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Die Defizite der wirtschaftlichen Entwicklung Argentiniens im 20. Jahrhundert als eine der Ursachen für die Argentinien-Krise 2001/2002

Diplomarbeit 2009 115 Seiten

BWL - Wirtschafts- und Sozialgeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Darstellungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Zielsetzung
1.2 Aufbau der Arbeit

2 Die exportorientierte Wirtschaftspolitik (1900–1929)
2.1 Wirtschaftliche Entwicklung Argentiniens bis zur Weltwirtschaftskrise 1929
2.2 Entwicklung der makroökonomische Indikatoren dieser Zeit
2.3 Defizite der wirtschaftlichen Entwicklung

3 Die Politik der Importsubstitutionen als Entwicklungs- und Industrialisierungsstrategie (1930–1976)
3.1 Die erste Phase der Importsubstitution (1930–1955)
3.1.1 Beginn der Industrialisierung (1930–1945)
3.1.2 Die Ära Perón (1946–1955)
3.1.2.1 Umsetzung der Importsubstitutionspolitik
3.1.2.1.1 „Plan Quinquenal“
3.1.2.1.2 Regulierende Maßnahmen
3.1.3 Entwicklung der makroökonomische Indikatoren dieser Zeit
3.2 Die zweite Phase der Importsubstitution (1956–1975)
3.2.1 Zeit der Diskontinuität (1956–1975)
3.2.2 Entwicklung der makroökonomische Indikatoren dieser Zeit
3.3 Die Defizite der wirtschaftlichen Entwicklung durch die ISI
3.3.1 Rückläufige Entwicklung des Agrarsektors
3.3.2 Mangelnde Exportorientierung
3.3.3 Vernachlässigung der Produktivität
3.3.4 Sinkende Kapitalzuflüsse
3.3.5 Devisenabfluss durch ausländische Direktinvestoren
3.3.6 Stärkung des informellen Sektors

4 Liberalisierung der Wirtschaft (1976–1989)
4.1 Die Militärdiktatur (1976–1983)
4.1.1 Liberalisierung der Wirtschaftspolitik
4.1.1.1 Auswirkungen der wirtschaftspolitischen Maßnahmen
4.1.2 Ende der Militärdiktatur
4.1.3 Makroökonomische Analyse dieser Zeit
4.2 Raúl Alfonsín (1983–1989) – Rückkehr der Demokratie und Beginn der Hyperinflation
4.2.1 Die Stabilisierungsprogramme unter Alfonsín
4.2.1.1 „Reaktivierung der Wirtschaft“ und „Zweites Wirtschaftsprogramm zur Reaktivierung der Wirtschaft“
4.2.1.2 „Plan Austral“
4.2.1.3 „Plan Australito“, „Plan Bienal“ und „Plan Primavera“
4.2.2 Gründe für das Scheitern der Stabilisierungsversuche
4.2.2.1 Expansive Fiskalpolitik
4.2.2.2 Expansive Geldpolitik
4.2.2.3 Macht der Gewerkschaften und Interessenverbände
4.2.2.4 Vertrauensverlust in die Stabilisierungsversuche
4.2.3 Ende der Amtszeit von Alfonsín 1989
4.2.4 Entwicklung der makroökonomische Indikatoren dieser Zeit
4.3 Defizite der wirtschaftlichen Entwicklung
4.3.1 Hohe öffentliche Verschuldung
4.3.2 Hohe Inflationsrate und Hyperinflation
4.3.3 Sinkende Investitionstätigkeiten
4.3.4 De-Industrialisierung und sinkende Wertschöpfung

5 Epoche der neoliberalen Wirtschaftspolitik (1989–2002)
5.1 Regierung Menem (1989–1999)
5.1.1 Stabilisierungsversuche vor dem Konvertibilitätsplan
5.1.1.1 „Plan Bunge & Born“
5.1.1.2 Plan Erman I–VII
5.1.2 Plan Cavallo
5.1.3 Das Currency Board System (CBS)
5.1.3.1 Aufgabe eines Currency Board
5.1.3.2 Gründe für die Einführung eines CBS
5.1.3.3 Merkmale des Currency Board Systems
5.1.3.3.1 Fester Wechselkurs
5.1.3.3.2 Konvertibilitätsgarantie
5.1.3.3.3 Deckung der Inlandswährung
5.1.3.3.4 Verzicht auf geld- und fiskalpolitische Instrumente
5.1.3.3.5 Verzicht auf den Status „Lender of Last Resort“
5.1.3.4 Unterscheidung zwischen orthodoxem und modifiziertem Currency Board
5.1.3.5 Umsetzung des CBS in Argentinien
5.1.3.5.1 Gesetzliche Verankerung
5.1.3.5.2 Wahl der Ankerwährung
5.1.3.5.3 Wahl des Paritätskurses
5.1.4 Auswirkungen der Maßnahmen des Konvertibilitätsplans
5.2 Regierung de la Rúa (Dezember 1999–Dezember 2001)
5.3 Ausbruch der Krise zum Jahreswechsel 2001/2002
5.3.1 Entwicklung der makroökonomische Indikatoren dieser Zeit
5.4 Defizite der wirtschaftlichen Entwicklung
5.4.1 Ausverkauf des Staates
5.4.2 Überbewertung der Währung
5.4.3 Hohe Verschuldung
5.4.4 Restriktive Fiskalpolitik
5.4.5 Machtkonzentration der Exekutive
5.4.6 Korruption

6 Ursachen der Argentinien-Krise
6.1 Defizite der wirtschaftlichen Entwicklung im 20. Jahrhundert
6.1.1 Fehlende Rechtsstaatlichkeit und schwache politische Institutionen
6.1.2 Informeller Sektor und Korruption
6.1.3 Fehlende Wettbewerbsfähigkeit und Produktivitätssteigerungen
6.1.4 Hohe staatliche Verschuldung
6.2 Neoliberale Wirtschaftspolitik
6.2.1 Die Rolle des Internationalen Währungsfonds
6.2.1.1 Exkurs: Rolle des IWF im Zusammenhang mit der Asien- Krise
6.2.1.2 Rolle des IWF in Argentinien
6.2.2 Das Currency Board System und die Überbewertung des Pesos
6.3 Exogene Schocks
6.3.1 Die Mexiko-Krise 1994
6.3.2 Die Asien- und die Russland-Krise
6.3.3 Die Brasilien-Krise 1998
6.3.4 Die US-amerikanische Wirtschaftsentwicklung
6.4 Fazit

Darstellungsverzeichnis

Abbildung 1: Entwicklung des Exports und Imports 1900 bis 1929

Abbildung 2: Entwicklung der realen Wachstumsraten des BIP 1900 bis 1929

Abbildung 3: Entwicklung des Exports und Imports 1930 bis 1955

Abbildung 4: Entwicklung der realen Wachstumsraten des BIP 1930 bis 1955

Abbildung 5: Entwicklung der Inflationsrate 1944 bis 1955

Abbildung 6: Entwicklung des Exports und Imports 1956 bis 1975

Abbildung 7: Entwicklung der realen Wachstumsraten des BIP 1956 bis 1976

Abbildung 8: Entwicklung der Inflationsraten von 1956 bis 1975

Abbildung 9: Entwicklung des Exports und Imports von 1976 bis 1983

Abbildung 10: Entwicklung der realen Wachstumsraten des BIP 1976 bis 1983

Abbildung 11: Entwicklung der Auslandsverschuldung 1976 bis 1983

Abbildung 12: Entwicklung des Exports und Imports 1983 bis 1989

Abbildung 13: Entwicklung der realen Wachstumsraten des BIP 1983 bis 1989

Abbildung 14: Entwicklung der Inflationsrate von 1983 bis 1989

Abbildung 15: Entwicklung der Investitionsquote 1975 bis 1986

Abbildung 16: Entwicklung des Exports und Imports 1990 bis 2002

Abbildung 17: Entwicklung der realen Wachstumsraten und der Arbeitslosenquote gemessen am BIP 1990 bis 2002

Abbildung 18: Entwicklung der durchschnittlichen Reallöhne und der Beschäftigung von 1995 bis 2007 (2001 = 100)

Abbildung 19: Entwicklung der Inflationsrate 1992 bis 2002

Abbildung 20: Entwicklung des realen effektiven Wechselkurses des Pesos

Abbildung 21: Entwicklung der Staatsverschuldung von 1992 bis 2001

Abbildung 22: Entwicklung der Defizite im Haushalt und in der Leistungsbilanz gemessen am BIP 1991 bzw. 1992 bis 2001

Abbildung 23: Entwicklung der Bankeinlagen von 2000 bis 2001 in Mrd. Peso

Tabelle 1: Politische Regime und ihre Wirtschaftspolitik 1955 bis 1976

Tabelle 1: Von Militärregierungen durchgeführte institutionelle Veränderungen

Tabelle 2: Der CPI ausgewählter Länder Südamerikas 1995 und 2001

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

1.1 Zielsetzung

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gehörte Argentinien zu einem der reichsten Länder der Welt. Zum Jahreswechsel 2001/2002 bestimmten wirtschaftliches und politisches Chaos das Geschehen in Argentinien. Die empörte Bevölkerung demonstrierte tagelang vor dem Regierungsgebäude in Buenos Aires. Es kam zu Plünderungen durch die verarmte Bevölkerung und zu zahlreichen Toten und Verletzten bei Zusammenstößen mit der Polizei. Innerhalb nur weniger Tage hatte das Land fünf Präsidenten. Oft wird sich in der Literatur die Frage gestellt, wie es dazu kommen konnte, dass Argentinien im Jahre 2001 die Zahlungsunfähigkeit und somit den Staatsbankrott erklären musste. Um den ökonomischen Abstieg des Landes von einem der reichsten Länder der Welt zu einem Schwellenland zu verstehen, ist es notwendig die geschichtliche und wirtschaftliche Entwicklung zu einem Zeitpunkt zu betrachten, der weit vor der Krise liegt. Die Erklärungen für die Ursachen der Krise greifen meiner Ansicht nach zu kurz, wenn sie sich nur auf die Indikatoren oder die neoliberale Wirtschaftspolitik stützen, welche sich in den umgesetzten Reformen unter Menem oder in den vom IWF geforderten Strukturanpassungsmaßnahmen widerspiegeln.

