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Kritische Männlichkeitsforschung

Männlichkeiten und Männlichkeitsvorstellungen am Beispiel von Jungen mit kurdischem Migrationshintergrund in Österreich

Diplomarbeit 2011 115 Seiten

Soziologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Einleitung

II Geschichte der Männlichkeitsforschung

III Die soziale Konstruktion von Männlichkeit
Die feministische Theorie

IV Männlichkeitsforschung
Der soziale Habitus
Hegemoniale Männlichkeit

V Untersuchungsdesign
Geschlechterforschung und qualitative Methoden
Fragestellung der Untersuchung und Forschungsansatz
Das narrative Interview
Die Interviewpartner und ihre Rekrutierung

VI Darstellung der Ergebnisse
Auswertungsmethode
FreundInnen und Freizeitgestaltung
Resümee
Männlichkeit und Gewalt
Resümee
Männlichkeit und Ehre
Resümee
Männlichkeit und Homophobie
Resümee

VII Zusammenfassung und Forschungsausblick

VIII Literatur

IX Anhang
Die Regeln der Transkription
Zusammenfassung
Lebenslauf

I Einleitung

Es ist eine unübersehbare Tatsache, dass die Wissenschaftstradition des Westens sehr lange von Männern und Männlichkeit dominiert wurde. Obwohl die Wissenschaft ganz lange ein männliches Territorium war, gibt es sehr wenige Forschungen die sich explizit mit Männerrollen und Männlichkeiten beschäftigen. Vor allem auch aus dem Grund, weil männliche Lebensmuster und Denksysteme zu einem Universalanspruch erhoben wurden, der nicht explizit erforscht werden musste.

Wenn man über einige Ausnahmen im Mittelalter hinwegsieht, wurden Frauen erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts, nach einem langen Kampf in der Wissenschaft zugelassen. Zu dieser Zeit „waren Vorstellungen von Geschlecht und Geschlechtlichkeit bereits aus männlicher Perspektive vorgedacht“ (Becker-Schmidt 2002, 14). Die Frauenbewegung hatte also in erster Linie die Aufgabe „Breschen in die Konstruktionen männlicher Weltanschauung [zu] schlagen", (Becker-Schmidt 2002, 14). Für die Frauenforschung war es im Laufe der Zeit unumgänglich die gesellschaftliche Rolle des Mannes, die in der Vergangenheit kaum thematisiert wurde, zu hinterfragen und ihre Veränderung einzufordern.

In den siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts richtete sich, vor allem ausgelöst durch die Frauenbewegung und durch die Transformation der Geschlechterordnung, die Aufmerksamkeit immer mehr auch auf Männer. Die Zugehörigkeit der Männer „zum Kreis der privilegierten Wirklichkeitsgestallter“ (Meuser 2000, 49) wurde nicht mehr als selbstverständlich und unveränderbar hingenommen. Es bildeten sich Männergruppen, die sich die Frage nach den Konstitutions- und Reproduktionsbedingungen von Männlichkeit stellten und Forschungen zu Männlichkeit publizierten[1]. Mittlerweile besteht ein Interesse am Thema Mann und Männlichkeit, auch wenn nur langsam entwickelt sich inzwischen auch die “andere Seite" des Geschlechterverhältnisses, die Männerforschung.

Diese Entwicklung geht aber in vielen Bereichen zaghaft voran. Obwohl es beispielsweise dutzende Publikationen[2] über kurdische Frauen, die kurdische Frauenbewegung und Gender in der kurdischen Gesellschaft gibt, existiert kein einziges Buch, welches sich explizit mit dem Thema Männlichkeit in Kurdistan oder bei Kurden beschäftigt. Dieser Umstand hat mein Interesse erweckt und mich dazu bewegt eine Forschung in diesem Bereich zu unternehmen.

Die vorliegende Diplomarbeit beschäftigt sich mit dem Thema Männlichkeiten und Männlichkeitsvorstellungen am Beispiel von Jungen mit kurdischem Migrationshintergrund in Österreich. Mir war von vornherein bewusst, dass es unterschiedliche Formen von kurdischer Identität und verschiedene Typen von Männlichkeit gibt. Es ist nicht das Ziel dieser Arbeit „die Männlichkeit in der kurdischen Gesellschaft“ zu erforschen oder den kurdischen Mann darzustellen, vielmehr geht es darum am Beispiel einiger Interviewpartner Männlichkeitsbilder und -typen bei Jungen mit kurdischem Migrationshintergrund aufzuzeigen und zu beschreiben.

Schließlich existieren auch bei dieser Zielgruppe verschiedene Männlichkeitstypen, die sich in vielen Punkten unterscheiden und in einem hierarchischen Verhältnis zueinander stehen. Jungen mit kurdischem Migrationshintergrund stellen weder in Bezug auf ihre Identität noch in Bezug auf ihre Männlichkeit eine homogene Gruppe dar. Sie haben unterschiedlichste Hobbies und Interessen, verschiedene politische Einstellungen, gestalten ihre Freizeit individuell und haben mannigfaltige Vorstellungen von Männlichkeit. Das Hauptaugenmerk bei dieser Diplomarbeit liegt auch darin, die Strukturen männlicher Herschafft zu erkennen und sichtbar zu machen, um diese besser zu verstehen.

In dieser Diplomarbeit geht es auf der einen Seite darum, Widersprüche und Dynamiken innerhalb des sozialen Geschlechts zu analysieren und sichtbar zu machen und auf der anderen Seite zu erforschen, wie Männlichkeit bei Jungen mit kurdischem Migrationshintergrund gelebt wird, welche Typen von Männlichkeiten sich herausbilden und wie groß der Einfluss der Herkunfts- und Mehrheitsgesellschaft ist. Der Schwerpunkt bei der Erforschung von Männlichkeitstypen liegt vor allem im Freizeitverhalten und den Freundschaftskreisen der Jungen. Diese beiden Ebenen lassen sehr viele Rückschlüsse über Männerbilder und Männlichkeitsvorstellungen von Jungen zu. In weiteren Schritten wird der Einfluss des Ehrbegriffes auf die verschiedenen Männlichkeitstypen aufgezeichnet und das Verhältnis von Männlichkeit und Gewalt sowie Männlichkeit und Homophobie unter die Lupe genommen.

Was den Aufbau der vorliegenden Arbeit betrifft, lässt sich diese in vier große Teilbereiche unterteilen. Im ersten Teil wird der theoretische und historische Hintergrund der Männlichkeitsforschung behandelt. Es wird versucht die Diskurse in der Männlichkeitsforschung in einem historischen Kontext zu erklären und hier vor allem auf die Rolle und den Beitrag der Frauenforschung einzugehen. Es werden gängige und zentrale Theorien in den aktuellen Debatten über Männerforschung besprochen und diskutiert. Hier wird vor allem auf den sozialkonstruktivistischen Ansatz und das Konzept der hegemonialen Männlichkeit von Robert W. Connell[3], sowie auf das Habituskonzept von Pierre Bourdieu näher eigegangen.

Im zweiten, empirischen Teil der Arbeit wird durch zahlreiche Beispiele geklärt, warum für die Geschlechterforschung allgemein und für die vorliegende Arbeit im speziellen qualitative Methoden mehr in Frage kommen als quantitative. Nach langen Überlegungen habe ich mich für die qualitative Forschungsmethode und im speziellen für die Erhebungsmethode des narrativen Interviews entschieden. Weil es sich bei der vorliegenden Diplomarbeit um eine explorative Forschung handelt, war es sehr naheliegend narrative Interviews zu machen. Insgesamt wurden in drei Bundesländern fünf Jungen mit kurdischem Migrationshintergrund, die zwischen 17 und 19 Jahre alt sind zu den Themen Männlichkeit, Homosexualität, Gewalt, Freunde, Freizeit, Familie uvm. befragt.

