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Untersuchungen zum Kreolischen von Haiti

Diplomarbeit 2010 102 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Historische und politische Hintergründe
2.1 Die Geschichte Haitis
2.1.1 Die spanische Kolonialherrschaft
2.1.2 Die französische Kolonialherrschaft
2.1.3 Die Haitianische Revolution
2.2 Aktuelle Lage

3 Begriffserläuterung
3.1 Kreol
3.1.1 Etymologie
3.1.2 Begriffsentwicklung
3.1.3 Aktuelle Definition für Kreolsprache
3.2 Pidgin: Etymologie und Bedeutung

4 Die Verbreitung der Kreolsprachen

5 Linguistische Theorien für die Entstehung der Kreolsprachen
5.1 Monogenese oder Polygenese?
5.2 Erklärungsmodelle für die Kreolgenese
5.2.1 Vereinfachung
5.2.1.1 Die Foreigner-Talk-Theorie
5.2.1.2 Die Baby-Talk-Theorie
5.2.2 Die Bioprogramm-Theorie
5.3 Die genetische Klassifizierung
5.3.1 Kreolsprachen als romanische Sprachen
5.3.2 Kreolsprachen als afrikanische Sprachen
5.3.3 Kreolsprachen als eine eigene Sprachgruppe

6 Soziolinguistische und historische Gründe für die Entstehung der Kreolsprachen
6.1 Die französischen Kolonisten
6.2 Die Sklaven
6.2.1 Herkunft und Sprachen der Sklaven
6.2.2 Alter und Geschlecht der Sklaven
6.3 Die Siedlergesellschaft
6.4 Die Plantagengesellschaft
6.4.1 Die demografische Situation in der Plantagengesellschaft
6.4.2 Die soziolinguistische Situation der Plantagengesellschaft

7 Der Wortschatz des Haiti-Kreols
7.1 Wörter französischen Ursprungs
7.1.1 Unveränderte Wörter
7.1.2 Veränderungen in der Form
7.1.3 Veränderungen der syntaktischen Funktion
7.1.4 Veränderungen der Bedeutung
7.1.5 Archaismen und Dialektalismen
7.2 Wörter spanischen Ursprungs
7.3 Wörter aus den Sprachen der karibischen Ureinwohner
7.4 Afrikanismen
7.5 Lehnbedeutungen aus dem Fongbe

8 Sprachgebrauch und Sprachpolitik früher und heute
8.1 Der Status des Kreolischen in der haitianischen Gesellschaft
8.1.1 Die Vorurteile gegenüber dem Kreolischen
8.1.2 Das Verhältnis zwischen Kreolisch und Französisch
8.1.3 Ist Haiti eine diglossische Gesellschaft?
8.1.4 Der Einfluss des Englischen
8.2 Der Status des Haiti-Kreols in der Verfassung
8.2.1 Das Kreolische in den ehemaligen Verfassungen
8.2.2 Das Kreolische in der aktuellen Verfassung
8.3 Die Rolle des Kreolischen in der Politik und vor Gericht
8.4 Die Rolle des Haiti-Kreols in den Medien
8.5 Der Status des Haiti-Kreols in der haitianischen Literatur
8.6 Die Rolle des Haiti-Kreols im Bildungssystem
8.6.1 Die Rolle des Kreolischen im Bildungssystem vor 1979
8.6.2 Die Rolle des Kreolischen seit der Bildungsreform von 1979
8.6.2.1 Der Inhalt der Bildungsreform
8.6.2.2 Die Realisierung der Bildungsreform
8.6.2.3 Die Verwendungshäufigkeit von Kreolisch und Französisch am Collège und am Lycée
8.6.3 Die Rolle des Kreolischen im Kampf gegen Analphabetismus

9 Die haitianische Orthografie
9.1 Anlehnung an die französische Orthografie
9.1.1 Die etymologisierende Schreibung
9.1.2 Argumente für die Verwendung einer etymologisierenden Grafie
9.1.3 Argumente gegen die Verwendung einer etymologisierenden Grafie
9.2 Die phonologische Schreibung
9.2.1 Das McConnell-Laubach-System
9.2.2 Das Système Pressoir
9.2.3 Die aktuelle Orthografie

10 Schluss und Ausblick

Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Haiti ist zuletzt aufgrund des Erdbebens im Januar 2010 in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt. Heutzutage wird das Land mit extremer Armut und Naturkatastrophen in Verbindung gebracht, doch dabei wird oftmals vergessen, dass Haiti früher einmal die reichste Kolonie der Welt war und daher als „Perle der Antillen“ (Bernecker 1996: 7) galt. Dies ist allerdings nicht die einzige Besonderheit Haitis: Das Land und seine Kreolsprache nehmen in vielerlei Hinsicht eine Sonderstellung ein. So war Haiti einst der erste freie Sklavenstaat und ist noch heute die größte kreolsprachige Gemeinschaft der Welt (vgl. Chaudenson 1995: 26). Zu den neun Millionen Sprechern in Haiti kommen schätzungsweise eine Million haitianischer Emigranten (vgl. ebd.), die sich vor allem in den Vereinigten Staaten, aber auch in anderen karibischen Ländern, wie zum Beispiel dem Nachbarland Dominikanische Republik, niedergelassen haben (vgl. Chaudenson 2001: 25). Nach dem Erdbeben im Januar 2010 dürfte die Anzahl der haitianischen Emigranten allerdings weitaus höher liegen. Des Weiteren gehört das Kreolische von Haiti (im Folgenden ‚KrHai’) zu den am gründlichsten untersuchten Kreolsprachen der Welt (vgl. Muyken/Veenstra 1995: 153).

Das KrHai ist recht uniform; die wenigen Sprachvarietäten sind somit untereinander verständlich. In Haiti werden drei Dialekte unterschieden, auf deren Charakteristika ich hier allerdings nicht näher eingehen werde: le créole du Nord, le créole du Sud und le créole du Centre, wozu auch der Dialekt von Port-au-Prince gehört. (vgl. TLFQ)

Die vorliegende Diplomarbeit mit dem Titel „Untersuchungen zum Kreolischen von Haiti“ beginnt mit einem Überblick über die Geschichte Haitis. Dabei habe ich mich auf die Kolonialzeit und die Haitianische Revolution konzentriert, da diese Perioden unerlässlich sind, um die seitdem vorherrschenden Gesellschaftsstrukturen und Probleme Haitis zu verstehen, welche wiederum bedeutsame Auswirkungen auf das KrHai hatten und auch weiterhin haben. Außerdem schufen die frühe europäische Besetzung Haitis und der Import afrikanischer Sklaven überhaupt erst die Voraussetzungen für die Entstehung einer Kreolsprache auf der Insel. Im Anschluss wird auch die momentane Situation Haitis kurz erläutert. Dabei werden insbesondere Angaben zur Bevölkerung, zur Armut und zur hohen Analphabetenrate des Landes gemacht.

Im darauffolgenden dritten Kapitel wird erklärt, wie die Begriffe Kreol und Pidgin entstanden sind, wie sie sich verändert haben und wodurch sich Kreol- und Pidginsprachen überhaupt auszeichnen.

Im Anschluss folgt ein kurzer Überblick über die Verbreitung der europäischen Kreolsprachen. Neben den indoeuropäischen gibt es auch eine Reihe von Kreol- und Pidginsprachen, die auf anderen, insbesondere afrikanischen Sprachen basieren (vgl. Chaudenson 1995: 23). Um das Thema einzugrenzen, beschäftigt sich diese Diplomarbeit aber nur mit den Kreolsprachen auf europäischer Grundlage.

Im fünften Kapitel werden linguistische Theorien zur Entstehung von Kreolsprachen dargelegt. Das sechste Kapitel beschäftigt sich intensiv mit den soziolinguistischen und historischen Gründen für deren Entstehung. Eine Darstellung der verschiedenen Theorien dient jedoch nicht nur der Erläuterung der Kreolgenese, sondern ist außerdem unabdingbar, um die Geringschätzung des Kreolischen zu verstehen; denn insbesondere die soziolinguistischen Gegebenhei­ten in den Kolonien prägten die Kreolsprachen und ihren heutigen Status sowohl innerhalb als auch außerhalb der kreolsprachigen Gebiete.

Das anschließende siebte Kapitel über den Wortschatz Haitis soll vor allem dazu dienen, eine Vorstellung von der kreolischen Sprache zu vermitteln. Es wird aufgezeigt, aus welchen Sprachen Wörter ins KrHai übernommen wurden und wie sich deren Bedeutung teilweise verändert oder erweitert hat.

