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Die Konstruktion nationaler Identität in Ost- und Westdeutschland während des Mauerfalls

Eine Diskursanalyse deutsch – deutscher Gegenbilder

Magisterarbeit 2010 146 Seiten

Soziologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Die DDR – Ideologisches Fundament und gesellschaftlicher Aufbau
1.2. Das System der BRD

2. Theoretische Möglichkeiten für die Konstruktion einer nationalen Identität
2.1. Nation – Inhalte, Verbindungen und Ausrichtungen im Aufbau eines Selbstbildes
2.2. Geschichte und Mythen als Basis der Nation
2.3. Das Andere in der Konstruktion eines Selbstbildes
2.4. Sprachliche Möglichkeiten der Herstellung von Identität und Differenz
2.5. Medien und nationale Identität
2.6. Zielsetzung

3. Methode
3.1. Untersuchungsmaterial
3.2. Untersuchungszeitraum
3.3. Methodisches Vorgehen
3.3.1. Diskurs und nationale Identität
3.3.2. Analytisches Vorgehen
3.3.3. Codierung

4. Ergebnisse
4.1. Die westdeutsche Sicht
4.1.1. Die SED
4.1.2. Die wirtschaftliche Situation
4.1.3. Legitime Vertreter des politischen Systems
4.1.4. Die SED als Fremdherrschaft
4.1.5. Die Konsequenzen staatlicher Lenkung in anderen Bereichen
4.1.6. Die Bevölkerung und ihre legitimen Repräsentanten
4.1.7. Die Maueröffnung als nationales Ereignis
4.2. Die ostdeutsche Sicht

5. Zusammenfassung

6. Ausblick

7. Literaturverzeichnis

8. Anhang
8.1. Codierbogen
8.2. Artikelverzeichnis

1. Einleitung

Die „Wiedervereinigung“ Deutschlands markiert einen wichtigen Punkt in der Geschichte der Bundesrepublik: Mit der Einheit Deutschlands wurde auch die volle Souveränität als Staat (wieder) hergestellt, die „Siegermächte“ gaben die Weisungshoheit über die BRD und die DDR ab und das geeinte Deutschland kann seitdem als gleichwertiger Akteur außenpolitisch auftreten. Man hat sich von der Vergangenheit des Dritten Reiches abgesetzt, das Bild des deutschen Nationalstaates steht hauptsächlich in Verbindung mit wirtschaftlicher Stärke.

Nach innen hatte die Einigung der BRD mit der ehemaligen DDR jedoch eklatante Folgen: Auch wenn das Datum der „deutschen Wiedervereinigung“ zeitlich schon weit zurückliegt, scheint der Zusammenschluss der „deutschen Nation“ unter einem Staat mit erfolgreicher Installierung des westdeutschen Wirtschaftssystems in der ehemaligen DDR, noch immer nicht ganz vollzogen. Auch wenn die „Wiedervereinigung“ zunächst den Anschein einer endgültigen Lösung der „deutschen Frage“ hatte, sind jetzt, 20 Jahre danach, noch immer deutliche Unterschiede zwischen Ost und West erkennbar: Neben der immer noch vorhandenen, persönlichen Zuordnung der deutschen Bevölkerung in „Ossis“ und „Wessis“ (Möbius 2003), ist das Gebiet der ehemaligen DDR von hoher Arbeitslosigkeit und einer anwachsenden Zahl von Neonazis mit entsprechend „xenophoben Mordtaten“ (Möbius 2003: 352) gekennzeichnet. Die mit dem Anschluss an die BRD einhergehende Umstrukturierung der Ostgebiete hin zu einer marktwirtschaftlichen Wirtschaftsordnung ist noch immer nicht so weit fortgeschritten, dass die Ostgebiete den westdeutschen Gebieten strukturell gleichgesetzt wären.

Die Einigung selbst kann mehr als ein „unpolitische[r], wirtschaftstechnokratische[r] Akt nach Effizienzkriterien“ (Stapelfeldt 2005: 363) gesehen werden, der langfristig zur Folge hatte, dass sich in den Ostgebieten für viele die Lebenslage eher verschlechtert hat, als den erhofften Aufschwung zu bringen (vgl. Geißler 2006). Die staatlichen Maßnahmen zur „Vereinigung“ der DDR mit der BRD zielten in erster Linie auf die wirtschaftliche Einigung hin zur kapitalistischen Marktwirtschaft. Die in diesem Kontext vollzogene Einführung der D-Mark, zum Beispiel, sollte den Weg für die DDR-Bürger bereiten, eine „unternehmerische Initiative“ (Stapelfeldt 2005: 265) zu gründen, auf Basis derer sich die Marktkräfte entfalten können. Real hatte dies die Konsequenz, dass die Ökonomie der DDR völlig zusammenbrach (Stapelfeldt 2005) und der Staat durch externe Finanzleistungen bis heute die Wirtschaft stützen muss, um die Folgen abzufedern[1].

Um dies zu verstehen, bedarf es eines Rückblicks auf den Ursprung dieses Gefälles.

Dieser findet sich in der Teilung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg in zwei unterschiedliche Staaten mit der Installierung unterschiedlicher Gesellschaftssysteme. Die Teilung Deutschlands[2] – so wie auch dessen Wiedervereinigung– kann nur unter Bezug auf die Systemkonkurrenz des Sozialismus unter der Herrschaft der Sowjetunion und des westlichen Kapitalismus bei Vorherrschaft der USA gesehen werden. Nach 1945 war die Welt „bipolar um zwei Supermächte organisiert“ (Hobsbawm 2005: 207), die sich in einem „Kalten Krieg“ bekämpften. Dies bündelte sich innerhalb des deutschen Gebietes in einer direkten Konfrontationslinie.

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs war auch das Ende des Dritten Deutschen Reiches besiegelt, das Gebiet und die Bevölkerung wurde unter den Siegermächten aufgeteilt. Im Groben vollzog sich die Aufteilung gemäß der beiden großen Blöcke, die sich ideologisch und ordnungspolitisch gegenüber standen: Im Westen das US-amerikanische Supremat, im Osten die Sowjetunion. Im Laufe der Entwicklungen[3] wurden die beiden Zonen als Zöglinge der beiden Blöcke installiert: Die Besatzungszone der Sowjetunion wurde als „Vorposten“ des Sozialismus im Westen, die westliche Besatzungszone als „Vorposten“ der USA nach Osten hin errichtet (Gruneberg 1993). Die Teilung Deutschlands muss also als Konsequenz der entgegengesetzten Interessen der beiden Mächte gesehen werden (Wilke 2009), die entsprechend ihren gesellschaftspolitischen Vorstellungen die beiden Teile Deutschlands ausgestalteten. Entsprechend wurde der Westen als „marktwirtschaftliche Einheit (Bizone, Währungsreform) und als Staat mit föderativer, rechtsstaatlicher und parlamentarisch-demokratischer Struktur (Frankfurter Dokumente, Grundgesetz)“ aufgebaut (Niethammer 1999: 20). Der Osten wurde nach dem Vorbild der Sowjetunion als eine sozialistische, „volksdemokratische“ Gesellschaft errichtet. Die Teilung wurde mit der beiderseitigen Staatsgründung 1949 besiegelt (Wilke 2009).

Der Bau der Mauer 1961 (Gruneberg 1993) durch die Mitte von Berlin und um West-Berlin herum machte die Abgrenzung der DDR von der BRD endgültig[4] und bildete ab sofort das Symbol für die Teilung Deutschlands (Herberg, Steffens & Tellenbach 1997): Mit ihr sollte die Auswanderung der eigenen Bevölkerung nach Westdeutschland gestoppt werden, der Bereich um die Mauer wurde militärisch abgesichert. Auch die beiden Teile Deutschlands standen sich als gegensätzliche und verfeindete Blöcke gegenüber, wobei die Staaten sich aus dem Bezug zu dem jeweiligen „Vorbild“ legitimierten und deren ideologische Ausrichtung übernahmen. Damit wurde der Anti-Kommunismus für die BRD zu einer tragenden Säule der Werthaltungen[5] und für die DDR der Anti –Imperialismus und Anti-Faschismus (Niethammer 1999).

Ein Beispiel dafür gibt auch die Mauer, die von offizieller ostdeutscher Seite als „Antifaschistischer Schutzwall“ bezeichnet wurde. Für die ostdeutsche Seite verkörperte sie das Feindbild „Westen“: Durch sie sollten die faschistischen Kräfte, die ausschließlich im Westen zu finden waren, abgehalten, beziehungsweise die DDR vor den Faschisten geschützt werden (Heinemann, Schmidt & Wilke 2009). Der Westen war also nicht nur der Ort des Faschismus, sondern bedrohte auch durch seine Aggressivität die Bevölkerung der DDR, was wiederum einen physischen Schutz wie die Mauer notwendig machte. Nach Doering-Manteuffel (2004) wurde dieses Bild vom Westen als der größten Bedrohung für den Sozialimus strategisch eingesetzt, um die Bevölkerung für den Sozialismus zu mobilisieren. Für den Westen dagegen war die Mauer das Symbol für die Unfreiheit in dem ostdeutschen Staat (Herberg, Steffens & Tellenbach 1997).

Aus nationaler Perspektive sahen sich beide Staaten als Provisorium, bis die Nation unter einem der beiden Staaten zusammengeführt werden kann. Die Wiedervereinigung als langfristiges Ziel war im Grundgesetz der BRD verankert, sie beanspruchte die Alleinvertretung für Gesamtdeutschland (Haendcke-Hoppe & Lieser-Triebnigg 1990). Auch die DDR sah sich „als vorläufiger Teil einer gespaltenen Nation“ (Weber 1991: 116), bis 1972 die gesamtdeutsche Frage von offizieller Seite negiert und durch das Verkünden einer rein sozialistischen Nation innerhalb der DDR abgelöst wurde. Danach hätten die sozialistischen Gesellschaftsstrukturen zur Konsequenz gehabt, dass sich innerhalb der DDR eine sich qualitativ von der kapitalistischen BRD unterscheidende Nation gebildet hat. Die BRD gehörte ab diesem Zeitpunkt offiziell zum Ausland (Möbius 2003).

Eine Annäherung der beiden deutschen Staaten erfolgte allgemein während der sechziger und siebziger Jahre. Die BRD erkannte die DDR zwar nicht völkerrechtlich als Staat an, gab aber den Alleinvertretungsanspruch auf und schloss mit der DDR Verträge und Abkommen[6] ; die Beziehung zwischen den Staaten „normalisierte“ sich (Hacker 1990).

Der grundsätzliche Gegensatz im Gesellschaftsaufbau blieb allerdings bis zur Auflösung der DDR bestehen.

1.1. Die DDR – Ideologisches Fundament und gesellschaftlicher Aufbau

Will man den Aufbau und die Funktionsweise der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Bereiche der DDR nachvollziehen[7], so müssen diese aus dem ideologischen Selbstverständnis der Führungselite der Sowjetunion und, als ihr „Zögling“[8], der SED verstanden werden (vgl. Niethammer 1999).

Eine dieser grundlegenden Auffassungen, nach denen die Gesellschaft gestaltet wurde, ist die, dass sich mit der Abschaffung des Privateigentums auch der Interessengegensatz zwischen den Klassen und damit in der Gesellschaft insgesamt aufgehoben hat. Nach dieser Theorie ergeben sich unterschiedliche Interessen rein aus den unterschiedlichen Besitzverhältnissen an den Produktionsmitteln. Verteilt sich der Besitz daran gleichmäßig, gibt es auch keine gegensätzlichen Interessen.

