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HipHop in Deutschland

Analyse einer Jugendkultur aus pädagogischer Perspektive

Masterarbeit 2009 189 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

1 – Einleitung .

à Deckblatt und Inhaltsangabe wg. Seitenformatierung im Anhang !

Die vorliegende Arbeit widmet sich einer eingehenden Analyse der Jugendkultur des HipHop.(1) Da diese, wie im Verlauf der Ausführungen dargelegt werden wird, die aktuell größte jugendkulturelle Strömung der Neuzeit darstellt, ist die Auseinandersetzung mit den vielfältigen Ausdrucks- und Erscheinungsformen dieses Phänomens, sowie mit seinen Hintergründen und den mit HipHop verknüpften Chancen und Gefährdungspotentialen aus pädagogischer Sicht ein durchaus relevantes Thema. Eine Eingrenzung der Detailausführungen auf die Bundesrepublik Deutschland ist dabei aus Gründen des pädagogischen Blicks der Arbeit sinnvoll, der sich auf die nationalen Gegebenheiten und Rahmenbedingungen bezieht.

Bevor auf das relativ junge Phänomen "HipHop" eingegangen wird, soll zunächst die diesbezüglich vorausgegangene Entwicklung der Jugendkulturen in Deutschland betrachtet werden. So wird in Kapitel 2.1. zunächst der Begriff "Jugend" und seine Entstehung und Definitionsumfang untersucht, sowie aktuelle Tendenzen, von denen Jugend heute beeinflusst wird. Auch die wichtigen Funktionen, welche die Jugendphase im Leben eines Menschen hat, werden eingehend betrachtet und mit den herrschenden Verhältnissen in Relation gesetzt. Anschließend wird der Begriff "Kultur" in seiner Bedeutung einer bestimmten Lebensweise genauer beleuchtet, um "Jugend" und "Kultur" in Kapitel 2.3. schließlich miteinander zu verbinden. Nachdem so der Begriff der "Jugendkultur" eingeführt wurde, wird auch seine Geschichte in Form der Entwicklung der ersten Jugendkulturen bis in die Neuzeit behandelt, bevor das zweite Kapitel im Abschnitt 2.5. mit einer genaueren Darstellung aktueller jugendkultureller Merk­male schließt.

(1) In der Literatur existieren die unterschiedlichen Schreibweisen "HipHop", "Hip-Hop" und "Hip Hop". Im Rahmen dieser Arbeit wird die erste Schreibweise verwendet, wobei im Sinne einer korrekten Zitierweise bei wörtlich übernommenen Textzitaten auch die Schreibweisen "Hip-Hop" und "Hip Hop" übernommen werden.

Die Wurzeln von HipHop als in New York entstandene Kulturform und die verschiedenen Inhalte, die unter diesem Oberbegriff vereint sind, werden zu Beginn des dritten Kapitels dargelegt. Die Rapmusik als diejenige HipHop-Kulturform, die sowohl am meisten Aufmerksam auf sich zieht, als auch kommerziell die erfolgreichste Form von HipHop darstellt, wird mit ihren verschiedenen Subgenres im Abschnitt 3.2. noch einmal genauer betrachtet. Anschließend wird die HipHop-typische Eigenschaft der Präsentation mit ihren, für die Jugendkultur charakteristischen Ausformungen, analysiert, bevor das Kapitel 3.4. auf den Verlauf der weltweiten Ausdehnung von HipHop eingeht.

Nach den gewonnenen Erkenntnissen der vorausgegangenen Abschnitte beschäftigt sich das vierte Kapitel speziell mit HipHop in Deutschland. Zunächst wird hier nachvollzogen, wie sich die Jugendkultur sowohl unter den Bedingungen des geteilten und des später wiedervereinigten Deutschlands etabliert hat, um schließlich in ihrer aktuellen Form als größte jugendkulturelle Strömung präsent zu sein. Auf den in diesem Verlauf eingetretenen Generationskonflikt innerhalb der HipHop-Kultur wird anschließend ebenso eingegangen wie auf den großen, und aus pädagogischer Sicht als teilweise bedenklich eingestuften Erfolg von Gangster-Rap, der im Kapitel 4.3. stellvertretend am Beispiel der einflussreichen Ber­liner Musikvermarktungsfirma "Aggro Berlin" untersucht wird. Aus Gründen einer besseren Verdeutlichung der auf die Jugend einwirkenden Inhalte der momentan sehr erfolgreichen Gangster-Rapmusik, die das Bild von Hip­Hop aufgrund des diesbezüglich bestehenden medialen Fokus deutlich prägen, wird im Abschnitt 4.4. exemplarisch je ein Textauszug aus besonders bekannten Songs der drei kommerziell erfolgreichsten deutschen Rapmusiker vorgestellt.

Nachdem durch die vorangegangenen Ausführungen ein umfassendes Bild der deutschen HipHop-Jugendkultur dargestellt wurde, werden im fünften Kapitel schließlich diesbezüglich relevante pädagogische Ü­ber­le­gun­gen angestellt. An dieser Stelle soll zunächst ein kritischer Blick auf die Gefährdungspotentiale der zuvor näher untersuchten, sehr erfolgreichen Formen des Gangster- und Porno-Rap gerichtet werden. Die unter pädagogischen Gesichtspunkten positiven Aspekte von HipHop werden hingegen in Kapitel 5.2. genauer beleuchtet, bevor die Arbeit mit einer Abhandlung über Hip­Hop-relevante, sozialpädagogische Grundlagen für die Arbeit mit Jugendlichen, die sich der Jugendkultur zugehörig fühlen, schließt.

Bezüglich der Quellen und Textbelege der Ausarbeitungen wurden neben einer umfangreichen wissenschaftlichen Literatur teilweise auch langjährig existente und hochauflagige Szenemagazine, sowie Veröffentlichungen auf etablierten und anerkannten Internetseiten mit einbezogen. Dies zum einen, um im Fall von seriösen Szenemedien eine möglichst geringe Distanz zu den tatsächlichen Gegebenheiten herzustellen, zum anderen aus dem Grund, dass wissenschaftliche Literatur zum Thema HipHop zwar mittlerweile zunehmend auch von angesehenen und etablierten wissenschaftlichen Autoren verfasst wird, die aktuellsten Strömungen aber teilweise noch nicht von ihr erschlossen wurden.

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die zusätzliche Formulierung der weiblichen Form verzichtet. Obwohl im Verlauf der Arbeit deutlich werden wird, dass die HipHop-Kultur bis heute schon immer stark männlich dominiert war, sind dennoch auch in den szenespezifischen Abschnitten immer beide Geschlechtsbezeichnungen gemeint. Die männliche Form schließt dabei die weibliche Form mit ein.

An die Ausführungen der aufgezählten Kapitel schließt sich ein Glossar mit Erklärungen der im Rahmen dieser Arbeit verwendeten Szenebegriffe an, die in der deutschen HipHop-Kultur größtenteils in Form von Anglizismen aus dem Englischen übernommen wurden. Sie haben sich in dieser Jugendkultur neben dem allgemein gebräuchlichen Sprachgebrauch als Eigenbegriffe etabliert und wurden für die Abhandlungen als unverzichtbar angesehen. Nachdem diese Begriffe bei ihrem erstmaligen Erscheinen im Kontext erläutert werden, werden sie bei erneuter Verwendung in späteren Kapiteln oder Unterkapiteln mit einem Pfeil (à) gekennzeichnet, um auf ihre Präsenz im Glossar hinzuweisen.

2 - Jugendkulturen in Deutschland .

>> Der Kulturentwicklung des einzelnen Menschen kommt entgegen, (...) daß [sic] es ihm angelegt ist. Der Mensch ist nicht passiv, sondern ein eigenständiges, schöpferisches Wesen. Wäre er dies nicht, dann gäbe es auch keine Kultur<< (Fend 2001, S. 60).

Dieses Kapital soll Aufschluss geben über kulturelle Erscheinungsformen im Lebensalter der Jugend in Deutschland. Was aber genau ist Jugend und wie hat sie sich im Laufe der Zeit verändert? Wie kann der Begriff der Kultur umrissen werden und welche aktuellen Er­schei­nungs­for­men hat die Verbindung von Jugend und Kultur hervor gebracht?

