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Mobbing an weiterführenden Schulen

Magisterarbeit 2010 112 Seiten

Pädagogik - Schulpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Einleitung
2.1. Aufbau der Magisterarbeit

3. Begriffsdefinitionen
3.1. Gewalt
3.2. Aggression
3.3. Bullying – Mobbing

4. Mobbing
4.1. Mobbing aus pädagogischer Sicht
4.2. Mobbingformen
4.3. Die Dynamik und die Stadien eines Mobbingprozesses
4.4. Mobbingrollen – Mobbing als kollektiver Prozess
4.5. Mobbingstrukturen in einer Schulklasse

5. Die Psychologischen Grundlagen des Mobbings
5.1. Mobbing aus individualpsychologischer Sicht
5.2. Mobbing aus sozialpsychologischer Sicht
5.3. Auswirkungen von Erziehung und Familie auf Mobbing

6. Opferprofil
6.1. Die Sichtweise des betroffenen Kindes

7. Täterprofil

8. Folgen von Mobbing
8.1. Physische Folgen
8.2. Psychische Folgen
8.3. Folgen für die Persönlichkeitsentwicklung
8.4. Unterbrechung der Kontinuität des Seins – Winnicott
8.5. Auswirkungen auf die Klassenatmosphäre

9. Prävention von und Intervention bei Mobbing
9.1. Rechtliche Grundlagen
9.2. Grundsätzliche Maßnahmen
9.3. Maßnahmen auf Schulebene
9.4. Maßnahmen auf Klassenebene
9.5. Maßnahmen auf persönlicher Ebene
9.6. Programme und Konzepte gegen Mobbing
9.6.1. Das Streitschlichterprogramm
9.6.2. Das Anti – Bullying –Konzept nach Olweus
9.6.3. Die Mobbing AG
9.6.4. Der „No Blame Approach“
9.6.5. Die Buddys
9.6.6. Die Trainingsraummethode
9.7. Wirkung

10. Schülerumfrage zum Thema Mobbing
10.1. Aufbau und Auswahl der Fragen
10.2. Die Schulen
10.3. Verlauf
10.4. Ergebnisse

11. Fazit

12. Ausblick

13. Literaturnachweis

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Seite 1 und 12 Bild: Inga-Sophie R. 12. Klasse der Martin Luther Schule Rimbach

Abb.2: Seite 12 Bild: Melanie H. 12. Klasse der Martin Luther Schule Rimbach

Abb. 3: Seite 13 Bild: Anna S. 12. Klasse der Martin Luther Schule Rimbach

Abb. 4: Seite 21: Strukturen von Mobbing – Abgeänderte Version von Katja Wasilewski. Vgl. Jannan S. 30

Anhang:

Informationsblatt für die Schüler

Fragebogen

Grundauswertung der Schülerumfrage

1. Vorwort

Das Thema „Mobbing in Schulen“ hat noch nie soviel Aufmerksamkeit erlangt wie in der aktuellen Diskussion um die Auswirkungen, die der Schulalltag auf die Kinder und Jugendlichen hat. In den Medien liest, hört und sieht man verstärkt Berichte über Mobbingopfer mit zum Teil starken Folgen auf Grund des langen Psychoterrors. Wer täglich ausgeschlossen, niedergemacht oder sogar körperlich angegriffen wird und dabei keinerlei Unterstützung von Mitschülern oder Lehrern erfährt, verliert nicht nur die Lust zur Schule zu gehen, sondern auch das Vertrauen in die Institution und vor allem in sich selbst. In einer Zeit, in der Bildung und berufliche Qualifikation den Lebensstandard bestimmen, sollten die pädagogischen Einrichtungen dafür Sorge tragen ihren Besuchern ein relativ sorgenfreies und ungestörtes Lernklima zu bieten. Mobbing ist bei weitem kein Tabuthema mehr. Dennoch wird es in der Lehrerausbildung nicht ausreichend behandelt oder gehört nicht zum Pflichtprogramm. Immer mehr Schulen versuchen mittels AGs, Streitschlichter- und Mediationsprogrammen der Problematik entgegenzuwirken. Aber wie wirkungsvoll sind diese Maßnahmen und wenden sich die Schüler an diese Angebote?

Auf Grund meines dreigeteilten Studiums mit Pädagogik als Hauptfach, Psychologie und Soziologie als Nebenfächer, werde ich meinen Schwerpunkt auf die pädagogische Sichtweise und die Maßnahmen in Bezug auf das Thema legen. Zudem möchte ich psychologische und soziologische Sichtweisen und empirische Belege einfließen lassen.

Während meines Studiums habe ich 5 Jahre an einer Haupt- und Realschule in einem Erziehungsprojekt gearbeitet, welches nach der Trainingsraummethode (Bründel und Simon 2003) geführt wurde und die Schüler zu einem eigenverantwortlichen Denken und Handeln anleiten sollte. In diesen Raum wurden sie von den Lehrern geschickt, wenn sie den Unterricht nach einer Verwarnung immer noch störten oder sich sozial unverträglich benahmen. In diesen Fällen war es meine Aufgabe das Verhalten der Schüler mit ihnen zusammen zu reflektieren und mit ihnen andere Verhaltensmuster und Wiedergutmachungen zu erarbeiten. Doch auch Schüler, welche spürten, dass sie wegen Überforderung, Unkonzentriertheit oder persönlicher Probleme dem Unterricht nicht folgen konnten, hatten die Möglichkeit freiwillig den Trainingsraum aufzusuchen um dort Hilfe und Ruhe zu finden. Zudem habe ich vor drei Jahren eine Adresse für Beratung an dieser Schule initiiert mit dem Namen sorgenmail@web.de. An diese Emailadresse können sich die Schüler anonym mit ihren Sorgen wenden und bekommen Ratschläge oder ihnen werden weiterführende Hilfen angeboten. Bei der Arbeit in diesen 2 Projekten und in meiner 3-ährigen Arbeit in einem Kinderheim bin ich sehr oft in Berührung mit dem Thema Mobbing gekommen und werde in diese Arbeit meine Erkenntnisse und Erfahrungen einfließen lassen.

