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Das Problem der Neurowissenschaften mit dem freien Willen

Masterarbeit 2010 241 Seiten

Philosophie - Philosophie der Neuzeit (ca. 1350-1600)

Leseprobe

INHALT

0 Einleitung
0.A Darstellung der Ausgangsproblematik der neueren durch die Neurowissenschaften aufgeworfenen Fragestellung um den freien Willen
0.B These und Methode

I Ausarbeitung der Begrifflichkeiten, Propädeutik des Problemfeldes:
I.A Wille
I.A.1 Der Willensbegriff als Amalgam aus griechischem und christlichem Denken
I.A.2 Ontische vs. nichtontische Willensbestimmung
I.B Freiheit
I.B.1 Freiheit als theoretischer Begriff
I.B.1.a Freiheit vs. Determination
I.B.1.b Inkompatibilismen und Kompatibilismen
I.B.2 Freiheit als praktischer Begriff
I.B.3 Frage nach alternativen Möglichkeiten: Möglichkeit als Unbestimmtheit?
I.B.3.a Möglichkeit vs. Zufall
I.B.3.b Möglichkeit als Kontrafaktizität und Grundlegung des Denkens
I.C Denken
I.C.1 Erkennen
I.C.1.a Kausalität
I.C.1.a.1 Das Verhältnis von Kausalität und Determination
I.C.1.a.2 Das Dogma von der kausalen Geschlossenheit der Welt als Begründung eines materialistischen Monismus
I.C.1.b Notwendigkeit und Vorhersagbarkeit
I.C.1.b.1 Methodischer vs. dogmatischer Determinismus
I.C.1.b.2 Das Determinismus-Problem der empirischen Wissenschaften
I.C.2 Erklären
I.C.2.a Warum ? - Fragen und Wozu ? - Fragen
I.C.2.b Notwendige u. hinreichende Gründe
I.C.2.c 2 Arten der Erklärung : Erklären nach Ursachen, Erklären nach Gründen: Natur vs. Kultur?
I.D Zwei Gegenstände des Denkens/ der Erklärung: das Natürliche und der Artefakt
I.D.1 Natur
I.D.1.a Der Begriff von Natur
I.D.1.b Der Naturalismus
I.D.1.c Natur als Faktische oder Natur als Normative?
I.D.1.d Welcher Realismus?
I.D.2 Handlung - Grundlegung des Artifiziellen
I.D.3 Kultur vs. Natur: Kulturalismus statt Naturalismus?

II Eine ontologische Determination im Kontext eines materialistischen Monismus?
II.A Einleitung: Situierung der Neurowissenschaft
II.A.1 Manifest der elf Hirnforscher
II.A.1.a Methode und Erkenntnis
II.A.1.a.1 Vorstellung der Arbeitsweise: Erkenntnisebenen und Methoden
II.A.1.a.2 Kritisches Methodenverständnis: zwischen Skepsis und positivistischer Erwartung
II.A.1.b Thesen des Manifestes und ihre kritische Kontextualisierung in die Diskussion
II.A.1.c Zusammenfassende kritische Erörterung des Manifestes
II.A.2 Eine kurze ideengeschichtliche Grundlegung der empirischen Hirnforschung, Das Projekt der Naturalisierung des Menschen unter einem mechanistisch physikalistischen Naturbegriff 155
II.A.2.a Empirismus: Monismus oder Dualismus? 176
II.A.2.b Empirismus: epistemisch oder ontologisch?
II.A.2.c Funktion, Defizit und bottom-up Erklärung. Hirnforschung als Defizitdeduktion
II.A.2.d Einige unerwünschte Folgen der funktionalistischen Betrachtung
II.A.3 Libet- und Libet-artige Experimente
II.A.3.a Die Versuchslage
II.A.3.b Das dem Libet- Experiment zugrundeliegende Menschenbild und das Menschenbild derer, die sich des Libetschen Experimentes argumentativ bedienen
II.A.3.c Bewertung der Experimentalergebnisse
II.B „Ein neues Menschenbild?“220, Zwei Exponenten der Neurowissenschaft: Singer und Roth
II.B.1 SINGER: Verschaltungen legen uns fest: Wir sollten aufhören, von Freiheit zu sprechen 221
II.B.1.a Singer ein ontologischer Determinist?- Die Ambiguität der Singerschen Eigenverortung
II.B.1.b Das Gehirn und seine Verschaltungen als Produkt der Evolution
II.B.1.b.1 Welcher Reduktionismus?
II.B.1.b.1.a Aspekte-Dualismus oder Epiphänomenalismus?
II.B.1.b.1.b Theoretischer Reduktionismus: Einheit und Konstruktion
II.B.1.b.2 Natur und Evolution
II.B.1.b.2.a Das richtige Verständnis der Evolution?
II.B.1.b.2.b Der Naturbegriff und das Normativitätsproblem
II.B.1.b.3 Kultur und Evolution
II.B.1.b.3.a Emergenz und angereicherter Materialismus
II.B.1.b.3.b Das Verhältnis Kultur- Natur
II.B.1.c Die Kraft und Bedeutung des Denkens
II.B.1.c.1 Realität ein Konstrukt? Konstruktivismus vs. Realismus?
II.B.1.c.2 Freiheit ein „soziales Konstrukt“, Kompatibilismus oder Inkompatibilismus?
II.B.1.d Verschaltung und Selbstorganisation: Naturalistische Herleitung des Willens, des Selbst
II.B.1.d.1 Der mereologische Irrtum
II.B.1.e Ein funktionalistisches Menschenbild und das Problem der Verbesserung der Natur 374
II.B.1.f Konsequenzen für die menschliche Praxis
II.B.1.g Ein Fazit des Zwiespältigen
II.B.2 ROTH: Wir sind determiniert, die Hirnforschung befreit von Illusionen 390
II.B.2.a Wir sind determiniert
II.B.2.a.1 Meint Roth eine methodische oder eine ontologische Determination?
II.B.2.a.2 Von der ontologischen Determination zum ontologischen Reduktionismus
II.B.2.a.2.a Roth zum Reduktionismusvorwurf
II.B.2.a.2.b Doppelte Phänomenalität: Erste und Dritte Person Phänomene
II.B.2.a . 3 Physikalismus und Physikalisierung des Geistigen
II.B.2.b Die Hirnforschung befreit von Illusionen
II.B.2.b.1 Aufklärerischer Gestus als „Freiheit von Freiheit“?
II.B.2.b.1.a Vernunft als Epiphänomen
II.B.2.b.1.b Misologie als aufklärerisches Konzept?
II.B.2.b.1.c Vernunft und der mereologische Fehler
II.B.2.b.1.d Der Verlust der Vernunft als objektiver Dialog
II.B.2.b.1.e Ursachen und Gründe: Motivdeterminismus und Vernunft
II.B.2.b.2 Freiheit ein empirischer Begriff?
II.B.2.b.2.a Empirisch ist ein Nichtempirisches Nichts!
II.B.2.b.2.b Die Nähe Roths zu Libet; der monistische Reduktionismus als Exegese des Dualismus
II.B.2.b.3 Schattenboxen - Gegen wen Roth ins Feld zieht
II.B.2.c Willens- Funktion statt Willens- Freiheit; das Vorbild Hume
II.B.2.d Was fordert Roth?
II.B.2.e Pathos und Argumentationsweise Roths
II.B.2.f Fazit der Position Roths und die Frage des Rechts auf Forderungen
II.B.3 Zusammenfassende Kritik des deterministischen Inkompatibilismus als neurowissenschaftlicher Positionierung
II.B.3.a Zusammenfassendes Resümee Singers und Roths als Vertreter des deterministischen Inkompatibilismus
II.B.3.b Kritik des deterministischen Inkompatibilismus
II.B.3.b.1 Die naturwissenschaftliche „Einheit der Natur“ kann nur epistemisch und theoretisch sein!
II.B.3.b.2 Das Selbstverständnis des Menschen ist dem wissenschaftlichen Wissen vorgängig und nicht umgekehrt!
II.B.3.b.3 Relativierung des Anspruches des reduktiven Naturalismus
II.B.3.b.3.a Empirische Erfassbarkeit des Menschen?
II.B.3.b.3.b Geistige Wirklichkeit ist nicht naturalisierbar
II.B.3.b.3.c Normativität ist nicht auf Faktizität rückführbar
II.B.3.b.4 Der problematische Naturbegriff des starken Naturalismus
II.B.3.b.5 Probleme der Naturwissenschaft mit dem starken Naturalismus
II.B.3.b.5.a Naturgesetze belegen nicht den inkompatibilistischen Determinismus und den materialistischen Monismus
II.B.3.b.5.b Naturwissenschaftliche Erklärung als Ideal und als Praxis
II.B.3.b.5.c Empirische Daten sind nicht selbstevident! Die Deutungsoffenheit der neurowissenschaftlichen Versuchslage zur Willensfreiheit
II.B.3.b.5.d Wissenschaft ist methodischer Diskurs und keine Verkündigung von Wahrheit!
II.B.3.c Der Positivismus ist Gegenwartsflucht!
II.B.3.d Ein „neues Menschenbild“ ?
II.B.3.e Zwischenfazit zur Kritik des deterministischen Inkompatibilismus
II.C Eine naturalistische Willenstheorie, Pauen/Roth
II.C.1 Die Bestimmung der Freiheit und ihr Verhältnis zur Natur
II.C.1.a Die Begriffsbestimmung von Freiheit
II.C.1.b Was ist das Selbst?
II.C.1.c Aufgeklärter Naturalismus
II.C.1.d Natur in Form der Neurophysiologie als Bedingung der Freiheit
II.C.1.e Das inkompatibilistische Missverständnis und das Gespenst einer „traditionellen Theorie des freien Willens“
II.C.1.e.1 Missverstehen der Naturgesetze
II.C.1.e.2 Unvorhersagbarkeit von Entscheidungen
II.C.1.e.3 Indeterminismus-Täuschung
II.C.1.f Freiheit und Bewusstsein
II.C.1.g Freiheit und Ratio
II.C.1.h Das Gefühl der Freiheit
II.C.1.i Zwischenfazit zur naturalen Bestimmung des freien Willens
II.C.2 Die Verantwortbarkeit des Handelns vs. Verantwortungslosigkeit des Verhaltens
II.C.2.a Handlungen vs. Verhalten
II.C.2.b Gründe und Ursachen: Donald Davidsons Missverständnis
II.C.2.c Gründe im Konzept des aufgeklärten Naturalismus: Das Problem der
„kausalen Relevanz“
II.C.2.d Das Problem alternativer Handlungsmöglichkeiten
II.C.2.e Verantwortung des Handelns und Schuld
II.C.2.e.1 Schuld als Normenverstoß
II.C.2.e.1.a Schuld und Inkompatibilistische Freiheit
II.C.2.e.1.b Schuld ohne Freiheit: Schuld als soziale Spielregel
II.C.2.e.1.c Schuld und kompatibilistische Freiheit
II.C.2.e.2 Gesellschaft und Schuld: Strafen
II.C.2.e.2.a Die Retributionstheorie
II.C.2.e.2.b Die Präventionstheorie
II.C.2.e.2.c Ein Vertragsmodell als Straftheorie
II.C.2.e.2.d Kritik des Vertragsmodells
II.C.2.f Einschränkungen der Schuldfähigkeit: die Delmenhorster Gewaltstudie als empirischer Beleg der Tragfähigkeit des Freiheitskonzeptes des aufgeklärten Naturalismus?
II.C.3 Zusammenfassende Kritik der dargestellten naturalistischen Begründung des Willens
II.C.3.a Selbstbestimmung als Fremdbestimmung
II.C.3.b Das Selbst und die ontologische Entschiedenheit
II.C.3.c Der Begriff des Natürlichen
II.C.3.d Freiheit eine Fähigkeit der Natur?
II.C.3.e Der Wille ein Bestimmter oder ein Bestimmender? -Außernaturalistische Aspekte der Freiheit
II.C.3.f Problematik eines naturalen funktionalistischen Menschenbildes
II.C.3.g Fazit der zusammenfassenden Kritik

III Zusammenfassende Kritische Diskussion der Verortungen des freien Willens in den besprochenen Ansätzen:
III.A Abwägung der Ansätze
III.A.1.a Starker Naturalismus, der freie Wille ist natural bedingt als determinierter Wille
III.A.1.a.1 Allgemeine Erörterung der Problematik im starken Naturalismus
III.A.1.a.2 Spezielle Erörterung des Deterministischen Inkompatibilismus und der naturalistischen Willenstheorie
III.A.1.b Schwacher Naturalismus, der freie Wille ist eine natürlich entstandene, aber die naturale Erklärung transzendierende, Fähigkeit
III.A.1.b . 1 Handlungstheoretische Auffassung des Willens als Zuschreibung eines Vermögens
III.A.1.b.2 Natural verwurzelte Freiheit und Fähigkeit zur Einsicht
III.A.1.b.3 Natural verwurzelte Freiheit und die Fähigkeit zu Initiative und Poesis
III.A.1.b.5 Keils Nihil-obstat-These zu einer libertarischen Position
III.A.1.b.6 Resümee schwacher naturalistischer Verortungen
III.B Eine Positionierung des Verfassers: Ein epistemisch- pragmatischer Kompatibi-lismus auf der Basis eines schwachen Naturalismus und eines Beratungsmodells

IV Fazit

Literatur

ANMERKUNGEN

0 Einleitung

0.A Darstellung der Ausgangsproblematik der neueren durch die Neurowissenschaften aufgeworfenen Fragestellung um den freien Willen

Die Problematik einer Diskussion um den freien Willen ist eines der großen Themen der Philosophie des Geistes des christlichen Abendlandes, die wesentlich durch den christlichen Begriff der Person als Ermächtigter und Handelnder in die Philosophie getragen wurde. Es verwundert daher nicht, dass die wesentlichen Positionen bereits früh, theologisch initiiert,[1] verhandelt wurden. Die aktuelle neuere Diskussion wurde im deutschsprachigen Raum durch die Experimente B. Libets aus den 1980-er Jahren angestoßen. Provokant wurden die Ergebnisse von der einen Seite als empirische Widerlegung des freien Willens interpretiert, wohingegen die andere Seite konzeptio-nelle Mängel im Experimental- Aufbau wie der Fragestellung überhaupt monierte. Die dabei geführte Auseinandersetzung um den freien Willen steht in einer langen Tradi-tion. Diese beginnt im Frühmittelalter und ist bis in die Scholastik vor allem ein theolo-gischer Diskurs. Erst ab der zweiten Aufklärung[2] wird aus diesem Diskurs eine zuneh-mend weltanschaulich geführte Auseinandersetzung, die dem Prozess der Naturalisie-rung des Menschen parallel läuft. Durch Libet und die nachfolgenden Experimente wurde dieser Streit neu entfacht. Nach der vorläufig noch in der offiziellen Diskussion vertretenen Position scheinen die rezenten neurowissenschaftlichen Erkenntnisse die Willensfreiheit nicht nur in Frage zu stellen, sondern das Konzept eines Menschen, der sich als Verantwortlicher qua seiner Fähigkeit frei zu handeln erfährt, ad absurdum zu führen. Federführend ist hier vor allem ein in einem monistischen Materialismus grün-dender Inkompatibilismus, der oft als zwingende ontologische Folgerung aus der eigentlich epistemisch Unternehmung des empirischen Wissenschafts- Konzept dargestellt wird.[3] Diese Problematik exponiert sich zuvorderst im Konflikt um Deter-mination vs. Freiheit, aus der heraus die Positionen des Kompatibilismus oder des Inkompatibilismus vertreten werden. Eigentlich ist das zur Frage Stehende aber weiter-greifender, denn mit der Freiheit geht die Subjektposition verloren und der Wert von Bewusstsein wird fraglich. Doch fraglich würde damit auch die Gültigkeit eines vermeintlichen Nachweises von Unfreiheit, Irrelevanz des Bewusstseins etc., denn es beträfe die Ikonoklasten in gleicher Weise im Sinne einer Autolyse der Propheten und ihrer Verkündigung!

Einige Hirnforscher, zu denen auch Roth und Singer gehören, meinten im Jahr 2004 nun, dass sich aus dem Geschilderten gewisse Schlüsse zwangsläufig ergäben und verfassten in diesem Sinn „Das Manifest der 11 Neurowissenschaftler“,[4] in dem sie einen reduktionistischen Naturalismus vertraten, hinter dem ein Alleinerklärungs-anspruch der Naturwissenschaften steht. In diesem Zusammenhang wurden auch immer wieder Stimmen laut, [5] die eine Änderung des Strafrechtes in Anpassung an die neuro-wissenschaftlichen Erkenntnisse fordern. Der Einzelne sei nur in viel geringerem Maße für sein Tun verantwortlich, da das Meiste physisch und psychisch bedingt sei.

Ist also das Hirn ein Organ unter anderen Organen und ist Hirnforschung empirische Organforschung oder kann Hirnforschung Exegese menschlichen Wesens sein, wie dies nicht nur im Manifest suggeriert wird? Letzteres würde dem Hirn aber einen Status zuweisen, den nicht nur der Verfasser dieser Arbeit für überzogen und falsch hält.

