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Stellenwert der Ethik und ethischen Kompetenzentwicklung in der Pflegeausbildung

Diplomarbeit 2008 90 Seiten

Gesundheit - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung

Kapitel 1 Die Orientierung
1.1 Definitionen und Aussagen
1.1.1 Ethik
1.1.2 Pflegeethik
1.1.3 Ethische Kompetenz
1.2 Wie können Pflegende eine ethische Kompetenz entwickeln?
1.3 Wozu sollte der Ethikunterricht befähigen?
1.4 Wie kann eine ethische Kompetenz geschult werden?
1.5 Das Ausbildungsstufenmodell der ethischen Kompetenzentwicklung
1.6 Zusammenfassung

Kapitel 2 Welchen Stellenwert hat in den Landeslehrplänen die ethische Kompetenzentwicklung?
2.1 Lehrplan Bayern
2.1.1 Kurzportrait
2.1.2 Auflistung der Inhalte mit ethischem Bezug
2.1.3 Persönliche Einschätzung
2.2 Lehrplan Baden-Württemberg
2.2.1 Kurzportrait
2.2.2 Auflistung der Inhalte mit ethischem Bezug
2.2.3 Persönliche Einschätzung Lehrplan Rheinland - Pfalz
2.3.1 Kurzportrait
2.3.2 Auflistung der Inhalte mit ethischem Bezug
2.3.3 Persönliche Einschätzung
2.4 Zusammenfassung

Kapitel 3 Modelle der ethischen Entscheidungsfindung
3.1 Reflexionsmodell von Marianne Rabe
3.2 Organisationsethische Modell der Entscheidungsfindung von Marion Großklaus-Seidel
3.3 Zusammenfassung

Kapitel 4 Persönliche Vorstellungen einer didaktischen Vermittlung des Themas Ethik im Pflegeunterricht
4.1 Stundenanzahl und deren Verteilung auf drei Ausbildungsjahre
4.2 Inhalte und Methoden
4.2.1 Weitere methodische Ideen zur Förderung der ethischen Reflexion
4.3 Probleme und Schwierigkeiten

Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Einleitung

Der Pflegeberuf hat sich in den letzten Jahren gewandelt. Ein neues berufliches Selbstverständnis, begünstigt durch die Akademisierung, sorgt für neue Perspektiven und Blickwinkel im pflegerischen Alltag. Die Pflegenden fordern immer mehr als eigene Profession, mit allen Rechten und Pflichten, wahrgenommen zu werden und nicht als Anhängsel der Medizin. Durch das neue Krankenpflegegesetz welches 2004 in Kraft trat, ist ein weiterer Schritt in diese Richtung erfolgt. Es werden dem Pflegeberuf eigenverantwortliche Handlungsbereiche zugeschrieben in denen er selbstbestimmt entscheiden kann und darf. Diese Möglichkeit, in ganz neuer Form für sein Handeln Verantwortung zu übernehmen, hat für mich der Betrachtung des pflegerischen Handelns aus ethischer Sicht eine neue Dimension verliehen. Dabei soll es nicht um das examinierte Personal gehen, sondern um den Stellenwert der Ethik und ethischen Kompetenzentwicklung in der Pflegeausbildung.

Die vorliegende Arbeit ist in erster Linie eine beschreibende Arbeit, die sich mit den Aussagen ausgewählter Literatur zu dem Bereich der Ethik bzw. Pflegeethik beschäftigt, sowie mit den Fragen der ethischen Kompetenzentwicklung. Weiter findet eine Betrachtung von 3 ausgewählten Landeslehrplänen statt, mit dem Ziel eine Aussage darüber geben zu können, in wie weit Ethik und eine ethische Kompetenzentwicklung in der Ausbildung eine Rolle spielt. Am Ende dieser Arbeit möchte ich meine eigenen Ideen zur Gestaltung des Ethikunterrichtes darstellen. Somit liegt der wesentliche Fokus der Arbeit auf der inhaltlichen Gestaltung der Gesundheits- und Krankenpflegeausbildung.