Diese und die Auffassung, die Arbeiterklasse brauche eine Partei, die deren Interessen formuliere und politisch durchsetze, da sie selbst das nicht vermag, stellten die ideologische Basis des realen Sozialismus dar. Darauf aufbauend wurde der absolute Führungsanspruch der SED organisatorisch und verfassungsrechtlich durchgesetzt, sämtliche Bereiche der Gesellschaft waren auf die Partei hin zentralisiert, das heißt unterstanden direkt ihren Weisungen. Sie bildet die „Avantgarde“ des Sozialismus, die „einen Schlüssel zu einem objektiven Weltbild [hat], und darin dem gemeinen Volk, das aber als erziehungsfähig eingestuft wurde, überlegen [ist]“ (Niethammer 1999: 172). Eine tatsächliche Legitimierung durch „freie und geheime“ Wahlen durch das Volk sowie eine Gewaltenteilung sind danach unnötig – die führende Partei bildet das Zentrum der politischen Willensbildung, da auch nur sie die gesellschaftlichen Gesetzmäßigkeiten erkennt. Folglich kann auch nur sie gestalterische Maßnahmen in der Gesellschaft planen und durchsetzen[9].

Auch für die Spitzenfunktionäre selbst galt ein langer Katalog von Eigenschaften[10], denen sie idealerweise entsprechen sollten, um die Gesellschaft gemäß den Idealen des Sozialismus gestalten zu können. Konsequenterweise wurden die Funktionäre selbst auch nicht gewählt (auch nicht innerhalb der Partei), sondern gemäß den Kriterien rekrutiert und speziell ausgebildet.

Auf dieser Auffassung basierte dann auch das politische System. Sämtliche politischen und staatlichen Institutionen unterstanden der Weisung der SED. Innerhalb des politischen Systems nahmen zwar noch andere Parteien in dem „Demokratischen Block“ an der Regierungsbildung teil, zu ihnen wurde aber kein Konkurrenz- sondern ein Bündnisverhältnis[11] gepflegt. Die Funktion von Parteien wie der Ost-CDU oder der LDPD war vielmehr, auch die Bürger/-innen an das System zu binden, die nicht in die SED eintreten wollten. Die Ost-CDU zum Beispiel sollte christlich orientierte Bürger/-innen ansprechen, die LDPD adressierte sich an Bürger/-innen mit liberalen Weltanschauungen[12]. Nach anfänglichen Konflikten mit der SED zu Beginn des Aufbaus der DDR akzeptierten letztendlich auch alle Parteien Ende der vierziger Jahre die Führungsrolle der SED und waren in die Bündnispolitik integriert.

Das offiziell oberste Machtorgan der DDR war die Volkskammer, in der zum Beispiel diese Parteien und auch die Massenorganisationen wie der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund, der ebenfalls die Aufgabe hatte, die Bürger/-innen für die Ziele der Partei zu mobilisieren, vertreten waren. Auch wenn dieses Organ nur offiziell die Volksvertretung inne hatte, so konnten die Bürger/-innen innerhalb dieser Parteien und Organisationen doch ihre Interessen äußern, was von der SED auch gewünscht wurde; sie konnten dies nur nicht außerhalb des von der SED gesteckten Rahmens. Offiziell gab es keine abweichenden Interessen, was entsprechend auch die Ausstattung der Bürger/-innen mit individuellen Rechten gegenüber dem Staat überflüssig machte. Die Gerichtsbarkeit war nicht von der Partei unabhängig, sondern ebenfalls das Mittel der Partei zur Durchsetzung ihrer Ziele. Die Bürger/-innen konnten zwar Beschwerden gegen staatliche Maßnahmen einreichen, diese wurden aber innerhalb des Apparates bearbeitet. Auch innerhalb der Gesellschaft wurde einem starren Freund-Feind-Schema gefolgt: Wer nicht für das System insgesamt war, wurde als Feind des Sozialismus eingestuft – mit entsprechenden Repressionen. Die Partei legitimierte ihre Führungsrolle auch aus dem Grundsatz, die Interessen des Volkes gegen die Ausbeuterklasse (hier diente vor allem der Westen als Exempel) zu vertreten. Da der Widerstand der Ausbeuterklasse noch nicht gebrochen ist, ist ein Staatsaufbau, wie er in der DDR verwirklicht wurde, notwendig, um den Sozialismus vor seinen Feinden auch innerhalb der Gesellschaft zu schützen.

Einzig die Kirche wurde sowohl vom Zugriff der SED, als auch von der Kollektivierung des (Grund-)Besitzes ausgenommen. Ihr wurde das Recht zugestanden, innerhalb der Gesetze der DDR sich selbst zu bestimmen.

Die Gestaltung der Wirtschaft wiederum erfolgte ebenso gemäß den ideologischen Grundsätzen. Anders als der Kapitalismus, wurde im Sozialimus der Kern der Entwicklung zum Beispiel des ökonomischen Wachstums oder der Arbeitsproduktivität im kollektiven Eigentum gesehen. Durch die Abschaffung des Privateigentums waren auch die ausbeuterischen Verhältnisse abgeschafft, was dann die „sozialistische Lebensweise“ ermöglicht, die nicht mehr materiell, sondern von persönlicher Selbstverwirklichung bestimmt ist.

Real wurden sämtliche Produktionsschritte und deren Organisierung von oben geplant und nach unten durchgesetzt. Die Pläne beruhten auf Prognosen über langfristige Entwicklungen, die mittels volkswirtschaftlicher Berechnungen und Modellen über Entwicklungslinien erschlossen wurden. Die langfristigen Pläne wurden dann soweit spezifiziert, dass für die Betriebe genaue Vorgaben über zu erbringende Leistungen aufgestellt wurden. Dies hatte zur Konsequenz, dass auf kurzfristig auftretenden Probleme – wie zum Beispiel den Anstieg des Ölpreises -, die nicht im vornherein vorausgesehen werden können, nicht reagiert werden konnte. Unabhängig von weiteren Planungsfehlern, wie zum Beispiel das Auftreten von Verzögerungen im Transportwesen und der Zulieferung, hatte diese Konzeption auch verheerende Folgen für die Umwelt. Ein weiteres Problem trat auf, als die DDR mit ihren Produkten auf dem Weltmarkt konkurrieren wollte und sich dort gezwungen sah, „auf die Funktionsbedingungen des kapitalistischen Weltmarktes“ (Glaeßner 1989: 69) einzustellen. Letztendlich musste sich die DDR stark verschulden und wurde zum Beispiel von den Krisen in den siebziger Jahren weitaus stärker getroffen, als die BRD (Weber 1991).

Anders als in kapitalistischen Systemen, ging in der DDR die Wirtschaftspolitik mit der Sozialpolitik einher, d.h. beides wurde miteinander verbunden. Darunter vielen zum Beispiel das Wohnungsbauprogramm oder die hohen Leistungen der Sozialversicherungen. Damit sollten soziale Probleme, die aus der Wirtschaftsplanung entstanden, aufgefangen werden, beziehungsweise verhindert werden, dass diese überhaupt entstehen[13].

Letztendlich trugen die wirtschaftlichen Mängel - gepaart mit der Weigerung der Führungsspitze der DDR, sich den Reformierungen der Sowjetunion anzuschließen (Bischof 1989) - in erheblichem Ausmaß zu den Protesten der Bevölkerung 1989 und letztendlich auch zur Auflösung der DDR bei (vgl. Hobsbawm 2005).

Für die DDR markieren die Ereignisse im Herbst 1989, die im Fall der Mauer gipfelten, den Zeitpunkt, ab dem die DDR als eigener Staat und System nicht mehr zu halten war[14]. Im Mai 1989 regten sich die ersten Proteste gegen die Ergebnisse der Wahl, die zwar in den Jahrzehnten zuvor auch immer schon bereits im Vornherein feststanden (vgl. Glaeßner 1989), zu diesem Zeitpunkt aber als Fälschung wahrgenommen wurden. Die bürgerrechtlichen Gruppen der DDR, die für Frieden und dem Umweltschutz eintraten, formulierten konkrete Forderungen an die politische Führung, die sich in erster Linie auf eine Demokratisierung des Wahlrechts und den Abbau des repressiven Staatsapparates bezogen, also eine Ausweitung der bürgerlichen Rechte betrafen. Die Proteste der oppositionellen Bürgerrechtsgruppen wurden auch von den christlichen Kirchen der DDR unterstützt. Gleichzeitig wurden – als Reaktion auf die Öffnungs-Tendenzen der Sowjetunion unter Gorbatschow – die Grenzen zum Beispiel von Ungarn nach Österreich geöffnet, was eine große Flüchtlingswelle von DDR-Bürger/-innen ins Ausland auslöste. Dies wiederum verschlimmerte die Versorgungslage in der DDR – einem weiteren Anlass für die Proteste -, da die entsprechenden Fachkräfte zum Beispiel für Krankenhäuser fehlten. Die Situation entwickelte eine Eigendynamik, die zu immer mehr Protesten auf der Straße und einen verstärkten Zulauf zu den oppositionellen Gruppen bewirkte.

Nachdem die Führungskräfte der SED zunächst nicht auf die wachsenden Proteste reagierten, wie an den Feiern zum 40. Jahrestag der DDR ersichtlich ist, versuchte sie dann am 18. Oktober durch die Absetzung von Honecker die Proteste abzufangen. Das System insgesamt wurde dennoch von führenden Kräften verteidigt und gerechtfertigt, die Forderungen von unten wurden nicht aufgenommen. Als schließlich die Proteste das Ausmaß von Massendemonstrationen in der gesamten DDR erreicht hatte – am 4. November fand die größte Massendemonstration mit Kundgebungen von führenden Künstler/-innen statt -, war die staatliche Reaktion darauf gewaltsame Repression durch Sicherheitskräfte bei den Massendemonstrationen. Dies wiederum war ein weiterer Anlass für die DDR-Bürger/-innen, die Proteste zu verstärken und die Forderungen, die sich zunächst lediglich auf Reformen bezogen, immer mehr gegen die Führungsspitze der SED zu richten. Weber (1991) betont, im November 1989 hätten sich die Ereignisse überstürzt und wären kaum noch zu halten gewesen. Letztendlich wechselte auch die SED-Basis, also Partei-Mitglieder zum Beispiel in Betrieben, das Lager. Dies registrierte auch die Partei-Führung und versuchte, die Lage durch weitere Veränderungen in der Parteistruktur und -besetzung am 8. November 1989 zu entschärfen. Nach Weber (1991) stellte die Öffnung des Grenzübergangs nach West-Berlin in der Nacht vom 9. auf den 10. November aber eine endgültige Zäsur für den Bestand der DDR dar: die Massenproteste konnten auch mit einer tiefgreifenden Veränderung des politischen Systems der DDR im Dezember 1989 nicht mehr abgefangen werden.

1.2. Das System der BRD

Kann der Aufbau und die Funktionsweise der DDR als „Ableger“ des sowjetischen Sozialismus gesehen werden, erfolgte der (Wieder-)Aufbau der BRD in starker Verbindung zu den USA und unter dem Primat der Westintegration (vgl. Niethammer 1999). Es wurde ein rhetorischer Strich unter die Vergangenheit des Nationalsozialismus gezogen[15], der Fokus war auf „entsagungsvolle[r] Arbeit“, die Bevölkerung enthielt sich größtenteils der Politik (Stapelfeldt 2005). Auch für die Jahrzehnte nach dem Aufbau des Systems galten Leistung, Erfolg und Konsum als soziale Normorientierung (Niethammer 199)[16].

