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Nachhaltigkeit aus ethischer und rechtlicher Perspektive mit speziellem Blickpunkt auf das österreichische Umweltrecht

Diplomarbeit 2010 92 Seiten

Jura - Rechtsphilosophie, Rechtssoziologie, Rechtsgeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Abkürzungsverzeichnis

Einleitung

1. Geschichte und Definition von Nachhaltigkeit
1.1. Geschichte
1.1.1. Nachhaltigkeit in der Forstwirtschaft
1.1.2. Malthus im 18. Jahrhundert
1.1.3. Die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts
1.1.4. Die moderne Nachhaltigkeitsdebatte - Der Brundtland Bericht und die Konferenz von Rio de Janeiro
1.2. Begriffsdefinition
1.2.1. Nachhaltigkeit nach dem Konzept des Brundtland-Berichts
1.2.1.1. Ökologische Ziele
1.2.1.2. Ökonomische Ziele
1.2.1.3. Soziale Ziele
1.2.1.4. Interdependenzen
1.2.1.5. Zielkonflikte und Lösungen
1.2.2. Weitere Nachhaltigkeitskonzepte
1.3. Zusammenfassung

2. Ethischer Ansatz der Nachhaltigkeit
2.1. Anthropozentrischer Ansatz
2.1.1. Natur als moralische Ressource
2.1.2. Natur als ästhetische Ressource
2.1.3. Natur als instrumentelle Ressource
2.2. Pathozentrischer Ansatz
2.3. Biozentrischer Ansatz
2.4. Physiozentrischer Ansatz
2.5. Utilitarismus
2.6. Ethische Schlussfolgerungen

3. Ökonomie und Ökologie in der Nachhaltigkeitsdebatte
3.1. Ökologische Aspekte des Nachhaltigkeitsprinzips
3.2. Ökonomische Aspekte des Nachhaltigkeitsprinzips
3.3. Zusammenfassung

4. Rechtlicher Ansatz der Nachhaltigkeit - Nachhaltige Entwicklung in der Rechtsordnung
4.1. Völkerrecht
4.1.1. Das Prinzip der intergenerationellen Gerechtigkeit
4.1.2. Das Prinzip der intragenerationellen Gerechtigkeit
4.1.3. Das Prinzip der nachhaltigen Ressourcennutzung
4.1.4. Das Prinzip der Zusammenführung von Umwelt und Entwicklung
4.1.5. Zusammenfassung
4.2. Europarecht
4.2.1. Geschichtliche Entwicklung
4.2.2. Die Gegenwart – Der Vertrag von Lissabon
4.2.3. Zusammenfassung
4.3. Die Rechtslage in Österreich
4.3.1. Nachhaltigkeit im Verfassungsrang?
4.3.2. Bundesgesetzliche Regelungen
4.3.2.1. Forstgesetz 1975
4.3.2.2. Wasserrechtsgesetz 1959
4.3.2.3. Abfallwirtschaftsgesetz 2002
4.3.2.4. Umweltverträglichkeitsprüfungsgesetz 2000
4.3.3. Wo im Umweltrecht noch von "nachhaltig" gesprochen wird
4.4. Zusammenfassung

5. Schlussfolgerungen - Diskussion

Literatur

Abbildungsverzeichnis

Eidesstattliche Erklärung

Vorwort - Danksagung

Die Absolvierung des Fächerbündels Umweltrecht während des 3. Abschnittes meines Diplomstudiums sowie der Besuch der Lehrveranstaltungen Rechtsphilosophie und Rechtsethik veranlassten mich, das dieser Arbeit zugrunde liegende Thema zu wählen. Einerseits, da speziell das Umweltrecht nicht nur in Österreich völlig zu Unrecht ein Schattendasein neben den anderen Rechtsgebieten fristet, andererseits, da die Erarbeitung eines rechtlichen Themas ausgehend von den Grundlagenwissenschaften eine spezielle Herausforderung darstellt. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass einige Absätze dieser Diplomarbeit auf einer von mir während des Sommersemesters 2010 im Fach Rechtsethik II verfassten Seminararbeit mit dem Titel "Nachhaltigkeit – eine ethische Größe?" basieren. Diesbezüglich möchte ich Herrn Ass.-Prof. Dr. Günther Kreuzbauer für seine vielen Ideen und Denkanstöße sowie für seine Unterstützung danken.

Für die Übernahme der Betreuung dieser Diplomarbeit, trotz seines vollen Terminkalenders und seiner kurz bevorstehenden Emeritierung, gebührt Herrn Univ. Prof. DDr. Michael Fischer großer Dank. Hierbei möchte ich im Besonderen Frau Ass.-Prof. Dr. Silvia Augeneder meine tiefe Dankbarkeit aussprechen. Ihre unvergleichliche Hilfsbereitschaft und ihre fachlichen Ratschläge haben mir bei der Erstellung dieser Arbeit sehr geholfen. Für das gewissenhafte Korrekturlesen meiner Arbeit gebührt meinen Kolleginnen Julia Elshuber und Daniela Schrattenecker großer Dank.

Danken möchte ich auch meinen Eltern, die immer für mich da sind und ohne die ich nie so weit gekommen wäre. Meiner innig geliebten Freundin Martina, die mir in wenigen Wochen das wohl größte Geschenk machen wird, das man von Mutter Natur wohl erhalten kann, danke ich aus tiefsten Herzen. Sie unterstützt mich in jeder Lebenslage, ist meine treibende Kraft und mein Fels in der Brandung. Ohne ihre unerschütterliche Ruhe und der Energie, die sie mir immer gibt, hätte ich diese Jahre des Studiums wohl nicht durchgehalten. Danke, dass es dich gibt!

Salzburg, im August 2010

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Einleitung

"Nachhaltigkeit ist hier". So lautet eine Internetadresse eines des größten Handelsunternehmens der Welt (www.nachhaltigkeit-ist-hier.at). Immer mehr und immer größere Betriebe nehmen sich oftmals sehr öffentlichkeitswirksam dem Thema Nachhaltigkeit an. In der aktuellen Ausgabe 6-7/2010 der Zeitschrift "Regal", einem, per Eigendefinition, Fachjournal für Markenartikel und Einzelhandel, widmet man der Nachhaltigkeit gleich eine 40 Seiten umfassende Spezialberichterstattung. Da ist dann die Rede von sauberen Ökobilanzen, vorbildlichem Abfallmanagement, Öko-Märkten, Öko-Siegeln, Klimaneutralität, Bioklebstoffen, Öko-Engagement, und noch Vielem mehr. Tatsächlich scheint sich jede etwas renommiertere Firma das Thema Nachhaltigkeit in irgendeiner Form auf die Fahnen geheftet zu haben. Was aber genau bedeutet nun Nachhaltigkeit? Steckt nicht doch mehr hinter diesem Begriff als viele vermuten würden? Diese Diplomarbeit wird sich dieser Frage aus mehreren Blickwinkeln annehmen.

So soll in einem ersten Teil der geschichtliche Hintergrund der Nachhaltigkeit näher beleuchtet werden. Woher kommt der Begriff, wer hat ihn geprägt, welche Bedeutung hatte er historisch gesehen und war diese im Laufe der Zeit einem Wandel unterworfen? Mit der Bedeutung von Nachhaltigkeit wird sich auch der zweite Teil des ersten Kapitels befassen. Dabei soll aufgezeigt werden, ob diesem vermeintlich bekannten Begriff tatsächlich die Geltung zukommt, die ihm von vielen Menschen zugeschrieben wird. Die meisten Personen, die man danach fragt, was für sie persönlich Nachhaltigkeit bedeutet, antworten in etwa gleich, nämlich dass es schwer in Worte zu fassen ist aber ausdrückt, dass etwas "dauerhaft" bzw. "für die Ewigkeit" gemacht wird. Ob die Erklärung tatsächlich so einfach gelagert ist oder ob sich noch mehr hinter diesem einfachen Begriff verbirgt bzw. warum Nachhaltigkeit so oft (bzw. fast ausschließlich) in Zusammenhang mit der Umwelt verwendet wird, soll der besagte Abschnitt klären.

Das zweite Kapitel bildet einen Hauptpunkt dieser Arbeit und wird die Nachhaltigkeit einer ethischen Betrachtung unterziehen. Diese wird sich sehr stark an der ökologischen Ethik und den verschiedensten darin enthaltenen Sichtweisen orientieren. Der Umstand, dass Nachhaltigkeit hier fast ausschließlich aus dem ökologisch-ethischen Bereich näher beleuchtet wird, erschließt sich aus dem Bedeutungsgehalt, welcher der Nachhaltigkeit innewohnt und im ersten Kapitel erläutert wird.