Kapitel 1 Die Orientierung

In diesem Kapitel geht es um eine Orientierung zu dem Thema der Ethik, Pflegeethik und ethischen Kompetenz. In vielerlei Literatur finden sich Aussagen zu diesen Begriffen. Daher gilt es zunächst einmal zu schauen wie diese Begriffe definiert und beschrieben werden. Wobei hier eine differenziertere Betrachtung des Themas Ethik in der Pflege angestrebt wird. Mit Hilfe der gefundenen Aussagen und Definitionen, soll folgenden Fragen nachgegangen werden:

- Wie können Pflegende eine ethische Kompetenz entwickeln?
- Wozu sollte der Ethikunterricht befähigen?
- Wie kann eine ethische Kompetenz geschult werden?

Dazu werden zu den folgenden Begriffen verschiedene Aussagen und die Definitionen betrachtet.

1. Ethik Moral / Ethos / Gewissen / Verantwortung
2. Pflegeethik Pflegeethos / Prinzipien der Pflegeethik
3. Ethische Kompetenz

Dabei geht es nicht darum, dass die gewählten Definitionen oder Erklärungen die einzig Richtigen sind, sondern vielmehr dienen diese Definitionen als Orientierung, um Antworten auf die oben gestellten Fragen zu finden. Da der Schwerpunkt dieser Diplomarbeit auf dem Stellenwert der Ethik und ethischen Kompetenzentwicklung in der Pflegeausbildung liegt, wurde darauf geachtet, dass die gewählten Definitionen und Erklärungen von Autoren stammen, die sich mit Ethikfragen im Gesundheitswesen bzw. in der Pflege befassen.

1.1 Definitionen und Aussagen

1.1.1 Ethik Moral / Ethos / Gewissen / Verantwortung Ethik

Die Bezeichnung Ethik geht auf den griechischen Philosophen Aristoteles (384-324 v. Chr.) zurück. „Er spricht von ta ethika, der Sittenlehre. Dabei geht es ihm um die Erörterung der Frage, welche Güter erstrebenswert sind, um ein glückseliges Leben zu führen.“ (Dallmann 2001, Seite 6) „Die Ethik hat sich seit dieser Zeit als ein Teil der Philosophie und der Theologie entwickelt und dort eine Vielzahl von Begriffen, Methode, Ansätzen und Theorien hervorgebracht.“ (Steinkamp/Gordijn 2005, Seite. 40).

Definition:

„Ethik ist die selbstreflexive Theorie der Moral, d.h. die Reflexion,

welche das menschliche Handeln anhand der Beurteilungsalternativen

von Gut und Böse bzw. Gut und Schlecht auf seine Sittlichkeit hin überprüft.“ (Körtner 2004, Seite 16)

„Ethik ist … das methodische Nachdenken über die Moral.“

(Steinkamp/Gordijn 2005, Seite. 40)

„Ethik ist die methodische Untersuchung unterschiedlicher moralischer Aussagen oder Systeme mit dem Ziel, sie in Verbindung

mit ihren Grundannahmen systematisch darzustellen.

Ethik ist also die Theorie oder die Philosophie der Moral.“

(Hick 2007, Seite 273)

Moral

„In der Fachsprache der Ethik wird dies auch bezeichnet als die Gesamtheit der geltenden Werte, Normen, und Tugenden. Der Geltungsbereich kann sich dabei auf die Gesellschaft insgesamt, eine Organisation, eine Berufsgruppe oder auch auf ein einzelnes Individuum beziehen.“ (Steinkamp/Gordijn 2005, Seite. 40)

Definition:

„Moral ist die Gesamtheit der Überzeugungen, Argumentationsweisen und Grundhaltungen in Bezug auf das menschliche Handeln, soweit diese als gültig angesehen werden.“ (Steinkamp/Gordijn 2005, Seite. 40)

„Unter Moral versteht man Regeln, Wertmaßstäbe (Normen) und Sinnvorstellungen, die das Handeln eines Einzelnen oder einer Gesellschaft leiten.“ (Hick 2007, Seite 272)

Ethos

Der Begriff des Ethos bezeichnet die Verhaltensnormen der gesamten Gesellschaft oder einer Gruppe, die aufgrund von Tradition akzeptiert und stabilisiert werden (vgl. Körtner, 2004, Seite 17).

