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Energie- und Kostenbilanzen zu unterschiedlichen Nutzungen von Streuwiesenmähgut

Diplomarbeit 1996 125 Seiten

Agrarwissenschaften

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Ausgangssituation
1.1 Themenstellung - Streuwiesenmähgut als Abfallproblem?
1.2 Geschichtlicher Überblick zur Entstehung der Streuwiesen im Alpenvorland
1.3 Streuwiesenrückgang und Streuwiesenpflege
1.4 Neue Nutzungen für Streuwiesenmähgut

2. Untersuchungsrahmen
2.1 Betrachtungsgegenstand
2.2 Datenerfassung

3. Unterschiedliche Nutzungen von Streuwiesenmähgut
3.1 Stalleinstreu
3.2 Kompostierung
3.3 Thermische Verwertung
3.4 Methanisierung

4. Arbeitszeit- und Energiebedarf der beschriebenen Nutzungen
4.1 Ernte und Transport: Arbeits- und Energieaufwand
4.1.1 Lose Bergung trockenen Mähguts
4.1.2 Bergung in Rundballen, trocken
4.1.3 Bergung in Quaderballen, trocken
4.1.4 Bergung als Pellets, trocken
4.1.5 Bergung in ungetrocknetem Zustand
4.1.6 Ernte: Zusammenfassende Übersicht über den Arbeits- und Energieaufwand
4.1.7 Zusätzlicher Transport
4.1.8 Energiebilanz für Ernte und Transport
4.2 Verwertung: Stoffströme, Arbeitsaufwand und Energiebedarf
4.2.1 Stalleinstreu
4.2.2 Kompostierung
4.2.3 Thermische Verwertung
4.2.4 Methanisierung
4.2.5 Verwertung: Zusammenfassende Übersicht über den Arbeits- und Energieaufwand

5. Kostenaufstellungen zu den beschriebenen Nutzungen
5.1 Ernte- und Transportkosten
5.1.1 Lose Bergung
5.1.2 Bergung in Rundballen
5.1.3 Bergung in Quaderballen
5.1.4 Bergung als Pellets
5.1.5 Bergung in ungetrocknetem Zustand
5.1.6 Erntekosten: Zusammenfassende Übersicht
5.1.7 Kosten für zusätzlichen Transport
5.2 Kosten für die Nutzungen
5.2.1 Stalleinstreu
5.2.2 Kompostierung
5.2.3 Thermische Verwertung
5.2.4 Methanisierung
5.2.5 Gesamtkosten: Zusammenfassende Übersicht

6. Diskussion
6.1 Energieaspekte
6.2 Kostenaspekte

7. Zusammenfassung
1. Ausgangssituation
2. Untersuchungsrahmen
3. Unterschiedliche Nutzungen von Streuwiesenmähgut
4. Arbeitszeit- und Energiebedarf
5. Kostenaufstellungen
6. Diskussion

8. Quellen
8.1 Verwendete Literatur
8.2 Mündliche Informanden
8.3 Verwendete Abkürzungen

Tabellen, Abbildungen und Diagramme sind als Gesamtheit mit fortlaufenden Nummern versehen, damit sie bei Textverweisen möglichst einfach zu finden sind. Bei getrennter Durchnummerierung von Tabellen und von Bildern wäre der Suchaufwand erfahrungsgemäß größer.

Energie- und Kostenbilanzen
zu unterschiedlichen Nutzungen von Streuwiesenmähgut

Vorneweg der Dank: Mein herzlicher Dank geht an alle, die sich liebevoll um die kleine Dorina kümmerten und mir somit die Konzentration auf meine Untersuchungen ermöglichten: an Nico meinen Mann, an meine Eltern und an meine Geschwister Malwin und Edna, an meine Schwiegermutter, an Nadja, Markus und Heidi, an Beate und Gerd und Felix, an Senora Vilma, an Helga, an Rachael, an Silvi und an Familie Müller.

