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Die ethnische Identität der Balkan-Ägypter im Kosovo

Bachelorarbeit 2010 42 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begrifflichkeiten und Definitionen: Was ist ethnische Identität?
2.1 Identität
2.2 Ethnizität
2.2.1 Primordialismus
2.2.2 Konstruktivismus
2.2.3 Ethnische Identität
2.2.4 Ethnische Grenzziehung
2.3 Wir-Gruppen und ethnische Bewegungen
2.4 Zusammenfassung

3. Die ethnische Identität der Kosovo-Ägypter
3.1 Die Ethnogenese der Balkan-Ägypter im Kosovo: Ursprung, Formation und Mystifizierung der Geschichte
3.2 Kennzeichen ethnischer Grenzziehung im Alltag
3.2.1 Inter-ethnische Beziehungen und Lebensweise
3.2.2 Der äußere Habitus
3.2.3 Selbst- und Fremdzuschreibung: Das Ethnonym ‚Ägypter‘
3.2.4 Gemeinsame Kultur?
3.3 Zwischenfazit

4. Die ethnische Bewegung der Balkan-Ägypter

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Ethnizität besitzt für viele Menschen überall auf der Welt eine enorme Alltagsrelevanz, da sie grundlegend identitätsbestimmend wirkt und noch immer die Mehrzahl der Bürgerkriege in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf Legitimationsbasis ethnischer Ideologien ausgetragen wird (Waldmann 1989: 7). So war in den letzten zwei Jahrzehnten auch der Kosovo-Konflikt ethnisch begründet. Mit der nachhaltigen Befriedung der Region und der Schaffung eines demokratischen, multi-ethnischen ‚Viel-Völkerstaats‘ steht sowohl die internationale Administration als auch die Regierung der Republik Kosovo momentan vor einer diffizilen und komplexen Herausforderung.

Neben Kosovo-Albanern (welche die ethnische Majorität des Kosovos darstellen) und Serben, gibt es zahlreiche ethnische Minoritäten, die – umstrittener Weise – häufig unter den Begriffen „Gypsies“ oder „Zigeuner“ subsumiert werden.[1] Doch speziell im Falle des Kosovos ist diese Bezeichnung nicht unbedingt zutreffend, da die sogenannte „Gypsy“-Gemeinschaft in realita nicht so homogen ist, wie es von der außenstehenden Bevölkerung oft wahrgenommen wird (Marushiakova et al. 2001: 4). Drei unterschiedliche Gruppierungen fallen unter die verwendeten Oberbezeichnungen: Roma, Ashkali und Ägypter (kurz: RAE).

Die vorliegende Arbeit analysiert die kollektive, ethnische Identität der im Kosovo lebenden Balkan-Ägypter und stellt dabei in drei Teilen sowohl die theoretische Grundlage von ethnischer Identität als auch den spezifischen Fall der Kosovo-Ägypter näher dar.

Im ersten Teil der Arbeit werden der essentialistische und der konstruktivistische Definitionsansatz zur ethnischen Identität vorgestellt, wobei sowohl die soziale Grenzziehung als auch ethnische ‚Bewegungen‘ und deren Mobilisierungswirkung betrachtet werden. Darüber hinaus wird erläutert, welche Ethnizitäts- bzw. Identitätsbegriffe der weiteren Untersuchung zu Grunde gelegt werden.

Im zweiten Teil wird die vorgestellte theoretische Konzeption aus dem ersten Teil auf den Fall der Kosovo-Ägypter angewendet, um vor allem deren Ethnogenese und soziale Grenzziehung nachvollziehen zu können.

Es soll den Fragen nachgegangen werden, wie die ethnische Grenzziehung im Kosovo, insbesondere zwischen den RAE-Gruppen, gestaltet ist und inwiefern es sich bei den drei so bezeichneten „Gypsy“-Gemeinschaften soziologisch um separate Ethnien handelt, da diese Frage seit 1999 in diversen Publikationen immer wieder abweichend beantwortet wurde (vgl. Lichnofsky 2009: 1).

Um einen tieferen Einblick in die hoch komplexen, ethnischen Identitätsdiskurse zu eröffnen, ist es im Vorfeld nötig, einen Exkurs in die Geschichte der Ethnie vorzunehmen. Bei der Analyse der ethnischen Identität werden dann sowohl Selbst- als auch Fremdzuschreibungen Berücksichtigung finden, wobei die Aufrechterhaltung ethnischer Grenzen anhand verschiedener Definitionsattribute im Zentrum steht.

