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Entwicklungsperspektiven für den Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer unter besonderer Berücksichtigung bestehender Nutzungskonflikte und Gefährdungen

Diplomarbeit 2008 139 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Sonstiges

Leseprobe

I. Inhaltsverzeichnis

I. Vorwort/Danksagung

III. Abkürzungsverzeichnis

IV. Abbildungsverzeichnis

V. Tabellenverzeichnis

1. Einleitung

2. Nationalpark – naturräumliche und sozioökonomische Merkmale
2.1 Lage und Eingrenzung des Untersuchungsraums
2.2 Landschaftsgenese und -entwicklung
2.3 Das Ökosystem Wattenmeer
2.3.1 Abiotische Ökosystemkomponenten
2.3.2 Biotische Ökosystemkomponenten
2.4 Funktionen des Wattenmeers
2.4.1 Ökologische Funktionen
2.4.2 Ökonomische und soziokulturelle Funktionen
2.5 Ökologischer Wert des Wattenmeeres
2.6 Schutzmaßnahmen
2.7 Schutzkonzept des Nationalparks

3. Nutzungskonflikte im Nationalpark – eine Konfliktanalyse
3.1 Grundlagen: Konfliktverständnis, Konfliktparteien im Nationalpark
3.2 Konfliktursachen im NP-Konzept: Prozessschutz als Motor für Konflikte?
3.3 Divergierende Wahrnehmungen von Nationalpark, Küste und Wattenmeer
3.4 Konflikte zwischen Küstenschutz und Nationalpark
3.4.1 Ökologische Auswirkungen von Küstenschutzmaßnahmen
3.4.2 Ökonomische Auswirkungen 37
3.4.3 Konfliktfacetten: divergierende Bewertung der Küste
3.4.4 Kompromisse im Vorlandmanagementkonzept
3.5 Konflikte im NP durch verschiedene Nutzergruppen
3.5.1 Konflikte durch Tourismus
3.5.2 Konfliktfelder Muschelzucht, Fischerei, Deichschäferei, Landwirtschaft
3.5.3 Konflikte durch Energiegewinnung
3.5.3.1 Konfliktfeld Windenergie
3.5.3.2 Konfliktfeld Ölgewinnung
3.6 Konfliktentwicklung im Nationalpark

4. Gefährdungen des Wattenmeers
4.1 Nähr- und Schadstoffeinträge und Verschmutzung
4.2 Szenario Ölkatastrophe
4.3 Eingeschleppte Arten
4.4 Szenario Klimawandel und beschleunigter Meeresspiegelanstieg

5. Entwicklungsperspektiven
5.1 Überblicksmodell Konflikte im NP
5.2 Entwicklungsperspektiven für die Konflikte im Nationalpark
5.2.1 Divergierende Wahrnehmung des Wattenmeerraumes – als Hemmnis der Konfliktbearbeitung?
5.2.2 Entwicklungsperspektiven für das Nationalparkkonzept
5.2.3 Entwicklungsperspektiven für das Konfliktfeld Küstenschutz
5.2.4 Entwicklungsperspektiven für das Konfliktfeld Tourismus
5.2.5 Entwicklungsperspektiven für die Konfliktfelder Muschelzucht, Fischerei, Deichschäferei, Landwirtschaft
5.2.6 Entwicklungsperspektiven für das Konfliktfeld Energiegewinnung
5.3 Entwicklungsperspektiven für die Gefährdungslage des Nationalparks
5.3.1 Entwicklungsperspektiven für die Gefährdung durch Schadstoffeinträge
5.3.2 Entwicklungsperspektiven für die Gefährdung durch Ölunfälle
5.3.3 Entwicklungsperspektive für die Gefährdung durch Neobiota
5.3.4 Entwicklungsperspektiven des Nationalparks unter dem Szenario von Klimawandel und beschleunigtem Meeresspiegelanstieg

6. Diskussion/Ausblick
6.1 Entwicklungsperspektiven für die Konfliktbearbeitung im NP
6.2 IKM als geeignetes Planungswerkzeug? – State-of-the-Art
6.3 Zusammenfassung und Fazit: Entwicklungsperspektiven für den Nationalpark im Spannungsfeld von Konflikten, Gefährdungen und dem Leitbild nachhaltiger Entwicklung

VI. Literatur- und Quellenangaben

VII. Anhang
A) Küste im Stress - die vielfältigen Nutzungen und Schutzgebiete der Nordsee
B) Ergebnisse einer Umfrage unter NP-Betreuern zum Thema Konflikte im NP
C) Ehrenwörtliche Erklärung

II. Vorwort / Danksagung

Diese Arbeit wäre ohne die vielen fruchtbaren Anregungen und Diskussionen mit Freunden, im Institut für Geographie und vor allem im Rahmen verschiedener Praktika so nicht zustande gekommen. Herzlichen Dank daher an Dipl.-Ing. Herbert Diehl und Dipl.-Ing. Werner Gleim vom Umweltamt Gießen für die Einsichten in das hydrogeografische Umweltmanagement, an die Mitarbeiter der Schutzstation Wattenmeer in St. Peter-Ording im Jahr 2005 für die praktischen Erfahrungen in Tourismusbetreuung und Konfliktbearbeitung, sowie besonders an Dr. Christiane Gätje und alle Mitarbeiter des Nationalparkamts Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer für inspirierende und motivierende drei Monate. Danke auch für die liebe Unterstützung beim Korrekturlesen: Dagi Kudernatsch, Anna Radtke, Andrea Pabst, Kerstin Pfriem. Am meisten Dank gebührt meinen Eltern für die anhaltende vorbehaltlose Unterstützung während des gesamten Studiums.

III. Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

IV. Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Schutzzonen, Grenzen und wichtige Anrainer-Gemeinden des Nationalparks

Abb. 2: Veränderungen der Küstenlinie Nordfrieslands

Abb. 3: Ablauf und Gliederung einer Tide

Abb. 4: Niedrigwasser und Hochwasser im nordfriesischen Wattenmeer im Vergleich

Abb. 5: Benthos: Lebensraum für Muscheln, Würmer und Krebse

Abb. 6: Salzwiesenarten und typische Zonierung

Abb. 7: Wertschöpfung in der Nationalparkregion 2000

Abb. 8: Überblick über das Trilaterale Wattenmeer-Kooperationsgebiet

Abb. 9: Globale Entwicklung von Schutzgebieten im 20. Jahrhundert

Abb. 10: Salzmarschen in der Husumer Bucht

Abb. 11: Skizze eines typischen Lahnungsfeldes

Abb. 12: Veränderungen im Deichprofil über die Jahrhunderte

Abb. 13: Entwicklung der Übernachtungs- und Ankunftszahlen in Schleswig-Holstein 1995- 2005

Abb. 14: Anlandungsmengen von Speisegarnelen in Tonnen in Deutschland zwischen 1928 und 2006

Abb. 15: Herbstbestände von Jungfischen und Garnelen im schleswig-holsteinischen Wattenmeer von 1974-2006

Abb. 16: Entwicklung von Miesmuschelanlandung und Kulturflächen in Schleswig-Holstein

Abb. 17: Geplante und genehmigte Offshore-Windanlagen in der deutschen Nordsee

Abb. 18: Luftbild: Verlauf der Förderpipeline der Mittelplate zum Festland Richtung Friedrichskoog/Meldorf

Abb. 19: Protestschild gegen Naturschutz und Nationalpark

Abb. 20: Eingeschleppte Arten an der Nordseeküste nach Erstnachweis

Abb. 21: Globale Meeresspiegelanstiegskurven von 1990-2100 prognostiziert auf Basis des IPCC-Emissionsszenarios IS92a

Abb. 22: A: Küstenschutz und potentielle Überflutungsgebiete auf Sylt. C: Veränderungen der Südspitze zwischen 1870-1990

Abb. 23: Veränderung der Morphodynamik in Abhängigkeit des Meeresspiegels für verschiedene Tidebecken

Abb. 24: Überblick über die verschiedenen Konfliktbereiche im Wattenmeer

Abb. 25: Tragfähigkeitsgrenzen im Tourismus

Abb. 26: Handlungsmöglichkeiten im Umgang mit Neobiota

Abb. 27: Folgen des beschleunigten Meeresspiegelanstiegs für sozioökonomische Funktionen des Wattenmeerraumes

Abb. 28: Entwicklungsphasen im Küstenmanagement

V. Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Ausgewählte Brut- und Rastvogelbestände im schleswig-holsteinischen Wattenmeer

Tab. 2: Funktionen von Meeren und ihren Ökosystemen (Auswahl)

Tab. 3: Naturschutzfachliche Bewertung des Wattenmeeres

Tab. 4: Konfliktgruppen im Nationalpark

Tab. 5: Akteure im Bereich Tourismus im Nationalpark

Tab. 6: Störfaktoren durch den Tourismus und ihre Auswirkungen auf NP-Schutzzwecke

