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Marokkanische Migranten in Deutschland im Spannungsfeld von Integration und Tradition

Diplomarbeit 2010 132 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sozialdemografische Daten

3. Migration
3.1 Phasen der Migration
3.2 Formen der Migration
3.2.1 Fluchtmigration
3.2.2 Arbeitsmigration
3.2.3 Heiratsmigration
3.2.4 Bildungsmigration
3.2.5 Familiennachzug

4. Integration
4.1 Die vier Hauptdimensionen von Integration
4.2 Das deutsche Zuwanderungsgesetz (2005)
4.3 Das Modell der intergenerationalen Integration nach Esser
4.4 Islam und Moderne – ein Antagonismus?

5. Kultur
5.1 Eine Definition
5.2 Das Eisbergmodell von Kultur
5.3 Der Kulturschock
5.4 Die drei Dimensionen der Kultur
5.5 Religion als kulturelles System

6. Tradition in Marokko
6.1 Eine allgemeine Definition von Tradition
6.2 Marokko – eine Vorstellung von Land und Leuten
6.3 Traditionelle Mythen in der Aufnahmegesellschaft
6.3.1 Marokkanische Muslime trinken keinen Alkohol
6.3.2 Ehrenmorde sind islamische Tradition
6.3.3 Das Tragen des Kopftuchs ist ein Zeichen der religiösen Unterdrückung muslimischer Frauen
6.3.4 Alle marokkanischen Muslime halten Ramadan
6.3.5 Marokkanische Muslime essen kein Schweinefleisch

7. Die empirische Untersuchung
7.1 Der Fragebogen als empirisches Erhebungsinstrument
7.2 Durchführung der Untersuchung
7.3 Grundauswertung der Befragungsergebnisse
7.4 Vergleich der Untersuchungsergebnisse mit den theoretischen Vorüberlegungen
7.5 Vergleich der ersten, mit der zweiten und dritten Migrantengeneration

8. Fazit

I Literaturverzeichnis

II Abbildungsverzeichnis

III Anhang
1. Das Anschreiben
2. Der Fragebogen
3. Die Grundauswertung

IV Erklärung

„Der Pass ist der edelste Teil von einem Menschen.

Er kommt auch nicht auf so einfache Weise zustande wie ein Mensch.

Ein Mensch kann überall zustande kommen, auf die leichtsinnigste Art

und ohne gescheiten Grund, aber ein Pass niemals.

Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist,

während ein Mensch noch so gut sein kann

und doch nicht anerkannt wird…

Man kann sagen, der Mensch ist nur der mechanische Halter des Passes.“

Bertold Brecht – Flüchtlingsgespräche 1940/41

1. Einleitung

„Es mag chauvinistisch klingen - Deutschland den Deutschen -. Aber es soll nicht chauvinistisch sein, und es steckt in diesen Worten eine Wahrheit, deren Verkennung sich bitter rächen wird, falls die Zuwanderung im gleichen Tempo weitergeht. Lassen wir ausländische Arbeiter in demselben Maße nach dem Belieben der Unternehmer zu, so gehen wir ernster Gefahr entgegen. Denn die Vermischung mit all diesen fremden Elementen kann für die Reinheit der germanischen Stämme nur verhängnisvoll sein. Möge die Vorsehung Deutschland davor bewahren, seine eigenen Landeskinder zugunsten fremder Staatsangehöriger verkümmern zu sehen.“ (Herbert 2003: 29f.)

Dieses Zitat stammt aus dem Jahre 1919 von dem Leipziger Professor Stieda, welches bereits die Wichtigkeit der Ausländerpolitik zu dieser Zeit verdeutlicht. Ausländerpolitik und Migration sind keine neuzeitigen Erscheinungen, sondern behandeln eine Thematik, mit der sich die Menschen seit weit über 100 Jahren beschäftigen.

Besonders aktuell wurde dieses Thema Mitte der 50er Jahre zu Zeiten des Wirtschaftswunders, als Deutschland dringend Arbeitskräfte zum Wiederaufbau des Landes benötigte. Das erste Anwerbeabkommen wurde zwischen Italien und Deutschland geschlossen. Die italienischen Arbeitskräfte dienten Unternehmern als mobile Reserve. Neben einigen anderen Ländern wurde im Zuge der Gastarbeiterperiode 1963 ein Anwerbeabkommen mit Marokko geschlossen. „Was als „mobile Reservearmee“ (Historiker Ulrich Herbert) angelegt war, die Engpässe stopfen sollte, ohne das deutsche Sozialsystem dauerhaft zu belasten, wandelte sich bald in eine Schar von Dauergästen. 1960 lag der Ausländeranteil an der Bevölkerung noch bei 1,2 Prozent. Bis 1970 stieg er auf 4,9 Prozent an.“ (IntQ 1: Hamburgisches WeltWirtschaftsInstitut gGmbH)

Im November 1973 folgte der Anwerbestopp, begründet durch die Wirtschafts- und Energiekrise. Dies war für die Regierung ein willkommener Anlass, da ihr Interesse in der Zurückführung der Gastarbeiter in ihr Heimatland lag. Wie erwartet sank die Zahl der erwerbsfähigen Ausländer von 1973 bis 1979 auf insgesamt 1,8 Millionen, allerdings hielt sich die Zahl der ausländischen Wohnbevölkerung konstant, bzw. schnellte in den kommenden Jahren sogar rapide in die Höhe. Max Frisch (1975: 189) beschrieb dieses Phänomen sehr treffend: „Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kommen Menschen.“

Die marokkanische Bevölkerung in Deutschland wuchs hauptsächlich durch diese Familienzusammenführung, denn im Vergleich zu anderen Zuwanderergruppen liegt die Rückwanderungsquote bei marokkanischen Gastarbeitern eher niedrig. Die Familienzusammenführung marokkanischer Migranten, als Grund der wachsenden marokkanischen Bevölkerung in Deutschland, war bis Ende der 1980er Jahre weitgehend abgeschlossen und die Familiengründung rückte in den 1990er Jahren in den Fokus. (vgl. IntQ 1)

Nach diesem kurzen geschichtlichen Rückblick werden im folgenden Kapitel die sozialdemografischen Daten von marokkanischen Migranten in Deutschland vertiefend behandelt. Weitere theoretische Inhalte im Rahmen dieser Arbeit beziehen sich auf die einzelnen Aspekte der Migration, Integration und Kultur. Dem folgen ein Kapitel hinsichtlich marokkanischer Traditionen und die Erläuterung einiger, in der Aufnahmegesellschaft vorherrschender, traditioneller Mythen. Da in der Theorie die marokkanische Diaspora in Deutschland nur wenig behandelt wurde, enthält der Hauptteil dieser Arbeit eine empirische Erhebung, die mithilfe eines Fragebogens durchgeführt wurde. Geprüft werden sollen hier die eher allgemein gehaltenen theoretischen Vorüberlegungen hinsichtlich ihrer Übertragbarkeit auf die marokkanische Diaspora. Neben der Grundauswertung liegt ein besonderes Augenmerk liegt auf dem Vergleich zwischen den Ergebnissen der Untersuchung und den theoretischen Vorüberlegungen sowie der Gegenüberstellung der Migrantengenerationen. Abschließend soll in einem Resümee das Erarbeitete zusammengefasst werden.

