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Anforderungen an Ferienangebote für chronisch kranke Kinder und Darstellung von Möglichkeiten der Angebotsentwicklung bei geeigneten Leistungsträgern

Masterarbeit 2007 132 Seiten

Gesundheit - Kinder und Jugendliche

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Kurzreferat

Abkürzungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Zusammenfassende Thesen

1 Einleitung
1.1 Ziel der Forschung
1.2 Objekt der Forschung
1.3 Strategie der Forschung
1.4 Nutzen der Forschung

2 Lebensqualität im Kontext von Gesundheit und Tourismus
2.1 Der Begriff der Lebensqualität
2.2 Lebensqualität im Fokus der „Wohlfühlgesellschaft“
2.3 Tourimus für alle
2.4 Der chronisch kranke Gast – Die Lebensqualität Betroffener und ihrer Angehörigen

3 Chronisch kranke Kinder als touristische Zielgruppe
3.1 Das Marktsegment „Urlaub mit Heilkurcharakter“
3.2 Vorüberlegungen und Definitionen
3.2.1 Eingrenzung der Begriffe Kindheit und chronische Krankheit
3.2.2 Arten und Auftreten chronischer Erkrankungen im Kindesalter
3.2.3 Erläuterungen zum Aufbau und Nutzen der Kriteriensammlung
3.3 Kriterienkataloge
3.3.1 Rechtliche Grundlagen
3.3.2 Allergien
3.3.3 Asthma bronchiale
3.3.4 Neurodermitis
3.3.5 Diabetes Typ I
3.3.6 Aufmerksamkeitsstörung und Hyperaktivität
3.3.7 Epilepsien

4 Kinder mit Herz- und Krebserkrankungen
4.1 Allgemeine Indikatoren des Reiseverhaltens
4.1.1 Reisemotivation und Reisezeitpunkt
4.1.2 Der Zusammenhang zwischen Kindesalter und geeigneten Angebotsformen bzw. –inhalten
4.2 Besondere Indikatoren des Reiseverhaltens
4.3 Die Bildung von Anspruchsgruppen
4.4 Aussagelücken
4.5 Empirische Nachfrageuntersuchung
4.5.1 Nutzen und methodisches Vorgehen
4.5.2 Durchführung
4.5.3 Auswertung und Schlussfolgerungen

5 Ideenskizzen zur Angebotserweiterung
5.1 Erläuterung der Vorgehensweise
5.2 Ressourcenanalysen der Fallbeispiele
5.2.1 Das Familienhotel Hubertusbaude
5.2.2 Das KiEZ Querxenland
5.2.3 Der DKSB Radebeul
5.3 Vorschläge der Angebotserweiterung
5.3.1 Das Familienhotel Hubertusbaude
5.3.2 Das KiEZ Querxenland
5.3.3 Der DKSB Radebeul
5.4 Bemerkungen zur Umsetzung der Vorschläge und Ausblick
5.4.1 Das Familienhotel Hubertusbaude
5.4.2 Das KiEZ Querxenland
5.4.3 Der DKSB Radebeul

6 Fazit und abschließende Betrachtungen

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

Anhangsverzeichnis

Kurzreferat

Die Tourismuswirtschaft hat es sich mit Initiativen wie dem Barrierefreien Tourismus zur Aufgabe gemacht, die Reisemöglichkeiten für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen zu verbessern. Fast jeder vierte Bundesbürger leidet unter einer chronischen Krankheit wie bspw. Allergien, Asthma oder Diabetes. Diese Erkrankungen gehen in vielen Fällen mit körperlichen, seelischen, sozialen oder finanziellen Beeinträchtigungen der Lebensqualität einher, die auch das Reiseverhalten maßgeblich beeinflussen können.

Diese wachsende Bevölkerungsgruppe der Chroniker besitzt besondere Ansprüche an Zugänglichkeit und Serviceleistungen im Urlaub und hat, auch vor dem Hintergrund des demographischen Wandels, als ein Trend des barrierefreien Tourismus stärkere Beachtung zu finden.

Betroffene Kinder und Familien bilden ein besonders sensibles Klientel im Rahmen der Problematik. Zwischen Kur- und Wellnesstourismus, Wirtschaft und bürger-schaftlichem Engagement existiert ein Defizit touristischer Angebote, die sowohl kinder- und familienorientiert, als auch krankheitsgerecht und gesundheitsförderlich sind. Dieses unerschlossene Potential verlangt nicht immer völlig neue Produkte und Dienstleistungen. Viele Leistungsträger besitzen bereits erweiterungsfähige Angebote. Deren systematische Entwicklung wird durch das Vorhandensein von hochwertigen Wellnesselementen und individualisierten Angebotsmodellen begünstigt. Sie fordert jedoch auch ein spezielles Fachwissen, eine Neudefinition von Kundennähe und kooperative Synergien von den Leistungs- und Entscheidungsträgern der Tourismuswirtschaft.

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Allgemeine Rahmenbedingungen bei Reisen chronisch kranker Kinder und Familien

Tab. 2: Rahmenbedingungen für den allergikergerechten Urlaub

Tab. 3: Die Anforderungen an touristische Angebote für asthmakranke Kinder

Tab. 4: Elemente der Neurodermitis-Therapie in verschiedenen Angebotsformen

Tab. 5: Die Anforderungen an touristische Angebote für neurodermiskranke Kinder

Tab. 6: Ausgewählte Ergebnisse der Diabetes-Kids- Umfrage 2006

Tab. 7: Die Anforderungen an touristische Angebote für Kinder mit Diabetes (Typ I)

Tab. 8: Ausgewählte therapeutische und pädagogische Angebotsmodule für ADH-Kinder

Tab. 9: Die Anforderungen an touristische Angebote für ADH-Kinder

Tab. 10: Die Anforderungen an touristische Angebote für Kinder mit Epilepsien

Tab. 11: Anspruchsgruppen nach Art der Beeinträchtigung bei Herz- und Krebserkrankungen

Tab. 12: Die Eckdaten der statistischen Untersuchung

Tab. 13: Zusammenfassung der wichtigsten Erkenntnisse der Befragung

Tab. 14: Beispielpauschale „Verwöhntage für Allergiker“ für das Hotel Hubertusbaude

Tab. 15: Angebotsmodell für ein offenes Feriencamp im KiEZ Querxenland

Tab. 16: Stationen der Workcamps für ADH-Kinder im Mohrenhaus Radebeul

Tab. 17: Kurzbeschreibung der häufigsten chronischen Erkrankungen im Kindesalter

Tab. 18: Mögliche Spätfolgen der Herz- und Krebserkrankung

Tab. 19: Gesamtüberblick der Kriterienkataloge

Tab. 20: Kurzdarstellung des Familienhotels Hubertusbaude

Tab. 21: Kurzdarstellung des KiEZ Querxenland

Tab. 22: Kurzdarstellung des DKSB Ortsverbandes Radebeul

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Die möglichen psychosozialen Folgen chronischer Krankheit

Abb. 2: Die Belastungen chronischer Krankheit und ihre Auswirkungen auf das Reiseverhalten

Abb. 3: Die Rolle der Verein im Rahmen der touristischen Leistungserstellung

Abb. 4: Das Marksegment „Urlaub mit Heilkurcharakter“ innerhalb des Gesundheitstourismus

Abb. 5: Dominante Reisemotivationen betroffener Kinder und ihrer Eltern

Abb. 6: Das Auftreten ausgewählter chronischer Erkrankungen

Abb. 7: Die Reisemotivation bei Herz- und Krebsleiden im Krankheits- und Therapieverlauf

Abb. 8: Geeignete Angebotsformen bei Herz- und Krebsleiden in Abhängigkeit vom Kindesalter

Abb. 9: Auswertung des Untersuchungsbereiches 1: Anspruchsgruppen

Abb. 10: Auswertung des Untersuchungsbereiches 3: Grad der Selbstbestimmung

Abb. 11: Auswertung des Untersuchungsbereiches 4: Medizinische Versorgung und Behandlung

Abb. 12: Auswertung des Untersuchungsbereiches 5: Standortfaktoren

Abb. 13: Aufgaben und Tätigkeitsfelder des DKSB Ortsverbandes Radebeul

Abb. 14: Ergebnisse der B.A.T.-Umfrage 2006: „Auf der Suche nach dem guten Leben“

Abb. 15: Geeignete Angebotsmodule für herz- und krebskranke Kinder

Abb. 16: Auswertung der Befragung – Gesamtüberblick

Abb. 17: Anforderungsbereiche einer allergikergerechten Erweiterung

Abb. 18: Das Angebotsmodell „Indianercamp und Karl-May-Fest 2007“

Zusammenfassende Thesen

- Chronisch Kranke sind aufgrund ihrer körperlichen Beeinträchtigungen in den Fachterminus der mobilitätsbeeinträchtigten Menschen einzuschließen und in den Initiativen des Barrierefreien Tourismus zu berücksichtigen.
- Die Reisemotivation vieler Betroffener ist gering, da sie durch das Leiden in ihrem normalen Reiseverhalten körperlich, psychisch, finanziell oder zeitlich beeinträchtigt sind und es an entsprechend bedarfsgerechten Rahmen-bedingungen im Urlaub mangelt.
- Besondere Bedürfnisse an das touristische Leistungsbündel bewirken die seelischen und sozialen Auswirkungen der Krankheiten. Dazu gehören v.a. Ansprüche an die sog. Solutionsware des touristischen Angebots, wie z.B. Service, Zuverlässigkeit und Flexibilität in allen Abläufen.
- Das Klientel setzt sich aus einer Vielzahl von Bedarfsgruppen zusammen, die einzeln betrachtet, fast alle den Charakter einer touristischen Nischengruppe aufweisen. Ihre Erschließung ist nur innerhalb konkreter Angebotssegmente sinnvoll (z.B. Feriencamps für Kinder mit Herzerkrankungen).
- Weitgehend unerschlossenes Potential besitzen Ferienangebote mit Heilkur-charakter für Kinder und Familien, die sowohl krankheitsgerecht als auch gesundheitsförderlich sind. Mit dessen Ausschöpfung kann eine Angebotslücke zwischen dem Kur- und dem Gesundheitstourismus i.w.S. geschlossen werden.
- Besonders familien- und kinderfreundliche Betriebe besitzen günstige Vor-aussetzung zur Angebotserweiterung in diesem Marktsegment und die Chance einer langfristig erfolgreichen Spezialisierung für einzelne Bedarfsgruppen.
- Die Selbsthilfeszene ist der Hauptaktionsrahmen für die Mehrzahl der bisherigen Ferien- und Freizeitangebote. Daher spielen die Betroffenenvereine und -verbände auch bei der Erstellung von Ferienangeboten mit Heilkurcharakter eine tragende Rolle. Sie können dabei als Reisemittler, Produzenten von Teilleistungen oder als Nachfrager agieren.