Tab. 7: Direkte und indirekte Werte des Nationalparks

Tab. 8: Merkmale von nachhaltigem Tourismus

Tab. 9: Perspektiven für die Entwicklung des Wattenmeertourismus

Tab. 10: Kosten-Nutzen-Analyse zweier Reaktionen auf den Klimawandel

1. Einleitung

Küsten sind als „Schlachtfelder von Interessenkonflikten, [als] Kernräume menschlicher Umweltsünden und Schmutzränder des ökologischen Machtkampfs zwischen Mensch und Natur“ besonderem Stress ausgesetzt (Brückner 1999: 7). Die mittlerweile mehr als zwanzig Jahre zurückliegende Ausweisung des schleswig-holsteinischen Wattenmeeres als Nationalpark (NP) sollte vor allem dem Schutz des Ökosystems vor menschlicher Übernutzung dienen, wird indes immer noch als „Entwicklungs-Nationalpark“ eingestuft (Umweltstiftung WWF 2005:4), in denen anhaltende Nutzungskonflikte herrschen. In jüngerer Zeit erfährt der schleswig-holsteinische Nationalpark zunehmend das Interesse in Forschungsfeldern wie dem (Öko-)Tourismus, Marketing, Imageforschung und Regionalentwicklung, was sich als Hinweis auf die gesellschaftspolitische Ausweitung der traditionellen Aufgaben des Nationalparks verstehen lässt. Auffällig sind die Umbrüche in vielen Konfliktfeldern des Nationalpark Wattenmeeres in jüngerer Zeit: Der Tourismus an der Wattenmeerküste war zuletzt von Rückgängen der Gästezahlen geprägt und orientiert sich neu. Küstenschutzmaßnahmen stehen unter dem Druck der Anpassung an den Klimawandel und schwieriger werdender Finanzierung. Miesmuschelzucht und Garnelenfischerei stehen im Spannungsfeld zwischen sozioökonomischer und ökologischer Tragfähigkeitsgrenzen. Ölkatastrophen im Watt bleiben im Rahmen wachsender Schiffstransporte realistische Szenarien. Offshore-Windparks konkurrieren mit traditionellen Nutzungen um Raum. Eingeschleppte neue Arten breiten sich aus, während einheimische Arten Bestandsrückgänge aufweisen. Das Management der anhaltenden Nutzungen und Belastungen des Wattenmeeres als eines der „empfindlichsten und wertvollsten natürlichen Habitate“ Europas (Europäische Kommission 2001:4) ist unter diesen zusätzlichen Ansprüchen und fortschreitenden Veränderungen weiterhin herausfordernd und erfordert eine grundlegende Klärung der Möglichkeiten, Zielsetzungen und Perspektiven des Nationalparkkonzeptes als Instrument zur „nachhaltigen Entwicklung“ (NP-Gesetz 1999: §2(3)). Gefragt wird im Folgenden nach den Anforderungen an ein modernes Schutzgebietmanagement im Nationalpark. Welche Chancen und Hemmnisse bildet das Nationalparkkonzept für die nachhaltige Nutzung der Küste? Wie lässt sich das Leitbild des Prozessschutzes („Natur Natur sein lassen“) im Rahmen der verschiedenen Nutzungsansprüche und unter dem Szenario des Klimawandels umsetzen? Welche Entwicklungsperspektiven bieten sich dem Nationalpark zwischen sich wandelnden Gefährdungen und Konfliktfeldern und einer unsicheren finanziellen Lage des Naturschutzes?

Die vorliegende Arbeit bedient sich sowohl natur- als auch sozialwissenschaftlicher Sichtweisen der Geographie, um methodisch anhand einer kritischen Literatur- und Quellenanalyse und unter Berücksichtigung der Positionen und Konzepte der wichtigsten Akteure möglichst umfassende Entwicklungsperspektiven für den Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer herauszuarbeiten. Nachdem Kapitel 2 einen notwendigen Überblick über Ökosystem, Funktionen und Schutzkonzeptionen des untersuchten Nationalparks enthält, erfolgt in Kapitel 3 eine Analyse der Konflikte in der Nationalparkregion, ergänzt in Kapitel 4 durch eine Untersuchung der Gefährdungen des Nationalparks, auf die sich zuletzt in Kapitel 5 daraus resultierende Entwicklungsperspektiven für nachhaltiges Nationalparkmanagement anschließen.

2. Nationalpark – naturräumliche und sozioökonomische Merkmale

2.1 Lage und Eingrenzung des Untersuchungsraums

Der untersuchte Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer zählt naturräumlich zum nordfriesischen Wattenmeer, liegt an der Westküste des Bundeslandes Schleswig-Holstein und erstreckt sich von der deutsch-dänischen Grenze im Norden bis zur Elbmündung im Süden (vgl. Abb.1). An Land beginnt er mit einigen Ausnahmen in der Regel 150 m seewärts der Deichkrone, westlich folgt er zunächst der 12-Seemeilen-Grenze im Norden und schließlich der 3-Seemeilen-Grenze im Süden. Insgesamt umfasst der Nationalpark eine Fläche von 4.410 km² (NPG 1999: §3) und ist damit der größte Nationalpark in Mitteleuropa (Hofeditz et al. 2002: 3). Sämtliche Siedlungen befinden sich außerhalb der administrativen Nationalparkgrenzen, allerdings gehören die bewohnten Halligen seit dem Jahr 2005 zu der Entwicklungszone des „Biosphärenreservates Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer und Halligen“. Die Verwaltung des Nationalparks sitzt auf der Halbinsel Eiderstedt in Tönning. Die administrativen Grenzen des Nationalparks sind für die folgenden Analysen zu eng, da die meisten Konflikte und Gefährdungen im Nationalparkraum exogenen Ursprungs sind. Beispielsweise sind Kommunen, die im Umfeld des administrativen Nationalparks liegen, wichtige Konfliktparteien. Auch seeseitige Nutzungen in der AWZ außerhalb des Nationalparks haben relevante Einflüsse auf das Ökosystem im NP. Diese Bereiche werden daher im Folgenden im Sinne eines erweiterten Verständnisses einer „Nationalparkregion“ (vgl. Umweltatlas Wattenmeer 1998: 178ff) mit in die Analysen einbezogen. Der damit untersuchte Küstenraum wird landseitig von den beiden schleswig-holsteinischen Landkreisen Dithmarschen und Nordfriesland an der Westküste Schleswig-Holsteins eingegrenzt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Schutzzonen, Grenzen und wichtige Anrainer-Gemeinden des Nationalparks.

Quelle: http://www.wattenmeer-nationalpark.de/karte/national.htm

2.2 Landschaftsgenese und -entwicklung

Das Wattenmeer lässt sich als amphibisch geprägtes Ökosystem zwischen offener Nordsee und Küste charakterisieren, dessen Ursprünge im Postglazial liegen und dessen landschaftliche Existenz aus geologischer Sicht daher sehr kurz ist (u.a. Umweltatlas Wattenmeer 1998; Lozán et al. 2003). Damit sich ein Wattenmeer ausbildet, müssen mehrere Faktoren aufeinander treffen:

- ein flacher Abfall des Landes zum Meer hin
- die Zulieferung von Feinsedimenten durch Meer und Flüsse
- eine Vorlagerung von Inseln und Sandbänken zur Seeseite, um die Sedimente vor Erosion zu schützen
- ein Tidenhub von mindestens 1,50 m.

Auch muss eine langsame Absenkung der Küste oder ein langsamer Anstieg des Meeresspiegels gegeben sein. Unter diesen Bedingungen bilden sich mit dem Kentern der Flut Ruhigwasserzonen aus, in denen die herangeführten Schwebstoffe sich nach und nach absedimentieren können (Meyer et al. 1994:18).

Das so entstandene Ökosystem ist morphologisch sehr veränderlich. Jede Änderung des Meeresspiegels führt über seinen Einfluss auf Tidenhub und Strömungen zu geänderten Einträgen aus der Nordsee und sedimentologischen Umverlagerungen (Gätje, Reise 1998:17). Klimaänderungen spielten durch ihren Einfluss auf den Meeresspiegel damit eine prägende Rolle für die Entwicklung des Wattenmeeres.

In der letzten Phase der Eiszeit vor rund 11.500 Jahren lag das im Tertiär entstandene Nordseebecken überwiegend trocken, da das Wasser in großen Eismassen gebunden war. Die Küstenlinie lag ca. 600 Kilometer weiter nördlich als heute. Erst mit dem Abschmelzen des Eises im Zuge der folgenden Warmzeit stieg der Meeresspiegel deutlich an, so dass die Bildung des Wattenmeers ermöglicht wurde. Der Meeresvorstoß führte zu Vernässung und Versumpfung ehemals trockener Standorte und schob die Küstenlinie weiter nach Westen, so dass sich landwärts der Strandwälle Bruchwälder und Moore entwickelten (Streif 2002). Sedimenteinträge aus dem vordringenden Meer und von einmündenden Flüssen in das flache Küstengebiet schufen Watten und Marschen, eiszeitliche Geestgebiete wurden dabei überspült und umgeformt.

Die Transgression des Meeres verlief allerdings keineswegs statisch, sondern war vielmehr von Phasen unterschiedlich schneller Vorstöße, Stagnationen und Regressionen bestimmt, wie u.a. im Zuge regressiver Phasen entwickelte Kleihorizonte in Wattprofilen zeigen (Umweltatlas 1998:18, Gätje, Reise 1998: 531). So herrschte von 6.000 bis 1.800 v.Chr. die Calais-Transgression mit einem Meeresspiegelanstieg von rund 50 cm pro Jahr vor. Die sich anschließende Dünkirchen-Transgression von 1.500 v. Chr. bis ca. 80 n. Chr. betrug nur mehr noch 15 cm pro Jahr. Eine wieder verstärkte Meerestransgression mit starken Sturmfluten um 1.000 n.Chr. herum führte zu einer Durchbrechung von Strandwällen und Inselketten sowie großen Landverlusten, wie das Beispiel der Alt-Nordstrander Insel zeigt, die heute nur noch einen Bruchteil ihrer früheren Ausmaße umfasst (vgl. Umweltatlas 1998:28ff, Abb. 2).

Die heutigen nordfriesischen Inseln Pellworm und Nordstrand stellen Reste von durch mittelalterliche Sturmfluten ertrunkenen Marschgebieten dar, sie gehörten ursprünglich zum Festland, während Sylt, Amrum und Föhr Geestkerninseln sind. Die nordfriesischen Halligen sind ebenfalls Reste alten Marschlands, das im Zug der beiden großen mittelalterlichen Sturmfluten 1362 und 1634 zerstört worden war. Sie wachsen durch regelmäßige Überflutung und Sedimentation mit dem Meeresspiegel mit.