Für die Auswertung des erhobenen Materials wurde das Verfahren der zusammenfassenden Inhaltsanalyse nach Mayring (2008) ausgewählt. Die zusammenfassende Inhaltsanalyse hat Kommunikation zum Gegenstand, die in der Regel durch Sprache erfolgt, aber auch durch Musik, Bilder, Gestik und Mimik entstehen kann. Die Inhaltsanalyse wurde bei der Auswertung vor allem auch deshalb angewendet, weil sie das Material so weit reduziert, dass die wesentlichen Inhalte erhalten bleiben und durch Abstraktion ein überschaubares Corpus geschaffen wird, welches immer noch ein Abbild des Grundmaterials bildet (Mayring 2008).

Im dritten und letzten Teil der Arbeit werden die Ergebnisse der Interviews präsentiert. Hier wird auf das Freizeitverhalten und die Freundesgruppe der Jungen eingegangen, wobei es in erster Linie darum geht zu erforschen, welche Räume sie beanspruchen, was sie in ihrer Freizeit unternehmen und wie ihre Kontakte zu Frauen gestaltet werden. An dieser Stelle werden vor allem die Handlungsmuster, der Zugang zu gesellschaftlicher Macht, Männlichkeitstypen und der Einfluss der Familie und der Gesellschaft auf diese Eigenschaften analysiert.

Im weiteren Verlauf nehme ich die Jungen, als Täter- und Opfer von Gewalttaten physischer- oder psychischer Art, in den Blick und versuche zu erklären, warum Jungen häufiger mit Gewalt konfrontiert werden, welche gesellschaftliche Funktionen Gewalt für Jungen hat, welche Rolle die Sozialisation dabei spielt und was Gewalt für Jungen bedeutet. Bei dem Thema Gewalt geht es vor allem auch darum sich anzuschauen, ob ein Zusammenhang zwischen Gewalt und Männlichkeit besteht und wie das von den Jungen mit kurdischem Migrationshintergrund wahrgenommen wird.

Weiters ist von Interesse, was die Interviewpartner unter dem Begriff der Ehre verstehen, was sie damit verbinden und welchen Einfluss die Ehre auf die Gestaltung ihrer Männlichkeitsvorstellungen hat. Anschließend wird analysiert, was die Interviewten über Homosexualität denken und wie Männlichkeit und Homophobie zusammen wirken. Zuletzt werden die Ergebnisse der vorliegenden Diplomarbeit zusammen gefasst und vergleichend diskutiert.

II Geschichte der Männlichkeitsforschung

„Männlichkeit ist allgegenwertig und eingegossen in die sozialen Beziehungen. Wir müssen Veränderungen dieser sozialen Beziehungen untersuchen, wenn wir die geschichtliche Dimension von Männlichkeit erkennen wollen“,

schreibt der australische Männerforscher Connell (2006, 48). Die Frauenforschung hat sich in den letzten Jahrzenten zur Geschlechterforschung[4] entwickelt und sowohl auf der wissenschaftlichen- und politischen-, als auch auf der gesellschaftlichen Ebene zahlreiche Erfolge erzielt. Die unter dem Einfluss feministischer Theoriebildung stehende Frauenbewegung hat einen gesellschaftlichen Transformationsprozess initiiert, der bis heute andauert. Die Forderungen der Frauenbewegung stellen bisher kaum hinterfragte und als universell dargestellte Auffassung von männlicher Herrschaft in Frage.

Ab Ende der 1960er strebte die Frauenbewegung nicht nur Chancengleichheit und Gleichbehandlung im öffentlichen und privaten Bereich, sondern auch eine radikale Transformation der gesellschaftlichen Strukturen und des Staates an. Frauen wollten sich in allen Lebensbereichen von Männern emanzipieren und ihren eigenen, separaten Weg gehen. Sie begannen sich in den verschiedensten Lebensbereichen zu organisieren, um ihre gesellschaftliche Lebenssituation, ihre Gefühle, Bedürfnisse und Ängste aufzudecken. Frauen nahmen sich als Opfer der männlichen Herrschaftsstrukturen wahr, welche sich in häuslicher und institutioneller Gewalt niederschlägt. „Daher fingen sie an, Männer konfrontativ zu kri­tisieren und schonungslos ihre gesellschaftliche Position zu hinterfragen. Manche erklärten ‚den Mann’ per se zum Feind und das Patriarchat zum Grundübel der Gesellschaft“ (Schölper 2008, 3).

„Indem Frauen begannen, sich selbst zu definieren und sich dem Zugriff von Männern, die über Jahrhunderte hin­weg bestimmt hatten, was und wie Frauen seien, zuneh­mend entzogen, verloren Männer nicht nur immer mehr Macht über Frauen, ihnen kam auch das Wissen darüber abhanden, was sie denn selbst eigentlich seien.“ (Spannbauer 1999 zit. nach Schölper 2008, 3)

Die Rolle des Mannes, die in der Vergangenheit kaum thematisiert wurde, wird nun hinterfragt und ihre Veränderung vor allem von der Frauenbewegung verlangt. Nur langsam entwickelt sich auch die ‚andere Seite‘ des Geschlechterverhältnisses, die Männerforschung. Die „Frage nach den Konstitutions- und Reproduktionsbedingungen von Männlichkeit gewinnt zunehmend an Bedeutung“ (Döge und Meuser 2001, 7). Trotzdem ist aber die Männerforschung sehr träge und entwickelt sich nur sehr langsam. Durch den großen Einfluss der feministischen Theorie ist die Sozialwissenschaft mittlerweile zu der Erkenntnis gekommen, dass sich die Geschlechterordnung ohne die Einbeziehung der dominierenden Seite des Geschlechterverhältnisses – nämlich der Männer – nicht vollständig erforschen lassen kann. Darum will ich an dieser Stelle kurz erläutern, wie es zu dieser Einsicht gekommen ist und welche Kontinuitäten und Diskontinuitäten die wissenschaftliche Forschung der Männlichkeiten im 20. Jahrhundert und im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts beeinflusst haben.

Connell (2006, 25) schreibt in seiner empirischen Arbeit mit dem Titel „Der gemachte Mann: Konstruktion und Krise von Männlichkeiten“, dass es im Verlauf des 20. Jahrhunderts drei bedeutende Ansätze für eine Männlichkeitswissenschaft gab. Einer dieser Ansätze „stützte sich auf klinisch-therapeutisches Wissen, wobei die entscheidenden Ideen aus der Psychoanalyse stammten“ (Connell 2006, 25). Eine wichtige Entdeckung dieses Ansatzes, für die Geschlechterforschung im allgemeinem und die Männerforschung im speziellen, war die Trennung zwischen Sexualität und dem sozialen Geschlecht.

Sigmund Freud ging davon aus, dass Menschen im Grund genommen bisexuell auf die Welt kommen und „männliche und weibliche sexuelle Anlagen in jedem menschlichen Wesen koexistieren“ (Kreisky 2007, 2). Er war der Auffassung, dass „Sexualität und soziales Geschlecht nicht naturgegeben sind, sondern in einem langen und konfliktreichen Prozeß erst konstruiert werden“ (Connell 2006, 27). Erwachsene Männlichkeit ist nach Freud eine komplexe und prekäre Konstruktion. Die Tiefenpsychologie Sigmund Freuds kann als eine kritische Gesellschaftsanalyse gesehen werden. Obwohl Männlichkeit nicht systematisch erörtert wird, kann Freuds Arbeit als „Anfangspunkt modernen Denkens über Männlichkeit gelten“ (Kreisky 2007, 1), weil er fast nur die männliche Entwicklung beschrieben hat.