Als letztes wird im dritten Teil der Arbeit die ethnische Bewegung der Kosovo-Ägypter und deren Formation zur ‚Wir-Gruppe‘[2] seit den 1970’er Jahren analysiert, um zu überprüfen, inwiefern diese zur Manifestierung und Stabilisierung der ethnischen Identität beigetragen hat.

Hinweise zur Terminologie

Der Verwendung des Begriffe „Gypsy“ und „Zigeuner“ ist v.a. durch den Nationalsozialismus vorbelastet und darüber hinaus können beide Bezeichnungen als „ Fremdbeschreibungen“ angesehen werden (Lichnofsky 2009: 13), weshalb in dieser Arbeit von der Verwendung beider Termini weitgehend abgesehen wird. Wenn von der generalisierten, abstrakten Gruppe der sogenannten „Gypsies“ oder „Zigeuner“ im Kosovo die Rede ist, wird die englische Abkürzung RAE (= Roma, Ashkali and Egyptians) verwendet, um die Existenz der einzelnen ethnischen Gruppen nicht zu untergraben.

Der Begriff ‚Ägypter‘ wird im Zusammenhang dieser Arbeit verwendet, die Menschen im Kosovo zu beschreiben, welche sich selbst als Balkan-Ägypter identifizieren. Dieser Personenkreis bezeichnet sich deshalb als Ägypter, da die Mitglieder dieser ethnischen Gruppierung davon überzeugt sind, dass die eigenen Vorfahren vor mehreren hundert Jahren aus dem alten Ägypten in den Balkan immigriert sind (dazu in den jeweiligen Kapiteln mehr). Es wird aus praktischen Gründen bei allen Pluralbildungen darauf verzichtet, die feminine Form in der Mehrzahl zu verwenden (z.B. ÄgypterInnen bzw. Ägypterinnen und Ägypter etc.).

Der Terminus ‚Ashkali‘ bezeichnet in dieser Arbeit Mitglieder einer ethnische Gruppe, die fast ausschließlich im Kosovo zu finden ist. Der Begriff Ashkali wird nur im Singular, ebenso aber als Adjektiv verwendet. Der Name rührt von der albanischen Bezeichnung „Haskali“, welcher von einigen Mitgliedern der Gemeinschaft der Balkan-Ägypter teilweise als Beleidigung empfunden wird. Es wird argumentiert, dass er angeblich dazu diene, „die ethnische Identität der Ägypter zu ruinieren.“ (Abazi 1999) Von dieser Unterstellung möchte ich mich klar distanzieren und verwende den Begriff ausschließlich in solchen Zusammenhängen, in denen sich Mitglieder dieser Gruppe selbst als Ashkali bezeichnet haben und als solche verstanden werden wollen. Es ist nicht eindeutig zu klären, ob es sich, wie z.B. von Rubin Zemon dargestellt, bei Ashkali und Ägyptern um ein und dieselbe ethnische Gruppe handelt.[3]

Um von der Fremdbeschreibung „Zigeuner“ abzurücken, wird auch die Volksgruppe der ‚Roma‘ in dieser Arbeit nur als solche bezeichnet. Der Begriff ‚Roma‘ wird für weibliche und männliche Mitglieder der Gemeinschaft und nur im Singular Verwendung finden (Adjektiv: ‚Romani‘). Die Muttersprache der (meisten) Roma wird als ‚Romanese‘ beschrieben.

Es ist zu beachten, dass die terminologische Differenzierung, die ich für diese Arbeit gewählt habe, durchaus nicht in allen Publikationen zur Thematik in dieser Form zu finden ist. Oft wird beispielsweise der Terminus ‚Roma‘ (vor allem unter Roma-Eliten) dazu verwendet, auch Ashkali und Ägypter zu bezeichnen (Lichnofsky 2009: 11). Diese Subsumtion wäre zum einen nicht funktional für die nachfolgende Analyse, zum anderen wird darin oft von Seiten der Ashkali und Ägypter ein unterschwelliger Assimilationsversuch gesehen. Oft werden Ägypter und Ashklai unter dem Sammelbegriff ‚Magjupi’ (Albanisch: „Zigeuner”) bezeichnet, wobei auch dies zum Teil als beleidigend empfunden wird.