1 Einleitung

1.1 Ziel der Forschung

Sozialverantwortung und Tourismusrelevanz gehen oft nicht miteinander konform. Mit der vorliegenden Arbeit wird das Potential touristischer Konzepte für eine wenig beachtete Nischengruppe geprüft. Das zentrale Anliegen liegt dabei in der Formulierung allgemeiner Rahmenbedingungen und konkreter Anforderungen an Ferienangebote für chronisch kranke Kinder außerhalb des Kurtourismus. Empirische Nachfrageanalysen sind generell für alle hier untersuchten Erkrankungen in Betracht zu ziehen. Aufgrund der Komplexität chronischer Leiden können im Rahmen dieser Forschungsarbeit aber lediglich die Präferenzen einer Teilzielgruppe empirisch ermittelt werden. Auch die Erstellung ganzheitlicher Angebotskonzepte liegt nicht im Interesse der Arbeit. Vielmehr zielt sie darauf ab, geeignete Leistungsträger zu identifizieren und deren Erweiterungsmöglichkeiten in Form von Ideenskizzen darzustellen.

1.2 Objekt der Forschung

Forschungsgegenstand ist die Zielgruppe chronisch kranker Kinder und ihrer Familien mit ihren besonderen Ansprüchen an Abläufe, Leistungs- und Service-elemente von Ferienangeboten. In Fallbeispielanalysen werden darüber hinaus verschiedene Leistungsträger der Tourismuswirtschaft fokussiert.

1.3 Strategie der Forschung

Als Forschungsgrundlage dienen zeitgenössische Reflexionen zur Lebensqualität im Spannungsfeld von Gesundheit, Gesellschaft und Wirtschaft in Kap. 2. Nähere Untersuchung finden die Auswirkungen chronischer Erkrankungen auf die persönliche Lebenssituation und das Reiseverhalten von Betroffenen, besonders im familiären Kontext. Aufbauend auf einer Kurzdarstellung prägnanter Entwicklungen im Gesundheitstourismus werden das Marktsegment „Urlaub mit Heilkurcharakter“ skizziert, sowie Chancen und Risiken der Nischenpositionierung erörtert.

Kap. 3 klassifiziert die Zielgruppe nach häufigen Erkrankungen. Dem schließt sich die Erstellung mehrerer Kriterienkataloge an, welche sowohl notwendige Rahmen-bedingungen als auch denkbare Heilbehandlungen beinhalten. Aussagelücken in der Zielgruppenanalyse herz- und krebskranker Kinder schließen sich mittels einer Elternbefragung.

Für ausgewählte Leistungsträger der Tourismuswirtschaft, werden abschließend günstige Entwicklungsmöglichkeiten aufgezeigt und kritisch hinterfragt. In Form von Angebotsmodellen verbinden sich die Erkenntnisse der Nachfrageanalyse mit den Anforderungen der Praxis.

1.4 Nutzen der Forschung

Zweck der Arbeit ist es zunächst, die gesellschaftliche und wirtschaftliche Brisanz der Problematik zu verdeutlichen. Das Thema stellt ein Handlungsfeld im Brennpunkt aktueller Trends dar. Es soll verdeutlicht werden, warum in die fachliche Diskussion um die Erweiterung der Reisemöglichkeiten mobilitätseingeschränkter Menschen auch die Gruppe der chronisch Erkrankten einzubeziehen ist. Im gesellschaftlichen Kontext ist die Forschung mit der Zielstellung verbunden, Isolationsprozessen benachteiligter Menschen entgegenzuwirken.

Die Arbeit identifiziert das unerschlossene Angebotspotential, das sich im Leistungsspektrum zwischen Kuraufenthalten und Wellnessurlaub bewegt. Sie zeigt auf, inwiefern die Reisemöglichkeiten, und damit verbunden auch die Lebens-qualität, der Betroffenen verbessert werden kann.

Es werden Angebotsrahmen und Inhalte für die touristisch bedeutsamsten Anspruchsgruppen chronisch Kranker erarbeitet, die bedarfsgerecht, gesundheits-fördernd und damit von besonderem nachfrageseitigen Nutzen sind. Besondere Beachtung findet dabei die sensible Zielgruppe der Kinder und Familien.

Praxisorientierte Ideenskizzen empfehlen Lösungsansätze, die den Ansprüchen der „Wohlfühlgesellschaft“, der wachsenden Bedeutung von Bedürfnisorientierung im Tourismus und der gesellschaftlichen Aufgabe der Sicherung von Lebensqualität entsprechen.

2 Lebensqualität im Kontext von Gesundheit und Tourismus

2.1 Der Begriff der Lebensqualität

Zufriedenheit, Glücklichsein oder die Suche nach Erfüllung - In vielfältigem sprach-lichen Gewand begleitet der Begriff Lebensqualität den Menschen der Neuzeit. Aber: „Nur etwa ein Viertel der deutschen Bevölkerung betrachtet sich als „sehr glücklich“.“[1] Lebensqualität ist ein Idealwert moderner Gesellschaften und gleichzeitig eine der meistdiskutierten Problematiken unserer Kultur. Als soziale, ökologische oder wirtschaftliche Herausforderung betrifft sie jedes gesellschaftliche Mitglied. Doch wie kann man einen so bedeutungsüberladenen und subjektiven Begriff darlegen?

Im umgangssprachlichen Gebrauch positiv belegt, bildet sich Lebensqualität als gefühlter Zustand aus der Summe verschiedener Einflussgrößen. Sie ist nicht nur zeitgenössisch sondern auch individuell variabel. Auch die jeweilige Perspektive der betrachtenden wissenschaftlichen Disziplin ist entscheidend. Die Erforschung der medizinischen Lebensqualität behandelt bspw. eine Problematik, die in der politischen Betrachtung völlig irrelevant ist: Als medizinischer Terminus ist Lebensqualität in traditioneller Sichtweise nur ein Kriterium zweiter Wahl. Es kommt zum Tragen, wenn wenig oder keine Heilungsaussichten bestehen, gleichartige Therapieformen zur Wahl stehen oder eine Symptombehandlung den allgemeinen Gesundheitszustand des Patienten verbessern soll[2]. Beispiele für die politische Gewährleistung von Lebensqualität stellen die Sicherstellung humaner Arbeitsbedingungen, des Rechtes auf Gleichberechtigung und eines gesunden Wohn- und Lebensumfeldes dar[3]. Maßnahmen zur Stabilisierung bzw. Verbesserung der Lebensbedingungen werden von Politik und Wirtschaft erwartet und von der Medizin vorausgesetzt.

Viele interdisziplinäre Arbeiten gründen daher auf die Annahme der Multidimensionalität des Begriffs. Er beschreibe ein Konstrukt, das mit physischen, psychischen und sozialen Dimensionen verschiedene Lebensbereiche umfasse und in seiner unmittelbarsten Bedeutung Gesundheit i.S. von Wohlbefinden darstelle[4].

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) identifiziert Lebensqualität und Gesundheit sogar miteinander, in dem sie diese als „ [...] einen Zustand völligen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens.“, und nicht als die bloße Abwesenheit von Krankheit und Gebrechen definiert[5]. In diesem Kontext stellt eine hohe Lebensqualität keine unerreichbare Zielgröße für jene Menschen dar, deren Gesundheit langfristig beeinträchtigt ist. Die Qualität des Lebens umfasst alle seine Bereiche: Körperliche und psychische Gesundheit, soziale Netzwerke, Arbeit, Freizeit, etc..

Die beiden folgenden Kapitel legen dar, welchen Ansprüchen die Tourismuspolitik und -wirtschaft heute als ein „Lieferant“ von Lebensqualität begegnet.

2.2 Lebensqualität im Fokus der „Wohlfühlgesellschaft“

Lebensqualität ist ein Bedarf unserer Gesellschaft und Kultur. Er setzt sich aus einem weiten Feld gesellschaftlicher und individueller Zielgrößen zusammen, das in der Unterscheidung objektiver Faktoren der Lebensumstände und der subjektiven Bewertung derselben strukturiert werden kann[6]. 98 % der Befragten einer aktuellen Studie des B.A.T. Freizeit-Forschungsinstitutes nannten Gesundheit einen Lebens-umstand mit höchster Priorität[7]. Nachstehend rangieren soziale Beziehungen (Freundschaften: 91%, Familie: 87% und Partnerschaft: 86%) und Freizeit (71%)[8].

Mit steigendem Wohlstand ab den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts wuchsen die Möglichkeiten der Lebensgestaltung i.S. der Selbstverwirklichung des Einzelnen. Sie sind, ungeachtet aller wirtschaftlichen Tendenzen, auch noch heute größer als je zuvor. Angesichts dessen vervielfältigten sich natürlicherweise auch die Ansprüche des Individuums. Doch mit steigenden Ansprüchen verringert sich in Prozessen der subjektiven Wahrnehmung die empfundene Lebensqualität.

Deutlicher zeigt sich dieser Zusammenhang in der folgenden Formel[9]:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das daraus resultierende Phänomen ist die von vielen Gesellschaftsforschern diskutierte „Erlebnisgesellschaft“ oder „Erlebnisrationalität“[10] Je mehr Möglich-keiten das Individuum besitzt, desto geringer wird die, durch Inanspruchnahme dieser Möglichkeit erwartete Steigerung der eigenen Lebensqualität. Menschen suchen Orientierungshilfen in einer Welt der Möglichkeiten, denn:

„[...] im Begriff Lebensqualität drücken sich (auch) die Zielvorstellungen einer Gesellschaft aus, die historisch gesehen, ein hohes Wohlstandsniveau erreicht hat und an die Grenzen ihres Wachstums angekommen ist.“[11]

Es kommt zum Orientierungsverlust angesichts der zunehmenden Distanz zwischen Lebensnotwendigkeit von Produkten bzw. Dienstleistungen. Nutzen werden erfunden und konstruiert. Die Zielvorstellung einer immer besseren Qualität kollidiert dabei mit Nutzenoptima und subjektiven Qualitätsgrenzen. Die Suche nach Lebensqualität verläuft weniger in der Orientierung auf das Besitzen von Produkten sondern innenorientiert über Erlebnisse[12]. In dieser Entwicklung werden zunächst normale Produkte zu Erlebnismitteln mit einem mitgelieferten Erlebnisziel. Doch Erlebnisse sind von begrenzter Dauer. Ihr Inhalt stellt ein Experiment dar, das keine zuverlässige Orientierung bietet, da sie subjektiv und situationsgebunden empfunden werden.