Nach dieser Annäherung an den Jugend- und den Kulturbegriff wird zunächst eine Ausdifferenzierung der verschiedenen in der Literatur gängigen Herangehensweisen der Verbindung dieser beiden Begriffe vorgenommen. Anschließend wird die deutsche Geschichte der Jugendkulturen untersucht, um vor diesem Hintergrund letztlich auf die heutigen Verhältnisse mit ihren aktuellen jugendkulturellen Merkmalen einzugehen.

2.1. Was ist "Jugend"?

"Jugend" ist ein Begriff, der aufgrund seiner vielfältigen Formen trotz seiner relativ jungen Geschichte nur schwer zu fassen ist. Durch die Betrachtung der geschichtlichen Entwicklung des Jugendbegriffs wird sich seiner heutigen Bedeutung genährt, um danach genauer auf die aktuell damit bezeichnete Zeitspanne einzugehen. Die Situation der heutigen Jugend mit ihrer zahlenmäßig rückläufigen Tendenz im Kontext mit Modernisierungserscheinungen wird anschließend genauer betrachtet, um diese letztlich mit den Entwicklungsaufgaben des Jugendalters in Beziehung zu setzen.

2.1.1. Historische Entwicklung des Jugendbegriffs

Im ausgehenden Mittelalter und in der frühen Neuzeit gab es in Deutschland noch keine eigene Bezeichnung für diejenigen, die sich in den Lebensjahren zwischen Kindheit und Erwachsensein befanden. Erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurde begrifflich ein sehr geringer Teil des männlichen Nachwuchses als "junge Herrn" bezeichnet (vgl. Ferchhoff 2007, S. 27). Seit Mitte des 18. Jahrhunderts tauchte dann der Begriff "Jüngling" auf, der ebenfalls nur eine verschwindend kleine Gruppe von jungen Männern umfasste. Alle anderen jungen Menschen wurden z.B. als Bauernburschen, Gesellen oder Soldaten tituliert (vgl. Ferchhoff 2007, S. 27).

Auch im frühen 19. Jahrhundert ist von "Jugend " noch keine Rede. Zu dieser Zeit ist der "Jüngling" aber bereits die vorherrschende Jugendgestalt (vgl. Baacke 2007, S. 228). Eine Entwicklung vom "Jüngling" zum "Jugendlichen" vollzog sich erst im Laufe des 19. Jahrhunderts mit der Entstehung der bürgerlichen Familie in der bürgerlichen Gesellschaft und der zunehmenden Verhäuslichung und Pädagogisierung von Kindheit. Die sich in dieser Zeit von ihr abspaltende Jugendphase wurde dabei allerdings durchgängig als eine Phase der Krisen thematisiert (vgl. Baacke 2007, S. 231).

Erst um 1900 wurde "Jugend" auch zum Thema in der Literatur. Gründe hierfür sind laut Baacke die sich zu dieser Zeit vollziehenden Veränderungen in der Jugendphase, die für Irritationen sorgten. Genannt werden können hier u.a. die zurückgehende Geburtenrate der Mittelschicht, die länger andauernde Schulzeit und die damit verbundene verstärkte Abhängigkeit vom Elternhaus, sowie die sich vorverlagernde sexuelle Reife (vgl. Baacke 2007, S. 231f). So hat sich in der Zeit zwischen 1900 und 1950 die bis dahin einzige dem Erwachsenenalter vorangehende Lebensphase "Kindheit" in eine frühe und eine späte Phase aufgegliedert, wobei die späte Phase den Namen "Jugend" erhielt (vgl. Hurrelmann 2004, S. 20f).

2.1.2. Bestimmung der Zeitspanne "Jugend"

Zunächst handelte es sich bei der mit "Jugend" betitelten Zeitspanne noch um einen sehr kurzen Lebensabschnitt, der zwischen dem Eintreten der Geschlechtsreife im Alter von etwa 15 Jahren bei Mädchen bzw. etwa 16 Jahren bei den Jungen und dem damals für die meisten jungen Menschen nur wenige Jahre später erfolgenden Eintritt in den Beruf und der Gründung einer eigenen Familie lag. Ohnehin spielte die sexuelle Reife stets eine entscheidende Rolle in Bezug auf den Übergang ins Erwachsenenstadium. >>Der entscheidende Statusübergang von der Rolle des Jugendlichen zu der des Erwachsenen [war] seit jeher der Akt der Eheschließung und die damit formell zugestandene Legitimation zu sexuellem Verkehr<< (Baacke 2007, S. 236).

Sexuelle Erfahrungen und selbst Heirat sind heute jedoch kein eindeutiges Kennzeichen mehr für den Statusübergang von der Jugend zum Erwachsenensein. Sexualität hat sich sogar zu einer zen­tralen Komponente des Jugendstatus emanzipiert, denn das Datum der Geschlechtsreife hat sich im Lebenslauf noch weiter nach vorn verlagert und >>sexuelle Erfahrungen machen Kinder / Jugendliche immer eher…<< (Baacke 2007, S. 235). Dadurch, dass die sexuellen Erfahrungen stark vorverlagert werden, wird der daran gemessene Sozialtyp "Kind" in seinem zeitlichen Umfang abgekürzt. Zugleich verzögert sich das Ende der Jugendzeit, weil die Gründung einer eigenen Familie heute viel weiter aufgeschoben wird als noch vor wenigen Jahrzehnten oder sogar ganz ausgelassen wird.

"Jugend" definiert sich darüber hinaus nicht allein biologisch, sondern wird ebenso durch kulturelle, wirtschaftliche und generationsbezogene Faktoren beeinflusst, welche die Ausdehnung und das Profil dieses Abschnitts im Lebenslauf gestalten. So spielen auch längerer Schul- und Ausbildungszeiten, permanente "Warteschleifen", Zweit- und Drittausbildung, veränderte Ablöseprozesse vom Elternhaus, längere Phasen von Arbeitslosigkeit, Funktionsverluste der Familie und gesellschaftlicher Institutionen etc. eine Rolle (vgl. Ferchhoff 2007, S. 93).

Aufgrund dieser vielfältigen Umstände und Variablen ist die Jugendzeit heute >>(…)so weit ausgedehnt worden, dass sie selbst den Charakter als verlängerte Warte-, Übergangs- oder Reifezeit weitgehend verloren hat<< (Ferchhoff 2007, S. 93). Sie stellt sich mittlerweile eben nicht mehr als eine soziokulturell geregelte oder zumindest angeleitete Lebensphase dar, die mit dem Ende einer klar definierten Kindheit beginnt, bestimmte Ereignis- und Erlebnisabfolgen beinhaltet und mit dem Eintritt in das Berufsleben oder mit der Heirat endet. Die Konturen von "Jugend" als einem klar eingrenzbaren Lebensabschnitt verschwimmen vielmehr und werden eher an der Art der "Lebensvollzugsformen" deutlich, als an bestimmten Altersgrenzen, wobei auch diese aufgrund ihrer Heterogenität nur schwer zu fassen sind (vgl. Hitzler / Bucher / Niederbacher 2005, S. 9; S. 16).

In schnellen Schritten hat sich auf diese Weise aus der ehemals kurzen Jugendzeit bis heute >>(…) ein mindestens zehn, in immer mehr Fällen 15 oder sogar 20 Jahre umfassender Lebensabschnitt entwickelt, der nicht mehr in erster Linie den Charakter eines "Übergangs" vom Kind zum Erwachsenen hat, sondern eine eigenständige Lebensphase markiert<< (Hurrelmann 2004, S. 21 nach Krüger / Grunnert 2002; Sander / Vollbrecht 2000). Diese wandert an ihren unscharfen Rändern sogar in andere Altersklassen mit ein und breitet sich immer weiter aus. So schließt sich nach oben an das Ende des Jugendalters nicht unbedingt sofort der Erwachsenenstaus, sondern zunächst die Postadoleszens oder der junge Erwachsene an. Selbst ein großer Teil des Lebensunterhaltes der Postadoleszenten wird dabei laut Ferchhoff noch durch unterschiedliche Zuwendungen von den eigenen Eltern oder Großeltern bestritten (vgl. Ferchhoff 2007, S. 87f.).

