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Psychische Erkrankungen bei Menschen mit Migrationshintergrund

Bachelorarbeit 2010 62 Seiten

Psychologie - Sozialpsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Migration – ein Phänomen der modernen Gesellschaft
2.1 Typen der Migration
2.2 Migration als weltweites Phänomen
2.3 Deutschland als Einwanderungsland

3 Psychische Krankheiten – eine Begriffsannäherung

4 Psychische Belastungen bei Migranten
4.1 Migration und psychische Erkrankungen
4.2 Migrationspezifische Faktoren psychischer Erkrankungen
4.2.1 Materielle und soziale Lage
4.2.2 Psychische Faktoren
4.2.3 Fremdsprache als Faktor psychischer Erkrankungen
4.2.4 Fremde Kultur. Konflikt der Kulturen
4.2.5 Besondere Faktoren bei Kindern der Migranten
4.2.6 Gesundheitliche Situation und psychische Belastungen bei Menschen ohne Papiere
4.3 Stadien des Migrationsprozesses
4.4 Akkulturationsstile und ihre Auswirkung auf die Psyche der Migranten

5 Soziale Netzwerke
5.1 Rolle der Sozialen Netzwerke für Migranten
5.2 Monokulturelle und interkulturelle Netzwerke

6 Psychiatrisch-psychotherapeutische Versorgung von Migranten in Deutschland
6.1 Hindernisse für die Inanspruchnahme der Versorgungsangebote
6.1.1 Hindernisse auf Seiten der Migranten
6.1.2 Hindernisse auf Seiten der Institutionen
6.1.3 Zugang zur medizinischen Versorgung bei Menschen ohne Papiere

7 Psychische Störungen bei Migranten und Rolle der Sozialen Arbeit
7.1 Posttraumatische Störungen
7.1.1 Entstehung und Symptome der Posttraumatischen Störung
7.1.2 Behandlung der Posttraumatischen Störung
7.1.3 Retraumatisierung
7.1.4 Rolle der Sozialen Arbeit
7.2 Sucht

8 Anregungen für die Soziale Arbeit

9 Schlussfolgerungen

10 Literaturverzeichnis

11 Erklärung

1 Einleitung

Zur Wahl des Themas meiner Bachelorarbeit kam ich durch ein Gespräch mit einer anderen Studentin, die mit ihrer Familie nach Deutschland immigrierte. Wir sprachen über unsere Erlebnisse und Erfahrungen in und mit Deutschland. Unter anderem erzählte sie mir die Geschichte einer Migrantenfamilie. Diese Familie hat zwei Kinder. Der ältere Sohn war 18, als die Familie nach Deutschland kam. Er wurde von seiner gewohnten Umgebung, von allem, was ihm wichtig war, losgerissen. Zwei Jahre später konnte er sich hier immer noch nicht zu Recht finden und sich an die neue Umgebung anpassen. Mit 20 hatte er deutliche Anzeichen einer Schizophrenie. Einige Zeit später warf er seinen damals zweijährigen Bruder vom Balkon aus dem neunten Stockwerk eines Hauses. Der Kleine überlebte es wie durch ein Wunder. Der ältere Bruder lebt seitdem in einer Einrichtung für betreutes Wohnen für psychisch Kranke.

Diese Geschichte erschütterte mich zutiefst und brachte auf die Überlegungen, ob Migrationsfolgen tatsächlich solch tiefe Spuren in der Psyche eines Menschen hinterlassen können. Falls ja – was kann einen Menschen davor schützen? Warum verläuft bei einigen Menschen der Migrationsprozess erfolgreich und warum können sie vieles in ihrem neuen Leben erreichen, während andere sich in der neuen Umgebung nicht zu Recht finden, sich „verloren“ fühlen und ihr Leben noch schlechter ist, als in ihrem Herkunftsland?

Das Thema meiner Arbeit geht mir auch deswegen nah, weil ich selbst aus einem anderen Land komme und meine ersten Erlebnisse in Deutschland, als ich hier als Au-pair arbeitete, eher negativ waren. Mit fremder Kultur, anderen Normen, Traditionen und Ansichten konfrontiert, konnte ich sie nicht verstehen und nicht annehmen. Als ich zum zweiten Mal nach Deutschland kam, ging es mir viel besser. Ich hatte einfach Glück, dass diesmal neben mir mein Mann war, der mir half, vieles zu verstehen und zu erklären, und meine Vorurteile zu überwinden. Ich hatte jemanden, mit dem ich meine Erlebnisse und Probleme teilen konnte.

