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Junge Mütter – Schwangerschaften in der Adoleszenz

Pädagogisch relevante Präventions- und Interventionsangebote

Diplomarbeit 2009 121 Seiten

Pädagogik - Familienerziehung

Leseprobe

Einleitung

Das Thema Teenagerschwangerschaften ist immer wieder in den Medien präsent. Besonders in diversen Talkshows sind wiederholt minderjährige Mütter oder auch Väter als Gäste eingeladen. Inhaltlich wird zum Beispiel oft diskutiert, wie die jungen Eltern bzw. auch die Großeltern mit der neuen Situation zurechtkommen oder wo die Hintergründe für eine geplante Schwangerschaft im Teenageralter liegen. Die wiederholte Vergegenwärtigung durch Fernsehen und Tageszeitungen erwecken den Eindruck, dass es sich bei Schwangerschaften im Jugendalter um eine wachsende Problematik handelt und dementsprechend immer mehr Jugendliche in jüngeren Jahren Eltern werden. Ein positiver Effekt ist, dass so auf die schwierige Lebenslage von jugendlichen Müttern aufmerksam gemacht wird.

In meinem persönlichen Umfeld sind insgesamt sechs junge Frauen, nicht unbedingt minderjährig, aber doch sehr jung und in erster Linie ungeplant, schwanger geworden. Trotz sehr unterschiedlichen Lebensbedingungen haben sich alle dazu entschlossen, ihr Kind auszutragen. Ich empfinde größten Respekt für den Mut und die Ausdauer, die sie haben, um die Lebensaufgabe „Kind“ in so jungen Jahren zu bewältigen. Alle sechs Mütter haben dabei mal mehr, mal weniger Unterstützung durch ihre Herkunftsfamilien, einige auch die des Kindsvaters.

Diese Erfahrungen haben mein Interesse an der Thematik „Schwangerschaften in der Adoleszenz“ geweckt. In Deutschland werden jährlich ca. 14000 junge Mädchen unter 18 Jahren schwanger. Nicht alle Mädchen und jungen Frauen kommen mit der neuen Situation zurecht und sind überfordert. Gerade in der Adoleszenz, die als Umbruchphase zwischen Kindheit und Erwachsenenalter angesehen wird, müssen Jugendliche mit zahlreichen, sowohl körperlichen als auch seelischen Veränderungen, umzugehen lernen und bestimmte Entwicklungsaufgaben bewältigen. Wird ein Mädchen in dieser Phase schwanger, so stellt dies eine enorme psychische Belastung für sie dar. Viele sehen den Ausweg nur in einer Abtreibung des ungeborenen Lebens. Entscheiden sich die Mädchen für das Kind, gelingt jedoch nur wenigen die Vereinbarkeit der Rolle als Jugendliche und der Mutterrolle, so dass es spätestens mit der Geburt des Kindes häufig zu einem abrupten Ende der Jugendphase kommt. Die Mütter müssen plötzlich eine hohe Verantwortung tragen.

Bezüglich der Thematik „Schwangerschaften in der Adoleszenz“ habe ich mir viele Fragen gestellt, die in dieser Arbeit beantwortet werden sollen. Dazu gehören Fragen wie: Wie viele minderjährige Schwangere gibt es in Deutschland? Wie viele von ihnen bekommen tatsächlich ihr Kind? Worin liegen überhaupt die Hintergründe für eine Schwangerschaft in so jungen Jahren? Wie sieht die Lebenssituation der jugendlichen Mütter aus? Welchen Anteil daran haben die Kindsväter, welchen die Großeltern? Wie kann in Not geratenen Müttern geholfen werden? Welche Unterstützungsleistungen vom Staat gibt es?

Ziel der Arbeit ist es, die schwierige Lebenslage von adoleszenten Müttern darzustellen und Möglichkeiten der Unterstützung und Hilfe für die Betroffenen aufzuzeigen.

Um einen Einstieg in das Thema zu bekommen, halte ich es für sinnvoll zunächst die Lebensphase der Jugendlichen näher zu erläutern. In Kapitel 1 werden zunächst die biologischen und körperlichen Veränderungen der Jugendphase dargestellt. Ganz zentral in Hinblick auf die Entstehung von Schwangerschaften ist die Entwicklung der Geschlechtsreife während der Pubertät. Hier wird insbesondere der Reifungsvorgang der Mädchen dargestellt. Im weiteren Verlauf des Kapitels wird die Bewältigung von Entwicklungsaufgaben während der Phase der Adoleszenz thematisiert. Eine wesentliche Aufgabe ist die Entwicklung des Sexualverhaltens. Der Zeitpunkt, zu dem die Jugendlichen ihre ersten sexuellen Erfahrungen machen und in Verbindung damit, das Verhütungsverhalten beim ersten Geschlechtsverkehr, sind an dieser Stelle bedeutsam. Als weitere Entwicklungsaufgaben werden die Entwicklung gegengeschlechtlicher Beziehungen und die Ablösung von der Familie erörtert.

Im zweiten Kapitel liegt der Fokus auf der Schwangerschaft im Jugendalter. Zu Beginn werden statistische Daten der letzten Jahre zu Schwangerschaften allgemein in Deutschland vorgestellt. Ein Blick in die Details zeigt Zahlen zu Lebendgeborenen und Schwangerschaftsabbrüchen im Altersvergleich. Dadurch werden insbesondere die Häufigkeit und das Verhältnis von Austragung und Abbruch der Schwangerschaften bei Minderjährigen deutlich. Im zweiten Teil des Kapitels werden die Hintergründe und Motive der Teenagerschwangerschaften näher beleuchtet. Des Weiteren wird die Bedeutung der Schwangerschaft für die weiblichen Jugendlichen selbst erläutert. Das beinhaltet mitunter den Prozess des Schwangerschaftskonflikts und die Entscheidung für bzw. gegen das Kind, sowie die Verarbeitung eines Schwangerschaftsabbruchs.