Da die Zahl der Bürger ohne amtliche Registrierung (ohne legalen Status) im Kosovo nach wie vor sehr hoch ist, können keine genauen Angaben zu der Gesamtzahl der Mitglieder der RAE und/oder der Restbevölkerung gemacht werden. Es wird geschätzt, dass zurzeit zwischen 35.000 und 40.000 Mitglieder der RAE-Gemeinschaften im Kosovo und etwa 70.000 - 100.000 im Ausland leben – nachdem sie aufgrund ethnischer Spannungen und des Kosovo-Krieges während der 1990’er Jahre ihre Heimat verlassen haben (CommDH 2009).

Hinweise zu Methodik und Problemen bei der Erstellung der Arbeit

Die entscheidende Schwierigkeit des Erstellens der vorliegenden Arbeit lag in der Literaturrecherche: Die meisten Publikationen waren in englischer Sprache verfasst, viele relevante Texte jedoch nur auf mazedonisch oder serbisch. Deutsche Literatur konkret zum Fall der Ägypter war kaum zu finden. Leider waren einige interessante Studien und Berichte in deutscher Sprache tendenziell populärwissenschaftlich (v.a. von Paul Polansky) und wiesen kaum bis keine Quellenangaben auf. Ein weiteres Problem war, dass die meisten Artikel ausschließlich die historische Ethnogenese thematisierten und bislang augenscheinlich keine wissenschaftliche Untersuchung zur ethnischen Grenzziehung zwischen RAE im Kosovo existiert. Die wenigen Autoren, die sich bisher überhaupt mit der Thematik auseinandergesetzt haben, verfolgten entweder durch das Erstellen ihrer Texte eigene Interessen oder sie zitierten sich häufig untereinander. Des Weiteren ist ein Mangel an empirischen bzw. statistischen Daten anzumerken, der vor allem die Analyse der Beschaffenheit ethnischer Grenzen schwerfallen ließ.

Eine weitere Herausforderung lag darin, die soziologischen Aspekte der verschiedenen Publikationen heraus zu destillieren und die wichtigsten Erkenntnisse der anderen Disziplinen (Anthropologie, Ethnologie, Geschichtswissenschaft etc.) dennoch zu sichten und in der Arbeit zu berücksichtigen.

Neben der Literaturrecherche konnte ich mir durch diverse Praktika im Kosovo (unter anderem bei den Nichtregierungsorganisationen Roma and Ashkalia Documentation Center, dem Civil Rights Program Kosovo und dem Sonderbeauftragten der Europäischen Union) zwischen 2008 und 2010 ein konkretes, eigenes Bild von der ethnischen Identität der RAE machen. Darüber hinaus habe ich im Vorfeld der Niederschrift dieser Arbeit qualitative Experten-Interviews mit Vertretern der RAE-Gemeinschaften geführt, wodurch unter anderem erreicht wurde, die Positionen und Interessen einiger Autoren besser nachzuvollziehen und Einblicke in die emischen Sichweisen verschiedener Menschen aus dem Kosovo zu gewinnen.

2. Begrifflichkeiten und Definitionen: Was ist ethnische Identität?

2.1 Identität

In der Soziologie wird Ethnizität als Identitätskategorie begriffen (Pott 2001: 22), sodass es sinnvoll erscheint, im Rahmen dieser Arbeit zunächst den Begriff der Identität näher zu definieren.

Ethnizität schlägt sich sowohl in beobachtbaren Verhaltensweisen, also kollektiv-sozialen Aspekten, als auch in individuell-identifikativen Zugehörigkeiten (subjektiven Bewusstseinszuständen) des Einzelnen zu einer Gruppe nieder (ebd., Schnell 1990:4). An dieser Stelle soll aber – da für die Sozialwissenschaften relevanter – nur die kollektive Identität definitorische Berücksichtigung finden. Das individuelle Zugehörigkeitsgefühl wird nur innerhalb des empirischen Teils der Arbeit an der einen oder anderen Stelle in die Analyse mit einfließen.

