Lade Inhalt...

Beziehungsgestaltung zu Menschen mit schizophrenen Störungen

Diplomarbeit 2005 157 Seiten

Psychologie - Sozialpsychologie

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 „Beziehungsgestaltung“: NOTWENDIGKEIT EINER BEGRIFFSKLÄRUNG

3 Das Störungsbild der schizophrenen Psychose
3.1 „ Die Schizophrenie gibt es nicht“
3.2 Annäherung an die Frage: Was ist Schizophrenie?
3.3 Klassifikation und Symptomatik
3.3.1 Positivsymptome
3.3.1.1 Störungen des Ich-Bewusstseins
3.3.1.2 Denkstörungen
3.3.1.3 Störungen der Sinneswahrnehmung
3.3.1.4 Affektive Symptome
3.3.2 Negativsymptome
3.3.3 Kognitive Anomalien
3.4 Diagnose
3.5 Epidemiologie, Ursachen und Entstehungsbedingungen
3.5.1 Biologische Faktoren
3.5.2 Psycho-soziale Faktoren
3.5.3 Das Vulnerabilitäts-Stress-Konzept
3.6 Verlauf und Prognose
3.7 Behandlungsmöglichkeiten
3.7.1 Psychopharmaka
3.7.2 Psychotherapie
3.8 Folgen der Erkrankung und Rehabilitation

4 Perspektivenwechsel im Verständnis von Psychosen:Hinweise für die professionelle Grundhaltung
4.1 Der pathologische Blick und sein Einfluss auf die Beziehung zu einem an Schizophrenie erkrankten Menschen
4.1.1 Professionelles versus subjektives Krankheitskonzept und die Auswirkungen auf die Beziehung
4.1.2 Hinter gründe
4.1.3 Folgerungen und Bezug zur Sozialarbeit
4.2 Vom Monolog der Psychiatrie zum Dialog und Trialog
4.2.1 Psychoseseminare
4.2.2 Exkurs: Empowerment
4.2.3 Empowerment und Schizophrenie?
4.2.4 Wie ist eine Psychose zu verstehen?
4.2.4.1 Psychosen als Entwicklungskrisen dünnhäutiger Menschen
4.2.4.2 Psychosen sind Störung und Lösungsversuch zugleich
4.2.4.3 Psychosen sind zutiefst menschlich
4.3 Zum Verhältnis von trialogischem und pathologischem Psychoseverständnis
4.4 Folgerungen für die (professionelle) Grundhaltung
4.5 Das professionelle Berufsverständnis des Sozialarbeiters im Hinblick auf das erweiterte Schizophrenieverständnis und die daraus gewonnen Grundhaltungsprinzipien

5 Das Vulnerabilitäts-Stress-Coping-Kompetenz-Modell

6 Schützende und belastende Aspekte der sozialen Umwelt: Das Konzept des Sozialen Netzwerks
6.1 Begriffsklärung
6.2 Das Netzwerkkonzept in der psychosozialen Praxis
6.3 Merkmale und Messung Sozialer Netzwerke
6.4 Soziale Unterstützung
6.4.1 Puffereffekthypothese versus Haupteffekthypothese
6.4.1.1 Die Puffereffekthypothese
6.4.1.2 Die Haupteffekthypothese
6.4.2 Welche Netzwerkkonfiguration begünstigt eine optimale Soziale Unterstützung?
6.4.2.1 Formen Sozialer Unterstützung
6.4.2.2 Netzwerkmerkmale als Determinanten bestimmter Unterstützungsformen
6.4.2.3 Diskussion über den Zusammenhang von strukturellen Merkmalen des Sozialen Netzes und Sozialer Unterstützung
6.5 Soziale Netzwerke von Menschen mit schizophrenen Störungen
6.5.1 Charakteristika des Sozialen Netzwerks schizophren diagnostizierter Menschen
6.5.2 Theoretische Gründe für die Netzwerkdefizite
6.5.3 Auswirkungen des defizitären Netzwerkes: Belastende Aspekte Sozialer Netzwerke
6.6 Zwischenresümee
6.7 Das ideale Netzwerk für einen Menschen mit schizophrener Störung?
6.8 Möglichkeiten der Netzwerkintervention
6.8.1 Klientenzentrierte Netzwerkintervention
6.8.1.1 Theoretische Vorüberlegungen
6.8.1.2 Positive Netzwerkorientierung
6.8.1.3 Förderung kommunikativer und interaktiver Kompetenzen
6.8.2 Netzwerkzentrierte Interventionen
6.8.2.1 Veränderungen des vorhandenen Sozialen Netzwerks
6.8.2.2 Neuschaffung „künstlicher“ Netzwerke
6.8.3 Fazit zur Netzwerkarbeit
6.9 Rückblick auf das Vulnerabilitäts-Stress-Coping-Kompetenz-Modell

7 Das Coping-Konzept
7.1 Stress-Bewältigungs-Prozess
7.2 Formen der Stressbewältigung
7.3 Charakteristika des Copingverhaltens von Menschen mit schizophrenen Störungen bei belastenden Ereignissen
7.1.1 Theoretische Überlegungen
7.1.2 Gedanken zur Intervention

8 Zusammenfassung

LITERATURVERZEICHNIS

ABBILDUNGSVERZEICHNIS:

Abbildung 1: Das Vulnerabilitätsmodell von Zubin und Spring (1977)

Abbildung 2: Das Soteria-House San Jose, Kalifornien, USA

Abbildung 3: Psychische Erkrankung und Behinderung (in Anlehnung an die ICFDH der WHO)