Seit Beginn des neuen Jahrtausends konstatiert man einen markanten Wandel von der „Erlebnisgesellschaft“ der westlichen Welt zur sog. „Wohlfühlgesellschaft“[13]. Wie auch die jüngste Befragung des B.A.T. Institutes erkennen lässt, liegen die wichtigsten Faktoren eines „guten Lebens“ für die Mehrheit der Befragten in unmittelbaren Wohlfühl-Faktoren: in Gesundheit, als dem primär körperlichen Wohlbefinden und im Beziehungsnetzwerk als dem psychischen und sozialen Wohlbefinden.

Opaschowski bezeichnete unlängst „[...] Gesundheit und Lebensqualität (als) die Megamärkte der Zukunft [...]“[14]. Die Gültigkeit dieser These wird deutlich, wenn man die gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen betrachtet. Sinkender materieller Wohlstand und die Krise der Gesundheitssysteme stellen die einstigen Selbst-verständlichkeiten des Lebens mehr und mehr in Frage. Vor diesem Hintergrund er-starken Vereine, Bürgerinitiativen und -netzwerke. Diese befassen sich in bürger-licher Selbstorganisation mit den gesellschaftlichen Notwendigkeiten, die nicht oder nicht mehr von Staat und Markt übernommen werden können.

2.3 Tourismus für Alle

Freizeit und der Konsum touristischer Angebote bleiben ein wesentlicher Bestandteil von Lebensqualität. Fast 7 Millionen Bundesbürger mit körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen sehen dabei aber noch immer mit Heraus-forderungen und Barrieren konfrontiert, die ihnen diese Aktivitäten erschweren oder gar verwehren[15]. Das Ziel, touristische Angebote für alle Menschen zugänglich zu machen, haben viele Anbieter touristischer Leistungen in Deutschland längst erkannt. Auf breiter Basis agieren Dachorganisationen wie der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (DEHOGA), die Nationale Koordinationsstelle Tourismus für Alle (NatKo) oder das Deutsche Erwachsenen-Bildungswerk. Besonders die Offensive Barrierefreier Tourismus wirkt der Ausgrenzung mobilitätseinschränkter Menschen vom Reisen entgegen.

Menschen mit chronischen Erkrankungen leiden ebenfalls unter körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen, sind in ihren Aktivitäten eingeschränkt und haben spezielle Ansprüche an Zugänglichkeit, Komfort und Service während einer Reise. Aus verschiedenen Gründen, die in Kap. 2.4 nähere Darstellung finden, existieren chronisch Kranke nicht als Zielgruppe im touristisch-marktwirtschaftlichen Sinn. Nach Angabe der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK) leiden gegenwärtig mehr als 18 Mio. Deutsche an einer solchen Erkrankung[16]. Zählt man diese zu den Menschen mit schweren, leichten oder vorübergehenden Handicaps und der immer bedeutenderen Zielgruppe älterer Menschen, wird erkenntlich, dass ein erheblicher Teil der Bundesbürger aufgrund individueller Beeinträchtigungen besondere Ansprüche ans Reisen besitzt. Dass viele konventionelle Angebote diesen Bedürfnissen nicht entsprechen, beweist die große Zahl der vereinsmäßig organisierten Ausflüge und Reisen. Das Konzept des barrierefreien Tourismus ist daher in jedem Fall nur als erweiterungsfähige Grundlage zu verstehen.

Leben hat seine Qualität und seinen Wert in sich selber[17]. So könnte der Leitgedanke der „Wohlfühlgesellschaft“ lauten. Lebensqualität liegt damit in der Verantwortung des Einzelnen, und in der Verantwortung für andere. Abseits der ökonomischen Determinanten steht die Tourismuswirtschaft mit ihrem Anspruch der Sozial-verträglichkeit in der Verantwortung zur Lebensqualität aller reiseinteressierten Menschen beizutragen und Grenzen zu überwinden.

2.4 Der chronisch kranke Gast – die Lebensqualität Betroffener und ihrer Angehörigen

Bei der medizinischen und therapeutischen Behandlung vieler chronischer Krankheiten, geht es nicht um Heilung, sondern um Schadensbegrenzung. Der Begriff Lebensqualität wirkt sich damit höchst zwiespältig aus. Während die „Sicherung von Lebensqualität“ im Allgemeinen Gewinnaussichten suggeriert, bedeutet es für den Erkrankten in erster Linie einen Verlust. Die Konfrontation mit der Diagnose verändert die Wertevorstellungen und damit die Ansprüche des Individuums[18]. Statt Heilung und Gesundheit gewinnen die Verlängerung der Lebensdauer mit dem Hinauszögern der Krankheit, die Linderung von Symptomen und Schmerzfreiheit an Bedeutung. Der amerikanische Soziologe Antonovsky konstatiert, dass es nicht immer eine Ursache und eine Lösung für ein körperliches Leiden gibt. Er verdeutlicht, dass Krankheit für den Patienten nicht allein eine physische Krise bedeute. Sie fordere zugleich eine Auseinandersetzung mit dem betroffenen bzw. nicht-betroffenen Umfeld[19]. Als ein langfristig begleitender Lebensumstand wird sie oftmals zum Alltagsbestandteil. Viele Betroffene leiden aber nicht nur an körperlichen Auswirkungen und psychischen Begleiterscheinungen sondern erfahren auch zweierlei Arten der Ausgrenzung: Im weiteren sozialen Umfeld und in der Umwelt außerhalb der gewohnten Umgebung wird der Kranke immer wieder mit Integrationsproblemen konfrontiert. Im Netzwerk seiner Beziehungen begegnen ihm Unsicherheiten und Vorurteile, die jedoch meist nur aus mangelndem Wissen über die Krankheit resultieren. Betroffene empfinden sich selbst als ausgeschlossen und sehnen sich nach Normalität im Umgang mit ihren Mitmenschen. Für Außenstehende stellt Lebensqualität im Zusammenhang mit chronischer Krankheit oft einen sich ausschließenden Gegensatz dar[20]. Die öffentliche Wertgebung suggeriert, dass alles, was nicht mit einer vitalen und gesunden Existenz einhergeht, keinen Qualitätsanspruch besitzt. Entgegen dieses gesellschaftlichen Postulats ist die Suche nach „persönlicher Lebensqualität“ meist ein schwerer Weg für die Betroffenen, auf dem sie Unterstützung in Selbsthilfe-gruppen, Vereinen oder psychotherapeutischer Behandlung suchen.

Für Kinder stellt die Auseinandersetzung mit der Krise eine ungleich größere Herausforderung dar, als für einen erwachsenen Betroffenen. Die zahlreichen Konse-quenzen der Diagnose treffen beim Kind auf eine noch unfertige und sensible Persönlichkeitsstruktur. Die normale Entwicklung wird beeinflusst, soziale Bezieh-ungen und das eigene Selbstbild verändern sich. Die oft unvermeidbare Isolation von Gleichaltrigen, v.a. durch lange Fehlzeiten in Kindergarten und Schule, ist schmerzhaft. Zudem wirkt sich eine Erkrankung auch auf alle anderen Familien-mitglieder und deren Zusammenleben miteinander aus. Sie beeinflusst die sog. Subsysteme des familiären Gefüges. Als solche sind die individuelle, eheliche oder partnerschaftliche, die elterliche und geschwisterliche Situation zu verstehen. In welcher Weise diese Veränderungen bei den Betroffenen stattfinden, lässt sich aber nur am einzelnen Fall schlussfolgern. Die konkreten Auswirkungen der Krise und die Möglichkeiten der Bewältigung sind abhängig von den Persönlichkeitsfaktoren der Familienmitglieder, vom Alter des Kindes und der familiären Lebenswelt.[21] Anhang 2 erfasst die möglichen Auswirkungen einer chronischen Krankheit auf die Familie im Allgemeinen und auf Kinder, Eltern und Geschwister im Speziellen[22].

Die zweite Form der Ausgrenzung findet in der Umwelt statt. Ein Leben mit chronischer Krankheit kollidiert mit den Bedingungen, den Normalitäten des Lebens und beschränkt die Möglichkeitenvielfalt. Manche chronischen Erkrankungen ver-ändern die Lebensgewohnheiten nur geringfügig, wie bspw. die leichte Diabetes oder eine schwache Allergie. Andere ziehen weitreichende Beschränkungen der Mobilität nach sich. Je nach Krankheitstyp, -phase und -verlauf, sowie dem Grad der Bedroh-lichkeit können Gegebenheiten in Alltagswelt, Arbeitleben und Freizeit zu kleinen bis unüberwindbaren Hürden für den Betroffenen werden. Abb. 1 veranschaulicht das komplexe System aus Krankheitsursachen und -folgen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Die möglichen psychosozialen Folgen chronischer Krankheit[23]

Demgegenüber kann das Bewusstsein der Krankheit aber auch ein intensiveres Lebensgefühl durch Wertschätzung der verbleibenden Möglichkeiten hervorrufen.

Die Diskussion um die Lebensqualität des chronisch Kranken beschränkt sich aber nicht allein auf psychosoziale Analysen. Sie geht auch mit einer kritischen Hinterfragung von Umständen einher, die Menschen zu gesellschaftlichen Nischengruppen werden lässt. Bezüglich des Abbaus von Barrieren in öffentlichen Bereichen und touristischen Einrichtungen ist das langsame Umdenken in eine breite Initiative übergegangen.

Chronisch kranke Kinder und ihre Familien bilden kein in der Gesamtheit vom Reisen ausgeschlossenes Klientel. Dennoch leben sie unter besonderen krankheitsbedingten Umständen, die das Reiseverhalten negativ beeinflussen. Die verschiedenen Belastungen fasst Abb. 2 zusammen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Die Belastungen chronischer Krankheit und ihre Auswirkungen auf das Reiseverhalten

All diese Faktoren sind in erfolgreichen touristischen Leistungsbündeln zu berücksichtigen. Mehr noch: Die Betroffenen sollten im Urlaub nicht nur eine Gewährleistung der normalen Lebensqualität erfahren, sondern eine Steigerung derselben. Diesen Anspruch kann nur ein Marktsegment gewährleisten, das verschiedene Elemente des Gesundheitstourismus mit den besonderen Rahmenbedingungen bei Reisen chronisch kranker Kinder verknüpft.

3 Chronisch kranke Kinder als touristische Zielgruppe

3.1 Das Marktsegment „Urlaub mit Heilkur-Charakter“

Einer Beschreibung und Einordnung dieses Marktsegmentes dient ein kurzer Überblick über die heutige Situation im Gesundheitstourismus.