Die USA als die dominierende Besatzungsmacht entschied sich für eine Restauration des Kapitalismus, wobei der wirtschaftliche Aufbau zum Teil an die bereits vorhandenen Bedingungen (Produktionsmittel, die auf hohem technischen Niveau waren und qualifizierten Arbeitskräften) anknüpfte, zum Großteil aber auf die wirtschaftliche Unterstützung durch den Marshall-Plan zurückzuführen ist (Stapelfeldt 2005).

Dem Sozialismus entgegengesetzt, wird in der Wirtschaftsordnung der BRD – die offizielle als „soziale Marktwirtschaft“ bezeichnet wird – das Privateigentum als Angelpunkt für die Entstehung von gesellschaftlichem Wohlstand gesehen und ist als solches rechtlich abgesichert (Pilz & Ortwein 2008). Dieses ist die Voraussetzung für den freien Wettbewerb, in dem die Unternehmen auf dem Markt konkurrieren sollen. Nach der Ideologie[17] des Wirtschaftsliberalismus ist die „freie“ Konkurrenz von einzelnen Unternehmen der Motor des Marktes, durch den Wachstum – was oft mit Wohlstand für die Bevölkerung gleichgesetzt wird – garantiert wird (vgl. Sontheimer & Bleek 2000). Freiheit ist hier in erster Linie als das Frei-Sein der Wirtschaft von staatlichen Interventionen zu verstehen. Insbesondere seit den achtziger Jahren hat sich der Neoliberalismus als ideologische Fundierung der Wirtschaftspolitik etabliert. Danach soll sich der Staat aus wirtschaftlichen Belangen zurück ziehen, der Markt allein, beziehungsweise das „freie Wirken der Marktkräfte“ (Butterwege 2006: 76) soll die Lösung für abgeschwächtes Wachstum und hohe, strukturelle Arbeitslosigkeit bringen. Die Rolle des Staates ist auf die Förderung der Wirtschaft reduziert: „Nach (neo)liberaler Lesart besteht die Aufgabe des Wohlfahrtsstaates darin, die Wirtschaft eines Landes funktions- und konkurrenzfähig zu halten“ (Butterwege 2006: 77). Durch den Markt produzierte Ungleichheiten sollen damit auch nicht mehr durch den Staat ausgeglichen werden, soziale Risiken sollen privat zu tragen sein. Die Regularien des Staates verhindern nach dieser Theorie - die zum Regierungsprogramm geworden ist – den freien Wettbewerb, der allein in der Lage sei, Krisen zu bewältigen (Stapelfeldt 2005).

Real hat die politische Befolgung dieser Ideologie Privatisierungen von staatlichem Eigentum, Abbau sozialer Leistungen und die Lockerung von rechtlichen Sicherungen der Arbeitnehmer/-innen zur Folge (vgl. Butterwege 2006).

Dabei stehen Gewinnmaximierung und Expansion der Unternehmen im Vordergrund, die (staatlich abgesicherte) soziale Seite, tritt immer mehr in den Hintergrund. Nach Sonntheimer & Bleek (2000) spielen in der Wirtschaftspolitik der BRD allgemein wirtschaftliche Interessen zum Beispiel von Großunternehmen und Großbanken eine große Rolle. Auch hier ist Politik und Wirtschaft nicht getrennt, allerdings in einem anderen Verhältnis als im Sozialismus: Die wirtschaftlichen Interessen bestimmen die politischen Entscheidungen mit, nicht die Politik bestimmt die Wirtschaft.

Nicht nur im sozialen Bereich, sondern auch für die Umwelt haben Rationalisierungen – in diesem Fall bei der Energieversorgung– negative Folgen. Als Beispiel seien hier die Atomkraftwerke genannt, die von der Bevölkerung als konstante Bedrohung für die menschliche und natürliche Umwelt wahrgenommen werden (Stapelfeldt 2005).

Nichtsdestotrotz war/ist die BRD eines der reichsten Länder der Welt. Nach Geißler (2006) ist das westdeutsche Wohlstandsniveau[18] in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die achtziger Jahre nicht nur kontinuierlich angestiegen, sondern auch international in der obersten Spitze zu finden. In der DDR war zwar ebenfalls eine Steigerung des allgemeinen Wohlstands zu verzeichnen, er erreichte aber nicht das Niveau der BRD.

Auch im politischen System sind deutliche Unterschiede zu dem der DDR zu verzeichnen. Herauszustellen ist dabei in erster Linie die Bindung sämtlicher Instanzen an das Recht[19], das heißt das Recht steht über allen anderen Organisationen. Die staatliche Gewalt ist an das Recht gebunden und das Individuum bekommt persönliche Rechte zugesichert, die es vor staatlichen Übergriffen schützen sollen. Die Bindung an das Recht besteht sowohl für die Regierenden als auch die Regierten, wobei die Rechtssprechung selbst zu Unparteilichkeit und Unabhängigkeit verpflichtet ist. Insbesondere Freiheitsrechte wie zum Beispiel die Unverletzlichkeit der Wohnung oder die Gewissens- und Religionsfreiheit werden betont (vgl. Pilz & Ortwein 2008). Anders als in der DDR steht auch die Gewaltenteilung innerhalb des Staates im Vordergrund, also die Abgrenzung der Kompetenzen in Rechtsprechung, Gesetzgebung und vollziehende Gewalt. Dadurch soll die Möglichkeit zur Konzentration der Staatsgewalt und deren Willkürlichkeit verhindert werden (Pilz & Ortwein 2008).

Die politische Willensbildung vollzieht sich, auch hier anders als in der DDR, nicht innerhalb einer Partei, sondern in dem Parlament, dessen Zusammensetzung von den Bürger/-innen durch die Abgabe ihrer Stimmen bei der Wahl bestimmt wird. Charakteristisch für die westdeutsche Demokratie ist die „übertragene Repräsentationspotenz aller Bürger“ (Pilz & Ortwein 2008: 140) auf das Parlament. Auch in dem westdeutschen System sind die Bürger/-innen nicht direkt an der politischen Willensbildung beteiligt, sondern dies geschieht innerhalb des Parlaments. Das Bestimmungsrecht der Bürger/-innen beschränkt sich auf die Wahl eine der Parteien, an die diese Aufgabe stellvertretend delegiert wird. Wählen können die Bürger zwischen Kandidaten, die von den antretenden Parteien in den Listen aufgestellt wurden. Anders als in der DDR, steht das Ergebnis dieser „Listenwahl“ allerdings nicht im Vornherein fest, sondern ergibt sich dann aus den prozentualen Anteilen der Wählerstimmen[20]. Die Parteien selbst werben mit unterschiedlichen Weltanschauungen, Werthaltungen und - im Idealfall - konkreten inhaltlichen Programmen in „freier“ Konkurrenz um die Wählerstimmen[21]. Die Regierung selbst wird von dem Parlament gewählt, untersteht also ebenfalls nicht dem direkten Einfluss der Bürger/-innen (von Beyme 2004).

Die beiden Systeme unterschieden sich also in allen möglichen Bereichen: Der ideologischen Ausrichtung, der politischen Umsetzung, der Funktionsweise des wirtschaftlichen Systems und dem Verhältnis zur Bevölkerung.

Trotz der andauernden Trennung der „deutschen Nation“ wurde – zumindest von westdeutscher Seite – das Ziel deren Zusammenschließung bis zuletzt festgehalten.

Bezogen auf das Selbstbild der beiden Kollektive, sowie die „Frage“ nach der (einheitlichen) Nation stellen sich hier einige Fragen. Dabei ist von Interesse, inwiefern das Selbstbild der beiden Staaten von den unterschiedlichen Systemen, beziehungsweise von den entsprechenden Ideologien geprägt wurde, die von den Besatzungsmächten übernommen wurden. Ohne diese würden die beiden Staaten nicht bestehen, der Aufbau der Systeme und der Wiederaufbau der Gesellschaften kann nur in Beziehung zu diesen gesehen werden. Insbesondere auf dem Hintergrund des Dritten Reiches stellt sich eine Schwierigkeit in der historischen Kontinuität des deutschen Selbstbildes, da die Unterwerfung Hitler-Deutschlands einen Bruch in der (souveränen) Geschichte der Nation markiert.

Wenn an dem Konzept einer einheitlichen Nation über die beiden Systeme hinweg festgehalten wurde, stellt sich weiterhin die Frage, wie diese Nation konzipiert wird. Trotz der systemischen Unterschiede sollen die Bevölkerungen zueinander gehören, müssen also in der einen oder anderen Form miteinander identisch sein, beziehungsweise so konstruiert werden.

Um diese Fragen beantworten zu können, bedarf es zunächst der theoretischen Fundierung von den möglichen Implikationen der „Nation“, der möglichen Ausrichtungen und Bezüge bei der Konstruktion eines Selbstbildes. Letztendlich soll auch der Nationalismus, durch den die Konstruktion einer (einheitlichen) Nation ideologisch ermöglicht wird, mit einbezogen werden. Der spezielle Fokus in dieser Arbeit ist auf den Printmedien, da durch diese die Kommunikation von Selbstbildern ermöglicht wird. Eine Diskursanalyse als Methode ermöglicht die Identifizierung der sprachlichen Konstruktion dieser inhaltlichen Punkte.

2. Theoretische Möglichkeiten für die Konstruktion einer nationalen Identität

Die Ausbildung einer Identität, also die Entwicklung eines Selbstbildes, mit dem man übereinstimmt (vgl. Hillmann 1994), ist nicht nur auf das einzelne Individuum begrenzt, sondern findet sich auch auf kollektiver Ebene. Die Existenz eines Individuums ist eng mit der einer sozialen Gruppe verbunden (Reiterer 1998), vorausgesetzt, das Individuum fühlt sich zugehörig zu dieser Gruppe (vgl. Zick 2005). Für diese Gruppe wird ebenfalls ein bestimmtes Selbstverständnis entwickelt, mit dem sich alle Mitglieder dieses Kollektivs identifizieren und mit dem es sich nach außen präsentieren kann. Identität hat folglich auf kollektiver Ebene zwei Seiten, die beide die Eckpfeiler ihrer Existenz ausmachen: Zum einen die Darstellung des Selbstbildes nach außen, zum anderen die Notwendigkeit, einzelne Individuen - nach innen - an es zu binden. Beide Punkte sind nicht getrennt voneinander, sie hängen beide von derselben Bedingung ab: Der Qualität und Angemessenheit der Darstellung des kollektiven Selbstbildes, das heißt der strategischen Platzierung bestimmter Inhalte und Bezüge.

Ein Selbstbild ist den Mitgliedern des Kollektivs nicht äußerlich wie ein Gegenstand, auf den sich lediglich bezogen wird, sondern wird „selbst entworfen“ (Hettlage 1997: 10), wobei es auf ein weites Repertoire an möglichen Materialien für diesen Entwurf zurückgreifen kann. In dieser Arbeit wird untersucht, welche Inhalte, Strategien und Bezüge in der Konstruktion des deutschen kollektiven Selbstbildes verfolgt werden, wobei beide deutsche Seiten berücksichtigt werden. Die Konstruktion eines Selbstbildes kann sich immer auf die eine oder andere Art verändert: „National identity is never fixed but always in the process of changing and evolving (Kuzio 2001: 344) . Das Selbstbild eines Kollektivs wird ständig „aktualisiert“ (vgl. Hettlage 1997), da dessen Existenz von einem beständigen Austausch von Informationen zwischen den Gruppenmitgliedern abhängig ist (Schweigler 1973). Dabei können sich auch „reale“[22] Verhältnisse und Erfordernisse in diesen Aktualisierungen spiegeln.