In Kapitel 3 werden besondere Aspekte der Lebenssituation der jugendlichen Mütter in den Mittelpunkt gestellt. Die Beziehungen zum sozialen Umfeld umfassen die Reaktionen von Eltern, Verwandten, Freunden und vom Vater des Kindes auf die Schwangerschaft, sowie die Entwicklung der Kontakte nach der Entbindung. Weitere wichtige Aspekte sind die schulische und berufliche Situation der jungen Frauen und in Verbindung damit die finanzielle Situation.

Im vierten und letzten Kapitel werden verschiedene Hilfsangebote aus den Bereichen Prävention, Beratung und Intervention vorgestellt. Dazu gehören u.a. zum einen Unterstützungsleistungen allgemein für Mütter. Diese haben jedoch, beispielsweise in Bezug auf die finanzielle Situation, teilweise einen höheren Stellenwert für die jugendlichen Mütter, als für ältere Mütter, die ihr Kind geplant haben. Zum anderen werden Angebote und Projekte vorgestellt, die speziell für junge in Not geratende Mütter konzipiert worden sind.

1. Das Jugendalter

Die zeitliche Abgrenzung des Jugendalters von der vorausgegangenen Entwicklungsphase der Kindheit und des darauf folgenden Erwachsenenalters sowie die Gliederung in separate Abschnitte rufen unter den Experten Uneinigkeit hervor. Die Einteilung in verschiedene Zeitintervalle hängt von der Betrachtung der Veränderungen ab. Es wird zwischen physischen, psychischen und sozialen Veränderungen differenziert, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten eintreten. Zudem wurden in den letzten Jahrzehnten eine Beschleunigung und ein früherer Beginn der Entwicklung (Akzeleration) registriert. Durch besonders frühreife oder spät entwickelte Jugendliche gibt es große Divergenzen bezüglich des Eintretens in das Jugendalter und des Entwicklungsverlaufs. Geschlechtsbezogene Unterschiede – Mädchen sind den Jungen in ihrer Entwicklung etwa eineinhalb bis zwei Jahre voraus – tragen ebenfalls zu den Unstimmigkeiten in der Fachdiskussion bei. Daher ist eine genaue zeitliche Markierung des Anfangs der Pubertät und des Endes der Adoleszenz nicht möglich (vgl. Kasten 1999, S. 14f.).

Die Pubertätsphase beinhaltet insbesondere die biologischen Veränderungen des Menschen, mit deren Beginn der Eintritt in das Jugendalter gekennzeichnet ist. Es handelt sich um einen biologischen Reifungsprozess, der Wachstumsschübe hinsichtlich Körpergröße und -gewicht, Gestaltwandel der Körperproportionen, Entwicklungen der Körperkraft, Motorik und des Gehirns sowie hormonelle Veränderungen impliziert. Das Ende der Pubertät ist mit dem Abschluss des Wachstums und dem Erlangen der Geschlechtsreife erreicht. Dieser Prozess, von den ersten Veränderungen bis zur absoluten biologischen Reproduktionsreife, erstreckt sich in etwa über vier Jahre und beginnt bei Mädchen mitunter nach dem 10. Lebensjahr und endet bei spät entwickelten Jungen mit 20 Jahren (vgl. Fend 2005, S. 101-111).

1.1 Biologische und körperliche Veränderungen

1.1.1 Wachstumsprozesse

Während der Pubertät kommt es zu enormen Wachstumsschüben. Sowohl die Körpergröße als auch das Gewicht verändern sich mit hoher Geschwindigkeit, in etwa vergleichbar mit dem Längenwachstum während des ersten Lebensjahres, in dem der Säugling durchschnittlich 25 cm wächst. Ab dem 2. Lebensjahr verringert sich die Wachstumsgeschwindigkeit auf etwa 5 cm im Jahr (vgl. Kasten 1999, S. 30f.). Der Wachstumsschub zu Anfang der Pubertät führt fast zur Verdoppelung der Schnelligkeit, so dass bei den Mädchen ein maximales Längenwachstum von 8 cm pro Jahr erreicht wird. Die Jungen wachsen sogar durchschnittlich 9,5 cm im Jahr. Nach diesem Schub sinkt die Wachstumsgeschwindigkeit wieder erheblich und kommt im Alter von 16 bis 19 Jahren zum Stillstand. Der pubertäre Wachstumsschub setzt bei Jungen ungefähr zwei Jahre später ein als bei Mädchen, doch aufgrund des höheren Tempos des männlichen Längenwachstums kommt es zu einem Größenunterschied zwischen den Geschlechtern von 12-13 cm. Das Körpergewicht ändert sich annähernd in der gleichen Art und Weise analog zum Längenwachstum (vgl. Fend 2005, S. 103).

Im engen Zusammenhang mit dem Wachstum von Größe und Gewicht steht auch der Prozess des Gestaltwandels. Während der Pubertät verändern sich die Körperproportionen aufgrund eines asynchronen Wachstums der verschiedenen Gliedmaßen (vgl. Fend 2005, S. 104).

„Die Reihenfolge (! Autor?) des Pubertätswachstumsschubes ist festgelegt: zuerst wachsen Hände und Füße, danach Hüften, Brust und Schultern und erst zuletzt wird der Rumpf vom Wachstumsschub erfaßt (!). Am wenigsten wächst in der Pubertät der Kopf, da Schädelwachstum und Gehirnentwicklung der übrigen Reifung bereits in der Kindheit vorauseilen“ (ebd.).