Einer dezidiert ökonomisch und ökologisch begründeten Schilderung von Nachhaltigkeit wird sich das dritte Kapitel annehmen. Dieses wird, da es nicht den Kern dieser Arbeit darstellt, aber zur Vollständigkeit jedenfalls berücksichtigt werden sollte, sehr überblicksmäßig gehalten. Es ist, gerade aufgrund der zahlreichen diesem Thema immanenten Anregungen und auch Diskrepanzen eher als Denkanstoß, denn als genaue Erläuterung zu verstehen, soll aber dazu beitragen, das Thema abzurunden.

Der zweite dieser Arbeit zugrundeliegende Hauptpunkt wird in Kapitel vier bearbeitet. Dieses wird sich mit dem rechtlichen Ansatz der Nachhaltigkeit auseinandersetzen. Ausgehend vom Völkerrecht und den dort enthaltenen Prinzipien soll in einem zweiten Abschnitt ermittelt werden, ob und, wenn ja, wo Nachhaltigkeit auch in Europarecht vorkommt. Der dritte Teil dieses Kapitels soll sich sodann im speziellen mit den Regelungen des österreichischen Umweltrechts, denen das Wort "nachhaltig" zumindest begrifflich innewohnt, auseinandersetzten. Dabei sollen die betreffenden Normen bzw. deren Regelungsgehalt einer genaueren Betrachtung unterzogen werden. Im letzten Kapitel gilt es, die aus den vorangegangenen Abschnitten gewonnenen Erkenntnisse kurz zusammenzufassen und kritisch zu hinterfragen.

Für die Bearbeitung der ersten drei Kapitel dieses Themas stand eine Unzahl an Literaturen zur Verfügung. Tatsache ist jedoch, dass dies die Erstellung dieser Arbeit keinesfalls leichter gestaltete sondern im Gegenteil ein immenses Maß an Lesearbeit verlangte, um "richtig" von "falsch" bzw. "fundiert" von "nicht fundiert" zu unterscheiden. So sind die dieser Arbeit zugrunde liegenden Quellen, soweit dies der Literatur entnommen werden kann, allesamt anerkannt. Die Fachliteratur für die rechtliche Betrachtung der Nachhaltigkeit ist eher dünn gesät und für das österreichische Recht nahezu inexistent. Deshalb stützt sich die Betrachtung der Rechtslage in Österreich fast ausschließlich auf umfassende Recherchen im RIS und auf das im Zuge der Erstellung dieser Arbeit erworbene (Eigen-)Wissen um die Nachhaltigkeit.

Sollten in dieser Diplomarbeit personenbezogene Formulierungen ausschließlich in männlicher Sprachform verwendet werden, wird ausdrücklich festgehalten, dass darin keinesfalls eine Diskriminierung des weiblichen Geschlechts zum Ausdruck kommen soll. Die gewählte Schreibweise dient einzig und allein dem besseren Lesefluss.

1. Geschichte und Definition von Nachhaltigkeit

Im Folgenden wird im ersten Abschnitt dieses Kapitels die geschichtliche Entwicklung des Prinzips der Nachhaltigkeit näher dargestellt. Im zweiten Teil soll der Begriff anhand verschiedener Definitionen näher erläutert werden.

1.1. Geschichte

Zum besseren Überblick und zur leichteren Verständlichkeit für den Leser wird der historische Abriss einer thematischen Gliederung unterzogen.

1.1.1. Nachhaltigkeit in der Forstwirtschaft

Die einschlägige Literatur zur Nachhaltigkeit ist sich einig, dass die Wurzeln dieses Konzeptes in der Forstwirtschaft liegen. Bereits im 16. Jahrhundert lässt sich in lokalen Forstordnungen wie dem der Rheinpfälzer jenes Konzept feststellen, wenn dort angeordnet wird, dass Holz als Brenn- und Baustoff nur in dem Ausmaß geschlägert werden darf, dass künftige Generationen wie Kinder oder Enkel ebenfalls noch ihren Nutzen aus dem Wald ziehen können. (Vgl. Karafyllis, 2001) Im 17. Jahrhundert, genauer 1661, schreibt die Reichenhaller Forstordnung vor, dass bevor der Wald ausgeht, der Mensch sicherstellen soll, dass der Jungwald wieder zum Verarbeiten herangewachsen ist (vgl. Reis, 2003,
S. 67f). Beide Beispiele zeugen von einem frühen wirtschaftlichen Verständnis für Nachhaltigkeit, da Holz als wichtiger Rohstoff auch für die Salzproduktion permanent benötigt wurde. Diese Notwendigkeit nach dauerhafter Nutzbarkeit entspricht weitestgehend dem modernen Nachhaltigkeitsprinzip (vgl. Karafyllis, 2001, S. 138).

Zum ersten Mal findet man das Wort "nachhaltig" in der von Berghauptmann H. C. von Carlowitz 1713 verfassten "Silvicultura oeconomica", die den Erhalt des Waldes für den Bergbau forderte (ebenda). Dieses aus der Forstwirtschaft stammende Verständnis von Nachhaltigkeit ist als betriebswirtschaftliches zu verstehen, da es auf eine dauerhafte Nutzung des Waldes abzielte, der aufgrund der damaligen, durch, unter anderem, das rasante Bevölkerungswachstum verursachten, Rodungen zu einem knappen Gut wurde (vgl. Radke, 2004).

Mitte des 19. Jahrhunderts wandelte sich die Forstwirtschaft von einer reinen Versorgungswirtschaft zu einer Erwerbswirtschaft, bei der der maximale Bodenertrag im Vordergrund stand. Dieses Gewinnstreben führte in vielen Gebieten, davon ist Salzburg nicht ausgenommen, zur Bepflanzung der Wälder mit schnell wachsenden Baumsorten wie zum Beispiel der Fichte. (Vgl. Karafyllis, 2001, S. 139) Dass dieser ökonomisch motivierte Eingriff in die Forstumwelt nicht ohne ökologische Folgen blieb, ist hinlänglich bekannt.

Klar ist, dass der Umfang der Nachhaltigkeit in der Forstwirtschaft einem Wandel unterworfen war, der sich von einer Holznutzung zu einer Holzerzeugung entwickelte, zu dem aber in weiterer Folge auch die Erholungs- und Schutzfunktion des Waldes als eigenständige zu berücksichtigende Größen hinzutraten. Diese Interessen gilt es seit damals nun gleichberechtigt zu berücksichtigen. Holz muss als Rohstoff, der vielen auch als Erwerbsgrundlage dient, erhalten bleiben. Darüber hinaus muss der Wald als ökologisch wichtiger Schutz- und Lebensraum funktionsfähig bleiben und den Menschen als "Wohlfahrts­einrichtung" zur Erholung auf Dauer dienen können. (Vgl. Karafyllis, 2001, S. 139ff) Diese oft gegenläufigen Nutzungsinteressen in Übereinstimmung zu bringen ist keine leichte Angelegenheit und der darin verborgene Konflikt wird in der ethischen Betrachtung der Thematik noch näher beleuchtet.

1.1.2. Malthus im 18. Jahrhundert

Das heute dem Begriff der Nachhaltigkeit zugrunde liegende Problem thematisiert erstmals Thomas Robert Malthus (1766-1834) in seinem 1798 verfassten "Essay on the Principle of Population". Darin beschrieb Malthus die Möglichkeit, dass die stetig wachsende Bevölkerung Englands nicht mehr mit den vorhandenen Nahrungsmittelproduktionen das Auslangen finden könne, somit die Kapazitäten des Lebensraumes ausgeschöpft sein könnten. (Vgl. Beaucamp, 2002, S. 15f) Konkret besagte seine These, dass die linear steigende Produktion von Nahrungsmitteln auf der britischen Insel mit dem exponentiellen Bevölkerungswachstum nicht mithalten könne und somit basierend auf Naturgesetzen dieses Wachstum auf natürlichem Wege einschränken werde. Dies hätte die Beseitigung vor allem sozialer Unterschichten zur Folge, die nachteiligen, von Außen wirkenden, Umständen wie Krankheit, Armut, Verbrechen, Hunger, sowie Kriegen ohne weitere Hilfe ausgesetzt seien. (Vgl. Fuchs, 2008, S. 40) Dass Malthus Prognosen betreffend der Endlichkeit von Ressourcen und der daraus resultierenden Verringerung von Leben knapp 200 Jahre später von Verantwortungsträgern mit globalem Einfluss thematisiert werden, wird im Folgenden näher erläutert.