Die Kernziele der Kur sind die Wiederherstellung der körperlichen Gesundheit durch Heilung und Rehabilitation krankhafter Zustände bzw. die Prävention von Spätfolgen und Folgeerkrankungen[24]. Der Kurtourist befindet sich im Krankenstatus. Er ist kein Urlauber, sondern Patient und folgt nicht einem freien Reisewunsch. Die Ortsveränderung und der mehrtägige Aufenthalt erfolgen zum Zweck der medizinischen Behandlung. Touristische Angebote während des Aufenthaltes, wie bspw. Ausflüge oder Veranstaltungen sind ergänzende Elemente, welche die medizinisch-therapeutischen Kernziele der Kur unterstützen sollen.

Obwohl schon immer die dominierende Kurform, lassen die Statistiken seit Anfang der 90er Jahre einen prägnanten Anstieg der privaten Kuren erkennen. Demgegenüber ist aufgrund der gesundheitspolitischen Weichenstellungen, der Verteuerung medizinischer und der Kürzung sozialstaatlicher Leistungen ein weiterer Rückgang der Soialversicherungskuren zu erwarten. Damit einhergehend erhöht sich die Besorgnis um Wohlstand und Wohlbefinden. Es vollzieht sich eine Werteverschiebung zugunsten der Gesundheit als wichtigem Bestandteil der persönlichen Lebensqualität und ein gesamtgesellschaftlicher Wandel zu einem ausgeprägteren Körperbewusstsein. Eine neue touristische Nachfrage entwickelt sich. Sie ist zum Einen weit größer als das klassische Kurortklientel und zeigt zum Zweiten die Bereitschaft, mehr Zeit und Geld für Gesundheit im Urlaubsambiente auszugeben. Dieser Nachfrage entsprechend entwickelten touristische Leistungs-träger eine Fülle von Wellness, Fitness- und Beautyangeboten. Der Gesundheits-tourismus im weiteren Sinne entstand. Er basiert im Unterschied zum Kurtourismus auf der absoluten Freiwilligkeit der Reiseentscheidung. Ein medizinischer Anspruch besteht höchstens in der Krankheitsprävention. Im Sinne der Wellnessphilosophie wird Gesundheit über physisches, geistiges und seelisches Wohlbefinden stimuliert[25]. Als Urlaubsmotivationen können analog dazu das „Entspannen mit allen Sinnen“, „Dem Alltag entfliehen“ und „Sich etwas Gutes tun“ genannt werden.

Das „Treugast-Trendgutachten Hospitality 2006/2007“ prognostiziert dem Wellness-tourimus auch in den nächsten Jahren das größte Wachstum aller touristischen Marktsegmente[26]. Wettbewerbsentscheidenden Einfluss entfalten dabei in zunehm-endem Maß die Angebotsfaktoren Qualität, Service und personelle Kompetenz.

Viele Kurorte, die angesichts dieser Entwicklung zunächst vor der Gefahr standen ihre strategische Monopolstellung als einzig prädestinierte Standorte seriöser Gesundheitsangebote zu verlieren, haben die Marktentwicklung positiv genutzt. Sie orientierten sich an der Möglichkeitenvielfalt und kombinierten die ortsgebundenen Heilmittel und ihre Spezialisierungen mit attraktiven und chargengeeigneten Wellnessangeboten. Diese fördern das gesamte Wohlbefinden und dienen dem medizinischen Behandlungserfolg. Im Wesentlichen fanden also zwei Entwicklungen auf dem Markt des Gesundheitstourismus statt.

1. Angebotsdiversifikation:
Der Markt des Wellness-Tourimus als Gesundheitstourismus im weiteren Sinn entsteht und entwickelt eine Angebotsvielfalt, die eine breite Nachfrage erreicht.
2. Erweiterung der Geschäftsfelder von Kurorten und Kureinrichtungen:
Die Ganzheitlichkeit des Gesundheitsbegriffes wird auch in Kurangeboten umgesetzt und trägt zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit der Leistungsträger bei.

Kinder mit schweren chronischen Erkrankungen, wie Herz- oder Krebsleiden, gehören zum klassischen Klientel des Kurtourismus. Einige Rehabilitationskliniken haben sich sogar auf schwerkranke Kinder und ihre Familien konzentriert. Aber nur wenige Einrichtungen besitzen zukunftsweisenden Modellcharakter und bieten neben einer ganzheitlichen Therapie ein umfangreiches Freizeitangebot[27]. Fast alle weiteren Erholungsangebote, die den Bedürfnissen chronisch kranker Kinder entsprechen, finden sich in der Selbsthilfeszene. Vereine und Initiativen mit direktem Kontakt zu den betroffenen Familien organisieren diese Aufenthalte meist durch ehrenamtliches Engagement und finanzielle Unterstützung bundesweiter Stiftungen oder Spenden. Abb. 3 zeigt die unterschiedlichen Rollen auf, die sie im Rahmen der Leistungserstellung einnehmen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[28]

Abb. 3: Die Rolle der Vereine im Rahmen der touristischen Leistungserstellung

In Anhang 3 finden zwei Beispiele nähere Beschreibung, in denen Vereine als Leistungsträger, Reiseveranstalter und Reisemittler auftreten[29].

Die Deutsche Kinderkrebsstiftung und Leukämieforschungshilfe (DLHF) initiierte in den vergangenen Jahren ein Selbsthilfenetzwerk zur Förderung von Reisen mit krebskranken Kindern. Mittlerweile stellen 13 Elterngruppen interessierten be-troffenen Familien Ferienwohnungen zur Verfügung[30]. Diese können unkompliziert, ohne lange Vorausbuchung und preiswert in den Therapiepausen der Krebs-behandlung genutzt werden. In beiden Angebotsbereichen, sowohl bei Gruppen-reisen für schwerkranke Kinder, als auch hinsichtlich adäquater Beherbergungs-einrichtungen, herrscht jedoch ein deutlicher Mangel. Diesem steht ein gesteigerter, da weitgehend unbefriedigter Wunsch nach bedarfsgerechtem oder sogar gesund-heitsförderlichem Urlaub gegenüber. Defizite bestehen v.a. bei den Angebotsformen:

- Individualurlaub (in touristischen Einrichtungen, die den Anforderungen häufiger chronischer Erkrankungen entsprechen)
- Feriencamps ( in Form von Gruppenreisen für kranke Kinder und ihre Geschwister oder Integrativreisen als gemeinsamer Urlaub erkrankter und gesunder Kinder)
- Familienreisen (als Gruppenreisen für Vereine oder einzelne Familien)

Chronisch erkrankte, reisende Kinder befinden sich gleichzeitig im Urlaubs-, als auch im Krankenstand. „Urlaub mit Heilkurcharakter“ kann daher, je nach Krankheitstyp, Eigenschaften des Gesundheitstourismus im weiteren und im engeren Sinne haben, da sich Motivationen der Zielgruppen beider Segmente in ihm wiederfinden. Abb. 4 liefert einen Überblick über die Einordnung des Markt-segmentes innerhalb des Gesundheitstourismus.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Das Marktsegments „Urlaub mit Heilkurcharakter“ innerhalb des Gesundheitstourismus

Viele freizeitorientierte Projekte für chronisch kranke Kinder entstehen durch finanzielle Unterstützung privater und öffentlicher Stellen. Medizinisch nicht not-wendige, aber gesundheitsförderliche Leistungen werden von oft von Krankenkassen subventioniert. Die Finanzierungsmöglichkeiten für die o.g. Angebote können erst im Zuge einer konkreten Angebotskonzeption geprüft werden. Daher wird das Marktsegment zunächst im mittleren Bereich zwischen Wellness- und Kurtourismus positioniert.

Mit einem besonderen Heilkurcharakter touristischer Angebote kann an die Bedürfnisse, die Lebenssituation und an das Lebensgefühl der Betroffenen angeknüpft und so zu ihrem Wohlbefinden beigetragen werden. Unter dem Begriff können alle positiven Auswirkungen des Aufenthaltes auf die Krankheit verstanden werden, die je nach Standort und Leistungsträger in physischem, psychischem oder sozialem Zugewinn der Gäste bestehen. Im Zuge dessen besitzt auch ein ziel-gruppenadäquates Angebot ohne therapeutische Elemente einen potentiell heilungs-fördernden Effekt. Auch in der Verfügbarkeit der minimal notwendigen äußeren Rahmenbedingungen einer Reise können bereits kurative Faktoren liegen. Abb. 5 illustriert den Zusammenhang der Motivationen aller Beteiligten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 5: Dominante Reisemotivationen betroffener Kinder und ihrer Eltern

Das Gesamtsystem des Tourismus umfasst neben ökonomischen Zielen und Determinanten noch weitere Aufgabenbereiche. Es führt politische, ökologische wie soziale Aufgaben mit sich. Bezüglich des sozialen Aspektes gilt: „Reisen ist Teil der Lebensqualität.“[31] Die Tourismuswirtschaft steht mit ihrem Anspruch der Sozialverträglichkeit in der Verantwortung zur Lebensqualität der Menschen beizutragen. Touristische Angebote tragen zur Regeneration der seelischen, körperlichen und sozialen Gesundheit bei. Die wichtigste soziale Aufgabe der Tourismuspolitik besteht in der Integration benachteiligter Gruppen, d.h. Menschen mit Handicap. Unter Handicaps werden branchenintern nicht mehr nur dauerhafte körperliche oder geistige Behinderungen verstanden.

Nach der anfänglicher Zurückhaltung bei vielen Beherbergungsbetrieben, die noch in den 1980’er Jahren die Statistiken dominierte, wuchs die Zahl der Möglichkeiten für Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen kontinuierlich[32]. Das Angebots-defizit etablierte sich zu einer vieldiskutierten Problematik in der Tourismuspolitik. Dennoch entwickelten sich nur zögerlich gegensteuernde Initiativen der Tourismus-wirtschaft. Der Bundesverband Barrierefreier Tourismus (BBT) registriert mittler-weile bundesweit 1.060 Unterkünfte, die für Menschen mit Behinderung geeignet sind[33]. Dieser Terminus übersteigt die ursprüngliche Bezeichnung der rollstuhl-geeigneten bzw. rollstuhlgerechten Unterkunft weit. Von der Fachliteratur in den Sprachgebrauch übergegangen ist mittlerweile der Begriff der barrierefreien Unterkunft, welche für mehrere Handicaps zweckmäßig ist. Dazu beigetragen hat v.a. das Bundesgleichstellungsgesetz (BGG) von 2002, welches erstmals einen umfassenderen Begriff der Barrierefreiheit normierte. Das BGG umfasst die Mindeststandards für geh-, seh- und hörbehinderte, sowie für geistig oder seelisch beeinträchtigte Menschen in fünf Kategorien, die 2005 in die Hotelklassifizierung eingingen. Gäste mit den genannten Handicaps stellten noch vor Jahren touristische Nischengruppen dar. Mittlerweile erstrecken sich die Integrationsbemühungen der Tourismuswirtschaft auf „mobilitätsbeschränkte Menschen“, zu denen laut Deutschem Tourismusverband (DTV) auch einkommensschwächere und ältere Menschen, Eltern mit Kleinkindern oder Schwangere zählen[34].