Daher konzentriere ich mich in der vorliegenden Arbeit auf die Darstellung der Wirtschaftsentwicklung des Landes im 20. Jahrhundert. Schwerpunkt der Arbeit ist es, die Defizite herauszuarbeiten, die sich im geschichtlichen Verlauf in der ökonomischen Entwicklung ergeben hatten und die sich durch die neoliberale Wirtschaftspolitik zum Ende des Jahrhunderts so drastisch offenbaren konnten. Ziel der Arbeit ist es aufzuzeigen, dass das Staatsdefault vor allem ein Resultat aus den Defiziten der Wirtschaftsentwicklung des letzten Jahrhunderts und der neoliberalen Wirtschaftspolitik unter Menem ist. Nur durch dieses Zusammenspiel erreichte die Krise das Ausmaß, welches sie zu einer der verheerendsten Krisen der Weltwirtschaftsgeschichte machte.

1.2 Aufbau der Arbeit

Die Kapitel zwei bis fünf sind chronologisch nach der jeweiligen wirtschaftspolitischen Entwicklungsstrategie unterteilt, welche die verschiedenen Regimes im 20. Jahrhundert verfolgt haben. Am Ende eines jeden Kapitels wird anhand von Grafiken die Entwicklung ausgewählter makroökonomischer Indikatoren dargestellt. Der Leser erhält durch die grafische Darstellung eine bessere Übersicht über die charakteristischen Merkmale, welche sich durch die jeweilige Wirtschaftsentwicklung in den einzelnen Epochen ergeben hat. Abschließend werden in jedem der vier Kapitel die Defizite herausgearbeitet, die sich aus den jeweiligen wirtschaftspolitischen Maßnahmen der verschiedenen Regimes bzw. durch den Einfluss weiterer Faktoren ergeben haben.

Der Verlauf der ökonomischen Entwicklung durch die exportorientierte Entwicklungsstrategie, die dem Land zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen großen Reichtum bescherte, wird in Kapitel zwei behandelt. In Kapitel drei folgt die Darstellung der Wirtschaftsentwicklung im Rahmen der importsubstituierenden Industrialisierungsstrategie (ISI). Da die ISI zeitlich fast ein halbes Jahrhundert umfasst, ist das Kapitel anhand der Phasen der Importsubstitution in zwei Schwerpunkte unterteilt. Diese grenzen sich anhand der Kontinuität der verfolgten Wirtschaftspolitik stark voneinander ab, so dass die Entwicklung der makroökonomischen Indikatoren nach jedem Schwerpunkt bzw. nach jeder Phase getrennt voneinander dargestellt wird. Das vierte Kapitel steht unter der Überschrift der Liberalisierung der Wirtschaft, die durch das Militärregime eingeläutet wurde und unter Präsident Alfonsín größtenteils fortgeführt wurde. Die Regierungszeit Alfonsíns war vor allem durch die zahlreichen Stabilisierungsprogramme gekennzeichnet, die unter ihm eingeführt wurden. Daher werden in einem weiteren Punkt die verschiedenen Faktoren analysiert, die zum Scheitern sämtlicher Stabilisierungsprogramme beigetragen haben. Auch in diesem Kapitel wird die Entwicklung der makroökonomischen Indikatoren während der Militärdiktatur und unter Alfonsín getrennt voneinander betrachtet. Der Grund dafür liegt in der extremen Entwicklung einzelner Indikatoren, welche für das jeweilige Regime bezeichnend ist und für die weitere negative Wirtschaftsentwicklung eine große Rolle spielten. Das fünfte Kapitel widmet sich der Darstellung der wirtschaftspolitischen Maßnahmen unter Menem, die ganz im Zeichen des Neoliberalismus standen. Einen eigenen Schwerpunkt in dem Kapitel bildet die Erläuterung der theoretischen Merkmale bzw. der Funktionsweise des 1991 eingeführten fixen Währungssystems in Form eines Currency Board System (CBS). Dies dient dem besseren Verständnis des Lesers, welches nötig ist um die in Kapitel sechs folgende Argumentation nachvollziehen zu können, ob das CBS eine der Ursachen für die Krise darstellt.

Kapitel sechs wurde in vier Oberpunkte untergliedert. Im ersten Oberpunkt fließen die herausgearbeiteten Defizite der verschiedenen Wirtschaftsepochen, die in Kapitel zwei bis fünf behandelt werden, als ein mögliches „Ursachenbündel“ zusammen und dienen somit auch als Überblick über die Fehlentwicklung der Wirtschaft, welche sich im 20. Jahrhundert ergeben hat. Im zweiten Schwerpunkt des Kapitels wird die neoliberale Wirtschaftspolitik als eine mögliche Ursache untersucht, die sich in den von Menem umgesetzten Reformen sowie in den Forderungen des IWF widerspiegelt, die er an die Bereitstellung der finanziellen „Hilfspakete“ knüpft. Der dritte Oberpunkt widmet sich der Darstellung der exogenen Schocks und den damit verbundenen negativen Auswirkungen, die in der Literatur auch als primäre Ursachen für die Krise genannt werden. Somit konzentrieren sich die zwei letztgenannten Oberpunkte vor allem auf die 90er Jahre als Dekade, die zum Jahrtausendwechsel in der Krise gipfelten.

Der vierte Punkt bildet ein abschließendes Fazit, welches sich die vorherige Punkten des sechsten Kapitels bezieht. Hier werden die zuvor aufgeführten möglichen Ursachen danach bewertet, ob sie primär für die Krise verantwortlich waren oder nur als Auslöser bzw. „Rezessionsverstärker“ fungierten.

2 Die exportorientierte Wirtschaftspolitik (1900–1929)

Bis 1929 befand sich das Land in seiner wirtschaftlichen „Blütezeit“ und zählte zu den bedeutendsten Agrarexporteuren weltweit.[1] Die agrarexportierende Entwicklungspolitik brachte Argentinien zu Beginn des 20. Jahrhunderts den 5. Platz unter den reichsten Ländern der Welt ein.[2]

2.1 Wirtschaftliche Entwicklung Argentiniens bis zur Weltwirtschaftskrise 1929

Anfang des 20. Jahrhunderts florierte die Wirtschaft Argentiniens basierend auf dem Export von Agrarprodukten, vornehmlich Fleisch und Weizen. Importiert wurden vor allem Industriegüter aus Europa und den USA.[3] Seit der Unabhängigkeit Argentiniens von der Kolonialmacht Spanien hatte Großbritannien den Platz als Haupthandelspartner eingenommen, was bis 1930 unverändert blieb. Begünstigend auf den Exportboom wirkten sich der hohe Kapitalzufluss und der Einwanderungsstrom aus Europa aus, welche die eigene Knappheit an Kapital und Arbeit ausglichen.[4] Bis 1914 waren ca. 3 Millionen Menschen nach Argentinien eingewandert.[5] Durch den Ausbau der englischen Eisenbahn verfügte das Land über die notwendige und moderne Infrastruktur.[6]

Während des Ersten Weltkrieges und vor allem in den Jahren danach profitierte Argentinien stark von der erhöhten Nachfrage nach Lebensmitteln durch die kriegsinvolvierten europäischen Länder. Durch die Kriegsteilnahme der Handelspartner waren diese nicht mehr in der Lage, im vollen Maße die von Argentinien nachgefragten Güter zu liefern, so dass sich die sinkenden Importe negativ auf das argentinische Wirtschaftswachstum auswirkten. Während dieser Zeit betrieben die Unternehmen gezwungenermaßen eine Importsubstitutionspolitik. Nach Kriegsende ging man jedoch sofort wieder dazu über, die ersatzweise heimisch produzierten Güter durch Importe zu ersetzen.[7] Trotz der sich offenbarenden Defizite des Export-Import-Systems während des Ersten Weltkrieges setzte man diese Wirtschaftsstrategie bis zum Ausbruch der Weltwirtschaftskrise fort.[8]