2. Einleitung

Im Rahmen dieser Magisterarbeit wird das Thema Mobbing und dessen Prävention sowie der Umgang damit im Alltag der Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien erörtert.

Um den Lesefluss nicht zu beeinträchtigen wird bei der Nennung von Personen und Gruppen nicht nach Geschlecht differenziert. Es wird die männliche Form verwendet, wobei die weibliche ausdrücklich eingeschlossen ist.

Der Begriff „Täter“ im Mobbingkontext beinhaltet immer auch eine Opferrolle, da vor allem Kinder noch nicht in vollem Umfang für ihre Taten verantwortlich sind und diese nicht selbstständig reflektieren können, bzw. durch Erziehung und ihr soziales Umfeld in diese Rolle gedrängt wurden (vgl. Jannan 2008).

Das Schikanieren von einzelnen innerhalb einer festen Gemeinschaft, wie z.B. in Arbeitsgruppen, ist hinlänglich bekannt und schon viele Jahrzehnte Gegenstand der Sozialpsychologie. Doch wurde bei den Untersuchungen das Augenmerk anfänglich nur auf Erwachsene gelegt, da man den Kindern und Jugendlichen solch psychosoziales „Geschick“ nicht zutraute. Schikanen in der Schule wurden als normales Phänomen der kindlichen Entwicklung betrachtet, als Vorbereitung auf das Leben. Machtkämpfe und Raufereien gehörten nach Ansicht der Gesellschaft zum Schulalltag. Die langfristigen Folgen täglichen Psychoterrors in der Kindheit und Pubertät wurden erst in den 80er Jahren von dem schwedischen Persönlichkeitspsychologen Dan Olweus von der Erwachsenenwelt auf die Schule übertragen. Nachdem in Schweden drei 10 bis 14 jährige Schüler auf Grund langwieriger Mobbingattacken Selbstmord begangen hatten, bekam das Thema weltweite Medienaufmerksamkeit und auch in Deutschland begann man sich mit den psychosozialen Bedingungen in der Schule zu befassen. Doch sind es immer noch nur meist die Fälle körperlicher Gewalt, die in den Schulen beobachtet werden und an die Öffentlichkeit kommen. Wie es in einem Kind aussieht, das täglich niedergemacht wird, kann man oft erst erkennen, wenn es schon zu spät ist, dessen Persönlichkeit völlig zerstört ist oder es mit auffälligem Verhalten auf seine Situation aufmerksam machen will. Der lange Leidensweg, den ein Kind während eines Mobbingprozesses durchläuft, ist oft für Außenstehende nicht sichtbar und für Menschen, die nicht selbst schon Mobbing erlebt haben, nicht leicht nachzuvollziehen. Aber stellt man sich vor, jede einzelne Mobbingattacke ist wie ein kleiner Nadelstich und man wird täglich von vielleicht über 20 anderen ständig gestochen, wird klar, dass so etwas zermürbt. Es wirkt wie eine unendliche Folter. Und dass solche sozialen Erfahrungen gerade in der Persönlichkeitsentwicklung großen Schaden anrichten und sich auf das Lernverhalten und die Beziehung zur Schule auswirken, ist offensichtlich. In vielen Fällen wirkt sich eine Mobbingerfahrung auf das gesamte Leben aus. Die Verhaltensweisen und die Beziehung zu sich selbst, die ein Mensch während seiner Entwicklung aufgebaut hat, werden Bestandteil seiner erwachsenen Persönlichkeit und können im Berufsalltag sowie bei der eigenen Familienplanung große Hindernisse aufwerfen. Somit trägt die Institution Schule und vor allem die Lehrerschaft neben den Eltern die Mitverantwortung für eine schadensfreie Erziehung der Kinder. Aber sind sie sich dessen bewusst? Wird dem Thema in der Lehrerausbildung genug Aufmerksamkeit geschenkt? Und wie reagieren die Schulen generell auf die Mobbingproblematik? - Was mich zu meiner Hauptfragestellung führt:

Was sind die Ursachen für Mobbing unter Schülern, welche Prozesse finden statt und wie können die Schulen darauf reagieren?

2.1. Zum Aufbau dieser Arbeit:

Nach meiner Einleitung, die erst einmal aufrütteln und die dramatischen Auswirkungen von Mobbing verdeutlichen soll, beginne ich mit einer Definition, die von alltäglicher Schulgewalt bis hin zum eigentlichen Thema Mobbing führt. Es werden die psychosozialen Strukturen sowie die Dynamik, Strukturen und die Entstehungsprozesse betrachtet. Anschließend befasst sich diese Ausarbeitung mit den Täter- und Opferprofilen und den Auswirkungen für die Individuen. Nach diesem theoretischen Teil wird der Umgang der Schulen mit Mobbing und deren Präventionsmaßnahmen beschrieben. Um mir selbst ein Bild über die aktuelle Mobbingsituation an Schulen zu machen, habe ich eine Umfrage mit 123 Schülern an einer Hauptschule, einer Realschule und an einem Gymnasien durchgeführt, deren Ausführung und Ergebnisse ich im Weiteren erläutern werde. Abschließend fasse ich meine Erkenntnisse über die Thematik zusammen, ziehe ein Fazit und mache mir über die zukünftige Situation in den Schulen Gedanken.

3. Begriffsdefinitionen

Um die Begriffe zu differenzieren, die das Thema „Gewalt“ in Bezug auf meine Fragestellung beinhaltet, folgen drei Definitionen.

3.1. Gewalt

„Gewalt“ als Überbegriff wird als Anwendung physischen Zwangs und / oder psychischen Terrors auf andere Personen beschrieben um ihnen Schaden zuzufügen, sie der eigenen Herrschaft zu unterwerfen, eigenständige Willensbildung oder Handlungen auszuschalten, umzulenken oder aber sich dagegen zu wehren (Gegengewalt). Im Sinne des Strafrechtes gehören neben Gewaltdelikten wie Mord oder Körperverletzung auch die Nötigung und Erpressung anderer zu dieser Thematik, sofern diese mit Gewaltandrohung einhergehen. Die Ursachen für Gewalthandlungen werden analog denen der Aggression gesehen. (vgl. Fröhlich 2002). Hier kann man hinzufügen, dass das Opfer bestimmt, wann ihm Gewalt angetan wird. Jeder hat hierzu seine individuelle Empfindung, bzw Schwelle, wo z.B. Spaß in Nötigung umschlägt.

