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War Rooms

Medienphilosophische Aspekte

Diplomarbeit 2009 136 Seiten

Philosophie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1 Einleitung
1.1 Ausgangssituation und Forschungsanlass
1.2 Forschungsfrage und Zielsetzung
1.3 Vorgehensweise und Methodik

2 Die historische Entwicklung der Idee des Feldherrn
2.1 Der Typ des genialen Feldherrn
2.1.1 Der Feldherr: Der Herr des Feldes
2.1.2 Die Anwesenheit des Feldherrn
2.1.3 Die Abwesenheit des Feldherrn
2.1.4 Rekrutierung der Massen und ihre Folgen
2.1.5 Kontingenzen des genialen Feldherrn
2.2 Der Typ des technokratischen Feldherrn
2.2.1 Der Generalstab
2.2.2 Der Feldherr: Meister der Methode
2.2.3 Erweiterte Feuerkraft und ihre Folgen
2.2.4 Konzeption und Einsatz von Eisenbahn und Telegrafie
2.2.5 Kontingenzen des technokratischen Feldherrn
2.3 Der Typ des technisch-psychologischen Feldherrn
2.3.1 Der Feldherr: Manager von Front und ‚Heimat‘
2.3.2 Der Feldherr: Taktisch-technischer Experte
2.3.3 Aufkommen der ‚Frontdistanz‘ und ihre Überwindung
2.3.4 Konzeption und Einsatz von Panzer und UKW-Funk
2.3.5 Der motorisierte Herr des Feldes
2.3.6 Kontingenzen des technisch-psychologischen Feldherrn – Der Kampf um Information
2.4 Der Typ des informatisierten Feldherrn
2.4.1 Der Feldherr: Demokratisch gewählter Oberbefehlshaber
2.4.2 Die Informatisierung des Feldherrn
2.4.3 Der digitale Feldherrnhügel
2.4.4 Network Centric Warfare – Das Netzwerk als militärische Organisationsform
2.4.5 Selbstsynchronisation durch ‚Netzkompetenz‘
2.4.6 Entgrenzung des Schlachtfeldes und ihre Konsequenzen
2.4.7 Der Soldat als System(komponente)
2.4.8 Kontingenzen des informatisierten Feldherrn

3 Historische Beispiele für War Rooms
3.1 Der Schlieffenplan
3.1.1 Genese
3.1.2 Theorie
3.1.3 Praxis
3.1.4 Zusammenbruch
3.2 The Cabinet War Rooms
3.2.1 Cabinet Room
3.2.2 Transatlantic Telephone Room
3.2.3 Central Map Room
3.2.4 Personalzimmer
3.2.5 Churchills Zimmer
3.3 The White House Situations Room
3.3.1 Alert Center und Berichterstattung
3.3.2 Communications
3.3.3 Conference Room
3.3.4 Help Desk
3.3.5 Personal

4 Medienphilosophische Aspekte | Kritische Schlussbemerkung

5 Literaturverzeichnis

Beitrag in

Hochschulschrift

Internetdokument

Monographie

Sammelwerk

Spielfilm

Zeitschriftenaufsatz

Zeitungsartikel

6 Abbildungsverzeichnis

Lebenslauf

Kurzfassung

Abstract

Vorwort

Die vorliegende Diplomarbeit stellt Ende bzw. Vollendung eines essentiell bedeutsamen Kapitels meines Lebens dar. Der Antritt dieser mehrjährigen Reise war so offen wie ihr Ausgang. Ich kann mich noch gut erinnern, nur wenige Wochen oder sogar Tage vor Semesterstart, mich erst für das Studium der Philosophie entschieden zu haben. Eine aus dem Herzen heraus getroffene Entscheidung, die ich bis zum heutigen Tage niemals, wirklich niemals, bereut habe. Es war und ist mein Studium.

Neben zahlreichen Orts- bzw. Wohnungswechseln innerhalb Wiens führte mich die Reise überraschenderweise an die Universität Utrecht, um dort ein unvergessliches ERASMUS-Semester zu erleben. Ebenso wie mein Auslandsstudienort, lag auch die Stoßrichtung meiner Diplomarbeit plötzlich vor mir. Gerade die hierfür aufgewandte Schreibphase gestaltete sich als besonders abwechslungsreich. So wurden Teile dieser Arbeit neben dem Hauptschreibort Wien – im Rahmen von Forschungsreisen als auch privaten Besuchen – u.a. in London, Stockholm und Athen verfasst.

Herzlich bedanken möchte ich mich bei meinem Betreuer, Herrn Mag. Dr. Thomas Brandstetter, sowie all den zahlreichen Helfern und Helferinnen, die mir immer wieder auf die Sprünge geholfen haben.

Besonderer Dank gebührt auf jeden Fall meiner Familie, die mich unentwegt in jeglicher Hinsicht unterstützt und gefördert hat.

Es ist als hätte ich mich verirrt und fragte ich jemand nun den Weg nach Hause. Er sagt, er wird mich ihn führen und geht mit mir einen schönen ebenen Weg. Der kommt plötzlich zu einem Ende. Und nun sagt mein Freund: ‚Alles, was Du zu tun hast, ist jetzt noch von hier an den Weg nach Hause zu finden.‘

Ludwig Wittgenstein, Vermischte Bemerkungen (1984, 515)

1 Einleitung

„Gentlemen, you can't fight in here… This is the War Room!”

(President Merkin Muffley in: Kubrick 1964)

1.1 Ausgangssituation und Forschungsanlass

Im Zuge des Seminars Eskalation: Medien und Krieg[1] unter der Leitung von Herrn Mag. Dr. Brandstetter wurde der Schlieffenplan (siehe Kapitel 3.1) auf medientechnische Aspekte hin beleuchtet und als der historisch erste War Room[2] gehandelt. In diesem Zusammenhang wurde zudem auf die im Allgemeinen äußerst karge Quellenlage bezüglich War Rooms verwiesen. Ob sich der genannte Sachverhalt für ein Diplomarbeitsthema eignen sollte, wurde erst im Laufe dieser Arbeit geklärt.

Wie spärlich die Quellen tatsächlich waren bzw. sind, eröffnete sich dem Autor der vorliegenden Arbeit im Rahmen seiner Recherchetätigkeit, welche sich größtenteils als buchstäbliche Spurensuche entpuppte. Nach anfänglich fehlendem Erfolg mit verschiedenen Literaturdatenbanken wurde schließlich eine Forschungsreise nach London zum renommierten Cabinet War Rooms and Churchill Museum angetreten. Die Nachricht über einen museumsinternen ‚Bookstore‘ ließ das Autorenherz umso höher schlagen. Die Freude, endlich den ‚heiligen Gral‘ für War Room-Literatur gefunden zu haben, währte allerdings nicht lange. Vor Ort musste letztlich zur Kenntnis genommen werden, dass der Buchladen des Cabinet War Rooms Museums – neben der Ausstellungsbroschüre (Imperial War Museum Staff, 2005) – bloß ein einziges Buch (Clements 2008) über War Rooms führte: ein Kinderbuch, überwiegend bestehend aus handgezeichneten Bildern und Sprechblasen, wie diese eben auch aus Comics bekannt sind. Der Autor behält sich vor, dieses Werk zu zitieren.

Anstatt sich entmutigen zu lassen, fühlte sich der Autor umso mehr darin bestärkt, augenscheinlich Neuland zu betreten. Und dies erst recht in Anbetracht dessen, dass die heute vorherrschenden geopolitischen Verhältnisse folgenschwere Entscheidungen widerspiegeln, die in War Rooms getroffen wurden. Spielten die Cabinet War Rooms (CWR) (Kapitel 3.2) eine enorm wichtige Rolle für den Ausgang des Zweiten Weltkrieges, so hatte zuvor der Schlieffenplan (Kapitel 3.1) den anfänglichen Verlauf des Ersten Weltkrieges maßgeblich bestimmt. Immerhin bezeichnet Keegan letzteren als „das wichtigste Regierungsdokument, das im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts überhaupt verfasst wurde“. (Keegan 2000, 49)

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts wurde das aus dem militärischen Kontext stammende War Room-Konzept von gänzlich anderen gesellschaftlichen Bereichen übernommen: Sowohl im politischen[3] als auch wirtschaftlichen[4] Kontext finden sich vielerorts entsprechende Anleihen oder sogar vollständige Adoptionen .