Die Veränderung der Körperproportionen ist bei den Jungen ausgeprägter als bei den Mädchen. Mädchen bleiben deutlich näher an den kindhaften Proportionen. Durch den Gestaltwandel lassen sich zunehmend geschlechtliche Unterschiede feststellen. Beispielsweise entwickeln Mädchen breitere Hüften und haben im Verhältnis zum Rumpf kürzere Beine als Jungen. Bei den Jungen hingegen bilden sich breitere Schultern heran (vgl. Kasten 1999, S. 32).

Ein weiterer Wachstumsprozess betrifft die Muskelkraft. In der Kindheit ist das Muskelwachstum bei beiden Geschlechtern gleich. Mit Beginn der Pubertät steigt die Wachstumsgeschwindigkeit der Muskeln bei den Jungen stärker als bei den Mädchen. Die größere Körperkraft des männlichen Geschlechts ist genetisch bedingt (vgl. ebd.).

Die verschiedenen, teilweise asynchronen Wachstumsprozesse beeinflussen die motorischen Fähigkeiten, so dass es zeitweise zu motorischen Unsicherheiten kommen kann. Jungen sind meist bei grobmotorischen Aktivitäten besser als Mädchen; diese wiederum haben eine bessere Feinmotorik. Werden den Jungen und Mädchen jedoch die gleichen Möglichkeiten zur Einübung fein- und grobmotorischer Fähigkeiten eröffnet, so kommt es zur Angleichung der Geschlechtsdifferenzen (vgl. Fend 2005, S. 104).

1.1.2 Die Entwicklung der Geschlechtsreife (biosexuelle Entwicklung)

Neben den deutlich sichtbaren Veränderungen, wie Längenwachstum und Gestaltwandel, sind die inneren biologischen Veränderungen von zentraler Bedeutung für den Entwicklungsprozess des Menschen. Bedingt durch den Wandel des Hormonhaushalts kommt es zur Geschlechtsreifung, die zur Reproduktions­fähigkeit führt (vgl. Oerter & Dreher 2008, S. 291).

Die Umstellung der Hormonsituation erfolgt bei Mädchen mit ca. neun Jahren, bei Jungen etwa zwei Jahre später mit elf Jahren. Da bei beiden Geschlechtern unterschiedliche Hormone produziert werden, ist eine differenzierte Betrachtungs-weise nötig. Bei den Jungen wird zu Beginn der Pubertät das Geschlechtshormon Testosteron erzeugt, dass für die sexuelle Entwicklung zum Mann verantwortlich ist. Zudem sind Wachstumshormone für die Produktion von Samenzellen zuständig. Die Geschlechtsreifung der Mädchen erfolgt durch die Erzeugung der Hormone Östrogen und Progesteron. Östrogen beeinflusst die Heranbildung der weiblichen Brust, der Schambehaarung und die Fettbildung. Das Progesteron sorgt für den Menstruations­zyklus und die Möglichkeit zur Empfängnis (vgl. Oerter & Dreher ???, S. 279f.).

Zur biosexuellen Entwicklung gehören außer den Veränderungen des Hormon­haushalts auch Veränderungen der primären und sekundären Geschlechtsmerkmale (siehe Tabelle 1). Diese entwickeln sich nach einer bestimmten Abfolge, ähnlich dem Wachstum der Gliedmaßen während des Pubertätswachstumsschubs. Bei beiden Geschlechtern gibt es Parallelen im Verlauf, doch finden die übereinstimmenden Entwicklungsstadien bei weiblichen Jugendlichen ca. zwei Jahre eher statt (ebd., S. 277f.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1 – Reifung der primären und sekundären Geschlechtsmerkmale

(Quelle: nach Rice 1975, S.64; zit. n. Oerter & Dreher ???, S. 278).

Bezüglich der körperlichen Veränderungen gibt es aber nicht nur zwischen den Geschlechtern große Unterschiede, sondern auch untereinander. So findet bei einigen Jungen und Mädchen die Entwicklung zu einem früheren oder späteren Zeitpunkt statt. Vollzieht sich der Reifeprozess eher als bei Jugendlichen, die im Altersdurchschnitt liegen, wird dies als Akzeleration bezeichnet. Sind Wachstum und Reifung im Vergleich zum Altersdurchschnitt verlangsamt, ist eine Retardation vorhanden (vgl. Oerter & Dreher ???, S. 280).

1.1.3 Der Reifungsvorgang bei Mädchen

Der Beginn der Pubertät ist im Wesentlichen von genetischen Faktoren abhängig. Die einzelnen Pubertätsmerkmale treten unabhängig vom Zeitpunkt des Pubertätseintritts generell in einer bestimmten Abfolge auf. Die beginnende Schambehaarung kann als erstes Anzeichen für das Einsetzen der Pubertät verstanden werden. Ein weiteres Merkmal ist die einsetzende Brustentwicklung. Hier werden jeweils fünf Stadien unterschieden (vgl. Remschmidt 1992, S. 59).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 – Stadien der Schambehaarung und der Brustentwicklung bei Mädchen

(Quelle: nach Tanner 1962; zit. n. Remschmidt 1992, S. 60f.)

Die Brustentwicklung beginnt im Durchschnitt zwischen dem 10. und 11. Lebensjahr, wobei es aber eine große Streuung hinsichtlich des zeitlichen Auftretens gibt (9.-12. Lebensjahr) (vgl. Remschmidt 1992, S. 60). Die Entwicklung der Brüste ist für Mädchen von großer Bedeutung. Befürchtungen über Anomalien, wie z.B. ein verzögertes, asymmetrisches oder unregelmäßiges Wachstum der Brüste, können Mädchen in hohem Maße belasten. Zusätzlich verstärkt das gesellschaftlich hervorgerufene Schönheitsideal die Selbsteinschätzung, einen zu kleinen oder zu großen Busen zu haben, so dass häufig starke Beeinträchtigungen des Selbstwertgefühls entstehen (vgl. Kasten 1999, S. 39).

