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Betrachtung von Suchtverhalten aus systemisch-konstruktivistischer Sicht

Diplomarbeit 2003 173 Seiten

Pädagogik - Sozialpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Erkenntnistheoretische Grundlagen
2.1 Einführung in den Konstruktivismus
2.2 Erkenntnistheoretische Standpunkte
2.3 Grundannahmen des Radikalen Konstruktivismus
2.3.1 Theorie der Autopoiese (MATURANA/VARELA)
2.3.2 Triviale und nicht-triviale Maschinen (VON FOERSTER)
2.3.3 Konstruktivität des Gehirns (ROTH)
2.3.4 Ein Unterschied, der einen Unterschied macht (BATESON)
2.3.5 Sich selbsterfüllende Prophezeiung (WATZLAWICK)
2.3.6 Viabilität (VON GLASERSFELD)
2.4 Kommunikative Wirklichkeit
2.4.1 Deutungsmusterkonzept
2.4.2 Sozialer Konstruktionismus (GERGEN)
2.5 Konstruktivismus und Wissenschaftstheorie
2.5.1 Traditionelles Wissenschaftsverständnis
2.5.2 Konstruktivistisches Wissenschaftsverständnis
2.5.3 Zum Umgang mit Theorien
2.6 Zusammenfassung

3. Der Begriff Sucht und dessen Betrachtung im historischen Kontext
3.1 Zur Begriffsbestimmung
3.2 Einblick in die Bedeutungsgeschichte des Begriffs

4. Zur herkömmlichen Sicht von Suchtverhalten
4.1 Diagnose von Sucht und Abhängigkeit
4.2 Sucht als Krankheit
4.3 Neurobiologische Sicht von Suchtverhalten
4.4 Verbreitung und Auswirkungen des Suchtphänomens
4.5 Zur Sucht als Sozialem Problem
4.6 Verschiedene Erklärungsansätze von Suchtverhalten
4.6.1 Modelle zur Orientierung als Überbau
4.6.2 Der Person-Droge-Umwelt-Kultur-Ansatz
4.6.3 Die psychoanalytische Erklärung
4.6.4 Der lerntheoretische Ansatz
4.6.5 Der Labeling-Approach
4.6.6 Die systemische Perspektive
4.7 Zusammenfassung

5. Konstruktion von Sucht - Eine alternative Sicht
5.1 Kritische Betrachtung der Diagnose von Sucht und Abhängigkeit
5.2 Triviale und nicht-triviale Beschreibungen von Sucht
5.3 Sucht als Konstrukt des Beobachters
5.3.1 Der Beobachter und seine Unterscheidungen
5.3.2 Der Einfluß von Wertungen
5.4 Sucht als sprachliches Konstrukt
5.5 Vom normalen zum süchtigen Verhalten
5.5.1 Wann beginnt Sucht?
5.5.2 Normalität und Suchtverhalten
5.6 Wirklichkeitskonstruktionen von Betroffenen und Experten
5.7 Suchtverhalten und sich selbsterfüllende Prophezeiungen
5.8 Erklärungsprinzip Autonomie - Eine nützliche Alternative?
5.8.1 Gegenüberstellung der Erklärungsprinzipien Sucht und Autonomie
5.8.2 Schlußfolgerungen

6. Qualitative Interviews zur Perspektive von Beratern in ambulanten Suchtberatungsstellen
6.1 Forschungsanliegen
6.2 Methodisches Vorgehen
6.2.1 Wahl der Untersuchungsmethode
6.2.2 Auswahl der Interviewpartner und Kontaktaufnahme
6.2.3 Interviewleitfaden
6.3 Durchführung der Interviews
6.4 Transkription und Auswertungsschritte

7. Darstellung und Interpretation der Ergebnisse
7.0 Vorbemerkungen
7.1 Die Betrachtung von Suchtverhalten
7.1.1 Definition von Sucht
7.1.2 Unterscheidungen
7.1.3 Merkmale von Suchtverhalten
7.1.4 Sucht als Problem
7.1.5 Suchtverhalten als Prozeß
7.2 Beschreibung der Betroffenen
7.2.1 Beobachtete Verhaltensweisen Betroffener
7.2.2 Familie des Betroffenen
7.3 Merkmale der Arbeitsweise der Experten
7.3.1 Angebote der Experten an den Klienten
7.3.2 Vorgehensweise der Experten
7.3.3 Suche nach Ursachen
7.3.4 Diagnosestellung
7.4 Ziele in der Zusammenarbeit mit Betroffenen
7.4.1 Erfassen des Auftrags
7.4.2 Krankheitseinsicht
7.4.3 Abstinenz
7.4.4 Kontrollierter Konsum
7.5 Zum Umgang mit den Wirklichkeitskonstruktionen der Betroffenen
7.5.1 Wahl zwischen Abstinenz oder Konsum
7.5.2 Einbezug der Wirklichkeitskonstruktionen
7.6 Erklärungsprinzip der Autonomie
7.7 Zusammenfassende Betrachtung

8. Konsequenzen für Sozialpädagogen

9. Schlußwort

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Stellen wir Wirklichkeit selbst her? Wie kommen wir zu Erkenntnissen? Diese Fragen begleiteten mich unter anderen im Verlauf meines Studiums im Zusammenhang mit verschiedenen Themen wie z.B. Verhaltensstörung, Hochbegabung, Co-Abhängigkeit und Geschlecht. Antworten auf diese Fragen versuchte ich mit Hilfe der konstruktivistischen Erkenntnistheorie zu finden. Das Interessante dieser Sichtweise beschreibt Heinz VON FOERSTER (1998, S.40) prägnant: „Die Umwelt, so wie wir sie wahrnehmen, ist unsere Erfindung“.

Aus der Anwendung des konstruktivistischen Denkens auf die unterschiedlichsten Phänomene können sich verschiedene Innovationen ergeben. Aus diesem Erkenntnisinteresse möchte ich in der vorliegenden Arbeit, Suchtverhalten aus konstruktivistischer Perspektive betrachten.

Die Auseinandersetzung mit diesem Thema erfordert eine nähere Bestimmung des Konstruktivismus. Doch „geht es weniger um das »richtige« Verständnis des Konstruktivismus als darum, seine möglichen Implikationen zu verdeutlichen“ (HERWIG-LEMPP 1994, S.65).

Diese Erkenntnistheorie gilt nicht als ein einheitliches Konzept, sondern es bestehen unterschiedliche konstruktivistische Theorien. Um die konstruktivistische Perspektive zu präzisieren, wird zu Anfang eine Einführung in den Konstruktivismus vorgenommen.

Ich greife aus den verschiedenen Theorien einzelne, mir wichtig erscheinende, Schwerpunkte heraus. Dazu führe ich das Konzept der Autopoiese (MATURANA/VARELA), der trivialen und nicht-trivialen Maschine (VON FOERSTER), der Konstruktivität des Gehirns (ROTH), das Phänomen der sich selbsterfüllende Prophezeiung (WATZLAWICK) und den Begriff der Viabilität (VON GLASERSFELD) an. Weiterhin setze ich mich mit der Erzeugung von Informationen und Erklärungsprinzipien im Sinne BATESONs auseinander. Im Mittelpunkt dieser Ansätze steht die subjektive Konstruktion von Wirklichkeit, doch auch der Herstellung von Wirklichkeit innerhalb der sozialen Interaktion und Kommunikation wird Beachtung geschenkt. (Kap. 2)

Daraufhin untersuche ich den Suchtbegriff auf seine Implikationen. Ich stelle dessen Bedeutungsgeschichte im historischen Kontext dar und zeige die verschiedenen Bedeutungen auf, die der Begriff beinhalten kann. (Kap. 3)

Im Folgenden setze ich mich mit Theorien über Sucht aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen auseinander. Dieser Abschnitt und die darin angestrebte Darstellung verschiedener Theorien, erscheinen mir wichtig, um die vielfältigen Betrachtungsweisen zu verdeutlichen. (Kap. 4)

Ausgehend von den erkenntnistheoretischen Grundlagen greife ich die verschiedenen konstruktivistischen Konzepte auf und betrachte unter deren Blickwinkel Suchtverhalten. Ein Vergleich der beiden Erklärungsprinzipien Sucht und Autonomie im Sinne BATESONs schließt das Kapitel zur Konstruktion von Sucht ab. (Kap. 5)

Aus der Gegenüberstellung der beiden Modelle sich ergebende Schlußfolgerungen werden im praktischen Teil der Diplomarbeit aufgegriffen und bilden die Grundlage qualitativer Interviews mit Beratern aus ambulanten Suchtberatungsstellen. Ziel ist es, herauszufinden, welchen Unterschied es in der Zusammenarbeit mit Betroffenen macht, wenn Beratungskonzepte auf konstruktivistischen Annahmen aufbauen. Insbesondere untersuche ich die Frage, wie die Wirklichkeitsvorstellungen von Betroffenen in die Beratung einbezogen werden. (Kap. 6 und 7)

Abschließend möchte ich mögliche Konsequenzen für Sozialpädagogen und deren Handlungsorientierungen ableiten. (Kap. 8)

2. Erkenntnistheoretische Grundlagen

2.1 Einführung in den Konstruktivismus

In diesem Kapitel wird der Versuch einer Darstellung des Konstruktivismus vorgenommen, obwohl Heinz VON FOERSTER als ein wichtiger Vertreter dieser Denkschule bezweifelt, „daß schon der Name Konstruktivismus eine Katastrophe für die dahinterstehende Welt von Ideen darstellt. Das, was Konstruktivismus genannt wird, sollte (...) schlicht eine skeptische Haltung bleiben, die die Selbstverständlichkeit des Realismus in Zweifel zieht“ (FOERSTER/PÖRKSEN 1999, S.45). Jedoch werden zur Gewährleistung eines Überblicks wichtige Punkte dieser Theorie angeführt.

Der Konstruktivismus gilt als eine erkenntnistheoretische Position mit einer langen erkenntniskritischen Tradition[1], in deren Mittelpunkt die Frage nach der Erkenntnis von Wirklichkeit steht (vgl. SIEBERT 1999, S.5).