Abbildung 4: Das Vulnerabilitäts-Stress-Coping-Kompetenz-Modell der Schizophrenie von Liberman et al. (1986)

Abbildung 5: Beispiel einer egozentrierten Netzwerkkarte

Abbildung 6: Wechselwirkung zwischen schizophrener Störung und Sozialem Netzwerk

Abbildung 7: Aktionale Copingstrategien bei Lebensereignissen

Abbildung 8: Kognitive Copingstrategien bei Lebensereignissen

TABELLENVERZEICHNIS:

Tabelle 1: Klassifikation schizophrener und anderer psychotischer Störungen nach ICD-10

Tabelle 2: Paarweise Konkordanz für Schizophrenie bei Zwillingen - verschiedene Zwillingsstudien

Tabelle 3: Rückfallrisiko über 9 Monate nach Krankenhausentlassung

Tabelle 4: Rückfallraten unter Familienbetreuung vs. Routine- oder Einzelbehandlung

Tabelle 5: Merkmale des Psychoseseminars und Vergleich zur Psychoedukation

Tabelle 6: Arbeitsprinzipien und normative Grundsätze sozialarbeiterischen Handelns

Tabelle 7: Merkmale Sozialer Netzwerke

Tabelle 8: Formen Sozialer Unterstützung

Tabelle 9: Studien zu Sozialen Netzwerken schizophren diagnostizierter Menschen

Tabelle 10: Netzwerkgröße bei Gesunden, Menschen mit Psychosen und Menschen mit Neurosen

Tabelle 11: Klassifikation von Bewältigungsstrategien nach Moos und Brennan (1989)

1 Einleitung

In der vorliegenden Arbeit begebe ich mich auf einen „Streifzug“ durch einige ausgewählte Ansätze und Konzepte aus der psychiatrischen und psychosozialen Praxis, und arbeite Hinweise für die Beziehungsgestaltung zu Menschen mit schizophrenen Störungen heraus. Das besondere Interesse gilt dabei der Frage, wie das sozialarbeiterische Handeln ausfallen sollte, damit es einem Betroffenen[1] möglichst gerecht wird.

Um sich diesem Ziel zu nähern bedarf es zunächst einer Darstellung des klinischen Störungsbildes. Hier werden die Charakteristika der „Schizophrenie“ erläutert und solche Aspekte betont, die eine wichtige theoretische Grundlage in der Arbeit mit schizophren erkrankten Menschen darstellen.

Im Anschluss daran wird zur Erweiterung des Schizophrenieverständnisses mit dem „Trialog“ die Betroffenenperspektive in den Fokus gerückt. Aus der Gegenüberstellung der „Idee des Trialogs“ und der „herkömmlichen Psychiatriekultur“ sollen konkrete Anhaltspunkte für eine angemessene Grundhaltung gewonnen werden. Diese werden im Anschluss mit dem professionellen Selbstverständnis des Sozialarbeiters in Bezug gesetzt.

Das Vulnerabilitäts-Stress-Coping-Kompetenz-Modell eröffnet den handlungsbezogenen Teil der Arbeit und stellt hierfür die theoretische Grundlage dar. Mit der Darstellung des Netzwerk-Konzepts sowie des Coping-Konzepts wird die ausführliche Betrachtung der wichtigsten individuellen und psychosozialen Einflussfaktoren im schizophrenen Geschehen verbunden. Aus Sicht der Sozialarbeit lassen sich daraus Ansatzpunkte zur Unterstützung und Intervention ableiten.

2 „Beziehungsgestaltung“: Notwendigkeit einer Begriffsklärung

Der Begriff „Beziehungsgestaltung“ scheint auf den ersten Blick alltäglich. Dennoch wird er weder im Duden noch im Brockhaus aufgeführt. Da er in dieser Arbeit eine übergeordnete Bedeutung einnimmt, ist eine Präzisierung des Terminus, so wie ihn der Autor verwendet, für das Verständnis der weiteren Vorgehensweise unumgänglich.

Das Wort Beziehungsgestaltung taucht besonders häufig im therapeutischen Sprachgebrauch auf, und überall dort, wo die Beziehung ein wichtiges Arbeitsinstrument darstellt. Das ist auch in der Sozialarbeit der Fall. In der klassischen Einzelfallhilfe, der „Urmethode“ der Sozialarbeit ist die „helfende Beziehung“ z.B. das wesentliche Medium des Hilfeprozesses (GALUSKE 1998, S.68). Nur über eine intakte Beziehung wird eine Zusammenarbeit mit – und eine Einflussnahme auf den Klienten möglich. Eine professionelle Beziehungsgestaltung umfasst demnach zweierlei:

Zum einen ein Basisverhalten - eine Grundhaltung, die einen Zugang und eine Aufrechterhaltung der Beziehung zum Klienten ermöglicht. Zum anderen, und das erwartet auch der Hilfeempfänger[2], eine Handlungskompetenz, die eine praktische Hilfe ermöglicht, also auch Interventionsformen mit einschließt.

Daraus ergeben sich zwei Fragen, die den weiteren Verlauf dieser Arbeit bestimmen:

1. Welcher Haltung bedarf es für eine gelingende Zusammenarbeit mit einem an Schizophrenie erkrankten Menschen?
2. Welche praktische Unterstützung kann man dem Betroffenen über das Medium der Beziehung bieten?