Physische Gewalt

Jegliche Art von körperlicher Verletzung wird zur Sparte der physischen Gewalt gezählt. Die bei Schülern am häufigsten zu beobachtenden Handlungen sind: Schlagen, Treten, Prügeln, Stoßen, mit Gegenständen bewerfen und Festhalten. Diese Form von Gewalt ist ein überwiegend männliches Phänomen. Vor allem in der Pubertät, wenn sich die Muskeln definieren und bei diesem mehr und beim anderen weniger männliche Merkmale zu erkennen sind, steht das Kräftemessen im Vordergrund um z.B. in der Klassenhierarchie aufzusteigen. Aktuelle Untersuchungen zeigen jedoch auch unter den Mädchen einen deutlichen Aufwärtstrend physischer Gewalt (vgl. Dambach 2009).

Psychische Gewalt

Psychische Gewalt hingegen ist wesentlich subtiler und deshalb für Außenstehende oft nicht sichtbar. Menschen, die sich dieser Gewaltform bedienen, sind weit fortgeschritten in der soziokognitiven Entwicklung, was in diesem Zusammenhang bedeutet, dass die Täter erkennen, was den anderen verletzt, wo seine Schwächen liegen und wie man ihn am besten fertigmachen kann. Bei Kindern ist diese Fähigkeit noch wenig ausgeprägt, weswegen man in der Grundschule häufiger körperliche Gewalt beobachten kann. Besonders Frauen, die evolutionsbedingt eine größere emotionale Intelligenz besitzen, wenden psychische Gewalt an. Hierzu gehören zum Beispiel das Ausschließen von einzelnen aus der Gruppe, Gerüchte zu verbreiten, jemanden wegen Abweichungen der Norm vor anderen lächerlich zu machen und Erpressung. Das Letztere gehört eher zum männlichen Verhaltensrepertoire, da es oft mit Androhung körperlicher Gewalt einhergeht.

3.2. Aggression

Aggression wird in der aktuellen Diskussion der Humanpsychologen als Einstellung, bzw. generelle Persönlichkeitseigenschaft debattiert. Beschrieben wird es als überdauernde Neigung einer Person sich feindselig, ablehnend und oppositionell zu verhalten (vgl. Fröhlich 2002). In schwerwiegenden Fällen spricht man auch von Sadismus. Die Erklärungen für Aggressivität sind sehr vielfältig. Gründe sind z.B. die Kompensation der eigenen Furcht, der Wunsch andere in Furcht zu versetzen oder eigene Interessen durchzusetzen im Sinne von „Survival of the fittest“. Die Psychoanalytiker sehen die Aggression als Instrument der Triebe und Instinkte, was heißt, dass sie dieses Verhalten als angeboren betrachten. Von Dollard und Miller stammt die „Frustrations- Aggressionshypothese“ (Dollard 1950), welche den Auslöser für aggressives Verhalten in der Zurückweisung durch Gruppen oder Autoritäten sieht. Auch das soziale Lernen, oder „Lernen am Modell“ verfestigt aggressive Verhaltensmuster. In Bezug auf die Schule kann man hierzu erwähnen, dass den Lehrern als Vorbild sehr viel Verantwortung zukommt.

3.3. Bullying – Mobbing

„Nicht jede Gewalt ist Mobbing, aber Mobbing ist immer Gewalt“ (Jannan, Mustafa (2008): Das Anti-Mobbing-Buch – Gewalt an der Schule – vorbeugen, erkennen, handeln, S. 22, Weinheim, Beltz)

Der Ausdruck „Mobbing“ wird in der deutschen Sprache erst ungefähr seit den 90er Jahren gebraucht. Geprägt hat ihn der schwedische Persönlichkeitspsychologe Olweus. Das Wort an sich stammt von dem englischen Wort „mob“ ab, was übersetzt „unbändige Volksmasse“ oder „Pöbel“ bedeutet. Mob ist die Abkürzung des lateinischen Ausdrucks: „mobile vulgus“, was wiederum als „wankelmütige Volksmasse“ übersetzt wird (http://www.wiktionary.de/ aufgerufen am 06.01.2010). Im Deutschen gebraucht man oft synonym das Wort „Schikane“. In den englischsprachigen Ländern wird das Wort „bullying“ verwendet, was sich von dem Ausdruck „Bully“ – Tyrann - ableitet. Die Besonderheit an der Gewaltform Mobbing, die diese von anderen unterscheidet, ist vor allem der Zeitraum, über den hinweg Mobbing geschieht und die Systematik, welche die Täter anwenden.

4. Mobbing

Eine Zusammenfassung der aktuellen Definitionen von Mobbing könnte lauten: Eine über einen längeren Zeitraum hinweg andauernde Schikane, welche einem schwächeren Opfer von einem oder mehreren stärkeren Tätern widerfährt. Dies beinhaltet ein Kräfteungleichgewicht. Die Mobbingopfer werden strategisch fertiggemacht, was bedeutet, dass sie nicht willkürliche Angriffe erfahren, sondern Schikanen, welche auf ihre Schwächen zugeschnitten sind, was dem Täter eine relativ hohe soziale Intelligenz zuspricht (siehe Punkt 4.4. und 7). Mobbing geschieht vor allem in unausweichlichen sozialen Zusammenkünften, wie zum Beispiel im Klassenverband, dem Militär, Strafanstalten oder festen Arbeitsgruppen in der Berufswelt. In diesen Kontexten entwickelt sich von Anfang an eine Hierarchie, welche sich wieder neu aufbauen muss, wenn sich der soziale Kontext verändert, z.B. wenn die Schulklassen neu gemischt werden. In mobbingbelasteten Gruppen entsteht eine Kollektivität, welcher sich nur wenige Mitglieder entziehen können. Somit ist an einem Mobbingprozess so gut wie die ganze Schulklasse beteiligt (siehe Punkt 4.5.).