1.1.3. Die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts

"Die Grenzen des Wachstums" heißt der 1972 erschienene Bericht des sogenannten Club of Rome, der den nächsten Meilenstein in der Geschichte der Nachhaltigkeit markiert (vgl. Radke, 2004). Darin wird das Wort sustainable, zu Deutsch nachhaltig, als Schlüsselbegriff in seiner modernen Bedeutung verwendet (vgl. Grober, 2010). Der 1968 gegründete Club of Rome ist nach wie vor ein prominent zusammengesetzter Kreis internationaler Experten aus den unterschiedlichsten wissenschaftlichen Fachgebieten. Mit Hilfe des Massachusetts Institute of Technology (MIT) und finanziert durch die Volkswagenstiftung wurden damals mittels Computersimulationen verschiedenste Szenarien weltweiter Entwicklungen errechnet. (Vgl. Grober 2010) Diese zeigten öffentlichkeitswirksam die drastischen Prognosen globaler Wirtschafts-, Bevölkerungs- und Umweltentwicklung auf und so erregte der Bericht dadurch weltweite Aufmerksamkeit. Ressourcenökonomie wurde dadurch zu einer Disziplin der Wirtschaftswissenschaften. (Vgl. Radke, 2004; Meadows, Meadows, Zahn & Milling, 1972)

Konkret zeigte sich, dass, wenn sich die damaligen Trends der Industrialisierung, des Bevölkerungswachstums sowie der damit einhergehenden verbreitenden Unterernährung, dem Verbrauch nicht mehr erneuerbarer Ressourcen und der steigenden Umweltverschmutzung so fortsetzen, das Wachstum sich insgesamt exponentiell gestalte und somit das System kollabieren werde. Die Tragfähigkeit der Erde sei, gleich dem eines Schiffes, begrenzt. Zwei Möglichkeiten stünden dem Bericht zu Folge der Menschheit offen: Schranken setzen, das Wachstum abbremsen, Belastungen zurückschrauben und, indem man ein Gleichgewicht herstellt, innerhalb dieser Tragfähigkeit der Erde bleiben, oder die aufgezeigten Grenzen ignorieren und einen von der Natur verursachten Kollaps riskieren. Letzteres wäre vermeidbar, bedarf aber einiger Maßnahmen wie der Stabilisierung von Bevölkerungszahlen, der Verschmutzung und landwirtschaftlicher sowie industrieller Produktion. Damit soll ein dynamisches Gleichgewicht zwischen den Kräften hergestellt werden. (Vgl. Grober, 2010, S. 224ff)

Die von Dennis Meadows geleitete und veröffentlichte Untersuchung zeigte Anfang der siebziger Jahre drastisch und sehr deutlich die ökologischen Grenzen des Planeten Erde auf. Was Malthus bereits Ende des 18. Jahrhunderts für England prognostizierte, schien nun auch auf globaler Ebene einzutreten. Weiter verschärft wurde die Problematik durch die Ressourcenverschwendung und Umweltverschmutzung der industrialisierten Welt. Das zeigte auch deutlich, dass sich diese Probleme nicht mehr regional oder national, sondern nur mehr global lösen lassen. (Vgl. Beaucamp, 2002)

Mit dem Wissen um diese Problematik ausgestattet wurde zur selben Zeit von US-Außenminister Henry Kissinger ein Strategiepapier mit Namen NSSM 200 – National Security Study Memorandum 200 ausgearbeitet, das in weiterer Folge die amerikanische Außen- und Sicherheitspolitik prägen sollte. In diesem Memorandum wurde ein Konzept festgeschrieben, wie den düsteren wirtschaftlichen Prognosen begegnet werden sollte. Nicht der Umweltschutz oder die Ressourcenschonung standen dabei im Vordergrund, sondern wurde das Problem von der anderen Seite angegangen. Durch den Einsatz, biomedizinischer Forschung, empfängnisverhütender Mittel und Sterilisation sollte bis zum Jahr 2000 die weltweite Bevölkerung um 500 Millionen Menschen reduziert werden. Die Vereinigten Staaten bezeichneten diese Maßnahmen als "Bevölkerungskontrolle". (Vgl. Fuchs, 2008, S. 301f)

1.1.4. Die moderne Nachhaltigkeitsdebatte - Der Brundtland Bericht und die Konferenz von Rio de Janeiro

Die Vereinten Nationen (UN) beauftragten 1983 die norwegische Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland mit der Leitung der World Commission on Environment and Development (WCED), also der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung. Diese Brundtland-Kommission, wie sie in weiterer Folge genannt wurde, lieferte im Jahr 1987 mit der Veröffentlichung ihres Berichts "Our common future" einen entscheidenden Impuls für die ökonomische Nachhaltigkeitsdebatte. Die Kommission zeigte auf, dass der seinerzeitige weltwirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungstrend abzulehnen sei, da er unweigerlich zu Armut und Elend und Umweltschäden führen würde. Basierend auf Erkenntnissen über einzelne Ursachen dieser Entwicklung und der darauf folgenden Prognose wurden Handlungskonzepte unter dem Begriff Sustainable Development zusammengefasst. (Vgl. Reis, 2003; Radke, 2004)

Nur fünf Jahre später machte die UN Conference for Environment and Development (UNCED) von Rio de Janeiro das Prinzip der Nachhaltigkeit populär (vgl. Gebert, 2005). In einem circa 700 Seiten starken Bericht, der sogenannten Agenda 21, wurden, unterteilt in 40 Kapitel, einzelne, die Nachhaltigkeit betreffende, Aktionen die in den Mitgliedstaaten umzusetzen sind, konkretisiert (vgl. Radke, 2004). Die Agenda 21 ist dabei neben der Rio-Deklaration, die das Fundament der Schlussakte bildet, die wichtigste der dort ausgearbeiteten fünf Dokumente (vgl. Reis, 2003).

Die Rio-Deklaration gilt als Leitbild des Nachhaltigkeitskonzeptes, in der unter anderem festgehalten wird, dass Menschen ein Recht auf eine nachhaltige Entwicklung und auf Leben im Einklang mit der Natur haben. Umwelt- und Entwicklungsbedürfnisse haben gegenwärtigen und künftigen Generationen zu entsprechen, der Umweltschutz darf nicht vom Entwicklungsprozess losgelöst betrachtet werden. Oberstes Ziel der nachhaltigen Entwicklung ist die Beseitigung der Armut, um die Schere zwischen den vielen Armen und den wenigen Reichen zu verringern. Die Souveränität der Staaten bleibt in diesen Belangen unangetastet, wobei eine weltweite Partnerschaft gepflogen werden soll. Auf die Länder des Südens ist dabei besondere Rücksicht zu nehmen. (Vgl. Reis, 2003)

Reis (2003, S. 88) unterteilt das Programm der UNCED in eine Leitbildebene, zu dieser zählt er die oben beschriebenene Rio-Deklaration, und in eine Operationalisierungsebene, zu der die Agenda 21 gehört. Seiner Meinung folgend ist letztere ident mit der globalen Operationalisierung der Nachhaltigkeit (vgl. ebenda).

Die Natur wird in der Agenda 21 als natürliche Ressource gesehen, die es einerseits zu erhalten gilt und die andererseits, bei bereits entstandenen Schäden, saniert werden muss. Dies ist deutlicher Ausdruck dafür, dass die Ökologie als integraler Bestandteil der Ökonomie zu sehen ist und Wirtschaftswachstum weiterhin notwendig ist. Dabei soll jedoch aufgrund der Rückständigkeit des Südens, im Sinne einer intergenerativen Gerechtigkeit, auf diesen besondere Rücksicht genommen werden, vorausgesetzt die Wirtschaft des Nordens wächst ebenfalls. Die Effizienz soll dabei in der Ressourcennutzung im Vordergrund stehen, für die vor allem der Norden verantwortlich zeichnet, da dieser Aspekt im Süden, aufgrund des materialintensiven Nachholbedarfs, anfangs als nachrangig zu betrachten ist. Nationale Umweltordnungen dürfen dabei nicht weltwirtschaftliche Bestrebungen konterkarieren. (Vgl. Reis, 2003)

Die genannten Prämissen führen nach Reis (2003) letztlich zu drei Konsequenzen:

- Nachhaltige Entwicklung wird durch die Industrie gestützt und beide Entwicklungen sind ineinander verzahnt. So ist aufgrund des Bevölkerungswachstums und der Verringerung der Ressourcen nur Effizienzsteigerung ein geeignetes Mittel für die Zukunft und eine rein ökologische Landwirtschaft aufgrund ihrer begrenzten Fähigkeiten nicht denkbar.
- Strategie der Agenda 21 ist weiters auf Massenkonsum ausgerichtet, da nur dieser eine ausreichende Dynamik der Wirtschaft gewährleistet. Zwar steht dies im Widerspruch zu der fehlenden Grundbedürfnisdeckung des Südens, sollte aber ebenfalls aufgrund gesteigerter Effizienz bzw. Materialersparnis jenem zu Gute kommen.
- Die ersten beiden Punkte werden zu einer Steigerung des Verkehrsaufkommens führen, obwohl der Verkehr einer der Hauptursachen für die Emissionsproblematik ist. Dieser vermehrte Ausstoß an Kohlendioxid soll wiederum durch effizientere, günstigere und spritsparende Antriebstechnologien kompensiert werden.