3 Das Störungsbild der schizophrenen Psychose

3.1 „ Die Schizophrenie gibt es nicht“

Wahn, Halluzinationen und eine gestörte Motorik gehören, falls sie denn auftreten, zu den „eindrucksvollsten“ Merkmalen einer Psychose[3]. Unter anderem auch deshalb, weil sie sich direkt - auch für den Laien[4] spürbar - im Verhalten des Betroffenen manifestieren. Allerdings ist die Auffälligkeit dieser Symptome wohl nur ein untergeordneter Grund, weshalb Finzen die Schizophrenie als „die schillerndste aller psychischen Störungen“ bezeichnet (FINZEN 2004, S.20), zumal diese Krankheitszeichen nicht nur bei der schizophrenen Psychose[5] zu beobachten sind.

Das „Schillernde“ liegt vielmehr in der Heterogenität dieser Erkrankung begründet. So sind die Erscheinungsformen derart unterschiedlich, dass man heute eher von einer „Gruppe der Schizophrenien“ (BROCKHAUS Psychologie 2001, S.514), oder von Psychosen aus dem schizophrenen Formenkreis spricht.

Nach der ICD-10, der zehnten Revision der von der Weltgesundheitsorganisation veröffentlichten Klassifikation der Krankheiten, gibt es neben der paranoiden, der katatonen, der hebephrenen[6] und der einfachen Form noch eine Reihe anderer Typen und Subtypen (vgl. Tab. 1). Diese vier Formen ordnete schon der Schweizer Psychiater EUGEN BLEULER in seiner dichotomen Einteilung der Formen in Kern- und Randgruppen der Kerngruppe zu (in ALANEN 2001, S.46).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1 : Klassifikation schizophrener und anderer psychotischer Störungen nach ICD-10

Quelle: Watzl und Cohen in Baumann und Perrez 1998, S.821

Die einzelnen Typen unterscheiden sich vor allem hinsichtlich der Intensität und dem Vorhandensein bestimmter Hauptmerkmale, welche auch zu sog. Kernsyndromen zusammengefasst werden.

Trotz dieser Differenzierung kann ganz und gar nicht von einer Einheitlichkeit innerhalb eines Typus gesprochen werden. „In der Praxis finden wir viele Mischformen, die sich nicht sauber in irgendein Schema einordnen lassen“ (ARIETI 2004, S.66). Dies liegt vor allem in der Symptomvielfalt und der daraus resultierenden Variationsspanne begründet. Trüge man alle Krankheitszeichen zusammen, die den schizophrenen Störungen zugeschrieben werden, könnte man die Existenz einer Krankheits einheit anzweifeln.

Vor diesem Hintergrund betonen viele Autoren, u. a. FINZEN, dass nie alle Krankheitssymptome gemeinsam beim gleichen Kranken zur gleichen Zeit vorzufinden sind (FINZEN 2002, S.40), und viele überhaupt nicht[7]. HÄFNER stellt eine Einteilung in Unterformen generell in Frage, da man es mehr mit variablen Symptommustern, als mit stabilen Unterformen zu tun habe (HÄFNER 2001, S.48).

Die Mannigfaltigkeit der Schizophrenie findet sich nicht nur auf der Symptomebene, sondern auch hinsichtlich der Genese und des Verlaufs wieder. In den entsprechenden Unterkapiteln wird näher darauf eingegangen.

Nun wurde mehrfach auf die „bunte Beschaffenheit“ der schizophrenen Störungen hingewiesen, eben weil dies ein durchaus bedeutendes Charakteristikum ist, was auch bis heute zu einiger Uneinigkeit unter den Fachleuten geführt hat.

„Wohl keine diagnostische Kategorie wurde […] so oft diskutiert und revidiert, wie jene der «schizophrenen Störung». Ein Grund dafür liegt im Fehlen eines psychopathologischen Merkmals oder einer Konfiguration von Merkmalen, die für diese Diagnose als spezifisch oder notwendig anzusehen wären“ (WATZL & COHEN in BAUMANN & PERREZ 1998, S.819).

3.2 Annäherung an die Frage: Was ist Schizophrenie?

Um nun der Frage nachzugehen, wodurch sich „eine“ Schizophrenie im pathologischen Sinne auszeichnet, ist es hilfreich sich den heute noch verwendeten Begriff etwas genauer anzuschauen.

Der aus dem Griechischen stammende Terminus „schizophren“ wird häufig mit „Spaltungsirresein“ übersetzt. EUGEN BLEULER, der diesen Begriff zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts vorschlug, wollte darauf hinweisen, dass „in jedem Fall eine mehr oder weniger deutliche Spaltung der psychischen Funktionen besteht“ (in DEMUTH 1987, S.1).

Die Störungen liegen bei den Betroffenen also in einer Zersplitterung und Aufspaltung des Denkens, Fühlens, Wollens und des subjektiven Gefühls der Persönlichkeit (ebd.). Damit ist keineswegs die Spaltung des Menschen in zwei Persönlichkeiten gemeint, sondern das Bestehen „zweier Wirklichkeiten“ im Erleben eines Erkrankten: Der realen Wirklichkeit und einer zweiten, der Wahrnehmung eines Außenstehenden nicht zugänglichen Wirklichkeit (BÄUML 1994, S.3).

Durch das nebeneinander Bestehen von zwei Wahrnehmungswelten kommt es zu einem gestörten Realitätsbezug. Der Betroffene weis zeitweise nicht, welches Erlebte der realen Wirklichkeit entstammt und welches nicht. Ihnen mangelt es folglich auch an Einsicht in ihre Erkrankung und die damit verbundenen Beeinträchtigungen, was eine weitere große Schwierigkeit ausmacht.