Ziel dieser Arbeit ist es im Rahmen der empirischen Erhebung, unter Bezugnahme der theoretischen Überlegungen zu prüfen, ob ein Spannungsfeld von Integration und Tradition der marokkanischen Diaspora in Deutschland besteht und wenn ja, welche Bereiche dieses betrifft. Als Methode der empirischen Erhebung soll ein Fragebogen anhand der theoretischen Vorüberlegungen entwickelt und ausgewertet werden.

2. Sozialdemografische Daten

Zum Zeitpunkt des Anwerbestopps 1975 lebten ca. 22.400 Marokkaner in Deutschland.

Derzeit lebt ca. jeder zehnte Marokkaner außerhalb Marokkos. 85% dieser Gruppe haben sich in Europa niedergelassen, wodurch sie nach den Türken die zweitgrößte Gruppe von Migranten in der Europäischen Union darstellen.

Neben Frankreich, das durch die ehemalige Kolonialmacht zum wichtigsten Zielland geworden ist, zeigen sich auch, wie in Abbildung 1 zu sehen ist, große Migrantengruppen in den Niederlanden, Belgien und Deutschland, was auf die Gastarbeiterperiode und den damit verbundenen Familiennachzug zurückzuführen ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 Die wichtigsten europäischen Aufnahmeländer marokkanischer Migranten (IntQ 2: European University Institute)

Wie man Abbildung 1 entnehmen kann, sind auch Italien und Spanien wichtige Zielländer marokkanischer Migranten, allerdings vorwiegend derer der irregulären Migration. 600.000 Marokkaner hielten sich 2006 offiziell in Spanien auf was bedeutet, dass Spanien Frankreich in naher Zukunft als wichtigstes Aufnahmeland überholen wird. „Eine Auswanderung Qualifizierter findet darüber hinaus in die USA (2004: 100.000) und nach Kanada (77.713) statt. Außerdem sind arabische Länder Ziel, darunter die Nachbarländer Algerien (2004: 79.790) und Tunesien (25.637) sowie Libyen (120.000) und Saudi-Arabien (27.830). Deutschland stand 2004 als Aufnahmeland regulärer marokkanischer Migranten insgesamt auf dem 6. Platz.“ (Schüttler 2007: 3) Wie Abbildung 1 zu entnehmen ist, lebten laut marokkanischem Konsulat 2004 circa 102.000 Marokkaner in Deutschland. Im Gegensatz dazu wurden 2005 im Ausländerregister der Bundesrepublik Deutschland nur noch 71.639 Marokkaner geführt. Dieser deutliche Rückgang lässt sich dadurch erklären, dass die marokkanischen Konsulate, im Gegensatz zu dem deutschen Ausländerregister, auch die Marokkaner mit deutschem Pass zählen, da laut marokkanischem Recht die marokkanische Staatsbürgerschaft nicht abgelegt werden darf. Folglich liegt der Grund nicht in einer verstärkten Abwanderung sondern in der Einbürgerung marokkanischer Migranten in Deutschland. Statistisch gesehen stellen die Marokkaner die Gruppe mit den meisten Einbürgerungsanträgen dar, wie in Abbildung 2 zu sehen ist. Hieraus erkennt man die Tendenz zum langfristigen Aufenthalt in Deutschland, der im Jahr 2005 durchschnittlich 14 Jahre betrug.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2 Einbürgerungen von Marokkanern in Deutschland

(Statistisches Bundesamt 2005)

Zu Zeiten der Gastarbeiterperiode stammten die marokkanischen Migranten vorwiegend aus ländlichen Gebieten im Norden Marokkos, z. B. Nador und hatten einen niedrigen Bildungsstand. Zu dieser Zeit verzichtete man auf Arbeiter aus anderen Regionen Marokkos, da den Arbeitgebern eine höchstmögliche Homogenität sehr wichtig war, um Streitigkeiten zwischen Marokkanern aus verschiedenen Teilen des Landes vorzubeugen. Die Sozialstruktur der Marokkaner in Deutschland wandelte sich in den 90-er Jahren vom Arbeits- zum Bildungsmigrantentum. Hierdurch veränderte sich auch das Herkunftsmilieu. Immer weniger Migranten aus ländlichen Regionen Marokkos immigrierten, sondern zunehmend Marokkaner aus städtischen Regionen zog es nach Deutschland. Laut des Hochschul-Informations-Systems standen die marokkanischen Studenten 2005 auf Platz sieben der wichtigsten Herkunftsländer ausländischer Studenten. Neben den marokkanischen Studierenden stieg auch, nach dem Anwerbestopp 1975, die Zahl der erwerbslosen Migranten. Zurückzuführen ist dies zum einen auf weggefallene Arbeitsplätze im Zuge des Anwerbestopps, zum anderen auf die Familienzusammenführungen ab ca. 1973. So liegt auch der Spiegel marokkanischer Frauen in Deutschland mit 40%, gemessen an der marokkanischen Gesamtbevölkerung in Deutschland, im Gegensatz zu anderen Migrantengruppen ungewöhnlich hoch. Der Anteil der berufstätigen marokkanischen Frauen in Deutschland liegt innerhalb dieser Gruppe bei 27,07%. „Mitte 2005 waren 20.415 Marokkaner sozialversicherungspflichtig und 8.541 geringfügig entlohnt beschäftigt. 7.591 waren arbeitslos gemeldet.“ (ebenda: 10) Die Altersstruktur der marokkanischen Migranten zeigt laut Abbildung 3 einen deutlichen Anstieg bei den 18 bis 35-jährigen, was, wie bereits oben erwähnt, auf die seit den 90-er Jahren deutlich gestiegene Zahl marokkanischer Studierender hinweist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3 Altersstruktur der marokkanischen Migranten in Deutschland 2005 (Statistisches Bundesamt)