Laut Bundesministerium für Gesundheit leiden (BMG) fast 20% aller Bundesbürger an einer chronischen Erkrankung[35]. Sie bedeutet nicht unmittelbar eingeschränkte Lebensqualität durch langanhaltendes Siechtum oder Abhängigkeit von Medi-kamenten und Pflegern. Dennoch kann sie neben den psychischen, finanziellen und zeitlichen Einschränkungen auch körperliche Handicaps mit sich bringen, die von leichten Gehbehinderungen über Gehörlosigkeit, Sehbehinderung bis zur Not-wendigkeit einer speziellen Ernährung reichen. Das Klientel gehört damit zu der großen Gruppe der in ihrem Reiseverhalten eingeschränkten Menschen, deren Nachfragepotential sich künftig weiter erhöhen wird.

In der Tourismuswirtschaft ist eine Angebotsdiversifikation aufgrund gesättigter Märkte meist mit der Erschöpfung eines „traditionellen Gästespektrums“ verbunden. Im Sinne der Wettbewerbsfähigkeit gilt es, neue Zielgruppen zu erschließen oder die Zielgruppenansprache vorhandener Gästegruppen zu verbessern. Der Markt des Gesundheitstourismus i.w.S. besitzt unerschlossenes Potential in Form von bedarfs-gerechten Angeboten für Chroniker. Diese sind in ihrer Gesamtheit zwar zu den mobilitätsbeschränkten Gästen zu zählen, bilden aber gleichsam ein sehr heterogenes Klientel. Es setzt sich zusammen aus vielen Nischengruppen, die zum Teil Ansprüche an die Barrierefreiheit der Einrichtungen haben und stellt, in Abhängigkeit von den Krankheitssymptomen, verschiedenste Anforderungen an alle Phasen der touristischen Leistungs- bzw. Servicekette.

3.2 Vorüberlegungen und Definitionen

3.2.1 Eingrenzung der Begriffe Kindheit und chronische Krankheit

In den thematisch relevanten Zusammenhängen Tourismus und Medizin variieren die Alterseingrenzung der Kindheit. In der Medizin schließt das Kindesalter mit dem Beginn der geschlechtsspezifischen Entwicklung ab, welche in der Altersspanne zwischen zehn bis 16 Jahren einsetzt. Die Onkologie definiert Krebserkrankungen bis zu einem Alter von 15 Jahren als Kinderkrebs. Im Tourismus existieren keine festen Eingrenzungen, zumeist spricht aber man von Kindern in einem Alter zwischen vier und 14 Jahren. Im Rahmen dieser Forschung wird der Kinderbegriff in einem Altersspektrum von vier bis 15 Jahren angesiedelt.

Chronische Erkrankungen können den kindlichen Entwicklungsstand in zweierlei Richtungen beeinflussen. In den meisten Fällen wirken sich die Belastungen von Krankheit und Behandlung rezessiv auf die normale, d.h. alterstypische Entwicklung aus. Sowohl im körperlichen, als auch im psychischen und sozialen Kontext können Defizite zu gesunden Gleichaltrigen entstehen. Ein physisch bereits als Jugendlicher zu betrachtender 16-jähriger Gast kann so bspw. die kindlichen Interessen und Verhaltensweisen eines 12-Jährigen zeigen. Gleichsam darf nicht vernachlässigt werden, dass eine chronische Krankheit den Betroffenen vor extreme psychische und soziale Herausforderungen stellt, welche späteren Entwicklungsaufgaben vorgreifen kann. So könnte z.B. ein 12-jähriges Kind bereits die psychische Reife eines Jugendlichen oder gar Erwachsenen entwickeln. Bei produktpolitischen Entscheidungen ist die Festlegung exakter Altersbegrenzungen aus diesem Grund nicht ratsam. Es erscheint vielmehr empfehlenswert, Angebote zwar am alterstypischen Entwicklungsstand eines gesunden Kindes zu orientieren, sie aber sowohl nach oben, als auch nach unten mit einem Spielraum zu versehen.

Die chronische bezeichnet, im Gegensatz zur akuten Krankheit, eine langanhaltende bis lebenslang andauernde gesundheitliche Beeinträchtigung[36]. Sie bedarf in vielen Fällen einer ärztlichen Behandlung, kann aber nicht in jedem Fall geheilt werden. Der Begriff ist damit so weit gefasst, dass er per Definition auch geistige Handicaps, Infektionskrankheiten mit dauerhaften Folgen, Über- oder Untergewicht oder Sehprobleme einschließt. Nur in -62 des Fünften Sozialgesetzbuches (SGB), wurde 2004 eine engere Definition der schwerwiegenden chronischen Krankheit festgelegt. Sie gilt als „[...] regelwidriger körperlicher oder geistiger Zustand, der Behandlungs-bedürftigkeit zur Folge hat.“[37], „[...] wenigstens ein Jahr lang und mindestens einmal pro Quartal ärztlich behandelt wurde (Dauerbehandlung) [...]“[38] und eines der folgenden Merkmale aufweist:

- Eine Pflegebedürftigkeit der Stufe 2 bis 3 (nach SGB XI) oder
- Einen Grad der Behinderung von mindestens 60 % (- 56 Abs. 2 SGB VII) oder
- Die Erforderlichkeit medizinischer Versorgung (ärztliche oder therapeutische Be-handlung, Arzneimitteltherapie, Behandlungspflege, Versorgung mit Heil- und Hilfsmitteln), „[...] ohne die nach ärztlicher Einschätzung eine lebensbedrohliche Verschlimmerung, eine Verminderung der Lebenserwartung oder eine dauerhafte Beeinträchtigung der Lebensqualität [...] zu erwarten ist.“[39]

Laut BZgA leiden fünf bis zehn Prozent aller Kinder der BRD an chronischen Erkrankungen i.S. dieser Definition[40]. Das sind laut aktueller Werte des statistischen Bundesamtes zwischen 580.000 und 1.165.000 Kinder[41].

Über den engen Definitionsrahmen der Sozialgesetzgebung hinaus sind aus touristischer Perspektive aber alle langandauernden Krankheiten relevant, die das Reiseverhalten beeinflussen oder einschränken. Nach der eingangs formulierten medizinischen Definition ergibt sich eine Vielzahl solcher kindestypischer Erkrankungen. Die Untersuchung beschränkt sich daher auf die nachfolgend genannten, ausgewählte Arten, die nicht durch Ansteckung übertragen und deren Ausbruch nicht durch Vorbeugemaßnahmen verhindert werden kann. Alle, ausgenommen die Herz- und Krebserkrankungen, treten in der Bundesrepublik mit einer relativen Häufigkeit von mindestens einem Prozent auf.

- Allergien
- Asthma bronchiales
- Aufmerksamkeitsdefizit- und / oder Hyperaktivitätsstörung (ADHS)
- Diabetes mellitus (Typ I)
- Epilepsien
- Neurodermitis
- Angeborene Herzfehler
- Krebserkrankungen

Der Erfolg aller touristischen Angebote hängt unter anderem davon ab, wie genau die Gruppe der potentiellen Gäste in Bezug auf ihre Wünsche und Bedürfnisse bestimmt werden kann. Durch nachfrageorientierte Marktsegmentierung können die Wünsche und Bedürfnisse von Gästegruppen aus allgemeinen (soziodemografischen), verhaltensorientierten und psychografischen Merkmalen geschlussfolgert werden. Die o.g. Erkrankungen verdeutlichen, dass kein Stereotyp des „chronisch Kranken“ definiert werden kann. Selbst ein dehnbares touristisches Prädikat „Für chronisch Kranke geeignet“ ist nicht umsetzbar. Eine Zielgruppensegmentierung ist daher zunächst nach Art der Erkrankung durchzuführen.

3.2.2 Arten und Auftreten chronischer Erkrankungen im Kindesalter

Die Zahl der Todesfälle bei Kindern reduzierte sich in den vergangenen Jahrzehnten um ein Vielfaches. Grund hierfür sind Forschungsfortschritte bei der Bekämpfung von Infektionskrankheiten, in der vorgeburtlichen- und der Säuglingsmedizin. Dennoch befinden aktuelle Untersuchungen den allgemeinen Gesundheitszustand von Kindern und Jugendlichen als immer schlechter. Strittig bleibt, ob bestimmte chronische Krankheiten heute tatsächlich vermehrt auftreten und sich das Krankheitsspektrum damit verändert hat[42] oder ob erst die verbesserten Möglichkeiten der ärztlichen und pädagogischen Diagnostik die Verbreitung dieser Krankheiten identifiziert haben.

Viele der chronischen Kindererkrankungen treten beim Erwachsenen selten oder gar nicht auf. Anhang 4 charakterisiert in Kurzform die sechs häufigsten Krankheiten, sowie Krebserkrankungen und Herzfehler als Repräsentanten chronischer Erkrankungen i.S. des SGB V[43]. Die verschiedenen Krankheiten beeinflussen in ganz unterschiedlicher Weise das Leben der Familien und nicht in jedem Fall tritt eine belangvolle Beeinträchtigungen der Lebensqualität auf, bzw. entsteht ein Bedürfnis nach angepassten Angeboten. Die sog. atopischen Erkrankungen Allergien, Asthma und Neurodermitis sind vergleichsweise weit verbreitet, wirken sich aber auch am wenigsten auf das Reiseverhalten aus. Das ADH-Syndrom geht meist mit weitreichenden Folgen für das Alltagsleben und Sozialverhalten der betroffenen Kinder und Familien einher. Obwohl erst seit wenigen Jahren als Leiden physischen Ursprungs anerkannt, steht es nunmehr im Licht der öffentlichen Diskussion. Ebenso wie bei Epilepsien, die immer noch auf Befremden und Unsicherheiten stoßen, kann auch bei ADHS ein hohes Interesse der Betroffenen hinsichtlich bedarfsgerechter Urlaubsangebote angenommen werden. Diabetes wird als häufiges Leiden bereits von vielen touristischen Leistungsträgern berücksichtigt. Da es als typische Alterserkrankung bekannt ist, mangelt es jedoch an angepassten kindgerechten Konzeptionen. Krebserkrankungen und Herzfehler sind meist langandauernde Erkrankungen, die mit lebensbedrohlichen Situationen und schwerwiegenden körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen einhergehen. Möglichkeiten zur Regeneration und Reintegration außerhalb von Kur- und Rehabilitationsaufenthalten sind rar, ein hohes Interesse an krankheitsgerechten Urlaubsangeboten ist gleichsam wahrscheinlich.

