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Die alternde Gesellschaft und ihre Bedeutung für die Fitnessbranche

Diplomarbeit 2010 80 Seiten

Gesundheitswissenschaften

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Demographischer Wandel
2.1 Definition„Demographie“
2.2 Einführung zur Bevölkerungsvorausberechnung
2.3 Demographische Chronik bis Heute
2.4 Bevölkerungsvorausberechnung
2.5 Altersstrukturelle Verschiebungen

3 Die „neuen Alten“
3.1 Begriffsbestimmung „Alter“
3.1.1 Kalendarisches Alter
3.1.2 Biologisch-medizinisches Alter
3.1.3 Psychisch-intellektuelles Alter
3.1.4 Soziales Alter
3.1.5 Alter in der Konsumgesellschaft
3.2 Charakteristika der „neuen Alten“
3.2.1 Psychographische Merkmale
3.2.2 Sozio-demographische Merkmale
3.2.2.1 Alter und Geschlecht
3.2.2.2 Gesundheitszustand
3.2.2.3 Bildungsniveau
3.2.3 Ökonomische Merkmale
3.2.3.1 Einkommen
3.2.3.2 Vermögen
3.2.3.3 Kaufkraft
3.2.3.4 Kaufentscheidungen / Konsumverhalten
3.2.4 Sportbezogene Merkmale
3.2.4.1 Sportbeteiligung
3.2.4.2 Motive
3.2.4.3 Nachfragesituation und Ausgaben im sportspezifischen Rahmen

4 Die deutsche Fitnessbranche
4.1 Definition
4.2 Rechtsformen und Organisationsgrad
4.3 Aktuelle Datenlage
4.3.1 Harte Faktoren
4.3.1.1 Mitglieder- und Anlagenentwicklung
4.3.1.2 Umsatzzahlen
4.3.1.3 Preisstrukturen und Entwicklung nach Segmenten
4.3.1.4 Marktanteile
4.3.2 Weiche Faktoren
4.3.2.1 Altersstruktur der Mitglieder
4.3.2.2 Maßnahmen des Qualitätsmanagements
4.3.2.3 Standort und Räumlichkeiten
4.3.2.4 Öffnungszeiten
4.3.2.5 Kundenbindung und Neukundengewinnung
4.4 Ausblick aus Branchenperspektive

5 Demographiebezogene Maßnahmen in der Fitnessbranche
5.1 Besondere Anforderungen durch die „neuen Alten“
5.2 Handlungsempfehlungen
5.2.1 Zertifizierung
5.2.2 Ausrichtung
5.2.3 Kooperationen
5.2.3.1 Kooperationen mit Krankenkassen
5.2.3.2 Kooperationen mit Ärzten
5.2.3.3 Kooperationen mit Physiotherapeuten
5.2.3.4 Kooperationen mit Unternehmen
5.2.4 Bedeutung von Kundenbindung
5.2.5 Angebotsstruktur

6 Resümee

Literaturverzeichnis

Eidesstattliche Erklärung

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 Bevölkerungszahl von 1950 bis 2060

Abbildung 2 Altersaufbau der Bevölkerung in Deutschland (Vergleich bis 2060)