Jedoch kann von dem Konstruktivismus nicht gesprochen werden, denn es handelt sich nicht um eine einheitliche Theorie, sondern um einen Diskurs. SCHMIDT (1991, S.7) versteht den Konstruktivismus als einen Diskussionszusammenhang aufgrund unterschiedlicher Ursprünge und Variationen und SIEBERT (1999, S.7) beschreibt ihn als „inter- und transdisziplinäres »Paradigma«“ oder auch „Umbrella-Theorie“ (SIEBERT 1996, S.15). Als metaphorische Erklärung meint diese Bezeichnung einen Regenschirm, unter dessen Dach verschiedene sich am Diskurs beteiligende Disziplinen integriert sind, die gemeinsame zentrale Leitbegriffe und Annahmen verbinden.

Der kleinste gemeinsame Nenner des Diskurses ist die Beobachterabhängigkeit von Wirklichkeit (vgl. SIEBERT 1999, S.7). Eine von einem Beobachter getroffene Aussage kann nicht den Anspruch erheben, einer äußeren Realität zu entsprechen. Der aktive Vorgang des Beobachtens ist nicht ohne einen Beobachter möglich. Den Begriff des Beobachters führten MATURANA und VARELA in ihrer Theorie der Autopoiese ein.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 Umbrella - Theorie

Ich habe versucht, unter dem Dach des Schirmes, verschiedene sich am Diskurs beteiligende Wissenschaften (vgl. SIEBERT 1999, S.8) anzuführen, die alle im Bereich des Konstruktivismus wirken. Dabei sind keine linearen Abgrenzungen gezogen worden, denn die Einordnung verschiedener Wissenschaftler in lediglich ein und dasselbe Gebiet ist nicht möglich, da ihr Wirken über die einzelnen Bereiche hinausgeht.

Außerdem verweist SIEBERT (1999, S.7) auf die „konstruktivistische Verschränkung natur- und sozialwissenschaftlicher Erkenntnisse, wobei die Grenzen zwischen den Fachdisziplinen verschwommen sind“. Dadurch entsteht die Schwierigkeit, konstruktivistische Denker wie Heinz VON FOERSTER, Ernst VON GLASERSFELD, Humberto MATURANA und Franzisco VARELA etc. in einen der klassischen Bereiche einzuordnen (vgl. ebd.).

In den einzelnen Wissenschaftsbereichen haben sich unterschiedliche konstruktivistische Konzepte herausgebildet. Genauer kann hierauf aber nicht eingegangen werden, da ein theoriegeschichtlicher und systematischer Vergleich der verschiedenen Konstruktivismen vielmehr noch bevorsteht (vgl. FRIEß 2000, S.8). Erwähnt werden soll nur, daß sich die einzelnen Theorien in ihren Auffassungen über die Existenz einer äußeren Realität unterscheiden. Beispielsweise setzen manche Forscher eine ontologische Realität voraus, halten aber einen Zugang zu ihr für unmöglich. (vgl. LINDEMANN/VOSSLER 1999, S.6). Eine grobe Unterscheidung konstruktivistischer Theorien nimmt SIEBERT (1999) vor, der sie in radikale und gemäßigte Konstruktionen unterteilt.

In der wissenschaftlichen Auseinandersetzung wird Konstruktivismus meist synonym zu Radikaler Konstruktivismus verwendet (vgl. z.B. HERWIG-LEMPP 1994; FRIESS 2000; TOMASCHEK 1999, POIGNÉE 1997 etc.). Laut SCHMIDT (1991, S.7) ist auch der Radikale Konstruktivismus ein höchst dynamischer Diskussionszusammenhang mit verschiedenen Vorreitern und Ansätzen. Darunter können z.B. die neurobiologische Erkenntnislehre MATURANAs, die Theorie der Wissenskonstruktion VON GLASERSFELDs oder die operative Erkenntnistheorie VON FOERSTERs gezählt werden (vgl. BALGO 1998, S.83). Die Theorien besitzen grundsätzlich gemeinsame Annahmen, für die die Bezeichnung Radikaler Konstruktivismus treffend ist (vgl. SCHMIDT, 1992, S.9).

Die Radikalität besteht in der Annahme, daß die äußere Realität epistemologisch nicht erschlossen werden kann (vgl. SIEBERT 1999, S.9) und: „Der Drehpunkt des Konstruktivismus besagt, daß alles, was wir Realität nennen, letztendlich unsere Konstruktion von Wirklichkeit ist“ (POIGNÉE 1997, S.13). Die Bezeichnung Radikaler Konstruktivismus deutet auf die gemeinsame Einstellung der verschiedenen Ansätze hin, daß das für wirklich Gehaltene grundsätzlich vom Subjekt selbst erschaffen und gestaltet wird. Der Konstruktivismus bekommt das Adjektiv radikal aus folgendem Grund: „weil er mit der Konvention bricht und eine Erkenntnistheorie entwickelt, in der die Erkenntnis nicht mehr eine »objektive« ontologische Wirklichkeit betrifft, sondern ausschließlich die Ordnung und Organisation von Erfahrungen in der Welt unseres Erlebens“ (GLASERSFELD 1998, S.23). Tatsachen einer unabhängig vom wahrnehmenden Subjekt existierenden Welt werden nicht, wie sie an sich sind, durch Wahrnehmung abgebildet, sondern es werden einzig Konstruktionen entworfen, deren wahre Beschaffenheit nicht festgestellt werden kann. Das Subjekt konstruiert seine Erfahrungen aufgrund interner Kriterien (vgl. LINDEMANN/VOSSLER 1999, S.1).

Versuchen wir, die Besonderheiten des Konstruktivismus sprachlich „auf den Punkt“ zu bringen:

- Zugänglich ist uns nicht die äußere Realität, sondern die Wirklichkeit, das, was in uns etwas bewirkt.
- Wir entdecken nicht eine vorhandene Welt, sondern wir erfinden Welten.
- Objektivität der Erkenntnis ist nicht möglich (...)

(SIEBERT 1994, S.41)

Gemäßigte Konstruktivisten grenzen sich von der Position des Radikalen Konstruktivismus ab. Sie fragen z. B., wie Menschen, die nur mit ihren eigenen internen Zuständen agieren, sich sozial verständigen. Aus der Sicht gemäßigter Konstruktivisten wird der Radikale Konstruktivismus kritisiert u.a. hinsichtlich der Vernachlässigung des Beziehungsaspektes und der Interaktion bei der Wirklichkeitskonstruktion, die innerhalb einer Kultur und in sozialen Verhältnissen stattfindet. (vgl. SIEBERT 1999)

Aber auch hier wird auf die Beobachterabhängigkeit hingewiesen: Gesellschaftliche Konventionen und Normen bzw. Kultur existieren nicht als von einem Subjekt unabhängige Größen, denn sie sind immer an einen Beobachter gebunden, der durch seine Aussagen entscheidet, inwieweit er von ihm erkannte Interaktionen als beständig bewertet. (vgl. LINDEMANN/VOSSLER 1999, S.87).

Der Vorgang der Konstruktion von Wirklichkeit wird auch als gemeinschaftlich verstanden: „Was wir als Wirklichkeit bezeichnen entsteht im Dialog, im Gespräch. Das, was wir für wirklich halten, haben wir in einem langen Prozeß von Sozialisation und Versprachlichung als wirklich anzusehen gelernt. Systeme konstruieren gemeinsame Wirklichkeit en, als Konsens darüber, wie die Dinge zu sehen sind“ (SCHLIPPE/SCHWEITZER 1998, S.89).

Theorien, die sich mit der kollektiven Konstruktion von Wirklichkeit befassen, sind z.B. das Deutungsmusterkonzept oder der Soziale Konstruktionismus nach GERGEN. In meiner Arbeit beschäftige ich mich näher mit diesen beiden Konstruktionen und dem Radikalen Konstruktivismus.

Dieser Abschnitt führte in den ‚Konstruktivismus‘ ein und eröffnete einen Einblick in die Grundgedanken und in verschiedene Formen der konstruktivistischen Denkrichtung.

Gemäßigte Konstruktivismen thematisieren die gemeinschaftliche Verständigung und das gemeinsame Handeln von Menschen bei der Konstruktion von Wirklichkeit. Radikalkonstruktivistische Theorien stellen das Individuum mit seinen Beobachtungen und die prinzipielle Unerkennbarkeit einer Außenwelt in ihren Mittelpunkt. Auf letztgenannten Aspekt wird im Folgenden näher eingegangen und die Erkenntnistheorie des Konstruktivismus[2] von anderen erkenntnistheoretischen Standpunkten abgegrenzt.

2.2 Erkenntnistheoretische Standpunkte

Die Positionen des Realismus und des Solipsismus beschäftigen sich neben der Erkenntnistheorie des Konstruktivismus mit dem Erkennen von Wirklichkeit.

Vertreter des Realismus gehen davon aus, daß die Welt unabhängig vom Subjekt existiert und die Grundlage unserer Erfahrung bildet. Die außerhalb des Bewußtseins liegende Realität wird durch Wahrnehmung und Denken abgebildet. Ihre Beschaffenheit und Existenz ist nicht davon abhängig, was Beobachter über sie denken, artikulieren oder wissen. (vgl. WILLASCHEK 2000, S.10) Wahrnehmung gilt in dieser Hinsicht als „Mittel der Beobachtung, die Grundlage der Gewißheit, der Zugang zur Welt“ (LINDEMANN/VOSSLER 1999, S.2).

Im Solipsismus gilt die Meinung, die Welt existiert nur im Kopf des einzelnen und dessen Gedankengebilde stellt einzig die Wirklichkeit dar. Andere Menschen und die Außenwelt existieren nur in den Vorstellungen des Einzelnen.

Der Konstruktivismus besagt, daß uns die Außenwelt verborgen bleibt. Die Möglichkeit einer äußeren Realität besteht, aber Erkenntnisse über sie können nicht bewiesen werden. Wirklichkeit entsteht durch den Beobachter und seine Erfahrung, sein Denken und seine Kommunikation.