Während meines Studiums wurde das Thema psychischer Erkrankungen bei Migranten nicht angesprochen. Daher habe ich mich dazu entschieden, diese Thematik selbständig zu bearbeiten und in den Mittelpunkt meiner Bachelorarbeit zu stellen. Dabei hat sich herausgestellt, dass mittlerweile sehr viel über das Thema geschrieben wurde. Die meisten Autoren betrachten aber die Problematik aus dem medizinischen (psychotherapeutischen) Blickwinkel. Es gibt bisher kaum Quellen, die dieses Thema aus der Sicht der Sozialen Arbeit behandeln.

Viele Migranten, die nach Deutschland kommen, können hier keine neuen Freunde finden. Nicht alle haben hier Verwandte, und nicht jeder kann den Druck aushalten, der auf einem Migranten lastet. Ein häufiger Grund für diesen Druck ist ein völlig anderes, unbekanntes System, in dem man gute Sprachkenntnisse und Kenntnisse der Gesetze braucht, um alle bürokratischen Hindernisse zu überwinden und das komplizierte Spinnennetz der Ämter, Beratungsstellen und Behörden zu verstehen. Nicht jeder hat Mut, Geduld und Wille dazu. Der Mensch kann daran zerbrechen, zu Alkohol oder Drogen greifen im Versuch, der Realität zu entkommen.

Zur Intention meiner Bachelorarbeit möchte ich folgendes sagen:

Einerseits geht es mir um die Beleuchtung eines multidimensionalen Problemfeldes: individuelle Migranten, Migrantengemeinschaften, Gesundheitssystem, Politik, inländische Bevölkerung, fremde Kulturen, Vorurteile etc.

Andererseits möchte ich über die spezielle Problematik bei der Überschneidung von Psychiatrie und Migrationsarbeit informieren sowie eine erste Orientierung, Denkanstöße bzw. „Rüstzeug“ für die Praxis der sozialen Arbeit geben.

Nicht zuletzt soll die Arbeit auch ein Plädoyer für präventive Konzepte sein sowie eine Einladung zu gegenseitigem – im besten Sinne internationalen – Kennenlernen, Zuhören, Verstehen.

Bevor man sich mit einem Thema intensiv auseinandersetzen kann, ist es notwendig, dieses Thema möglichst genau zu benennen, zugehörige Begriffsbestimmungen vorzunehmen und (damit) die eigene wissenschaftliche Perspektive aufzuzeigen. In der vorliegenden Arbeit soll dies in den ersten beiden Kapiteln geschehen. Zunächst wird der Begriff „Migration“ einer genaueren Betrachtung unterzogen: Was bedeutet er? Welche Arten von Migration werden unterschieden? Wie manifestiert sich das Phänomen in Zahlen – sowohl international als auch auf Deutschland bezogen – und wer wird hierzulande eigentlich als Migrant bezeichnet?

Der andere zentrale Begriff dieser Arbeit ist der der psychischen Krankheit. Dass dieser in der Vergangenheit kontrovers diskutiert wurde und in der Fachliteratur weitgehend durch den Terminus „psychische Störung“ abgelöst wurde, erfährt der Leser im Kapitel „Psychische Krankheiten – eine Begriffsannäherung“. Hier wird somit eine Begriffbestimmung versucht – was genau versteht man unter einer psychischen Krankheit bzw. einer psychischen Störung? Darauf folgend werden die beiden wichtigsten, international anerkannten Klassifikationssysteme (ICD-10 und DSM-IV) in aller Kürze vorgestellt.

Der eigentliche Hauptteil dieser Arbeit beginnt mit einem Kapitel über psychische Belastungen bei Migranten. Wie hängen Migration und psychische Erkrankungen zusammen bzw. welche spezifischen und typischen Faktoren (wie z.B. andere Sprache, andere Kultur, materielle und soziale Lage, familiärer und sozialer Bindungsverlust und andere mehr) spielen dabei eine Rolle? Wie verläuft ein Migrationsprozess typischerweise und welche Auswirkungen auf die Psyche haben unterschiedliche Anpassungsstrategien an die Zielgesellschaft? Insgesamt thematisiert dieses Kapitel also die besonderen Dispositionen für psychische Störungen bei Migranten.

Welche Rolle insbesondere die sozialen Netzwerke im Migrationsprozess (Wegfall der Netzwerke im Herkunftsland, Aufbau neuer Netzwerke im Zielland) im Allgemeinen und welche Rolle mono- und interkulturelle Netzwerke im Besonderen spielen, wird im zweiten Kapitel des Hauptteils erörtert.

