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Der Übersetzungsvergleich

Methoden, Funktionen und Unterschiede zum Sprachvergleich

Diplomarbeit 2009 102 Seiten

Medien / Kommunikation - Fachkommunikation, Sprache

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sprachvergleich vs. Übersetzungsvergleich
2.1. Was ist ein Sprachvergleich?
2.1.1. Der Sprachvergleich im Dienste der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft
2.1.2. Der Sprachvergleich im Dienste der Sprachtypologie
2.1.3. Der Sprachvergleich im Dienste der Arealtypologie
2.2. Was ist ein Übersetzungsvergleich?

3. Der Übersetzungsvergleich - Funktionen und Ziele
3.1. Der Übersetzungsvergleich im Dienste der Sprachwissenschaft
3.1.1. Der Übersetzungsvergleich als Instrument der Sprachbeschreibung
3.1.1.1. Der Übersetzungsvergleich im Dienste der
Fremdsprachendidaktik
3.1.2. Der Übersetzungsvergleich als Instrument der Sprachrekonstruktion
3.2 Der Übersetzungsvergleich im Dienste der Übersetzungswissenschaft
3.2.1. Der Übersetzungsvergleich im Dienste der Übersetzungskritik
3.2.2. Der Übersetzungsvergleich im Dienste der Übersetzungsdidaktik
3.3 Der Übersetzungsvergleich im Dienste der Literaturwissenschaft
3.3.1. Der Übersetzungsvergleich im Dienste der Rezeptionsforschung

4. Schlusswort

5. Quellenverzeichnis

6. Sachregister

7. Personenregister

1. Einleitung

Sprachen bestehen aus Wörtern; aus Wörtern entstehen Sätze, Texte und Situationen. Nun kann man sich mit den Wörtern oder Ausdrücken eines Textes beschäftigen, sie analysieren und in eine andere Sprache übersetzen. Oder man beschäftigt sich mit übersetzten Texten bzw. Textsegmenten, d.h. mit Wörtern in einem bestimmten Kontext. Ersteres wird allgemein als Sprachvergleich bezeichnet, Zweiteres als Übersetzungsvergleich. Diese beiden Arten des Vergleichs können sehr unterschiedliche Funktionen und Zielsetzungen haben; um diese verständlich darzustellen, werde ich mich in Kapitel 2 zuerst damit beschäftigen, was die Begriffe Sprachvergleich und Übersetzungsvergleich - zwei Begriffe, die der Laie wohl als synonym betrachtet - überhaupt bedeuten und was die beiden unterscheidet. Auch habe ich mich generell mit dem Thema Sprachvergleich und seinen Funktionen auseinandergesetzt, um seine Unterschiede zum Übersetzungsvergleich zu verdeutlichen und anhand von Beispielen zu zeigen.

In Kapitel 3 werde ich mich dann ausführlich mit dem Hauptthema dieser Arbeit, dem Übersetzungsvergleich, beschäftigen. Ich werde auf seinen Nutzen für die Sprachwissenschaft, die Übersetzungswissenschaft und die vergleichende Literaturwissenschaft eingehen. Das soll aber natürlich nicht heißen, dass sich ausschließlich diese Disziplinen mit diesem Thema beschäftigen. Nach eingehenden Recherchen im Bereich der Sprach-, Übersetzungs- und Literaturwissenschaft bin ich aber der Meinung, dass die hier angeführten Anwendungen des Übersetzungsvergleichs die gebräuchlichsten und wichtigsten sind.

Ich werde mich in dieser Arbeit auf den interlingualen und den multilingualen Vergleich beschränken, also auf den Vergleich eines Textes in der Ausgangssprache mit seiner Übersetzung in eine bzw. in mehrere Zielsprachen, da mir diese Vergleiche persönlich am interessantesten erscheinen und ich mich während meines bisherigen Studiums auch am meisten mit diesen Arten des Übersetzungsvergleichs beschäftigt habe.

Zur Einführung in die Kapitel bzw. Unterkapitel habe ich mich auch mit den jeweiligen wissenschaftlichen Disziplinen im Allgemeinen befasst, um einen Überblick über das Thema zu schaffen und es verständlicher zu gestalten.

Ziel dieser Arbeit ist es, einen Überblick über die verschiedenen Arten, Methoden und Funktionen des Übersetzungsvergleichs zu verschaffen, sowohl in theoretischem als auch in praktischem Sinne und, in Kapitel 2, mit besonderem Schwerpunkt auf seine Unterschiede zum Sprachvergleich.

2. Sprachvergleich vs. Übersetzungsvergleich

2.1. Was ist ein Sprachvergleich?

Der Sprachvergleich - er wird von einigen Sprachwissenschaftlern auch Systemvergleich genannt, also der Vergleich von Sprachsystemen - ist der Vergleich von Wörtern und grammatischen Elementen der jeweiligen Sprachen ohne Kontext. Er kann, je nach Zielsetzung, mehreren Teilbereichen der Sprachwissenschaft von Nutzen sein und wird generell als Teildisziplin der vergleichenden oder kontrastiven Sprachwissenschaft angesehen. Er deckt Unterschiede und auch Gemeinsamkeiten von Sprachen auf, und das oft - aber nicht notwendigerweise - mit dem Ziel, diese in ein Klassifizierungssystem einzuordnen.