Doch zunächst soll auf theoretische Möglichkeiten, die sich für das Konzept einer nationalen Identität ergeben, eingegangen werden. Auch die Möglichkeiten, die sich insbesondere für den sprachlichen Entwurf derselben ergeben und die Rolle der Massenmedien als Form von Kommunikation, werden aufgeführt.

2.1. Nation – Inhalte, Verbindungen und Ausrichtungen im Aufbau eines Selbstbildes

Für diesen „Entwurf“ können also unterschiedliche Elemente herangezogen werden, wobei sich bei der Inanspruchnahme einer „Nation“ als Inhalt einer kollektiven Identität ein spezieller Punkt ergibt, der sie von der einer „Ethnie“[23] unterscheidet: Eine Nation hat einen starken politischen Einschlag, sie bezieht sich auf einen Staat[24].

Wie die meisten ernsthaften Forscher betrachte ich die „Nation“ nicht als eine ursprüngliche oder unveränderliche soziale Einheit. Sie gehört ausschließlich einer bestimmten und historisch jungen Epoche an. Sie ist eine gesellschaftliche Einheit nur insofern, als sie sich eine bestimmte Form des modernen Territorialstaates bezieht, auf den „Nationalstaat“, uns es ist sinnlos, von Nation und Nationalität zu sprechen, wenn diese Beziehung nicht mitgemeint ist.

[Hobsbawm 2005: 20-1]

Dabei wird davon ausgegangen, dass ein Staat hinsichtlich seiner nationalen Prägung neutral ist, was auch an der Koexistenz vieler Nationalstaaten zum Beispiel in Europa ersichtlich ist. Jedes Land wird zwar durch ein staatliches Territorium begrenzt, es wird aber für jedes einzelne Land eine andere inhaltliche Definition einer Nation herangezogen, um diese voneinander abzugrenzen. Die Ordnung der „modernen (politischen) Welt“ verläuft entlang der Grenzen der Nationen (Francis 1965), wobei diese Ordnung meist durch den Staat verkörpert und gewährleistet wird:

Der Staat ist die Spezialisierung und Konzentration zur Aufrechterhaltung der Ordnung. Der „Staat“ ist jene Institution oder Ansammlung von Institutionen, die sich spezifisch mit der Durchsetzung der Ordnung befassen (womit sonst sie sich noch befassen mögen). Der Staat existiert, wo sich spezialisierte Agenturen zur Aufrechterhaltung der Ordnung (wie Polizeikräfte und Gerichte) vom Rest des gesellschaftlichen Lebens abgespalten haben. Sie sind der Staat.

[Gellner 1995: 12]

Die Einteilung der Bevölkerungen in Nationen, unabhängig von konkreten Staaten, bietet dabei einen sozialen Orientierungspunkt für den übernationalen Austausch, gleich welcher Art, zwischen den Bevölkerungen. Sie schafft eine Art von Erwartungssicherheit, da durch die Definition der Nationalität im Voraus unverrückbar festgelegt ist, mit wem man es zu tun hat (Leggewie 1994). Dabei klingt bereits an, dass die Nation in erster Linie für das Bewusstsein als Kategorie für Denkoperationen (vgl. Bauman 1996), die zu bestimmtem Handeln führen, von Bedeutung ist. Der Staat übernimmt die Verwaltung der räumlichen „Einheit“ Nation, wobei die Nation selbst nicht ursprünglich in dem Staatsprinzip enthalten ist, sondern nur an ihn angeschlossen wird. Durch das Konzept der Nation wird die soziale Welt im Bewusstsein von Personen auf handhabe Einheiten reduziert, der Staat setzt diese konkret durch. Die Nation erscheint als eine natürliche Begebenheit, weil die Aufteilung in Nationen eine Form von „Weltordnung“ darstellt, die unverrückbar ist und dieser Eindruck wird aktiv aufrechterhalten, weil er diese Sicherheit bietet. Diese Sicherheiten werden nicht erschüttert, wenn sich nicht in den realen Verhältnissen zwischen und innerhalb der Nationen Veränderungen ergeben, die diese entweder in Frage stellen oder zu Um-Definitionen führen. In der vorliegenden Arbeit wird davon ausgegangen, dass die Vorgänge in der DDR, die Maueröffnung in Verbindung mit der „deutschen Frage“ und der Systemkonkurrenz der beiden Machtblöcke, solch eine „Erschütterung“ darstellen, die bestimmte Elemente und Ausrichtungen der Konstruktionsmechanismen nationaler Identität, beziehungsweise Inhalte von Nationalismus[25] zu Tage fördern können. In der Analyse der ausgewählten Texte wird auch die Kombination der drei situativen Elemente, die damit den Kontext der nationalen Identität bilden, berücksichtigt, da sich dadurch inhaltliche Spezifizierungen der Identität ergeben können.

Bezieht man das Verhältnis von Staat und Nation speziell auf die „deutsche Frage“, so ergibt sich diese erst durch das Verhältnis von Nation und Staat. Würde sich nicht, nach Vorgabe des Nationalismus (vgl. Gellner 1995), das Gebot ergeben, dass eine Nation mit einem Staat zusammenfallen muss, würde sich die „deutsche Frage“ grundsätzlich nicht stellen. Das „Staatsvolk“ (Eisler 1984: 408) muss nicht eine Nation ergeben, beziehungsweise können auf dem Territorium eines Staates mehrere, sich als eigen betrachtende Kollektive leben. Bedeutsam wird das Zusammenfallen von einer Nation mit einem Staat, der diese auf einem Territorium umfasst, für den Nationalismus, also „das Ideensystem, die Doktrin, das Weltbild, das der Schaffung, Mobilisierung und Integration eines größeren Solidarverbandes (Nation genannt), vor allem aber der Legitimation neuzeitlicher politischer Herrschaft dient“ (Wehler 2007: 13). Die beiden „deutschen“[26] Bevölkerungsteile haben vierzig Jahre nebeneinander koexistiert, ohne dass das zu tatsächlichen, grundlegend existentiellen Bedrohungen für einen der beiden Bevölkerungsteile insgesamt geführt hat. Das heißt, die als „Spaltung“ empfundene „Trennung“ in zwei Staaten selbst war keine Bedrohung für das Kollektiv an sich. Dieses Problem stellt sich erst, bezieht man das „nationale Empfinden“ mit ein, das durch die Trennung verletzt wird, beziehungsweise der von Wehler angeführte Punkt der Legitimierung von Herrschaft. Nach Gellner (1995) ist einer der Grundsätze des Nationalismus, dass die staatlichen Grenzen mit denen der Nation zusammenfallen müssen. Ein Ziel des Nationalismus ist dabei, die als zusammengehörig betrachteten Bevölkerungsteile als eine Nation in einem Staat zusammenzuführen. Gleichzeitig bietet das Argument der Zusammenführung der Nation die Rechtfertigung für die „Neudefinition“ des Hoheitsgebietes eines Staates.

Daraus ergeben sich für die Analyse wiederum folgende Punkte: Zum einen wird der gleichzeitige Bezug auf eine Nation, die sich über das Gebiet eines der beiden Staaten hinaus erstreckt und auf einen Staat als Nationalismus gesehen. Auch die Charakterisierung eines Staates wird berücksichtigt, beziehungsweise, der Definition Gellners in dem obigen Zitat folgend, der Instanzen, die ihn ausmachen, wie die Polizei oder die Justiz. Es wird davon ausgegangen, dass die Forderung nach einem Staat einen der beiden Staaten grundsätzlich ausschließt, wobei allerdings bestimmte Strategien verfolgt werden müssen, um einen der beiden Staaten von der Bühne zu drängen. Diese würden sich in den Charakterisierungen staatlicher Organe[27] zeigen, die damit in der Analyse berücksichtigt werden.

Das Argument der einheitlichen Nation, die von einem Staat verkörpert werden muss, ist allerdings keine willkürliche Zusammenfügung, sondern kann aus bestimmten, in dem Konzept der Nation enthaltenen Ideen, gefolgert werden. Estel (1997) beschreibt den Zusammenhang anhand des Punktes der Eigenständigkeit einer Nation:

Das oberste Ziel des modernen nationalen Wollens ist die Formung der als Nation beanspruchten Bevölkerung zu einer tatsächlich vorhandenen, eigenständigen Einheit, die im Kreis der anderen, der Bezugsnationen, einen gewichtigen, d.h. den ihr „eigentlichen“ zukommenden Platz einnimmt.

[Estel 1997: 78]

Der Zusammenschluss der Nation in eine „tatsächliche“ Einheit, also unter einem Staat (auch hier wieder der oben aufgeführten Ansicht Hobsbawms folgend, dann ohne einen Staat eine tatsächliche Einheit nicht erreicht werden kann) ist nach dieser Auffassung gleichgesetzt mit der „Gleichrangig-Werdung“ der Nation neben allen anderen Nationen. Aus diesem Gedanken kann gefolgert werden, dass die Nation erst als Einheit zu ihrer vollen Entfaltung kommen kann, die Teilung der Nation gleicht einer Zerstreuung der „nationalen Kraft“, die sie unter alle anderen Nationen stellt. Gleichzeitig kann aus diesem Punkt entnommen werden, dass jeder Nation ein bestimmter Platz vorbestimmt ist, der eingenommen werden kann, beziehungsweise soll. Hier ist der, dem Nationalismus sehr eigene Missions-Anspruch erkennbar (vgl. Wehler 2007), der, bezogen auf konkretes politisches Handeln, die grundsätzliche Legitimation für die Veränderung von Staatsgrenzen bietet. Der oben bereits angesprochene Punkt der Legitimierung für politische Herrschaft, beziehungsweise deren Erweiterung, gründet auf dem „missionarischen“ Auftrag, die Nation zusammenzuführen. Nach Wehler (2001) ist der Nationalismus in seinem Ideenfundus allgemein dem einer Religion sehr ähnlich. Dieser Interpretation folgend, kann die Einheit der Nation als „Mission“ betrachtet werden, die sich allerdings nicht wie zum Beispiel im Christentum auf ein fernes Diesseits bezieht, sondern weltliche Ziele hat. Fordert der Zusammenschluss der Nation von den einzelnen Mitgliedern dieser Nation in irgendeiner Form ein „Opfer“ (hier bietet sich der Vergleich mit dem zu leistenden „Solidarbeitrag“ für steuerpflichtige Personen in Deutschland an), kann dies durch den Verweis auf eine „Utopie des Endzustands“ (Wehler 2007: 33) ideologisch ausgeglichen werden. Die Einheit der Nation ist danach das „säkularisierte Paradies“ (Wehler 2007: 33), für das sich diese Opfer lohnen.

Estel (1997) beschreibt als einen weiteren, an den Punkt der Einheit angeschlossenen Aspekt, das Versprechen des Wohlergehens einer Nation. Mit der Erlangung der politischen Einheit und damit auch deren Souveränität[28], soll für alle Mitglieder der Nation das „gute Leben“ einhergehen. Dieses Wohlergehen ist nicht näher spezifiziert, es kann aber in Verbindung mit der materiellen Lebenslage der Mitglieder der Nation gesehen werden. Anders als in der Monarchie[29] fußt in dem Konzept der Nation die Vorstellung, das „gute Leben“ des Individuums ist von der wirtschaftlichen Leistungsstärke der gesamten Nation abhängig[30]. Zwischen Wirtschaft und Nation wird eine direkte Verbindung hergestellt (vgl. Kohn 1962), wobei der Staat die Aufgabe hat, die Leistungsstärke der Wirtschaft zu garantieren. Gezielte staatliche Förderungen der Wirtschaft, zum Beispiel, werden mit diesem Argument legitimiert.