Das darauf folgende Kapitel setzt sich mit der psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgung von Migranten auseinander. Wie intensiv werden Versorgungsangebote von Migranten genutzt und welche Zugangshürden existieren sowohl auf Migranten- als auch auf Institutionsseite? Kultur- und sprachspezifische Besonderheiten bzw. Probleme des gegenseitigen Umgangs der Beteiligten werden hier aufgezeigt und der Einsatz von Dolmetschern sowie bilingualem bzw. bikulturellem Fachpersonal diskutiert. Mit den sog. 12 Sonnenberger Leitlinien zur psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgung von Migranten in Deutschland wird die aktuelle Fachdiskussion um die interkulturelle Öffnung des Gesundheitssystems vorgestellt.

Am Beispiel der posttraumatischen und der Suchtstörungen werden dann im letzten Kapitel spezifische Problemkonstellationen bei psychischen Störungen von Migranten angesprochen. Welche Rolle hier die soziale Arbeit spielt bzw. spielen kann, ist an dieser Stelle ebenfalls Thema.

Im Kapitel „Schlussfolgerungen“ werden - neben einer abschließenden Zusammenfassung der zentralen Aspekte dieser Arbeit - die wichtigsten Erkenntnisse im Hinblick auf die soziale Arbeit im Allgemeinen und auf deren professionellen Akteure im Besonderen diskutiert.

Der Einfachheit halber benutze ich die männliche Form, wenn z.B. von Migranten die Rede ist. Selbstverständlich ist dann – wenn nicht ausdrücklich anders angegeben – auch die weibliche Form des jeweiligen Wortes gemeint.

2 Migration – ein Phänomen der modernen Gesellschaft

2.1 Typen der Migration

Migration ist eines der zentralen Phänomene in Zeiten der Globalisierung.

Das Wort „Migration“ entstand aus dem lateinischem Wort „migrate“, das soviel bedeutet wie wandern, wegziehen.[1]

Charakteristisch für die Migration ist die räumliche Bewegung von Personen bzw. Gruppen über bedeutsame Entfernungen zur dauerhaften Veränderung ihres Lebensmittelpunktes.[2]

In der wissenschaftlichen Fachliteratur wird zwischen der Binnenmigration innerhalb der Grenzen eines Nationalstaates und der über die Grenzen eines Nationalstaates hinweg sich vollziehenden internationalen Migration unterschieden[3].

Obwohl die Binnenmigration auch mit bestimmten Problemen und Phänomenen zu kämpfen hat (hervorgerufen vorwiegend durch den Verlust der sozialen Netzwerke), kann sie als durchaus mildere Form der Migration angesehen werden, da sie die Probleme der internationalen Migration, die durch geringe Sprachkenntnisse, Arbeitslosigkeit, Versetzen in eine fremde Gesellschaft u. a. hervorgerufen werden, nicht kennt. Somit ist die Binnenmigration in deutlich kleineren Maßen die Ursache für psychische Störungen.

Aus diesem Grund betrachten wir in dieser Arbeit nur die internationale Migration. In allen Fällen, bei denen hier von der Migration und Migranten gesprochen wird, ist im Weiteren die internationale Migration gemeint.

2.2 Migration als weltweites Phänomen

„Als Migranten werden alle Personen bezeichnet, die in einem anderen Land geboren sind und ihren Wohnsitz in ein anderes Land verlegt haben (Migranten der ersten Generation), oder Personen, von denen ein Elternteil oder beide Elternteile in einem anderen Land geboren wurden (Migranten der zweiten Generation)“[4].

Die Zahl der Migranten hat sich seit 1960 weltweit mehr als verdoppelt. Waren es 1960 etwa 75 Mio. Menschen, so ist diese Zahl bis 2005 auf fast 191 Mio. gewachsen – ein Zuwachs von 120 Mio. Menschen innerhalb von 45 Jahren. Dem Internationalen Migrationsbericht der UN (UN Population Division 2005) zufolge lebten 2005 fast 3% der Weltbevölkerung nicht in ihrem Geburtsland. Etwa 7% von diesen 191 Mio. Migranten waren international auf der Flucht[5].

2.3 Deutschland als Einwanderungsland

Während frühere Kolonialländer – wie Großbritannien, Frankreich, Belgien oder Niederlande – seit vielen Jahrzehnten mit Zuwanderern aus den früheren Kolonialgebieten konfrontiert waren, und in Ländern wie USA, Kanada, Australien oder Neuseeland die heutigen Gesellschaften selbst Resultat von Einwanderungsprozessen sind, ist Deutschland erst in den letzten Jahrzehnten ein Einwanderungsland geworden. Der jährliche Migrationsbericht der Bundesregierung identifiziert folgende Einwanderergruppen:

- „EU-Binnenmigration von Unionsbürgern […]
- Spätaussiedlerzuwanderung […]
- Zuwanderung zum Zweck des Studiums und der Ausbildung […]
- Werkvertrags-, Saison- und Gastarbeitnehmermigration und weitere Formen der Arbeitsmigration aus den neuen EU-Staaten und aus Nicht-EU Staaten […]
- Zugang von Asylbewerbern und Konventionsflüchtlingen sowie jüdischen Zuwanderern aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion […]
- Familien- und Ehegattennachzug von Drittstaatsangehörigen […]
- Zuwanderung aus sonstigen Gründen […]
- Rückkehr deutscher Staatsangehöriger […]“[6]

Laut Ausländerzentralregister lebten Ende des Jahres 2007 6.744.879 Menschen mit einer ausländischen Staatsangehörigkeit in Deutschland[7], was einem Ausländeranteil von 8,2% an der Gesamtbevölkerung Deutschlands entspricht. Diese Statistik spiegelt aber die tatsächliche Anzahl an Personen mit Migrationshintergrund in Deutschland nicht richtig wider. Sie basiert auf dem rechtlichen Ausländerbegriff, der die Staatsangehörigkeit, nicht aber die Migrationserfahrung berücksichtigt. In der Statistik des Ausländerzentralregisters sind also die deutschstämmigen Aussiedler aus Osteuropa nicht enthalten, weil sie die deutsche Staatsangehörigkeit unmittelbar bei Einreise erhalten. In dieser werden auch diejenigen Migranten nicht aufgeführt, die mittlerweile eingebürgert wurden und deutsche oder doppelte Staatsangehörigkeit haben. Ebenso wenig werden in dieser Statistik die illegalen Einwanderer erfasst. Während die Zahl der Ausländer also mit 8,2% der Gesamtbevölkerung beziffert werden kann, ist der Anteil der Personen mit Migrationshintergrund deutlich höher und beläuft sich auf etwa 15% der Bevölkerung Deutschlands (Stand 2005)[8].

3 Psychische Krankheiten – eine Begriffsannäherung

Bevor wir uns dem Hauptthema dieser Arbeit - psychische Erkrankungen bei Migranten – zuwenden, ist zunächst eine Diskussion des Begriffs der psychischen Erkrankungen notwendig. In den verschiedenen Disziplinen des medizinischen bzw. psychologischen Bereiches wurde der Begriff „psychische Krankheit“ kontrovers diskutiert und inzwischen vor allem in der klinischen Psychologie, der Psychiatrie und der Psychotherapie weitgehend durch den Begriff der „psychischen Störung“ ersetzt, um einerseits der Gefahr der Stigmatisierung der Betroffenen zu begegnen und andererseits der Tatsache des nach wie vor unzureichenden Wissensstandes um die Ursachen und Beseitigung der Symptome Rechnung zu tragen. Insgesamt erweist es sich allerdings auch beim Begriff der psychischen Störung als sehr schwierig, eine einheitliche Definition zu formulieren, da aufgrund der Merkmalsvielfalt psychischer Auffälligkeiten eindeutige Charakterisierungen nur beschränkt möglich sind.

Im Folgenden wird die sehr weit gefasste Definition des diagnostischen und statistischen Manuals psychischer Störungen DSM der American Psychiatric Association (APA) vorgestellt:

„In DSM-IV wird jede psychische Störung als ein klinisch bedeutsames Verhaltens- oder psychisches Syndrom oder Muster aufgefaßt, das bei einer Person auftritt und das mit momentanem Leiden (z.B. einem schmerzhaften Symptom) oder einer Beeinträchtigung (z.B. Einschränkung in einem oder in mehreren wichtigen Funktionsbereichen) oder mit einem stark erhöhten Risiko einhergeht, zu sterben, Schmerz, Beeinträchtigung oder einen tiefgreifenden Verlust an Freiheit zu erleiden. Zusätzlich darf dieses Syndrom oder Muster nicht nur eine verständliche und kulturell sanktionierte Reaktion auf ein bestimmtes Ereignis sein, wie z.B. den Tod eines geliebten Menschen. Unabhängig von dem ursprünglichen Auslöser muß gegenwärtig eine verhaltensmäßige, psychische oder biologische Funktionsstörung bei der Person zu beobachten sein. Weder normabweichendes Verhalten (z.B. politischer, religiöser oder sexueller Art) noch Konflikte des Einzelnen mit der Gesellschaft sind psychische Störungen, solange die Abweichung oder der Konflikt kein Symptom einer oben beschriebenen Funktionsstörung bei der betroffenen Person darstellt.“[9]

Gemäß dieser Definition sind psychische Störungen somit klinisch bedeutsame, aktuell bei einer Person zu beobachtende Verhaltens- und Erlebensmuster, die in Störungen von psychischen, biologischen oder Verhaltensfunktionen ihre Ursache haben und entweder unmittelbar oder stark wahrscheinlich zu Leiden, Beeinträchtigungen oder Freiheitsverlust führen.