Ein zweiter Ansatz, der aus der Sozialpsychologie stammt, konzentrierte sich auf die äußerst populäre Theorie der „Geschlechterrolle“. Durch das Konzept der Geschlechterrolle machte man den ersten Versuch in Richtung einer Sozialwissenschaft der Männlichkeit. „Eine Rolle besteht aus einem Bündel von Verhaltenserwartungen und Einstellungen, von Pflichten und Privilegien“ (Joas 2007, 124). Der Begriff der „Rolle“ ist der Welt des Theaters entlehnt und beschreibt, wie man in bestimmten Positionen denken und handeln soll. Rollen werden erlernt, gespielt, sind wandelbar und stellen eine Vermittlung von Individuum und Gesellschaft her. Geschlechterrollen werden als eine kulturelle Ausformung der biologischen Geschlechterunterschiede verstanden. „Ein Mann oder eine Frau zu sein bedeutet, ein allgemein erwartetes Set von Verhaltens- und Einstellungsweisen auszuführen, die dem jeweiligen Geschlecht angemessen erscheinen“ (Kreisky 2007, 6).

Die Rollentheorie geht von einer männlichen und einer weiblichen Geschlechtsrolle aus, die in der Sozialisation gelernt und internalisiert werden. Talcott Parsons (vgl. 1968) zum Beispiel leitet die Rolle der Frau und des Mannes durch ein soziologisches Gesetz ab, indem er sich die Funktionen der Frau und des Mannes in der Familie anschaut und die Geschlechterrolle nach deren Funktionen definiert. Verinnerlichte Geschlechterrollen wurden nach der Rollentheorie als Grund für eine konfliktfreie Sozialisation, als „Beitrag zur sozialen Stabilität, psychischen Gesundheit und Aufrechterhaltung notwendiger sozialer Funktionen“ (Connell 2006, 42) gesehen. Dieser Ansatz wird vor allem von Feministinnen sehr kritisiert, weil er für die Frauen keine andere Möglichkeit ins Auge fasst und die Rolle der Hausfrau und somit die Unterordnung der Frauen sowie die Herrschaft der Männer als funktional und notwendig einstuft. Es wurde auch kritisiert, dass die Geschlechterrollentheorie reduktionistisch ist, weil sie Geschlechterrollen auf zwei homogene Kategorien reduziert, somit die Situation homosexueller Männer übersieht (vgl. Kreisky 2007).

Der dritte Ansatz, der eine neue Herangehensweise an Männlichkeit entwickelte, stützte sich auf neuere Entwicklungen in der Anthropologie, Geschichte und Soziologie. Zur Geschichtswissenschaft ist zu sagen, dass Ende der 1970er Jahre mehrere WissenschafterInnen, vor allem Frauen, anfingen die Geschichte der Männlichkeit neu zu erforschen und dabei eine Kritik an der männlich dominierten Geschichtsschreibung zu üben, die sich nur mit reichen und berühmten Männern auseinandersetzte (vgl. Connell 2006, 47) und eine Geschichte der Krieger, Kämpfer, Helden und Herrscher darstellte. Im weiteren Verlauf dieser Arbeit werde ich noch näher auf diese Entwicklungen in der Anthropologie, Soziologie und Politikwissenschaft eingehen.

Anfang der 1970er Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts wurde vor allem ausgelöst durch die Frauenbewegung und durch die Transformation der Geschlechterordnung begonnen die Aufmerksamkeit immer mehr auf Männer zu richten. Die Zugehörigkeit der Männer „zum Kreis der privilegierten Wirklichkeitsgestallter“ (Meuser 2000, 49) war zu keiner Zeit belanglos , aber erst durch die Frauenbewegung wurde sie nicht mehr als selbstverständlich und unveränderbar angenommen. Im Laufe der Entfaltung der feministischen Theorie, vor allem in den Geistes- und Kulturwissenschaften, hat sich die Frauenforschung zur Geschlechterforschung entwickelt. Es entstand eine kritische Herangehensweise an die Kategorie Männlichkeit, die mit all ihren Herrschaftsverhältnissen und ihrer Unterdrückungspolitik ins schwanken geriet (vgl. von Schnurbein 2001). Ausgelöst durch die Kritik der Frauenforschung wurden Männer und Männlichkeit immer mehr zu einem zentralen Thema der Geschlechterforschung sowie zu einem wissenschaftlichen Feld, welches neu erfasst und kritisch hinterfragt werden musste. In dieser Zeit fand auch der schärfste Bruch mit dem Geschlechterrollenparadigma statt. Ein wichtiger Aspekt ist hierbei die Feststellung, dass das soziale Geschlecht nicht von vornherein festgelegt ist, sondern durch soziale Interaktionen entsteht. Beeinflusst von den Entwicklungen in der Frauenforschung, die im Wissenschaftssystem immer mehr an Bedeutung gewannen, „riskierten Männer einen ersten reflexiven Selbstbezug auf sich selbst“ (Janshen 2000, 13). Es entstanden Männergruppen und Männerbüros, die stark von den Argumentationen der Frauenbewegung beeinflusst waren und „ihre Arbeit als patriarchatskritisch und antisexistisch verstanden“ (Brandes 2002, 16). Es entwickelte sich eine stark politisch motivierte, von den Argumenten der Frauenbewegung beeinflusste, theoretische Patriarchatskritik (vgl. Brandes 2002 und Janshen 2000).

1969 wurde in den USA, in Berkeley die erste Männergruppe gebildet und gleich darauf wurden auch schon die ersten kritischen Zeitschriften und Bücher von Männern über Männer und Männlichkeit geschrieben, die zu Beginn der 1970er Jahre erschienen (vgl. Döge 2002, 1). Die Anfänge der Forschung und des Diskurses über Männlichkeit, Ende der 1970er Jahre waren gezeichnet durch oftmals bildhafte Konstruktionen von männlichen Defiziten. Traditionen und Geschlechterrollen, die als selbstverständlich und naturgegeben bezeichnet wurden, wurden gezielt in Frage gestellt und die privilegierte Position der Männer Schritt für Schritt entlarvt. Die männliche Hegemonie wurde in sämtlichen Interaktionsprozessen und in den verschiedensten Bereichen des Lebens entdeckt und mit nachdrücklichen Worten kritisiert. So schrieb Volker Elis Pilgrim (1983, 5 zitiert nach Janshen 2000, 14) in seinem „Manifest für den freien Mann“:

„Der Mann ist unfrei, abhängig, unselbständig. Das zu erkennen verlangt eine neue Denkweise. Die Unfreiheit des Mannes äußert sich zweifach. Der Mann ist innerlich - psychisch - und - äußerlich gesellschaftlich unfrei. Die Unfreiheit verdeutlicht sich in Zwangsverhaltensweisen, in einer ununterbrochenen Widerkehr von Handlungen und Unterlassungen in unabänderlichen geistigen Haltungen, in der Erstarrung eines Selbstbild.“

Es ist wichtig an dieser Stelle noch einmal festzuhalten, dass die Männerforschung seit ihren Anfängen bei den Untersuchungsergebnissen und Theorien der Frauenforschung angesetzt hat und sich deren Erkenntnissen bedient hat. Obwohl das öffentliche und wissenschaftliche Interesse an der Forschung von Männlichkeit immer mehr steigt und obwohl immer mehr Forschungen über Männlichkeit und Männerbilder durchgeführt werden, kann man zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch immer nicht von einer Institutionalisierung der Männerforschung sprechen. Auch im anglo-amerikanischen Raum, in dem die sogenannten „men’s studies“ mittlerweile eine 25 bis 30-jährige Geschichte zurückgelegt haben, ist man nach wie vor von einer Institutionalisierung entfernt (vgl. Döge und Meuser 2001).