Ein Sprachvergleich kann aber auch dazu dienen, den Fremdsprachenunterricht effizienter zu gestalten, was eigentlich die ursprüngliche Aufgabe der kontrastiven Sprachwissenschaft war. Sprachen zu vergleichen und zu analysieren kann dabei helfen, besser und schon voraussehend auf die Probleme beim Erlernen einer bestimmten Sprache einzugehen. Diese Art des Sprachvergleichs findet aber meist nur zwischen zwei Sprachen statt, und es werden nicht nur einzelne Begriffe oder Wörter ohne Kontext analysiert, sondern meistens werden Übersetzungen für einen derartigen Vergleich herangezogen, die die Ausdrücke in ihrem tatsächlichen Gebrauch zeigen. Deshalb werde ich nicht hier darauf eingehen, sondern unter Punkt 3.1. „Der Übersetzungsvergleich im Dienste der Sprachwissenschaft“.

Der erste, der Sprachen in sehr großem Ausmaß miteinander verglichen hat, war Mario Wandruszka: Er hat die Sprachen Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch und Portugiesisch anhand von 60 Werken mit ihren Übersetzungen in und aus diesen Sprachen verglichen. An seinem Werk sieht man deutlich, dass die Grenzen zwischen Sprachvergleich und Übersetzungsvergleich nicht immer ganz eindeutig sein müssen. Möchte man Sprachen vergleichen, so kann der Vergleich von Übersetzungen von großem Nutzen sein. Anhand davon können viele Elemente und Merkmale der beteiligten Sprachen untersucht und miteinander verglichen werden, wie die Verwendung von Adverb und Adjektiv, der Gebrauch der Artikel oder die Wortstellung, um nur einige wenige zu nennen. Diese Elemente kann man anhand eines „reinen“ Sprachvergleichs nur schwer analysieren, da man sie dazu in ihrer natürlichen Verwendung (in einem Satz, oder zumindest in einem Teil eines Satzes) untersuchen muss. Und gerade deshalb ist Wandruszkas Werk, das man wegen seines Schwerpunkts auf den systemischen Elementen der Sprachen wohl generell als Sprachvergleich bezeichnen würde, als Übersetzungsvergleich im Dienste des Sprachvergleichs anzusehen, da seine Arbeit mittels Vergleichen von Übersetzungen zustande gekommen ist und auch ganze Textsegmente - also Wörter in ihrem natürlichen Kontext - beinhaltet. Wie hier deutlich wird, kann der Begriff Sprachvergleich also sowohl die Handlung - das Vergleichen von Sprachen - bezeichnen, als auch das Ergebnis eines solchen Vergleichs, wobei Letzteres durch das Vergleichen von einzelnen Wörtern oder Ausdrücken ebenso wie von Übersetzungen zustande kommen kann.

- Funktionen des Sprachvergleichs

Der Sprachvergleich kann vielen verschiedenen Disziplinen nützlich sein. Allen voran sicherlich der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft, der Sprachtypologie und der Arealtypologie, die zum Ziel haben, die untersuchten Sprachen in Sprachfamilien, Sprachtypen und Sprachbünde einzuteilen.

Der Sprachvergleich kann ein sehr wichtiges, wenn nicht sogar - gemeinsam mit dem Übersetzungsvergleich - das einzige Instrument zur Rekonstruktion von Sprachen sein, wie z.B. der Rekonstruktion von Ursprachen (siehe Punkt 2.1.1.). Auch die Etymologie (die Lehre von der Herkunft und Bedeutung von Wörtern), die der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft zugeordnet wird, kann von einem Sprachvergleich profitieren; dieser ermöglicht es, lexikalische, grammatikalische oder auch phonetische Übereinstimmungen zwischen verschiedenen Sprachen oder auch zwischen verschiedenen Entwicklungsstufen oder Dialekten einer einzelnen Sprache festzustellen und somit - im Idealfall - die Herkunft eines Wortes. Die Etymologie macht es sich nicht zum Ziel, Sprachen zu klassifizieren, sondern ist - unabhängig von Verwandtschaftsgrad oder Typ der verglichenen Sprachen - an der Feststellung der Wortherkunft interessiert. Die Etymologie beschäftigt sich weiters mit der Untersuchung des Sprachwandels, wobei hier oft auch Ausdrücke innerhalb einer natürlichen Sprache verglichen werden, was aber in den Bereich der Varietätenlinguistik fällt.

Mehr zu den Funktionen des Sprachvergleichs in den folgenden Punkten.

2.1.1. Der Sprachvergleich im Dienste der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft

Die historisch-vergleichende (manchmal auch als historisch-genetisch bezeichnete) Sprachwissenschaft beschäftigt sich u.a. damit, Sprachfamilien, also Gruppen historisch verwandter Sprachen, zu finden, die sich aus einer gemeinsamen Ur - bzw. Protosprache heraus entwickelt haben. Sie hat viele Teildisziplinen wie z.B. die Indogermanistik oder die Finno-Ugristik, die anhand von historisch-vergleichenden Methoden den Ursprung und die Entwicklung der indoeuropäischen bzw. der finno-ugrischen Sprachen erforschen.

Hauptziel der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft ist es, Ähnlichkeiten zwischen Sprachen zu finden und, basierend auf diesen Erkenntnissen, Verwandtschaftsverhältnisse festzustellen und die Sprachen in Sprachfamilien einzuteilen, also sie genetisch zu klassifizieren (genetische Klassifikation). Dabei werden nicht nur Ähnlichkeiten im Wortschatz gesucht, die mitunter auch zufällig oder auf Entlehnungen zurückzuführen sein können, sondern v.a. auch Ähnlichkeiten in den grammatikalischen Strukturen. Ein wichtiges Ziel dieser Teildisziplin der Sprachwissenschaft ist auch die Ermittlung der Ursprache einer Sprachfamilie, und zwar durch den systematischen Vergleich von Einzelsprachen, bei dem Ähnlichkeiten - oder eventuell natürlich auch das Fehlen solcher Ähnlichkeiten - zwischen den untersuchten Sprachen festgestellt werden können. Bei manchen Sprachfamilien lassen sich diese Ursprachen bis zu einem gewissen Grade rekonstruieren; oft fehlen aber schriftliche Überlieferungen, was den Beweis ihrer Authentizität meist unmöglich macht. Auch muss beachtet werden, dass nah verwandte Sprachen sich nicht unbedingt sehr ähnlich sein müssen, und Sprachen, die genetisch nichts miteinander zu tun haben, sehr wohl Ähnlichkeiten aufweisen können.