1. Ausgangssituation

1.1 Themenstellung - Streuwiesenmähgut als Abfallproblem?

Wohin mit dem Streuwiesenmähgut? - Diese Frage stellt sich in Bayern zu Zeiten zunehmender staatlich geförderter Pflegemahd immer öfter und dringlicher. Zum einen gibt es im Alpenvorland noch einige Streuwiesen, zum anderen ist es heute politisch gewollt, intakte Streuwiesen zu erhalten sowie brachgefallene oder aufgedüngte ehemalige Streuflächen durch geeignete Maßnahmen weitgehend in ihren vorigen Zustand zu versetzen und dadurch erneut größere Streuwiesenkomplexe zu entwickeln.

Die heute als Streuwiesen bezeichneten Lebensraumtypen entstanden erst vor etwa 150 Jahren in Zeiten großer "Streunoth" (wie der Titel von Nowacki 1887 sagt), also aus einer landwirtschaftlichen Notwendigkeit heraus. Heute dagegen haben wir eine "Streuschwemme", denn wir mähen diese Wiesen, weil sie aus der Sicht des Arten- und Biotopschutzes mit dem allein ihnen eigenen Artenspektrum eine hohe Wertigkeit besitzen, welche nur durch regelmäßige Herbstmahd mit Abtransport des Mähgutes erhalten werden kann. Die Riedstreu findet jedoch in der heutigen Landwirtschaft kaum mehr Verwendung, denn der Bedarf an Stalleinstreumaterial wird heute größtenteils über Getreidestroh gedeckt.

Läßt sich hier keine alternative, sinnvolle Nutzung des anfallenden Mähguts finden, wird dieses "Material aus der Landschaftspflege" schnell zum Problem. Was früher ein begehrtes Material war, wird heute oft zum Abfallprodukt, welches im ungünstigsten Falle energie- und kostenaufwendig entsorgt wird. So erwähnt noch Ellenberg (1986: 760), daß das abtransportierte Mähgut an anderem Ort verbrannt werden könne. Es bedarf hier der sorgfältigen Prüfung möglicher Nutzungen hinsichtlich ihrer Machbarkeit, ihrer Sinnhaftigkeit und ihrer Wirtschaftlichkeit.

Vorliegende Arbeit möchte in der Diskussion um die Verwertung oder "Entsorgung" von Streuwiesenmähgut einen Beitrag leisten und zum einen mögliche Mähgutnutzungen aufzeigen, zum anderen diese bezüglich des notwendigen Aufwands und des jeweiligen Gewinns beleuchten. Sie will mitwirken, den Boden zu bereiten für eine unvoreingenommene Prüfung der Möglichkeiten, wie die Pflege von Streuwiesenlandschaften wirtschaftlicher und für die öffentliche Hand kostengünstiger zu gestalten wäre.

Geographisch beschränkt sich die Arbeit auf das bayerische Alpenvorland.

Die Diskussion über andere Möglichkeiten der Landschaftsentwicklung oder Landbewirtschaftung alter Moorlandschaften, wie etwa über die Sinnhaftigkeit eines Brachfallenlassens von Streuwiesen, über die Vorteile von Sukzessionsflächen usw. ist nicht Gegenstand der Arbeit. Ausgangspunkt ist die heutige Pflegepraxis. Die Entstehung und Entwicklung des Systems "Streuwiese" sind Ergebnis der von diesem System ausgeübten Funktion und der zur Erreichung des funktionalen Zieles nötigen Nutzungsmethode, welche sich durchaus nach technischen und wirtschaftlichen Vorgaben im Laufe der Zeit wandeln kann[1]. Verlieren die alten Streuwiesen ihre ursprüngliche Funktion als Einstreulieferanten, so werden sie sich entweder verändern, oder aber es finden sich neue Funktionen, die von den Streuwiesen übernommen werden, so daß die für den Lebensraum "Streuwiese" typischen Prozesse erhalten bleiben. In der heutigen Kulturlandschaft kommt den Streuwiesen vor allem die Funktion als Lebensraum für seltene Pflanzen- und Tierarten zu, mit dessen Pflege die Naturschutzbehörden beauftragt sind. Eine Erweiterung der Funktion durch das Ausschöpfen der Nutzungsmöglichkeiten des Mähguts könnte den Erhalt dieses Systems auf eine solidere Grundlage stellen.

