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Intuitive Entscheidungsfindung

Ist der Homo Oeconomicus noch zu retten? (Eine empirische Studie)

Bachelorarbeit 2010 61 Seiten

VWL - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Kurzfassung

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Vorwort

1 Teil 1: Theoretische Analyse
1.1 Forschungsstand
1.1.1 Intuition – Ein Überblick
1.1.2 Prospect Theory
1.1.3 Repräsentativitätsheuristik
1.1.4 Ankerheuristik
1.1.5 Verfügbarkeitsheuristik
1.1.6 Weitere Wahrnehmungsverzerrungen
1.2 Zusammenfassung

2 Teil 2: Empirische Untersuchung
2.1 Leitfaden der Befragung
2.2 Fragebogenkonstruktion

3 Darstellung der Ergebnisse
3.1 Stichprobe
3.2 Auswertung
Frage I: Risikoaversion
Frage II: Repräsentativitätsheuristik
Frage III: Ankerheuristik
Frage IV: Verfügbarkeitsheuristik (Spielerfehlschluss)
Frage V: Risiko (Verluste/Gewinne)
Frage VI / Frage XI: Visuelle Ankerung
Frage VII / Frage VIII: Ankereffekt bei verknüpften Fragen
Frage IX: Ankerheuristik (vorgegebener Anker)
Frage X: Sunk costs (Versunkene Kosten)

4 Fazit und Ausblick

5 Literaturverzeichnis

6 Anhang

Erklärung

Kurzfassung

Gegenstand der hier vorgestellten Arbeit ist eine theoretische - sowie empirische Analyse diverser wirtschaftlicher Situationen und die damit verbundene intuitive Entscheidungsfindung der Marktteilnehmer. Der fiktive Akteur – der Homo Oeconomicus – ist seit langer Zeit ein idealer „Wirtschaftsmensch“ und Nutzenmaximierer. Jedoch zeigen die „Prospect Theory“, sowie andere deskriptive Ansätze, dass dieses angenommene und fundierte Modell nicht individuell einsetzbar und somit nur bedingt in der Praxis anwendbar ist. Diese Arbeit und das damit verbundene Experiment sollen die Probanden in eine teilweise markttypische Situation versetzen und die Unterschiede zwischen dem rational-logischen und dem intuitiv-heuristischen Entscheidungsweg darstellen. Durch das Zusammenwirken der Intuition mit der Zeitbegrenzung wird im Laufe der Arbeit versucht, die verzerrenden Effekte bei der Entscheidungsfindung zu minimieren. Die intuitive Entscheidungsfindung soll dadurch so greifbar wie möglich gemacht werden.

Schlagwörter: Intuition, Entscheidungsfindung, Heuristik, Entscheidungsprozess, Homo Oeconomicus, Prospect Theory

Abstract

The influences of emotions and also intuition, are attending more and more interest and attention at the capital markets. Every day we are confronted with a chain of situations, which are forcing us to make decisions. This complexity of this decision-making process is increasing steadily over time. The Homo Oeconomicus as an ideal model, of how market participants make their decisions is losing ground. The intention of this paper is to criticize the Homo Oeconomicus postulates and to find a more or less realistic approach for how to determine to which extent heuristics are involved in the decision-making process. The empirical part of this paperwork demonstrates a conspicuous tendency. Thus, the greater emphasis on the intuitive decision-making process is rather efficient then the emphasis on the rational-logical way of making decisions.

Keywords: Intuition, decision-making, cognitive bias, decision process, prospect theory, heuristics

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Rendite im Verhältnis zum Risiko

Abbildung 2: Die prototypische Wertefunktion der „Prospect Theory“

Abbildung 3: Die Wahscheinlichkeitsgewichtungsfunktion der „Prospect-Theory“

Abbildung 4: Frage I - Entscheidungssituation 1

Abbildung 5: Frage I – Entscheidungssituation 2

Abbildung 6: Pivot-Diagramm zur Frage I (Gewinnsituation)

Abbildung 7: Pivot-Diagramm zur Frage I (Verlustsituation)

Abbildung 8: Pivot-Diagramm zur Frage III

Abbildung 9: Pivot-Diagramm zur Frage III (Median)

Abbildung 10: Pivot-Diagramm zur Frage IV (Spielerfehlschluss)

Abbildung 11: Pivot-Diagramm zur Frage V (Gewinn- und Verlustgewichtung)

