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Interventionen bei familiären Kommunikationsproblemen im systemischen Kontext

Diplomarbeit 2010 108 Seiten

Pädagogik - Familienerziehung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffe
2.1 Kommunikation
2.2 Familie
2.3 System
2.4 Problem – eine systemische Definition

3 Kommunikation nach Watzlawick, Beavin und Jackson
3.1 Kommunikationsbegriffe
3.1.1 Rückkopplung
3.1.2 Redundanz
3.1.3 Metakommunikation
3.2 Eigenschaften
3.3 Kommunikationsstörungen
3.3.1 Die Unmöglichkeit, nicht zu kommunizieren
3.3.2 Störungen auf der Inhalts- und Beziehungsebene
3.3.3 Interpunktion als Auslöser von Kommunikationsstörungen
3.3.4 Übersetzungsfehler analoger und digitaler Kommunikation
3.3.5 Störungen in symmetrischen und komplementären Interaktionen
3.4 Paradoxe Kommunikation
Exkurs: Kommunikation nach Luhmann
3.5 Zusammenfassung

4 Familie
4.1 Geschichtlicher Abriss – Von der Hausgemeinschaft zur Familie
4.2 Eigenschaften des Familiensystems
4.2.1 Grenzen und Subsysteme
4.2.2 Beziehungs- und Interaktionsmuster
4.3 Funktion der Familie
4.4 Kommunikation in Familien
4.5 Besonderheiten des Systems Familie
4.6 Zusammenfassung

5 Interventionen der systemischen Arbeit
5.1 Begriffsklärung
Exkurs: Systemische Theorien
5.2 Primär aufdeckende Interventionen
5.2.1 Genogramm
5.2.2 Skulpturarbeit
5.2.3 Familienbrett
5.2.4 Schlussfolgerungen
5.3 Primär behebende Interventionen
5.3.1 Externalisieren
5.3.2 Refraiming
5.3.3 Hausübungen
5.3.4 Reflektierendes Team
5.3.5 Schlussfolgerungen
5.4 Fragen
5.4.1 Fragen als Interventionstechnik
5.4.2 Bedeutung für Kommunikationsprobleme und andere Interventionen
5.5 Zusammenfassung

6 Beispiele systemischer Interventionen in der Sozialen Arbeit
6.1 Haus Leuchtturm – Familie L
6.2 Das Familienbett

7 Zusammenfassung und Ausblick

Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Die systemische Therapie und Beratung hat in den letzten Jahren stetig an Bedeutung gewonnen. Der Ansatz der Systemiker ist insofern ein neuer, dass er sich nicht auf das Problem eines einzelnen Menschen fokussiert, sondern den Blick auf das ganze System, in dem das Problem eingebettet ist, richtet. Das ermöglicht neue Sichtweisen, die insbesondere für den pädagogischen Bereich von großer Bedeutung sind. Es wird danach gefragt, welche Funktion das Problem im System hat. Um dies zu erforschen, ist es zunächst notwendig, das System hinsichtlich der darin vorherrschenden Beziehungs- und Kommunikationsmuster zu ergründen. Eine umfangreiche Übersicht über systemisches Denken und Arbeiten in sozialpädagogischen Bereichen hat Mariana Obst (2008) im Bezug auf verschiedene Autoren erarbeitet. Dieses Werk eignet sich als Einführung in die Systemtheorie und der damit verbundenen Bedeutung für die Soziale Arbeit.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit den Interventionen bei familiären Kommunikationsproblemen im systemischen Kontext. Dieser Schwerpunkt ist auf Grund seiner Aktualität und die bewirkte Veränderung aller bisherigen humanistischen Denkweisen gewählt worden. Diese Betrachtungsweise hat sich über mehrere Jahrzehnte entwickelt und ist in seiner Ausformung noch nicht vollendet. Trotzdem ist die Bedeutung für die Psychologie, Soziologie und Pädagogik schon heute nicht zu unterschätzen. Die Grundgedanken entstammen der Biologie sowie der Kybernetik. Das Systemdenken ist besonders für diejenigen, die sich noch nie damit befasst haben, schwer zu begreifen, sodass erst eine intensive Auseinandersetzung eine Übernahme in das eigene Denkmuster ermöglicht.

In diesem Zusammenhang erfolgt zunächst die Herausarbeitung spezifischer Kommunikationsprobleme und deren Bearbeitungsmöglichkeiten (Interventionen). Besondere Aufmerksamkeit gilt der Familie, die als Schonraum von Individuen zahlreiche Konfliktpotentiale in sich birgt, da es das einzige System ist, das die Person als Ganzes thematisiert und diskutiert. Die Familie ist ein hochkomplexes soziales System mit spezifischen Merkmalen sowie Anforderungen. Sie haben sich in den letzten Jahrhunderten in ihrer Struktur und entsprechend der gesellschaftlichen Ansprüche in ihrer Funktion stark verändert, bilden aber trotzdem den Kern jeder Gesellschaft. Aus diesem Grund wird der Familie ein Kapitel gewidmet, um die Muster, die Rollenverteilung und –erwartung, aber auch die Besonderheiten der Familie aufzuzeigen. Eine Familie muss sich flexibel den Bedürfnissen aller darin Agierenden anpassen, gleichzeitig aber Schutz und Geborgenheit geben und dabei eine Einheit bilden, die sich von dem sie umgebenden System Umwelt abgrenzt.

Das Beheben der Kommunikationsprobleme in Familien stellt das Thema des 5. Kapitels dar. Einleitend sind die wichtigsten systemischen Konzepte, die sich vorrangig Mitte des 20. Jahrhunderts entwickelt haben, in einem Exkurs dargestellt. Nach Klärung des Interventionsbegriffs werden ausgewählte Interventionen und ihre Wirkung erläutert. Davon ausgehend erfolgt die Analyse, mit Hilfe welcher Interventionen die im 3. Kapitel aufgezeigten Kommunikationsstörungen behoben werden können, wobei eine Unterscheidung hinsichtlich ihrer primären Wirkung erfolgt. Ziel der Interventionen ist die Erweiterung der Handlungsmöglichkeiten der Klienten, wobei diese am Lösungsprozess stark beteiligt sind. Es sollen neue Sichtweisen und Problemlösestrategien erarbeitet werden, die es dem bzw. den Klienten ermöglichen, Konflikte künftig auf andere Art und Weise zu beheben. Dabei sind die Interventionen sehr vielfältig, da sie dynamisch und flexibel sind. Es sind keine starren Vorgaben, die abzuarbeiten sind, um das Problem zu beheben, sondern sie können je nach Klient und Situation variiert werden. Sehr charakteristisch für systemische Interventionen sind paradoxe Aufgabenstellungen, die in Form von Hausübungen absolviert werden sollen, um dem Klienten neue Handlungsoptionen zu eröffnen.

Die vorliegende analytische Auseinandersetzung hat das Ziel einer Gegenüberstellung von Kommunikationsstörungen und verschiedenen Interventionstechniken, was in diesem Rahmen bisher nicht entwickelt wurde. In der Literatur finden sich zahlreiche Beschreibungen systemischen Arbeitens und der Interventionen, wobei stets auf das Vorhandensein von Kommunikationsproblemen hingewiesen wird. Jedoch gibt es keine Übersicht, die den Einsatz der einzelnen Interventionstechniken spezifischen Kommunikationsproblemen zuordnet bzw. diese begrifflich formuliert. Infolgedessen soll diese Problematik innerhalb der vorliegenden Arbeit aufgegriffen und darüber hinaus geschaut werden, ob eine systematische Zuordnung möglich ist.

Im Verlauf dieser Arbeit werden Begriffe wie Klient, Betroffener, Beteiligter und einige mehr analog verwendet und dienen einem besseren Lesefluss. Ebenso verweist die Einzahl oder Mehrzahl der Begriffe nicht ausschließlich auf das Gesagte, sondern steht stellvertretend für verschiedene Variationen. Innerhalb der Familie hat häufig eine Person ein Problem, was von der gesamten Familie aber als unerwünscht und belastend empfunden wird. Also stellt nicht nur der Symptomträger den Klienten der systemischen Beratung darstellt, sondern ebenso dessen Familie.