Das Ethos einer Kultur oder eines Berufes umfasst also Werte, Normen und Vorschriften, die von Angehörigen einer Gruppe für gültig und für ihre Handlungen maßgeblich gehalten werden.

Definition:

„Unter Ethos versteht man Regeln und Wertvorstellungen, die in einer Gruppe oder einer Gemeinschaft auf der Basis einer kulturellen Überlieferung als gültig und für die Gruppe identitätsstiftend angesehen werden.“

(Hick 2007, Seite 273)

Zusammenfassend könnte man sagen, dass es bei der Ethik um das Hinterfragen und Untersuchen der gewachsenen und akzeptierten Werte und Normen einer menschlichen Gruppierung geht. Diese Werte und Normen stehen für das Verständnis von „Gut und Böse“, sowie „Falsch und Richtig“ und bilden somit in einer menschlichen Gruppierung den Maßstab für moralisches Handeln.

Für den Ethikunterricht hieße das:

- Die Reflexionsfähigkeit zu fördern
- Wissen über die zu hinterfragenden Werte und Normen zu vermitteln
- Aneignen von methodischem und systematischem Möglichkeiten zur Bearbeitung ethischer Fragen

Die folgenden zwei Begriffe (Verantwortung / Gewissen) sind sowohl ein wichtiger Bestandteil der Ethik als auch der Pflegeethik. Im Krankenpflegegesetz von 2004 werden dem Beruf Verantwortungsbereiche zugesprochen. Daher ist es wichtig sich mit den Begriffen Verantwortung und Gewissen kurz auseinander zusetzen.

Verantwortung

„Der innere Zusammenhang von Pflichtenlehre, Tugendlehre und Güterlehre wird in der neueren Ethik auch durch den Begriff der Verantwortung zum Ausdruck gebracht.“ (Körtner (2004), Seite 26)

„Wie für die Medizinethik allgemein ist auch für die Pflegeethik der Begriff der Verantwortung grundlegend. Das Berufsrecht für Pflegeberufe unterscheidet zwischen dem eigenverantwortlichen, dem mitverantwortlichen und dem interdisziplinären Tätigkeitsbereich.“ (Körtner, 2004, Seite. 94)

Auch wenn Körtner hier das Berufsrecht in Österreich beschreibt, trifft diese Aussage auf Deutschland ebenso zu. Die Begriffe der Eigenverantwortung und Mitverantwortung finden sich im Krankenpflegegesetz von 2004 genauso.

Definition:

„Verantwortung lässt sich am besten als >> Antwort auf Ansprüche << des Anderen verstehen. Ein Antworten, das nicht verbal sein muss“ (Hick 2007, Seite 308)

Gewissen

„Jeder Begriff von Moral und von Ethik setzt voraus, dass es moralische bzw. zur Moral fähige Subjekte gibt. Maßstab für die moralische bzw. die ethische Urteilsbildung ist, ob eine bestimmte Handlungsweise die personale Integrität der an ihr beteiligten oder von ihr betroffenen Handlungssubjekte achtet und fördert oder aber missachtet und verletzt.“ (Körtner 2004, Seite. 18)

„Die Instanz, durch die wir unserer personalen Integrität oder auch ihrer Verletzung bewusst werden, nennen wir Gewissen. Moralisch handeln heißt, seinem Gewissen zu folgen, das freilich irren kann, weshalb alle Moral zweideutig bleibt“. (Körtner 2004, Seite. 19)

Definition:

„Das Gewissen ist ein Vermögen, mittels dessen der Mensch in der Lage ist, sein praktisches Wissen, das ihm Orientierung im Handeln gibt, intuitiv, spontan und unter Umständen mit großer Intensität zu erfahren. Das Gewissen zeigt an, ob eine Handlungsweise mit demjenigen übereinstimmt (oder nicht übereinstimmt), was sich als das Wertgerüst und als Lebenskonzept einer Person erwiesen hat bzw. was diese Person als für sich richtig und stimmig ansieht“ (Steinkamp/Gordijn 2005, Seite. 32)