Konstruktivistisches Denken geht von der Beobachterabhängigkeit der Erkenntnis aus. Die konstruktivistischen Vorreiter VICO und BERKELEY erkannten, daß eine Deckungsgleichheit von Realität und Wahrgenommenen nicht festgestellt werden kann, da es keine Möglichkeit gibt, die eigene Wahrnehmung mit äußerer Realität zu vergleichen. Über eine externe Realität kann demnach keine zuverlässige Aussage getroffen werden, da es nicht möglich ist, sich außerhalb seiner Wahrnehmung zu befinden. Im Sinne von ROTH wäre eine Welt unabhängig von unserer Wahrnehmung farb-, form- und geräuschlos. Denn diese Wahrnehmungen sind an einen Beobachter gebunden. Demnach scheitert die Beschreibung einer Welt außerhalb der Wahrnehmungen, da Erfahrungen und Wissen auf unserer Wahrnehmung basieren und nicht auf der Wirklichkeit an sich. (vgl. ebd., S.5) Dinge, Individuen und Geschehnisse existieren in der Wahrnehmung. Ob sie dies auch außerhalb der Wahrnehmung tun, darüber kann keine Aussage getroffen werden. (vgl. ebd., S.7)

Der Konstruktivismus unterscheidet sich demnach einerseits in seiner Grundannahme von der realistischen Position, denn diese setzt einen „»privilegierten« Zugang“ (PALMOWSKI/HEUWINKEL 2000, S.71) zur Wirklichkeit voraussetzt. Wenn über eine externe Wirklichkeit keine Angaben gemacht werden können, da es unmöglich ist, sich außerhalb seiner Wahrnehmung zu befinden, bedeutet das auch, daß die Möglichkeit der Existenz einer vom Menschen unabhängigen Wirklichkeit weder behauptet noch bestritten werden kann, da es keinen beobachterunabhängigen Zugang zu dieser Wirklichkeit gibt. (vgl. LINDEMANN/VOSSLER 1999, S.5) Eine außerhalb vom Menschen liegende Realität bleibt unentdeckbar. Würde eine Person eine äußere Realität abbilden, dann kann nicht gesagt werden, ob dieser Ausschnitt von Wirklichkeit auch die reale Wirklichkeit widerspiegelt, denn man müßte sich außerhalb seiner Wahrnehmung befinden, um diese Aussage bestätigen zu können.

Andererseits grenzt sich der Konstruktivismus auch vom erkenntnistheoretischen Standpunkt des Solipsismus ab. Am solipsistischen Standpunkt des einzelnen, die einzige Wirklichkeit zu verkörpern, und andere ICHs nur in seiner Gedankenwelt bestehen, kann nicht festgehalten werden, da auch die konstruierten Personen diese Auffassung haben können. Das Subjekt kann keinen alleinigen Anspruch auf das Wissen um die Realität erheben. Im Konstruktivismus sind die Vorstellungen der Personen über die Welt gleichgestellt. (vgl. FOERSTER 1998, S.58f)

In Bezug zum Realismus und zum Solipsismus kann aus konstruktivistischer Sicht gesagt werden, daß Wirklichkeit weder als Konstruktion ausschließlich im Kopf eines Subjektes stattfindet, noch unabhängig von Subjekten als objektive Welt entdeckt und abgebildet werden kann.

Zur Beantwortung der Frage „ Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“ (WATZLAWICK) oder welche Theorie (realistische oder solipsistische) trifft zu, wird im Lexikon „Kleine Weltgeschichte der Philosophie“ (STÖRIG 1993) eine Parabel von Bert BRECHT herangezogen. Sie bestätigt die Unmöglichkeit einer Entscheidung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In diesem Sinnbild findet sich meines Erachtens die Aussage wieder, die auch auf den Standpunkt des Konstruktivismus zur Frage nach der Existenz einer Realität außerhalb von Lebewesen zutrifft. Es kann keine Antwort gefunden werden, ob eine solche externe Realität existiert.

Der Konstruktivismus ist eine Erkenntnistheorie ohne ontologischen Anspruch. „Erkenntnis wird einzig und allein auf die Erlebenswelt bezogen und es wird zu erkunden sein, wie aus der eigenen Erfahrung das aufgebaut wird, was dann als Wirklichkeit betrachtet wird. Im Mittelpunkt seines Interesses steht deshalb der Prozeß des Erkennens beziehungsweise der Kognition“ (BALGO 2002, S.88). Auf, mit der Arbeit im Zusammenhang stehende, weitere wichtige Annahmen des Radikalen Konstruktivismus wird im nächsten Abschnitt eingegangen.

Die Parabel gibt auch Aufschluß darüber, daß in der Philosophie vorrangig die realistische Position das Denken und die Wissenschaft bestimmte. Aus diesem Grund soll sich in Abschnitt 2.5 mit dem traditionellen und konstruktivistischen Wissenschaftsverständnis beschäftigt werden.

2.3 Grundannahmen des Radikalen Konstruktivismus

Im Mittelpunkt dieses Kapitels steht die Aussage des vorhergehenden Abschnitts, daß Wahrnehmung nur durch einen Wahrnehmenden passiert, der keine äußere Realität abbildet, sondern Wirklichkeit konstruiert.

Im Radikalen Konstruktivismus befaßt man sich mit „der Einsicht, daß jede Wirklichkeit im unmittelbarsten Sinne die Konstruktion derer ist, die diese Wirklichkeit zu entdecken und erforschen glauben. Anders ausgedrückt: das vermeintlich Ge fundene ist ein Er fundenes, dessen Erfinder sich des Aktes seiner Erfindung nicht bewußt ist, sondern sie als etwas von ihm Unabhängiges zu entdecken vermeint und zur Grundlage seines »Wissens« und daher auch seines Handelns macht“ (WATZLAWICK 1998, S.9f). Die Konstruktion von Wirklichkeit steht im Mittelpunkt des Konstruktivismus. Fragt man, wie Wirklichkeit vom Subjekt aufgebaut wird, ohne Zugang zur äußeren Welt zu haben, muß sich damit befaßt werden, nach welchen Kriterien etwas für das Subjekt zur Wirklichkeit wird. Hiermit setzen sich verschiedene Forscher auseinander.

Auch der Radikale Konstruktivismus kann weder als eigene Wissenschaftsdisziplin noch als eine einheitliche Theorie gelten. Im wesentlichen gründet sich der Radikale Konstruktivismus auf kybernetische Forschungen Heinz VON FOERSTERs, sprach- und entwicklungspsychologische Arbeiten Ernst VON GLASERSFELD, neuro- und kognitionsbiologische Theorien von MATURANA und VARELA und erkenntnis- und evolutionstheoretische Arbeiten eines Gregory BATESONs sowie die kommunikationswissenschaftlichen und psychotherapeutischen Arbeiten von WATZLAWICK (vgl. BALGO 2002, S.86).

2.3.1 Theorie der Autopoiese (MATURANA/VARELA)

Zu den wichtigsten Vertretern des Radikalen Konstruktivismus zählen die beiden Biologen und Neurophysiologen Humberto H. MATURANA und Francisco J. VARELA (vgl. ROTTHAUS 1994, S.36). Die Autopoiese-Theorie ist eine Theorie der Selbstorganisation. Sie wurde Anfang der Siebziger Jahre von den chilenischen Wissenschaftlern eingeführt (vgl. HOLLSTEIN-BRINKMANN 1993, S.44). Autopoiese bedeutet übersetzt „selbst machen“ (griech. autos = selbst; poiein = machen).

In ihrer Theorie findet sich die Grundannahme des Konstruktivismus wieder, daß durch Leben und Erkennen Wirklichkeit permanent hervorgebracht wird. In „Der Baum der Erkenntnis - die biologischen Wurzeln des Seins“ fragen die Forscher, was Leben ausmacht, wie es organisiert ist, um zu erklären, wie Erkennen funktioniert (vgl. MATURANA/VARELA 1992, S.40f). Mit diesem Buch beabsichtigen sie, aus biologischer Sicht die Gewißheit der traditionellen Auffassung von Wahrnehmung zu entkräften, die externe Welt würde durch die Sinnesorgane wahrgenommen, verarbeitet und abgebildet im Gehirn. Sie zeigen, daß bei jeder Erfahrung der Erkennende in seiner je spezifischen Weise einbezogen ist.

Mit neurophysiologischen Experimenten zeigen die Autoren, wie z.B. mit dem Phänomen des Farbensehens, daß Individuen keine äußere Realität wahrnehmen können, sondern diese selbst konstruieren. Am Beispiel der grauen Ringe (s. Anhang 1) zeigen sie, daß die Farbe wahrgenommener Dinge nicht bestimmt ist von der Eigenschaft des von ihnen reflektierten Lichtes, sondern daß die Farbe vom Beobachter hervorgebracht wird. Sie ist abhängig davon, wie wir als Wahrnehmende beschaffen sind. (vgl. ebd., S.24)

An einem weiteren Exempel - dem blinden Fleck - wird deutlich, daß wir nur unserer Struktur entsprechend wahrnehmen können und uns nicht bewußt sind, daß wir nicht sehen (vgl. ebd., S.23). Ihr lehrreicher und prägnant formulierter Kerngedanke (S.32) lautet:

„Jedes Tun ist Erkennen, und jedes Erkennen ist Tun.

Alles Gesagte ist von jemandem gesagt“

Mit diesem Aphorismus fassen MATURANA und VARELA „den inneren Zusammenhang zwischen Kognition und Verhalten“ (LUDEWIG 1995, S.64) zusammen. Außerdem verdeutlicht er, daß jede Wirklichkeitsbeschreibung eine individuelle Konstruktion darstellt, denn das zu Erkennende ist abhängig vom erkennenden Subjekt (vgl. WALTHES/KLAES 1994, S.42).

MATURANA und VARELA (1992) schreiben weiter: „Das Erkennen ist als Tun des Erkennenden in der Eigenart seines Lebendig- Seins, seiner Organisation, verwurzelt“ (ebd., S.40). Sie unterscheiden bei der Betrachtung lebender Systeme zwischen der Organisation und der Struktur von Einheiten. „Unter Organisation sind die Relationen zu verstehen, die zwischen den Bestandteilen von etwas gegeben sein müssen, damit es als Mitglied einer bestimmten Klasse erkannt wird. Unter der Struktur von etwas werden die Bestandteile und Relationen verstanden, die in konkreter Weise eine bestimmte Einheit konstituieren und ihre Organisation verwirklichen“ (ebd., S.54). Die Gruppe des Lebendigen ist durch autopoietische Organisation gekennzeichnet (vgl. ebd., S.49f).