Der Agrarsektor wurde hauptsächlich von einer oligarchischen Minderheit beherrscht. Durch zahlreiche Interessenvereinigungen, z. B. die Sociedad Rural[9] , dominierten die Großgrundbesitzer und Unternehmer während dieser Zeit auch die politische Macht Argentiniens. Sie verteidigten vehement die „konservative Ordnung“, „[…] die sich zwar formal auf die liberale Verfassung von 1853 gründete, in der Praxis jedoch eine oligarchische Republik darstellte“[10]. In den Jahren 1922 und 1928 wurde die Unión Cívica Radical (UCR)[11], die seit 1916 an der Macht war, erneut bei den Präsidentschaftswahlen bestätigt. Jedoch wurden ihr letztendlich Korruptionsskandale, innenpolitische Spannungen und eine erneute Rezession, verursacht durch den „Schwarzen Freitag“[12], zum politischen Verhängnis, es kam zum ersten Militärputsch in der argentinischen Geschichte.[13] Während ihrer 14-jährigen Regierungszeit vermochte es die UCR nicht, Reformen durchzuführen, um die sozialen Strukturen des Landes aufzubrechen und die Position der Oligarchie zu schwächen.[14]

2.2 Entwicklung der makroökonomische Indikatoren dieser Zeit

Abbildung 1: Entwicklung des Exports und Imports 1900 bis 1929

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthaltenQuelle: Oxford Latin American Economic History Database; eigene Darstellung

Ab 1912 übertraf der Export stets den Import. Dadurch erzielte die Handelbilanz für diese Periode einen positiven Saldo von knapp 3,5 Mrd. US Dollar.[15] Während des Ersten Weltkrieges und in den Nachkriegsjahren stieg die Nachfrage nach argentinischen Agrarprodukten und Gütern so stark, dass sich die Exporterlöse bis 1920 im Vergleich zu 1913 verdoppelten, bei gleichzeitig starkem Rückgang des Imports. Nach 1920 verzeichneten vor allem die Exporte einen deutlichen Rückgang, aufgrund eines Importverbots der USA gegen argentinisches Rindfleisch wegen der Gefahr einer Maul- und Klauenseuche.[16] Kurz darauf wurde der Verlust der USA als zweitwichtigster Abnehmer für argentinisches Rindfleisch durch eine erhöhte Nachfrage seitens Europas kompensiert[17], so dass die Exporterlöse bis 1929 wieder deutlich über den Erlösen der Importe lagen.

Abbildung 2: Entwicklung der realen Wachstumsraten des BIP 1900 bis 1929

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthaltenQuelle: Oxford Latin American Economic History Database; eigene Berechnung

Die hohe Nachfrage nach den argentinischen Agrarprodukten sorgte für ein konsequentes Wirtschaftswachstum in dieser Zeit, mit Ausnahme der Spanne des Ersten Weltkrieges. Vor allem zwischen 1903 und 1905 verzeichnete das argentinische BIP hohe Wachstumsraten im zweistelligen Bereich. Sie lagen bei durchschnittlich 12,7 Prozent p. a.[18] und waren vor allem den explodierenden Fleisch- und Weizenexporten zu verdanken, auf denen der argentinische Export vorrangig basierte.[19] Der starke Rückgang der Importe mit Kriegsbeginn wirkte sich negativ auf das BIP aus. In den Kriegsjahren von 1914 bis 1918 verzeichnete die Ökonomie eine negative Wachstumsrate von durchschnittlich 0,8 Prozent pro Jahr.[20] Die Ursachen der Rezession lagen in der vergleichsweise rückständigen Entwicklung des industriellen Sektors, der in hoher Abhängigkeit zu den Importen stand,[21] und in der sinkenden ausländischen Kapitalquote.[22] Nach Kriegsende gestalteten sich die Wachstumsraten jedoch durchgehend positiv und erreichten 1929 fast den doppelten Wert des BIP von 1913 vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges.

2.3 Defizite der wirtschaftlichen Entwicklung

Die fast durchweg positive Wirtschaftsentwicklung dieser Zeit lässt sich mit den optimalen Bedingungen erklären, die Argentinien in Form von fruchtbarem Boden und natürlichen Ressourcen zur Verfügung standen. Die ungleiche Bodenverteilung sicherte den Großgrundbesitzern hohe Renteneinkommen mit dem Resultat der „Investitionsträgheit“. Diese Strategie zur Vermeidung von Risiken und die ablehnende Haltung gegenüber technischen Neuerungen erklärt die fehlende Produktivitätssteigerung im primären Sektor. Das Land ließ die Chance ungenutzt, eine eigene wettbewerbsfähige Industrie zu entwickeln und vor allem nach Ende der Weltkriege auch fortzuführen und weiter auszubauen. Da dies nicht dem Interesse der Oligarchie entsprach, vollzog sich die ökonomische Entwicklung in einer hohen Abhängigkeit zum Ausland. Das Problem bestand im Fehlen einer Gruppe, die sich für die Industrialisierung des Landes hätte einsetzen können. Die Arbeiterklasse und die Immigranten waren kaum in das politische System integriert, so dass es ihnen der Agrarelite gegenüber an Verhandlungsgewicht fehlte.[23] Später übernahm das Militär die Rolle der Interessenvertretung zur Durchsetzung der Industrialisierung, kooperierte jedoch streckenweise mit der Oligarchie.[24]

Während dieser Zeit brannte sich der informelle Sektor durch seine parallele Existenz tief in die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Strukturen des Landes ein. Mit Wahlbetrug, Bestechung und Ausgrenzung der unteren und mittleren Schichten von den Wahlen, sicherte sich die Oligarchie weiterhin die soziale und politische Vorherrschaft. Dadurch etablierte sich während dieser Zeit bereits ein System der eingeschränkten Demokratie.[25] Durch den Ausbruch der Weltwirtschaftskrise begann eine Zeit der Militärputsche, der Diktaturen und des stetigen wirtschaftspolitischen Wechsels, was phasenweise zu einer makroökonomischen Instabilität führte. Erst ab 1983 sollte sich die Demokratie offiziell in Argentinien etablieren.

3 Die Politik der Importsubstitutionen als Entwicklungs- und Industrialisierungsstrategie (1930–1976)

Die Zeit der Importsubstitutionspolitik wird in der Literatur in zwei Phasen unterteilt. Die Weltwirtschaftskrise markiert den Beginn der ersten Phase, welche bis 1955 anhält.[26] Die Zeit danach bis zum Beginn der Militärdiktatur 1976 umreißt die zweite Phase dieser Entwicklungsstrategie.[27] Dennoch erwies sich diese Strategie nach 1929 im Zuge der Weltwirtschaftskrise als zwingend notwendig, da die Veränderungen der internationalen Rahmenbedingungen eine weiterhin exportorientierte Entwicklung nicht zuließen.[28] Erst im Jahre 1943 mit Beginn der Militärherrschaft wurde die importsubstituierende Industrialisierung bewusst als langfristiger Schwerpunkt der Wirtschaftspolitik Peróns propagiert. Das Ziel bildete der ökonomische Fortschritt des Landes, die Entwicklung von einer vorrangig agrarisch geprägten hin zur wettbewerbsfähigen Industriewirtschaft, um ein dauerhaftes Wachstum von Produktivität und Wirtschaft sicherzustellen.[29]

3.1 Die erste Phase der Importsubstitution (1930–1955)

3.1.1 Beginn der Industrialisierung (1930–1945)

Die Weltwirtschaftskrise führte bei den meisten Industrieländern zu dem Wunsch, ihre Wirtschaft durch protektionistische Maßnahmen zu schützen und vom Weltmarkt abzuschotten.[30] Auch in Argentinien begann während dieser Zeit eine verstärkte Entwicklung des Binnenmarktes durch die Einführung von hohen Zöllen, Subventionen sowie Devisen- und Preiskontrollen. Durch den regulierten Außenhandel entwickelte sich insbesondere der Industriesektor[31] und es kam zu einem strukturellen Wirtschaftswandel.[32] Daher markiert die Weltwirtschaftskrise den Beginn der Industrialisierung in Argentinien.[33]

Während des Zweiten Weltkrieges musste Argentinien erneut seine inländische Produktion ausweiten, um die fehlenden Importe kompensieren zu können. Die meisten Industrieländer hatten ihre Produktion auf Rüstungsgüter umgestellt und konnten die Nachfrage Argentiniens nicht befriedigen.[34] Hinzu kam 1942 ein Verbot der USA zum Verkauf bestimmter Industriegüter an Argentinien, wegen eines politischen Konflikts.[35] Den gesunkenen Importen stand eine stark erhöhte Nachfrage nach argentinischen Produkten durch die kriegführenden Länder gegenüber, sowohl nach den Agrar- als auch den Industrieerzeugnissen,[36] wodurch Argentinien während dieser Periode einen hohen positiven Handelsbilanzsaldo aufweisen konnte.