4.1. Mobbing aus pädagogischer Sicht

Das Gebiet der Pädagogik ist sehr weitläufig, weswegen sich fast alles unter pädagogischen Gesichtspunkten betrachten lässt. Aber was macht die pädagogische Sichtweise aus? – Die Pädagogik untersucht alles im Hinblick auf Erziehung, Bildung und die kindliche Entwicklung, was im Kontext von Mobbing an weiterführenden Schulen bedeutet, welche Rolle die Erziehung in Mobbingprozessen spielt und wie sich Mobbing auf die Bildung der Individuen auswirkt. Sozialisation und Wertevermittlung – die Schule als Erweiterung des Elternhauses. Der Schule als Sozialisationsort kommt heutzutage immer mehr Bedeutung zu, vor allem seit der Umstellung auf Ganztagsschulen. Früher diente die Schule fast ausschließlich der Vermittlung von Lerninhalten. Verhaltensabweichungen der Schüler wurden von den Autoritäten unterbunden oder sanktioniert. Die heutigen pädagogischen Auffassungen der Bildungsinstitutionen gehen in die Richtung sich mit den einzelnen Schülerpersönlichkeiten auseinanderzusetzen, sie individuell zu fördern, eine ungestörte Entfaltung der Persönlichkeit zu ermöglichen und auf spezifische Problematiken, welche auch das Sozialverhalten beinhalten, zu reagieren. Die Pädagogen müssen die Bedingungen schaffen, in denen sich die Potenziale der einzelnen Schüler entfalten können. Mobbing hemmt die Opfer sie selbst zu sein und sich auszuprobieren, sie werden in Rollen gezwängt und verlieren das Vertrauen in ihre Selbstwirksamkeit.

Die Tage, in denen die Lehrer eine anonyme Masse unterrichteten, sind vorbei, bzw. sollten vorbei sein. Ob die Mehrheit der Pädagogen diese soziale Einstellung vertritt, ist unwahrscheinlich. Wie in jedem Beruf gibt es Engagierte und weniger Engagierte. So gibt es natürlich auch Lehrer, die an ihren Arbeitsplatz kommen, ihre Stunden abarbeiten, bzw. die Lernziele, sich nicht für ihre Schüler interessieren und froh sind, wenn sie wieder nach Hause gehen können. Auch die Lehrerkollegien können von Mobbing betroffen sein, was sich dann auf die gesamte Lernatmosphäre der Schule auswirkt.

4.2. Mobbingformen

Mobbing kann sich in den verschiedensten Formen zeigen und ist abhängig von der Persönlichkeit und Tagesform der Aggressoren. So wählen die Hauptmobber, welche in der Regel viel Selbstbewusstsein haben und ihre Taten zur Schau stellen wollen, die direkte Konfrontation mit dem Opfer. Die Verstärker oder Assistenten, welche dem Mobber nacheifern, aber nicht dessen „Mut“ besitzen, mobben eher indirekt, hinter dem Rücken des Opfers und auch meist zu mehreren.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Inga Sophie R. 12. Klasse der Martin Luther Schule Rimbach: Der schwarzhaarige Junge droht dem anderen Jungen und hat ihm eine blutige Nase gehauen. Die vierer Gruppe schaut nur zu, unternimmt aber nichts um ihm zu helfen.

Physisches Mobbing ist am weitesten verbreitet unter Grundschülern und Tätern mit geringer sozialer Intelligenz. Es reicht von Anspucken, Schubsen, mit Sachen bewerfen, ein Bein stellen, Schlagen und Treten, bis hin zu massiver Körperverletzung und mit Waffengebrauch. Auch das heimliche Verabreichen von Drogen, Medikamenten oder anderen schädlichen oder ekligen Substanzen gehört zu dieser Kategorie. Zusammenfassend wird alles zum physischen Mobbing gezählt, was das Opfer körperlich beeinflusst, von den psychosomatischen Folgen abgesehen (hierzu mehr in Kapitel 8.2.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.2: Melanie H. 12. Klasse der Martin Luther Schule Rimbach: Es handelt sich um eine typische Situation bei Jugendlichen. Der ärmere Junge wird von den coolen Jungs nur ausgelacht und gemobbt. Er wird als Außenseiter behandelt, wegen seiner Kleidung und darf nicht ein Teil der Gruppe sein.

Je weiter die soziokognitiven Fähigkeiten entwickelt sind, desto mehr tendieren die Täter zur subtileren psychischen Gewalt. Bei Mädchen sind diese Fähigkeiten früher ausgereift und kommen generell öfter vor. In der Adoleszenz sind die Geschlechter dann etwa auf dem gleichen Stand der sozialen Kognition, wobei dies individuell verschieden und bei dem weiblichen Geschlecht immer noch ausgeprägter ist. In Klassen mit prosozialen Normen und Werten ist vor allem körperliche Gewalt stark verpönt, was die Täter zu subtileren Angriffen zwingt und mehr soziales Geschick erfordert um die Normdefinition zu übernehmen. Direktes verbales Mobbing zeigt sich in Beschimpfungen, auslachen, verletzende Spitznamen geben und Nachäffen. Das Schneiden von Grimassen und zeigen von abwertenden oder beleidigenden Gesten ist nonverbales Mobbing.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Anna S. 12. Klasse der Martin Luther Schule Rimbach: Ein fleißiger Junge wird von die eher faulen Jungen geärgert und verspottet. Sie beschmeißen ihn mit Papierfliegern und Papierkugeln und strecken ihm die Zunge raus.