2.1.3. Rückläufige Anzahl an Jugendlichen

Trotz der erfolgten Ausweitung des Lebensabschnittes "Jugend" schrumpft in Deutschland die jugendliche Bevölkerung zahlenmäßig, da immer weniger Kinder geboren werden. Ein Hauptgrund hierfür ist, dass die Entscheidung für oder gegen ein Kind heute verstärkt von den Lebensperspektiven abhängt, die von den Erwachsenen nach beruflichen, privaten und finanziellen Kriterien bilanziert werden.(2) Diesbezüglich schreibt Hurrelmann, dass die Motive für den Kinderwunsch heute nicht mehr auf ökonomische und pragmatische Vorteile zurückzuführen sind, sondern eher im Gewinn von emotionaler und biografischer Lebensqualität liegen (vgl. Hurrelmann 2004, S. 13). Hinzu kommt, dass heute effektive Mittel zur Schwangerschaftsverhütung allgemein zugänglich sind, die es problemlos ermöglichen, eine Entscheidung gegen Kinder auch tatsächlich umzusetzen, bzw. die Kinderplanung nicht dem Zufall zu überlassen. >>Tatsächlich hat etwa die Hälfte der Ehepaare in Deutschland heute keine Kinder<< (Hurrelmann 2004 S. 38).

In Zahlen ausgedrückt bedeutet dies, dass der Anteil der unter 20-Jährigen an der deutschen Gesamtbevölkerung heute bei nur 20% liegt, während er wegen der hohen Geburtenzahlen vor dem ersten Weltkrieg damals noch bei 35% lag. Im selben Zeitraum hat sich die Altersgruppe der über 65-Jährigen prozentual von 5% auf 15% vergrößert. Nach den Bevölkerungsberechnungen des Statistischen Bun­desamtes wird die ältere Gruppe bis 2020 auf über 22% anwachsen, während die jüngere auf 17% absinken wird (vgl. Internetseite des Statistischen Bundesamtes unter URL: http://www.destatis.de/ jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Navigation/Statistiken/

(2) In einer Gesellschaft, die Güter zunehmend nach ihrer kommerziellen Verwertbarkeit betrachtet, ist es nicht überraschend, wenn wegen der hohen Kosten, die Kinder und Jugendliche verursachen, die Anzahl der Familien mit Kindern und auch die Zahl der Kinder pro Familie immer kleiner wird.

Bevoelkerung/Bevoelkerung.psml).

Die junge Generation und vor allem die ihr folgende wird es auf­­­grund dieser Entwicklung zunehmend schwer haben, sich gesellschaftlich und politisch Gehör zu verschaffen. Sie wird große Bemühungen unternehmen müssen, um die für ihre Belange wichtigen materiellen Ressourcen zu gewinnen und ihre Wünsche im Sinne einer Demokratie mehrheitlich durchzusetzen.

2.1.4. Die Modernisierungstendenzen der Gegenwart

Wir sind Augenzeugen eines gesellschaftlichen Wandels, in dessen Verlauf die bislang prägenden arbeitsbezogenen Berufskulturen und Arbeitsrollen, Verhaltensstandards, Lebensverlaufsformen und Wertemuster aufgeweicht, sowie vielfach neu ausdifferenziert werden. Auf diese Weise entsteht eine unübersichtliche und sich für jedes Individuum eigens zusammensetzende Mischung aus Selbständigkeit und Abhängigkeit, Selbst- und Fremdbestimmung, die hohe Spielräume und zugleich auch Zwänge für die Lebensgestaltung mit sich bringt (vgl. Hurrelmann 2004, S. 8). Zusammengefasst wird diese Form des Wandels unter dem Begriff der Modernisierung (vgl. u.a. Hafeneger 2004, S. 7ff. ; Ferchhoff 2007, S. 65 f.).

Auch Jugendliche sind von den Entwicklungs- und Veränderungsprozessen in starkem Maße betroffen und werden von ihnen beeinflusst, was auch die wissenschaftliche Beachtung dieser Lebensphase in vielfältiger Weise vorantreibt, die den neuen Entwicklungen kaum nachkommt. >>Das Thema "Jugend" hat nach wie vor – und wie es scheint, stärker denn je – Hochkonjunktur, d.h. die Publikations- und Forschungslage ist nicht mehr überschaubar; es herrscht die vielzitierte "neue Unübersichtlichkeit"<< (Griese 2000, S. 59).

Da die verschiedenen Modernisierungsprozesse der Gegenwart direkten wie indirekten Einfluss auf die Jugendlichen und ihre Lebensweisen hat, sollen an dieser Stelle zunächst die Phänomene der Individualisierung, Pluralisierung und Globalisierung als Haupteinflussfaktoren der Modernisierung beschrieben werden.

2.1.4.1. Individualisierung

>>Mit Individualisierung ist der Abbau von traditionellen Rollenvorschriften in den "modernen" und "emanzipierten" Wohlstandsgesellschaften des Westens gemeint, mit der die Biografie eines Menschen aus vorgegebenen Festlegungen nach Herkunft, Geschlecht, Religion, Nationalität und Ethnie herausgelöst wird<< (Hurrelmann 2004, S. 55). Ursprünglich war der Lebensverlauf einer Person je nach seiner Zugehörigkeit zu diesen Kategorien schon mit der Geburt weitgehend festgelegt. >>Lebensführung, Lebensplanung, soziales Milieu, Stand, Beruf, Konsum, Partner usw., alles das, worüber wir heute mehr oder wenig persönlich befinden dürfen / müssen, lag in früheren Zeiten – ohne Wahl-, Einflussmöglichkeit und Selbstbestimmung – weitgehend fest<< (Ferchhoff 2007, S. 77). Mit der Aufweichung oder gar dem Schwinden der traditionellen Lebensprägungen kommt es zu einer Enttraditionalisierung und Entstrukturierung der Lebensführung. Bereits die Klassiker der Soziologie Emile Durkheim, Max Weber und Georg Simmel beschrieben diesen Prozess gesellschaftlicher Entwicklung als Individualisierung (nachgewiesen in: Junge 2002, S. 11; vgl. auch Hitzler / Bucher / Niederbacher 2005, S. 13).

Das Ausmaß von Entscheidungen, auf das die Individuen einen maßgeblichen Einfluss haben, ist in den westlichen, demokratischen Gesellschaften im Laufe der Modernisierung angestiegen. Jeder Mensch, gerade auch der Jugendliche, muss die Planung in Bezug auf seinen Lebenslauf auch selbst mit in die Hand nehmen, indem er sich Gedanken über seine Interessen, Talente, Stärken und Schwächen macht, sowie weitere individuelle Faktoren mit einbezieht. Ehemals streng vorgegebene Richtlinien verlieren zunehmend an Wert. >>Klassische Orientierungs- und Sozialisationssysteme wie Familie, Kirchen, Parteien, Vereine und Arbeitermilieus sind wegge­brochen, aufgelöst oder unglaubwürdig geworden, zur bloßen Ideologie geronnen<< (Farin 1998, S. 16; vgl. auch Hitzler / Bucher / Niederbacher 2005, S. 13; Hafeneger 2004, S. 20).

2.1.4.2. Pluralisierung

Von der Pluralisierung der modernen Gesellschaft zu sprechen gehört zu den Standartformeln, um die gegenwärtigen Verhältnisse zu charakterisieren. Pluralisierung ist ein zentrales Kennzeichen der Moderne und bezeichnet die ständige Präsenz von alternativen Möglichkeiten (vgl. Griese 2000, S. 71f.). So eröffnet sich heute eine Vielzahl von Optionen in der Wahl weltanschaulicher und religiöser Überzeugungen, von Arbeitssituationen und kulturell geprägten Lebenspraktiken, sowie eine Vielfalt von Wert- und Normalitätsvorstellungen auch in späteren Lebensphasen.

Wenngleich z.B. auch heute noch die Ehe mit Kindern die häufigste Lebensform ist, so haben sich doch vielfältige Alternativen zu ihr entwickelt: Nichteheliche Lebensgemeinschaften, das Leben als Single, Alleinerziehende, gleichgeschlechtliche Paare, Partnerschaften mit getrennten Wohnsitzen, etc. Als Alternative zur bürgerlichen Kleinfamilie sind sie im Zeitalter der beschriebenen Individualisierung für viele Menschen attraktiv, weil sie mehr Raum für die Entfaltung eigener Vorstellungen des Zusammenlebens lassen.