Alternativ für den Ausdruck „Schizophrenie“ verwendet z. B. der Hamburger Psychologe THOMAS BOCK die Bezeichnung „ kognitive Psychosen “. Abgesehen davon, dass dieser Begriff historisch wesentlich weniger belastet ist[8], deutet er direkt an, worin der Kern der Erkrankung besteht. Und zwar in einer Störung der Kognition.

Es sind also jene Vorgänge beeinträchtigt, die mit dem Gewahrwerden und Erkennen zusammenhängen, darunter Wahrnehmung, Denken, Vorstellung und Beurteilung.

3.3 Klassifikation und Symptomatik

Aus diagnostischen Gründen wurde von je her versucht, die Krankheitsmerkmale zu systematisieren. Dabei entstanden diverse Kategorisierungen, die den Symptomen zum Teil einen ganz unterschiedlichen Stellenwert beimaßen.

EUGEN BLEULER unterschied zwischen schizophreniecharakteristischen Grundsymptomen und akzessorischen, also zusätzlichen oder zeitweilig auftretenden Symptomen. Er ordnete bspw. Wahn und Halluzinationen nur den zusätzlichen und nicht den Grundsymptomen zu (FINZEN 2004, S.53). Demgegenüber subsumiert KURT SCHNEIDER diese beiden Krankheitszeichen in seiner Einteilung in Symptome 1. und 2. Ranges unter die diagnostisch bedeutsame erste Kategorie[9] (SÜLLWOLD 1995, S.10). Das vom Londoner Sozialpsychiater JOHN K. WING zu Beginn der Siebzigerjahre ermittelte zentrale schizophrene Syndrom enthält ebenfalls diese beiden Merkmale (ebd. und FINZEN 2004, S.25).

Heute ist unter anderem in den beiden wichtigsten Klassifikationsmanualen ICD-10 und DSM IV[10] eine Einteilung in Positiv - und Negativsymptomatik üblich. Positiv-, Plus- oder Produktivsymptome sind alle über- durchschnittlichen Erlebens- oder Verhaltensmerkmale, also Zeichen einer akuten Psychose. Ihnen werden Negativ-, Minus-, oder Defizitsymptome gegenübergestellt, die im Vergleich mit gesunden Personen als Defizite oder Mängel im Verhalten und Erleben begriffen werden (HÄFNER 2001, S.28).

Bei der folgenden Darstellung der Symptome orientiert sich der Autor aus Gründen der Übersichtlichkeit ebenfalls an der gebräuchlichen Einteilung in Positiv- und Negativsymptome. Andere Klassifikationen, wie die BLEULERS, oder auch die psychoanalytische Systematik[11] (vgl. ALANEN 2001, S.21), haben den Vorteil, dass sie eine Relation zwischen den Einzelphänomenen, im Sinne einer dynamischen interaktiven Symptomstruktur[12] berücksichtigen. Ihnen liegen unterschiedliche Schizophrenieverständnisse (vgl. Kapitel 4) zugrunde, die auch z. T. den Betroffenen in einer seine Krankheit mitgestaltenden Rolle (vgl. BOCK 1997, S.23) sehen.

Die Unterscheidung zwischen negativer und positiver Symptomatik ist dagegen etwas zurückhaltender und eher deskriptiver Natur. Sie dient der leichteren internationalen Verständigung der Wissenschaftler, weniger dem Verstehen des einzelnen Kranken (BOCK 1997, S.48). Deshalb wird im Folgenden nicht ganz davon abgelassen, mögliche Beziehungen zwischen den Symptomen zu erwähnen, wie z. B. BLEULER sie interpretierte.

3.3.1 Positivsymptome

3.3.1.1 Störungen des Ich-Bewusstseins

Zu den wichtigsten Positivsymptomen der Schizophrenie gehören die Störungen des Ich-Bewusstseins oder der Meinhaftigkeit[13]. Sie kommen durch eine Durchlässigkeit oder Aufhebung der Grenzen zwischen Ich und Außenwelt zustande (DÖRNER 2004, S.153) – man spricht in diesem Kontext auch häufig von „Dünnhäutigkeit[14] “. Das für den Menschen so wichtige Gefühl der Identität ist nicht, oder nur unvollständig gegeben. Die eigene Person, Körperteile, Gedanken oder Gefühle werden als fremd oder von außen gesteuert erlebt.

Derartige Entfremdungserlebnisse werden als De-Personalisation bezeichnet, wenn sie auf die eigene Person bezogen sind, und als De-Realisation, wenn sie auf die Umwelt bezogen sind. Schizophrene berichten nicht selten von Phänomenen wie „Gedankeneingebung“ oder „Gedankenentzug“, was soviel heißt wie: „Jemand Anderes setzt mir Gedanken in meinen Kopf bzw. entzieht mir meine eigenen“ (SCHWARZER 2002, S.217). Weitere Symptome dieser Art sind „Gedankenlautwerden“ und Gedankenausbreitung“. Durch die verschwommenen psychischen Grenzen werden die eigenen Gedanken zu einer äußeren Botschaft.

3.3.1.2 Denkstörungen

Bei den schizophrenen Denkstörungen unterscheidet man inhaltliche und formale Denkstörungen. Zu letzteren gehört die häufig anzutreffende Zerfahrenheit, die durch eine scheinbar[15] unlogische, sprunghafte Aneinanderreihung von Assoziationen gekennzeichnet ist. Es werden gedankliche Neuverknüpfungen gemacht, die sich auch sprachlich und schriftlich etwa in sog. Neologismen, also Wortneuschöpfungen zeigen. Weiter zählen Denkhemmung oder Gedankensperrung zu klassischen Kennzeichen der Denkstörungen.