Darüber hinaus ist anzumerken, dass die systemischen Konzepte und Interventionsformen in erster Linie der Psychologie entstammen, inzwischen aber auch im pädagogischen Bereich genutzt werden. Aus diesem Grund wird in dieser Arbeit ausschließlich der Berater benannt. Das systemische Denken hat lineare Kausal-zusammenhänge in der Sozialen Arbeit abgelöst, sodass der Berater die gesamte Familie im Fokus hat. Zum Beispiel hat sich die systemische Beratung in Trennungs- und Scheidungsfragen bewährt. Durch das Auflösen des Elternsubsystems wird das Gesamtsystem Familie in seiner ursprünglichen Form destabilisiert und muss sich folglich neu organisieren. Insbesondere durch festgefahrene Kommunikationsmuster wird die Bewältigung solcher Krisen erschwert, sodass Hilfe von außen, z. B. durch das Jugendamt, benötigt wird. Durch zirkuläres Fragen, die Erstellung von Genogrammen oder dem Einsatz des Refraimings wird der Familie eine andere Sichtweise als ihre bisherige aufgezeigt, sodass sie mit Hilfe der Beratung ihre Schwierigkeiten überwinden und das Familiensystem wieder im Gleichgewicht ist. Ein weiterer Bereich, in dem systemisches Denken sich niedergeschlagen hat, ist die nach § 31 SGB VIII bezeichnete Sozialpädagogische Familienhilfe. Durch das Arbeiten mit der Familie im direkten Umfeld werden Verstrickungen, starre Muster und Kommunikationsstörungen sichtbar und können in Zusammenarbeit mit den Familienmitgliedern bearbeitet werden (vgl. Schulte / Schweitzer 2005, S. 290). Weiterhin hat sich diese Denkweise im Bezug auf Heimerziehung als hilfreich erwiesen. Durch das Einbeziehen aller Familienmitglieder kann kontinuierlich an einer Rückführung in die Familie gearbeitet werden. In der Regel sind solche Pläne auf zwei Jahre angelegt. Ein Positivbeispiel für das Funktionieren solcher Rückführungen stellt das Haus Leuchtturm, eine in das SOS-Dorf Ammersee integrierte heilpädagogische Wohngruppe, dar (vgl. Spindler 2000, S. 74ff.). Auf einen Fall dieser Wohngruppe wird im 6. Kapitel genauer eingegangen. Bereits an dieser Stelle wird offensichtlich, welche herausragende Bedeutung systemisches Denken für den pädagogischen Bereich hat und höchstwahrscheinlich auch künftig haben wird. Insbesondere die Übernahme einer anderen Perspektive, die das gesamte System und dessen Umwelt im Blick hat, hat Veränderungen in der Sozialen Praxis bewirkt.

Abschließend ist folgende Anmerkung zu beachten: in der deutschen Sprache werden durch den generischen Maskulin beide Geschlechter gleichermaßen angesprochen. Zugunsten eines besseren Leseflusses wird in dieser Arbeit auf eine geschlechts-spezifische Differenzierung verzichtet.

2 Begriffe

Als Einstieg in die Thematik dieser Arbeit erfolgt die Erläuterung relevanter Begriffe. Dabei soll zunächst ein allgemeiner Kommunikationsbegriff gefunden werden, der im nachfolgenden Kapitel vertieft wird.

Des Weiteren ist es notwendig, erste Eingrenzungen hinsichtlich des Familienbegriffs zu machen, wobei neben diversen Autoren auch die Definition des Deutschen Grundgesetzes herangezogen wird.

Einen etwas umfassenderen Teil wird die Erläuterung des Systembegriffs darstellen. Hierbei werden sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede verschiedener Systemansätze aufgezeigt und auf die jeweiligen Vertreter dieser Positionen verwiesen, auf die in den Folgekapiteln Bezug genommen wird.

Abschließen wird dieser Teil mit dem systemischen Problemverständnis, welches als Grundlage für das Verstehen von Kommunikationsproblemen und deren Behebung mit Hilfe von Interventionen dient.

2.1 Kommunikation

Die Kommunikation ist ein zentraler Begriff des Systemverständnisses. Gemäß Watzlawicks 1. Axiom „ Man kann nicht nicht kommunizieren “ (2007, S. 50) ist jedes Verhalten einer Person als Kommunikation zu verstehen, wobei es entscheidend ist, dass eine gegenseitige Wahrnehmung zweier Personen vorausgegangen ist. Nach Lehmann (1998, S. 22) ist Kommunikation ein „Austausch von Informationen bzw. Reizen zwischen Personen und die Verarbeitung dieser Informationen, eingebettet in die zwischen diesen Personen bestehenden Beziehungen“. Daraus lässt sich ableiten, dass die Beziehung der Interagierenden deren Kommunikation steuert bzw. Auswirkungen darauf hat. Des Weiteren erfolgt ein Informationsaustausch, wobei die Verarbeitung dessen darüber entscheidet wie die Beziehung zueinander definiert wird. Genaueres hierzu wird im folgenden Kapitel erläutert.

2.2 Familie

Der Begriff „Familie“ wird im Alltag häufig verwendet ohne dabei genauer die Bedeutung zu hinterfragen. Im Allgemeinen lässt sich sagen, dass eine Familie eine Art von Gemeinschaft darstellt (vgl. Simon 2000, S. 140). Obwohl die meisten Autoren keine genaue Definition von Familie wiedergeben können, sind sie sich darin einig, dass diese mindestens aus zwei Generationen besteht, also das Vorhandensein von zumindest einem Kind gegeben ist. Unter anderem vertritt auch Süssmuth (2001, S. 198ff.) diese Meinung und gibt weiter an, dass die Beziehung der Zusammenlebenden auf Blutsverwandtschaft oder Adoption beruht. Darüber hinaus bestehen Generationen-differenzierungen und typische Verhaltensmuster hinsichtlich solidarischen und operativen Handelns. Die Familie als Ort der Stabilität und Kontinuität soll bei zunehmender Konfrontation mit Faktoren wie Flexibilität und Mobilität sozial-räumliche Vereinzelung und Verlässlichkeit ermöglichen.

Hofer (2002, S. 6) hingegen definiert die Familie folgendermaßen: „Familie ist eine Gruppe von Menschen, die durch nahe und dauerhafte Beziehungen miteinander verbunden sind, die sich auf eine nachfolgende Generation hin orientiert und die einen erzieherischen und sozialisatorischen Kontext auf die Entwicklung der Mitglieder bereitstellt.“

Daneben gibt es ebenso im Grundgesetz eine Festschreibung, was unter „Familie“ zu verstehen ist. Laut Art. 6 Abs. 1 „[stehen] Ehe und Familie […] unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung“ (Schade 2006, S. 40; Umstellung und Anpassung: F. L.). Vor dem Gesetz anerkannt ist dabei nur die standesamtliche Trauung, wozu auch ausländische Ehen oder solche zwischen Deutschen und Ausländern zählen, jedoch keine ausschließlich kirchlich geschlossenen. Dem Kommentar des Artikels 6 ist zu entnehmen, dass mit Familie „nicht die frühere Großfamilie, sondern nur die im 19. Jahrhundert entstandene Kleinfamilie aus Eltern und deren Kindern, wozu allerdings auch Stief-, Adoptiv- und Pflegekinder gehören“, gemeint ist (ebd., S. 41). Dennoch wird im Art. 6 Abs. 5 darauf hingewiesen, dass unehelichen und ehelichen Kindern die gleichen Bedingungen für ihre seelische und leibliche Entwicklung in der Gesellschaft durch die Gesetzgebung zustehen (vgl. ebd., S. 43). Mit diesem Zusatz wird die in Absatz 1 als besonders schutzbedürftig bezeichnete Ehe in ihrer Bedeutung zwar nicht abgeschwächt, aber den unehelichen Kindern eine ebenso positive Entwicklung wie den ehelichen zugesprochen. Das dient in erster Linie dem Selbstzweck der Gesellschaft, indem nachkommende Generationen für die Alterssicherung und den Fortbestand des Gemeinwesens geschützt werden.