In etwa zwei Jahre nach dem Beginn der Pubertät kommt es mit ca. 13 Jahren zur ersten Monatsblutung (Menarche). Die Streubreite liegt zwischen dem 10. und 16. Lebensjahr (vgl. Remschmidt 1992, S. 62). Die Menstruation ist biologisch betrachtet von großer Wichtigkeit, denn mit ihrem Einsetzen ist es von nun an möglich, schwanger zu werden, wenn im Verlauf des Zyklus ein Eisprung erfolgt. Dieses Ereignis hat Einfluss auf die psycho- und soziosexuelle Entwicklung von Mädchen und ist daher auch für die Thematik der Schwangerschaften im Teenageralter von Belang. Zum einen kam es im Verlauf des letzten Jahrhunderts zu einer temporellen Vorverlagerung der Menstruation (säkulare Akzeleration). Lag das durchschnittliche Alter bei der ersten Monatsblutung vor über 100 Jahren noch bei über 16 Jahren, so tritt die Menarche heute bei Mädchen im westeuropäischen Raum bereits im 12. oder 13. Lebensjahr ein (vgl. Osthoff 1995, S. 17f.).

Und zum anderen „[beeinflusst] auch […] das Wissen über die biochemischen, physiologischen und psychischen Vorgänge im Körper sowie über besonders fruchtbare Tage das Verhältnis der jungen Frauen zur eigenen Körperlichkeit und damit zu ihrem sexuellen Empfinden, Verhalten und Erleben“ (ebd., S. 18).

Mit dem Ereignis der ersten Periode sind aber auch Ängste und Befürchtungen verknüpft, sei es aufgrund einer unzureichenden Vorbereitung oder einer Verzögerung der Menarche. Ein Großteil der Mädchen hat in diesem Zusammenhang eher negative oder neutrale Gefühle. Diese basieren auf physischen Beeinträchti-gungen im Alltag und Ängsten vor einer möglichen Schwangerschaft. Negative emotionale Reaktionen entstehen auch in Folge der Tabuisierung der Thematik (vgl. Remschmidt 1992, S. 90f.).

1.2 Entwicklungsaufgaben und ihre Bewältigung

Wie zu Anfang dieses Kapitels beschrieben, ist der Übergang von der Jugendphase in das Erwachsenenalter nicht exakt festzulegen.

In anderen Kulturkreisen werden Kinder bzw. Jugendliche durch für beide Geschlechter unterschiedliche Initiationsrituale in die Erwachsenenwelt aufgenommen. Damit wird deutlich, dass die Pubertät kulturabhängig ist und stark von der Gesellschaft beeinflusst wird (vgl. Kasten 1999, S. 55).

In den modernen Industrienationen sieht sich der Jugendliche mehreren Entwicklungsaufgaben gegenübergestellt, die beinhalten, dass er durch den Erwerb bestimmter Kompetenzen die altersentsprechenden Lebenssituationen zu bewältigen lernt. Die Lösung der entsprechenden Aufgaben und Probleme während der Adoleszenz sind Bedingung für nachfolgende Entwicklungsschritte in der nächsten Lebensphase.

Das allgemeine Konzept der „Entwicklungsaufgaben“ wurde anfänglich von Robert J. Havighurst entworfen (vgl. Hurrelmann 1994, S. 32f.).

Demnach werden „unter einer Entwicklungsaufgabe […] die psychisch und sozial vorgegebenen Erwartungen und Anforderungen verstanden, die an Personen in einem bestimmten Lebensabschnitt gestellt werden. Die Entwicklungsaufgaben definieren für jedes Individuum in bestimmten sozialen Lebenslagen die vorgegebenen Anpassungs- und Entwicklungsprobleme, denen es sich stellen muß. Die Entwicklungsaufgaben sind also psychosoziale Bezugssysteme, innerhalb derer die eigene Persönlichkeitsentwicklung vorgenommen werden muß“ (ebd., S. 32f.).

Zu den Entwicklungsaufgaben der Adoleszenz, die als Übergangsstadium von der mittleren Kindheit zum frühen Erwachsenenalter zwischen dem 12. und 18. Lebensjahr gelegen ist, gehören:

„1. Neue und reifere Beziehungen zu Altersgenossen beiderlei Geschlechts aufbauen
2. Übernahme der männlichen/weiblichen Geschlechtsrolle
3. Akzeptieren der eigenen körperlichen Erscheinung und effektive Nutzung des Körpers
4. Emotionale Unabhängigkeit von den Eltern und anderen Erwachsenen
5. Vorbereitung auf Ehe und Familienleben
6. Vorbereitung auf eine berufliche Karriere
7. Werte und ein ethisches System erlangen, das als Leitfaden für Verhalten dient – Entwicklung einer Ideologie
8. Sozial verantwortliches Verhalten erstreben und erreichen“

(nach Dreher & Dreher 1985, S. 59; zit. n. Fend 2005, S. 211).

Der Ursprung der Entwicklungsaufgaben liegt in der körperlichen Reifung, den Erwartungen seitens der Gesellschaft und den persönlichen Werten und Zielen der Jugendlichen. Sie stehen in einer Wechselbeziehung zu den Aufgaben der vorherigen und der nachfolgenden Lebensphase und die Aufgabenbereiche befinden sich in einer Abhängigkeit zueinander, so dass keine Entwicklungsaufgabe von den anderen getrennt gesehen werden kann (vgl. Oerter & Dreher ???, S. 268f.). Beispielsweise beeinflusst das Erreichen der emotionalen Unabhängigkeit von den Eltern die Form der Entwicklung von neuen Peer-Beziehungen (vgl. Hurrelmann 1994, S. 33).