Im Kontext dieser Arbeit, die sich ja mit psychischen Störungen bei Migranten beschäftigt, erscheint ein besonderes Augenmerk auf die Aspekte, was psychische Störungen laut der obigen Definition nicht sind, angebracht:

Wenn Verhalten und Erleben zu den oben beschriebenen Einschränkungen führen, diese aber eine nahe liegende Reaktion der Person auf ein äußeres Ereignis darstellen (z.B. Trauerreaktion) oder wenn die Person Konflikte mit gesellschaftlichen Normen und Anforderungen hat, spricht man nicht von psychischen Störungen, es sei denn, die Abweichung bzw. der Konflikt ist selbst ein Symptom der Funktionsstörung (dies kann u.a. bei schizophrenen Menschen der Fall sein). Wie noch zu zeigen sein wird, stellt bei Migranten jedoch gerade die Anpassung an gesellschaftliche Normen und die ggf. daraus entstehenden Konflikte einen großen Anteil der Entstehungsbedingungen für psychische Störungen dar.

Nach dieser allgemeinen Begriffserörterung liegt die Frage nahe, welche Arten von psychischen Störungen unterschieden werden. Bemühungen um sinnvolle Einteilungen von Störungsbildern gibt es mit dem ICD- und in Ergänzung dazu dem DSM- Klassifikationssystem schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Erst seit den 1980er Jahren begannen sich einheitliche Klassifikationssysteme auf nationaler und internationaler Ebene durchzusetzen.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO entwickelte mit der ICD-10 (“International Classification of Diseases” 10. Revision aus dem Jahr 1993) ein Klassifikationssystem, welches alle medizinischen Krankheiten und Störungen thematisiert. Es ist in Deutschland seit 1998 rechtlich weitgehend verbindlich. Im Kapitel V (F) sind die psychischen Störungen aufgeführt.

Das andere große Klassifikationssystem ist das von der American Psychiatric Association herausgebrachte DSM-IV (“Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders”, 4. Revision, 1994, deutsch 1996; Textrevision DSM-IV-TR 2000, deutsch 2003). Insgesamt werden 395 psychische Störungen beschrieben, einhergehend mit statistischen Angaben sowie Kriterien. Da das DSM-IV die einzelnen Störungen genauer definiert, bevorzugen insbesondere die Psychologie-Studiengänge der deutschen Universitäten dieses Klassifikationssystem gegenüber der ICD-10.[10]

4 Psychische Belastungen bei Migranten

4.1 Migration und psychische Erkrankungen

Angesichts der Migrantenzahlen, die im Kapitel 2.3 präsentiert wurden, stellt sich die Frage, wie es um den Zugang zu medizinischer Versorgung für Migranten bestellt ist. Besonders interessant erscheint dabei die Frage des Zugangs zu psychiatrisch-psychotherapeutischer Versorgung. Denn die Migranten sind zahlreichen psychischen Belastungen während und nach der Migration, häufig aber auch vor der Migration (z.B. Flüchtlinge) ausgesetzt, die sie für psychische Erkrankungen anfällig machen. So zeigte eine Studie von Häfner und Mitarbeiter, dass ein Viertel der untersuchten Gastarbeiter drei Monate nach Einwanderung psychisch krank waren; 18 Monate nach Einwanderung waren es rund ein Drittel.[11] Eine Analyse zu Schizophrenie und Migration identifizierte eine Migrationsbiographie, insbesondere für Migranten der zweiten Generation, als wichtiger Risikofaktor für die Entwicklung einer Schizophrenie[12]. Dies zeigt auch deutlich, dass nicht nur der Migrationsakt selbst, sondern die mit der Migration verbundenen Faktoren wie sozialer Status nach der Migration, Arbeitslosigkeit, Wohnverhältnisse, Vorgeschichte der Migration u. a. die psychischen Erkrankungen fördern.