Durch die autopoietische Organisation gelten Lebewesen als autonom[3]. Um die Autonomie genauer verstehen zu können, muß laut MATURANA und VARELA (1992, S.55f) näher auf die spezifische Organisation eingegangen werden.

Autopoietisch organisierte Systeme sind selbsterzeugend, selbstorganisierend, selbstreferentiell und selbsterhaltend. „Ein System ist all das, was es im Unterschied zu seiner Umwelt ist. (...) Ein System ist untrennbar mit seinem Kontext, seiner Umwelt verbunden (BALGO 2002, S.99). Lebende Systeme können Einzeller - autopoietische Systeme I. Ordnung - und Metazeller - autopietische Systeme II. Ordnung, zu denen auch der Mensch zählt - sein (vgl. MATURANA/VARELA 1992, S.98). Selbsterzeugung und Selbsterhaltung sind grundlegende Prozesse autopoietischer Systeme. Sie basieren auf dem Prinzip der Selbstorganisation. „Lebende Systeme sind Gebilde, die sich dadurch ständig selbst erhalten, in dem sie ihre Bestandteile, aus denen sie bestehen, durch eben diese Bestandteile selbst produzieren und herstellen. Lebende Systeme erzeugen somit durch ihre Operationen fortlaufend ihre eigene Organisation und werden deshalb auch als selbstorganisierte Systeme bezeichnet“ (BALGO 2002, S.94).

Das lebende System arbeitet selbstreferentiell, da es sich im Prozeß der Selbsterhaltung mit seinen Operationen gänzlich auf sich selbst bezieht (vgl. SCHMIDT 1991, S.25). Aus diesem Grund wird es auch als operational geschlossen bezeichnet. Seine Operationen nehmen ausschließlich Bezug auf seinen Zustand vor der Operation. Somit bildet jede Operation die Grundlage für folgende Operationen. In diesem Sinne ist das autopoietische System strukturdeterminiert. Der Zustand des Lebewesens meint dessen aktuelle Struktur und determiniert, „in welchen Grenzen sich ein Lebewesen verändern kann, ohne seine autopoietische Organisation zu verlieren, also zu sterben“ (SCHLIPPE/SCHWEITZER 1998, S.68).

Operational geschlossene Systeme sind hinsichtlich des Energie- und Materieaustausches offene Systeme, da sie bestimmte Substanzen regelmäßig aufnehmen (vgl. ROTH 1991, S.264). Der Umweltkontakt wird erst durch die Geschlossenheit des Systems möglich, denn durch seine Grenze ist es mit der Umwelt verbunden aber auch getrennt. Art und Weise des Umweltaustausches jedoch werden von der geschlossenen Operationsweise des Systems und seiner konkreten Struktur und nicht von der Umwelt bestimmt. Aus diesem Grund werden sie als autonom charakterisiert. (vgl. BALGO 2002, S.96) Autonomie bedeutet, „daß jede Strukturveränderung in ihrer Ausformung durch das System gesteuert wird. In diesen Prozessen ist das System lediglich den Gesetzlichkeiten unterworfen, die durch seine Operationen erzeugt und aufrechterhalten werden“ (LINDEMANN/VOSSLER 1999, S.23). Nach ROTH (1991, S.265) ist die Autonomie eine relative, denn durch den energetischen und materiellen Austausch sind die Systeme an ihre Umwelt gebunden.

Diese Interaktion des Lebewesens mit seinem Milieu nennen die chilenischen Wissenschaftler „Strukturelle Koppelung“ (MATURANA/VARELA 1992, S.85). Zustandsveränderungen im Lebewesen (s.o.) werden durch Perturbationen hervorgerufen. Diese Störungen werden nicht vom Milieu initiiert, sondern die Struktur des Lebewesens bestimmt, wie es sich wandelt. Die Veränderung geschieht nicht instruierend durch die Umwelt, sondern die Umwelt liefert Anregungen zur Strukturveränderung. Autopoietische Einheit und Umwelt stehen in einem sich gegenseitig perturbierenden Verhältnis, d.h. beim jeweils anderen werden Zustandsveränderungen ausgelöst. (vgl. ebd.)

Ob und wie Umweltereignisse auf beobachtende Systeme einwirken, bestimmt deren Struktur. Demnach gibt es aus dieser Sicht keine vom beobachtenden System unabhängige Umwelt (vgl. BALGO 2002, S.96). Laut MATURANA interagiert das operational geschlossene System mit seinen eigenen Erregungen und bringt damit seine individuelle Welt hervor. Es erzeugt und erhält sich dabei selbst (vgl. HARGENS 1987, S.50). Konstruktivisten sprechen nicht vom „Uni-versum“, sondern von vielfältigen Wirklichkeiten: „Multi-versen“ der beobachtenden Systeme. „Beobachten heißt nicht abbilden, sondern konstruieren, erschaffen, gestalten “ (BALGO 2002, S.96).

Im Lauf der Arbeit spielt folgender Punkt aus der Autopoiese-Theorie eine Rolle: Die Autonomie eines lebenden Systems und die daraus resultierende Unmöglichkeit instruktiver Interaktion. Die individuelle Organisation und Struktur legt fest, welche Art des Austausches mit der Umwelt stattfindet. Personen können nicht von außen zu einer gewünschten Reaktion gebracht werden. Wie sie reagieren, bestimmt ihre je individuelle Struktur.

2.3.2 Triviale und nicht-triviale Maschinen (VON FOERSTER)

In diesem Abschnitt interessieren Forschungsergebnisse des Kybernetikers Heinz VON FOERSTER (1998, S.40), der sich ebenfalls mit der Konstruktion von Wirklichkeit beschäftigt und von der Erfindung der Wirklichkeit spricht. Erkennen bedeutet nicht das Errechnen einer Wirklichkeit, sondern Prozesse des Erkennens sind zirkuläre Errechnungsprozesse (vgl. ebd. S.46), die zu vielen Wirklichkeiten führen. Das Prinzip der undifferenzierten Codierung wird angeführt und VON FOERSTERs Beschreibung in triviale und nicht-triviale Maschinen.

Das menschliche Gehirn verarbeitet Reize und bringt in dieser Weise seine eigene Wirklichkeit hervor. „Man nehme einen Würfel und betrachte seine Ecken und Flächen. Wie ist es möglich, die Invariante des Würfels zu errechnen? Die Antwort heißt: durch Bewegung und die sich ergebende perspektivische Veränderung des Blickfeldes. Indem man mit dem Kopf wackelt, indem man mit der Hand den Würfel dreht, werden neue Korrelationen zwischen der motorischen und der sensorischen Aktivität erzeugt – und das Nervensystem beginnt, die Invarianten zu errechnen. Es handelt sich bei diesem Errechnungsvorgang im Nervenssystem, das ist wichtig, um eine Kompetenz. (..) Das, was wir einen Gegenstand - zum Beispiel einen Würfel - nennen, ist im Grunde genommen eine Kompetenz unseres Nervensystems, die es möglich macht, Invarianten zu errechnen. Der Gegenstand und das, was man gewöhnlich als ein Objekt tituliert, ist, genau besehen, ein Symbol unserer Fähigkeit zur Errechnung von Invarianten“ (FOERSTER/PÖRKSEN 1999, S.19f).

Das Prinzip der undifferenzierten Codierung von Reizen beinhaltet, daß die Signale der unzähligen Sinneszellen, die an das Gehirn weitergegeben werden, keine Anzeichen irgendwelcher Eigenschaften jenseits der Zellen mitliefern, sondern sie weisen nur auf die Reizung an bestimmten Orten des Körpers hin (vgl. FOERSTER 1992, S.58). „Die Signale, die dem Gehirn zugeführt werden, sagen also nicht, blau, heiß, cis, au, usw. usw., sondern »Klick, Klick, Klick«, d.h. sie sprechen nur von der Intensität der Störung nicht von »was«, nur von »wieviel« und »woher«“ (FOERSTER 1991, S.138f). Die Rezeptoren liefern lediglich qualitative Reize. So gesehen existieren außerhalb von uns weder Licht, Töne noch Farbe, sondern nur elektromagnetische Wellen, schwankender Luftdruck und in Bewegung befindliche Moleküle (vgl. FOERSTER 1998, S.44).

Das Nervensystem verarbeitet diese Reize in einem nicht enden wollenden zirkulären Prozeß, bei der eine stabile Wirklichkeit errechnet wird. Diese Prämisse bedingt Autonomie, d.h. jeder lebende Organismus regelt sich und demnach seine Regelungen selbst (vgl. ebd., S.58). Die Bedeutung dieser Annahme wird bei der Unterscheidung zwischen trivialer und nicht-trivialer Maschine deutlich.

Eine triviale Maschine ist durch eine festgelegte Input-Output-Beziehung gekennzeichnet, die nach bestimmten gleichbleibenden Grundsätzen, vorhersehbar und unabhängig von ihrer Vergangenheit arbeitet. Ihre Zusammensetzung kann, muß aber nicht, erschlossen werden. Ein Lichtschalter gilt als triviale Maschine. Sein Input (Einschalten) liefert stets den gleichen Output (Licht).

„Nicht-triviale Maschinen ändern ihre innere Struktur und die Transformationsregeln immer wieder“ (FOERSTER/PÖRKSEN 1999, S.56). Der Output nicht-trivialer Maschinen wird vom Input und von deren inneren Zuständen sowie vorangegangenen Operationen bestimmt. Die Maschine modifiziert ständig die Regeln der Umwandlung des Inputs. Doch die Regel, die die Transformationsregeln ändert, bleibt unbekannt. Auf einen Input folgender Output muß nicht nach dem gleichen Input wieder auftreten. (vgl. ebd.) Welche Auswirkungen ein bestimmter Input hat, kann nicht berechnet werden, da man den momentanen inneren Zustand nicht kennt (vgl. LINDEMANN/VOSSLER 1999, S.100). Sie sind wie autopoeitische Systeme (s.o.) nicht beliebig instruierbar. Ihr Verhalten ist überraschend und kann immer auch anders sein. “Während nicht-triviale Maschinen synthetisch determiniert werden, sind sie analytisch unbestimmbar, historisch bedingt und nicht vorhersagbar“ (FOERSTER 1993, S.143).