All diese Punkte scheinen sich paradoxerweise zu widersprechen, jedoch werden diese Widersprüche von der UNCED nicht aufgelöst. (Vgl. Reis, 2003, S. 94ff)

Letztlich stellt die Beteiligung der Öffentlichkeit einen der wesentlichsten Punkte der Agenda 21 dar. Diese soll, vor allem durch die Implementierung lokaler Agenda 21, auf kommunaler Ebene erreicht werden. Dadurch erhofft sich die UNCED eine Vielzahl an Zielen zu erreichen:

- eine bessere Information, Sensibilisierung und Mobilisierung der Bürger,
- eine Konkretisierung der Ziele basierend auf einem deduktiven Prozess,
- durch Einbeziehung der Bürger kann auf ihr Know-how und ihre Problemlösungskompetenz zurückgegriffen werden,
- die kommunale Agenda soll als Grundlage weltweiter Zusammenarbeit der Kommune dienen und damit die Umsetzung der Agenda 21 forcieren helfen;

(Vgl. Reis, 2003, S. 97)

Als Hauptinstrumente für diese Zielerreichung werden z.B. sowohl öffentliche, als auch private Finanzierungshilfen, Technologie-Transfers, internationale Kooperationen schulische oder betriebliche Bildungsmaßnahmen oder das internationale Recht gesehen (vgl. ebenda).

Auffällig ist an all diesen Programmen mit ihren Zielsetzungen und Systemen, dass sie trotz oder gerade wegen ihres starken kommunalen Charakters international wirkende Ergebnisse erzielen sollen. Global denken und lokal handeln wurde deshalb zum Leitspruch, der sicherlich mehr als eine leere Phrase ist. Auf dem Online-Nachhaltigkeitsportal des Österreichischen Lebensministeriums (www.nachhaltigkeit.at) heißt es, dass mit Stand Juli 2010 österreichweit mehr als 436 Prozesse am Laufen sind, die ihren Ursprung in lokalen Agenden 21 haben. (Vgl. Lebensministerium, o.J.)

So sehr der Weltgipfel in Rio 1992 als Erfolg gewertet wurde, so skeptisch wurde der Nachfolgegipfel, der 2002 in Johannesburg stattfand, erwartet und im Nachhinein auch kommentiert. Der in Rio eingeläutete Prozess des weltweiten, vom Nachhaltigkeitsprinzip getragenen, Wandels kam keine zwei Jahre später bereits wieder ins Stocken. Mit der Gründung der Welthandelsorganisation WTO (World Trade Organisation) 1994 in Marrakesch wurde der globale Handel auf eine neue Stufe gestellt. Die Liberalisierung der Märkte wurde zum obersten Ziel. (Vgl. Eisermann, 2003)

Nun galt es, die visionären Ziele des Rio-Gipfels auf neue Beine zu stellen und konkrete Ziele zu formulieren. Dies schien jedoch bei knapp 22.000 Teilnehmern ein schier unmögliches Unterfangen zu sein. Trotz aller Unkenrufe konnte eine Reihe konkreter Ergebnisse erzielt werden, wobei diese zwar nicht als spektakulär, wohl aber als ambitioniert zu bezeichnen sind. So soll, trotz Widerstand der USA zu diesem Punkt, die Zahl der Menschen, die über keine ausreichende sanitäre Versorgung verfügen, bis zum Jahr 2015 halbiert werden. Gleiches gilt für jene, die über keinen Zugang zu sauberen Trinkwasser verfügen. Weiters sollen bis 2020 umweltgefährdende und die Gesundheit beeinträchtigende Chemikalien, so weit wie möglich, zurückgedrängt werden. (Vgl. Eisermann, 2003)

Die Liste der zu erreichenden Ziele ist natürlich noch viel länger. Angesichts der wirtschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahre, gerade mit den weltweiten Einbrüchen seit 2008, bleibt es jedoch abzuwarten, ob diese auch nur annähernd erreicht werden können. Spätestens beim Weltgipfel 2012, der im Geiste des Gipfels von 1992 auch Rio +20 genannt wird, wird man es in Erfahrung bringen.

1.2. Begriffsdefinition

Nachhaltigkeit im heutigen Sprachgebrauch basiert auf dem Begriff(spaar) "Nachhaltige Entwicklung" (Sustainable Development). Aus Gründen der Einfachheit scheinen jedoch zahlreiche Autoren lediglich das Wort Nachhaltigkeit zu verwenden. Diese Sicht bestätigt auch Otto (2007, S. 156) wenn er schreibt, dass zwar der Unterschied auf Wortebene offensichtlich ist, zumal Nachhaltigkeit lediglich ein Substantiv ist und nachhaltige Entwicklung aus Substativ und Adjektiv besteht, es aber in der Praxis dazu kommt, dass beide Begriffe synonym verwendet werden. In Fachkreisen des deutschen Sprachraums sei eben diese synonyme Verwendung von Nachhaltigkeit und nachhaltige Entwicklung weit verbreitet. (Vgl. Otto, 2007, S. 37 & S. 156) Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl an Formulierungen wie zum Beispiel Langzeitverantwortung (vgl. Gethmann & Mittelstrass, 2008), die von Autoren mit Nachhaltigkeit gleichgesetzt werden bzw. dies als treffendere Bezeichnung ansehen.

Die Literaturrecherche zeigt, dass es bis heute noch keine konkrete bzw. allgemein akzeptierte Begriffsdefinition zur Nachhaltigkeit gibt, auch wenn man, wie Beaucamp (2002, S. 21) betont, über siebzig Definitionen dieses Konzeptes finden kann. Generell fehlt vor allem immer noch eine operationalisierbare Definition der Nachhaltigkeit. Die einzigen Gebiete, bei denen dies bis jetzt gelungen ist, sind das Forstrecht und der Grundwasserschutz. Hier bezieht sich die Nachhaltigkeit darauf, „daß die Regenerationsfähigkeit der jeweiligen Ressourcen nicht überschritten werden darf“ (Rehbinder, 2008, S. 124). Die neuen Nachhaltigkeitsklauseln haben laut Rehbinder die Funktion bloßer Prinzipien und liefern keine unmittelbar anwendbaren Regeln. Vielmehr sind sie „als gesetzliche Zielnormen, Orientierungsmaßstäbe für die Bewirtschaftung oder schonende Nutzung oder bestenfalls Optimierungspflichten, die für eine Abwägung mit gegenläufigen Belangen offen sind“ (ebenda, S. 124) formuliert.

Ein Ansatz, welcher zwar noch kein praktikables Konzept liefert, jedoch ein Leitbild für den verantwortungsvollen Umgang mit der Zukunft darstellt, ist laut Levi (2008, S. 146f) der Brundtland Report. Dieser "Report of the World Commission on Environment and Development", der sogenannten Brundtland-Kommission, mit Namen "Our Common Future" aus dem Jahre 1987, konkretisierte erstmals den Begriff der nachhaltigen Entwicklung. Darin wird sie (die nachhaltige Entwicklung) als "development that meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs" beschrieben. (Vgl. Kiss & Shelton, 1991, S. 248f) Der Bericht „versteht die nachhaltige Entwicklung als vielschichtiges, sowohl ökonomisches und soziales, als auch ökologisches Konzept von globalem und langfristigen Charakter“ (Levi, 2008, S. 146f).

Darüber hinaus stellte "Our Common Future" die ethische Dimension der Verwendung natürlicher Ressourcen in den Vordergrund. Entscheidend dabei sei nämlich die "Sorge um das Wohlergehen zukünftiger Generationen". (Radke, 2004, S. 145) Diese noch nicht einmal geborenen Menschen können ihre Rechte bzw. Interessen zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht wahrnehmen, obwohl jetzt getätigte Entscheidungen eben diese unweigerlich betreffen. Paradox an dieser Überlegung ist, dass es, wie man anhand der Ersten und Dritten Welt unschwer erkennen kann, gegenwärtige Generationen gibt, deren Bedürfnisse nicht einmal aktuell befriedigt werden können bzw. diese ihre Interessen zum jetzigen Zeitpunkt nicht vertreten können. (Vgl. Radke, 2004)

1.2.1. Nachhaltigkeit nach dem Konzept des Brundtland-Berichts

Der Brundtland-Bericht wurde von der Generalversammlung der Vereinten Nationen einstimmig als Resolution angenommen und diente in weiterer Folge als Grundlage für die 1992 in Rio de Janeiro stattgefundene Weltkonferenz. Kern des Brundtland-Berichts bildet also eine von den Autoren angestrebte Weltentwicklung, die eine Balance zwischen sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Zielen hält, die, wie die Literatur zeigt, von nahezu allen Autoren, die sich mit Nachhaltigkeit oder Langzeitverantwortung beschäftigen, in ihre Überlegungen mit eingebaut wird. (Vgl. Beaucamp, 2002)

Verdeutlicht soll diese Integration durch ein in der Literatur häufig vorkommendes Dreieck werden, das die Wechselwirkung dieser drei Ebenen, in dessen Mittelpunkt die Nachhaltigkeit angesiedelt ist, grafisch herausarbeitet und im Folgenden in Abbildung 1 dargestellt wird. (Vgl. Beaucamp, 2002 S. 19f)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: Idealbild zukunftsfähiger Entwicklung als dreidimensionales Model

(vgl. Beaucamp, 2002, S. 20)

Die einseitige Vereinnahmung eines dieser Ziele führt zur Verfehlung der Nachhaltigkeit. Darüber hinaus kennt Nachhaltigkeit keinen Endzustand. Für den umfassenden gleichrangigen Ausgleich der Zielebenen sowie die Herbeiführung intergenerationeller als auch intragenerationeller Gerechtigkeit wird ein umfassender politischer, gesellschaft­licher, technischer und wirtschaftlicher Wandel benötigt. (ebenda, S. 19f) Es wird also die Rücksicht auf Bedürfnisse nachfolgender Generationen gefordert. Nur durch die intergenerationelle Gerechtigkeit und die intragenerationelle Gerechtigkeit, welche zu einer sozialen Stabilität auf der Erde führt, wird eine globale zukunftsfähige Entwicklung ermöglicht (vgl. Levi, 2008, S. 147).