Abbildung 12: Kursstrukturen der Frage VI und Frage XI

Abbildung 13: Pivot-Diagramm zur Frage VI - Antwortverhalten Gruppe-1

Abbildung 14: Pivot-Diagramm zur Frage VI - Antwortverhalten der Gruppe-2

Abbildung 15: Pivot-Diagramm zur Frage XI - Antwortverhalten der Gruppe-1

Abbildung 16: Pivot-Diagramm zur Frage XI - Antwortverhalten der Gruppe-2

Abbildung 17: Pivot-Diagramm zu den Fragen VII und VIII (Gruppe-1)

Abbildung 18: Pivot-Diagramm zu den Fragen VII und VIII (Gruppe-2)

Abbildung 19: Pivot-Diagramm zur Frage X (Sunk Cost)

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Auswertung der Frage IV

Tabelle 2: Mediane der Fragen VI und XI

Vorwort

Der letzte ökonomische Abschwung, der durch die Pleite namhafter US-Banken und Versicherer eingeläutet wurde, verleitet die Fachwelt zum Überdenken und zum Umlenken der bereits fundierten, schematischen Marktgewohnheiten. Zum anderen wird auch das individuelle Verhalten der finanzwirtschaftlichen Akteure verstärkt hinterfragt. Doch nicht nur seit der Finanzkrise 2007, sondern auch nach wie vor ist immer wieder festzustellen, dass Intuition, Irrationalität und Emotionen keine gebührende Rolle in der Diskussion des Einflusses dieser Zustände auf das Verhalten der Marktteilnehmer in finanzwirtschaftlichen Entscheidungsprozessen bekommen. Die gegenwärtigen Maktveränderungen und die stetig steigende Komplexität, erhöht das Risiko nicht nur von jedem Einzelnen, sondern auch von ganzen Unternehmen und Institutionen. Zwar öffnen sich die Wirtschaftswissenschaften diesem, noch zu dünn erforschtem Gebiet der Intuition, jedoch wird diese Thematik nur von einigen wenigen Autoren wissenschaftlich diskutiert. Den ersten Ansatz lieferten die Autoren Kahneman, Slovic und Tversky in ihren Arbeiten zu den kognitiven Verzerrungen bei der Entscheidungsfindung.[1] Dabei fanden die Forscher unter anderem heraus, dass Entscheidungsträger in komplexen Situationen so genannte Heuristiken anstelle der rational-logischen Entscheidungsketten anwenden. Somit trübt sich das Bild des rationalen Nutzenmaximierers, der seine wirtschaftlichen Entscheidungen über das Abwägen jedes möglichen Ereignisses, dessen Wahrscheinlichkeit und dem Nutzen als Resultat trifft. Diese, fast schon dogmatische Dominanz des „Homo Oeconomicus“ berührt alle Fach- und Forschungsrichtungen der Wirtschafts- und Finanzwissenschaften und bildet durch diese Annahmen ein Fundament, aus welchem sich weitere, spezielle Gebiete ableiten lassen. Auch heutzutage besteht vermehrt die Ansicht, dass die Marktteilnehmer ihr Verhalten nach dem Modell des Homo Oeconomicus ausrichten. Dieses Verhalten basiert auf der vollkommenen Rationalität der Subjekte. Dabei ruht diese Annahme auf der Tatsache, dass diese Subjekte unbegrenzte kognitive Fähigkeiten, widerspruchsfreie Wahrscheinlichkeitsurteile und Emotionslosigkeit besitzen.[2] Der Wissenschaftszweig „Behavioral Finance“ befasst sich seit einiger Zeit mit dem Verhalten der Marktteilnehmer in finanzwirtschaftlichen Situationen und wurde nach schon nach einer kurzen Zeit ein wichtiges Teilgebiet der gegenwärtigen Finanzierungslehre. Sie distanziert sich von der Annahme der vollständigen Rationalität, dem Mythos des Homo Oeconomicus und untersucht die Anomalien der Finanz- und Kapitalmärkte.