Befindet sich die Nation erst im Aufbau, kann mit dem Versprechen eines „besseren Lebens“ - unabhängig von konkreten ökonomischen Vorstellungen - die Mobilisierung der Bevölkerung erzielt werden. Langewiesche (2007) bezeichnet diese Verbindung als „säkularisierte Glücksverheißung“, die in der Idee der Nation enthalten ist. Anders als zum Beispiel in der christlichen Religion kann das bessere Leben bereits auf Erden erlangt werden. Dabei kann die Einheit der Nation, beziehungsweise dessen Zusammenführung mit dieser Idee verbunden sein (Estel 1997), nach Ansicht der Autorin ist im Kontext der Systemkonkurrenz auch die Verbindung zur Wirtschaft[31] möglich – oder beides zugleich.

Der in dem obigen Zitat von Estel ebenfalls angesprochene Punkt der „Eigenständigkeit“ einer Nation verweist auf einen weiteren Grundgedanken, der die Nation als Form der Herrschaftslegitimierung von denen der „Vormodernen“, also Monarchischen grundlegend unterscheidet. Danach soll ein Kollektiv wie die Nation nicht beherrscht werden, sondern sich selbst beherrschen, also selbst Gesetze und Regelwerk entwerfen, nach denen die Mitglieder der Nation leben. Serloth (1997) nennt dies die „Selbstbestimmungsidee“ (Serloth 1997: 94), die der Konstitution der „modernen“ Nationalstaaten in Europa vorausging und die bis heute die Existenz eines Nationalstaates ideell begründet. Danach muss die Regierung die Interessen der Nation vertreten, um als legitim angesehen zu werden, beziehungsweise sollen die durch Instanzen wie das Recht, die Verwaltung und auch die Polizei verwirklichte, staatliche Praxis das Produkt des Willens des Volkes sein (vgl. Habermas 1998). Die Regierungspraxis muss sich an den Interessen der von ihr regierten Bevölkerung ausrichten, soll also weder gegen sie gerichtet sein, noch zu einer Verschlechterung des Wohlergehens der Bevölkerung führen. Das Allgemeinwohl soll der Haupt-Orientierungspunkt für politisches Handeln sein (Kohn 1962). Die Bevölkerung als Nation wird nach diesem Ansatz der Ursprung und das Ziel staatlichen Handelns zur gleichen Zeit.

Entsprechend beschreiben Husi & Kressig (1998) den „Geist der politischen Moderne“, die in der Ordnung von Nationen verläuft, als eine Form von Heilsvorstellung (auch hier ist wieder das religiöse Element sichtbar), die Gerechtigkeit und Gleichheit zwischen den Menschen auf Erden verspricht. Da aber mit der Gleichheit keine tatsächliche Uniformität sämtlicher Mitglieder des Kollektivs gemeint sein kann[32], muss diese auf die eine oder andere Weise hergestellt werden. Eine Möglichkeit dazu bietet sich durch die Verankerung gleicher Rechte für alle. Die Garantie des Wahlrechts, zum Beispiel, ist eine Möglichkeit, diese Gleichheit abstrakt herzustellen, also dem Recht jedes Mitglieds der Nation, seine Regierungsvertreter frei wählen zu können (Langewiesche 2008). Dadurch wären zwei elementare Punkte der politischen Implikationen von Nation verwirklicht: Das gleiche Recht für alle und die Möglichkeit für das Kollektiv, sich selbst zu bestimmen.

Eine bestimmte Form von (politischer oder gesellschaftlicher) Ordnung kann damit auch immer wieder aufs neue an diesen ideellen Kriterien gemessen werden, da sie sich nicht mehr durch einen Bezug zu einer göttlichen Instanz rechtfertigen kann[33] (Anderson 1996), sondern ihre Legitimationsquelle zum einen nur in diesen (weltlichen) Werten und deren Verwirklichung in der Staatspraxis liegt. Zum anderen ist dadurch die Möglichkeit gegeben, dass das Volk selbst prüft, ob die Herrschenden, beziehungsweise deren Praxis gegenüber der Bevölkerung legitim sind, da nur das Kollektiv selbst als letzte Instanz der Anerkennung fungieren kann.

Der Anfang dieses Verständnisses ist in den Idealen der Französischen Revolution zu finden (vgl. Özdogan 2007). Danach wurde die Nation als politischer Leitbegriff im Kampf gegen die Fürsten-Herrschaft geführt, die als dem von ihr beherrschten Kollektiv fremd empfunden wurde. Entsprechend wollte sich „die Nation“ von dieser Fremdherrschaft befreien und das nationale Kollektiv selbst als Souverän einsetzen (Francis 1965). Die „Volkssouveränität“, also die Selbstbestimmung des Kollektivs ist damit Ausdruck der Emanzipation einer Bevölkerung, die sich selbst bestimmt und keine Herrschaft, die nicht aus ihr selbst entstanden ist, akzeptiert. Begründet wurde das Recht auf Selbstbestimmung mit dem Naturrecht (Serloth 1997, Kohn 1962), also den philosophischen Ansätzen, die den Menschen selbst in den Mittelpunkt der Weltordnung stellen. Danach ist das Individuum, dessen Freiheit als ein zentraler Wert in der gesellschaftspolitischen Ordnung herausgestellt wird, der Mittelpunkt von Recht und Ordnung. Humanität, also das Wohl des Individuums, die Gewährung seiner „natürlichen“[34] Rechte und Freiheiten, soll der Zweck des gesellschaftlichen Aufbaus sein (Kohn 1962). Die Verbindung zur „Natur“ zeigt sich in der Ansicht, diese würde sich - ohne das Hindernis eines äußeren Zwangs – selbst zu dem Entfalten, was auch für das Individuum selbst und die Allgemeinheit gut ist (Husi & Kressig 1998). Freiheit ist damit auch – negativ formuliert - das Frei-Sein von äußerem Zwang, der diese „natürliche“ Tendenz unterdrückt. Dieses Argument kann sich – wie im Fall der Französischen Revolution - dann konkret gegen die Gruppe richten, die die Herrschaft über das Land inne hat. Diese Argumentation kann also zur De-Legitimierung der herrschenden Machthaber genutzt werden, gemessen an den Kriterien der durch ihre Praxis (nicht) gewährten Freiheitsrechte. Die politische gesellschaftliche Ordnung hat die Freiheitswerte zu garantieren, was in der rechtlichen Gewährung zum Beispiel von Rede- und Meinungsfreiheit innerhalb des Staates verwirklicht sein muss (Husi & Kressig 1998).

Das Ideal der Gleichheit[35] bezieht sich damit auf den rechtlichen Aspekt, d.h. den Mitgliedern eines Kollektivs muss allen gleichermaßen dieselben Rechte gewährt werden. Dieser Aspekt kann auch als das zivile Moment[36] im Konzept der Nation bezeichnet werden, das die liberale Ausrichtungsmöglichkeit des Konzeptes der Nation darstellt (vgl. Kuzio 2001).

Die Ideale der Freiheit und Gleichheit, die mit dem Rückgriff auf die „Natur“ untermauert werden, können in machtpolitischen Auseinandersetzungen auch als mobilisierendes Argument gegen die gegnerische Seite verwendet werden. Es ist die Begründung für die Notwendigkeit der Abschaffung einer bestimmten Form von Herrschaft (wie in der Französischen Revolution die der Fürsten) und zur Etablierung einer neuen politischen Ordnung. Das Argument der Natur wiederum macht diese Kriterien so unangreifbar, wie das bei der monarchischen Herrschaft der Bezug zu Gott war:

Der Bereich der Gesellschaft wird als wandelbar und instabil erfahren und der unveränderbaren Ordnung der Natur entgegengestellt. Diese Ordnung der Natur wird sakralisiert; sie erscheint als notwendig und unhinterfragbar, als ein ursprüngliches Paradies, das durch die Geschichte gestört werden kann, das aber auch den Bezugspunkt für Erlösung und geschichtliches Handeln bietet: Erst wenn die Gesellschaft in sich die natürliche Ordnung verwirklicht, erst wenn die Gemeinschaft auf natürliche Grenzen zurückgeführt werden kann, wird Geschichte und Gesellschaft zur Ruhe kommen.

[Giesen 1999: 19]

Wird also zum Beispiel in der Kritik eines Herrschaftssystems - am Maßstab der Freiheits- und Gleichheitsrechte - sich auf die Natur bezogen, bekommt dies einiges Gewicht, was an sich nicht negativ scheint, bezieht man nicht die „Schattenseite“ des darauf fußenden Nations-Konzepts mit ein: Gleichzeitig mit der progressiven Seite geht auch eine „Rückschrittliche“ einher: Alle Personen oder Gruppen, die diesem Konzept nicht entsprechen oder entsprechen wollen, werden ausgeschlossen bis hin zu ihrer Verfolgung, wie am Beispiel der Jakobiner nach der Französischen Revolution ersichtlich wurde. Deshalb wird die Nation auch oft als „janusköpfig“ bezeichnet – mit der Positiven geht auch eine Schattenseite einher (vgl. Özdogan 2007).

Die Rhetorik von Freiheit und Selbstbestimmung hat damit auch einen exklusiven Charakter, der strategisch eingesetzt werden kann, um politische Ziele zu erreichen. Die eigene Gruppe bekommt durch die Zuschreibung der Vertretung der Rechte und Werte der gesamten Bveölkerung eine höhere Stellung als die Gruppe, die für die alte Ordnung steht: „Inklusion und Exklusion sind flexible Strategien, denn sie sind Ettiketierungsvorgänge der negativen Denomination der Außenwelt und der Wertübersteigerung der Binnenwelt“ (Hettlage 1997: 17).

Das eigene Kollektiv als positiv herauszustellen – zu bewerten - ist dabei wichtig für die Identifikation und damit die Herstellung der Zugehörigkeit der Mitglieder des Kollektivs nach innen. Jedes Kollektiv muss seinen Mitgliedern Aspekte bieten, die diese zu der Identifikation mit dem Kollektiv veranlassen, wobei die Herausstellung des Kollektivs als einzigartig und deshalb auch wertvoll in sich ein Faktor ist, der dazu führen kann[37] (vgl. Van Noije & Hijmans 2005). Estel (1997) führt dies unter dem Begriff der „Dignität“ an, also der Wert des Kollektivs an sich:

Drittens muß das Kollektiv als in sich wertvoll und damit als ein Gebilde erfahren werden, das der eigenen Person einen spezifischen Wert, eine eigene, in der wahren Ordnung der Dinge begründete Dignität verleiht; andernfalls gilt es nur als Zweckvereinigung zur besseren Realisierung der eigenen individuellen Interessen oder als bloß faktischer Zusammenhang, etwa in der Form einer Not- oder Zwangsgemeinschaft, die man verlassen will und wird, sobald es günstige Umstände zulassen.