Warum also gestaltet sich die Quellenlage über vergangene und gegenwärtige militärische Entscheidungszentren so dermaßen dünn? Die Ursachen hierfür liegen vor allem im hohen Grad an Geheimhaltung, der sich gerade eben auf die erwähnte große Bedeutung zurückführen lässt. Hetzler zeigt dies anhand der im Zweiten Weltkrieg entwickelten British War Rooms:

„Innerhalb kürzester Zeit wurden in Grossbritannien mehrere War Rooms an geheimen Plätzen eingerichtet, aus denen die Verteidigung des britischen Luftraums gesteuert wurde. Diese War Rooms blieben auch nach der Beendigung des Zweiten Weltkrieges aktiv. Ihre Existenz, ihre Orte, die Einrichtung und die Prozesse in diesen War Rooms waren aufgrund der latenten Angriffsgefahr im Kalten Krieg weiterhin streng geheim. Erst nach 1990 haben sich britische Hobby-Archäologen mit diesen Relikten des Kalten Krieges beschäftigt: Sie haben die Standorte der War Rooms ausfindig gemacht und die mittlerweile verfallenen Räume in teils illegalen, teils genehmigten Aktionen besucht und dokumentiert. Fotos aus dem Zweiten Weltkrieg und rudimentäre Schilderungen lassen teilweise Rückschlüsse auf die Einrichtung und Funktionsweise der britischen War Rooms zu.“ (Hetzler 2008, 61f)

Eine genauere Analyse des Aufbaus heutiger War Rooms (siehe Kapitel 3.3) und der darin ablaufenden Prozesse gestaltet sich dementsprechend schwierig. Für das geschichtliche Beispiel des Schlieffenplans ergibt sich erschwerend, dass das Archiv des Generalstabs während des Zweiten Weltkrieges bombardiert und dabei fast alle Originalquellen vernichtet wurden (siehe Otto 1966, 8f). Immerhin wurden die Cabinet War Rooms der Öffentlichkeit frei zugänglich gemacht. Allerdings geschah dies erst im Jahre 1984, 39 Jahre nach deren Betriebseinstellung.

Den Forschungsanlass für diese Arbeit bildet somit die Asymmetrie zwischen historischer Bedeutung und Quellenlage in Bezug auf die Thematik von War Rooms im Allgemeinen. Neben der ausgemachten geschichtlichen Entwicklung dieser, setzt sich die vorliegende Arbeit auch mit deren gegenwärtigen sowie möglichen zukünftigen Gebrauch auseinander.

1.2 Forschungsfrage und Zielsetzung

Aus der Tatsache heraus, dass es zum spezifischen Thema War Rooms nahezu keine literarischen Quellen gibt, sollte das Thema auf die philosophischen Grundaspekte Räumlichkeit, Zeitlichkeit und Medien hin untersucht werden. Hierfür wurde zuerst folgende Forschungsfrage entwickelt: Wie haben sich die den War Room konstituierenden Medien und Konzeptionen von Räumlichkeit sowie Zeitlichkeit im Laufe der Geschichte entwickelt? Allerdings zeigte sich der dabei zustande kommende direkte Blick auf das Thema, ein Blick von außen in den War Room hinein, aufgrund fehlender Literatur als ungeeignet.

Das Kapitel über die historische Entwicklung der Idee des Feldherrn (Kapitel 2), welches in den ersten Konzeptentwürfen noch als hinführendes bestimmt gewesen war, barg einen weit passenderen Zugang in sich. Da es sich beim Feldherrn um die zentrale Person[5] eines War Rooms handelt, richtet sich auch dessen grundsätzlicher Aufbau nach seinen Anforderungen. Durch die Augen des Feldherrn schauend, eröffnete sich ein Blick vom Inneren des War Rooms nach außen. Infolgedessen wurde die Forschungsfrage neu gestellt und lautet nun endgültig: Wie haben sich die den War Room konstituierenden Medien und Konzeptionen von Räumlichkeit sowie Zeitlichkeit anhand von Handlungsoptionen und Wahrnehmungsweisen des Feldherrn im Laufe der Geschichte entwickelt?

Somit versteht sich das Hauptziel dieser Arbeit in einer Aufarbeitung zum einen der Ursprünge und zum anderen der historischen Weiterentwicklungen der Konzeption von War Rooms. Darüber hinaus erfolgt eine kritische Analyse der philosophischen Grundaspekte Medien, Räumlichkeit und Zeitlichkeit in Bezug auf War Rooms.

1.3 Vorgehensweise und Methodik

Der Aufbau der vorliegenden Arbeit setzt sich aus folgenden drei Teilen zusammen: erstens, die Nachzeichnung der historischen Entwicklung der Idee des Feldherrn anhand einer vierteiligen Feldherrntypologie (Kapitel 2). Zweitens, die Anführung von drei bedeutsamen historischen Beispielen für War Rooms, die jeweils einem Feldherrntyp entsprechen (Kapitel 3). Drittens, die Analyse der zuvor herausgearbeiteten Feldherrnstufen hinsichtlich Medialität, Räumlichkeit und Zeitlichkeit (Kapitel 4).

Diese Einleitung (Kapitel 1) lässt durch einen Aufriss der Ausgangssituation und des Forschungsanlasses, zuzüglich einer Darlegung der sich daraus ergebenden Forschungsfragen und des Forschungsziels, einen Grobüberblick über die Diplomarbeit zu.

Wie oben erwähnt, fächert sich der erste Hauptteil (Kapitel 2) in vier Abschnitte auf, die jeweils einem Feldherrntyp gewidmet sind. Dabei orientierte sich die chronologisch aufgebaute Typologisierung an folgenden Leitfragen: Was ist für den jeweiligen Feldherrntyp bestimmend?, Welcher Möglichkeitshorizont eröffnet sich ihm überhaupt? und Wo liegen seine Grenzen bzw. Kontingenzen?

Das erste Kapitel davon (Kapitel 2.1) beschäftigt sich mit dem einzigen Typ, der ohne War Room agiert. Noch nicht getätigte Innovationen sachtechnischer sowie kommunikationstechnischer Art lassen den genialen Feldherrn fast ausschließlich medial unvermittelt auftreten. Aus diesem Grund ist für ihn vor allem seine persönliche Präsenz bestimmend. Zeitlich beginnend mit Alexander dem Großen, treten erst zur Zeit Napoleons Veränderungen auf dieser Stufe auf. In erster Linie läutet die Steigerung von Feuerkraft bzw. Reichweite der Waffen das Auslaufen dieses Feldherrntyps ein.

Bei dem in Kapitel 2.2 vorgestellten technokratischen Feldherrn tritt erstmals die Konzeption eines War Rooms auf. Als historisches Bespiel für diese Figur wird u.a. Moltke der Ältere angeführt, Chef des Großen Generalstabs von 1857 bis 1888. Der technokratische Wesenszug dieses Typs erwächst aus der Vorstellung der vollständigen methodischen Planbarkeit des Krieges. Infolgedessen lassen der Einsatz von Eisenbahn und Telegrafie die Aufmarsch- und Operationsplanungen soweit anschwellen, dass der Feldherr als Einzelperson durch die Schaffung des Generalstabs erweitert wird. Zugleich kommt es auf der Ebene des Schlachtfeldes zu weitreichenden Veränderungen durch gesteigerte Feuerkraft. Trotz oder gerade wegen getätigter Innovationen ist diese Feldherrnstufe stark von Friktionen und Sachzwängen bestimmt, die erst auf der darauf folgenden überwunden werden können.

In Kapitel 2.3 erfolgt die Beschreibung des technisch-psychologischen Feldherrntyps. Der psychologische Wesenszug ist auf die Anforderung zurückzuführen, sowohl Front als auch ‚Heimat‘ durch Propaganda vorwiegend mittels Rundfunk zum Zusammenhalt bzw. Durchhalten zu bewegen. Das geschichtliche Beispiel hierfür bildet Hitler. Zudem macht es die fortgeschrittene Komplexität der Waffentechnik erforderlich, dass der Feldherr sein technisches Wissen an vorderster Linie einbringt. In diesem Zusammenhang wird Ludendorff als historisches Exempel angeführt. Ist es dem Feldherrn bereits durch die Erfindung des Telefons möglich, an Brennpunkten medial vermittelt aufzutreten, so kann dies nun auch in physischer Form durch die Kombination aus UKW-Funk und Panzerfahrzeug geschehen. Beide genannten Anforderungen bzw. Wesenszüge, technisch sowie psychologisch, sind erst mit der Erfindung der Funktechnologie ausreichend zu vollbringen. Ermöglicht diese zwar die Überwindung zahlreicher Kontingenzen vorhergehender Feldherrn, so führt gerade der Funk zu einer neuen, dem Kampf um Information.

Der vierte und zugleich aktuelle Feldherrntyp wird in Kapitel 2.4 dargestellt. Im Unterschied zu sämtlichen vorhergehenden Typen wurde der informatisierte Feldherr gänzlich eigenständig für die vorliegende Arbeit entwickelt. Beginnend mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges bzw. dem ‚Ausbruch‘ des Kalten Krieges ist ihm zugleich die Konzeption des ‚nuklearen Feldherrn‘ untergeordnet. Namensgebend gestaltet sich die begonnene sowie fortschreitende Durchdringung des Feldherrn mit Computertechnologie. Installierung und Ausbau eines digitalen Feldherrnhügels zielen darauf ab, seine Informationsdominanz im andauernden Kampf um Information zu sichern.