Denn man kann die Experimentalergebnisse auch anders werten, wenn man keinen ontologischen Schluss für zwingend hält.[6] So ist beispielsweise eine nicht ontologische, soziale Bestimmung des Willens im Rahmen einer Handlungstheorie möglich.[7]

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es einerseits, zu zeigen, dass das Problem, das die Neurowissenschaften mit dem freien Willen haben, symptomatisch für ihre eigene Verortung ist. Es signalisiert eine Naturalisierungsgrenze, an der sich zeigt, dass weder der Mensch noch sein Wille Dinge unter anderen Dingen sind. Andererseits will diese Arbeit aber auch darlegen, dass ein freier Wille, begriffen als Vermögen eines Handeln-den auch im naturalen Kontext formulierbar ist.

0.B These und Methode

Dabei ist die These folgende: In der aktuellen, von den Neurowissenschaften ausgehenden, Auffrischung der Diskussion um den freien Willen wird oft ein inkompatibilistischer Determinismus vertreten, der ontologisch auf einem monistischen Materialismus basiert. Diese Position bestreitet im freien Willen ein ihr methodisch nicht zugängliches Phänomen. Damit vergibt sie durch eine ontische Überdehnung des wissenschaftlich Aussagbaren die epistemische Stärke des naturwissenschaftlichen Ansatzes. In der Überschreitung der Grenze vom epistemischen zum ontischen An-spruch demarkiert sich Wissenschaft aber als Scientizismus und schlüssig erscheint daher nur den Adepten, dass hier eine, in Varianz seit mehr als 1500 Jahren diskutierte, Frage nun „endgültig gelöst“ sei. Mit dem Gestus apodiktischer Wahrheit verliert sich der eigentlich wissenschaftliche Ansatz, nämlich die Diskursfähigkeit. Und eben hiergegen wendet sich beispielsweise Kants Warnung zur Metaphysik, auch wenn zu Kants Zeit die Ermahnten aus einem anderen Lager kamen. Die Kern-These dieser Arbeit ist daher, dass der freie Wille sowenig wie die Freiheit empirisch begriffen und widerlegt werden können, sondern dass der Irrtum dieser Behauptung, so verständlich er aus der Ideengeschichte der Naturwissenschaften ist, die Wirklichkeit des Menschen verfehlt.

Es wird dagegen die kompatibilistische These vertreten, dass die Annahme eines freien Willen nicht per se in Widerspruch zu einem naturwissenschaftlichen Weltbild steht. Der freie Wille stellt sich im Kontext dieser Arbeit sowohl als grundlegend für ein gültiges Selbstverständnis des Menschen als Handelndem und Entscheidendem, als auch als Grundlegung eines nach Wissen strebenden Subjektes dar. Methode: Der Darstellung der Argumentationslinien, die durch die Protagonisten Roth und Singer in der aktuellen Diskussion um den Freien Willen ausgezogen werden, wird eine begriffliche Propädeutik als Grundlegung des Argumentationsfeldes vorangestellt. Im entstehenden Kontext werden die Argumentationen Roths und Singers wie die Pauens und Roths in der Analyse ihrer Veröffentlichungen offengelegt. Hierbei werden sie insbesondere auf ihre Schlüssigkeit aber auch auf ihren Beweggrund hin betrachtet. Konkret ist dies, entgegen dem ersten Schein, ein destruktiver Ansatz. Die Positionie-rungen Singers und Roths bieten sich an, da diese in der deutschsprachigen Diskussion einen Anspruch der Hirnforschung weit über ihren Fachbereich hinaus in das gesell-schaftliche Umfeld hinein formulieren. Die philosophische Erarbeitung einer natura-listischen Konzeption des Willens, die Pauen und Roth in Ihrem 2008 erschienenen Buch vorgelegt haben, soll in einem zweiten Schritt in den zentralen Befragungsfokus gestellt werden. Dies geschieht in der Hoffnung, eine Explikation der oft nur impliziten philosophischen Aussagen bzgl. des Willenskonzeptes in der durch Roth und Singer vertretenen Form des Naturalismus zu erhalten.

In einem letzten Zug soll in dem geschaffenen Kontext der Anspruch von Roth/ Singer bzw. Pauen/ Roth an der Erfüllung des Versprochenen gemessen werden, dies: (a) an den erarbeiteten Begrifflichkeiten und Problemstellungen im Hinblick auf das resultie-rende Menschenbild und (b) konkret an seiner Leistungsfähigkeit. Hierbei kann der Wille, der als eines der klassischen Themen der Philosophie des Geistes angesehen werden muss, aus Platzgründen nur Ziel führend und nicht weitgreifend in die ihn komplex umgebenden Randfragen eingebettet werden. Sowohl das Körper- Geist- Problem als auch die Bewusstseins- Diskussion können hier nur Anklang, aber keine systematische Bearbeitung erfahren. Im Wesentlichen wird sich diese Arbeit darauf beschränken, die Diskussion und Argumente für und wider die Möglichkeit eines Freien Willens im Kontext der genannten Konzepte herauszuarbeiten. Wesentliche Aufgabe ist es also auch, zu klären, welche Art freier Wille gemeint sein kann, wenn man nicht die Erkennbarkeit der Welt gegen Ihre Erkenntnis durch das Subjekt ausspie-len will. Um den philosophischen Kontext der empirisch aufgeworfenen Frage, bzw. der vorschnellen Antwort, zu erschließen, soll zuerst einmal eine Erarbeitung der zu verwendenden Begrifflichkeiten gegeben werden.

I Ausarbeitung der Begrifflichkeiten, Propädeutik des Problemfeldes:

Maßgeblich sind hierbei die untereinander querverknüpften und verwobenen Begriffs-felder von Wille, Freiheit, Denken, Erkennen/ Erklären und Handeln.

I.A Wille

Als einfache Fassung des Gemeinten kann man den Willen als „Handlungsleitendes Streben“ darstellen.[8]

I.A.1 Der Willensbegriff als Amalgam aus griechischem und christlichem Denken

Der Wille und seine Autonomie als Problem, wie es sich heute darstellt, ist ein geschichtlich und kulturell Gewachsener. Wobei es im Wesentlichen zwei Ausprägun-gen sind, die uns in heutigen Begrifflichkeiten begegnen. Es ist einmal im Sinne der griechischen Philosophie der Wille als Fähigkeit zur Verwirklichung im Kontext eines Beratungsmodells, das die Vernunft in der Abwägung der Gründe als wesentliche Basis des Handelns ansieht. Durch den Kontakt dieses Denkens mit der christlichen Theolo-gie kommt es in der Folge zu einer Aufwertung, zu einer Verselbständigung, des Will-lens. Der Wille wird Quelle zur Ausrichtung von Handlung und Leben. Theologisch maßgebend für diese Verselbstständigung des Willens gegenüber der Vernunft, war das Bestreben, den Willen Gottes „als übervernünftige und daher unbegreifliche Ursache“ hervorzuheben.[9] Dass der Wille bei Augustin ein Außerrationales wird, führt im Mit-telalter zur Diskussion über die Primatfrage zwischen Willen und Vernunft. Dem Vo-luntarismus mit der Leitfigur des Duns Scotus steht dabei der Intellektualismus eines Thomas von Aquin entgegen. Ähnlich wie der Begriff des Willens erlangt auch der Begriff der Willensfreiheit erst in der christlich geprägten Theologie und Philosophie eine echte Bedeutung. Als Frage der Selbstständigkeit des Handelns und seiner Hervor-bringung, d.h. (a) unbedingt durch Fremdverursachung und (b) als „übervernünftiges Rechtfertigungsvermögen“, entsteht die Frage nach der Freiheit des Willens.[10] Dieser Aspekt wirkt bis in Kants Kausalität durch Freiheit und bis in unsere heutige Wahr-nehmung. Schwemmer sieht zwei philosophische Versuche der Synthesebildung zwi-schen christlichem und griechischem Willensverständnis. Dies wäre zum Einen der Utilitarismus, der den Willen als Anwendung der Vernunft in der Abwägung der Ge-fühle gemäß dem Nutzen kennzeichnet. Und zum Anderen wäre dies die Kantische Ethik. Hier ziele die Anwendung der Vernunft im kategorischen Imperativ nicht auf die Gefühle, sondern auf die Zwecksetzung.

I.A.2 Ontische vs. nichtontische Willensbestimmung

Für die vorliegende Arbeit muss über Schwemmer hinaus eine Differenzierung des Willens in eine ontologische vs. einer nichtontologischen, sozialen Bestimmung vorgenommen werden. Die ontische Willensbestimmung hebt den Willen entweder im Dualismus in den Status „ultimativer Urheberschaft“[11] oder negiert ihn im mate-rialistischen Monismus. Hier eröffnet sich das Spektrum von Freiheit vs. Determination mit den Positionen der Inkompatibilismen (Libertarismus / Determinismus) und des Kompatibilismus in verschiedenen Schattierungen. Bestimmt man den Willen aller-dings nicht ontisch, sondern phänomenal/ sozial im Kontext einer Handlungstheorie, so löst sich ein Teil des gordischen Knotens der ontologischen Kontradiktionen. Beispiele hierfür wären z.B. Sellars Auffassung der inneren Episoden nicht als Entitäten, son-dern als Person konstituierende Erklärungen in der Zuordnung von Verhalten, wie er dies mit dem „Myth of Jones“ in seinem, 1956 erschienenem, Werk „Empiricism“ dar-stellt.[12] Wie Thomas Splett darlegt, stellt sich die ontische vs. der nicht-ontischen Ver-ortung des Willens bzw. des Wollens als Gegensatz zwischen einer „realistischen“ und einer „antirealistischen Auffassung“ heraus.[13] Dabei reißt er aber auch ein Problem sozialer Willensbegründung an: nimmt man „soziale Praktiken“ als Konstruktions-prinzip des Willens, so setzt man in diesen Praktiken das zu Konstruierende bereits voraus.[14] Diesem Diorama will die vorliegende Art insofern folgen als an der Position des monistischen Materialismus, bzw. des ontischen Determinismus dargelegt werden soll, dass eine ontische Bestimmung des Willens bzw. der Freiheit nicht nur unergiebig, sondern auch unnötig ist, denn wie z.B. Beckmann richtig bemerkt, so geht es eigent-lich nicht um einen ontologischen empirisch beweisbaren Willlen, sondern um den Willen als Teil des Zusammenhanges von Person und Handlung.[15]

I.B Freiheit

Freiheit ist ein zentraler Begriff der Neuzeit und auch der Aufklärung und man könnte daher wohl mit einigem Recht erwarten, dass Freiheit auch ein gut begründbarer Be-griff sei. Das Folgende illustriert, dass eine Darstellung und Begründung dieses zen-tralen Begriffes in keiner Weise unproblematisch ist. Der intuitive Begriff von Freiheit meint drei Aspekte. Urheberschaft und die Selbstbestimmtheit lassen sich als Merkmale der Willensfreiheit begreifen, die alternative Möglichkeit hingegen als Ausdruck der Handlungsfreiheit.[16]

I.B.1 Freiheit als theoretischer Begriff

Wie Krings feststellt, verlangt Freiheit als theoretischer Begriff ein System der Not-wendigkeit, das eben die Freiheit selbst wieder in Frage stellt.[17] Man kann dies als Zei-chen dafür nehmen, dass ein ontologisches Verständnis von Freiheit als Seiender in einen Widerspruch mit der ontologischen Determiniertheit allen Geschehens tritt.

I.B.1.a Freiheit vs. Determination

In dem Moment, in dem sich Freiheit als theoretischer Begriff formieren will, tritt sie in Gegensatz zur Determination und wird, als Lücke im Zusammenhang des Kausalge-schehens, zum Problem. Genauer stellt sie sich als Unbestimmtheit dar und verliert eine Abgrenzbarkeit zum Zufälligen. Dies genau aber kann Freiheit nicht sein und man kann als eine negative Bestimmung der Freiheit, neben der Ausschließung von äußerem Zwang, ihre Abgrenzung gegen den Zufall bezeichnen. Der eigentliche Gegensatz wäre also, nach Ansicht des Verfassers, nicht Freiheit vs. Determination, sondern Zufall vs. Determination! Eine positive Bestimmung erweist sich schon als aufwändiger, denn aus dem Gesagten resultiert ein Problem, Freiheit im Kontext einer kausal determinierten Welt positiv zu bestimmen, da jede Begrifflichkeit schon eine rationale Bestimmung bedeutet. Es bliebe also Freiheit als ein Irrationales.[18] Auch dies kann nach unserem Verständnis nicht mit Freiheit gemeint sein, denn Freiheit stünde damit in Widerspruch zur Vernunft und zum Denken. Es deutet sich an, dass Freiheit so nicht verständlich wird. Aus der üblichen Entgegensetzung von Freiheit vs. Determination resultieren ver-schiedene Positionen zum Freiheitsbegriff, die orientierend besprochen werden sollen.

I.B.1.b Inkompatibilismen und Kompatibilismen

Wie sich in den Begriffen schon expliziert, hält der Kompatibilismus Freiheit und Determination für miteinander vereinbar, während der Inkompatibilismus eben dies bestreitet. Es gibt zwei Pole des Inkompatibilismus, der eine macht Urheberschaft stark, Pauen nennt dies „ultimative Urheberschaft“, [19] es handelt sich um eine libertarische Position, die Freiheit verabsolutiert. [20] Die andere Position verneint einen freien Will-len kategorisch, so wie dies im dogmatischen Determinismus [21] geschieht. Kompatibi-listische Modelle versuchen Freiheit mit Determinismus zu vereinbaren. Begreift man Beide als auf selber Ebene einander entgegengesetzt, so geschieht dies durch Abschwä-chung der Positionen. So z.B. beim epistemischen Libertarismus, [22] der die Freiheit aus einem Nichtwissen über Zukünftiges argumentiert dabei aber eine ontologische Deter-mination allen Geschehens zugrunde legt. Andererseits lässt sich die Position des De-terminismus abschwächen, indem man z.B. einen „Bereichsdeterminismus“[23] an-nimmt, hinter dem aber meist das Modell eines ontologischen Determinismus steht. [24]

I.B.2 Freiheit als praktischer Begriff

Die Erörterung eines theoretischen Begriffes der Freiheit zeigt eine gewisse Auswegs-losigkeit und in der Tat lässt sich Freiheit sinnvoll nur als Begriff menschlicher Praxis darstellen, so z.B. als politische Freiheit oder allgemeiner: Freiheit als Begriff der prak-tischen Vernunft i.S. Kants. Die Rede von der Freiheit eines empirischen Dinges wür-de mit Recht den Vorwurf des Zufalls auf sich ziehen, das kann Freiheit gar nicht mei-nen. Es geht nicht um die Freiheit physischer Dinge, sondern um die Freiheit eines ver-nünftigen und handelnden Wesens. Nur in diesem Kontext ergibt der Begriff Freiheit einen Sinn, wobei damit Freiheit auf Vernunft verweist. Hier wäre mit Kant und im Sinne einer spezifischen Form der Akteurskausalität zu argumentieren, dass der Han-delnde kein Bestimmter ist, sondern ein durch sich zu Bestimmender. Der Aspekt der Selbstbestimmung als Merkmal von Freiheit spielt unter anderer Schattierung aber auch eine Rolle bei naturalistischen Begründungen der Freiheit des Willens, wie z.B. bei Pauen-Roth [25] oder bei libertarischen Positionen wie bei Walde. [26] Freiheit ist also ein Begriff der Praxis und nicht der Theorie. Was dieser Begriff von Freiheit an Facetten bietet, wird im Verlauf dieser Arbeit immer wieder neu angegangen werden. Geson-dert soll aber im Vorhinein noch der Frage zum Status von Möglichkeit Aufmerksam-keit geschenkt werden, denn der Verfasser sieht hier eine in den Argumentationen gän-gige Engführung des Begriffes, der es zu begegnen gilt, da Möglichkeit die Brücke ist, die Freiheit im Denken begründet.

I.B.3 Frage nach alternativen Möglichkeiten: Möglichkeit als Unbestimmtheit?

Entgegen der gängigen Position, wie bspw. bei Walde in der Zitierung von H. Frankfurt nachzulesen, [27], [28] wird Möglichkeit vom Verfasser nicht als Verstoß gegen Bestimmt-heit, sondern als Grundkonstituenz von Denken begriffen. Beides soll kurz behandelt werden.

I.B.3.a Möglichkeit vs. Zufall

Normalerweise geht man davon aus, dass in einer determinierten Welt kein Platz für Möglichkeit ist. Möglichkeit als Unentschiedenheit und Unbestimmtheit ist nicht nur Verletzung des Zusammenhanges, sondern wäre Minderung des Daseins. In einem empirisch naturwissenschaftlichen Kontext, der mit Gesetzmäßigkeiten arbeitet, ist Möglichkeit nicht Freiheit, sondern Unbestimmtheit des Zufälligen. Möglichkeit hat daher in einem ontologischen Determinismus, sei er nun begründet in einem Substanz-monismus oder einem materialistischen Monismus neuzeitlicher Prägung, keinen Platz. Möglichkeit ist hier nicht Grundlegung von Freiheit, sondern Grundlegung von Zufall. Was jedoch oft außer Acht gelassen wird: in einem anderen Kontext bekommt Mög-lichkeit einen wegweisenden Platz!