Zusammengefasst liegt das Bestreben der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft also darin, Sprachen soweit miteinander zu vergleichen (und besonders in ihren früheren Formen, also in ihren Urformen), dass eine eventuelle gemeinsame Ursprache eruiert werden kann. Erst durch solche Untersuchungen und Vergleiche haben sich Fächer wie die Germanistik, Romanistik, Slawistik oder die bereits erwähnte Indogermanistik und die Finno-Ugristik als eigenständige Wissenschaften etabliert.

Ich möchte an dieser Stelle zwei kurze Bespiele anführen, in denen ein Wortvergleich von verwandten Sprachen gemacht wird:

Germanische Sprachen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(In der germanischen Ursprache: *herton, *brauda, *arma, *sternon)

Romanische Sprachen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Als Ursprache der romanischen Sprachen gilt das Vulgärlatein, also das damals gesprochene Latein. Als Ursprache der indoeuropäischen (auch: indogermanischen) Sprachfamilie, also der Familie, der die indischen, iranischen, slawischen, romanischen und germanischen Sprachen sowie das Griechische, Armenische und einige weitere Sprachen bzw. Sprachgruppen angehören, gilt das Indoeuropäisch oder Urindogermanisch. Wie der Deutsche Franz Bopp 1816 erstmals in seinem Buch Über das Conjugationssystem der Sanskritsprache in Vergleichung mit jenem der griechischen, lateinischen, persischen und germanischen Sprache belegt hat, haben die oben erwähnten Sprachen eine ähnliche grammatikalische Grundstruktur, wie z.B. ähnliche Geschlechter, Funktionen der Kasus, Tempora und Modi. Deutliche Ähnlichkeiten sind auch in den Formen des Verbes „sein“ zu erkennen: Die deutsche Form „ist/sind“ entspricht im Lateinischen „est/sunt“, im Altgriechischen (dialektal) „esti/enti“ und im Altindischen „asti/santi“. In vielen indogermanischen Sprachfamilien werden außerdem die Wörter für „ich/mich“ mit m gebildet, die Wörter für „du/dich“ mit t, und auch das Wort für „7“ klingt oft ähnlich, was wahrscheinlich Hinweise auf weit zurückgehende gemeinsame Wurzeln sind. Aber das Forschungsmaterial ist spärlich, und wie bei den alten germanischen Sprachen gibt es auch beim Indogermanischen keine schriftliche Überlieferung der Ursprache. Ursprachen sind also mangels solcher schriftlicher Belege teilweise eher Annahmen, die anhand von Sprachvergleichen und den daraus resultierenden Rekonstruktionen gemacht werden.

Beim Sprachvergleich als Instrument der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft muss aber berücksichtigt werden, dass es auch Zufälle geben kann. So gibt es z.B. im Koptischen das Wort šeune, das Buchstabe für Buchstabe (š = sch) unserem Wort Scheune entspricht und auch dieselbe Bedeutung hat. Dass diese Gleichheit nur Zufall ist, zeigt aber, dass bei dem deutschen Wort Scheune das n im Unterschied zum Koptischen nicht zum Wortstamm gehört. Herauszufinden, ob hier tatsächlich ein Zusammenhang zwischen den beiden scheinbar verwandten Wörtern existiert, also den Ursprung beider Wörter herauszufinden, ist u.a. Aufgabe der Etymologie.

- Etymologie und Sprachwandel

Die Etymologie wird oft auch als die Lehre der Wortherkunft bezeichnet. Sie analysiert Sprachen, um die Grundbedeutung, die historische Entwicklung und den Ursprung von Wörtern zu erfassen. Die Etymologie befasst sich aber auch mit der Veränderung von Sprachen (Sprachwandel). Sprachen verändern sich kontinuierlich, oft praktisch unmerklich. Solche Veränderungen können durch politische, gesellschaftliche, soziale und sonstige Einflüsse oder Ereignisse bedingt sein: So wäre es z.B. ohne die Eroberung Galliens im Jahr 52 v. Chr. wohl nicht zur Romanisierung des Gebiets gekommen, in deren Zuge die keltische Sprache der Gallier durch das Lateinische ersetzt wurde. Häufig - aber nicht immer - spielen also andere Sprachen eine Rolle beim Sprachwandel, und genau hier kann der Sprachvergleich von Nutzen sein: Durch Wortvergleichungen lässt sich oft der Ursprung eines Begriffs bestimmen, und welche Veränderungen dieser vollzogen hat. Sprachen werden hier aber nicht nur anhand alter Grammatikbücher oder Wörterbücher untersucht, sondern auch anhand des tatsächlichen Sprachgebrauchs, sofern sich dieser rekonstruieren lässt, was sich allerdings oft als schwierig gestaltet, da schriftliche Überlieferungen häufig fehlen bzw. spärlich vorhanden sind.

Als Beispiel für eine etymologische Untersuchung möchte ich die Herkunftsbestimmung des Wortes Ampel anführen.