Das KrHai ist die Muttersprache und oftmals einzige Sprache der Haitianer und wird somit in allen Alltagssituationen verwendet (vgl. Stein 1984: 14). Obwohl es nun neben Französisch eine der offiziellen Amtssprachen Haitis ist, wird es – oftmals auch von seinen Sprechern selbst – als eine minderwertige Sprache betrachtet. Französisch ist in Haiti weiterhin die Sprache der obersten Gesellschaftsklassen und der Verwaltung. (vgl. Chaudenson 1995: 26) In der vorliegenden Diplomarbeit sollen die Gründe für die Verachtung der Kreolsprachen näher erläutert werden. Ein Schwerpunkt ist daher die Sprachpolitik und der Sprachgebrauch in Haiti, die im achten Kapitel untersucht werden. Dabei vergleiche ich den Status und die Verwendungshäufigkeit von Kreolisch und Französisch in verschiedenen Bereichen wie der Gesellschaft, der Politik, den Medien und dem Bildungssystem und erläutere, wie sich die Stellung des Kreolischen im Laufe der Zeit verändert hat.

Weitere Besonderheiten Haitis sind, dass es die umfangreichste kreolsprachige Literatur bietet (vgl. Chaudenson 1979: 26) und zu den wenigen kreolsprachigen Ländern zählt, die über eine offizielle Orthografie, über Lehrbücher und Grammatiken verfügen (vgl. Fleischmann 1986: 109). Ein weiterer Schwerpunkt gilt daher im neunten Kapitel der langwierigen Entwicklung einer allgemeingültigen Orthografie des KrHai. Unter diesem Punkt wird erläutert, warum es bei der Durchsetzung einer offiziellen haitianischen Orthografie zu einem regelrechten „Kulturkampf“ (Fleischmann 1980: 97-98) kam. Neben der offiziellen Orthografie werden daher die Orthografien, die in Haiti eine große Rolle spielten, sowie deren Vor- und Nachteile und die Gründe für ihr Scheitern dargestellt.

Anhand dieser verschiedenen Punkte wird deutlich, dass die vorliegende Diplomarbeit ein umfassendes Bild des KrHai vermitteln soll. Beim Verfassen habe ich mich stets darum bemüht, chronologisch vorzugehen, damit die Kreolgenese, die Entwicklung von Begriffen, des Ansehens der Kreolsprache sowie der Orthografie des KrHai leicht nachvollziehbar sind. Den Abschluss dieser Arbeit bildet die Zusammenfassung der wichtigsten Aspekte der Kapitel ‚Soziolinguistische und historische Gründe für die Entstehung der Kreolsprachen’, ‚Sprachgebrauch und Sprachpolitik’ und ‚Die haitianische Orthografie’.

2 Historische und politische Hintergründe

2.1 Die Geschichte Haitis

2.1.1 Die spanische Kolonialherrschaft

Haiti gehört zu den Großen Antillen im Karibischen Meer. Die Insel, auf der sich heute Haiti im Westen und die Dominikanische Republik im Osten befinden, (vgl. Bernecker 1996: 11) wurde von den spanischen Konquistadoren auf den Namen Española getauft, den Kartografen schließlich zu Hispaniola abwandelten (vgl. TLFQ). Auf ihr lebte bis zur Ankunft der Spanier das Volk der Taíno, das aus dem Nordosten Südamerikas stammte und zu den Arawak gehörte (vgl. Bernecker 1996: 11).

Als Christoph Kolumbus Hispaniola im Jahre 1492 entdeckte, herrschten auf der Insel fünf Könige über fünf Gebiete, die nur über den Seeweg erreichbar waren, da das unwegsame Landesinnere aufgrund von waldreichen Gebirgen nahezu unerreichbar war (vgl. ebd.). Deshalb lebten die Taíno nur in die Ebenen und auf den angrenzenden Gebirgshängen. (vgl. ebd.: 12). In seinem Bordbuch beschrieb Christoph Kolumbus das Volk der Taíno folgendermaßen:

Um die Herrschaft auszuüben, braucht man sich hier nur niederzulassen und den Eingeborenen anzuordnen, allen Befehlen nachzukommen. [Die Eingeborenen] besitzen keine Waffen, sind unkriegerisch, harmlos, nackt und so feige, daß tausend von ihnen drei meiner Leute nicht an sich herankommen lassen würden. Dafür sind sie bereit, zu gehorchen, zu arbeiten und alles Nötige zu vollführen. […] Der Boden ist so ergiebig und fruchtbar, daß die Inselbewohner sich weder um ihren Lebensunterhalt, noch auch zur Beschaffung ihrer Kleidung viel zu plagen brauchen, da sie ja nackt herumlaufen. (Kolumbus, zit. nach Bernecker 1996: 12-13)

Aus solchen Erzählungen, in denen immer wieder auf die Nacktheit der Eingeborenen hingewiesen wird, resultierte schließlich der literarische Prototyp des „amerikanischen Wilden“ (vgl. Bernecker 1996: 13).

Leider weiß man nicht genau, wie viele Taíno bei der Ankunft der Spanier auf Hispaniola lebten; die Schätzungen diesbezüglich gehen weit auseinander. Manche Forscher gehen von 200.000 und andere von einer Million Indianern aus. Man weiß jedoch, dass sie in großen Dörfern lebten und eine recht einfache Landwirtschaft betrieben. Im westlichen Flachland gab es auch bewässerte Felder. Dort legten später die französischen Siedler ihre großen Zuckerrohrplantagen an. (vgl. ebd.: 12) Kolumbus war von den vielfältigen landwirtschaftlichen Nutzungsmöglichkeiten begeistert. Von weitaus größerer Bedeutung war für ihn allerdings, dass er an der Nordküste Hispaniolas auf Goldvorkommen gestoßen war. (vgl. ebd.: 13) Diese sollten sich jedoch als große Enttäuschung für die kastilische Krone herausstellen, denn sie waren so gering, dass sie schon bald erschöpft waren (vgl. ebd.: 14).

Bei der Entdeckung Hispaniolas im Dezember 1492 war Christoph Kolumbus noch der Überzeugung, dass es sich bei der Insel um Japan handelte. Als er im Januar 1493 mit einem Teil seiner Mannschaft nach Spanien zurückreiste, bestand für ihn kein Zweifel daran, dass er den westlichen Seeweg nach Asien entdeckt hatte. Als er im November 1493 zum zweiten Mal auf Hispaniola ankam, fand er die zurückgebliebenen Männer tot in ihrem Fort auf. Einige Einheimische wurden daraufhin willkürlich des Mordes bezichtigt und umgebracht. Die Beziehung zwischen den Spaniern und der einheimischen Bevölkerung wurde fortan immer schlechter, und zwar nicht nur wegen der Morde an einigen Eingeborenen, sondern auch, weil sich Letztere immer häufiger und entschiedener der Oberhoheit der Spanier widersetzten. (vgl. ebd.)

Die Bevölkerung Hispaniolas wuchs sehr schnell an, sodass ein erhöhter Bedarf an Lebensmitteln entstand. Die Spanier weigerten sich allerdings, auf den Feldern zu arbeiten, und zwangen die Taíno, die gesamte Arbeit zu verrichten. (vgl. ebd.) Durch die Zwangsarbeit konnte der steigende Nahrungsmittelbedarf jedoch nicht mehr befriedigt werden (vgl. ebd.: 14-15). Es kam zu Hunger und Mangelerscheinungen, worunter nicht nur die Einheimischen, sondern auch die Eroberer zu leiden hatten. Die gewaltsame Einnahme ihrer Gebiete hatte für die indianische Bevölkerung allerdings noch weitere fatale Folgen. (vgl. ebd.: 15) Sie wurden nicht nur umgebracht oder versklavt, sondern fielen auch reihenweise den europäischen Ansteckungskrankheiten zum Opfer. So soll angeblich die Hälfte der einheimischen Bevölkerung Hispaniolas an einer Grippe gestorben sein, die Kolumbus’ Männer auf der zweiten Expedition mitgebracht hatten. (vgl. ebd.)

