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Analyse und Optimierung exogener Talentförderungsmaßnahmen im Anschlusstraining

Diplomarbeit 2010 172 Seiten

Sport - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretische Aufarbeitung des Problemfeldes
2.1 Die Übergangsproblematik vom Nachwuchs zur Spitze
2.2 Der Zeitaufwand von Athleten im Anschlusstraining
2.3 Das Anschlusstraining
2.3.1 Einordnung des Anschlusstrainings in den langfristigen Leistungsaufbau
2.3.2 Kennzeichen des Anschlusstrainings
2.4 Die Ressource Zeit und die Produktion von Leistung
2.5 Das Fördersystem in Deutschland
2.5.1 Das Kadersystem
2.5.2 Diskontinuitäten im Verlauf von Kaderkarrieren
2.5.3 Sportfördergruppen bei Bundeswehr, Bundespolizei, Polizei und Zoll
2.5.4 Die Kombination von Studium und Leistungssport
2.5.5 Unterstützung der Wirtschaft bei Ausbildung und Beruf
2.5.6 Die Vereine
2.5.7 Die Olympiastützpunkte
2.5.8 Die Stiftung Deutsche Sporthilfe

3 Darstellung der empirischen Untersuchung
3.1 Untersuchungsmethodik
3.1.1 Das problemzentrierte Interview
3.1.2 Methodenkritische Betrachtung des qualitativen Interviews
3.2 Erhebung der Daten
3.2.1 Leitfragen
3.2.2 Der Interviewleitfaden
3.2.3 Auswahl der Interviewteilnehmer
3.3 Auswertung der Daten
3.3.1 Grounded Theory
3.3.2 Transkription
3.3.3 Codieren
3.3.4 Schlüsselkategorie
3.3.5 Computergestützte Auswertung

4 Analyse der Fördereinrichtungen und Probleme des Anschlusstrainings
4.1 Probleme im Anschlusstraining
4.2 Kaderkarrieren
4.2.1 Typischer Verlauf von Kaderkarrieren
4.2.2 Diskontinuitäten
4.3 Bundeswehr, Bundespolizei und Polizei
4.4 Unterstützung durch Hochschulen
4.5 Unterstützung durch Wirtschaftsunternehmen
4.6 Die Aufgabe der Vereine
4.7 Die OSP als Förderer von Nachwuchsathleten
4.8 Förderung durch die Stiftung Deutsche Sporthilfe

5 Optimierung von Fördereinrichtungen
5.1 Verbesserung der Situation an den Hochschulen
5.2 Kooperation mit Wirtschaftsunternehmen
5.3 Andere denkbare Kooperationen
5.4 Möglichkeiten der Vereine im Anschlusstraining
5.5 Optimierung der Olympiastützpunkte
5.6 Möglichkeiten der Stiftung Deutsche Sporthilfe
5.7 Verbesserung der Situation im Anschlusstraining

6 Diskussion
6.1 Diskussion der Ergebnisse
6.2 Diskussion der verwendeten Methode

7 Zusammenfassung und Ausblick

Literaturverzeichnis

Erklärung

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: fiktive Leistungskurve im langfristigen Leistungsaufbau (Ostrowski, Pfeiffer & Rost, 2005, S. 208)

Abbildung 2: Struktur des langfristigen Leistungsaufbaus nach Pechtl, Ostrowski und Klose (Martin et al., 1999, S. 190)

Abbildung 3: Zeit als Ressource im Sport (Emrich, Güllich & Pitsch, 2005, S. 79)

Abbildung 4: Konzipierte Aufbaustruktur der Kaderpyramide (mod. nach Emrich & Güllich, 2005, S. 81)

Abbildung 5: empirische Struktur der Kaderpyramide (mod. nach Emrich & Güllich, 2005, S. 81)

Abbildung 6: Berufsstatus der deutschen Olympiateilnehmer von Vancouver (mod. nach Spitz, Kinddinger & Tippelt, 2010, S. 102)

Abbildung 7: Bad Endorfer Modell (Braun, 2005, S. 44)

Abbildung 8: Bekanntheitsgrad der Servicebereiche eines OSP (mod. nach Emrich, Pitsch, Fröhlich & Güllich., 2004, S. 44)

Abbildung 9: Nutzungsgrad der Servicebereiche eines OSP (mod. nach Emrich, Pitsch, Fröhlich & Güllich., 2004, S. 44)

Abbildung 10: Nutzungsstruktur und soziale Vermittlung der Laufbahnberatung (mod. nach Emrich, Pitsch, Fröhlich & Güllich., 2004, S. 45)

Abbildung 11: Die zehn wichtigsten Förderarten aus Athletensicht (Klein, 2008, S. 29)

Abbildung 12: Aufbau der Untersuchung

Abbildung 13: Ablaufmodell des problemzentrierten Interviews (Mayring, 1996, S. 53)

Abbildung 14: Ablaufmodell der induktiven Kategorienbildung (Mayring, 1996, S. 93)

Abbildung 15: Ablaufmodell der Grounded Theory (Mayring, 1996, S. 84)

Abbildung 16: Codierparadigma (Böhm, 2005, S. 479)

Abbildung 17: Codierung und Retrieval (Kelle, 2005, S. 492)

Abbildung 18: Das Codesystem Teil 1

Abbildung 19: Das Codesystem Teil 2

Abbildung 20: Die Code-Matrix

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Leistungsbilanz des DLV anhand der gewonnenen Medaillen (mod. nach Ostrowski, Pfeiffer & Rost, 2005, S. 209)

Tabelle 2: Grundaufgaben der Vertragspartner im Projekt „Partnerhochschule des Spitzen-sports“ (mod. nach Tabor & Schütte, 2005, S. 44)

Tabelle 3: Rangtabelle der Unterstützungsanfragen (mod. nach Tabor & Schütte, 2005, S. 46)

Tabelle 4: Zusammenstellung der befragten Personen

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

„Trainierst du noch oder studierst du schon?“ Mit dieser überspitzt formulierten Frage von Christian Tretbar (2008, S. 40) wird der Konflikt, in dem sich viele Nachwuchsathleten im Anschlusstraining befinden, deutlich. Um sich in der heutigen Zeit auf dem Arbeitsmarkt behaupten zu können, ist eine gute Berufsausbildung oder ein abgeschlossenes Hochschulstudium unerlässlich. Will jedoch Deutschland weiterhin zu den führenden Sportnationen dieser Welt gehören, ist eine weitere Professionalisierung des Trainingsprozesses notwendig. Somit steht der Athlet vor der Frage, sich der Doppelbelastung durch eine duale Karriere auszusetzen, die leistungssportliche Karriere zu beenden oder sich voll auf den Leistungssport zu konzentrieren. Da durch die meisten Sportarten der Lebensunterhalt nicht finanziert werden kann, fällen viele hoffnungsvolle Nachwuchsathleten ihre Entscheidung gegen den Leistungssport, um sich ihre berufliche Zukunft zu sichern. Wodurch Athleten unterstützt werden können, damit sie eine Perspektive in der Fortführung ihres leistungssportlichen Engagements sehen, ist unter anderem Gegenstand dieser Ausarbeitung.

Aus eigenem Interesse heraus wurde das Thema der Analyse und Optimierung exogener Talentförderungsmaßnahmen im Anschlusstraining gewählt. Durch eigene Erfahrungen in der Sportart Kunstturnen sind einige Probleme, wie die zeitliche Vereinbarkeit von Schule und Studium mit dem Training, selbst erlebt worden. Immer wieder tritt die Situation ein, dass Athleten am Übergang vom Nachwuchs- in den Spitzenbereich die leistungssportliche Karriere abbrechen, da ihnen die Doppelbelastung zu groß wurde. Aktuell wird diese Problematik mit dem Beispiel der Kunstturnnationalmannschaft der Frauen unterstrichen. Innerhalb weniger Wochen traten zwei Turnerinnen im Alter von 17 und 18 Jahren aus der Nationalmannschaft aus, da ihnen die Belastung zu groß geworden ist beziehungsweise sie sich auf ihre berufliche Karriere konzentrieren möchten.