Für junge Menschen, die vor allem in der Phase der Adoleszenz nach ihnen angemessenen und passend erscheinenden Lebensweisen und Verhaltensmustern suchen, bedeutet dies, dass sie ihren Interessen über ein äußerst vielfältiges Angebot an unterschiedlichen Lebensstilen >>(…) einem Warenangebot im Supermarkt gleichend…<< (GRIESE 2000, S. 71) nahezu freien Lauf lassen können. Statt der drei TV-Programme und wenigen Radiostationen, die der Durchschnittsjugendliche der 1960er Jahre noch zur Verfügung hatte, bieten heute bis zu achtzig Fernsehkanäle, ungezählte Radiopro­gramme, Internet und eine breite Zeitschriftenpalette für jedes noch so ausgefallene Interesse Informationen und damit einen Zugang rund um die Uhr. >>Vor allem über die Massenmedien Radio, Fernsehen und Internet ist Jugendlichen heute eine informative Teilnahme an allen Lebensbereichen möglich<< (Hurrelmann 2004, S. 142). Durch den frühen Umgang mit Geld können sich Jugendliche dabei theoretisch den gesamten Freizeit- und Medienmarkt erschließen, selbst wenn sie formalrechtlich noch nicht voll geschäftsfähig sind.

Diese Pluralisierungstendenz mit ihrem nahezu unübersichtlichen und von ständigem Wandel ergriffenen Angebot hat einen großen Beitrag dazu geleistet, dass der Begriff der Jugend heute kein einheitliches Bild mehr beschreibt. >> Die Jugend gibt es nicht. Gab es sie überhaupt jemals, so hat sie sich spätestens in den letzten zwei Jahrzehnten in auch für professionelle Jugendforscher nicht mehr überschaubare Parzellen aufgelöst<< (Farin 1998, S. 9).

2.1.4.3. Globalisierung

Als letzter größerer Teil der gegenwärtigen Modernisierungserscheinungen wird an dieser Stelle auch dem Phänomen der Globalisierung ein Blick gewidmet. Mit Globalisierung ist die weltweite Vernetzung und Integration von Waren-, Dienstleistungs-, Kapital- und Arbeits- und Informationsmärkten und vornehmlich der Medienentwicklung gemeint (vgl. Ferchhoff 2007, S. 67f.) Vorange­trieben wurde sie vor allem durch eine rasante Beschleunigung und Verbilligung der Transport- und Kommunikationsmittel, die u.a. einen globalen, wirtschaftlichen Handel begünstigen.(3) Als Motor einer beschleunigten Vernetzung der Welt sind insbesondere die dynamischen technologischen Innovationen etwa der Mikroelektronik, der Computernetze, der Satellitennetze oder der Telekommunikation zu nennen.

Auch ist es im Rahmen der Globalisierung zu einer Entkoppelung der Arbeit vom Ort ihrer Ausführung gekommen (vgl. Ferchhoff 2007, S. 68). Unternehmen oder ganze Industriezweige verlagern heute einen großen Teil ihrer Produktionsstätten und produktionsnahe Dienstleistungen wie Entwicklung, Design und Marketing dorthin, wo die Produktionsbedingungen in Bezug auf Steuerniveau, Subventionsaussichten, Sozialleistungen, Lohnkosten und Umweltauflagen jeweils am preisgünstigsten sind.

Globalisierung heißt damit auch, dass die Einheit von Nationalstaat und Nationalgesellschaft aufgeweicht wird. >>Es bilden sich neuartige Macht- und Konkurrenzverhältnisse, Konflikte und Überschneidungen zwischen Akteuren einerseits, transnationalen Akteuren, Identitäten, sozialen Räumen, Lagen und Prozessen andererseits<< (Ferchhoff 2007, S. 67).

Die Globalisierung wird außerdem begleitet von Prozessen, die als kulturelle Universalisierungs- und Globalisierungsvorgänge zu bezeichnen sind. Die sich so ausbreitenden, auch "translokal" genannten Kulturen stehen in diesem Sinne für eine sich international durchsetzende, weltweite Vereinheitlichung oder Annäherung von Haltungen, Idealen, Kommunikationsformen, Lebensstilen und Lebensformen (vgl. Ferchhoff 2007, S.71).

2.1.5. Entwicklungsaufgaben im Jugendalter

Wie aufgezeigt wurde, hat sich die Lebensphase Jugend in den letzten 50 Jahren stark an Umfang ausgedehnt. Dabei ist sie zu einer der wichtigsten Phasen im menschlichen Lebenslauf geworden, denn in

(3) Das Schlagwort "Globalisierung" steht letztlich für einen über 70%ig gestiegenen Austausch von Waren, Dienstleistungen und Kapital im Dreieck Europa-USA-Japan mit einigen Ausnahmen in Staaten der Dritten Welt wie bspw. China und Teile Südostasiens. Von der Globalisierungsstrategie werden so gesehen also tatsächlich mehr Menschen aus- als eingeschlossen (vgl. Ferchhoff S. 67f.).

dieser Spanne von im Durchschnitt 15 Lebensjahren >>(…) müssen erhebliche Veränderungen der körperlichen, geistigen, emotionalen und sozialen Entwicklung bewältigt werden<< (Hurrelmann 2004, S. 7). Angehörige der Lebensphase Jugend finden sich heute in der Verantwortung wieder, eine hohe Kompetenz ihrer persönlichen und biografischen Selbstorganisation aufzubauen, wenn sie den Anforderungen sowohl der körperlichen und psychischen Innenwelt wie auch der sozialen und physischen Außenwelt meistern wollen. Sie stehen vor der Aufgabe, in den mittlerweile gesellschaftlich jeweils voneinander getrennten Lebensbereichen von Herkunftsfamilie, Freundschaft, Schule, Freizeit, Berufsausbildung, Hochschule, Partnerschaft, Medien, Konsum, Recht, Religion, etc. jeweils eigene Wege der individuellen Entfaltung und der sozialen Integration zu finden.

Mit dieser Individuation verbunden ist laut Hurrelmann die Ausbildung der eigenen Identität im Jugendalter (vgl. Hurrelmann 2004, S. 30). >>Von Identität kann gesprochen werden, wenn ein junger Mensch über verschiedene Handlungssituationen und über unterschiedliche lebensgeschichtliche Einzelschritte der Entwicklung hinweg eine Kontinuität des Selbsterlebens wahrt<< (Hurrelmann 2004, S. 30). Um dies zu erreichen, müssen die Fähigkeiten der Selbstwahrnehmung, der Selbstbewertung und der Selbstreflexion entwickelt werden. Identität ist dabei das Erleben des "Sich-Selbst-Gleichseins". Wenn ein Mensch zum Handeln fähig sein will, muss er sich mit sich selbst identisch erleben, auch dann, wenn in den alltäglichen Lebenssituationen unterschiedliche Anforderungen an das Handeln und im Verlaufe des Lebens immer wieder andersartige Anforderungen an die Koordination der Bedürfnisse und Interessen gestellt werden (vgl. Hurrelmann 2004, S. 30 nach Krappmann 1979).

Die diesbezügliche psychodynamische Theorie von Erikson(4) (1966) geht davon aus, dass sich im Verlauf der Jugendphase eines Menschen erstmals im Lebenslauf die individuellen Voraussetzungen bilden, um Identität aufzubauen. Die Theorie der Identität hat Erikson dabei als lebenslange Entwicklung entworfen. Demnach durchläuft die Identität mehrere Krisenphasen, die einen jeweils gegensätzlichen Ausgang haben können. Die jeweils positive Bewältigung der Krise ermöglicht die Auseinandersetzung mit der nächsten Aufgabe. Damit ist die Bewältigung der einzelnen Entwicklungsaufgaben die Voraussetzung für die Verfestigung und Sicherung der eigenen Identität. Im Jugendalter ist nach Erikson die kognitive Entwicklung zum ersten Mal so weit voran geschritten, dass sich Jugendliche gefühlsmäßig und intellektuell als selbstständig verstehen und wahrnehmen können. Deswegen spitzt sich die "Identitätskrise" in dieser Le­bens­pha­se besonders zu. Vor allem die Beziehung zu den Gleichaltrigen hat im Jugendalter dabei eine große, sozialisatorische Bedeutung.

Mit dem Abschluss der Jugendphase ist nach Erikson eine Abfolge von psychosozialen Krisen durchlaufen, deren Bewältigung Persönlichkeitsstrukturen und damit eine eigene Identität verfestigt. Unterschieden wird dabei noch einmal die "persönliche Identität" als Kontinuität und Konsistenz des Selbsterlebens im Verlauf wechselnder lebensgeschichtlicher und biografischer Umstände und die "soziale Identität" in der Auseinandersetzung mit den Anforderungen verschiedener gesellschaftlicher Einrichtungen und Handlungsfelder (vgl. Hurrelmann 2004, S. 61).