I.B.3.b Möglichkeit als Kontrafaktizität und Grundlegung des Denkens

In der Möglichkeit als Vorstellung eines Kontrafaktischen zeigt sich Freiheit als in der Grundstruktur des Denkens verwurzelt ebenso wie in der Bestimmung des Handelns durch das Denken. Gemeinhin erschöpft sich die Diskussion der Erörterung der Freiheit in ihrer Aufspaltung in Willensfreiheit und Handlungsfreiheit. Man lässt dabei außer Acht, dass es für beides ein Vorgängiges geben muss. Dieses Vorgängige als eigent-liche Begründung von Freiheit sieht der Verfasser in der Beziehung, in der Freiheit zum Denken steht. Spezifischer meint dies das Vermögen des Denkens zur Vorstellung von Kontrafaktischem. Denn gäbe es nur ein Faktisches, so erfüllte es sich in sich selbst und die Frage der Freiheit stellte sich gar nicht. Dass sich die Frage nach Freiheit stellt, dass es also eine Vorstellung von Faktischem und nicht nur Faktisches gibt, liegt in der Möglichkeit der Vorstellung von Kontrafaktischem begründet. Genaugenommen ent-steht an dieser Fähigkeit [29] das Vermögen des Denkens als Vorstellung von Anderem. [30] Das Denken wird damit im vorliegenden Kontext Möglichkeit zur Transzendenz des Empirischen als Verfügbarem. Denken als Fähigkeit der Differenzbildung zum Fakti-schen ist damit Basis von Freiheit als Schaffung von Möglichkeit. Es ist dabei nicht die Frage, ob Möglichkeit eine Sprengung des vermeintlich gesetzmäßigen Weltzusam-menhanges ist, sondern es ist die Frage, wie sich Weltzusammenhang darstellen lässt trotz der Spaltung in Faktisches und Kontrafaktisches, die das Denken bedeutet und wie in diesem gedachten Zusammenhang Handeln als Auswirkung dieses Denkens und seiner normativen Kraft möglich ist. Dies soll weiter unten erörtert werden.

I.C Denken

Die Vielfältigkeit der Aspekte des Denkens kann und soll hier nicht dargelegt werden. Im vorliegenden Kontext ergibt die Hervorhebung von drei Aspekten einen Sinn. Ein- mal die erwähnte Vorstellung von Kontrafaktischem als Charakteristikum des Denkens, in dem das Vermögen zur Freiheit insofern begründet liegt als hierdurch überhaupt erst ein Anderes als das vorliegende Faktische und damit überhaupt erst Vorstellung und Möglichkeit des Handelns entsteht. [31] Weiterhin ist Denken nicht nur Ursprung von Freiheit, sondern auch Quelle von Erkenntnis und Erklärung. Paradox erwächst aber aus den Letzteren Beiden scheinbar die Notwendigkeit das Erstere abstreiten zu müs-sen. Da Denken als Ursprung von Freiheit bereits oben behandelt wurde, [32] soll im Fol-genden Erkennen und Erklären erläutert werden gerade in Hinblick auf die Frage, ob Erkennen und die dazu erforderliche Gesetzmäßigkeit wirklich die oft beschworene Notwendigkeit eines Bestreitens von Freiheit bedingt.

I.C.1 Erkennen

Erkennen meint die Erlangung von Wissen, für den Kontext dieser Argumentation eingeschränkt als Wissen über Welt. Erkennen meint damit die Auffindung von Tat-sachenwahrheit durch Wahrnehmung. Dies vollzieht sich in Erkenntnis der Regelmäs-sigkeit als Notwendigkeit des Geschehens. Dass aber Regelmäßigkeit der Folge nicht mit Kausalität als Ursache- Wirkungs- Zusammenhang gleichzusetzen ist, ist eine frühe Kritik des Kausalitätsbegriffes. [33]

I.C.1.a Kausalität

Kausalität versucht Geschehen als Ursache- Wirkungs-Zusammenhang zu begreifen, wobei sich die Frage stellt, ob dieser Zusammenhang im Sinne eines Kausalrealismus [34] Eigenschaft der Welt, oder ob er Eigenschaft menschlicher Wahrnehmung von der Welt ist. Letztlich stellt sich die Frage also auch in der Form, ob Kausalität a priori oder aposteriori gültig ist. [35] Hume und Kant sehen im Ursache- Wirkungs- Zusammenhang keine Eigenschaft der Welt, sondern eine Form, in der der Mensch Welt zu fassen ver-sucht. Damit handelt es sich genaugenommen um eine Form der Darlegung, der Erklä-rung wie unten bei der Erörterung der Vier- Gründe- Lehre des Aristoteles genauer ersichtlich werden wird. Kausalität als Frage nach der Ursache entspricht dabei der causa effiziens bei Aristoteles. [36] Wie unten [37] ausgeführt wird, ist dies aber nur eine der vier causae. Man kann daher in der Fixierung naturwissenschaftlichen Erklärens auf Kausalität eine Reduktion des Erklärungsanspruches sehen. Hinzu kommt der, wie Ha-bermas bemerkt, „interventionistische Hintergrund des modernen Kausalbegriffes“, [38] der gewissermaßen Ausdruck eines an Nützlichkeit angebundenen Wissensbegriffes in einem Konzept der Naturbeherrschung ist. Die Selbstverständlichkeit, mit der im natur-wissenschaftlichen Konzept ein Kausalrealismus, also eine apriori ontologische Gültig-keit der Kausalität, vertreten wird, ist Teil des Irrtums, der einen anzustrebenden Erklä-rungszusammenhang von Welt mit einem ontologischen Kausalzusammenhang der Welt, in dem kein Platz für Freiheit sei, verwechselt. In diesem Kontext kommt es auch allzu häufig zu einer Idiosynkrasie der Begriffe Determinismus und Kausalität.

I.C.1.a.1 Das Verhältnis von Kausalität und Determination

Im Gegensatz zu einer häufig stattfindenden Konfundation ist Kausalerklärung nicht mit Determination gleichzusetzen! „Was es heißt, durch Naturgesetze determiniert zu sein, wird schon innerhalb der Physik uneinheitlich aufgefasst“, so Falkenburg. [39] Denn letztlich sei einerseits der Kausalzusammenhang für Naturgeschehen ein Ideal, andererseits sei die Deduktiv- Nomologische Erklärung als klassische wissenschaftliche Erklärung zwar logisch, aber idealisiert. Zudem entspreche die DN- Erklärung einer deterministischen Erklärung, sei reversibel und ohne Zeitbezug. In einem deterministischen Modell könne man die Gegenwart nicht nur aus der Vergangenheit, sondern auch aus der Zukunft erschließen. Dies unterscheide diese Erklärung aber von der Kausalerklärung, die ein auf einer Zeitachse irrreversibles Geschehen darstelle. [40] Hinzu komme, dass reale Naturabläufe komplex und nicht monokausal fassbar seien. Eine monolineare Kausalerklärung gelte nur in einfachen Zusammenhängen. Dass natürliche Ereignisse irreversible Vorgänge seien, ergebe sich schon aus ihrem Charak-ter als thermodynamische Prozesse. Denn nach dem zweiten Hauptsatz der Thermo-dynamik nehme die Entropie zu, bzw. bleibe gleich, keinesfalls aber könne sie abnehmen. „Der Entropiesatz legt den Zeitpfeil fest.“[41] Reale komplexe Geschehen wie bspw. die Thematik der Erderwärmung ließen sich deshalb nur unter der Vorstellung einer kausalen Modellierung beschreiben. Bei dieser handele es sich eigentlich um die Kombination von Kausalerklärung mit probabilistischer Erklärung. [42] Insgesamt sind damit aus heutiger Sicht Determination und Kausalität nicht univoke Erklärungen. Der Begriff „Kausaldetermination“ erscheint unter diesen Gesichtspunkten fragwürdig und wäre nur im Sinne von „Kausalbestimmung“, aber keinesfalls im Sinne einer Konfun-dation beider Konzepte zu verwenden. [43] Ein Ausschließlichkeitsanspruch der natur-wissenschaftlichen Sicht als Begründung eines materialistischen Monismus wird in diesem Zusammenhang häufig mit dem Hinweis auf eine kausale Geschlossenheit der Welt vertreten. Dies gilt es separat zu beleuchten.

I.C.1.a.2 Das Dogma von der kausalen Geschlossenheit der Welt als Begründung eines materialistischen Monismus

Im Konzept der neuzeitlichen Wissenschaft ist ein Vereinheitlichungsdenken als Anspruch einer Ganzheitserklärung eines der gründenden Basismomente. [44] Da andere Grundmomente der Entwicklung aber gleichzeitig als Wissenschaft von der Natur allein den empirisch induktiven Ansatz akzeptieren und in dieser Weise Materie in Kausalbeziehungen als unmittelbare Gegebenheit erscheint, so ergibt sich ein mate-rialistischer Monismus scheinbar als zwingende Schlussfolgerung. Wirksam wird die allein existierende Materie in der Ursache Wirkungsbeziehung. Diese Wirksamkeit ist Teil ihrer Wirklichkeit, weshalb ein Infragestellen der kausalen Geschlossenheit einer Infragestellung des materialistischen Monismus gleichkommt. Damit wird das Ideal einer wissenschaftlichen Einheit, das als Diskursivität der Theorien Wissenschaftlich-keit ja mit gewährleistet, pervertiert. Denn die methodisch bedingte Zugangsbeschrän-kung allein auf eine materielle Welt führt in der Ontologisierung zu einer Verabsolu-tierung des eigenen methodischen Zugangs, indem -mit dem Selbstverständnis eines erkenntnistheoretischen Realismus- angenommen wird, dass die Welt auch so sei wie sie sich dem methodischen Zugang darstelle. Kurioser Weise steht diese Vorgehens-weise aber auch in der Tradition des Grundsatzes der Einfachheit des Denkens als Kri-terium richtigen Denkens, [45] der im Kurzschluss zur Begründung des Monismus dienst-bar gemacht wird. Nach Ansicht des Verfassers geschieht genau dies im Dogma von der kausalen Geschlossenheit der Welt, das den Erfolg empirisch naturwissenschaft-lichen Anganges ummünzt in einen empirisch nicht beweisbaren ontologischen An-spruch. Betrachtet man nämlich die vermeintlich kausale Geschlossenheit genauer, so stellt sie sich gerade unter dem Blick der Naturwissenschaft als nur mäßig konsistent dar. „Wenn >>kausale Geschlossenheit<< so viel bedeuten soll wie >>vollständiges Determiniertsein<<, so lassen naturwissenschaftliche Kausalerklärungen in puncto Geschlossenheit viel zu wünschen übrig“, stellt die Physikerin und Philosophin Brigitte Falkenburg fest. Denn allein der Begriff von Determiniertsein sei in den verschiedenen Wissenschaften und ihren Kausalmodellen je ein anderer und „in den seltensten Fällen ist dabei Determinismus im strikten Sinn am Werk.“[46] Auch gelinge die „theoretische Vereinheitlichung schon innerhalb der wissenschaftlichen Erklärung nicht wirklich.“ Das Gebäude sei „uneinheitlich und lückenhaft“. [47] Jedoch, wiewohl die Naturwissen-schaften keine theoretische Einheit erbringen könnten, so wiesen sie doch eine „Einheit der experimentellen Methoden und Messverfahren“ auf. [48] Man kommt also zu dem Schluss, dass von einer wissenschaftlichen Geschlossenheit der Welt eigentlich nur als Erkenntnisideal wie auch als Einheit des wissenschaftlichen Methoden-Kanon die Rede sein kann. Im Weiteren erscheint der Anspruch eines Kausalrealismus fragwürdig, wes-halb sich insgesamt die Frage stellt, wie man einen materialistischen Monismus in die-ser Weise stützen will. Im Verlauf gilt es nun den Determinismus von Vorhersagbarkeit in gleicher Weise wie gerade von Kausalität zu scheiden.

I.C.1.b Notwendigkeit und Vorhersagbarkeit

Bedeutet die Notwendigkeit eines Geschehens seine Vorhersagbarkeit, oder anders: bedeutet die Vorhersagbarkeit eines Geschehens, dass es determiniert ist? Vordergrün-dig ist man geneigt, zu bejahen. Wie vorschnell dies ist, weist Keil in einer Erarbeitung des Determinismus auf. [49] In der klassischen Form des Laplaceschen Determinismus finden sich, so Keil, zwei vermischte Ideen. Einmal ist dies die Idee der Vorhersehbar-keit allen Geschehens als epistemischer Begriff. Des Weiteren finde sich aber hier die These einer Ontologie des Weltgeschehens. Die epistemische Vorhersagbarkeit könne dabei unmöglich sein, selbst wenn man einen ontologischen Determinismus annehme. Man müsse sich nur dem Phänomen des deterministischen Chaos, z.B. eines Doppel-Pendels zuwenden, um den Beleg hierfür zu finden. [50] Zusätzlich ergebe sich eine, den Status des Laplaceschen Dämons betreffende, Problematik, die das Modell eines uni-versalen Determinismus selbst wiederum in Frage stelle, da es sich in seiner Argumen-tation der Vorhersagbarkeit als inkonsistent erweise. [51] Keil schlussfolgert, dass die Ver-knüpfung zwischen Determinismus und Vorhersagbarkeit kein Gewinn sei, sondern eine Begründungslast schaffe, weshalb er die Trennung beider nahelegt. [52] Hinzu kommt, dass in der modernen Physik eine Determination nach dem Paradigma der newtonschen Mechanik obsolet ist, denn zu vielen physikalischen Geschehen lassen sich nur statistische Aussagen, aber nicht deterministische Aussagen über Einzelereig-nisse machen. Ein Beispiel hierfür wäre der radioaktive Zerfall eines Nukleotids: vorhersehbar ist nur eine Statistik des Zerfalls, der Zustand von Einzelatomen bleibt unvorhersagbar! [53] Daher sei, so Falkenburg, in der modernen Physik der Determinis-mus generell umstritten und es werde eher ein Probabilismus vertreten. [54]

I.C.1.b.1 Methodischer vs. dogmatischer Determinismus

Was Keil als zwei Ideen moniert, die sich im universalen Determinismus mischten, lässt sich grundsätzlich am Determinismus unterscheiden. Behauptet er, eine ontolo-gische Referenz auf die Welt, oder sieht er sich epistemisch methodisch? Im ersteren Fall kann man ihn als dogmatischen bzw. metaphysischen Determinismus fassen. Korrekter i.S. der naturwissenschaftlichen Methode ist hingegen ein epistemischer De-terminismus, der die Bestimmtheit des Geschehens nur annimmt, um es in Regel und Gesetz fassen zu können, um also eine Erkennbarkeit der Welt zu ermöglichen. Im Sin-ne des Verfahrens kann man diesen als methodischen Determinismus bezeichnen. [55] Cum grano salis schließt der dogmatisch metaphysische Determinismus sich selbst aus einem Vernunft-Diskurs aus, da er die Möglichkeit des Wirksamwerdens von Vernunft leugnet. Das bedeutet, wissenschaftlich verwendbar ist genaugenommen nur der Begriff des methodischen Determinismus, der anderenorts deshalb auch als wissenschaftlicher Determinismus bezeichnet wird. [56]

I.C.1.b.2 Das Determinismus-Problem der empirischen Wissenschaften

Wie Walde richtig diagnostiziert, ist der Determinismus in der empirischen Forschung „als implizite Voraussetzung“ immer gegenwärtig. Aber unbefragt bleibt dabei, „welche Form deterministischer Zusammenhänge tatsächlich erforderlich ist“. [57] Es wird im Sinne eines naturalen Realismus antizipiert, dass man selbstverständlich nicht einen methodischen Determinismus verwenden würde, wenn die Realität der Welt als solche nicht auch deterministisch sei. Dass man damit ein empirisch nicht Beweisbares annimmt, also nach eigenen Maßstäben und den eigenen Forderungen zuwider Meta-physik betreibt, wird daher kaum deutlich gesagt. Neben den in den letzten Absätzen behandelten Zusammenhängen von Notwendigkeit, Kausalität und Vorhersagbarkeit stellen sich Bezüglichkeiten zur Freiheitsdiskussion nicht nur in den Weisen des Erken-nens, sondern auch in der Form des Erklärens dar. Dies soll im Folgenden erörtert wer-den mit dem Schwerpunkt, die Weise des Erklärens als durch den Gegenstand der Er-klärung bedingt darzustellen.