An Schizophrenie Erkrankte neigen außerdem dazu, entweder übermäßig abstrakt oder übermäßig symbolisch zu denken und zu sprechen, oder den Sinn eines Wortes ganz zu verkennen.

Schizophrene haben auch große Probleme, beim Denken Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden (DÖRNER 2004, S.154) (vgl. Kapitel 3.3.3). Demzufolge kann es zu einer regelrechten Gedankenüberflutung kommen, oder aber objektiv irrelevanten Themen wird eine übertriebene Bedeutung zugewiesen. Wichtiges dagegen wird leicht verkannt – mit unangenehmen sozialen Folgen[16].

Zu den inhaltlichen Denkstörungen gehören Wahn vorstellungen, -Ideen, -bildungen (ebd., S.155)[17]. Sie sind am häufigsten, aber meist auch nur episodisch, bei der paranoiden Form der Schizophrenie anzutreffen. „Der schizophrene Wahn entwickelt sich aus der krankheitsbedingten Störung der Beziehung zu sich selbst und der Veränderung seiner Beziehungen zur Außenwelt“ (FINZEN 2004, S.53).

Er kann verstanden werden als ein Erklärungsversuch[18] für die subjektiv erlebte aber irreführende Wirklichkeit. Also als Ausdruck des Krankheitsgeschehens, als persönliche Reaktion darauf, oder als Bewältigungsversuch (ebd.).

Zur Veranschaulichung: In seiner doppelten und verschwommenen Wirklichkeit (vgl. Kapitel 3.2) erlebt der Betroffene z. B. Dinge, die in ihm Misstrauen oder Angst[19] erwecken, und diese versucht er sich zu erklären. Er gelangt dabei zu Überzeugungen, die für Außenstehende keineswegs nachvollziehbar sind. Kleinste Zeichen aus der näheren und später immer entfernteren Umgebung werden als Beweise für die eigenen Theorien für das eigene Erleben interpretiert.

Man unterscheidet u. a. Vorfolgungs-, Beziehungs-, Beeinflussungs-, Größen-, religiösen und Vergiftungswahn als schizophrene Wahnformen. Sie haben inhaltlich vielfach einen kulturellen[20] und biographischen Bezug. Dies ist ein Hinweis dafür, dass es sich also keineswegs um unsinnige Überzeugungen handelt, die zu ignorieren sind (ARIETI 2004, S.68). Gegenargumentieren erscheint aber als wenig hilfreich, es besteht gar die Gefahr, dass der „Wahn-Anzweifler“ als Feind mit in den Wahn aufgenommen wird.

3.3.1.3 Störungen der Sinneswahrnehmung

Halluzinationen sind real empfundene Sinneseindrücke, ohne einen für den objektiven Beobachter vorhandenen äußeren Reiz. Sie können inhaltlich eng mit einem Wahn verknüpft, oder die Folge dessen sein.

Jemand, der im Rahmen eines Wahns davon überzeugt ist, dass der verstorbene Vater in „Wirklichkeit“ untergetaucht ist, weil er für einen Geheimdienst tätig ist, kann durch ein weiteres „Abdriften in die zweite Realität“ beginnen, Stimmen des Vaters zu hören.

BÄUML und andere weisen darauf hin, dass imperative Stimmen besonders ernst zu nehmen sind (BÄUML 1994, S.16; SÜLLWOLD 1995, S.53). Darunter versteht man Stimmen, die Aufforderungen und Befehle erteilen, etwa seine gerauchten Zigaretten nachzuzählen oder, einer verstorbenen Person in den Tod zu folgen. Letzteres könnte dramatische Folgen haben. Das Befolgen von Stimmen und die Angst vor den Stimmen ist ein häufiger Suizidgrund. Allerdings sind nicht alle akustischen Halluzinationen mit Angst verbunden, es gibt auch Erkrankte, die sie als angenehm empfinden (FINZEN 2004, S.56).

Halluzinationen können in allen Sinnesbereichen vorkommen. So gibt es neben den bei der Schizophrenie dominierenden akustischen, auch optische, haptische (Tastsinn), olfaktorische (Geruchssinn), gustatorische (Geschmackssinn) und taktile (Leibhaftiges Fühlen) Halluzinationen. Leibliche Trugwahrnehmungen[21] stellen ebenfalls eine wichtige Variante für die Schizophrenie dar. Der Betroffene erleidet das Gefühl, das eigene Körperteile manipuliert werden. HUBER hat zu diesem Symptom einen eigenen Subtyp schizophrener Erkrankungen herausgearbeitet – die coenästhetische Schizophrenie (in SÜLLWOLD 1995, S.54).

Eine andere Sinnesstörung sind Illusionen. Im Gegensatz zu Halluzinationen liegt hier zwar ein Außenreiz vor, welcher aber fehlinterpretiert oder erweitert wird zu einer für den Betroffenen bedeutungsvollen Sache. Zum Beispiel wird in einem real existierenden Baum eine menschliche Gestalt erkannt; bei einer optischen Halluzination dagegen würde ohne Baum, also ohne Reiz eine Wahrnehmung stattfinden.

3.3.1.4 Affektive Symptome

Auch in der Gefühlswelt eines Schizophrenieerkrankten zeigt sich der schillernde Charakter der Störung. Die Stimmung kann durch Instabilität gekennzeichnet sein. Sie schlägt dann rasch und unvermutet, auch ohne äußeren Anlass zwischen den Extremen Manie[22] und Depression, Distanzlosigkeit und Abweisung, unangemessener Heiterkeit und Aggression etc. um.