Die „Prospect Theory“ kann als eine Einleitung, aber auch als ein Hilfsmittel zum Verständnis von „Behavioral Finance“ angesehen werden. Sie versucht durch ihren Ansatz die Entscheidungsfindung im Bezug zum Risiko zu erfassen. Daniel Kahneman und Amos Tversky entwickelten diese psychologisch realistischere Entscheidungstheorie und stellten diese in den späten siebziger Jahren vor.[3] Auch die Verknüpfung der Neurowissenschaften mit den Wirtschaftswissenschaften untersucht das Verhalten der Marktteilnehmer in diversen Entscheidungssituationen. Die Neuroökonomie wurde Ende der 1990, durch die Verbindung der Neurowissenschaften und der Wirtschaftswissenschaften, als eine eigenständige Richtung, gebildet. So ist diese Wissenschaftsdisziplin relativ frisch, bildet aber schon jetzt ein Gegengewicht zu der Theorie der rationalen Entscheidung und somit auch zum Modell des Homo Oeconomicus. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt jedoch auf den, in der „Prospect Theory“ beschriebenen, Wahrnehmungsverzerrungen und der Wechselwirkung mit einer Zeitbegrenzung. Im Hinblick auf diese Tatsache, soll diese Arbeit den Fokus des Lesers erweitern, indem es ihm einen überschaubaren Einblick in die intuitive Entscheidungsfindung in finanzwirtschaftlichen Situationen gewährt. Der Kern der Arbeit liegt dabei in dem deskriptiven Ansatz und soll empirische Beobachtungen anschaulich darstellen. Übersichtlichkeitshalber ist der erste Teil der Arbeit auf das Wesentliche begrenzt um die quantitative Auswertung der gesammelten Rohdaten nicht einzuengen. Die allseits in der Wirtschaft anzutreffende Rationalitätsannahme soll im Laufe der Arbeit hinterfragt, und somit eine Annäherung von der angenommenen Realität zur tatsächlichen Wirklichkeit vorgenommen werden.

Mit der Hilfe von zwei standardisierten Fragebögen soll im weiteren Verlauf anhand zweier Befragungen festgestellt werden ob und in welchem Ausmaß es signifikante Unterschiede bei dem Antwortverhalten der Probanden gibt. So wird angenommen, dass eine zeitlich begrenzte Befragung, die eine vollständige Aufnahme und Verarbeitung der Information verhindert, die Gewichtung auf die intuitiv-heuristische Entscheidungsfindung verlagert. Dieser intuitive Entscheidungsprozess soll der zweiten, nicht zeitlich begrenzten, Befragung gegenüber gestellt und anhand der ausgewerteten Daten quantitativ verglichen werden.

1 Teil 1: Theoretische Analyse

1.1 Forschungsstand

Zahlreiche Untersuchungen haben in der Vergangenheit gezeigt, dass kognitive Verzerrungen einen bedeutenden Einfluss auf das Verhalten der Subjekte im Zusammenhang mit der Entscheidungsfindung haben. Das vollständig rationale Model des Homo Oeconomicus ist nur in einem beschränkten Masse an die alltägliche Entscheidungsfindung der Individuen anpassbar.

Eine erste Kritik liefert die „Bounded Rationality“. Das Konzept der begrenzten Rationalität wurde Mitte der 50er Jahre von Herbert Alexander Simon eingeführt und beschreibt die begrenzten kognitiven Fähigkeiten der Entscheidungsträger. Diese begrenzte Rationalität basiert auf den eingeschränkten Möglichkeiten der Menschen, Informationen effizient und ohne Verzerrungen aufzunehmen, zu speichern, zu verarbeiten und wiederzugeben. Mit dieser kognitiven Art und Weise Urteile zu bilden, versucht der Entscheidungsträger die Transaktionskosten seiner Entscheidungsfindung zu minimieren. Die Konsequenzen der Entscheidungen sind weitgehend unbekannt und daher kann die Objektivität der jeweiligen Entscheidungen nur begrenzt gewährleistet werden. Dafür müssen die Entscheidungsträger die Entscheidungssituationen nicht ständig neu einschätzen. Auch beschreibt die Annahme der begrenzten Rationalität ein Verhalten, welches dann die

Suche nach Alternativen stoppt, wenn das Individuum die zufriedenstellende Alternative gefunden hat.[4] ,[5] Das von Simon durchgeführte Experiment zeigt, dass die Probanden Entscheidungen treffen, ohne im Nachhinein erklären zu können wieso sie diese getroffen haben. Auch beschreibt Simon (1987), dass die Entscheidung nie ein rein analytischer oder ein rein intuitiver Prozess ist, sondern eher die Mischung beider. Demnach ist die begrenzte Rationalität die Verknüpfung von Rationalität und Emotionalität. So entscheidet der Mensch nie aus kalkulatorischer Analyse, sondern wird von Emotionen motiviert und geleitet.[6]