Mitte der 1970er Jahre gab es in den USA schon die ersten Hochschulkurse, die men’s studies anboten. „Allerdings haben sich die men’s studies erst in der ersten Hälfte der achtziger Jahre langsam als eigenständiges Forschungsgebiet herausgebildet und wurden 1991 bereits in ca. 400 Kursen an US-amerikanischen Hochschulen angeboten“ (Walter 2001, 13). Die amerikanischen men’s studies hatten mehr als zehn Jahre Vorlauf gegenüber der deutschsprachigen Entwicklung der Männerforschung. Im deutschsprachigen Raum konnte sich die kritische Männerforschung, ungeachtet der Entwicklungen in den USA, lange Zeit nicht institutionell behaupten. Zwischen 1985 und 1993 gab es den „Arbeitskreis Antisexistische Männerstudien“, „welchem fast ausschließlich Männer angehörten, die in der profeministischen Männerbewegung aktiv waren“ (Walter 2001, 16). Ziel war es vor allem das Patriarchat und die erkannte Herrschaft der Männlichkeit kritisch zu durchleuchten und die Abschaffung von herkömmlichen Rollenzuschreibungen durch eine Neuformulierung von Werten, Normen und Lebenseinstellungen zu ersetzen.

Man war vor allem auf der Suche nach einer neuen Männlichkeit, die sich von patriarchalen Herrschaftsstrukturen und der Unterdrückung der Frauen distanziert. Neben der profeministischen, antisexistischen Richtung der Männerbewegung entstanden von Schnurbein (2001, 14) zufolge „in den achtziger Jahren aber auch Zweige der Bewegung, die sich auf eine Rückbesinnung auf männliche Identität oder auf Rechte des Mannes konzentrierten, populär wurde insbesondere die von Robert Blys Buch Eisenhans inspirierte sogenannte mythopoetische Männerbewegung“. Obwohl die Männerforschung bis vor einiger Zeit nur vereinzelt stattfand, hat sich dieser Zustand seither sehr verändert. Mittlerweile gehören die men’s studies zum „State of the Art“ der Geschlechterforschung (vgl. Meuser 2009, 161).

Es werden jetzt an einigen Hochschulen Lehrveranstaltungen oder Forschungen zu den Themen der kritischen Männerforschung durchgeführt (vgl. Brandes 2002). Diese sind aber noch immer eine Ausnahme und keineswegs die Regel. Das wachsende Interesse für den Mann ist aber nicht nur auf die sozialwissenschaftliche Wissensbegierde zurückzuführen. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufmerksamkeit in unterschiedlichsten Handlungsfeldern zu beobachten. Seit mehreren Jahren ist eine zunehmende Aktualität des Themas ‘Mann‘ in den Massenmedien und ein starker Zuspruch bei einschlägigen Seminaren, „Workshops, Gesprächskreisen und sonstigen Veranstaltungen staatlicher, kirchlicher oder sonstiger Institutionen politischer Bildung“ (Döge und Meuser 2001) zu beobachten.

Obwohl bis zum jetzigen Zeitpunkt kein allseits anerkanntes Paradigma für die Männerforschung besteht, haben sich einige Gemeinsamkeiten auf der theoretischen Ebene herauskristallisiert. Das sind nach Connell (vgl. 2006, 55), die Erkenntnis, dass Männlichkeit im Alltag konstruiert wird, ökonomische und institutionelle Strukturen eine große Rolle bei der Geschlechterungleichheit spielen, verschiedene Formen und Typen von Männlichkeit existieren und dass es Widersprüche und Dynamiken innerhalb des sozialen Geschlechts gibt.

Es ist aber immer noch eine Tatsache, dass die Männerforschung der Frauenforschung seit ihren Anfängen immer hinterher hinkt. Seit Mitte der 1980er Jahre finden in der Frauenforschung eine zunehmende Professionalisierung und eine boomende Institutionalisierung statt. Die Frauenbewegung gewinnt immer mehr an Eigenständigkeit und konnte sowohl in den Forschungseinrichtungen, als auch auf anderen gesellschaftlichen Ebenen Reformen zu Gunsten der Frauen bewirken (vgl. Janshen 2000). Im Gegensatz dazu entwickelt sich die Männerbewegung eher langsam und ist nicht zu einem vergleichbaren gesamtgesellschaftlichen Thema geworden, ist also nur in universitären Kreisen zu finden.

Was macht aber die Männerforschung, wie soll diese methodisch und theoretisch vorgehen und was sind Ihre Aufgaben? Diese und ähnliche Fragen stellen sich fast alle Wissenschaftler, die in diesem Bereich forschen immer wieder. Goffman ist der Meinung, dass sich der Soziologie der Männlichkeit die Aufgabe stellt „vor dem Hintergrund der skizzierten Veränderungen im „Arrangement der Geschlechter“ (Goffman 1994 zitiert nach Meuser 2000, 49) eine herrschaftskritische Position einzugehen. Die Männerforschung hat die Aufgabe die Strukturen männlicher Herschafft zu erkennen und sichtbar zu machen, um dagegen anzukämpfen. Die Sozialwissenschaften haben Bourdieu (1997, 226) zu folge vor allem auch den Auftrag die traditionellen hegemonialen Strukturen der Männlichkeit sichtbar zu machen und den Standpunkt des Mannes der „Evidenz des Selbstverständlichen“ zu berauben (siehe Kapitel IV).

Vor allem auf Grund der Entstehung der Männerforschung, die ja die Folge einer breitgetragenen sozialen und politischen Bewegung war, ist sie zum größten Teil sozialwissenschaftlich gerichtet und verstehet sich als ein Teil der Geschlechterforschung. In der Politikwissenschaft sind aber trotzdem ein großer Mangel und ein verhältnismäßig großer Rückstand verbunden mit einer auffälligen Trägheit im Bezug auf die Reflexion der Männlichkeitsforschung zu beobachten. „Mit Abstand am wichtigsten, was Originalität und intellektuelles Vermögen angeht, sind jedoch die Männlichkeitsanalysen zweier oppositioneller Bewegungen, nämlich der Schwulen- und der Frauenbewegung“ (Connel 2006, 59).

Obwohl sich die Frauenforschung nach Jahrzehnte langen Auseinandersetzungen in der Politikwissenschaft schon langsam etabliert und institutionalisiert hat, ist die Männerforschung im Vergleich zu anderen sozialwissenschaftlichen Richtungen, wie Soziologie und Ethnologie noch immer sehr zurückhaltend. Vor allem die zentralen Begriffe der Politikwissenschaft wie Hierarchie, Staat, Öffentlichkeit, Macht, Institutionen usw. zeigen uns den Umfang und die Facetten der maskulin strukturierten und maskulin beherrschten Welt ganz klar und deutlich. Seitens der Frauenforschung wird diese Herangehensweise sehr oft und auf verschiedensten Ebenen kritisiert (vgl. Kreisky 1995, 37). Vor allem Schwule Männer üben eine Kritik an dem Staat und der damit verbundenen männlichen Herrschaft und setzen sich für mehr Rechte, Sicherheit und kulturellen Raum ein. Die Männerforschung als gesamtes nimmt sich dieses Themas aber noch immer nicht umfassend an.