I.C.2 Erklären

Erklärung ist eine Praxis zur Darstellung von Sachverhalten [58] mit dem Ziel des Verstehens. Erklären ist also ein Mittel des Rationalisierens, das das Singuläre einordnen und im Kontext seiner Einordnung zur Sprache bringen will. Wiewohl sich also Erklären generell der Vernunft verpflichtet sieht, so gibt es dennoch als Anpassung an den Kontext verschiedene Weisen des Erklärens. So kann man Erklären einmal scheiden an der zugrundeliegenden Frage (Warum?, Wozu?) aber ebenso am Gegen-standsbezug (Natur, Kultur). [59]

I.C.2.a Warum ? - Fragen und Wozu ? - Fragen

Der Gegensatz zwischen der Frage nach dem Wie?, die eine Beschreibung intendiert, und der Frage nach dem Warum?, die nach dem Wesen oder heute nach der Funktion fragt, kennzeichnet den Übergang von meinendem zu wissenschaftlichem Wissen. Diese Frage nach der Ursache, αίтία, ist heute allein als causa effiziens treibend in der wissenschaftlichen Erkenntnis und Erklärung. Sieht man die causa effiziens aber im Zusammenhang ihrer begrifflichen Entstehung in der Gründelehre des Aristoteles, so handelt es sich um nur eine von vier benennbaren Gründen/ Ursachen. [60] Wie Aristo-teles dort darlegt, gebe es eine c. formalis, eine c. materialis und drittens eine c. effizi-ens. Diese drei Gründe lassen sich nach Falkenburg im heutigen Kausalitätsbegriff unter der Dominanz des Begriffes der c. effiziens subsumieren. Ihnen steht bei Aristo-teles aber ein vierter Erklärungsbegriff gegenüber, die causa finalis. Lassen sich die causae 1-3 im naturwissenschaftlichen Erklärungsbegriff fassen, so findet sich die

c.finalis als anthropomorphe Erklärung eines teleologischen Begründens als Gründen auf Absicht hieraus ausgeschlossen. [61] Mit diesem Ausschluss der causa finalis, also der Wozu? - Frage, der dem Projekt einer Entanthropomorphisierung der Wissenschaft ent-spreche, sei aber die zur Handlungserklärung taugliche Erklärung ausgeschlossen . In ihrem Objektivierungsbestreben gibt die Naturwissenschaft die teleologische Erklärung auf und führt damit auch zu einer Entanthropomorphisierung nicht nur der Wissen-schaft, sondern auch des Menschenbildes. [62] Andererseits werde von Evolutionsbiolo-gen zur Vermeidung des Begriffes der teleologischen Erklärung und um dennoch die Zielrichtung von Entwicklung formulieren zu können von teleonomischen Prinzipien gesprochen. [63] Doch es sei ein Problem der Neurowissenschaften, dass ihnen somit die Handlungserklärung und damit die Handlung im Kontext der naturwissenschaftlichen Methodik verschlossen bleibe. Man kann dies als die Objektivitäts-Falle der Naturwis-senschaft ansehen. Wie Falkenburg [64] darlegt, entgleiten damit die Intentionen dem wissenschaftlichen Erklärungszusammenhang. Da aber „unsere Intentionen paradoxer-weise kausal relevant sind“, zerfällt die Geschlossenheit der Welt, begreift man sie als Einheitlichkeit der Erklärung. [65] Der daraus folgende Schluss, dass es daher keinen Willen, mithin keinen Akteur gebe, ist eigentlich Aufweis der eigenen methodischen Beschränkung, die sich aus der Verkürzung des Erklärungsanspruches ergibt. [66] Ein wesentliches Moment der wissenschaftlichen Erklärung sei der Anspruch auf eine Voll-ständigkeit der Erklärung. Im Sinne der ontologischen Reduktion gelte es gemäß dem atomistischen Paradigma in einem ersten Schritt der Analyse, das Ganze in seine Teile zu zerlegen. [67] Der Analyse als „Top down“ Verfahren habe allerdings die Synthese als Verstehen im theoretischen Zusammenhang („bottom- up“) zu folgen. Eine vollständi-ge Erklärung verlange die Vollständigkeit beider Schritte, sodass analytisches Erklären (top-down) und synthetisches Erklären (bottom-up) äquivalent zueinander sind. [68] Doch wie Falkenburg an mehreren Beispielen von der Physik über die Chemie bis hin zur Biologie erläutert, gibt es hier einen naturwissenschaftlichen Erklärungsnotstand bei den bottom- up-Strategien. Weshalb das Projekt des ontologischen Reduktionismus als defizitär bezeichnet werden müsse. [69] Bezogen auf die Frage der empirischen Greifbar-keit der Freiheit des Willens finden sich dementsprechend empirisch in der Analyse nur notwendige, aber wohl kaum hinreichende Gründe. Zeichen dafür ist, dass auch in den Neurowissenschaften eigentlich nur Defizit-Modelle des Geist-Hirn-Zusammenhanges vorliegen.

I.C.2.b Notwendige u. hinreichende Gründe

Um ein Geschehen zu erklären, bedarf es angemessener Gründe. Manches, was man nennen kann, weist auf Notwendigkeit, aber dies allein vermag das zu Erklärende oft nicht plausibel zu machen. Es entsteht hiermit eine Differenzierung der Gründe in not-wendige und hinreichende, die auf den ersten Blick banal erscheint, doch was unter-scheidet das Eine vom Anderen? Ein Grund des Auseinanderklaffens des Notwendigen vom Hinreichenden ist ein quantitativer, der sich der Komplexität von Geschehen ver-dankt. Aber es gibt auch einen qualitativen Grund, der bspw. das Mikroskop kategorial vom Auge und vom Sehen unterscheidet. Man kann also wohl sagen, dass je weniger das zu Erklärende dem Grund intrinsisch und je komplexer das zu Erklärende ist, desto eher werden notwendige und hinreichende Gründe auseinanderfallen. Die Beziehung zwischen notwendigen und hinreichenden Gründen ist dabei eine asymmetrische. Hinreichende Gründe sind notwendig, umgekehrt gilt dies nicht. Bezogen auf die Problematik der Hirnforschung bedeutet das Gesagte, dass die Tatsache, dass bestimmte Hirnregionen bestimmte Funktionen ausüben, also zu Fähigkeiten wie z.B. der Sprache ermächtigen, nicht in reduktionistischer Lesart heißt, dass Sprache nichts anderes ist als die Funktion dieser Hirnregion. Beschrieben werden so nur notwendige Bedingungen, hinreichend ist die intakte Hirnregion für diese Fähigkeit keineswegs. [70] Wie Falkenburg richtig bemerkt, ist die Verwechselung der notwendigen mit den hin-reichenden Gründen in den Neurowissenschaften oft Ausdruck einer ontologischen Reduktion geistiger Fähigkeiten. Dabei werde aber außer Acht gelassen, dass diese Reduktion nur funktioniere, wenn „ wir über das Ganze und seine Teile in derselben Sprache reden können.“[71]

I.C.2.c 2 Arten der Erklärung : Erklären nach Ursachen, Erklären nach Gründen: Natur vs. Kultur?

Wie sich aus der Erörterung der aristotelischen Vier-Gründe- Lehre [72] zeigt, gibt es den Menschen betreffend wohl zwei Weisen der Erklärung. Man kann ihn im naturwissen-schaftlichen Sinne als Teil des Kausalzusammenhanges [73] der Dinge betrachten, indem man nach Ursachen fragt. Hierin aber liegt die Versuchung einer ontologischen Reduk-tion auf den materiellen Zusammenhang, wie schon häufiger dargelegt wurde. In die-sem Kontext wird Freiheit als Ausdruck von Vernunft fraglich. Sieht man den Men-schen aber als handelndes und nicht nur sich verhaltendes Wesen, so unterstellt man ihm Gründe und nicht Ursachen für sein Handeln. Denn als Handelndem gesteht man ihm eine Mächtigkeit seines Handelns zu und diese liegt in der Vernunft- Gründung. Es liegen also zwei Weisen des Erklärens in Bezug auf den Menschen vor, ein Erklären nach Ursachen und ein Erklären nach Gründen. Dies gleichzusetzen mit einem Erklären nach der Natur vs. der Kultur wäre zumindest problematisch. Sinn ergibt es aber, Natur und Kultur als zwei Gegenstände des Denkens zu diskutieren.

I.D Zwei Gegenstände des Denkens/ der Erklärung: das Natürliche und der Artefakt

Die Grundfrage, derentwegen sich die Erörterung der Begriffe „Kausalität“, „Notwen-digkeit“, „Determination“ aufdrängte, war die nach dem epistemischen, bzw [74]. dem ontologischen Zusammenhang der natürlichen Welt. Die Welt aber lässt sich nicht nur sehen als etwas, was schon ohne den Menschen ist, sondern auch als etwas, was erst durch ihn als Artefakt hinzukommt. Ein Erkenntnisversuch steht also vor zwei Kom-plexen: der sogen. natürlichen Welt und der Welt der Artefakte, die erst aus dem Handeln des Menschen hervorgeht, also nur daraus erklärbar ist. Hält man dieses Schema ein, dem ein Selbstverständnis des Menschen als Handelnder korrespondiert, so liegt ein Erklären der Natur als ein Erklären nach Ursachen und ein Erklären der Handlungen des Menschen als ein Erklären nach Gründen nahe. Wie oben bereits dargelegt, [75] zielt die Erklärung nach Gründen auf die aristotelische causa finalis, während naturwissenschaftliches Erklären genau diese anthropomorphe Teleologisie-rung vermeiden will und dabei auf eine Natur rekurriert, die selber schaffend und her-vorbringend ist. [76] Anzufragen wäre hier, ob nicht die Unternehmung der Naturwissen-schaften als Projekt der Entanthropomorphisierung des Erklärens in der Position des starken Naturalismus paradox gerade das Eliminierte wieder in den Begriff der Natur einführt, indem es Ihr die Rolle des Selbst- Schöpfens zuweist. Augenfällig verschiebt diese Position die Autorenschaft vom Menschen auf die Natur. [77] Die Bedeutung des Naturbegriffes, der hier Anwendung findet, ist evident. Als erstes soll nun dieser kurz behandelt werden, als zweites wird ihm die Handlung (als Grundlegung des Artifiziel-len) gegenübergestellt. Diese Paarbildung ist zwar keine selbstverständliche, üblicher-weise sich ergebende Paare wären: Kultur- Natur, Normativität- Faktizität etc., doch sie ergibt sich (a) aus dem Ansatz zwei unterschiedliche Weisen des Erklärens zu entfalten und dies (b) im Kontext dieser Arbeit vorzunehmen, den man auch so formulieren könnte: Ist Natur eine hinreichende Erklärung für Handeln?

I.D.1 Natur

I.D.1.a Der Begriff von Natur

Philosophiegeschichtlich stellen sich zwei Tendenzen dar: a) das aristotelische Inter-esse am „natürlichen Ding“, das nicht nach der Natur als Zusammenhang fragt. b) die Fixierung auf die Natur als Ordnungszusammenhang im Gefolge Augustins. In der neu-zeitlichen Entwicklung war der Ordnungsbegriff von Natur nach Mittelstraß im Topos der „machina mundi“ gegenüber dem aristotelisch-scholastischen Naturbegriff domi-nant. Der Begriff des Naturgesetzes wurde eminent und in Weiterschreibung erscheint als Natur „nur noch das, was Gegenstand einer empirischen (Gesetzes-) Wissenschaft ist.“[78] Parallel hierzu findet sich die unter I.C.2.a beschriebene Reduktion der aristote-lischen 4 Gründelehre auf allein die causa effizienz als Prozess einer Entanthropomor-phisierung auch des Natur-Begriffs- Verständnisses. Natur wird hierdurch nicht nur zum Objekt, sondern auch zum Objektiven, das dem Subjektiven im Menschen gegen-übersteht und damit im Verständnis des Naturalismus zum Träger eigentlicher Wahrheit. Auch dieses Moment prägt das naturwissenschaftliche Denken bis heute maßgebend. Kurz sollen aber noch weitere Aspekte des Naturbegriffes genannt werden, um ihn in seiner Kontextualität, die auch seine kulturelle Bedingtheit ist, aufzuweisen: Man kann Natur auch noch in anderem Sinn als das vom- Menschen- unabhängig- Existierende bezeichnen. Natur ergibt sich danach aus der Antithetik zum Artefakt, präziser: aus der Fähigkeit des Menschen, Artefakte herzustellen. Grundlage dieser Fähigkeit wäre die Möglichkeit der Differenzsetzung zum Faktischen als der Grund-struktur des Denkens, durch die der Mensch in die Lage versetzt wird, der Welt als Faktischer handelnd zu begegnen. Denn nur die Vorstellung eines Kontra-Faktischen könnte eine Handlung begründen. Man kann den Begriff der Natur aber auch in Abgrenzung zum „Über-Natürlichen“ setzen, wie es sich in der Abwendung von der christlichen Metaphysik ausprägt, [79] die einer der Ausgangspunkte des Empirismus war. Die Phänomene waren „natürlich“, also konnten es auch die Erklärungen sein. In der Verkürzung heißt dies dann aber leider allzu häufig, dass es nur das empirisch Unter-suchbare in der Gleichsetzung mit Materie gibt. Denn die Prämisse der Natürlichkeit von Erklärungen in Kombination mit der alleinigen Akzeptanz des empirisch Fak-tischen sowie der These von der Einheit der Natur zeigt Natur allein als physisch räum-liche Natur und bestimmt sie ontologisch im Konzept eines materialistischen Monis-mus. Dies ist im Wesentlichen die These der Position des starken Naturalismus. Die Natur stellt sich darin als selbstautoritativ und normativ dar. [80] Diese Position sug-geriert, dass Natur ein empirisch „unmittelbar Gegebenes“[81] sei. Dass sie das nicht sein kann, zeigt schon die kulturgeschichtlich bedingte Zugrundelegung eines allein räumli-chen Vorhandenseins. Eine dritte Form, die Natur zu definieren, wäre ein pragmatisch empirischer Begriff von Natur, wie ihn z.B. Kant vertritt. Natur ist hier die Gesamtheit der erfahrbaren Dinge. Kant verwendet diesen Begriff methodisch epistemologisch. Na-tur erscheint hier als rein Faktische ohne normativen Gehalt. Eine Sonderstellung hat hier der Naturbegriff Spinozas, da er Natur als Zentrum seiner Philosophie setzt und ihr einerseits sowohl Faktizität wie andererseits auch Normativität verleiht. Hier trifft er sich scheinbar mit der Position des starken Naturalismus. Aber Spinozas Natur ist ein-zig seiende Substanz, Gott, Natur und Substanz sind ein Begriff. Dieser „Naturalismus“ ist ein Substanz-Monismus und nicht ein post-substantialistischer Monismus wie der materialistische Monismus, der häufig den Naturwissenschaften als einzig mögliche Folgerung aus ihren Erkenntnissen ontologisch suggeriert wird. Spinozas metaphysi-sche Verortung der Natur wäre daher im vorliegenden Kontext brisant. Denn dieser Begriff von Natur zeigte, dass eine naturalistisch wissenschaftliche Erschließbarkeit der Welt nicht die Annahme einer metaphysischen Grundlegung ausschließt! [82] Insgesamt gilt es festzuhalten, dass der Begriff der Natur ein, aus dem Bewusstsein einer Kultur Geprägter und deshalb ein normativer Begriff ist! Nota bene: Zwar ist der Begriff von Natur ein normativer, aber Natur hat kein normatives Vermögen, solange man nicht die mögliche Differenzsetzung zu ihr selbst als ein immanentes natürliches Vermögen an-sieht! Man kann den sogen. „naturalistischen Fehlschluss“ nach Moore auch als Ver-wechselung der Bezogenheit in einer asymmetrischen Beziehung formulieren: was wir als Natur fassen, entspringt unserer Wertung. Andersherum lassen sich aber unsere Werte nicht aus der Natur ablesen! [83] Natur ist aber keinesfalls, wie im starken Natura-lismus apodiktisch unterlegt, ein „unmittelbar Gegebenes“!

I.D.1.b Der Naturalismus

Der Naturalismus setzt sich aus verschiedenen Einflüssen zusammen. Es finden sich ein Realismus, ein Physikalismus, ein Reduktionismus und insgesamt die Überzeugung, dass es eine Natur gebe, die autoritativ sei und sich dem naturwissenschaftlichen Methodenkanon erschließe. Je nach schwerpunktlicher Betonung finden sich dabei verschiedene Ausprägungen des Naturalismus. Ein ontologischer Naturalismus, der implizit einen ontologischen Realismus vertritt, steht einem methodischen Naturalis-mus, der ggfs. nur für einen epistemischen Realismus steht, gegenüber. Historisch entwickelte sich der Naturalismus im 17.Jhdt. als Abgrenzung gegen einen Glauben an Übernatürliches [84] als Glaube an Natürliches. [85] In diesem Zusammenhang werden Metaphysik und Religion als antinaturalistisch stigmatisiert. Aus der zugrunde gelegten Einheit der Natur [86] und aus der Erklärung alles Natürlichen mittels der naturwissen-schaftlich empirischen Methodik erwächst ein naturwissenschaftlicher Allerklärungs-anspruch, der auch die empirische Erschließbarkeit ursprünglich metaphysischer Ideen wie Freiheit, Seele etc. propagiert und sich in der rezenten neurowissenschaftlichen Debatte auch in Form der sogenannten Neurotheologie äußert. Für den vorliegenden Zweck erscheint es hinreichend, eine starke von einer schwachen Variante zu trennen. Die starke Verortung des Naturalismus besteht auf der ontologischen Option, wobei der inhärente Realismus kein naiver Realismus sein muss, meist jedoch ist. Das Normativi-tätsproblem wird entweder durch Leugnung der Normativität oder durch Beschreibung der Normativität als Teil des Faktischen für gelöst gehalten. Die schwache Verortung des Naturalismus zeigt ebenfalls mehrere Varianten. Wesentlich ist jedoch, dass keine ontologische sondern allein eine epistemologische Option gezogen wird. In diesem Sinne ist die Welt vorstellbar als eine natürlich Erklärbare. Hier kann man z.B. Positio-nen wie die von Habermas vertretene der „metatheoretischen… Annahme einer Konti-nuität zwischen Natur und Kultur“ verorten. [87] In den Positionen des schwachen Natu-ralismus wird die Differenz zwischen Normativität u. Faktizität als Problem erkannt und nicht negiert!