Psychische Reaktionen und Störungen im Zusammenhang mit Migration können wie folgt systematisiert werden:

" 1. kulturabhängige (normalpsychologische) Besonderheiten, d.h. Reaktionen auf den Migrationsstress oder eine fremde Kultur, die im Schwellenbereich zu krankheitswertigen Symptomen angesiedelt sind,
2. mit einem Migrationsprozess-/hintergrund häufig assoziierte Störungen („migrationstypische Störungen“), wozu depressive Erkrankungen, psychosomatische Beschwerden, Somatisierung, Belastungsreaktionen und Anpassungsstörungen sowie posttraumatische Belastungsstörungen zählen,
3. vom Migrationsprozess primär unabhängige schwere psychische Störungen, bei denen ein Migrationshintergrund eher sekundär die Ausprägung, die Symptomatik und den Verlauf einer Erkrankung oder den Zugang zu professioneller Hilfe beeinflusst (z.B. Schizophrenie, Demenz u. a.)“[13]

4.2 Migrationspezifische Faktoren psychischer Erkrankungen

Betrachten wir die migrationspezifischen Faktoren, die eine psychische Erkrankung begünstigen, etwas näher.

4.2.1 Materielle und soziale Lage

Zu diesen Faktoren gehört in erster Linie die materielle und soziale Lage der Migranten. Bedingt durch die Tatsache, dass Migranten häufig über längere Zeit keine Arbeit finden können (und zum Teil keine ausüben dürfen), ist ihre materielle Lage in den meisten Fällen schwierig. Durch die Umsiedlung in eine für sie fremde Gesellschaft finden sie sich oft in den unteren sozialen Schichten der Gesellschaft wieder. Dies wird durch die eben erwähnte schwierige materielle Lage nur noch verstärkt. Aus epidemiologischen Studien der Gesundheitswissenschaften ist aber bekannt, dass die soziale und materielle Lage einen wesentlichen Einfluss auf die Gesundheit hat.[14] Die Migranten sind somit durch ihre materielle und soziale Lage erhöhtem Erkrankungsrisiko ausgesetzt. Dieses Risiko wird durch häufig schlechte Arbeitsbedingungen zusätzlich erhöht.

4.2.2 Psychische Faktoren

Psychische Faktoren erhöhen zusätzlich die Vulnerabilität für eine psychische Erkrankung. Mitglieder einiger Migrantengruppen (wie z.B. Asylbewerber) müssen häufig über längere Zeit mit einer großen Unsicherheit über ihren Aufenthaltsstatus leben. Diese Unsicherheit belastet zusätzlich die Psyche der betroffenen Person und begünstigt die Entstehung bzw. Verschlechterung der psychischen Erkrankung. Die drohende Abschiebung führt zu einer weiteren Traumatisierung des Menschen. Zudem verhindert sie die Einleitung einer psychotherapeutischen Behandlung.

Um einen weiteren psychischen Faktor besser verstehen zu können, müssen hier die Phasen des Migrationsprozesses bezüglich der Entscheidung zur Migration analysiert werden.

„Die Migrationssoziologie unterteilt den Migrationsprozess idealtypischerweise in vier Phasen:

Phase I:

In dieser Phase, wie in der zweiten Phase erfolgt die Motivbildung für eine Migration:

Oftmals gibt die Unzufriedenheit mit der eigenen Lebenssituation Anlass, über eine Migration nachzudenken. Diese Unzufriedenheit resultiert aus der subjektiven Wahrnehmung belastender (gesellschaftlicher) Umstände, die sich negativ auf die individuelle Lebenssituation auswirken und individuell nicht beeinflussbar sind.

Phase II:

In dieser Phase erfolgt die gedankliche Auseinandersetzung mit der Migration; sie wird nach und nach als realistische und sinnvolle Lösung zur Verbesserung der individuellen Lebenssituation gesehen. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass niemand Migration für sich in Betracht ziehen wird, wenn sie nicht erfolgsversprechend – also eine Verbesserung der persönlichen und / oder ökonomischen Lebenssituation mit sich bringend – zu sein scheint.

Phase III:

In dieser Phase geht es primär darum, die eigenen Wünsche und Erwartungen mit den aktuellen Möglichkeiten des in Frage kommenden Zielortes zu vergleichen und zu überprüfen. Die geographische Distanz zum Heimatort, die zeitliche Dimension der Migration – vorübergehend oder langfristig – aber auch die soziokulturellen Rahmenbedingungen im potentiellen Zielland spielen hierbei eine entscheidende Rolle.

Nicht-rationale Argumente (wie die Meinung von Familienangehörigen) haben in diesem Zusammenhang oftmals mehr Bedeutung für die potentiellen Migranten als rein logische, rationale Argumente (wie die tatsächlichen Gegebenheiten im denkbaren Zielland).