Mit welchen Problemen sich junge Athleten im Übergang vom Nachwuchs- zum Spitzenbereich konfrontiert sehen, welche Besonderheiten das Anschlusstraining birgt und welche Fördereinrichtungen es gibt, um Athleten zu unterstützen, wird im 2. Kapitel dieser Arbeit theoretisch anhand ausgewählter Literatur dargestellt. Im 3. Kapitel geht es darum, die Durchführung der angewandten Untersuchungsmethode des qualitativen Interviews und der Auswertung anhand der Grounded Theory zu erläutern. In den folgenden Kapiteln werden die Analyse der Interviews sowie die daraus gewonnenen Erkenntnisse dargestellt.

2 Theoretische Aufarbeitung des Problemfeldes

In diesem ersten, theoretischen Abschnitt der Arbeit, soll mithilfe ausgewählter Literatur ein Überblick über das Anschlusstraining und die Probleme, die dabei für die Athleten entstehen, gegeben werden. Desweiteren werden verschiedene Fördereinrichtungen sowie deren Unterstützungsleistungen und eventuelle Schwachpunkte vorgestellt.

2.1 Die Übergangsproblematik vom Nachwuchs zur Spitze

In der heutigen Zeit beeinflusst Hochleistungssport nachhaltig den Alltag von Athleten und stellt keine Nebensache mehr dar. Als Spitzenathlet nimmt man eine Rolle auf Zeit ein, weshalb der nachsportlichen Karriere eine große Bedeutung zukommt. Durch die eigene Zeitstruktur des Systems des Spitzensports ergeben sich häufig zeitliche Probleme in den Bereichen Schule, Ausbildung und Beruf, denn oft fallen Phasen der schulischen und beruflichen Ausbildung zusammen mit den optimalen Trainings- und Höchstleistungszeiten der spitzensportlichen Ausbildung einer Sportart (Ziesel, Conzelmann, Gabler & Nagel, 2006, S. 16).

Wenn eine leistungssportliche Karriere ernsthaft betrieben wird, bleibt sie nicht ohne Auswirkungen auf andere Entwicklungslinien im Lebenslauf eines Athleten. Nicht allen Lebensbereichen kann gleichzeitig hohe Priorität beigemessen werden, was das benötigte Zeitbudget für das Engagement im Leistungssport stark verdeutlicht. Es ist Aufgabe des Nachwuchsathleten, die verschiedenen Bereiche auszubalancieren und Einschränkungen vorzunehmen, um seiner Aufgabe des Leistungssportlers gerecht werden zu können. Ein andauerndes Dilemma stellt für den Sportler die hohe Belastung durch die notwendige Koordination der Handlungsfelder Schule/Ausbildung/Beruf und Leistungssport dar. Zeitquantitäten können, wenn überhaupt, nur innerhalb minimaler Spielräume reduziert werden und deshalb erhöhen sich im Verlauf der Entwicklung die Anforderungen in den beiden Handlungsfeldern für die Sportler (Fessler, Frommknecht, Kaiser, Renna, Schorer & Binder, 2002, S. 69-70).

Ein viel diskutiertes und bekanntes Phänomen im Leistungssport ist Dropout, worunter der Abbruch der sportlichen Karriere vor Erreichen des sportlichen Höhepunktes aufgrund kognitiver Bilanzierung verstanden wird. Rationale Überlegungen führen hierbei den Athleten zu dem Entschluss, die leistungssportliche Karriere zu beenden. Dabei stehen immer wieder zwei Begründungen für den Abbruch im Vordergrund, entweder wendet sich der Sportler anderen Interessen zu oder er wendet sich aufgrund negativer Erfahrungen vom Leistungssport ab (Mayer, 1995, S. 187-188).

In dieser Arbeit soll der Fokus stärker auf den zweiten Aspekt ausgerichtet sein, denn es geht um eine Analyse der einzelnen Förderinstitutionen und deren Optimierung, damit in diesem Bereich weniger Probleme für den Nachwuchsathleten auftreten, die zu einem Dropout führen könnten.

Die größte Zahl an Aussteigern lässt sich im Übergang vom Jugend- ins Erwachsenenalter finden. Um sportliche Talente zu fördern ist ein erheblicher finanzieller und personeller Aufwand notwendig, so dass aus ökonomischer Sicht betrachtet es das Ziel aller Beteiligten am Nachwuchssport sein muss, dem Dropout möglichst vorzubeugen, denn jeder Dropout bedeutet eine Fehlinvestition von Ressourcen. Raisner und Kellman fanden 2002 in einer Untersuchung mit Ruderern heraus, dass am bereits beschriebenen problematischen Übergang vom Junioren- zum Seniorenbereich es nicht das mangelnde sportliche Leistungsvermögen der jungen Athleten war, das zum Ausstieg geführt hat. Kellmann vermutet, dass hierfür die mangelnde Vereinbarkeit von Leistungssport und beruflicher Ausbildung sowie Kommunikationsprobleme im Vordergrund stehen (Elbe, Beckmann, Szymanski, 2003, S. 46).

Ein großes Problem stellt die Schaffung leistungsorientierter Umfeldbe-dingungen dar. Hierzu gehört vor allem, dass individuelle Regelungen zur sozialen Absicherung der Athleten gefunden werden müssen, wozu die Sicherung einer schulischen und beruflichen Ausbildung gehört. Wäre es möglich, die Tagesorganisation an den Trainingsaufgaben auszurichten, dann könnte die zyklische Gestaltung des Trainings verbessert werden (Ostrowski, Pfeiffer & Rost, 2005, S. 233).

In der Mehrzahl der Sportarten besteht das Hauptproblem für den langfristigen Leistungsaufbau, bedingt durch die Geschwindigkeit der Leistungsentwicklungen in der Weltspitze, in der Bewältigung der zunehmenden Differenzen zwischen den Einstiegsleistungen bei Trainingsaufnahme und späteren Finalleistungen im Hochleistungsbereich. Dieser Fortschritt bedeutet, dass in gleicher Zeit und bei nahezu gleichem Niveau bei Trainingsbeginn eine höhere spezifische Leistung vorbereitet beziehungsweise ausgeprägt werden muss (Rost, Pfeiffer & Ostrowski, 2001, S. 6).

Die folgende Abbildung stellt als Schema den Verlauf der zurzeit üblichen und der zukünftig notwendigen Leistungskurve im langfristigen Leistungsaufbau dar.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: fiktive Leistungskurve im langfristigen Leistungsaufbau (Ostrowski, Pfeiffer & Rost, 2005, S. 208)

Der zu Beginn fast lineare Anstieg der Leistungskurve kann mit einer erhöhten Wirkung der Trainingsbelastung am Anfang der sportlichen Spezialisierung erklärt werden. Im Anfängertraining sind die „Belastungskosten“ relativ gering. Systematisches Üben bietet Einsteigern einen hohen Trainingsreiz gekoppelt mit einem breiten Übertragungseffekt auf alle Bereiche der sportlichen Leistungsfähigkeit. Allerdings gehen diese günstigen Voraussetzungen in der Beziehungsstruktur von Training, biologischer Reifung und Leistungsentwicklung im zunehmendem Lebens- und Trainingsalter und mit steigendem Leistungsniveau schrittweise verloren. So kommt es zum Abflachen der Leistungskurve noch deutlich vor dem Höchstleistungsalter, wenn das Trainingssystem keine neuen und höheren Belastungsanforderungen, welche für die Entwicklung wirksam sein müssen, setzt (Ostrowski et al., 2005, S. 207-208).

Defizite werden hier vor allem in der Gestaltung des Anschlusstrainings als Übergangsetappe zum Hochleistungstraining gesehen (Rost, 2005, S. 30).

Im Jugend- und Juniorenbereich sind ausbaufähige sportliche Anschlussleistungen ein notwendiges, jedoch kein hinreichendes Kriterium für später folgende Spitzenleistungen in der Erwachsenenklasse. Im Umkehrschluss allerdings, bedeutet ein nicht ausreichendes Leistungsniveau zum Ende der Nachwuchsausbildungsetappe das Aussetzen von notwendigen Fördervoraussetzungen und führt damit schlussendlich zum Ausstieg aus dem leistungssportlichen Training (Rost et al., 2001, S. 13).