1.2 Geschichtlicher Überblick zur Entstehung der Streuwiesen im Alpenvorland

Im Gegensatz zur heutigen Zeit spielten Streuwiesen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein eine wichtige Rolle in den auf Milch- und Käsereiwirtschaft ausgerichteten landwirtschaftlichen Betrieben des Alpenvorlandes. Den Weg zu dieser Streuwiesenkultur im Alpenvorland haben Konold & Hackel (1990) ausführlich dargestellt. Eine ergänzende Darstellung der Streuwiesenentwicklung in Bayern findet sich in Quinger et al. (1995). Auf diese beiden Veröffentlichungen stützt sich im wesentlichen die folgende Darstellung, die einen Eindruck vermitteln will über die Verflechtung der landbaulichen, technischen und wirtschaftlichen Entwicklungen und die damit einhergehende Entstehung der faunistisch, floristisch und vegetationskundlich äußerst interessanten Kulturformation "Streuwiese". Ebenso ist der heute zu beobachtende Rückgang der Streuwiesenflächen ein Ergebnis weiterer landbaulicher, technischer und wirtschaftlich-politischer Veränderungen.

Vorab zur Begriffsbestimmung: Als man während der Zeit höchsten Streubedarfs eine breite Palette von Wiesenformationen zum Zwecke der Gewinnung von Stalleinstreu mähte - das Spektrum reichte "von hochwüchsigen Röhrichtbeständen an Gewässerufern über produktive Großseggenrieder und Kleinseggenrieder, trockene Magerrasen, saure Magerrasen und Heidekrautbestände bis hin zu den Torfmoosteppichen der Hochmoore" (Konold & Hackel 1990: 176, nach Stebler 1897: 24f) - benannte man diese Wiesen nach ihrer Nutzung "Streuwiesen". Mit Sauergräsern und Binsen bewachsene Wiesenflächen hatte man vorher als "Riedwiesen" bezeichnet. Heute meint man mit "Streuwiese" meist Pfeifengraswiesen. Diese waren für die Streugewinnung am besten geeignet, da der Ernteaufwand in vergleichsweise gutem Verhältnis zum Ertrag und der gewonnenen Streuqualität stand, so daß die Pfeifengraswiese auch bei abnehmendem Streubedarf weiterhin bewirtschaftet und so zur "klassischen Streuwiese" wurde.

Wie entstanden Streuwiesen? Die verschiedenen Pflanzenarten, die sich auf den Streuwiesen zueinander gesellen, haben ihre ursprünglichen Wuchsorte in lichten Wäldern, in Auenwäldern, in den Verlandungsbereichen von Gewässern, in Quellmooren und auf anderen Moortypen und kommen dort meist nur vereinzelt vor. Das Pfeifengras, das Streuwiesengras schlechthin, "wächst in lichten Wäldern auf wechselfeuchten bis nassen, sauren Böden, sowie auf den Bulten mancher Hochmoore" (Ellenberg 1986: 773). Ähnliches gilt für die typische Streuwiesenfauna, deren Vertreter ursprünglich in lichten Waldbereichen und an Gewässerrändern geeignete Lebensbedingungen fanden (Bräu mdl.).

Die erste Voraussetzung zur Entstehung größerer Wiesenflächen ist die Mahd. Sensenfunde belegen den Beginn der Mahd ab etwa Christi Geburt. Streuwiesenartige Stellen hatten jedoch eine sehr untergeordnete Bedeutung bis Anfang des 19. Jahrhunderts, als die Streuwiesenwirtschaft im Alpenvorland einen enormen Aufschwung erlebte. Bis dahin war das Alpenvorland weitgehend ackerbaulich genutzt worden; das anfallende Stroh wurde überwiegend als Futter verwendet und das benötigte Einstreumaterial hauptsächlich von außerbetrieblichen Flächen, nämlich vor allem aus den Wäldern gewonnen. Doch mit der Privatisierung der Allmende setzte allmählich ein Wandel in der Landnutzung ein. Fortschritte in der Stallhaltung und der allmählich sich durchsetzende Anbau der Brache mit Futterpflanzen ermöglichte eine Aufstockung der Viehbestände, für deren Versorgung der Ackerbau immer mehr der Grünlandwirtschaft wich. Die rasche Einführung der ganzjährigen Stallhaltung erhöhte den Streubedarf zusätzlich enorm. Nachdem sich der Widerstand der Forstwirtschaft gegen die Plünderung der Wälder zu Einstreuzwecken mittels Verboten durchgesetzt hatte und man dringend andere Strohsurrogate benötigte, begann der erste Aufschwung der Streuwiesenkultur. Der zweite Aufschwung ging mit der Entwicklung des Eisenbahnnetzes und der Dampfschifffahrt einher. Die Umstellung auf die Milch- und Käsereiwirtschaft lohnte sich zunehmend, als Milch und Hartkäse schneller und weiter transportiert werden konnten, während gleichzeitig durch billige Importe der Getreidemarkt und der Flachsanbau zusammenbrachen und die Ackerflächen zugunsten erhöhter Viehbestände weiter zurückgingen.