[Estel 1997: 79]

Das grundsätzlich die Möglichkeit besteht, dass sich ein Kollektiv als Zweck- oder Notgemeinschaft bildet, wird hier nicht ausgeschlossen[38], soll das Kollektiv aber dauerhaft bestehen bleiben oder für einen bestimmten Zweck mobilisiert werden, muss der Wert der Gruppe an sich herausgestellt werden. Auch hier kann die Französische Revolution als Beispiel dienen: Das Kämpfen für Werte der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit verleiht der Nation die „Dignität“, die sie als bessere Alternative zu dem monarchischen System herausstellt und die auch dazu beiträgt, dass sich diese dauerhaft als Herrschaftsform installiert. Die Bevölkerung kann mittels dieser Werte zum An- und Zusammenschluss mobilisiert werden, da sie selbst über den Anschluss an die Gruppe diesen Wert verliehen bekommen.

Dies verweist auf ein grundlegendes Charakteristikum von Kollektiven, bei denen die Mitglieder in keinem persönlichen Kontakt zueinander stehen, meist räumlich sogar weit voneinander getrennt sind. Den Mitgliedern ist das „Wesen“ des Kollektivs, beziehungsweise die Zugehörigkeit zu ihm nicht angeboren, sondern das Bewusstsein von und die Identifikation mit ihm muss erst hergestellt werden. Ein Kollektiv wie das der Nation basiert nicht nur nicht auf persönlichen Beziehungen, sondern sie ist allgemein eine Gruppe, die in erster Linie nur in der Vorstellung ihrer Mitglieder existiert:

In einem solchermaßen anthropologischen Sinne schlage ich folgende Definition von Nation vor: Sie ist eine vorgestellte politische Gemeinschaft – vorgestellt als begrenzt und souverän.

Vorgestellt ist sie deswegen, weil die Mitglieder selbst der kleinsten Nation die meisten anderen niemals kennen, ihnen begegnen oder auch nur von ihnen hören werden, aber im Kopf eines jeden die Vorstellung ihrer Gemeinschaft existiert.

[Anderson 1996: 15]

Diese Vorstellung[39] muss auf die eine oder andere Art erzeugt werden, wobei unterschiedliche Mechanismen diese Imagination einer Gemeinschaft im Bewusstsein herstellen. Ein kulturelles Symbol für das Kollektiv zum Beispiel, kann die Zugehörigkeit zu einer räumlich, zeitlich und persönlich nicht verbundenen Gruppe ins Bewusstsein rufen (vgl. Özdogan 2007), wie das auch Mead ausführt:

Thinking always implies a symbol which will call out the same response in another that it calls out in the thinker. Such a symbol is a universal of discourse; it is universal in its character. We always assume that the symbol we use is one which will call out in the other person the same response, provided it is a part of his mechanism of conduct.

[Mead 2003: 33]

Die von Mead postulierte Universalität[40] von einem Symbol sei hier auf die Grenzen des Kollektivs beschränkt, da jedes Kollektiv sich seine eigenen Symbole schafft (Kohn 1962). Universell ist es in der Hinsicht, dass alle Mitglieder des Kollektivs dieselbe Bedeutung mit dem Symbol[41] verbinden, beziehungsweise wird durch das Symbol in allen Mitgliedern auf dieselbe Weise ein entsprechendes Zugehörigkeitsgefühl aktiviert. Nationale Identität, beziehungsweise die Identifikation mit einer Nation basiert auf einer emotionale Komponente: „national identity carries a strong emotional dimension“ (Van Noije & Hijmans 2005: 25). Damit den Mitgliedern einer Nation ins Bewusstsein gerufen werden kann, dass sie tatsächlich Teil eines Kollektivs sind, muss diese emotionale Komponente aktiviert werden. Weiter oben wurde schon das „nationalistische Gefühl“ angesprochen, durch das erst die Notwenigkeit eines Zusammenschlusses einer Nation unter einem Staat entsteht. Aber auch bei einer bereits „etablierten“ Nation spielt die emotionale Komponente eine große Rolle: Solidarität mit Personen, die nicht persönlich bekannt sind, wie das bei Kollektiven dieser Größenordnung der Fall ist, ist ein Teil dieser emotionalen Komponente (van Noije & Hijmans 2005). Gefühle werden deshalb auch an die speziellen Symbole der Nation gebunden (vgl. Özdogan 2007), die wiederum bei Bedarf Zugehörigkeits- und Solidaritätsgefühle bei den Mitgliedern aktivieren.

Ein Beispiel für materielle Symbole sind Flaggen, die für jede Nation einzeln, dabei aber für alle Mitglieder einer speziellen Nation ein solches Zugehörigkeitsgefühl erzeugen. Für diese Analyse sind allerdings nur sprachliche Symbole von Bedeutung, die weiter unten in einem gesonderten Punkt ausgeführt werden. Hier sei betont, dass die Verwendung von bestimmten, für das Kollektiv mit Bedeutung aufgeladenen Symbolen ein solcher Zustand des Bewusstseins erzeugt werden kann.

Hier wird deutlich, dass sich die Nation auch aus denselben Elementen wie die Ethnie speisen kann. Solidaritätsgefühle, zum Beispiel weisen als ethnisch definierte Gemeinschaften auf (vgl. Reiterer 1998). Auch Nationen können in erster Linie auf kulturellen Elementen basieren, wobei bei der Inanspruchnahme einer Nation diese gegenüber der Ethnie nur noch um den politischen Aspekt ergänzt ist. Der Rückgriff auf kulturelle Elemente ist ein effektives Mittel, um die Zusammengehörigkeit plausibel zu machen, zum Beispiel durch das Aufzeigen gemeinsam geteilter Traditionen oder kultureller Lebensformen. Leggewie (1994) stellt zu diesem Punkt heraus, dass sich eine Ethnie fließend in eine Nation transformieren, beziehungsweise transformiert werden kann, die Herstellung einer Nation ist allerdings schwer ohne die Elemente vorzustellen, die auch eine Ethnie kennzeichnen. Solidarität zum Beispiel und ein grundlegendes Zusammengehörigkeitsgefühl sind die Basis für die Identifikation mit einem Nation-Konzept und auch für die Mobilisierung der Bevölkerung für nationale Zwecke oder Opfer, die von einzelnen Personen für die Nation verlangt werden (Estle 1997). Die aus der gemeinsam geteilten Kultur geschöpfte Solidarität ist auch nach Habermas (1998) die Quelle der Bereitschaft für die Inkaufnahme persönlicher Nachteile zum Wohle des Kollektivs. Werte und Normen (vgl. Hettlage 1997) als kulturelle Orientierung stellen einen weiteren Bestandteil des Selbstbildes von Kollektiven dar, verleihen dem Kollektiv den oben ausgeführten Wert und binden die Mitglieder aneinander. Soll eine einheitliche Nation politisch erst gebildet werden, kann durch den Rückgriff auf kulturelle Elemente auf eine „tieferliegende, unsichtbare Ordnung“ (Giesen 1993: 69) verwiesen werden, die nur noch nicht verwirklicht ist.

Bezieht man hier den deutsch-deutschen Kontext mit ein, ergibt sich durch diesen Aspekt eine Möglichkeit, die Trennung in zwei unterschiedliche Systeme durch Appell an diese „unsichtbare“ Ordnung zu umgehen: Diese kann prinzipielle von den unterschiedlichen Systemausprägungen unberührt geblieben sein, beziehungsweise hat immer schon latent hinter diesen existiert. Da Werte, Normen, Zugehörigkeitsgefühle etc. in erster Linie durch das Bewusstsein vermittelt sind, bietet diese Argumentation dies an:

Und wie die bürokratische Staatsanstalt hat auch die kapitalistische Wirtschaft einen systemischen Eigensinn entwickelt. Die Güter-, Kapital- und Arbeitsmärkte gehorchen einer eigenen, von den Absichten der Subjekte unabhängigen Logik. Neben der administrativen Macht, wie sie in den staatlichen Bürokratien verkörpert ist, ist das Geld zu einem anonymen, über die Köpfe der Beteiligten hinweg wirksamen Medium der gesellschaftlichen Integration geworden. Diese Systemintegration tritt in Konkurrenz zu der über Werte, Normen und Verständigung laufenden, also durch das Bewusstsein der Aktoren vermittelte Sozialintegration.

[Habermas 1991: 17]

Durch den Rückgriff auf kulturelle Elemente können physische Staatsgrenzen oder Grenzen zwischen systemischen Ausprägungen umgangen werden; sie sind in dieser Hinsicht also geeignet, auf Grenzen des Kollektivs zu verweisen, die nicht mit den offiziellen Grenzen zusammenfallen. Es wird mit dieser Argumentation dem Bestehenden etwas entgegengesetzt, das den Anschein hat, als würde es der „Natur der Dinge“ mehr entsprechen als die Verhältnisse, wie sie im Moment gelagert sind.

Entsprechend ist dieses Element auch im Nationalismus zu finden. Dort ist es die Nation selbst, die ein Bestandteil der „natürlichen Ordnung“ ist. Oben wurde bereits ausgeführt, dass die Natur die „moderne“ Form der Festschreibung von Legitimierungen ist und auch hier wird diese Darstellung genutzt, um diese Ordnungsvorstellung zu untermauern, beziehungsweise um seine Alternativlosigkeit zu betonen.

Der Nationalismus sieht sich selbst als eine natürliche und universelle Ordnung des politischen Lebens der Menschheit, die nur durch einen langen, anhaltenden und geheimnisvollen Schlaf verschleiert wird.

[Gellner 1995: 76]

Durch diese Auffassung wird es möglich, dass Nationen auch ohne ihre politische Verwirklichung durch einen Nationalstaat vorhanden sind. Die Einforderung ihrer Verwirklichung ist dann, laut dieser Ideologie, das Resultat entweder eines „zu sich Kommens“ oder sie werden „erweckt“.

Als Argument dafür können dann zum Beispiel Lebensformen angeführt werden, die die betreffenden Personen bereits teilen, was wiederum die Notwendigkeit eines Zusammenschlusses als Verwirklichung dieser „natürlichen Ordnung“, plausibel macht. Die physische Grenze kann durch das Aufzeigen geteilter Lebensformen de-legitimiert werden. Diese wiederum würden sich in den Handlungen und Verhaltensweisen zeigen, die sich nach denselben Werten und Normen richten, die auch das eigene Kollektiv definieren. Deshalb kann auch von einer „sozialen Grenze“ in dieser Verbindung gesprochen werden, die das aufzeigt, was „natürlich“ zusammengehört.

Nach Brock (2008) sind soziale Grenzen „verhaltensrelevante[] innergesellschaftliche[] Unterscheidungen [, die] Identität stiften“ (Brock 2008: 21). Ein Beispiel für eine solche, durch das Bewusstsein vermittelte Grenze wäre Religiosität, die sich zunächst nur im Bewusstsein durch den Glauben äußert, allerdings auch am Verhalten ersichtlich wird. Richtet sich zum Beispiel eine solche Einzelperson oder auch Gruppe nach den Ge- und Verboten ihrer Religion, geht regelmäßig religiösen Rituale nach, etc. kann auf die entsprechenden Werthaltungen rückgeschlossen werden (vgl. Brock 2008).

Durch die Darstellung der Lebensweise oder kulturellen Orientierung einer Bevölkerungsgruppe oder von Einzelpersonen kann aufgezeigt werden, dass diese dem eigenen Kollektiv zugehörig sind. Diese folgen damit den Normen und Werthaltungen des eigenen Kollektivs.