Die Inseln und Küstenlinien zeigen damit in ihrer Entwicklung deutlich die Sensibilität und Veränderlichkeit der Wattenmeermorphologie dar. Der Meeresspiegel stieg auch in den letzten Jahrhunderten weiter an, durchschnittlich um 20-30 cm pro Jahr (Umweltatlas 2005: 16; Flemming 2007). Heute ist das Wattenmeer nicht zuletzt durch den beschleunigten Anstieg des Meeresspiegels bedroht, durch den der Wattsockel immer schmaler wird – in Schleswig-Holstein wandert die 10-Meter-Tiefenlinie jedes Jahr rund 10 Meter landwärts, ein Indikator für die zunehmende Erosion des Watts. Perspektivisch wird damit die Fläche der Wattflächen eher abnehmen (Meyer et al. 1994:21ff, Gätje und Reise 1998: 535; Hofstede et al. 2002). Die heutige Küstenlinie ist damit keineswegs ein fixierter Endzustand, sondern eine Momentaufnahme, die Streif als „kurze, relativ stabile Phase einer dynamisch ablaufenden Entwicklungsgeschichte“ charakterisiert (2002; vgl. Abb.2). Küstenlinie und Wattenmeer können sich durch klimatisch bedingte Veränderungen daher weiter wandeln.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Veränderungen der Küstenlinie Nordfrieslands im Vergleich: vor den mittelalterlichen Sturmfluten im Jahr 1240 (hellgrün) und heute (dunkelgrün).

Quelle: http://www.juergensnieblum.de/Nordfriesland-1240_heute-b.jpg

Die Landschaftsentwicklung ist entschieden durch den Menschen geprägt worden. Wo heute der Eindruck ungestörter Natur vorherrscht, liegen Reste untergegangener kultureller Nutzungen der Landschaft (Settekorn 2007:19). Erste Siedlungsspuren an den Küsten finden sich aus der Jungsteinzeit. Die Menschen lebten ungeschützt auf dem damals trockenen Nordseeboden und mussten passiv ausweichen, als das Meer wieder vordrang (Streif 2002). Schließlich wurden ab dem 1. Jahrhundert n.Chr. Wurten (Warften), künstlich aufgeschüttete Anhöhen, gebaut, die überwiegend aus Klei hergestellt wurden und die auf ihnen stehenden Gebäude vor Hochwasser schützen sollten. Erste Deiche sollten zusätzlich vor Sturmfluten sichern. Seit dem Mittelalter, seit rund 1.000 Jahren, ist die Küstenstruktur durch weitläufige Eindeichungen geprägt. Ab dem 14. Jahrhundert waren die Deiche technisch so weit fortgeschritten, dass auf Wurten verzichtet wurde. Entwässerungstechniken erlaubten die Nutzung der Marschen zu ackerbaulichen Zwecken. 1362 und 1634 sind die Jahre der großen „Manndränken“, verheerender Sturmfluten, die weit ins Land vordrangen und viele Dörfer überfluteten. Diese katastrophalen Fluten wurden u.a. auch durch menschliche Eingriffe wie Entwässerung und Torfentnahme ermöglicht, da diese zu einer weiteren Absenkung des insgesamt instabilen Grundes beitrugen. Heute sind mittelalterliche Siedlungsräume wieder von Watt bedeckt, wie Funde alter Warften und Brunnenreste dokumentieren (Umweltatlas 1998: 26). In Folge der katastrophalen Ereignisse durch die Sturmfluten wurde der Küstenschutz weiter vorangetrieben. Große Bereiche des Wattenmeeres wurden eingedeicht, z.B. entlang der Nordstrander Bucht durch die Schaffung des Beltringharder Koogs. Durch den Deichbau wurde das Wattenmeer um ein Drittel seiner Fläche verkleinert. Als Folge wurden die Sedimentablagerungen schlickiger und die natürliche Anpassung an Meeresspiegelanstiege landwärts eingeschränkt (Gätje, Reise 1998: 535f). Die Salzmarschen wurden fast alle eingedeicht, Ästuare wie das Eiderästuar wurden reguliert und eingedämmt. Dadurch änderte sich die Landschaft deutlich, wie die Brackwassermarschen im Katinger Watt zeigen.

Das Wattenmeer ist damit zwar in der Kulturlandschaft Mitteleuropas ein relativ naturnahes, dynamisches Ökosystem geblieben, jedoch an seinen landseitigen Grenzen zum Schutz der Küste und ihrer Nutzungen stark anthropogen verändert und degradiert worden. Die beobachtete Abnahme von Biostrukturen wie Seegraswiesen oder Austernbänken im Wattenmeer weist auf eine weitere Verstärkung der erosiven Kräfte hin, die in Folge von Eindeichungen und den damit verbundenen Verlusten von Retentions- und Ansedimentationsflächen verstärkt wurden. Auf Inseln wie Sylt sind die meisten Küstenabschnitte bereits künstlich, in dem sie durch Strandmauern, Dünenbefestigungen, Deiche, Buhnen oder Tetrapoden sowie Sandvorspülungen gesichert wurden (Brückner 1999: 19).

2.3 Das Ökosystem Wattenmeer

Die naturräumlichen Gegebenheiten im Nationalpark umfassen neben dem eigentlichen Wattenmeer mit seinen Rinnen und Unterwasserbereichen auch die Salzmarschen (auch als Salzwiesen bezeichnet), Sandbänke, Priele, Strandwälle sowie unbewohnte Inseln und Halligen (diese sind: Habel, Norderoog, Süderoog, Südfall, Helmsand, Hamburger Hallig; NPG 1999, §1). Landseitig folgen die Marsch- und Geestflächen Nordfrieslands, seewärts die offene Nordsee, von der ein kleiner Bereich ebenfalls zum Wattenmeer-Nationalpark zählt, da Übergänge hier fließend sind. Der Nationalpark an der schleswig-holsteinischen Westküste gehört zum größten zusammenhängenden Wattenmeer der Erde, das sich über rund 500 km Länge von Den Helder in den Niederlanden bis nach Esbjerg in Dänemark erstreckt. Zu diesem Naturraum zählen die durch die Gezeiten geprägten Wattflächen und sämtliche Landschaftskomponenten zwischen Deich und 10-Meter-Tiefenlinie (Meyer et al. 1994:18). Ebenso lang wie die „Liste der auf das Wattenmeer wirkenden Kräfte“ (Gätje, Reise 1998:1) sind die daraus entstandenen verschiedenen Biotope und Landschaftseinheiten. Diese Standorte bilden verschieden geprägte Lebensräume für Flora und Fauna des Wattenmeeres aus. Ein prägender Faktor des Ökosystems ist seine Dynamik, da Sandbänke und Priele durch Wind und Wellentätigkeit stetig verlagert werden und neue Lebensbedingungen schaffen.

Das Wattenmeer lässt sich in drei Zonen gliedern. Im unteren Wattenbereich, dem Sublitoral, liegen die tiefsten Priele. Hier ist die Wasserbedeckung dauerhaft, die Bedingungen ähneln denen der angrenzenden offenen Nordsee. Richtung Küste folgt der mittlere Wattenbereich mit dem höher gelegenen Eulitoral, das durch die Auswirkungen der Gezeiten zwei Mal täglich trocken fällt und nur in den Prielen dauerhaft Wasser führt. Landwärts findet sich der obere Wattbereich, das Supralitoral, das nur bei höher auflaufenden Spring- oder Sturmtiden überschwemmt wird. Anteilsmäßig umfasst es fünf Prozent des Wattenmeeres. Hier liegen die Salzwiesen und Sandstrände (Kock 1998). Die Sedimente lassen sich einteilen in Sandwatt (65%), Mischwatt (30%) und Schlickwatt (5%). Sie unterscheiden sich nach Korngröße und den Anteilen von Ton und Schlick. Schlick wiederum besteht zu großen Mengen aus organischem Material (Umweltatlas 1998:40), das bei auflaufendem Wasser von Flüssen und Nordsee importiert und mit ablaufendem Wasser remineralisiert exportiert wird (Reise 1993: 224). Durch die abnehmende Strömungskraft liegen die meisten Schlickwattzonen in Land- und Inselnähe.

2.3.1 Abiotische Ökosystemkomponenten

Die Gezeitenkräfte des Wattenmeers – bedingt durch die Anziehungskräfte von Mond und Sonne auf die Wasserflächen der Erde sowie die Fliehkräfte zwischen Erde und Mond – unterliegen einem Rhythmus von etwas mehr als 6 Stunden je Tide (vgl. Abb. 3). In einem Zeitraum von rund 12,4 Stunden läuft damit das Wasser auf (Flut), erreicht schließlich den höchsten Punkt (Hochwasserlinie, Tidehochwasser), kentert, und zieht sich wieder zurück (Ebbe), um die Niedrigwasserlinie zu erreichen, wobei als Transportkanäle die Priele genutzt werden. Der Tidenhub ist je nach Ort und Datum unterschiedlich stark, da durch den Ärmelkanal und von Nordschottland kommend zwei Flutwellen in die Nordsee einlaufen, die sich gegenseitig beeinflussen. Der mittlere Tidenhub erreicht an der nordfriesischen Gezeitenküste zwischen 1,7 und 3,3 m je Ort (Kock 1998: 5).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3 : Ablauf und Gliederung einer Tide.

Quelle: Umweltatlas 1999: 54.

Der Tidenhub zählt neben Wind, Eis und anthropogenen Eingriffen im Zuge des Küsten- und Inselschutzes zu den prägenden morphologischen Kräften des Wattenmeeres (Umweltatlas 1998:34). Ingesamt werden rund 4.500 Quadratkilometer Wattboden dadurch täglich freigelegt (Abb. 4). Neumond und Vollmond führen zu den besonders ausgeprägten Springtiden, Halbmonde zu schwächer ablaufenden Nipptiden. Zudem können auflandige Stürme den Tidenhub verstärken.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Niedrigwasser und Hochwasser im nordfriesischen Wattenmeer im Vergleich.