Für den weiteren Verlauf dieser Arbeit ist insbesondere die folgende Darstellung der Entwicklungsaufgabe bezüglich des Umgangs mit Sexualität von Bedeutung.

1.2.1 Entwicklung des Sexualverhaltens

Ganz entscheidend während der Pubertät ist die Erlangung der Geschlechtsreife, durch die der Mensch reproduktionsfähig wird. Eine der wichtigsten Entwicklungsaufgaben der Adoleszenz ist daher, Verantwortungsbewusstsein für das eigene sexuelle Handeln zu entwickeln (vgl. Fend 2005, S. 254).

Das bedeutet jedoch nicht, dass die psychosoziale Entwicklung parallel zur biologischen Entwicklung stattfindet. Ein geringer Teil der Mädchen und Jungen hat schon vor Eintritt der Menarche bzw. Ejakularche (Samenerguss) intime Beziehungen zum anderen Geschlecht und Sexualverkehr. Zudem hat das Einsetzen der Monatsblutung bei Mädchen keinen unmittelbaren Einfluss auf die sexuellen Bedürfnisse und Verhaltensweisen (vgl. Osthoff 1995, S. 21).

Entscheidend ist, dass in unserer Kultur der biologische Vorgang der Entwicklung der Reproduktionsfähigkeit bei Jugendlichen zu einem Zeitpunkt einsetzt, wenn diese auf der psychosozialen Ebene noch nicht fähig sind, mit den damit verknüpften Anforderungen (beispielsweise Vaterschaft und Mutterschaft, Eigenverantwort-lichkeit abgelöst vom Elternhaus und auch in beruflicher Sicht) zurechtzukommen (vgl. Remschmidt 1992, S. 118).

Die Entwicklung des Sexualverhaltens begründet sich in vielen Erklärungsmodellen auf das Vorhandensein eines Sexualtriebes, der durch die Sexualhormone in Begleitung von psychosozialer und soziokultureller Einwirkung angeregt wird. Aufgrund der höher konzentrierten Sexualhormone (Androgene) bei männlichen Jugendlichen wird davon ausgegangen, dass der Sexualtrieb bei Jungen eher und stärker einsetzt als bei Mädchen. Die Androgene sind bei ihnen zehnmal so häufig vorhanden wie im weiblichen Körper. Betrachtet man Selbstbefriedigung (Masturbation) zusammen mit sexuellen Phantasien als Anzeichen für den vorhandenen Sexualtrieb, bestätigen statistische Daten diese Auffassung. Jungen masturbieren durchschnittlich im Alter von 12 bis 13 Jahren, Mädchen zwischen dem 14. und 15. Lebensjahr das erste Mal. 60 % der Jungen und nur 20 % der Mädchen haben bis zum Alter von 14 Jahren Erfahrungen mit Selbstbefriedigung. Mit 17 Jahren ist der Anteil der Erfahrenen bei beiden Geschlechtern um jeweils 20 % gestiegenen (80 % Jungen und 40 % Mädchen). Drei weitere Jahre später sind es 92 % der 20-jährigen Männer und 73 % der 20-jährigen Frauen, die Masturbations-erfahrung haben. Diese Untersuchungsergebnisse stehen im Gegensatz zur biologischen Entwicklung bis zur Geschlechtsreife, die bei Mädchen in etwa zwei Jahre eher einsetzt als bei Jungen. Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern werden neben der Konzentration der Sexualhormone auch mit der körperlichen Ausstattung der Geschlechtsteile in Verbindung gebracht. Die Genitalien des Mannes liegen weitgehend außerhalb des Körpers und sind daher für äußerliche Reize empfänglicher als die Genitalien der Frau, die sich überwiegend im inneren des Körpers befinden (vgl. Kasten 1999, S. 74f.).

Die tatsächlichen sexuellen Kontakte zum anderen Geschlecht finden jedoch an die Reifeentwicklung angepasst statt, so dass bei Mädchen früher als bei Jungen erste sexuelle Aktivitäten auftreten. Diesbezüglich haben sich die Geschlechterdifferenzen mit ca. 18-19 Jahren angeglichen. Innerhalb der letzten fünfzig Jahre gab es immense Veränderungen des Sexualverhaltens in Hinsicht auf den Zeitpunkt des ersten Geschlechtsverkehrs, die Häufigkeit und Bewertung sexueller Handlungen und Partnerbeziehungen. Tendenziell sind die Spannungen der Thematik Sexualität zurückgegangen. Außereheliche sexuelle Beziehungen sind zur Normalität geworden, werden nicht mehr als Heiratversprechen verstanden und sind seltener mit Gefühlen der Angst und Schuld verknüpft. Zudem gibt es eine erhöhte Toleranz gegenüber Masturbation und Homosexualität. Für die Jugendlichen gilt Liebe als Voraussetzung für sexuelle Beziehungen. Eine beständige Partnerschaft mit einem verlässlichen Partner ist für sie von Bedeutung. Die früheren Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern, den sozialen Schichten und der Stadt- und Landjugend sind nicht mehr vorhanden. Weibliche und männliche Jugendliche haben heutzutage früher und häufiger Geschlechtsverkehr und wechseln den Sexualpartner häufiger (vgl. Remschmidt 1992, S. 121).

„Viele Jugendliche befinden sich in einem Orientierungsdilemma zwischen Verzicht und Aufschiebung, Auf-sich-zu-kommen-Lassen und eigenen oder von anderen vermuteten Erwartungen bezüglich Zeitpunkt, Häufigkeit und Art der sexuellen Kontakte“ (Osthoff 1995, S. 22).