Das Wort Ampel entstammt indirekt dem griechischen Wort αμφορεύς (amphoreús), was „zweihenkliger Krug“ bedeutet; davon wurde das lateinische Wort ampulla abgeleitet, das dann ins Althochdeutsche entlehnt wurde. Ampulla veränderte sich im Laufe der Zeit lautlich und wurde zu Ampel. Dieses amphorenähnliche Gefäß wurde im Mittelalter mit Öl gefüllt und diente als ewiges Licht in den Kirchen. Später wurden erste Lampen in Wohnungen als Ampel bezeichnet. Die heute als Leuchtsignal im Straßenverkehr bekannte Ampel war bis in die 1960er Jahre ein über einer Kreuzung hängendes, von innen beleuchtetes Gebilde mit vier uhrähnlichen Seiten, auf denen ein Zeiger anzeigte, wann gehalten werden musste. Hier wird die Grundbedeutung des Wortes ersichtlich: „hängende Beleuchtung“. Das Wort hat also einen Bedeutungswandel erfahren. Aber auch andere hängende Gefäße werden als Ampel bezeichnet, wie z.B. die Blumenampel zum Aufhängen von Pflanzen.

Man erkennt hier deutlich, dass in der erfolgreichen Herleitung der Wortherkunft nicht nur die Sprachwissenschaft eine große Rolle spielt, sondern in manchen Fällen (wie eben in diesem hier) auch die Kulturwissenschaft: Eine eingehende Kenntnis der damaligen Bräuche und Gewohnheiten ist unabkömmlich, um verstehen zu können, wieso sich ein Wort im Laufe der Zeit auf gewisse Weise entwickelt hat. Man darf aber dabei nicht vergessen, dass manche Herkunftsbestimmungen intuitiv sind und es oft keine Beweise für deren Richtigkeit gibt, wodurch diese oft reine Annahmen bleiben. Auch gibt es Wörter, deren Etymologie unbekannt ist, wie z.B. der Ländername „Italien“.

2.1.2. Der Sprachvergleich im Dienste der Sprachtypologie

Sprachtypologie ist die Klassifizierung von Sprachen anhand ihrer grammatikalischen Strukturen bzw. ihrer Wortbildungsmuster, d.h. es wird hier versucht, die Sprachen nach ihren strukturellen Ähnlichkeiten zu untersuchen und in Sprachtypen einzuteilen (typologische Klassifikation), und zwar ganz unabhängig von ihrer genetischen Verwandtschaft. In der Sprachtypologie können auch komplett unterschiedliche Sprachen wie Deutsch und Chinesisch miteinander verglichen und deren Unterschiede und Gemeinsamkeiten festgestellt werden. Diese typologischen Untersuchungen sind also fremdsprachenmethodisch orientierten Untersuchungen sehr ähnlich, unterscheiden sich aber hauptsächlich dadurch, dass bei Letzteren meist nur zwei Sprachen (Fremd- und Muttersprache) konfrontiert werden, während beim typologischen Vergleich die Zahl der zu untersuchenden Sprachen oft deutlich größer ist.

Typologisierende Sprachvergleiche müssen aber nicht unbedingt zwischen mehreren natürlichen Sprachen geschehen, sondern können auch innerhalb einer natürlichen Sprache angestellt werden. Es können verschiedene Entwicklungsstufen oder Dialekte innerhalb einer Sprache miteinander verglichen werden, was v.a. bei Sprachen, die einen typologischen Wandel durchgemacht haben, äußerst interessant sein kann. Der typologisierende Sprachvergleich umfasst also prinzipiell alle Arten des strukturellen Sprachvergleichs.

Generell ist mit dem Begriff Sprachtypologie meist die morphologische Typologie gemeint, auf die auch ich mich in diesem Punkt beziehe. Sie klassifiziert Sprachen mittels morphologischer Kriterien. Es gibt aber weitere Ansätze der Sprachtypologie, einer der bekanntesten davon sicherlich die Wortstellungs - oder syntaktische Typologie von Joseph Greenberg, der die Sprachen anhand der Abfolge von Subjekt, Prädikat und Objekt in verschiedene Typen einteilte. Diese Ansätze sind aber eher als komplementär statt als supplementär anzusehen, da sie sich auf jeweils unterschiedliche Aspekte der Sprachen beziehen. Auch können sie nicht als rein morphologisch oder rein syntaktisch angesehen werden, da die Untersuchungen meist weit über die Morphologie bzw. die Syntax hinausgehen. Weitere Typologien sind u.a. die phonologische, die lexikalische oder die quantitative Typologie.

- Sprachtypen der morphologischen Sprachtypologie

Erstmals hat Friedrich von Schlegel 1808 die Sprachen in flektierende (auch: fusionierende oder synthetische) und agglutinierende Sprachen eingeteilt; sein Bruder August Wilhelm Schlegel hat 1818 einen weiteren Sprachtyp (isolierend) definiert, und 1836 hat Wilhelm von Humboldt noch einen vierten hinzugefügt: den inkorporierenden (oder polysynthetischen) Sprachtyp. Später haben verschiedene Sprachwissenschaftler noch weitere Typen ergänzt, meist werden aber in Zusammenhang mit der morphologischen Sprachtypologie die eben erwähnten vier Grundtypen genannt:

I. Isolierende Sprachen

Charakteristisch für isolierende Sprachen sind einsilbige Wortwurzeln, die isoliert für sich stehen. Die grammatikalische Funktion eines Begriffes wird durch dessen Position innerhalb des Satzes bestimmt; grammatikalische Unterscheidungen können somit nur durch die Reihenfolge der Wörter ausgedrückt werden, was die Satzstellung zu einem zentralen Element der isolierenden Sprachen macht. Zu den isolierenden Sprachen zählen u.a. Chinesisch, Englisch, Thai und Vietnamesisch.

Bsp.: Mandarin: Ta bu hui yong dao chi fan.

wörtlich: “er nein kann benutzen Messer essen Reis” à dt. “Er kann Reis nicht mit dem Messer essen”.