Phase IV:

In dieser Phase fällt die Entscheidung für oder gegen die Migration, resultierend aus den in den vorigen Phasen gewonnenen Erkenntnissen. Fällt die Entscheidung für die Migration aus, wächst die innere und mentale Bereitschaft, alle Risiken, die mit der Migration verbunden sind, aufzunehmen und den Schritt der Migration zu vollziehen.“[15]

Die obige Beschreibung der Phasen des Migrationsprozesses lässt erahnen, mit welchen (großen) Erwartungen die betroffenen Personen in die Migration gehen. Im Zielland angekommen, finden sie sich meistens wie bereits beschrieben in den unteren sozialen Schichten und werden mit den schwierigen materiellen Bedingungen konfrontiert. Zudem ist die Perspektive, in absehbarer Zeit dieser Lage zu entkommen, oft nicht klar. Die in die Migration gesetzten Erwartungen (s. Phase II) scheinen sich nicht erfüllt zu haben: die individuelle Lebenssituation hat sich nicht verbessert, sondern im Gegenteil oftmals sogar (zumindest vorübergehend) verschlechtert. Hinzu kommt die Enttäuschung über die tatsächlichen Rahmenbedingungen im Zielland, die in vielen Fällen nicht den erwarteten, häufig vom Hörensagen entstandenen und nicht viel mit der Realität zu tun habenden Bedingungen entsprechen.

4.2.3 Fremdsprache als Faktor psychischer Erkrankungen

Die Notwendigkeit, im täglichen Leben sich in einer für sie fremden Sprache zu verständigen, stellt eine weitere Belastung für die Psyche der Migranten dar. Sogar bei guter Beherrschung der Sprache des aufnehmenden Landes wirkt die Unfähigkeit, sich genauso frei und leicht auszudrücken wie in der Muttersprache, auf Migranten sehr belastend. Eine schlechte Beherrschung der Sprache, wie sie bei vielen Migranten zu beobachten ist, und die Unfähigkeit, sogar in täglichen Situationen (beim Einkaufen; bei einem Arztbesuch) sich verständlich zu machen, hat zur Folge, dass die betroffene Person sich innerlich zurückzieht, sich fremd und verfolgt fühlt.

4.2.4 Fremde Kultur. Konflikt der Kulturen

Im Aufnahmeland treffen die Migranten auf eine andere Kultur, die sich zum Teil drastisch von der Kultur des Ursprungslandes unterscheidet. Alleine schon der tägliche Kontakt mit den Erscheinungsformen dieser fremden Kultur kann für den Migranten sehr belastend sein. Unter dem Einfluss der Kultur der Aufnahmegesellschaft geraten mit der Zeit die Werte der eigenen Kultur, an die man sich sein Leben lang orientiert hat, ins Bröckeln.

Die Kultur einer Gesellschaft kann eine individualistische oder eine kollektivistische Grundstruktur haben. Viele der nach Deutschland kommenden Migranten stammen aus den Gesellschaften mit kollektivistischen Kulturen. Sie sind daran gewöhnt, dass Menschen zueinander halten und einander helfen, auch wenn sie dafür auf eigene Interessen verzichten müssen. Die westliche Kultur ist hingegen individualistisch und auf Autonomieentwicklung, Unabhängigkeit und Erfüllung individueller Ziele ausgerichtet. So vermissen die Migranten häufig diese Unterstützung, die für sie in ihrem Heimatland selbstverständlich war. Sie sind gezwungen, sich anzupassen, sich die anderen Werte anzueignen. Auch die familiären Beziehungen haben in den kollektivistischen Kulturen einen viel höheren Wert, als in der westlicher Kultur. Daher reagieren Migranten oft sehr schmerzhaft, wenn es wegen der schnelleren Akkulturation ihrer Kinder zu Generationskonflikten in der Familie kommt.

Auch die Rollenverteilung in der Familie erfährt eine Neubewertung. In den traditionellen Gesellschaften ist der Mann der Oberhaupt der Familie, während der Frau eine eher untergeordnete Rolle zukommt. Konfrontiert mit den Werten der Aufnahmegesellschaft, emanzipieren sich viele Migrantenfrauen. Für den Mann bedeutet dies eine Abwertung seiner Rolle. Dies führt zu Konflikten in der Familie bis hin zur Scheidung.

4.2.5 Besondere Faktoren bei Kindern der Migranten

In diesem Kapitel betrachten wir die Frage, wie der Migrationsprozess den psychischen Zustand der Kinder beeinflusst.