3.1.2 Die Ära Perón (1946–1955)

Die politische Geschichte von Juan Domingo Perón und damit des Peronismus[37] beginnt bereits im Jahre 1943, als sich das faschistisch geprägte Militär gegen die damalige Regierung Ramón S. Castillo an die Macht putschte.

Perón wurde kurz darauf Minister für Arbeit und Soziales und ab 1944 Vizepräsident des Landes. Bereits während dieser Zeit brach er erstmals die Eigentumsstrukturen im Agrarsektor auf. Er erließ ein Gesetz, mit dem er die Rechte der Pächter stärkte und die Privilegien der Agraroligarchie beschnitt, die er sich dadurch zum Feind machte.[38] Außerdem erwirkte er höhere Einkommen für die Arbeiterklasse, wodurch zum ersten Mal in der Geschichte eine leichte Umverteilung zugunsten der Arbeiterklasse stattfand.[39] Dies zahlte sich im Oktober 1945 für ihn aus. Als er bei einem militärischen Gegenputsch verhaftet wurde, sorgten groß angelegte Protestmärsche der Arbeiterklasse für seine Freilassung und somit für ein Scheitern des Gegenputsches.

Im Februar 1946 gewann Perón mit seiner Arbeiterpartei Partido Laborista offiziell die Präsidentschaftswahlen gegen die UCR.[40] Während seiner Amtszeit führte er auf Wunsch seiner Frau Eva Perón 1947 das Wahlrecht für Frauen ein.[41] Unter Perón kam es zur Neugründung regimefreundlicher Gewerkschaften. Allerdings waren seine Gegner starken Repressionen und massiver Verfolgung ausgesetzt. Dazu gehörten: oppositionelle Gewerkschaften, Sozialisten, Kommunisten, Intellektuelle und regimekritische Medien. Im Jahre 1951 gewann Perón erneut die Wahl zum Präsidenten. Jedoch endete seine Amtszeit durch einen Militärputsch vorzeitig,[42] woraufhin er im September 1955 ins Ausland floh.[43]

3.1.2.1 Umsetzung der Importsubstitutionspolitik
3.1.2.1.1 „Plan Quinquenal“

Als Instrument zur Durchsetzung wirtschaftlicher und sozialer Ziele diente ab 1947 der Plan Quinquenal (Fünfjahresplan). Durch die damit verbundenen staatszentrierten Maßnahmen erhielt die Regierung mehr Einfluss auf das ökonomische Geschehen und wurde zum größten Arbeitgeber, Produzenten und Konsumenten.[44]

Ziele und Inhalte dieses Wirtschafts- und Sozialplans waren:[45]

- Rückkauf und Verstaatlichung der Unternehmen für öffentliche Dienste (englische Eisenbahn, Telekommunikationsgesellschaft, Gas- und Energieversorger),
- Begünstigung der gewerkschaftlichen Organisation,
- Stärkung der Arbeiterrechte, z. B. durch die Einführung der Sozial-, Kranken- Renten- und Unfallversicherung und das Einsetzen von Arbeitsgerichten,
- Verbesserung der Arbeitnehmerleistungen: Weihnachtsgeld, bezahlter Urlaub, gesetzlicher Mindestlohn, Regelungen zur Arbeitszeit,
- Bildungsprogramm: Bau von Schulen, Berufsschulen, Universitäten,
- Wohnungsbauprogramm: Bau von günstigen Unterkünften für die Arbeiterklasse,
- Gründung verschiedener Institute, u. a. zur Handelsförderung (IAPI[46] ), für industrielle Technologie und für soziale Unterstützung.

Durch die Monopolstellung des Handelsinstituts erlangte der Staat die Kontrolle über den Agrarsektor. Es kaufte die landwirtschaftlichen Produkte zu den von ihm festgelegten Preisen, um sie anschließend auf dem Weltmarkt zu höheren Preisen zu verkaufen.[47] Die dadurch erzielten Gewinne dienten der Finanzierung der Importsubstitutionspolitik und somit der Industrialisierung des Landes. Der Aufbau einzelner Industriezweige, die für das Militär von strategischer Bedeutung waren,[48] wurde während dieser Zeit systematisch gefördert. Das Augenmerk lag daher vor allem auf dem Ausbau der Grundstoff- und Schwerindustrie, insbesondere der Stahl-, Chemie- und Maschinenbaubranche.[49] Der Export von Industriegütern spielte bei der ausschließlich binnenmarktorientierten Wirtschaftspolitik eine untergeordnete Rolle.[50]

3.1.2.1.2 Regulierende Maßnahmen

Durch Peróns Maßnahmen kam es zur völligen Abschottung der argentinischen Ökonomie gegenüber dem Ausland.[51] Zur Beschränkung des Außenhandels und zum Schutz des heimischen industriellen Marktes dienten sog. Prohibitivzölle[52] und nichttarifäre Handelshemmnissen in Form von Importquoten, eine bis zu dreimonatige, unverzinste Bardepotpflicht und ein hoher bürokratischer Aufwand zur Erlangung der Importlizenzen.[53]

Ausländischen Wettbewerbern wurde der Zutritt zum Markt durch die Regulierung ihrer Direktinvestitionen erschwert. Zusätzlich erfuhren die heimischen Unternehmen Unterstützung durch z. B. subventionierte Kredite für hohe Investitionen in wichtige heimische Industriezweige und durch niedrige Einfuhrzölle für die benötigten Importe zur heimischen Gütererstellung.[54] Ein weiteres Motto der Perón-Politik lautete Compra Nacional, d. h., der Staat war verpflichtet seine Leistungen von inländischen statt von ausländischen Anbietern zu beziehen, um die Binnennachfrage zu stärken.[55]

3.1.3 Entwicklung der makroökonomische Indikatoren dieser Zeit

Abbildung 3: Entwicklung des Exports und Imports 1930 bis 1955

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthaltenQuelle: Oxford Latin American Economic History Database; eigene Darstellung

Zur rückläufigen Entwicklung der Exporte in den Jahren 1930 bis 1955 führten folgende Faktoren:

- Weltwirtschaftskrise, da generell protektionistische Wirtschaftspolitik der Länder
- Verschlechterung der Terms of Trade[56] nach 1930 für Argentinien durch den starken Preisverfall von Agrarprodukten bis zu 40 Prozent[57]
- Dürreperiode im Jahre 1951/1952[58], welche die Exporte im Jahr 1952 im Vergleich zum Vorjahr um knapp 42 Prozent sinken ließ
- Politik der ISI, bei der die Exporte generell vernachlässigt werden
Durch die Produktionsumstellung der Handelspartner auf Rüstungsgüter während der Kriegsjahre sanken die Importe Argentiniens drastisch.[59] Das positive Handelsbilanzsaldo betrug in dieser Periode mehr als 46 Mrd. US Dollar.[60]

Abbildung 4: Entwicklung der realen Wachstumsraten des BIP 1930 bis 1955

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Oxford Latin American Economic History Database; eigene Berechnung

Bis 1932 befand sich die Ökonomie in einer Rezession mit negativen Wachstumsraten von bis zu 11 Prozent. Die Ursache dafür bildeten ein drastischer Kapitalabzug im Zuge der Weltwirtschaftskrise sowie eine Verschlechterung der Terms of Trade.[61]

Während der 40er Jahre kam es immer wieder zu Wachstumseinbrüchen durch die gesunkenen Importe. 1944 wirkten sich die von Perón erwirkten Lohnerhöhungen positiv auf die Binnennachfrage aus: mit fast 10-prozentigem Wirtschaftswachstum. 1947, im Zuge der Nachkriegszeit, verzeichnete das Land erstmals seit 1923 wieder eine positive zweistellige Wachstumsrate von 13,7 Prozent.[62] Der Boom wurde jedoch sofort wieder durch eine steigende Inflationsrate, Reallohnverluste und eine sinkende Nachfrage gebremst.[63] Bereits ab 1949 wirkte sich der Devisenmangel negativ auf das Wirtschaftswachstum aus.[64] Die verarbeitende Industrie wuchs nur mit jährlich ca. 3 Prozent.[65]

Abbildung 5: Entwicklung der Inflationsrate 1944 bis 1955

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: INDEC; eigene Darstellung

Unter Perón erlangten die Gewerkschaften eine hohe Verhandlungsmacht, so dass die Reallöhne allein bis 1949 um 81 Prozent ansteigen konnten. Im Zuge der schlechten Wirtschaftslage ab 1949 versuchte Perón die Wirtschaft durch eine expansive Fiskal- und Lohnpolitik anzukurbeln, wodurch es zu einer Ausweitung des Haushaltsdefizits kam.[66] Die Inflationsrate stieg bis 1952 auf knapp 40 Prozent. Der drastische Anstieg der Inflationsrate legt den Verdacht nahe, dass das Budgetdefizit durch die verstaatlichte Zentralbank[67] mittels einer Geldemission finanziert wurde.

Im Jahre 1953 halfen die „restriktive Lohnpolitik und ein haushaltspolitischer Sparkurs“[68] dabei, die Inflationsrate auf die niedrigste Rate von 4 Prozent seit 1945 zu senken.