- Die Substantive sind nicht flektiert, die Bedeutung des Satzes wird durch die Wortstellung bestimmt; ändert man diese, so verändert sich auch die Bedeutung des Satzes.

II. Flektierende Sprachen

Bei den flektierenden Sprachen werden grammatikalische Beziehungen zwischen den Wörtern durch Veränderungen ihrer inneren Struktur vermittelt. Es bestimmen oft Präfixe, Infixe und Suffixe die grammatikalischen Verhältnisse der Wörter zueinander. Deutsch gilt neben Isländisch und Färöisch als eine der wenigen germanischen Sprachen, die stark flektieren, was eine größere Freiheit im Satzbau und in der Wortbildung erlaubt. Zu den flektierenden Sprachen zählen generell die indoeuropäische Sprachfamilie und das Arabische.

Bsp.: Lateinisch: fero („ich trage“), ferimus („wir tragen“), ferunt („sie tragen“)

- Allein aus der Endung -o ist ersichtlich, dass es sich um die 1. Person Singular Indikativ Präsens aktiv handelt. Beim agglutinierenden Typ (siehe unten) wären hierfür mehrere Affixe nötig.

Generell ist mit Flexion (Beugung) die Deklination der Substantive, die Konjugation der Verben und die Komparation der Adjektive zu verstehen. Man unterscheidet dabei zwischen innerer Flexion durch Ablaute (z.B. br e chen, br a ch, gebr o chen) und äußerer Flexion durch Affixe (z.B. -te in lieb te, -end in lieb end oder -e in Pferd e).

III. Agglutinierende Sprachen

Hier setzen sich Wörter aus Abfolgen von Morphemen zusammen, wobei jede Einheit eine bestimmte grammatikalische Bedeutung hat. Jede Bedeutungseinheit wird durch ein einzelnes Affix ausgedrückt. Eine Besonderheit dieses Sprachtyps ist auch, dass ein Affix, im Gegensatz zu den flektierenden Sprachen, stets nur eine einzige grammatikalische Bedeutung hat. Beispiele für agglutinierende Sprachen sind Finnisch, Ungarisch, Türkisch oder Japanisch.

Bsp.: Türkisch: ev („Haus“), ev ler („Häuser“), ev de („im Haus“), evl erde („in den Häusern“)

oder Finnisch: talo issani („in meinen Häusern“).

- Das Wort kann folgendermaßen zerlegt werden: talo („Haus“) + i (weist auf Plural hin) + ssa („in“) + ni („mein“).

IV. Inkorporierende Sprachen

Bei den inkorporierenden Sprachen werden alle Satzelemente (Subjekt, Objekte, Umstandsbestimmungen) dem Verb einverleibt, also inkorporiert. Sie verschmelzen zu einem einzigen, komplexen Wort bzw. Satz, einem sogenannten „Satzwort“. Zu diesem Sprachtyp zählen Grönländisch, Baskisch und viele australischen und nordamerikanischen indigenen Sprachen.

Bsp.: Southern Tiwa: Ti-khwian-mu-ban. à dt. „Ich sah den Hund.“

- Der Satz besteht aus einem einzigen komplexen Wort.

Es muss aber in Bezug auf Sprachtypologie betont werden, dass viele Sprachen nicht klar einem bestimmten Typ zugeordnet werden können, sondern in verschiedenen Aspekten mehreren Sprachtypen angehören können. Die Bestimmung reiner Sprachtypen ist also kaum möglich. Deutsch ist z.B. eine stark flektierende Sprache, was Verben, Nomen und Adjektive angeht, weist aber auch agglutinierende und polysynthetische Elemente auf. Auch das Englische hat sowohl flektierende als auch isolierende und agglutinierende Komponenten:

1. Isolierend: “The boy will ask the girl.”

- Einsilbige Wörter, deren Bedeutung durch ihre Position im Satz bestimmt wird; die Wörter „boy“ und „girl“ sind unflektiert und somit austauschbar, was aber die Bedeutung des Satzes verändern würde.

2. Flektierend: “The big gest boy s will ask.”

- Das Adjektiv („big“) ist gesteigert ( à „biggest“), also flektiert.
- Das Substantiv „boys“ ist dekliniert:

Wortstamm (boy“) + Flexionsmorphem („s“).

3. Agglutinierend: „anti-dis-establish-ment-arian-ism“

- Das Wort setzt sich aus einer Abfolge von mehreren Morphemen zusammen.

Durch Sprachwandel können Sprachen auch bestimmte typologische Eigenschaften verlieren oder neue annehmen, sie können von einem (Haupt-) Sprachtyp zu einem anderen wechseln. Ein Beispiel dafür ist auch hier das Englische, das sich ca. innerhalb des letzten Jahrtausends von einer flektierenden, dem Deutschen strukturell sehr ähnlichen Sprache zu einer isolierenden, strukturell mehr dem genetisch nicht verwandten Chinesischen ähnlichen Sprache entwickelt hat.

2.1.3. Der Sprachvergleich im Dienste der Arealtypologie

Die Arealtypologie beschäftigt sich mit Gruppen von Sprachen, die sich in ihrer grammatikalischen Struktur, ihrer Lexik oder auch Phonetik aufgrund langfristigen Kontakts ihrer Sprecher (Sprachkontakt), unabhängig von ihrer genetischen Abstammung, gegenseitig beeinflusst haben. Eine Gruppe solcher Sprachen bezeichnet man als Sprachbund. Oder wie ihn Conrad (1984:217) definiert:

Gruppe verwandter oder nicht verwandter Sprachen, die systematische Ähnlichkeiten in Grammatik und Wortschatz aufweisen, ohne dass diese aus direkter Verwandtschaft über eine gemeinsame Grundsprache erklärt werden können.