2.3.3 Konstruktivität des Gehirns (ROTH)

Im vorherigen Abschnitt wurde erwähnt, daß die Sinneszellen die Quantität und nicht die Qualität von Reizen erfassen. Es stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, wie die elektrischen Impulse ihre Bedeutung erhalten.

Hierauf findet Gerhard ROTH (1997, S.21) eine Antwort, der sich mit neuronalen Bedingungen der Entstehung von Wirklichkeit auseinandersetzt. „Das Gehirn kann zwar über seine Sinnesorgane durch die Umwelt erregt werden, diese Erregungen enthalten jedoch keine bedeutungshaften und verläßlichen Informationen über die Umwelt. Vielmehr muß das Gehirn über den Vergleich und die Kombination von sensorischen Elementarereignissen Bedeutungen erzeugen und diese Bedeutungen anhand interner Kriterien und des Vorwissens überprüfen. Dies sind die Bausteine der Wirklichkeit. Die Wirklichkeit, in der ich lebe, ist ein Konstrukt des Gehirns“.

ROTHs Konzept basiert auf der Autopoiese-Theorie MATURANAs und VARELAs, die er erkenntnistheoretisch ausbaut und präzisiert, in dem er die neurobiologischen Ansätze erweitert und sie speziell auf das Gehirn anwendet (vgl. ROTH 1991, S.229). MATURANA/VARELA beschreiben das Nervensystem als eine innerliche Vergrößerung der Interaktionsmöglichkeiten von Lebewesen. ROTH sieht es als eigenständiges kognitives System, das von seiner Umwelt völlig abgeschlossen ist. (vgl. LINDEMANN/VOSSLER 1999, S.26)

Die neuronale Verarbeitung der Erregung und die Informationserzeugung im Gehirn erfolgt nach verschiedenen Prinzipien. Die Sinnesorgane wandeln die einwirkenden Umweltreize z.B. in elektrische noch bedeutungsfreie Erregung um, deren Aktionspotential von den Nervenzellen weitergeleitet und dann vom Gehirn interpretiert wird. Das Prinzip der Neutralität des neuronalen Codes besagt: „Die Sinneszellen übersetzen das, was in der Umwelt passiert, in die »Sprache des Gehirns«, nämlich die Sprache der Membran- und Aktionspotentiale, der Neurotransmitter und Neuropeptide. Diese Sprache besteht aus chemischen und elektrischen Signalen, die als solche keinerlei Spezifizität haben, also neutral sind“ (ROTH 1997, S.93).

Durch die Verarbeitung im Gehirn wird festgelegt, ob Geräusche, Gerüche, Farben oder Formen etc. erkannt werden. Wichtig sind hierbei Intensität, Zeitdauer, Ort, Modalität und Quantität des Reizes und zwar in dem Verhältnis, „daß der Ort im Gehirn, an dem eine neuronale Erregung eintrifft und weiterverarbeitet wird, die Modalität der Sinnesempfindung (Sehen, Hören etc.), aber auch ihre Qualität (bestimmte Farbe, bestimmter Klang und Geschmack) bestimmt und daß die Impulsfrequenz meist nur die Intensität der Empfindung bestimmt“ (ROTH 1991, S.233).

Das Prinzip der getrennten Erregungsverarbeitung resultiert aus der Tatsache, daß die räumlichen und zeitlichen Aspekte eines Prozesses getrennt repräsentiert werden müssen, damit das Gehirn sie wahrnehmen kann. Ort und Zeit der neuronalen Ereignisse werden genau festgehalten, denn in ihnen ist die Spezifizität der neuronalen Ereignisse codiert (vgl. ROTH 1995, S.51).

Das Gehirn arbeitet nach einem topologischen Prinzip: Erregungen des visuellen Cortexes nimmt das Gehirn als Sehen wahr. Neuronale Impulse, die in den auditiven Cortex gelangen, werden als Hören interpretiert. Bei der Verarbeitung der Reize ist es gleichgültig, ob diese aus dem Ohr oder dem Auge kommen. (vgl. ROTH 1997, S.110)

Hierzu besagt das Prinzip der verteilten Repräsentation, „Keine einzelne Nervenzelle und kein lokales Neuronennetz kann einen komplexen Wahrnehmungsinhalt in all seinen Aspekten repräsentieren. Vielmehr wird ein wahrgenommener Sachverhalt in eine Vielzahl von Aspekten zerlegt, die zum einen mit den Details und zum anderen mit der Bedeutung des Wahrgenommenen zu tun haben“ (ROTH, zit. n. LINDEMANN/VOSSLER 1999, S.39). Alle Informationen bestehen nebeneinander und müssen zueinander in Beziehung gesetzt werden, um etwas einheitlich wahrnehmen zu können. Ihr Zusammenhang wird durch ihre gleichzeitig stattfindende Aktivität hergestellt. Das Gehirn arbeitet demnach ganzheitlich, denn eine summierte Wahrnehmung kann an keinem Ort lokalisiert werden (vgl. ebd., S.39f).

Dabei bezieht sich das Gehirn ausschließlich auf sich selbst. Es arbeitet selbstreferentiell, d.h. es interagiert mit seinen eigenen Zuständen und ist in sich funktional abgeschlossen. Seinen eigenen Konditionen schreibt es nach internen Regeln Bedeutungen zu und reagiert darauf mit weiteren internen Zustandsveränderungen (vgl. ROTH 1991, S.252). Ein kognitives System unterscheidet verschiedene Bereiche neuronaler Aktivität, um Sinneseindrücke direkt zu erfahren und nach ihrer Herkunft einordnen zu können.

Die kognitive Welt des Gehirns ist in drei Bereiche neuronaler Aktivität unterteilt:

Die Dingwelt – diesen Bereich empfindet das Gehirn als außerhalb von sich liegende Umwelt. Ihm gehören alle Ereignisse und Dinge an, die durch die Sinneseindrücke aus der Umwelt hervorgebracht werden.

Die Körperwelt – dies ist der Bereich des Körpers und der Körpererfahrung, der vom Gehirn getrennt von der Außenwelt erfahren werden kann mittels zuständiger Sinnesorgane für die Körperempfindung wie z.B. Gleichgewichtssinn, Schmerzrezeptoren etc.

Die Gedankenwelt – in diesem Bereich lokalisiert das Gehirn die imaginären, emotionalen und geistigen Aktivitäten. (vgl. ebd., S.236)

Die Bereiche entstehen alle im Gehirn und „sind Aufgliederungen der phänomenalen Welt, der Wirklichkeit. Dieser Wirklichkeit wird gedanklich eine transphänomenale Welt gegenübergestellt, die unerfahrbar ist und dementsprechend in der phänomenalen Welt nicht vorkommt“ (ROTH 1997, S.316). Die kognitive Wirklichkeit, bestehend aus den drei Bereichen, ist in sich abgeschlossen. Wir existieren in dieser Wirklichkeit, „von der wir ein Teil sind. Insofern stehen wir ihr nicht gegenüber, sondern sie geht durch uns hindurch“ (ROTH 1991, S.253).

Neuronale Botschaften aus der Umwelt werden nicht nur nach topologischen Prinzipien, sondern auch z.B. nach Übereinstimmung mit Vorerfahrungen und daraus resultierenden Bewertungen verarbeitet.

Für Roth ist das Gedächtnis das wichtigste Sinnesorgan, denn es bildet „ das Bindungssystem für die Einheit der Wahrnehmung, und zwar für all diejenigen Wahrnehmungsinhalte (...), deren Zusammengehören frühkindlich oder im Erwachsenenalter erlernt werden muß. In das Gedächtnis geht das Begreifen der Welt durch Handeln, die erlebte Koinzidenz und Folgerichtigkeit von Ereignissen als »Erfahrung« ein (ROTH 1997, S.263). Um in uns ein vollständiges Wahrnehmungsbild zu erzeugen, benötigen wir teilweise nur wenige gegenwärtige neuronale Botschaften aus der Umwelt. Das Bild wird vorrangig in Verbindung mit dem Gedächtnis erzeugt. Es kommt dann eher aus unserem Gedächtnis und weniger aus Sinnesdaten. (vgl. ROTH 1997, S.267) .

Das limbische System gilt als System des Gehirns, daß Verhalten bewertet. Gehirne müssen ein Verhalten hervorbringen, daß dem Organismus sagt, was er tun soll, was angemessen für ihn ist. Dabei besitzt die Erfahrung, die aus dem Lernen resultiert, eine große Bedeutung. Die bewerteten Konsequenzen des Handelns des Organismus werden im Gedächtnis gespeichert. „ Bewertungs- und Gedächtnissystem hängen untrennbar zusammen, denn Gedächtnis ist nicht ohne Bewertung möglich, und jede Bewertung geschieht aufgrund des Gedächtnisses, d.h. früherer Erfahrungen und Bewertungen “ (ROTH 1997, S.198).

2.3.4 Ein Unterschied, der einen Unterschied macht

Vom Anthropologen Gregory BATESON wird die Information angeführt, daß ein Unterschied einen Unterschied macht und dadurch Informationen erzeugt werden. Mindestens zwei Entitäten müssen vorhanden sein, damit sich Unterschiede herausstellen und neue Information entstehen können. Die beiden Größen müssen so beschaffen sein, „daß der Unterschied zwischen ihnen ihrer wechselseitigen Beziehung immanent sein kann“ (BATESON 1997, S.87). Der Unterschied muß von einem Gehirn z.B. erfaßt und dargestellt werden.