Abbildung 3 Zusammengefasste Geburtenziffer der Kalenderjahre

Abbildung 4 Altersaufbau der Bevölkerung am 31.12.2008

Abbildung 5 Annahmen zur Fertilität, Mortalität und Migration bis 2060

Abbildung 6 Bevölkerung im Erwerbsalter von 20 bis 65 Jahren

Abbildung 7 Bevölkerung nach Altersgruppen

Abbildung 8 Altersidentität in den Sinus-Milieus 50plus

Abbildung 9 Zahl der Erkrankungen verschiedener Altersklassen 1996/2002

Abbildung 10 Haushaltsnettoeinkommen pro Person

Abbildung 11 Individuelles Nettovermögen nach Altersgruppen 2002/2007

Abbildung 12 Kaufkraft in Deutschland 2008 nach Altersklassen

Abbildung 13 Sportliche Aktivität nach Altersgruppen

Abbildung 14 Mitglieder- und Anlagenentwicklung 2004 bis 2009

Abbildung 15 Reaktionsquoten der Bundesländer

Abbildung 16 Mitgliederentwicklung nach Segmenten

Abbildung 17 Mitgliederverteilung nach Altersgruppen

Abbildung 18 Impuls für die Fitness-Studiowahl

Abbildung 19 Ausrichtung der Fitnessanlagen

Abbildung 20 Gesundheitsbewusstsein nach Altersgruppen

1 Einleitung

Die demographischen Herausforderungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts prägen die Zukunft unserer Gesellschaft. Es vollziehen sich einschneidende Umschichtungen in der Altersstruktur, die damit einhergehende Veränderung führt langfristig zu einer alternden Gesellschaft (vgl. Denk, 2003, S. 23 ff). Diese Entwicklung hat ihre Ursache in einer „dreifachen Alterung der Gesellschaft“: 1) wachsender prozentualer Anteil der älteren Bevölkerung, 2) Zunahme der Anzahl älterer Menschen[1] und 3) die Zahl hochaltriger Menschen[2] nimmt deutlich zu (vgl. Forschungsgesellschaft für Gerontologie e.V., 2007, S. 10). Parallel zu dieser Entwicklung verliert auch die klassische Altersnorm der Inaktivität immer mehr an Relevanz. Das sportliche Engagement ist nicht länger eine Beschäftigungsform ausschließlich junger Menschen (vgl. Breuer, 2002, S. 62). Die Altersgruppe 50plus birgt aber nicht nur aufgrund ihres Bewusstseins des „Aktiven Alterns“ (vgl. Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes NRW, 2007, S.22) ein bemerkenswertes Potential für die Fitnessbranche sondern auch aufgrund ihrer finanziellen Lage. Ältere Menschen hatten nie höhere Einkommen und mehr Vermögen als heute (vgl. Denk, 2003, S. 37). Eine erkennbar abnehmende Sparquote älterer Haushalte und mit dem Alter steigende Konsumausgaben für Freizeit (vgl. Cirkel et al, 2004, S. 23) unterstreichen dies. Im Gegensatz zu dieser gesellschaftlichen Entwicklung steht die Tatsache, dass sich der überwiegende Teil der angebotenen Produkte und Dienstleistungen nach wie vor an eine junge Zielgruppe wendet (vgl. Reidl, 2007, S. 34). Für die Fitnessbranche bieten sich hier bislang noch größtenteils ungenutzte Wachstumschancen. Die Fitnessbranche ist bei steigendem Wettbewerbsdruck und zunehmend gesättigtem Markt zum Umdenken gezwungen. Als Vorbild für die deutschen Fitnessstudios gelten die USA, wo bereits 20 Prozent der Studiobesucher älter als 55 Jahre sind, im Vergleich dazu beträgt dieser Anteil in Deutschland knapp ein Prozent (vgl. Eder, 2007). In der aktuellen Branchenstudie der body LIFE macht eine Altersanalyse der Club-Mitglieder deutlich: Fitnessclubs gewinnen auch bei den sogenannten Best Agern und den Senioren immer mehr an Relevanz. Der Anteil der 31- bis 40-Jährigen reduzierte sich im Durchschnitt von 62 auf 49,7 Prozent zu Gunsten der 41- bis 50-Jährigen. Deren Anteil verdoppelte sich nahezu von 22,6 auf 39 Prozent. Und mit jedem Jahr werden die Club-Mitglieder älter – und der Anteil der über 40-Jährigen steigt weiter (vgl. body LIFE Branchenstudie, 2008). In absoluten Zahlen ist der Fitnesssport mit seinen rund sieben Millionen Mitgliedern die größte gelebte Sportart in Deutschland und liegt damit knapp vor Fußball (vgl. DSSV, 2010). Der Wandel von der verrufenen „Muckibude“ inklusive Medikamentenmissbrauch hin zu einem Ort der aktiven, gesundheitsorientierten und körperbewussten Sportausübung scheint vollzogen.

Vor dem Hintergrund dieser grundsätzlichen Überlegungen ist das Ziel dieser Arbeit die Beantwortung der folgenden Fragestellung: Welche Bedeutung hat die alternde Gesellschaft sowohl aktuell als auch zukünftig für die deutsche Fitnessbranche? Die demographische Entwicklung Deutschlands wird umfassend beleuchtet und durch die detaillierte Darstellung ihrer gesellschaftlichen und ökonomischen Konsequenzen sollen die realistischen Problemfelder sowie die Chancen für die Fitnessbranche erörtert und bewertet werden.