Kollektive Identität ist eine gedachte Gemeinschaftlichkeit, die „symbolisch konstruiert“ und durch „Rituale und Institutionalisierungen befestigt“ wird (Bach 2008: 177). Als Attribute der kollektiven Identität nennt Klaus Eder beispielsweise einen kontingenten Inhalt, eine affektive Bindung an das Kollektiv und die Definitionsmacht zu bestimmen, „wer dazu gehört und wer nicht“. Sie besitzt also Exklusionspotenzial und stellt eine notwendige Grenzziehung dar: „Identität [ist] immer die Identifizierung eines »Einen« durch Abgrenzung von »Verschiedenem«.“ (Eder 1999: 148) Neben dieser exkludierenden Funktion weist sie aber auch eine inkludierende auf: Interne Verschiedenheiten werden überwunden und Gleichheiten und Gemeinsamkeiten herausgestellt (vgl. Giesen 1999: 134). Besonders entscheidend ist hierbei das „Attribut der Ähnlichkeit“, welches selbst symbolisch konstruiert und definiert werden kann, und durch welches eine Gruppe in die Lage versetzt wird, sich deutlich von anderen Kollektiven abzugrenzen (Eisenstadt 1999: 373). Zusammenfassend sind diese „social identities“ also auf Grundlage verschiedener Kategorien (z.B. Geschichte, Abstammung, gesellschaftliche Werte und Normen) aufgebaut, die Menschen in einer Gesellschaft gleichzeitig vereinen und teilen (Laitin 1998: 16).

Identität ist immer ein kritisches Merkmal sozialer Beziehungen, da Zuschreibungen (sowie Stereotype) selten konstant oder konsistent sind (vgl. Mayall 2004: vii, Mayall 2004: 193). Der entscheidende Unterschied zwischen ethnischer Identität und anderen kollektiven Identitäten liegt darin, dass die sogenannte ethnische ‚Wir-Gruppe‘ einen Glauben bzw. ein Bewusstsein kultureller Eigenständigkeit (aufgrund eines gemeinsamen Ursprungs und einer geteilten Geschichte) aufweist (vgl. Govers/Vermeulen 1997: 6 f., Scherrer).

2.2 Ethnizität

Seit den späten 1960’er Jahren ist das Ethnizitätskonzept in den Gesellschaftswissenschaften nicht mehr wegzudenken (Govers/Vermeulen 1997: 3), und es hat besonders in den letzten Jahrzehnten keineswegs an Bedeutung einbüßen müssen – „entgegen den Prognosen der Politik- und Sozialwissenschaften über die Entwicklung moderner Gesellschaften“ (Scherrer).

Der Terminus ‚Ethnizität’ kommt vom griechischen ethnos, Nation oder Rasse (auch Volk) und deutet auf eine Gruppe hin, welche sich v.a. durch gemeinsame Abstammung auszeichnet (Peterson 1997: 33, Caspersen 2008: 285).

Versuche, den Begriff „Ethnizität” für die aktuelle Forschung zu definieren, gelten teilweise als strittig und bislang existiert keine allgemein akzeptierte Definition (Caspersen 2008: 285, Scherrer). Daher sollen hier zunächst die beiden gängigsten Ansätze einander gegenübergestellt werden, um im Anschluss erklären zu können, welche Definition der nachfolgenden Untersuchung der Kosovo-Ägypter zugrunde liegt und warum diese so gewählt wurde.

2.2.1 Primordialismus

Der primordialistische (auch essentialistische) Definitionsansatz betrachtet Ethnizität als eine natürliche Kategorie mit objektiv-ursprünglicher Disposition. Es werden primordialistisch-fundamentale Kriterien wie gemeinsame Sprache, Kultur, Religion, Lebensweise, gemeinsame Ursprünge und Geschichte, gemeinsames Territorium, Abstammung, Rasse und ähnliches als Basis der ethnischen Identität angesehen (vgl. Elwert 2001: 669; Lentz 199, Salzborn 2006: 99, Pott 2001: 22). Gemeinsamkeiten bzw. Unterschiede in diesen Punkten definieren eine Ethnie und machen sie unverwechselbar, wodurch – so die essentialistische Argumentation – ethnische Grenzen als unabänderlich zu beschreiben wären. Soziale Interaktion oder die Berücksichtigung von Eigeninteressen spielen im Primordalismus – wenn überhaupt – eher eine untergeordnete Rolle (Mayall 2004: 193). Aus einer emisch[4] primordialistischen Sichtweise steht vor allem jede Form gemeinsamer Abstammung im Zentrum der Betrachtung. Dass es sich dabei nicht um „faktische Abstammung handeln muß, sondern in der Regel um eine putativ-mythische oder »fiktive«“, wird oft nicht berücksichtigt (Scherrer).