Laut einem OECD Bericht aus dem Jahr 2005 durchlaufen Entscheidungsträger einen speziellen Entscheidungsprozess. Dieser basiert auf einem höchst komplexen Input und beginnt erwartungsgemäß mit der Informationssuche. Die Informationssuche ist die erste Stufe der Entscheidungsfindung und wird von etlichen systematischen Fehlern begleitet. Die Verzerrung der Informationsaufnahme beginnt mit der selektiven Wahrnehmung. Diese Verzerrung strukturiert die aufgenommene Information aufgrund eigener Erfahrung. Die Antizipation der Erwartung beeinflusst die Wahrnehmung dessen, was tatsächlich ist. Dabei werden vom Entscheider nur bestimmte Aspekte wahrgenommen, andere aber blockiert. Eine weitere Verzerrung ist die so genannte „Verfügbarkeitsheuristik“, welche den Entscheidungsträger aktuelle und schnell abrufbare Informationen übergewichten lässt. Das Gleiche gilt auch für Informationen welche aus dem engen Kreis (Familie, Freunde, Arbeitskollegen) gewonnen werden. Das Bias „Herdentrieb“ (herding) lässt den Entscheider der Mehrheit folgen, bzw. ähnlich handeln. Dies kann man z.B. beobachten wenn die Besucher eines Kinos unterbewusst nur einen von mehreren Ausgängen benutzen, obwohl dieser schon überfüllt ist.[7]

Die Informationsverarbeitung ist die nächste Stufe eines Entscheidungsprozesses. Auch diese Stufe wird von einigen Verzerrungen beeinflusst. Das „Framing“, oder auch Präsentation, beeinflusst das objektive Abwiegen einer Handlungsstrategie insofern, dass zum Beispiel die Reihenfolge, die Art und Weise und die Darstellung (positive oder negative) der Information einen signifikanten Einfluss haben. Aber auch das Beharrungsvermögen (conservatism) bestehender Meinungen und Ansichten verzerrt beim Eintreffen neuer Informationen. Ein weiterer Bias ist die Selbstüberschätzung (overconfidence). Menschen neigen dazu ihre eigenen Fähigkeiten mit einem sehr großen Optimismus zu beurteilen.[8] Dabei werden Erfolge dem eigenen Können zugeschrieben, Misserfolge jedoch externen Umständen.[9]

Diese Phasen des Entscheidungsprozesses werden Vollständigkeitshalber an dieser Stelle beschrieben, um die Komplexität des Entscheidungsprozesses zu verdeutlichen. Diese beiden Phasen sind deshalb so wichtig, da sie unmittelbar kurz vor der tatsächlichen Entscheidung stattfinden und diese folglich beeinflussen. Diese verzerrenden Einflüsse (Bias) sind nicht der zentrale Kern der Untersuchung und werden zu einer Größe zusammengefasst. Demgemäß werden die kognitiven Verzerrungen zusammenfassend als ein Einfluss auf die Entscheidungsfindung, im Laufe der Arbeit behandelt.

Wie bereits zuvor beschrieben, greifen die Anleger in unsicheren und komplexen Entscheidungssituationen auf Heuristiken zurück. Die Wissenschaftler Kahneman und Tversky beschrieben in ihren Arbeiten Heuristiken als eine einschneidende Größe bei der Entscheidungsfindung, wobei der Zugriff auf diese Heuristiken meist unbewusst geschieht. So gesehen könnte man die Intuition als ein Zugriff auf Heuristiken bei einer unsicheren Entscheidungssituation definieren. Um die intuitive Entscheidungsfindung zu untersuchen wurden für diesen Zweck die Repräsentationsheuristik, die Verfügbarkeitsheuristik und die Ankerheuristik ausgewählt.

1.1.1 Intuition – Ein Überblick

Der Terminus „Intuition“ stammt aus dem lateinischen und besteht aus zwei Wörtern in (innen; hinein) und tueri (sehen) und ist nicht genauer erfassbar. Auch im alltäglichen Sprachgebrauch ist der Begriff „Intuition“ nicht genau definiert. Meistens benutzen Menschen diesen Begriff um ein Erlebnis oder Ereignis zu beschreiben. Auch kann ein Individuum als intuitiv bezeichnet werden – d.h. die Intuition kann auch als eine Eigenschaft dargestellt werden. Hier ist anzumerken, dass damit meistens spontanes und nicht reflektiertes Verhalten gemeint ist.[10] Man merkt jedoch, dass die Intuition nicht genau beschrieben und erfasst werden kann. Genauso schwer ist es auch dieses Phänomen separat zu betrachten.