Quelle: http://www.wattenmeer-nationalpark.de/archiv/mitteilungen/05/02_12_05.htm

Im Gegensatz zu gezeitenunabhängigen Gewässern sind die Charakteristika des Watten- meers primär durch den regelmäßigen, raschen Wechsel von wasserbedeckter und trockengefallener Fläche zu verstehen. Damit verbunden sind enorme Unterschiede in der Temperatur, ein wechselnder Salzgehalt und starke Verlagerungsdynamiken sowie Extremeinflüsse durch Sturmfluten oder winterliche Vereisung. Die Umweltbedingungen ändern sich lokal sehr rasch. Trockengefallene Flächen erwärmen sich schnell und Wattpfützen süßen unter dem Einfluss von Niederschlägen aus, so dass große Temperatur- und Salinitätsschwankungen erreicht werden. Durch Verdunstung steigt der Gehalt des Salzes im Boden um bis zu 10 Promille an. Generell herrscht im Wattenmeer ein Salzgehalt von zwischen 23 und 30 Promille, je nach Lage im Einflussbereich einmündender Flüsse (Meyer et al. 1994:26f). Die extrem schwankenden Standortfaktoren zwischen Meer und Land erfordern eine hohe Anpassungsfähigkeit. Unter diesen Bedingungen haben sich hoch produktive Spezialisten ausgebildet, die sehr große Individuenzahlen aufweisen können, während die Artenvielfalt eher gering ist. Durch die Tide werden regelmäßig lebende Organismen und Detritus aus der Nordsee eingetragen, sie bilden die wichtigste Nahrungsgrundlage des Wattenmeerökosystems.

2.3.2 Biotische Ökosystemkomponenten

Das Wattenmeer als Ökoton zwischen Festland und Nordsee besteht aus einer Kombination verschiedener Standorte und Lebensgemeinschaften, deren übergreifende Eigenschaft die Anpassung an Stress ist (Umweltatlas 1998:76; vgl. Punkt 2.3.1). Tiere und Pflanzen reproduzieren sich in sehr schnellen Raten, um die hohe Belastung durch rasche Wasserstandswechsel und Strömungsänderungen zu kompensieren. Ebenso schnell kann eine hohe Bestandsdichte durch Eis oder freigespülte Priele rasant dezimiert werden. Eine wichtige regulierende Funktion nehmen hierbei strenge Winter ein. Im Winter ist die Produktivität des Watts sehr gedrosselt, da die Temperatur im Boden stark absinkt. Strenge Winter führen daher zu einer massenhaften Dezimierung der Bodenfauna. Daher wandern viele Tiere in den kühleren Jahreszeiten ab, da sie nicht ausreichend Nahrung finden können. Im folgenden Sommer steigt dann die Biomasse im Vergleich zum Vorsommer deutlich an, da sich Fraßtiere wie Krebse erst verzögert wieder ansiedeln.

Günstige Nahrungsbedingungen und hohe Energiezufuhr gleichen den Stress der Organismen aus, zudem haben sich vielfältige Anpassungsstrategien an die hohe Prozessdynamik entwickelt, bspws. im Wattboden. Hier ablaufende Abbauprozesse verbrauchen Sauerstoff, so dass sich eine für aerobe Organismen lebensfeindliche Reduktionszone ausbildet. Durch sauerstoffhaltiges Wasser mit jeder Flut und durch Kieselalgen wird der Sauerstoff nachgeliefert. In den anaeroben Sedimentschichten überdauern Arten, die sich an den geringen Sauerstoffgehalt angepasst haben (z.B. Wattwurm, Sandklaffmuschel), u.a. indem sie sich sauerstoffreiches Wasser in ihre Gänge pumpen (Meyer et al. 1994: 43ff). Viele Organismen im Benthos (siehe Abb.5) schützen sich vor den extremen Bedingungen im Bereich der trockengefallenen Flächen durch Eingrabung in den Boden und Verkapselung ihrer Organismusöffnungen. Zudem sind die Arten auf verschiedene Weise an den wechselnden Salzgehalt angepasst, indem sie z.B. aktive Osmoseregulation betreiben können (Meyer et al. 1994: 26). Für Zugvögel ist das Wattenmeer auf Grund des großen Nahrungsangebots von wirbellosen Tieren wie Muscheln, Schnecken, Würmern und Krabben ein essentielles Rastgebiet. Rund 1,3 Millionen Zugvögel sind zwischen Mai und September im nordfriesischen Wattenmeer anzutreffen. Besonders charakteristische Vogelbestände im Wattenmeer sind u.a. Ringelgänse, Eider- und Brandenten (Tab.1). Der überwiegende Teil des europäischen Brandentenbestandes mausert vor der Insel Trischen.

Zwischen den Organismen herrscht ein ausgeprägtes Netz von Beute- und Räuberbeziehungen sowie ausgeprägtes Parasitentum vor. Einbrüche im Bestand einer Art führen damit in einer Kettenreaktion zu Bestandsschwankungen anderer Populationen.

Miesmuschelbänke und Seegraswiesen sind die wichtigsten Ansiedlungsbereiche für Organismen im sublitoralen Bereich, die lokal damit hohe Artenvielfalt schaffen. Großsäuger sind im Wattenmeer durch Kegelrobben- und Seehundskolonien vertreten; zudem halten sich besonders im westseitigen Bereich der Inseln Sylt, Föhr und Amrum Schweinswale auf. Insgesamt leben rund 2.100 verschiedene Arten im Wattenmeer (Umweltatlas 1998:77) mit zum Teil erstaunlicher Dichte: auf einem Quadratzentimeter Wattboden lassen sich eine Million Algen finden.

Die Dynamik des Wattenmeerökosystems zeigt sich auch an der Veränderlichkeit der Artenzusammensetzung. Nicht zuletzt durch die in Tankwasser von Schiffen eingeschleppten Arten kommt es in jüngerer Zeit zu einer „Internationalisierung des Artenspektrums“ (Reise 1993: 224). Die Sandklaffmuschel breitet sich seit 1600 aus, ab dem 20. Jahrhundert kamen u.a. Schlickgras, Amerikanische Schwertmuschel und Meeräsche hinzu, die heute sehr präsent sind. Gleichzeitig sind früher in den Rinnen des Wattenmeeres noch großflächig Seegraswiesen vorgekommen, ebenso gab es Sandriffe und Seemooswiesen. Diese Arten sind heute verschwunden (Daschkeit et al. 2002: 158). Durch Epidemien und anthropogene Übernutzung sind generell viele Artpopulationen im 20. Jahrhundert rückläufig, z.B. Europäische Auster, Pfeffermuschel, Seegras, Rotalgenarten (Meyer et al. 994:47).

Tab. 1: Ausgewählte Brut- und Rastvogelbestände im schleswig-holsteinischen Wattenmeer

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: verändert nach Landesamt 2007a.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 5: Benthos: Lebensraum für Muscheln, Würmer und Krebse.

Quelle: http://www.lighthouse-foundation.org/uploads/pics/benthosschema800de.jpg.

Floristisch und morphologisch bedeutsame Komponenten des Wattenmeeres sind die Salzmarschen, unregelmäßig überflutete Flächen im Übergangsgebiet von Watt zum Festland. Sie werden meist als Salzwiesen bezeichnet, obwohl sie, anders als Wiesen im ökologischen Verständnis, nicht regelmäßig gemäht werden. Salzwiesen sind teils natürlichen Ursprungs, teils Resultat menschlicher Vorlandgewinnungsmaßnahmen. Das Salzwiesenvorkommen im Wattenmeer ist in seiner Ausdehnung weltweit einzigartig. Es umfasst eine Fläche von 350 km² im gesamten Wattenmeerbereich, 69 km² davon liegen an der nordfriesischen Küste, wovon 60 Prozent nicht mehr beweidet werden (Ministerium für ländliche Räume 2001). Vor menschlichen Eingriffen durch Eindeichungsmaßnahmen war das Salzwiesenareal von Den Helder bis Esbjerg ununterbrochen ausgeprägt. Heute stehen die Überreste unter besonderer Aufmerksamkeit der Schutzbemühungen. Die Salzwiesenvegetation, vor allem das Andelgras, sorgt für die Akkumulation feiner Sedimente. Im Naturzustand sind die Salzwiesen von vielen Prielen durchzogen und dehnen sich bis an den Dünenrand aus. Heute sind die meisten Salzwiesen allerdings in ihrer Zonierung durch Eindeichungen eingeschränkt und ursprüngliche Biotopverbünde verloren gegangen. Salzwiesenfauna und -flora nahmen damit in Masse und Vielfalt ab (Umweltatlas 1998:158). Der Druck auf die Salzwiesen im Nationalpark hat drei Quellen:

- Schaf- und Rinderbeweidung (à Rückgang in der Artenvielfalt durch Fraß und Tritt)
- Entwässerung der Salzwiesen zur Deichsicherung (à Verlust naturnaher Priele)
- Erholungssuche durch Touristen (à Trittschäden)

Auf Grund der häufigen Überstauung durch Salzwasser handelt es sich um ein Lebensbereich für salzangepasste Arten. Rund 40 Pflanzenarten kommen in ihrer Ausprägung ausschließlich auf Salzwiesen vor, darunter Strandflieder, Queller, Strandaster und Andel. Die Salzwiesen bieten zudem Lebensraum für rund 1.800 wirbellose Tierarten, davon 300 Endemiten, und sind Nahrungs-, Rückzugs- und Brutraum für diverse Vogelarten. Je älter die Salzwiese ist, desto mehr Arten kommen auf ihr vor. Durch den Anstieg der Wiesen zum Festland hin unterscheidet sich die Wasserüberstauung je nach Lage, so dass sich ausgehend von der Salzkonzentration mehrere Zonen ausgeprägt haben. (Meyer et al. 1994:131ff; Abb. 6).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 6: Salzwiesenarten und typische Zonierung.

Quelle: http://www.bogos.uni-osnabrueck.de/expo/alle/bilder/Salzwiese%20Ablauf.jpg.