Im Jahr 1500 belief sich die Zahl der spanischen Kolonisten auf etwa 800 (vgl. ebd.: 16). Sie mussten bald feststellen, dass sie auf Hispaniola nicht das erhoffte sorgenfreie Leben führen konnten, und so kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen unter den Eroberern (vgl. ebd.: 15). Trotz dieser Unruhen strömten von 1501 bis 1507 weitere 10.000 Spanier auf die Insel (vgl. ebd.: 16). Sie legten Plantagen an und errichteten Städte, darunter auch Santo Domingo, „die damals größte der Neuen Welt“ (ebd.). Die Versklavung der einheimischen Bevölkerung wurde 1500 von der kastilischen Krone zwar verboten, doch dies änderte nichts an der vorherigen Situation (vgl. ebd.: 18). Die spanischen Kolonisten versklavten und mordeten weiter, und so wurden die Taíno in wenigen Jahrzehnten fast vollständig ausgelöscht (vgl. ebd.: 18-19). Da die Wirtschaftsgrundlage auf Hispaniola Gold war und es nun an Arbeitskräften zum Goldschürfen fehlte – für die spanischen Kolonisten kam Arbeit natürlich nicht in Frage – versklavten sie die Einheimischen der Nachbarinseln. Viele dieser Inseln, wie beispielsweise die Bahamas, waren schließlich vollständig entvölkert. (vgl. ebd.: 19)

Als die Goldvorkommen ab 1514 zur Neige gingen, beschloss man, Zuckerrohr anzubauen. Da nicht genügend einheimische Arbeitskräfte zur Verfügung standen, erlaubte Karl V., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, erstmals den Import von afrikanischen Sklaven. So wurden ab 1552 jährlich 2000 Sklaven nach Hispaniola gebracht. (vgl. ebd.) Dies war der Beginn der Zuckerrohrplantagenwirt­schaft, durch die der östliche Teil Hispaniolas zu großem Wohlstand gelangte (vgl. ebd.: 20).

2.1.2 Die französische Kolonialherrschaft

Den Westen der Insel, also das heutige Haiti, hatten die Spanier um 1520 aufgrund der erschöpften Goldvorkommen verlassen (vgl. Bernecker 1996: 21). Die Ureinwohner waren durch Massaker und eine heftige Pockenepidemie nun vollständig ausgestorben (vgl. ebd.: 21-22). Da der westliche Teil Hispaniolas somit unbesiedelt blieb, versuchten Franzosen und Briten im 17. Jahrhundert dieses Gebiet zu annektieren (vgl. ebd.: 22). Im 16. und 17. Jahrhundert waren in der Karibik Krieg und Piraterie an der Tagesordnung, da sich Frankreich, England sowie die Niederlande der spanisch-portugiesischen Vormachtstellung widersetzten und versuchten ihre Kolonien zu erobern (vgl. ebd.: 22-23). In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts gelang es den Franzosen schließlich, die Insel La Tortuga (Ile de la Tortue) einzunehmen, die nördlich vor Hispaniola liegt und somit zu einem der wichtigsten Stützpunkte wurde (vgl. ebd.: 25). Nach weiteren Kämpfen zwischen Spaniern und Franzosen gewannen Letztere und konnten den Westteil der Insel in Besitz nehmen. Schließlich musste die spanische Krone im Jahr 1697 den Westteil Hispaniolas Frankreich überlassen, der nun den Namen Saint-Domingue trug. Die heutige Grenze wurde allerdings erst 1777 festgelegt. (vgl. ebd.: 26)

Die Wirtschaft in Saint-Domingue basierte auf Sklavenhandel und dem Plantagenanbau von Zuckerrohr, Indigo, Kaffee und Baumwolle (vgl. ebd.: 28). Die Plantagenbesitzer klagten jedoch unentwegt über einen Mangel an Arbeitskräften, und so mussten ständig neue Sklaven importiert werden. (vgl. ebd.: 29)

Mitte des 18. Jahrhunderts war Saint-Domingue zur dominanten Karibikinsel avanciert. Sie war von allen amerikanischen Kolonien diejenige mit der höchsten Zuckerproduktion. (vgl. Klein 1999: 33) Bald sollte die Kolonie auch zum weltweit größten Kaffeeproduzenten aufsteigen. Ende des 18. Jahrhunderts galten die Plantagenbesitzer von Saint-Domingue als die geschäftstüchtigsten und produktivsten Zuckerproduzenten der Welt. Auf keiner anderen Insel gab es damals so viele Sklaven wie in Saint-Domingue, nämlich 460.000. (vgl. ebd.) Sie machten die Kolonie zur reichsten der Welt (Bernecker 1996: 32). Stolze zwei Drittel des französischen Exportvolumens aus Amerika wurden in Saint-Domingue erwirtschaftet (vgl. Klein 1999: 33). Wirtschaftlich gesehen wurde sie somit zu Recht als „Perle der Antillen“ bezeichnet (Bernecker 1996: 32).

2.1.3 Die Haitianische Revolution

Im Februar 1791 kam es zu einem blutigen Bürgerkrieg in Saint-Domingue (vgl. Bernecker 1994: 38), der die ertragreiche Kolonie auseinanderreißen sollte (vgl. Klein 1999: 39). Auslöser für die folgenden Ereignisse war die Französische Revolution (vgl. ebd.). Die Mulatten waren die Ersten, die sich durch sie inspirieren ließen und in einer Revolte mehr Menschenrechte für sich selbst forderten (vgl. Bernecker 1994: 45). Dieser Mulattenaufstand wurde zwar niedergeschlagen, Frankreich beschloss daraufhin jedoch die Gleichberechtigung der frei geborenen Mulatten. Wenig später wurde ein weiteres Dekret erlassen, dem zufolge alle Überseegebiete fortan zu Frankreich gehören sollten. (vgl. ebd.: 38) Die Weißen in Saint-Domingue waren aber nicht bereit, diese Dekrete zu akzeptieren (vgl. ebd.: 39). In der ersten Phase der Haitianischen Revolution wehrten sich die weißen Plantagenbesitzer also gegen die koloniale Vormachtstellung Frankreichs und gegen die Gleichberechtigung der Mulatten. (vgl. ebd.: 45)

In der zweiten Phase kam es im Norden des Landes schließlich im August 1791 zur entscheidenden Revolte aller Sklaven (vgl. Klein 1999: 39), bei der große Teile der weißen Bevölkerung umgebracht wurden (vgl. Gewecke 1988: 20). Der Voodoo-Kult war ein wichtiges Moment bei der Organisation dieses Sklavenauf­standes, da er das Zusammengehörigkeitsgefühl kräftigte und die schwarzen Soldaten von Voodoo-Priestern motiviert wurden (vgl. Bernecker 1994: 39). Aus diesem Grund sehen Revolutionshistoriker die Voodoo-Religion eher als einen „politischen Geheimbund zur Befreiung der Sklaven und zur Erringung der völkerrechtlichen Unabhängigkeit“ an (Rüsch, zit. nach Bernecker 1994: 39).

Die Voodoo-Religion, die einen Geister- und Götterkult mit Zauberei verbindet, war für die afrikanischen Sklaven von Anfang an von großer Bedeutung. Da die Plantagenbesitzer Sklaven eines Stammes bewusst voneinander trennten, stellte der Voodoo-Kult eine wichtige Gemeinsamkeit dar, durch den die Unterdrückten ihren Zusammenhalt stärkten (vgl. Bernecker 199: 34). Außerdem bedeutete er für die Sklaven „Zuflucht und eine Art Schutz vor der Unterdrückung“ (ebd.: 35). Auf der Insel bildete sich schnell eine organisierte Priesterschaft (vgl. ebd.). Es waren nämlich auch viele Afrikaner versklavt worden, die man in ihrer Heimat der Hexerei angeklagt hatte (vgl. Fuchs 1996: 71). Die Anhänger des Voodoo trafen sich insbesondere nachts zu geheimen Tänzen, die ihnen seit Anfang des 18. Jahrhunderts offiziell nur noch tagsüber erlaubt waren. (vgl. ebd.) Die weißen Herren waren zwar dazu verpflichtet, ihre Sklaven zu evangelisieren, denn dies galt damals als die einzige moralische Rechtfertigung für die Sklavenhaltung, doch außer der Taufe, durch die die Sklaven nominell zu Christen wurden, taten die Kolonialisten nichts, um die Sklaven zu missionieren, und sie verboten ihnen auch nicht, an ihrer eigenen afrikanischen Religion festzuhalten. So konnten die Sklaven weiterhin ihre Voodoo-Rituale praktizieren, in die sie jedoch viele katholische Elemente integrierten. (vgl. ebd.)

Zur Durchsetzung des Gleichstellungsdekretes der Mulatten wurden im September 1792 französische Truppen nach Haiti geschickt, die jedoch weniger die aufständischen Sklaven bekämpften, sondern eher die weißen Gegenrevolutionäre, die für eine unabhängige Kolonie kämpften (vgl. Bernecker 1994: 39).