Im Anschluss an dieses einleitende Kapitel werden im zweiten Kapitel zunächst die Elemente des demographischen Wandels, wie er sich für Deutschland darstellt, umrissen. Darin enthalten ist eine differenzierte Definition des Terminus „Demographie“. Kapitel drei meiner Arbeit setzt sich mit der Bevölkerungsgruppe der „neuen Alten“[3] auseinander. Zunächst erfolgt eine Begriffsbestimmung für „das Alter“, anschließend werden die Merkmale, die die „neuen Alten“ auszeichnen, beschrieben. Die qualitativ kulturellen Wandlungsprozesse der Gesellschaft gegenüber dem Altwerden sowie die speziellen Bedürfnisse und Motivationen der sogenannten „neuen Alten“ werden vorgestellt. Teil vier der Arbeit befasst sich mit der Fitnessbranche in Deutschland und definiert diese. Unter Verwendung aktuellster Daten und Studienergebnissen werden die gegenwärtige Situation im Markt sowie die Trends dargelegt. Im fünften Kapitel

werden die Bereiche „Demographischer Wandel“ und „Fitnessbranche“ perspektivisch miteinander verknüpft. Es gilt, die sich andeutenden Entwicklungspotenziale und Gefahren für die Fitnessbranche hervorzuheben. Die bereits vollzogenen oder empfohlenen Maßnahmen und Strategien der Branche als Reaktion auf den demographischen Wandel werden geschildert. Den Abschluss der Arbeit bildet das Resümee in dem noch einmal die wesentlichen Aspekte kompakt aufgeführt und mit einem Ausblick kombiniert werden.

2 Demographischer Wandel

Im folgenden Kapitel geht es um die Vermittlung demographischer Basisinformationen. Die Begriffsbestimmung steht im Vordergrund des ersten Teils, danach folgt eine Darstellung der aktuellen Daten und Projektionen zur deutschen Bevölkerung. Als verlässliche Quelle dienen hierzu vor allem die im Rahmen der Pressekonferenz „Bevölkerungsentwicklung in Deutschland bis 2060“ vorgestellten Annahmen und Ergebnisse der 12. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes (2009a), die mit ihrer umfangreichen Datenbasis eine nahezu lückenlose Darstellung erlauben.

2.1 Definition „Demographie“

Einer Erklärung des Begriffs „Demographie“ zufolge beschreibt diese die Struktur und Bewegung der Bevölkerung aufgrund der Bevölkerungsstatistik (vgl. Wahrig-Burfeind, 2001, S. 190). Der Begriff „Demographie“ wird in Deutschland sowohl im alltäglichen als auch im wissenschaftlichen Sprachgebrauch häufig gleichbedeutend zum Begriff „Bevölkerungswissenschaft“ verwendet. Als exemplarisches Beispiel für diese synonyme Verwendung sei auf die seit 1975 erscheinende „Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft – Demographie“ hingewiesen.

In der demographischen Fachliteratur finden sich jedoch auch Sichtweisen, die zwischen beiden Termini einen begriffshierarchischen Unterschied machen. Demnach liefert die Demographie den bevölkerungswissenschaftlichen Teildisziplinen wie die Bevölkerungssoziologie, Bevölkerungsökonomie oder

Bevölkerungsgeographie lediglich das benötigte Datenmaterial, ohne jedoch selbst qualitativ zu forschen. Die Demographie ist demzufolge, wenn auch als Kerndisziplin, nur ein Bestandteil der Bevölkerungswissenschaft (vgl. Birg, 2004, S. 17). Laut Charlotte Höhn umfasst die Bevölkerungswissenschaft über die Demographie hinaus zusätzlich die Untersuchung der Beziehung demographischer Tatbestände auf der einen und ökonomischer und gesellschaftlicher Sachverhalte auf der anderen Seite (vgl. Höhn et al., 1987, S. 17). Höhn definiert wie folgt:

„Die Demographie, im deutschsprachigen Raum auch als Bevölkerungswissenschaft im engeren Sinne bezeichnet, befasst sich überwiegend quantitativ mit der wissenschaftlichen Untersuchung menschlicher Bevölkerung hinsichtlich ihrer Größe, Struktur, Entwicklung und ihrer allgemeinen Merkmale. Sie ist die Kerndisziplin der Bevölkerungswissenschaft im weiteren Sinne [...]“ (Höhn et al., 1987, S. 17).