Die Anzahl der unter 18-jährigen ist laut Statistischem Bundesamt auf die Familienzusammenführung zurückzuführen und spiegelt die Gruppe der Migranten der zweiten Generation wieder. Aufgrund der Gastarbeiterperiode fand der überwiegende Teil marokkanischer Migranten ihre neue Heimat in Nordrhein-Westfalen, nicht zuletzt durch die Steinkohleindustrie im Ruhrgebiet. Wie in Abbildung 4 zu sehen ist, besteht NRW als Hochburg neben Hessen zwar immer noch, aber die natürliche Verteilung auf die übrigen Bundesländer gelingt, auch wegen der vielen Universitätsstandorte in Deutschland. (vgl. ebenda: 11)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4 Verteilung der marokkanischen Migranten auf die Bundesländer

Stand: 31.12.2005 (Statistisches Bundesamt nach Ergebnissen des Ausländerzentralregisters (für Berlin und Hamburg Auswertung des Melderegisters der Statistischen Landesämter), 2006)

„Fast die Hälfte der Marokkaner verteilt sich jedoch nach wie vor auf nur zehn Städte, darunter Frankfurt am Main (2005: 6.663), Düsseldorf (5.367), Dortmund (3.263) und Köln (2.629), sowie Bonn, Wiesbaden, Wuppertal, Offenbach, Essen und Rüsselsheim.“ (ebenda: 12)

Die Darstellung der sozialdemografischen Daten zeigte auf, dass die marokkanische Diaspora in Deutschland eine schnell wachsende Gemeinde darstellt, die ursprünglich als Arbeitsmigranten, mit der Tendenz zu einem langfristigen Aufenthalt, wanderten, was sich jedoch in den 90-er Jahren vom Arbeits- zum Bildungsmigranten wandelte.

3. Migration

„Migration (lat. migratio: Wanderung) kann als ein Prozess der räumlichen Versetzung des Lebensmittelpunkts, also einiger bis aller relevanten Lebensbereiche, an einen anderen Ort, der mit sozialen, politischen und/oder kulturellen Grenzerfahrungen einhergeht verstanden werden. Die Grenzerfahrungen beziehen sich neben den räumlichen auf komplexe persönliche/psychische Aspekte, sodass ein Migrationsprozess nicht nur die Überwindung geografischer Distanzen, sondern eine außerordentliche psychosoziale Leistung bedeutet und sich über einen langen Zeitraum hinziehen kann.“ (Oswald 2007: 13f.)

Wie man der Definition entnehmen kann, lässt sich der Begriff Migration in drei wesentliche Kernbereiche gliedern:

1. den Ortswechsel – hierbei handelt es sich um räumliche Aspekte, wie beispielsweise die Binnenmigration oder die internationale Migration, was mit einem Überschreiten einer Ländergrenze und/oder transkontinentalen Wanderungen einhergeht. Dieser Ortswechsel sollte bei der internationalen Migration auf eine Dauer von mindestens sechs Monaten angelegt sein, um von Migration sprechen zu können.

2. die Veränderungen des sozialen Beziehungsgeflechtes – was bedeutet, dass Migranten ihre gewohnte Umgebung verlassen und sich auf etwas Neues, Unbekanntes einlassen. „Migration bedeutet nicht nur seine Heimat bzw. sein Geburtsland zu verlassen, sondern ebenfalls vertraute – auch stützende Systeme hinter sich zu lassen und sich in Neue hineinzufinden.“ (IntQ 3: Evangelische Fachhochschule Darmstadt)

Migration wird von Lanfranchi (vgl. ebenda) u.a. als ein aktiver Schritt zur Problembewältigung angesehen. Dabei sind Migranten bereit, sich auf Neues einzulassen und Risiken einzugehen.

3. die Grenzerfahrungen – hiermit ist nicht nur die Überschreitung einer Ländergrenze sondern es sind vor allem die damit verbundenen psychosozialen Aspekte gemeint.

Ein wesentlicher Unterschied besteht darin, ob ein Mensch freiwillig sein Geburtsland verlässt, um beispielsweise in einem anderen Land zu studieren oder ob die Migration erzwungen wurde, wie dies beispielsweise bei Flucht oder Vertreibung aus dem Heimatland der Fall ist.

In Hinblick auf die psychosozialen Faktoren und ob man von einer gelungenen Migration sprechen kann, spielt die gelungene Bewältigung der verschiedenen Phasen der Migration eine große Rolle. Lanfranchi (vgl. ebenda) spricht in diesem Zusammenhang von einem komplexen Prozess des Aushandelns und der Anpassung, in welchem die Migranten prüfen, welche Aspekte sie aus ihrer alten in die neue Kultur überführen können und welche der neuen Kultur sie übernehmen sollten. Er betrachtet diesen Prozess in einem Phasenmodell, welches im Folgenden erläutert wird. (vgl. ebenda)

3.1 Phasen der Migration

Migration ist eine Erfahrung, "in der sich ein Individuum oder eine Familie auf eine Reise durch viele Phasen begibt und sich eine neue Heimat schafft." (von Wogau u.a. 2004: 46) Für Lanfranchi ist das Hauptziel die Integration in die neue Gesellschaft, bei der Teile der alten Gesellschaft übernommen werden.

Die erste Phase beschreibt die Vorbereitung auf den tatsächlichen Migrationsakt.

Typisch für diese Phase sind Überlegungen der potenziellen Migranten hinsichtlich der Entscheidung, ob Migration oder nicht. Haben sich die Menschen zur Migration entschieden, versuchen viele Migranten den Verlust bzw. den Gewinn der Wanderung einzuschätzen, was ihnen in diesem Moment zu einem Gefühl der Sicherheit verhilft.

Oft sind Migranten in dieser Phase von Schuldgefühlen geplagt, da sie häufig Angehörige in ihrem Heimatland zurücklassen und sich um ihr Wohl sorgen. Im Falle der Flucht können diese Überlegungen nur selten getroffen werden und die Betroffenen erleiden aufgrund der immensen psychischen und physischen Überforderung häufig einen Schock.