Der Prozess der Identitätsbildung ist nach Hurrelmann sozusagen der "Schlüsselprozess" für die verschiedenen Entwicklungsaufgaben des Jugendalters. >>Unter einer Entwicklungsaufgabe werden die psychisch und sozial vorgegebenen Erwartungen und Anforderungen verstanden, die an Personen in einem bestimmten Lebensabschnitt gestellt werden. Die Entwicklungsaufgaben definieren für jedes Individuum die vorgegebenen Anpassungs- und Bewältigungs- (4) Erik Homburger Erikson (* 15. Juni 1902 bei Frankfurt am Main; † 12. Mai 1994 in Harwich, Massachusetts, USA) war ein bedeutender deutsch-amerikanischer Psychoanalytiker und Vertreter der psychoanalytischen Ich-Psychologie. Bekannt wurde er insbesondere durch das von ihm entwickelte Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung. schritte, denen es sich bei der Auseinandersetzung mit den inneren und äußeren Anforderungen stellen muss<< (Hurrelmann 2004, S. 27 nach Havighurst 1956, 1982). Die vier zentralen Entwicklungsaufgaben im Jugendalter beschreibt Hurrelmann (2004, S. 27f.) wie folgt:

1. Entwicklung einer intellektuellen und sozialen Kompetenz, um selbstverantwortlich schulischen und anschließend beruflichen Anforderungen nachzukommen, mit dem Ziel, eine berufliche Erwerbsarbeit aufzunehmen und dadurch die eigene ökonomische Basis für die selbständige Existenz als Erwachsene zu sichern.
2. Entwicklung des inneren Bildes von der Geschlechtszugehörigkeit, Akzeptieren der veränderten körperlichen Erscheinung, Aufbau einer sozialen Bindung zu Gleichaltrigen des eigenen und des anderen Geschlechts, Aufbau einer heterosexuellen (oder auch homosexuellen) Partnerbeziehung, die in der Regel die Basis für eine Familiengründung und die Geburt und Erziehung eigener Kinder bilden kann.
3. Entwicklung selbständiger Handlungsmuster für die Nutzung des Konsumwarenmarktes einschließlich der Medien und Fähigkeit zum Umgang mit Geld mit dem Ziel, einen eigenen Lebensstil zu entwickeln und zu einem kontrollierten und bedürfnisorientierten Umgang mit den "Freizeit"-Angeboten zu kommen.
4. Entwicklung eines Werte- und Normsystems und eines ethischen und politischen Bewusstseins, das mit dem eigenen Verhalten und Handeln in Übereinstimmung steht, sodass die verantwortliche Übernahme von gesellschaftlichen Partizipationsrollen als Bürger im kulturellen und politischen Raum möglich wird.

Im Jugendalter finden die beschriebenen Prozesse der Identitätsbildung nicht nur statt, sondern kommen auch zu einem zumindest vorläufigen ersten Abschluss, für den in der Regel auch die psychische und soziale Ablösung von den eigenen Eltern ein markantes Kennzeichen ist. Die Bewältigung der Entwicklungsaufgaben bildet dabei gleichzeitig die Basisstruktur für spätere Umformungen und Weiterentwicklungen (vgl. Hurrelmann 2004, S. 30f. nach Seiffge-Krenke 1995).

Die Jugendphase kann in dieser Perspektive als der Lebensabschnitt definiert werden, in dessen Verlauf schrittweise der Übergang von der unselbständigen Kindheit in die selbständige Erwachsenenrolle vollzogen wird (vgl. Hurrelmann 2004, S. 31). Die Erwachsenenphase ist demnach erreicht, wenn die Entwicklungsaufgaben des Jugendalters bewältigt sind und damit eine Selbstständigkeit und Selbstbestimmungsfähigkeit des Individuums erreicht ist. >>Das Erwachsenenalter beginnt, wenn ein Mensch aus der bewegten und unruhigen, sehr dynamischen und teilweise auch unkontrollierten Jugendphase der Persönlichkeitsfindung herausgetreten ist, also eine Art "Sturm- und Drang-Periode" hinter sich und seine Motive, Bedürfnisse und Interessen in eine vorläufige, persönliche Ordnung gebracht hat. Ein solcher "Reifungsprozess" ist Voraussetzung für den Austritt aus dem Jugendalter und damit auch Bedingung, als Erwachsener sozial anerkannt zu sein<< (Hurrelmann 2004, S. 29 nach Erikson 1981).

2.1.6. Modernisierung vs. jugendliche Entwicklungsaufgaben

Nahezu alle Autoren sind sich darüber einig, dass die mit der Modernisierung entstandenen Prozesse der Individualisierung und Pluralisierung einhergehenden Konsequenzen für die Lebensphase "Jugend" einschneidend sind (vgl. u.a. vgl. Hitzler / Bucher / Niederbacher 2005, S. 9). Als schwerwiegendste Folge kann sicherlich die "Selbstbiographiesierung der Jugendphase" genannt werden, die erst­mals von Fuchs beschrieben wurde (nachgewiesen in: Olk / Heitmeyer 1990, S. 23). Sie stützt sich auf den Prozess des Wandels sozialer Kontrollmodi, wodurch sich eine Vielzahl von Wahlalternativen und Entscheidungsspielräumen für den Jugendlichen ergeben. >>Jugendlichen wird vor diesem Hintergrund eine "deutlich höhere Kompetenz zur Eigenverantwortlichkeit zugestanden"<< (Ferchhoff 2007, S. 79). Zusätzlich besitzen sie auch eine breitere Palette von Möglichkeiten für ein Leben in eigener Regie. So können sie heute beispielweise relativ früh soziale Beziehungen aufnehmen und diese gestalten und dabei selbst erproben, welche Art von Beziehungen, Gemeinschaften und Netzwerken für sie geeignet und gut sind. Auch vor allem im Freizeit- und Konsumbereich, bei der Nutzung von Medien und Verbrauchs- oder Genussmitteln, sowie im Bereich politischen und religiösen Handelns und Denkens ist der Spielraum Jugendlicher für selbstbestimmte Verhaltensweisen heute relativ groß. Sie finden hier eine Chancenstruktur vor, die ihnen lebensgeschicht­lich früh breite Entfaltungsmöglichkeiten und Spielräume zur Verfügung stellt.

Es gilt jedoch an dieser Stelle auch, die Kehrseite der Medaille zu betrachten. So müssen sich die Individualisierungs- und Pluralisierungsprozesse durchaus auch einer berechtigten kritischen Betrachtung stellen, denn >>die Anonymisierung und Individualisierung von Lebenswelten bringt neue Chancen, aber auch eine Menge Probleme mit sich<< (Farin 1998, S. 16; vgl. auch Ferchhoff 2007, S. 76f.). Für die beim Aufbau einer kommunikativen Kompetenz erfolgreichen Jugendlichen ergeben sich zwar günstige Bedingungen für Selbstfindungsprozesse und biografische Reflexionen, aber >>viele Jugendliche haben oftmals auch Schwierigkeiten, mit den hohen Anforderungen und Erwartungen, die an die eigene Lebensführung gestellt werden, zurechtzukommen<< (Ferchhoff 2007, S. 80). Wer den vielfältigen Anforderungen von Bildung, Sozialkompetenz und biografischer Selbststeuerung nicht gerecht werden kann, läuft Gefahr, unter den Bedingungen der Herauslösung von Individuen aus ihren traditionellen Lebensformen und konventionellen Moralvorstellungen mit einer selbstbewussten Identitätsbildung zu scheitern.

Die Familie ist dabei nicht mehr die soziale Schutzzone, die sie ursprünglich einmal war, nämlich eine soziale Institution, in der sich Jugendliche auf die Anforderungen der Systeme außerhalb der Familie vorbereiten können. Sie hat heute nur noch eingeschränkt eine erzieherische und sozialisatorische Funktion. Durch das unmittelbare Eindringen der Informations- und Unterhaltungsangebote der Massenmedien wird ihre eigenständige Rolle zusätzlich geschwächt (vgl. Hurrelmann 2004, S. 9). Ob die Individualisierungstendenzen in modernen Gesellschaften für Jugendliche zur Entfremdung und Überforderung oder zur Herausbildung von Einzigartigkeit und Einmaligkeit und zur Sicherung einer unverwechselbaren Identität führen, hängt aber entscheidend von den zur Verfügung stehenden Ressourcen z.B. sozialer und materieller Art ab (vgl. Hurrelmann 2004, S. 55) und diese sind auch in modernen westlichen Gesellschaften ungleich verteilt.