In anderen Fällen überwiegt dagegen eine allgemeine Verflachung, so dass die Gefühlswelt verarmt erscheint. Betroffene wirken häufig gefühlskalt, steif, unnatürlich oder gläsern, eben als befänden sie sich in einer anderen Welt.

Es besteht gelegentlich eine Inkohärenz zwischen Gestik, Mimik und Situation, d.h. der Betroffene lacht bspw. in unangemessenen Situationen. Eine seltsam anmutende gehobene Stimmungslage ist typisch für die hebephrene Form der Schizophrenie. Bei dieser Form stehen die affektiven Veränderungen generell im Vordergrund (STEDEN 2003, S.72).

Angst und Agitation, also affektive Erregung, sind häufige Begleiter der akuten Psychose. Der Betroffene erfährt durch seine veränderte Erfahrungswelt regelrechte Desintegrationsängste, das Gefühl, dass die eigene Persönlichkeit verloren geht (ALANEN 2001, S.44).

Die depressive Verstimmung kann in Ausmaß und Tiefe einer Depression im Rahmen einer affektiven Psychose (vgl. Kapitel 3.4) entsprechen, hat aber einen anderen Charakter (FINZEN 2004, S.46). Sie kann reaktiver Natur sein, als Folge der krankheitsbedingten Belastungen und ist eng verbunden mit anderen Negativsymptomen.

3.3.2 Negativsymptome

Alle Anteile der „Gefühlspalette“, die ein Defizit im Vergleich zum Normalen aufweisen sind nach dieser Klassifikation den Negativsymptomen beizuordnen. Darunter fällt vor allem die Verarmung der Gefühlswelt (BÄUML 1994, S.17). Besonderes Leid verursacht ein Gefühl der Leere bzw. eine mangelnde Gefühlswahrnehmung, die mit dem Begriff Anhedonie beschrieben wird. Sie impliziert Mut- und Hoffnungslosigkeit und ist ein häufiger Suizidgrund.

Bei Schizophrenen ist oft ein verminderter Antrieb zu beobachten. Die Meinungen in der Praxis, ob es sich um ein „Nicht-Wollen“ oder ein krankheitsbedingtes „Nicht-Können“ handelt, gehen weit auseinander. Im Einzelfall ist sicherlich nicht auszuschließen, dass der Betroffene seine Krankheit als „Waffe oder als Hängematte“ benutzt, um lästigen Pflichten aus dem Wege zu gehen.

In der Regel ist jedoch von einem Nicht-Können auszugehen, welches nach BÄUML auf einer krankheitsbedingten Energieeinbuße basieren könnte (BÄUML 1994, S.18). ASMUS FINZEN spricht von einem „ Nicht-Wollen-Können “, das selbst erkrankt ist (FINZEN 2004, S.49). Es kommt zustande, weil Wichtiges und Unwichtiges nicht unterschieden werden kann, weil gegenüber allem eine Ambivalenz erlebt wird. Durch die Hin- und Hergerissenheit kommt es zu einer Art Lähmung im Handeln.

Die Störung des Wollens erklärt auch die allgemeine Lust- und Interesselosigkeit, sowie die Selbstvernachlässigung u. a. in der Hygiene. Erkrankte müssen immer wieder daran erinnert werden alltägliche Aufgaben zu erledigen, andernfalls könnte es zu einer völligen Verwahrlosung kommen. Unbedingt zu beachten ist, dass es schnell zu einer Überforderung kommen kann, was mit ein Grund für die ausgeprägte Rückzugstendenz ist. Wichtig ist aber zu unterscheiden, ob es sich um einen sozialen Rückzug aufgrund selbst erkannter Belastbarkeitsgrenzen handelt, oder nicht.

Wenn sich der Rückzug nicht nur auf soziale Kontakte, sondern auf die gesamte Realität bezieht spricht man von schizophrenem Autismus (BLEULER 1919 in HÄFNER 2001, S.105). Der Autismus kann durch den Mutismus (Verstummen) und den Stupor (Bewegungsstarre) begleitet werden. Diese Symptome sind ein markantes Merkmal der selten gewordenen katatonen Schizophrenie.

Zur Auftretenswahrscheinlichkeit der Symptome sei noch einmal darauf hingewiesen, dass aus der dargestellten Auswahl beim Einzelnen nur einige wenige Symptome in Erscheinung treten und es kein Symptom gibt, dass in jedem Fall vorkommt. Positiv- und Negativsymptome treten in den meisten Fällen gleichzeitig auf, jedoch haben sie je nach Erkrankungszeitpunkt eine unterschiedlich starke Ausprägung (vgl. BÄUML 1994, S.19). Zum Beispiel kann ein Betroffener halluzinieren und antriebslos zugleich sein. Die Negativsymptomatik weist im Vergleich zur positiven Symptomatik insgesamt aber eine wesentlich größere Stabilität und Dauerhaftigkeit auf (HÄFNER 2002, S.104).

3.3.3 Kognitive Anomalien

Obwohl es schon die Ätiologie tangiert, soll im Kontext der Symptomatik das Konzept der Basisstörungen (SÜLLWOLD) nicht unberücksichtigt bleiben. Basisstörungen sind Aspekte einer gestörten Informationsverarbeitung, die vom Patienten selbst als defizient erlebt werden (WEBER 2000, S.47). Es handelt sich dabei vor allem um subjektive Beeinträchtigungen des Denkens, also konkret u. a. um Defizite in der Aufmerksamkeitsfokussierung, um Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen. Diese Beeinträchtigungen sind relativ stabil, gehen der klinisch-manifesten Symptomatik voraus und überdauern sie. Oder anders ausgedrückt: Sie liegen ihr zu Grunde.