Wie wir später im Kapitel 4.3 sehen werden, besteht der Migrationsprozess aus mehreren Stadien. Das erste Stadium ist die Vorbereitungsphase, in der die Entscheidung für die Migration fällt. Diese Phase fehlt bei Kindern, weil die Entscheidung für sie von ihren Eltern getroffen wird und die Kinder in den meisten Fällen darauf nicht vorbereitet werden. Sie können sich nicht aktiv für die Migration entscheiden und somit sich mental darauf vorbereiten, sondern „werden migriert“[16]. Nach dem Migrationsakt sind sie

„plötzlich damit konfrontiert, dass die vertraute Umgebung, die Beziehungen weg sind, so dass sie

- Fremde in der Schule, im öffentlichen Raum sind,
- eine Fremdheitserfahrung machen, ohne dass die Eltern ihnen Kompetenzen vermitteln konnten, wie sie diese bewältigen können,
- einen Verlust, einen Abbruch von wichtigen Beziehungen erleben, der meist aufgrund der Schwierigkeiten der Eltern, dem eigenen Schmerz um das Verlorene nicht thematisiert wird.“[17]

Als Folge fühlen sich die Kinder oft einsam und verunsichert. So zeigte eine 1994 durchgeführte Befragung, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund die Merkmale „Hilflosigkeit“ und „Einsamkeit“ doppelt so oft angegeben haben als deutsche Jugendliche.[18]

Noch schwieriger stellt sich die Situation bei traumatisierten Flüchtlingskindern dar, denen die Eltern in den meisten Fällen wegen ihrer Sicherheit und der Sicherheit der ganzen Familie nichts über die bevorstehende Flucht aus dem Land erzählen. Besonders hart trifft es Kinder, die ohne Begleitung nach Deutschland kommen. Groben Schätzungen zufolge beträgt die Anzahl auf diese Weise nach Deutschland migrierten Kindern 5.000 bis 10.000[19]. Sie mussten mit Fluchthelfern reisen, die sie nicht kennen; man erzählte ihnen nichts über die Wege, die sie benutzten, damit diese geheim bleiben; unterwegs waren sie zum Teil Not und Gewalt ausgesetzt. In Deutschland angekommen, werden sie von ihren Begleitern ohne weitere Erklärung verlassen. So finden sie sich in einem fremden Land wieder, allein gelassen, von ihren Familien, Traditionen und gewohnter Umgebung losgerissen. Häufig sind das Kinder, die bereits in der Heimat Gewalt erlebt haben oder Zeugen der Folter waren. Dies alles führt bei solchen Kindern zu Angstzuständen, Schlafstörungen, depressiven Stimmungen.

[...]


[1] Jain. Migration – Gesundheit – soziale Arbeit: Dolmetschen im Gesundheitswesen. (2008, S. 4)

[2] ebenda

[3] ebenda

[4] Machleidt, Calliess. Transkulturelle Psychiatrie und Migration (2005) zitiert nach: Behrens. Therapieverläufe von Migranten in der sozialpsychiatrischen Tagesklinik (2007, S. 9)

[5] Trends in total migrant stock (2006, S. 1ff)

[6] Migrationsbericht des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (2008, S. 36)

[7] Migrationsbericht des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (2008, S. 175)

[8] Machleidt, Calliess. Transkulturelle Psychiatrie und Migration (2005) zitiert nach: Behrens. Therapieverläufe von Migranten in der sozialpsychiatrischen Tagesklinik (2007, S. 9)

[9] DSM-IV-TR, deutsche Ausgabe S. 979, zitiert nach: Walter. Psychische Störungen. (WWW-Seite)

[10] Walter. Psychische Störungen. (WWW-Seite)

[11] Behrens. Therapieverläufe von Migranten in der sozialpsychiatrischen Tagesklinik (2007, S. 6)

[12] ebenda

[13] Assion. Migration und psychische Krankheit (2005) zitiert nach: Behrens. Therapieverläufe von Migranten in der sozialpsychiatrischen Tagesklinik (2007, S. 8)

[14] Behrens. Therapieverläufe von Migranten in der sozialpsychiatrischen Tagesklinik (2007, S. 10)

[15] Jain. Migration – Gesundheit – soziale Arbeit: Dolmetschen im Gesundheitswesen. (2008, S. 4)

[16] Wohlfart, Kluge, Özbek. Mögliche psychische Folgen von Wanderung und Migration (2007, S. 124)

[17] Wohlfart, Kluge, Özbek. Mögliche psychische Folgen von Wanderung und Migration (2007, S. 124)

[18] Razum et al. Migration und Gesundheit. (2008, S. 84)

[19] Jordan, Riedelsheimer. Soziale Arbeit mit Flüchtlingskindern (2004, S. 152)

Details

Seiten
62
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783842803046
Dateigröße
576 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v227972
Institution / Hochschule
Evangelische Hochschule Darmstadt, ehem. Evangelische Fachhochschule Darmstadt – Gesellschaftswissenschaften und Soziale Arbeit, Studiengang Soziale Arbeit
Note
1,0
Schlagworte
migrant psychische erkrankung posttraumatische störung soziale arbeit belastung

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Titel: Psychische Erkrankungen bei Menschen mit Migrationshintergrund