Die zweite Phase ist gekennzeichnet durch die Ankunft im neuen Land, bei der zu Anfang häufig Euphorie vorherrscht, die sich dann allerdings in vielen Fällen in Verwirrung umwandelt. Zu Beginn sehen die Migranten, wie Verliebte, alles durch eine rosarote Brille, was sich schlagartig ändern kann, wenn erste Differenzen auftreten, was dann häufig zu besagter Verwirrung führt. Der Migrant beginnt kulturelle Gemeinsamkeiten zu erforschen und prüft mitgebrachte Verhaltensweisen und Werte auf Brauchbarkeit und Akzeptanz in der Aufnahmegesellschaft. Durch diese Verwirrung und Überflutung mit Neuem fühlen sich die Migranten in dieser Phase oft sehr hilflos und Gefühle der Trauer, Angst und Sehnsucht herrschen vor. Diese Gefühle lassen den Migranten sehr verwundbar gegenüber seiner Umwelt werden, was dazu führt, dass positive aber vor allem negative Erfahrungen in der neuen Gesellschaft sehr intensiv erlebt werden und prägend für zukünftige Interaktionen sind. Die Sehnsucht nach dem Heimatland beziehungsweise die Einsamkeit im Ankunftsland lässt den Migranten Angehörige derselben ethnischen Gruppe suchen und stärkt den Kontakt zu ihnen.

Die dritte Phase bezeichnet Lanfranchi als Phase der Dekompensation beziehungsweise als Phase der Aufarbeitung. Diese Phase gestaltet sich für die Migranten sehr schwierig, da eine neue Rollenaufteilung gefordert wird. Kennzeichnend sind Depression und Identitätskrisen bei mangelnder Integrationsmöglichkeit und eine ausgeprägte Idealisierung der eigenen Kultur. So schwierig diese Phase für Migranten auch sein mag, kann sie doch zu erheblichen Entwicklungsschritten führen.

Die vierte und letzte Phase beschreibt die Reorganisation im Ankunftsland.

Der Trauerprozess dauert noch an, beeinflusst allerdings die Handlungsfähigkeit nicht mehr so stark. Eine realistische Sichtweise beider Kulturen ist möglich, wodurch, nach detaillierter Überprüfung, ein teilweises Verschmelzen mit der neuen Kultur möglich geworden ist. Im Vordergrund stehen das Fußfassen in der Arbeitswelt sowie der Aufbau und Erhalt stabiler Beziehungen sowohl zum Herkunfts- als auch im Ankunftsland. (vgl. ebenda: 46ff)

3.2 Formen der Migration

Im Folgenden werden die unterschiedlichen Formen der Migration näher erläutert. Generell unterscheidet man drei Migrantengenerationen. Migranten der ersten Generation sind selbst zugewandert, wohingegen Migranten der zweiten Generation keine eigene Migrationserfahrung haben, sondern deren Eltern. In der dritten Generation sind weder die Person selbst, noch die Eltern zugewandert sondern die Großeltern. (vgl. IntQ 4: Konsortium Bildungsberichterstattung) Die Hauptgründe für Migration sind der Schutz vor Verfolgung (Fluchtmigration) und die Verbesserung der wirtschaftlichen Lebensverhältnisse (Arbeits-, Bildungsmigration). Diese These spiegelt sich auch in der Push- und Pull-Theorie wieder, wobei die Migrationsforschung davon ausgeht, dass Menschen aus ihrem Heimatgebiet weggeschoben werden und gleichzeitig von anderen Gebieten angezogen oder angesogen werden. Die Gründe für Push- und Pull-Faktoren sind vielfältig. Als Beispiel für Push-Faktoren sollen wirtschaftliche und/oder soziale Probleme angeführt werden, wie beispielsweise Arbeitslosigkeit, geringeres Einkommen, Armut oder Diskriminierung. Pull-Faktoren sind auch häufig wirtschaftlicher und/oder sozialer Natur. Allerdings beschreiben diese die Vorteile des Aufnahmelandes. Menschen werden vom Aufnahmeland angesogen, da sie sich beispielsweise Sicherheit, einen Arbeitsplatz, bessere Bildungsmöglichkeiten und/oder Frieden versprechen. (vgl. Laube et al. 2009: 117f.)

3.2.1 Fluchtmigration

Laut der Genfer Flüchtlingskommission ist ein Flüchtling eine Person, die "… aus der begründeten Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung sich außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt, und den Schutz dieses Landes nicht in Anspruch nehmen kann oder wegen dieser Befürchtungen nicht in Anspruch nehmen will ...“ (Abkommen über die Rechtsstellung der Flüchtlinge von 1951 / Genfer Flüchtlingskonvention) (IntQ 5: UNHCR)

Nicht gerecht wird diese Definition den gegenwärtigen Ursachen von Flucht. Diese sind sehr vielschichtig und zentrale Bedingungen gegenwärtiger Fluchtbewegungen sind nach Gugel: „koloniale Hinterlassenschaften wie willkürlich gezogene Staatsgrenzen, inner- und zwischenstaatliche Kriege, ethnische und religiöse Konflikte, Diktaturen, von hohem Bevölkerungswachstum genährte Massenarmut und schließlich Konsequenzen der Umweltzerstörung (insbesondere Umweltkatastrophen, Vergiftung von Luft und Wasser, Verödung und Verwüstung von Land).“ (Mecheril 2004: 38f.)

Die Flüchtlinge sind den Gesetzesvorgaben des Aufnahmelandes unterstellt, was im konkreten Fall für Deutschland bedeutet, dass, bis sie ihren Asylantrag gestellt haben, in Gemeinschaftsunterkünften auf sechs Quadratmetern privatem Raum mit bis zu zehn weiteren Personen in einem Zimmer leben und keine Freizügigkeit genießen. Im Klartext bedeutet dies, dass die Flüchtlinge bis zur Annahme des Asylantrages an die Kommune gebunden sind, der sie bei ihrer Einreise zugewiesen werden. Besonders die Lebensbedingungen in den Sammelunterkünften, die oft humanitären Standards nicht entsprechen, bringen erhebliche psychosoziale Gesundheitsprobleme seitens der Flüchtlinge mit sich. Hier soll ein Exempel statuiert werden, indem man den Flüchtlingen keine Eingliederungsangebote unterbreitet und sie in prekären Verhältnissen hausen lässt, da die deutsche Politik die Eingliederung von Flüchtlingen nicht als gesellschaftspolitische Aufgabe anerkennt. (vgl. ebenda: 38ff.)