Dabei wird durch die Verlängerung der Schul- und Ausbildungszeiten der Schritt zur ökonomischen Selbständigkeit immer weiter aufgeschoben. >>Es wächst die Zahl der jugendlichen Bevölkerungsgruppen, die trotz aller Bemühungen, Anstrengungen und nachgewiesener Leistungen … den Zugang zu dem Chancenverteiler Arbeitsmarkt nicht mehr oder nur vorläufig … schaffen<< (Ferchhoff 2007, S.83). Misserfolge, Prozesse des Scheiterns und Pro­bleme können den Jugendlichen dabei aufgrund ihrer vorausgegangenen, selbständigen Wahl auch noch persönlich zugeschrieben werden. Desorientierung und zunehmende Integrationsprobleme können aufgrund dessen bei diesen Jugendlichen die Folge sein. >>So gesehen ist bei ihnen zweifelsohne mit einem Anstieg des Problemverhaltens in vielerlei Hinsicht, mit einer Steigerung aus Frust und Stress von Überforderungssymptomen, mit Flucht- und Verdrängungsmechanismen auf verschiedenen Ebenen und mit einer erheblichen Zukunftsunsicherheit zu rechnen<< (Ferchhoff 2007, S. 80).

Individualisierung und Pluralisierung als Erscheinungsformen der Modernisierung sind also ambivalent: Sie bieten neue Freiheiten und Möglichkeiten, können aber auch Angst, Einsamkeit und Perspektivlosigkeit zur Folge haben. Jugendliche sind heute einerseits von traditionellen Bindungen und Anforderungen größtenteils freigesetzt, haben erweiterte Entscheidungschancen und Lebensoptionen erlangt, andererseits jedoch haben sie auch gesellschaftlich "garantierte" Verlässlichkeiten eingebüßt, wie z.B. einen sicheren Übergang von der Ausbildung zum Beruf. Individualisierung und Pluralisierung bergen damit Chancen und Risiken zugleich: Sie machen das Individuum zur zentralen und verantwortlichen Instanz der eigenen Lebensführung – setzten es jedoch auch großen Unsicherheiten aus.

Letztlich ist die Jugendphase mit all ihren aktuellen Merkmalen und Anforderungen als Lern- und Erprobungszeit zu verstehen, in der das Fundament der persönlichen Identität, der beruflich- sozialen Eingliederung und für Zukunftspläne gelegt wird. Die klassische Vorstellung von Jugend als Vorbereitungszeit in einer geregelten Arbeitsgesellschaft löst sich in unserer flexibilisierten Gesellschaft zunehmend auf und produziert ein verändertes Bild der Jugend und des Menschen allgemein. So befinden wir uns in einer epochalen gesellschaftlichen und auch kulturellen Umbruchsituation: Alte Wertvorstellungen und ehemalige Orientierungshilfen verlieren ihre Gültigkeit und Glaubwürdigkeit. Neue sind jedoch noch nicht da und deuten sich in einem Suchprozess allenfalls an (vgl. Hafeneger 2004, S. 20). So wie diese gegenwärtig durch zunehmende Individualisierung, Differenzierung und Pluralisierung, Unübersichtlichkeit und beschleunigten Wandel gekennzeichnet sind, so werden auch jugendliche Lebensstile durch eine rasant ansteigende Vielfalt, soziale Differenziert­heit und schnellen Wechsel bestimmt. Jung sein ist heute offen, länger, pluralisiert und steht nicht mehr für eine einheitliche Lebensweise und Statuspassage.

2.2. Kultur als bestimmte Lebensweise

Nach Hirschbergs "Wörterbuch der Völkerkunde" (2005) existieren an dreihundert verschiedene Definitionen des Kulturbegriffs. Eine vor­ab genauere Bestimmung des in dieser Arbeit verwendeten Kulturbegriffs erscheint also sinnvoll.

Der Begriff "Kultur" leitet sich von dem lateinischen Wort "colere" (zu Deutsch: "pflegen", "hegen", "anbauen") ab. Ursprünglich wurde er zur Bezeichnung des Zwecks der Bodenbearbeitung benutzt, später wurde jedoch auch die Pflege, Ausbildung und Vervollkommnung der menschlichen Fähigkeiten und Anlagen durch "Seelen- und Geistesbildung" mit dem Ausdruck "cultura" bezeichnet. "Cultura" wird zur Benennung der Geistesbildung durch Philosophie, Wissenschaft, Ethik und Kunst gebraucht und bildet eines der wesentlichen Elemente des bürgerlich-humanistischen Kulturbegriffs.

Ein eng ausgelegter Kulturbegriff bezieht sich traditionell auf die so genannten "Schönen Künste". Kultur und Kunst sind hier weitgehend identische Begriffe, wobei sich der Kulturbegriff auf die institutionalisierte Kunst der Theater, Museen etc. beschränkt. Kultur wurde so mit dem Begriff "Hochkultur" gleichgesetzt (vgl. Kordfelder 2000, S. 71).

Seit Anfang der 1970er Jahre gibt es eine Vielzahl neuerer kulturtheoretischer und -pädagogischer Ansätze, denen ein erweiterter Kulturbegriff zugrunde liegt. Diese Ansätze gehen davon aus, dass Kultur mehr impliziert, als den Konsum und das Schaffen von Kunst.

Wegweisender Vertreter der kulturalistischen Schule war Williams (1975). Er greift die Vorstellung von einer "bestimmten Lebensweise" als Kulturbegriff auf, wodurch Kultur im Alltäglichen - so auch in Handlungen und in der Alltagspraxis liegt. Dieser Ansatz hat sich durchgesetzt und Kultur wird nicht mehr nur auf etablierte Institutionen begrenzt. Sie umfasst heute mehr als Oper, Literatur, etablierte Kunst und Theater im herkömmlichen Sinne, sondern hat sich auf Lebensformen verschiedenster Art ausgeweitet. Kultur drückt sich aus in der menschlichen Lebensweise, im Alltag, im Umgang mit anderen Personen oder mit Medien. >>Kultur wird in diesem Zusammenhang gesehen als Ausdruck der inneren Verfasstheit einer Gesellschaft und nicht als Ausdruck "hoher Kunst"<< (Kordfelder 2000, S. 34).

Laut Schwendter ist Kultur >>(…) der Inbegriff alles nicht Biologischen in der menschlichen Gesellschaft. Oder, anders gesagt: Kultur ist die Summe aller Institutionen, Bräuche, Werkzeuge, Normen, Wertordnungssysteme, Präferenzen, Bedürfnisse usw. in der menschlichen Gesellschaft<< (Schwendter 1993, S. 10). Er bezieht sich dabei auf Tyler, der Kultur schon 1924 definiert als >>(…) jenes komplexe Ganze, das Wissen, Kunst, Glauben, Moral, Recht, Brauch und alle anderen Fähigkeiten, die der Mensch als ein Mitglied der Gesellschaft erworben hat, einschließt<< (zit. in Schwendter 1993, S. 10).

Schäfer definiert Kultur folgendermaßen: >>Zur Kultur gehört (...) wie und unter welchen Bedingungen wir arbeiten, gehört die Gestaltung der alltäglichen Umwelt, gehört das Angebot der Massenmedien, gehört die Art und Weise, wie wir uns kleiden, unser Umgangsstil privat und öffentlich. Die Kultur einer Gesellschaft bestimmt die Richtung, die in Wissenschaft und Forschung eingeschlagen wird, wie Medien genutzt werden, Recht gesprochen und Soziales gehandhabt wird<< (Schäfer zit. in Kordfelder 2000, S. 34). Er resümiert den Kulturbegriff dabei ebenfalls unter einem gesellschaftlichen Aspekt: >>In ihrer Kultur spiegelt sich eine Gesellschaft fast unmittelbar wieder. Kultur, das ist (...) wie man lebt<< (Schäfer zit. in Kordfelder 2000, S. 12f.).

Heute wird auch von Wohnkultur, Esskultur oder Fußballkultur gesprochen, wobei sich in Wortverbindungen wie diesen ein Kulturbegriff durchsetzt, für den Kultur die Art und Weise der Lebensführung meint.