Großflächige Streuwiesen entstanden durch Entbuschung und Mahd von Feuchtgebieten. Teilweise wurden Weiher, die in früheren Jahrhunderten zur Fischzucht künstlich angelegt worden waren, wieder abgelassen, um dort Einstreumaterial gewinnen zu können, da einerseits die Fischpreise verfallen waren und andererseits Streu immer begehrter wurde (Zelesny et al. 1991: 10). Außerdem ließ man in einigen Gegenden Futterwiesen versumpfen, denn für Streuwiesen wurden höhere Preise gezahlt als für Futterwiesen (Häfener 1847, zit. in Zelesny et al. 1991: 11). In der Schweiz wurden sogar Pfeifengraswiesen angesät oder Sauergräser angepflanzt (z.B. Stebler 1898: 101). Durch regelmäßige Schnittnutzung entstanden im Laufe der Zeit verschiedene stabile streugenutzte Wiesengesellschaften.

Die Hochblüte der Streuwiesenkultur fällt in die Zeit von 1850 bis 1920. Während dieser Zeit hatte sich die Grünlandwirtschaft der Verbesserung von Streuertrag und Streuqualität verschrieben - die Veröffentlichungen damaliger Gelehrter zeugen davon (Stebler; Nowacki). Die Entwicklung der "Streuwiesen" geschah ausschließlich nach landbaulichen Gesichtspunkten - ihr heutiger Stellenwert als Lebensraum für Pflanzen und Tiere sowie für die Erholung der Menschen ist ein nicht beabsichtigter Nebeneffekt der regelmäßigen stabilisierenden Nutzung.

Parallel zur Entwicklung der Streuwiesenkultur hat es bereits seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts starke Bestrebungen gegeben, Moore und Feuchtwiesen zu entwässern, um "gutes Wiesen-, Acker- und Gemüseland" (Rees 1947: 6, zit. in Konold & Hackel 1990: 185) zu gewinnen. Diese Meliorationsbewegung überrollte schließlich in den 1930er Jahren mit den Einsätzen des Reichsarbeitsdienstes und nach dem Krieg mit verbesserter Technik die Entwicklung der Streuwiesenkultur. Damit war ihr Untergang eingeläutet, der durch die Umstellung auf einstreulose Aufstallungsformen noch beschleunigt wurde. Die Zerstörung der Streuwiesen durch Entwässerung und Aufdüngung erhielt einen weiteren Schub durch die EG-Förderrichtlinien der 60er und 70er Jahre (vgl. Priebe 1988), die eine Aufstockung der Viehbestände und die Umstellung von Festmist auf Schwemmentmistung forcierten und dabei eine Umwidmung der trockeneren ehemaligen Streuflächen in gedüngte, intensiv bewirtschaftete Futterwiesen wirtschaftlich interessant machten. Die feuchteren Flächen, bei denen eine Intensivierung nicht lohnte, fielen dabei zunehmend brach.

So verschwand ein Jahrhundert nach seiner Entstehung ein typisch gewordenes Landschaftselement aus weiten Teilen des Voralpenlandes.