In Deutschland stellt sich dieses Phänomen so dar, dass im Jugend- und Juniorenbereich in einer Reihe von Sportarten ein hoher internationaler Leistungsstandard erreicht wird, dieser aber nur unzureichend in Weltspitzenleistungen transformiert werden kann (Ostrowski et al., 2005, S. 209). Um den Übergang in den Seniorenbereich vorzubereiten, muss es im Sinne der Ziele des Anschlusstrainings, den Anschluss an das internationale Leistungsniveau der Junioren zu erreichen, zu einer deutlichen und komplexen Erhöhung der Belastungsanforderungen kommen. Es soll gewissermaßen ein Belastungsschub für die Athleten entstehen (Rost & Martin, 1998, S. 122).

Dieses Problem am Übergang vom Junioren- in den Spitzenbereich lässt sich treffend mit einem Zitat von Feldhoff aus dem Jahre 2004 (zitiert nach Ostrowski et al, 2005, S. 209) beschreiben: „Wir waren 2003 zum sechsten Mal hintereinander die erfolgreichste Nation bei den Junioren in den olympischen Disziplinen. Bei uns beginnen die Probleme beim Übergang in den Spitzenkader.“

In der folgenden Tabelle ist dies am Beispiel der gewonnenen Medaillen in der Leichtathletik dargestellt.

Tab. 1: Leistungsbilanz des DLV anhand der gewonnenen Medaillen (mod. nach Ostrowski, Pfeiffer & Rost, 2005, S. 209)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Man kann deutlich erkennen, dass die Erfolge aus dem Juniorenbereich nicht in den Seniorenbereich übertragen werden konnten. Als Ziel für die Olympischen Spiele wurde 2004 der Gewinn von ein bis zwei Goldmedaillen formuliert, allerdings wurde dieses Ziel mit zwei gewonnenen Silbermedaillen aus den Speer- bzw. Kugelstoßwettbewerben der Frauen nicht erreicht.

In einer Analyse des DLV wurde aus diesen Ergebnissen geschlussfolgert, dass sich trotz des relativ hohen Durchschnittsalters der Weltspitze das Zeitfenster zum Eintritt in das Hochleistungsalter, im Sinne einer weiteren Vorverlagerung, vergrößert hat.

Analysen des DOSB haben ähnliche Ergebnisse bestätigt, nämlich dass die Anzahl deutscher Sportler aus dem Anschlusskader mit einer weiteren Leistungsentwicklung zu gering ist. Nach Untersuchungen von Feldhoff zufolge brechen 90% aller deutschen Teilnehmer von JEM und JWM nach diesem Wettkampfhöhepunkt ihre Leistungsentwicklung ab. Nur 15% aller C-Kader Athleten steigen in höhere Kader auf (Ostrowski et al., 2005, S. 210-211). Diese Tendenz ist international nicht so deutlich ausgeprägt (Rost, 2005, S. 28).

In den verschiedenen Sportarten entwickeln sich die Spitzenleistungen über die Jahre weiter, wie man beispielsweise im Rudern und im Eisschnelllauf, wo zum Teil die Rekorde von den selben Personen aufgestellt wurden, erkennen kann. Hierzu formulierte der DOSB in einer Analyse von 2003 treffend: „Die dynamische Leistungsentwicklung in der Welt hält an.“ Wie die Bilanz der gewonnenen Goldmedaillen bei olympischen Spielen erkennen lässt, muss der deutsche Sport, besonders in den olympischen Sommersportarten, dieser Dynamik seinen Tribut zollen. Die Anzahl der Entscheidungen bei Olympischen Spielen nimmt zu, jedoch die Anzahl der gewonnenen Goldmedaillen durch deutsche Athleten ab. Während es in Deutschland immer schwerer wird öffentliche Mittel für den Leistungssport zu akquirieren, besonders in der Finanzierung des Sports durch die Länder, findet diese dynamische Entwicklung international statt (Zinner, Schwarz, Malz, Westphal & Ledig, 2004, S. 18).

Am Beispiel des Berliner Olympiastützpunktes haben Zinner et al. eine Untersuchung zur Qualität im Leistungssport durchgeführt. Hierbei wurde herausgefunden, dass weniger als 50% der JEM-/JWM-Teilnehmer in demselben Jahr in den A-bzw. B-Kader aufgestiegen sind und dass 41% aller Athleten im C-Kader aussteigen. Zieht man dazu noch in Betracht, dass das sportliche Leistungsniveau des Standorts Berlin über dem bundesdeutschen Durchschnitt liegt, muss man davon ausgehen, dass bundesweit diese Zahlen noch schlechter ausfallen. Es kann natürlich nicht jeder die internationale Spitze erreichen, aber das bedeutet nicht, dass nicht mehr machbar wäre (Zinner et al, 2004, S. 19).

2.2 Der Zeitaufwand von Athleten im Anschlusstraining

Es hängt entscheidend davon ab, wenn eine internationale Spitzenleistung im Juniorenalter in internationale Spitzenleistung bei den Senioren überführt werden soll, ob es in den folgenden Jahren gelingt eine Qualität von Umfang und Intensität im Trainingsprozess umzusetzen. Die enormen Entwicklungsraten, die am Übergang vom Junioren- zum Seniorenalter bewältigt werden müssen, sollen hier am Beispiel von Nora Subschinski, einer Junioreneuropameisterin im Wasserspringen, verdeutlicht werden. Den Titel der Junioreneuropameisterin erreichte sie mit 8000 Sprüngen pro Jahr, ihre Teilnahme an den Olympischen Spielen 2004 basiert auf 14000 Sprüngen pro Jahr, was 11 Trainingseinheiten pro Woche und 5 - 6 Stunden Training am Tag bedeuten. Diese Problematik, die Realisierung solcher faktisch notwendigen Leistungsentwicklungen, lässt sich für andere Sportarten verallgemeinern (Zinner et al, 2004, S. 19-20).

In einer Studie zum Zeitaufwand von Nachwuchsathleten fand Fessler heraus, dass vor allem in den Individualsportarten deutlich höhere Zeitaufwendungen für das Training geleistet werden müssen. Es ist keine Seltenheit, dass mehr als 20 Stunden Training pro Woche auf dem Plan von Nachwuchsathleten stehen, was mehr als doppelt so viel ist was Fußballer im selben Alter trainieren müssen. Will man keine Abstriche machen bei den mindestnotwendigen Trainingsaufwendungen, die international den Anschluss ermöglichen, stellt vor allem die Doppelbelastung von Schule und Leistungssport ein kaum lösbares Problem dar. Das Ziel sollte im Sinne einer sinnvollen Zeitbudgetierung sein, steigenden Trainingsquantitäten mit einer zeitlichen Entlastung, z.B. Freistellungen oder Förderunterricht, entgegenzuwirken (Fessler, 2001, S. 30-31).

Die bereits erwähnte Zeitknappheit insbesondere von Nachwuchsathleten, führt regelmäßig zu Konflikten beim Versuch einer Verbindung von Leistungssport und Ausbildung oder Beruf. Es ist den Sportlern nicht möglich, den Erwartungen und Anforderungen aller Institutionen, wie zum Beispiel der Institution Leistungssport, Schule, Universität oder Arbeitgeber, gleichermaßen gerecht zu werden. Die daraus resultierenden Konflikte und Überlastungen stellen einen großen Ballast für Athleten, besonders im Anschlusstraining, dar. Für gewöhnlich erweist sich die Sportorganisation gegenüber den Bildungsinstitutionen als eine zu geringe Verhandlungsmacht. Ausnahme bilden die funktionierenden Arrangements mit staatlichen Organisationen wie Bundeswehr, Bundespolizei und Zoll. Doch selbst diese Kombinationen bieten den Sportlern nur eine schwache soziale Absicherung (Wippert, 2002, S. 39-40).

2.3 Das Anschlusstraining

Im Folgenden soll das Anschlusstraining als Teil des langfristigen Leistungsaufbaus vorgestellt und erläutert werden. Dabei wird ebenfalls auf die Probleme eingegangen, die für Nachwuchsathleten in diesem Zeitabschnitt entstehen können.

2.3.1 Einordnung des Anschlusstrainings in den langfristigen Leistungsaufbau

In der Trainingswissenschaft herrscht weitgehende Übereinkunft zum theoretischen Erkenntnisstand und zur Systematik des langfristigen Leistungsaufbaus vor. Das bestimmende Element dieses anerkannten Gliederungssystems ist seine Etappenstruktur (Martin, Nicolaus, Ostrowski & Rost, 1999, S. 189).