Informationen entstehen dann, wenn Dinge in Relationen zueinander gesehen werden. Von Gegenständen wie einem Stück Kreide können unendlich viele Unterschiede im Vergleich mit anderen Dingen ausgehen, von denen nur wenige zu Informationen werden, die unser Gehirn erfaßt und verarbeitet. (vgl. ebd., S.123)

Werden sich Informationen über gewisse Themen verschafft, trifft man Unterscheidungen. Sie geben Aufschluß über die Kriterien, die zur Unterscheidung gewählt wurden. Die Informationen sind nützlich, um Ordnung zu schaffen und Entscheidungen treffen zu können. Doch „wir sortieren nicht die Wirklichkeit, sondern erzeugen sie, indem wir sortieren“ (PALMOWSKI 1997, S.154)

BATESON hinterläßt mit einigen seiner Aussagen den Eindruck, daß die Informationen in einer von der Beobachtung unabhängigen Welt existieren und durch Wahrnehmungsverarbeitung in unseren Köpfen zu Abbildungen werden. Er weist an anderen Stellen jedoch darauf hin, daß Unterschiede dann entstehen, wenn sie mit bisherigen Erfahrungen verglichen werden, die wiederum durch Bewegung erzeugt und wahrnehmbar werden. (vgl. BALGO 1998, S.127) „Ordnung wird als eine Sache des Aussortierens und des Teilens gesehen. Aber der wesentliche Begriff bei allem Aussortieren ist, daß jeder Unterschied später einen anderen Unterschied verursachen soll. Wenn wir schwarze Bälle aus weißen aussortieren oder kleine aus großen, soll dem Unterschied zwischen den Bällen ein solcher in ihrer Lokalisierung folgen – die Bälle der einen Klasse in einen Sack, die der anderen in einen anderen. Für eine solche Reaktion brauchen wir so etwas wie ein Sieb, eine Schwelle oder, par excellence ein Sinnesorgan. Es ist daher verständlich, daß ein wahrnehmendes Einzelwesen erfunden wurde, um diese Funktion auszuüben, eine ansonsten unwahrscheinliche Ordnung zu schaffen“ (BATESON 1992, S.25f). Unterschiede, die nicht getroffen werden, existieren nicht. Ein mit den Sinnen erfahrendes Wesen muß vorhanden sein, um zu unterscheiden, in dem es mit Ereignissen und somit Veränderungen arbeiten kann.

Wahrnehmung basiert nach BATESON auf der Summe von Ereignissen, die in zirkulären Prozessen ablaufen. Wenn Wahrnehmung und Bewegung linear-kausal beschrieben wird wie z.B. mit „Ursache-Wirkung, Reiz-Reaktion, Input-Output, Außen-Innen, Anfang-Ende“ (BALGO 1998, S 133), dann sind das willkürlich von Beobachtern geschaffene Interpunktionen des zirkulären Geschehens. „Wollten wir die Ursache einer Unterscheidung oder einer Wahrnehmung zurückverfolgen, so würden wir stets auf eine Unterscheidung einer Unterscheidung einer Unterscheidung... oder die Wahrnehmung einer Wahrnehmung einer Wahrnehmung... stoßen“ (ebd.).

2.3.5 Sich selbsterfüllende Prophezeiung (WATZLAWICK)

Gegenstand der Theorie von WATZLAWICK, BEAVIN und JACKSON (1971, S.116) sind Interaktionsmuster, die in der Kommunikation ablaufen und die Suche nach Regeln, welche die Muster aufrechterhalten. Die Interaktion stellt ein soziales, mit der Umwelt im Informationsaustausch stehendes offenes System dar. Zwischenmenschliche Systeme beschreiben die Forscher als „Mit-anderen-Personen-kommunizierende-Personen“. Die Interaktion als System hält ihr inneres Gleichgewicht aufrecht, in dem spezielle Beziehungsregeln eingehalten werden (vgl. BALGO 2002, S.80). WATZLAWICK et al. (1971, S.115) übertragen die allgemeine Systemtheorie auf die menschliche Kommunikation. Die von ihnen aufgeführten fünf „Pragmatischen Axiome“ sollen die Basis jeder funktionierenden zwischenmenschlichen Kommunikation bilden.

Im Folgenden beziehe ich mich allein auf das dritte Axiom, da es den kommunikativen und interaktiven Aspekt individueller Wirklichkeitserzeugung beinhaltet. Es lautet: "Die Natur einer Beziehung ist durch die Interpunktion der Kommunikationsabläufe seitens der Partner bedingt" (ebd., S.61).

In der Interaktion findet ein permanenter Informationsaustausch statt, dem eine bestimmte Struktur zugrunde liegt. Sie wird von BATESON und JACKSON in Übereinstimmung mit WHORF die „Interpunktion von Ereignisfolgen“ genannt. (vgl. WATZLAWICK et al. 1971, S.57). Interpunktieren heißt laut WATZLAWICK (1991, S.72), „der Wirklichkeit eine bestimmte Ordnung zuzuweisen“. Zwischenmenschliche Themen oder Ereignisse ordnen Kommunikationspartner unterschiedlich ein. Jeder entwickelt seine Sicht der Ereignisse. Die verschiedenartigen Ordnungen (Interpunktionen) erzeugen multiple Wirklichkeiten. Interpunktion gilt als wesentlicher Bestandteil menschlicher Beziehungen. Die Kommunikation zwischen Interaktionspartnern verläuft zirkulär, denn die Ereignisse können gleichzeitig Ursache, Wirkung und Verstärkung sein. Jeder kann eine eigene, sich vom anderen unterscheidende, aber auch sich gegenseitig bedingende Auffassung vom Verhalten des anderen haben. Interpunktionen sind kulturell unterschiedlich. Die meisten Menschen handeln nach gemeinsamen Interpunktionsweisen, von denen sie glauben, daß sie „richtig“ sind. (vgl. WATZLAWICK et al. 1971)

Zu den bemerkenswertesten Erscheinungen der Interpunktion kann die sich selbsterfüllende Prophezeiung gezählt werden (vgl. ebd., S.95). „Eine sich selbst erfüllende Prophezeiung ist eine Annahme oder Voraussage, die rein aus der Tatsache heraus, daß sie gemacht wurde, das angenommene, erwartete oder vorhergesagte Ereignis zur Wirklichkeit werden läßt und so ihre eigene »Richtigkeit« bestätigt“ (WATZLAWICK 1998, S.91).Eine aus einer sich selbsterfüllenden Prophezeiung resultierende Handlung schafft die Voraussetzungen für das Eintreten des erwarteten Verhaltens. Dadurch kann eine Wirklichkeit erst erzeugt werden, die sich ohne die Prophezeiung nicht ergeben hätte (vgl. ebd., S.92).

Damit die Prophezeiung eintritt, bedarf es bestimmter Voraussetzungen. Die Alltagserfahrung zeigt, daß nur wenige Voraussagen auch wirklich zutreffen. Denn ein Faktor muß gegeben sein: „Wo das Element des blinden Glaubens, der blinden Überzeugung fehlt, bleibt sie wirkungslos“ (ebd., S.107). Eine Voraussage erfüllt sich, wenn an sie geglaubt wird und man sie als ein in der Zukunft bereits eingetretenes Ereignis ansieht. Dadurch kann sie auf die Gegenwart einwirken und sich selbst erfüllen. (vgl. ebd., S.95)

Unsere gedanklichen Konstruktionen wie Hypothesen, Erwartungen, Vorurteile und Wunschdenken können enorme Wirkung auf unsere Mitmenschen haben. Diese Tatsache kann die Annahme des erheblichen Einflusses der Vererbung und genetischer Anlagen auf menschliches Verhalten mindern (vgl. ebd. S.98). Erwünschte Annahmen fördern oder rufen möglicherweise angemessene Effekte im Verhalten des anderen hervor. Genauso können unsere Denkmuster zum Eintreten verschiedener Verhaltensweisen führen. Ein Verhalten wird eventuell auch gezeigt, weil der Betroffene davon ausgeht, das es von ihm erwartet wird (vgl. PALMOWSKI 2002, S.261). Zusammengefaßt kann gesagt werden, daß eine Vorhersage Einfluß haben kann auf die prognostizierte Wirkung. Erwartungen können das verstärkt hervorrufen, was erwartet wird.

2.3.6 Viabilität (VON GLASERSFELD)

Für Ernst VON GLASERSFELD (1996, S.22) ist der Radikale Konstruktivismus eine Theorie des Wissens. Die Konstruktion von Wissen basiert auf Grundlage der eigenen Erfahrung des Individuums. „Was wir aus unserer Erfahrung machen, daß allein bildet die Welt, in der wir bewußt leben (..), doch alle Arten der Erfahrung sind und bleiben subjektiv“. In seiner Theoriebildung bezieht er sich größtenteils auf Jean PIAGETs Kognitionstheorie.

VON GLASERSFELD kommt auch zu der Erkenntnis, daß das Gefundene (s.o.) eine Konstruktion ist. Ähnlich wie VON FOERSTER schreibt er: „unsere Sinnesorgane »melden« uns stets nur mehr oder weniger hartes Anstoßen an ein Hindernis, vermitteln uns aber niemals Merkmale oder Eigenschaften dessen, woran sie stoßen“ (ebd. 1992, S.21). Da bisher die Konstruktion von Wirklichkeiten exemplarisch thematisiert wurde, fokussiert sich der Blick auf den von VON GLASERSFELD in diesem Zusammenhang geprägten Begriff der Viabilität.

Erkenntnisse orientieren sich im Radikalen Konstruktivismus nicht am Kriterium der Wahrheit oder Objektivität, sondern an dem der Viabilität. Wirklichkeitskonstruktionen müssen „»passen«, „»funktionieren«, sich in der Lebenspraxis bewähren, „»wegweisend« sein (via = der Weg)“ (SIEBERT 1997, S.16). Passen bedeutet, „daß wir in der Organisation unserer Lebenswelt stets so vorzugehen trachten, daß das, was wir da aus Elementen der Sinneswahrnehmung und des Denkens zusammenstellen - Dinge, Zustände, Verhältnisse, Begriffe, Relationen, Theorien, Ansichten und, letzten Endes, Weltbild -, so beschaffen ist, daß es im weiteren Fluß unserer Erlebnisse brauchbar zu bleiben verspricht“ (GLASERSFELD 1992, S.30).