1.3 Streuwiesenrückgang und Streuwiesenpflege

Für das württembergische Allgäu liegt von Abt (1991) eine quantitative Erfassung der Verluste an Streuwiesenflächen und der damit verknüpften Veränderungen der Wiesennutzung und Vegetation vor. Im untersuchten Gebiet zwischen Kisslegg, Leutkirch, Isny und Wangen verschwanden zwischen den Jahren 1938 und 1989 79 % der Streuwiesenflächen. Die inzwischen auf diesen Flächen vorgefundenen Nutzungen sind in Diagramm 1 dargestellt. Fast die Hälfte der ehemaligen Streuwiesenflächen wird heute als Futterwiesen genutzt. In Grünlandgebieten wurden Streuwiesen mit Düngung und Entwässerung in mehrschürige Wiesen umgewandelt. Nur in Ackerbaugebieten wurden geeignete Streuwiesenflächen durch Umbruch zerstört. Geringere Flächenanteile gingen durch Brache und Aufforstung verloren. Auf einigen wenigen Flächen finden sich heute Weiher oder Siedlungen. (Abt 1991: 38-44)

Streuwiesen sind demnach hauptsächlich von zwei möglichen Zerstörungsrichtungen betroffen, die zeitlich versetzt in der Reihenfolge der Auflistung begannen:

1. Intensivierung durch Entwässerung und Düngung zu Futterwiesen und Weiden, Umbruch zu Ackerland
2. Brache, Verhochstaudung, Verbuschung, Sukzession zu Waldgesellschaften, Aufforstung.

Sowohl die Nutzungsintensivierung als auch die Nutzungsaufgabe geschieht aus ökonomischen Vorgaben heraus. So wird die Nutzung auf den nassesten Flächen zuerst aufgegeben, da sie für heutige Rahmenbedingungen zu arbeits- und kostenintensiv ist. Bei den trockeneren Flächen verspricht man sich von der Umwandlung in Futterwiesen oder Forst wirtschaftliche Vorteile.

Diagramm 1: Folgenutzung 1989 auf den seit der Reichsbodenschätzung (1938 bis 1948) als Streuwiesen verschwundenen Flächen im württembergischen Allgäu. (Abt 1991: Abb.17)

Seit Kraus (1964) die Schönheit der Streuwiesen in ihrer Farbenpracht geschildert hat, wird deren Wert für das Landschaftserleben und für den Biotop- und Artenschutz immer wieder betont.[2] Des weiteren stellen Korneck & Sukopp (1988) dar, daß die Nutzungsintensivierung (hier vor allem die Entwässerung) und die Nutzungsaufgabe zusammen mit anderen Entwicklungen in der Landwirtschaft Mit- oder Hauptverursacher für den Rückgang vieler heute seltener oder ausgestorbener Pflanzenarten ist. Doch nur, wenn die gesamte Vielfalt an Lebewesen und Lebensgemeinschaften erhalten wird, "wird die Kulturlandschaft von morgen vielfältige produktive und protektive Funktionen erfüllen können. Von diesem Standpunkt aus läßt sich die zentrale Aufgabe des Naturschutzes begründen, für alle Arten, besonders für die gefährdeten, Erhaltungs-, Rückzugs- und Ausbreitungsgebiete zu schaffen. [...] Das entscheidende Argument für den Erhalt aller Arten ist die Irreversibilität des Aussterbens. Ein überflüssiges Risiko muß vermieden werden, solange die Konsequenzen des Aussterbens nicht angegeben werden können." (Sukopp 1981: 259, 261)

Das Dilemma zwischen der ökonomisch verursachten Artenverarmung und der ökologisch begründeten Notwendigkeit der Erhaltung der Vielfalt ließ die Forderung nach Bezahlung ökologischer Dienstleistungen entstehen. "Langfristig müssen die ökologischen Ziele in das politisch-ökonomische Zielsystem integriert werden: Die Landwirtschaft betreibt gleichrangig Nahrungsproduktion und Naturerhalt in einem stabil gegliederten räumlichen System." (Sukopp 1981: 262; vgl. auch Roth & Berger 1996)

Nach Vorgabe des Bayerischen Naturschutzgesetzes von 1982 wurde im Jahre 1983 der Erschwernisausgleich eingeführt (Bayerisches Gesetz- und Verordnungsblatt 1983). Damit begann eine Trendwende im öffentlichen Umgang mit Streuwiesenflächen. Landwirten sollen ihre umweltbezogenen und landschaftspflegerischen Leistungen vergütet werden, so daß sie anderweitig brachfallende Flächen weiterpflegen und das Mähgut ordnungsgemäß abtransportieren können. Eine weitere Fördermöglichkeit bietet das Bayerische Vertragsnaturschutzprogramm. Darüberhinaus vergibt die öffentliche Hand Pflegeverträge für eigene und gepachtete Flächen. Hier fällt den Maschinenringen sowie den Landschaftspflegeverbänden eine immer größere Rolle zu.