Diese Arbeit bedient sich der folgenden Definition für den Begriff „Intuition“. Dabei liegt der Fokus auf der kreativ-heuristischen Seite:[11]

- Die banale und triviale Seite im Gewohnheits- und halbautomatischen Handeln und
- die kreativ-heuristische Seite.

Die banale, triviale Seite der Intuition basiert auf dem Handeln aus der Gewohnheit oder dem Halbautomatischen Handeln. So erfolgt hier das Handeln quasi automatisch und wird als Routine erlebt, z.B. die tägliche Autofahrt. Die kreativ-heuristische Seite beschreibt einen unterbewussten Prozess in einer kreativ-problemlösenden Art, dass von Individuen häufig bei komplexen Problemen eingesetzt wird.[12]

Interessant ist, dass solche intuitiven Entscheidungsprozesse sehr oft vergleichsweise bessere Ergebnisse als Informationsverarbeitungsprozesse erzielen. So fanden Luigi Guiso und Tullio Jappelli in einer Studie für die Bank Unicredit heraus, dass je weniger sich die Kunden über ihre Geldanlage informierten, desto durchschnittlich ertragsreicher war diese im Vergleich zum Risiko. Die folgende Grafik zeigt die Rendite im Vergleich zum Risiko und den zeitlichen Aufwand der 1800 Kundendepots. Somit stellten die italienischen Wissenschaftler fest, dass je mehr die Anleger sich mit ihren Portfolios beschäftigten desto weniger erfolgreich war ihre Investition.[13] Demgemäß könnte diese Tatsache ein Indiz für das effiziente „aus-dem-Bauch-heraus“- Entscheiden sein.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Rendite im Verhältnis zum Risiko

Quelle: Center of Research on Pensions and Welfare Policies, in: FAZ-Online, März 2009.

Auch Gigerenzer bewies, dass Portfolios die von zufälligen Passanten zusammengestellt worden waren bessere Wertentwicklung aufwiesen als die Depots die von Experten verwaltet wurden.[14] Diese Tatsache lässt darauf schließen, dass intuitiv-heuristische Entscheidungsprozesse (in diesem Fall die Rekognitions-Heuristik) wohlmöglich im Durchschnitt wirtschaftlich bessere Resultate erzielen können als die rational-logische Informationsverarbeitung.

Wie bereits erwähnt, kann die Intuition (Zugriff auf Heuristiken) und die rationale Analyse nur in einem bedingten Ausmaß von einander separiert werden. Dieser Annahme von Herbert Simon folgten viele gegenwärtige Wissenschaftler und bestätigten das Konzept der begrenzten Rationalität. So ist Quincy Hunsicker der Meinung, dass der Entscheidungsträger sich schnell zwischen dem intuitiven und dem rationalen Entscheidungsprozess bewegt. Auch kommt er zum Schluss, dass beide Entscheidungsfindungen eine wichtige Rolle spielen, obwohl es schwierig ist sie im richtigen Verhältnis anzuwenden.[15] Auch David Myers vertritt in seinem Buch die Meinung, dass beide Entscheidungsprozesse zusammen wirken. Jedoch dienen diese, ergänzend verschiedenen Funktionen.[16] Zusammenfassend kann man sagen, dass die Intuition und die rationale Denkweise sich im Entscheidungsprozessim Zusammenwirken unterstützen und ergänzen. Die Grenzen dieser beiden Entscheidungsfindungen sind unklar und nicht greifbar. Auch die Gewichtung des einen oder anderen Entscheidungsprozesses ist von Situation zu Situation demnach individuell.

1.1.2 Prospect Theory

Um Entscheidungsprozesse besser zu verstehen, ist ein Exkurs in die „Prospect Theory“ von maßgeblicher Bedeutung. Behaviorale Wirtschaftswissenschaften versuchen, mit der Anlehnung an die „Prospect Theory“ die Entscheidungsfindung der Marktteilnehmer zu beschreiben. Dabei bilden verschiedene psychologische Effekte, bzw. Bias, die Grundlage für das Verstehen der Entscheidungsfindung.