Neben Salzwiesen sind Dünen wichtige Komponenten der natürlichen Wattenmeerflora. Reste finden sich im nordfriesischen Wattenmeer auf der Halbinsel Eiderstedt und auf den Inseln Amrum und Sylt. Durch Fixierung aus Küstenschutzgründen und Überbauung sind die Dünenareale stark dezimiert worden (bspws. auf Sylt, St.Peter-Ording). Naturnahe Wanderdünen lassen sich in drei Zonen gliedern. Die Weißdüne, die aus einer Primärdüne entstanden ist, liegt in direkter Strandnähe und wird vor allem von Strandhafer besiedelt, der die Düne gleichzeitig stabilisiert. Durch die Ansammlung von Rohhumus entsteht die artenreichere Graudüne, gefolgt wiederum von der podsoligen Braundüne, auf der Zwergsträucher und Heiden wachsen, die ihre Nährstoffe aus Pilzen auf ihren Wurzeln erhalten.

2.4 Funktionen des Wattenmeers

Das Wattenmeer erfüllt als Ökosystem verschiedene Funktionen für seine Umwelt, die sich in rein ökologische Funktionen einerseits sowie in Funktionen für die Nutzung durch den Menschen andererseits untergliedern lassen (vgl. Tab.2).

Tab. 2: Funktionen von Meeren und ihren Ökosystemen (Auswahl).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung angelehnt an Funktionen von Küstengewässern nach IPCC.

Vgl. Sterr et al. 1999; Daschkeit et al. 2002 sowie Glaeser 2005.

2.4.1 Ökologische Funktionen

Produktivität und Größe des Wattenmeeres sind bedeutsame Funktionen des Ökosystems. Im Schlickwatt finden sich pro m² über 300.000 Krebse, Schnecken und Würmer, die sich von Detritus, organischem Feinmaterial, ernähren, der mit jedem auflaufenden Wasser aus der Nordsee eingetragen wird. Die hohen Bestände im Benthos wiederum bilden die Nahrungsgrundlage für Millionen von Zug-, Rast- und Brutvögeln im Wattenmeer. Zudem ist das Wattenmeer durch seine Produktivität ein wichtiger Aufwachsraum für Jungfische, die später in die offene Nordsee auswandern. Die hohe Produktivitätsrate hat auch Bedeutung für klimatische Funktionen. Je mehr marine Lebewesen Nährstoffe aufnehmen, desto stärker wird COAbbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten (in Panzern, Gehäusen etc.) gebunden und der Umwelt damit für längere Zeit entzogen (Sterr et al. 1999: 25). Der tidegesteuerte Stoffeintrag führt zudem zu einer Reinigung des Nordseewassers durch biologische Filterung (besonders durch Miesmuscheln) und die mechanische Absetzung von Schweb- und Schadstoffen. Auf die gesamte ökofunktionelle Bedeutung des Wattenmeeres kann in diesem Rahmen nicht eingegangen werden (ausführlich in: Gätje und Reise 1999).

2.4.2 Ökonomische und soziokulturelle Funktionen

Die Ressourcen des Wattenmeeres sind für den Menschen Quelle ökonomischer Entwicklung. Nahrung, Energie und Rohstoffe werden hier gewonnen. Zudem ist das Wattenmeer u.a. für Gütertransport, Entsorgung, Tourismus, Erholung, Bildung und nicht zuletzt als Siedlungsraum mit eigener Kulturtradition wichtig. Besonders unter dem Aspekt nachhaltiger Regionalentwicklung sind diese Funktionen bedeutsam: Die Nationalparkregion liegt im nördlichsten Bereich Deutschlands, die Nationalpark-Landkreise Dithmarschen und Nordfriesland sind geprägt durch eine geringe Bevölkerungsdichte und die periphere Lage am Rande von Wirtschaftszentren wie Hamburg und Kiel. Die beiden Landkreise nehmen rund 20 Prozent der Fläche Schleswig-Holsteins ein, beherbergen aber nur knapp 10 Prozent der Landeseinwohner (Ziesemer und Zahl 2005:18). Durch die randliche Lage ist der Pendlerverkehr der Region hoch. Die Bevölkerungsentwicklung beider Kreise ist durch eine Stagnation der Bevölkerungszahlen geprägt. Überalterung wird besonders auf den Halligen und Marschinseln zum Problem (Umweltatlas 1998:150), da damit Grundinfrastruktur und kulturelle Einrichtungen vor Finanzierungsproblemen stehen. Dass die Bevölkerungsentwicklung in diesem ländlichen Raum dennoch recht konstant und ein gutes Infrastrukturnetz vorhanden ist, liegt an Zuzügen und kommunalen Einnahmen in Folge des Tourismus. In einigen Tourismuszentren macht der Tourismus über 50% des kommunalen Einkommens aus. Besonders die Zentren St. Peter-Ording, Wyk und Westerland sind durch einen hohen Wohnungsneubau geprägt und besitzen eine überdurchschnittlich hohe Zahl an Siedlungs- und Verkehrsfläche (vgl. BBR 2005: 17, 33, 64). Die Wertschöpfung des Tourismus in der Nationalparkregion beträgt rund 20% des Volkseinkommens (Quelle: DWIF in Kannen 2000: 221; vgl. Abb.7), rund ein Drittel der Westküstenbewohner beziehen ihr Einkommen aus dem Tourismus. Da der Tourismus stark nordsee- und wattenmeerorientiert ist, hängen die ökonomischen und soziokulturellen Grundlagen der Region deutlich vom Naturraum ab. Auch Funktionen wie Gesundheitswirtschaft und Energiegewinnung, die als Zukunftsbranchen der Region betrachtet werden (Wirtschaftsfördergesellschaft 2004), verdeutlichen die funktionelle Bedeutung des Naturraumes für die Wirtschaft.

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Abb. 7: Wertschöpfung in der Nationalparkregion 2000.

Quelle: Kannen 2000:221.

Die Intensität der ökonomischen Nutzungen hat ein Ausmaß erreicht, welches die Funktionsfähigkeit des Ökosystems bedroht (Lozán et al. 2003). Schadstoffeinträge, Fischerei, Baggeraktivitäten, Öl- und Gasförderung sind nur einige diskutierte anthropogene Störungen (Posskel et al. 2005: 102). In Reaktion auf die Bedrohung der ökologischen Funktionen des Wattenmeerraums wurde sein Wert gesetzlich durch den Nationalpark geschützt (NPG 1999).

2.5 Ökologischer Wert des Wattenmeeres

Besonders gefährdete Küstenökosysteme in Europa sind aus Naturschutzsicht Salzwiesen, Dünenlandschaft und Wattenmeergebiete (BfN 1997: 79). Das Watt als ökologische Drehscheibe zwischen Land und Nordsee ist naturschutzfachlich betrachtet aus vielen Gründen von hohem Wert (siehe Tab.3).

Tab. 3: Naturschutzfachliche Bewertung des Wattenmeeres

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Quelle: Nach Umweltatlas 1998; Heidbrink 2003, Zisenis 2006. Eigene Zusammenstellung.

Das niederländisch-deutsch-dänische Wattenmeer ist aufgrund seiner Größe und der hohen Zahl an verbliebenen Salzwiesen (Hofstede 2003:184) ein einzigartiger Lebensraum, der als großräumiges Feuchtgebiet gerade auch für Zug- und Rastvögel ist. Die Wattflächen und angrenzende Bereiche besitzen eine Produktivität, die „mit der primärer Regenwälder vergleichbar“ ist (vgl. BfN 1997:80). Einzelne Komponenten des Ökosystems zeigen die Gefährdung besonders deutlich auf. Als herausragend bedroht und schützenswert gelten neben den Salzwiesen die auch für den Küstenschutz bedeutsamen verbliebenen Dünenketten. Sie sind durch Siedlungstätigkeit ebenso anhaltend gefährdet wie durch ihre hohe Attraktivität für Besucher und Erholungssuchende. Das Vorkommen von Schweinswalen wird durch Überfischung und Schifffahrt (Verletzungsgefahr durch Schiffsschrauben, Störung der Orientierung durch Lärm) eingeschränkt (Umweltatlas 1998:134). Generell ergibt sich die Notwendigkeit für den Schutz des Wattenmeers nicht allein aus dem wahrgenommenen ökologischen Wert des Gebietes, sondern gerade in Reaktion auf dessen vielfältige Bedrohungen und den Folgen für die ökonomische Nutzung.

2.6 Schutzmaßnahmen

Die hohe ökologische Bedeutung des Wattenmeers wurde von vielfältigen Institutionen erkannt, die mit Schutzregulierungen und -konzepten reagierten. Internationale Anerkennung der Besonderheit des Wattenmeeres erfolgt seit 1990 durch die UNESCO, die das Wattenmeer im Rahmen des „Man and Biosphere“ - Programms als Biosphärenreservat (BR) und damit als Modellregion für nachhaltige Entwicklung ausgewählt hat. Weiters wird die große Bedeutung des Gebietes für Nahrungsgewinnung, Rast und Brut großer Vogelpopulationen im Rahmen der von der UNESCO erarbeiteten Ramsar-Konvention betont, die Feuchtgebiete internationaler Bedeutung schützt. Auf EU-Ebene erkennt man das Wattenmeer als Schutzgebiet nach FFH- und Vogelschutzrichtlinie an. Es zählt damit zum europaweiten Natura 2000-Netzwerk. Weiters gelten trilaterale Abkommen zum Schutz des Wattenmeeres, die seit 1978 regelmäßig im Rahmen von Wattenmeerkonferenzen mit Teilnehmern aus Dänemark, Deutschland und den Niederlanden erstellt werden (Abb.8). Außerdem ist das Wattenmeer in internationalen Seerechtsübereinkommen als besonders empfindliches Seegebiet (PSSA) ausgezeichnet worden. Seit Mitte der 1980er Jahre ist das deutsche Wattenmeergebiet zudem durch drei Nationalparke geschützt.