Beaucamp (2002, S. 22f) versucht zum besseren Verständnis des Nachhaltigkeitskonzeptes die drei Ebenen näher zu erläutern. Die Basis dafür bilden zum einen der Brundtland-Bericht und die dazu vorhandene Literatur, zum anderen die rund um den Rio-Gipfel getätigten Aussagen und Erklärungen der Vereinten Nationen und die Agenda 21. Diese Ausführungen werden im Folgenden näher erläutert.

1.2.1.1. Ökologische Ziele

Die Erkenntnis, dass die Tragkraft der Erde zur Neige geht, bildet das Fundament der ökologischen Ziele. Dabei hat sich der Mensch "zu einem entschiedenen globalen Umweltfaktor entwickelt" wie sich an seinem Ressourcenverbrauch unschwer erkennen lässt. (Beaucamp, 2002, S. 23) Äußerst problematisch für das weltweite Ökosystem ist weiters die "Kopie der zur Zeit praktizierten Lebens- und Konsummuster des Nordens durch die bevölkerungsreichen Länder des Südens" (ebenda). Allen voran der wirtschaftlich aufstrebende ostasiatische Raum sollte Warnung genug sein. Wirtschaftswachstumsraten im zweistelligen Prozentbereich gehen Hand in Hand mit dem Grad der dadurch verursachten Umweltverschmutzung. Den Menschen vor den Gefahren dieser Verschmutzung zu schützen, die Bewahrung der ökologischen Integrität, die Schonung von Ressourcen und der Erhalt der Biodiversität sind daher Subziele dieser ökologischen Ebene. (Vgl. Beaucamp, 2002, S. 23ff)

1.2.1.2. Ökonomische Ziele

Effizienz und umweltschonende Technologien sind ökonomische Ziele an deren Spitze eine Kreislaufwirtschaft steht, die dem Vorbild der Natur folgend keine Abfälle produziert und innersystemisch ein Gleichgewicht zwischen Kooperation und Konkurrenz, Grenzen und Vielfalt sowie Reproduktion und Produktion herstellt. Ökonomische Stabilität ist anzustreben wobei es fraglich ist, ob diese ohne oder mit wirtschaftlichem Wachstum stattfinden kann. Die globale Wirtschaftsordnung ist ob ihrer Diskrepanz zwischen Nord und Süd jedenfalls umzugestalten. (Vgl. Beaucamp, 2002, S. 25ff)

1.2.1.3. Soziale Ziele

Die Erfüllung menschlicher Grundbedürfnisse, wie das Bedürfnis nach Nahrung, Kleidung, Obdach, Arbeit oder Gesundheit aber auch nach Bildung, ist das Hauptziel der sozialen Ebene. Die Rio-Deklaration spricht in diesem Zusammenhang von der Armutsbekämpfung. Zur Zielerreichung ist es essentiell, bewaffnete Konflikte zu verhindern und das Wachstum der Bevölkerung zu kontrollieren, wobei Zweiteres eher diskret als "Bevölkerungspolitik" bezeichnet wird. Eine gerechte Verteilung der Erdressourcen soll sowohl intra- als auch intergenerationell stattfinden. Für die Erreichung dieser sozialen Ziele und zur Vermeidung einer globalen ökologischen Katastrophe ist es darüber hinaus von Bedeutung, dass das Lebens- und Konsumverhalten der industrialisierten Welt nicht auf den Süden übertragen wird. Ganz im Gegenteil müssen sich der Verbrauch und die Produktion des Nordens drastisch verändern, was zu einer Herabsetzung des nördlichen Lebensstandards führt. Darum ist zur sozialen Zielerreichung die Beteiligung der Bürger jedenfalls geboten. (Vgl. Beaucamp, 2002, S. 28ff)

1.2.1.4. Interdependenzen

Fakt ist, dass sich die drei Ebenen jedenfalls gegenseitig beeinflussen. Die Ökonomie tangiert mit ihrem Streben nach Wachstum unzweifelhaft die Ökologie und der Konsum führt zum Verbrauch von Ressourcen. Die, auf langsichtige Frist, unbedingt notwendige Berücksichtigung der Umweltinteressen stellt dabei für die Wirtschaft sicherlich einen nicht unerheblichen Kostenfaktor dar, der jedoch in hochentwickelten Volkswirtschaften insgesamt sicher verkraftet werden kann. Länder des Südens können sich solche Maßnahmen dagegen oft nicht leisten. Die Problematik wird durch die armutsbedingte Nichtberücksichtigung von Umweltinteressen noch weiter verschärft. Auf der Suche nach Nahrung oder dem Streben nach einem Existenzminimum ist der Schutz der Umwelt keine zu berücksichtigende Größe. (Vgl. Beaucamp, 2002)

Aber auch eine florierende Wirtschaft ist kein Garant für soziale Stabilität. Das Auseinanderklaffen der Einkommensschere und die Ungleichverteilung von Kapital bilden eine breite Basis für soziale Konflikte. Solche Kontroversen bremsen wiederum die Nachhaltigkeit, da viel Kraft und Geld in die Vermeidung der Konflikte gesteckt werden müssen, die sich schlimmstenfalls nicht nur lokal, sondern global auf die Wirtschaft auswirken können. Darüber hinaus ist der Faktor Bevölkerungszahl sowohl aus ökonomischer, als auch aus ökologischer Sicht ein entscheidender. Die Welt kann nicht unbegrenzt Menschen versorgen und die Verteilung volkswirtschaftlicher Gewinne wird durch starkes Bevölkerungswachstum verringert. Die voranschreitende Urbanisierung trägt wiederum zu sozialen Unruhen bei. (Vgl. Beaucamp, 2002)

1.2.1.5. Zielkonflikte und Lösungen

Wie bereits erwähnt, ist es für das Funktionieren des Nachhaltigkeitssystems entscheidend, dass keine der drei Zielebenen vernachlässigt wird. Angesichts der dargelegten Wechselwirkungen samt der dazugehörigen Reibungspunkte ein wahrlich nicht einfaches Unterfangen. Nun wird auch klar, wieso das Nachhaltigkeitskonzept keinen Endzustand kennt. Bis zum Erreichen der Vision einer Kreislaufwirtschaft ist es noch ein weiter Weg.

Die Wirtschaft soll wachsen, die Ressourcen so weit wie möglich geschont und die Umwelt dabei geschützt werden. Dessen sind sich die Autoren des Brundtland-Berichts auch durchaus im Klaren. Obwohl der wirtschaftliche Fortschritt viele bzw. die meisten Umweltprobleme erst ausgelöst hat, wird er für die Länder des Südens zur Grundbedürfnisdeckung gefordert und soll auch die Wirtschaft des Nordens weiter wachsen. Dies obwohl bei letzterem die Gefahr besteht, dass die Kluft zwischen Nord und Süd noch größer wird und Wirtschaftswachstum mit einer neuen Bescheidenheit, wie sie vom Norden verlangt wird, kaum vereinbar ist. (Vgl. Beaucamp, 2002)

Trotz der eben dargestellten, scheinbar unüberwindlichen, Probleme gibt es einige Lösungsansätze, die ein zukunftsfähiges Nachhaltigkeitskonzept verwirklichen wollen, indem sie die Konflikte zwischen den Zielebenen zu überwinden versuchen. Beaucamp (2002, S. 39) schreibt in diesem Zusammenhang von drei möglichen Varianten:

- der Fortschrittsoptimismus ist ein radikaler Lösungsansatz, der davon ausgeht, dass die ökonomische Entwicklung zusammen mit technischem Fortschritt das Überleben des Menschen auf dieser Erde sichern wird;
- die von Josef Huber benannte Suffizienzstrategie, ebenfalls eine radikale Lösung, propagiert einen Verzicht auf Wirtschaftswachstum und verlangt nach einer neuen Bescheidenheit und Genügsamkeit, die vor allem an den "überentwickelten" Norden adressiert ist;
- ein Mittelweg zwischen den ersten beiden Extremlösungen, der durch "Regeln für zukunftsfähiges Wirtschaften" bestimmt werden soll.