Die „Prospect Theory“ wurde Ende der 70er Jahre entwickelt. Diese deskriptive Entscheidungstheorie stammt von David Kahneman und Amos Tversky, welche das Verhalten der Menschen in Bezug auf Risiko untersuchten. Dabei fanden sie zunächst heraus, dass Menschen risikoavers bei Gewinnen und risikosuchend bei Verlusten sind. Die Wertefunktion der „Prospect Theory“ bildet einen konkaven Teil für Gewinne (oberhalb des Referenzpunktes) und einen konvexen Teil für die Verluste (unterhalb des Referenzpunktes). Später fanden die Forscher heraus dass der Schätzwert für die Verlustaversion etwa bei λ≈2,25 liegt und somit doppelt so schwer gewichtet wird wie ein ebenbürtiger Gewinn.[17],[18] Das ursprüngliche und allseits bekannte Beispiel für die Wertefunktion wurde für: α,β ∈ (0, 1) und λ > 1 wie folgt angegeben:[19]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Die prototypische Wertefunktion der „Prospect Theory“

Quelle: Mei Wang: Prospect-Theorie in Behavioural Finance, NCCR working paper (2006), S. 4.

Die verschiedenen Parameter beschreiben das Verhalten der Personen:

α: Grad der Risikoaversion bei Gewinnen

β: Grad des risikosuchenden Verhalten bei Verlusten

λ: Die Verlustaversion – Wie viel wichtiger ist ein Verlust als Gewinn

Die „Prospect Theory“ beschreibt außerdem in einer S-förmigen Kurve die Funktion der Wahrscheinlichkeitsgewichtungen. Kahneman und Tversky beschreiben diese Funktion folgend:[20]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Die Wahscheinlichkeitsgewichtungsfunktion der „Prospect-Theory“

Quelle: Mei Wang: Prospect-Theorie in Behavioural Finance, NCCR working paper (2006), S. 5.

Dabei beschreibt der Parameter γ die Wahrscheinlichkeitsverzerrung. Alles in allem kann man demnach zusammenfassen:[21]

1) Das Ergebnis bezieht sich immer auf den Referenzpunkt (Gewinne/Verluste)
2) Es besteht eine Risikoaversion bei Gewinnen und ein risikosuchendes Verhalten bei Verlusten. Demnach sind auch die Verluste gewichtiger als Gewinne
3) Kleine Wahrscheinlichkeiten werden übergewichtet

Somit distanziert sich die „Prospect Theory“ von der Erwartungsnutzentheorie, welches ein rein rationales Model darstellt. Die „Prospect Theory“ versucht dadurch etliche Anomalien in der Entscheidungsfindung zu erklären. Im weiteren Verlauf wird diese Arbeit auf die „Prospect Theory“ teilweise zugreifen.

1.1.3 Repräsentativitätsheuristik

Die Repräsentativitätsheuristik ist eine Urteilsheuristik, welche für das Schätzen verschiedener Ereigniswahrscheinlichkeiten in bestimmten Situationen herangezogen wird. Diese Schätzungen entstehen auf der Grundlage unpräziser Ähnlichkeitsprinzipien und dem Ignorieren jeglicher Grundinformation. Der Kerngedanke der Repräsentativitätsheuristik besteht darin, dass Schätzungen auf der Ähnlichkeit zwischen, z.B. einer Stichprobe und einer Grundgesamtheit, basieren. Hierbei entsteht der Nachteil, dass fundamentale statistische Grundregeln vernachlässigt werden. Folglich bezieht sich die Repräsentativitätsheuristik auf die Logik des induktiven Schließens.[22] Dementsprechend werden vom Anleger auf Grund von einzelnen Beobachtungen oder Erfahrungen allgemeine Schlussfolgerungen abgeleitet. Diese Faustregel hilft zwar den Investoren die Komplexität der Entscheidung unter großer Unsicherheit zu reduzieren, jedoch kann diese Urteilsheuristik schnell zu Verzerrungen bei der Entscheidungsfindung führen. Ein Beispiel dazu liefert die Arbeit von Kahneman und Tversky aus dem Jahr 1973.

Ein relativ schwacher Squash-Spieler möchte gegen seinen Freund antreten. Dieser ist dagegen ein ziemlich guter Squash-Spieler. Der schwächere Squash-Spieler darf deswegen wählen, ob das Spiel um 9 oder 15 Punkte gehen soll. Bei welchem Spiel ist die Wahrscheinlichkeit grösser, dass der schwächere Squash-Spieler gewinnt?