3.2.2 Arbeitsmigration

Wie bereits in der Einleitung erwähnt, wurde das Anwerbeabkommen mit Marokko 1963 geschlossen. „Ziel der Anwerbeverträge war die Rekrutierung ausländischer Arbeitskräfte zur Kompensation konjunkturell und demografisch bedingter Engpässe auf dem westdeutschen Arbeitsmarkt.“ (ebenda: 33) Eine Einwanderung war seitens des deutschen Staates nicht gewünscht. Dies sollte durch die sogenannte Rotationspolitik in die Tat umgesetzt werden, denn diese beinhaltete lediglich einjährige Arbeitsverträge.

Zudem wollte man hierdurch verbrauchte gegen unverbrauchte Arbeitskräfte nach einem Jahr eintauschen. Im Rahmen der Anwerbeverträge handelte es sich um „überwiegend schlecht bezahlte, wenig prestigeträchtige und unattraktive Arbeit, für die sich Bundesdeutsche kaum interessierten.“ (Münz et al.1999: 46) 1971 nahm die Akzeptanz an dem Rotationsmodell deutlich ab, was den Arbeitern hinsichtlich der Verlängerung ihrer Aufenthaltsgenehmigungen Erleichterung verschaffte. Die Kehrseite der Medaille lag seitens der deutschen Behörden, denen es nicht mehr möglich war, die Zuwanderung nach Bedarf des Arbeitsmarktes zu regulieren. Mit Beginn der 90er Jahre rückte erneut die Notwendigkeit der Zuwanderungspolitik in den Vordergrund. Die Geburtenrate in Deutschland war rückläufig und so bedurfte es der Zufuhr qualitativer Arbeitskräfte, um in der Wirtschaft konkurrenzfähig zu bleiben. (vgl. Mecheril 2004: 32ff.) „Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit, Gewinnung Hochqualifizierter, Innovationskraft der Wirtschaft, Sicherung des Wohlstandes sind die Vokabeln der Sprache, die die Akteure der neuen Zuwanderungspolitik sprechen.“ (ebenda: 36) Würde diese Zuwanderung ausbleiben, so würde die Einwohnerzahl Deutschlands laut Prognosen bis zum Jahr 2050 auf ca. 58 bis 60 Millionen sinken. (vgl. Bade/Münz 2002: 20)

3.2.3 Heiratsmigration

Im Rahmen dieser Arbeit beschränken sich die Ausführungen auf binationale Ehen.

In diesem Zusammenhang wird von Heiratsmigration gesprochen, wenn „aus Sicht der Betroffenen, meistens Frauen, ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen dem Wanderungsgeschehen und einer Eheschließung über Ländergrenzen gegeben ist, ohne dass es sich beim Partner um denselben ethnischen Hintergrund handelt.“ (IntQ 6: Netzwerk Migration in Europa e.V.) Laut dem statistischen Bundesamt wurden im Jahr 2004 60.198 binationale Ehen geschlossen. In diesem Zusammenhang zeigt sich, dass sich die Heirat von ausländischen Frauen und deutschen Männern von 1989 bis 2000 verdoppelte, während Eheschließungen zwischen ausländischen Männern und deutschen Frauen im gleichen Zeitraum um lediglich 18% anstieg. Heiratsmigration geschieht aus unterschiedlichen Motiven, wie beispielsweise Liebe, aber auch materieller Wohlstand und Arbeitsplatzsicherheit können Gründe sein. Anzumerken sei, dass auch immer mehr ausländische Frauen mit einem hohen Bildungsniveau eine Ehe mit einem deutschen Mann eingehen, was auf die steigende berufliche Mobilität zurückgeführt werden kann, denn die Zahl der Paare, die sich auf Geschäftsreisen kennengelernt haben, steigt. (vgl. ebenda)

3.2.4 Bildungsmigration

Bildungsmigration allgemein kann beschrieben werden als „Migration in ein anderes Land mit dem Ziel, dort eine höhere Bildung oder Weiterbildung zu erhalten.“ (IntQ 7: European Reintegration Networking) Hierbei ist zu beobachten, dass der räumliche Aspekt (die Zielrichtung) eher von Süden nach Norden verläuft und es sich weitgehend um internationale Wanderungen handelt. Beliebte Ziele hierbei sind Europa und die USA.

Ein weiteres Kriterium der Bildungsmigration ist die zeitliche Dimension, wobei der Aufenthalt im Zielland nur auf die Dauer des Studiums gerichtet ist und danach eine Rückkehr in das Heimatland geplant ist. Geschieht diese Rückwanderung nicht, geht der Bildungsmigrant zu einer anderen Form des Aufenthaltes über. Bei der Bildungsmigration handelt es sich um eine bewusste und freiwillige Form der Migration, die einer gewissen Vorbereitung bedarf und häufig einen gesellschaftlichen oder familiären Auftrag mit sich bringt, den es zu erfüllen gilt. Des Weiteren ist auffällig, dass es sich bei dieser Form der Migration eher um Einzelwanderungen handelt, im Gegensatz zu Flüchtlingsbewegungen, wo häufig Massenwanderungen stattfinden. Die Bildungsmigration lässt sich auch klar von der Arbeitsmigration abgrenzen, da das primäre Ziel Zweiterer die Verbesserung des Lebensstandards in der Heimat ist. Zudem ist es außereuropäischen Bildungsmigranten nur erlaubt 90 volle oder 180 halbe Tage im Jahr, zu arbeiten. (vgl. Voigt 2001: 20f.)

Der gängige Weg marokkanischer Bildungsmigranten beginnt mit dem Besuch des Goethe Instituts in Marokko, wo sie, bei erfolgreich abgelegter Prüfung, das Zertifikat „Deutsch als Fremdsprache“ erwerben. Hiermit können sie sich postalisch an deutschen Universitäten bewerben, worauf die marokkanischen Studienbewerber, nach positiver Prüfung der Unterlagen, die Zulassung zur Aufnahme in das Studienkolleg erhalten.