Hier lässt sich eine unterschiedliche Verwendung des Begriffs „Demographie“ im deutschen und im angelsächsischen Sprachgebrauch erkennen. Im Gegensatz zum englischen Sprachraum, wo „demography“ als Oberbegriff Verwendung findet, wird im Deutschen mit „Demographie“ meist nur die Methodenlehre umschrieben. Die zunehmende Verwendung englischer Begriffe in der deutschen Wissenschaftssprache führt zu zwei Verwendungen des Begriffs „Demographie“, einerseits als Oberbegriff und synonym zur Bevölkerungswissenschaft andererseits als Unterbegriff für die Methodenlehre (vgl. Birg, 2004).

2.2 Einführung zur Bevölkerungsvorausberechnung

Die demographische Forschung hat in erster Linie die Aufgabe, Verantwortliche in Politik und Wirtschaft wie auch andere wissenschaftliche Disziplinen mit zuverlässigen Daten über den Altersaufbau und die Strukturmerkmale der Bevölkerungen zu versorgen. Hierbei können die gegenwärtigen Zahlen aus den Datenbeständen der Landeseinwohnermeldeämter oder anhand amtlicher Statistiken der Geburts- und Sterbeurkunden gewonnen werden. Die zukünftigen demographischen Zahlen beruhen auf den Erkenntnissen der sogenannten Bevölkerungsvorausberechnungen der amtlichen Statistik. Die aus diesen Modellrechnungen gewonnenen Daten beruhen jedoch auf variablen Annahmen über das Entwicklungspotenzial der drei demographischen Faktoren:

1.Geburtenhäufigkeit/Fertilität
2. Lebenserwartung/Mortalität
3. Wanderungssaldo/Migration

Die Formulierungen dieser Annahmen, die ein durch das Statistische Bundesamt einberufener Expertenkreis trifft, basieren auf Analysen über die zurückliegenden Trends und demographischen Entwicklungen (vgl. Statistisches Bundesamt, 2009a). Als besonders diffizil erweist sich der demographische Aspekt der Migration. Aufgrund politischer Steuerungsmöglichkeiten und unvorhersehbaren Veränderungen in den sozialen oder ökonomischen Ausgangslagen der beteiligten Herkunfts- oder Zielländer kann sich die Migration zu einem recht hohen Unsicherheitsfaktor entwickeln.

Die Vergangenheit hat jedoch gezeigt, dass es dennoch möglich ist, zuverlässige und realistische demographische Zukunftsbilder zu entwerfen. Beispielhaft für die Genauigkeit zurückliegender Berechnungen sei hier die auf Daten der 1970 durchgeführten Volkszählung beruhende Projektion des Bevölkerungsstandes in Deutschland bis zum Jahre 1985 angeführt. Sie verfehlte das reale Ergebnis mit einer Abweichung von nur einem Prozent (vgl. Birg, 2003, S. 89).

Die Bevölkerungsvorausberechnung bildet den Oberbegriff der zukunftsgerichteten demographischen Forschung. Nachfolgend werden die beiden Unterkategorien Bevölkerungsprognose und Bevölkerungsprojektion gegenübergestellt, die sich in ihrer Dimensionalität unterscheiden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Bevölkerungszahl von 1950 bis 2060

Quelle: Statistisches Bundesamt, 2009, 12. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung

Bei der Bevölkerungsprognose handelt es sich um punktgenaue, eindimensionale Aussagen. Hier ist die Gefahr von Abweichungen zur zeitlich versetzten realen Bevölkerungsentwicklung entsprechend hoch (vgl. Birg, 2005, S. 41).

Die am häufigsten verwendete und auch vom Statistischen Bundesamt eingesetzte Methode ist die Bevölkerungsprojektion. Sie besteht aus alternativen Vorausberechnungen, die möglichen Schwankungen der demographischen Bestimmungsfaktoren Fertilität, Mortalität und Migration Rechnung tragen. Seitens der Experten werden maximale, mittlere und minimale Annahmen festgelegt, die eine Begrenzung des möglichen Gesamtspektrums nach oben und unten bilden (vgl. Birg, 2005, S. 41).