Die Werte und Normen des eigenen Kollektivs wiederum können aus den Maßstäben[42] erschlossen werden, die an reale Gegebenheiten angelegt werden:

Kulturelle Werte und teilsystemische Codes[43] haben in dem Sinne evaluativen Charakter, dass sie Maßstäbe des jeweils Erstrebenswerten formulieren – wobei erstrebenswert eben nicht bedeutet, dass ein Akteur etwas, gegebenenfalls auch gegen seinen eigenen Willen, tun soll, sondern ihm eine Richtung seines Wollens gewiesen wird. Daneben existieren kognitive Deutungsstrukturen, in denen sich etablierte Sichtweisen dessen, was der Fall ist, niederschlagen.

[Schimank 2002: 177]

Sind die kulturellen Werthaltungen sozial verbindlich, formulieren sie einen „Soll-Wert“ für die gesellschaftlichen Bereiche, an denen sich in den Vorgängen orientiert werden soll. Sie schränken die Handlungsmöglichkeiten ein und stimmen die Handlungen der Mitglieder des Kollektivs aufeinander ab. Sie ermöglichen damit das Eingehen von sozialen Beziehungen zwischen den Mitgliedern des Kollektivs und erleichtern den Aufbau von sozialen Beziehungen zwischen Unbekannten (Reiterer 1998).

Dass eine Nation theoretisch allerdings nicht immer ihren Kern in kulturellen Elementen finden muss, ist an einem weiteren, rein politischen Verständnis derselben ersichtlich: Das als voluntär bezeichnete Verständnis von Nation, stellt diese als reine „Willensgemeinschaft“ dar; sie basiert danach auf dem Willen von Personen, eine Nation zu sein (Gellner 1995). Dabei würden tatsächlich alle anderen, noch weiter unten näher ausgeführten, möglichen Merkmale wie Abstammung oder gepflegte Sprache keine Rolle spielen. Diese Möglichkeit hat also universalistischen Charakter (Serloth 1997) ohne explizite, ausschließende Kriterien: Jede/-r, der/die einer Nation zugehörig sein möchte, könnte das auch, insofern er/sie den Willen dazu äußert.

Nach Ansicht der Autorin ist der bloße Wille allerdings nicht das übliche Material, aus dem sich eine Nation zusammensetzt, da die genaue Definition der Merkmale, die eine Person als zugehörig markieren, essentieller Bestandteil einer Wir-Gruppe-Definition wie der Nation ist. Über die „Wir-Gruppe“ wird auch festgelegt, wie die Ressourcen innerhalb der Gruppe verteilt werden (Leggewie 1994). Kann jede beliebige Person der „Wir-Gruppe“ beitreten, hat prinzipiell auch jede Person Zugang zu den Ressourcen, beziehungsweise müssten die Ressourcen immer neu verteilt werden[44]. Die Bildung von sichtbaren Grenzen wird damit auch zu einer Begrenzung des Zugangs zu Ressourcen.

Mit der Anführung kultureller Faktoren, gleich welcher Art, ist auch, im Gegensatz zu der bloßen Zustimmung zu der Gruppenbildung, ein größeres Identifikationspotential für die Mitglieder des Kollektivs gegeben. Für den Fall der Ausweitung der Grenze des Kollektivs muss dies auch von der Bevölkerung, die bereits als Gruppe definiert ist, akzeptiert werden. Teilen die „neuen“ Mitglieder bereits die kulturellen Werte, richten sich nach denselben Lebensformen (s.o. bei der sozialen Grenze), kann davon ausgegangen werden, dass die Ausweitung des eigenen Kollektivs auf neue Mitglieder mit der damit verbundenen Neuverteilung der innergrupplichen Ressourcen auf Akzeptanz stößt.

In der vorliegenden Arbeit werden Ressourcen, also deren Erschließung, Erhalt oder Vermehrung als möglicher Kernpunkt der Bildung, Veränderung oder Stärkung einer Wir-Gruppe gesehen. Trotz der oben aufgeführten, ideellen Werte, die in dem politischen Aspekt der Nation enthalten sind, kann nach Auffassung der Autorin der Anlass für die Inanspruchnahme nationaler Elemente auch in rein materielleren Gründen zu finden sein, die durch die Anführung ideeller Werte überhöht oder verdeckt werden. Auch Elwert (1989) führt an, dass Verteilungskämpfe die Ursache für die Bildung „klassenübergreifender Organisationen“ (Elwert 1989: 40) wie die einer Nation sein können: „Dort, wo neue Revenuequellen entstehen, bilden sich sozio-ökonomische Gruppen, die die Aneignung dieser Revenuen und Ressourcen erstreben“ (Elwert 1989: 41). Das, wie oben bereits ausgeführt, Versprechen der Gleichheit der so beanspruchten Mitglieder der Nation und ein daran angeschlossener Appell an Solidarität, ist dabei besonders geeignet, um Rückhalt bei den Massen für die Erschließung der Ressourcen zu gewinnen. Der Hintergrund dieses Appells wären dann konkrete Interessen (zum Beispiel von Eliten), die durch die Unterstützung der Bevölkerung, auch wenn diese selbst dann an den Ressourcen nicht teilhaben, verwirklicht werden können.

Um wieder das Beispiel der deutschen Wiedervereinigung anzuführen, würde dies aus dieser Perspektive bedeuten, dass die offizielle Betonung der Zusammenschließung einer ursprünglich zusammengehörigen Nation bei der Bevölkerung die Akzeptanz des politischen Vorgehens erzeugen kann, auch wenn dies in erster Linie dem Nutzen von Eliten dient. Die prinzipielle Zustimmung der Regierten stellt, nach dem Grundsatz des Volkswillens, der die Politik leiten muss, eine Notwendigkeit dar. Durch die (offizielle) Argumentation mit der „ursprünglich zusammengehörigen“ Nation, kann die Zustimmung erzeugt werden.

Weitere Elemente, die an der Konstruktion einer Nation beteiligt sind, die ebenfalls ein stabiler Fundament bilden, als die spontane Willensäußerung, sind Mythen und Geschichtsschreibung. Insbesondere an der Herausstellung der Nation als etwas Einzigartiges und schon immer Dagewesenes, sind diese Beiden Instrumente beteiligt.

2.2. Geschichte und Mythen als Basis der Nation

Um dem Kollektiv also einen besonderen Stellenwert zu verleihen, der die Basis für die Identifikation mit und Verteidigung des Kollektivs ist, können verschiedene Elemente herangezogen werden, die die Einzigartigkeit herausstellen.

Eines dieser Elemente stellt der Rückgriff auf geschichtliche Ereignisse dar, die „beweisen“, dass die Nation tatsächlich schon immer vorhanden war (vgl. Langewiesche 2008). Dafür wird Geschichte auf die Elemente hin selektiert, die den Bestand einer Nation in der Gegenwart rechtfertigen, es sind nach einer bestimmten Logik ausgewählte Ereignisse (Halbwachs 1967). Auch Giesen (1993) betont, dass vergangene Ereignisse aus der Perspektive der gegenwärtigen Situation rekonstruiert werden, die „Geschichte“ einer Nation also nicht im Voraus feststeht, sondern das Produkt einer Selektion im Nachhinein ist. Um eine Nation als Fundament der gesellschaftlichen Ordnung zu zementieren, bedarf es aber der Rekonstruktion ihrer Existenz. Als Bestandteil der „natürlichen Ordnung“ war sie auch schon vor ihrer tatsächlichen Verwirklichung in einem Nationalstaat vorhanden, was durch die Geschichtsschreibung „bewiesen“ wird. Der Nachweis ihrer historischen Existenz ist damit Bestandteil der Konstruktionsweise einer Nation, durch die sie in die „natürliche Ordnung“ eingeordnet wird: „Erfolgreich gerahmte Identitätsarbeit besteht darin, den Konstrukt-Charakter in den Zustand einer Naturgegebenheit zu verwandeln und damit zu verhüllen“ (Hettlage 1997: 11). Die Auswahl der geschichtlichen Ereignisse, wie die Betonung und Selektion einzelner Aspekte in den Ereignissen selbst, ist also funktional für die nationale Identität des Kollektivs.

Durch den Rekurs auf vergangene Ereignisse wird die Besonderheit der eigenen Nation herausgekehrt (vgl. Kohn 1962). In der Geschichte sind die „Erinnerungen“ des Kollektivs gespeichert, die nur dieses Kollektiv gemacht hat: Geschichte besteht aus „den bemerkenswertesten Ereignissen des Lebens einer Nation“ (Halbwachs 1967: 38). Eine erfolgreiche Identifikation des einzelnen Mitglieds eines Kollektivs ist dann gegeben, wenn er sich nicht nur in seiner persönlichen, sondern auch mit der Vergangenheit des Kollektivs, dem er zugehörig ist, findet. Als Teile des nationalen Kollektivs, das schon vor dem Leben des einzelnen Individuums bestand und noch nach ihm andauern wird, können diese Teile über die Kenntnis von und die Identifizierung mit der Geschichte des Kollektivs zusammengeschlossen werden. Sie teilen alle dieselben „Erinnerungen“, die sie zudem mit den vorherigen und den nächsten Generationen verbindet (vgl. Anderson 1996). Dadurch und durch die Herausstellung der Einzigartigkeit der Vergangenheit des Kollektivs kann der Eindruck einer „[g]emeinsame[n] Herkunft und [eines] historischen Schicksal[s]“ (Hettlage 1997: 12) hergestellt werden, der wiederum entsprechende Gefühle der Solidarität zwischen den Mitgliedern über Zeit und Raum hinweg herstellt. Anders herum können solche „Wir-Gefühl[e]“ (Hettlage 1997: 12) bewusst bei den Mitgliedern eines nationalen Kollektivs hervorgerufen werden, wenn ein Hinweis auf das gemeinsam geteilte Schicksal gemacht wird. Der Rekurs auf die gemeinsame Geschichte fungiert damit gleichzeitig als Appell an das gemeinsame Schicksal (vgl. Van Noije & Hijmans 2005).

[...]


[1] Bei Stapelfeldt (2005) sind die Folgen der raschen Umstellungen der DDR-Wirtschaft genauer aufgeführt. Er betont auch, dass zum Beispiel allein zwischen 1990 und 2000 1.200 Mrd. DM nach Ostdeutschland transferiert wurden.

[2] Allgemein wird die Wiedervereinigung als Leistung der damaligen BRD unter dem „Kanzler der Einheit“ Kohl gesehen; ohne die Zustimmung insbesondere von Gorbatschow, ohne die begonnen Reformen in der Sowjetunion und der Zustimmung der anderen „Siegermächten“ wäre diese aber nie passiert (vgl. zum Beispiel Weber 1991).

[3] Der geschichtliche Verlauf der Dinge kann hier nur skizziert werden; für eine detailliertere Beschreibung siehe zum Beispiel Niethammer (1999).

[4] Nach Heinemann (2009) war der gesamte Sozialismus durch die Abgrenzung zum Westen bestimmt. Entsprechend gingen auch die Bestrebungen der DDR hin zu einer Abschottung gegenüber der BRD.

[5] Nach Glaeßner (1995) ist aus diesem Kontext zum Beispiel das KPD-Verbot 1957 zu verstehen; der Anti-Kommunismus war die Spezifizierung der „wehrhaften Demokratie“ der BRD.

[6] Für eine Auflistung der Verträge, Abkommen und finanziellen Beziehungen siehe zum Beispiel Glaeßner (1989).

[7] Die Ausführungen beziehen sich auf die Beschreibungen und Analysen von Glaeßner (1989), der nach Ansicht der Autorin einen umfassenden und objektiven (also nicht-wertenden) Überblick über die DDR gibt. Anderen Darstellungen, wie zum Beispiel bei Rossade (1997), ist eine deutlich wertende Darstellungsweise des Sozialismus anzumerken, was nach Ansicht der Autorin eher hinderlich für eine angemessene Analyse ist.