Unter dem Begriff des langfristigen Leistungsaufbau versteht man einen zielbestimmt gesteuerten Entwicklungsprozess der sportlichen Leistungsfähigkeit und der -bereitschaft vom Beginn der leistungssportlichen Karriere bis zum Erreichen der sportlichen Höchstleistung. Dieser Prozess wird in inhaltlich akzentuierten und systematisch aufeinander aufbauenden Ausbildungsetappen sportartspezifisch geplant und realisiert (Schnabel, Harre & Borde, 1994, zitiert nach Martin et al., 1999, S. 187). Der äußere Rahmen des langfristigen Leistungsaufbaus hinsichtlich der zeitlichen Dauer und der inhaltlichen Struktur wird durch seine Zeit- und Etappenstruktur gekennzeichnet (Martin et al., 1999, S. 187).

Dieses von Pechtl, Ostrowski und Klose 1993 vorgeschlagene Systematisierungsmodell ist in Abbildung 1 dargestellt und verbindet sowohl Trainingsalter als auch trainingsmethodische Ausbildungsetappen mit den organisatorischen Aspekten der Nachwuchsförderung. In der folgenden Abbildung sind diese drei Aspekte unter den Bezeichnungen Trainingsjahre, Ausbildungsetappe, Kaderbereich und Fördereinrichtung zu finden. In den meisten Sportverbänden bildet dieses Modell die Grundlage der Kaderstufen der Nachwuchsförderung (Hohmann, Lames & Letzelter, 2003, S. 169).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Struktur des langfristigen Leistungsaufbaus nach Pechtl, Ostrowski und Klose (Martin et al., 1999, S. 190)

Hier wird der langfristige Trainingsaufbau auf der ersten Gliederungsebene in Nachwuchs- und Hochleistungstraining unterschieden. Das Nachwuchstraining wird auf einer zweiten Gliederungsebene in Grundlagen-, Aufbau- und Anschlusstraining weiter ausdifferenziert. Unter dem Anschlusstraining versteht man den Übergang vom Aufbau- zum Hochleistungstraining. Es gehört zwar nicht mehr zur Talentförderung, ist aber noch Bestandteil des Nachwuchstrainings (Joch, 1992, S. 271). Jede dieser Ausbildungsetappen wurde mit einer Förderstufe verbunden, die als wichtigstes Element die jeweilige Fördereinrichtung zur Sicherung eines hochwertigen Trainings hat. Ebenso wurden die einzelnen Kaderbereiche bestimmten Ausbildungsetappen zugeordnet. So werden die talentiertesten Sportler innerhalb ihrer Ausbildungsetappe auf Grundlage der bundeseinheitlichen Kaderkriterien in den jeweiligen Kader berufen (Martin et al., 1999, S. 189).

Die Teilnahme an JEM oder JWM stellt ein Teilziel auf dem Weg zur Vorbereitung sportlicher Höchstleistung dar. Je dichter die Grenze des Juniorenalters an der des Höchstleistungsalters liegt, desto stärker muss sich die gezeigte Leistung der Junioren dem internationalen Leistungsniveau im Hochleistungsbereich anpassen. Ist der Abstand zwischen Höchstleistungs- und Juniorenalter größer, können auch größere Leistungsdifferenzen zwischen den Bereichen liegen (Rost et al., 2001, S. 13).

Durch das Verknüpfen der jeweiligen Ausbildungsetappe mit klaren Zielen, Aufgaben und Inhalten werden alters- und ausbildungsgerechte Zwischenziele gesetzt. Um diese realisieren zu können, müssen ihnen bestimmte Inhalte, Methoden, Trainingsbelastungen und organisatorische Lösungen zugeordnet werden. Jede Ausbildungsetappe hat die Entwicklung von ausbildungs- und altersentsprechender Leistungsvoraussetzungen zum Ziel (Martin et al., 1999, S. 192).

Über die Altersstruktur der verschiedenen Kaderstufen hinaus stützt sich dieses Modell vor allem auf allgemeine Erfahrungswerte und Plausibilitätsüberlegungen, was aus Sicht der Trainingswissenschaften kritisch zu betrachten ist, denn ein grundlegendes Überprüfen der Statthaftigkeit und der Effektivität der didaktisch-methodischen Kriterien für eine Abgrenzung der einzelnen Etappen des Trainings steht noch aus. Darüber hinaus fehlt noch eine empirische Studie, die die Berechtigung und Ausprägung der Normen zu Trainingsbeginn, Trainingsalter und der Trainingsumfänge der jeweiligen Etappen thematisiert (Hohmann, Lames & Letzelter, 2003, S. 169).

Die Hauptaufgabe eines Nachwuchstrainingssystems, in dem Athleten ausgebildet werden sollen, ist die Sicherstellung des langfristigen Leistungsaufbaus. Das Nachwuchstrainingssystem ist darauf ausgerichtet, am internationalen Niveau orientiert junge Athleten auf künftige Spitzenleistungen systematisch vorzubereiten. Um diese Aufgabe zu erfüllen, müssen möglichst vergleichbare Rahmenbedingungen für die Sportler geschaffen werden, die ohne ein Beeinträchtigen der Persönlichkeitsentwicklung das Erfüllen der objektiven Gesetzmäßigkeiten und Anforderungen des langfristigen Leistungsaufbau realisierbar lassen werden (Martin, Rost, Krug & Reiss, 1998, S. 22-23).

Allerdings ist das vorgestellte Modell weder starr noch unveränderbar. Die verschiedenen Trainingsetappen in der Systematik des langfristigen Leistungsaufbaus sind nicht als Summe eigenständiger Teile dieses Prozesses zu sehen. Ausgelöst durch die dynamische Entwicklung der internationalen Wettkampfleistungen muss weiter konzeptionelle Arbeit in dieser Ebene des Trainingssystems verrichtet werden. In vielen Sportarten besteht das größte Problem bei der Bewältigung des langfristigen Trainingsaufbaus darin, dass die Spitzenleistungen ansteigen und somit zwischen der Leistung bei Trainingsbeginn und der Finalleistung im Spitzenbereich eine größere Differenz liegt. Will man Anschluss an die Weltspitze erreichen oder erhalten, muss folglich bei gleichbleibender Ausbildungszeit im langfristigen Leistungsaufbau ein höheres Niveau der Leistungsfähigkeit ausgeprägt werden. Es hat den Anschein, dass sich das Zeitfenster, in dem sportliche Höchstleistungen erreicht werden können, vergrößert hat, ohne dabei eine grundsätzliche Veränderung im durchschnittlichen Höchstleistungsalter feststellen zu können. In einer Vielzahl von Sportarten ist es offenbar innerhalb eines Vierjahreszyklus möglich, sich vom sehr guten Juniorenathlet zur Weltspitze vorzuarbeiten, jedoch gelingt dies nur in sehr wenigen Fällen deutschen Athleten. Hierfür bezeichnend ist auch, dass das Durchschnittsalter der deutschen Olympiamannschaft seit den Olympischen Spielen in Barcelona ansteigt. In Athen hatte Deutschland mit durchschnittlich 27,1 Jahren nicht nur die älteste Mannschaft, sondern mit 13,4% auch die mit der niedrigsten Erneuerungsrate. Es gelingt Deutschland nicht, an die im Durchschnitt bei über 20% liegende Erneuerungsrate führender Sportnationen heranzukommen (Rost, 2005, S. 28-29).

Für spätere Spitzenerfolge wird die Förderung von Nachwuchsathleten als notwendige Voraussetzung angesehen. Darüber hinaus muss die Förderung über mehrere Phasen hinweg in einer Sportart erfolgen, wenn sie schon nicht über den gesamten Zeitraum sportartspezifisch erfolgt. Für sportlichen Erfolg wird also eine kontinuierliche Zugehörigkeit zum Fördersystem als Voraussetzung angenommen. Um im Anschluss- und Hochleistungstraining die Leistung weiter steigern zu können, müssen im Grundlagen- und Aufbautraining Sportler mit einem höheren Niveau der perspektivischen Leistungsvoraussetzungen ausgestattet und auf die folgende Belastung vorbereitet werden (Emrich, Pitsch, Güllich, Klein, Fröhlich, Flatau, Sandig & Anthes, 2008, S. 1).

2.3.2 Kennzeichen des Anschlusstrainings

Im Folgenden soll das Anschlusstraining und dessen Bedeutung näher betrachtet werden. Das Anschlusstraining ist eine spezielle Übergangsetappe vom Nachwuchs- zum Hochleistungstraining, in dem ein künftiges internationales Spitzenniveau durch steigerungsfähige Anschlussleistungen erreicht werden soll (Rost & Martin, 1998, S. 115).