Sprachkontakt entsteht dann, wenn die Sprecher zweier oder mehrerer Sprachen intensiven Kontakt zueinander haben; dieser kann geographisch, politisch, wirtschaftlich oder sozial bedingt sein. Zwischen Sprachen, die demselben Sprachbund angehören, besteht also generell keine ererbte, sondern eine erworbene Ähnlichkeit (vgl. Holzer, 1996:34). Ein zentraler Begriff in diesem Zusammenhang ist der Plurilinguismus, der eine gegenseitige Beeinflussung der Sprachen des jeweiligen Sprechers verursachen kann, ähnlich wie in der Fremdsprachendidaktik beim Lernenden die Fremdsprache durch die Muttersprache beeinflusst werden kann. Eine solche gegenseitige Beeinflussung von Sprachen kommt besonders in grenznahen Gebieten häufig vor, z.B. an der österreichisch-slowenischen Grenze, wo das Deutsche gewisse slowenische Züge und das Slowenische gewisse deutsche Züge angenommen hat. Welche Sprache bei der Entstehung eines Sprachbundes dominant ist und den größten Einfluss auf die andere(n) Sprache(n) hat, hängt von mehreren Faktoren ab, wie der kulturellen und sozialen Autorität ihrer Sprecher (vgl. Bondzio, 1980:237).

In der Arealtypologie können also anhand eines Sprachvergleichs das Auftreten und Wandern sprachlicher Erscheinungen und deren Ursachen und Verbreitung untersucht werden. Er dient zur Erforschung der räumlichen Ausdehnung grammatikalischer, lexikalischer und phonetischer Erscheinungen. Um Sprachen zu einem Sprachbund zusammenfassen zu können, müssen gemeinsame Merkmale und Züge festgestellt werden, die durch den Kontakt ihrer Sprecher entstanden sind. Ein Sprachbund darf aber nicht mit einer Sprachfamilie oder einem Sprachtyp verwechselt werden, da hier weder eine genetische Verwandtschaft, noch eine typologische Ähnlichkeit bestehen muss. Das soll aber nicht ausschließen, dass zwei genetisch oder typologisch verwandte Sprachen demselben Sprachbund angehören können, was durchaus der Fall sein kann, vorausgesetzt, dass „diejenigen strukturellen Züge, welche sie gerade als Mitglieder jenes Sprachbundes kennzeichnet, nicht auf der genetischen Verwandtschaft beruhen bzw., sogar wo dies etwa vereinzelt der Fall sein sollte, eben nur das eine oder andere genetisch bedingte Material – aber nicht andere oder gar alle auf gemeinsamen Ursprung zurückführbare Übereinstimmungen – von den übrigen, nicht bzw. doch nur entfernt verwandten Mitgliedern des Sprachbundes geteilt werden“ (Birnbaum, 1965:13). Ein Beispiel für zwei eng verwandte Sprachen, die demselben Sprachbund angehören, sind Bulgarisch und Mazedonisch, die beide slawische Sprachen sind und beide dem Balkansprachbund zugeordnet werden.

Die Einteilung einer Sprache in einen bestimmten Sprachbund ist also eine weitere Art der Klassifizierung einer Sprache. Es kann aber nicht jede Sprache einem Sprachbund zugeordnet werden, sondern es gibt durchaus auch Sprachen, die isoliert für sich stehen.

Beispiele für Sprachbünde sind der baltische, der indische, der islamische oder der südasiatische Sprachbund. Sprachbünde können weiter in Unterbünde und Provinzen (z.B. Donau-Provinz) eingeteilt werden, wobei Letztere weniger markante Gemeinsamkeiten aufweisen. Der wohl bekannteste aller Sprachbünde ist der Balkansprachbund, zu dem das Rumänische, Bulgarische, Neugriechische, Mazedonische und das Albanische gezählt werden. An dieser Stelle möchte ich einige Gemeinsamkeiten dieser Sprachen anführen, die 1862 aus einem eingehenden Sprachvergleich von Franz Miklosich hervorgegangen sind und später von Kristian Sandfeld erweitert wurden:

- Bildung des Futurs mit dem jeweiligen Wort für „wollen“
- Zusammenfall von Genitiv und Dativ
- Fehlen des Infinitivs bzw. Umschreibung des Infinitivs durch Nebensätze
- Zusammenfall von „wo“ und „wohin“ bzw. die Nichtunterscheidung von Orts- und Richtungskasus
- nachgestellter Artikel: rum.: lup = „Wolf“, lup ul = „der Wolf“
- doppelter Akkusativ: bulg.: от дека я узна ти камилата, оти екуца