[8] Nach Niethammer (1999) war die Politik der SED während ihrer gesamten Herrschaft eng an die der Sowjetunion gebunden.

[9] Der Sozialimus wurde als Zwischenstufe gesehen, bis sich der Kommunismus endlich verwirklichen kann; bis dahin ist ein solcher zentralisierter und streng-hierarchischer Aufbau der Gesellschaft notwendig.

[10] Glaeßner (1989) führt diese Kriterien im Einzelnen auf; hier ist nur von Bedeutung, dass auch die Spitze der Partei selbst der Ideologie untergeordnet war.

[11] Nach Glaeßner (1989) wurde damit das Bündnis der Arbeiterklasse mit allen anderen Klassen demonstriert, die gemeinsam für die Ziele des Sozialimus einstehen. Es bestand keine Konkurrenz zwischen den Parteien, sondern eine „vertrauensvolle Zusammenarbeit“ (Glaeßner 1989: 90).

[12] Die beiden weiteren Parteien waren die NDPD, die ehemalige NSDAP-Mitglieder integrieren sollte, und die DBD, die sich speziell an Landwirte richtete.

[13] Glaeßner (1989) stellt eine Liste der sozialen Probleme, die dennoch in nicht unerheblichem Ausmaß auftraten, auf. Darunter fallen zum Beispiel weit verbreiteter Alkoholismus und eine hohe Selbstmordrate.

[14] Für diese Arbeit sind nur die geschichtlichen Ereignisse, die in dem Zeitraum, in dem die Medientexte analysiert wurden, von Bedeutung. Für einen Überblick über die Geschichte der DDR siehe zum Beispiel Weber (1991).

[15] Adenauer stellte bereits in einer Rede von 1946 heraus, dass das „deutsche Volk“ – von den Nationalsozialisten befreit – jetzt wieder stolz auf sich sein kann (Stapelfeldt 2005).

[16] Nach von Beyme (2004) legitimierte sich das westdeutsche System in erster Linie durch die wirtschaftlichen Erfolge. Entsprechend äußerten westdeutsche Bürger/-innen auf Fragen zur Erschließung von Nationalstolz, „Stolz“ auf wirtschaftliche und soziale Leistungen des Systems an erster Stelle.

[17] Auch hier ist nur der wirtschaftliche Entwicklungsstand der BRD im Zeitraum der für die Analyse entnommen Medientexte von Bedeutung. Für eine umfassende Beschreibung der Entwicklungen seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges siehe Stapelfeldt (2005).

[18] Dieses Niveau ist als Berechnung eines Durchschnitts zu verstehen. Die Kluft innerhalb des Landes zwischen Arm und Reich, die durch die Umstellung des Sozialstaates auf neoliberale Ansätze noch vergrößert wird, ist hier ausgeklammert.

[19] Diese Ausführungen beziehen sich auf die theoretische Konzeption der Rechtsstaatlichkeit der BRD. Inwiefern diese Richtlinien tatsächlich handlungsleitend sind, kann hier nicht ausgeführt werden. Ein Beispiel für die Verletzung zum Beispiel des informationellen Selbstbestimmungsrechts sind die polizeilich durchgeführten Rasterfahndungen (vgl. Pilz & Ortwein 2008). Man kann aber davon ausgehen, dass in einer Selbstdarstellung nach außen, zum Beispiel in Medien, eher die ideale Ausarbeitung der System-Prinzipien betont werden, weshalb auch nur diese hier ausgeführt werden.

[20] Für genauere Ausführungen zum Verhältniswahlrecht siehe von Beyme (2004).

[21] Hier sei betont, dass die Anzahl der Parteien selbst stark reduziert ist (was auch mit dem Begriff der „Parteienkonzentration“ (von Beyme 2004) erfasst wird). In den achtziger Jahren kam zu der CDU/CSU, der SPD und der FDP noch „Bündnis 90/Die Grünen“ hinzu. Es wird auch eine relative, vor allem bei den großen Volksparteien wie der CDU auftretende, Aufweichung von inhaltlichen Zielen zugunsten des reinen Machterhalts beklagt (vgl. von Beyme 2004). Eine tatsächliche Repräsentation der Wähler/-innen wird damit ebenfalls begrenzt.

[22] Mit „Realität“ ist hier alles Nicht-Sprachliche gemeint, insofern man beides überhaupt klar voneinander trennen kann.

[23] Nach Wehler (2007) kennzeichnen Ethnien vor allem Solidarität zwischen den Mitgliedern, ein „symbolischer Herkunfstmythos“ (Wehler 2007: 38), geteilte geschichtliche Erinnerungen und der Bezug auf ein bestimmtes Territorium; in dieser Beschreibung ist bereits ersichtlich, dass Nationen und Ethnien nur durch diesen einen Punkt unterscheiden, was aber weiter unten noch genauer ausgeführt wird.

[24] In der konstruktivistischen Sicht wird unter anderem betont, dass eine Nation nur von oben und manchmal auch erst nach der Deklarierung eines Staates als Nationalstaat „konstruiert“ wird (vgl. zum Beispiel Hobsbam 2005, Gellner1995), worauf aber hier nicht weiter eingegangen werden kann. Für die Analyse sind lediglich die inhaltlichen Möglichkeiten und die Konstruktionsweisen selbst von Bedeutung.

[25] Im folgenden werden die inhaltlichen Punkte der Konstruktion nationaler Identität und des Nationalismus nicht in zwei getrennte Gliederungs-Punkte aufgespalten, da für die Autorin beide Punkte direkt zusammenhängen und entsprechend auch in den theoretischen Ausführungen nicht getrennt werden sollen. Betont sei dabei allerdings, dass der Nationalismus einen dynamischen Handlungsaspekt enthält, während die durch ihn forcierte Identität eher statischen Charakter hat, also dessen Produkt ist (vgl. Hobsbawm 2005).

[26] Wird im Folgenden eine Bezeichnung in Anführungszeichen gesetzt, so soll dies als Hinweis auf ideologische oder konstruierte Elemente gewertet werden.

[27] Hier bieten sich Regierungsvertreter oder auch das Militär, beziehungsweise die Polizei an.

[28] Mit Souveränität ist nach Habermas (1998) ist Autonomie des Staates gemeint, gemessen an dem Vermögen, nach Innen Ordnung aufrecht zu erhalten und sich nach Außen gegen potentielle Feinde zu schützen. Danach kann eine Nation nur durch ihre Vertretung durch einen Staat souverän werden, da nur der Staat die Mittel dazu hat.

[29] Dort wurde zum Beispiel wie im Merkantilismus der Wirtschaft das Ziel gesetzt, den Staat zu stärken; der Wohlstand der Bevölkerung spielte dabei keine Rolle, beziehungsweise wurde sie nicht als dessen Quelle gesehen (vgl. Kohn 1962).

[30] Aus dieser Verbindung ergibt sich auch die Möglichkeit, den Nationalstolz auf wirtschaftliche Erfolge des Landes zu gründen, wie dies in der BRD auch passiert (vgl. von Beyme 2004).

[31] Seitens der DDR zum Beispiel, wurde bis in die siebziger Jahre verkündet, der gesamten Nation den Sozialismus bringen zu wollen. Der Zusammenschluss der Nation wird damit mit der Systemkonkurrenz verbunden, also mit dem „Sieg“ eines der Systeme.

[32] Homogenisierung der Mitglieder des Kollektivs nach innen ist ebenfalls eine Aufgabe des Staates. Dies ist zum Beispiel durch Schulen, verbunden mit der Schulpflicht verwirklicht (vgl. Gellner 1995). Auch dadurch kann aber keine völlige Homogenität hergestellt werden.

[33] Monarchische Herrschaft zum Beispiel wurde durch deren Verbindung mit der Religion unhinterfragbar; man denke dabei nur an das „Gottesgnadentum“, nachdem ein König offiziell durch den Willen Gottes eingesetzt war, nicht von der Bevölkerung, was deren Einbezug in politische (Legitimierungs-)Verfahren grundsätzlich ausschließt.

[34] Die Anführungszeichen werden auch hier verwendet, um deutlich zu machen, dass das Argument der „Natur der Dinge“ zur Festigung bestimmter Argument verwendet wird; ob Eigenschaften tatsächlich „natürlich“ sind, ist dabei zweitrangig.

[35] Nach Leggewie (1994) schöpft der Nationalismus aus dem Versprechen der Gleichheit der Mitglieder eine besondere, mobilisierende Kraft; im Voraus sei hier allerdings betont, dass diese Gleichheit vorgespielt werden muss, da keine tatsächliche Übereinstimmung der Mitglieder der Nation in ihrem Charakter und ihrer Lebensweise gegeben ist.

[36] Bei Habermas (1998) ist der Punkt der Rechtsgleichheit und die Möglichkeiten für politische Teilhabe, die sich aus diesem Aspekt der Nation ergeben, ausführlich dargelegt.

[37] Hier und auch bei den weiteren Ausführungen werden solche Formulierungen der Möglichkeit verwendet, um anzuzeigen, dass man nie davon ausgehen kann, dass sich wirklich alle so gruppierten Mitglieder eines Kollektivs tatsächlich mit der Nation identifizieren.

[38] Zur Bildung solcher Gruppen siehe Elwert (1989).

[39] Dabei spielen die Medien eine besondere Rolle, was aber ebenfalls in einem gesonderten Punkt behandelt werden soll.

[40] Der Universalismus wird bei Kohn (1962) als die Idee beschrieben, alle Menschen wären - ohne Ausnahme - eine Einheit. Nach Ansicht der Autorin ist dies lediglich ein ideeller Wert, da sich prinzipiell jede Gruppe real ein einem bestimmten Punkt schließt. Es können die Grenzen der Gruppen aber prinzipiell erweitert werden, wofür wiederum Kriterien verwendet werden, die in ihrem Charakter universell sind. Universell soll folglich in dieser Arbeit als Bezeichnung für Kriterien verwendet werden, die dieses Potential haben.

[41] Wie diese Bindung an kollektive Symbole im Einzelnen hergestellt wird ist bei Özdogan (2007) aufgeführt.

[42] Der Aspekt der angelegten Maßstäbe spielt mit den Bewertungen, die für das jeweils andere Kollektiv vorgenommen werden und der Herstellung von Hegemonie in Diskursen zusammen. Dieser Punkt wird noch später weiter ausgeführt.

[43] Solche Codes ergeben sich aus der Logik des jeweiligen Teilsystems, aus dem sie stammen; zum Beispiel Gewinn/Verlust als Handlungsorientierung für den wirtschaftlichen Bereich.

[44] Ein Beispiel dafür sind die Aufbauten von immer stärken Grenzen von Europa gegen „Zuwanderer“ wie zum Beispiel Flüchtlinge. Ein zentrales Element von Nationalstaaten ist auch die Sicherung der Ressourcen, beziehungsweis der Privilegien des eigenen Kollektivs gegen „fremde“ Gruppierungen (vgl. Hettlage 1997).

Details

Seiten
146
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783842808850
Dateigröße
731 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v228230
Institution / Hochschule
Universität Regensburg – Philosophische Fakultät, Soziologie
Note
1,5
Schlagworte
identität nationalismus diskursanalyse mauerfall geschichtskonstruktivismus

Autor

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Titel: Die Konstruktion nationaler Identität in Ost- und Westdeutschland während des Mauerfalls