wohlstandsgesellschaften, das Scheitern kollektivistisch-totalitärer Herrschaftssysteme und die Bildungsexpansion von entscheidender Bedeutung.[59]

In Bezug auf die moderne Gesellschaft wird befürchtet, dass der Individualismus ein starkes Übergewicht erlangt habe; die gesellschaftliche Stabilität ist schwächer geworden. Schlagworte wie „Ego-Gesellschaft“ oder „Ellenbogengesellschaft“ sind negativ konnotiert und kritisieren die moderne rücksichtslose und marktwirtschaftlich ausgerichtete Gesellschaft. In der Bevölkerung wird ein breites Spektrum von Werten und wertegeladenen Persönlichkeitseigenschaften im Bezug auf individualistische

Wertorientierungen subsumiert[60]:

Abb. 1. Individualistische Wertorientierungen in der postmodernen Gesellschaft

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

„Dass in den vergangenen Jahrzehnten ein beschleunigter Wertewandel stattgefunden hat, demonstriert besonders überzeugend die weit vorangeschrittene Aufwertung individualistischer Wertorientierungen. Mittlerweile wird besonders – vor allem im konservativen Lager – die Auffassung geäußert, dass diese Aufwertung zuungunsten gemeinschaftlicher Zusammenhänge schon gefährliche Ausmaße angenommen habe. Die hier zentrale Aussage über die Aufwertung individualistischer Wertorientierungen wird durch die umfangreiche Wertforschung von R. Inglehart bestätigt. Die postmaterialistischen Werte – die sich nach seinen Erkenntnissen immer mehr ausgebreitet haben – sind nämlich zum großen Teil mit individualistischen Wertorientierungen identisch.“[61]

Die postmoderne Gesellschaft bietet Chancen, einen breiten Freiraum, den individuellen Lebensstil selbst zu wählen. In die traditionelle Gesellschaft und ihre Normen und Vorgaben wurde man hineingeboren. In der neuen, individualisierten Gesellschaft dagegen muss der Einzelne etwas tun, er muss sich aktiv bemühen. Wo der Lebenslauf nicht mehr das Schicksal ist, sondern eher ein Möglichkeitsraum, werden neue Fähigkeiten, Verhaltens- und Denkmuster verlangt.[62] „In erweiterten Optionsspielräumen wächst der individuell abzuarbeitende Handlungsbedarf, es werden Abstimmungs-, Koordinations- und Integrationsleistungen nötig.“[63]

2.5. Verlangen nach Abenteuer und Aufregung

Der Postmoderne Mensch ist kein stabiler, fertiger Mensch. Er experimentiert, er probiert, er erweitert die Horizonte. Die Rahmenbedingungen und jegliche Referenzen verlieren in der postmodernen Gesellschaft an Bedeutung. Es geht immer bunter und erlebnisreicher; weniger langweilig. Menschliches Denken, Handeln und Fühlen erfährt eine enorme Variabilität. Die postindustriellen Veränderungen implizieren, wie es oft erwähnt wurde,

den Wandel privater Lebensformen. „Früher galt eine Beziehung als gut, so lange sie nicht schlecht war; Langweile und begrenzter Austausch, sexuell und emotional, galten nicht als ,ungesund‘. Nun aber fragen sich Mann und Frau, ob es nicht höher und weiter geht, ob irgendwo mehr Abenteuer, mehr Nähe, mehr Aufregung, mehr Austausch mehr Auseinandersetzung warten.“[64] Man spricht von „Selbstverzauberung“. „Diese Suche nach Selbstverzauberung ... ist heutzutage ein Massenphänomen. Gerhald Schulze spricht von einer allgemeinen Erlebnisorientierung und der Funktionalisierung äußerer Umstände für die eigene Innenwelt. ,Erlebe dein Leben!‘ wird dabei zu einer Art kategorischem Imperativ unserer Zeit. Wir werden zu Managern unserer Befindlichkeit, Manipulatoren unseres Innenlebens, indem wir auf äußere Bedingungen einwirken, um gewünschte innere Prozesse auszulösen, die sich dann als Erlebnis interpretieren lassen. Situationen und Personen werden zu Erlebniszwecken instrumentalisiert; Erlebnisse sind nicht länger Nebenprodukt eines Geschehens, sondern dessen von vornherein angesteuertes Ziel. Partnerschaften machen da keine Ausnahme. Wie sollten sie auch? Haben Liebe und Zweisamkeit doch seit eh und je einen starken Erlebnischarakter. Doch heute gilt es zudem, in die Beziehung zu investieren, dafür zu sorgen, dass die Zweisamkeit frisch und interessant bleibt, damit der Erlebnishaftigkeit nicht eine ebenso kurze Lebensdauer beschieden ist wie der initialen Verliebtheit.“[65] Die postmodernen Reize, das Verlangen nach Abenteuer und expressiven, ungewöhnlichen Erlebnissen wird im hohen Masse kommerziell unterstützt: Wandel, Offenheit, Suche nach Aufregung und nach Metamorphosen sind selbstverständlich geworden.[66]