2.3 Demographische Chronik bis heute

Nie zuvor war der Anteil Älterer und Hochaltriger an der Gesamtbevölkerung größer als jetzt. Anhand der Abbildungen kann man die Bevölkerungsentwicklung von der klassischen Pyramidenform hin zu einer dem Dönerspieß nicht unähnlichen Form verfolgen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Altersaufbau der Bevölkerung in Deutschland (Vergleich 1910 bis 2060)

Quelle: Statistisches Bundesamt, 2009, 12. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung

Bevor im folgenden Abschnitt der Fokus auf die demographische Zukunft Deutschlands gerichtet wird, zunächst ein Blick in die Geschichte. Grund hierfür ist die Erkenntnis, dass jede Prognose ihr substantielles Gehalt aus einer gründlichen Analyse der tatsächlichen Entwicklung in der Vergangenheit bezieht (vgl. Birg, 2003, S. 85).

Im Mittelalter liegt die durchschnittliche Lebenserwartung von Frauen bei 24 und die der Männer bei 28 Jahren. Hier wirkt sich jedoch die hohe Kindersterblichkeit stark verzerrend auf die Durchschnittswerte aus, und auch Kriege und Seuchen haben großen Einfluss auf diese Daten (vgl. Holst, 2004). Wer die Kindheit überlebte, hatte eine durchschnittliche Lebenserwartung von vierzig Jahren (vgl. Hohmann, 2007). Die Zahl der Bevölkerung ist stärkeren Schwankungen ausgesetzt (vgl. Holst, 2004). Eine wahre Bevölkerungsexplosion setzt im neunzehnten Jahrhundert ein. Zum einen nimmt die Sterblichkeit aufgrund verbesserter Hygiene, gesünderer Ernährung und ausbleibender Seuchen ab, zum anderen steigt die Zahl der Geburten stark an. Verantwortlich hierfür sind die Aufhebung der Heiratsbeschränkungen für abhängige Bauern und Gesellen, resultierend aus der Bauernbefreiung und Gewerbefreiheit, die Funktion der Kinder als soziale Sicherung und nicht zuletzt die einsetzende Industrialisierung, welche für ausreichend Arbeit und die Möglichkeit eine Familie zu ernähren, sorgt (vgl. Holst, 2004). Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, um 1910, entspricht die Altersstruktur der deutschen Bevölkerung in ihrer Form nahezu der einer Pyramide (siehe auch Abbildung 2). Die Zeit der Weltkriege hat tiefe Einschnitte auf die Bevölkerungsentwicklung zur Folge. Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 sinkt die Geburtenrate, die Entbehrungen des Kriegs haben eine Erhöhung der Säuglings- und Kindersterblichkeit zur Folge. Die Wirtschaftskrise Anfang der dreißiger Jahre sorgt ebenfalls für ein Geburtentief. Schließlich hinterlässt der Zweite Weltkrieg, bedingt durch die hohe Zahl der Toten, vor allem junge Männer, deutliche demographische Spuren und ein erneutes Geburtentief zum Ende des Krieges.

Die Nachkriegsjahre bis 1950 werden geprägt durch die millionenfache Zuwanderung deutschstämmiger Menschen aus Osteuropa. Etwa zwölf Millionen Deutsche lassen den demographischen Faktor Migration in dieser Zeit zur wichtigsten Größe für die Bevölkerungsentwicklung werden (vgl. Marschalck, 1984, S. 86 f.). Eine Spätfolge des Kriegsendes ist ein deutlicher Anstieg der

Geburtenzahlen, der nicht zuletzt auch auf dem wirtschaftlichen Aufschwung und steigendem Lebensstandard beruht. Die Phase dieser geburtenstarken Jahrgänge dauert von Mitte der 50er Jahre bis Mitte der 60er Jahre. Die durchschnittliche Geburtenrate pro Frau liegt bei 2,5 Kindern.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Zusammengefasste Geburtenziffer der Kalenderjahre

Quelle: Statistisches Bundesamt, 2009

Ab 1965 setzt ein starker Geburtenrückgang, umgangssprachlich auch als Pillenknick[4] bezeichnet, ein, der sich erst Mitte der 70er Jahre bei einer durchschnittlichen Geburtenrate von etwa 1,4 Kindern pro Frau stabilisiert. Damit liegt die Geburtenrate in Deutschland um ein Drittel unterhalb des Niveaus, das zur Erhaltung des Bevölkerungsstands[5] erforderlich ist. Zwei der vielschichtigen Ursachen neben der verbesserten Verhütung: Die gesellschaftliche Rolle der Frau wandelt sich und berufliche Selbstverwirklichung und wachsende biographische Wahlmöglichkeiten treten in den Fokus. Die steigenden individuellen Lebensansprüche lassen Kinder stärker zu einem Kostenfaktor werden, individuelle Geburtenkontrolle ist die Folge.