Abb. 6 liefert eine Übersicht über die Anzahl der Betroffenen der genannten Erkrankungen. Von den aufgeführten Leiden sind in Deutschland insgesamt fast 8 Mio. Kinder unter 15 Jahren betroffen. Als häufigste Erkrankung gelten dabei Allergien (ca. 3,4 Mio.), am seltensten treten Krebserkrankungen auf (ca. 26.000).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 6: Das Auftreten ausgewählter chronischer Erkrankungen

Im Diagramm gelb hervorgehoben sind Schätzungen des „realen Nachfragevolumens für krankheitsgerechte touristische Angeboten“ dargestellt. Sie stellen lediglich grobe Orientierungswerte dar und basieren auf den vorangegangen Überlegungen. Zu berücksichtigen ist auch die Tatsache, dass von hohen Dunkelziffern einzelner Erkrankungen, insbesondere der atopischen Erkrankungen, der Diabetes und des ADH-Syndroms auszugehen ist.

3.2.3 Erläuterungen zum Aufbau und Nutzen der Kriteriensammlung

Wettbewerbsfähige Produkte bieten Problemlösungen für konkrete Nachfrage-bedürfnisse. Die Orientierungswerte der realen Nachfrage in Abb. 6 dienen in erster Linie dazu, zu verdeutlichen, dass das Bedürfnis nach konkreten Heileffekten im Urlaub selbst innerhalb einer Erkrankungsgruppe von Gast zu Gast sehr unterschiedlich ausgeprägt ist. Am Beispiel der Allergiker bedeutet dies, dass den krankheitsdiktierten Notwendigkeiten (das Meiden bestimmter Allergene) oftmals bereits in der Wahl des Reisezeitpunkts und der klimatisch-ökologischen Bedingungen der Destination nachgekommen werden kann. Die in Abb. 6 dar-gestellte reale Nachfrage setzt sich jedoch aus Familien und Kindern zusammen, deren Beeinträchtigungen ein normales Reiseverhalten erheblich beeinträchtigen oder gar ausschließen. Der nachfrageseitige Nutzen von Urlaub mit Heilkurcharaker besteht primär in:

- Der Minderung von Krankheitssymptomen ,
- Positiven Effekten auf Krankheitsbild bzw. -verlauf und
- Der Stärkung der psychischen und sozialen Gesundheit.

Je seltener und schwerer die Erkrankung ist, umso größer wirken sich das individuelle Bedürfnis und die krankheitsbedingte Notwendigkeit nach besonderen Nebenleistungen im Urlaub aus. In diesem Umstand ist auch die gegenwärtig mangelhafte Angebotssituation für alle Krankheitsgruppen begründet, da Chancen und Risiken einer Spezialisierung in einem scheinbaren Missverhältnis zu stehen scheinen.

Nur für die nachfragestärkste Gruppe der allergiekranken Gäste liegen bereits detailliertere Anforderungskonzepte für Beherbergungsunternehmen vor[44].

Der Leistungsaufwand potentieller Anbieter hängt von krankheitsbedingten Anforderungen und genauen Angebotsformen und -inhalten ab. Die folgenden Unter-suchungen widmen sich im Detail den sechs größten potentiellen Gästegruppen mit chronischer Erkrankung. Zentrales Anliegen dieser Analysen ist das Aufzeigen von Angebotslücken und Entwicklungspotential. Zur Verdeutlichung der Praxisrelevanz werden zunächst geeignete und defizitäre Angebotsformen für jede Gruppe identifiziert. Die Identifikation von notwendigen Rahmenbedingungen erfolgt in Ableitung von jeweils typischen Krankheitsbildern und Beeinträchtigungen. Vervollständigt werden die Empfehlungskataloge durch sinnvolle Angebotsinhalte und therapeutische Elemente.

Die Kriteriensammlungen der atopischen Erkrankungen bauen aufeinander auf, weil Allergien, Asthma und Neurodermitis gleichermaßen als Überreaktionen des Immunsystems auf bestimmte Reizstoffe entstehen. Herz- und Krebserkrankungen treten dagegen i.d.R. mit weitreichenderen Auswirkungen auf das Leben der Betroffenen auf. Die dabei relevanten Angebotskriterien und -inhalte finden in Kap. 4 eine ausführlichere Analyse.

Unabhängig von einzelnen Spezifika gelten die in Tab. 1 aufgeführten allgemeinen Rahmenbedingungen für die verschiedenen Reiseteilleistungen[45]. Dazu gehören Hardware elemente i.S. genereller Ausstattungsfaktoren. Dem großen Bindungs-potential der Zielgruppe stehen hohe Erwartungen an die Angebots software gegenüber. Sie äußern sich in einer ausgeprägten Sensibilität hinsichtlich der Leistungs- und Servicequalität. So sind bspw. Interaktionsmöglichkeiten in der Potentialphase oder die Qualitätsattribute Zuverlässigkeit und Flexibilität in der Prozessphase der Leistungserstellung besonders bedeutsam. Auch die sog. Solutionsware, die z.B. einen reibungslosen Ablauf sichert, darf nicht vernachlässigt werden.

Tab. 1: Allgemeine Rahmenbedingungen bei Reisen chronisch kranker Kinder und Familien

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

I) Es dient der Generierung aller krankheitsrelevanten Informationen, individueller Wünsche und Notwendigkeiten, persönlicher Ziele und Wünsche, sowie der Erinnerung an die Mitführung notwendiger Medikamente. Bei regionalen Quellmärkten und bestimmten Erkrankungen erweist sich ein Elternabend als nützlich.

II) Es erfolgt zum Zwecke der Erläuterung der Angebote und Gegebenheiten vor Ort und zur Klärung möglicher Fragen und Probleme.

III) Das persönliche Gespräch vor Ort am Ende des Aufenthaltes mit den Eltern, sowie mit dem Kind ist generell sinnvoll, bei Angebotsinhalten wie therapeutischen Behandlungen oder psychosozialer Betreuung dagegen besonders empfehlenswert.

IV) Die Nähe einer Apotheke ist generell erforderlich.

V) Spezielle Medikamente sollten in der Einrichtung stets außerhalb der Reichweite der Kinder, aber für den Notfall schnell erreichbar deponiert werden.

3.3 Kriterienkataloge

3.3.1 Rechtliche Grundlagen

Je nach Krankheit des Gastes und den Angebotsinhalten ist es wichtig bis unerlässlich, im Vorfeld der Reise Informationen über Diagnosen, Symptome und bisherige Behandlungen von den Gästen einzuholen. Die medizinische Schweige-pflicht als rechtliche Maßnahme zum Schutz des Patienten hat zur Folge, dass für touristische Angebote mit therapeutischen Behandlungen eine ausdrückliche Genehmigung des Betroffenen bzw. der Eltern oder Erziehungsberechtigten vorliegen muss. Im Idealfall in schriftlicher Form gehalten, beinhaltet sie darüber hinaus auch Kontaktdaten, die eine Konsultation des Hausarztes in Notfallsituationen ermöglichen. Eine rechtlich nicht notwendige, aber pädagogische sinnvolle Er-gänzung stellt eine zusätzliche Einverständniserklärung des Kindes dar.

Für Fälle, in denen Medikamente oder Spritzen während des Aufenthaltes verabreicht werden müssen, sollte ein Arzt oder eine medizinische Fachkraft (z.B. Kinderkrankenschwester) verfügbar sein. Kann dies nicht gewährleistet werden, müssen die Mitarbeiter vor Ort in der Lage sein, eine medizinische Betreuung zu übernehmen und in Notfallsituationen richtig zu handeln. Dann gilt es zusätzlich, eine schriftliche Vereinbarung mit den Eltern bezüglich eines Haftungsausschlusses zu schließen. Schließlich sind die Betroffenen bzw. Eltern oder Erziehungsberechtigten ausdrücklich darum zu ersuchen, alle krankheitsrelevanten Informationen weiterzugeben.

Das Versicherungsrecht bietet hingegen keinen Reiseschutz für chronisch Kranke. Selbst private Reise- und Reisekrankenversicherungen übernehmen bei sog. chronischen Vorerkrankungen i.d.R. nicht die Kosten für einen Reiseabbruch oder eine Behandlung vor Ort. Es liegt demnach auch finanziell allein in der Ver-antwortung des Einzelnen, eine Reise mit gesundheitlichen Risiken anzutreten.

3.3.2 Allergien

Allergien scheinen im Vergleich zu allen anderen chronischen Erkrankungen geringfügige Leiden darzustellen, da sie nur beim Kontakt mit den individuellen Auslösern zu Tage treten. Grund dafür ist auch der Status der Allergie als „Volkskrankheit“, der sich durch jährlich steigende Zahlen betroffener Menschen gefestigt hat. Dementsprechend schenkt die Tourismuswirtschaft der „Epidemie des 21. Jahrhunderts“ im Großen und Ganzen nur stiefmütterliche Beachtung[46].

Allergiekranke Gäste werden bereits einen beschwerdefreier Aufenthalt als heilsam empfinden. In der Realität bedeutet dies aber: Entweder sie wählen ihrer Allergie entsprechend selbst eine passende Destination und Beherbergung aus, oder sie finden sich mit den Symptomen in Unterkunft und am Urlaubsort ab bzw. mildern sie durch reizschwächende Pharmazeutika.

Einige Leistungsträger, zumeist Beherbergungsunternehmen, werben bereits um Betroffene. Viele von ihnen sprechen dabei aber nur einen Teil der Zielgruppe, nämlich Hausstauballergiker an. Der belastungsarme Urlaub endet darüber hinaus meist vor der Tür des „allergikerfreundlichen Zimmers“. Die Zertifizierung birgt also oft sogar Unannehmlichkeiten und Unsicherheiten für den Gast, da mit ihr die Problematik nicht ganzheitlich behandelt wird.

Zu den häufigsten Allergien zählen neben der Hausstauballergie auch Heuschnupfen und Nahrungsmittelallergien. Zunehmend verbreiten sich auch die sog. Kreuzallergien, bei denen der Betroffene je nach Hauptallergen zusätzlich auf bestimmte Reizstoffe reagiert. Meist bestehen Kreuzallergien zwischen Pollen und Nahrungsmittelbestandteilen.

Bei der Allergikerspezialisierung sollte das Belastungsrisiko demnach sowohl am Standort, als auch in der Ausstattung und bei der Bewirtung weitestgehend minimiert werden. Die Eigenschaften des Standortes bzw. des näheren Umfeldes spielen insbesondere bei Pollenallergien eine wichtige Rolle. Ist die Umgebung der Einrichtung weitgehend frei vom allergieauslösenden Blütenstaub, können Outdoor -Aktivitäten, wie Radfahren oder Klettern ohne Beeinträchtigungen genossen werden. In den mitteleuropäischen Klimazonen sind Angebotssystematisierungen nach Jahres- bzw. Blütezeiten daher sinnvoll.