2.6. Neue Scham- und Desensibilisierungsstandards

In der vormodernen Gesellschaft war Scham genauer definiert; derjenige, der Verhaltensmuster durchbrach und moralische Vorschriften verletzte, sollte sich schämen.

Inzwischen sind die gesellschaftlichen normativen Schamgrenzen verwischt worden. Die „Schamkultur“ ist pluralistischer und toleranter geworden. Die Fremdüberwachung der Normen und Sanktionen gegen die Verletzung der Normen ist deutlich geschwächt worden. Scham ist ohne Zweifel eine soziale Dimension: sie entsteht aus dem Geflecht sozialer Beziehungen heraus. Aus einer fortschreitenden sozialen Lockerung von Familien- und Partnerbindungen resultiert die Senkung der Schamschranken. Des Weiteren ist Schamgefühl ein Wertgefühl.

„Die These vom einfachen ,Vorrücken der Scham- und Peinlichkeitsschwellen‘, die der Soziologe Norbert Elias in seiner Zivilisationstheorie formulierte, ist dabei heute längst nicht mehr unumstritten. Nicht eine ständige Zunahme von Selbstzwängen und Scham scheint das Signum der zivilisationsgeschichtlichen Entwicklung zu sein, sondern ein Verschieben der Schamobjekte, an denen sich die persönlichen Selbstzwänge zu bewähren haben. Zur bürgerlichen Gesellschaft hin findet der Selbstzwang von Personen sein Vorbild immer stärker im Ideal der souveränen Individualität, das jeder darstellen sollte – ein modernes Ideal, das den traditionellen Vorgang der Gruppe in der allgemeinen Wertschätzung langsam verdrängte.“[67]

Im Gegensatz zu traditionellen Gesellschaften ist die gegenwärtige postmoderne Gesellschaft charakterisiert durch eine enorme Steigerung in vielen Bereichen. Als Beispiel kann die Sexindustrie genannt werden: Betrachtet man die Geschichte der erotischen Entkleidung während der letzten 100 Jahre, stellt man fest, wie die Industrie entzaubert worden ist; auf die fast unschuldig wirkenden „Nacktkostüme“ folgte Striptease mit bedeckten Brustwarzen. Danach kann der Striptease mit völlig nackten Brüsten und nacktem Genitalbereich, schließlich die Show mit gynäkologischen Perspektiven. Die Scham- und Intimitätsgrenze wird gesenkt, gleichzeitig aber wächst das Verlangen, das zu sehen, was noch verboten und verborgen ist.