Im zweiten Hauptteil (Kapitel 3) wird die angeführte abstrahierte Typologie anhand bedeutender realgeschichtlicher War Rooms veranschaulicht. Da der geniale Feldherr ohne War Room agiert, wird nur bei den drei letztgenannten Feldherrntypen je ein Beispiel dargestellt. Aufgrund der zur Verfügung stehenden Literatur eignete sich eine jeweils unterschiedliche Herangehensweise an die drei historischen Beispiele: Während sich die Analyse des Schlieffenplans an den Kategorien Genese, Theorie und Praxis orientiert, geschieht dies im Fall der Cabinet War Rooms anhand der betriebenen Zimmer. Hingegen wird der White House Situations Room hinsichtlich Funktionen untersucht.

Das erste Beispiel bildet der Schlieffenplan (Kapitel 3.1), bei dem es sich, wie bereits eingangs erwähnt, um den geschichtlich ersten War Room handelt. Die 1905 entstandene Theorieschrift, die in der Anfangsphase des ersten Weltkrieges auch tatsächlich umgesetzt wurde, entspricht dem Niveau des technokratischen Feldherrn.

Als Beispiel für einen War Room auf technisch-psychologischer Feldherrnstufe werden die Cabinet War Rooms (Kapitel 3.2) beschrieben. Diese dienten Churchill während des Zweiten Weltkrieges als geheime Kommandozentrale. Die Räumlichkeiten wurden mittlerweile in ein Museum umgewandelt und sind somit der Öffentlichkeit zugänglich.

Drittes Beispiel bildet der White House Situations Room (Kapitel 3.3). In den Tagen nach dem Schweinebuchtfiasko unter US-Präsident Kennedy eingerichtet, ist er bis zum heutigen Tag in Betrieb. Demgemäß finden sich etliche Parallelen zum aktuellen Feldherrntyp, dem informatisierten.

Der dritte Hauptteil (Kapitel 4) besteht aus einer zusammenfassenden Rekapitulation der zuvor beschriebenen Feldherrntypen, um dann mit einer philosophischen Untersuchung dieser hinsichtlich Medialität, Räumlichkeit und Zeitlichkeit fortzufahren.

In Bezug auf die Methodik der Untersuchung ist zu vermerken, dass es sich bei dieser Diplomarbeit trotz mangelnder literarischer Quellen grundsätzlich um eine Literaturarbeit handelt. Deshalb trägt zur Beantwortung der Forschungsfrage hauptsächlich eine literarische Zugangsweise bei.

Die Literaturanalyse verläuft hinsichtlich Wissenschaftlichkeit nicht immer optimal, da strecken- oder abschnittsweise oftmals nur einzelne Quellen ausfindig gemacht werden konnten. Während sich bei den ersten drei Feldherrntypen ein starker Bezug zu Stefan Kaufmann bemerkbar macht, basiert die Beschreibung der Cabinet War Rooms (Imperial War Museum Staff, 2005) sowie des White House Situations Rooms (Bohn[6] 2004) größtenteils jeweils auf einem Werk.

Die Schilderung der Cabinet War Rooms stützt sich darüber hinaus auf einen vom Autor im Dezember 2008 persönlich absolvierten Besuch des Cabinet War Rooms and Churchill Museums in London.

Der erste Teil, die historische Entwicklung der Idee des Feldherrn, konzentriert sich auf medienwissenschaftliche und technikhistorische Aspekte. Zugleich wird diese Analyse in den spezifischen historischen Kontext der angeführten Feldherren eingebettet, um ein ausführliches Verständnis für die einzelnen Entwicklungsschritte zu ermöglichen. Der zweite Teil zielt darauf ab, diese im Anschluss anhand realgeschichtlicher Beispiele rein deskriptiv zu veranschaulichen. Obwohl der erste Teil bereits theoretischen Charakter besitzt, wird die eigentliche philosophische Abhandlung bzw. kritische Schlussbemerkung im dritten Teil vollzogen.

Bevor nun zum ersten Hauptteil übergegangen wird, werden an dieser Stelle einige im Text immer wiederkehrende Begriffe erläutert. Strategie bezieht sich auf die politisch-militärische Ebene. Sie dient zur Beantwortung folgender Fragen: Wer ist der Feind? Wo und wann soll gegen ihn Krieg geführt werden? Operation umfasst den Verlauf des Aufmarsches gegen einen bestimmten Gegner. Darüber hinaus wird hierbei genau bestimmt, wann und wo genau gegen diesen vorgegangen werden soll. Taktik bezieht sich auf die unmittelbare Gefechtsebene. Logistik behandelt die Steuerung und Bereitstellung von Ressourcen personeller, materieller sowie monetärer Art.

2 Die historische Entwicklung der Idee des Feldherrn

2.1 Der Typ des genialen Feldherrn

„Befehlen heißt zu den Augen sprechen“.

(Napoleon zit. n. Virilio 1993, 30)

Stellvertretend für alle geschichtlich vorhergehenden Feldherren dieses Typs seit Alexander dem Großen wird im Folgenden auf Napoleon[7] und Wellington[8] eingegangen werden. Es wird argumentiert, dass mangels sach- und kommunikationstechnischer Innovationen bis zur Zeit dieser beiden Feldherrn keine wesentlichen Änderungen des Typs des genialen Feldherrn aufgetreten waren. Keegan hält diesbezüglich im Zuge seines Vergleichs von Wellington mit Alexander dem Großen Folgendes fest:

„Vielfach aus den gleichen Gründen wie Alexander musste Wellington das Kommando wohl oder übel aus der Nähe des Geschehens führen: Nur wenn er sich unweit des Schlachtgetümmels aufhielt, konnte er die Ereignisse beobachten und rechtzeitig auf sie reagieren, denn seine Kommunikationsmittel auf dem Schlachtfeld - berittene Boten und Trompetenstöße - waren nicht effektiver als die 2000 Jahre zuvor verwendeten. Natürlich entsandte Wellington hin und wieder schriftliche Befehle, worauf Alexander wahrscheinlich verzichtete, und seine Befehlskette könnte dichter gewesen sein, aber auch das steht nicht unbedingt fest.“ (Keegan 2000, 168)

Die Schlacht von Waterloo, in der Napoleon und Wellington aufeinandertrafen, bietet eine außergewöhnliche Konstellation, beide Feldherren gegenüberzustellen. Einerseits hätte es sich bei Wellington um einen Vertreter der bis dahin vorherrschenden Ordnung der Kriegsführung gehandelt, welche noch ausschließlich auf persönlicher Präsenz bzw. auf Face-to-face-Kommunikation basierte. Andererseits wären bei Napoleon zum ersten Mal Elemente jenseits dieser alten Ordnung anzutreffen (vgl. Kaufmann 1996, 26). Durch die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht und den Gebrauch optischer Telegrafie befähigt, war es Napoleon, der erstmals in der Geschichte ein Heer auf nationalstaatlichem Niveau mobilisierte.

In weiterer Folge offenbarten diese Neuerungen zugleich die Grenzen bzw. Kontingenzen eines genialen Feldherrn, in dessen Tradition sich Napoleon auch weiterhin bewegte. Als Einzelperson hätten seine Kapazitäten nicht mehr ausgereicht, um die neu geschaffene, räumliche Expansion sowie die damit verbundene erhöhte eigene und gegnerische Dynamik zu bewältigen. Weder optische Telegrafie noch postalisches Nachrichtensystem hätten es Napoleon ermöglicht, seine eigene Abwesenheit auf operativer Ebene aufzuwiegen (vgl. Kaufmann 1996, 26).

Methodisch seien sich Wellington und Napoleon ähnlicher gewesen als sie zugegeben hätten: Beide hätten Pläne gemacht, wenn auch Wellington behutsamer und mit weniger Unterstützung vorgehend (vgl. Keegan 2000, 194). Trotz der fortgeschrittenen Kriegsführung Napoleons verband beide, als Vertreter des Typs des genialen Feldherrn, vor allem die zentrale Rolle „als stets präsenter, genialischer Planer und Lenker der Schlacht wie des gesamten Feldzugs zu agieren“ (Kaufmann 1996, 26), um schließlich und endlich zum tatsächlichen Herrn des Feldes aufzusteigen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Wellington; 1814

2.1.1 Der Feldherr: Der Herr des Feldes

Bis einschließlich Napoleons Zeit hätten sowohl die Größe einer koordiniert operierenden Armee als auch die Ausdehnung eines Schlachtfeldes gemein gehabt, dass beide durch die Reichweite der Waffen, der Kommunikationsmittel und der Infrastruktur eingeschränkt gewesen waren (vgl. Kaufmann 1996, 32f). Der Feldherr war somit im Stande, die eigenen sowie gegnerischen Kampfverbände mittels bloßen Auges oder zumindest mit einem Fernglas im Überblick zu behalten. Zusätzlich wurde angestrebt, dass vom Beobachtungsort aus zugleich die Leitung der Schlacht möglich war. In Verbindung mit dem Auftreten und den Eigenschaften eines genialen Feldherrn kann anhand dieser Positionierung, welche durch Überblick und befehlstechnische Überlegungen bestimmt war, von einem tatsächlichen Herrn des Feldes gesprochen werden.