2.2.2 Konstruktivismus

Der Konstruktivismus entstand in den 1980’er Jahren als Resultat der interdisziplinären, kritischen Auseinandersetzung mit kollektiver Identität, wie sie in Form der provokativen Arbeiten zu Themen wie ‚Imagined Communities‘, ‚erfundener Tradition‘, Mythen und konstruierten Identitäten von Hobsbwam, Anderson und Ranger zu finden ist (Mayall 2004: 194). Im Gegensatz zu den Primordialisten klassifizieren Konstruktivisten in der Ethnizitätsdiskussion ‚Ethnien‘ und ‚Ethnizität‘ als soziale Konstrukte und es wird vor allem die „Subjektivität des normativen Gehalts von Ethnizität betont“ (Salzborn 2006: 99). Das heißt, es würde verstärkt „auf historische, soziale und politische Umstände hingewiesen, die die Identifikation mit dem Konzept der Ethnizität verursachten.“ (ebd.) Es besteht – zumindest nach dieser Auffassung – ein Konsens darüber, dass Identität sich nicht wie eine Hautfarbe vererben lässt, sondern sozial konstruiert wird (Laitin 1998: 11).

In der konstruktivistischen Ethnizitätsforschung werden oft der Ursprung, die Geschichte und die Kultur einer Ethnie untersucht, aber in diesem Fall wird der artifizielle Charakter der Attribute oder Bezugspunkte meist deutlich hervorgehoben.[5]

Doch warum werden ethnische Gruppen überhaupt als Konstrukte angesehen und behandelt?

Man hat v.a. durch empirische Feldforschung feststellen können, dass sich Ethnien „nicht zwangsläufig aufgrund von primordiellen Eigenschaften wie Sprache, Religion und Abstammung“ ausbilden (Brunnbauer 2002: 14), und kein „naturwüchsige[r] Reflex objektiver kultureller Kennzeichen und auch nicht eine Sache »freier Wahl«“ sind (ebd.).

Ethnien sind wie alle andere Identitätskategorien (seien sie geschlechtlich, regional oder politisch) vom Menschen entworfen und die ‚Macher‘ solcher Identitätskategorien werden teilweise zu ‚Führern‘ sozialer Bewegungen oder Kollektive (vgl. Laitin 1998: 11). Um diese Wirkungen aber überhaupt nachzuvollziehen und Ethnizität als soziale Konstruktion dekonstruieren zu können, darf man Kategorien der sozialen Grenzziehung nicht als naturgegebene Fakten hinnehmen, weshalb für die empirische Untersuchung dieser Arbeit der konstruktivistische Ansatz gewählt wird.

[...]


[1] Neben den sogenannten RAE-Gruppen leben auch zahlenmäßig kleine bosnische und türkische Minderheiten im Kosovo, auf die in dieser Arbeit aber nicht weiter eingegangen werden soll.

[2] Definition einer ‚Wir-Gruppe‘: “Gruppe, deren Mitglieder ein Gefühl der Zusammengehörigkeit (Wir-Gefühl) entwickeln und über längere Zeit relativ kontinuierlich kommunizieren und interagieren, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen.“ (Elwert 2001: 264)

[3] “According to the Egyptians, the Ashkali are pure Egyptians, who, under Albanian pressure or voluntarily because of some specific interests, present themselves as another community.” (Marushiakova et al. 2001:4)

[4] Definition „emisch“: „Differenzierung von Begriffen und Kollektiven, die nicht von den Beobachtern, sondern den Angehörigen einer Gruppe selbst praktiziert wird.“ (Elwert 2001: 262)

[5] Teilweise können letztere sogar als erfundene und fiktive – und nicht natürliche, wahre und reale – Tatbestände behandelt werden (vgl. Mayall 2004: 194).

Details

Seiten
42
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783842802957
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v227968
Institution / Hochschule
Universität Passau – Soziologie, Studiengang Staatswissenschaften - Governance and Public Policy
Note
1,0
Schlagworte
ethnologie identität ethnizität kosovo roma

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