Es ist eine Tatsache, dass die Politikwissenschaft seit ihren Anfängen mit einer Spaltung des sozialen Raumes konfrontiert ist. Es wird zwischen einem öffentlichem, von Männern dominierten und einem privaten, von Frauen besetzten sozialen Raum unterschieden. Ein Resultat dieser Spaltung findet sich im Begriff der Politik, der fast nur auf staatliche Politik reduziert wird und nur den öffentlichen Bereich als das Politische ansieht. Aus diesem Grund wird die Frau von vornherein aus dem politischen Feld verbannt und auf den privaten häuslichen Bereich verdrängt. Dieser auf männliche Lebensverhalten und das männliche Subjekt reduzierte Politikbegriff zeigt sich vor allem in den Vertragstheorien von Locke, Hobbes und Rousseau, die Staatlichkeit als das Resultat des Vertrags freier Menschen (vgl. Döge und Meuser 2001) sehen. Wobei erst beim näheren Hinschauen sichtbar wird, „dass diese freien Menschen ausschließlich freie Männer sind, dass dem sogenannten Gesellschaftsvertrag ein unsichtbarer Geschlechtervertrag unterlegt ist, der den Ausschluss der Frauen aus der öffentlichen Sphäre legitimiert“ (Döge und Meuser 2001, 9). Als SozialwissenschaftlerInnen müssen wir uns zu jeder Zeit vor Augen halten und uns dessen bewusst sein, dass „das alltägliche Leben“, mit den Worten Connells (2006, 21) „keine politikfreie Zone, sondern eine Arena der Geschlechterpolitik“ ist.

Connell macht in seiner wissenschaftlichen Arbeit mit dem Titel „Der gemachte Mann - Konstruktion und Krise von Männlichkeiten“ vor allem darauf aufmerksam, dass Definitionen von Männlichkeit zutiefst mit ökonomischen Strukturen und der Geschichte von Institutionen verwoben sind. Vor allem die Politik besitzt diese Macht mit der sie Männlichkeiten nach bestimmten, für ihren Gebrauch nützlichen Formen gestalten kann. Aus diesem Grund ist es vor allem der Staat, der seit Jahrhunderten bestrebt ist Männlichkeiten nach bestimmten Mustern zu konstruieren und historische Alternativen aus dem Weg zu schaffen. Der Politikwissenschaft kommt vor diesem Hintergrund die größte Aufgabe zu. Denn sie beschreibt nicht nur was ist und was war, sie hat vor allem aus ihrer aktiven Natur heraus die Möglichkeit die Gesellschaft zu gestalten und muss die Tatsachen nicht so hinnehmen wie sie sind (vgl. Connell 2006, 21).

III Die soziale Konstruktion von Männlichkeit

In diesem Teil der Arbeit will ich einen kurzen Überblick über die gängigen Theorien und Erkenntnisse der Frauenforschung geben, die wie schon erwähnt die Grundlage für die Männerforschung bilden, um dann näher auf die Männerforschung eingehen zu können. Ich bin der Ansicht, dass man die Männerforschung von der Frauenforschung nicht abgesondert und separat, behandeln kann. Man kann nicht über die Tatsache hinwegsehen, dass die Männerforschung von der Frauenforschung genährt und von ihr mit theoretischem und methodischem Wissen ausgestattet wird. Es wäre aus dem Zusammenhang gerissen, wenn die Männerforschung getrennt betrachtet und die kritische Forschung zu Männern und zu Männlichkeiten ohne das theoretische Wissen der Frauenforschung durchgeführt werden würde.

Holger Brandes (2002, 18 - siehe auch Bourdieu 2005, Döge 2002 und Connell 2006) zufolge existiert Männlichkeit „nur in Relation zu Weiblichkeit und ist auch nur in Abgrenzung hierzu und in Bezug hierauf definierbar“. „Männlichkeit und Weiblichkeit sind in sich relationale Konzepte“ (Connel 2006, 63) und stehen Meuser (vgl. 1998) zufolge in einem hierarchischen Verhältnis zueinander. Weil die beiden Geschlechter nur in Relation zueinander existieren, „ist jedes das Produkt einer zugleich theoretischen und praktischen diakritischen Konstruktionsarbeit“ (Bourdieu 2005, 46). In ihrer Analyse über neue Männer auf Tribüne und Spielfeld des Fußballstadions verweisen Diehr und Quinkenstein (2007, 66) darauf, dass sich moderne Männlichkeit binär in Abgrenzung zu Weiblichkeit konstituiert, wobei Geist vs. Körper, männlich vs. weiblich codiert werden.

Männlichkeit wird gleichgesetzt mit grenzenloser Macht, (Führungs-)Stärke, Rationalität, Eigenständigkeit, Seriosität und der Herrschaft über Mensch und Natur. Wobei sich ‚richtig männlich‘ zu verhalten die Ausübung von Macht und Kontrolle, Stärke, Führung, Logik, Erfolg, Härte, Ehrgeiz und Besitz bedeutet. Und wenn ein Mann die genannten Voraussetzungen nicht erfüllt, dann ist er kein Mann, sondern ein Weichling, Schwuler, Muttersöhnchen, Warmduscher, Frauenversteher usw. Alles was also nicht „männlich“ ist, ist „weiblich“, wobei Weiblichkeit immer als Gegenteil dessen und in Abgrenzung hierzu definiert wird. Ein Bild, welches noch immer die gesamte Sozialisation von Mann und Frau begleitet und sehr nachhaltig prägt (vgl. Hagemann-White 1988). „So betonen schon Spielzeugwerbespots, die nur auf Jungen zielen, aggressives Verhalten, das zudem eher mit positiven als negativen Sanktionen belegt wird“ (Döge 2002, 2).

Gerade auf Grund dieser relationalen Betrachtungsweise sollte die Männerforschung als eine der beiden Hauptachsen der Geschlechterforschung verstanden werden. Ohne einen Bezug zur Frauenforschung zu schaffen und ohne Berücksichtigung der langjährigen Erfahrungen und Erkenntnisse in diesem Bereich ist die Männerforschung nicht komplett. Daher ist keineswegs ein Gegensatz von Männer- und Frauenforschung zu wünschen, ganz im Gegenteil sollten diese beiden Forschungsbereiche zusammenwirken, um sich gegenseitig zu ergänzen.

Biologistische TheoretikerInnen sprechen oft von „richtigen Männern“, „natürlicher Männlichkeit“ oder Phänomenen wie „Tiefenstruktur von Männlichkeit“. In all diesen Fällen wird versucht die sogenannte „wahre/richtige“ oder „natürliche“ Männlichkeit im männlichen Körper festzumachen. „Wahre Männlichkeit scheint sich fast immer vom männlichen Körper abzuleiten – einem männlichen Körper innewohnend oder etwas über einen männlichen Körper ausdrückend“ (Connell 2006, 65). So werden auch als Gründe für geschlechtsspezifische Leistungen im schulischen-, beruflichen- und sportlichen Bereich immer wieder biologische Ursachen sowie die genetisch bedingte Funktionsweise des Gehirns oder des Körpers genannt (vgl. Bartosch 2007, 87). Man spricht von einer männlichen Natur, die sich von Sexualhormonen, den Genen, den unterschiedlichen Aufgaben bei der Fortpflanzung und dem männlichen Körper innewohnenden Instinkten ableiten lässt. Der Körper wird hier als eine Macht gesehen, welches die Wirklichkeit konstruiert, Handlungen lenkt und Grenzen setzt. Darum wird nur allzu oft bei der Arbeitsteilung, bei Gewaltanwendung (in der Familie), bei der Zuweisung der Reproduktionsarbeit mit den genannten Biologismen argumentiert.

Die feministische Theorie

Die feministische Theorie hat mit diesen Behauptungen gebrochen, in dem sie den Körper als eine “Oberfläche“ definiert hat, die gesellschaftlich geformt und gestaltet wird. Die feministische Theorie ist ein vielsichtiger, in sich kontroverser Diskurs, der unter dem Einfluss verschiedener theoretischer Strömungen steht und ein interdisziplinäres Feld abbildet. Die feministische Theorie analysiert die Strukturen und Verfasstheit von Geschlechterverhältnissen, übt eine Kritik an allen Formen von Macht und Herrschaft und vertritt die gemeinsamen Interessen der Frauen. Es besteht ein sehr enger Kontakt zwischen der Frauenbewegung, der Gesellschaftskritik und feministischer Theoriebildung (vgl. Becker-Schmidt 2002, 14).