Dieser Mittelweg, ein in Regeln gegossener Kompromiss, könnte laut Beaucamp (2002, S. 45) so aussehen:

- "Erneuerbare natürliche Ressourcen dürfen nicht über die Regenerationsrate hinaus genutzt werden.

- Nicht erneuerbare Ressourcen sind sparsam zu nutzen und soweit wie möglich durch erneuerbare Ressourcen zu ersetzen.
- Schadstoffe dürfen nur in einem solchen Umfang freigesetzt werden, den die Umwelt verkraftet.
- Das Tempo der menschlichen Eingriffe und Einträge in die Umwelt muß das Tempo der ökologischen Regenerations- und Abbauprozesse respektieren."

Dieser von Beaucamp formulierte Mittelweg entspricht im Großen und Ganzen dem gewünschten ökonomischen Kreislauf für dessen Umsetzung es aber einer Vielzahl an individueller Handlungen auf lokaler Ebene bedarf, die zu beschreiben aber das Kapitel sprengen würden. Fakt ist jedoch, dass, dem Brundtland-Prinzip folgend, für die nachhaltige Entwicklung eine globale, von den Verantwortlichen mitgetragene, Solidarität notwendig ist. Primär verantwortlich sind dabei vor allem Politiker und Unternehmer des Nordens die den Süden durch Schuldenerlass und Investitionen in ihrer nachhaltigen Entwicklung unterstützen sollen. (Vgl. Reis, 2003) Ob sie das aber auch wollen, bleibt zu bezweifeln.

1.2.2. Weitere Nachhaltigkeitskonzepte

Neben der sehr ausführlichen Darstellung des Nachhaltigkeitskonzeptes basierend auf der Brundtland-Formel, die auch dem Rio-Gipfel als Vorlage diente, sollen hier aus den unzähligen Definitionen noch beispielhaft einige angeführt werden.

Das Konzept der Nachhaltigkeit entstammt dem europäischen Kulturkontext, bezieht sich jedoch auf eine globalisierte Weltsituation (vgl. Irrgang, 2008, S. 87). Seit der Rio-Konferenz gilt der Begriff Nachhaltigkeit international als normativer Leitbegriff für die Umweltpolitik. Es handelt sich bei der Nachhaltigkeit also um ein umweltpolitisches Konzept. (Vgl. Gethmann & Mittelstraß, 2008, S. 8)

Der zentrale Aspekt des Nachhaltigkeitsmodells welches von der Verantwortung für zukünftige Generationen ausgeht, ist „der möglichst weitgehende Erhalt der Natur als Grundlage für die Entwicklung einer humanen und lebenswerten Umwelt“ (Irrgang, 2008,
S. 87).

Irrgang (2008, S. 96f) unterscheidet drei Phasen hinsichtlich der Umsetzung von Nachhaltigkeit im Sinne der Langzeitverantwortung:

1. "Kurzfristig (für die nächsten 30 Jahre): In dieser Phase sind als oberste Leitlinien Krisenmanagement und Katastrophenvorsorge im Sinne der Überlebenssicherung einzuführen. Es geht um den Aufbau sozialer Sicherungssysteme in den Entwicklungsländern, den Aufbau von Arbeitsplätzen und die Sicherung von Bildung weltweit. Ansätze zur Umsteuerung in der Ressourcen-, Abfall- und Klimapolitik sind anzustreben.
2. Mittelfristig (für die nächsten 60 Jahre): Strukturveränderungen zur Annäherung an ein Stoffstrommanagement, das zur Einführung erneuerbarer Energien auf breiterer Ebene führt. Rationalisierung der Energieverwendung in den Bereichen Mobilität, Wohnungs- bzw. Siedlungsstruktur usw.
3. Langfristig als wohl nicht erreichbare Utopie (für die nächsten 90 Jahre): Realisierung einer weitgehend angenäherten Kreislaufwirtschaft in einer ökosozialen Weltbürgergesellschaft mit institutioneller Absicherung auch in Fragen des Ressourcen- und Klimaschutzes."

Schröder (2008, S. 194f) liefert zum Thema Nachhaltigkeit und Langzeitverantwortung eine Grobcharakterisierung des Nachhaltigkeitskonzeptes:

1. "Nachhaltigkeit bezeichnet ein Leitbild und anzustrebendes Entwicklungsziel, das auf allen Ebenen gesellschaftlicher oder staatlicher Organisation (lokal, regional, national, international) Gültigkeit beansprucht. Erreicht werden soll die gesellschaftliche Modernisierung. […]
2. Ein Spezifikum des Nachhaltigkeitskonzeptes ist die Einbettung der Entwicklung in eine Langzeitperspektive. Die angestrebte Entwicklung muss sowohl den Bedürfnissen der gegenwärtigen als auch denen der zukünftigen Generationen entsprechen. Zwischen den jeweiligen Bedürfnissen muss ein gerechter Ausgleich hergestellt werden. […]
3. Als Zwischenergebnis ist festzuhalten: Die inhaltlichen Vorgaben für die Realisierung des Konzepts haben nur eine sehr begrenzte determinierende Kraft. Das gilt sowohl für die Integration der verschiedenen Entwicklungsstränge und -tendenzen als auch für die zukunftsbezogene Ausrichtung. […]"

Der Rat für Nachhaltige Entwicklung der im April 2001 von der Bundesregierung in Deutschland berufen wurde, definiert nachhaltige Entwicklung folgendermaßen: "Nachhaltige Entwicklung heißt, Umweltgesichtspunkte gleichberechtigt mit sozialen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu berücksichtigen. Zukunftsfähig wirtschaften bedeutet also: Wir müssen Kindern und Enkelkindern ein intaktes ökologisches, soziales und ökonomisches Gefüge hinterlassen. Das eine ist ohne das andere nicht zu haben.“ (Rat für Nachhaltige Entwicklung, o.J., o.S.)

Einen sehr kritischen Zugang zum Nachhaltigkeitskonzept hat Gebert (2005, S. 296) wenn er befindet, dass Nachhaltigkeit "kein wissenschaftliches Programm, sondern eine politisch-ethische Idee" ist. Dem stimmt Beaucamp (2002, S. 73) zu wenn er schreibt, dass die zukunftsfähige Entwicklung als politisches und nicht als wissenschaftliches Modell entstanden ist. Gebert (2005, S. 296) ergänzt, dass die Fokussierung der Diskussion auf die Bedürfnisse zukünftiger Generationen die Berücksichtigung von Interessen der gegenwärtigen Generation untergräbt. Diese maßlose Gerechtigkeitsforderung des Nachhaltigkeitskonzepts birgt neuen Konfliktstoff in sich und verdrängt vollends die Frage, ob ein Überleben für die Menschheit überhaupt möglich ist. Obwohl noch nicht einmal gegenwärtige Entwicklungsprobleme einer Lösung zugeführt werden konnten, jagt man einer umfassenden Zielsetzung hinterher, die "vielleicht nur eine neu liberale harmonistische Illusion" darstellt (Gebert, 2005, S. 296).

1.3. Zusammenfassung

Gebert ist nicht allein mit seinen Vorbehalten. Das Konzept einer weltweiten, zukunftsfähigen Entwicklung sei utopisch, unpräzise und widersprüchlich, so die wesentlichen Einwände anderer Kritiker. Diese scheinen berechtigt, da es gerade an einer eindeutigen, operationalisierbaren Definition der Nachhaltigkeit fehlt. Auch der Leitsatz der Brundtland-Kommission ist eher als ethische Forderung, denn als konkrete Vorgabe zu sehen. (Vgl. Beaucamp, 2002)

Aber gerade der Umstand, dass dieses komplexe Konzept der nachhaltigen Entwicklung einer näheren Determination bedarf, dürfte nicht erstaunen. Wie mehrfach erwähnt, ist Nachhaltigkeit ein sich ständig weiterentwickelnder Prozess und kein Zustand. Auch wäre es zu viel verlangt, wenn ein programmatischer Leitsatz zur Lösung aller Weltprobleme beitragen würde. (Vgl. Beaucamp, 2002)

Nachhaltigkeit als gesellschaftliches Leitbild liefert keine fertigen Antworten, sondern bildet die Grundlage für Such- und Lernprozesse, die sich wiederum an lokalen und regionalen Gegebenheiten zu orientieren haben, um funktionieren zu können (vgl. Beaucamp, 2002, S. 73). Wehling (1997, S. 35) meint in diesem Zusammenhang, dass es sich "objektiv kaum beantworten lässt, ob diese vage, ambivalente und hochgradig normative Idee eine Herausforderung oder Provokation für die Soziologie darstellt". Gleich im nächsten Satz beantwortet er diese Frage indirekt, wenn er meint, dass die Antwort von der Bereitschaft abhängig sei, ob man die Herausforderung (also nicht die Provokation) annehme und das Konzept sozialwissenschaftlich diskutiert und interpretiert. Laut Schmidt & Ipsen (2004, S. 14) bedarf es sowohl gesellschaftlich-institutioneller, als auch wissenschaftlich technischer Entwicklungen, um herauszufinden, wie Nachhaltigkeit einer künftigen Generation als Leitbild und Instrument dienen kann.