Indirektes Mobbing geschieht hinter dem Rücken des Opfers, es selbst ist nicht aktiv beteiligt. Es werden Gerüchte verbreitet, peinliche Details aus seinem Privatleben oder Schwächen von ihm herausgefunden und publiziert oder es wird bei den Lehrern, bzw. anderen Autoritäten, grundlos angeprangert. Oft verbreiten sich die Gerüchte so schnell und intensiv ohne das Wissen des Opfers, dass es kaum möglich ist diese richtig zu stellen, weil ein Großteil schon davon überzeugt ist. Chatrooms, Portale, wie „SchülerVZ“ oder „wer-kennt-wen“ und Handys haben dem indirekten und auch dem direkten Mobbing neue Türen geöffnet. So ist die Hemmung etwas Demütigendes schriftlich zu veröffentlichen nicht so hoch wie dies direkt auszusprechen, da sich der Schreiber im dem Moment seiner Tat anonym fühlt. Dies ist eine sehr feige, aber gleichzeitig sehr effektive Form des Mobbings, da vor allem in diesen Portalen eine große Masse erreicht wird. Während meiner Arbeit an den Schulen habe ich oftmals von Mobbingattacken im „SchülerVZ“ gehört. Auf dieser Website kann man Interessensgruppen gründen und sich in Foren austauschen. Diese Möglichkeit wurde in vielen Fällen dazu missbraucht regelrechte Mobbingportale gegen Schüler und auch gegen Lehrer zu eröffnen. Die Betreiber der Seite haben zwar eine Schutzfunktion eingebaut, einen Button, der sie auf die Gruppe oder generell gepostete Bilder und Zitate aufmerksam macht, um diese zu prüfen und gegebenenfalls zu löschen, doch bis der Gemobbte von dieser Gruppe oder dem Portal erfährt, haben sich auch hier schon die Gerüchte und Hetzattacken verbreitet. Schon wegen seines niedrigen sozialen Status werden die Opfer aus der Klassengemeinschaft, bei Spielen oder Arbeitsgruppen ausgeschlossen, weil sie unbeliebt sind. Dies geschieht jedoch oft unbewusst, da dem Opfer nicht direkt abgesagt wird, aber z.B. andere vorgezogen werden. Isolation kann auch bewusst und strategisch angewendet werden. Die wenigen Schüler und Freunde, die noch zum Opfer stehen, werden von den Tätern davon überzeugt ihn fallen zu lassen oder sogar eingeschüchtert und bedroht, falls sie die Fronten nicht wechseln wollen. Oder sie werden solange mitgemobbt, bis sie um ihren sozialen Status fürchten und selbst aufgeben. Manifeste Mobbingopfer haben in der Schule oft keinerlei Freunde mehr. Diese müssen sie sich außerhalb des Einflussbereichs der Täter suchen, was sich schwierig darstellen kann, da sich das Mobbing von der Schule häufig auch auf den Heimweg und in die Freizeit ausbreitet. Sind zum Beispiel Täter und Opfer zusammen in einer Fußballmannschaft und hat der Täter hier annähernd genauso viel Einfluss, setzt sich der Mobbingprozess fort. Dies erklärt, warum viele Mobbingopfer die Schule oder sogar den Wohnort wechseln um den Attacken zu entgehen.

4.3. Die Dynamik und die Stadien eines Mobbingprozesses

Eine mobbingbelastete Klasse macht als gesamtes soziales System eine starke Veränderung im Laufe eines Mobbingprozesses durch. Die Klassennormen, wie zum Beispiel Rücksicht auf Schwächere nehmen, sich für andere einsetzen, keinen ausschließen und die Abneigung gegen Gewalt, welche in der Regel schon im Elternhaus oder der Grundschule sozialisiert wurden, können durch einen einzelnen Mobber umgekehrt werden. Dies geschieht nach Schäfer (2003) in drei Stufen:

Im Explorationsstadium schikaniert ein Täter willkürlich schwache Klassenkameraden um auszutesten, inwieweit er diese fertigmachen kann und ob dies bei diesem Schüler von den anderen gebilligt wird. Die Intention des Mobbers ist es seine Machtposition und seinen sozialen Einfluss in der Klasse zu stärken. In diesem Stadium ist der Täter oft noch unbeliebt und wird wegen seines normverletzenden Verhaltens abgelehnt.

Als zweites folgt das sogenannte Konsolidierungsstadium, in welchem der Aggressor sein ausgewähltes Opfer systematisch schikaniert. Er versucht das Opfer und nicht sich selbst vor der Klasse als Normverletzer darzustellen. Bei dieser intriganten Tätigkeit kommt ihm seine hohe soziale Intelligenz zugute, die ihm erlaubt sensibel auf die Reaktionen der Klasse zu reagieren und seine Strategien anzupassen. Der Täter greift die Defizite des Opfers auf und schwächt dessen soziale Position, zum Beispiel mit Fehlern, die der Schikanierte begangen hat und die nun publiziert und hochgespielt werden oder mit erfundenen Gerüchten. Nun entscheidet das Klassensystem, ob sich das Mobbing fortsetzt und der Gemobbte als Außenseiter gebranntmarkt wird. Kann der Mobber seine Mitschüler von dem scheinbar unangepassten Verhalten des Opfers überzeugen, wird sich die Abneigung gegen das Opfer wenden. Lässt sich die Klasse jedoch nicht auf die Lügen des Täters ein, verliert er einen Großteil seines Einflusses. Für ihn steht also sehr viel auf dem Spiel. Eine Niederlage könnte sich erheblich auf seinen sozialen Status auswirken und dies wird ihn motivieren alles daran zu setzen um zu gewinnen.

Das Manifestationsstadium wird durch die feste Zuschreibung der Opferrolle charakterisiert. Der Täter hat es geschafft das Opfer als Provokateur und Normverletzer hinzustellen, was seine eigenen Angriffe im Alltag legitimiert. Die Mitschüler greifen weder bei Schikanen ein noch beschützen sie das Opfer, da sie es und nicht den eigentlichen Aggressor als Feind des Klassensystems sehen. In diesem Stadium hat der Täter die Normsetzung übernommen. Er definiert, was in der Klasse toleriert wird und was nicht. Der soziale Status des Opfers sinkt zusehends und was ihm abgesprochen wird, wird dem Täter sozusagen zugesprochen. Im Manifestationsstadium, dem Endstadium des Mobbings, ist es am schwersten einzugreifen, da die Mehrheit der Schüler von der „Schuld“ des Opfers überzeugt ist. Somit ist es umso wichtiger einen Mobbingprozess frühzeitig zu erkennen und zu stoppen. Hierzu müssen die Lehrer in ihrer Ausbildung geschult werden und generell eine interessierte Haltung und Empathie zu den Individuen ihrer Klasse zeigen.