3.2 Die zweite Phase der Importsubstitution (1956–1975)

Die zweite Phase der Importsubstitution von 1956 bis 1975 wurde von mehreren Versuchen unterbrochen, die Wirtschaft zu liberalisieren. In dieser Zeit entwickelte sich vor allem die Schwerindustrie weiter, während die Konsumgüterindustrie, vorrangig die Bereiche Textilien, Haushaltsgeräte, stagnierte.[69]

3.2.1 Zeit der Diskontinuität (1956–1975)

Diese Zeit war vor allem durch institutionelle Krisen und permanente Interventionen seitens des Militärs geprägt. Der Staat hatte seine bisherige Macht größtenteils eingebüßt. Zwölf verschiedene Präsidenten regierten das Land, darunter ein weiteres Mal Perón.

Das Militär investierte vor allem in den Aufbau einer überdimensionalen Rüstungsindustrie, was hohe Summen öffentlicher Gelder verschlang. Dies ermöglichte den Streitkräften jederzeit in das wirtschaftspolitische Geschehen einzugreifen, wenn die Entwicklung als „nicht tragbar“ erschien,[70] häufig nutzten die Militärs ihre Machtstellung für direkte Einmischung. Durch das staatszentrierte System, welches unter Perón seinen Anfang fand, bestimmte der Staat die Allokation der Ressourcen. Dadurch kam es während dieser Zeit immer wieder zu politischen Machtkämpfen zur Erlangung der Kontrolle über den Staatsapparat, um die Ressourcenallokation zu kontrollieren.[71] Grundlegend wurden die ISI und die staatszentrierte Gestaltung als wirtschaftspolitisches Konzept beibehalten, trotz mehrerer Versuche, die Wirtschaftspolitik zu liberalisieren.[72] In dieser Phase büßte Argentinien endgültig seinen wirtschaftlichen Vorsprung ein, den es bis zum Beginn der Weltwirtschaftskrise besaß, und fiel im lateinamerikanischen Vergleich weit zurück.[73]

Tabelle 1: Politische Regime und ihre Wirtschaftspolitik 1955 bis 1976

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Muno, 2005, S. 55 f. mit eigenen Änderungen

Sofort nach der Absetzung von Perón wurde die peronistische Partei durch das Militär verboten und somit von den offiziellen Wahlen ausgeschlossen.[74] Die kommenden zwei Jahrzehnte waren eine Zeit der Verteilungskämpfe, der Militärputsche, der Destabilisierung und der ständigen wirtschaftspolitischen Kursänderungen.

Vor allem aber wurde in dieser Zeit der Demokratieprozess immer wieder drastisch unterbrochen, durch die Auflösung demokratischer Organe sowie die Ausrichtung der Judikative und Legislative auf die jeweilige Exekutive. Als 1962 Präsident Frondizi die peronistische Partei wieder für die Wahlen zuließ, intervenierte das Militär, löste das Parlament auf und ersetzte den Präsidenten durch eine „Marionettenregierung“. Die Oligarchie war in Form von Großgrundbesitzern und Unternehmen in hohen politischen Positionen vertreten. 1963 übernahm der offiziell gewählte Präsident Illia sein Amt und verfolgte dabei wieder eine peronistische Wirtschaftspolitik, geprägt durch die Regulierung des Außenhandels, die Kontrolle über die Preise und die Belebung der Binnennachfrage. Auch er wollte 1966 die peronistische Partei bei den Wahlen zulassen, was eine erneute Intervention durch das Militär zur Folge hatte. In den kommenden sieben Jahren, in denen das Militär stark autoritär regierte, kam es wieder zu einer starken Beschneidung der Demokratie. „Sämtliche politische Organisationen, Parteien, Parlamente, Provinzregierungen und der Oberste Gerichtshof wurden aufgelöst, die Gewerkschaften und Universitäten unter Kontrolle gestellt“[75]. Widerstand wurde mit Gewalt unterdrückt. Ende 1969 brachen in Córdoba Aufstände von Arbeitern und Studenten aus (Cordobazo), die blutig niedergeschlagen wurden. Es folgten innerhalb kürzester Zeit zahlreiche Regierungswechsel, bis 1973 Perón wieder das Amt des Präsidenten antrat. Wirtschaftspolitische Maßnahmen ähnelten denen aus seiner ersten Amtszeit: Beschränkung der ausländischen Investitionen, Regulierung des Außenhandels und Förderung der einheimischen Unternehmen. Nach Peróns Tod übernahm seine Frau das Präsidentenamt. In der Folgezeit versank das Land zusehends in einem politischen und ökonomischen Chaos. Daraufhin griff das Militär 1976 erneut durch einen Putsch ein und errichtete eine der brutalsten Diktaturen in Lateinamerika, welche weitere sieben Jahre die Geschicke Argentiniens bestimmte.[76]

Von 1956 bis 1975 beschränkte sich die jeweilige Regierung auf kurzfristige wirtschaftspolitische Maßnahmen, die der konjunkturellen Lage angepasst waren. Der ständige Regierungswechsel machte eine mittel- bis langfristige Wirtschaftspolitik unmöglich und begründete den ökonomischen Abstieg des Landes.[77] Die politische Diskontinuität und die ständigen Interventionen seitens des Militärs gefährdeten die innere Sicherheit und führten zur Bildung verschiedener Guerillagruppen. Die Ursachen hierfür liegen vor allem in den Unzulänglichkeiten der politisch-institutionellen Rahmenbedingungen sowie in dem Fehlen eines gesellschaftlichen Grundkonsenses.[78]

3.2.2 Entwicklung der makroökonomische Indikatoren dieser Zeit

Abbildung 6: Entwicklung des Exports und Imports 1956 bis 1975

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Oxford Latin American Economic History Database; eigene Darstellung

Während dieser Zeit stagnierten die Exporte und stiegen erst ab 1963 wieder ein wenig an. Die Investitionsträgheit der Agrarelite wurde durch eine zunehmende „Produktivitätslücke“ im Agrarsektor deutlich. Daraufhin begann der Staat den Kauf von Maschinen für den Agrarsektor durch Subventionen zu fördern, was zu einer geringen Expansion der Exporte führte.[79]

Eine extreme Ausweitung der Exporte fand ab 1973 statt. Im Zuge der Erdölkrise von 1973 erhöhten sich die Preise für Primärgüter stark, wovon der Agrarsektor Argentiniens wesentlich profitierte. Hierdurch konnte in dieser Periode noch ein positiver Handelsbilanzsaldo von ca. 860 Mio. US Dollar erzielt werden.[80]

Abbildung 7: Entwicklung der realen Wachstumsraten des BIP 1956 bis 1976

Quelle: Oxford Latin American Economic History Database; eigene Berechnung

Während dieser Periode verzeichnete der Industriesektor seinen bisher größten Entwicklungserfolg in der argentinischen Geschichte. Von 1964 bis 1973 verbesserte sich die Industriestruktur stark und der Sektor wies das höchste Wachstum im Vergleich mit anderen Wirtschafszweigen auf. Dadurch entwickelten sich auch die Beschäftigungsrate, die Produktivität und die Löhne steigend. Im Jahr 1975 betrug der Anteil des Industriesektors am BIP knapp 30 Prozent, während der Agrarsektor auf ca. 13 Prozent zurückgefallen war. Somit hatte der Industriesektor seinen Status als wichtigster Wirtschaftssektor festigen können, obwohl er noch keine internationale Wettbewerbsfähigkeit erreicht hatte.[81]

Dennoch verzeichnete das Land eine unterdurchschnittliche Wachstumsrate im Vergleich zum lateinamerikanischen Durchschnitt. Dieser betrug von 1950 bis 1978 in Lateinamerika 5,4 Prozent jährlich, wogegen in Argentinien der Durchschnitt bei lediglich 3,2 Prozent p. a. lag.[82]

Abbildung 8: Entwicklung der Inflationsraten von 1956 bis 1975

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: INDEC; eigene Darstellung

Die Inflation konnte jedoch auch während dieser Zeit nicht unter Kontrolle gebracht werden. 1958 wurden unter Frondizi zahlreiche Institutionen gegründet, die fortan die Investitionen für die verschiedenen Wirtschaftsbereiche planten. Durch Gewährung günstiger Konditionen lockte man zahlreiche ausländische Investoren ins Land.[83] Durch die drastische Ausweitung der Geldmenge stieg die Inflationsrate innerhalb eines Jahres von 31,6 Prozent auf 113,7 Prozent an. Von 1967 bis 1969 fror der Präsident Onganía die Löhne und Preise von öffentlichen Leistungen ein,[84] so dass die Inflationsrate während dieser Zeit um ca. 22 Prozent gesenkt werden konnte. Jedoch stieg sie nach Freigabe der Preise bis 1972 mit knapp 60 Prozent auf das höchste Niveau seit 12 Jahren.