In der zweiten Phase der Revolution wurde der Bürgerkrieg zu einer internationalen Angelegenheit, als sich fortan auch England und Spanien einmischten, wodurch sich die Position Frankreichs immer weiter verschlechterte (vgl. ebd.: 40-41). Als Frankreich im Jahre 1794 die Sklaverei verbot, beschloss der berühmte Sklavenführer François Dominique Toussaint-L’Ouverture auf Seiten der Franzosen zu kämpfen. Er vereinigte die Sklaven weitestgehend, besiegte seine weißen und mulattischen Gegner und wurde von Frankreich zum Gouverneur der Kolonie erklärt. 1799 kam es zu einem weiteren Bürgerkrieg, diesmal jedoch zwischen den Schwarzen unter Führung von Toussaint-L’Ouverture und den Mulatten. Letztere wurden nach einem Jahr besiegt und fast vollständig vernichtet. (vgl. ebd.: 41) Der Diktator Toussant-L’Ouverture versuchte nun, das Land wieder aufzubauen (vgl. ebd.: 42).

Die dritte Phase der Revolution begann 1802, als Napoleon seinen Schwager Charles-Victor-Emmanuel Leclerc mit einer großen Armee nach Saint-Domingue schickte, um das Land wieder als französische Kolonie zu etablieren. Zuerst war diese Mission auch erfolgreich: Die französischen Truppen siegten und Toussaint-L’Ouverture wurde nach Frankreich abtransportiert. Als jedoch die Sklaverei wieder eingeführt wurde, schlossen sich die Schwarzen mit den Mulatten zusammen und es kam zu einem weiteren Krieg. (vgl. ebd.: 44) Viele französische Soldaten starben entweder auf dem Schlachtfeld oder am Gelbfieber, und so gewann schließlich die Armee der Schwarzen und Mulatten. Daraufhin wurden alle restlichen Weißen von den Siegern umgebracht. Das Ergebnis der Sklavenrebellion war die Gründung einer unabhängigen haitianischen Regierung am 1. Januar 1804 und die Abschaffung der Sklaverei auf der Insel. Die Sieger tauften ihr Land auf den arawakischen Namen Aytí (bergiges Land). (vgl. ebd.: 45) So hatten einst die Ureinwohner ihre Insel genannt (vgl. TLFQ). Das Bemerkenswerte am haitianischen Sklavenaufstand ist, das er der einzige war, der in Amerika wahren Erfolg hatte (vgl. Klein 1999: 39). Da Haiti bereits 1804 die Unabhängigkeit von Frankreich erlangte, war es somit der erste freie „Sklavenstaat“ der Welt (vgl. Stein 1984: 14). Die Freiheit hatte jedoch verheerende Auswirkungen auf die Wirtschaft. Das vollkommen zerstörte Land produzierte in den folgenden Jahren immer weniger Zucker, bis es schließlich ganz aus dem Zuckermarkt aussteigen musste. (vgl. Klein 1999: 39) Auch innenpolitisch war das Land durch Instabilität gekennzeichnet: Nur zwei Jahre nach der Unabhängigkeit kam es zur Spaltung; Norden und Süden wurden erst 1820 wiedervereint. (vgl. Bernecker 1996: 207)

Wie groß in Haiti damals der Hass auf die Weißen war, die für das frühere, elendige Leben der versklavten Bevölkerung schließlich verantwortlich waren, zeigt sich nicht nur daran, dass alle Weißen während der Revolution umgebracht wurden, sondern spiegelt sich auch in der ersten Verfassung Haitis wider, deren vordergründiges Ziel es war, jeden Weißen aus der haitianischen Gesellschaft auszuschließen und eine eigenständige haitianische Nation zu gründen. Um dies zu erreichen, wurden den Weißen in der Verfassung die haitianische Staatsbürger­schaft und das Recht auf Besitz verweigert. (vgl. Fleischmann 1986: 90) Erst in der zwölften Verfassung von 1867 wurde die ‚Hautfarbe’ als ausschlaggebendes Kriterium bezüglich der haitianischen Staatsbürgerschaft aufgehoben. Im Jahre 1918, also während der US-Besatzung, wurde außerdem die Beschränkung der Besitzrechte aufgehoben. Von da an durften in Haiti auch Personen nicht haitianischer Nationalität über Besitz verfügen. (vgl. ebd.: 91)

Doch auch das Verhältnis zwischen Schwarzen und Mulatten erwies sich als äußerst problematisch, da diese schon innerhalb der Sklavengesellschaft in zwei sozial unterschiedliche Klassen eingeteilt waren. Innenpolitisch kam es in Zusammenhang mit der Landverteilung zu zahlreichen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Gruppen. Während die schwarzen Politiker die Plantagenstruktur beibehalten wollten, hatten die mulattischen Politiker eine Aufteilung der landwirtschaftlichen Nutzflächen zum Ziel. 1820 setzten sich letztendlich die Mulatten durch, was einen Bruch innerhalb der Nation zur Folge hatte. Die Mehrheit der schwarzen Bevölkerung zog aufs Land, wo sie sich weitgehend selbst versorgte. Die Mulatten ließen sich hingegen in den Städten nieder, wo sie zu einer Elite aufstiegen, die nach „Fortschritt“, also eher nach den französischen Idealen, strebte. Dadurch wurde sie aber auch zunehmend von Frankreich abhängig. 1825 erreichte diese Abhängigkeit einen erneuten Höhepunkt, als Frankreich nach Erhalt einer astronomischen Entschädigung die Unabhängigkeit Haitis anerkannte, wodurch das Land in eine Verschuldung gestürzt wurde, deren fatale Folgen dort noch heute spürbar sind. Das 19. Jahrhundert war folglich durch die Dominanz der Mulatten gekennzeichnet, die sich so gut wie möglich vom schwarzen Volk abheben wollten. Sie orientierten sich daher an der französischen Sprache, französischen Manieren und auch der französischen Bildungspolitik, da ihnen alles Französische in höchstem Maße erstrebenswert erschien. Gleichzeitig kämpften sie um die Vorherrschaft in Politik und Handel, was stets zu Lasten der schwarzen Landbevölkerung ging. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts bildete sich auch eine Elite der Schwarzen heraus. (vgl. ebd.) Während der US-Besatzung von 1915 bis 1934 kam es immer wieder zu Konflikten zwischen den beiden Gruppen, die jedoch von den Amerikanern stets unter Kontrolle gehalten wurden, sodass es nicht zu blutigen Auseinandersetzungen kam. (vgl. ebd.: 92)

Nach der Revolution hatte Haiti somit unter einer sehr instabilen Politik und unter mehreren Diktaturen zu leiden (vgl. Bernecker 1996: 207-208). In welch einem Chaos sich das Land nach der Revolution befand, lässt sich auch daran erkennen, dass zwischen 1804 und 1957 von 36 Staatsoberhäuptern 24 gestürzt oder ermordet wurden (vgl. TLFQ). Ein erster „Modernisierungsschub“ (Fleischmann 1986: 145) fand aufgrund der Zerstörung der Plantagen und der frühen Unabhängigkeit nicht statt (vgl. ebd.). Bis heute konnte sich Haiti von seiner grausamen Vergangenheit nicht erholen (vgl. Gewecke 1988: 21). Die einst reichste Kolonie wurde zu einem der ärmsten Länder der Welt (vgl. ebd.: 22).

2.2 Aktuelle Lage

Die Republik Haiti (République d’Haïti; auf Kreolisch Repiblik Dayti) ist seit 1804 ein souveräner Staat, der sich im westlichen Teil Hispaniolas über eine Fläche von 27.750 km2 erstreckt. Die Hauptstadt ist Port-au-Prince. (vgl. Fischer Weltalmanach 2009: 241)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung: Karte von Haiti

Quelle: La Dépêche.fr (10.10.2009)

Haitis Präsident ist zurzeit René Préval, der im Jahr 2006 für eine zweite Amtszeit wiedergewählt wurde. (vgl. Fischer Weltalmanach 2009: 241) Die Bevölkerung Haitis betrug im Jahr 2007 9,6 Millionen, denen auf ihrer kleinen Inselhälfte nur wenig Platz zur Verfügung steht. Die Bevölkerungsdichte ist deshalb in etwa genauso hoch wie in Indien: Auf einem Quadratkilometer leben 346 Menschen. (vgl. ebd.: 551) Die Bevölkerung besteht zu 95 % aus Schwarzen, zu 4,9 % aus Mulatten und zu 0,1 % aus Weißen (vgl. Cultural Orientation: The People).