Der im geschichtlichen Teil beschriebene forstwirtschaftliche Begriff der Nachhaltigkeit kann zur aktuell diskutierten Definition des Konzeptes wenig beitragen. Das vielen Erklärungsmustern zugrunde liegende Prinzip der Aufgliederung in drei Ebenen und vor allem die in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts aufgestellte Forderung nach einer ökonomischen Forcierung des Südens, sind diesem "alten" Begriff fremd. Das Recht des Südens auf Entwicklung entspringt daher nicht der Forstwirtschaft, sondern ist auch Ausfluss der ökonomischen und soziologischen Debatte. (Vgl. Karafyllis, 2001)

Unzweifelhaft ist aber auch, dass der Begriff Nachhaltigkeit seit seiner erstmaligen Verwendung im Sinne des Brundtland-Berichtes nicht nur stichhaltiger wurde, sondern im Gegenteil, auch eine Verwässerung erfahren hat. Die Botschaft für die er jedoch steht, bzw. die Aufgabe, die das Nachhaltigkeitskonzept an uns alle stellt,und nicht der schlampige Sprachgebrauch verschiedenster Institutionen und Entscheidungsträger, ist von entscheidender Relevanz.

Der permanente Gebrauch (manche mögen es auch Missbrauch nennen) des Begriffes "nachhaltig" als Synonym für "dauerhaft", vor allem durch die Politik, trägt ihr Übriges dazu bei, dass dieser Terminus, der seit der Rio-Konferenz untrennbar mit weltweiten ökologischen Überlegungen in Verbindung steht, zweckentfremdet verwendet wird. So ist es kaum verwunderlich, dass eine Vielzahl an Menschen den Begriff Nachhaltigkeit zwar zu kennen scheint, jedoch kaum eine Ahnung davon hat, welch komplexes Wirtschafts-, Öko- und Sozialgefüge dahinter steht. Aufgrund dieser Tatsache plädieren manche Autoren für die Verwendung eines anderen Begriffes, der diesem Streben, vor allem nach intergenerationeller Gerechtigkeit, besser entspricht. Die Termini "Langzeitverantwortung" bzw. "Zukunftsverantwortung" entsprächen daher diesen ökologischen Zielsetzungen besser, so ihre Meinung. Ob nun eine Änderung des Wortes für einen Prozess, der sich ständig weiterentwickelt und an dem möglichst jeder Mensch teilnehmen sollte, zielführend ist, davon soll sich jeder selbst ein Bild machen.

2. Ethischer Ansatz der Nachhaltigkeit

Wie bereits im vorigen Kapitel erwähnt, wird die nachhaltige Entwicklung im Sinne der Brundtland-Definition als politisch-ethisches Konstrukt gesehen, das es weiterzuent­wickeln gilt. Bei der ethischen Betrachtung der Nachhaltigkeit ist festzustellen, dass trotz der drei (theoretisch) gleichberechtigten Zielebenen Ökologie, Ökonomie und Soziales das Prinzip sehr stark von Ersterem abhängig ist. Schlüssel dieses globalen Ansatzes ist und bleibt es, die Natur zu erhalten. Das Nachhaltigkeitsprinzip ist Folge dessen primär eines der ökologischen Ethik und wird in der Literatur auch dieser zugerechnet (vgl. Vogt, 1999). Natürlich gibt es zu diesem Thema auch ethische Betrachtungen aus den Bereichen der Ökonomie und der Soziologie. Diese finden in dieser Arbeit jedoch keine Berücksichtigung, da das Hauptaugenmerk auf der ökologischen Sichtweise liegt.

Beschäftigte sich die Ethik früher rein mit dem Menschen und seinem Umgang mit anderen Menschen, so waren es die im geschichtlichen Kontext bereits erwähnten ökologischen Probleme der sechziger und siebziger Jahre, die die Natur in den Mittelpunkt ethischer Betrachtungen rücken ließen. Die ökologische Ethik setzt sich also mit dem richtigen Umgang des Menschen mit der Natur auseinander. (Vgl. Krebs, 2005)

Die Sichtweise auf die Natur und der Umgang mit ihr waren auch in den letzten Jahrzehnten einem Wandel unterworfen. Ausgehend von der biblischen Schöpfungsvorstellung, einem radikal anthropozentrischen Ansatz, in dem der Mensch mit einem Herrschaftsanspruch gegenüber der Natur ausgestattet ist (vgl. Vogt, 1999) und der Ansicht, dass die Natur nur Ressourcenlager der Menschheit sei und ordentlich gemanagt werden müsse, hat sich das Weltbild der Menschen gegenüber der Natur stark verändert. Mittlerweile gibt es auch die Ansichten, die die Natur in den Mittelpunkt stellen und ihr einen Eigenwert zubilligen, der vom Menschen zu respektieren ist. (Vgl. Krebs. 2005)

Zwischen diesen zwei extremen Sichtweisen gibt es noch einige Zwischenstufen, die in der folgenden Betrachtung ebenfalls erläutert werden. Ausgehend von der Erklärung der einzelnen ökologisch-ethischen Ansätze wird es im Anschluss möglich sein, die Nachhaltigkeit einem oder mehrerer dieser Theorien zuzuordnen.

2.1. Anthropozentrischer Ansatz

Der Mensch steht im Mittelpunkt des sogenannten anthropozentrischen Ansatzes (anthropos = griechisch für Mensch). Die Bedürfnisse des Menschen sind diejenigen, die es zu erfüllen gilt. Der Mensch ist, wie bereits oben erwähnt, mit einem Herrschaftsauftrag gegenüber der Natur ausgestattet. (Vgl. Vogt, 1999) Dieser wird dabei kein moralischer Wert zugebilligt auf den Rücksicht genommen werden müsste (vgl. Krebs, 2005). Kant ist ein typischer Vertreter des Anthropozentrismus, da es seiner Ansicht nach direkte Pflichten nur unter Vernunftwesen gibt (vgl. Vieth, 2006).

Dieser Ansatz lässt die Vermutung zu, dass es keinerlei Gründe gibt, warum der Mensch der Natur gegenüber Rücksicht nehmen bzw. diese überhaupt schützen sollte. Aus dem Gebot, den Menschen zu schützen, können ökologisch notwendige Schutzmaßnahmen jedoch vortrefflich begründet werden. Da der Mensch und seine mannigfaltigen Interessen natürlich auch von einer ökologisch intakten Umwelt abhängen, gilt es zum Schutze des Menschen und seiner Nachkommen eben diese zu bewahren. (Vgl. Vogt, 1999) Die Natur dient dabei der Gesellschaft in vielerlei Hinsicht als Ressource. Diese und die darauf gründende Schutzwürdigkeit derselben soll im Folgenden etwas näher beleuchtet werden.

2.1.1. Natur als moralische Ressource

Obwohl, wie bereits erwähnt, Immanuel Kant besagt, dass es gegenseitige Pflichten nur unter Vernunftwesen gibt, so verbietet er den Menschen bestimmte schädigende Verhaltensweisen gegenüber Tieren, Pflanzen oder Unbelebten (sogenannten Entitäten), da diese zur Verrohung, Brutalisierung oder Verwahrlosung der Person beitragen (vgl. Vieth, 2006).

Krebs (2005, S. 415f) nennt dies das "pädagogische Argument" Kants, und meint, dass es zur Erziehung und Verfeinerung des moralischen Charakters nützlich sei, mit der Natur behutsam umzugehen und Mitleid mit Tieren und ästhetischen Naturkontemplationen zu haben.

2.1.2. Natur als ästhetische Ressource

Wer kennt nicht das oftmals vitalisierende und anregende Gefühl einen Berg erklommen zu haben und zur Belohnung ein herrliches Gebirgspanorama geboten zu bekommen? Oder nach einer langen Arbeits- oder Studienwoche, am Sonntag, an einem, mit glasklarem Wasser gefüllten, See des Salzkammergutes zu liegen und das Lichtspiel auf der Wasseroberfläche zu beobachten? Solche Erfahrungen ästhetischer Natur gehören ebenfalls zu menschlichen Grundbedürfnissen, die es zu befriedigen gilt. Werden solche Eindrücke durch die Zerstörung derselben dem Menschen genommen, beraubt man ihn damit einer, dem Hedonismus folgend, moralisch relevanten Erfahrung, die Schönes als lustvoll erachtet. (Vgl. Vieth, 2006)

Zwar wird nicht jeder Mensch der Natur in diesem Belange die gleiche Bedeutung beimessen, jedoch ist es moralisch geboten, anderen, die sich an dieser Schönheit erfreuen wollen, diese Möglichkeit auch zu lassen (vgl. Krebs, 2005).