Von 1955 bis 1975 betrug die durchschnittliche Inflationsrate knapp 40 Prozent.[85] Die Ursachen dafür lagen neben der Monetarisierung des fiskalischen Defizits[86] vor allem auch in der Indexierung der Preise, welche zur Potenzierung der Inflationsrate beitrug. Mit steigenden Lebenshaltungskosten wurden die Löhne und dann die Preise von den Unternehmen erhöht.[87]

3.3 Die Defizite der wirtschaftlichen Entwicklung durch die ISI

Die Politik der Importsubstitutionen schottete das Land von den Weltmärkten ab. Dies verhinderte, dass Argentinien ein ähnlich hohes Wirtschaftswachstum pro Kopf wie andere Länder nach dem Zweiten Weltkrieg erreichte und wird für die schlechte argentinische Wirtschaftsentwicklung verantwortlich gemacht.[88]

Dennoch ist es erst dieser Strategie zu verdanken gewesen, dass sich trotz der oben dargestellten Fehlentwicklungen der Industriesektor in Argentinien maßgeblich entfaltete und das Land, trotz veralteter Technologieimporte, modernisierte. Bei einem „behutsamen“ Abbau der Handelshemmnisse hätte sich Argentinien nach dieser Phase in den Weltmarkt integrieren können und eine Möglichkeit gehabt, seinen Industriesektor international wettbewerbsfähig zu gestalten, um ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum zu erzielen.[89]

3.3.1 Rückläufige Entwicklung des Agrarsektors

Unter Perón diente das Institut zur Handelsförderung als zentrales Element, um die ISI zu finanzieren. Das heißt, der Agrarsektor wurde nicht nur vernachlässigt durch eine mangelnde Exportorientierung, sondern er wurde auch finanziell stark belastet, da er die Importsubstitutionspolitik durch hohe Exportabgaben mitfinanzierte.[90] Durch den Transfer der Gewinne und der materiellen Ressourcen aus dem „rückständigen“ Agrarsektor in den „fortschrittlichen“ Industriesektor kam es in dem landwirtschaftlichen Sektor zu einer „wachsenden Produktivitätslücke gegenüber modernisierenden Ländern […]“[91].

3.3.2 Mangelnde Exportorientierung

Bedingt durch die hohe Nachfrage aus dem Ausland nach argentinischen Gütern und durch die Stärkung der inländischen Nachfrage (hohe Beschäftigung und Löhne) kam es in den Nachkriegsjahren zu einem enormen Exportboom. Dennoch wirkte sich die ISI auf den Export negativ aus. Zum einen waren importierte Vorleistungen zur Herstellung der Erzeugnisse notwendig, die jedoch durch hohe Zölle erschwert bzw. verhindert wurden. Zum anderen fand während dieser Zeit kaum eine Diversifizierung der Exporte statt. Dies verhinderte eine wettbewerbsfähige Entwicklung der Exportwirtschaft und trug zu ihrer Stagnierung bei.[92] Es bildeten sich unvollkommene Märkte, die durch monopolistische oder oligopolistische Anbieterstrukturen charakterisiert waren und zu einer sinkenden Produktivität und zu einem höheren Preisniveau führten.[93]

3.3.3 Vernachlässigung der Produktivität

Verheerend auf die Entwicklung des wirtschaftlichen Sektors wirkte sich die starke Abschottung des heimischen Marktes vom Weltmarkt aus. Zwar stieg der industrielle Anteil am BIP unter Perón stark an, jedoch entwickelten die Industriebetriebe aufgrund der fehlenden Konkurrenz mittel- und langfristig keine hohe Wettbewerbsfähigkeit. Die Unternehmen konzentrierten sich fast ausschließlich auf die Nachfrage des Ballungsgebietes Buenos Aires und vernachlässigten die restlichen Landesgebiete, so dass steigende Skalenerträge unmöglich wurden, die jedoch zur Erreichung der Wirtschaftlichkeit nötig gewesen wären. Ihnen fehlte jeglicher Anreiz für Investitionen zur Produktivitätssteigerung.[94]

Zusätzlich negativ wirkte sich der Devisenmangel zu Beginn der 50er Jahre aus, welcher der Erhaltung eines wettbewerbsfähigen Maschinenbestandes im Wege stand. Infolgedessen veralteten die industriellen Produktionsanlagen.[95] Die kostenintensiv hergestellten Güter hätten auf dem Weltmarkt aufgrund technischer Qualitätsmängel und durch das hohe Preisniveau nicht bestehen können. Während des gesamten Industrialisierungsprozesses gab es kaum Bemühungen für eine industrielle Spezialisierung, obwohl es dem inländischen Markt an spezialisierten Zulieferern fehlte. In der Phase der ISI mangelte es insgesamt an technologischer Weiterentwicklung und Bestrebungen für eine effiziente Produktion.[96]

3.3.4 Sinkende Kapitalzuflüsse

Bis 1946 erwirtschaftete das Land hohe Leistungsbilanzüberschüsse und verfügte über ca. 1,7 Mrd. US Dollar in Form von Gold- und Devisenreserven. Dem Land flossen große Mengen von „nach Sicherheit suchendem europäischen Kapital“ zu. Es war zu einem Gläubigerland geworden.[97]

Unter Perón wurden subventionierte Kredite (der nominale Zinssatz lag unter der steigenden Inflationsrate) über den argentinischen Bankensektor vergeben. Dies diente der Förderung der als wichtig angesehenen Industriezweige. Durch die negative reale Zinsrate verfügte das Land nur über sehr geringe Spareinlagen, so dass es auf inländisches Kapital angewiesen war. Man entschied sich daher zur Überbewertung des Wechselkurses der argentinischen Währung, um ausländisches Kapital für Investitionen zur Finanzierung der ISI anzulocken. Der überbewertete Wechselkurs und der Verfall des Weltmarktpreises für Agrarprodukte[98] wirkten sich negativ auf den Agrarsektor aus, führten zu stagnierenden Exporten und somit zu einer negativen Leistungsbilanz bei gleichzeitig sinkenden Währungsreserven. Auch das im Jahre 1953 erlassene „Gesetz zu ausländischen Investitionen“[99] konnte nicht verhindern, dass Argentinien bereits nach Ende der Amtszeit Peróns wieder zu einem Schuldnerland geworden war.[100] Während der zweiten Phase der ISI musste die zunehmend schwächer werdende Binnennachfrage durch eine expansive Haushaltspolitik ausgeglichen werden, die sich in einem immer größer werdenden Haushaltsdefizit zeigte.[101] Die Probleme des veralteten Kapitalstocks und der stetig wachsenden Inflationsrate führten zu sinkenden Exporten. Bis 1973 kam es zu zahlreichen Zahlungsbilanzkrisen und zu der Notwendigkeit einer Währungsabwertung. Aufgrund der Abschottung Argentiniens von den internationalen Kapitalmärkten durch die starke Regulierung zeigte sich bei den ausländischen Investitionen bis 1970 eine stark rückläufige Entwicklung, wodurch das Land nach 1950 sogar unter den lateinamerikanischen Durchschnitt fiel.[102]

3.3.5 Devisenabfluss durch ausländische Direktinvestoren

Die Abhängigkeit von ausländischen Investoren in den 50er Jahren führte zur mangelnden Kontrolle der Tätigkeiten der Direktinvestoren, deren Mutterhäuser sich größtenteils im Ausland befanden. Die notwendigen Maschinen und Technologien lieferte oftmals zu überhöhten Preisen das Mutterhaus. Da diese dort bereits abgeschrieben waren, „hinkte“ die Technik stets der aktuellen Technologie hinterher. Für die Nutzung der Technologien waren erneut Lizenzgebühren zu zahlen. Zu überhöhten Preisen wurden auch die notwendigen Komponenten zur Fertigung aus dem Mutterland importiert. Durch die fehlende Exportorientierung erwirtschafteten die Tochterfirmen keine Devisen, da sie ausschließlich für den Binnenmarkt produzierten. Die Devisenabflüsse in Form von Lizenzgebühren und Gewinnerträgen führten somit zur Belastung der staatlichen Zahlungsbilanz.[103]

3.3.6 Stärkung des informellen Sektors

Jahrzehntelang trugen die Regierungen zur Bildung von Interessengruppen bei oder setzten Gesetzesänderungen[104] durch, um die eigene Macht zu sichern. Der informelle Sektor und die systematische Bevorzugung der eigenen Unternehmen förderte die Bildung von Interessengruppen und die politische Korruption. Unter Perón gewannen vor allem die Gewerkschaften großen Einfluss. Durch die grundlegende Fortführung des Perónismus nach 1955 konnten sie Macht und Autorität weiter ausbauen. Es etablierten sich die traditionellen und extremen Verteilungskämpfe zwischen Gewerkschaften und Unternehmen. Die verschiedenen Interessengruppen richteten ihre Aktivitäten unter den häufig wechselnden Regierungen verstärkt darauf aus, ihre Einkommen zu steigern und um ihre Privilegien behalten zu können (Rent Seeking).[105] Diese beeinträchtigten die produktiven Investitionen der Unternehmer und somit die Arbeitsproduktivität,[106] was zur fehlenden Wettbewerbsfähigkeit der Güter und zu einer Fehlallokation der Ressourcen führte.[107]