Im Zusammenhang mit Konzepten zum Schutz des Wattenmeerlebensraumes sollte nicht unberücksichtigt bleiben, dass im Rahmen eines erweiterten Verständnisses des Ökosystems auch die dort lebenden Menschen und ihre Kulturlandschaft als schützenswert gelten können, wie es nicht nur im Biosphärenkonzept wahrgenommen wird. Im Zusammenhang mit Klimawandelfolgen wird vermutet, dass Intensität und Häufigkeit der Sturmfluten an der Nordseeküste um bis zu 30 Prozent (rund 30 cm) zunehmen werden (Woth 2007) – Küstenschutzkonzepte sind aus dieser Sicht damit ebenfall Teil des Schutzes des Wattenmeerlebensraumes.

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Abb. 8: Überblick über das Trilaterale Wattenmeer-Kooperationsgebiet

Quelle: http://www.raonline.ch/images/edu/edugal1/waddenmap04.gif.

2.7 Schutzkonzept des Nationalparks

Es gibt zurzeit 14 Nationalparke in Deutschland, die außergewöhnliche Kultur- oder Naturlandschaften schützen sollen. 1970 wurde als erster deutscher Nationalpark der NP Bayerischer Wald ausgewiesen, dessen Gründungsidee durch die amerikanischen Nationalparke inspiriert war (Rotermond 2004: 13). Der NP Wattenmeer wurde im Zuge zunehmender Umwelt- und Nachhaltigkeitsüberlegungen eingerichtet; 1985 in Schleswig-Holstein, 1986 in Niedersachsen, 1990 in Hamburg. Eine besondere Bedeutung im Nationalpark wird dem Prozessschutz eingeräumt, der sich in einem „möglichst ungestörten Ablauf der Naturvorgänge“ (NPG 1999: §2) ausdrückt, was gleichzeitig die Minimierung anthropogener Einflüsse erfordert. Die Gesamtkomponenten des Ökosystems Wattenmeer haben einen „zu schützenden Eigenwert“ (ebda.). Grundvorstellung des Prozessschutzes ist, dass einzelne Arten oder Biotope nicht besonders geschützt werden müssen, solange das Gesamtökosystem durch die Stärkung der natürlichen Abläufe fähig ist, sich selbst zu erhalten. Da das Wattenmeer ein junges Ökosystem mit hoher Dynamik im Kommen und Gehen von Arten ist, wird der Nationalpark auch als „Einwandererland“ bezeichnet (Nationalparkamt 2005: 3,8). Prozessschutz enthält sich damit der Bewertung von Arten. Ein Nationalpark dient allerdings nicht allein dem Schutz eines Ökosystems als Selbstzweck, vielmehr steht er in einem gesellschaftlichen Kontext des Verhältnisses von Mensch und Umwelt. Nationalparkgründungen in Deutschland sind zu sehen in einer Reihe von wachsenden Schutzgebietsausweisungen weltweit (siehe Abb.9): „The systematic protection of nature has become a global phenomenon in the 20th century” (Backhaus 2005:2). Gründe für Nationalparkausweisungen sind vielfältig. Hammer bezeichnet die Schutzgebiete als „Antithese zur Modernisierung“ (2003:10) in Abgrenzung zu einer technisierten, globalisierten Welt. Diese Vorstellung findet sich im NP-Gesetz wieder; der Schutz des NP soll der Bewahrung der besonderen „Eigenarten, Schönheit und Ursprünglichkeit des Wattenmeeres“ dienen (NPG 1999, §2 (1)). Auch steht der Nationalparkraum im Fokus vielfältiger gesellschaftlicher Bedürfnisse von Tourismus bis Ressourcennutzung, die im Schutzmanagement berücksichtigt werden müssen: „Der Erhalt der Natur durch den Nationalpark soll auch durch positive Rückwirkungen auf den Tourismus und das Ansehen der Region der nachhaltigen Entwicklung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen der im Umfeld lebenden Menschen dienen“ (NPG 1999, §2(3)). Deutsche Nationalparke haben damit neben dem Prozessschutz auch zum Ziel, „der wissenschaftlichen Umweltbeobachtung, der naturkundlichen Bildung und dem Naturerlebnis der Bevölkerung“ zu dienen (BNatSchG 2002: 24 (2)).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 9: Globale Entwicklung von Schutzgebieten im 20. Jahrhundert.

Quelle: Eigene Darstellung nach Backhaus 2005:3.

Nationalparke als Großschutzgebiete lassen sich international in ihrer Qualität vergleichen. Entscheidend ist dabei die Erfüllung der Kriterien der Weltnaturschutzunion IUCN. Ihre Anerkennung ist für die Legitimierung des Nationalparks besonders aus Naturschutzsicht von Bedeutung. Schutzgebiete der Kategorie „Nationalpark“ sollten demnach folgende Punkte aufweisen:

- ein verhältnismäßig großes Gebiet (> 10 km²)
- in dem Ökosysteme nicht wesentlich durch menschliche Nutzung verändert sind
- in dem Flora, Fauna, Geomorphologie und Biotope besondere Bedeutung für Wissenschaft, Bildung und/oder Erholung besitzen
- das durch nationales Gesetz geschützt ist

(Vgl. IUCN 2000).

Diese Punkte treffen für den NP Wattenmeer im Wesentlichen zu. Die erforderliche Aufweisung eines geringen menschlichen Nutzungseinflusses allerdings wird im deutschen Bundesnaturschutzgesetz relativiert, da in Deutschland solche Gebiete kaum vorhanden sind. Nationalparke sind damit: „[Gebiete, die] geeignet sind, sich in einen Zustand zu entwickeln oder in einen Zustand entwickelt zu werden, der einen möglichst ungestörten Ablauf der Naturvorgänge in ihrer natürlichen Dynamik gewährleistet“ (BNatSchG 2002: §24 (3)). Naturschutz-Debatten um den Zustand des NP Wattenmeeres als Entwicklungsnationalpark stützen sich besonders auf diesen Punkt. Sie weisen darauf hin, dass die internationalen Kriterien nicht erfüllt werden, da der menschliche Einfluss im gesamten Gebiet zu groß sei; so sei der nicht genutzte Flächenanteil nicht ausreichend, zudem fehlten generell naturnahe Flächen, die durch den Menschen kaum verändert sind (Leibenath 2001: 15; Umweltstiftung 2005).

International wird der NP Wattenmeer daher auch nicht als Nationalpark, sondern als IUCN-Gebiet der Kategorie IV – „geschütztes marines Gebiet“ – eingestuft, das sich von international anerkannten Nationalparken der Kategorie II darin unterscheidet, intensiver menschlich genutzt zu werden. Zudem wird in solchen Gebieten die Zusammenführung von Mensch und Natur als Ziel gesehen, wie es einem Naturpark- oder Biosphärenreservat-Gedanken entspräche (IUCN 2000: 30), nicht unbedingt aber dem deutschen Nationalpark-Konzept, dass menschliche Nutzung eher minimieren möchte.

Ursache für den hohen menschlichen Einfluss im Nationalpark ist nicht zuletzt die Tatsache, dass mit der Ausweisung 1985 ein Schutzkonstrukt über einen bereits intensiv genutzten Raum gelegt worden ist. Der menschliche Einfluss im Nationalpark sowie zu geringe Kernzonen und zu zerstückelte Schutzgebiete wurden damit von Beginn an beklagt (Meyer et al. 1994: 182f). Kernstück des NP-Schutzkonzeptes ist darum eine möglichst klare Zonierung, in der die Intensität der menschlichen Nutzungen geregelt wird.

Die Schutz- bzw. Kernzone (Zone I) des Nationalparks umfasst etwas mehr als 35 Prozent des Nationalparkgebietes. Hier liegen wichtige Seehundsbänke, Vogelrast-, -nahrungs- und -brutplätze, sowie sensible Salzwiesen und Wattflächen. Diese Flächen sollen vor menschlichem Einfluss geschützt werden und dürfen theoretisch nicht betreten werden. Die flächenhafte Kontrolle des Gebietes ist allerdings schwierig, zudem sind Ausnahmegenehmigungen für diverse Nutzungen vorhanden, u.a. für Wattführungen, herkömmliche Fischerei, Muschelzucht, Entnahme von Schlick, Sole, Sand und Kies.

Eine 125 km² große Nullnutzungszone („jegliche Ressourcennutzung unzulässig“ - NPG 1999, §5 (3)) ist zwischen Sylt und Föhr eingerichtet.

Die sonstige Zone, Pufferzone (Zone II) genannt, unterliegt ähnlichen Schutzbestimmungen wie ein Naturschutzgebiet. Das Wildleben soll nicht gestört werden, Jagd ist untersagt, Hunde sind an der Leine zu führen, Camping ist verboten, Windkraftanlagen dürfen nicht errichtet werden. Diese Zone dient der Erholung und dem Tourismus.

Kritiker führen hierbei an, dass die Sonderrolle des Tourismus im NP kritisch ist; Tourismus ließe sich in seinen Ausmaßen als Industrie und damit intensive ökonomische Nutzung des Nationalparks betrachten und stehe dem Ziel der Minimierung menschlicher Einflüsse entgegen (Ziener 2003: 37f).

1999 wurde der Nationalpark durch eine Gesetzesnovelle seewärts stark erweitert, zudem wurden viele Kompromisse zwischen Naturschutz, Wirtschaftsansprüchen und touristischer Entwicklung in das Gesetz aufgenommen. Generell gelten damit für viele Nutzungseinschränkungen eine Reihe von Befreiungen und Ausnahmen, z.B. im Bereich von Infrastruktureinrichtungen, Küstenschutzmaßnahmen, Wattführungen und Ölentnahmegenehmigungen.