Das Ziel des Anschlusstrainings ist es, die Differenzen zum Hochleistungstraining der Erwachsenen zu minimieren. Es befinden sich C-Kader-Athleten, die am Übergang zum B-Kader stehen, im Anschlusstraining. Diese Sportler haben für gewöhnlich erste Einsätze bei internationalen Wettkämpfen und Turnieren erlebt und konnten dort erste Erfahrungen sammeln. Sie orientieren sich in ihrer Zielperspektive konkret an internationalen Standards (Joch, 1992, S. 271-272).

In der Regel umfasst das Anschlusstraining einen Zeitraum von zwei bis vier Jahren und stellt generell die dynamischste Vorbereitungsetappe des langfristigen Leistungsaufbaus dar. Wie Reiß schon 1993 feststellte, wird hier entscheidend ein später folgendes erfolgreiches Hochleistungstraining vorbereitet und gestaltet. Darüber hinaus wird im Anschlusstraining häufig prinzipiell entschieden, ob eine weitere leistungssportliche Entwicklung stattfinden wird (Weineck, 2004, S. 59).

Als letzte Etappe des sportartspezifischen Nachwuchstrainings stellt sich das Anschlusstraining in der Mehrzahl der Sportarten als zweiphasig dar. Im Aufbautraining wurden vielseitige und grundlegende Leistungsvoraussetzungen gelegt. An deren erworbenes Niveau muss in der ersten Phase des Anschlusstrainings durch eine systematische und individuell differenzierte Steigerung, insbesondere der spezifischen Trainingsanforderungen, angeknüpft werden, um an das Leistungsniveau der Junioren Anschluss zu finden (Martin et al., 1999, S. 191).

Diese erste Phase ist zwar hauptsächlich für die Vorbereitung auf die internationalen Wettkämpfe der Juniorenklasse vorgesehen, jedoch besteht eine Hauptaufgabe darin, große Teile des Trainings aufgabenorientiert zur Entwicklung derjenigen Leistungsvoraussetzungen zu gestalten, die eine perspektivische Bedeutung für die Ausprägung von Spitzenleistungen haben. Für die erste Phase lässt sich somit das Nebeneinander von Voraussetzungs- und wettkampfspezifischem Leistungstraining oder von Prinzipien des Nachwuchs- und Hochleistungstrainings als kennzeichnend beschreiben (Martin et al., 1999, S. 191). In dieser Phase muss, insbesondere von den spezifischen Trainingsanforderungen, eine systematische, individuell differenzierte Steigerung angestrebt werden, um an das internationale Juniorenleistungsniveau aufzuschließen (Rost & Martin, 1998, S. 115).

In der zweiten Phase gilt es, den Anschluss an die international üblichen Leistungs- und Trainingsanforderungen des Hochleistungsbereiches vorzubereiten. Es erfolgt der vollständige Übergang zu den Prinzipien des Hochleistungstrainings und es werden alle charakteristischen Merkmale des Nachwuchstrainings abgelöst. Dazu wird in einigen Sportarten nach dem Erreichen der JWM-Altersgrenze ein weiterer, zum Teil mehrjähriger Vorbereitungsprozess benötigt (Martin et al., 1999, S. 191-192). In Deutschland liegt die Spezifik in den Rahmenbedingungen darin, dass Athleten nach dem Erreichen der Altersgrenze der Junioren in der Regel ihren Status als C-Kader-Athlet verlieren, aber die Bedingungen für einen B-Kader noch nicht erreicht haben, so dass sich hier ein Loch der Nichtförderung aufreißt. Durch die Vergabe eines Landeskaderstatus springen die Länder ein, auf Bundesebene wird dieses Problem durch die Bildung von Perspektivkadern angegangen (Rost & Martin, 1998, S. 115-116).

Durch hohe Leistungszuwachsraten soll der Anschluss an das internationale Leistungsniveau der Junioren erreicht und ein Übergang zur Weltspitze vorbereitet werden. Geht man von diesen Zielstellungen des Anschlusstrainings aus, wird eine höhere Trainingswirkung benötigt. Es werden vor allem noch Reserven im Bereich der technisch-kompositorischen Sportarten gesehen, stellen hier doch die Bewegungsqualität im Training ebenso wie die Entwicklung des Schwierigkeitsgrades der Elemente eine zentrale Größe dar (Ostrowski et al., 2005, S. 232).

Trainingsmethodisch sind im Anschlusstraining folgende Schwerpunkte zu setzen:

- Die Belastbarkeit des gesamten Organismus muss unter Einsatz von sportartgerichteter allgemeiner und semispezifischer Trainingsformen weiter deutlich gesteigert werden.
- Mehrfachperiodisierung unter Anwendung von Makrozyklen, damit eine feste Abfolge von Trainingsakzenten auf einer höheren Anforderungsstufe im Verlauf des Jahres wiederholt wird und die außerdem eine unmittelbare Wettkampfvorbereitungsphase vor dem entscheidenden Wettkampfhöhepunkt mit einschließt.
- Die wettkampfspezifische Belastung muss zunehmen und das Wettkampfspektrum muss erweitert werden.
- Die Erholungs- und Belastungsdynamik muss bewusst gesichert werden.
- Je nach Sportart muss der Athlet an spezielle, im bisherigen Trainingsverlauf noch nicht angewendete Trainingsformen herangeführt werden, wie zum Beispiel dem Höhentraining in Ausdauersportarten.
- Leistungsdiagnostische, wettkampfanalytische und trainingsbegleitende Maßnahmen sollen periodisch zur Überprüfung und Analyse des konditionellen, technischen und taktischen Leistungsstandes sowie zur Einschätzung der Trainingswirksamkeit genutzt werden.

(Weineck, 2004, S. 59-60)

Viele Sportler verfügen zu Beginn des Anschlusstrainings über ein unzureichendes technisches Niveau, wie viele Spitzenverbände einschätzen. Dadurch wird die Hinwendung zu einem vertieften, spezifischen Training erheblich beeinträchtigt, denn die technische Perfektionierung verbunden mit dem steigenden Niveau der konditionellen Fähigkeiten ist eine wesentliche Aufgabe des Anschlusstrainings. Überall rückt das Zusammenspiel von Kraft und Technik in den Fokus, sei es im Kunstturnen spezifische Kraftvoraussetzungen für schwierigste Elemente zu erarbeiten oder in Kampfsportarten die technikorientierte Kraftausbildung zu erwerben (Rost & Martin, 1998, S. 123).

Im Anschlusstraining besteht für junge Athleten vorrangig die Problematik der Kompatibilität von sportlichen und beruflichen Anforderungen sowie der privaten Ansprüche. Ebenso entstehen Probleme in einer qualitativ und quantitativ verbesserten ärztlichen Versorgung und der individuell akzentuierten optimalen Relation zwischen Belastung und Erholung. In dieser Zeitspanne des langfristigen Leistungsaufbaus werden Karriereabbrüche, vorzeitige Laufbahnabbrüche, Verlust von Talenten und der Ausstieg aus dem Leistungssport als besonders gravierend bewertet (Joch, 1992, S. 271-272).

2.4 Die Ressource Zeit und die Produktion von Leistung

Im Folgenden geht es nun darum, einen Blick auf die Zeitproblematik von Sportlern zu werfen.

Im System Spitzensport ist das Handeln der Akteure durch einen Komplex struktureller Dynamiken beeinflusst, die vorzugsweise durch eine systemspezifische Leistungs- und Erfolgsrationalität gekennzeichnet sind. Wie schon diverse Autoren bemerkten, nimmt über die Zeit hinweg die Dichte und Internationalität des Trainings- und Wettkampfkalenders der Athleten zu. Athleten und Betreuer haben die Erhöhung von Leistung und Erfolg als Ziel. Um dieses verwirklichen zu können, werden ständige Steigerungen von Trainingsumfängen und -intensitäten angestrebt. So erzwingen Zeitknappheit und Erfolgsrationalität die dauerhafte Effektivierung des Handelns. Tages-, Wochen- und Jahresabläufe werden durch Trainings- und Wettkampfplanungen rationalisiert. In dieser Phase seines Lebens findet sich der Athlet in einer fast totalen Institution wieder. Durch diese Totalisierung nimmt der Athlet, wie Hackfort schon 1997 beschrieb, eine Quasi-Berufs-Rolle auf Zeit an (Emrich, Güllich & Pitsch, 2005, S. 76–77).