2.3 System

Das Verständnis des Systems, der darin ablaufenden Prozesse sowie damit verbundene Einflüsse untereinander sind zentral für diese Arbeit. Daher ist es notwendig, den Begriff hinsichtlich verschiedener Auffassungen zu differenzieren. In der heutigen Alltagssprache ist der Systembegriff allgegenwärtig, sodass beispielsweise vom politischen System, Schul- oder auch dem Gesundheitssystem die Rede ist. Folglich hat dieser Begriff in vielen, differenten, vor allem auch interdisziplinären Bereichen Einzug gefunden, was die Frage nach der Bedeutung aufwirft.

Zunächst ist darauf hinzuweisen, dass es nicht die Definition vom „System“ gibt, sondern unterschiedliche Auffassungen, denen ein gemeinsames Verständnis einer Differenz von System und Umwelt zugrunde liegt. Die Unterschiede lassen sich hinsichtlich der Bestimmung des Verhältnisses von System und Umwelt und der Betonung einer Seite dieser Differenz festmachen. In der Regel ist es das System. Bezüglich der Bestimmungen des System-Umwelt-Verhältnisses lassen sich drei Formen unterscheiden: das offene, das geschlossene und das autopoietische System. Da geschlossene Systeme in keinerlei Austausch mit ihrer Umwelt stehen und soziale Systeme nicht in Verbindung mit diesen stehen, wird in dieser Arbeit kein Bezug darauf genommen und auf eine ausführliche Erläuterung des Begriffs verzichtet. Zu jenen Vertretern, die von offenen Systemen ausgehen oder dieses Verständnis für ihre Überlegungen übernehmen, zählen beispielsweise Watzlawick et al. (2007), Satir (2000, 2004), Schlippe / Schweitzer (2003, 2009), Burnham (2009) und Minuchin (1997). Hingegen hat Luhmann die Differenzierung von geschlossenen und offenen Systemen weiterentwickelt zu autopoietischen Systemen, die durch operative Geschlossenheit und informative Öffnung gekennzeichnet sind. Hierzu zählen nach diesem Verständnis auch Familien. Autoren, die dieses Systemverständnis übernommen haben, sind vor allem Miller (1999, 2001) und Erler (2003), aber auch Simon (2000), der von diesem Hintergrund ausgehend die Familie als organisches und soziales System betrachtet. Ausführlicher wird dies im 4. Kapitel behandelt.

Klassisch gesehen wird das System in ein Ganzes und seine Teile zerlegt. In diesem Sinne lässt sich von Schule als System sprechen, wenn man es in seine Teile Schulleitung, Lehrerschaft, Klassenverbände, Schüler usw. aufspaltet. Ein anderes Verständnis ist, dass es sich dabei um mehr als nur die Summe der Teile handelt. Vielmehr geht es um die Zusammenwirkung der Teile und die daraus resultierenden Auswirkungen auf das Ganze. (vgl. Miller 2001, S. 37) Da die Teile in Abhängigkeit miteinander stehen, hat die Veränderung des Einen zur Folge, dass sich die anderen Teile und damit das Gesamtsystem ebenfalls ändern. Ob dies für das System manifest oder latent ist, kann zunächst nicht bestimmt werden (vgl. ebd., S. 38).

Nach Watzlawick et al. (2007, S. 116) ist für ein System ausschlaggebend, dass es darin Beziehungen gibt, die den Zusammenhalt bewirken. Bezug nehmend auf Hall und Fagen haben die Autoren herausgearbeitet, dass ein System aus Objekten und Beziehungen zwischen diesen Objekten und ihren Merkmalen besteht. Wird diese Definition auf zwischenmenschliche Systeme angewandt, derer sich diese Arbeit widmet, stellen die genannten Objekte die Bestandteile des Systems dar und die Merkmale die Eigenschaften dieser, wobei der Zusammenhalt durch die Beziehungen gewährleistet wird. Individuen sind in diesem Fall die Bestandteile mit den Merkmalen Verhalten und Kommunikation. Die Beziehung zwischen ihnen wird im Kommunikationsprozess definiert. Hingegen wird diese Definition von Schlippe / Schweitzer (2003, S. 54f.) in Bezugnahme auf Kriz kritisiert, da es wenig sinnvoll erscheint die Merkmale von den Objekten zu trennen, da nicht die Beziehung zwischen diesen ausschlaggebend ist, sondern die Beziehung zwischen Objekten, die durch deren Merkmale repräsentiert wird.

Einig sind sich die verschiedenen Autoren darüber, dass es bei Betrachtung eines Systems unerlässlich ist, die Umwelt mit einzubeziehen, da diese in Verbindung miteinander stehen. Als Umwelt lässt sich all das bezeichnen, was das System umgibt und wechselseitigen Einfluss ausübt. Dies können andere Systeme, Begebenheiten und Handlungen sein. (vgl. Watzlawick et al. 2007, S. 117; vgl. Miller 2001, S. 39) Nach dem Luhmannschen Systemverständnis wird eine Differenz zwischen dem System und seiner Umwelt hergestellt, um Identitätsbildung zu ermöglichen. Es grenzt sich damit von der Umwelt ab und ist gleichzeitig mit dieser strukturell verbunden und richtet sich danach aus. Es ist zu beachten, dass diese Grenzziehung nicht immer eindeutig verläuft, sondern davon abhängt, was für die Systemakteure Sinn ergibt. Dieser ist für die Bildung eines Systems insofern notwendig als dass erst hierdurch ein gewisser Zweck, ein Ziel für das System bestimmt wird. (vgl. Miller 2001, S. 39f.) Im Zusammenhang mit der Umwelt ist ebenfalls die Komplexität und damit verbunden die Kontingenz zu berücksichtigen. Die Umwelt eines Systems ist immer komplexer als es selbst, sodass die Selektion relevanter Inhalte eine wesentliche Leistung zur Erhaltung der Stabilität darstellt. Auf Grund der Selektion werden aus der Umwelt nur bestimmte Inhalte wahrgenommen. Die mit der Komplexität verbundene Kontingenz bedeutet, dass das, was beobachtet wird, auch anders beobachtet werden könnte. Damit wird zugleich ein weiterer Aspekt deutlich: die Betrachtung eines Systems ist immer von einem Beobachter abhängig.

Verdeutlicht werden soll das eben Beschriebene am Beispiel Familiensystem. Familie X wohnt in einem Neubaublock einer Kleinstadt. Zur Umwelt zählen dann unter anderem die Nachbarn, die Arbeitsplätze der Eltern sowie die Betreuungseinrichtungen der Kinder, Freunde und Bekannte, aber auch andere Institutionen mit denen die Familie in Kontakt steht. Es zählt allerdings nicht zwangsläufig alles, was die Familie umgibt zur Umwelt. Vielmehr ist dies deutungsabhängig, d. h. es hängt davon ab, wen und was das betreffende System als für sie relevant erachtet und was nicht. Befindet sich beispielsweise vor dem erwähnten Neubaublock ein Seniorenheim, hat Familie X aber keinerlei Kontakt zu diesem, so wird sie es höchstwahrscheinlich nicht als Umwelt bezeichnen.

Schlippe / Schweitzer (2003, S. 55) weisen darauf hin, dass Systeme sich dadurch bilden, dass „ein Unterschied gemacht wird zwischen Elementen, die ‚innen’ (im System) und ‚außen’ (in der Umwelt) sein sollen“. Folglich gibt es eine Grenze zwischen „innen“ und „außen“, zwischen dem System und seiner Umwelt. Diese ist für die Identitätsbildung des Systems und damit der Sinngebung notwendig. Der Sinn gibt der Kommunikation und Handlung innerhalb des Systems einen Rahmen und lässt erkennen, welche Wirkungen angesteuert werden (vgl. Miller 2001, S. 52f.). Demzufolge ist nur durch Sinn die Reproduktion von Kommunikationselementen möglich (vgl. Scheef 2009, S. 61). Das gilt sowohl für psychische als auch soziale Systeme und ermöglicht so Anschlussfähigkeit für folgende Kommunikationen und Handlungen.

Die Grenzziehung beruht jedoch nicht ausschließlich auf einer System-Umwelt-Differenzierung, sondern es existieren ebenso intern Grenzen, zwischen den Subsystemen. Diese verleihen dem System die nötige Stabilität. (vgl. Schlippe / Schweitzer 2003, S. 57f.) In Familien wären beispielsweise das Elternsystem, das Mutter-Tochter-System oder auch das Geschwistersystem Teile des Ganzen.