Laut Decker steht die Wahl des Standortes prinzipiell in der Spannung zwischen der Wahrung des Überblicks einerseits und dem Blick aufs Detail andererseits. Im damaligen militärtheoretischen Diskurs wäre deshalb auch die Frage erörtert worden, ob eine Trennung zwischen der Gesamtleitung und Eingriffen auf taktischer Ebene eingeführt werden soll (vgl. Decker zit. n. Kaufmann 1996, 32).

Napoleon und Wellington liefern zwei völlig unterschiedliche Antworten auf die genannte Frage.[9] Ersterer wurde ausschließlich auf strategischer Ebene tätig, welche lediglich das Führen der Armee in die Schlacht und die Anordnung der Reserven umfasste. Für die taktische Durchführung wurde Marschall Ney von ihm beauftragt. Wellington hingegen trat als Befehlshaber der gesamten Armee und zugleich als Kommandeur einer untergeordneten Einheit auf. Beiden Weisen der Schlachtleitung kam zuteil, dass die Präsenz des Feldherrn, bestehend aus ‚Wahrnehmen‘ und nicht zuletzt aus ‚Selbst-Wahrgenommen-Werden‘, unabdingbar war.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Napoleon bei der Überquerung der Alpen; 1800

2.1.2 Die Anwesenheit des Feldherrn

Von noch größerer Bedeutung als die Einflussnahme auf die Schlacht mittels Befehlen war die moralische Wirkung des Feldherrn sowohl auf die eigenen als auch gegnerischen Truppen. Keineswegs war die Rolle des genialen Feldherrn auf die bloße Präsenz auf dem Schlachtfeld beschränkt, sondern kam erst durch seine eigentümliche Exposition zu voller Geltung.

Die Truppen hätten Napoleon sowie Wellington charakteristische Attribute und einen jeweils unverwechselbaren Habitus nachgesagt. Der eine hätte als Kriegsgenie gegolten, welchem der Kaisertitel zusätzlichen Zauber verlieh, und der andere wäre für all die Merkmale gestanden, die auch der englischen Armee eigen waren: Ruhe und Besonnenheit, Standhaftigkeit und Durchhaltevermögen (vgl. Delbrück zit. n. Kaufmann 34).

Die Bedeutsamkeit des Habitus und der Charakteristika eines Feldherrn fanden auch in kriegstheoretische Betrachtungen jener Zeit Eingang. Carl von Clausewitz widmet sich diesem Thema u.a. durch das Ausfindigmachen von zentralen und bedeutungsvollen Charakteristika, die einem ‚kriegerischen Genius‘ eigen sein müssen. Die erste von diesen und zugleich die Grundlage für alle weiteren Eigenschaften seien außergewöhnliche „Verstandeskräfte“. Die „reine Geistestätigkeit“ stellt für Clausewitz „die vielleicht stärkste“ Eigenschaft des Feldherrn dar. Sie sei erforderlich, um auf topografische Faktoren – unweigerlicher Teil jeder Schlacht – einzugehen und diese in die Schlachtplanung miteinzubeziehen (vgl. Clausewitz 1952, 129ff). Für den Feldherrn war folglich eine gut entwickelte räumliche Vorstellungskraft essentiell, welche die optische Wahrnehmung durch Verstandestätigkeit vervollständigte. Clausewitz fasst dies mit folgenden Worten zusammen:

„Ortssinn […], das ist das Vermögen, sich von jeder Gegend schnell die richtige geometrische Vorstellung zu machen und als Folge davon sich in ihr jedesmal zurechtzufinden. Offenbar ist dies ein Akt der Phantasie. Zwar geschieht das Auffassen dabei teils durch das körperliche Auge, teils durch den Verstand, der mit seinen aus Wissenschaft und Erfahrung geschöpften Einsichten das Fehlende ergänzt und aus den Bruchstücken des körperlichen Blicks ein Ganzes macht; aber daß dieses Ganze nun lebhaft vor die Seele trete, ein Bild, eine innerliche Karte werde, daß dies Bild bleibend sei, die einzelnen Züge nicht immer wieder auseinanderfallen, das vermag nur die Geisteskraft bewirken, die wir Phantasie nennen.“ (Clausewitz, 144, 145f)

In weiterer Folge werden die topografischen Fähigkeiten des Feldherrn von Clausewitz in eine strategische und eine taktische Ebene unterteilt. „Der Feldherr, so läßt sich übersetzen, soll eine doppelte Raumauffassung besitzen: Der Raum soll ihm sowohl als Plangröße in seiner Distanz wie auch als topographische Beschaffenheit einer spezifischen Fläche präsent sein“. (Kaufmann 1996, 35) Für die Wahl eines Schlachtfeldes bedeutete dies, dass wiederum einerseits Überblick und Blick aufs Detail sowie befehlstechnische Überlegungen andererseits von entscheidender Bedeutung waren. Entsprachen einer oder mehrere der genannten Faktoren nur ungenügend diesen Anforderungen, dann wurde, falls dies möglich war, eine Schlacht vermieden.

Zusätzlich zur topografischen Fähigkeit nennt Clausewitz, erstens, augenblickliches Erfassen und, zweitens, Treffen spontaner Entscheidungen als bedeutungsvolle Eigenschaften. Weitere ließen sich vor allem aus den beiden kriegsinhärenten Momenten Gefahr und physischer Belastung ableiten. Erstes Moment erfordere Mut – die nach dem Ortssinn zweite zentrale Eigenschaft des Feldherrn (vgl. Clausewitz 1952, 137). Mit Mut war zum einen gemeint, sich selbst in Gefahr zu bringen, und zum anderen, Verantwortung zu tragen. Beide Ausformungen sollten beim Feldherrn am Höchsten ausgeprägt sein, um nicht zuletzt eine inspirierende Wirkung auf die Truppen zu bewirken.[10] Kaufmann rekapituliert Clausewitz‘ Ausführungen wie folgt:

„Optische Präsenz korrespondierte mit der Notwendigkeit, ein Vorbild abzugeben – ein Vorbild, das nach Clausewitz in einer Art telepathischer Willensübertragung Mut einflößt und auf diese Weise zur Energiequelle des Kampfgeschehens wird. Die Leitfigur des genialen Feldherrn war von einer Ordnung des Sichtbaren bestimmt und hatte zugleich eine derartige Ordnung herzustellen.“ (Kaufmann 1996, 37)

Anders als Napoleon, welcher sich prinzipiell nicht an taktischen Gefechten beteiligte, scheute Wellington nicht davor zurück, sich persönlichem Risiko auszusetzen: „Die Wucht des französischen Angriffs trieb ihn stets dorthin, wo die größte Gefahr drohte - also auch der Kugelhagel am dichtesten war.“ (Keegan 2000, 145) Um seine optische Präsenz auch im Schlachtgetümmel soweit wie möglich aufrechtzuerhalten, griff ein Feldherr oftmals auf eigentümliche, optische Merkmale zurück. Ein britischer Offizier gibt folgende Beschreibung von Wellington ab:

„Wir kennen Lord Wellington aus großer Entfernung an seinem kleinen, flachen Dreispitz, den er genau im rechten Winkel zu seinem Körper trägt; er sitzt aufrecht in seinem Husarensattel, der nur von einer schlichten blauen Schabracke bedeckt ist ... Im letzten Jahr hat er sich angewöhnt, ein weißes anstelle unseres vorschriftsmäßigen schwarzen Halstuchs und bei schlechtem Wetter den gleichfarbigen Umhang eines gemeinen französischen Dragoners zu tragen.“ (brit. Offizier zit. n. Keegan 2000, 206f)

Für den Feldherrn in seiner Rolle als ‚Herr des Feldes‘ spielte das ‚Sehen‘ den unerlässlichen Faktor, um bestmöglich Befehle erteilen zu können. In seiner Rolle als Vorbild mit moralischer Wirkung kam das ‚Gesehenwerden‘ als unerlässliche Komponente hinzu.

2.1.3 Die Abwesenheit des Feldherrn

Nur auf taktischer Ebene, im unmittelbaren Kampfgeschehen, konnte der Feldherr Entscheidungen auf selbst gemachten Feststellungen treffen und diese sodann auch persönlich an seine Untergebenen übermitteln. Hingegen war dies aufgrund der vorherrschenden räumlichen Distanzen für die strategisch-operative Entscheidungsfindung keineswegs möglich. Es musste somit einerseits auf externe Quellen zur Informationsgewinnung und andererseits auf die hierarchische Ordnung des Militärs zur Befehlsweitergabe zurückgegriffen werden. Postalischer Nachrichtenverkehr[11] und optische Telegrafie[12] waren nicht bloß Mittel, deren sich der Feldherr bediente, um seine eigene Abwesenheit zu kompensieren – sie wären geradezu auf ihn zugeschnitten bzw. konzentriert gewesen (vgl. Kaufmann 1996, 48f). In Napoleons Fall hätte er selbst zugleich auch als Zentralstelle fungiert, von der aus auch das gesamte Kommunikationssystem seine Impulse empfing (vgl. Kaufmann 1996, 54).