„Als Grundregel moralischen Handelns kann gelten: Habe den Mut, deinem Gewissen zu folgen! Neben dem Gewissen gibt es für unser Handeln Gründe des Verstandes. Darum zugleich die zweite Regel: Habe den Mut, dich deines eigenen(!) Verstandes zu bedienen (Immanuel Kant).“

(Körtner, 2004, Seite 19)

Für den Ethikunterricht hieße das:

- Für seine Entscheidungen die Verantwortung zu übernehmen
- Entscheidungen begründen zu können
- Den Mut haben zu handeln und zu hinterfragen

1.1.2 Pflegeethik Pflegeethos

Pflegeethik

Für Körtner ist die Pflegeethik neben der Medizinethik ein eigenständiger Bereich der Gesundheitsethik und hat die Aufgabe, die besondere Rolle und Verantwortung der Pflegenden zu Reflektieren. Dies schließt für ihn die Frage ein, wie sich die moralische Verantwortung der Pflegenden zu ihren beruflichen und rechtlichen Befugnissen und ihren eigenverantwortlichen Entscheidungskompetenz verhält (vgl. Körtner 2004, Seite 43f).

Definition:

„Pflegeethik reflektiert pflegerisches Handeln und seine Rahmenbedingungen nicht nur auf der individual- und der personalethischen, sondern auch auf der organisatorischen und der sozialethischen Ebene“.

(Arndt 1996: Zitiert nach Körtner, 2004, Seite. 46)

„Nachdenken über verantwortliches Handeln im Rahmen der

Berufsausübung von Pflegenden“. (Arend 1998, Seite. 24: Zitiert nach Großklaus-Seidel 2002, Seite 15)

Pflegeethos (Ethikkodex)

Für die beruflich Pflegenden gibt es zurzeit keinen verbindlichen Berufsethos, wie es bei den Medizinern in Form des „Hippokratischen Eids“ der Fall ist. Dennoch ist das Thema der ethischen Grundhaltung zu den Menschen und zu dem Beruf schon lange in der pflegerischen Diskussion Gegenstand. So wurde schon 1953 vom Weltbund der Krankenschwestern und Krankenpfleger (International Cuncil of Nurses = ICN) erstmals ein internationaler Ethikkodex für Pflegende angenommen (vgl. Körtner 2004, Seite. 140). Dieser Ethikkodex für Pflegende des internationalen Berufsverbandes benennt Wertvorstellungen für vier zentrale ethische Haltungen der professionellen Pflege:

1. Pflegende und ihre Mitmenschen

Haltungen gegenüber den pflegebedürftigen Menschen

2. Pflegende und die Berufsausbildung

Haltungen bezüglich der eigenen Berufsausübung

3. Pflegende und die Profession

Haltungen der Profession bezüglich Pflegemanagement, -forschung und –bildung

4. Pflegende und ihre Kollegen und Kolleginnen

Haltungen in der Zusammenarbeit mit Kollegen aus der Pflege und anderen Professionen und Berufen

(Komplette Ausführung im Anhang)

Dieser Ethikkodex wurde in vielen Ländern Grundlage bei der Benennung eines eigenen Ethikkodexes. In der Berufsordnung vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) wurden im Mai 1992 die vier zentralen ethischen Haltungen des ICN, ohne Ergänzungen, in der Satzung festgeschrieben. Der österreichische Berufsverband hat ebenfalls keine Ergänzungen zum Original vorgenommen. 2003 hat der schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner (SBK) den ursprünglichen Ethikkodex >Ethische Grundsätze für die Pflege< durch den Leitfaden > Ethik in der Pflegepraxis< ersetzt. Der ICN Ethikkodex bildet auch für diesen Leitfaden den Ursprung (vgl. Körtner 2004, Seite. 140). Anhand dieser ethischen Haltungen des Ethikkodexes lassen sich ethische Prinzipien für das pflegerische Handeln ableiten, die den Standard ethischer Verhaltensweisen bestimmen und grundlegend sind. Diese Prinzipien sind keinesfalls nur für die Pflege zu sehen. Vielmehr hat sich die Pflege an den bestehenden Prinzipien der Medizinethik orientiert. Da beide Bereichsethiken ihr Handeln am Menschen ausrichten und eng zusammen arbeiten, ist es verständlich, dass sich beide nach den gleichen Prinzipien orientieren.