Die Daten in der folgenden Tabelle belegen, dass die ersten Erfahrungen mit Geschlechtsverkehr im Zeitraum von 1980 bis 1998 stetig in immer jüngeren Jahren stattfinden. Mädchen haben außerdem eher Geschlechtsverkehr als Jungen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2 – Anteil der Mädchen und Jungen mit Geschlechtsverkehr-Erfahrungen nach Alter in Prozent

(Quelle: BZgA 1998, S.35; zit. n. Fend 2005, S. 261)

In einer Sekundäranalyse der Studie „Jugendsexualität 2001“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung wurden 1500 weibliche Jugendliche von 14 bis 17 Jahren zu ihren Einstellungen und Verhaltensweisen Sexualität und Verhütung betreffend befragt. Auf die Frage „Welche der folgenden Feststellungen kennzeichnet Ihre Situation vor dem ersten Geschlechtsverkehr am besten?“ antworteten 30 % der 14- bis 15-jährigen und 19 % der 16- bis 17-jährigen Mädchen mit Geschlechtsverkehr-Erfahrung mit „völlig überraschend“. Hinsichtlich des ersten Geschlechtsverkehrs hatten 39 % der jüngeren Mädchen und 44 % der älteren Mädchen „vage damit gerechnet“ und für 30 % (14-15 Jahre) bzw. 37 % (16-17 Jahre) der weiblichen Jugendlichen „war es völlig klar“ (vgl. BZgA 2004, S. 38f.).

1.2.1.1 Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Sexualverhalten

Unterschiede bezüglich der Sexualität beider Geschlechter liegen nicht nur anatomisch-physiologisch begründet, sondern sind auch evolutionsbedingt. Männer und Frauen haben jeweils geschlechtstypische sexuelle Strategien entwickelt, um einen geeigneten Partner zur Fortpflanzung zu finden. Typisch männlich ist, möglichst viele Geschlechtspartnerinnen in einem möglichst kurzen Zeitraum zu haben, um sich dadurch so oft wie möglich fortzupflanzen und ihre Nachkommenschaft zu sichern. Typisch weiblich hingegen ist, den genetisch besten Geschlechtspartner zu wollen, der stark genug ist, um der gemeinsamen Familie ein hohes Maß an Schutz zu bieten und sie gut versorgen zu können. Männer nutzen demzufolge eher sexuelle Kurzzeitstrategien und Frauen eher Langzeitstrategien. Diese Strategien werden jedoch durch kulturelle und gesellschaftliche Bedingungen verändert (vgl. Kasten 1999, S. 76).

Die Ansichten zur Sexualität haben sich insbesondere in den letzten Jahrzehnten gewandelt. Diese Entwicklung steht in engem Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen Wandel der Rolle der Frau und den Veränderungen im Verhältnis der Geschlechter. Die neu entstandene Autonomie der Frau und die allseits erhältlichen Kontrazeptionsmittel bilden die Grundlage für ein verändertes sexuelles Verständnis. In unserer heutigen Zeit ist es durchaus normal, außerhalb einer ehelichen Beziehung und ohne Fortpflanzungsgedanken Geschlechtsverkehr zu haben. Im Gegensatz zu früher ist Sexualität zu einem festen Bestandteil einer Liebesbeziehung geworden (vgl. Remschmidt 1992, S. 122).

Sexualität hat bei den Geschlechtern eine unterschiedliche Bedeutsamkeit. Schon nach Beendigung der Pubertät haben männliche und weibliche Jugendliche unterschiedliche Vorstellungen vom gegengeschlechtlichen Partner. Bei Jungen stehen Äußerlichkeiten und der Leistungsaspekt im Vordergrund. Sie haben häufiger sexuelle Beziehungen und können sich Sexualität auch außerhalb einer Beziehung vorstellen. Für Mädchen sind vor allem innere Werte wie Liebe, Zuverlässigkeit, Geborgenheit und Treue von Bedeutung. Sexualität ohne Partnerschaft kommt für die meisten nicht in Frage. Dementsprechend sind Jungen aktiver und ergreifen öfter die Initiative, Mädchen sind passiver und lassen den Jungen den ersten Schritt machen (vgl. Kasten 1999, S. 76f.).

1.2.1.2 Verhütungsverhalten beim ersten Geschlechtsverkehr

In etwa zwei Drittel aller Mädchen und Jungen im Alter von 14 bis 17 Jahren benutzt bei ihrem ersten Geschlechtsverkehr ein Kondom zum Schutz vor einer ungewollten Schwangerschaft. Bei den Mädchen liegt der Wert bei 63 %, bei den Jungen bei 65 % (BZgA 2002, S. 60).

Ergebnisse einer dreimaligen qualitativen Befragung im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zu Lebensbedingungen, Einstellungen und Verhütungsverhalten von Schwangeren und Müttern im Jugendalter ergaben, dass ein Großteil, nämlich 30 der 47 befragten Jugendlichen (ca. 64 %), bei ihrem „ersten Mal“ Verhütungsmittel angewandt haben. In etwa 28 % der jungen Frauen haben nicht verhütet. Vier Interviewpartnerinnen (8 %) hatten keine genaue Erinnerung daran oder machten keine Angabe zu der Fragestellung. Auch wenn die überwiegende Mehrheit der Befragten eine Verhütungsmethode benutzt haben, ist das Verhütungsverhalten kritisch zu betrachten, da angenommen werden kann, dass die Motive für die Anwendung eines Verhütungsmittels nicht immer im verantwortungsbewussten Schutz vor einer Schwangerschaft liegen. Einige der jungen Frauen nahmen beispielsweise die Pille schon länger aus anderen medizinischen Gründen ein. Einige andere Jugendliche gaben an, sich diesbezüglich auf den Sexualpartner verlassen zu haben (vgl. Remberg 2001, S. 10).