Der Athlet nimmt also eine weitgehend fremdbestimmte soziale Rolle im System des Hochleistungssports ein und die Entwicklung seiner leistungssportlichen Karriere wird tendenziell von außen strukturiert. Bei Athleten geht man von einem zentral durchorganisierten Tagesablauf aus, der im Minimum einer Teil- bis Vollzeitbeschäftigung, je nachdem welche zeitlichen Umfänge die Sportart benötigt, entspricht. In Sportarten, die eine frühe Spezialisierung erfordern, wird der mittlere Bruttozeitaufwand für Nachwuchsathleten bei 40 Wochenstunden ohne andere Verpflichtung angesetzt. Damit kann man eine Kaderzugehörigkeit als eine altersunabhängige Berufstätigkeit beschreiben, deren Ausübung allerdings nicht individuell gewählt werden kann (Wippert, 2002, S. 39).

Es lässt sich beobachten, dass die für den Sport verfügbare Zeit im Sinne von Arbeits- bzw. Trainingszeit eine besondere Bedeutung hat. Sie ist als zentrale Input-Ressource im Sinne eines zentralen Planungs- und Strukturmerkmals anzusehen. Zeit gilt deshalb als ein knappes Gut, da dem Sportler biologisch bedingt nur eine begrenzte Zeitspanne für Höchstleistungen bleibt, jede Zeiteinheit in der produktiven Phase hohen Ertrag bringen soll und weil das Bemühen um extensive und intensive (Trainings-) Zeitökonomie zentral ist (Emrich et al., 2005, S. 78). Der Umfang der Ressource Zeit, welche als bedeutende unabhängige Variable täglich für Interventionsmaßnahmen nutzbar ist, hat großen Einfluss auf die Ausprägung der Leistung als abhängige Variable. Welche Bedeutung die Ressource Zeit für die Interventionsmaßnahme Training hat, zeigt sich beispielsweise in den vielfältigen Bemühungen, ein ökonomisches Zeitmanagement durch den Aufbau spezifischer spitzensportlicher Infrastrukturen, wie Eliteschulen des Sports oder Olympiastützpunkte für Nachwuchs- und Spitzensportler, zu kreieren (Emrich et al., 2008, S. 2).

Der Systemlogik folgend, darf keine Zeit vergeudet werden, um die Produktionsfunktion erfüllen zu können. Das Ausweiten der für den Sport verfügbaren bzw. beanspruchbaren Zeit bezeichnet man als Zeitextensivierung. Diese äußert sich beispielsweise in der Zunahme der Wettkampfhäufigkeit, -dichte und -internationalität. Sie ist aber auch im Rahmen der langfristigen, wie der unmittelbaren Vorbereitung u.a. im Zurückdrängen sportexterner zeitlicher Beanspruchungen oder der Harmonisierung der Zeitlichkeiten des Sportsystems und sportexterner Systeme zu bemerken. Beispiele für die Intention der Zeitintensivierung, also die Versuche zur Erhöhung des Ertrags pro investierte Zeiteinheit sind die Aus- und Fortbildung von Trainern, die Leistungsdiagnostik, Trainingssteuerung oder neue Trainingsmethoden (Emrich et al., 2005, S. 79).

Die angesprochene Produktionsfunktion ist in Abbildung 3 dargestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Zeit als Ressource im Sport (Emrich, Güllich & Pitsch, 2005, S. 79)

Diese Abbildung geht von dem vereinfachten Gedanken aus, dass wenn der Tag 24 Stunden hat, davon 12 Stunden festgebunden für Tätigkeiten wie zum Beispiel Essen und Schlafen sind. Somit bleiben 12 weitere Stunden des restlichen Tages für Trainingszeit und Zeitansprüche anderer Bereiche übrig. Der Athlet trifft nun seine Entscheidungen bezüglich der Verwendung dieser Zeit abhängig von seiner Werterwartung. Der Athlet könnte theoretisch gesehen die vollen 12 Stunden für das Training nutzen, wenn ihm die schulische bzw. berufliche Ausbildung nichts wert ist und er keine Zeit für diesen Bereich aufwenden möchte. In diesem Fall wäre, wie in Abbildung 2 dargestellt, pa = 0. Möchte der Athlet allerdings aufgrund seiner Wertvorstellungen einen gewissen Teil seiner Zeit für die Ausbildung investieren, welche in Abbildung 2 mit a gekennzeichnet ist, reduziert sich die zur Verfügung stehende Trainingszeit dementsprechend. Das Problem besteht folglich darin, dass für jeden Athleten ein individuell verschieden geprägtes Grenzertragsproblem entsteht. Dieses stellt ein von physischen und psychischen Voraussetzungen abhängiges Verhältnis der jeweils investierten Zeitbeträge zum hervorgebrachten Ertrag in verschiedenen Lebensbereichen und der jeweiligen kurz-, mittel- und langfristigen Reliabilität dar. Es lässt sich die Tendenz im Spitzensport erkennen, dass das beschriebene Problem mit einer generellen Forderung nach gemeinschaftlicher Ausweitung und einer intensiveren Nutzung der investierten Trainingszeit zu lösen versucht wird. Dies geschieht jedoch ohne eine Zugrundelegung von empirisch fundiertem Wissen über interindividuell unterschiedlicher Auswirkungen solcher Leitorientierungen. Hiermit werden also biologische Gesetzmäßigkeiten im Prozess der Produktion von Höchstleistungen vernachlässigt und folglich werden damit langfristig gesehen deren Kosten erhöht (Emrich et al., 2005, S. 80).

Die Bedeutung der Lebenszeit, welche der Athlet für den Sport verwendet, spiegelt sich im Strukturmodell des langfristigen Leistungsaufbaus wider, wobei hier die Einstufung in die nächsthöhere Kaderstufe assoziiert wird mit einer bestimmten Anzahl an Trainingsjahren. Die relativ frühe Aufnahme in die Kaderstrukturen und der kontinuierliche Durchgang der einzelnen Kaderstufen werden im Sinne einer Erhöhung der Erfolgswahrscheinlichkeit angestrebt (Emrich et al., 2008, S. 2).

Ob durch die Reallokation der eingesetzten Produktionsmittel, vor allem der eingesetzten Trainingszeit, ein höherer Nutzen gestiftet werden kann, ist im Bezug auf die Trainingseffizienz zu hinterfragen. Große interindividuelle Differenzen in der Rentabilität, also der Reaktion des Sportlers auf Trainingsreize, führen dazu, dass diese Frage nicht einheitlich beantwortbar wird. So wird man im Trainingsprozess stets auf das Experimentieren mit und dem Ausprobieren von neuen Wegen angewiesen sein. Im Spitzensport wird auf organisatorischer Ebene versucht, dieses Problem der Unsicherheit durch eine generelle Ausweitung des Maßes eingesetzter Ressourcen, wie z.B. der Trainingsumfänge, zu lösen. Hierdurch wird jedoch lediglich das Grenzertragsproblem auf Seiten des Sportlers verschärft (Emrich et al., 2005, S. 80-81). Ein weiteres Grenzertragsproblem ergibt sich für die Leistungssportförderung unter Effizienzgesichtspunkten, wenn man davon ausgeht, dass in den meisten aller Sportarten die Startplätze pro Nation bei internationalen Großereignissen limitiert ist (Emrich et al., 2008, S. 3). Ebenso werden für den angestrebten Erfolg die verschiedenen Facetten von interindividuell variierenden „Produktionskosten“ nur teilweise differenziert berücksichtigt. Schlussendlich vernachlässigt die Ökonomie des Spitzensports die Kostenseite der Leistungsproduktion. Dieselben Entwicklungstendenzen lassen sich im Nachwuchsleistungssport beobachten. Auch hier werden Medaillenspiegel internationaler Nachwuchsmeisterschaften als ein legitimes Mittel zur nationalen Repräsentation eingesetzt (Emrich et al., 2005, S. 81).