Auf strategischer Ebene, welche sich mit Planung, Vorbereitung und Mobilmachung der Truppen beschäftigte, war hierfür 1801 mit der Verstaatlichung des französischen Postsystems der Grundstein gelegt worden. Fortan konnte der Um- und Ausbau des Systems bzw. nicht zuletzt der Telegrafenlinien nach den Vorstellungen Napoleons für militärische Zwecke[13] geschehen. Intensivierung, Beschleunigung, Sicherheit und Flexibilisierung der Postbeförderung wären dabei stets angestrebt worden (vgl. Kaufmann 1996, 50).

Während auf strategischer Ebene der Informationsverkehr mittels optischer Telegrafie abgewickelt wurde, geschah dies für das operative Nachrichtensystem ausschließlich in Form berittener Boten. Diese waren von enormer Bedeutung, da zunächst für den Erfolg des Systems – neben der Unmissverständlichkeit der Befehle und Meldungen – die Zahl der Boten und die Qualität der Reiter ausschlaggebend war.

„Napoleon hatte einen festen Stamm von Boten um sich. Er verfügte über zwölf Adjutanten, die für Sonderaufgaben und Nachrichtenübermittlung vorgesehen waren, sowie zwölf Ordonanzoffiziere, die ausschließlich zur Nachrichtenübermittlung eingesetzt wurden. […] Ihre Befehle erhielten die Adjutanten und Ordonnanzen stets von Napoleon selbst; in der Armee wurden sie als seine persönlichen Vollzugsorgane betrachtet.“ (Kaufmann 1996, 56f)

Bis zu jener Zeit erlaubte die Größe des Schlachtfeldes kurze Befehlsketten, die im optimalen Fall aus ‚Feldherr‘, ‚Bote‘ und ‚ausführender Befehlshaber‘ bestanden. Gleichzeitig war diesem Aufbau implizit, dass sämtliche entscheidende Befehle und Meldungen von der Einzelperson des Feldherrn ausgehen bzw. bei ihr eingehen sollten.

2.1.4 Rekrutierung der Massen und ihre Folgen

Der bis zu dieser Zeit angestrebte Soldat entsprach dem gedrillten Soldatentyp, welcher sich in erster Linie durch mechanisch funktionierende Befehlsausführung und starre Formationsbildung auszeichnete. Als Mittel zur Konditionierung dienten äußere Zwänge bzw. Strafen, die meist körperlicher Natur waren.

Der Tatsache, dass die Führer der französischen Revolution über kein reguläres Heer verfügten, wurde mit einer Expansion des Operationsraumes, der Einberufung sämtlicher 18- bis 25-jährigen Männer, begegnet. Diese Mobilmachung auf gesamtnationaler Ebene war erst durch den Einsatz optischer Telegrafie möglich geworden, welche eine zentralisierte Steuerung aus Paris erlaubte. Zwar lieferte die so rekrutierte Masse dem französischen Staat ausreichend Soldaten, jedoch waren weder die Ausbildungsmöglichkeiten noch die Zeit gegeben, um die damals übliche Wehrtüchtigkeit zu bewerkstelligen. Im Gegensatz zum gedrillten Soldaten wurde beim neu aufgekommenen Soldatentyp, dem Tirailleur[14], gänzlich von den früheren Methoden abgelassen. Ziel wäre es gewesen, nicht mehr durch Strafen, sondern durch die Emotionalisierung des Soldaten eine noch tiefer sitzende Disziplin herzustellen (vgl. Kaufmann 1996, 45). Dies geschah in Hinsicht auf die Begeisterung für die französische Revolution, was in weiterer Folge die Form von Patriotismus und letztlich Opferbereitschaft für die Nation annahm. Deshalb wären, laut Keegan, französische Soldaten viel stimmkräftiger als britische gewesen. Erstere hätten während einer Schlacht alte revolutionäre Parolen gebrüllt oder dem Kaiser die Treue gelobt (vgl. Keegan 2000, 225f).

Der Tirailleur eignete sich einerseits mangels Drill nicht für die bisher üblichen streng geordneten Schlachtformationen, andererseits wäre es ihm jedoch erlaubt gewesen, sich dank seiner verinnerlichten Disziplin in ‚lockeren Rudeln’, ‚Schwärmen‘ oder ‚Ketten‘ zu bewegen. Neu wäre an dieser ‚zerstreuten Ordnung‘ zum einen der Verzicht auf sichtbare Überwachung des Soldaten gewesen, welche zugleich wiederum eine Expansion des Operationsraumes zur Folge gehabt hätte, und zum anderen auch die so fortan ermöglichte erhöhte Geschwindigkeit (vgl. Kaufmann 1996, 45, 65).

2.1.5 Kontingenzen des genialen Feldherrn

Zwar stand Napoleon noch in der Tradition des Feldherrn als Genie, allerdings markierte seine Ära zugleich den Wandel, der sich in der Kriegsführung anbahnte bzw. bereits vollzogen hatte.

„Das Genie, das von den strategisch-logistischen Planungen bis zu den taktischen Ausführungen alles prägen und daher alles unter Kontrolle haben soll, soll als Leitungsinstanz zugleich noch selbst Krieger sein.“ (Kaufmann 1996, 67) Auch Wellington, der meist unter dem Mangel an Ausbildung und Erfahrung seiner Untergebenen litt, nahm sich der Truppenbewegungen, des Nachrichtendienstes und der Operationen persönlich an. Vor allem auf taktischer Ebene hing viel von seinen persönlichen geistigen Fähigkeiten ab: „Er ging davon aus, vorausberechnen zu können, wann und wo sich die Gefahr zuspitzte, damit er zur Stelle sein konnte. Gewöhnlich erwiesen sich seine Berechnungen als korrekt. Nur wenige Male [...] wurde er überrascht.“ (Keegan 2000, 226) Wellington wie auch Napoleon, hätten ungewöhnliche, mathematische Begabung gehabt, die auf große analytische Fähigkeiten schließen ließen (vgl. Keegan 2000, 180). Dennoch unterliefen auch solchen Genies – Napoleon wurde zudem nachgesagt, sieben Briefe gleichzeitig diktieren zu können – Fehler auf strategischer Ebene bezüglich logistischer Berechnungen. Lettow-Vorbeck leitet aus Fehlkalkulationen Napoleons[15] folgenden Vorschlag ab:

„Es zeigt sich hier von neuem, daß der einzelne, auch wenn seine Begabung noch so umfassend ist, nicht alles alleine machen kann. Eine gewissenhafte, ins einzelne gehende Bureauarbeit von technisch für einen Dienst vorgebildeten Offizieren ist nicht zu entbehren. Die Masse muß gesichtet, in handlich, leicht benutzbare Form gebracht und dem Feldherrn zur Verfügung gestellt werden. Solche Vorarbeiten haben dem Kaiser offenbar gefehlt.“ (Lettow-Vorbeck zit. n. Kaufmann 1996, 62f)

Gleichwohl bildete der strategische Raum auch bei noch so gewissenhaft durchgeführter Vorarbeit immer schon eine mögliche Fehlerquelle für den Feldherrn, die nie gänzlich ausgeschaltet werden konnte. Diese erlitt nunmehr zusätzlich eine empfindliche, räumliche Vergrößerung durch die Aushebung der Masse an Soldaten. Wie bereits weiter oben erwähnt erforderte diese eine erste Expansion der Operationsräume.

Auf taktischer Ebene hatte die erhöhte Geschwindigkeit, mit der sich der Tirailleur durch das Verschwinden aus sichtbaren Zusammenhängen bewegte, eine weitere räumliche Expansion, der des Schlachtfeldes, zur Folge.

Für den Feldherrn gestaltete sich das Wahren des Überblicks über das Geschehen sowohl auf strategischer als auch taktischer Ebene somit zunehmend schwieriger bis unmöglich. Der fehlenden Einsicht in das Geschehen konnte nur versucht werden durch erhöhten Nachrichtenverkehr beizukommen. Freilich waren Nachrichten über die Bewegungen und Absichten des Gegners nicht erst seit Napoleons Zeit mit Unsicherheit bzw. Unzuverlässigkeit behaftet gewesen. Neu waren die erhöhte Dynamik sowohl des Gegners als auch der eigenen Truppen, alt hingegen die Nachrichtentechniken, welche allesamt noch aus dem 18. Jahrhundert stammten.

Vor allem im strategisch-operativen Raum, d.h. genau dort, wo der Feldherr zum einen nicht unmittelbar wahrnehmen konnte und zum anderen nicht persönlich wahrgenommen wurde, war es ihm trotz Post, optischer Telegrafie, berittener Boten und Ordonnanzen unmöglich, seine Abwesenheit ausreichend zu kompensieren.