Prinzipien der Pflegeethik

Prinzip der Autonomie

Im Grundsatz der Autonomie geht es um freies Bestimmen der persönlichen Ziele und der daraus resultierenden Konsequenzen. Die Autonomie umfasst dabei die persönliche Freiheit, die Selbstbestimmung, das Recht seinem eigenen Handeln den Inhalt zu geben und das Recht seine eigene Meinung zu äußern. Das heißt in der Pflege, den Menschen als Individuum zu respektieren. (vgl. Körtner 2004, Seite 146).

Prinzip Gutes tun / Beneficience

Im Leitfaden des SBK steht, dass dieses Prinzip die Verpflichtung aufweist, dem Anderen das zu gewähren, was ihm nützt und nicht schadet. Es ist verpflichtend, die Interessen des Anderen zu wahren und sein Leben, seine Gesundheit, Sicherheit zu schützen und zu verteidigen (vgl. Körtner, 2004, Seite 148). Für die Pflege bedeutet dies, dass der Mensch ein Recht hat, dass seine Gesundheit zu schützen ist, er die Pflege und Behandlung seinem Zustand entsprechend erhält, seine Symptome ernst genommen werden, sich sicher fühlt in der Umgebung der Pflege und dass seine Entscheidungen respektiert werden.

Prinzip Nicht – Schaden/ Non malefictence

Im Allgemeinen bedeutet Nicht – Schaden, „... , im Einklang mit den neusten Entwicklungen der Forschung und im gesellschaftlichen Bereich mögliche Risiken zu erkennen, zu mindern oder zu vermeiden.“ (Körtner 2004, Seite 149)

Das Prinzip dem Menschen keinen Schaden zuzufügen beinhaltet konkret, dass er möglichst in einer sicheren Umgebung leben kann, die Person an sich nicht verletzt wird, seinem Zustand entsprechende Pflege und Behandlung erhält, frei von jeglichem Zwang ist und damit keinen Schaden erleidet, nicht getötet wird und bei etwaiger Schädigung geschützt ist.

Prinzip Gerechtigkeit

Gerechtigkeit ist einerseits eine subjektive Haltung von Individuen die sich durch Rechte und Pflichten gegenüber Dritten äußert und andererseits stellt es einen objektiven Sinn im Zusammenleben von Menschen in Institutionen dar (vgl. Körtner 2004, Seite 151). Um das Prinzip der Gerechtigkeit zu leben muss die Pflege darauf achten, dass die vorhandenen Ressourcen gerecht verteilt werden, immer in Anbetracht der Bedürfnisse des zu behandelnden Menschen.

Für den Ethikunterricht hieße das:

- Bewusst werden der Aufgaben und ethischen Verantwortung der Pflege als eigenständiger Beruf und in der interdisziplinären Zusammenarbeit
- Sein pflegerisches Handeln an ethischen Prinzipien ausrichten
- Wissen über Ethikkodizien und ethischen Prinzipien vermitteln

1.1.3 Ethische Kompetenz

Was sollen Auszubildende mit Hilfe des Unterrichtes erwerben? Ist die Ethik, in der Ausbildung, als Fach oder Lernfeld zu verstehen welches neben vielen anderen Themen abgehandelt wird oder soll eine ethische Kompetenz entwickelt werden? Bei der Definition der ethischen Kompetenz möchte ich mich Marianne Rabe anschließen.

„Ethische Kompetenz beinhaltet die Fähigkeit zur Reflexion, Formulierung und Begründung der eigenen moralischen Orientierungen,

weiter die Fähigkeit zum Erkennen moralischer Probleme in der eigenen Praxis, Urteilsfähigkeit, Diskursfähigkeit und schließlich

Wachheit und Mut, auch tatsächlich moralisch zu handeln“.