In Anlehnung an Ernst VON GLASERSFELD (1992, S.30f) sollen die Kernthesen des Radikalen Konstruktivismus aufgeführt werden.

1. Unsere Erfahrungen und unser Wissen spiegeln keine externe Realität jenseits unserer Wahrnehmungen wieder. Wissen resultiert aus unserer je individuellen Organisation der Erfahrungswelt.
2. Das Vorhandensein einer externen Welt wird von Vertretern des Konstruktivismus nicht geleugnet. Aber es wird davon ausgegangen, daß über eine solche Realität keine Aussagen getroffen werden können.
3. Es gibt keine Möglichkeit des Zugangs zu einer von unserer Erfahrung unabhängigen Realität.
4. Menschen konstruieren Wissen, in dem sie durch Erfahrung ihre Welt mit Ereignissen und Konstrukten einrichten.
5. Der Konstruktivismus kommt davon ab, Erkenntnisse als wahr gegenüber der objektiven Wirklichkeit zu beschreiben und zu beurteilen. Wissen ist viabel, wenn es zu den subjektiven Wirklichkeitskonstruktion paßt.
6. Kein Wissen kann Einzigartigkeit beanspruchen. Eine viable Lösung kann nie als die einzig mögliche Lösung angesehen werden.
7. Jede Theorie, so auch der Konstruktivismus, muß auf sich selbst angewendet werden. Der Konstruktivismus ist nur eine Form, mit dem Erkenntnisproblem umzugehen und beansprucht nicht, wahr zu sein. Nur durch seine Anwendung in bestimmten Kontexten kann geschaut werden, ob seine Prämissen einen Unterschied machen und eventuell zu viablen Ergebnissen führen.

Aus diesem Grund wird die Thematik abhängigen und süchtigen Verhaltens daraufhin untersucht, ob konstruktivistische Kerngedanken bei dessen Betrachtung einen Unterschied hervorrufen, der zu anderen Konsequenzen für die Betroffenen führen könnte.

2.4 Kommunikative Wirklichkeit

Bisher wurde die subjektive Konstruktion von Wirklichkeit thematisiert. Im Folgenden soll der sozialen Verständigung von Individuen und der sozialen Konstruktion von Wirklichkeit Aufmerksamkeit geschenkt werden. Die Gestaltung gemeinsam konstruierter Wirklichkeiten wird dargestellt und die Frage beantwortet, wie Übereinstimmungen in der Kommunikation entstehen und wie sie dem Menschen bewußt sein können.

Dazu führe ich zwei Theorien an, in deren Mittelpunkt die Herstellung sozialer Wirklichkeit innerhalb sozialer Interaktion und Kommunikation steht. Ich skizziere den Deutungsmusteransatz und den Sozialen Konstruktionismus nach GERGEN. Beide Theorien beschäftigen sich damit, wie Menschen miteinander in Beziehung treten und kommunizieren. Sie unterscheiden sich in ihren Annahmen, wie soziale Wirklichkeit konstruiert wird.

Im Abschnitt des Sozialen Konstruktionismus nach GERGEN zeige ich insbesondere die Funktion von Sprache bei der Herstellung sozialer Wirklichkeit auf. Im Mittelpunkt steht die Kommunikation und Aushandlung gemeinsamer Bezugspunkte sozial konstruierter Wirklichkeiten.

2.4.1 Deutungsmusterkonzept

Nach diesem Konzept gründet das Handeln sozialer Gruppen implizit auf sozial verfügbaren Deutungsmustern. Ich führe zu dessen Charakterisierung wichtige Merkmale an. Laut MEUSER und SACKMANN (1992, S.14) wurde der Fachausdruck Deutungsmuster 1973 von Ulrich OEVERMANN in die deutsche soziologische Diskussion eingeführt. Eine große Anzahl empirischer Deutungsmusteranalysen ist daraufhin entstanden. Von einem einheitlichen Konzept kann nicht gesprochen werden, sondern verschiedene Versionen des Deutungsmusteransatzes bestehen.

Die Ansätze vereinen ähnliche Bedeutungselemente, beruhen aber auf unterschiedlichen metatheoretischen Positionen. (vgl. ARNOLD 1985, S.74).

Gemeinsamkeiten in der Begriffsverwendung nennen MEUSER und SACKMANN (1992, S.19), die auszugsweise angeführt werden. Deutungsmuster gelten als „kollektive Sinngehalte“, die einer größeren Gruppe von Menschen zugrunde liegen. Sie besitzen eine normsetzende Geltungskraft. Ihr Gültigkeitsbereich variiert zwischen der Gesamtgesellschaft und einzelnen Gruppen (vgl. ebd.).

Demnach wirken bei Interpretationen von Handlungen oder Sachverhalten Deutungsmuster im Hintergrund. Sie können als Interpretationsfolien verstanden werden, die im Handeln, in der Interaktion und Kommunikation unbewußt wirken. „Deutungsmuster sind - verglichen mit singulären Deutungen, Einstellungen, Meinungen - auf einer latenten tiefenstrukturellen Ebene angesiedelt und mithin nur begrenzt reflexiv verfügbar“ (ebd., S.19). Als „Muster kultureller Sinnstrukturen“ (LÜDERS 1991, S.381) sollen sie unseren Einstellungen, Geboten, Absichten, Handlungen, Aussagen und unserem Denken zugrunde liegen. Individuen können nach im Hintergrund wirkenden handlungsleitenden Regeln agieren und ihr Verhalten nach deren Adäquatheit bewerten. So werden menschliche Verhaltensweisen bspw. von Individuen oder sozialen Gruppen im Zusammenhang mit Deutungsmustern wahrgenommen, gedeutet und erklärt. (vgl. ebd.)

Deutungsmuster erleichtern oder ermöglichen die Verständigung zwischen Individuen. Sie müssen hierzu von mehreren Menschen geteilt werden, damit Handlungen und Situationen durch sie begründbar sind (vgl. ULLRICH 1999, S.4.

Wenn „behauptet wird, daß mit dem Deutungsmusterbegriff eine Analyseebene sui generis, die zwischen den vergegenständlichten Strukturen der sozialen Wirklichkeit einerseits und dem subjektiven Bewußtsein andererseits angesiedelt ist, anvisiert wird“ (ebd., S.381), dann tut sich auch beim Deutungsmusterkonzept die erkenntnistheoretische Frage auf, ob Wirklichkeit unserer Erfahrung zugrunde liegt (Realismus) oder ob unsere Erfahrung Wirklichkeit herstellt (Konstruktivismus). Die Frage lautet hierbei, ob die gesellschaftliche Wirklichkeit das individuelle Bewußtsein prägt oder ob die Deutungsmuster des Einzelnen die Wirklichkeit nicht erst symbolisch vermitteln (vgl. ARNOLD 1985, S.75).

Bei der Beantwortung dieser Frage tendieren einige Deutungsmusteransätze mehr zu der Annahme, daß die „jeweils erfahrene Wirklichkeit das individuelle Bewußtsein prägt“ (ebd., S.75). Aus dieser Perspektive würden solche Muster als grundsätzliches soziales Wissen dem Mensch helfen, „die Elemente der ihn umgebenden Wirklichkeit nach bekannten und bewährten Mustern zu ordnen, und verschaffen ihm Gewißheit, was wirklich ist und wie er sein Handeln entsprechend diesem Wissen ausrichten kann.“ (ebd., S.33). Bei diesem Ansatz wird von der Realität objektiver Handlungsprobleme ausgegangen, auf die sich Deutungsmuster beziehen.

Andere Varianten des Deutungsmusteransatzes gehen davon aus, daß die soziale Wirklichkeit durch die Deutung erst entsteht. Das ist z.B. der Konstruktionismus oder Sozialkonstruktionismus, deren Vorläufer (z.B. COOLEY oder MEAD) aus der Sozialpsychologie stammen. Im Zentrum des Sozialkonstruktionismus stehen der denkende und handelnde Mensch sowie die Konstruktion von Dingen innerhalb der sozialen Interaktion, die dann geteilte Wissensbestände ausmachen. (vgl. GERSTENMEYER/MANDL 2000, S.4)

Die Deutungsmuster, über die Menschen verfügen, vermitteln bzw. erschließen erst symbolisch Wirklichkeit. Von einer solchen Bedeutungskonstitution geht u.a. George Herbert MEAD (vgl. ARNOLD 1985, S.28) aus. „Umweltbedingungen zum Beispiel existieren nur insoweit, als sie sich auf wirkliche Individuen auswirken, und nur wenn sie auf diese Individuen wirken“ (MEAD 1983, S.215). Menschen verleihen den Dingen Bedeutung im interaktiven Prozeß sozialer Kommunikation. „Wirklichkeit entsteht demnach im Prozeß der Aufordnung, Erschließung und Interpretation durch die Bedeutungen, die ihnen die Menschen verleihen, ein Prozeß der immer interaktiv ist, d.h. eingebunden in soziale Kommunikation verläuft“ (ARNOLD 1985, S.28). Diese Ansätze geben „eher dem epistemologischen Primat im Verhältnis von Wirklichkeit und Wissen den Vorzug“ (ebd., S.76) und weniger dem ontologischen.

Deutungsmuster können aufgrund ihres „emergenten Charakters“ (ULLRICH 1999, S.4) nicht direkt erfaßt werden. Bei der sozialwissenschaftlichen Erhebung von Deutungsmustern ergeben sich bei der Aufforderung der Begründung von Handlungen nur subjektive Interpretationen und Bewertungen. Welches Muster nun dahinter steckt, ist eine subjektive Konstruktion des Forschers, denn er legt die Aspekte und Formulierungen eines Deutungsmusters fest. (vgl. ebd.) Laut LÜDERS (1992, S.383) ist es somit vom jeweiligen Forscher abhängig, welche Aspekte wie strukturiert zu einem Deutungsmuster zusammengefügt und welche ausgeblendet werden. Die wahre Beschaffenheit von Deutungsmustern, kann aus Sicht des Radikalen Konstruktivismus nicht herausgefunden werden.