65 % der Haitianer sind katholischen Glaubens; die restlichen sind Protes­tanten, Zeugen Jehovas oder Mormonen (vgl. Fischer Weltalmanach 2009: 241). In allen Religionen gibt es außerdem Anhänger der Voodoo-Religion, die vor allem durch europäische Einflüsse geprägt wurde (vgl. Chaudenson 1995: 104). Die afrikanischen Bräuche haben dem haitianischen Voodoo nur den Rahmen gegeben, christliche Elemente sind dagegen allgegenwärtig (vgl. d’Ans 1987: 293). In der Neuen Welt entstand durch den Verlust vieler afrikanischer Bräuche und die Vermischung mit europäischen Traditionen eine ganz neue Kultur und Religion, die keineswegs typisch afrikanisch ist (vgl. Arends 1995: 76). Das Einzige, was in Haiti an Afrika erinnert, ist das physische Erscheinungsbild der Bevölkerung. (vgl. d’Ans 1987: 238)

Haiti ist das ärmste Land der westlichen Hemisphäre und gehört zu den 25 ärmsten Ländern der Welt (vgl. Cultural Orientation: The Economy). Insgesamt gesehen ist die Lage hinsichtlich der Lebensumstände, Infrastruktur, Bildung und medizinischen Versorgung katastrophal. Die offizielle Arbeitslosenquote beträgt sage und schreibe 60 % (vgl. TLFQ). Armutsschätzungen der Enquête sur les Conditions de Vie en Haïti, die 2001 vom Institut Haitien de Statistique et d’Informatique durchgeführt wurden, ergaben, dass 76 % der haitianischen Bevölkerung in Armut leben. Armut wurde hierbei wie folgt definiert: Jemand gilt als arm, wenn ihm/ihr weniger als 2 US-Dollar pro Tag zur Verfügung stehen. Von den 76 % gelten 56 % überdies als extrem arm. Hier liegt folgende Definition zugrunde: Ein Mensch gilt als extrem arm, wenn ihm/ihr weniger als 1 US-Dollar pro Tag zur Verfügung steht. (vgl. Amuedo-Dorantes 2008: 5) Die extreme Armut wirkt sich natürlich auch auf die Bevölkerungsstruktur aus: Im Jahr 2007 betrug die Lebenserwartung lediglich 61 Jahre (vgl. Fischer Weltalmanach 2009: 551). Zum Vergleich: In Deutschland betrug sie im gleichen Jahr 80 Jahre (vgl. ebd.: 550). Außerdem ist die Kinder- und Säuglingssterblichkeit Haitis verglichen mit den Industrienationen sehr hoch. Die Bevölkerung Haitis nimmt wie in allen Entwicklungsländern deutlich schneller zu als in Industrieländern. (vgl. ebd.: 555)

Die katastrophalen Lebensbedingungen der Bevölkerung werden außerdem durch die ungünstige geografische Lage Haitis verstärkt. Das Land wird sehr häufig von Überschwemmungen und Hurrikans heimgesucht. So verwüsteten im August und September 2008 drei Hurrikans und ein Tropensturm das Land, wodurch mindestens 800 Menschen ums Leben kamen. (vgl. ebd.: 242) Noch in frischer Erinnerung ist das schwere Erdbeben im Januar 2010, bei dem Port-au-Prince vollständig verwüstet wurde.

Die weit verbreitete Armut in Haiti hat eine enorm hohe Analphabetenrate zur Folge. Die Schätzungen diesbezüglich gehen jedoch weit auseinander. So wird in vielen Statistiken (z. B. von der UNESCO) angegeben, dass fast die Hälfte aller Haitianer Analphabeten sind (vgl. Amuedo-Dorantes 2008: 6); andere gehen aber davon aus, dass die Dunkelziffer weitaus höher liegt (vgl. TLFQ). So wird deren Zahl teilweise auf bis zu 75 % geschätzt. Damit hätte Haiti die höchste Analpha­betenrate ganz Lateinamerikas. (vgl. Strobel-Köhl 1994: 44) Die unterschiedlichen Angaben sind darauf zurückzuführen, dass Analphabetismus keine fest umrissene Definition hat. In manchen Fällen ist das entscheidende Kriterium ein entsprechendes Zeugnis oder ein Schulbesuch. In anderen Fällen gilt jemand schon nicht mehr als Analphabet, wenn er seinen eigenen Namen schreiben kann. Es lässt sich somit nicht mit Bestimmtheit sagen, wie viele Haitianer Analphabeten sind. (vgl. Fleischmann 1980: 92) Insgesamt gesehen sind in Haiti Frauen und Menschen, die auf dem Land leben, weitaus stärker vom Analphabetismus betroffen als Männer und Stadtbewohner (vgl. Enquête sur les conditions: 104).

Die hohe Analphabetenquote ist in erster Linie das Ergebnis von Armut und der schlechten Bildungspolitik des Landes. Die Bildungsausgaben Haitis sind sehr gering verglichen mit denen anderer lateinamerikanischer Länder. (vgl. TLFQ) Deshalb ist es vor allem der private Sektor, der den Zugang zu Bildung ermöglicht, jedoch nur für die Wohlhabenden. Fast 90 % aller haitianischen Schulen sind privat oder kirchlich. Obwohl die Verfassung den freien Zugang zu Bildung garantiert und Schulpflicht besteht, sind öffentliche Schulen kostenpflichtig, und ihr Unterricht ist obendrein von sehr schlechter Qualität. Aufgrund von unregelmäßigen Budgetvergaben und Korruption ist es üblich, dass öffentliche Schulen finanzielle Unterstützung von Seiten der Eltern verlangen. Zum Schulgeld kommen noch die Kosten für Hefte, Bücher und Schuluniformen hinzu. Da es für die haitianische Durchschnittsfamilie unmöglich ist, solche Kosten zu übernehmen, bleibt der Zugang zu Bildung für die arme Bevölkerung verschlossen. (vgl. Amuedo-Dorantes 2008: 4)

3 Begriffserläuterung

3.1 Kreol

3.1.1 Etymologie

Über die Herkunft des Wortes Kreol besteht weitestgehend Einigkeit, auch wenn noch über die genauen Details diskutiert wird (Chaudenson 2001: 3). Das Wort Kreol, Adjektiv kreolisch, entwickelte sich im 16. Jahrhundert in Südamerika (vgl. Stein 1984: 5). Es stammt vom spanischen Wort criollo oder dem portugiesischen crioulo ab (Chaudenson 2001: 3), das wiederum vom spanischen und portugiesi­schen Verb criar (erzeugen, ernähren, aufziehen, erziehen) abgeleitet wurde. (vgl. Stein 1984: 5) Ursprünglich geht es wahrscheinlich auf das portugiesische crioulo zurück (Chaudenson 2001: 4). Die Spanier und Portugiesen, die die ersten Kolonialherren waren, bezeichneten ihre weißen Kinder, die in den Kolonien in Südamerika geboren wurden, als crioles (vgl. Chaudenson 1995: 3). Im Jahre 1567 ist dieses Wort zum ersten Mal dokumentiert; es diente damals zur Bezeichnung der in Peru geborenen Spanier (vgl. Stein 1984: 5): „criollos que son estos que acá an nacido“ (ebd.). Daran, dass das Wort criollo offenbar für erklärungsbedürftig gehalten wurde, zeigt sich, dass es im 16. Jahrhundert noch kein geläufiger Begriff war (vgl. ebd.).

Im 17. Jahrhundert fand es schließlich größere Verbreitung. Zu dieser Zeit übernahmen die Franzosen den Terminus, die ihn im Laufe der Zeit zu créole umformten. (vgl. Chaudenson 2001: 4) Trotzdem blieb es im 17. Jahrhundert noch ein seltenes und exotisches Wort. So war im Dictionnaire françois (1680) von Richelet und im Dictionnaire de Furetière (1690) nur der Begriff criole verzeichnet (vgl. ebd.), mit der Erklärung: „blanc né aux colonies“ (vgl. Chaudenson 1995: 3). Im späteren Dictionnaire de Trévoux findet man schließlich den Begriff créole, der seitdem beibehalten wurde (vgl. Chaudenson 2001: 4). Schließlich dehnte sich die Wortbedeutung aus, und alle Europäer, die in den Kolonien geboren wurden, hießen fortan crioles bzw. créoles (vgl. Chaudenson 1995: 3).