Damit die typische Artengemeinschaft der Streuwiesen erhalten bleibt, muß bei der Pflege auf folgende Punkte geachtet werden. Detaillierte Pflegehinweise geben Bossert & Wildi (1980), Egloff (1984), Briemle (1987), Weißer & Kohler (1987), Pfadenhauer (1988) und Quinger et al. (1995).

- Es darf erst im Herbst gemäht werden. Geförderte Pflegeflächen dürfen von Rechts wegen im Zeitraum vom 1.9. bis zum 15.3. gemäht werden; empfohlen wird von verschiedenen Autoren eine Mahd erst ab Anfang Oktober. Eine Zweischnittnutzung bzw. eine Mahd im Sommer schädigt die für Pfeifengras-Streuwiesen typischen Arten. Pfeifengras erhält seine höchste Vitalität, wenn es erst nach der Rückverlagerung des mineralischen Stickstoffs aus den oberirdischen Pflanzenteilen in die Wurzel gemäht wird. "Bei fortgesetztem Frühschnitt bodensaurer Pfeifengraswiesen ist mit einer Entwicklung zu Gesellschaften des Verbandes Nardion zu rechnen" (Kapfer & Pfadenhauer 1986).
- Die Wiesen müssen regelmäßig je nach Art in jährlichem bis fünfjahrigem Turnus gemäht werden. Historisch war eine Unregelmäßigkeit im Turnus (sowie im Mahdzeitpunkt) abhängig vom Bedarf und von der Witterung.
- Das Mähgut muß bei den meisten Wiesentypen abtransportiert werden. Mulchen, d. h. Mähen, Zerkleinern und Liegenlassen des Aufwuchses, zur Erhaltung von Pfeifengraswiesen sollte nur "eine Notlösung gegenüber landwirtschaftlicher Verwertung von Aufwüchsen" sein (Briemle et al. 1991: 25). Diese Methode ist ungeeignet auf stark sauren und auf nassen Böden und für späte Mahd, da das Schnittgut bis zum Winter nicht genügend abgebaut werden kann (Briemle et al. 1991: 24). Die Wirkungen des Mulchens auf Pflanzenbestand und Streuzersetzung hat Schiefer (1983) zusammenfassend dargestellt.
- Streuwiesen dürfen nicht gedüngt werden. In Zeiten erhöhten Streubedarfs versuchte man, durch dezente Düngung mit Thomasmehl und Kainit den Streuertrag zu steigern. Das Ausbringen von Mist und Jauche brachte nicht den gewünschten Erfolg, da durch eine Zufuhr von Stickstoff der Konkurrenzvorteil der typischen Streuwiesenpflanzen zugunsten der Arten der Futterwiesen verschoben wird. Dabei verschlechtert sich auch die Streuqualität. (Vgl. Stebler 1898: 112-114 und Ellenberg 1986: 771)

Eine Übersicht über die Pflegeanforderungen verschiedener zur Streugewinnung nutzbarer Pflanzengesellschaften gibt Tabelle 2.

Tabelle 2

Die oben aufgeführten Wiesengesellschaften sind im Ökogramm von Ellenberg (1986) dem Feuchtegrad und dem Säurebereich ihres Standorts zugeordnet (Abbildung 3). Zum Vergleich läßt sich aus Abbildung 4 ablesen, welche Waldgesellschaften ohne anthropogene Veränderung auf den entsprechenden feuchten bis sehr nassen Standorten wachsen würden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wie dargestellt, muß zur Erhaltung der typischen Streuwiesenstruktur das bei der Pflegemahd anfallende Schnittgut in der Regel von der Fläche abtransportiert werden. Finden sich in der Landwirtschaft keine herkömmlichen Nutzungsmöglichkeiten, so beginnt die Suche nach neuen Verwendungsmöglichkeiten.