Die Kritik an der androzentrischen Weltsicht durchläuft in der industrialisierten Gesellschaft des Westens zwei historische Umbruchphasen. Die erste Phase umfasst die Französische Revolution und die Aufklärung, die eine Umwälzung der Gesellschaftsstrukturen mit sich bringt und auf die Gleichheit aller Bürger abzielt. Die erste Frauenbewegung unter der Führung von Olympe de Gouges wurde später blutig unterdrückt, de Gouges geköpft, wobei sich nach der Revolution nichts Grundlegendes an der Geschlechterungleichheit änderte. Nichtsdestotrotz deckte die erste Frauenrechtsbewegung große Widersprüche im männlichen Entwurf vom Menschen auf, woraufhin die Geschlechterdifferenz sowie die Unterdrückung der Frauen nicht mehr mit Gott und dem Glauben, sondern mit der Wissenschaft und mit Hilfe von biologischen Unterschieden begründet wurden. Mit der zweiten Phase, der industriellen Revolution ändern sich zwar der Inhalt und die Rhetorik der Unterdrückung, die Funktion bleibt aber gleich und dauert weiterhin an. Die Bedeutung der „Arbeit“ als Lohnarbeit wächst, es kommt zu einer Trennung von Erwerbs- und Hausarbeit, womit auch die Aufteilung des Lebensbereiches in Öffentlichkeit und Privatheit einschneidender wird (vgl. Becker-Schmidt 2002, 15).

In einer männlich dominierten Wissenschaftstradition des westlichen Abendlandes, in der die Wissenschaft als ein klar männlicher Bereich definiert war, und über die Natur und Frauen geherrscht hat, hatten die Frauen keinen Platz (vgl. Newaya Jin 2010, 6). Wenn man über einige Ausnahmen im Mittelalter hinwegsieht, wurden die Frauen erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts, nach einem langjährigen Kampf in der Wissenschaft zugelassen. Zu dieser Zeit „waren Vorstellungen von “Geschlecht“ und “Geschlechtlichkeit“ bereits aus männlicher Perspektive vorgedacht“ (Becker-Schmidt 2002, 14) und die Frau mit der Natur, sowie der Mann mit der Wissenschaft gleichgesetzt.

Die Frauenforschung stellte sich seit den 1950er Jahren sehr intensiv die Frage, ob sich die beiden Geschlechter nachweislich unterscheiden und wenn ja, wodurch. Sie untersucht die sozialen Ungleichheitslagen zwischen den Geschlechtern in einem breiten Untersuchungsfeld, welches sich über Themen wie Sexualität, Sexismus, Gewalt gegen Frauen, Selbstbestimmung, u.v.m. erstreckt. Vor allem in der Politikwissenschaft werden das Verhältnis von Macht und Geschlecht und die Beziehungen zwischen Männern und Frauen in verschiedenen Institutionen untersucht, wobei auch eine Kritik am Patriarchat geübt wird.

Eine der Wegbereiterinnen der zweiten Frauenbewegung, Simone de Beauvoir versuchte die von Männern vordefinierten Begriffe, wie “Geschlecht“ und “Geschlechtlichkeit“ neu zu definieren und schrieb 1949: „Wir werden nicht als Frauen geboren, wir werden zu Frauen gemacht“ (zitiert nach Villa 2007, 19). Beauvoir formulierte in diesem Satz ein radikales Statement zur Geschlechterfrage, welches von vielen feministischen Forscherinnen aufgegriffen und erweitert wurde. Die Hauptaussage ist hier, dass „Menschen durch Erziehung, Traditionen, Normen, Institutionen und Ideologien“ (Villa 2007, 19) zu Männern oder Frauen gemacht und nicht als Männer oder Frauen geboren werden. Dies ist ein sehr bezeichnender Ausdruck, der die Veränderung im Denken über Geschlechter und ihre Begriffe kennzeichnet. De Beauvoir meint, dass die den Frauen oder Männern zugesprochenen Eigenschaften weder Naturgegebenheiten, noch Schicksal sind, sondern gesellschaftliche Konstruktionen, nach denen Kinder in der Sozialisationsphase erzogen werden.

In dieser Zeit entwickeln feministische ForscherInnen, zu denen auch de Beauvoir zählt ist, den Unterschied zwischen dem sozialen Geschlecht (gender) und dem biologischen Geschlecht (sex). Die These, dass Geschlecht (Mann oder Frau) gemacht sei ist eines der zentralen Themen der feministischen Theorie, welches bis heute nichts an ihrer wissenschaftlichen und alltagsweltlicher Bedeutsamkeit verloren hat (vgl. Hark 2007). „Diese Unterscheidung war sinnvoll und notwendig, um sich klarzumachen, dass das soziale Geschlecht mit seinen impliziten Macht- und Abhängigkeitsstrukturen alles andere als „natürlich“ ist und es keinen zwingenden Zusammenhang zwischen biologischem Unterschied und sozialer Ungleichheit gibt“ (Brandes 2002, 18).

Dieser Aussage von de Beauvoir versucht Carol Hagemann-White (vgl. 1988) in einer empirischen Studie auf den Grund zu gehen. Sie versucht auf der Grundlage ethnomethodologischer Untersuchungen die Annahme der Zweigeschlechtlichkeit zu durchleuchten und empirisch zugänglich zu machen. Sie bestreitet nicht, dass es Körpereigenschaften gibt, die mit der Fortpflanzung nah oder fern zusammenhängen, jedoch ist die Beachtung dieser Eigenschaften „und ihre Verwendung als Maßstäbe für einen Primärstatus der Geschlechtszugehörigkeit offensichtlich variabel und von gesellschaftlichen Bedingungen abhängig“ (Hagemann-White 1988, 229). Hagemann-White stellt die selbstverständliche Zweigeschlechtlichkeit, die zu allermeist durch biologische und körperliche Eigenschaften geprägt wird in Frage. Sie versucht durch mehrere Beispiele zu erklären, wie diese Unterschiede in unserer Kultur wahrgenommen und erlebt werden. Ihre Hauptthese ist, dass „Zweigeschlechtlichkeit […] zuallererst eine soziale Realität“ ist (Hagemann-White 1988, 229).

In ihrer Studie über Sozialisation (1984), mit dem Titel „Sozialisation: Weiblich – männlich?“, macht Hagemann-White darauf aufmerksam, dass der Behauptung eines einheitlichen Sozial- oder Geschlechtscharakters von Frauen die empirische Grundlage fehle. Hagemann-White argumentiert damit, dass mehrfach die zwischen männlichen und weiblichen Personen messbaren Gleichheiten weitaus größer seien, als jene innerhalb der jeweiligen Genus-Gruppen. Offensichtlich legt selbst die körperliche Ausstattung des Individuums eher einen Zusammenhang nahe, als eine rigide Zweiteilung. Weit ausgeprägter sind nach Hagemann-White (1984, 13), „Leistungsunterschiede nach sozialer Schicht des Elternhauses, welche ja mit starken Unterschieden in den außerschulischen und schulischen Lernbedingungen zusammenhängen“.

Wenn man sich den Prozess der Konstruktion von Geschlechterdifferenzen anschaut, kann man eine dichotome Alltagstheorie erkennen, mit der die Menschen ihr tägliches Handeln strukturieren. Dies ist uns WissenschafterInnen nicht bewusst, wobei es sich aber aus den Interaktionen rekonstruieren lässt. „In der Alltagstheorie der Zweigeschlechtlichkeit unserer Kultur wird die Geschlechtszugehörigkeit als eindeutig, naturhaft und unveränderlich verstanden“ (Hagemann-White 1988, 228).