2.4.2 Sozialer Konstruktionismus (GERGEN)

Unsere jeweilige Vorstellung von Wirklichkeit ist nicht nur Ergebnis individueller sondern auch sozialer Konstruktionen. Nach SCHLIPPE und SCHWEITZER (1998, S.78) gilt der amerikanische Sozialpsychologe Kenneth J. GERGEN als Hauptvertreter des sozialen Konstruktionismus.

In der radikalkonstruktivistischen Forschung finden sich ähnliche Aussagen des sozialen Konstruktionismus. Zum Beispiel steht der soziale Konstruktionismus wie der Radikale Konstruktivismus im Kontrast zum positivistischen Wissenschaftsverständnis, welches auf die Abbildung von Realität zielt (vgl. FRINDTE 1995, S.109). Beide Konzepte thematisieren die Unmöglichkeit, eine externe Welt erfassen zu können (vgl. SCHLIPPE/SCHWEITZER 1998, S.78). Die Ansätze unterscheiden sich darin, daß im radikalen Konstruktivismus das Individuum, sein Gehirn und seine subjektiven Wirklichkeitskonstruktionen im Mittelpunkt stehen. Im Sozialen Konstruktionismus hingegen spielt Bezogenheit, die Annäherungen und Abstimmungen von Personen untereinander mittels Sprache eine wesentliche Rolle. Aus Sicht des Sozialen Konstruktionismus ist die Differenzierung zwischen externer und interner Welt durch Sprache hervorgebracht.

Sprache besitzt eine bedeutende Funktion bei der Konstruktion von gemeinsamen Wirklichkeiten. Im Kommunikationsprozeß werden durch Sprache soziale Wirklichkeitskonstruktionen und darin vermittelte gemeinsame Werte, Normen und Wahrnehmungsmuster erzeugt (vgl. PALMOWSKI/HEUWINKEL 2000, S.119). Wirklichkeitskonstruktionen erreichen ihre Wichtigkeit nicht, weil sie Handlungen vom Kopf aus leiten, sondern weil sie im sprachlichen Miteinander, in Beziehungen mit anderen verwendet werden. Worte erlangen an Bedeutung im sozialen Gebrauch. (vgl. GERGEN 1994a, S.122). Dementsprechend „ist Sprache dem Wesen nach eine Form von Bezogenheit. Ihren Sinn erhält sie erst aus den koordinierten Bemühungen der Menschen. Die Worte des einzelnen bleiben Unsinn (bloße Töne oder Bezeichnungen), bis sie durch die Zustimmung (oder passende Handlung) eines anderen ergänzt werden“ (GERGEN 1996, S.256).

In GERGENs Konzept sind Wirklichkeitskonstruktionen sprachlichen Ursprungs. „D.h. unsere Substantive isolieren und fragmentieren unser Verständnis dessen, was wir vorfinden, unsere Verben konzeptualisieren unsere Welt im Hinblick auf Handlungen und Wirkungen, unsere Geschichten schaffen Reihenfolge und Ordnung, und so weiter, und auf diese Weise schaffen wir uns eine verständliche Welt“ (GERGEN 1994a, S.122). Die Welt, die sich uns erschließt, ist gleichzeitig die Welt, die wir im sozialen Prozeß konstruieren und besprechen. Gefühle, Gedanken und Handlungen des einzelnen ergeben sich aus sozialen Konstruktionen, die im Kommunikationsprozeß ausgehandelt werden. (vgl. FRINDTE 1995, S.109)

Ein wichtiges Medium zur sozialen Verständigung sind die Erzählungen. Sie haben für den Erzähler zwei Bedeutungen. Auf der einen Seite ist der Sprecher bestrebt, soziale Kontakte aufzubauen und weiterzuführen. Und auf der anderen Seite erzählt er seine Geschichte, die Geschichte seines Selbst. (vgl. ebd., S.113) Der Inhalt dieser Geschichten ist besonders abhängig von sozialen Beziehungen. Wenn Erinnerungen uns selbst oder anderen veranschaulichen werden sollen, muß es in der Sprache der jeweiligen Kultur passieren. (vgl. GERGEN 1996, S.265) Ein jeder kann nur Gedanken, Gefühle und Erfahrungen besitzen, weil er am kulturellen Leben teilnimmt und eine Sprache entwickelt, mit der er sich selbst konstruieren kann (vgl. GERGEN 1994a, S.125).

Im Deutungsmusteransatz lag die Besonderheit auf den handlungsleitenden Regeln, die im Hintergrund von Interpretationen wirken und soziale Konstruktionen produzieren. Im Sozialen Konstruktionismus besitzt die Sprache eine besondere Funktion. Gesellschaftliche Normen oder Handlungsorientierungen müssen im kommunikativen Austausch immer wieder besprochen werden (vgl. auch WALTHES/KLAES 1994).

Wirklichkeit entsteht im Dialog. Ausgesprochene Worte bedeuten gewissermaßen nichts, bevor nicht unser Gegenüber sie auf seine Weise gedeutet hat und darauf reagiert. „Bedeutungsgebung besteht in einem Prozeß ständiger Entfaltung, ist niemals festgelegt und immer abhängig von der Form unseres gemeinsamen Tanzes. Wir schaffen gemeinsam die Realität, aber es ist immer eine Realität ohne Anker, immer offen für eine Umwandlung – in der nächsten Konversation“ (GERGEN 1994a, S.125). Begriffe werden als Konventionen verstanden, über deren Bedeutung ständig verhandelt wird und die sich fortlaufend verändert (vgl. PALMOWSKI/HEUWINKEL 2000, S.124).

Nach dieser Sichtweise kann Sucht als sprachliche Übereinkunft verstanden werden, die in unterschiedlichen sprachlichen Diskursen, in verschiedenen Orten oder Epochen mit den unterschiedlichsten Inhalten gefüllt ist. Hierzu wird im 3. Kapitel der Versuch einer Begriffsbestimmung vorgenommen und ein Blick in die Geschichte getätigt. Doch zuvor stelle ich Folgen des Konstruktivismus für das Wissenschaftsverständnis dar.

2.5 Konstruktivismus und Wissenschaftstheorie

Aus den Annahmen des Konstruktivismus ergibt sich ein verändertes Verständnis von Wissenschaft.

Innerhalb der Wissenschaftstheorie werden Möglichkeiten und Wege herausgefunden, wie Erkenntnisse über einen Gegenstandsbereich gewonnen werden (vgl. PALMOWSKI/HEUWINKEL 2000, S.69).

2.5.1 Traditionelles Wissenschaftsverständnis

Kennzeichnend für ein modernes Verständnis von Wissenschaft sind die zentralen Annahmen des Kritischen Rationalismus, die im Folgenden komprimiert angeführt werden.

Die wesentlichen Punkte bauen auf Postulaten von Karl POPPER auf, der zu Beginn der 30er Jahre letzten Jahrhunderts den Kritischen Rationalismus entwickelt. In seinem 1934 erschienen Buch „Logik der Forschung“ formuliert er seine Grundgedanken und Theorien.

Aus der Annahme, daß wissenschaftliche Behauptungen sich der Wahrheit schrittweise nähern, resultieren laut PALMOWSKI und HEUWINKEL (2000, S.72ff) verschiedene Konsequenzen für das wissenschaftliche Selbstverständnis. Es werden ausgewählte Beispiele des modernen Wissenschaftsverständnisses als Überblick angeführt:

1) Annäherung an Wahrheit und Wirklichkeit ist möglich. Ausgangspunkt bildet die Annahme des Fortschritts und Wachstums von Erkenntnissen. Jede neue erforschte Sichtweise ist der Wirklichkeit näher, in deren Richtung kontinuierlich weiter geforscht wird.
2) Neue Erkenntnisse werden gefunden, die möglichst zeitlos, allgemeingültig und kulturunabhängig sein sollen.
3) Wissenschaft als „Königsweg“ (S. 76) ist besonders gesellschaftlich anerkannt. Forscher sind die Experten bei der Entdeckung von Wissen.
4) In der empirischen Forschung sind idealtypisch objektive und vorurteilslose Datenerhebungen ohne Vorwegannahmen gefordert, die theoretische Aussagen überprüfen. Empirie beruht auf binärem Denken und schließt andere Sichtweisen aus.
5) Sprache besitzt eine informative Funktion. Wirklichkeit wird abgebildet durch Beschreibungen.

(vgl. PALMOWSKI/ HEUWINKEL 2000)

[...]


[1] Zu den Vorreitern zählen u.a. die Vorsokratiker DEMOKRIT, XENOPHANES, ALKMAION und HERAKLIT; die Skeptiker PYRRHON und SEXTUS EMPIRICUS, Philosophen wie BERKELEY, DEWEY, FEYERABEND, FLECK, HUME, JAMES, KANT, LICHTENBERG, MAUTHNER, MONTAIGNE, SCHOPENHAUER, VICO, VAIHINGER, WHORF und WITTGENSTEIN sowie der Ethnologe DÜRR. (Vgl. BALGO 1998; GLASERSFELD 1996, 1998a, 1998b; SIEBERT 1996, 1997, 1999) Welche jeweiligen Impulse von ihnen ausgingen, kann an anderer Stelle (z.B. SIEBERT 1997; GLASERSFELD 1996) nachgelesen werden.

[2] Ich verwende im Verlauf der Arbeit den Begriff Konstruktivismus synonym zum Radikalen Konstruktivismus.

[3] Autonomie bedeutet hier weder „Autarkie noch sozialpolitische Selbstbestimmung“ (vgl. LUDEWIG 1992, S.70), sondern daß die eigenen Systemoperationen bestimmen, inwiefern die Umwelt das System erregen kann (vgl. BALGO 2002, S. 96).

Details

Seiten
173
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783842809017
Dateigröße
789 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v228239
Institution / Hochschule
Universität Erfurt – Erziehungswissenschaftliche Fakultät, Sozialpädagogik
Note
1,1
Schlagworte
sucht konstruktivismus systemisches denken sozialpädagogik radikaler

Autor

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Titel: Betrachtung von Suchtverhalten aus systemisch-konstruktivistischer Sicht