"In anderen Fällen wird Streu verbrannt oder gar auf Schuttplätze verfrachtet. Da zur Gewinnung der Streu teure Betriebsstoffe aufgewendet werden, bedeutet ein solches Verfahren doppelte Verschwendung von Energie und Biomasse." (Bauer 1987: 457)

1.4 Neue Nutzungen für Streuwiesenmähgut

Diese Situation ist Ausgangspunkt für die vorliegende Arbeit: Die öffentliche Hand trägt die Pflegekosten einiger wertvoller und ausgedehnter Streuwiesenflächen. Daher steht Streuwiesenmähgut zur Verfügung.

Welche Nutzungen sind für diese Biomasse denkbar?

Es handelt sich um ein eiweißarmes, rohfaserreiches Material, welches im Herbst nur mehr einen geringen Wassergehalt aufweist und auf den trockeneren Streuwiesen mit geringem Aufwand auf der Fläche liegend bis zur Lagerfähigkeit trockenbar ist.

Der naheliegendste Verwendungsbereich für Streuwiesenmähgut liegt in der Landwirtschaft:

- Einstreumaterial

Die Materialeigenschaften des Streuwiesenmähguts ähneln denen von Getreidestroh. Neben der arbeitsintensiven Verwendung als Strohersatz in herkömmlichen Kuhställen kommt eine Verwendung in modernen Stallsystemen für Rinder in Frage. Einsatzmöglichkeiten in der Pferdehaltung müssen im einzelnen geprüft werden, da Pferde unter Umständen auf Feinstaub empfindlich reagieren.

- Futter

Je später im Jahr Wiesen geschnitten werden, desto eiweißärmer und rohfaserreicher ist das gewonnene Heu. Dies trifft auf gedüngte wie ungedüngte Wiesen, ertragreiche wie magere Wiesen gleichermaßen zu. Unterschiedlich ist nur der Zeitpunkt, ab welchem das Schnittgut überständig wird und verholzt (Briemle & Elsässer 1992). Heu von ungedüngten Wiesenbrüterflächen, welche nach Mitte Juli gemäht werden, ist rohfaserreich und eignet sich als Futter für Pferde und Elefanten, jedoch nicht mehr für die moderne Milchwirtschaft (Ziesemer 1994, Filoda et al. 1996). Das erst im Herbst gemähte Streuwiesenmähgut von ungedüngten und ertragarmen Feuchtwiesen hat jedoch kaum einen Futterwert mehr.

- Kompost

In Betrieben ohne Einstreubedarf kann das Material über eine Kompostierung in den Betriebskreislauf eingefügt werden. Für biologisch-dynamisch wirtschaftende Betriebe ist die Bereitstellung von Kompost ein wichtiger Baustein. Eine Sonderform des Kompostierens ist das oberflächige Einarbeiten gehäckselten Mähguts in Äcker. Hierbei wird der Boden mit zusätzlicher Humusgrundlage versorgt.

- Zusatz zur Schwemmentmistung

Anstelle von Strohmehl kann kleingehäckseltes Mähgut zur Aufbesserung von Gülle dienen. Reine Gülle ist sehr stickstoffreich und entbehrt eines stickstoffarmen organischen Strukturmaterials, welches die Nährstoffe binden kann und somit eine sanftere und gleichmäßigere Nährstoffbereitstellung bewirkt. (Hühnerfeld mdl.)

- Mulchmaterial für Sonderkulturen

In landwirtschaftlichen Sonderkulturen (Intensivobstbau, Weinbau) und in Gärtnereibetrieben kann durch Mulchdecken der Boden vor Klimaextremen, vor Austrocknung und Abschwemmung geschützt und der Herbizideinsatz vermindert werden. Mulchversuche von Himmelsbach (1995: 53) ergaben, daß die Abdeckung mit Getreidestroh einen geringfügig dauerhafteren Schutz vor Unkraut bot als der Einsatz von Rindenmulch. Die Schädigung durch Kleinnager war bei Strohmulch geringer als bei Folienmulch. Laut Stebler (1898: 129) ist Streuwiesenmähgut bei Mäusen weniger beliebt als Getreidestroh. Bezüglich der Unterbindung von Unkrautaufwuchs dürften sich Stroh und Streugut ähneln. Vorteilhaft bei Streuwiesenmähgut ist, daß es in der Regel keine Samen von "Problemunkräutern" enthält, da diese nicht auf den feuchten und mageren Streuwiesenstandorten gedeihen.