3.1.2 Begriffsentwicklung

Die Bedeutung des Wortes sollte sich noch mehrmals ändern. Während man in Frankreich über eine lange Zeit nur die in den Kolonien geborenen Weißen als créoles bezeichnete, galt diese Bezeichnung in vielen Kolonien seit Anfang des 18. Jahrhunderts für alle Weißen, Schwarzen und Mulatten, die in einer Kolonie geboren wurden. (vgl. Chaudenson 1995: 15) Man unterschied auch die in den Kolonien geborenen Sklaven durch den Begriff esclaves créoles von den neu importierten, die in den französischen Kolonien esclaves bossales genannt wurden (vgl. ebd.: 65). Diesen Ausdruck übernahmen die Franzosen von den Spaniern, die ihre neuen Sklaven, welche noch kein Spanisch sprachen, bozales (dumm, unerfahren) nannten (vgl. Stein 1984: 5). Dies lässt sich jedoch nicht verallgemeinern, da das Wort créole in den französischen Kolonien unterschiedliche Bedeutungen annahm (vgl. ebd.: 6). So gilt es beispielsweise auf La Réunion und den Seychellen für alle auf der Insel geborenen Weißen, Mulatten und Schwarzen, aber nicht für die Nachkommen von Immigranten, wie Indern oder Chinesen, die dort geboren wurden (vgl. Chaudenson 2001: 5). Auf Mauritius bezeichnet créoles nur Mulatten und schwarze Nachfahren der einstigen Sklaven (vgl. Stein 1984: 6). Auf den Kleinen Antillen (Martinique und Guadeloupe) bezeichnete das Adjektiv créoles im 18. Jahrhundert nur die in den Kolonien geborenen Schwarzen. Die Wortbedeutung änderte sich jedoch schnell und ist nun auf die einheimischen Weißen beschränkt. So gilt Joséphine de Beauharnais, die Gattin Napoleon Bonapartes, immer noch als historischer Stereotyp der belle créole. (vgl. Chaudenson 1995: 16)

In Haiti veränderte sich die Wortbedeutung infolge der Unabhängigkeitsre­volution des Jahres 1804 noch einmal (vgl. ebd.: 15). Da die gesamte weiße Bevölkerung ausgelöscht wurde, bezeichnet créole, im KrHai kreyòl genannt, seither alle Einheimischen, ob Schwarze oder Mulatten (vgl. ebd.: 15-16). Es erhielt dort jedoch noch eine weitere Bedeutung, nämlich ‚Sprössling’ oder ‚Ableger’. So bedeutet kreyòl bannan auf Französisch repousse de bananier (dt. Bananenkindel oder -ableger). (vgl. ebd.: 16) Früher wurde der Begriff kreyòl auch bei Bezeichnungen der einheimischen Flora und Fauna verwendet, wie beispielsweise cheval créol. Heutzutage findet sich in diesem Zusammenhang jedoch häufiger das Wort péi. (vgl. Chaudenson 2001: 5)

Bald verwendete man das Wort créole auch für alles, was aus den Kolonien stammte, wie zum Beispiel café créole, im Gegensatz zu allem Importierten, wie Tiere, Werkzeuge, Kleidung und Gewohnheiten. (vgl. Stein 1984: 6) Erst später bezeichnete créole auch die Sprachen der Kolonien, wobei es zunächst nur als Adjektiv verwendet wurde. Die erste Überlieferung des Wortes créole für eine Sprachvarietät stammt vom Ende des 17. Jahrhunderts und betrifft die senegalesische Küste. (vgl. Chaudenson 1995: 17) Es wurde damals festgehalten, dass dort eine Sprache gesprochen wird, die dem Portugiesischen nur sehr wenig ähnelt, und sie wurde als langue créole bezeichnet (vgl. ebd.).

Was die französisch-basierten Kreolsprachen betrifft, so erweiterte sich der Begriff Kreol oder Kreolisch erst viel später auf die Sprachvarietäten der Kolonien (vgl. ebd.). So definierte der Larousse 1869 das Kreolische als français corrompu, da Kreolsprachen damals von vielen Europäern als minderwertig angesehen wurden (vgl. DeGraff 2003: 394). Weitere Bezeichnungen waren patois nègre, jargon, jargon français oder patois. Dies macht deutlich, dass die französisch-basierten Kreolsprachen anfänglich mit den französischen Dialekten gleichgestellt wurden. (vgl. Chaudenson 1995: 17) Dies ist nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt, dass damals nur ein Bruchteil der französischen Bevölkerung das damalige Französisch beherrschte und die meisten Franzosen einen Dialekt sprachen (vgl. ebd.: 18). Die detailliertesten zeitgenössischen Berichte über die damalige Sprachsituation stammen von Missionaren, die aufgrund der vielen verschiedenen Sprachen der Sklaven vor einem neuen Problem standen (vgl. ebd.: 17-18). Die Priester konnten sie nicht, wie zum Beispiel in Südamerika, in ihrer Muttersprache missionieren, da es einfach zu viele Sprachen gab. Deshalb entschieden sie sich dafür, die Sklaven in Französisch zu unterrichten, das diese schnell in Grundzügen beherrschten. (vgl. ebd.: 18) Diese „neue“ Sprache der Sklaven wurde damals nicht als ein eigenständiges Sprachsystem verstanden, sondern als eine Art Französisch, das vom Handelsjargon bis hin zu Sprachvarietäten, reichte. Man war also der Ansicht, dass das Verhältnis zwischen der Sprache der weißen Siedler und den französischen Sprachvarietäten der Sklaven demjenigen entspricht, das man in Frankreich zwischen dem Französischen und seinen Dialekten vorfand. Deshalb wurden die französisch-basierten Kreolsprachen lange Zeit als français altéré oder français corrompu bezeichnet. (vgl. ebd.) Erst viel später folgten schließlich die Bezeichnungen patois créole oder parler créole, wobei créole nur ein Adjektiv war, das die koloniale Herkunft unterstrich (vgl. ebd.: 3). Die Entwicklungsgeschichte dieser Begriffe – von français altéré, français corrompu über patois créole bis hin zu créole oder langue créole – verdeutlicht, dass die Kreolsprachen im Laufe der Zeit zu eigenständigen Sprachsystemen aufstiegen (vgl. Chaudenson 2001: 13).

3.1.3 Aktuelle Definition für Kreolsprache

Den Grundstein für die Entstehung der Kreolsprachen lieferte die europäische Kolonialisierung des 17. und 18. Jahrhunderts (vgl. Chaudenson 1995: 93). Sie entwickelten sich in abgelegenen Gebieten, meistens auf Inseln (vgl. Stein 1984: 12), auf der Basis der jeweils dominierenden europäischen Sprache (vgl. ebd.: 1). So gibt es französisch-, englisch-, spanisch-, portugiesisch- und niederländisch-basierte Kreolsprachen (vgl. Chaudenson 1995: 8). Es sind insbesondere die soziohistorischen und soziolinguistischen Aspekte, die ihre eigentliche Eigenart ausmachen und sie von anderen Sprachen unterscheiden (vgl. ebd.: 93). Die sozialen Umstände, unter denen sie entstanden, waren insbesondere durch die Sklavenarbeit auf Plantagen gekennzeichnet (vgl. Stein 1984: 12).

Ein entscheidendes Merkmal von Kreolsprachen ist, dass sie Muttersprachen sind (vgl. ebd.: 1). Sie stellen eigenständige Sprachen dar, da sie besondere Sprachsysteme aufweisen, die sie von ihrer jeweiligen Ausgangssprache stark unterscheiden (vgl. ebd.: 2). Aus diesem Grund kann ein Franzose aus Frankreich die französisch-basierten Kreolsprachen nicht verstehen, obwohl diese Sprachvarietäten aus dem Französischen hervorgegangen sind (vgl. Chaudenson 1995: 4). Hierfür gibt es zwei Gründe. Erstens hat sich der Unterschied zwischen Französisch und Kreol stark vergrößert. Dies liegt einerseits an der Verselbstständigung der Kreolsprachen und andererseits an der Normierung des Französischen. Zweitens sind heutige frankofone Sprecher aufgrund der Verbreitung des standardisierten Französisch durch das Bildungssystem und die Medien weniger an Sprachvarianten gewöhnt, als es noch im 17. und 18. Jahrhundert der Fall war. (vgl. Chaudenson 2001: 12) Kreolsprachen entwickelten und verselbstständigten sich also so weit, dass sie nun als eine eigene Sprachgruppe gelten, die einzig in ihrer Art ist und sich in mehreren Merkmalen von europäischen und nicht europäischen Sprachen unterscheidet (vgl. Stein 1984: 1-2). Der einzige Unterschied zu „natürlichen“ Sprachen besteht in dem niedrigen sozialen Rang, den alle Kreolsprachen gemeinsam haben (vgl. Bartens 1996: 172).

3.2 Pidgin: Etymologie und Bedeutung

Über die Herkunft des Wortes Pidgin besteht noch Uneinigkeit. Einige Forscher sind der Auffassung, dass es vom englischen business abstammt, das durch die chinesische Aussprache schließlich zu Pidgin geworden sei. (vgl. Chaudenson 1995: 18) Ein Indiz dafür ist, dass im Pidgin-Englischen das Wort business in dem Satz „it’s your business“ wie pidjin ausgesprochen wird. Es gibt noch zahlreiche andere Hypothesen, die jedoch weniger überzeugend erscheinen. (vgl. Chaudenson 2001: 16) Eine davon besagt, dass Pidgin auf das portugiesische Wort pequeño zurückgeht, denn der Ausdruck pequeño portuguese bezeichnet portugiesische Sprachvarietäten in Afrika und anderen Kolonien (vgl. Chaudenson 1995: 18).