I.D.1.c Natur als Faktische oder Natur als Normative?

Wenn man Natur als das Gegebene auffasst, wie dies im Naturalismus geschieht, so stellt sich die Frage, wie aus diesem faktischen Sein ein Normatives als ein Sollen entstehen soll und auch wozu es entstehen soll. Der Naturalismus kann hierauf genau-genommen keine Antwort geben. Sieht man dagegen schon im Sein ein Sollen, so wäre dieses Sein ein Sein, das sich selbst transzendierte und entspräche eben darin in gewis-ser Weise nicht mehr der Vorgabe des Naturalismus, dass Natur ein empirisch Erfass-bares sei. Anders formuliert, diese Natur erfasste auch das Außer- oder Übernatürliche. Auch dies scheint problematisch, wenn man die angeführten Prämissen des Naturalis-mus im Auge behält. Das Normativitäts-Problem erscheint für den Naturalismus nicht lösbar. [88]

I.D.1.d Welcher Realismus?

Methodisch müsste dieser Punkt im Kontext von Erklären und Erkennen (I.C) aufge-führt werden. Die Erörterung findet aber im Sinn dieser Arbeit im Zusammenhang mit dem Naturalismus statt. Mit der Position des „naiven“ naturalistischen Realismus stellt sich die Frage, nach dem Zusammenhang zwischen der Welt und unserer Erkenntnis von ihr: grob kann man 3 Positionen nennen: (a) die Welt ist unabhängig von unserer Erfahrung und unserem Bewusstsein so wie wir sie sehen. Dies ist die Position des naiven Realismus: [89] Die Aussagen der Wissenschaft wären damit ontologische Festlegungen. (b) Wie die Welt ist, ist uns unerfindlich, unser Bild von Ihr wäre vollkommenes Konstrukt. In der Konsequenz stellt sich mit der Unmöglichkeit des Erkennens jedes Erkenntnisbestreben absurd dar: Wissenschaft ist auf dieser Grundlage nicht zu betreiben. Man kann diese Position als Antirealismus kennzeichnen. [90] Nicht nur jedem Erkennen, sondern auch jeder Vernunft wäre hier die Wirklichkeit entzogen, da die Verunmöglichung des Ersteren dem Letzteren Berechtigung und Sinn nimmt. (c) Unser Erkennen der Welt hängt an unserer Bedingtheit in ihr und durch sie. Verkürzt heißt dies, dass wir uns ein möglichst adäquates und zur „Praxis der Navigation“[91] taugliches Bild von der Welt konstruieren auf der Basis nicht von unbedingtem sondern von bedingtem Realkontakt. Wie die Welt aber an sich, jenseits unserer Bedingtheit ist, können wir nicht sagen. Der Garant von sinnvoller Erkenntnis liegt aber gerade auch in unserer Bedingtheit, denn diese bindet uns als Teile ins Ganze ein. Diese Konzeption meint Erkennen auch als Einordnungversuch des Teiles in das umgebende Ganze. Eine Bedingtheit, die das Teil in Isolation zum Ganzen hält, wäre hier absolut widersinnig. Diese Position kann man als „kritischen Realismus“ bezeichnen. [92] Sie würde der Ver-fasser für die Argumentation des Gedankenganges der vorliegenden Arbeit reklamie-ren. Es besteht demgemäß ein praktikabler Bezug auf die Real Existenz der Dinge, aber eine ontologische Festlegung im Sinne letztgültigen Erkennens wird nicht befürwortet. Unser Erkennen bleibt immer an die Bedingungen unserer Möglichkeit geknüpft und diese kennzeichnen uns als Teil in den Bedingungen des Ganzen.

I.D.2 Handlung - Grundlegung des Artifiziellen

So wie man die Natur als ein unabhängig vom Menschen zu Erklärendes ansehen kann, so muss man den Artefakt, bzw. die ihm zugrundeliegende Handlung des Menschen im Bezug auf den Handelnden erklären. Im Kontext der Handlung, der den eigentlichen Hintergrund der Zuschreibung von Freiheit darstellt, zählen Gründe statt Ursachen in der Absicht, Handeln erklärbar und verständlich zu machen. Während Ursachen empi-risch erruierbar sind, gilt dies nicht für Gründe, diese offenbaren sich erst in einer so-zialen Praxis des Austausches von Begründungen. Andererseits gibt es aber auch Hand-lungstheorien wie die kausale Handlungstheorie, wo Gründe als Ursachen genommen werden. Eine Akteurstheorie der Handlung würde wiederum einen mentalistischen Kausalismus vertreten, wobei problematisch wäre, wie der Geist im physikalischen Ursache- Wirkungs- Zusammenhang wirksam werden kann. Wesentlich ist auch der Zusammenhang zwischen Erkennen und Handeln, der in einigen Handlungstheorien hervorgehoben wird. Im Zusammenhang des Handelns tritt zudem die Frage des Gelin-gens hervor und diese stellt das Handeln in den Kontext gelingenden Lebens. Man kann also die Frage der Freiheit des Willens vielleicht vielversprechender nicht als Problematik ontologischer Bestimmung, Freiheit vs. Determination, sondern als Frage des Zusammenhanges von Person, Handlung und Gelingen betrachten. Freiheit wird dann zum Vermögen der Handlungsurheberschaft, die Frage ist dann nicht mehr, „ Hat der Mensch einen freien Willen?“, sondern „Wie praktiziert er diesen Willen? Diese Gedanken werden im Verlauf der Arbeit eine wesentliche Rolle spielen.

I.D.3 Kultur vs. Natur: Kulturalismus statt Naturalismus?

Kann man nun aus dem Gesagten folgern, dass nicht die Natur der Kultur übergeordnet ist (wie es der Naturalismus behauptet), sondern dass im Sinne eines Kulturalismus das Gegenteil der Fall sei? Nicht nur nach Ansicht des Verfassers ergibt das Ausspielen der beiden Konzepte gegeneinander wenig Sinn, denn genau genommen handelt es sich um das Begriffspaar eines Konzeptes, das Demmerling als Vokabular „eines produktiven Durchgangsstadiums“ in der Beschreibung des Menschen ansieht. [93] Wie Splett darlegt, ergibt sich auch kein Sinn aus einem Antirealismus, der alles als Konstrukt auffassen will, sondern Kultur als Konstrukt bedürfe einer Anbindung an „ Constraints …, denen man eher ausgeliefert ist als dass man sie selber produziert hätte“. [94] Die etymologisch geschichtliche Grundbedeutung des Wortes Kultur als Pflege der Natur zum Anbau-grund verweist hier schon, so Spaemann, auf die Bezogenheit beider Begriffe aufeinan-der. [95] Löst man diese Bezogenheit auf und verabsolutiert einen dieser Begriffe, so wer-den sie „ in sich selbst dialektisch“, wie Spaemann am Begriff der Natur in der scholas-tischen Unterscheidung zwischen natura naturans und natura naturata darlegt. [96]

Bezogen auf die vorliegende Fragestellung ist eine naturale Erklärung des Handelns genauso wenig leistbar wie eine kulturale Erklärung der Neurotransmitter Kybernetik sinnvoll wäre. Das Erklären nach Gründen ersetzt kein Erklären nach Ursache und vice versa. Im Weiteren sollte man aber auch beachten, dass der Begriff der Natur schon ein Normativer ist, d.h. Natur definiert sich von Kultur her und nicht umgekehrt, wie es ein Irrtum des Naturalismus glauben lässt!

Nach dieser einführenden Diskussion des begrifflichen Umfeldes von „Freiem Willen“ soll im Folgenden die Neurowissenschaftliche Position als die eines deterministischen Inkompatibilismus erarbeitet werden.

II Eine ontologische Determination im Kontext eines materialistischen Monismus?

Es ist heute eine auch in der Philosophie verbreitete und fast allgemein akzeptierte Ansicht, dass aus den vielversprechenden Erfolgen der empirisch naturwissenschaft-lichen Unternehmung auf die Richtigkeit ihrer Grundlagen geschlossen werden darf. Ihr steht scheinbar eine lange Tradition erfolgloser Versuche, die Welt zu begreifen und in ihr erfolgversprechenden Handlungsraum zu finden, gegenüber. [97] Für Viele ist das oberste Kriterium für gelingendes Begreifen einer Sache ihre Manipulierbarkeit. Wenn man von dieser Grundlage ausgeht, so lag und liegt es nahe, dass dem Erfolg der Unternehmung auch die reale Entsprechung zur Welt zugrunde liege. Hierbei wird allerdings außer Acht gelassen, dass erstens erfolgreiche Orientierung auch durch Orientierung an der Struktur der für uns entscheidenden Überlebensebene beschreibbar ist und dies nicht zu einer ontologischen Aussage berechtigt. Hierfür spricht unsere evolutive Bedingtheit, die einerseits eine spezialisierende Potentialisierung aber ande-rerseits damit auch eine fokussierende Einschränkung unserer Wahrnehmung als evolu-tiven Vorteil hervorbringt. [98] Orientierungserkenntnis darf nicht mit abschliessender Seinserkenntnis verwechselt werden! [99] Hierzu passt, dass Grenzbereiche unserer Wirk-lichkeit wie beispielsweise die Quantenmechanik eben nicht mehr klassisch kausal strukturiert sind, dass diese Erkenntnisse aber für uns auch nicht unmittelbar hand-lungsrelevant sind. Dies bedeutet aber auch, dass unser Erfolg in der Erkenntnis der Welt per se ein Gradueller und kein Vollkommener ist, wie beispielsweise die Entwick-lung der Umweltproblematik durch technischen Fortschritt demonstriert. Und man muss aus diesem Kontext heraus und in Bezug auf die empirische Naturwissenschaft feststellen, dass die ontologische Aussage dort etwas ist, das man zudem methodisch ausgeschlossen hat, indem man sich nur mehr dem Erfahrbaren zuwendet. Des Weite-ren gilt es festzuhalten, dass das Erfahrbare selbst kein unmittelbar Gegebenes ist. Trotz der genannten Einwände ist die Tradition des Empirismus und seiner Quellen in den Naturwissenschaften weiterhin valide, sei es in der Fortsetzung der Tradition eines mechanistischen Denkens oder der Übernahme der Vermischung von Kausalität und Determination. Und daher erscheint in dieser Sicht, alles Geschehen ontologisch determiniert auf der Basis eines monistischen Materialismus, der drei Suppositionen hat: (a) die Wahrnehmbarkeit und Erklärbarkeit der Welt basiert auf ihrer Regelhaf-tigkeit und für diese setzt man Determination und Kausalität ein. (b) die Erklärung der Welt steht zum Sein der Welt in einem einfachen Realverhältnis, dazu gehört, dass (c) der Naturbegriff diesem Realismus entsprechend ein „faktischer“ und kein normativer sei [100] und dass (d) Naturgesetze nicht Beschreibungs-/ Erklärungsgesetze sind, sondern dass sie als Sollensgesetze verstanden werden in einer Gestalt, die Faktisches und Nor-matives verschmilzt. [101]

II.A Einleitung: Situierung der Neurowissenschaft

Die modernen Neurowissenschaften sind ein Konglomerat von Fachwissenschaften. [102] Die allermeisten dieser wissenschaftlichen Ansätze sind naturwissenschaftlichen Cha-rakters und stehen damit in der Tradition einer induktiven empirischen Methodik. Meist wird das empirisch Erfahrbare für ein unmittelbar Gegebenes gehalten, d.h. wie oben [103] dargestellt wurde, ist diese Position oft mit einem materialistischen Monismus ebenso wie mit einem mehr oder weniger naiven Realismus verquickt. Beide finden sich mit schweren ontologischen Hypotheken beladen. Diese Behauptungen sollen im Folgen-den speziell an der im deutschsprachigen Raum geführten Diskussion exponiert, erläu-tert und befragt werden.

Die Begrenzung der Referenz ergibt sich, da die durch die Libet-Experimente herbei-geführte Diskussion eben im deutschsprachigen Raum mit radikalen Schlussfolgerun-gen geführt wurde, an denen sich exemplarisch die genannten Positionen gut beleuch-ten lassen. Um quasi die Szenerie in nuce zu umreißen und um aufzuzeigen, dass die Positionierung von Roth und Singer keine solitäre ist, beginnt diese Erörterung mit einem Manifest, das Elf international anerkannte deutschsprachige Hirnforscher im Jahr 2004 in der Zeitschrift „Gehirn und Geist“ veröffentlichten.

II.A.1 Manifest der elf Hirnforscher

Gemäß dem Charakter eines Manifests als Grundsatzerklärung äußern sich hier Elf Autoren, [104] zu denen auch Roth u. Singer gehören, zwar kurz thesenhaft, aber durchaus differenzierend. Der Aufbau folgt der Fragestellung, was Neuroforscher heute, in 10 Jahren und überhaupt wissen können. Sinnvoller Weise erfolgt hierbei in einem ersten Schritt eine Gliederung der Forschungsunternehmung von makroskopischen Organ-strukturen und -funktionen zum molekularen Zusammenhang in drei Ebenen des Wis-sens und Erkennens. Diesen Ebenen werden in der Folge die adäquaten Methoden kri-tisch zugeordnet unter dem Aspekt ihrer jeweiligen Reichweite. Hierbei wird bei der Statusaufnahme heutigen Wissens deutlich auf die Wissenslücke der mittleren Ebene neuronaler Netze hingewiesen. In der Behandlung der Projektion möglichen neurowis-senschaftlichen Wissens finden sich schließlich deutliche Thesen zur Naturalisierung des Geistes und implizit auch der Willensfreiheit als empirisch beantwortbarer Frage. So nachdenklich und besonnen der Textlaut in den Passagen der Kritik heutiger Metho-den ist, so entlarvend positivistisch gibt er sich im Ausblick auf die Zukunft und hier finden sich auch die steilsten Thesen.

In einem ersten Schritt soll ein sehr pointierter Abriss der verfügbaren Untersuchungs-methoden der Neurowissenschaften erfolgen, da hiermit zugleich ein wesentlicher Ein-blick in die Materie und ihre Problemstellung gegeben werden kann. In einem zweiten Schritt sollen die Thesen erarbeitet und akzentuiert in den Kontext der Propädeutik (I) gestellt werden. In einem dritten und letzten Schritt folgt dem eine kritische Erörterung. All dies in der Bemühung um Kürze, denn natürlich ließe sich an diesem Programm schon das Meiste der Problematik argumentieren, aber man bliebe dabei dem Vorwurf ausgesetzt, hinein zu interpretieren und zu deuteln. Daher soll das Ziel dieses Absatzes über das Manifest nur sein, explizite Positionen zu benennen, implizite Positionen zu entdecken und Beide mit den in der Propädeutik erarbeiteten Problemkonstellationen zu konturieren. Kritik soll „vor Ort“ aber, wo sie sich anbietet, zumindest skizziert darge-boten werden.

II.A.1.a Methode und Erkenntnis

Da das Hirnforschungs- Projekt keine schwärmerische Unternehmung ist, sondern von einem differenzierten methodischen Vorgehen und einem klaren Verständnis der Gren-zen der jeweiligen Einzel- Methoden getragen wird, stellen die Autoren in einem ersten Schritt wesentliche dieser Methoden dar , um in einem zweiten Schritt eine Kritik der jeweiligen methodischen Grenzen anzuschließen. In der folgenden kritischen Metho-dendiskussion treten jedoch zwei vorwissenschaftliche Einstellungen hervor: Skepsis und positivistischer Glaube. Auch dieser Konnotation soll Rechnung getragen werden, da dies den argumentativen Impetus, der im Anspruch auf eine „Veränderung unseres Menschenbildes“ liegt, [105] erfasst.