Damit der oben genannte Zweck und ebenso Stabilität im System erreicht werden, ist der Aufbau einer Ordnung, das heißt einer Struktur notwendig. Dies geschieht durch Wiederholung von Ereignissen, die einer hierarchischen Ordnung unterliegen (vgl. Watzlawick et al. 2007, S. 114). Nach Treml (2004, S. 58) sind Strukturen „Muster von Ein- und Ausschließungen, von möglichen und unmöglichen Relationen“. Das heißt, die Bildung einer Struktur wird nur durch die Möglichkeitsbeschränkung, Elemente zu kombinieren, realisierbar. Zu dieser Ordnung zählen Regeln, welche Kommunikations-abläufe, Informationsverarbeitung, Entscheidungen und Aufgabenverteilungen steuern. (vgl. Miller 2001, S. 53) Eine Regel lässt Beobachter eines Systems erkennen, welche Wirklichkeitsvorstellungen das System hat und welche Bedeutung unterschiedlichen Dingen zugemessen wird (vgl. Schlippe / Schweitzer 2003, S. 60f.). Typische Ausdrücke für solche Regeln sind beispielsweise „wir machen das aber so“. Diese Aussage enthält sowohl die Regel für das System, etwas auf eine bestimmte Art und Weise zu tun und grenzt sich zugleich von anderen ab, die es nicht in dieser Weise machen. Es gibt eine Unterscheidung zwischen impliziten und expliziten Regeln. Letztere können von den Mitgliedern des Systems konkret benannt werden, jedoch sind implizite Regeln häufiger vorzufinden. Diese werden erst bei einer Übertretung sichtbar, was als problematisch empfunden wird (vgl. ebd., S. 61).

Die wesentlichen Unterschiede der verschiedenen Systemansätze sind auf die Bestimmung als offenes oder autopoietisches System zurückzuführen. Letztgenanntes wurde von Luhmann konzipiert. Der Ausgangspunkt dieser Theorie ist, dass das System sich selbst aufrechterhält, indem es die Komponenten, aus denen es besteht, reproduziert. Autopoietische Systeme sind autonom hinsichtlich der Möglichkeit der Selbstorganisation, jedoch sind sie von Austauschprozessen mit der Umwelt abhängig. Dabei werden jene Informationen aufgenommen, die Sinn für das System ergeben. Diese Unterscheidung dient zugleich der Reduktion von Komplexität. Zwischen dem System und der Umwelt besteht ein Komplexitätsgefälle, wobei die Umwelt stets komplexer ist. Das erzeugt zugleich Kontingenz, das heißt, anstatt der ausgeführten Handlungen wären auch andere möglich gewesen. Vieles bleibt dabei unbestimmt und außerhalb der Wahrnehmung. Die „doppelte Kontingenz“, die zwischen Handlungsakteuren auftritt, besagt, dass jeder verschiedene Wahrnehmungs- und Interpretationsweisen hat und demzufolge auch anders hätte handeln können (vgl. Miller 2001, S. 47). Innerhalb des Systems werden Kommunikation und Handlung am Zweck ausgerichtet. Dabei unterliegt das System einer Struktur, die die innere Ordnung und auch die Bestimmung der Funktion der einzelnen Elemente sowie deren Beziehungen zueinander vorgibt. Die Struktur legt „die Art und Weise der Operationen im System fest und ebenso, wie Umweltkomplexität verarbeitet wird“ (Miller 2001, S. 53). Strukturen sind an Prozesse gebunden, da sie sich immer wiederholende Prozesse darstellen. Diese bezeichnen Ereignisse, die zeitlich aufeinander folgen und als Konsequenz kommunikativer Selektion miteinander verkettet sind. Nur über Prozesse wird die Erstellung oder Veränderung von Strukturen möglich. Die Grundlage der Prozesse wiederum sind Handlungen und Kommunikation. Nur darüber kann das System seine Strukturen verändern oder beibehalten, um sich zu stabilisieren und zu erhalten. Soziale Systeme bestehen demzufolge aus Kommunikationen und entstehen durch das Erfahren doppelter Kontingenz mindestens zweier Kommunikationspartner (vgl. Scheef 2009, S. 39). Näheres dazu wird im 3. Kapitel als Exkurs ausgeführt.

Dagegen sind nach Watzlawick et. al (2007, S. 117) soziale Systeme offen. Sie zählen zu zwischenmenschlichen Systemen und sind personenzentriert. Daneben gibt es laut den Autoren noch biologische und psychologische, die insgesamt zu den lebenden Systemen zählen, folglich organisch sind. Eigenschaften, die offene Systeme aufweisen, sind Ganzheit, Übersummation, Äquifinalität, Rückkopplung und Kalibrierung. Die Ganzheit eines Systems bewirkt, dass der Veränderung eines Teils auch eine Veränderung aller anderen folgt. Demzufolge handelt es sich um ein zusammenhängendes, untrennbares Ganzes. Die Übersummation ergibt sich aus der Ganzheit und meint, dass ein System immer mehr als die Summe seiner Elemente darstellt. Folgerichtig ist der Blick auf die Ordnung des Systems anstatt auf die Eigenschaften der Elemente zu lenken. Auf Familien übertragen heißt das, dass die Strukturen des Interaktionssystems mehr sind als die Eigenschaften der Mitglieder. Die Äquifinalität als weitere Eigenschaft bezeichnet die durch die Organisation des Systems bedingten Abläufe, die an Stelle des Anfangs oder Endes im Mittelpunkt stehen. Das bedeutet, offene Systeme sind durch Prozesshaftigkeit gekennzeichnet, sodass der gleiche Anfangspunkt nicht zum gleichen Endzustand führt und umgekehrt. Die Rückkopplung ist mit der Zirkularität verbunden. Das bedeutet, dass ein Verhalten jeweils auf ein anderes zurückwirkt. Daraus folgt, dass Kommunikationsabläufe immer als Prozess zu sehen sind und nicht lediglich als einzelne Sequenzen. Genaueres wird dazu im folgenden Kapitel bei den Begrifflichkeiten ausgeführt. Die Kalibrierung als letzte Eigenschaft wird bei den Autoren mit einer Grenze gleichgesetzt, innerhalb der Veränderungen möglich und notwendig sind, um das System stabil zu halten. Neukalibrierungen erfolgen zum Beispiel mit dem Älter werden eines Kindes und dem damit verbundenen Aushandeln neuer Regeln.

Zusammenfassend lässt sich folgendes sagen: Systeme bestehen aus Teilen (Subsystemen), welche in Abhängigkeit miteinander stehen, sodass die Summe der Teile mehr als das Ganze ergibt. Das „mehr“ ist die Systemleistung, die sich in den Beziehungen zwischen den Teilen begründet (vgl. Treml 2004, S. 57). Es wird zwischen offenen, geschlossenen und autopoietischen Systemen unterschieden, wobei letztgenanntes für soziale Systeme, also auch Familien zutrifft. Viele Autoren betrachten das System jedoch als offenes System, da es in Austauschprozessen mit seiner Umwelt steht. Weil Familien nach Luhmann jedoch operativ geschlossen und informativ offen sind, bezeichnet er sie als autopoietisch. Das bedeutet, dass darin ablaufende Operationen das soziale System erzeugen, selbiges aber nicht verlassen können. Dennoch können Informationen über die Familienmitglieder in das System getragen werden, indem diese Inhalte der familieninternen Kommunikation darstellen. Dabei ist zu beachten, dass die Auswahl der Inhalte nach internen Relevanzen, dem Sinn des Systems, erfolgt und nie alle von außen kommenden Informationen eingebunden werden können. Folglich sind die Umwelt und die gegebenen Möglichkeiten immer komplexer als die vom System gewählten Möglichkeiten, das heißt es existiert ein Komplexitätsgefälle.