2.2 Der Typ des technokratischen Feldherrn

„Dort auf einem bequemen Stuhle vor einem breiten Tisch hat der moderne Alexander auf einer Karte das gesamte Schlachtfeld vor sich, von dort telephoniert er zündende Worte, und dort empfängt er die Meldungen der Armee- und Korpsführer, der Fesselballon und der lenkbaren Luftschiffe […]“

(Schlieffen 1913, Bd. 1, 15f)

Nachdem über 50 Jahre seit Napoleons Niederlage bei Waterloo vergangen waren, trat im Zuge des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71 mit Moltke dem Älteren[16] erstmals ein neuer Feldherrntyp, der technokratische, in Erscheinung. Die Erfindung der Eisenbahn und der elektrischen Telegrafie, welche in der Zwischenzeit getätigt worden waren, machten diesen neuen Feldherrntyp nicht nur möglich, sondern zugleich auch unerlässlich, um die veränderten Anforderungen der Kriegsführung soweit wie möglich bewältigen zu können. Beide genannten Erfindungen bewirkten bezüglich militärischer Operationen sowohl eine Beschleunigung als auch eine räumliche Ausdehnung. Auf taktischer Ebene führte die fortschreitende Steigerung der Reichweite vieler Waffen[17] zu einer Vergrößerung des Schlachtfeldes bezüglich Tiefe sowie Breite. Fortan waren weder die auf taktischer noch auf operativer Ebene nun vorherrschenden Maßstäbe der Operationen bezüglich räumlicher Ausdehnung und Geschwindigkeit für die Einzelperson des genialen Feldherrn ausreichend bewältigbar.

Der von Generalfeldmarschall Alfred Graf von Schlieffen[18] ausgearbeitete Plan, welcher die Grundlage für das militärische Vorgehen der Deutschen zu Beginn des Ersten Weltkrieges bildete, markierte nicht bloß eine Steigerung, sondern die kompromisslose Ausformung des in diesem Kapitel angeführten Feldherrntyps. Da es sich beim sogenannten Schlieffenplan zugleich um die geschichtlich erste Konzeption eines War Rooms handelt, wird diesem im Rahmen der vorliegenden Arbeit ein eigenes Kapitel gewidmet werden (siehe Kapitel 3.1). In weiterer Folge werden jedoch einzelne Elemente und vor allem die Person des Generalstabschefs Moltke der Jüngere[19], unter dessen Führung die praktische Umsetzung des Plans vonstatten ging, zur Veranschaulichung des technokratischen Feldherrn herangezogen werden.

2.2.1 Der Generalstab

Die preußische Armee war es, die erstmals in der Geschichte die Einzelperson des genialen Feldherrn durch „das Zusammenspiel kriegswissenschaftlich ausgebildeter Experten“ (Kaufmann 1996, 89) ersetzte. Der bereits 1803 entstandene preußische Generalstab vereinigte die Denkweisen ‚Verwaltungstechnik‘, ‚technische Kompetenz‘ und ‚wissenschaftliche Bildung‘ in einer Organisation. Kaufmann hält hierzu fest:

„Verwaltungstechniken hatten sich als Antwort auf logistische Problemlagen etabliert, technische Kompetenz hatte sich mit zunehmender Bedeutung der Artillerie sowie Integration des Transport- und Bauwesens gebildet, während wissenschaftliche Bildung mit medientechnischen Praktiken der Darstellung des Raums, der Speicherung militärischer Geschichte und der Formalisierung und Technisierung innermilitärischer Kommunikation korrelierte.“ (Kaufmann 1996, 89)

Die zentrale Bedeutung der Eisenbahn für die Mobilmachung und den Aufmarsch hatte zur Folge, dass auch immer mehr technische Spezialisten in die dafür eigens geschaffenen Abteilungen des Stabs Einzug hielten. Diese Entwicklung bzw. Einteilung in Sektionen mit zweckbestimmten Fachkräften war u.a. dafür verantwortlich, dass sich mit zunehmender Bedeutung des Generalstabs eine zweite Hierarchie bezüglich Kriegsführung etablierte. Zwar wären die bestehenden linearen hierarchischen Strukturen nicht aufgelöst worden, jedoch hätte sich die neue Einteilung, geordnet nach Funktion, als die primäre durchgesetzt (vgl. Kaufmann 1996, 89f).[20]

Die vom Generalstab durchgeführten Berechnungen, die vor allem für Mobilmachung und Aufmarsch nötig waren, hatten eine beträchtliche Zahl an eintreffenden Nachrichten einerseits und ausgehenden Befehlen andererseits zur Folge. Darüberhinaus wurden Pläne für mögliche Kriege – entsprechend der politischen Lage – erarbeitet, Verwaltungs- und Nachschubfragen erörtert, die Kriegsgeschichte erforscht, das Landkartenwerk vervollständigt und es wurde sichergestellt, dass der Ausbau des Straßennetzes auch nach militärischen Gesichtspunkten erfolgt. Allen Tätigkeitsfeldern des Generalstabs wäre bereits zu Friedenszeiten gemein gewesen, dass ein beachtlicher Teil der Arbeit aus Bürotätigkeit bestand (vgl. Kaufmann 1996, 90).

Bis zur Divisionsebene hinab dienten die vom Chef des Generalstabs ausgebildeten Generalstabs- bzw. Verbindungsoffiziere dazu, abgesehen von ihrer Beratungsfunktion in technischen Belangen, die tatsächliche Umsetzung der Vorgaben seitens des Generalstabs sicherzustellen. Falls keine Einigung über eine operative Entscheidung erzielt werden konnte, lag die letztendliche Entscheidungskompetenz jedoch weiterhin beim jeweiligen Kommandeur.

Die Selektion der Stabsmitglieder geschah fortan, anders wie bisher für militärische Eliten üblich, nicht nach sozialer Herkunft, sondern anhand von Leistungskriterien. Die im Anschluss an die Kriegsakademie folgende Ausbildung der erfolgreichsten Absolventen bestand in einem breitgefächerten Curriculum: Truppenführung und Generalstabsarbeit waren ebenso Teil des Unterrichts wie Planspiele und ein ausgiebiges Studium der Kriegsgeschichte. Von dieser Allgemein bildung lässt sich auch der Name General stab ableiten.

Den hinter dieser Ausbildung steckenden pädagogischen Ansatz analysiert Albrecht wie folgt: „Die preußische Methode bedeutet einerseits Disziplinierung, andererseits Freisetzung individueller und kollektiver Macht.“ (Albrecht 2001, S. 370) Wie bereits erwähnt, entsprach der Große Generalstab einer Stab-Linien-Organisation, in der teils befehlsgebunden, teils weisungsbefugt verfahren wurde. „Als zentrales Moment dieser Ausbildung galt es, eine konforme Kampfdoktrin und kongruente operative Auffassung zu erzeugen: Da Befehlstechniken nicht immer hinreichten, sollten vorherige Schulungstechniken ein übereinstimmendes Agieren ermöglichen.“ (Kaufmann 1996, 91)

2.2.2 Der Feldherr: Meister der Methode

Die unter Moltke d. Ä. durchgeführten Umgestaltungen des Generalstabs zeigten sich vor allem in Form massiver Kompetenzausweitung. Man sprach fortan vom Großen Generalstab, welchem ab 1866 die alleinige Befugnis für Aufmarsch- und Operationsplanung oblag. 1883 kam es zu einer weiteren Einflusssteigerung des Stabs, indem das Immediatrecht, welches Moltke d. Ä. bereits 1871 persönlich erhalten hatte, generell auf den Generalstabschef überging. Immediatrecht beim Kaiser zu haben bedeutete nichts Geringeres, als zusammen mit den kommandierenden Generälen und Oberbefehlshabern in der Lage zu sein, militärische Entscheidungen ohne Einwilligung des Kanzlers oder Reichstages treffen zu können.

Im Fall Moltkes d. Ä. handelte es sich nicht bloß um den Chef des Generalstabs – er verkörperte zugleich dessen System:

„Moltke macht tabula rasa mit den militärischen Ideen seiner Epoche. Er verläßt sich ausschließlich auf die wissenschaftlichen Ideen und den materiellen Fortschritt der Zeit. […] Moltke ist leidenschaftslos, er ist ohne Genie, er lebt in seinen Papieren, seinen Akten, Karten, Aufmarschplänen, Meldungen, Direktiven. Für diesen eisigen Heros ist der Zufall der eigentliche Feind. Seine Kraft beruht allein auf seiner Methode.“ (Albrecht 2001, S. 368)

Während sich die Macht des genialen Feldherrn auf seiner eigentümlichen Präsenz bzw. einzigartigen Persönlichkeit begründet hatte, konnte sich die ‚Meisterhaftigkeit‘ des technokratischen Feldherrn, den eben auch Moltke und später Schlieffen vertraten, durch kunstloses, bloßes Trainieren angeeignet werden. Geduld, ungestörte Aufmerksamkeit sowie Arbeit wären dazu bloß nötig (vgl. Albrecht 2001, 368).[21]

Gerade dieses bei Moltke vorherrschende methodische Vorgehen hatte einen weitreichenden Bruch innerhalb der Konzeption des Feldherrn zur Folge. 1839 stand im Militär-Conversations-Lexikon noch geschrieben: „Das Handeln des Feldherrn kann nicht ausschließlich strategischer Natur sein, sonst müßte er an Schlachttagen den Feldherrnstab einem Andern, dem Taktiker, übergeben was noch niemals der Fall gewesen ist.“ (zit. n. Kaufmann 1996, 158) Doch genau diese Trennung zwischen strategischer und taktischer Ebene war mit Moltke d. Ä. zur Norm aufgestiegen. Künftig wäre dem Feldherrn ausschließlich die Steuerung der operativen Bewegung oblegen, hingegen wäre die taktische Führung einer Schlacht an untergeordnete Kräfte delegiert worden (vgl. Kaufmann 1996, 158f).