Im (Nachwuchs-)Leistungssport hat der absolut interpretierte Geltungsanspruch des Sieg-Niederlage-Systemcodes dazu geführt, dass frühe Erfolge initiiert werden wollen. Auf der zeitlichen Belastungsebene durch Training scheint ein weiterer Einsatz zeitlicher Ressourcen einen negativen Grenznutzen zu bringen. Damit wird ein früher Karriereabbruch des Athleten im Sinne eines Dropouts, beispielsweise im Zusammenhang mit Anforderungen in Schule oder Studium, begünstigt. Diese Tatsache weist außerdem auf eine schwerwiegende Diskrepanz zwischen den Zielen des (Förder-)Systems und den Zielen der interagierenden Personen innerhalb des Systems hin (Emrich et al., 2008, S. 8).

Wie Güllich schon 2000 feststellte, ist in den letzten Jahrzehnten das Einstiegsalter von Nachwuchsathleten gesunken, während parallel der jeweils altersbezogene Trainingsumfang erheblich gesteigert wurde. Somit diffundieren die Anforderungen im Spitzensport in der Altersstruktur nach unten, so dass schon im Nachwuchsbereich systemimmanente Spannungen festzustellen sind, wie sie zum Beispiel aus den verschiedenen Ansprüchen unterschiedlicher Personen oder Institutionen an den jungen Sportler resultieren (Emrich et al., 2005, S. 81).

Im Kindes- und Jugendalter steigt die Konkurrenz zeitlicher Ansprüche für den Nachwuchssportler an, da sowohl im sportlichen Bereich als auch in der Bildungslaufbahn Zeitextensivierung und -intensivierung stattfindet. Gleichermaßen sind für den jungen Sportler parallel dazu Entscheidungen mit langfristiger Relevanz zu treffen. Die Situation der Konkurrenz zeitlicher Ansprüche wird durch die fortschreitende Komprimierung der Bildungszeiten in Schulen und Hochschulen weiter verschärft (Emrich et al., 2005, S. 82).

2.5 Das Fördersystem in Deutschland

In diesem Kapitel geht es darum, das Fördersystem und dessen Besonderheiten vorzustellen. Im Folgenden sind einige Fördereinrichtungen dargestellt, die von Bedeutung für Athleten im Anschlusstraining sein können.

Die Zielstellung des Fördersystems ist es, höchstmögliche internationale Erfolge deutscher Athleten zu erreichen um damit die Position Deutschlands unter den weltbesten Sportnationen zu bewahren bzw. noch auszubauen. Im Leistungssport können Fördersysteme hinsichtlich ihrer Rigidität auf einem Kontinuum zwischen zwei extremen Polen angeordnet werden. Talentsichtung und -erkennung, Förderung und Betreuung können zwischen Zufall und Eigeninitiative an einem Pol, sowie Systematik, Koordiniertheit, langfristiger Planung und Verordnung am anderen Pol, eingeordnet werden. In ihrem Entwurf sind aktuelle Konzepte zur Weiterentwicklung von Förderstrukturen hauptsächlich am rigiden Pol des Kontinuums ausgerichtet. Es bestehen verschiedene Förder- und Betreuungseinrichtungen mehr oder weniger parallel in Konkurrenz zueinander (Güllich, Papathanassiou, Pitsch & Emrich, 2001, S. 63).

Sportler haben auch eine Repräsentationsfunktion hinsichtlich der fördernden Institutionen. Diese Institutionen haben wiederum eine Repräsentationsfunktion gegenüber Staat und Gesellschaft, denn sie stehen damit für das Verständnis und das Selbstverständnis des Staats und der Gesellschaft. In einem weiter gefassten Rahmen geht es also auch darum, wie man Eliten, in diesem Fall Sporteliten, ausbildet und in Bereichen außerhalb des Sports, wie zum Beispiel auf die nachsportlichen Karriere vorbereitet, sowie diejenigen, die nicht Teil der Elite geworden sind beziehungsweise geblieben sind, behandelt. Wie Gebauer schon 1998 festgestellt hat, ist der Athlet in Deutschland für seine Existenz selbstverantwortlich, eine Kaderzugehörigkeit bedeutet lediglich eine abgestufte Sportförderung. Hilfen erhält man lediglich subsidiär vom Staat, von Organisationen oder im Idealfall von Sponsoren (Hackfort, 2001, S. 55).

2.5.1 Das Kadersystem

Ziel der Spitzensportförderung und des deutschen Hochleistungssports ist es, sowohl im Spitzen- als auch im Nachwuchsleistungsport, Deutschland international erfolgreich zu repräsentieren. Nach wie vor liegt die Verantwortung für mangelnde Erfolge bei den Spitzenverbänden und nicht beim Bund oder dem DOSB, was eine Divergenz von Kompetenz und Haftung beziehungsweise von Entscheidungskompetenz und -verantwortung darstellt (Emrich et al., 2008, S. 17).

Es wird angenommen, dass Spitzenleistungen im Sport auf einem gezielten, systematischen sowie langfristigen Vorbereitungsprozess beruhen und dass Qualität, Umfang, Systematik, Langfristigkeit sowie Durchgängigkeit dieses Vorbereitungsprozesses durch die Förderung verbessert werden und somit sich die Erfolgschancen erhöhen. Man geht davon aus, dass die individuelle Leistungsentwicklung beeinflussbar, steuerbar und damit auch planbar durch Maßnahmen des Fördersystems ist. In der Förderung des Leistungssports kommt dem Kadersystem und dem Kaderstatus eine zentrale Bedeutung zu. Die Auswahl der Kader ist dem Zweck der Förderung und die Förderung dem Zweck der erfolgreichen Vorbereitung auf internationale Wettkämpfe untergeordnet. Obwohl sich die Auswahl der Athleten für einen Kader auf vergangene Ereignisse begründet, haben sie perspektivischen Charakter. Athleten werden mindestens jährlich eingestuft und für den entsprechenden Kader benannt. Es haben sich mit dem D-, D/C- und C-Kader im Nachwuchsbereich und dem B- und A-Kader im Spitzenbereich insgesamt fünf Kaderstufen etabliert, die aufeinander aufbauen. Eine Kaderstufe hat Vorlaufcharakter für die nachfolgende und Athleten einer Stufe rekrutieren sich in der Regel aus der darunterliegenden Kaderstufe (Güllich et al., 2001, S. 63). Diese Kaderstruktur ist in der folgenden Abbildung dargestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Konzipierte Aufbaustruktur der Kaderpyramide (mod. nach Emrich & Güllich, 2005, S. 81)

Zur Darstellung der jährlichen Athletenübergänge wurde anhand von sieben olympischen Sportarten diese Struktur einer Kaderpyramide konzipiert. Die Größe der Flächen und Übergangspfeile spiegeln das Verhältnis der Athletenzahlen wider (Emrich & Güllich, 2005, S. 81). Hierbei wird für die Sportler ein linearer Karriereverlauf durch die einzelnen Kaderstufen vorhergesagt.

Die Erfolgsrationalität zwingt sowohl Sportler als auch Trainer individuell zu einer Rationalisierung ihres Handelns, bei der Zeit durch Planung, beispielsweise in Form von Trainings- und Studienplänen, zergliedert und zu einer rationalen Grundlage, im Versuch die Zukunft zu beherrschen, gemacht wird. Zeit ist eine knapp begrenzte Ressource, da biologisch bedingt nur eine bestimmte Zeitspanne für Höchstleistungen gegeben ist, jede investierte Zeiteinheit innerhalb der produktiven Phase einen bestimmten Ertrag erbringen soll und davon ausgegangen wird, dass Extensivierung sowie Intensivierung der Trainingszeit steigende Erträge auf Athletenseite bringen. Darum sind die Sportorganisationen bestrebt, Trainingszeiten auszuweiten und die einzelnen Zeiteinheiten intensiver zu nutzen. Somit wird sogar der Regeneration, sozusagen als eine Zeiteinheit des Nichts-Tuns, die Position eines Vorschusses auf künftige Belastbarkeit auferlegt. Gerade im Nachwuchstraining lassen sich häufig solche Entwicklungstendenzen erkennen. In den letzten Jahrzehnten ist das Einstiegsalter von Nachwuchssportlern gesunken, wohingegen sich parallel dazu der jeweils altersbezogene Trainingsumfang erhöht hat. Man geht davon aus, damit Sportler erfolgreich sein können, müssen sie sich frühzeitig und über längere Zeiträume hinweg in einem durchgängigen Trainingsverlauf unter kontinuierlicher Betreuung durch das Sportfördersystem befinden und schon früh bestimmte Leistungen und Erfolge im Jugendalter vorweisen. Es wird folglich von einem langfristigen Zusammenhang von Leistung und Erfolg, einem frühen Einstieg in das sportartspezifische Training, dem sportartspezifischen Trainingsumfang und der frühen Einbindung in das Fördersystem angenommen (Emrich & Güllich, 2005, S. 80-81).