(Rabe 2005, Seite 131)

Für mein Verständnis fasst Rabe in Ihrer Definition der ethischen Kompetenz alle Merkmale der zu Beginn erarbeiteten Begriffe auf und gibt so gleichermaßen Fähigkeiten vor, woran der Ethikunterricht ausgerichtet werden kann. Sicherlich soll der Pflegeunterricht die im §3 des Krankenpflegegesetzes genannten vier Kompetenzen (Fachliche Kompetenz, Soziale Kompetenz, Methoden Kompetenz, Personale Kompetenz) fördern und entwickeln. Doch für den Ethikunterricht hält Rabe den Begriff der ethischen Kompetenz als eine geeignetere Zielorientierung. (vgl. Rabe 2005, Seite 131).

1.2 Wie können Pflegende eine ethische Kompetenz entwickeln?

Bevor ich mit der Ausarbeitung meines Unterrichtes beginne muss ich mir über meinen Anspruch im Klaren sein, auf welche Kompetenzstufe ich mit der Klasse hin arbeiten möchte und in welchem Kontext. Hierbei ist es immer wichtig das Ziel welches erreicht werden soll, vor Augen zu haben. Sicherlich ist so eine Kompetenzentwicklung ein sehr hohes Ziel, was in einer Ausbildungszeit von drei Jahren nur zu einem Teil realisiert werden kann. Aber es könnten in der Ausbildungszeit entscheidende Schritte gemacht werden, die diese Kompetenzentwicklung fördern. Körtner vergleicht die Entwicklung der Ethikkompetenz mit der Entwicklung der Pflegekompetenz nach Benners Stufenmodell der Pflegekompetenz.

Bis eine Pflegekraft vom Neuling bis zum Pflegeexperten gereift ist, durchläuft sie nach Benner fünf Stufen der Kompetenzentwicklung.

Kompetenzstufen der Pflegekompetenz nach Benner

Stufe

Beschreibung

Neuling (Novice)

Benötigt Regeln, die ihn jedoch in konkreten Situationen noch einschränken und ihn noch unflexibel erscheinen lassen. Handlungen wirken stockend und starr, es besteht eine unzureichende Kenntnis über die Dinge, die beobachtet und durchgeführt werden können und müssen.

Fortgeschrittener Anfänger (Advance Beginner)

Hat bereits so viele Situationen bewältigt, dass er sich wiederkehrender bedeutungsvoller situativer Bestandteile bewusst wird, pflegt regel- und modellgesteuert.

Kompetent Pflegende (Competence)

Kompetent Pflegende haben das Gefühl, ihren Aufgaben gewachsen zu sein und mit allen möglichen Anforderungen ihres Berufes fertig zu werden. Demgegenüber sind ihre Handlungen noch nicht so schnell und so flexibel wie bei erfahrenen Pflegenden. Charakteristisch für diese Stufe ist das auf Effizienz angelegte bewusste Planen.

Erfahrende Pflegende (Proficiency)

Pflegende dieser Stufe sind in der Lage, aufgrund ihrer Erfahrungen Situationen spontan als Ganzes wahrzunehmen; Abweichungen vom Normalen und Erwarteten werden unmittelbar erkannt, Entscheidungen fallen leicht.

Pflegeexperte (Expert)

Pflegende auf dieser Stufe sind nicht mehr auf analytische Prinzipien (Regeln, Richtlinien, Maximen) angewiesen, um angemessene Handlung abzuleiten. Im Gegenteil: Mit ihren großen Erfahrungsschatz sind Pflegeexperten in der Lage, jede Situation intuitiv zu erfassen und direkt auf den Kern des Problems vorzustoßen.

(Kirchhof 2007, Seite 100)

Das Stufenmodell ist kontextbezogen zu verstehen, denn eine Pflegekraft die auf ihrer Station als „Erfahrende Pflegende“ einzuordnen wäre, kann sich auf der Nachbarstation auf Grund anderer Stationsabläufe oder eines anderen Fachgebietes als „Neuling“ sehen. Ebenso wird nicht jede Pflegekraft zum Pflegeexperten (vgl. Körtner, 2004 Seite 127).