Die pronatalistische Familienpolitik der DDR-Führung war verantwortlich für einen unterschiedlichen Verlauf der Geburtenraten beider deutscher Staaten. Mitte der 70er Jahre verabschiedete sie ein Paket bevölkerungs- und sozialpolitischer Maßnahmen (vgl. Marschalck, 1984, S. 115 ff.). Zwischen 1975 und 1980 stieg

die durchschnittliche Geburtenrate in der DDR wieder auf 2,0 Kinder pro Frau an und blieb bis zur Wiedervereinigung jeweils deutlich über den Vergleichszahlen der Bundesrepublik.

Im wiedervereinigten Deutschland kippt dieses Bild ins Gegenteil. Während in den alten Bundesländern bis Mitte der 90er Jahre ein leichter Rückgang der Geburtenrate zu verzeichnen ist, bricht der Wert in den neuen Bundesländern ein und erreicht seinen niedrigsten Stand im Jahr 1994 mit 0,77 Kindern pro Frau. In den darauffolgenden Jahren nähert sich dieser Wert dann wieder der westdeutschen Geburtenrate von 1,4 Kindern an.

Im Jahr 2008 zählt die Bundesrepublik Deutschland 82,0 Millionen Einwohnerinnen (51%) und Einwohner (49%) (vgl. Statistisches Bundesamt, 2010a). Dabei stellen die Altersgruppe der unter 20-Jährigen mit 19% sowie die Gruppe der Senioren (65-Jährige und Ältere) mit 20% einen fast gleich großen Anteil der Gesamtbevölkerung dar.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Altersaufbau der Bevölkerung am 31.12.2008

Quelle: Statistisches Bundesamt, 2009, 12. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung

Die Zahl der Lebendgeborenen liegt 2008 bei 682.514 Kindern. Im Vergleich dazu sorgen 844.439 Sterbefälle für eine deutlich negative Geburtenbilanz[6] (vgl. Statistisches Bundesamt, 2010b). Bereits seit 1972 liegt jährlich ein Geburtendefizit vor.

Die durchschnittliche Lebenserwartung Neugeborener, basierend auf der neuen Sterbetafel[7] 2006/2008, liegt für Jungen bei 77,2 und für Mädchen bei 82,4 Jahren (vgl. Statistisches Bundesamt, 2009a). Allein zwischen den Jahren 1982 und 2008 ist damit die durchschnittliche Lebenserwartung der Männer bei Geburt um 7,2 Jahre und die der Frauen um 5,5 Jahre angestiegen. Die längere Lebenserwartung wirkt sich auch auf die Menschen aus, die sich bereits heute in einem höheren Alter befinden. So beläuft sich die fernere Lebenserwartung[8] von 60-jährigen Männern auf 20,9 Jahre, die 60-jähriger Frauen statistisch gesehen auf 24,7 Jahre. Auch hier ist, verglichen mit 1982, ein Anstieg von 4,4 bei den Männern und 3,9 Jahren bei den Frauen festzustellen (vgl. Bundeszentrale für politische Bildung, 2010).

2.4 Bevölkerungsvorausberechnung

Vor dem Hintergrund einer alternden und schrumpfenden Bevölkerung in Deutschland, bedingt durch das stabil niedrige Geburtenniveau und der konstant ansteigenden Lebenserwartung, hat das Statistische Bundesamt 2009 die Ergebnisse der 12. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung für das Jahr 2060 vorgestellt.

Neben den der amtlichen Statistik entnommenen Basisdaten über die Bevölkerungsgröße und Bevölkerungsstruktur Deutschlands beruht die Bevölkerungsprojektion im wesentlichen auf den Inhalten der im Vorfeld formulierten Annahmen zu Geburtenhäufigkeit, Lebenserwartung und Migration. Dadurch vermittelt das Statistische Bundesamt einen variablen und realistischen

Blick in die demographische Zukunft in Form einer wissenschaftlichen Wenn-Dann-Konstruktion (vgl. Birg, 2003, S. 88). Bevor jedoch die quantitativen Veränderungen, basierend auf der mittleren (wahrscheinlichsten) Variante dieser aktuellsten demographischen Untersuchung, beschrieben werden, zunächst ein Blick auf den Sachgehalt der forschungsleitenden Annahmen über die drei bevölkerungswissenschaftlich relevanten Faktoren.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Annahmen zur Fertilität, Mortalität und Migration bis 2060

Quelle: Statistisches Bundesamt, 2009, 12. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung

Die Geburtenhäufigkeit betreffend, wurden drei Annahmen zur künftigen Entwicklung abgeleitet, wobei in allen drei Annahmen von einem weiteren Anstieg des Alters der Frauen bei der Geburt ihrer Kinder ausgegangen wird.