2.5.2 Diskontinuitäten im Verlauf von Kaderkarrieren

In einer Studie von Güllich wurde allerdings ein ganz anderes Ergebnis bezüglich der Struktur der Kaderpyramide festgestellt. In der folgenden Abbildung ist sie dargestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 5: empirische Struktur der Kaderpyramide (mod. nach Emrich & Güllich, 2005, S. 81)

Bei dieser Längsschnittuntersuchung aus dem Jahr 2001 wurden die jährlichen Athletenübergänge über einen Zeitraum von sieben Jahren in sieben olympischen Sportarten in vier Bundesländern ausgewertet. Ebenso wie in der vorherigen Abbildung 4 spiegeln die Größe der Flächen und der Pfeile die Proportion der Sportlerzahlen wider (Emrich & Güllich, 2005, S. 81).

Es ist festzustellen, dass ein linearer Verlauf, wie er konzipiert wurde, in vielen Fällen nicht gegeben ist, sondern Diskontinuitäten auftreten können. Ebenso sticht die Verteilung der Athleten auf den einzelnen Stufen hervor, D/C-, C-, und B/A- Kader fallen hier deutlich kleiner aus als in der konzipierten Struktur. Es gaben 12% der Junioren und 27% der Senioren an, ein- oder mehrmals Unterbrechungen des Trainings über mehrere Monate aus anderen Gründen wie Krankheit, Verletzung oder Operation im Karriereverlauf zu haben (Emrich & Güllich, 2005, S. 83). Mit Blick auf dieses veränderte Kadersystem lässt sich eine hohe Fluktuation erkennen. Dies weist darauf hin, dass im Gegensatz zum konzipierten Nachwuchsleistungssportkonzept es sich bei Erfolgen im Jugendalter nicht um valide Prädiktoren für spätere Erfolge handelt, sondern dass sich Sportler individuell entwickeln und in dem Verlauf sich auch gegenseitig bezüglich Leistung und Erfolg überholen, trotz Förderung von Früheinsteigern. Diese Tatsache kann man auch mit dem intendierten Matthäus-Prinzip, welches sich auf den Satz „wer hat, dem wird gegeben“ aus dem Matthäusevangelium bezieht, als nicht intendierten umgekehrten Matthäus-Effekt beschreiben. Somit lässt die Effektivität des Kadersystems in Bezug auf die individuelle Leistungsentwicklung Zweifel aufkommen (Emrich, 2008, S. 12).

Ein weiteres Ergebnis dieser Untersuchung war, dass viele erfolgreiche Athleten neben ihrer Hauptsportart noch andere Sportarten betreiben oder sich vor ihrer Hauptsportart in anderen Sportarten engagiert haben. Zum Teil auch mehrjährig haben erfolgreiche Kadermitglieder in anderen Sportarten in einem Verein trainiert. Teilweise gelang durch eine andere Sportart der Einstieg in die Sportlerlaufbahn und es erfolgte erst später die Aufnahme des Trainings in der Hauptsportart und teilweise war zwar die Hauptsportart schon die Einstiegssportart, jedoch wurden noch andere Sportarten parallel betrieben. Die jeweils erfolgreicheren Athleten sowohl unter den Junioren als auch unter den Senioren haben später mit sportartspezifischem Training begonnen und haben erst in höherem Alter an internationalen Wettkämpfen teilgenommen. Unter den international erfolgreichen Athleten sind beide beschriebenen Varianten signifikant überrepräsentiert. Desweiteren wurde herausgefunden, dass die Trainingshäufigkeit in einer Altersstufe keine Erklärung für den Erfolg in einer nachfolgenden Altersstufe darstellt (Emrich & Güllich, 2005, S. 82-83). Es wurde also damit ein positiver Zusammenhang zwischen dem Einstiegsalter in die Nachwuchskader sowie dem Ausstieg bzw. dem Übergang in die Spitzenkader mit der Höhe der erreichten Kaderstufen festgestellt.

Erfolgreiche Athleten, insbesondere Olympiateilnehmer, zeichnen sich in der Mehrheit durch ein überdurchschnittlich hohes Einstiegsalter in den Leistungssport sowie Übergangsalter vom Nachwuchs- in den Spitzenbereich aus (Emrich et al., 2008, S. 11). Somit sind erfolgreiche Kaderkarrieren mehrheitlich gekennzeichnet durch eine späte Rekrutierung in das Nachwuchsfördersystem und Übergänge in die nächsten Kaderstufen erfolgen in relativ hohem kalendarischem Alter. Die Verweildauer auf den einzelnen Kaderstufen war durch ein Erfüllen der Auswahlkriterien in relativ hohem kalendarischem Alter lang. Daraus lässt sich schließen, dass die Kaderkarrieren erfolgreicher Athleten sich gegenläufig zu der Vorverlegungs- und Beschleunigungstendenzen der Kaderstruktur verhalten (Güllich et al., 2001, S. 68-69).

Desweiteren wurde herausgefunden, dass Rückstufungen und Unterbrechungen der Kaderkarriere keine Seltenheit sind und mit nennenswerter Häufigkeit auftreten. Gerade im Übergangsbereich vom Nachwuchs- zum Spitzenbereich verliefen nur 46% aller Übergänge nahtlos, bei den restlichen 54% kam es zu Rückstufungen oder Unterbrechungen im Verlauf. Als mögliche Gründe hierfür ziehen Güllich et al. Krankheiten, Verletzungen und kritische Lebensereignisse in Betracht. Rückstufungen bezeichnen, dass das geforderte Niveau für die momentane Stufe nicht mehr erfüllt und für die nächst höhere noch nicht erfüllt werden kann (Güllich et al., 2001, S. 67-69). Statistisch gesehen lässt sich kein Zusammenhang zwischen dem erreichten Kaderniveau und der Durchgängigkeit der Kaderkarriere erkennen (Emrich et al., 2008, S. 12). Häufige Diskontinuitäten im Verlauf haben keinen systematischen langfristig erfolgsmindernden Effekt. Kaderkarrieren, die erfolgreich verlaufen sind, zeichnen sich also mit einer höheren Variabilität und einer verzögerten Entwicklung in der Hauptsportart aus (Emrich & Güllich, 2005, S. 84).

Um diesen Aspekt noch einmal aus der ökonomischen Perspektive zu betrachten, findet ein verschwenderischer Umgang mit der Input-Ressource Zeit im Nachwuchstraining statt. Damit können sich im Sinne von Risikokapital gestreute Anfangsinvestitionen als günstige und erfolgsbringende Voraussetzung durch das Ausprobieren anderer Sportarten erweisen. Es lässt sich ein Sportler nicht mit einer einfachen Input-Output-Relation in Form einer Trivialmaschine beschreiben. Es besteht ein positiver Zusammenhang zwischen frühzeitiger Förderung und kurzfristigem Erfolg, jedoch besteht unter einer langfristigen Perspektive ein negativer Zusammenhang für den langfristigen Erfolg. Der konstruierte, lineare Verlauf von Kaderkarrieren aus Abbildung 4 ist so in vielen Fällen nicht gegeben und stellt sich häufig auch als langfristig weniger erfolgreich heraus. Eine Sportkarriere gestaltet sich als individuelles Projekt, welches im Ergebnis nicht planbar ist. Es lässt sich feststellen, dass sich die Mehrheit international erfolgreicher Spitzenathleten sich im Nachwuchsalter zum Teil entgegengesetzt der zugrunde gelegten Annahmen des Nachwuchsleistungssportkonzeptes verhalten (Emrich & Güllich, 2005, S. 84-85).

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Details

Seiten
172
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783842806313
Dateigröße
2.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v228113
Institution / Hochschule
Universität Stuttgart – Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Sportwissenschaft
Note
1,5
Schlagworte
leistungssport ressource grounded theory fördereinrichtung kaderkarriere

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Titel: Analyse und Optimierung exogener Talentförderungsmaßnahmen im Anschlusstraining