II.A.1.a.1 Vorstellung der Arbeitsweise: Erkenntnisebenen und Methoden

Drei Erkenntnis- Ebenen werden von den Autoren differenziert, es sind diese die ober-ste Ebene der Funktion großer Hirnareale, die mittlere Ebene der neuronalen Netze und die unterste Ebene, die die zellulären und molekularen Abläufe betrifft. Auf der makro-organischen und der zellulären Ebene sei eine fundierte Erklärbarkeit gegeben, jedoch zeige sich eine Erklärungslücke auf der mittleren Ebene. [106] Das Erkenntnisziel ist auf allen Ebenen die Fixierung eines Empirischen als raum-zeitliches Ereignis. In diesem Sinne gelte es die verschiedenen Charakteristiken der zur Verfügung stehenden Unter-suchungstechniken zu kombinieren. PET [107] und fMRT [108] zeigen eine gute räumliche Fixierung mit hoher Auflösung des Geschehens durch Messung des regionalen Ener-gieverbrauches im Gehirn. Da diese Prozesse zeitlich verzögert gemessen werden, ist eine zeitliche Datierung hiermit sehr ungenau. Das klassische EEG [109] zeigt hingegen die elektrische Aktivierung corticaler Neuronenverbände quasi in Echtzeit, habe aber nur geringe räumliche Auflösung. Die zeitliche Auflösung sei in der MEG [110] optimiert, so dass Prozesse damit Millisekunden genau angemessen werden. Zudem sei bei der MEG die räumliche Auflösung verbessert. [111] Eine Kombination der genannten Metho-den lasse auf der oberen Erkenntnisebene eine Darstellung des „Zusammenspiel(s) ver-schiedener Hirnareale“ zu, durch die „kognitive Funktionen wie Sprachverstehen … Handlungsplanung“ etc. ermöglicht würde. [112] Auf der untersten neuronalen Organisa-tions Ebene besteht durch andere Methoden wie Fluoreszensmikroskopie etc. ein erheb-liches Wissen über Nervenzellmembranen, Neurotransmitter, interne zelluläre Signal-prozessketten usw.. Außerdem sei hier nicht nur eine Darstellung der Raum-Zeit-Veror-tung, sondern auch eine hinreichende Simulierbarkeit des Geschehens in Computermo-dellen möglich. [113] Übersetzt heißt dies, dass nicht nur eine Analyse als „top-down Erklärung“, sondern auch eine Synthese als „bottom-up Erklärung“ möglich ist und damit, wie oben dargelegt, eine vollständige Erklärung leistbar wäre. [114]

Erdrückend, so die Autoren, sei allerdings eine Wissenslücke für die mittlere Ebene, [115] was die skeptische Frage bedinge, „wie man dies mit heutigen Mitteln überhaupt erfor-schen könnte“. [116] Die hier im Folgenden vorgelegte Methodenkritik und Skepsis gilt es allerdings etwas deutlicher zu beleuchten, da sie nicht ganz eindeutig ist, sondern in einer Ambivalenz zu einer positivistischen Erwartung eines Zukünftigen steht!

II.A.1.a.2 Kritisches Methodenverständnis: zwischen Skepsis und positivistischer Erwartung

Letztlich führt das gerade Gesagte also zu einer Methodenkritik, denn die angewandten Methoden wie PET mäßen „nur sehr indirekt, wo…etwas mehr Energiebedarf besteht“ und dies wäre „in etwa so, als versuchte man die Funktionsweise eines Computers zu ergründen, indem man seinen Strombedarf misst…“. [117] Dies gelte im Besonderen für die kategorische Unmöglichkeit, [118] eine Erkenntnis des Individuellen Organs zu erlan-gen, bzw. eine komplette Vorhersage individuellen Verhaltens treffen zu können. [119] Hier wird als Begründung jedoch nicht der deterministische Zusammenhang in Frage gestellt und auf einen probabilistisch statistischen Zusammenhang geschlossen, sondern man erklärt diese apodiktische Erklärungslücke über die „Selbstorganisation“ der Gehirne. [120] Damit stellt sich dann allerdings die Frage nach dem Selbst in einem deter-ministischen Zusammenhang, wie sie unter II.D erörtert werden wird. [121] Doch ange-sichts dieser Zweifel findet man paradox zurück zum positiven Glauben an die Macht wissenschaftlicher Erkenntnis [122] und offenbart darin zusätzlich einen Glauben an die normative Kraft von Wissenschaft für die tägliche Praxis, [123] der den o.g. [124] Allein-erklärungsanspruch von Wissenschaft im Gewand der Einheit wissenschaftlicher Epis-teme [125] in der weiteren Folge in eine Ontologie gießen wird, die einer Verabsolutie-rung des eigenen naturwissenschaftlichen Anganges entsteigt. Insgesamt verfestigt sich der Eindruck einer positivistischen Diesseitsflucht, vorgetragen im Ton biblischer Offenbarungssprache. [126]

II.A.1.b Thesen des Manifestes und ihre kritische Kontextualisierung in die Diskussion

Versucht man aus dem Manifest einige Grundthesen zu extrahieren, so gerät man, da diese nahezu alle implizit gemacht werden, in den Verdacht des Hineininterpretierens. Dennoch erscheint es berechtigt, folgende Thesen zu benennen: 1. Alles ist natürliches Geschehen. 2. Natürliches Geschehen bedeutet materielles Geschehen. 3. Der Ablauf natürlichen Geschehens ist ontologisch determiniert. 4. Jede andere Erklärung verletzt den Kausalzusammenhang und entspricht damit nicht der Wirklichkeit der Welt. 5. Die Naturalisierung erklärt auch geistige Gehalte nicht nur als natürlich Gewachsene, son-dern als natürlich Erklärbare im o. g. S. (These 2).

Aus diesen Thesen folgt: (1.) Der vorgetragene Naturalismus ist ein reduktionistischer Naturalismus, der (2.) Ausdruck eines materialistischen Monismus ist. Dabei wird (3.) der Zusammenhang der Welt nicht nur epistemisch, sondern ontologisch determiniert gesehen. Vertreten wird also ein ontologischer Determinismus, der sich implizit (4.) erkenntnistheoretisch in einem naiven Realismus, als einer Entsprechung wissenschaft-licher Wahrheit an einem ungebrochenen Verhältnis zu ontologischer Wirklichkeit, festmacht. [127] Mit (5.) spätestens zeigt sich der hier vertretene Naturalismus als starke naturalistische Positionierung. [128] Dies gilt es im Folgenden zu belegen. Der ontolo-gische Anspruch tritt deutlich erst in dem Kapitel über „Die Natur des Geistes“[129] her-vor. Anfänglich wird nur eine Korrelation neuronaler und geistig-psychischer Zustän-de, die „aufs Engste miteinander zusammenhängen“, veranschlagt. [130] Parallel wird bei der Erörterung der Kybernetik neuronaler Netzwerke als nichtlineare Systeme [131] impli-zit der Begriff der Emergenz eingeführt, [132] indem dem Ganzen andere Eigenschaften zugestanden werden als sie die Teile hätten. [133], [134] Quasi als selbstverständliche Impli-kation aus dem Gesagten wird dann aber eine ontologisch reduktionistische Folgerung expliziert, [135] die dem zuvor eingeführten Emergenzgedanken, der eben im Gegensatz zu einem ontologischen Reduktionismus keine bottom-up Erklärung zulässt, deutlich widerspricht! Suggestiv stellen die Autoren fest, dass der Geist sich „in das Naturge-schehen“ einfügt und es nicht „übersteige( )“. [136] Suggestiv ist diese Argumentation deshalb, da mit Selbstverständlichkeit ein ontologischer Begriff von Natur zu Grunde gelegt wird, der, wie aus den sonstigen Darlegungen hervorgeht, einem materialisti-schen Monismus geschuldet ist. In der zukünftig zu erwartenden gegenseitigen Vorher-sagbarkeit von neurophysiologischen und geistigen Zuständen klingt sowohl der deter-ministische Zusammenhang an, [137] gleichzeitig aber auch die Verwechselung von Deter-minismus mit Vorhersagbarkeit, die bereits oben moniert wurde. [138] Indem Geist gleich Natur gesetzt wird, wird Geist Materie gleichgesetzt. Dass diese ontische Option weder notwendig noch zwingend ist, wurde bereits dargelegt. [139] Der argumentative Effekt ist, dass so ein selbstaffirmativer Zirkel generiert wird: die methodische Bestimmung des Natürlichen als empirisch Erfahrbares in der Gleichsetzung mit Materie, macht den Ordnungszusammenhang von Natur in Naturgesetzen als Gesetze für materielle Sach-verhalte zwingend und wird gleichzeitig als Beweis einer materialistischen Ontologie angeführt. Als Beleg wird requiriert, dass der Geist ein Evolutionsprodukt sei. [140] Diese Annahme ist aber kein selbsttragendes Argument für eine materialistische Reduzierbar-keit des Geistes. Logisch zwingend wird dieser Schritt nur, wenn man sich im gen. selbstaffirmativen Zirkel bewegt. [141] Nebenbei bemerkt widerspricht das verwendete Evolutionsargument [142] eher einem ontologischen Determinismus als Grundlage eines naturwissenschaftlichen Weltbildes, denn Motor der Evolution ist der Zufall! [143] Konsequent wird die Frage des freien Willens explizit als empirisch lösbar betrachtet und hierbei werden in der neurologischen Bedingtheit notwendige für hinreichende Bedingungen gehalten. [144]

Die Position des starken Naturalismus verlangt eine Ausdehnung des Naturbegriffes auf normative Elemente. So werden im Manifest „angeborenes und erworbenes Wissen“ gleichgesetzt, [145] womit implizit die Natur als Faktische das Denken, das nach oben dar-gelegten Überlegungen ein Vermögen zu Kontrafaktischem ist, [146] aufnimmt. Diese In-korporation des Denkens in die Natur bedeutet dann entweder, dass in der Natur ein Kontrafaktisches, bzw. Un-Natürliches ist. Positiv formuliert bedeutet es, dass die Natur, im natürlichen Vermögen zu denken, sich selbst transzendiert. Oder Denken ist auch wieder nur Ausdruck von Faktizität, dann gäbe es nach I.B.3.b kein Bewusstsein und Denken, das Erkenntnis der Natur konstituieren würde. Diese letzte Möglichkeit wäre also performativer Widerspruch jedes Forschenden. Hierhin führt aber ein natura-listischer Positivismus mit seiner scientizistischen These, dass nur eine naturalistische Sicht der Welt i.S. der empirischen Naturwissenschaft adäquate Erkenntnis gewähr-leiste. Hierhin gehört auch der Glaube an die Normativität von Wissenschaft.

Insgesamt lässt sich an diesem Text aufzeigen, wie implizit einerseits starke Thesen vertreten werden, ohne diese und die ihnen zu Grunde liegenden Aussagen explizit und damit angreifbar werden zu lassen .

II.A.1.c Zusammenfassende kritische Erörterung des Manifestes

Das empirisch induktive Vorgehen der Neurowissenschaften versucht Wirklichkeit des Menschen in Raum- Zeit- Daten zu übersetzen. Im Sinne eines ontologisch reduktionis-tischen Materialismus, der von den Autoren mit dem naturwissenschaftlichen Projekt gleichgesetzt wird, wird dieses Prinzip auch auf kognitive Fähigkeiten, also auf Geist und auf die Freiheit des Willens angewandt. Sinnigerweise wird das einzig mögliche Ergebnis in den Proklamationen des Manifests schon implizit vorweggenommen. Denn der Geist als Teil eines rein materiellen Naturbegriffes kann kein Platz von Kontrafakti-zität und damit Freiheit sein. Insgesamt wird die Position eines starken Naturalismus zu Grunde gelegt, die mit den oben bereits erörterten und im weiteren Verlauf noch her-vortretenden Problemen zu kämpfen hat. Mit der Verwechselung von Determination und Vorhersagbarkeit, sowie der Wertung notwendiger als hinreichender Bedingungen zeigen sich typische Muster der neurowissenschaftlichen Diskussion um den freien Willen und das Geist-Körper-Problem. Typisch ist auch der daraus folgende mereolo-gische Fehler, der vielen Argumentationen zu Grunde gelegt wird und der das Gehirn als Untersuchungsgegenstand, das Objekt also, in die Subjekt-Position hebt. Zwar ist das Gehirn ein notwendiges Organ, um Person zu sein, aber es ist deshalb in seiner phy-sischen Gegebenheit noch nicht hinreichende Begründung der Person und kann nicht den Akteur ersetzen. Doch eben dies wird im Manifest behauptet, wenn davon gespro-chen wird, dass das Gehirn sich selbst erkenne. [147] Der mereologische Fehler zeigt sich in diesem Kontext als paradoxer Ausdruck der Objektivismus- Falle der Naturwissen-schaften, denn in der vollständigen Objektivierung findet das Subjekt erst wieder in der Ermächtigung des Objektes zum Normativen zur Sprache. Damit ist der mereologische Fehler auch Ausdruck eines Naturbegriffes, der Natur allein als Faktisches sieht, das normativ aufgeladen wird, um den Status des Betrachters erklären zu können. Insge-samt deutet die Widersprüchlichkeit einiger Thesen darauf hin, dass die Grundlegung und Implikationen der Thesen nicht bedacht werden, sondern, bei aller spezialwissen-schaftlichen Reputation, eine ideologische Sicht bei den elf Autoren vorherrscht. So wird der Gedanke der ontologischen Determination z.B. durch das Evolutionsmodell, das gerade als Beleg für naturale Geltung angeführt wird, in Frage gestellt. Etwas Ähnliches tritt hervor in der Nutzung des Emergenz- Arguments. Denn einerseits wird die Natur des Geistes reduktionistisch- materialistisch gesehen, andererseits wird das Emergenz- Argument angeführt für das Entstehen von Geist aus einem Nichtgeistigen. Emergenz bedeutet aber gerade, dass keine bottom- up Erklärung, kein synthetischer Schritt von den Eigenschaften der Teile zu den Eigenschaften des Ganzen möglich ist! Diese Widersprüchlichkeit korrespondiert mit der Unentschiedenheit zwischen skep-tischer Methodenkritik und positivistischem Machbarkeitsglauben, die sich in Formu-lierungen offenlegt, in denen die Grenze zwischen wissenschaftlicher Fähigkeit zur Vi-sion und positivistischem Zukunftsglauben verschwimmt. Dies geschieht bspw. auch wenn die aus der Weiterentwicklung der Rechnerkapazitäten zu erwartende Zunahme der möglichen Modellkomplexität mit einer Zunahme der Abbildungsrealität verwech-selt wird. [148] Denn an dieser Stelle ist auf ein generelles Problem von Computermodel-len hinzuweisen, zuvorderst spiegeln sich darin auch die Technik und die ihr zu Grunde liegenden Theorien und nicht nur das zu simulierende Modell. [149]

Nach Kettner ist es vor allem eine methodische Verengung der im Manifest sich formulierenden Neurowissenschaftler, die „in eine ontologische Verkürzung“ führt, da der Geist allein als individuelles Phänomen gedacht wird. [150] Hagner pflichtet dem bei, indem er erläutert, dass erst die Erhebung von subjektiven und sozialen Wahrnehmun-gen in der Korrelationssetzung zu hirnphysiologischen Vorgängen Aussagen zu geisti-gen Phänomenen machen könne. [151] Es werde, so weiter Kettner, ignoriert, dass es eben nicht Hirne, sondern Personen sind, die sich Gründen verpflichtet fühlen. In Konse-quenz werde ausgeblendet, dass wir als soziale Wesen in die Notwendigkeit zur Recht-fertigung unseres Handelns durch Gründe eingebunden seien. Zudem sei die Fähigkeit, Gründe zu geben eben „Kern menschlicher Rationalität“. [152] Der normative Charakter beinhalte schon den sozialen Kontext des Begründens, indem durch den Geltungsan-spruch „immer schon andere Personen ins Spiel gebracht“ sind. [153] Eben dieses „Soziali-täts-Defizit in der methodologischen und ontologischen Vorstellung“ der Manifestver-fasser erlaube ihnen nicht, den aus dem sozialen Rechtfertigungsbedarf des Handelns hervorgehenden Charakter des guten Grundes als intersubjektiv verständlichen Grund, also als unter der Vernunft stehender Begründung einer Person zu erkennen. [154]

Die projektierte Änderung des Menschenbildes deutet sich also schon auf dieser Stufe als möglicher Rückschritt, keinesfalls aber als Fortschritt im Menschenbild an.

II.A.2 Eine kurze ideengeschichtliche Grundlegung der empirischen Hirnforschung, Das Projekt der Naturalisierung des Menschen unter einem mechanistisch physikalistischen Naturbegriff

Die gerade bzgl. des Manifestes besprochenen Probleme und Argumentationsfallen sind nicht singulär nur dort vorhanden, sondern sind in gewisser Weise typisch für die rezente Argumentation des Menschlichen [155]. Im Wesentlichen liegen sie im Projekt der Naturalisierung des Menschen begründet. Denn mit den drei wesentlichen Wurzeln der modernen Naturwissenschaft kommt ein materialistischer Monismus, als eine Absetz-bewegung vom Dualismus einher, [156] der im Drängen der Wissenschaft nach einem ein-heitlichen Zusammenhang reduktionistisch vorgeht. Dieser monistische Materialismus sieht sich gespeist von einer Metaphysikfeindlichkeit, [157] die im Wesentlichen Ableh-nung der scholastischen Theologie ist und die daher häufig auch mit einem antireligiö-sen Konzept verbunden ist.

[...]


[1] vgl. (a) Mittelstraß, J., Artikel „Natur“, in: Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, Mittelstraß, J. (Hg.), Bd 2., 961-3, und (b) Schwemmer, Oswald, Artikel „Wille“, a.a.O., Bd.4, 704-7

[2] gemeint ist hiermit die Renaissance als zweite Aufklärung, der die erste Aufklärung der griechischen Philosophie voranging und die dritte Aufklärung der Neuzeit folgte

[3] Anzumerken ist, dass diese Beurteilung der empirisch wissenschaftlichen Unternehmung eine normative Aussage des Verfassers im Sinn dieser Arbeit ist. Das neuzeitlich empirische Konzept lässt sich geschichtlich zwar seit seinen Anfängen kaum von einer ontologischen Festlegung und einer gewissen Metaphysikfeindlichkeit trennen, inhaltlich aber besteht keine notwendige Verbindung zwischen diesen Positionen!