Körtner sieht in der Entwicklung der pflegeethischen und pflegerischen Kompetenzen einen engen Zusammenhang. „Die Ausbildung einer pflegeethischen Kompetenz kann nur mit dem fortschreitenden Erwerb pflegerischer Kompetenzen Hand in Hand gehen. Entsprechend Benners Stufenmodell vom Anfänger zum Pflegeexperten sollte auch die ethische Kompetenz gefördert werden.“(Körtner, 2004, S. 129) Körtner beschreibt deshalb ein „Stufenmodell der pflegeethischen Kompetenz“ orientiert an Benners Stufenmodell. Interessant finde ich den Aspekt, dass er der Ausbildungszeit die Entwicklung der ersten zwei Stufen zuschreibt.

Stufe 1

Neuling

Pflegende in der Grundausbildung. Sie müssen zunächst lernen, was konkret ein ethisches Problem ist bzw. was in einer konkreten Situation der ethische Aspekt des Problems (im Unterschied zu den pflegetechnischen oder medizinischen Aspekten) ist.

Ziele der Ausbildung:

Vermittlung ethischer Grundbegriffe, Prinzipien und Regeln sowie der unterschiedlichen ethischen Konzeptionen; Einführung in die Grundlagen und Aufgaben der Pflegeethik.

Stufe 2

Fortgeschrittener Anfänger

Pflegende im 2. und 3. Ausbildungsjahr der Grundausbildung, die nicht nur über theoretisches Elementarwissen auf dem Gebiet der Ethik verfügen, sondern auch schon so viele Situationen kennen gelernt und bewältigt haben, dass sie in der Lage sind, die wiederkehrenden bedeutungsvollen situativen Bestandteile einschließlich der ethischen Aspekte zu erkennen und in konkreten Situationen das ethische Problem beschreiben können.

Ziele der Ausbildung:

Einüben ethischer Kompetenzen anhand von Fallbeispielen.

Stufe 3

Ethikkompetente Pflegende

Examinierte Pflegende mit mehrjähriger Berufserfahrung, die ihr ethisches Wissen und ihre situative Urteilsfähigkeit durch Teilnahme an regelmäßigen Rounds schulen, in denen Fallbeispielen aus der eigenen Praxis oder auch Beispiele aus der Literatur durchgespielt werden. Sie sind nicht nur in der Lage, ethische Probleme rückblickend zu analysieren und die Einzelaspekte ethisch zu gewichten sowie Handlungsalternativen ethisch zu begründen, sonder können auch vorausschauend die ethischen Aspekte und die ethischen Konflikte, die sich aus der weiteren Entwicklung eines konkreten Falles ergeben können, in die Planung ihres Handelns einbeziehen.

Ziele der Fortbildung:

Neben regelmäßigen Rounds Teilnahme an Fortbildungsveranstaltungen auf dem Gebiet der Pflegeethik.

Stufe 4

Ethisch erfahrene Pflegende

In der Ethik erfahren Pflegende lassen sich von ethischen Maximen leiten, deren rechter Gebrauch ein tiefer gehendes Verständnis der Gesamtsituation erfordert (vgl. Benner 2000, S.48). Auch verfügen sie über ausreichende Erfahrungen mit Ethikgesprächen und beherrschen die Verfahrensregeln für einen ethischen Diskussionsprozess z.B. im Team oder in einem Ethikkomitee. Sie erkennen aufgrund ihrer Erfahrung, ob ein Einzellfall von der Regel abweicht und können im Sinne der Einzelfallgerechtigkeit (vgl. unten 8.3) auch mit ethischen Grenzfällen kompetent umgehen. Sie haben Erfahrung mit ethischen Dilemmata und den Grenzen glatter ethischer Lösungen, an denen Verantwortungsübernahme nicht frei von moralischer Schuld ist (vgl. dazu unten 8.1).