- Annahme eins geht von einem annähernd konstanten Verlauf aus und sieht die durchschnittliche Kinderzahl je Frau weiterhin bei 1,4 Kindern je Frau.
- Die zweite Annahme sieht bis 2025 einen leichten Anstieg der Geburtenziffer auf 1,6 Kinder je Frau vor und bleibt anschließend auf diesem Niveau konstant.
- Der dritten Annahme zufolge soll die Kinderzahl pro Frau auf 1,2 bis zum Jahr 2060 zurückgehen.

In allen Annahmen bleibt die Geburtenhäufigkeit auf einem niedrigen Niveau und erreicht bei weitem nicht die zum Bestanderhalt notwendige Größenordnung von 2,1 Kindern je Frau.

Für die weitere Entwicklung der durchschnittlichen Lebenserwartung bis zum Jahr 2060 formulierte das Statistische Bundesamt zwei Annahmen, in beiden werden weitere erhebliche Anstiege erwartet. Generell wird ein stärkerer Anstieg der Lebenserwartung bei Männern erwartet, sodass die Differenz zwischen den Geschlechtern verringert wird.

- Die niedrigere Basisannahme geht davon aus, dass die Lebenserwartung bei Geburt im Jahr 2060 für Jungen 85,0 und für Mädchen 89,2 Jahre beträgt. Dies wäre im Vergleich zur aktuellen Situation ein Plus von knapp acht Jahren bei den Jungen und knapp sieben Jahren bei den Mädchen.
- Die Werte der zweiten Annahme, die als obere Grenze betrachtet werden, sehen eine Zunahme der durchschnittlichen Lebenserwartung der Neugeborenen um elf Jahre für Jungen (87,7 Jahre) beziehungsweise neun Jahre für Mädchen (91,2 Jahre) vor.

Am schwierigsten lässt sich das künftige Ausmaß an Außenwanderung schätzen. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt die große Bandbreite der jährlichen Außenwanderungsgewinne und –verluste. Einem Plus von etwa 780.000 Menschen im Jahr 1992 steht ein Minus von etwa 220.000 Menschen im Jahr 1975 gegenüber (vgl. Abbildung 5). Die folgenden beiden Wanderungsannahmen sind nur als langjährige Durchschnitte zu interpretieren. Tatsächlich werden die Wanderungen wahrscheinlich starken Schwankungen unterliegen.

- Annahme eins besagt, der jährliche Wanderungssaldo steigt bis zum Jahr 2014 auf 100.000 Menschen und hält dieses Niveau.
- Die zweite Annahme unterstellt bis zum Jahre 2020 einen Anstieg des jährlichen Wanderungssaldos auf 200.000 Personen und geht von anschließender Konstanz aus.

Aus der Kombination aller vorgenannten forschungsleitenden Annahmen ergeben sich zwölf Varianten. Das Statistische Bundesamt bezieht sich bei der Variante „mittlere“ Bevölkerung auf folgende Annahmen:

- Konstant niedrige Geburtenhäufigkeit von annähernd 1,4 Kindern
- Erhöhung der durchschnittlichen Lebenserwartung bei Neugeborenen für Jungen auf 85,0 Jahre und für Mädchen auf 89,2 Jahre bis 2060.

Diese werden mit den zwei Annahmen zum Wanderungssaldo (100 000 Personen im Jahr = Untergrenze und 200 000 Personen im Jahr = Obergrenze) kombiniert. So markieren die beiden Varianten Untergrenze der „mittleren“ Bevölkerung, und Obergrenze der „mittleren“ Bevölkerung, einen Korridor, innerhalb dessen sich die Bevölkerungsgröße und der Altersaufbau entwickeln werden. Ausgehend von heute 82 Millionen, wird die Bevölkerungszahl bis 2060 auf 65 bis 70 Millionen Menschen zurückgehen. Problematisch wird dieser Bevölkerungsrückgang jedoch erst im Zusammenspiel mit der gleichzeitigen massiven Veränderung in der Altersstruktur.