Um das Studentenvisum an der deutschen Botschaft in Marokko beantragen zu können, müssen sie, zusätzlich zu den bisher genannten Unterlagen, eine „Verpflichtungserklärung gem. §§ 66-68 AufenthG durch eine in Deutschland lebende Person für die voraussichtliche Dauer des Studiums (mindestens aber für ein Jahr) nachweisen, ausgestellt von der für den Wohnort des Verpflichtungsgebers zuständigen Ausländerbehörde mit Bonitätsprüfung oder Einzahlung einer Sicherheitsleistung in Höhe von 7.680 EUR auf ein Sperrkonto in Deutschland mit monatlicher Auszahlung von 640 EUR oder Hinterlegung einer jährlich zu erneuernden Bankbürgschaft über den Betrag des Dirham-Gegenwerts von mindestens 7.680 EUR auf ein Sperrkonto auf Ihren Namen in Marokko für die Dauer von 12 Monaten […].“ (IntQ 8: Botschaft der Bundesrepublik Deutschland Rabat) erbringen. Die deutsche Botschaft in Marokko erteilt daraufhin, nach Zustimmung der deutschen Ausländerbehörde, ein Visum für ein Studium in Deutschland. Dieses Visum hat in der Regel eine Gültigkeit von ein bis drei Monaten. Nach der Einreise in Deutschland muss der marokkanische Migrant die Aufnahmeprüfung für das Studienkolleg bestehen, an welchem er daraufhin die deutschen Lerninhalte seiner zentralen Fächer (immer Deutsch) der späteren Studienrichtung erlernt und eine Feststellungsprüfung erfolgreich bestehen muss. Nach erfolgreichem Abschluss des Studienkollegs kann der Marokkaner sein Studium in Deutschland aufnehmen.

Laut der aktuellen HIS-Studie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung studierten im Jahr 2008 8.227 Marokkaner an deutschen Hochschulen. Damit liegen sie auf Platz acht der wichtigsten Herkunftsländer ausländischer Studierender. In Bezug zu dem Studienfach lässt sich eine Affinität zu naturwissenschaftlichen/technischen Studiengängen feststellen. (vgl. Isserstedt/Link 2008: 5)

3.2.5 Familiennachzug

-17ff. des Ausländergesetzes regelt den Nachzug von Familienangehörigen von in Deutschland lebenden Deutschen und Ausländern. Der Paragraf erlaubt nur den Nachzug der Kernfamilie, sprich den der Ehepartner und Kinder. Dieses wird gestattet, da in §6 Abs. 1 des Grundgesetzes der Schutz von Ehe und Familie gewährt wird. Voraussetzung für die Genehmigung des Familiennachzuges sind Nachweise des Zusammenführenden über den Besitz einer Aufenthaltserlaubnis, angemessenen Wohnraums, einer Krankenversicherung und eines geregelten Einkommens, womit der deutsche Staat dem Zurückgreifen auf das Sozialhilfesystem vorbeugen möchte. (vgl. Ulucan-Kilic 2003: 3ff.) Seit dem Anwerbestopp 1973 und dem damit verbundenen Stopp aktiver Arbeitsmigration findet eine Einwanderung für nicht EU-Staatsangehörige fast ausschließlich über den Familiennachzug statt. Im Jahr 2007 wurden 42.219 Visa zum Zweck der Familienzusammenführung erteilt. Circa 3% dieser Visa wurden Marokkanern erteilt.

(vgl. IntQ 9: Bundesministerium des Inneren)

Nach einer Definition von Migration und der Aufsplittung in die Kernbereiche Ortswechsel, Veränderung des sozialen Beziehungsgeflechts und Grenzerfahrungen wurden in diesem Kapitel die vier Phasen der Migration aufgezeigt, welche von den Migranten bewältigt werden sollten, um von einer gelungenen Migration sprechen zu können. Im Anschluss daran wurden die häufigsten Migrationsformen erläutert, mit einem Fokus auf die Bildungsmigration, da dies mittlerweile die häufigste Migrationsform marokkanischer Migranten darstellt.

4. Integration

„Ganz allgemein bedeutet Integration die Herstellung einer Einheit, die Eingliederung in ein größeres Ganzes. Zuwanderer gelten dann als integriert, wenn sie sich in das Leben ihrer neuen Heimat eingliedern und von der Mehrheitsgesellschaft nicht als Fremd ausgegrenzt werden.“ (IntQ 10: Bundeszentrale für politische Bildung) Heckmann ergänzt diese Definition der Bundeszentrale für politische Bildung, indem er auf der Ebene der Eingliederung zwischen sozio-ökonomischen, rechtlichen und kulturellen Beziehungen differenziert. Hierbei handelt es sich immer um einen wechselseitigen Prozess zwischen Aufnahmeland und Migrant. Aufseiten der Migranten bedeutet dies die „Notwendigkeit einer umfassenden Neu-Sozialisation“. (IntQ 11: europäisches forum für migrationsstudien) Zentral hierfür ist der Gewinn von Kommunikationsfähigkeit, der neben dem Erlernen der Sprache der Aufnahmegesellschaft auch den Erwerb von Kenntnissen hinsichtlich kultureller Umgangsformen, dem politischen System, den allgemeingültigen Gesetzen und Organisationsstrukturen beinhaltet. Hierfür ist seitens der Migranten die Bereitschaft zur Veränderung gefragt. „Da Integration zentrale Lern- und Sozialisationsprozesse beinhaltet, sind Integrationschancen von Personen und Familien umso höher, je höher ihr “mitgebrachter“ Bildungsstand, ihr Qualifikationsniveau und ihr kulturelles Kapital sind.“ (ebenda) Wie bereits in Kapitel 3.1 erwähnt, neigen Migranten, insbesondere die der ersten Generation, dazu gleichethnische Gruppen aufzusuchen, um sich vor Überforderung und Einsamkeit im Aufnahmeland zu schützen. Nach Heckmann ist dieses Verhalten durchaus positiv zu bewerten, da dem Migranten die kulturellen und sozialen Aspekte der ethnischen Gemeinschaft bekannt sind und diese Vertrauensbasis der Integration förderlich sein kann. Nachteilig wirkt sich die ethnische Gemeinschaft auf die Integration des Migranten aus, wenn er seine sozialen Kontakte ausschließlich über diese bezieht und sich dies zu einer Spirale im Generationenverlauf verfestigt.