3. Ursachen des Wertewandels

3.1. Veränderung der natürlichen Lebensbedingungen

Grundlegend für den Wandel von Werten sind Veränderungen der natürlichen Lebensbedingungen ebenso wie das Eingreifen des Menschen in die Natur, was bestimmten Wertorientierungen unterliegt. Hier sind insbesondere klimatische Veränderungen zu nennen: globale Erwärmung und Verstärkung des Treibhauseffektes, Einfluss der Sonnenfleckenaktivität, Vulkaneruptionen, Staubbelastung, die die Durchlässigkeit für die Sonneneinstrahlung verändert.[68] Dadurch werden Veränderungen von Durchschnittstemperaturen und Niederschlägen verursacht, welche die Ernährungsmöglichkeiten in bestimmten Regionen der Welt verschlechtern können; Unterernährung wiederum beeinflusst aufgrund chronischen Eiweißmangels die Gehirntätigkeit. Dies kann zu Passivität, Apathie und Fatalismus führen.[69] Bei einer lang andauernden Verschlechterung des Klimas und Ernährungsproblemen können die Wertvorstellungen betroffener Menschen einen passiven Charakter annehmen.[70] Für die westlichen Industriegesellschaften sind die Veränderungen der natürlichen Lebensbedingungen nicht so gravierend wie beispielsweise in den unterentwickelten Teilen der Welt. Man muss jedoch, im Hinblick auf die westliche Welt, das Problem von einer anderen Seite betrachten. Um das Klima zu schützen, muss zuerst ein Wandel der Werte stattfinden. Wenn es den Menschen nicht gelingt, beispielsweise die globale Erwärmung zu stabilisieren, werden unbeherrschbare Entwicklungen eintreten wie der Anstieg des Meeresspiegels als Folge des weitgehenden Schmelzens des Grönland- und antarktischen Eises. Da der einzige Wert, der universell Akzeptanz findet, Wachstum ist, besteht ein Bedarf eines grundlegenden Umdenkens in Richtung neue Werte.

3.2. Einflüsse des Denkens und Wissens

Im Zuge neuerer Entwicklungen innerhalb der Sozial- und Humanwissenschaften wird das Individuum immer mehr als ein geistig höchst aktives und konstruktiv tätiges Wesen gewürdigt. Mit ihrer hochentwickelten Denkfähigkeit und geistigen Unruhe bringen

Menschen neue Formen und Inhalte des Wissens hervor. Mit diesen veränderbaren Elementen und Systemen entstehen und wandeln sich zugleich Wertvorstellungen und Wertsysteme. Durch neue Erkenntnisse, Einsichten und Ideen können sich überkommene religiöse und weltanschauliche Interpretationssysteme als unbrauchbar gewordene Irrlehren herausstellen.[71] Im Zuge von Um- oder gar Neuformulierungen setzen sich neue Konzeptionen durch, die zugleich hinreichende Anerkennung gewinnen. In solchen Zeiten der geistigen Neukonstituierung unterliegen Wertorientierungen einem beschleunigten Wandel.[72]

Im okzidentalen Kulturkreis wird der Wertewandel durch eine tief greifende Veränderung des Denkens und Wissens vorangetrieben: „vom magischen, religiösen und metaphysischen zum empirischen, kritischen, rationalen und pragmatischen Denken; religiöser Glaube und Transzendenzorientierung werden durch erfahrungswissenschaftlich beeinflusstes Wissen verdrängt. Dieser umfassende, vor allem von Max Weber gewürdigte Intellektualisierungs-, Rationalisierungs- und Entzauberungsprozeß beinhaltet zugleich eine weitgehende Säkularisierung der Wertvorstellungen und Wertsysteme.“[73]

Eine Veränderung des Denkens und die Ausweitung des Wissens sind ein Resultat vor allem der Bildungsexpansion, die eine besonders starke Antriebskraft des Wertewandels darstellt: Überwindung des Analphabetismus, Einführung der allgemeinen Schulpflicht, Ausbau von Bildungsinstitutionen, Verlängerung der Bildungs- und Ausbildungsphase, Wandel der Erziehungsstile, Steigerung des Bildungsniveaus, Herausbildung eines verstärkt aufgeschlossenen Informationsverhaltens und Zwang zum lebenslangen Lernen. Der Wertewandel findet sich am ausgeprägtesten dort, wo das Bildungsniveau am höchsten ist.[74] In diesem Zusammenhang verändert sich die innere Einstellung der Individuen gegenüber soziokulturellen Werten: Selbstverständlichkeiten und absolute Ideale werden intensiv als geschichtlich entstandene, kulturell relative und veränderbare Orientierungsstandards kritisch-rational reflektiert.[75]

[...]


[1] Vgl. Schmidt, Strauß, 2002, S. V

[2] Vgl. Schmidt, Strauß, 2002, S. V

[3] Vgl. Sigusch, 2002, S. 14ff.