Pidginsprachen dienen ausschließlich der Verständigung zwischen Europäern und Einheimischen. Sie stellen folglich keine Muttersprachen dar. (vgl. Stein 1984: 7) Außerdem werden sie nur in einer beschränkten Anzahl von Situationen verwendet (vgl. Chaudenson 2001: 22), wie beispielsweise bei Handelsbeziehungen (vgl. Chaudenson 1995: 19). Da sie im Gegensatz zu Kreolsprachen nicht als Muttersprachen gesprochen und nur zur Verständigung mit Sprechern anderer Sprachen verwendet werden, sind ihre sprachlichen Strukturen weitaus weniger entwickelt (vgl. Stein 1984: 8). Es ist jedoch nicht immer leicht, zwischen Pidgin- und Kreolsprachen zu unterscheiden, da einige Pidginsprachen aufgrund der weltweit steigenden sprachlichen Vereinheitlichung zu Muttersprachen aufgestiegen sind, wie beispielsweise das Nigerianische Pidgin-Englisch oder Sango in der Zentralafrikanischen Republik. Diese Veränderung wurde vor allem in städtischen Gebieten beobachtet, in denen Kinder, deren Eltern unterschiedliche Muttersprachen haben, mit einer Pidginsprache aufwachsen, die folglich zu ihrer Muttersprache wird. (vgl. Muysken/Smith 1995: 3)

4 Die Verbreitung der Kreolsprachen

Bei der geografischen Verbreitung der Kreolsprachen fällt auf, dass diese mehrheitlich in der Karibik gesprochen werden. (vgl. Stein 1984: 10) Es ist jedoch unmöglich, genau festzulegen, wie viele Kreolsprachen es auf der Welt gibt (vgl. Chaudenson 1995: 21). Viele existieren nicht mehr oder werden nur noch von einer verschwindend geringen Anzahl an Sprechern beherrscht. Hinzu kommt, dass einige dieser Sprachen auch als Dialekte angesehen werden könnten. (vgl. ebd.: 24) Da es keine präzisen Klassifizierungs- und Differenzierungskriterien gibt, unterscheiden sich die Zahlenangaben stark voneinander. Anstatt sich auf eine bestimmte Zahl festzulegen, scheint es somit angemessener, von 80 bis 100 Kreolsprachen auszugehen, die auf Basis einer europäischen Sprache entstanden sind und fast alle noch existieren. (vgl. Stein 1984: 10) Auch wenn einige aufgrund zahlreicher Gemeinsamkeiten einer Gruppe zugeteilt werden könnten, wie beispielsweise der Gruppe der französischen Kreolsprachen des Indischen Ozeans, so weist dennoch jede von ihnen Eigenheiten auf, die sie von den anderen unterscheidet (vgl. ebd.: 103).

Die englisch-basierten Kreolsprachen sind die am meist gesprochenen Kreolsprachen der Welt (vgl. ebd.: 10). Zu ihnen zählen allen voran das jamaikanische und das hawaiianische Kreol (vgl. Chaudenson 1995: 21). Die englischen Kreolsprachen werden auf beinahe allen britischen oder ehemals britischen Karibikinseln gesprochen. Auf einigen Inseln, wie zum Beispiel Dominica, Sainte-Lucie, Grenada und Trinidad, ist die englische Kreolsprache im Begriff, die französische zu verdrängen. (vgl. Stein 1984: 16)

Darüber hinaus gibt es zahlreiche französisch-basierte Kreolsprachen, die heute vor allem in der Karibik gesprochen werden, aber auch im Raum des Indischen Ozeans (La Réunion, Mauritius, Rodrigues und Seychellen) und in Louisiana, wo das Kreolische stark an Bedeutung verloren hat. Zu den franko-kreolofonen Gebieten in der Karibik zählen Haiti, St. Thomas, Dominica, Sainte-Lucie, Trinidad und drei der vier Départements d’outre-mer (D.O.M.): Guadeloupe, Martinique und Französisch-Guayana. (vgl. ebd.: 11)

Überraschenderweise entwickelten sich nur sehr wenige spanisch-basierte Kreolsprachen. In der Karibik gibt es nur eine einzige, nämlich das Papiamentu, das auf den Niederländischen Antillen gesprochen wird. (vgl. ebd.: 15) Eine weitere spanische Kreolsprache ist das Palenquero, das in Kolumbien entstand. (vgl. Chaudenson 1995: 22)

Portugiesisch war vermutlich die erste europäische Sprache, die zur Grundlage einer Kreolsprache wurde, da die Portugiesen das erste europäische Volk waren, das in großem Stil Handel an der asiatischen und afrikanischen Küste betrieb. Als Portugal seine Vormachtstellung als Handelsnation einbüßte, verloren auch die portugiesisch-basierten Kreolsprachen, die einst an der afrikanischen und asiatischen Küste gesprochen wurden, an Bedeutung und sind heute höchstwahrscheinlich ausgestorben. Nur auf einigen Inseln an der westafrikanischen Küste (u. a. Kapverdische Inseln, São Tomé) werden die portugiesischen Kreolsprachen noch gesprochen. (vgl. Stein 1984: 15)

Das Niederländische brachte nur sehr wenige Kreolsprachen hervor, da die Niederländer hauptsächlich Handelskolonien errichteten, in denen sie meist nur untereinander Niederländisch sprachen. Für die Verständigung mit Nichtholländern griffen sie dann in der Regel auf eine portugiesische Kreolsprache zurück. (vgl. Bartens 1996: 143) Zu den wenigen niederländisch-basierten Kreolsprachen gehörte beispielsweise das Negerhollands, das auf den Jungferninseln gesprochen wurde und mittlerweile ausgestorben ist (vgl. Chaudenson 1995: 22-23). Das Afrikaans in Südafrika dagegen ist noch sehr verbreitet und wird von 60 % der weißen und 83 % der übrigen Südafrikaner gesprochen (vgl. Bartens 1996: 171). In der Kreolistik herrscht jedoch Uneinigkeit darüber, ob es eine Kreolsprache ist oder nicht (vgl. Stein 1984: 16). Einige sind der Ansicht, dass es sich beim Afrikaans lediglich um ein Semikreol handelt (vgl. Bartens 1996: 171).

5 Linguistische Theorien für die Entstehung der Kreolsprachen

5.1 Monogenese oder Polygenese?

Da Kreolsprachen zahlreiche strukturelle Ähnlichkeiten aufweisen, kam man schon Ende des 19. Jahrhunderts zu der Annahme, alle Kreolsprachen hätten denselben Ursprung (vgl. Stein 1984: 96). Vertreter dieser sogenannten Monogenese, wie beispielsweise Valkhoff, sind der Ansicht, dass alle Kreolsprachen auf ein portugiesisches Pidgin in Westafrika zurückgehen (vgl. Chaudenson 1995: 38-39). Dieser Theorie zufolge hätten die Sklaven das Pidgin schon in den Sklavenlagern und Handelszentren in Afrika gelernt und es folglich in die Kolonien mitgebracht, wo es sich zu Kreolsprachen entwickelte. Dabei wären portugiesische Wörter durch die der jeweiligen europäischen Sprache ersetzt worden. Die angebliche Ähnlichkeit und Einfachheit der Kreolsprachen wäre somit darauf zurückzuführen, dass sich alle auf Basis desselben einfachen portugiesischen Pidgins entwickelten hätten. (vgl. Muysken/Smith 1995: 9) Es gibt jedoch weder historische noch linguistische Fakten, die diese Hypothese belegen (vgl. Chaudenson 1995: 39).

Keith Whinnom erweiterte die Theorie der Monogenese. Er vermutet, dass das portugiesische Pidgin aus dem Sabir hervorging, eine Lingua franca, die seit dem Mittelalter zur Verständigung im Mittelmeerraum diente und Anfang des 20. Jahrhundert ausgestorben ist. Diese Theorie würde implizieren, dass alle Kreolsprachen indirekt aus dem Sabir hervorgegangen sind. Doch auch diese Annahme konnte bislang nicht bewiesen werden. (vgl. ebd.)