Nach dem Konzept der Basisstörungen sind viele klinisch auffällige Symptome Folge dieser kognitiven Defizite. Wahn und Halluzination können als, Kompensationsversuche, als verzweifelter Versuch sich selbst zu helfen, verstanden werden (SCHAUB 1993, S.60 u. S.55). Sie werden im Rahmen dieses Konzepts der sog. Sekundärsymptomatik zugeordnet. Auch die häufig zu beobachtende Rückzugsneigung Schizophreniebetroffener kann ein solches Bewältigungsverhalten zum eigenen Schutze sein.

Nachgewiesen sind auch weitere kognitive Dysfunktionen, die eine Störung der Informationsaufnahme- und –verarbeitungsprozesse bewirken. Probleme bestehen nach BRENNER (1988) z. B. bei der Selektion relevanter und der Hemmung irrelevanter Reize (in SCHAUB 1993, S.55). Es liegt also eine Diskriminationsschwäche vor, welche für das Auftreten von Sinnestäuschungen mitverantwortlich ist: „Eine zusammen mit der unwillkürlichen Aufmerksamkeitszentrierung[23] vorhandene Diskriminationsschwäche, die Vorstellungen und Wahrnehmungen interferieren lässt, stellt sehr wahrscheinlich die neuropsychologische Basis für Halluzinationen dar“ (SÜLLWOLD 1995, S.52).

Ungeachtet dessen, inwieweit neurologische Prozesse eine Rolle spielen[24], bleibt festzuhalten, dass es eine Beeinträchtigung der Informationsverarbeitung gibt, und dieses in einem kausalen Bezug zu anderen Auffälligkeiten der Erkrankung steht. Durch diese Erkenntnis werden „Beeinträchtigungen schizophren Erkrankter verständlicher und das veränderte Verhalten verliert viel von seiner Fremdartigkeit“ (BRENNER 1989 zitiert nach SÜLLWOLD 1995, S.29). Überdies bietet sie eine theoretische Grundlage für erweiterte therapeutische Interventionen. Auch die Bezeichnung „kognitive Psychosen“ (vgl. Kapitel 3.2) wird auf diese Weise noch einmal unterstrichen.

3.4 Diagnose

Voraussetzung für die Diagnose nach der ICD-10 oder dem DSM IV ist das Vorhandensein einer bestimmten Anzahl[25] von Symptomen aus der einen oder anderen Gruppe, über eine zeitlich festgelegte Dauer. Eine eindeutige Diagnose kann und darf angesichts der Gefahren der Etikettierung und falschen Behandlung also nie auf einen ersten Blick erfolgen, sondern muss in einer längerfristigen Verlaufsbeobachtung abgesichert werden. Zu berücksichtigen ist auch, dass Symptome der Schizophrenie im Vergleich zu denen von somatischen Erkrankungen objektiv schwer erfassbar oder gar messbar sind. Zum Beispiel ist das Erleben des Betroffenen dem Außenstehenden nicht direkt zugänglich, und der Schizophrenieerkrankte selbst ist wegen mangelnder Krankheitseinsicht zeitweise keine zuverlässige Informationsquelle.

Ausschlusskriterium für die Diagnose ist die Existenz einer körperlichen Ursache für eine schizophrenieähnliche Symptomatik (vgl. BÄUML 1994, S.22). Die sog. organisch bedingten oder exogenen Psychosen können durch Krankheiten, Vergiftungen, Drogenkonsum, Hirnschädigungen oder ähnliches hervorgerufen werden. Im Vergleich zu den endogenen[26] Psychosen (vgl. Kapitel 3.7), zu denen auch die Schizophrenie gehört, ist die eindeutige Ursache der Störung bekannt und kann dementsprechend konkret behandelt werden.

Auch die sog. affektiven Psychosen, dazu zählen Depression, Manie und die bipolare affektive Psychose, gehören der Gruppe der endogenen Psychose an. Sie kommen zusammen genommen etwa fünfmal so oft vor, wie eine schizophrene Störung, wobei die Depression mit etwa zwei Dritteln den Hauptanteil stellt. Seltenere Mischformen aus affektiven und schizophrenen Psychosen tragen die Bezeichnung „schizo-affektive Psychosen“.

3.5 Epidemiologie, Ursachen und Entstehungsbedingungen

Abgesicherte epidemiologische Studien ergaben, dass nach strengen diagnostischen Kriterien, weltweit jährlich[27] etwa 10 von 100.000 Menschen an Schizophrenie erkranken (RIST et al. in BAUMANN & PERREZ 1998, S.826). Das Lebenszeitrisiko[28] einer Person, einmal in seinem Leben an einer Schizophrenie zu erkranken, liegt nach übereinstimmenden Angaben in der Nähe von einem Prozent. Im geschlechtsspezifischen Vergleich ergeben sich hinsichtlich der Häufigkeit keine Unterschiede. Männer erkranken allerdings durchschnittlich etwa fünf Jahre früher als Frauen; am häufigsten zwischen dem 20. und 25. Lebensjahr. Der frühe Ausbruch der Erkrankung kann bei schlechtem Verlauf besonders schwerwiegende soziale und ökonomische Folgen haben. Die Schizophrenie tritt im Vergleich zu anderen psychischen Erkrankungen[29] eher selten auf, ist aber der zweithäufigste Aufnahmegrund in psychiatrischen Krankenhäusern – ein Indiz für die Schwere der Erkrankung. Die überregionale und interkulturelle statistische Stabilität könnte aus ätiologischer Sicht auf eine starke Bedeutung biologischer, vor allem erblicher Faktoren, und auf eine weniger große Bedeutung von Umweltfaktoren bei der Entstehung verweisen.