Die Forschung identifizierte aber auch Umweltfaktoren, die sich bei Bestehen einer beliebigen anderen Allergie ungünstig auf das Befinden des Gastes auswirken. Dazu gehören die hohe Konzentration von Pestiziden, Industrie- und Verkehrsabgasen und Elektrosmog. Daher gilt: Kein Standort kann absolut „allergikerfreundlich“ sein. Vor diesem Hintergrund avancieren individuelle Serviceleistungen zur Notwendigkeit. Dazu gehören die Identifikation der allergieauslösendenden Stoffe eines Gastes und die umfassende Information über die allergenen Bedingungen in Freizeit- und Kultureinrichtungen vor Ort. Die Bewirtungsleistung ist flexibel auf die individuellen Bedürfnisse einer Nahrungsmittelallergie anzupassen. Im Idealfall wird eine allergenfreie Kost für jeden Gast erstellt.

Im Gegensatz zu den Pollenallergien sind bei Hausstaub- und Tierhaarallergien weniger die Faktoren des Standortes, als die der Ausstattung von Bedeutung. Ein Haustierverbot innerhalb der Einrichtung reduziert die Belastung bei den verbreitetsten Tierhaarallergien schon in einem ausreichenden Maße. Im Falle von Hausstaubempfindlichkeit helfen dagegen nur eine allergikerfreundliche Bauart und eine regelmäßige, spezielle Reinigung der Einrichtung.

Das allgemein allergikerfreundliche Hotel wird man in Zukunft nur vereinzelt finden, da mittlerweile so viele verschiedene Allergien bekannt sind, dass eine komplett allergenfreie Ausstattung bereits aus Kostengründen keinen Realisierungsanspruch besitzt. Das verdeutlicht auch das gering verbreitete Gütesiegel des Institutes für Umweltkrankheiten (IFU), welches für jeweils zwei Jahre vergeben wird und in drei Anforderungsstufen das „allergikergerechte und schadstofffreie Hotel“ prädikatisiert. Weltweit existieren gegenwärtig nur zwei Hotels die mit dem IFU-Zertifikat ausgestattet wurden. Dennoch kann sich „[...]ein Haus in günstiger klimatischer Lage relativ schnell in ein Hotel verwandeln, das den Ansprüchen der meisten Allergiker genügt, vorrausgesetzt die bauliche Substanz ist frei von krankmachenden Umweltgiften[...]“[47].

Alleinstellungsanspruch erreichen familienfreundliche Angebote die innerhalb und außerhalb der Einrichtung einen „Schutzraum zur Regeneration“ sowie optionale Therapiemöglichkeiten bieten. Tabelle 2 fasst die wichtigsten Anforderungen ganzheitlich allergikergerechter Angebote zusammen[48]. Die dazugehörigen Servicefaktoren sind farblich hervorgehoben.

Tab. 2: Rahmenbedingungen für den allergikergerechten Urlaub

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Da vermehrt Kinder an der Hypersensibilität des Immunsystems auf bestimmte Allergene leiden, bietet sich die Allergikerspezialisierung speziell für familienfreundliche Touristikbetriebe an. Für Familien, deren Kinder erst seit kurzem oder besonders schwer unter der Krankheit leiden, können folgende Elemente den Heilkurcharakter des Aufenthaltes steigern:

- Beratungen zur Vermeidung von Allergenen, Aufklärung zu ratsamen Vorsichts-maßnahmen für Eltern und Kinder, z.B. die Nutzung von Pollenflugkalendern und -vorhersagen
- Informationen zu sinnvollen medizinischen Behandlungsmöglichkeiten, z.B. der Immuntherapie
- Aufklärung der Kinder hinsichtlich der Ursachen und dem Umgang mit der Krankheit, sowie zum Verhalten bei allergischen Überreaktionen

3.3.3 Asthma bronchiale

Fast jedes zehnte Kind in Deutschland leidet an der Atemwegserkrankung Asthma bronchiale[50]. Die eingeschränkte Lungenfunktion, die sich in anfallsartiger Atemnot, chronischem Husten und zähem Atemwegsauswurf äußert, stellt für die Kinder eine große Beeinträchtigung der Alltagsnormalität dar.

Asthmakranke Kinder stehen immer entweder unter Dauer- oder Bedarfsmedikation. Obwohl die Medikamente meist eine sehr positive Wirkung auf das Asthma entwickeln, kann es nicht immer geheilt werden. Bei der Hälfte aller Betroffenen verschwinden die Symptome bis zum Eintritt ins Erwachsenenalter, dennoch besteht eine lebenslange Rückfallgefahr[51]. Anfallverursachend ist meist eine Mischung aus Erbfaktoren und Umwelteinflüssen. Bei Kindern gelten Allergien als dominierende Krankheitsursache. Touristische Angebote für diese Bedarfsgruppe sollten daher auch die in Tab. 2 aufgeführten Rahmenbedingungen allergikerfreundlicher Unter-künfte erfüllen. Ebenso wirken sich die genannten heilklimatischen Bedingungen und eine pollen- bzw. schadstofffreie Luft günstig auf die Symptome aus.

Anders als bei jungen Allergikern kann bei asthmakranken Kindern ein verstärktes Interesse an speziellen Feriencamps vermutet werden. Diese Hypothese ist v.a. darin begründet, dass Atemnotsanfälle in Schulalltag und Freizeit eine Außenseiterrolle provozieren. Diese Isolation führt wiederum dazu, dass auch emotionale Faktoren, wie Stress oder Angst zu Anfällen von psychogenem Asthma führen können. Das Kurpotential von Feriencamps für asthmakranke Kinder besteht in der Minderung aller Anfallsauslöser, der sog. Trigger. Insbesondere der Kreislauf zwischen psychisch und sozial empfundener Beeinträchtigung und psychogenen Anfällen kann durch das Zusammensein mit Gleichgesinnten durchbrochen werden. Daraus ergeben sich hohe Ansprüche an die Koordination zwischen Reisevorbereitung i.S. informativer Vorgespräche und einer fachlichen Betreuung und flexiblen Gestaltung von Angebotsinhalten vor Ort. Die nachstehenden Therapieelemente erwirken mit geringem organisatorischem und personellem Aufwand einen Heilkurnutzen.

- Patientenschulungen für kürzlich erkrankte Kinder und Eltern, Informationen zur Erkrankung, zum Erkennen von Anfällen, zum Erlernen der Selbstkontrolle, des Umgangs mit Peak-Flow-Metern[52] oder der Führung eines Asthma-Tagebuches
- Einzel- und Gruppengespräche unter fachlicher Anleitung, zur Verarbeitung der Erfahrungen von Todesangst und von Diskriminierungen bzw. Unverständnis im Umfeld und zur Förderung von Normalität im Umgang mit der Krankheit
- Physiotherapie (Atemgymnastik) zum Erlernen von Atemtechniken (z.B. der „Lippenbremse“), atmungserleichternden Haltungen (z.B. Kutschersitz), Hustentechniken, Entspannungsübungen, Schulung der Eltern und Kinder zur selbst-ständigen Anwendung dieser Techniken, im Rahmen von Feriencamps sind die Übungen als tägliche Gruppenübungen („Rituale“) durchführbar
- Erlebnis- und gruppenpädagogische Maßnahmen, in Form von erlebnisreichen Outdoor -Aktivitäten unter fachlicher Betreuung (z.B. Trekking, Kanufahren)

Körperliche Fitness und regelmäßige Bewegung verbessern die Lungenfunktion, wodurch die Reizschwelle für asthmatische Anfälle sinkt. Im Rahmen erlebnisorientierter Aktivangebote unter Aufsicht eines Physio- oder Sport-therapeuten und in kleinen Gruppen durchgeführt, stärken sie zudem Selbstvertrauen und soziale Fähigkeiten. Extremsport oder körperliche Anstrengung bei unbeständigem oder sehr kaltem Wetter sind aufgrund der erhöhten Infektionsgefahr der Atemwege und häufigen kälteinduzierten Anfällen generell zu vermeiden. In der folgenden Zusammenfassung allgemeiner Rahmenbedingungen werden die besonderen Anforderungen an Feriencamps für Kinder hervorgehoben[53].

Tab. 3: Die Anforderungen an touristische Angebote für asthmakranke Kinder

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3.3.4 Neurodermitis

Ebenso wie Allergien und Atemwegswerkrankungen haben chronische Haut-erkrankungen in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zugenommen. Neurodermitis verzeichnet aber auch die höchsten Heilungsraten aller chronischen Erkrankungen. Viele Kinder erfahren einen Selbstheilungsprozess bereits nach der Pubertät. Bei etwa 97% aller Betroffenen ist die Erkrankung bis zum 40. Lebensjahr abgeklungen[54].

Die Medizin kennt als Ursachen erbliche Vorbelastung, äußere Einflüsse und innere Prozesse. Dennoch es existiert kein einheitliches Heilungskonzept für die Haut-erkrankung. Die Behandlung ist i.d.R. ein langer Prozess, der von einem Therapeuten sorgfältig auf den Einzelfall abgestimmt werden muss. Er basiert auf den Grundsätzen der Vermeidung externer Reizstoffe, der konsequenten Hautpflege (symptomatische Behandlung) und der allgemeinen Stressreduktion[55].

Eine erwiesene positive Wirkung auf das Krankheitsbild entfalten darüber hinaus Wasser- und Luftheilkuren. Dabei finden neben medizinisch-therapeutischen Behandlungen, wie z.B. Kneippkuren oder der Thalassotherapie, auch psychische Ursachenforschung und Verhaltenstraining statt. Wellness- und Kurressorts in anerkannten Kurorten bieten daher optimale Bedingungen für Individualurlaub mit Heilkurcharakter.

Besondere touristische Angebote ohne Kurambiente finden Neurodermitiker hingegen kaum. Dieser Umstand birgt ein Nachfragepotential nach einem ganz normalen Urlaub unter krankheitsentsprechenden Rahmenbedingungen und mit einer Expertise des Personals für den Bedarfsfall. In der Tat geht die Kernerkrankung fast immer mit Begleitreaktionen wie Heuschnupfen, Allergien gegen Nahrungsmittel bzw. Nahrungsmittelbestandteile oder allergenem Asthma einher. Bei der Spezialisierung auf diese Nachfragegruppe, sind die Richtlinien der vorangegangen Kataloge zu erfüllen, damit den Betroffenen aller Neurodermitistypen ein bedarfsgerechter Aufenthalt gesichert wird. Zusätzlich sind eine Basispflege für Erkrankte, sowie optionale Angebote entsprechend der o.g. Grundsätze zu offerieren. Geeignete Einrichtungen für diese Angebote stellen familienfreundliche Leistungsträger mit hoher natürlicher oder touristischer Standortattraktivität dar. Dazu gehören kleinere Wellnesshotels und Einrichtungen, für die Wellness ein ergänzendes Geschäftsfeld bildet.