[4] Das Manifest, Gehirn & Geist 6 (2004), 30-375

[5] auch hier Roth und Singer in vorderer Reihe

[6] Wie Walde unter Anführung einer Studie von Goschke, Kürschner-Wendt darlegt, sei Willensfreiheit durch das Libet Paradigma nicht widerlegt. Walde, Bettina, Willensfreiheit und Hirnforschung, Das Freiheitsmodell des epistemischen Libertarismus, Mentis Verlag 2006, 105/6.

[7] hier Gethmann, C.F., Die Erfahrung der Handlungsurheberschaft und die Erkenntnisse der Neurowissenschaften, in: Sturma, D. (Hg.), Philosophie und Neurowissenschaften, Suhrkamp Verlag 2006, 215–239 , 221

[8] Dieses Begriffszitat wie auch die folgende Erörterung verdankt sich einen Artikel zum Willen von Oswald Schwemmer in: Enzyklopädie- Philosophie und Wissenschaftstheorie, Mittelstraß, Jürgen (Hg.), Metzlersche Verlagsbuchhandlung 2004 (1996), Bd.4, 704-707, (zit. Schwemmer 1996)

9 Schwemmer 1996, 705

[10] Schwemmer 1996, 705

[11] s.u. II.C.1.b

[12] deutsche Ausgabe: Sellars, Wilfried, Der Empirismus und die Philosophie des Geistes, Mentis Verlag 2002

[13] Die Position des Realismus behauptet hierbei ein Sein des Willens, das unabhängig vom Wollenden ist. Die Position des Antirealismus kennzeichnet ein Wollen, das als Verlauf und Vollzug ohne einen Wollenden keine Existenz hat. Allerdings geht Splett davon aus, dass „der Wille“ existiert, sowohl als etwas, das den Diskurs bestimmt, als auch als etwas, das durch den Diskurs konstituiert wird.(Splett, Thomas, Wille und Ontologie oder gibt es den Willen wirklich?, in: Willenshandlungen, Vierkant, Tillmann (Hg.), Suhrkamp 2008, 108-134, 119

[14] Splett sieht hier allerdings eine einander gegenseitig bedingende Abhängigkeit des Willens von den sozialen Praktiken und vice versa. vgl. Splett 2008, 126

[15] Beckmann, Jan-P., Johannes Duns Scotus und Wilhelm von Ockham: Willensfreiheit als rationales Handlungsprinzip, in: Hat der Mensch einen freien Willen?, a.d.Heiden, U. u. Schneider, H. (Hg.), Reclam Verlag 2007, 124/125

[16] Walde 2006, 25ff. Walde konzentriert sich allerdings auf Urheberschaft und Selbstbestimmtheit, da nach H.Frankfurt die alternativen Möglichkeiten nicht als notwendige Bedingung der Freiheit gesehen würden. (27)

[17] vgl. Krings, Hermann, Freiheit, in: Handbuch philosophischer Grundbegriffe, Krings, Baumgartner/ Wild (Hg.), Kösel Verlag 1973, Bd. II, 493

18 vgl.Krings 1973, 494

[19] Pauen, Michael und Roth, Gerhard, Freiheit, Schuld und Verantwortung, Grundzüge einer naturalistischen Theorie der Willensfreiheit, Suhrkamp 2008, 52ff

[20] Der Begriff des Libertarismus wird in seiner Herleitung aus dem lateinischen liber=frei und gegen den Gebrauch von Liberalismus bzw. Libertinismus als schon inhaltlich anderweitig besetzter Begriffe von Keil an folgender Stelle in Anlehnung an das englische libertarianism hergeleitet: Keil, Geert, Willensfreiheit, de Gruyter Verlag 2007, 9

[21] s.u., I.C.1.b.1

[22] vgl. Walde 2006 und Planck, Max, Vom Wesen der Willensfreiheit (Vortrag vom 27.11.1936), in: Ders., Vorträge und Erinnerungen, Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1975, 301-317

[23] Der Begriff des Bereichsdeterminismus wird hier von Walde und Keil übernommen. Bereichsdeterminismus deshalb genannt, weil hierbei nur ein Ausschnitt, bspw. die psychologische Bedingtheit, betrachtet wird. Wesentlich hierbei ist, dass Ausschnitte sich „nicht unbedingt selbst vollständig deterministisch beschreiben lassen“ müssen. Dies spielt besonders auch eine Rolle, wenn ein Geschehen multifaktoriell ist. Das Verhältnis der Gesamtursache zur Wirkung mag deterministisch sein, das Verhältnis der Einzelursachen aber zur Wirkung keineswegs. Die Einzelursachen müssen keine hinreichenden Bedingungen für die Wirkung abgeben. , (Walde 2006, 37-39 und Keil 2007, 42ff.) Der Bereichsdeterminismus bietet damit die Möglichkeit, einen Determinismus zu argumentieren, der aufgrund seiner scheinbaren Offenheit die Erfahrung von Freiheit gültig belässt, ohne sie als vermeidbare Illusion abtun zu müssen.

[24] Einen Kompatibilismus dieser Art vertreten beispielsweise Duttweiler-Maasen-Sutter, indem sie die Anbindung eines Gebietsdeterminismus an ein Beratungsmodell erarbeiten. Es wird zwar ein physikalischer Determinismus zugrunde gelegt, aber handlungs- und beschreibungsrelevant seien nur „psycho-sozial determinierende Faktoren“, weshalb ein Freiraum im Sinne des Bereichsdeterminismus bleibt. , Duttweiler, Maasen, Sutter, Wille und Gesellschaft oder ist der Wille ein soziales Phänomen?, in: Vierkant, T. (Hg.), Willenshandlungen, Suhrkamp 2008, 136-169, 168

[25] s.u., II.D

[26] Walde 2006, 27

[27] Walde 2006, 27

[28] Nach Frankfurt sei die Alternative Möglichkeit keine notwendige Bedingung der Willensfreiheit. Walde hält sie allerdings „zumindest im epistemischen Sinne“ für notwendig, „um Freiheit und Verantwortung zuzuschreiben“., ebd.

[29] Die Fähigkeit der Vorstellung von Faktischem oder Etwas verweist letztlich auf ein Bewusstsein. Dieser Gedanke kann aber hier leider nicht weiter verfolgt und entwickelt werden.

[30] Man mag, um vom Begriff des Anderen eine Vorstellung zu bekommen, hier ruhig verstehen, was Levinas als Begründung des Subjektes nicht aus der Actio des Willens, sondern aus der Passio heraus und nicht aus der Verfügbarkeit in der Zeitlichkeit als Begründung im Empirischen, sondern aus der Diachronie heraus deutlich macht. Das Andere ist nicht eine Extrapolierung des Verfügbaren, sondern ein Neubeginn, an dem sich das Vorhandene erst findet., Levinas, Emmanuel, Die Zeit und der Andere, Meiner Verlag 1995, z.B. 8,9

[31] Dass Denken hierbei nicht wie üblich als „Akt der Freiheit“( vgl. Krings, Hermann, Denken, in Handbuch philosophischer Grundbegriffe, Krings/ Baumgartner/ Wild (Hg.), Kösel Verlag 1973, Bd I, 286), sondern als Ursprung von Freiheit gesehen wird, soll betont werden.

[32] s.I.B.3.b

[33] vgl. Hume, David, Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand, Reclam Verlag 1998, 41-45 und: „… nicht in der Lage sein, durch irgendeine Verstandestätigkeit zu der Vorstellung von Ursache und Wirkung zu gelangen, da die spezifischen Kräfte, wodurch alle Naturvorgänge ins Werk gesetzt werden, nie den Sinnen erscheinen. Es ist auch unvernünftig, aus der bloßen Tatsache, dass in einem Falle ein Ereignis einem anderen vorhergeht, zu schließen, das eine sei Ursache, das andere Wirkung. ….“ , (a.a.O., 61) und: „…alle Erfahrungsschlüsse sind somit Folgen der Gewohnheit…“, (a.a.O.,63)

[34] vgl.Walde 2006, 32,33

[35] vgl. Enzyklopädie Wissenschaftstheorie und Philosophie, Mittelstraß, J.(Hg.), Bd.2, 373

[36] Aristoteles, Philosophische Schriften in 6 Bde., Meiner Verlag 1995, Bd.6, Buch II, Kap.3, S.31

[37] I.C.2

[38] Habermas, Jürgen, Freiheit und Determinismus, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 52 (2004), 871-890, (zit. als Habermas 2004 a), 882

[39] Falkenburg, Brigitte, Was heißt es, determiniert zu sein? Grenzen der naturwissenschaftlichen Erklärung, in: Sturma, Dieter, Philosophie und Neurowissenschaften, Suhrkamp 2006, 43-74, 44

[40] Falkenburg 2006, 47/ 48

[41] Falkenburg 2006, 49

[42] Falkenburg 2006, 50

[43] Anzumerken bleibt, dass bei Kant noch kausale Notwendigkeit gleich Determination gesetzt wird, dies entspricht aber nicht heutiger Begriffsverwendung.

[44] Dieser neuzeitliche Ganzheitsanspruch von Wissenschaft ist teilweise sicherlich Folge der Ablösung des Substanzbegriffes durch den Funktionsbegriff, wodurch der Zusammenhalt des Geschehens verloren zu gehen drohte. Das heißt, der Ganzheitsanspruch ist ein Einheitsanspruch. Beidem liegt ein metaphysischer Anspruch zugrunde. Ob sich dieses Bestreben nun in einer para- religiösen Konstitution wie dem „Haus Salomons“ in Bacons Schrift „Neu-Atlantis“ (vgl. Bacon, Francis, Neu- Atlantis(Ersterscheinung 1624), Reclam Verlag 2003, 43ff ), den Bestrebungen zu einer Einheitswissenschaft im logischen Empirismus oder in heutigen Bestrebungen zu einer „ grand unification theory (GUT)“ in der Physik äußert, ist dabei unerheblich. Entscheidend ist aber, ob dieser Anspruch auf Einheit ein epistemisch diskursiver als Erkenntnisideal bleibt, oder zu einer ontologisch Fixierung in einem Monismus führt.

[45] Oswald Schwemmer beschreibt dieses, spätestens seit Ockham geltende, Ökonomieprinzip der Philosophie im Artikel über „Ockham“ , Enzyklopädie Wissenschaftstheorie und Philosophie, Mittelstraß, J.(Hg.), Metzler 2004, Bd.2, 1058/59

[46] Falkenburg 2006, 54

[47] Falkenburg 2006, 53

[48] Falkenburg 2006, 64

[49] Keil, Geert, Willensfreiheit, de Gruyter Verlag 2007, Kapitel 2

[50] Keil 2007, 16, 17

[51] Sei der Dämon Teil der Welt, so stelle sich die Frage, wie er diese beobachten könne, ohne sie dadurch zu beeinflussen. Keil nennt dies das „Problem des Beobachterparadoxons“. In der modernen Physik würde es der Heisenbergschen Unschärferelation entsprechen. Wäre der Dämon hingegen nicht Teil der Welt, so wäre der Determinismus nicht universal, da es ein Nicht-Determiniertes außerhalb gäbe. Dieser „ideale Beobachter“ entspräche aber der Position Gottes, sein Wissen wäre nicht induktiv, sondern intuitive Offenbarung. Keil 2007, 17

[52] Keil 2007, 18

[53] Literarisch findet sich hierzu eine Entsprechung in Isaac Asimovs „Foundation Trilogy“, einem Science Fiction Klassiker von 1948. Beschrieben wird ein mathematisch- soziopsychologischer Geschichtsdeterminismus, den v.a. eine Abhängigkeit der Geschichtsbewegung kennzeichnet. Das Handeln des Einzelnen verbleibt frei, aber die Geschichtsbewegung verhält sich durch die Größe der Zahl der Individuen quasi determiniert. Je größer die Zahl jener, desto mehr nähert sich die Wahrscheinlichkeit der vollständigen Determination an.

[54] vgl. Falkenburg 2006, 48, 49

[55] Die Unterscheidung zwischen dogmatischem und methodischem Determinismus ist Höffe entliehen. (Höffe, Ottfried, Lexikon der Ethik , Beck Verlag 1997, Artikel “Determination“ und Ders., Der entlarvte Ruck- Was sagt Kant den Hirnforschern?, in: Geyer, C. (Hg.), Hirnforschung und Willensfreiheit, Suhrkamp 2004, 179)

[56] Philosophie Lexikon, Hügli, A. , Lübke, P. (Hg.), Rowohlt 1991, Artikel „Determinismus“ :Hier wird ein metaphysischer einem wissenschaftlichen Determinismus gegenübergestellt.

[57] Walde 2006, 30

[58] vgl. Schwemmer, Oswald, Erklärung, in: Mittelstraß, J. (Hg.), Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, Metzler Verlag 2004, Bd. 1, 579

[59] Schwemmer (a.a.O) beschreibt vier Konzepte wissenschaftlichen Erklärens als (a) die Rückführung auf das Eigene in der Begründung der Wahrnehmung und des Denkens vs. (b) der Einordnung in das Allgemeine. Mit (c) stehen die Begriffe den nominalen Realien (d) gegenüber. Die > subjektive< Weise des Erklärens, also (a), sei besonders für die Erklärung „des Handelns, Meinens, Wollens und Empfindens“ relevant. Die > objektiven< Erklärungen beträfen hingegen „intersubjektiv kontrollierbare() Beobachtungen“.

[60] vgl. Aristoteles, Philosophische Schriften in 6 Bde., Meiner Verlag 1995, Bd.6, Buch II, Kap.3, S.31

[61] vgl Falkenburg 2006, 45,46

[62] Falkenburg 2006, 47

[63] Falkenburg 2006, 57

[64] Falkenburg 2006, 52

[65] vgl. o. I.C.1.a.2

[66] Zugespitzt findet sich die naturwissenschaftliche Erklärung in der Erklärung nach Hempel- Oppenheim als „deduktiv-nomologische Erklärung“(s. Losee, J., Wissenschaftstheorie, Beck Verlag 1977, 150 ff und Poser, Hans, Wissenschaftstheorie, Reclam 2001, 45- 61). Wie oben dargelegt (I.C.1.a.1), entspricht die logische Stringenz des „DN“ oder auch „HO“-Schemas deterministischen Sachverhalten (vgl. Falkenburg 2006, 47), aber inwieweit dieser Determinismus auch nur innerphysikalisch Gültigkeit hat, gelte schon in der Methodendiskussion der Physik als höchst umstritten. (Falkenburg 2006 46,47 und Poser 2001, 51/52)

[67] Falkenburg 2006, 61

[68] Falkenburg 2006, 61-63

[69] Falkenburg 2006, 65-68

[70] vgl. Falkenburg 2006, 68: „Gerade in der Diskussion um die Hirnforschung werden übrigens notwendige und hinreichende Bedingungen gern verwechselt. …Defekte zeigen nur, dass ein kausal relevanter Faktor ausgefallen ist. Dass sich …unser moralisches Bewusstsein ontologisch auf das ungestörte Funktionieren der entsprechenden Gehirnregion reduziert- davon kann keine Rede sein.“

[71] Falkenburg 2006, 69 ; Dabei verweist Falkenburg auf die Emergenz nicht nur biologischer, sondern auch physikalischer Eigenschaften. Als emergent werden Eigenschaften beschrieben, die ein System als Ganzes hat, aber nicht seine Teile. In der Physik seien es gerade die „ raumzeitlichen Eigenschaften der physikalischen Dinge“, die irreduzibel seien. (Falkenburg 2006, 69)

[72] s.o., I.C.2.a Warum ? - Fragen und Wozu ? - Fragen

[73] Dieser Begriff wird hier im Sinne allgemeiner Verwendung trotz der oben (I.C.1.a.2) durchgeführten Problematisierung der Einfachheit halber verwendet

74 zwischen dem Natürlichen und dem Artefakt steht ein bewusstes Zeugen. Dieses Letztere muss im Kontext dieser Arbeit aber außerhalb der Betrachtung bleiben.

[75] I.C.2.a

[76] Natur als das Wachsende korrespondiert mit dem Begriff der φύσίς bei Aristoteles als dem „Werden eines Wachsenden“. Lateinisch entspricht dem nasci, was erzeugt, geboren werden bedeutet. vgl. Mittelstraß, Jürgen, Natur, in: Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, ders.(Hg.) , Metzler Verlag 2004

[77] Spaemann interpretiert diese Entwicklung, wie viele Andere auch, anders. Er sieht im Projekt der „neuzeitlichen Naturwissenschaft“ in der „Abkehr von der Naturteleologie“ eine „Abkehr vom Naturbegriff selbst“, der in einem „Interesse an uneingeschränkter Naturbeherrschung“ seine Begründung finde. Dem ist ja prima vista zuzustimmen, doch die „Welt (als, AnmPF) ein aufgezogenes Uhrwerk“ zu betrachten, wie es Spaemann der neuzeitlichen Naturwissenschaft zu Recht in den Mund legt, verlagert ja nur das Problem der Autorenschaft. Denn „ob wir die Rede von Natur fallen lassen oder alles was ist und geschieht Natur nennen“, (Spaemann , Robert, Natur, in: Handbuch der philosophischen Grundbegriffe, Baumgartner, Krings, Wild (Hg.), Köselverlag 1973 , Bd. 4, 956-968, 958 u. 959) es entsteht die Melange eines selbstwirkenden Geschehens. Und eben dies ist es doch, was wir im Naturalisierungsdrang etlicher rezenter Hirnforscher in der Willensdebatte beobachten. Der personale Wille wird negiert und gleichzeitig den Naturabläufen als Antrieb zugesprochen.