4.4. Mobbingrollen – Mobbing als kollektiver Prozess

Die amerikanische Psychologin Salmivalli betrachtete Mobbing erstmals 1996 als einen kollektiven Prozess und entwickelte einen Fragebogen, den „participant role approach“ (Salmivalli 1998), welcher die Mobbingrollen in einer Klasse erkennbar macht. Dies funktioniert auf Grund des Vergleichs zwischen Eigen- und Fremdaussagen. Als am Mobbingprozess beteiligt gilt ein Schüler, sobald er von den Schikanen weiß, was bedeutet, dass in nahezu allen Fällen die gesamte Klasse beteiligt ist.

Während eines Mobbingprozesses lässt sich die Schulklasse auf Grund von langjährigen Forschungen in zusammenfassend sechs Parteien aufteilen: Den Hauptmobber, die Assistenten und die Verstärker. Zur Gegenseite werden Opfer, Verteidiger und Außenstehende gezählt. Die Anzahl der Gruppenmitglieder und die Intensität bei der Beteiligung am Mobbingprozess sind reziprok und variieren in jeder einzelnen Klasse. Meiner Meinung nach muss man den Klassen- und Fachlehrern auch Rollen im Mobbingprozess zuteilen, da sie durch ihr Verhalten den Prozess maßgeblich beeinflussen.

Als Täter, oder Hauptmobber gilt derjenige, welcher die Initiative ergreift und aktiv mobbt. Dieser Schüler übernimmt die Führungsrolle in der Gruppe und hat in den meisten Fällen eine generelle aggressive Persönlichkeit, die sich während seiner bisherigen Sozialisation manifestiert hat. Zu den Eigenschaften der Täter gehören oft auch Impulsivität und das Streben nach Dominanz. Darüber hinaus sind sie positiv gegenüber Gewalt eingestellt (siehe Kapitel 7). Entgegen früherer Annahmen ist die Mobbingforschung heute davon überzeugt, dass die Täter über sehr gute soziokognitive Fähigkeiten verfügen, welche ihnen ermöglichen die Schwächen der Klassenkameraden zu erspüren, die Opfer gezielt auszuwählen und ihren Schwächen angepasst zu schikanieren. Ihre Machtstellung in der Klasse gibt ihnen viel Selbstvertrauen und bestärkt sie ihr Verhalten über Jahre hinweg beizubehalten. Mobbingtäter weisen überdurchschnittlich häufig delinquente Tendenzen auf, welche nach Olweus (1991) in einer kriminellen Laufbahn enden können. Im Klassenverband sind sie eher gefürchtet als beliebt. Am Anfang des Mobbingprozesses werden sie vom Großteil der Klasse abgelehnt. Gelingt ihnen jedoch eine Umwandlung der Klassennormen (siehe Kapitel 4.2.) ändern die Mitschüler ihre Einstellung gegenüber dem Täter, bzw. dann Anführer. Studien der Universität München konnten belegen, dass die Rolle des Täters zu großen Teilen von dessen Persönlichkeitseigenschaften abhängig ist (vgl. Schäfer 2005).

Die Assistenten des Hauptmobbers schikanieren das Opfer ebenfalls aktiv, orientieren sich aber an ihrem Anführer und fungieren quasi als seine Armee. Durch ihren Kontakt zum und die Unterstützung des Täters wollen sie ihren sozialen Status verbessern und in der Klassenhierarchie aufsteigen. Sie haben nur wenig Einfluss auf die Gruppe, besitzen aber hohe soziale Präferenzwerte.

Als Verstärker werden die Schüler klassifiziert, die durch ihr ermutigendes und billigendes Verhalten die Taten der aktiven Mobber untermauern. Sie tragen dazu bei, dass dieses eigentlich normverletzende Verhalten legitimiert wird, indem sie es als lustig und unterhaltend empfinden.

Das Opfer wird nicht durch bestimmte abweichende körperliche Merkmale oder Charaktereigenschaften ausgewählt, sondern wegen seines niedrigen sozialen Status (siehe Kapitel 6). Dieser resultiert leider jedoch oft aus diesen Besonderheiten, die das Opfer von der Mehrheit unterscheiden. Für die Täter wäre es viel zu gefährlich einen sozial anerkannten Mitschüler in die Außenseiterrolle drängen zu wollen, da sie hierbei mehr Gegenwehr der Klassengemeinschaft erfahren würden, die dann auch eine Normumwandlung nicht zulassen würde. Ihre Opferrolle und deren Auswirkungen wirken auf die Mitschüler abschreckend und bereiten ihnen Angst, selbst zum Opfer zu werden, wenn sie in die Quere des Täters kommen. Somit trägt ein stark leidendes Mobbingopfer paradoxerweise häufig dazu bei, dass ihm noch seltener beigestanden wird als einem schikanierten Klassenkameraden, der dies besser erträgt.

Nur Menschen mit einer großen sozialen Beliebtheit nehmen die Rolle des Verteidigers ein, da sie durch ihren sozialen Status weniger in der Gefahr sind selbst Opfer zu werden. Oft liegt es in ihrer Hand, dass die positiven Normen der Klasse beibehalten werden. Sie greifen aktiv in die Mobbingsituation ein und stellen sich auf die Seite des Opfers. Der Verteidiger kann als gleichstarker Gegenspieler des Täters bezeichnet werden, was zu einem regelrechten Machtkampf zwischen Gut und Böse ausarten kann.

Die Außenstehenden stellen nach Salmivalli (1998) die größte Gruppe dar. Sie erleben den Mobbingprozess mit, halten sich aber aus der Situation heraus und meinen dadurch neutral zu sein. Sie verfügen laut Schäfer (2004) über gute soziokognitive Fähigkeiten, welche sie die Taktiken des Täters durchschauen lassen. Im Gegensatz zu ihm schließen sie sich aus Empathie nicht den Schikanen an. Doch auch ihr Verhalten wirkt sich manifestierend auf den Mobbingprozess aus. Ähnlich wie bei den Verstärkern wirkt ihr Nichteingreifen billigend. Bei den Opfern löst diese Nichtbeteiligung Hilflosigkeit und Ohnmacht aus. Die Außenstehenden sind in der Klasse mäßig beliebt und haben wenig sozialen Einfluss.