2.4 Problem – eine systemische Definition

Laut Neumann (2006, S. 22) existieren für Systemiker vorerst keine Probleme, sondern ausschließlich Tatsachen. Ein Problem wird demzufolge erst dann als solches verstanden, wenn Verhalten bzw. Handlungen von den betreffenden Personen als problematisch und einschränkend empfunden wird. Daraus lässt sich schließen, dass Probleme einer Selbst- und Fremdbeobachtung unterliegen. Folglich stuft nicht jede Person ein bestimmtes Verhalten als problematisch ein, vielmehr spielen dabei Wertevorstellungen eine Rolle, anhand derer unerwünschtes Verhalten gemessen und bewertet wird.

Schlippe / Schweitzer (2003, S. 102ff.) definieren ein Problem in ähnlicher Weise, führen ihre Aussagen aber weiter aus. Demnach stellt ein Problem für jemanden einen Zustand dar, der veränderungsbedürftig bzw. unerwünscht, dennoch aber veränderbar ist. Damit ist gemeint, dass die Zuschreibung als Zustand bereits eine Selektionsleistung ist, die andere Prozesse in den Hintergrund stellt zugunsten des als problematisch bezeichneten Verhaltens oder der Handlung. Zu beachten ist dabei, dass das, was als „Problem“ definiert wird, vorab häufiger auftritt und von mehreren Beobachtern als kritisch erachtet wird. Das bedeutet, es genügt nicht, dass dieser Zustand einer Person missfällt, um ihn als Problem zu definieren. Die Wahrnehmung eines problematischen Verhaltens wird durch die Kommunikation mit anderen weiter getragen, sodass das Problem im Laufe der Zeit zum überwiegenden Inhalt und Mittelpunkt der kommunikativen Beziehungen wird. Durch die kommunikative Fixierung auf das Problem wird der Blick der Beteiligten stetig stärker auf den nicht vertretbaren Zustand gelenkt.

Darüber hinaus sind die den Zustand als problematisch einstufenden Personen der Meinung, dass es sich um ein veränderungsbedürftiges Verhalten handelt, da es nicht den normativen Erwartungen der Gesellschaft und damit der jeweiligen Beobachter entspricht. Generell gilt es dennoch zu unterscheiden zwischen veränderbaren Zuständen und solchen, die dem Schicksal unterliegen. Ein solches Beispiel wäre der Tod, da dieser weder verändert noch verhindert werden kann. Wenn hingegen eine Person nach dem Tod einer geliebten Person monatelang seine Wohnung nicht mehr verlässt, seine Kinder und die Arbeit vernachlässigt etc., wird dies höchstwahrscheinlich von anderen als problematisch, aber veränderbar eingeschätzt.

Das Schwierige an Problemen ist, dass eine Erklärung für ihr Auftreten gesucht wird, welche zwar so überzeugend ist, dass das Problem überlebt, aber dennoch keinen Ausweg aus der Situation ermöglicht. Hierfür eignen sich Erklärungen wie die Vergangenheit als Schicksal, sodass ein Ereignis, was nicht rückgängig gemacht werden kann, einen bestimmten Zustand hervorgebracht hat, der nicht beeinflussbar ist. Eine andere Erklärung könnte ebenso die Schuldzusprechung einer Eigenschaft darstellen, das heißt ein Mensch wird als „aggressiver Mann“ oder als „aggressive Frau“ verbalisiert, sodass dieser die Eigenschaft in sich trägt, sie aber nicht lösen kann. Neben den Erklärungen wird auch das Handeln an dem Problem ausgerichtet, das heißt alle Beteiligten benehmen sich so, als gäbe es keine Lösung, sodass es sich letztendlich stabilisiert. Die Sprache macht eine solche Stabilisierung möglich. Durch stetiges Festhalten am Problem, laufen alle Gespräche darauf hinaus und verengen den Blick immer mehr für kreative Lösungen. (vgl. Schlippe / Schweitzer 2003, S. 102 ff.)

Aus systemischer Perspektive „hat“ ein System folglich kein Problem, eher entwickelt sich durch die Kommunikation darüber ein Sozialsystem. Das bedeutet, ein Problem erschafft ein System. Folglich sind Interventionen, wie sie im Kapitel 5 beschrieben werden, nicht darauf ausgerichtet das System, sondern die darin ablaufende Kommunikation zu ändern. Das Problem gilt als „gelöst“, wenn die Systemmitglieder der Meinung sind, es sei gelöst. Die Familie, die im 4. Kapitel thematisiert wird, ist ein für Kommunikationsstörungen besonders anfälliges System, da es das einzige ist, das die gesamte Person zum Thema hat und darüber hinaus Verhaltensweisen toleriert, die in anderen sozialen Systemen nicht gestattet sind. Auf Grund der Funktionsstörungen der Kommunikation wird es einigen Systemmitgliedern mit der Zeit nicht mehr möglich sein, diese zu beheben, sodass ein aus ihrer Sicht zu lösendes Problem entsteht.

Insbesondere im nachfolgenden Kapitel zur Kommunikation ist vorrangig von Störungen die Rede. Es ist eine Unterscheidung zwischen der therapeutischen und der von der Familie getroffenen Problemdefinition vorzunehmen. Letztere thematisieren Probleme, sehen dahinter jedoch keine Kommunikationsstörung, sondern das inakzeptable Verhalten. Der Therapeut hingegen richtet seinen Blick auf die Kommunikation und identifiziert die stabilisierten Kommunikationsstörungen als Problem. In der vorliegenden Arbeit wird auf die Problemdefinition des Therapeuten Bezug genommen.

3 Kommunikation nach Watzlawick, Beavin und Jackson

Es wurde bereits in dem Kapitel über die Begrifflichkeiten darauf hingewiesen, dass bei der Betrachtung von Systemen die darin ablaufende Kommunikation entscheidend ist. Die menschliche Kommunikation ist das Medium über das sich menschliches Verhalten manifestiert. Daraus lässt sich schließen, dass beobachtbares Verhalten des Einen und die darauf folgende Reaktion eines Anderen zugleich die Beobachtung ihrer Kommunikation und dessen Wirkung ist (vgl. Watzlawick et al. 2007, S. 22). Auf Grund der Wirkung, die eine Kommunikation mit sich trägt, rückt die Beziehung der miteinander Agierenden in das Blickfeld der Betrachtung, d. h. jede Kommunikation ist zugleich eine Definition ihrer Beziehung. Somit ist eine Beschreibung nach dem Sender-Empfänger-Modell nicht ausreichend. Vielmehr ist es sinnvoll, die „zwischenmenschliche Sender-Empfänger-Beziehung auf der Basis der Kommunikation“ (Watzlawick et al. 2007, S. 23) zu analysieren, um die auftretenden Wechselwirkungen erkennen und nachvollziehen zu können.

Im Folgenden werden zunächst einige Begrifflichkeiten erklärt, die für das Verständnis der Kommunikationsstörungen notwendig sind. Das betrifft die Rückkopplung, die Redundanz und die Metakommunikation. Ebenso werden die von Watzlawick et al. entwickelten fünf Axiome als grundlegende Eigenschaften von Kommunikation herausgearbeitet, die als Grundstein für das Verständnis von kommunikativen Störungen in der menschlichen Interaktion dienen. Ein weiterer Abschnitt wird die paradoxe Kommunikation beinhalten, die in menschlichen Interaktionen häufig vorzufinden ist und die daran Beteiligten in ausweglose Situationen bringt.

Daran anschließend folgt ein Exkurs zum Kommunikationsverständnis Luhmanns, dass sich in einigen wesentlichen Punkten von dem Verständnis Watzlawicks, Beavins und Jacksons unterscheidet.