Mit den „Kainsmalen“ der Neurodermitis können besonders im Kindesalter auch psychosoziale Beeinträchtigungen einhergehen. Ähnlich wie für die Bedarfsgruppe der Asthmatiker in Kap. 3.4.2 beschrieben, können daher auch spezielle Kinderangebote für Neurodermitiker sinnvolle Heilkureffekte entfalten.

Die folgende Systematisierung liefert einen Überblick über die möglichen therapeutischen Elemente im Rahmen der verschiedenen Angebotsformen.

Tab. 4: Elemente der Neurodermitis-Therapie in verschiedenen Angebotsformen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.3.5 Diabetes Typ I

Fünf bis sieben Millionen Menschen in Deutschland leiden an einer Diabetes[58], welche auch als „Wohlstandskrankheit“ gilt. Dies bezieht sich jedoch auf den sog. Typ II der Erkrankung, der im höheren Alter auftritt und dessen Ursachen in langjährigem Übergewicht und Fehlernährung liegen. Die sog. juvenile Diabetes vom Typ I, die fast ausschließlich Kinder betrifft, weist dieselben Erscheinungs-formen auf, ist jedoch eine Autoimmunerkrankung genetischen Ursprungs.

Die private Initiative und deutschlandweit größte Selbsthilfegruppe Diabetes-Kids startete 2006 eine Umfrage unter betroffenen Kindern, welche u.a. die in Tab. 6 dargestellten Erkenntnisse erbrachte[59].

Tab. 6: Ausgewählte Ergebnisse der Diabetes-Kids -Umfrage 2006

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Mehrheit der befragten Kinder gab an, weder unter Begleiterscheinungen noch Folgeerkrankungen der Diabetes, wie bspw. Nieren- oder Augenproblemen zu leiden. Vor diesem Hintergrund kann sich die notwendige medizinische Kompetenz der Mitarbeiter i.d.R. auf die Kernerkrankung des Typ I konzentrieren.

Etwa die Hälfte der Umfrageteilnehmer befindet sich in Intensivtherapie, d.h. sie spritzen mehr als dreimal täglich Insulin. Bei konventioneller („Normal-“) Therapie sind es ein bis drei Spritzen pro Tag. Die Insulinpumpe, die dauerhaft am Körper getragen wird, ermöglicht eine kontinuierliche Insulinzufuhr, der dazugehörige Katheder muss jedoch alle zwei bis drei Tage gewechselt werden. Die Behandlung basiert auf den Bausteinen Information, Insulintherapie, Ernährung und sportlicher Aktivität. Insulingabe, Ernährung und Bewegung stehen in direktem Verhältnis zueinander und werden vom Arzt für jeden Patienten individuell abgestimmt.

Die Befragung ergab zudem, dass sich die Kinder in den Lebensbereichen „Urlaub“ und „Ernährung“ besonders eingeschränkt fühlen[60]. Die Bewirtung während des Aufenthaltes stellt für die meisten Betriebe eher das geringere praktische Problemen dar. Die Ernährungspläne, die behandelnde Ärzte, Diätassistenten und Eltern zusammen erstellen, ähneln sich für gewöhnlich im Wesentlichen. Solche Pläne sind jedoch nicht in jedem Fall notwendig. Demgegenüber kennt man grundlegende Richtlinien der Diabetikerkost, die für den einzelnen geringfügig abgewandelt werden können[61]. Ungleich größere Aufmerksamkeit muss dagegen den normalen Bewegungsgewohnheiten des Kindes gewidmet werden. Plötzliche zu große Belastungen oder ungewohnte Inaktivität im Urlaub können gefährliche Insulinschwankungen im Blut provozieren. Sind die entsprechenden Informationen vor Reiseantritt eingeholt, können mit aufmerksamer Betreuung und regelmäßigen Messungen des Blutzuckers Komplikationen weitgehend vermieden werden. Das Personal muss aber sowohl eine Kenntnis der Funktionsweise der wichtigsten Mess- und Spritzgeräte besitzen, als auch in der Lage sein, im Notfall Insulinspritzen setzen zu können.

Die Schulung von Eltern und Kindern erfolgt meistens bereits im Krankenhaus oder durch den behandelnden Arzt. Auch sehr junge Patienten sind daher oft schon in der Lage, ihre Insulinversorgung zu kontrollieren. Eine große Zahl touristischer Betriebe stellt sich mittlerweile mit besonderen Menüs auf die Bedarfsgruppe der Diabetiker ein. Welche bedeutsamen Anforderungen sich darüber hinaus an den Familien-individualurlaub stellen, zeigt Tab. 7 auf[62]. Der Aufenthalt sollte so unkompliziert und unbeschwert wie möglich ablaufen, das richtige Maß zwischen notwendiger Vorsicht und Normalität gefunden werden.

Angebote für Familien und Kinder können besonders im Anfangsstadium helfen, die Angst im Umgang mit der Diabetes zu mindern und die unangenehmen Beeinträchtigungen des Messens, Spritzens und kontrollierten Essens zu erleichtern.[63]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 7 : Die Anforderungen an touristische Angebote für Kinder mit Diabetes (Typ I)

[...]


[1] Glatzer in Opaschowski (1993), 257

[2] vgl. Stosberg, 123 f.

[3] vgl. http://www.bundestag.de/parlament/funktion/gesetze/grundgesetz, 10.01.2007

[4] vgl. Stosberg 101

[5] Aulbert, 4, vgl. auch Gallep in Boeser, 133

[6] vgl. Stosberg, 102

[7] siehe Anh. 1, S.XIV

[8] ebd.

[9] Schwarz, 319

[10] vgl. Opaschowski (1999), 34ff.

[11] Bellebaum, 8 (Anm. d. A.)

[12] vgl. Fromm, 161

[13] http://www.opaschowski.de, 10.01.2007

[14] http://www.opaschowski.de, 10.01.2007

[15] http://www.natko.de, 23.01.2007

[16] http://www.aok-bv.de/kontakt/index.html, 10.01.2007

[17] vgl. Aulbert, 4

[18] vgl. Kap. 2.2, S. 4f.

[19] vgl. Antonovsky in Boeser, 212

[20] vgl. Aulbert,183

[21] vgl. Nachsorgeklinik Tannheim gGmbH, 8 (Anm. d. A.)

[22] siehe Anh. 2, S. XVff.

[23] vgl. Petermann u.a., 13f.

[24] vgl. Dettmer u.a., 99

[25] vgl. Dettmer u.a., 103

[26] vgl. http://www.private-ba.de/index.php?id=60130&sub=24,25.01.2007

[27] vgl. Deutsche Kinderkrabsnachsorge, 4

[28] TOKOL e.V.: The Other Kind of Life (Die andere Art des Lebens)

[29] siehe Anh. 3, S. XVIII

[30] vgl. http://www.kinderkrebsstiftung.de/ferienadressen.html, 25.01.2007

[31] Freyer (2001a), 271

[32] vgl. Escales, 8

[33] ebd.

[34] vgl. http://www.deutschertourismusverband.de/index.php?news_id=29%iknm, 01.12.2007

[35] http://www.das-glossar-zur-gesundheitsreform.de/glossar, 27.01.2007

[36] vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Krankheit, 12.01.2007

[37] SGB V, -62 Abs. 1 Satz 1

[38] SGB V, -62 Abs.1 Satz 2

[39] ebd.

[40] BzgA, 8

[41] http://www.destatis.de/daten1/stba/html/basis/d/bevoe/bevoetab5.php, 09.12.2006

[42] vgl. http://www.bmbf.de, 10.10.2006

[43] siehe Anh. 4, S. XIXff.

[44] z.B.: Hennig: Hotelgast Allergiker, Konzeptsammlung für allergikerfreundliche Ausstattung

[45] siehe Tab.1, S.24

[46] http://www.investment.andre-sell.com/hintergrund.htm, 12.02.2007

[47] Hennig, 111

[48] siehe Tab. 2, S.28

[49] Die Milbensanierung und –prophylaxe beinhaltet: Die Reinigung parfümfreien Mitteln und Geräten (z.B.Hydro-Staubsauger oder Pollenfilter),
Vermeidung von Raumfeuchte (Schimmelpilzprophylaxe), regelmäßiger Zimmerluftwechsel ohne Klimaanlage und die Verwendung allergiker-
freundlicher Möbel und Textilien (z.B. mit dem Gütesiegel Hygienisches Hotelbett). Vgl. Hennig, 63ff.

[50] vgl. http://www.daab.de/asthma_kind.php, 22.01.2007

[51] vgl. http://www.asthma.info/article/520428.aspx, tatand, 22.01.2007

[52] Ein Peak-Flow-Meter ist ein einfaches, tragbares Messgerät, mit dem selbstständig die Lungenfunktion bzw. das Atemvolumen gemessen werden kann.

[53] siehe Tab. 3, S.31

[54] vgl. Schadé, 480

[55] vgl. http://www.ak-familienhilfe.de/mutter-kind-kur/neurodermitis.html, 25.02.2007

[56] siehe Tab.5, S.34

[57] In etwa 10 bis 15% der Fälle ist eine spezielle Neurodermitis-Diät erforderlich.

[58] http://www.die-forschenden-pharma-unternehmen.de, 20.01.2007

[59] Auswertung: Vgl. http://www.diabetes-kids.de/files/DiabetesKids_Umfrage2006_Auswertung.pdf, 19.01.2007,
Fragebogen: http://www.diabetes-kids.de/images/umfrage/umfrage.pdf, 19.01.2007

[60] vgl. http://www.diabetes-kids.de/files/DiabetesKids_Umfrage2006_Auswertung.pdf,

[61] siehe Tab. 7, S.37

[62] ebd.

[63] Pro Kind müssen mindestens fünf Blutzuckermessungen täglich und im Durchschnitt drei bis fünf Insulingaben durchgeführt werden.

Details

Seiten
132
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783836640831
Dateigröße
3.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v227503
Institution / Hochschule
Hochschule Zittau/Görlitz; Standort Zittau – Wirtschaftswissenschaften, Tourismuswirtschaft
Note
1,0
Schlagworte
tourismus gesundheit herzerkrankung krebs ferienangebot

Autor

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Titel: Anforderungen an Ferienangebote für chronisch kranke Kinder und Darstellung von Möglichkeiten der Angebotsentwicklung bei geeigneten Leistungsträgern