[78] Mittelstraß, J., Natur, in: Enzyklopädie der Philosophie und Wissenschaftstheorie, Ders.(Hg.), Metzler Verlag 2004, Bd.2, 961-963, 962

[79] vgl. Mittelstraß, Naturalismus, a.a.O

[80] und erhält damit einen suprafaktischen, übernatürlichen Charakter. Wie bzw. ob dies überhaupt begründbar ist, soll in der Diskussion um die Problematik des Naturalismus erörtert werden . s. II.C.3.c u.d

[81] vgl. die Kritik Sellars am unmittelbar Gegebenen , Sellars, Wilfried, Der Empirismus und die Philosophie des Geistes, Mentis Verlag 2002, z.B. S.4ff, 59

[82] wie dies seit der Gründung der empirisch experimentellen Naturwissenschaft ja apodiktisch behauptet und bis heute nur selten in Frage gestellt wird.

[83] wiewohl Natur natürlich Bedingung für ihr Entstehen bietet

[84] vgl. Philosophie Lexikon, Hügli, Lübcke,(Hg), Rowohlt 1991, Artikel Naturalismus

85 Dass dabei manches Attribut der Metaphysik auf die Natur übergeht hat der Verfasser im vorigen Absatz dargelegt.

[86] s.o., I.C.1.a.2 und vgl. Wimmer, Reiner, Naturalismus, in: Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, Mittelstraß, J.(Hg.), Metzler Verlag 2004, Bd.2, 964-966, 964

[87] „Der schwache Naturalismus vermeidet es, die >Innenperspektive< der Lebenswelt der >Außenansicht< der objektiven Welt ein- und unterzuordnen.“ „Diese pauschale Voraussetzung einer naturgeschichtlichen Kontinuität… enthält sich jeder… Annahme über das Verhältnis von Körper und Geist… ontologisch neutral“, Habermas, Jürgen, Wahrheit und Rechtfertigung, Suhrkamp Verlag 2004, (zit. Habermas 2004 b), 39 u.38 (Hervorhebung durch Verfasser, PF)

[88] s.u., II.C.3)

[89] hier nach Philosophie Lexikon, Hügli, Lübcke,(Hg), Rowohlt 1991, Artikel Realismus

[90] vgl. Gethmann, C.F., Artikel Realismus, in: Mittelstraß, J., Enzyklopädie der Philosophie und Wissenschaftstheorie, Bd.3, 501

[91] Dieser Begriff geht auf Sellars zurück

[92] vgl. Gethmann, C.F. Artikel Realismus, kritischer in: Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, Mittelstraß, J.(Hg), Bd.3, 504

[93] „Bezogen auf den Menschen sind Gegenüberstellungen wie diejenigen von Natur und Geist, Natur und Kultur vielleicht sogar gänzlich verfehlt… an der Zeit, sich auf die Suche nach einem neuen Vokabular zu machen… über die Stellung des Menschen in der Welt.“, Demmerling, Christoph, Welcher Naturalismus?, in: Naturalismus und Menschenbild, Janich, P.(Hg.), Felix Meiner 2008, 240-256, 241

[94] Splett 2008, 108-134, 127/ 128

[95] „Grundbedeutung des Wortes Kultur ist … Pflege eben jener Natur aus welcher Kultur befreit.“, Spaemann, Robert, Natur, in: Handbuch der philosophischen Grundbegriffe, Krings-Baumgartner-Wild (Hg.),Kösel Verlag 1973 , Bd.4, 967

[96] „…wird Natur zum Begriff für die Totalität des Seins…usw.“, a.a.O, 962 und: „Jeder spekulative Begriff wird in sich selbst dialektisch, … wenn er den Bezug auf seinen Gegenbegriff verliert…“, Spaemann 1973, 963

[97] Das Physische der Welt erscheint als lösbares Rätsel, wohingegen das Psychische eine Stagnation in der Persistenz eines Unerklärbaren, als geheimnisvolles Nichtmaterielles aufweist, die das Eine dem Anderen gegenüber vermeintlich als wissenschaftsfähig qualifiziert. Der Positivismus Comtes versprach zudem, dass durch Auflösung des Rätselhaften auch das Geheimnishafte gesetzmäßig erhellt werde. (Geheimnis und Rätsel sind hier als Gegensatzpaar in Bezug auf wissbares Wissen gemeint. Beide primär dunkel, erhellt sich das Rätsel zunehmend und verliert sich mit der Lösung, wohingegen das Geheimnis keine Auflösung kennt. Mit dem Geheimnis persistiert das Interesse an Ihm, das Rätsel jedoch verliert sich ohne Rest in der Lösung. Einen Anklang auf diese Dialektik bietet sich in der Mysteriumsthese von Collin McGinn, der diese Dialektik allerdings nicht durchhält, s. McGinn , Collin, Wie kommt der Geist in die Materie?, Piper Verlag 2003)

[98] vgl. McGinn 2003, z.B. 60ff u.82

[99] Eben diese Verwechselung zwischen Orientierungserkenntnis und praktischem Gelingen und Seinserkenntnis ist aber eben der Irrtum des naiven Realismus

[100] vgl. I D1

[101] vgl. hierzu die Unterscheidung. zum Missverständnis der Naturgesetze zwischen juridischen „Sollens“-Gesetzen, die Akteuren ein Handeln vorschreiben und Naturgesetzen als „Beschreibungs“-Gesetzen des Faktischen, u.a. bei Pauen Roth 2008, 58-60

[102] Im Rahmen engerer Definition gehören hierzu biologische, physikalische und auch angewandt medizinische Forschung. Funktionell lassen sich Neurobiologie, Neurophysiologie und Neuropsychologie voneinander differenzieren. Im weiteren Rahmen finden sich jedoch auch fließende Übergänge zur Kognitionswissenschaft und AI-Forschung.(vgl. hierzu z.B. Varela, Francisco J., Kognitionswissenschaft- Kognitionstechnik, Suhrkamp 1990)

[103] I.C und I.D.1 (hier besonders a u. b)

[104] Die Elf Neurowissenschaftler sind, neben Roth und Singer: H.Monyer (Klin. Neurobiologie, Uni Heidelberg), F. Rösler (Psychologie, Uni Marburg), H.Scheich (Leibniz- Institut f. Neurobiologie, Magdeburg), C.E. Elger (Abtlg. f. Epileptologie, Uni Bonn), A.D. Friederici (MPI f. Kognitions- und Neurowissenschaften Leipzig), C. Koch (California Institute of technology, Computation and neural systems, Pasadena), H. Luhmann (Physiologie u. Pathophysiologie Uni Mainz), C. von der Malsburg (Institut f. Neuroinformatik Ruhr Uni Bochum u. Univ. of Southern California, Los Angeles), R. Menzel (Neurobiologie, FU Berlin)

[105] vgl.: „…werden die Ergebnisse der Hirnforschung…zu einer Veränderung unseres Menschenbildes führen.“, Manifest, 37 (in der Folge werden in diesem Absatz nur die Seitenzahlen zur Zitation genannt, solange durchgehend nur aus dem Manifest zitiert wird )

[106] (30)

[107] Positronen Emissions Tomographie

[108] funktionelle Magnetresonanz Tomographie

[109] Elektroenzephalographie

[110] Magnetencephalographie

[111] (30, 31)

[112] (31)

[113] (31)

[114] I.C.2.a, dort Zitierung von Falkenburg 2006

[115] „Über die mittlere Ebene- also das Geschehen innerhalb kleinerer und größerer Zellverbände, das letztlich den Prozessen auf der obersten Ebene zu Grunde liegt- wissen wir noch erschreckend wenig.“, Manifest, 31

[116] (33)

[117] (33)

[118] Die Selbstorganisation der Gehirne mache es „generell unmöglich“, aus der Hirnaktivität auf „psychische Vorgänge eines konkreten Individuums zu schließen“, 36

[119] „ …wird eine vollständige Beschreibung des individuellen Gehirns und damit eine Vorhersage über das Verhalten einer bestimmten Person nur höchst eingeschränkt gelingen.“, 36

[120] (36)

[121] hier spez. II.C.1.b ; II.C.1.i ; II.C.3a u.b

[122] „Doch auch wenn viele Geheimnisse noch darauf warten gelüftet zu werden, hat die Hirnforschung bereits heute einige ganz erstaunliche Erkenntnisse gewonnen…“, (33)

[123] „ Die molekularen und zellulären Faktoren, die der Lernplastizität zu Grunde liegen, verstehen wir mittlerweile so gut, dass wir beurteilen können, welche Lernkonzepte- etwa für die Schule- am besten an die Funktionsweise des Gehirns angepasst sind.“, (33)

[124] I.C.1.a.2

[125] „…lassen sich die schweren Fragen der Erkenntnistheorie angehen: nach dem Bewusstsein, der Ich Erfahrung…“, (37)

[126] „Dann werden die Ergebnisse der Hirnforschung… zu einer Veränderung unseres Menschenbildes führen.“, (37)

[127] Man muss Wahrheit aber nicht als reines Korrespondenz-Verhältnis zur Wirklichkeit sehen, sondern kann wissenschaftliche Wahrheit auch, im Sinne sinnvoller Sagbarkeit als Kohärenz-Beziehung oder als Kombination aus Kohärenz und Korrespondenz darstellen!

[128] vgl. zum Begriff des starken Naturalismus I.D.1.b

[129] (33)

[130] (33), hier auch: „dass sämtliche innerpsychischen Prozesse mit neuronalen Vorgängen in bestimmten Hirnarealen einhergehen…“

131 Neuronale Netze aber werden deterministisch beschrieben, erst „als physikalisches System unterliegt das Gehirn darüber hinaus …auch probabilistischen Gesetzen.“, Falkenburg 2006, 58

[132] (ohne allerdings wörtlich genannt zu werden)

[133] Neuronale Netzwerke „gehorchen zwar… Naturgesetzen, bringen aber auf Grund ihrer Komplexität völlig neue Eigenschaften hervor.“, Manifest, 33

[134] Übersetzt heißt das, dass obwohl determiniert, entstehen aus den Eigenschaften der Teile nicht vorhersagbare Eigenschaften für das Ganze. Dies entspricht dem Konzept der Emergenz! Der Begriff der Emergenz bezeichnet eben dies: dass das Ganze Eigenschaften aufweist, die den Teilen nicht immanent sind oder zumindest nicht an ihnen in Erscheinung treten können.

[135] „…können wir davon ausgehen, dass all diese Prozesse grundsätzlich durch physikochemische Vorgänge beschreibbar sind.“, Manifest 33 (i.d.F. wieder nur Angabe von Seitenzahl)

[136] (33)

[137] „Hirnforschung wird…den Zusammenhang zwischen neuroelektrischen …Prozessen… und kognitiven…Leistungen… so weit erklären können, dass Voraussagen… in beiden Richtungen…möglich sind…“, (36) ; wie oben (I.C.1.a.1 Verhältnis von Determination zu Kausalität) dargelegt, bezeichnet die Beschreibarkeit der Abhängigkeit in Unabhängigkeit von einer Zeitachse ein deterministisches Geschehen. Ein kausales Geschehen wäre in der Zeit nur unidirektional!

[138] I.C.1.b Notwendigkeit und Vorhersagbarkeit

[139] I.D.1

[140] Manifest, 33

[141] Eine Gegenannahme wird bspw. von Collin McGinn vertreten, der Geist für eine „unidentifizierbare“ und nicht auf andere materielle Eigenschaften reduzible Eigenschaft der Materie hält und so eine evolutive Emergenz des Geistes aus der Materie argumentiert. (McGinn 2003, 118) McGinn legt im Rahmen seiner epistemischen Mysteriumsthese, nach der menschliches Wahrnehmen evolutiv spezialisiert ist, dar, dass ein ähnliches Phänomen wie die Erscheinung von nichtmateriellem Geist aus materiellem Gehirn (135) die Entstehung des Raumes im Urknall aus einem Nicht Räumlichen sei.(139 ff) Man müsse vielleicht nur den, unserer eingeschränkten Wahrnehmung entlehnten, Raumbegriff über den „Sinnes-Raum“ hinaus erweitern, um den Urknall nicht mehr als Schöpfung, sondern als „Transformation des Raumes“ sehen zu können.(145) Belegt sieht er diese „Spekulation“ durch die rezente Erweiterung der physikalisch naturwissenschaftlichen Raum- Auffassung.(148) Analog zur Transformation des Raumes könne man dann den Geist als eine Transformation der Materie ansehen. McGinns Ansatz entspräche einer nicht-reduktive- Hineinnahme der Geistes in die Materie Es läge also ein materieller Monismus mit einem angereicherten Materiebegriff vor. Wie schon im Gesamtkonzept der Mysteriumsthese bleiben dem Menschen, auf Grund der evolutiven Adaptation seiner Fähigkeiten zur Wahrnehmung, bestimmte Phänomene prinzipiell verschlossen. Dies heiße aber nicht, dass die Welt widernatürlich konzipiert bzw. an sich inintelligibel sei. (85) Es lässt sich mit diesem Konzept ein materialistischer Monismus vertreten, der aufgrund seines epistemologischen Skeptizismus eine ontologische Festlegung vermeidet!

[142] „Geist und Bewusstsein… haben sich in der Evolution…herausgebildet…“, Manifest, 33

[143] Trotzdem leugnet kurioserweise kaum einer der Vertreter eines ontologischen Determinismus die Evolutionstheorie, sondern man argumentiert wechselseitig konstitutiv mit den Gegensätzen als wäre keine Widersprüchlichkeit (eines deterministischen Zusammenhanges vs. Zufall) vorhanden!

[144] „…Willensakte und Handlungsfreiheit als natürliche Vorgänge ansehen, denn sie beruhen auf biologischen Prozessen.“, Manifest, 36 ; zur Erörterung dieser Verwechselung von notwendigen mit hinreichenden Bedingungen s.o.I.C.2.b

[145] Manifest, 37

[146] vgl. I.B.3.b Möglichkeit als Kontrafaktizität und Grundlegung des Denkens

[147] „…schickt sich unser Gehirn… an, sich selbst zu erkennen.“, Manifest, 37

[148] „…Modellierung mit Hochleistungsrechnern. Diese Modellierung orientiert sich zukünftig … weniger an den heutigen Konzepten der Informatik… als vielmehr and den wirklichen physiologischen Vorgängen.“, Manifest, 34/36

[149] Wie Poser in der Diskussion eines Computer Beweises für mathematische Theorien darlegt, kann man einen Computer Beweis auch einfach als „empirisches Beweisverfahren“ für die beim Bau des Computers verwendeten Halbleitertheorien ansehen. (Poser 2001, 192) Man könnte in diesem Zusammenhang aber auch die Heideggersche Technik- Kritik anführen.

150 Kettner, Matthias, Was macht Gründe zu guten Gründen?, in: Janich, Peter(Hg.), Naturalismus und Menschenbild, Felix Meiner Verlag 2008, 257-275, 257

151 Hagner, Michael, Homo cerebralis. Eine wissenschaftsgeschichtliche Einschätzung, in: Geyer, Christian, Hirnforschung und Willensfreiheit, Suhrkamp 2004, 250-254, 253

[152] Kettner 2008, 258

[153] Kettner 2008, 264

[154] „…für die Autoren des Manifests…Gründe(n) nur als Musterbildung wechselwirkender neuronaler Aktivitätsmuster von Gehirn zu Gehirn erscheinen. Aber die Gründe, die wir meinen,… sind die Gründe von Personen…Personen (, die; Anm. PF) nicht argumentationsgemeinschaftsfrei sein können. Denn Gründe müssen diskursiv zugängliche Gründe sein, um unsere guten Gründe sein zu können.“, Kettner 2008, 275

[155] Eine gute Darstellung der geschichtlichen Entwicklung von den frühen Atomisten und Descartes (16, 17) über Leibniz und den englischen Empirismus (21,22) bis hin zum französischen Materialismus eines LaMettrie oder d`Hollbach (23.24), die den Menschen nur mehr als Maschine begreifen (Wegweisend oder pathognomonisch, wie man es nach Gusto sehen mag, ist hier die Schrift von LaMettrie, l´homme machine(1747)) bis schließlich hin zum Konzept des logischen Empirismus (26) mit seinem Anspruch einer Einheit der Wissenschaft als Rückführbarkeit aller Begriffe auf physikalische Begrifflichkeiten, bietet Dieter Sturma in „Philosophie des Geistes“, Reclam Verlag 2005 ( in den im Vorgängigen angeführten Parenthesen sind die zugehörigen Seitenzahlen aufgeführt)

Details

Seiten
241
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783842807983
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v228192
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Kultur- und Sozialwissenschaften, Philosophie
Note
2,6
Schlagworte
wille neurowissenschaft naturalismus materialismus roth singer pauen

Autor

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Titel: Das Problem der Neurowissenschaften mit dem freien Willen