- wörtlich: „woran hast du es das Kamel erkannt, dass es lahm ist“

Das Element der Sprache, das generell am stärksten Veränderungen ausgesetzt ist und das auch am schnellsten in eine andere Sprache übernommen wird, ist der Wortschatz. Lexikalische Gemeinsamkeiten und Entlehnungen bilden aber noch keine Grundlage für die Bildung eines Sprachbundes, denn sonst würde man wohl auch Deutsch und Englisch als Mitglieder eines Sprachbundes ansehen. Tatsächlich sind Entlehnungen aus dem Englischen - neben Modewörtern - oft Fachbezeichnungen aus Wirtschaft, Wissenschaft oder Technik, die international gebräuchlich sind und die zum Teil aus dem einfachen Grund weitgehend unverändert ins Deutsche übernommen werden, weil es (noch) keine deutschen Entsprechungen dafür gibt. Oft sind Anglizismen auch Scheinentlehnungen: Das Wort Handy z.B. mutet wie eine Entlehnung aus dem Englischen an; tatsächlich wird das Handy im Englischen aber als „cell phone“ (USA) oder „mobile phone“ (UK) bezeichnet. Umgekehrt gibt es auch im Englischen einige - aber deutlich weniger - Entlehnungen aus dem Deutschen, wie z.B. „rucksack“, „autobahn“, „kitsch“ oder auch das Wort „sprachbund“ selbst. Wenn also so viele entstandene Gemeinsamkeiten wie zwischen Deutsch und Englisch nicht ausreichen, um einen Sprachbund zu bilden, welche Kriterien müssen erfüllt werden? Tatsächlich sind sich die Sprachwissenschaftler weder darüber einig, was nun genau einen Sprachbund ausmacht, noch, ob eine solche Klassifizierung der Sprachen überhaupt sinnvoll ist. Auch Weinreich (1958:379) übte Kritik an dem Begriff Sprachbund:

Yet although the phenomenon is familiar, the term "sprachbund" is admittedly unsatisfactory. Its fundamental fault is that it implies a unit, as if a language either were or were not a member of a given Sprachbund. But of course a grouping of this sort has no specific a priori criteria; a group of geographically continuous languages may be classified as a Sprachbund ad hoc, with respect to any structural isogloss.

Die Liste der (veröffentlichten) Meinungen zu diesem Thema wäre natürlich sehr lang, ich möchte es aber hierbei belassen, denn solange es keine neuen Erkenntnisse zu diesem Thema und seiner Problematik gibt, ist es wohl jedem selbst überlassen, zu urteilen, ob ihm/ihr die areallinguistische Klassifizierung sinnvoll erscheint oder nicht.

2.2. Was ist ein Übersetzungsvergleich?

Weinrich schrieb in seinem Büchlein Linguistik der Lüge (1966:25): „Wörter lügen immer, übersetzte Texte nur, wenn sie schlecht übersetzt sind.“ So weit wie Weinrich würde ich wohl nicht gehen, aber der Gedanke, dass ein Wort in einem gewissen Kontext nicht unbedingt dieselbe Bedeutung haben muss wie ein Wort ohne jeglichen Kontext bzw. in einem anderen Kontext, kommt hier gut zum Ausdruck. Oder wie Wandruszka (1969:42) meinte:

[…] Das Wort ist nicht die Vorstellung, das Wort ist das Mittel, die Vorstellung mitzuteilen. Weil das Wort nicht identisch ist mit der Vorstellung, kann ein und dasselbe Wort verschiedene Vorstellungen vermitteln. Wir verstehen, welche Vorstellung jeweils gemeint ist, weil das Nennen in das Sagen eingebettet ist, in den sprachlichen Kontext, und weil das Sagen eingebettet ist in die Wirklichkeit des Gesprächs, in die außersprachliche Situation.

Um eine Sprache in ihrem natürlichen Gebrauch (bzw. in ihrem ehemaligen natürlichen Gebrauch) zu untersuchen, bedarf es nicht der Untersuchung einzelner Sprachelemente, wie es beim Sprachvergleich geschieht, sondern der Analyse von Texten oder Übersetzungen. Beim Übersetzungsvergleich werden also Übersetzungen analysiert und miteinander verglichen, um Erkenntnisse darüber zu gewinnen, wie Wörter, Ausdrücke, Redewendungen, Wortspiele usw. in anderen Sprachen wiedergegeben werden und welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede es zwischen den Ausdrucksformen und auch den grammatischen Strukturen der verschiedenen Sprachen gibt. Einzelne, kontextfreie Sprachelemente, wie sie beim Sprachvergleich herangezogen werden, können selten der Zielsprache angemessen übersetzt werden, oft gibt es keine eindeutige, „richtige“ Entsprechung in der Zielsprache, bzw. gibt es u.a. sogar mehrere Entsprechungen, die von der Kultur, für die übersetzt wird, oder auch vom Fachgebiet oder generell vom Kontext abhängen. Kulturspezifische Merkmale spielen beim Übersetzungsvergleich also eine große Rolle. So würde z.B. das italienische Wort bicicletta in einem für die (deutschsprachige) Schweiz bestimmten Text mit „Velo“ übersetzt werden, in einem für Österreich oder Deutschland bestimmten Text hingegen mit „Fahrrad“. Und das deutsche Wort Einsatz kann im Englischen mit „effort“ (im Sinne von eingesetzter Leistung), mit „use“ (im Sinne von Gebrauch), mit „entry“ (im musikalischen Sinne), mit „operation“ (im Sinne von einer Aktion militärischer Art) usw. übersetzt werden.

Im Gegensatz zum Sprachvergleich, bei dem kontextlose sprachliche Elemente miteinander verglichen werden, bezieht sich der Übersetzungsvergleich also auf konkrete Texte oder Textsegmente und ihre Umformulierung in eine andere Sprache, ein anderes Subsystem einer Sprache (z.B. ein Dialekt) oder auch in eine andere Form. Letzteres geschieht bei der intersemiotischen Übersetzung: Sie ist die Umsetzung verbaler Zeichen in nonverbale und umgekehrt. Dabei wird ein sprachlicher Text in Visuelles (z.B. ein Bild), in Auditives (z.B. ein Lied), in Bewegung (z.B. einen Tanz) oder in Multimediales (z.B. ein Theaterstück) umgewandelt, oder umgekehrt. Auf diese Art der Übersetzung werde ich allerdings nicht näher eingehen, da sie für den Übersetzungsvergleich im Sinne dieser Arbeit nicht relevant ist.