Um auf die Lehrer zurückzukommen, muss bedacht werden, dass sie vor allem bei den jüngeren Schülern als Vorbild für Verhalten und Wertvorstellungen gelten. Reagiert ein Lehrer mit Desinteresse, findet die Schikanen lustig oder mobbt sogar mit, können sich die Schüler an diesem Verhalten orientieren und die Klassennormen daran festmachen.

4.5. Mobbingstrukturen in einer Schulklasse

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4 Strukturen von Mobbing

In jeder Schulklasse besteht eine Hierarchie, die von Interaktionen, wie z.B. Machtkämpfen, Ausschließen, Verdrängen und Bekämpfen geprägt ist. Vor allem, wenn ein oder mehrere Schüler gemobbt werden, splittet sich die Lerngruppe in die oben genannten Mobbingrollen auf, welche in verschiedener Weise und Intensität aufeinander einwirken.

Nicht in jedem Mobbigprozess gibt es Verteidiger, deshalb sind diese in der Abbildung 4 in Klammern gesetzt. Die Stärke des Einflusses auf die Klasse ist abhängig von dem jeweiligen sozialen Status einer Person. Das Opfer verfügt auf Grund seines niedrigen sozialen Status über fast keine Ressourcen um auf die Klasse einzuwirken. Lediglich sein Verhalten beeinflusst die Einstellung seiner Klassenkameraden zu ihm. Provoziert es durch ständiges Auffallen, Hyperaktivität oder Ähnliches, wirkt sich dies negativ auf die Empathie der anderen zu ihm aus. Ihm gegenüber steht der Hauptmobber, welcher im Manifestationsstadium Macht über die gesamte Klasse besitzt und auf alle einwirken kann. Sogar die Lehrer können sich seinem Einfluss oft nicht entziehen, da der Täter auf Grund seiner ausgeprägten soziokognitiven Fähigkeiten auch die Lehrkräfte zu seinen Gunsten manipulieren kann und ihnen zum Beispiel das Bild vermittelt, dass das Opfer schuld an seiner Situation ist.

5. Die psychologischen Grundlagen des Mobbings –

Warum Mobben Schüler?

Um effektive Präventionsmaßnahmen und Handlungsstrategien gegen Mobbing entwickeln zu können, muss man die Intentionen der Täter verstehen und die sozialen und institutionellen Bedingungen ausfindig machen, die Mobbing begünstigen.

5.1. Mobbing aus individualpsychologischer Sicht

Die psychoanalytische Sichtweise des bedrohten Selbst:

Psychoanalytische Theorien basieren hauptsächlich auf den Ausführungen von Freud, welcher die Aggression generell als Persönlichkeitsstörung sieht. Ein Individuum entwickelt hiernach eine aggressive Persönlichkeit und ist somit als Mobbingtäter prädestiniert, wenn es viele Kränkungen erfährt, die die Ausbildung eines stabilen Selbstes verhindern. Vor allem in gewaltbelasteten Familien, in denen Kinder und Jugendliche in eine Handlungsohnmacht gezwungen werden, kompensieren sie ihre familiären Erfahrungen in Schulen und Freundeskreisen. Gewalt, bzw. Mobbing, wird dann instrumentalisiert um Gefühle von Ohnmacht, Bedrohung und Angst zu kontrollieren, bzw. den Kontrollverlust, den sie am eigenen Leib erfahren, durch Machtausübungen an anderen zu kompensieren.

Im Schulalltag sind die Kinder und Jugendlichen ständiger Beobachtung, Leistungstests und sozialen Konflikten ausgesetzt, was eine Überforderung mit sich bringen kann. Vor allem schlechte Noten und soziale Zurückweisungen üben einen großen Druck auf die Persönlichkeit der sich entwickelnden Menschen aus. Sie bekommen wenig Anerkennung und Selbstbestätigung, auf die sie jedoch gerade verstärkt im Zuge der pubertären Selbstfindung angewiesen sind. Bekommen die Schüler durch positives Auffallen keine Aufmerksamkeit, ändern sie ihre Strategie und beziehen diese Zuwendung über wertnonkonformes Verhalten. Dieses zeigt sich verstärkt bei Kindern, die diese Art von Zurückweisung auch von ihren Eltern gewohnt sind und schon sehr früh gelernt haben, dass sie die Aufmerksamkeit ihrer oft uninteressierten Eltern nur bekommen, wenn sie diese in Schwierigkeiten bringen oder nerven.

„Gewalt ist so gesehen ein Rettungsversuch des Selbstes gegenüber einer offiziellen Schulkultur, die kontinuierlich die Anerkennung als wertvolle Person verweigert“ (Helsper, W. (1995): Pädagogik und Gewalt, Opladen S. 113).

5.2. Mobbing aus sozialpsychologischer Sicht

Die Sichtweise des etikettierten Individuums

Die interaktionistische Theorie mit ihrem bekannten Vertreter Herbert Mead sieht Gewalt als eine subjektiv sinnvolle aber sozial misslungene Form der Identitätsdarstellung. Nach Mead entwickeln sich Identitäten im kommunikativen Umgang, wobei die eigene Definition und Ausgestaltung der sozialen Rolle als „role-making“ bezeichnet wird. Der Gegenpart hierzu ist das „role-taking“, was bedeutet, dass das Individuum sich an den Erwartungen seiner Umwelt und seines Gegenübers orientiert.

Das „role-taking“, auch „labeling approach“ oder Etikettieren genannt, spielt eine erhebliche Rolle in der Entstehung und Verfestigung von abweichendem Verhalten.

Vor allem in normsetzenden Institutionen, wie der Schule oder der Armee, kann sich die Zuschreibung von Eigenschaften im ständigen Sozialisationsprozess negativ auf das Selbstbild jedes einzelnen auswirken

Ein soziales Etikett bekommt eine Person, wenn sie ein normverletzendes Verhalten zeigt, was von ihrer Umwelt als Abweichung gesehen und somit mit einer pauschalisierten Charakterzuschreibung geahndet wird. Die Beobachter bewerten von nun an das Verhalten des „Täters“ auf eine ganz andere Weise und erwarten eine Fortsetzung, womit sie gleichzeitig eine Erwartungshaltung einnehmen, was wiederum dieses bestimmte Verhalten provoziert. In der Soziologie wird dieses Phänomen auch als eine „sich selbst erfüllende Prophezeiung“ bezeichnet.