- Biogas

In landwirtschaftlichen Biogasanlagen wird ein edler Energieträger (Methangas) gewonnen. Durch Mitvergärung von Mähgut kann die Gasausbeute gesteigert werden (Wellinger et al. 1991: 44f).

Die Biogasproduktion leitet über zum zweiten Verwendungsbereich für Streuwiesenmähgut, der industriellen Nutzung. Zur Aufbereitung großer Mengen stark organisch belasteter Abwässer, etwa aus der Lebensmittelindustrie, eignen sich industrielle Biogas-Großanlagen (Osteroth 1992: 244). Andere Möglichkeiten im Bereich industrieller Verwertung sind:

- Biobrennstoff

Trockene Biomasse hat einen brauchbaren Heizwert. Auch hier sind wie bei der Biogaserzeugung verschiedene Anwendungsmaßstäbe möglich. Streuwiesenmähgut kann in geeigneter Form sowohl in kleineren Blockheizanlagen als auch in großen Heizkraftwerken thermisch verwertet werden.

- Baumaterial

Für die Herstellung von Platten zum Innenausbau sind die Eigenschaften von Streuwiesenmähgut im Vergleich zu Stroh nicht genau einschätzbar. Daher ist die Mähgutverwendung für diesen Bereich zu riskant.

- Rohstoff zur Zellstoffgewinnung

Streuwiesenmähgut ist zellulosehaltig. Durch Herauslösen des Lignins aus dem Material kann Zellulose gewonnen werden (Osteroth 1992: 157). In Anbetracht der großen Bedarfsmengen bei der Papierherstellung lohnt jedoch eine Entwicklung bzw. eine Verfahrensangleichung für die Zellstoffgewinnung aus Streuwiesenmähgut nicht.

- Rohstoff zur Verzuckerung

Die enzymatische Verzuckerung von Zellulose liefert den Grundstoff für eine Reihe biotechnisch hergestellter Produkte. Beispiele sind unter den Grundchemikalien Glycerin, organische Säuren und Waschmittelenzyme, unter den Pharmaka Antibiotika, Diagnostika und Vitamine und unter den Feinchemikalien Enzyme, Aminosäuren und Duftstoffe (Osteroth 1992: 183). Laut Reiter (1996 mdl.) ist es im Prinzip technisch und chemisch gesehen möglich, Einjahrespflanzen, also auch Streuwiesenmähgut, zur industriellen Verzuckerung zu verwenden. Erfahrungen liegen mit Getreide, Stroh, Schilf, Elefantengras und ähnlichem vor. Aufgrund der mangelnden Wirtschaftlichkeit in Konkurrenz zu fossilen Rohstoffen gibt es jedoch keine praxisnahe Umsetzungsmöglichkeit für die Verwendung nachwachsender Rohstoffe.

[...]


[1] Eine bedeutende Entwicklung in den Nutzungsmethoden stellt die maschinelle Bewirtschaftung dar. Die dadurch hervorgerufenen Auswirkungen auf das System bleiben in vorliegender Arbeit unberücksichtigt.

[2] Dem als schützenswert geltenden Lebensraumtyp Streuwiesen ist kürzlich im Rahmen des Landschaftspflegekonzeptes Bayern eine ausführliche Abhandlung gewidmet worden. Hier finden sich auch ausführliche Hinweise zur Bedeutung für Erholung, Natur- und Landschaftsschutz (Quinger et al. 1995: 155-163). Hinweise zum Wert für Schmetterlingsarten siehe Blab & Kudrna (1982: 46, 60, 113) und Oppermann (1987), zum Schutz von Wiesenbrütern siehe u.a. Bauer (1987) und Briemle et al. (1991: 126).

Details

Seiten
125
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
1996
ISBN (eBook)
9783842810297
Dateigröße
3.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v228327
Institution / Hochschule
Technische Universität Berlin – Institut für Ökologie, Studiengang Landschaftsplanung
Note
1,0
Schlagworte
biomasse verwertung energiebilanz wiesenpflege streuwiese

Autor

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