[...]


[1] In dieser Arbeit wird aus Gründen der Einfachheit durchgehend nur die maskuline Form verwendet; sie schließt die feminine Form mit ein.

[2] Einer Untersuchung von Klaus Nouvertne zufolge wird eine Fachkompetenz, auch wenn andere Aspekte aus der Sicht des erkrankten Hilfeempfängers von größerer Bedeutung sind, für notwendig gehalten (zitiert nach Schürmann in Zaumseil und Leferink 1997, S.248).

[3] Zitat nach Dörner 2004, S.153

[4] Auffälliges Verhalten wird in der unerfahrenen unmittelbaren Umgebung oft erst bei Eintreten dieser Symptome als psychische Störung und nicht etwa als mutwillig abweichendes Verhalten erkannt (Finzen 2002, S.53).

[5] Unter „Psychose“ versteht man einen Sammelbegriff für verschiedene Formen schwerer psychischer Erkrankungen mit bestimmten gemeinsamen Symptomen (vgl. Kapitel 3.4).

[6] Vielfach auch desorganisierte Schizophrenie genannt.

[7] Die häufigsten Positiv-Symptome (Wahngedanken) (vgl. Kapitel 2.3.1) treten bei höchstens 75 Prozent der schizophrenen Patienten und auch dann nur zeitweilig auf; selbst die diagnostisch unspezifischen Negativ-Symptome sind keineswegs bei allen zu beobachten. (Watzl & Cohen in Baumann & Perrez 1998, S.819).

[8] […] „denn in der Zeit des Nationalsozialismus wurden Menschen mit der Diagnose Schizophrenie (galt damals als unheilbar) als „lebensunwert“ betrachtet und ermordet“ (Bock 2005, S.31).

[9] Kurt Schneider unterscheidet allerdings zwischen akustischen Halluzination (1. Rang) und sonstigen akustischen Halluzinationen und Halluzinationen auf anderen Sinnesgebieten (2. Rang) (vgl. Gaebel zitiert nach Steden 2003, S.71).

[10] “Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders - Fourth Edition” -das amerikanische Pendant zur ICD-10

[11] Sie unterscheidet regressive Symptome und Symptome der Wiederherstellung.

[12] Vgl. hierzu ausführlicher Böker & Brenner 1989 sowie Häfner 2001, S.103 ff.

[13] Bezeichnung nach Kurt Schneider (in Schaub 1993, S.50)

[14] Dünnhäutigkeit ist zu einem schizophreniespezifischen Begriff avanciert. Er beschreibt nicht nur eine besondere Verletzlichkeit (Vulnerabilität), sondern darüber hinaus das Phänomen einer besonders dünnen, durchlässigen „psychischen Haut“. Es besteht eine Dünnhäutigkeit von Innen nach Außen, wenn Unterbewusstes zu Halluzinationen wird; und von Außen nach Innen, wenn die notwendige Abwehr gegen äußere Risiken und Gefahren durchlässig ist (Bock in Krisor 2001, S.258).

[15] „Erfahrungen und Ergebnisse der psychotherapeutischen Beschäftigung mit Kranken deuten jedoch darauf hin, dass zerfahrenes Denken in der psychotischen Erlebnisstruktur durchaus sinnvoll sein kann (Demuth 1987, S.41).

[16] Berufliche, familiäre und andere soziale Rollenerwartungen werden nicht mehr erfüllt.

[17] Wahn wird teilweise in der heutigen Psychopathologie auch als formale Denkstörung klassifiziert.

[18] Deshalb auch Erklärungswahn genannt (Maher 1991 in Süllwold 1995, S.55)

[19] Nicht alle Wahnerlebnisse sind angstbehaftet.

[20] In westlichen Ländern sind z. B. Geheimdienste, Strahlen und elektronische Geräte, in Afrika Voodoorituale häufige inhaltliche Bestandteile des Wahns.

[21] Anderer Begriff für Halluzinationen

[22] Zum Beispiel im Rahmen eines Größenwahns.

[23] Aus dem Frankfurter Beschwerdebogen geht hervor, dass Betroffene von Zuständen der „Überwachheit“ oder übersteigerter Aufmerksamkeit für irrelevante Reize berichten (Süllwold 1995, S.52).

[24] Ist in dieser Arbeit weniger von Bedeutung.

[25] Je nach Typ und Eindeutigkeit kann nach der ICD-10 auch schon ein einzelnes Symptom die Diagnose Schizophrenie rechtfertigen. (vgl. Tabelle 2 in Baumann & Perrez 1998, S.821)

[26] Die Bezeichnung endogen erweist sich als sehr umstritten und wird im ICD-10 nicht mehr gebraucht. Sie impliziert in gewisser Weise die Annahme, dass es eine (noch unbekannte) biologische Ursache gibt (vgl. Bosshard et al. 2001).

[27] Jährliche Neuerkrankungen = jährliche Inzidenz

[28] Lebenszeitrisiko = Prävalenz

[29] Vgl. Häfner 2001, S.180ff

Details

Seiten
157
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783842803886
Dateigröße
1.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v228017
Institution / Hochschule
Evangelische Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe – Sozialarbeit, Studiengang Soziale Arbeit
Note
1,3
Schlagworte
schizophrenie beziehung psychiatrie sozialarbeit psychose

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Beziehungsgestaltung zu Menschen mit schizophrenen Störungen