In direkter Bezugnahme auf Jugendkulturen berücksichtigt Baacke ähnlich wie Schäfer neben der Distanz zum traditionellen Kulturbegriff auch die Bedeutung der modernen Medien und Trends wie Musik, Mode, Konsum oder Verortungen. >>"Kultur" ist nicht mehr nur der Bestand an Traditionen und geistigen Bildungsgütern, sondern eben ein Lebensraum, der (..) kulturellen Tiefendimension im traditionellen Sinn entbehrt. "Kultur" in den heutigen Jugendkulturen meint (…) die Schaffung von Stilen über Medien, deren "bildender" Gehalt unter Pädagogen eher strittig sein dürfte<< (Baacke 2007, S. 143).

Fend hingegen betont in Bezug auf den Kulturbegriff neben der Ausbildung eigenständiger Verhaltensweisen auch wieder das eher traditionell Künstlerische. Das Kind beschreibt er als kulturell noch unproduktiv, da es sich höchstens an Vorgegebenes angleicht, und beispielweise realistisch malt statt kreativ. Speziell die Jugendzeit hingegen ist seiner Ansicht nach auf Kulturschaffen und Kulturaneignung geradezu ausgerichtet. >>Eine ideale Jugendphase ist (..) vor allem eine Phase intensiven kulturellen Erlebens und die Zeit erster Versuche der künstlerischen Produktion<< (Fend 1991, S. 62).

Auffällig ist, dass Kultur stets in einem sozialen und gesellschaftlichen Zusammenhang erwähnt wird. An diese Definitionen angelehnt, soll "Kultur" in dieser Arbeit als die eine bestimmte Gesellschaft oder Gruppierung kennzeichnende Lebensweise verstanden werden.

2.3. Die Begriffe "Jugendkultur", "Subkultur" und "Szene"

Die Begriffe "Jugendkultur", "Subkultur" und "Szene" werden in der Literatur alle zur Bezeichnung jugendlich etablierter und verbreiteter Gemeinschaftsformen benutzt. Sie werden an dieser Stelle differenziert betrachtet, erläutert und voneinander abgegrenzt.

2.3.1.Die Jugendkultur und ihre Ausdifferenzierungen

Nachdem die "Jugend" in ihrer historischen Entstehung und lebenszeitlicher Spanne, sowie ihre gegenwärtige Bedeutung und Lage analysiert und der Begriff der "Kultur" behandelt wurde, werden die beiden Begriffe nun zusammengeführt. Schon die singulare begriffliche Einführung der Jugend zum Anfang des letzten Jahrhunderts zeigt, dass die ihr zugehörige Gruppe junger Menschen zunächst nur als ein Ganzes betrachtet wurde. Nicht anders verhielt es sich mit der Wahrnehmung einer gemeinsamen Kultur dieser Jugend.

Während der Emanzipation der Jugendzeit von einem "Anhängsel der älteren Generation" zu einer eigenen und krisenhaften Entwicklungszeit setzte Wyneken(5) mit seiner Schrift "Was ist Jugendkultur?" im Jahr 1914 ein Startsignal der Jugendkulturdebatte (vgl. Hafeneger 2004, S. 24). Schon die Bezeichnung "Jugendkultur" deutet darauf hin, dass im Zuge der geschichtlichen Entwicklung ehemalige Traditionen, Gesellungsformen, etc. immer mehr verwischt und in den Hintergrund gedrängt wurden, um allmählich ein neues, eigenes Bild der zu dieser Zeit altersmäßig noch stark begrenzten Zeit der Jugend zu entwickeln.

Wyneken hat dabei vor allem die Schule als wichtigen Ort für die Ausbildung einer eigenen Jugendkultur beschrieben. Hier waren seiner Ansicht nach die Bedingungen für junge Menschen vorhanden, sich von der elitären Kultur der Erwachsenen abzugrenzen und damit ihre eigene Kultur zu schaffen (vgl. Baacke 2007, S. 142). In Bezug auf die Abgrenzung der Jugendlichen von der Erwachsenenwelt schreibt auch Hurrelmann, dass diese mit einer hohen Kontaktdichte unter Gleichaltrigen verbunden ist. Die Ausbildung einer eigenen Jugendkultur sieht er begünstigt, >>je mehr die Jugendlichen exklusiv untereinander verkehren und dadurch eine deutlich von der Erwachsenengesellschaft und ihrer "dominanten" Kultur abgegrenzte Umgangsform pflegen<< (Hurrelmann 2004, S. 50 nach Eisenstadt

(5) Gustav Wyneken (1875 – 1964) war ein bekannter deutscher Pädagoge und Mitarbeiter von Hermann Lietz, einem der maßgeblichen Begründer der deutschen Landschulheimbewegung. Hervorgetreten ist er auch als freier Schriftsteller, der sich ausführlich mit Jugendbildungsfragen beschäftigte (vgl. Baacke 2007, S. 141).

1966). Die Festschreibung dieser Vorgänge auf einen bestimmten Ort wie den der Schule grenzt Hurrelmann aber aus. Wichtig ist ihm hingegen, dass die Jugendlichen eigene Werthaltungen, Zielsetzungen und Verhaltensmuster bilden, die sich von denen der Erwachsenen eindeutig unterscheiden (vgl. Hurrelmann 2004, S. 50 nach Eisen­stadt 1966).

Vor diesem Hintergrund verwundert es heute kaum, dass sich die Vorstellung der Ausbildung einer eigenen Jugendkultur über die Institution der Schule nicht halten ließ, denn >>wer sich in einer Jugendkultur organisiert, orientiert sich gerade nicht an den durch die Schule vermittelten Bildungsgütern, sondern an Maßstäben und Materialien, die außerhalb der Schule produziert werden<< (Baacke 2007, S. 142f.). Auch Schröder / Leonhardt schreiben, dass von einer Jugendkultur als einer Teilkultur der Gesellschaft gesprochen wird, wenn die Gemeinsamkeiten hinsichtlich der Weltanschauung, der Aktivitäten, der Kleidung, der symbolischen Handlungen, der Sprache und anderer Elemente eines Lebensstils zu einem Zugehörigkeitsgefühl führen, welches nicht ortsgebunden ist (vgl. Schröder / Leonhardt 1998, S. 17).

Obwohl der Jugend in den Anfängen der Jugendkulturdebatte erstmals eine eigene Stellung im Leben, ein eigener Lebensstil und damit auch eine eigene Kultur zugesprochen wurde (vgl. Ferchhoff 2007, S. 35), so galt diese doch einige Zeit für alle Angehörigen der damaligen Jugend gleichermaßen (vgl. Müller-Bachmann 2002, S. 41). Wie im nächsten Abschnitt zur Geschichte der Jugendkulturen deutlich werden wird, bildeten sich jedoch bald ganz unterschiedliche Formen jugendlicher Lebensweisen, so dass von der einzigen Jugendkultur schon bald nicht mehr gesprochen werden konnte. Ebenso wie sich mit der Zeit potentielle Wahlmöglichkeiten in nahezu allen Lebensbereichen pluralisiert haben, so hat diese Entwicklung auch vor den Jugendkulturen nicht Halt gemacht. So entstehen Jugendkulturen bis heute immer wieder neu innerhalb von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die sich ihrerseits stetig verändern (vgl. Janke / Niehues 1995, S. 10).

Den internen Zusammenhalt einer Jugendkultur hat Hebdige mit der Homologie des Stils erklärt (vgl. Hebdige in Menrath 2001, S. 89). Die Homologie ist dabei eine Art innere Gleichheit zwischen den Situationen einer Gruppe und den von ihr verwendeten symbolischen Objekten. Die Mitglieder einer Jugendkultur können daher unterein­ander leichter kommunizieren und interagieren als mit "Außen­stehenden", weil sie sich an weitgehend übereinstimmenden Situationsdefinitionen orientieren und in ihren sozialen Beziehungen bestimmten, intern identischen Handlungskonventionen folgen. Durch die jeweilige Übernahme vorgegebener Wirklichkeitsinterpretationen und Handlungsregeln grenzen sie ihre Lebensweise von anderen Lebensweisen unter dem Aspekt der Kultur ab. Eine solche Praxis der Ausgrenzung bezeichnet Dracklé als Kulturalisierung (vgl. Drack­lé in Menrath 2001, S. 107).

Die Angehörigen einer Jugendkultur teilen also bestimmte Einstellungen, Handlungs- und Umgangsweisen, wobei es nach einem "Eintritt" in die jeweilige Jugendkultur, für den zunächst das entsprechende Interesse ausreicht, auch darum geht, >>(…) persönliche, keineswegs nur sozial abgeleitete Erfahrungen zu machen, Wissen zu sammeln und Fertigkeiten zu erlernen<< (vgl. Hitzler / Bucher / Niederbacher 2005, S. 23).