Weiterhin betont Heckmann die Motivation seitens der Migranten, ihren Nachkommen die Eingliederung in die aufnehmende Gesellschaft zu ermöglichen, beispielsweise durch den Besuch des Regelkindergartens oder Vereinsaktivitäten, da er davon ausgeht, dass „Integration umso erfolgreicher ist, je früher sie im Leben einsetzt.“ (ebenda) Aufseiten der aufnehmenden Gesellschaft akzentuiert er Offenheit gegenüber den Migranten und ihrer Kultur. Auch den Abbau von ethnischen Vorurteilen und Diskriminierung postuliert er als wesentliches Kriterium der Offenheit und Bereitschaft seitens der Aufnahmegesellschaft. Hier fordert Heckmann ein Identifizierungsangebot, welches maßgeblich durch die Ausländerpolitik des deutschen Staates steuerbar ist. Kampagnen gegen Rassismus, Aufklärungsarbeit und die Umstrukturierung des Bildungssystems sind nur einige Beispiele politischer Aktivitäten zur Akzeptanzsteigerung.

4.1 Die vier Hauptdimensionen von Integration

Wenn Heckmann von Integration spricht, so differenziert er diese in vier Hauptdimensionen.

1. Integration allgemein bezeichnet den „[…] Erwerb eines Mitgliedsstatus in den Kerninstitutionen der Aufnahmegesellschaft […]“. (ebenda) Als Kernsituationen bezeichnet er beispielsweise Bildungssysteme, die politische Gemeinschaft sowie den Arbeits- und Wohnungsmarkt. Heckmann stagniert jedoch nicht bei dem Erwerb des Mitgliedsstatus, sondern spricht von dem „Erwerb von Rechten und den Zugang zu Positionen in den Kerninstitutionen der aufnehmenden Gesellschaft durch die Migranten und ihre Nachkommen.“ (ebenda) Als eine Grundvoraussetzung der strukturellen Integration bezeichnet er die durch den Staat gesteuerte Zuwanderung, denn nur bei Vorhandensein ausreichender struktureller Ressourcen (z.B. Arbeitsplätze), kann von struktureller Integration die Rede sein.

2. Als zweite Dimension führt Heckmann die kulturelle Integration an. Hierbei greift er Fragen von Staat und Gesellschaft auf, die auf die Ausländerpolitik Deutschlands abzielen.

Er empfiehlt statt einer Minderheitenpolitik eine „Politik der kulturellen Annäherung (Akkulturation[1] )“ (ebenda), die auf Seiten der aufnehmenden Gesellschaft als Einladung und Austausch neuer kultureller Erfahrungen zu verstehen ist. Akkulturation wird hierbei im Bildungs- und Erziehungssektor, auf der Arbeit und in öffentlich-staatlichen Institutionen verfolgt, was konkret bedeuten kann, dass Herkunftssprachen der Migranten aufgrund wachsender Bedeutung im gemeinsamen Unterricht gelehrt werden.

3. Die soziale Integration bezeichnet die dritte Säule und bezieht sich auf den privaten Bereich. Integration seitens der Migranten findet dann statt, wenn sie außerethnische Freundschaften knüpfen und aufrecht erhalten und aktive Anschlussmöglichkeiten an die aufnehmende Gesellschaft suchen. Hierfür eignen sich Heckmanns Meinung nach besonders sportliche Vereinsaktivitäten, da der Sport im Vordergrund steht und eventuelle sprachliche Barrieren bei dieser Form der Kontaktaufnahme kein Ausschlusskriterium sind.

4. Die vierte und letzte Dimension nennt Heckmann (vgl. ebenda) identifikative Integration. Diese benötigt, im Gegensatz zu den anderen Dimensionen, deutlich mehr Zeit seitens der Migranten und vollzieht sich erst, wenn andere Hürden bereits genommen wurden. Dies zeigen Ergebnisse der empirischen Sozialforschung, die belegen, dass identifikative Integration vorwiegend in der zweiten Generation einsetzt, sprich bei Menschen, die im Ankunftsland geboren sind oder aber in sehr jungen Jahren immigrierten. Klassische Identifikationsangebote sind ein offenes Einbürgerungsverfahren und die „Praktizierung einer Integrations- und Einbürgerungskultur mit bestimmten Symbolen, Riten und Feiern.“ (ebenda) Diese können beim Migranten die Entwicklung eines Gefühls der Zugehörigkeit auslösen, welches sich jedoch nicht erzwingen lässt. „Identifizierung ist aber möglich und wahrscheinlich auf der Basis eines Bildes von Deutschen, das auch eine nicht-deutsche Herkunft einschließt.“ (ebenda )

4.2 Das deutsche Zuwanderungsgesetz (2005)

Nach dem parteiübergreifenden Beschluss des Deutschen Bundestages wurde im Juli 2004 das neue Zuwanderungsgesetz (Gesetz über den Aufenthalt, die Erwerbstätigkeit und die Integration von Ausländern im Bundesgebiet) verabschiedet. Wesentliche Neuerungen, die im Folgenden erläutern werden, traten zum 1. Januar 2005 in Kraft.

Die erste Neuerung ist die Reduzierung der bisher fünf Aufenthaltstitel auf zwei gültige, die Niederlassungs- sowie die Aufenthaltserlaubnis. Erstere gilt unbefristet und ist unabhängig vom Zweck des Aufenthalts. Die Aufenthaltserlaubnis ist zweckgebunden (an den Aufenthalt) und befristet.

Eine weitere Änderung betrifft die Arbeitsmigranten. Der Anwerbestopp bleibt mit drei Ausnahmen bestehen. Ausländische Studierende haben die Möglichkeit nach Beendigung des Studiums binnen eines Jahres einen Arbeitsplatz in Deutschland zu finden.

Eine weitere Ausnahme betrifft Unternehmer, die in Deutschland mindestens eine Million Euro investieren und zehn Arbeitsplätze schaffen. Der letzte Sonderfall bezieht sich auf Hochqualifizierte, wie etwa Wissenschaftler oder IT-Fachleute, die nun von Beginn an eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis bekommen und sich in Deutschland niederlassen können.

Mit den Gesetzestexten, die den Flüchtlingsbereich abdecken, hat die Regierung auf die humanitären Regelungen der Genfer Flüchtlingskommission reagiert und geschlechtsspezifische und nichtstaatliche Verfolgung als Flüchtlingsgründe anerkannt.

Des Weiteren beginnt Deutschland mit der Einführung des Zuwanderungsgesetzes eine gezielte Integrationspolitik. Das primäre Vorhaben der Regierung sind Sprach- und Integrationskurse, deren Teilnahme für Ausländer verpflichtend ist. Koordiniert werden diese durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Inhalte der Kurse sind beispielsweise die Erlangung von Kenntnissen der deutschen Sprache, der Kultur, des deutschen Rechts und der Geschichte Deutschlands. Bei Fernbleiben kann der Staat mit der Kürzung von Sozialleistungen sanktionieren oder sogar die Aufenthaltserlaubnis entziehen.