Ziele der Fortbildung:

Vor allem regelmäßige Rounds, in denen Fallbeispiele aus der eigenen Praxis diskutiert werden, aber auch Teilnahme an Fortbildungsveranstaltungen auf dem Gebiet der Pflegeethik.

Stufe 5

Pflegeethik-Experte

Pflegende, die neben der praktischen Erfahrung über ein vertieftes theoretisches Wissen verfügen. Sie sind in der Lage, ethische Probleme intuitiv zu erfassen und Einzellsituationen ethisch in einem größeren Kontext zu interpretieren. Sie sind auch ausgewiesenermaßen für die Mitarbeit in Ethikkommissionen und Klinischen Ethikkomitees qualifiziert.

Ziele der Fort- und Weiterbildung:

Berufliche Weiterbildung auf dem Gebiet der Pflegeethik in Form von außeruniversitären Lehrgängen, die mit einem Zertifikat abschließen, in Form von Hochschullehrgängen oder in Form einer Schwerpunktbildung im Rahmen eines Studiums der Pflegewissenschaft.

(Körtner 2004, Seite 132ff)

Stellt man nun Körtners Stufenmodell der ethischen Kompetenzentwicklung und Rabes Definition der ethischen Kompetenz miteinander in Verbindung, ergeben sich für die Pflegeausbildung neue didaktische Ansätze, um gezielter auf eine ethische Kompetenzentwicklung hinzuarbeiten. Orientiert an dieser Betrachtung der ethischen Kompetenz und Kompetenzentwicklung sind folgende Fragen zu klären:

- Wozu sollte der Ethikunterricht befähigen?
- Wie kann eine ethische Kompetenz erlangt und geschult werden?

1.3 Wozu sollte der Ethikunterricht befähigen?

Betrachtet man die Definition der ethischen Kompetenz differenzierter, kommt man zu folgenden 6 Punkten zu denen der Ethikunterricht befähigen sollte:

1. zur Reflexion
2. zur Formulierung und Begründung der eigenen moralischen Orientierung
3. zum Erkennen moralischer Probleme in der eigenen Praxis
4. zur Diskursfähigkeit
5. zur Urteilsfähigkeit
6. zur Wachheit und Mut, auch tatsächlich moralisch zu Handeln

1. Fähigkeit zur Reflexion

In den Definitionen der Ethik wird die Reflexion als die bestimmende Fähigkeit benannt. Diese Fähigkeit sollte ein generelles Ziel der Pflegeausbildung sein, denn nicht nur für den Erwerb einer ethischen Kompetenz ist die Reflexionsfähigkeit von Bedeutung, sondern für die Arbeit als professionelle Berufsgruppe und für die Umsetzung des Pflegeprozesses ist diese Fähigkeit ebenso wichtig.

2. Fähigkeit zur Formulierung und Begründung der eigenen moralischen Orientierung

Sich seiner eigenen Wertvorstellung bewusst zu sein und diese auch benennen zu können, ist ein wichtiger Aspekt, wenn es um die Betrachtung ethischer Problemsituationen geht. Denn nur wenn man sich über seine persönliche, moralische Orientierung bewusst ist, kann man an Hand dessen begründen was in der Situation für einen das ethische Problem darstellt.

3. Fähigkeit zum Erkennen moralischer Probleme in der eigenen Praxis

Aufbauend auf den zuvor benannten Fähigkeiten und der parallel erworbenen fachlichen und erfahrenen praktischen Ausbildung, schließt sich die Fähigkeit des „Erkennens moralischer Probleme in der eigenen Praxis“ an. Hier werden die persönlichen, moralischen Wertvorstellungen in Beziehung zu den ethischen Ansprüchen der Berufsgruppe und dem Erlebten in der Praxis gebracht.

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Details

Seiten
90
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783836640336
Dateigröße
485 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v227477
Institution / Hochschule
Hochschule Ludwigshafen am Rhein – Pflege
Note
2,2
Schlagworte
landeslehrpläne marianne rabe ethikunterricht moral ethos

Autor

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Titel: Stellenwert der Ethik und ethischen Kompetenzentwicklung in der Pflegeausbildung