3. Nutzungskonflikte im Nationalpark – eine Konfliktanalyse

3.1 Grundlagen: Konfliktverständnis, Konfliktparteien im Nationalpark

In der Konfliktforschung wird ein Konflikt als ein Tatbestand verstanden, an dem mindestens zwei Parteien beteiligt sind, deren Interessenskonstellationen sich voneinander unterscheiden (Imbusch, Zoll 1999: 75). Konflikte sind damit „soziale Prozesse“ und „normale gesellschaftliche Phänomene“, die mit manifesten oder emotionalen Grenzziehungen zusammenhängen (Bonacker, o.J.). Während im alltäglichen Verständnis eine vorwiegend negative Vorstellung von Konflikten dominiert, wird bei einer wissenschaftlichen Konfliktanalyse nur die Austragungsform beurteilt, während der Konflikt als Zustand an sich zwecks objektiven Erkenntnissen nicht frühzeitig verurteilt wird. Dadurch wird zugestanden, dass jede Krise und jeder Konflikt auch eine Entwicklungschance birgt (Peseschkian 2005) und im sozialen Gefüge eine wichtige Funktion spielt. Eine Vermeidungsstrategie von Konflikten kann demnach sogar negativ sein. In diesem Zusammenhang ist wichtig zu verstehen, dass Konflikte per se weder grundsätzlich „vermieden“, noch endgültig „gelöst“ werden können. Gewaltfreie, konstruktive Konfliktregelungsformen stehen daher im Mittelpunkt der Analysen.

Identitäts- und Wertekonflikte sowie Konflikte um unteilbare Objekte werden allgemein als schwieriger regulierbar eingestuft als Interessenskonflikte um teilbare Güter (Imbusch, Zoll 1999: 76). Im Nationalpark, dessen Zonierungen bereits das räumliche Konfliktpotential symbolisieren, treffen verschiedene soziale Akteure, Identitäten, Wertvorstellungen und Interessenlagen zusammen: „Das Konfliktpotential auf der ökologischen Ebene ist beachtlich“ (Zoll in Imbusch, Zoll 1999: 297). Bereits die anhaltenden Forderungen nach „nachhaltiger“ Regionalentwicklung und „integriertem“ Küstenmanagement im Wattenmeerraum weisen darauf hin, dass Konflikte zwischen sozialen, ökologischen und ökonomischen Interessen bestehen, die einer Lenkung bedürfen (Ziener 2003:136). Wertekonflikte als Resultat unterschiedlicher Vorstellungen des Verhältnisses von Mensch und Umwelt sowie Ziel- und Interessenskonflikte um die limitierte Ressource „Wattenmeer und Küste“ resultieren hier in divergierenden Raumansprüchen.

Die Konfliktparteien lassen sich grob vier Gruppen zuordnen (Tab.4), (1.) die nutzungseinschränkende Gruppe, die ökologische Belange in den Vordergrund stellt, (2.) die wirtschaftende Gruppe, die ökonomischen Interessen folgt, (3.) die erholungssuchende Gruppe, die den Naturraum erleben möchte, sowie (4.) die forschende Gruppe, die aus dem Naturraum Erkenntnisse gewinnen möchte. Nach Kundy lassen sich zwei gegensätzlich scheinende Einstellungen hinsichtlich der Nutzungsvorstellungen des Wattenmeeres ausmachen, auch wenn sich bei einer genaueren Konfliktanalyse natürlich ein differenziertes Bild der Konfliktparteien aufzeigt:

- Die Einstellung konservativer Küstenbewohner mit traditionell ausgerichtetem Blick, die ihrer Meinung nach schon immer naturgerecht gewirtschaftet haben (darunter Landwirte, Fischer, Jäger), und die demnach nutzungseinschränkende Verordnungen ablehnen, zumal wenn diese von außen und/oder der „grünen Seite“ kommen.
- Die Sichtweise vieler Forscher und Naturschützer, die eine Grenze der Belastbarkeit erreicht sehen und zunehmenden Nutzungsdruck des Wattenmeeres durch Nutzungsregulierungen auffangen möchten.

(Vgl. Kundy in Hahne 1990:31).

Tab. 4: Konfliktgruppen im Nationalpark.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Zusammenstellung.

Ein wichtiges Element der Konfliktdimensionen im Nationalpark ist das zwischen den Konfliktgruppen vorherrschende „bürokratisch-technische“ Gewaltverhältnis (Ziener 2005:91). So handelt als ausführendes Organ des Nationalparks die Nationalparkverwaltung, sie reagiert auf divergierende Nutzungsansprüche mit Dialog mit Vertretern unterschiedlicher Nutzungsinteressen; die meisten Regelungen und Austragungsformen werden dabei auf dem bürokratischen Weg durchgeführt.

Die Konfliktaustragung soll vor allem eine Eskalation vermeiden, die durch Missverständnisse und Defizite in Kommunikation und Information begründet sein können. Blockadehaltungen und der Rückzug aus persönlichen Gesprächen in Arbeitsgruppen in Folge gegenseitiger Enttäuschung sind dabei Anzeichen eines „kalten“ Konfliktaustrages, bei der es zu einem Stillstand des Austausches kommen kann. Dagegen äußert sich ein direkter Konfliktaustrag in erhitzten, emotionalen Debatten und Überlegenheitsgefühlen. Der Konfliktverlauf ist sowohl abhängig von der Kompetenz einzelner Beteiligter als auch von der umgebenen Organisationsstruktur und den dazwischen liegenden „Verzerrungen durch Emotionen, Rang und Macht“ (Ziener 2005: 23). Konfliktgegner weisen neben Divergenzen oft auch gleichgerichtete Interessen auf. Häufig werden daher „win-win-Strategien“ angewendet, bei denen die NP-Verwaltung in kleineren Konfliktpunkten z.B. für einheimische Nutzer Ausnahmen aushandelt, wodurch insgesamt die Kooperationskultur wächst und die Regelungen des NP besser akzeptiert werden. Durch die Zusammenarbeit während des Konfliktverlaufes können zudem neue gemeinsame Interessen gefunden werden, zumal durch die gemeinsame Identifizierung mit der Arbeitsgruppe eine neue, nicht auf Exklusion basierende Identitätskonstruktion stattfinden kann (Dietz in Bonacker 2002; Zick 2002). Hier wird bereits deutlich, dass eine stetige Konfliktbearbeitung eine notwendige Voraussetzung für eine Verbesserung der NP-Akzeptanz darstellt.

3.2 Konfliktursachen im NP-Konzept: Prozessschutz als Motor für Konflikte?

Grundgedanke des Nationalparks ist, das natürliche Ökosystem durch Reaktivierung seiner eigenen Dynamik zu stärken, was als Prozessschutz verstanden wird (vgl. Punkt 2.7). Begründungen für dieses Leitbild liegen einerseits in der Wertschätzung des Ökosystems als „Eigenwert“ für sich (NPG 1999), andererseits in der Hoffnung, dass die menschgemachten Funktionsschwächungen des Ökosystems durch eine Reduzierung der Eingriffe in die natürlichen Abläufe minimiert werden. Letzteres ist im Zusammenhang mit Vorstellungen nachhaltiger Entwicklung und der anthropogenen Abhängigkeit von funktionierenden Ökosystemen zu sehen.

Dass die natürliche Dynamik im Wattenmeer durch größtenteils künstliche Küstenlinien und vielfältige anthropogene Einträge, Störungen und Nutzungen bereits stark dezimiert worden ist, stellt sich als ein Grundproblem der Ziele des Prozessschutzes dar, ein Wildnisgebiet zu schaffen, zumal Maßnahmen des Küstenschutzes dem Naturschutz generell übergeordnet bleiben (NPG 1999: §2(2)). Die Nationalparke in Deutschland können aufgrund der starken menschlichen Überprägung generell lediglich sekundäre Wildnisgebiete schaffen, in denen die anthropogene (Über-)Nutzung wieder gemäßigt wird. Wildnis ist allerdings v.a. ein normativer Begriff für ein bestimmtes Verhältnis von Mensch und Natur; ein Leitbild, das auf Grund der Komplexität und Dynamik der Natur weder planbar noch mit erkennbarem Endzustand zu definieren ist.

Zu unterscheiden ist zwischen segregativem und integrativem Prozessschutz. Integrativer Prozessschutz erfordert den Eingriff des Menschen, um eine Kulturlandschaft zu bewahren (Böhmer 1999), wie es auf den Halligen im Biosphärenreservat Wattenmeer durchgeführt wird. Segregativer Prozessschutz im NP möchte menschliche Eingriffe aus dem Ökosystem heraushalten, was im viel genutzten Wattenmeer automatisch zu Konflikten führt und Kompromisse erfordert. Dieser Ansatz ist auch innerhalb des Naturschutzes umstritten. Aus ethischer Perspektive wird hier vielmals die „Verantwortung“ des Menschen für Umwelt und Schöpfung hervorgehoben, während im Prozessschutz Mitleid für einzelne Arten und die Pflege der Umwelt durch den Menschen zurückgestellt werden. Zufällige Störungen wie Prielverlagerungen, Sturmfluten oder massenhafte Bestandseinbrüche durch Krankheiten müssen im Sinne des Prozessschutzes akzeptiert werden. Hier zeigt sich auf, wie schwierig die Trennung von „natürlichen“ und „anthropogenen“ Störungen ist. Erstere werden als gewünscht, zweitere als vermeidenswert eingestuft, wobei die Ergebnisse sich ähneln können.