Die meisten Probanden waren der Meinung, dass es keinen Unterschied macht, ob das Spiel bis 9 oder bis 15 Punkte geht. Tatsache ist aber, dass sich die Wahrscheinlichkeit erhöht umso grösser die Stichprobe ist. Folglich bringt das Spiel um 9 Punkte eine weniger repräsentative Serie an Spielereignissen als das Spiel um 15 Punkte. So ist die Gewinnwahrscheinlichkeit bei dem Spiel um 15 Punkte größer als bei dem Spiel um 9 Punkte.[23]

1.1.4 Ankerheuristik

Bei dem Effekt der Ankerheuristik werden Entscheidungen gefällt, indem ein Schätzwert auf der Grundlage eines Ausgangswertes (Anker) beeinflusst wird. Der Ankerwert wird meist durch eine Problemformulierung oder auf eine andere Art und Weise extern vorgegeben. Somit beeinflusst der Ankerwert die Entscheidungsfindung der Marktteilnehmer. Das Problem dabei ist, dass die Anpassung nach dem vorgegebenen Anker sehr oft unzureichend ist. So korrigieren die meisten Markteilnehmer den Schätzwert in unzureichender Weise nach oben oder nach unten und liegen damit vorwiegend falsch. Auch besteht die Problematik, dass auch irrelevante Anker eine signifikante Wirkung auf den Entscheidungsprozess haben.[24]

So zeigte James Montier 2005 in seinem Experiment, dass auch Anleger von diesem Problem betroffen sind.[25] In einer Umfrage bat er 200 Fondsmanager die letzten vier Ziffern ihrer Telefonnummer aufzuschreiben. Danach sollten die Fondsmanager schätzen wie viele Ärzte es in London insgesamt gibt. Es ist offensichtlich, dass die erste Frage nichts mit der zweiten zu tun hatte. Trotzdem schätzten die Fondsmanager deren letzte vier Ziffern der Telefonnummer relativ hoch waren, auch eine höhere Anzahl der niedergelassenen Ärzte in London und vice versa. Tatsächlich hat demnach auch ein irrelevanter Anker einen signifikanten Einfluss auf die Entscheidungsfindung der Marktteilnehmer.

1.1.5 Verfügbarkeitsheuristik

Die von der Verfügbarkeitsheuristik beschriebenen Faustregeln dienen dazu, die Ereigniswahrscheinlichkeit mittels der Abrufbarkeit der Informationen aus dem Gedächtnis zu schätzen. Demnach ist die geschätzte Wahrscheinlichkeit für ein Ereignis umso grösser, je leichter und schneller die Informationen aus dem Gedächtnis abrufbar sind. So gesehen bestimmt die Leichtigkeit, bzw. Schwierigkeit, des Abrufens gewisser Informationen aus dem Gedächtnis, wie hoch das Eintreten der Ereigniswahrscheinlichkeit eingeschätzt wird. Obwohl auch die Verfügbarkeitsheuristik die Komplexität der Entscheidungsfindung reduziert, können dem Entscheidungsträger typische Fehlschlüsse unterlaufen.[26] Der Spielerfehlschluss ist ein typischer Verfügbarkeitsfehler. Diese Verzerrung ist ein logischer Denkfehler bei der Beurteilung von Wahrscheinlichkeiten. Der Spielerfehlschluss verleitet die meisten Menschen zu denken, dass nach einer langanhaltenden Serie von Ereignissen ein Gegenereignis eintreten wird. Demnach schätzen sie die Wahrscheinlichkeit für das Eintreffen dieses Gegenereignisses viel zu hoch ein.[27] So denken die meisten beispielsweise, dass wenn beim Werfen einer Münze fünf Mal nacheinander „Kopf“ geworfen wurde, die Wahrscheinlichkeit für das „Zahl“ kommt, steigt.

[...]


[1] Vgl. Kahneman, Daniel / Tversky, Amos: Prospect theory: An analysis of decision under

risk, in: Econometrica, Jg. 2, No. 47, (1979), S. 263-291.

[2] Vgl. Selten, Reinhard: What is bounded rationality?: Paper prepared for the Dahlem Conference 1999, Rheinische Fridrich-Wilhelm-Universität, (2000), S 129.

[3] Vgl. Kahneman, Daniel / Tversky, Amos: Prospect theory: An analysis of decision under

risk, in: Econometrica, Jg. 2, No. 47, (1979), S. 263-291.

[4] Vgl. Simon, Herbert: Administrative Behavior: A study of decision-making processes in Admin-

istrative Organization, The Free Press, Macmillian USA, (1976), S. 102 ff.

[5] Vgl. Ebd, S. 81 ff.

[6] Vgl. Simon, Herbert: Making managent decisions, The role of Intuition and emotion, in: Academy of Management Executive, (1987) S. 57ff.