2.1.3. Natur als instrumentelle Ressource

Dieser Aspekt, der von Krebs (2005) auch als "Basic-Needs-Argument" bezeichnet wird, ist wohl der bedeutendste der ganzen Umwelt- und Naturschutzdiskussion. Der Mensch braucht die Ressourcen dieser Erde um zu überleben. Manche dieser Ressourcen mehr, manche weniger, aber er braucht sie. Die Natur ist Lebensraum für alle Lebewesen dieser Erde. Durch seine Kultivierung ist der Mensch jedoch die einzige Art, die in dieses ökologische System seit hunderten Jahren eingreift und dieses mithilfe der Technik aktiv immer weiter verändert. (Vgl. Vieth, 2006) Dass dies nicht nur zum Positiven geschieht zeigt die Tatsache, dass etliche Umweltkatastrophen und die Häufung bestimmter Erkrankungen, wie zum Beispiel Krebs, auf eben diese anthropogenen Einflüsse zurückzuführen sind. (vgl. Krebs, 2005). Bei Ressourcen spielt natürlich die Verteilungsgerechtigkeit eine zentrale Rolle. Während sich, plakativ ausgedrückt, Angehörige der westlichen Wohlstandsgesellschaft darum sorgen, was sie sich heute zum Essen kaufen, müssen Menschen der Dritten Welt darum fürchten, ob sie heute überhaupt etwas zu essen bekommen. Eine tragische und zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit, die es im Zuge der Diskussion um die Erhaltung instrumenteller Ressourcen unbedingt zu berücksichtigen gilt. Als prominenter, früher Verfechter einer weltweiten Gleichverteilung kann John Rawls angesehen werden. In seinem kollektiven Utilitätsprinzip forderte er von der Gesellschaft, sich für die Besserstellung der individuell schlechtest Gestellten einzusetzen (vgl. von der Pfordten, 2005, S. 252).

2.2. Pathozentrischer Ansatz

Nachdem bei diesem ökologisch-ethischen Ansatz die Leidensfähigkeit, bzw. die Vermeidung von Leid, im Vordergrund steht (pathein = griechisch für leiden, empfinden), ist dieser Ansatz für die Diskussion um das Prinzip der Nachhaltigkeit nicht unbedingt vordergründig zu beachten. Da hier vor allem die Tierethik Berücksichtigung findet, wäre dieser leidensvermeidende Aspekt als Kriterium für eine artgerechte Tierhaltung von Relevanz, der in einer global geführten Nachhaltigkeitsdebatte jedoch sicher miteinbezogen werden sollte. (Vgl. Vogt, 1999)

2.3. Biozentrischer Ansatz

Das Leben (bios = griechisch für Leben), bzw. der Wille zu leben, gilt im Biozentrismus als ethischer Maßstab. Der Theologe und Mediziner Albert Schweitzer gilt als der Vertreter dieser ethischen Strömung. Ziel sei jedenfalls die Erhaltung und Steigerung von Leben wohingegen die Zerstörung desselben böse ist. (Vgl. Vogt, 1999) Das biologische Leben an sich hat also einen moralischen Wert und so ist es irrelevant, ob ein subjektiver Lebenswille vorhanden ist oder nicht (vgl. Krebs, 2005). Dies wiederum bedeutet, dass Pflanzen, biozentrisch gesehen, jedenfalls ein moralisch zu respektierendes Recht auf Leben besitzen, welches dem des Menschen nicht nachstehen darf (vgl. Vogt, 1999).

Dieser doch sehr radikale Ansatz würde unweigerlich dazu führen, dass es moralisch verwerflich wäre, eine Pflanze aufgrund des Dranges nach Essen zu töten. Aus diesem Grund wurden gewisse Differenzierungen eingeführt, wie z.B. die Berücksichtigung einer möglichen Zukunftsorientiertheit des Lebewesens, um hier im Konfliktfall zwischen Lebewesen entscheiden zu können. (Vgl. Vogt, 1999; Krebs, 2005) Der biozentrische Ansatz wird innerhalb der Literatur auch oftmals als Teil des physiozentrischen Ansatzes gesehen, der im Folgenden dargestellt wird.

2.4. Physiozentrischer Ansatz

Dieser Ansatz, der auch ökozentrischer oder holistischer Ansatz genannt wird, beschäftigt sich mit der Natur in ihrer Gesamtheit (physis = griechisch für Natur). Kern dieses Modells ist der Versuch, in Frieden mit der Natur zu leben. Dazu bedürfte es einer umfassenden rechtlichen Regelung, in der jedem an der Natur beteiligten Subjekt, eigene Rechte eingeräumt werden, die in weiterer Folge auch durch Vertreter eingeklagt werden könnten. (Vgl. Vogt, 1999).

Krebs (2005) beschreibt den Holismus wiederum als gänzlich eigenständige Sichtweise, die besagt, dass Mensch und Natur sich nicht dualistisch gegenüberstehen, sondern, dass der Mensch als Teil der Natur anzusehen ist. Die Ansicht, dass der Mensch Teil der Natur ist, will, moderat betrachtet davor warnen, dass der Mensch seine Abhängigkeit von der Natur (Natur als Nahrungsgeber, Natur als Glücksbringer) unterschätzt. Diese Argumentation bildet auch einen Teil der Basis anthropozentrisch orientierten Naturschutzes, ist aber nicht geeignet, der Natur, so wie es der Physiozentrismus fordert, einen absoluten Eigenwert zuzuerkennen. (Vgl. Krebs, 2005, S. 405f)

2.5. Utilitarismus

Der Utilitarismus als ethische Strömung verfolgt das Ziel des größtmöglichen Glücks für die größtmögliche Zahl (vgl. Pieper, 2003, S. 270). Wenn also die Folgen einer Handlung für die Betroffenen ein Minimum an Leid und ein Maximum an Glück bedeuten, so ist die Handlung moralisch, da sie den größten Nutzen hervorruft. Dies wird auch als Nützlichkeitsprinzip bezeichnet wobei sich dieses heutzutage nicht mehr nur auf einzelne Handlungen bezieht, sondern Handlungsregelungen in den Vordergrund stellt. Dies wird sodann als Regelungsutilitarismus bezeichnet. (Vgl. Pieper, 2003, S. 270f) John Rawls stellte das ethische Prinzip der moralischen Handlung mit seiner Vertragstheorie auf rechtliche Beine (ebenda).

Dieser sehr kurz gehaltenen Grobdefinition des Utilitarismus folgend und mit dem Wissen ausgestattet, welche Ziele das Prinzip der Nachhaltigkeit verfolgt, ist zweifelsohne festzustellen, dass dieses Prinzip utilitaristisch zu sehen ist. Dies wird von Sachs (1997, S. 99) bestätigt, wenn er schreibt, dass, wenn in der Brundtland-Definition von der Bedürfnisbefriedigung gegenwärtiger und künftiger Generationen die Rede ist, dies so vage formuliert ist, dass einem globalen Utilitarismus Tür und Tor geöffnet wird. Der Mensch und die (von Menschen gesteuerte) Wirtschaft sollten so handeln, dass die größtmögliche Anzahl der am Leben teilhabenden Individuen etwas von ihrem Handeln haben. Konkret sollten Ressourcen so eingesetzt werden, dass möglichst viele an ihnen partizipieren, sollten Nahrungsmittel so produziert und verteilt werden, dass möglichst wenige oder sogar niemand hungern muss, und so weiter. Die Nachhaltigkeit, die ökonomische, soziale und ökologische Aspekte vereint, zielt genau in diese Richtung. Diejenigen die in den Achtzigern und Neunzigern des vergangenen Jahrhunderts die Idee der Nachhaltigkeit geboren haben, ließen sich genau von dieser Vision inspirieren, dass möglichst viele Menschen an den Schätzen der Erde teilhaben sollen. Darum sind die Vorstellungen, sowohl des Handlungs- als auch des Regelungsutilitarismus, jedenfalls im Konzept der Nachhaltigkeit enthalten.

[...]

Details

Seiten
92
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783842814448
Dateigröße
563 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v228491
Institution / Hochschule
Universität Salzburg – Rechtswissenschaften/Rechtsphilosophie, Studiengang Rechtswissenschaften
Note
1
Schlagworte
nachhaltigkeit umweltrecht österreich ethik geschichte

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Titel: Nachhaltigkeit aus ethischer und rechtlicher Perspektive mit speziellem Blickpunkt auf das österreichische Umweltrecht