Die Importbeschränkungen führten zwangsläufig zum Importwarenschmuggel und zur Entstehung eines gewinnträchtigen Schwarzmarktes. Der Staat verlor dadurch hohe Summen an Zoll- und Steuereinnahmen. Dies wiederum verhinderte die Bildung eines effizienten Systems der öffentlichen Finanzen. Die unter Perón gängigen Kreditsubventionen bewirkten zunehmend die Instrumentalisierung des eigentlich unabhängigen Bankenwesens.[108] Die populistischen Machtkämpfe, die „quasi-monopolistischen Strukturen“ und die politische Diskontinuität hatten verhindert, dass sich während des halben Jahrhunderts ein „Ordnungsrahmen für den Aufbau einer funktionierenden Marktwirtschaft“ bildete bzw. geschaffen werden konnte.[109]

4 Liberalisierung der Wirtschaft (1976–1989)

4.1 Die Militärdiktatur (1976–1983)

Im März 1976 gelangte, unterstützt von der Agrarelite, das Militär unter der Führung von Jorge R. Videla durch einen Putsch gegen die Regierung von Isabel Perón an die Macht.[110] Die Wirtschaftspolitik erfuhr nun eine radikale Änderung. Nach fast 50 Jahren des Protektionismus strebte das Militär wieder eine liberale und monetaristisch geprägte Wirtschaftspolitik an, was mit der Abschaffung des Importsubstitutionsmodells einherging.[111] Dieses Militärregime trieb „seine Institutionalisierung am weitesten voran“[112]. Es folgte die Auflösung des Nationalkongresses und der Parlamente der Provinzen. Die Gouverneure, Bürgermeister und Richter wurden entlassen, ökonomische Vereinigungen unter Aufsicht gestellt und politische Parteien verboten.[113] Der Einfluss des Staates auf die Wirtschaft wurde minimiert. Die Allokation der Ressourcen sollte fortan durch den Markt gesteuert werden.[114] Diesen Prozess bezeichnete die Regierung als Reorganisationsprozess (Proceso de Reoganización Nacional).[115]

4.1.1 Liberalisierung der Wirtschaftspolitik

Zum Wirtschaftsminister wurde Martínez de Hoz ernannt. Dessen Vorfahren gehörten 1866 zu den Mitbegründern der Sociedad Rural Argentina. Für die Wirtschaftspolitik bedeutete dies das Ende der forcierten Entwicklung des Industriesektors.[116] Noch im gleichen Jahr einigte man sich in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) auf ein Stabilisierungsabkommen, welches vor allem die Handels- und Finanzmarktliberalisierung des Landes vorsah.[117]

Zunächst wurden der Außenhandel liberalisiert, die Löhne gesenkt und die Preiskontrollen abgeschafft. Die Exportabgaben wurden durch Exportsubventionen ersetzt. Einen weiteren Schritt bildete die Senkung der Zölle, um die Importe von Produktionsgütern zu erhöhen. Dadurch sollte ein stärkerer Wettbewerb auf dem inländischen Markt angeregt und die Senkung des Preisniveaus forciert werden. Zusätzlich leitete man die Privatisierung der staatlichen Unternehmen ein.[118] Die Reduzierung der Staatsausgaben durch die Abschaffung der peronistischen Arbeits- und Sozialmarktpolitik sowie der Subventionen sollten zu einer Verringerung der Inflation beitragen.[119]

Zur Öffnung des Finanzmarktes wurden 1977 Gesetzesreformen erlassen, um ausländisches Kapital in das Land zu holen. Die Instrumente zur Kapitalsteuerung und der Höchstsatz für die inländische Zinsrate wurden aufgehoben.[120] Zusätzlich verfolgte die Einführung eines neuen Wechselkurssystems das Ziel, die interne Inflationsrate zu senken. Der anfänglich stark überbewertete Peso sollte in immer kleineren Schritten abgewertet werden und so monatlich an den US Dollar angepasst werden. Die Höhe der Abwertungen legte eine Tabelle (Tablita) fest.[121]

4.1.1.1 Auswirkungen der wirtschaftspolitischen Maßnahmen

Die Auswirkungen für den Industriesektor waren fatal: Er geriet in die „größte Krise seiner Geschichte“.[122] Die fehlende Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Industriegüter, welche so viele Jahre vor der Konkurrenz geschützt worden war, bewirkte eine sinkende Nachfrage, da jetzt auf die Importe ausgewichen werden konnte. Der Reallohnverlust verstärkte den Trend der sinkenden Binnennachfrage.[123] Die Überbewertung der argentinischen Währung ließ auch die internationale Nachfrage sinken und führte zu einem Investitions- und Produktionsrückgang im industriellen Sektor. Dies hatte negative Effekte auf die Produktions-, Export- und Beschäftigungsrate des Landes.[124] Daher wird diese Zeit in der Literatur auch als Phase der „De-Industrialisierung“ bezeichnet.[125] Durch die Privatisierungen und Lohnkürzungen im Zuge der Sparmaßnahmen sank die Zahl der Lohnempfänger um fast 20 Prozent. Im Gesundheits- und Bildungswesen wurden Einsparungen von 12 Prozent vorgenommen, bei gleichzeitiger Erhöhung der Militärausgaben.[126]

Durch die Deregulierung des Finanzmarktes erhöhte sich das Zinsniveau, welches die Inflationsrate und die Peso-Abwertungen überstieg. Die offiziell festgelegten Abwertungsschritte der Tablita blieben stets hinter der Inflationsrate und führten zu einer andauernden Aufwertung der Währung. Dies in Verbindung mit einem hohen Zinssatz und der Wechselkursgarantie zog massiv spekulatives Kapital an. Die argentinischen Unternehmen verschuldeten sich im Ausland zu niedrigen Zinssätzen, investierten das Geld in sog. Portfolios mit hohen Zinssätzen und transferierten den Gewinn ins Ausland.[127] Dies war rentabler als langfristige Investitionen in Produktionsanlagen. Zur Freisetzung finanzieller Kapazitäten für Spekulationszwecke schlossen Unternehmen sogar die sog. „unproduktiven“ Bereiche ihrer Firmen. Dies führte zu einem drastischen Rückgang von Investitionen. Vor allem die Forschungs- und Entwicklungsabteilungen wurden während dieser Zeit stark dezimiert.[128]

Aufgrund der sich verschärfenden Rezession und des gesunkenen Vertrauens in die argentinische Wirtschaft fand in den Jahren 1980/1981 ein massiver Kapitalabzug statt. Der Versuch, die argentinische Wirtschaft in den Weltmarkt zu integrieren endete 1982 mit einer Zahlungsbilanz- und Verschuldungskrise und zwang das Militär zur Aufgabe des Wechselkurssystems.[129] Der Peso verlor ca. 400 Prozent seines Wertes.[130]

4.1.2Ende der Militärdiktatur

Die Niederlage im Falklandkrieg[131] im April 1982 läutete das Ende der Militärdiktatur ein. Im Juni 1983 wurde durch die Einführung einer neuen Währung ein letzter Versuch unternommen, die Wirtschaft zu stabilisieren. Der Peso Argentino ersetzte mit einem tausendstel Wert den, seit 1970 gültigen, Peso Ley.[132] Eine Verbesserung der argentinischen Ökonomie konnte dadurch nicht bewirkt werden.[133] Nach Massendemonstrationen der Bevölkerung gegen die unbeliebte Militärjunta, die ca. 30 000 Tote und Verschwundene (Desaparecidos) zu verantworten hatte, zog sich diese schließlich leise von der politischen Bühne zurück und ermöglichte dem Land eine Rückkehr zur Demokratie.[134]

[...]


[1] Vgl. Wessolly/Wienert, 2002, S. 4

[2] Vgl. Kürzinger, 1985, S. 9

[3] Vgl. Wessolly/Wienert, 2002, S. 3

[4] Vgl. Ruddies, 2008, S. 13 ff.

[5] Vgl. Muno, 2005, S. 47

[6] Vgl. Wessolly/Wienert, 2002, S. 5

[7] Vgl. Domene, 2006, S. 55–60

[8] Vgl. Wessolly/Wienert, 2002, S. 5

[9] Eine im Jahr 1866 gegründete Agrargesellschaft, die ca. 1000 Großgrundbesitzer Argentiniens vereinigte. Vgl. Domene, 2006, S. 42, S. 117 und Ferrari, 2008, S. 1

[10] Carreras, 2002, S. 21

[11] Die UCR gründete sich 1890/1891 als Partei der Mittelklasse. Vgl. Muno, 2005, S. 48

[12] Als Synonym für den Ausbruch der Weltwirtschaftskrise von 1929 verwendet, die mit dem New Yorker Börsenkrach am 25. Oktober 1929 begann. Vgl. Duden, 1999, S. 487

[13] Vgl. Ruddies, 2008, S. 16 und Schratz, 2007, S. 63 f.

[14] Vgl. Muno, 2005, S. 48 f.