2.5 Altersstrukturelle Verschiebungen

Optimal ist eine Altersstruktur nach demographischen Gesichtspunkten, wenn keine Altersklasse überrepräsentiert ist und viele Menschen im erwerbsfähigen Alter[9] sind. Die Entwicklung seit Anfang der 70er Jahre ist jedoch genau entgegengesetzt. Einerseits bewirkt die niedrige Geburtenziffer ein zunehmend kleineres demographisches Fundament. Auf der anderen Seite erzeugen die immer mehr und gleichzeitig immer älter werdenden Menschen einen aufblähenden und sich stetig verlängernden Kopfbereich der ehemaligen „Bevölkerungspyramide“. Die im Folgenden aufgezeigten Entwicklungen beziehen sich auf die Variante Untergrenze der „mittleren“ Bevölkerung.

Aktuell setzt sich die Bevölkerung zu 19 Prozent aus Kindern und jungen Menschen unter zwanzig Jahren, zu 61 Prozent aus Menschen im erwerbsfähigen

Alter zwischen 20 und 65 Jahren und zu den übrigen 20 Prozent aus 65-Jährigen und Älteren. Diese Gewichtung wird sich bereits in den kommenden zwei Dekaden deutlich in Richtung der älteren Menschen verschieben. 2030 werden etwa 29 Prozent der Bevölkerung 65 Jahre oder älter sein. Bis zum Jahr 2060 wird somit bereits jeder Dritte (34 Prozent) dieser Altersgruppe angehören (vgl. Statistisches Bundesamt, 2009b).

[...]


[1] Im Rahmen dieser Arbeit wird so die Altersgruppe 50plus umschrieben, weitere Bezeichnung „3. Lebensalter“.

[2] Im Rahmen dieser Arbeit wird so die Altersgruppe 80plus umschrieben, weitere Bezeichnung „4. Lebensalter“.

[3] Der Autor hat sich rein subjektiv für dieses Schlagwort als Bezeichnung der Menschen zwischen fünfzig und fünfundsechzig Jahren entschieden.

[4] Geburtenrückgang durch Einnahme der Antibabypille, erfasste alle westlichen Industrienationen.

[5] Zur Bestandserhaltung einer hochentwickelten Bevölkerung sind mindestens zwei Kinder pro Frau erforderlich, da die Wahrscheinlichkeit der zum Erhalt der nächsten Generation notwendigen Geburt einer Tochter bei 50 % liegt. Der Rest von 0,1 dient im wesentlichen der Kompensation des (in Deutschland niedrigen) Mortalitätsrisikos.

[6] Differenz zwischen der Zahl der Lebendgeborenen und der Zahl der Sterbefälle in einem bestimmten Zeitraum (meist Kalenderjahr). Ist die Differenz positiv (negativ) wird von einem Geburtenüberschuss (-defizit) gesprochen.

[7] Die amtlichen Sterbetafeln basieren auf den Daten über die Gestorbenen und die Durchschnittsbevölkerung der letzten drei Jahre. Es handelt sich also um eine Momentaufnahme der Sterblichkeitsverhältnisse der gesamten Bevölkerung in diesem Zeitraum (vgl. Bundeszentrale für politische Bildung, 2010).

[8] Die fernere Lebenserwartung beschreibt, wie viele Lebensjahre beispielsweise eine 60-jährige Person im Durchschnitt noch zu erwarten hat. Die Summe aus erreichtem Alter und fernerer Lebenserwartung liegt immer höher als die durchschnittliche Lebenserwartung bei Geburt, da die Risiken, früh zu sterben, überwunden sind (vgl. Bundeszentrale für politische Bildung, 2010).

[9] Im Rahmen dieser Arbeit wird eine Zeitspanne von zwanzig bis fünfundsechzig Jahren angesetzt. Nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung lag das durchschnittliche Renteneintrittsalter im Jahr 2008 bei 63,2 Jahren.

Details

Seiten
80
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783842807495
Dateigröße
1.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v228171
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Humanwissenschaftliche Fakultät, Sportwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
fitnessbranche demographie gesellschaft alte

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