Der „Täter“, man könnte in diesem Zusammenhang auch das Wort „Opfer“ benutzen, übernimmt die Fremddefinition seiner Umwelt, entwickelt dadurch ein abweichendes Selbstbild und erfüllt somit die Erwartungen der anderen. Er wird sozusagen in eine Rolle gedrängt.

Die soziologische Sichtweise des individualisierten Selbst

Die heutige Risikogesellschaft fordert von den Menschen ein hohes Maß an Flexibilität und Individualität. Die Situation in den Familien ist auf Grund der hohen Scheidungsrate kein allgemeiner Raum der Stabilität mehr für die sich in der Individualitätsentwicklung befindenden Kinder und Jugendlichen. Die Schule fordert immer mehr Leistung bei gleichzeitiger Ungewissheit auf einen späteren Ausbildungsplatz und auch die Anforderungen für die verschiedenen Ausbildungsberufe sind erheblich gestiegen. Vor allem der Hauptschulabschluss reicht als Qualifikation für die meisten Berufe nicht mehr aus.

All diese Faktoren üben einen starken Druck auf die Schüler aus, welche sich auf Grund dessen oft überfordert fühlen und mit abweichendem Verhalten reagieren. Dies kann sich als Apathie zeigen, welche typisch für ein Mobbingopfer- oder in gewalttätigem Verhalten, welches typisch für einen Täter ist.

Je unsicherer und labiler die Lebensbedingungen, je unklarer die Perspektive, je schärfer die Konkurrenz, je weniger verlässlich die Sozialbeziehungen, desto eher finden wir psychisch und sozial verunsicherte junge Menschen vor und desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass auch Gewalthandlungen ihre Problemlösungs- und Bewältigungstechniken bestimmen (vgl. Heitmeyer 1995).

Finden die Heranwachsenden keine Stabilität in der Familie oder im System, wenden sie sich hin zu Altersgenossen, denen damit viel Macht zugesprochen wird. Die gleichaltrigen Vorbilder, welche sich selbst in der labilen Selbstfindungsphase befinden, können diese soziale Macht ausnutzen um ihre eigene Unsicherheit kurzzeitig, aber immer wieder, durch die Führung und Manipulation einer Gruppe kontrollierbar zu machen.

Die Schule kann die Hilflosigkeit der Schüler oft nicht kompensieren. Die Verantwortung für die Sozialisation und Identitätsentwicklung der Kinder und Jugendlichen wurde verstärkt dieser Institution übertragen. Man stattete sie aber gleichzeitig nicht mit den dafür nötigen Ressourcen, wie Sozialarbeitern, Psychologen und besser ausgebildeten Lehrern, aus.

Genau an diesem Punkt könnte die Schule aber sinnvoll auf ihre Schützlinge einwirken, ihnen Selbstvertrauen und Perspektiven geben und ihnen Handlungsalternativen und Beratung anbieten. Die Verschulung der Jugendzeit ist auf der einen Seite eine große pädagogische Herausforderung, aber auf der anderen Seite eine gute Chance um mit qualifiziertem Personal auf die Kinder und Jugendlichen einzuwirken. Man muss diese Chance nur erkennen, nutzen und die Kinder fördern – hierzu mehr in Kapitel 9.

5.3. Auswirkungen von Erziehung und Familie auf Mobbing

Wie schon in Kapitel 5.1. erwähnt, hat der familiäre Kontext einen großen Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes. Die Eltern provozieren mit ihrem Erziehungsverhalten die pro- oder kontrasozialen Eigenschaften ihres Kindes, die dann sein Verhaltensrepertoire bestimmen. Jedes Kind reagiert individuell auf das elterliche Verhalten, was bedeutet, dass Geschwister sich nicht in der gleichen Weise entwickeln müssen (Relienz). Vor allem Jungen reagieren auf autoritäres Verhalten ihrer Eltern mit Aggression und Gegenwehr, die sie dann auch in anderen sozialen Kontexten, wie im Klassenverband, ausleben. Auch eine „Laissée Faire Erziehung“ kann aus einem Kind einen Mobbingtäter machen. Werden dem Kind nicht genügend Grenzen gesetzt, sozialkompatible Normen und Werte mitgegeben und wird ihm kein Vorbild geboten, kann es passieren, dass sich das Kind an Menschen aus seiner Umgebung oder z.B. an Medien orientiert, die ein aggressives und niedermachendes Verhalten gutheißen. Vermutlich sind Kinder, die autoritativ erzogen werden, am wenigsten gefährdet ein Mobbingtäter zu werden, da ihre Eltern sie respektieren und annehmen, ihre Wünsche berücksichtigen und Ressourcen stärken. Bei dieser Erzeihungsform werden den Kindern aber auch Grenzen gesetzt und die Werte und Normen erklärend weitergegeben, die für ein harmonisches Zusammenleben ausschlaggebend sind. Natürlich gibt es in autoritativen Familien auch Aggressionen, aber dieser Erziehungsstil schult die Kinder Empathie zu empfinden, was bei Mobbingtätern unterentwickelt ist, bzw. nutzen diese ihre soziokognitiven Fähigkeiten zur Manipulation und gezielten Schikane anderer. Zeigen die Eltern oder Geschwister ein Verhalten, welches dem eines Mobbingtäters gleicht, ist es auf Grund ihrer Vorbildfunktion sehr wahrscheinlich, dass ihre Verhaltensmuster von den in der Familienhierarchie untergeordneten Personen übernommen werden, was man auch als „Lernen am Modell“ bezeichnen kann. Vor allem in diesem Fall ist es sehr schwierig auf die Mobbingtäter einzuwirken, da sie ihr Benehmen als normal betrachten und auch die Eltern bei einem Gespräch nicht einsichtig sind, da sich das Verhalten ihres Kindes und ihr eigenes gleichen.

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Details

Seiten
112
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783842810594
Dateigröße
840 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v228343
Institution / Hochschule
Technische Universität Darmstadt – Studiengang Pädagogik
Note
2,0
Schlagworte
mobbing schule gewalt prävention täterprofil

Autor

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Titel: Mobbing an weiterführenden Schulen