[15] Eigene Berechnung anhand der Daten Oxford Latin American History Database

[16] Vgl. Domene, 2006, S. 63

[17] Vgl. Schratz, 2007, S. 63

[18], 21 Eigene Berechnung anhand der Daten Oxford Latin American History Database

[19], 22 Domene, 2006, S. 50–54

[23] Ruddies, 2008, S. 15 f.

[23] Vgl. Kürzinger, 1985, S. 2–7

[24] Vgl. Muno, 2005, S. 49

[25] Vgl. Muno, 2005, S. 48 f., S. 63

[26] Vgl. Wessolly/Wienert, 2002, S. 6

[27] Vgl. Kürzinger, 1985, S. 15

[28] Vgl. Kürzinger, 1985, S. 2 und Muno, 2005, S. 49

[29] Vgl. Ruddies, 2008, S. 19

[30] Vgl. Foders, 2001, S. 11 f.

[31] Vgl. Ruddies, 2008, S. 17

[32] Vgl. Blum, 2003, S. 179

[33] Vgl. Wessolly/Wienert, 2002, S. 7

[34] Vgl. Foders, 2001, S. 13

[35] Vgl. Domene, 2006, S. 75–87

[36] Vgl. Foders, 2001, S. 24

[37] Eine politisch-soziale Bewegung in Argentinien, die nach dem ehemaligen Präsidenten Perón benannt wurde. Der Peronismus wurde dabei als faschistisch, autoritär, nationalistisch, bonapartistisch, populistisch oder als Entwicklungsdiktatur interpretiert. Vgl. Duden, 2000, S. 737 und Muno, 2005, S. 51

[38] Vgl. Domene, 2006, S. 95

[39] Vgl. Kürzinger, 1985, S. 3

[40] Vgl. Domene, 2006, S. 84 und Schratz, 2007, S. 65–69

[41] Vgl. Muno, 2005, S. 52

[42] Vgl. Wessolly/Wienert, 2002, S. 9

[43] Vgl. Domene, 2006, S. 84 f.

[44] Vgl. Wessolly/Wienert, 2002, S. 9

[45] Vgl. Boris/Tittor, 2006, S. 14 und Domene, 2006, S. 85–89 und Muno, 2005, S. 50 f.

[46] Instituto Argentino de Promoción del Intercambio – Argentinisches Institut zur Handelsförderung. Vgl. Bertello, 2009, S. 1

[47] Vgl. Bertello, 2009, S. 1 und Domene, 2006, S. 87

[48] Vgl. Kürzinger, 1985, S. 7

[49] Vgl. Muno, 2005, S. 50

[50] Vgl. Domene, 2006, S. 92

[51] Vgl. Wessolly/Wienert, 2002, S. 8

[52] Zölle, die utopisch hoch sind und mit dem Ziel eingesetzt werden, den Import zum Erliegen zu bringen. Vgl. Samuelson/Nordhaus, 2005, S. 435

[53] Vgl. Foders, 2001, S. 15

[54] Vgl. Foders, 2001, S. 14 f. und Ruddies, 2008, S. 20 f.

[55] Vgl. Schratz, 2007, S. 106 f.

[56] Die Terms of Trade geben das Tauschverhältnis zwischen in- und ausländischen Waren an. Vgl. Heine/Herr, 2003, S. 611

[57] Vgl. Wessolly/Wienert, 2002, S. 6

[58] Vgl. Muno, 2005, S. 54

[59] Vgl. Foders, 2001, S. 13

[60] Eigene Berechnung anhand der Daten Oxford Latin American History Database

[61] Vgl. Wessolly/Wienert, 2002, S. 9

[62] Eigene Berechnung anhand der Daten Oxford Latin American History Database

[63] Vgl. Domene, 2006, S. 98

[64] Vgl. Domene, 2006, S. 91

[65] Vgl. Foders, 2001, S. 22

[66] Vgl. Ruddies, 2008, S. 22 f.

[67] Ab 1946 war der Wirtschaftsminister gleichzeitig auch Chef der Zentralbank, welche 1949 per Gesetz formal dem Wirtschaftsministerium unterstellt wurde. Vgl. Ruddies, 2008, S. 21

[68] Carreras, 2002, S. 27

[69] Vgl. Wessolly/Wienert, 2002, S. 10

[70] Vgl. Kürzinger, 1985, S. 12

[71] Vgl. Muno, 2005, S. 63

[72] Vgl. Domen, 2006, S. 100

[73] Vgl. Kürzinger, 1985, S. 9 und Ruddies, 2008, S. 8

[74] Vgl. Muno, 2005, S. 56

[75] Muno, 2005, S. 58

[76] Vgl. Muno, 2005, S. 56–60

[77] Vgl. Domene, 2006, S. 101

[78] Vgl. Kürzinger, 1985, S. 8 f.

[79] Vgl. Domene, 2006, S. 107

[80] Vgl. Domene, 2006, S. 108

[81] Vgl. Kürzinger, 1985, S. 14

[82] Vgl. Kürzinger, 1985, S. 14 f.

[83] Vgl. Wessolly/Wienert, 2002, S. 10

[84] Vgl. Wessolly/Wienert, 2002, S. 11

[85] Eigene Berechnung anhand der Daten von INDEC

[86] Vgl. Ruddies, 2008, S. 30

[87] Vgl. Domene, 2006, S. 110 f.

[88] Vgl. Schratz, 2007, S. 101

[89] Vgl. Domene, 2006, S. 114 f.

[90] Vgl. Kürzinger, 1985, S. 7

[91] Ruddies, 2008, S. 24

[92] Vgl. Foders, 2001, S. 16

[93] Vgl. Ruddies, 2008, S. 31

[94] Vgl. Ruddies, 2008, S. 24

[95] Vgl. Domene, 2006, S. 91

[96] Vgl. Kürzinger, 1985, S. 4–12

[97] Vgl. Domene, 2006, S. 85 und Schratz, 2007, S. 69

[98] Vgl. Ruddies, 2008, S. 20 ff.

[99] Domene, 2006, S. 90

[100] Vgl. Domene, 2006, S. 90 und Schratz, 2007, S. 98

[101] Vgl. Domene, 2006, S. 89

[102] Vgl. Ruddies, 2008, S. 10 f., S. 23 f.

[103] Vgl. Domene, 2006, S. 101 ff.

[104] Perón führte während seiner Amtszeit ein Gesetz ein, welches ihm die Wiederwahl und eine zweite Amtszeit ermöglichte. Vgl. Birle/Carreras, 2002, S. 9

[105] Vgl. Foders, 2001, S. 29

[106] Vgl. Domene, 2006, S. 91

[107] Vgl. Kürzinger, 1985, S. 7 ff.

[108] Vgl. Ruddies, 2008, S. 20 ff. und Foders, 2001, S. 29

[109] Vgl. Ruddies, 2008, S. 30 f.

[110] Vgl. Domene, 2006, S. 117

[111] Vgl. Ruddies, 2008, S. 26

[112] Vgl. Carreras, 2002, S. 27

[113] Vgl. Muno, 2005, S. 60

[114] Vgl. Kürzinger, S. 15

[115] Vgl. Boris/Tittor, 2006, S. 18

[116] Vgl. Domene, 2006, S. 118

[117] Vgl. Schratz, 2007, S. 159

[118] Vgl. Muno, 2005, S. 60

[119] Vgl. Kürzinger, 1985, S. 15 f.

[120] Vgl. Becker/Musacchio (2003), S. 80 und Domene, 2006, S. 118 f.

[121] Vgl. Domene, 2006, S. 118 und Schratz, 2007, S. 80

[122] Vgl. Kürzinger, 1985, S. 16

[123] Vgl. Blum, 2003, S. 183 f. und Domene, 2006, S. 120

[124] Vgl. Kürzinger, 1985, S. 16 und Ruddies, 2008, S. 26

[125] Vgl. Kürzinger, 1985, S. 17

[126] Vgl. Schratz, 2008, S. 162

[127] Vgl. Schratz, 2007, S. 159

[128] Vgl. Bogensperger, 2007, S. 16 f. und Domene, 2006, S. 119 f.

[129] Vgl. Hujo, 2002, S. 85 und Ruddies, 2008, S. 26

[130] Vgl. Wessolly/Wienert, 2002, S. 14

[131] Im dreimonatigen Falklandkrieg ging es um die vor Argentinien gelegenen Falklandinseln, die seit 1833 von Großbritannien besetzt sind. Vgl. Schratz, 2007, S. 81

[132] Vgl. Banco Central de la República Argentina

[133] Vgl. Bogensperger, 2007, S. 17 und Schratz, 2007, S. 80

[134] Vgl. Boris/Tittor, 2006, S. 18

Details

Seiten
115
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783836647069
Dateigröße
781 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v227793
Institution / Hochschule
Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin – Wirtschaftswissenschaften, Studiengang Betriebswirtschaftslehre
Note
1,0
Schlagworte
argentinien-krise wirtschaftliche entwicklung importsubstitution wirtschaftspolitik internationaler währungsfonds

Autor

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Titel: Die Defizite der wirtschaftlichen Entwicklung Argentiniens im 20. Jahrhundert als eine der Ursachen für die Argentinien-Krise 2001/2002