Mit dieser Aufteilung wären mit einem Schlag alle Eigenschaften weggefallen, die ein Feldherr laut Clausewitz sein Eigen nennen sollte. Der von ihm beanspruchte ‚Blick‘ für raumstrategische Planungen, topografische Details und taktische Übersicht wäre medientechnisch überholt gewesen. Die Ökonomie sichtbarer Kontrolle wäre durch medientechnische Ver- und Übermittlungsprozeduren abgelöst worden (vgl. Kaufmann1996, 159). Napoleon hatte sich noch persönlich in kurzer Distanz zur Front bewegen müssen, um eine Schlacht leiten zu können. Zum einen durch die erhöhte Reichweite der Waffen erfordert und zum anderen durch Telegrafie ermöglicht, kam der Feldherr fortan überhaupt nicht mehr persönlich in Kontakt mit dem Kriegsgeschehen. „An die Stelle der Schlachtleitung aus dem Sattel trat nun schon für die oberste Heeresleitung die Führung aus der geräumigen Schreibstube.“ (Kessel zit. n. Kaufmann 1996, 159)[22]

Die 1909 in einem Zeitschriftenartikel (Schlieffen 1913, Bd. 1, 15) erschienene Feldherrnkonzeption Schlieffens zeichnete sich hingegen durch Steuerung ausschließlich aus der Distanz aus. Die Aufgabe des von Schlieffen darin beschriebenen Feldherrn, der „Moderne Alexander“, würde rein aus Planungs- und medial vermittelter Steuerungstätigkeit bestehen. War der Plan für eine militärische Operation erst einmal von der Führung ausgearbeitet worden, würden diese sowie die gesamte Streitmacht in weiterer Folge bloß als Organe für die Ausführung desselben dienen. Darüber hinaus hätte die Führung ab dem Zeitpunkt der Mobilisierung der Kräfte überhaupt ihre Pflicht getan gehabt und wäre somit überflüssig (vgl. Kaufmann 1996, 159). Schlieffen selbst geht auf diesen Umstand wie folgt ein:

„Die wesentlichste Aufgabe des Schlachtenlenkers ist damit erfüllt, daß er lange bevor ein Zusammenstoß mit dem Feinde erfolgen kann, allen Armeen und Korps die Straßen, Wege und Richtungen angibt, in welchen sie vorgehen sollen, und ihnen die ungefähren Tagesziele bezeichnet.“ (Schlieffen 1913, 16)

Es zeigt sich, dass das Aufgabengebiet des technokratischen Feldherrn nicht über die methodische Planung hinausgeht. So gesehen hatten vom Schlachtfeld eingehende Meldungen keinen weitreichenden Einfluss auf das Steuerverhalten der militärischen Führung. „Die zu leistende Koordination der Bewegung besteht nicht in einer, der veränderlichen Lage der Dinge angepaßten , Verschiebung oder Umdisponierung der Kräfte, sondern ist lediglich als zeitliche Steuerung nach einem vorgeplanten Muster gedacht.“ (Kaufmann 1996, 142) Da die Planung zu einem wichtigen Teil auf Berechnungen beruhte, die sich aus den Kapazitäten des Eisenbahnnetzes ableiten ließen, sollte auch die Umsetzung programmatisch und somit ähnlich mechanisch bzw. starr ‚auf Bahnen‘ ablaufen (vgl. Keegan 2003, 47).

Der Anwesenheit des Feldherrn während einer Schlacht kam bei Schlieffens Konzeption im Gegensatz zum Typ des genialen Feldherrn keine Bedeutung mehr zu. Die damit einhergehende Anonymität des Feldherrn und seines Stabs stellte jedoch nur ein weiteres Element des Bruchs mit dem heroischen Soldatentyp dar. Beim Umzug in die Schreibstube, der für die Transformation zum Modernen Alexander notwendig war, blieb am Generalstabschef kein einziges der von Clausewitz ausgemachten zentralen und bedeutungsvollen Charakteristika haften. Für solch einen Bürokraten spielte körperliche Leistungsfähigkeit eine schwindend geringe Rolle. Weit hinter den feindlichen Linien angesiedelt, war für diesen auch Mut, sich der Gefahr auszusetzen, verzichtbar geworden. „In Schlieffens Ausführungen wird der Feldherr zum reinen Technokraten: Als Spezialist der Kriegsführung schottet er diese von allen äußeren Eingriffen ab und plant ausschließlich nach Kriterien operativer Effizienz.“ (Kaufmann 1996, 160) Allerdings machte diese Abschottung die Präsenz – für den genialen Feldherrn noch unerlässlich – vollends zunichte, indem sie weder ‚wahrnehmen‘ noch ‚selbst wahrgenommen werden‘ mehr zuließ. Der Wegfall dieser Präsenz bedeutete nicht nur den Verlust moralischer Wirkung des Feldherrn auf die Truppen, sondern wäre schlechthin im Widerspruch mit dem kulturellen Selbstverständnis militärischer Führerschaft gestanden.[23] (vgl. Kaufmann 1996, 160)

Um der drohenden Entfremdung der Befehlshaber von den gewöhnlichen Soldaten entgegenzusteuern, beschreibt Schlieffen in seinem Aufsatz ‚Der Feldherr‘ die Charakteristika des neu aufgekommenen Feldherrn wie folgt:

„Zum Feldherrn wird man nicht ernannt, sondern geboren und vorausbestimmt. […] Die Aufgabe des Feldherrn ist, einen Gegner, […] zu vernichten oder völlig niederzuwerfen. Den Weg, den er gewählt, um dieses Ziel zu erreichen, muß er hartnäckig verfolgen, alle sich entgegenstellenden Schwierigkeiten voll Tatkraft überwinden, für Zwischenfälle schnell eine Abhilfe finden, den Erfolg bis zum Äußersten anstreben, die Schicksalsschläge standhaft ertragen. Um das zu vollbringen, muß ihn etwas Übermenschliches, Überirdisches, nenne es man Genie oder nenne man es anders, durchdringen. Des Beistandes und des Schutzes einer höheren Macht muß er sich bewußt sein.“ (Schlieffen 1913, Bd. 1, 3)

Kaufmann verweist darauf, dass es Schlieffens Intention gewesen ist, mit diesem Aufsatz den fortgeschrittenen Feldherrntyp wieder in die klassische Auffassung zu integrieren. Seine Bestimmungen fallen im Vergleich zu Clausewitz jedoch sehr undeutlich aus und lassen sich, wenn überhaupt, nur bedingt im konkreten Kriegsgeschehen verorten. Überdies sind die konkret genannten Eigenschaften nicht spezifisch soldatisch (siehe dazu Kaufmann 1996, 160).

Auffallend bei Schlieffens Beschreibung sind die Bestrebungen, eine Kontinuität zum Typ des genialen Feldherrn aufzuzeigen. Wenngleich sich die Führungsebene in weiter Distanz zur Front befand, spielte auf der Ebene des Schlachtfeldes die Moral der Truppen, ungeachtet jedweder technischer Innovationen, wie in früheren Zeiten, eine entscheidende Rolle für den Verlauf einer Schlacht.

Wie Schlieffens Versuch zeigt, sollte ein Soldat bereits in seiner Grundauffassung von einem Feldherrn ein heroisches bzw. charismatisches Moment verankert haben. Die früher durch die Anwesenheit des Feldherrn bekräftigte Opferbereitschaft sollte so sichergestellt werden. Es leitet sich daraus ab, dass die moralische Wirkung auf den Soldaten nicht mehr durch den von ihm persönlich wahrgenommenen Feldherrn zustande kam. Um diese Wirkung dennoch zu erzielen, wurde von ideologischer Ebene her versucht, das zuvor stilisierte Charisma des Feldherrn in sein allgemeines Konzept abwandern zu lassen, wie dies auch Schlieffen mittels seiner Schriften versucht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Bismarck, Roon und Moltke der Ältere; 1860

2.2.3 Erweiterte Feuerkraft und ihre Folgen

Im Krieg von 1870/71 trafen erstmals zwei Kampfverbände aufeinander, die beide mit Hinterladergewehren kämpften. Die Einführung dieser neuen Waffenart hatte, neben einer gesteigerten Feuerkraft, eine bedeutsam erhöhte Reichweite zur Folge, durch die sich wiederum die Tiefe und vor allem Breite[24] des Schlachtfeldes enorm ausdehnten. Diese neuartigen Dimensionen ließen eine optisch-akustisch erfolgende Kontrolle bzw. Steuerung der Schlacht bei Weitem nicht mehr zu.