3.1 Kommunikationsbegriffe

3.1.1 Rückkopplung

Durch die Kybernetik hat sich das Prinzip der Rückkopplung auch in die Systemtheorie eingegliedert. Mit dem Begriff ist gemeint, dass nicht eine lineare Kausalkette für das Erklären menschlichen Verhaltens genügt, sondern Interaktionen als zirkulärer Kreislauf verstanden werden müssen. Das bedeutet, dass eine Rückwirkung erfolgt, wenn beispielsweise Person A sich in bestimmter Weise Person B gegenüber verhält. Die Reaktion von B auf A’s Verhalten wirkt auf A zurück und bedingt somit wiederum das Verhalten von A. Ein linearer Ablauf wäre gegeben, wenn Ereignis x durch w bewirkt wird, x wiederum y bewirkt und Ereignis y eine Wirkung auf z ausübt, nichts davon jedoch zurückkommt. Stellt man sich allerdings eine alltägliche Situation zwischen Mutter und Kind vor, in der die Mutter das Kind zu einem bestimmten Verhalten anregt oder ermahnt, erfolgt eine Reaktion des Kindes auf das Gesagte der Mutter. Diese wiederum reagiert ebenfalls, und zwar in Bezug auf das, was das Kind geäußert hat. Es ist in Interaktionen nicht möglich, sich linear zu verhalten. Es lässt sich festhalten: die Familie als zwischenmenschliches System ist ein Rückkopplungskreis. Rückkopplungen können sowohl positiv als auch negativ sein. Letzteres ist mit Homöostase, also dem Ruhezustand eines Systems, das dadurch ein Gleichgewicht erhält, verbunden. Folglich ist es stabil. Das genaue Gegenteil dessen ist die positive Rückkopplung, die einen Stabilitätsverlust des Systems bewirkt. Es soll bereits an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass keine der beiden Möglichkeiten, also positive und negative Rückkopplung, lediglich Vor- oder Nachteile haben. Beide Prozesse sind wichtig für den dauerhaften Erhalt des Systems. (vgl. Watzlawick et al., 2007, S. 31ff.)

3.1.2 Redundanz

Redundanz ist ein sich aus dem Lateinischen ableitender Begriff mit der Bedeutung „Überfluss“. Im Zusammenhang mit der Sprache sind Redundanzen Elemente, die überflüssig und mehrfach in den ausgetauschten Mitteilungen enthalten sind. Obwohl sie unter Normalbedingungen für den Decodierungsprozess nicht gebraucht werden, geben sie bei gestörter Kommunikation wichtige Anhaltspunkte (vgl. Retter 2000, S. 155). Watzlawick et al. (2007, S. 34ff.) gehen vor allem auf die pragmatische Redundanz ein. Verbale und nonverbale Signale stellen eine Einheit dar, die den Kommunizierenden gegenseitige Sicherheit vermitteln. Weiter gehen die Autoren davon aus, dass innerhalb der alltäglichen Kommunikation zahlreiche Kenntnisse bezüglich der Regeln im Verstehensprozess vorhanden sind und unbewusst angewandt werden. Am folgenden Beispiel soll das verdeutlicht werden: einem Ausländer sind die Gepflogenheiten anderer Gesellschaften oder Kulturen nicht geläufig. Würde er jemanden danach fragen, könnte dieser eventuell einige Besonderheiten nennen, mit Sicherheit aber nicht alle. Wenn sich dieser Ausländer aber als Beobachter sieht und mehrere Personen in ihren spezifischen Interaktionen verfolgt, wird er nach einer Weile, auf Grund der eben genannten wiederkehrenden Abläufe im Verhalten auf gewisse Regeln schließen können.

3.1.3 Metakommunikation

Der Begriff „metá“ leitet sich aus dem Griechischen ab und lautet übersetzt „inzwischen“, „zwischen“, „hinter“ und „nach“. Im Zusammenhang mit Metakommunikation bedeutet es „auf einer höheren Stufe“ (vgl. Kraif et. al 2007, S. 652). Das heißt, es ist eine über die Verständigung hinausgehende Kommunikation, eine Kommunikation über die Kommunikation selbst. Das Dilemma der Metakommunikation ist, dass es kein eigenes Begriffssystem gibt. Demzufolge muss beim Sprechen über Kommunikation ebenfalls das Medium Sprache verwendet werden. In anderen Fachgebieten wie der Physik oder Mathematik existiert dieses Problem nicht. Es gibt beispielsweise zum einen die mathematischen Berechnungen und zum anderen – hier kommt die so genannte Metamathematik ins Spiel – die Erforschung gewisser Denksysteme. Für Letztgenanntes bedienen sich die Beteiligten der Sprache, die mit der Mathematik an sich nichts zu tun hat, da sie gewissermaßen über ihr steht. (vgl. Watzlawick et al. 2007, S. 41)

Um dies auf Interaktionen zu übertragen, bedeutet das, dass auf ein bestimmtes Verhalten A lediglich Reaktion B, C und D des Partners folgen können, während V, W und X ausgeschlossen sind. Wenn also Person 1 (P1) zu Person 2 (P2) sagt „Du bist ein dummer Hund!“, hat P2 verschiedene Reaktionsmöglichkeiten. Sie würde vielleicht reagieren mit „das bist du ebenfalls“, könnte davonlaufen oder vielleicht würde sie P1 eine Ohrfeige geben (Reaktion B, C und D). Unwahrscheinlich dagegen ist, dass P2 mit „Mensch, hast du die Blumen in meinem Garten gesehen?“ reagiert oder dass sie P1 nach dieser Aussage umarmen wird.

Demnach scheint eine metakommunikative Regel darüber vorzuliegen, welche Reaktion möglich ist und welche nicht. Watzlawick et al. ziehen dabei einen Vergleich zum Schachspiel heran und verstehen unter den Wechselbeziehungen zwischen Interagierenden eine „Spielanalogie“. Sie meinen damit, dass einzelne „Züge“ aufeinander folgen, dabei aber festen Regeln unterworfen sind. Ihre Schlussfolgerung dabei ist, dass hinter der „menschlichen Kommunikation ein noch nicht interpretierter, pragmatischer Kalkül steht, dessen Axiome in erfolgreicher Kommunikation berücksichtigt, in pathologischer Kommunikation dagegen gebrochen werden.“ (Watzlawick et al. 2007, S. 43f.)

Insbesondere die hier getätigten Aussagen zur Metakommunikation erscheinen sehr theoriebehaftet, sind aber dennoch von Bedeutung, da sie mit den betrachteten Verhaltensweisen verflochten und folglich für das Verständnis von Kommunikations- störungen notwendig sind.

3.2 Eigenschaften

Watzlawicks 1. Axiom „ Man kann nicht nicht kommunizieren “ (2007, S. 53) kann als eine der grundlegenden Eigenschaften der Kommunikation betrachtet werden. Diese Aussage macht deutlich, dass es – vereinfacht gesagt – egal ist, was jemand tut, es immer eine Art der Kommunikation ist. Folglich kann Kommunikation als Verhaltenseinheit verstanden werden und postuliert zugleich, dass die „Substanz“ der Kommunikation jegliches Verhalten, also verbal und nonverbal, umfasst. Sie ist grundlegend für das menschliche Leben, sodass sie nahezu permanent und nicht immer bewusst stattfindet (vgl. Martin / Wawrinowski 2000, S. 132). Das bedeutet zugleich, dass es kein Gegenteil von Verhalten gibt. Das erscheint logisch, wenn jedes Verhalten als Kommunikation zu verstehen ist, also eine gewisse Mitteilung in sich trägt. So stellt Schweigen, Reden, sich abwenden und jegliche andere Verhaltensweise eine Reaktion auf das Gesendete des Gegenübers dar.

Eine weitere Eigenschaft ist der jede Kommunikation beinhaltende Inhalts- und Beziehungsaspekt. Als Inhalt wird die in der Mitteilung enthaltene Information bezeichnet. Der Beziehungsaspekt hingegen enthält Hinweise darauf wie der Sender die Beziehung zum Empfänger definiert und seine gesendete Botschaft verstanden haben möchte. Es sei darauf hingewiesen, dass Letztgenanntes meist unbewusst übermittelt wird. Dennoch ist es bestimmend für den übermittelten Inhalt, sodass hier von einer Metakommunikation gesprochen werden kann.

Insbesondere in „gesunden“ Beziehungen rückt die Beziehungsdefinition in den Hintergrund, da vor allem die Informationsvermittlung entscheidend ist. In konfliktreichen Beziehungen hingegen enthalten Mitteilungen häufig deutliche Definitionen der Beziehung, wohingegen der Inhalt immer mehr an Bedeutung verliert. (vgl. Watzlawick et al. 2007, S. 53ff.)