Heutzutage vertreten die meisten Kreolisten die Theorie der Polygenese, der zufolge die Kreolsprachen unabhängig voneinander entstanden sind (vgl. ebd.: 38). Die sprachlichen Ähnlichkeiten der Kreolsprachen werden auf die gleichartigen historischen Umstände zurückgeführt, unter denen sie sich entwickelten. Obwohl in jeder Kolonie eine neue Kreolsprache entstand, bedeutet das jedoch nicht, dass sich die verschiedenen Kreolsprachen nicht untereinander beeinflusst hätten. Dies ist sogar sehr wahrscheinlich, da die Kolonien vor allem in der Anfangsphase in engem Kontakt zueinander standen und Sklaven häufig auf andere Inseln verkauft wurden. (vgl. Stein 1984: 97)

5.2 Erklärungsmodelle für die Kreolgenese

5.2.1 Vereinfachung

5.2.1.1 Die Foreigner-Talk-Theorie

Der deutsche Romanist und Sprachwissenschaftler Hugo Schuchardt (1842-1927) begründete die Kreolistik als ein systematisches Forschungsfeld (vgl. Muysken/Smith 1995: 8). Er vertrat die Theorie, dass die weißen Europäer ihre Sprache absichtlich und fehlerhaft vereinfachten, damit die Sklaven sie leichter verstehen konnten (vgl. Chaudenson 1995: 41). Die Sklaven übernahmen dann diese Fehler und so seien schließlich Kreolsprachen entstanden. Seit 1909 wurde diese Auffassung jedoch kaum mehr geteilt. (vgl. Stein 1984: 93) Man kann diese Position durchaus als rassistisch interpretieren (vgl. Chaudenson 1995: 41). Sie spiegelt nämlich die im 18. Jahrhundert vielfach vertretene, doch nun widerlegte Hypothese wieder, der zufolge Kreolsprachen vereinfachte Versionen ihrer jeweiligen Ausgangssprache seien (vgl. ebd.: 40-41). Den Grund hierfür lieferte damals die Überzeugung, dass Afrikaner eine so komplexe Sprache wie das Französische niemals lernen könnten. Heute weiß man glücklicherweise, wie absurd diese Behauptung ist, da viele afrikanische Sprachen hochkomplexe Sprachsysteme aufweisen, die uns viel komplizierter erscheinen als das unsere. (vgl. ebd.: 41)

5.2.1.2 Die Baby-Talk-Theorie

Die Baby-Talk-Theorie wurde 1933 von Bloomfield begründet. Sie besagt, dass es den Sklaven nicht gelungen sei, die europäische Sprache korrekt zu lernen. Die Muttersprachler dagegen hätten die Fehler der Sklaven in der Absicht imitiert, die Verständigung zu erleichtern. Die Sklaven übernahmen diese Fehler unwissentlich; sie waren schließlich der Annahme, die Europäer würden ihre Muttersprache richtig sprechen. (vgl. Stein 1984: 93) Bloomfield umreißt seine Theorie folgendermaßen:

Speakers of a lower language may make so little progress in learning the dominant speech, that the masters, in communicating with them, resort to ‘baby-talk’. This ‘baby-talk’ is the masters’ imitation of the subjects’ incorrect speech. [...] The creolized language has the status of an inferior dialect of the masters’ speech. (Bloomfield, zit. nach DeGraff 2003: 394)

In der jüngeren Forschung wird die Baby-Talk-Theorie nicht mehr in allen Einzelheiten vertreten, wird in ihr doch ebenfalls behauptet, dass afrikanische Sprachen minderwertiger seien als europäische. Die „Schuld“ für den Sprachwandel wird zwar augenscheinlich den Europäern zugeschoben, da sie die Fehler der Sklaven übernommen hätten, doch das ändert nichts an der Tatsache, dass die Sklaven hier wie Kinder betrachtet werden, die angeblich nicht dazu fähig waren, die Sprache ihrer Herren zu lernen. Diese Sichtweise ist außerdem problematisch, da Kinder die nichtreduzierte Sprache mit der Zeit lernen, wohingegen dies bei den afrikanischen Sklaven dieser Theorie zufolge offenbar nicht der Fall gewesen sein sollte. (vgl. Fleischmann 1986: 53)

Bloomfields Ansatz hatte schließlich zur Folge, dass die Entstehung von Pidgin- und Kreolsprachen auf einen unkontrollierten Zweitspracherwerb zurückführt wurde, der unter besonderen und äußerst schwierigen Bedingungen stattfand (vgl. Stein 1984: 94).

5.2.2 Die Bioprogramm-Theorie

Neben den beiden extremen Positionen, denen zufolge die Kreolsprachen aus einer Vereinfachung entweder seitens der Sklaven oder seitens der Weißen hervorgegangen seien, gibt es auch eine mittlere, die besagt, dass die Entstehung der Kreolsprachen nicht auf eine der beiden Sprechergruppen zurückzuführen sei, sondern auf die soziohistorischen Gegebenheiten, also die Sklaverei und die Situation in den Plantagengesellschaften. (vgl. Stein 1984: 94)

Bickerton erweiterte diese Hypothese, indem er die Entstehung der Kreolsprachen mit dem Spracherwerb von Kindern und der Entstehung von Sprache in Verbindung setzte. Seine Bioprogramm-Theorie aus dem Jahr 1981 besagt, dass Sprache im Bioprogramm eines jeden Menschen angelegt sei, nämlich in einer Struktur, die derjenigen von Kreolsprachen sehr ähnelt. Bickerton zufolge waren die Strukturen der Kreolsprachen schon in den frühesten Strukturen der menschlichen Sprache vorzufinden. (vgl. ebd.) Sie verschwanden allerdings im Laufe der Evolution. Das Bioprogramm trete jedoch beim kindlichen Spracherwerb und bei der Kreolisierung in Kraft. Im Verlauf des Erstspracherwerbs organisierten Kinder die sprachlichen Elemente nach den Regeln des Bioprogramms. Aufgrund des sozialen Drucks gäben sie diese jedoch nach und nach auf und begönnen, wie die Menschen in ihrem Umfeld zu sprechen. (vgl. Chaudenson 1995: 36) Bei der Kreolisierung hingegen könnten Kinder während ihres Spracherwerbs auf keine lokal festgelegte Sprache zurückgreifen (vgl. Stein 1984: 95) und so könnten sich die im Bioprogramm vorprogrammierten Strukturen durchsetzen (vgl. Chaudenson 1995: 36). Die Umstrukturierungen der Kinder seien also übernommen worden, da es noch keine festgelegten Sprachnormen gegeben habe (vgl. ebd.). Aus diesem Prozess heraus seien nach Bickerton schließlich die Kreolsprachen entstanden. (vgl. Stein 1984: 95)

Bickertons Theorie ist jedoch noch umstritten, da sie mehrere Schwachpunkte enthält (vgl. Chaudenson 1995: 36). Problematisch ist erstens, dass die von ihm angeführten Beispiele, die die kreolischen Strukturen belegen sollen, fast ausschließlich aus den englisch-basierten Kreolsprachen stammen. Ein zweiter Problempunkt ist, dass außer den Kreolsprachen alle Sprachen sehr stark vom Bioprogramm abweichen. Drittens scheint Bickertons Theorie mit der demografischen Entwicklung der Kolonien nicht übereinzustimmen. (vgl. ebd.: 37) Seine Theorie würde nämlich voraussetzen, dass es in der anfänglichen Entwicklungsphase einer Kreolsprache genügend Kinder gegeben habe, um die Umstrukturierungen dem Bioprogramm gemäß durchsetzen zu können. Diese Anfangsphase habe zwischen 25 und 50 Jahren gedauert. Demografische Daten von Jamaika und Surinam weisen jedoch darauf hin, dass diese Voraussetzung in der Anfangsphase nicht erfüllt war. (vgl. Arends 1995: 21) Der vierte Schwachpunkt ist, dass die Existenz von typisch kreolischen Strukturen, die dem Bioprogramm entstammen, bislang nie bewiesen werden konnte. Verschiedene Studien über eine spezifische Kreolsprache oder vergleichende Studien legen eher nahe, dass typisch kreolische Strukturen nicht existieren. (vgl. Chaudenson 1995: 37)

Anhand der Diskussionen über die Bioprogramm-Theorie und andere linguistische Theorien zur Entstehung der Kreolsprachen wird deutlich, wie wichtig es ist, auch die soziohistorischen und soziolinguistischen Aspekte der Kreolisierung gründlich zu untersuchen (vgl. ebd.: 38). Diese Gesichtspunkte werden in linguistischen Theorien jedoch häufig vernachlässigt (vgl. ebd.: 49).

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Details

Seiten
102
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783842806887
Dateigröße
832 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v228149
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – FASK Germersheim, Sprach, Kultur und Translation
Note
1,3
Schlagworte
sklave kreolgenese haitianisch sprache orthografie

Autor

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Titel: Untersuchungen zum Kreolischen von Haiti