Für Hagemann-White sind biologische Unterschiede nicht relevant, stattdessen analysiert sie den sogenannten männlichen und weiblichen Sozialcharakter. Gleich am Anfang ihres Buches beginnt sie mit einer Kritik an vielen Strömungen der Frauenforschung. Diese haben ihrer Meinung nach – nicht unbedingt gewollt – an unaufhebbaren Geschlechtsunterschieden festgehalten (vgl. Hagemann-White 1984). Der Wissenschaftlerin zufolge ist in den westlichen Gesellschaften die Entwicklung einer Ich-Identität ohne eine eindeutige Zuordnung als weiblich oder männlich nicht denkbar. Die kulturelle Setzung wonach Frauen schwach, emotional, weniger intelligent, und weniger leistungsfähig und dadurch auch nicht so gut als Vorbilder geeignet sind, wie Männer, wird nur dadurch möglich und ist nur deshalb so langlebig, weil sie in beiden Sozialisationsprozessen verankert ist und durch tagtägliche Interaktionen immer wieder aufs neue hergestellt und gefestigt wird.

Hagemann-White (vgl. 1984) geht auch auf den großen Einfluss des zur Verfügung stehenden Spielzeugs auf das soziale Verhalten der Kinder ein. Es wird darauf hingewiesen, dass den Mädchen typisch weibliche und den Jungen typisch männliche Spielzeuge, wie Autos und Bausteine, zugeordnet werden. Mädchen werden schon sehr früh mit ihrer künftigen Rolle als Mutter vertraut gemacht, indem sie mit Puppen, Kinderwagen und ähnlichem beschenkt werden. Carmen Wingenbach (1999) ist durch eine empirische Studie zu der Erkenntnis gekommen, dass sogar das Verpackungsangebot des angeblich neutralen Spielzeugs häufig geschlechtsspezifisch gestaltet ist. Wo z.B. auf der kleinen Legopackung ein Mädchen und auf der großen ein Junge zu sehen ist. Väter werden ihrer Studie nach auf den Verpackungen „als die Belehrenden abgebildet, während die Mütter häufig nur als Zuschauerinnen dargestellt werden“ (Wingenbach 1999). Wichtig ist auch zu wissen, dass den Mädchen immerhin die Freiheit gewährt wird auch mit typisch männlichen Spielzeugen zu spielen, wobei im Gegensatz dazu von Jungen rollenkonforme Handlung verlangt und durch den Vater gefördert wird (vgl. Hagemann-White 1988).

Regina Gildemeister hat in ihrer Untersuchung über die geschlechtsspezifische Sozialisation die Arbeit von Hagemann-White rezipiert und auch sie ist zu der Erkenntnis gekommen, dass die Geschlechtlichkeit sozial konstruiert wird (vgl. Gildemeister 1992). Gildemeister ist zu der Erkenntnis erlangt, dass das Verhältnis der Genus-Gruppen zueinander sowie die Zuweisung von bestimmten Eigenschaften zu einer Genus-Gruppe, wie bereits bei Hagemann-White angesprochen, weder eindeutig, oder naturhaft, noch unveränderlich seien. Die Forscherin vertritt die Meinung, dass Geschlechterdifferenzen nicht als gegeben betrachtet werden dürfen, weil sie in Interaktionen hergestellt werden und einer geschichtlichen Änderung unterworfen sind (vgl. Gildemeister 1992). Die durch empirische Studien gewonnene und mit der feministischen Theorie unterfütterte Erkenntnis heißt, dass „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“ keine naturhafte Eigenschaften von Menschen sind, sondern in Alltagsinteraktionen stets neu konstruiert und ausgelebt werden. „Kulturelle Objekte, wie Kleidungsstücke, Tätigkeiten, Verhaltensweisen, aber auch Gesten, Gesichter, Haltungen sind Aspekte der Inszenierung von Geschlecht“ (Bartosch 2007, 87).

An dieser Stelle ist es vielleicht auch wichtig die Agnes-Studie des Ethomethodologen, Harold Garfinkel zu erwähnen, der zu ähnlichen Erkenntnissen gekommen ist. Die Agnes-Studie leistet wertvolle Beiträge für die Geschlechterforschung, da sie Wissen über gesellschaftliche Normen und Strukturen von heterosexuellen Menschen bereitstellt, welche in primärer und sekundärer Sozialisation produziert und das ganze Leben lang gelebt werden. Der Forscher kommt zu dem Schluss, dass man erst durch den Zustand der sexuellen „Anomalität“, bzw. durch eine Distanzposition an dieses Wissen gelangen kann. Am Beispiel der Lebenswirklichkeit von Transsexuellen zeigt der Forscher in einem „natürlich ablaufenden Krisenexperiment“, dass das biologische Geschlecht mit der Geschlechtsidentität nicht zusammenfallen muss. Der wichtigste Aspekt der sich durch die ganze Studie von Garfinkel zieht ist jener der Zweigeschlechtlichkeit. Gesellschaftlich gesehen gehören Personen entweder dem einen oder dem anderen Geschlecht an. Alles was dazwischen liegt ist „nicht normal“ und wird durch unterschiedlichste Praktiken (vgl. Garfinkel 1967) sanktioniert. Harold Garfinkel stellt fest, dass unsere Geschlechtlichkeit alle Alltagssituationen strukturiert. „Normale“ Frauen und Männer gehen mit dieser selbstverständlich um und müssen sie nicht ständig reflektieren.

Eine weitere Erkenntnis zur Geschlechterkonstruktion ist, dass die Geschlechterzugehörigkeit als etwas Natürliches, Unveränderliches und an den Genitalien zweifelsfrei Erkennbares angesehen wird. Die Geschlechtlichkeit wird zu einer moralischen Kategorie (vgl. Treibel 2000, 141f), bei der Übergänge („passing“ von einem zum anderen Geschlecht) kontrolliert „und vorübergehend – etwa im Spiel oder im Karneval – sanktioniert“ (Treibel 2000, 142) werden. In den allermeisten Fällen ist aber die Geschlechtlichkeit durch die Sozialisationsarbeit so verfestigt, dass sie keinen Raum für Übergänge lässt. Sie spricht von einer Sozialisationsarbeit, die darauf abzielt den Frauen Schranken aufzuerlegen, die sowohl den Körper als auch die geistige Entfaltung betreffen.

Mit dem Begriff „Doing Gender“ versuchen Candace West und Don Zimmermann den Prozess der Herstellung von Geschlecht und geschlechtsangemessenem Verhalten zu beschreiben (vgl. West und Zimmerman 1989). Dieser Begriff erklärt wie Geschlechterdifferenz hergestellt wird und wie die Konstruktion der Geschlechterdifferenz mit dem strukturellen Geschlechterverhältnis einer Gesellschaft zusammenhängt. Es wird hier versucht zu hinterfragen und zu erklären was die Voraussetzungen und die Prinzipien bei der Unterscheidung der Geschlechter sind und vor allem auch welche Rolle der Körper in der Unterscheidung spielt. Die Grundannahmen des „Doing Gender“ Ansatzes sind, dass die Unterscheidung nach Genus-Gruppen und ihrer ‚Naturhaftigkeit‘ in alltäglichen Interaktionen konstruiert und gelebt werden. Folglich ist Geschlecht und Geschlechtsdifferenz keine Eigenschaft, sondern eine Vollzugswirklichkeit, die im Alltagshandeln hergestellt- und institutionell verankert wird. Der „Doing Gender“ Ansatz fragt nicht mehr danach ‚Was ist eine Frau oder ein Mann‘, sondern ‚Wie wird man zur Frau oder zum Mann‘ Hier wird vor allem der Fokus darauf gelegt, dass Geschlecht nicht etwas ist das wir haben, sondern etwas, das wir „tun“ (vgl. West und Zimmerman 1989).