An dieser Stelle möchte ich auf das bekannte Sprichwort „der Ton macht die Musik“ hinweisen, da es äußerst passend zur Verdeutlichung des Inhalts- und Beziehungsaspekts ist. Es ist bezüglich der Beziehung ein deutlicher Unterschied ob der Vater in scharfem Ton zum Kind sagt: „Räum gefälligst die Milch in den Kühlschrank!“ oder ob er mit Nachdruck, aber freundlicher Stimme darauf hinweist: „Denkst du bitte daran, die Milch wieder in den Kühlschrank zu räumen, wenn du fertig bist?“ Der Inhalt ist in beiden Botschaften der gleiche, die Definition der Beziehung seitens des Vaters ist jedoch grundverschieden. In beiden Aussagen wird zwar seine Autorität verdeutlicht, aber in dem ersten Beispiel in einer eher verächtlichen Art und Weise, während das zweite Beispiel eine neutrale Ermahnung und Erinnerung eines eventuell häufig vorkommenden Problems darstellt.

Neben dem Gesagten ist die Interpunktion von Kommunikationsabläufen als Eigenschaft zu verstehen. Die Kommunikationspartner strukturieren den theoretisch permanenten Wechsel von Mitteilungen, indem sie ihnen einen Anfangs- und Endpunkt zuschreiben. Dieser Prozess wird als Interpunktion bezeichnet und legt folglich fest, was Reiz und was Reaktion innerhalb der Interaktion darstellt. Diese Strukturierung dient der Organisation des Verhaltens und erfolgt bei jedem Interaktionspartner. Demzufolge kann dies als Bestandteil jeder menschlichen Beziehung definiert werden. Da die Strukturierung eine Erleichterung für die Kommunikanten darstellt, kann daraus der Schluss gezogen werden, dass tatsächlich kein Anfang oder Endpunkt festgelegt werden kann, denn die Interagierenden bedingen einander und sind somit sowohl Reiz, Reaktion und Verstärkung füreinander. Wie bereits an anderer Stelle aufgezeigt wurde, sind Beziehungen durch ihre Zirkularität gekennzeichnet, sodass es nicht möglich ist zu sagen, wer wen zuerst beeinflusst hat, da es sich um einen wechselseitigen Prozess handelt. Und eben hier findet sich auch die Wurzel vieler Beziehungskonflikte, nämlich in der voneinander abweichenden Interpunktion der Interagierenden und deren Unfähigkeit über ihre spezifischen Beziehungsdefinitionen zu metakommunizieren (vgl. ebd., S. 57ff.)

Ein häufig in Beziehungen auftretendes Problem ist die Eifersucht. Sei dies berechtigt oder nicht, soll an dieser Stelle nicht diskutiert werden. Vielmehr soll das Interesse auf den Konflikt zwischen den Partnern gerichtet werden. So könnte die Partnerin sich vom Partner ab- und anderen Männern zuwenden, weil sie sich durch die Eifersucht des Partners eingeengt und die Arme anderer gedrängt fühlt. Er hingegen wird die Situation genau umgekehrt empfinden. Seine Eifersucht liegt darin begründet, dass sie sich anderen Männern zuwendet und von ihm abwendet. Erst dadurch ist seinerseits Eifersucht aufgekommen. Das Dilemma der beiden ist, dass sie die „Schuld“ dem jeweils anderen zuschreiben, den Disput auf diese Weise aber nicht lösen können, da sich beide vom anderen missverstanden fühlen und ihre Sichtweise als die jeweils richtige ansehen. Dass aus solchen Situationen ernsthafte Beziehungsprobleme entstehen können, muss an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt werden. Auf diese Problematik und die Gründe solcher Situationen wird bei den Kommunikationsstörungen erneut eingegangen.

Die Kommunikation ist des Weiteren durch zwei verschiedene Möglichkeiten der Darstellung von Objekten gekennzeichnet. Eine Variante erfolgt digital, also durch namentliche Nennung bzw. Erläuterung, während die andere durch Analogien wie beispielsweise Zeichnungen Aussagen trifft. (vgl. ebd., S. 61f.) So kann ein Baum gezeichnet werden und jeder weiß, was gemeint ist oder das Gemeinte wird mit „Baum“ betitelt. Das Wort mit dem der zu bezeichnende Gegenstand beschrieben wird, ist ursprünglich rein zufällig gewesen. Inzwischen existiert aber ein semantisches Übereinkommen für die Beziehung zwischen Objekt und Wort, sodass ein beliebiger Mensch auf der Straße danach gefragt werden kann und darunter das Gleiche versteht wie der Fragende. Hierbei gibt es jedoch bereits eine Einschränkung: nämlich die Voraussetzung, dass der Gefragte die gleiche Sprache spricht. Ein Franzose wird, wenn er nach einem Baum gefragt wird, nicht wissen, was gemeint ist. Im Französischen steht dafür das Wort „arbre“. Wird dem Franzosen hingegen ein Baum aufgezeichnet, das heißt analog übermittelt, versteht er, worum es sich handelt. Demzufolge sind analoge Modalitäten wesentlich allgemeingültiger. Eine grobe Übersetzung von „digital“ könnte „verbal“ lauten, von „analog“ demzufolge „nonverbal“ (vgl. König / Zedler 2007, S. 196).

Grundsätzlich ist die digitale Kommunikationsweise sehr viel abstrakter als die analoge und eine neuere Erscheinung. Jedoch wären die meisten menschlichen Errungenschaften ohne digitale Kommunikation undenkbar, da die Wissensübermittlung vorrangig darauf angewiesen ist. Das digitale Material ist vielseitiger als das analoge, sodass hierüber mehr zum Ausdruck gebracht werden kann. Denn stellt man sich irgendeinen beliebigen, zu erklärenden Sachverhalt vor, wird einem schnell klar, dass es wesentlich einfacher ist, ihn sprachlich zu vermitteln als analog, eben zum Beispiel durch Aufzeichnen. Hinzu kommt das Problem, dass es im analogen Bereich keine Negation gibt, also das digitale „nicht“. Es stellt sich die Frage wie analog vermittelt werden soll, dass an dieser einen Straße kein Baum steht. Das erfordert mindestens zwei Zeichnungen über die der Sachverhalt symbolhaft dargestellt werden könnte. Darüber hinaus existieren viele analoge Doppeldeutigkeiten ohne Hinweis auf das Gemeinte, zum Beispiel Tränen, die sowohl aus Freude als auch aus Trauer vergossen werden können. Auf der anderen Seite gibt es im digitalen Bereich kein ausreichendes Vokabular für eine Beziehungsdefinition. Ein Lächeln oder ein Streicheln über den Arm kann viel mehr aussagen als der Versuch, tröstende Worte zu finden.

Zusammenfassend lässt sich daraus schließen, dass Inhalte überwiegend digital vermittelt werden und sich der Beziehungsaspekt vorrangig analog darbietet. Demnach ergänzen sich beide Aspekte in jeder Mitteilung und sind in gewisser Weise aufeinander angewiesen.

Die Problematik für den Menschen ist dabei das ständige Übersetzen zwischen den „Sprachen“, das mit starkem Informationsverlust einhergeht. Die Interpretation der Bedeutung der Mitteilung ist häufig schwierig, da der gemeinte Sinn der Handlung des Anderen nicht eindeutig ist (vgl. Martin / Wawrinowski 2000, S. 134).

Die Interaktionen von Personen werden durch deren Beziehungsform bestimmt. Diese Formen sind entweder symmetrisch oder komplementär. Symmetrie herrscht dann vor, wenn zwischen den Partnern eine auf Gleichheit beruhende Beziehung existiert. Komplementäre Beziehungen basieren demzufolge auf Unterschiedlichkeit. Die Beziehungsdefinitionen sind dabei so ausgerichtet, dass sie einander bedingen und sich damit ergänzen. In solchen Beziehungen nimmt ein Partner eine superiore, primäre Stellung ein und der andere die dem gegenüberstehende sekundäre, inferiore Stellung (vgl. Fuhr / Gremmler-Fuhr 2004, S. 26). Diese Beziehungsform leitet sich aus kulturellen und gesellschaftlichen Kontexten, wie es in einer Mutter-Kind- oder Lehrer-Schüler-Beziehung der Fall ist, ab. Im Gegensatz dazu streben Partner einer symmetrischen Beziehung nach Gleichheit und versuchen Unterschiede zu vermeiden. Darüber hinaus ist ihr Verhalten spiegelbildlich (vgl. Watzlawick et al. 2007, S. 69ff.).