Ein Spagat zwischen dem Schutz der natürlichen Dynamik und der Bewahrung der Eigenarten des Wattenmeers, die beide im NPG fixiert sind, zeigt sich in vielen Bereichen - er wird ebenso deutlich bei der Frage des Umgangs mit neu einwandernden Arten und der Verdrängung traditioneller Wattorganismen wie der Miesmuschel, wie auch im Umgang mit kranken Tieren oder Seuchen. So wird der NP im Zusammenhang mit der Seehundsstaupe als Schützer der Robben wahrgenommen. 1988 sind zwei Drittel des Bestandes an der Krankheit gestorben. Ist dies nun Teil der natürlichen Dynamik oder die Reaktion auf zunehmende Belastung durch menschliche Einträge? Ein anderes Beispiel bilden isolierte Heuler, die an Land getrieben werden. Aus Prozessschutzsicht sollten sie den natürlichen Abläufen überlassen bleiben. Der Druck von Tierschutz und besorgten Touristen macht es aber notwendig, hier mit Seehundsstation und Seehundsjägern zusammenzuarbeiten. Ein weiterer konfliktreicher Punkt ist das Verhältnis der Leitbilder „nachhaltiger Entwicklung“ (NPG 1999: §2(3)) und „Prozesschutz“ zueinander (NPG 1999: §2(1)). Bätzing (2007) äußert sich dahin gehend, dass Prozessschutz nur in Sonderfällen als Leitbild nachhaltig ist, der Mensch ansonsten aber aufpassen sollte, durch freie Naturabläufe keine chaotischen Prozesse loszutreten. Der Nationalpark Wattenmeer eignet sich als Prozessschutz-Gebiet, weil die menschlichen Eingriffe hier keine neuen Standorte geschaffen haben, die artenreicher sind als im natürlichen Zustand.

Prozessschutz ist nicht zuletzt ein umstrittenes Konzept, da es von traditionellen Landnutzern mit Ungepflegtheit, Planungsunsicherheit und Kulturlosigkeit verbunden und abgelehnt wird (Böhmer 1999). Wildnis wird z.B. mit tierischem Dasein verbunden, welches der Mensch durch Kulturschaffung zu überwinden versucht. Diese Ansichten finden sich in allen Weltreligionen (Biehl 2005); so dass das Verhältnis von Mensch und Wildnis damit in einem gewissen Maße von diskursiven Identitäts- und Wertekonflikten bestimmt wird, die in ihrer Regulierung schwierig sind (vgl. Punkt 3.1). „Die Abneigung der Wildnis ist tief in uns verwurzelt“ (Decker 2000). Aus der Landwirtschaft kommt die Einsicht, dass unbebaute Erde ohne Beackerung keine Früchte trägt. Ähnliche Wahrnehmungen von Kulturlandschaft haben Deichschäfer bezüglich beweideter Salzwiesen. Prozessschutz als NP-Leitbild ist damit durch gesellschaftliche Vorstellungen und Bewertungen von Wildnis, sowie durch die Problematik, wie in einer kulturell überprägten Landschaft mit vielfältigen Nutzungen überhaupt anthropogene Einflüsse minimiert werden können, konfliktär.

3.3 Divergierende Wahrnehmungen von Nationalpark, Küste und Wattenmeer

Starke Sturmfluten im Juni 2007 haben dazu geführt, dass im Vorland der nordfriesischen Küste große Zahlen von Jungvögeln ertrunken sind (vgl. Dithmarscher Landeszeitung 2007; Landesamt 2007b). Der Bürgermeister von Friedrichskoog sagte in Reaktion darauf: „Der Nationalpark bringt uns nichts, nur Tod und Arbeit“. Er führte die hohe Zahl der ertrunkenen Vögel darauf zurück, dass die Beweidung der Salzwiesen im Nationalpark eingestellt wurde, die Tiere sich daher im „Gestrüpp“ nicht orientieren und deichaufwärts flüchten konnten. Die NPV reagierte: „Hohe Wasserstände mit Landunter gehören zur Natur unseres Lebensraumes“; außerdem hätten sich die Vogelbestände seit der Gründung des NPs 1985 erheblich erhöht (Landesamt 2007b).

Nicht nur anhand dieses exemplarischen Falls, auch in der Debatte um Vogelschutzgebietsausweisungen auf der Halbinsel Eiderstedt wird deutlich, dass der Nationalpark mit seinem Wildnis-Schutzkonzept von „Betroffenen“ immer wieder als „Schuldiger“ für bestimmte Ereignisse und Entwicklungen wahrgenommen wird. Bis heute bestehen in Nationalparken Konflikte zwischen verschiedenen Leitbildern im Umgang mit der Natur. Auch im NP Wattenmeer ist der Prozessschutz schwierig zu vermitteln (Hahne 1995: 7ff). Dies hängt mit normativen und tradierten Vorstellungen von Wildnis zusammen – Wildnis gilt traditionell als negativ und Abwesenheit von Kultur (siehe Punkt 3.2). Die Einstellung zu frei ablaufenden Naturprozessen ist dagegen in allen deutschen Nationalparkverwaltungen übergreifend positiv; der Natur soll mehr Platz gegeben werden: „Wir Menschen versuchen seit Jahrtausenden, die Natur in ein Korsett zu zwingen“ (NPV Bayerischer Wald 2007:10). Auf diskursivem Weg wird damit von den NPV versucht, eine Sicht auf die Natur und ihre Abläufe zu vermitteln, die sich von tradierten Vorstellungen unterscheidet. Nicht zuletzt deswegen wird in der Akzeptanzforschung das Verständnis für den Nationalparkgedanken als „Generationenfrage“ verstanden. „In ihren Anfängen wurde die Forstwirtschaft auch abgelehnt. Heute ist sie normal“ (mündliche Aussage NP-Mitarbeiter 2007).

Die akteursspezifisch unterschiedlichen Wahrnehmungen der Küste und des Mensch-Natur-Verhältnis führen zu Befürchtungen, Ängsten, Verständnisschwierigkeiten, Nutzungseinschränkungen, unterschwelligen Vorbehalten und Missverständnissen und sind damit wichtige Konfliktmotoren im Nationalpark (Hahne 1995: 1, 4).

Naturvorstellungen sind soziale Konstrukte (Glaeser 2005: 18), die im Diskurs zwischen Wissenschaft und Medien, durch Erfahrungen, Normen, Werte und andere kulturellen Einflüsse entstehen. Grundlage der Konflikte im Wattenmeer sind damit gesellschaftliche Diskurse: was ist das Wattenmeer, was Küste, was der Wert von Natur? Der Diskurs ist dabei nutzenorientiert und basiert auf emotionalen und wertenden Wahrnehmungen. Im Kern steht die Frage, welche Nutzung des Wattenmeeres angestrebt wird: eine Nichtnutzung, nachhaltige (restriktive) Nutzung, liberale Nutzung? Der Nationalpark lässt sich in diesem Sinne verstehen als gesellschaftspolitische Antwort auf die Frage, welche Nutzung des Wattenmeeres gewünscht ist.

Im Projekt „Küstenbilder, Bilder der Küste: Darstellung der soziokulturellen Realität von Küste“ der Universität Hamburg wurden verschiedene Vorstellungen und Konstruktionen von Küste untersucht (Settekorn 2007); mit dem Ergebnis, dass vor allem zwei verschiedene Konzeptionen dominieren – eine wissenschaftliche und eine alltäglich-gesellschaftliche. Somit ist die Forschung im Wattenmeer nicht neutral, sondern kann selbst Teil konfliktschaffender Situationen sein, da bestimmte Akteure und Argumente durch Wissenschaftler gestärkt werden, worauf andere Konfliktparteien ablehnend reagieren (Bruckmeier in Glaeser 2005: 72). Die Forscher lassen sich damit als Konfliktgruppe klassifizieren (vgl. Punkt 3.1). Die Dominanz der Wissenschaft im Nationalpark wurde von vielen Konfliktparteien häufig als einschüchternd und ablehnend wahrgenommen (Hahne 1995: 10), während sich die Wissenschaftler als neutral einschätzen. In der naturwissenschaftlichen Forschung im Rahmen von Küsten- und Meeresforschung nimmt der Nationalpark als Schutzkonzept eine Nebenrolle ein, bedeutend ist hier v.a. der Aspekt des NP-Gesetzes, der die Erforschung und das Monitoring möglichst unbeeinflusster Naturprozesse zum Ziel hat (NPG 1999, § 7(2)). Hier stehen Modellierungen einzelner Systemkomponenten des Wattenmeeres im Vordergrund; Gefährdungen des Wattenmeeres und damit des Nationalparks werden dabei auch erforscht, was die Wahrnehmung und Bewertung verschiedener Nutzungen beeinflusst. Die Wattküste wird aus dieser Perspektive allgemein als dynamisch-komplexer, empfindlicher Naturraum wahrgenommen, dessen starke natürliche Variabilität Vorhersagen und Verständnis des Systems erschwert. Eine Annäherung an den Raum erfolgt methodisch durch Rekonstruktionen und Szenarien. Die kultur- und sozialwissenschaftliche Forschung räumt dem Nationalpark eine eigenständige, Raum prägende Realität neben anderen Küstenkonstruktionen ein und untersucht seine Funktionen für Tourismus und Raumentwicklung. Hier wurden Nationalparke anfangs primär als Konflikträume wahrgenommen – Konflikte zwischen Tourismus und Naturschutz waren die offenkundigsten Divergenzen zwischen Ökonomie und Ökologie (vgl. Habrich 1999, Klug und Klug 1994, Ziener 2003). Mit der Weiterentwicklung und Etablierung des Nationalparkkonzeptes entwickelte sich die Akzeptanzforschung heraus, die sich mit der Frage befasste, wie ein Nationalpark in der Region wahrgenommen und von einheimischer Bevölkerung sowie Besuchern mit seinen Einschränkungen umgegangen wird (vgl. Rentsch 1986, Job 1996, Schreiber 2000). Jüngste Aspekte der Nationalparkforschung beziehen sich auf die Potentiale der Schutzgebiete für ländliche Entwicklung, Ökotourismus, Wirtschaft und Marketing (vgl. u.a. Klapf 2005; Obenaus 2005; Popp 2002), wobei dem NP eine positive Rolle zugeschrieben wird.

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Details

Seiten
139
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783842813946
Dateigröße
3.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v228487
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Geographie
Note
2,3
Schlagworte
nationalpark wattenmeer konflikt konfliktanalyse schleswig-holstein

Autor

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Titel: Entwicklungsperspektiven für den Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer unter besonderer Berücksichtigung bestehender Nutzungskonflikte und Gefährdungen