[7] Vgl. OECD report: Improving Financial Literacy, Analysis of issues and policies, 2005, Zitiert nach: Schönemann Doris M.: Die Financial Literacy bestimmt das Verhalten, in: Die Zeitschrift des Verbands Schweizerischer Vermögensverwalter, (2008), S. 27.

[8] Vgl. OECD report: Improving Financial Literacy, Analysis of issues and policies, 2005, Zitiert nach: Schönemann Doris M.: Die Financial Literacy bestimmt das Verhalten, in: Die Zeitschrift des Verbands Schweizerischer Vermögensverwalter, (2008), S. 27.

[9] Vgl. Ross, Michael, Fiore Sicoly: Egocentric biases in availability and attribution, in:

Journal of Personality and Social Psychology, Jg. 37, (1979), S. 322-336.

[10] Vgl. Goldberg, Philip (1986): Die Kraft der Intuition - Wie man lernt seiner Intuition zu vertrauen, Scherz, Bern, (1986), S. 267.

[11] Vgl. Sponsel, Rudolph: Internet Publikation für Allgemeine und Integrative Psychotherapie, URL: (http://www.sgipt.org/gipt/method/intuit0.htm), (2000).

[12] Vgl. Svenson, Ola: Decision making and the search for fundamental psychological regularities: What can be learned from a process perspective? in: Organizational Behavior and Human Decision Processes, Jg. 65, (1996), S.263.

[13] Vgl. Guiso Luigi / Japelli Tullio: Financial Literacy and Portfolio Diversification, in:

ECO 2008/31, European University Intsitute, (2008), S. 17 ff.

[14] Vgl. Gigerenzer, Gerd:Bauchentscheidungen. Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition, Bertelsmann, München, (2007), S. 38.

[15] Vgl. Hunsicker, J. Quincy: Stärkung der intuitiven Basis von Management-Entscheidungen. In: Bechtler (Hrsg.), 1986, S. 193 ff.

[16] Vgl. Myers, David G: Intuition – Powers and Perils, Yale University Press, New Haven, (2002), S. 21

[17] Vgl. Kahneman, Daniel / Knetsch, Jack / Thaler, Richard H.: Experimental tests of the endow-

ment effect and the coase theorem, in: Journal of Political Economy XCVIII, (1990), S.

1326 ff.

[18] Vgl. Tversky, Amos / Kahneman, Daniel: Advances in prospect theory: Cumulative representa-

tion of uncertainty, in: Journal of Risk and Uncertainty, Jg. 5, (1992), S. 311ff.

[19] Vgl. Ebd, S. 309.

[20] Vgl. Tversky, Amos / Kahneman, Daniel: Advances in prospect theory: Cumulative

representation of uncertainty, in: Journal of Risk and Uncertaint, Jg. 5, (1992), S. 309.

[21] Vgl. Kahneman, Daniel / Tversky, Amos: Prospect theory: An analysis of decision under risk,

in:Econometrica, Jg. 2, No. 47, (1979), S. 263-291. Zitiert nach Hens Thorsten: Mikro-

ökonomie für BWL. Vortrag an der University of Zurich, (2007), S. 17.

[22] Vgl. Kahneman, Daniel / Tversky, Amos:Judgment under Uncertainty: Heuristics and Biases, in: Science, Jg. 185, (1974), S. 1131.

[23] Vgl. Kahneman, Daniel / Tversky, Amos / Slovic, Paul: Judgement under uncertainty heuristics and biases, Cambridge University Press, Cambridge, (1982), S. 495.

[24] Vgl. Langer, Thomas: Alternative Entscheidungskonzepte in der Banktheorie, Physica-

Verlag, Heidelberg, (1999), S. 10.

[25] Vgl. Montier, James: Seven sins of fund Management, A behavioural critique, Dresdner Kleinwort Wasserstein – Global Equity Strategy, London, (2005), S. 22 ff.

[26] Vgl. Kahneman, Daniel / Tversky, Amos:Judgment under Uncertainty: Heuristics and Biases, Science, Jg. 185, (1974), S. 1127 ff.

[27] Vgl. Kahneman Daniel / Tversky Amos: Belief in the law of small numbers, in: Psychological Bulletin, Jg. 2, (1971), S. 105-110.

Details

Seiten
61
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783836647779
Dateigröße
1.7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v227824
Institution / Hochschule
Frankfurt University of Applied Sciences, ehem. Fachhochschule Frankfurt am Main – 3, Wirtschaft und Recht, International Finance
Note
1,0
Schlagworte
intuition homo oeconomicus entscheidungsfindung heuristic studie

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