- Formen des Übersetzungsvergleichs

Die gebräuchlichste Einteilung ist hier wohl die von Katharina Reiß (vgl. 1981:312), die zwischen folgenden Formen unterschieden hat:

I. Der intralinguale Übersetzungsvergleich

Hier werden Texte miteinander verglichen, die innerhalb einer natürlichen Sprache in Übersetzungsrelation stehen. Von intralingualer Übersetzung spricht man also, wenn ein Text in der gleichen Sprache umformuliert wird. Das kann zwischen Dialekt und Hochsprache, Fachsprache und Gemeinsprache, schriftlicher und mündlicher Sprache usw. geschehen.

Die intralinguale Übersetzung wird öfters auch als „rewording“ bezeichnet und umfasst u.a. auch das Interpretieren von Gedichten, das Zusammenfassen von Geschichten oder das Umsetzen von direkter in indirekte Rede.

Bsp.: Auszug aus dem Mundartgedicht „Der Wasser-Schada“ von Ludwig Seeger:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

II. Der interlinguale Übersetzungsvergleich

Diese Art von Übersetzungsvergleich beschäftigt sich mit einem Text in der Ausgangssprache und seiner Übersetzung in die Zielsprache. Es wird hier also mit einem Sprachenpaar gearbeitet.

Die interlinguale Übersetzung, die zwischen zwei natürlichen Sprachen stattfindet, wird, im Gegensatz zur intersemiotischen und zur intralingualen Übersetzung, generell als die „eigentliche“, üblicherweise mit diesem Begriff assoziierte Übersetzung angesehen.

Bsp.: Auszug aus Il pendolo di Foucault von Umberto Eco und seiner deutschen Übersetzung von Burkhart Kroeber:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

III. Der multilinguale Übersetzungsvergleich

Bei dieser Art des Übersetzungsvergleichs werden ein Ausgangstext und seine Übersetzungen in mehrere verschiedene Sprachen untersucht. Es werden also auch hier interlinguale Übersetzungen herangezogen, aber nicht nur in einer, sondern in mehreren natürlichen Sprachen.

Diesen Vergleich bezeichnet Wandruszka als den multilateralen Übersetzungsvergleich.

Bsp.: Auszug aus einer Gebrauchsanweisung:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Generell unterscheidet man zwischen einem Einfachvergleich, bei dem ein Ausgangstext mit einem Zieltext, also einer Übersetzungsversion, verglichen wird, und einem Mehrfachvergleich, bei dem ein Ausgangstext und mehrere Zieltexte untersucht werden. Beim Mehrfachvergleich können die verschiedenen Übersetzungen entweder von einem Übersetzer oder von mehreren verschiedenen Übersetzern stammen. Verschiedene Übersetzungsversionen von einem einzelnen Übersetzer zu vergleichen, ist besonders dann interessant und sinnvoll, wenn die Übersetzungen zeitlich weit auseinander liegen, sodass der Übersetzer seine persönlichen Leistungen, seine sprachliche Entwicklung, sein Textverständnis usw., die sich in seinen Übersetzungen widerspiegeln, untersuchen kann. Auch kann der Übersetzer (bewusst oder unbewusst) für verschiedene Zielgruppen übersetzt haben, wodurch die Übersetzungen natürlich mitunter stark voneinander abweichen können. So kann der Auftrag an den Übersetzer gelautet haben, einen Text für ein Laienpublikum des jeweiligen Themas zu übersetzen, oder aber für ein Fachpublikum, was die Verwendung sehr unterschiedlicher Terminologie und auch unterschiedlicher Ausdrucksweisen und Formulierungen mit sich bringt, was schlussendlich zu sehr unterschiedlichen Übersetzungen führen kann.

Der Mehrfachvergleich wird meist beim interlingualen Übersetzungsvergleich praktiziert; auch beim multilingualen ist theoretisch ein Mehrfachvergleich möglich (das wäre hier also der Vergleich eines Textes mit seinen Übersetzungen in verschiedene Sprachen und auch mit verschiedenen Übersetzungsversionen), aber angesichts der großen Materialfülle wird ein solcher Vergleich kaum praktiziert.

Um einen besseren Überblick über die Arten des Übersetzungsvergleichs zu schaffen, habe ich sie in einer Grafik zusammengefasst:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

- Voraussetzungen für einen Übersetzungsvergleich

Für einen sinnvollen Vergleich benötigt man natürlich zuerst einmal eine hohe Kompetenz der Ausgangs- und Zielsprache(n). Mit Kompetenz meine ich hier die Kenntnis der (grammatischen) Strukturen, Ausdrucksformen, Sprachnormen und auch der Kulturspezifika der jeweiligen Sprache und Kultur. Außerdem dürfen in den herangezogenen Übersetzungen keine Verletzungen grammatikalischer oder lexikalischer Regeln der Zielsprache vorkommen, da es sonst zu falschen Rückschlüssen auf die Sprache bzw. den Sprachgebrauch kommen kann. (Ausgenommen sind hier natürlich solche Normverletzungen, die bereits im Ausgangstext vorhanden und beabsichtigt sind, wie z.B. in zitierten Textstellen.) Ein Beispiel hierfür wäre die Übersetzung des englischen Ausdrucks to make sense, der im Deutschen oft gedankenlos mit „Sinn machen“ wiedergegeben wird, obwohl es in korrektem Deutsch eigentlich „sinnvoll sein“ oder „Sinn ergeben“ heißen müsste.

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Details

Seiten
102
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783842804227
Dateigröße
687 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v228035
Institution / Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck – Geisteswissenschaftliche Fakultät, Institut für Translationswissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
übersetzungsvergleich übersetzungswissenschaft translationswissenschaft sprachwissenschaft literaturübersetzung

Autor

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Titel: Der Übersetzungsvergleich