Unter den genannten Gefechtsverhältnissen wäre es zu einem drastisch veränderten Verhalten seitens der kämpfenden Soldaten gekommen, welches in direktem Widerspruch mit der zeitgenössischen einstudierten Ausbildung gestanden wäre. Zunehmend wäre der Soldat dazu gezwungen worden, sich aus sichtbaren und hörbaren Zusammenhängen zurückzuziehen (vgl. Kaufmann 1996, 118).

„Die ständig erhöhte Feuerkraft setzte einem Angreifer immer neue Hindernisse entgegen. Die Sichtbarkeit des Gegners schwand zunehmend, der Feuerkampf mußte auf immer weitere Entfernungen aufgenommen werden, und Bewegungen innerhalb des gegnerischen Feuers wurden gefährlicher.“ (Kaufmann 1996, 118f)

Schon alleine durch die erweiterte Reichweite der Waffen verminderte sich die Sichtbarkeit des Gegners, da nun auf größerer Distanz gekämpft wurde. Weiters zwangen die erhöhte Feuerkraft bzw. deren gesteigerter Vernichtungsgrad beide Kampfparteien dazu, soweit wie möglich verborgen zu operieren. Der Nachteil lag dabei klar auf Seiten des Angreifers, da sich dieser im Feld bewegen bzw. seine Deckung aufgeben musste, um den Verteidiger überhaupt überwinden zu können.

[...]


[1] Universität Wien; Wintersemester 2006/2007.

[2] Bei dem zu Deutsch oftmals als Kommandozentrale bezeichneten Terminus ‚War Room‘ handelt es sich um eine Örtlichkeit, die in erster Linie dazu ausgerichtet ist, (verwaltungs-)technische Vorgänge jeglicher Art zentral zu steuern und zu koordinieren. Wie bereits aus dem Namen abzuleiten ist, entstammt die Konzeption dem militärischen Kontext. Als Synonyme werden u.a. die Termini ‚Operations Room‘ und ‚Situations Room’ verwendet.

[3] In diesem Zusammenhang wird auf den für einen Oskar nominierten Dokumentarfilm The War Room (1993) verwiesen. Die Regisseure Chris Hegedus und D.A. Pennebaker beleuchten dabei Bill Clintons erfolgreiche Präsidentschaftskampagne aus dem Jahr 1992. Unkonventionell von einem War Room aus geführt, ist das Konzept seither fest im US-Wahlkampf etabliert.

[4] Vehlken verweist auf den nach dem Zweiten Weltkrieg stattfindenden Wissenstransfer vom militärischen in den wirtschaftlichen Bereich. Ehemalige Mitarbeiter aus dem auf War Rooms-Techniken basierenden Operational Research -Sektor brachten ihr Wissen meist als Consultants für den Managementbereich ein (vgl. Vehlken 2004, 20). Siehe u.a. dazu: Brindley, William A.; Laomea, Peter K. (Sept./Okt.): A War Room Can Be Heaven. In: The Journal of Business Strategy, Jg. 1998, Sept./Okt., S. 47–50.

[5] Die Rolle des Feldherrn kommt auf politischer Ebene dem Präsident und auf wirtschaftlicher dem CEO zu.

[6] Michael K. Bohn: Direktor des White House Situations Room unter US-Präsident Ronald Reagan.

[7] Napoleon Bonaparte (* 15. August 1769; † 5. Mai 1821); französischer General, Staatsmann und Kaiser.

[8] Arthur Wellesley, 1. Duke of Wellington (* vermutlich 1. Mai 1769 ; † 14. September 1852) Feldmarschall, britischer Außen- und Premierminister, siegte über Napoleon in der Schlacht bei Waterloo.

[9] Vgl. dazu auch: Keegan 2000, 149.

[10] Keegan liefert ein frühes, historisches Beispiel für die genannte ‚inspirierende Wirkung‘ auf die Truppen: „Das Wissen, dass ihr König sein Leben aufs Spiel setzte, motivierte fähige und gut instruierte Unterführer an der Spitze gedrillter und selbstbewusster Soldaten, so einsatzfreudig und geschickt zu kämpfen, als stünde Alexander [der Große; W. J.] an der Seite eines jeden von ihnen.“ (Keegan 2000, 121)

[11] Dieser bestand zu Zeiten Napoleons aus sowohl regelmäßigem als auch außerordentlichem Botenverkehr.

[12] Dabei handelt es sich um Nachrichtenübertragung über große Entfernungen, die mittels optischer oder einer Kombination von optischen mit akustischen Vorrichtungen vollzogen wurde.

[13] Die einzige erlaubte zivile Nutzung des Telegrafen beschränkte sich auf die Übermittlung der Ergebnisse der Staatslotterie.

[14] „Seinen Ursprung hatte der Tirailleur [dt. ‚der Schütze‘; WJ] im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, im Kampf der Siedler gegen die britischen Söldnertruppen.“ (Kaufmann 1996, 45)

[15] Napoleons fehlgeschlagener Russlandfeldzug 1812 kann auf eine logistische Überforderung zurückgeführt werden.

[16] Helmuth Karl Bernhard Graf von Moltke, genannt Moltke der Ältere (d. Ä.) (* 26. Oktober 1800; † 24. April 1891); Generalstabschef, später: Chef des Großen Generalstabes: 29. Oktober 1857 bis 10. August 1888.

[17] Hinterladergewehre und gezogene Hinterladegeschütze der Marke Krupp.

[18] Alfred Graf von Schlieffen (* 28. Februar 1833; † 4. Januar 1913); Chef des Großen Generalstabes: 7. Februar 1891 bis 1. Januar 1906.

[19] Helmuth Johannes Ludwig von Moltke, genannt Moltke der Jüngere (d. J.) (* 25. Mai 1848; † 18. Juni 1916); Chef des Großen Generalstabs: 1. Januar 1906 bis 14. September 1914.

[20] „Linienorganisationen beruhen auf eindeutigen Kommandoverhältnissen, klaren Kompetenzab-grenzungen und streng geregelten Anordnungs- und Dienstwegen. Funktionalorganisationen kennen Spezialisierung und Mehrfachunterstellungen, bei denen es keine klaren Befehle, sondern lediglich Weisungsbefugnisse gibt. […] Stab-Linien-Organisationen, wie sie seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert immer weiter in die militärische Organisation vordringen, stellen eine Verbindung zwischen beiden her, indem spezifische Aufgaben an Funktionalorganisationen abgegeben werden, die aber keine letztliche Entscheidungskompetenz besitzen. Diese verbleibt bei den zuständigen Stellen der Linie.“ (Menth zit n. Kaufmann 1996, 90).

[21] Die folgende Beschreibung von Schlieffen stellt die von Moltke sogar noch in den Schatten: „Als Generalstabschef arbeitete er häufig bis Mitternacht und entspannte sich dann, indem er seinen Töchtern Werke aus der Militärgeschichte vorlas, für die er sich fast ebenso leidenschaftlich interessierte wie für das Ausarbeiten von Operationsplänen. Bevor er Chef des Großen Generalstabs wurde, war er dessen Militärhistoriker. Er untersuchte die Geschichte jedoch unter rein technischen Aspekten. Ihn interessierte die Aufstellung von Armeen auf der Landkarte, nicht die Stimmung unter ihren Soldaten, auch nicht Argumente, mit denen Regierungen einen Krieg rechtfertigten.“ (vgl. Craig zit. n. Keegan 2003, 53f)

[22] Des Weiteren schreibt Kessel, dass Moltke d. Ä. rein aus persönlicher Vorliebe auch weiterhin der Tradition nachgegangen sei, manche Schlachten aus sicherer Distanz mit eigenen Augen und Ohren wahrzunehmen. Zwar trat dieser ausdrücklich für einen Führungs- bzw. Steuerungsstil aus dem Hintergrund ein, dennoch wäre es ihm zugleich ein Anliegen gewesen, eine gewisse Nähe zum Schlachtfeld zu wahren.

[23] Siehe dazu auch: Keegan 2000, 483: Keegan führt bezüglich der fehlenden moralischen (Vorbild-)wirkung der Befehlshaber und den daraus folgenden Krisen mehrere historische Beispiele an.

[24] Schon in den 70er Jahren ging man von einer Gefechtsbreite von 1.200- 1.600m aus. Weiters wurde angenommen, dass ein Überblick über die Schlacht höchsten bis zur Divisionsebene möglich sei (vgl. Cardinal von Widdern 1876 und Boguslawski 1878 zit n. Kaufmann 1996, 118).

Details

Seiten
136
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783836638883
Dateigröße
10.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v227400
Institution / Hochschule
Universität Wien – Philosophie
Note
1,0
Schlagworte
feldherr network centric warfare netzkompetenz feldherrnhügel

Autor

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Titel: War Rooms