IV Männlichkeitsforschung

Kritische Männlichkeitsforschung beforscht die Fragen von Männern und Männlichkeit aus einer gesellschafts- und geschlechtskritischen Perspektive. Die kritische Haltung in der Männlichkeitsforschung bezieht sich vor allem auf die patriarchalen Herrschaftsstrukturen, die durch Männer und Männlichkeit repräsentiert und gelebt werden. Aus politikwissenschaftlicher Sicht betrachtet hat die Männlichkeitsforschung eine selbstreflexive theoretische und methodische Herangehensweise auf Geschlechterverhältnisse und erhebt einen Anspruch auf die Veränderung dieser Verhältnisse.

Die Männlichkeitsforschung schließt sich in mehreren Punkten der Frauenforschung an und spricht seit den Erkenntnissen aus Robert W. Connells (vgl. 2006) Studie „Der gemachte Mann: Konstruktion und Krise von Männlichkeiten“ nicht mehr von Männlichkeit, sondern von Männlichkeiten. Connell zu folge gibt es keine allumfassende Männlichkeit, weil diese nur im Kontext von historischen und sozialen Bedingungen erforscht werden kann. „Über Männlichkeit als ein und dasselbe Wesen quer durch die Unterschiede von Ort und Zeit zu reden, bedeutet einen Abstieg ins Absurde“, schreibt der international profilierte Männerforscher Connell (1995, 30 zitiert nach Brandes 2005, 244).

Diese Erkenntnis Robert W. Connells hat in der Zwischenzeit auch in der deutschsprachigen Forschung einen Konsens erreicht. So argumentiert Holger Brandes (2002, 19) diese so wichtige Analyse Connells:

„Damit ist eine Abgrenzungslinie gezogen zu allen Formen der Suche nach dem sogenannten „Wesen“ der Männlichkeit und der Männer, sei es nun biologisch und soziobiologisch begründet oder durch einen unzulässig verallgemeinernden, weil den jeweiligen historischen und sozialen Kontext ignorierenden Rückgriff auf Mythen, Männlichkeitsbilder oder auch Verhaltensweisen“.

Die Männerforschung geht in Übereinstimmung mit der Frauenforschung davon aus, dass Männlichkeiten nicht von Natur aus gegeben sind, sondern in einem sozialen Prozess konstruiert werden. Und weil „der Mann“ in einem geschlechtlichen und vergeschlechtlichtem Handeln konstruiert wird, kann auch nicht von einer Männlichkeitsform gesprochen werden. Wie auch schon oben beschrieben, spricht man allgemein im Plural, also von „Männlichkeiten“.

Die etymologische Untersuchung des Männerforschers Holger Brandes (vgl. 2002) zeigt uns allzu gut den Wandel der Begriffe des „Mannes“ und des „Geschlechts“ im historischen, sozialen und politischen Kontext. Er analysiert wie sich die Bedeutungen dieser Begriffe durch unterschiedlichste Diskurse im Laufe der Jahre und Jahrhunderte ändern. Der Begriff des „Geschlechts“, welches bis Mitte des 18. Jahrhunderts die Herkunft eines Menschen bezeichnete, wurde nach dem Zusammenbruch der absolutistischen Dynastien in erster Linie als männliches oder weibliches Geschlecht verstanden. „Männer und Frauen wurden nicht als Träger und Trägerinnen qualitativ anderer Charaktere betrachtet; dieser Gedanke entstand erst mit der bourgeoisen Ideologie der getrennten Sphären im 19. Jahrhundert“ (Bloch 1978 zitiert nach Connell 2006, 88). So passiert es auch, dass „der Mann“ Anfang des 20. Jahrhunderts zeitweilig gänzlich aus den Lexika verschwindet. Man findet erst „im katholischen ‚Großen Herden‘ von 1933 wieder einen ausführlichen Artikel zu ‚Mann, Mannestum‘ “ (Brandes 2002, 48). Wir sollten uns also vor Augen halten, dass unser Konzept von Männlichkeit jüngeren Datums ist und, dass wir um überhaupt von „Männlichkeit“ sprechen zu können „Geschlecht“ herstellen.

Der Soziologe Pierre Bourdieu befasst sich, angeregt durch die Frauenforschung, sehr ausführlich mit den Männlichkeiten und mit der männlichen Herrschaft. In seiner Feldforschung in der Kabylei[5] findet er heraus, dass die kabylische Gesellschaft das Geschlecht als ein Prinzip sozialer Differenzierung kennt. Sowohl die Organisation der Zeit, als auch die Gestaltung und Definition des öffentlichen und privaten Bereichs basieren auf der Geschlechtermatrix. Die Codierung nach männlich/weiblich ist omnipräsent und gestaltet das gesamte Leben und die sozialen Beziehungen (vgl. Bourdieu 2005). Bourdieu (vgl. 2005, 21) zufolge funktioniert die soziale Ordnung, „wie eine gigantische symbolische Maschine zur Ratifizierung der männlichen Herrschaft, auf der sie gründet“. Als Beispiel nennt Bourdieu die gesellschaftliche Arbeitsteilung, welche eine extrem strikte Aufteilung der Tätigkeiten vorsieht, die den Männern und Frauen nach Ort, Zeit und Mittel zugewiesen werden.

[...]


[1] Connell (2006, 48) zählt Stearns 1979, Pleck 1980 als Beispiele für diese Epoche auf.

[2] Wichtige Bücher zu diesem Thema sind: Hajo, Borck, Savelsberg, Dogan (Hg.) (2004): „Gender in Kurdistan und der Diaspora“; Flach Anja (2007): „Frauen in der Guerilla“; International Free Women‘s Foundation (2007): „Psychische Folgen traumatischer Erfahrungen auf die Entwicklung kurdischer Migrantinnen in der Europäischen Union“; Savelsberg, Hajo, Borck (2000): „Kurdische Frauen und das Bild der kurdischen Frau“.

[3] Bob Connell oder Robert William Connell ist eine transsexuelle australische Soziologin, die nach der Namensänderung Raewyn Connell heißt.

[4] Im Gegensatz zur Frauenforschung sieht die Geschlechterforschung die Beziehungen beider Geschlechtsgruppem im Bezug zu einander und vergleicht diese. Die Geschlechterforschung geht davon aus, dass die Merkmale der weiblichen Lebensweise sich aus dem Verhältnis zum anderen Geschlecht ergeben. Somit umfasst die Geschlechterforschung beide Geschlechter und analysiert deren Beziehungen und Wechselwirkungen.

[5] Ein Volk berberischer Abstammung in Algerien, das zum größeren Teil die Provinz Algier, zum kleineren die Provinz Konstantine bewohnt und in 1400 Ortschaften 450–500,000 Köpfe zählt. Sie haben in wiederholten heftigen Kämpfen lange ihre Unabhängigkeit gegenüber den Franzosen behauptet, bis es diesen 1857 gelang, sie ganz zu unterwerfen. Die Kabylen sind Moslems. Sie treiben nicht bloß Ackerbau und Viehzucht, sondern zeichnen sich auch im Weben von Stoffen und in der Verfertigung von Waffen aus und bearbeiten die Eisen- und Bleibergwerke des Atlas (vgl. Agada, Schuster 2010).

Details

Seiten
115
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783842813939
Dateigröße
714 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v228486
Institution / Hochschule
Universität Wien – Sozialwissenschaftliche Fakultät, Politikwissenschaften
Note
1
Schlagworte
männlichkeit gender geschlecht gewalt migration

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Titel: Kritische Männlichkeitsforschung