Dabei spiegeln Jugendkulturen aufgrund ihrer Zeitbezogenheit auch immer die sozialen Erfahrungen, Befindlichkeiten und Entwicklungsaufgaben der jeweils "neuesten Jugend" wider. >>Sie verweisen zeitbezogen auf individuell und sozial bestimmte Strategien des "Eintauchens", der Wirklichkeitsinterpretation und –verarbeitung von Jugendlichen<< (Hafeneger 2004, S.24). Hurrelmann bezeichnet Jugendliche in diesem Zusammenhang gar als >>(…) "gesellschaftliche Seismographen" (..), die in sensibler Weise auf die sich abzeichnenden gesellschaftlichen Entwicklungen eingehen<< (Hurrelmann 204, S. 8). Damit sollten Jugendkulturen immer auch Teil zeitbezogener Gegenwarts- und Wirklichkeitsforschung sein, denn sie reflektieren ihre Zeit und helfen damit, Gegenwart und Wirklichkeit aus ihrer Perspektive verstehen zu können.

2.3.2. Der Subkulturbegriff

Neben dem Begriff der Jugendkultur existiert in der Literatur außerdem auch oftmals der der Subkultur. Vor allem in den 1970er Jahren tritt der Begriff der Subkultur mehrfach an die Stelle der bis dahin noch so bezeichneten jugendlichen "Teilkultur" (vgl. Rohmann 1999, S. 11).

Das theoretische Konstrukt "Subkultur" entstammt der angloamerikanischen Soziologie und Kulturanthropologie und findet dort vor allem in den 20er, 30er und 40er Jahren in der entsprechenden wissenschaftlichen Diskussion und Literatur Verwendung. Es wird zur Beschreibung und Analyse von Handlungssystemen mit Werten, Verhaltensmuster, Einstellungen, Normen, Ritualen, Ausdrucksformen und Symbolen verwendet, die von einer Menschengruppe mit bestimmten Eigenschaften (z.B. Alter, Geschlecht, Ethnie, Religion, Status usw.) praktiziert und anerkannt werden und von der "herrschenden" Kultur mehr oder weniger abweichen, bzw. ein Eigenleben führen (vgl. Griese 2000, S. 18). Die Entstehung von Subkulturen wird dabei mit dem komplexer werden, der Ausdifferenzierung, dem Anpassungsdruck und dem sozialen Wandel in der Gesellschaft wie Arbeitsteilung, Schichtstruktur, Integrationsmechanismen, etc. beschrieben (vgl. Griese 2000, S. 18).

"Sub" ist dabei die lateinische Bezeichnung für "unter". So scheint es sich bei einer Sub kultur in erster Linie um kulturelle Sphären zu handeln, die unterhalb einer "Hochkultur" liegen und jeweils einem eher "unteren" Bereich zugehörig sind. Ähnlich stellt sich auch folgende Definition von Menrath dar: >>Im Kontakt von unterschiedlichen Kulturen entstehen die Grenzen zwischen ihnen, ihr Verhältnis wird ausgehandelt. Wenn dabei ein Machtgefälle etabliert wird, bezeichnet man in der Wissenschaftssprache die untergeordnete Kultur als "Subkultur"<< (Menrath 2001, S. 85f.). Hurrelmann beschreibt Subkultur als ein von der vorherrschenden Kultur abweichendes Muster von Werten, Normen und Verhaltensweisen, das deutlich als Modifikation oder sogar Gegenposition zur Gesamtkultur erkennbar ist (vgl. Hurrelmann 2004, S. 132). Griese betont in diesem Zusammenhang, das der Begriff der Subkultur wertfrei zu verwenden sei, da es sich >>(…) um eine Eigen- bzw. Sonderkultur handelt, nicht um ein Handlungssystem mit niedrigen oder negativ zu bewertenden Symbolen und Verhaltensmustern<< (Griese 2000, S. 18).

Dennoch unterstellt der Ausdruck "Sub kultur", dass die Gesellschaft in verschiedener Weise "von oben nach unten"geschichtet ist. Er setzt damit eine hierarchische Ordnung voraus, die heute aber empirisch kaum noch vorfindbar ist (vgl. Baacke 2007, S 135). Vor allem in englischen Studien wurde laut Hurrelmann mehrfach auf die starke Verbreitung von jugendlichen Subkulturen hingewiesen, die meist als Vereinigung von am Rande der Gesellschaft stehenden Individuen dargestellt wurden. Jugendliche Subkulturen entfalten sich demnach vor allem in einem Leerraum gesetzlicher oder gesellschaftlicher Erwartungen und gestalten diesen nach eigenen Prinzipien aus, die sich gegen die Gesellschaftsnorm richten (vgl. Hurrelmann 2004, S. 132 nach Brake 1981).

Vor allem die heutigen Jugendkulturen lassen sich nicht mehr in derartige Raster einfügen. Baacke (2007, S. 133 f.) stellt diesbezüglich vier Begründungen zusammen, aus denen heute nicht mehr von "Subkultur" die Rede sein sollte:

1. Der Ausdruck "Subkultur" suggeriert, es handele sich um kulturelle Sphären, die unterhalb der akzeptierten, elitären Kultur liegen – von teilweise zweifelhaftem Wert und jedenfalls einem irgendwie "unteren" Bereich zugehörig. Diese Deutung entspricht nicht den Tatsachen … und sollte vermieden werden.
2. … Darüber hinaus legt der Begriff nahe, es handele sich um Teilsegmente der Gesellschaft, die exakt auszudifferenzieren sind. … Die Fülle von Übergängen zur "Gesamtkultur" einerseits, der Anspruch an gleichgewichtige Legitimierungen andererseits läßt es [aber] nicht geraten sein, weiterhin von "Subkultur" zu sprechen.
3. Die "Subkultur"-Theorien gehen jeweils davon aus, daß [sic] die einzelnen Subkulturen präzise lokalisierbar seien (in einer bestimmten sozialen Schicht, in einer bestimmten politischen Grundhaltung etc.). Das ist nur begrenzt haltbar, wie das Beispiel der Punks schnell zeigt: … Es handelt sich um kulturelle Gruppierungen, die sich international ausbreiten und unter dem gleichen Erscheinungsbild ganz unterschiedliche Formen von Selbstständigkeit und Abhängigkeit ausagieren. …
4. Obgleich es "Subkulturen" gibt, die relativ selbständig sind und versuchen, alternative Netzwerke aufzubauen, gilt dies keineswegs generell. …

Obwohl jugendkulturelle Formen trotzdem auch heute noch teilweise als Sub kulturen bezeichnet werden, wird der Begriff immer seltener benutzt und ist weitgehend durch den Begriff Jugend kulturen ersetzt worden (vgl. Baacke 2007, S. 125), wie er auch im weiteren Verlauf dieser Arbeit verwendet wird. Unabhängig von dieser Entscheidung findet sich in Zitaten und in sinnentsprechenden Wiedergaben von Textpassagen anderer Autoren auch der Begriff der Subkultur an der einen oder anderen Textstelle wieder. Er wird in diesen Fällen aber lediglich in dem Verwendungskontext benutzt, in dem ein Autor oder eine Autorengruppe ihn benutzt hat.

2.3.3. Der Begriff der Szene

U.a. bei Hitzler / Bucher / Niederbacher (2005) wird statt des Begriffs der Jugendkultur der der Szene gebraucht. "Szene" - abgeleitet von der Wand des antiken griechischen Theaters, vor der die Schauspieler auftraten (griechisch: "skené"), bezeichnet ursprünglich eine Einheit des Dramas, nämlich die in Auf- und Abtritte gegliederten Untereinheiten von Akten. Jugendliche Szenen verstehen sich in weitläufiger Anlehnung daran im Sinne eines thematisch fokussierten sozialen Netzwerkes. Jede Szene hat ein zentrales Thema, auf das die Aktivitäten der Szenegänger hin ausgerichtet sind (vgl. Hitzler / Bucher / Niederbacher 2005, S. 20).

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Details

Seiten
189
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783836638807
Dateigröße
1.7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v227392
Institution / Hochschule
Universität Kassel – Sozialwesen, Sozialpädagogik
Note
1,7
Schlagworte
jugendkultur hiphop jugendarbeit jugend pädagogik

Autor

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Titel: HipHop in Deutschland