[4] Vgl. Sigusch, 2002, S. 12ff.

[5] Vgl. Sigusch, 2002, S. 15

[6] Vgl. Sigusch, 2002, S. 19

[7] Vgl. Schmidt, Matthiesen, Dekker, Starke, 2006, S. 148

[8] Vgl. Hillmann, 2003, S. 4

[9] Vgl. Rauh, 1990, S. 1

[10] Hillmann, 1986, S. 53

[11] Vgl. Hillmann, 1986, S. 53

[12] Hillmann, 1986, S. 55

[13] Hillmann, 1986, S. 54

[14] Vgl. Hillmann, 1986, S. 54

[15] Hillmann, 1986, S. 54

[16] Rauh, 1990, S. 1

[17] Vgl. Hillmann, 1986, S. 55

[18] Vgl. Hillmann, 1986, S. 58

[19] Hillmann, 1986, S. 58

[20] Vgl. Hillmann, 1986, S. 59

[21] Hillmann, 1986, S. 59

[22] Vgl. Lay, S. 236

[23] Vgl. Lay, S. 236

[24] Vgl. Lay, 1996, S. 206

[25] Vgl. Lay, 1996, S. 207

[26] Vgl. Lay, 1996, S. 208

[27] Vgl. Lay, 1996, S. 209

[28] Vgl. Lay, 1996,S. 228

[29] Lay, 1996, S. 217

[30] Vgl. Lay, 1996, S. 229

[31] Vgl. Keupp, 2002, S. 5

[32] Keupp, 2002, S. 7

[33] Hillmann, 2003, S. 1

[34] Vgl. Hillmann, 2003, S. 3

[35] Vgl. Hillmann, 2003, S. 5

[36] Hillmann, 2003, S. 5

[37] Hillmann, 2003, S. 5

[38] Vgl. Rauh, 1990, S. 13

[39] Vgl. Mühlfeld/Viethen, 2009, S. 88

[40] Vgl. Mühlfeld/Viethen, 2009, S. 89

[41] Vgl. Hillmann, 2003, S. 6

[42] Hillmann, 2003, S. 7

[43] Vgl. Hillmann, 2003, S. 7

[44] Vgl. Hillmann, 2003, S. 7

[45] Vgl. Bastian, 2002, S. 622

[46] Vgl. Bastian, 2002, S. 623

[47] Vgl. Bastian, 2002, S. 623

[48] Vgl. Hillmann, 2003, S. 11

[49] Vgl. Reinelt, 1989, S. 99

[50] Reinelt, 1989, S. 99

[51] Vgl. Hillmann, 2003, S. 340

[52] Hillmann, 2003, S. 340

[53] Vgl. Hillmann, 2003, S. 341

[54] Hillmann, 2003, S. 404

[55] Vgl. Hillmann, 2003, S. 404

[56] Vgl. Reinelt, 1989, S. 12

[57] Vgl. Peuckert, 2002, S. 311

[58] Vgl. Nollmann, Strasser, 2004, S. 9

[59] Vgl. Hillmann, 2003, S. 229

[60] Vgl. Hillmann, 2003, S. 228

[61] Hillmann, 2003, S. 229

[62] Vgl. Beck-Gernsheim, 1998, S. 68

[63] Beck-Gernsheim, 1998, S. 68

[64] Schmidt, 2000, S. 271

[65] Früchtel&Stahl, 2000, S. 250

[66] Keupp, 2002, S. 20

[67] Neckel, 2006, S. 6

[68] Vgl. Hillmann, 1986, S. 111

[69] Vgl. Hillmann, 1986, S. 111

[70] Vgl. Hillmann, 1986, S. 111

[71] Vgl. Hillmann, 1986, S. 113

[72] Vgl. Hillmann, 1986, S. 113

[73] Vgl. Hillmann, 1986, S. 113

[74] Vgl. Hillmann, 1986, S. 114

[75] Vgl. Hillmann, 1986, S. 114

Details

Seiten
97
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783842818507
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v228542
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Sozialwissenschaften, Sozialwissenschaften
Note
1,3

Autor

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Titel: Der Einfluss von Wertewandel auf die intimen Lebensformen in der postmodernen Gesellschaft