Zusammenfassend lassen sich folgende Eigenschaften benennen: alles Verhalten ist Kommunikation. Dabei ist es unerheblich, ob es verbal oder nonverbal übermittelt wird, sobald mindestens zwei Individuen einander wahrgenommen haben. Damit wird all das ausgeschlossen, was Individuen verbal und nonverbal äußern, wenn sie allein sind oder keine gegenseitige Wahrnehmung erfolgt. Wenn es zur Wahrnehmung kommt, beinhaltet jede Kommunikation einen Inhalts- und Beziehungsaspekt, wobei individuelle Interpunktionen der Strukturierung dienen. Weiterhin ist einander ergänzendes analoges und digitales Mitteilungsmaterial vorhanden. Analog kann vereinfacht mit nonverbal und digital mit verbal bezeichnet werden. Eine letzte Eigenschaft, die den Interaktionen innewohnt, ist der symmetrische oder komplementäre Kommunikationsablauf.

3.3 Kommunikationsstörungen

Es wurden in 3.2 die Eigenschaften der Kommunikation dargestellt, welche nun als Basis für Kommunikationsstörungen dienen. Analog zu der oben gewählten Gliederung werden die daraus resultierenden Störungen vorgestellt. Dabei ist vorab in aller Deutlichkeit darauf hinzuweisen, dass Kommunikationsstörungen alltägliche Erscheinungen sind und somit nicht als Merkmale für „kaputte“ Beziehungen gesehen werden dürfen. Keppler (1995, S. 102) hat Tischgespräche in Familien untersucht und ist zu dem Schluss gekommen, dass das Austragen von Konflikten selten zu sachlichen Lösungen führt. Allerdings haben sie längerfristige Auswirkungen und sind maßgeblich für die Ausbildung von Beziehungsstrukturen in der Familie. Das zeigt, dass Konflikte nicht ausschließlich negativ behaftet sind, sondern eine Form der Beziehungsdefinition darstellt. Bei Konflikten ist zum einen die Stabilität eines Systems entscheidend und zum anderen das Bereithalten von Bewältigungsstrategien bei solchen Erschütterungen. Systeme haben eine unterschiedliche Toleranzgrenze hinsichtlich dessen, was ausbalanciert werden kann und was zum Bruch führt. Was in einer Partnerschaft als Lappalie abgetan wird, kann in einer anderen zur schweren Krise führen. Es wird darum gebeten dies in den folgenden Ausführungen zu berücksichtigen.

3.3.1 Die Unmöglichkeit, nicht zu kommunizieren

Gemäß dem ersten Axiom, dass nicht kommunizieren unmöglich ist, zeigt sich, dass jede Stellungnahme als Bestandteil der Kommunikation verstanden wird. Trotzdem kommt es im Alltag immer wieder zu Situationen, wo Menschen versuchen, diese Stellungnahme zu vermeiden. In Anlehnung an Watzlawick et al. (2007, S. 74ff.) sollen als Beispiel zwei nebeneinander sitzende Personen in einer Arztpraxis dienen. Wenn einer der beiden versucht, den anderen zu einem Gespräch anzuregen, hat dieser vier Möglichkeiten zu reagieren: mit Abweisung, Annahme, Entwertung oder durch Vortäuschen eines Symptoms, das ein Gespräch unmöglich macht. Die Abweisung ist eine unhöfliche Form, klärt jedoch eindeutig, dass der Betreffende kein Interesse an einem Gespräch hat. Die Folge dessen ist häufig ein peinliches Schweigen und führt zudem zu einer vermutungsweise negativen Beziehungsdefinition. Das genaue Gegenteil wäre die Gesprächsannahme, jedoch sollte sich der Betreffende darüber im Klaren sein, dass ein Ausstieg aus dem Gespräch zu einem späteren Zeitpunkt nicht ohne weiteres möglich ist. Unter Entwertung wird verstanden, dass der Betreffende den Aussagen des Gegenübers oder seiner eigenen jegliche Bedeutung nimmt. Dabei ist es unerheblich, ob dies bewusst oder unbewusst geschieht. Aussagen können mit einer Reihe semantischer Techniken wie zum Beispiel Widersprüchlichkeit, Themenwechsel oder absichtliches Missverstehen entwertet werden. Die vierte Variante ist, ein Symptom vorzuschieben, sodass ein Gespräch unmöglich wird. Beispiele hierfür wären das Vortäuschen von Sprachbarrieren, Taubheit und alle anderen Unfähigkeiten, die ein Gespräch verhindern. Folglich gibt derjenige vor, dass er theoretisch Interesse an diesem Gespräch hätte, praktisch aber aus über ihm stehenden Gründen nicht dazu in der Lage ist. Das Symptom gewinnt hier primär an zwischenmenschlicher Bedeutung, das heißt es beeinflusst alle an der Kommunikation Beteiligten in der Weise, dass diese den Symptomträger von der Verantwortung für diese Beeinflussung freisprechen. Folglich ist dieser „Opfer“ seines Symptoms.

Letztgenannte Möglichkeit mag am Besten erscheinen, um sich dem Gespräch zu entziehen ohne den anderen zu verletzen, jedoch spielt das Gewissen hierbei eine beachtliche Rolle. Denn der Gesprächsverweigerer ist sich der Tatsache, dass er lügt, bewusst, was insbesondere gegenüber Nahestehenden zu Schuldgefühlen führen kann.

Auch wenn das eben Beschriebene nicht unmittelbar als Störung bezeichnet werden kann, macht es dennoch deutlich, dass es unmöglich ist einer begonnenen Kommunikation auszuweichen, da selbst der Versuch des Ausweichens eine Reaktion darstellt (vgl. Reichertz 2009, S. 132). Dieser Tatsache sollten sich Kommunikanten stets bewusst sein.

3.3.2 Störungen auf der Inhalts- und Beziehungsebene

Hingegen finden sich innerhalb der Inhalts- und Beziehungsaspekte bei Interaktionen allerhand Angriffspunkte für gestörte Kommunikation. Der Idealfall wäre, wenn sich die Partner auf beiden Ebenen einig sind, wohingegen beidseitige Uneinigkeit die schlimmste Variante darstellt. Da dies jedoch die Extremfälle sind, gibt es eine Vielzahl von Mischformen, die am häufigsten im Alltag zu finden sind. Zunächst gäbe es die Möglichkeit, dass die Partner ihre Beziehung einstimmig definiert haben und sich über den Inhalt uneinig sind. Dies ist eine relativ harmlose Form der Uneinigkeit, da sie die Beziehung nicht in Frage stellt, sondern es lediglich um die Klärung eines Inhalts geht. Das heißt, die Beteiligten sind sich einig, dass bezüglich des Inhalts Uneinigkeit herrscht. Diese Situation ist eine ganz alltägliche, die zumeist zu einer schnellen Lösung führt (vgl. ebd., S. 81).

Des Weiteren kann es vorkommen, dass eine Konfusion zwischen der Inhalts- und Beziehungsebene auftritt. Das bedeutet, dass Konflikte der einen Ebene auf der anderen zu lösen versucht werden. Ein klassisches Beispiel hierfür sind Meinungsverschiedenheiten. Dabei wird ein Aspekt, zum Beispiel der Inhalt, geklärt mit der Folge, dass die Beziehung neu definiert werden muss. Durch Klärung des Inhalts wird deutlich, dass einer Recht und der Andere Unrecht hatte. Derjenige, der im Unrecht war, hat nun die Möglichkeit, die Beziehung als komplementär zu definieren und damit den Anderen auf Grund seines größeren Wissens zu bewundern. Ebenso kann er mit Vergeltung reagieren, indem er alsbald in einer anderen Situation der Überlegene ist und damit die Beziehung als symmetrische definiert. Diese Definition in solchen Situationen neigt jedoch häufig zur Eskalation, wobei der Inhalt stetig weiter in den Hintergrund rückt (vgl. ebd., S. 82).

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Details

Seiten
108
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783842802308
Dateigröße
900 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v227956
Institution / Hochschule
Universität Rostock – Erziehungswissenschaften, Allgemeine und Sozialpädagogik
Note
1,0
Schlagworte
system familie kommunikation beratung

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Titel: Interventionen bei familiären Kommunikationsproblemen im systemischen Kontext