In der bereits oben erwähnten Sekundäranalyse der Studie „Jugendsexualität 2001“ der BZgA (siehe S. 10) wurde einerseits die Gruppe der Mädchen, die nicht immer verhüten, mit der Gruppe, der immer sehr genau verhütenden Mädchen verglichen. Andererseits wurde den früh sexuell aktiven Mädchen, die bereits mit 14 oder 15 Jahren ihren ersten Geschlechtsverkehr hatten, eine Vergleichsgruppe von Mädchen, die erst ab dem 16. Lebensjahr ihre ersten sexuellen Erfahrungen gemacht haben, gegenübergestellt (vgl. BZgA 2004, S. 36).

Im Ergebnis zeigt sich, dass „das Verhütungsverhalten von nicht gut verhütenden und sehr jungen sexuell aktiven Mädchen […] bereits beim ersten Geschlechtsverkehr schlechter als das der Vergleichsgruppe [ist], und dieser Unterschied bleibt auch im Weiteren bestehen“ (BZgA 2004, S. 39).

Von den Mädchen, die nicht immer Verhütungsmittel verwenden, hat ein Viertel auch bei ihrem ersten Geschlechtsverkehr nicht verhütet. In der Gegengruppe, die Verhütung immer sehr genau betreiben, waren es lediglich 7 %. 11 % haben zudem unsichere Verhütungsmethoden verwendet. Die Gegengruppe liegt auch hier mit 3 % deutlich darunter. Die Nennung von Pille und Kondom war geringer als in der Vergleichsgruppe. Betrachtet man die Mädchen, die ab einem Alter von 16 Jahren sexuell aktiv werden, wird deutlich, dass sie sich zu 97 % um Schwangerschafts­verhütung kümmern; nur 3 % haben keinerlei Vorkehrungen für den ersten Geschlechtsverkehr getroffen (Gegengruppe: 15 %). Nahezu die Hälfte der Mädchen nutzt die Pille als Kontrazeptionsmittel beim „ersten Mal“, in der Gegengruppe der früh sexuell aktiven Mädchen (14-15 Jahre) war es nur jede Vierte. Die entscheidenden Unterschiede bezüglich des Alters liegen aber eher zwischen dem 14. und 15. Lebensjahr. So zeigt sich in den Untersuchungsergebnissen, dass 28 % der 14-jährigen im Gegensatz zu 9 % der 15-jährigen Mädchen kein Verhütungsmittel angewandt haben. Die Kalendermethode nach Knaus und Ogino nutzten 12 % der 14-Jährigen (2 % der 15-Jährigen) und den Koitus interruptus vollzogen 8 % (2 %). Lediglich 11 % nahmen zum Zeitpunkt des ersten Geschlechtsverkehrs die Pille. Bei den 15-Jährigen liegt der Anteil bereits bei 29 % (vgl. BZgA 2004, S. 39f.).

Gründe für das Auslassen von Verhütungsmitteln werden in der folgenden Grafik dargestellt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2 – Gründe für Nicht-Verhütung beim ersten Geschlechtsverkehr (Auswahl)

Selektion: Jungen und Mädchen mit GV-Erfahrung, die beim ersten GV nicht verhütet haben

(Quelle: vgl. BZgA 2002, S. 63)

Als häufigster Grund für eine ausbleibende Verhütung beim ersten Geschlechts-verkehr wird die Spontaneität des Geschehens von den Jugendlichen angegeben. 69 % Mädchen und 58 % Jungen antworteten mit „es kam zu spontan“. Die zweithäufigste Aussage war „es wird schon nichts passieren“ bei 42 % der Mädchen und 26 % der Jungen, die auf einer gewissen Naivität basiert. Im Zusammenhang mit diesen Angaben stehen die folgenden Erklärungen. Doppelt so viele Jungen (24 %) wie Mädchen (12 %) sind der Auffassung, dass sie sich kontrollieren können und nutzten das „Aufpassen“ als vermeintliche Verhütungsmethode. Die Zahl der Jugendlichen, die aufgrund des Konsums von Alkohol oder Drogen nicht an die Verhütung gedacht haben, ist bei beiden Geschlechtern ungefähr gleich (19 % Jungen; 21 % Mädchen). Außerdem sind Unsicherheiten und Hemmungen mit entscheidend für eine fehlende Verhütung. 14 % der Mädchen und 17 % der Jungen trauten sich nicht, das Thema Verhütung beim Sexualpartner anzusprechen. Andere waren gehemmt, sich Kondome zu kaufen (12% Mädchen; 10 % Jungen). Zudem war bei einigen Jugendlichen kein Kontrazeptionsmittel verfügbar (13 % Mädchen; 1 % Jungen).

Auf die Ursachen und Hintergründe für unsicheres Verhütungsverhalten wird im nächsten Kapitel (Punkt 2.2.1) näher eingegangen.

1.2.2 Entwicklung gegengeschlechtlicher Beziehungen

Der Aufbau neuer und reiferer Beziehungen zu Gleichaltrigen beider Geschlechter ist eine der grundlegenden Entwicklungsaufgaben während der Adoleszenz und ist eng mit der Ablösung von der Herkunftsfamilie (siehe Punkt 1.2.3) verknüpft. Die Entwicklung von heterosexuellen Beziehungen steht in enger Verbindung mit den biologischen und körperlichen Veränderungen, die unter Punkt 1.1 erläutert wurden, und der Entwicklung des Sexualverhaltens (siehe Punkt 1.2.1).

Die Freundschaftsbeziehungen zu beiden Geschlechtern verändern sich aus entwicklungspsychologischer Sicht in drei Zeitabschnitten. Im Übergang von der Kindheit in das Jugendalter sind die Beziehungen zu Gleichaltrigen durch gemeinsame Unternehmungen und Aktivitäten ohne tiefere Bedeutung gekennzeichnet. Zwischen dem 14. und 16. Lebensjahr gelangt die Freundschafts­beziehung zu großer Wichtigkeit. Sie ist geprägt durch Vertrauen, Loyalität und Sicherheit in die gegenseitige Beziehung, wodurch sie eine entscheidende Hilfe bei Entwicklungsproblemen darstellt. Im dritten Abschnitt der Adoleszenz (ab 17 Jahre) verändert sich die Bedeutung der Gleichaltrigenbeziehung dahingehend, dass sie nicht mehr so unentbehrlich ist wie in den Jahren zuvor (vgl. Oerter & Dreher ???, S. 315).

„Unübersehbar bieten Freundschaften einen unschätzbaren geschützten Raum für ko-konstruktive Prozesse und für die Abstimmung von Wünschen. Nirgends können sich Jugendliche vorbehaltloser öffnen und damit sonst Verdrängtes und Abgespaltenes bearbeiten“ (vgl. Fend 2005, S. 310).

Neben der Freundschaftsbeziehung zum besten Freund bzw. zur besten Freundin existiert bei dem Großteil der Jugendlichen (> 70 %) ein Freundeskreis mit weiteren Bezugspersonen. Diese „Cliquen“ erhalten in etwa ab 14 Jahren einen höheren Stellenwert (vgl. Hurrelmann 1994, S. 150f.).

Aus geschlechtshomogenen Gruppen bilden sich zunächst gleichgeschlechtliche Cliquen, die im weiteren Verlauf allmählich in Cliquen beider Geschlechter übergehen. Die nun geschlechtsheterogene Clique beginnt sich in der späten Adoleszenz in lose verbundene Paare aufzulösen. Das folgende Entwicklungsschema nach Dunphy (1963) zeigt die Veränderungen in den Freundschaftsbeziehungen während der Adoleszenz:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3 – Stufenmodell der sozialen Entwicklung in der Adoleszenz

(Quelle: nach Dunphy 1963; zit. n. Oerter & Dreher ???, S. 316)

In einer von Fend (2005) durchgeführten Längsschnittstudie zeigt sich, dass im Alter von 16 Jahren bereits 41 % der Mädchen und 24 % der Jungen eine feste hetero-sexuelle Beziehung hatten. Der Großteil der 16-jährigen Jugendlichen fühlte sich für derartige Kontakte zum anderen Geschlecht bereit. Lediglich etwa 10-13 % hielten sich zu diesem Zeitpunkt für noch zu jung (vgl. ebd., S. 316).

Für die sozialen Beziehungen der Jugendlichen innerhalb ihrer Gleichaltrigengruppe liegt die Hauptfunktion in der Umstellung von den engen familiären Kontakten zu neuen intimen sexuellen Beziehungen mit Beständigkeit (vgl. Oerter & Dreher ???, S. 317).

1.2.3 Ablösung von der Familie

Zwischen dem 11. und 16. Lebensjahr verliert die Beziehung zwischen Eltern und Kind an Bedeutung. Parallel dazu wird die Beziehung zu den Gleichaltrigen für den Jugendlichen immer wichtiger (vgl. Kasten 1999, S. 100).

Etwa die Hälfte aller Jugendlichen hat sowohl zu den Eltern als auch zu der Gleichaltrigengruppe ein gutes Verhältnis. Das dominierende Bild in der Jugendphase ist daher eine Doppelorientierung einerseits an den Eltern und andererseits an den Freunden bzw. Gleichaltrigen als Sozialisationsinstanz. Der Fokus der Orientierung liegt dabei unterschiedlich. Jugendliche orientieren sich an den Eltern, wenn es um Normen und Werte oder um Fragen zu Bildung und Beruf geht. Das Verhalten bezüglich Freizeit und Unterhaltung wird eher von Freunden/Gleichaltrigen beeinflusst. Aufgrund dessen ergänzen sich die Beziehungen zu beiden Sozialisationsinstanzen und geraten nur selten in Konkurrenz zueinander. Ein Beispiel für ein Konkurrenzverhältnis ist, wenn der Jugendliche zuviel Zeit mit seinen Freunden verbringt und deswegen seine von den Eltern erwarteten Schulleistungen erheblich sinken (vgl. Hurrelmann 1994, S. 153f.).

Neben dieser Mehrheit gibt es aber auch Jugendliche, bei denen die Beziehungen eher mit Spannungen behaftet sind. So lassen sich zwei gegensätzliche Gruppen differenzieren. Die Familienzentrierten orientieren sich sehr an der Familie und können sich gut mit den Einstellungen der Eltern identifizieren. Diese Jugendlichen haben ein eher distanziertes Verhältnis zu Gleichaltrigen. Die Jugendzentrierten haben im Gegensatz dazu eine starke Bindung zu der Gleichaltrigengruppe und fühlen sich bei intensiverem Kontakt zu den Eltern von diesen kontrolliert und bevormundet. Dementsprechend orientieren sie sich nicht nur den Freizeit- und Unterhaltungsbereich betreffend an ihren Freunden, sondern auch bezüglich der Ansichten und Lebensvorstellungen. Die Gründe für diese Ablehnung und Zurückweisung gegenüber der Erwachsenenwelt liegen im Wesentlichen in negativen und gestörten Beziehungen zu den Eltern (vgl. ebd. S. 154f.).

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Details

Seiten
121
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783842810174
Dateigröße
846 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v228324
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld – Fakultät für Erziehungswissenschaften, Studiengang Erziehungswissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
schwangerschaft mutter unterstützungsangebot jugendalter

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Titel: Junge Mütter – Schwangerschaften in der Adoleszenz