Eine letzte wichtige Neuerung, die angeführt werden soll, betrifft die Terrorbekämpfung. Hier wurde seitens des Staates die Abschiebeordnung gegen Ausländer, die als gefährlich gelten, in das Gesetz aufgenommen. Eine Gefahrenprognose, die sich auf Tatsachen stützt, ist zwingende Voraussetzung. Ist die Gefahrenprognose positiv, kann vom Bund oder den obersten Landesbehörden eine Abschiebung ausgesprochen werden. Bei drohender Folter oder der Todesstrafe im Heimatland darf der Betroffene nicht abgeschoben werden.

In diesem Fall ist er an strenge Meldeauflagen gebunden oder seine Freizügigkeit kann eingeschränkt werden. Dies betrifft vor allem die Nutzung moderner Kommunikationsmittel, wie Handy oder E-Mail. Direkt dem Lande verwiesen werden Ausländer, die am Menschenhandel beteiligt sind oder Terrororganisationen unterstützen. Zum besseren Schutz der Allgemeinheit vor Terror wurde eingeführt, dass Einwanderungsbehörden künftig, bevor sie einem Antrag auf Einbürgerung stattgeben oder Ausländern Aufenthalt gewähren, eine sogenannte Regelanfrage[2] beim Verfassungsschutz einholen müssen. (vgl. Finkelstein 2006: 35ff.; Freise 2005: 85f.; Oswald 2007: 186ff.)

Eine erste positive Zwischenbilanz des neuen Gesetzes zog das Bundesinnenministerium bereits im Juli 2006 insbesondere in Bezug auf die Integrationskurse. Die Erfolgsquote der Kurse liegt bei 52,8 % im Jahr 2006, basierend auf der Grundgesamtheit potenzieller Prüfungsteilnehmer. Auch aufseiten der Teilnehmer haben über 80 % den Kurserfolg von mittel bis sehr gut eingeschätzt. (vgl. IntQ 12: Bundesministerium des Inneren) Hinsichtlich der Abwanderung gut ausgebildeter Personen – Stichwort „Brain-Drain“ sei jedoch angemerkt, dass dies in den Herkunftsländern oft katastrophale Zustände auslöst, wie beispielsweise der gravierende Ärztemangel in Malawi und Sambia. „Laut dem Weltbevölkerungsbericht von 2006 arbeiten im englischen Manchester derzeit mehr malawische Ärzte als in Malawi selbst, und von den 600 Ärzten, die seit der Unabhängigkeit 1964 in Sambia ausgebildet wurden, praktizieren nur 50 im eigenen Land.“ (Oswald 2007: 187) Auch in Marokko stellt die Abwanderung ein Problem dar, denn, wie bereits im ersten Kapitel erwähnt, lebt mittlerweile jeder zehnte Marokkaner außerhalb Marokkos. Die neue Regierung unter König Mohammed VI hat darauf reagiert und das Projekt FINCOME („Forum International des Compétences Marocaines à l’Etranger“[3] ) 2006 ins Leben gerufen. Hiermit versucht er die marokkanischen Migranten in einen „know-how“-Transfer einzubinden. Ziel des Programms ist eine Art Tauschbörse. Einerseits sollen dadurch in Marokko ansässige Firmen und Institutionen die Möglichkeit erhalten durch im Ausland lebende Marokkaner Unterstützung bei der Durchführung von Projekten zu bekommen, aber auch im Ausland lebende, qualifizierte Marokkaner können ihre Fähigkeiten anbieten. (vgl. Schüttler 2007: 3f)

4.3 Das Modell der intergenerationalen Integration nach Esser

Das Modell der intergenerationalen Integration[4] greift auf die Modelle der klassischen Assimilationstheorie (CAT), der Theorie of Segmented Assimilation (TSA) und der New Assimilation Theorie (NAT) zurück. Ein Ziel des Modells der intergenerationalen Integration ist die Zusammenführung der Mechanismen der drei Modelle in einen Funktionszusammenhang. (vgl. Esser 2008: 82) Von dieser Grundlage ausgehend wird im Folgenden die jeweilige Grundannahme der drei Theorien kurz umrissen.

Die klassische Assimilationstheorie, mit ihrem Begründer Robert E. Park, fußt auf dem sogenannten Race-Relation-Cycle, der aus dem Zusammentreffen von unterschiedlichen ethnischen Gruppen durch Migration resultiert. Park gliederte den typischen Ablauf in vier Phasen: Kontakt, Konflikt, Akkommodation und letztlich die spurlose Absorption in die Aufnahmegesellschaft über die Assimilation. (vgl. ebenda: 83) Kritisiert wurde an diesem Modell, dass Park sowohl die Aufnahmegesellschaft, als auch die Migranten zu einer jeweils homogenen Masse zusammenfasste und beispielsweise die teilweise drastisch konträren kulturellen Einstellungen der einzelnen Migrantengruppen außer Acht ließ. Zudem verfolgt die CAT als Hauptziel die Assimilation, die allerdings nicht als einziges Ergebnis der interethnischen Bezüge gesehen werden darf.

Die Theory of Segmented Assimilation, eine Weiterentwicklung der CAT, benennt drei, über die Zeit hinweg konstante Gegebenheiten, mit denen der Homogenität der CAT ihre universale Gültigkeit genommen wurde. Die erste Vermutung bezieht sich auf die Aufnahmegesellschaft, die laut der TSA nicht homogen ist und eine Assimilation seitens der Migranten nicht immer eine Verbesserung der Lebensbedingungen für diese und ihre Nachkommen bedeutet. Um dieser nachteiligen Assimilation zu entgehen, bieten ethnische Ressourcen, insbesondere der Familienverbund, einen wirksamen Schutz.

Anders als bei der CAT angenommen, dass ethnisches Kapital unnütz sei, nehmen zweitens, unter Berücksichtigung der ersten Annahme, die ethnischen Ressourcen einen hohen positiven Nutzen für die Folgegenerationen in Hinblick auf die Sicherung der Lebenschancen ein. Gerade durch die Betonung und Pflege ethnischer Ressourcen gelingt ethnischen Gruppen daher eher der soziale Aufstieg. Die von der CAT propagierte Aufgabe der ethnischen Ressourcen wurde somit widerlegt, wodurch drittens auch die Eindimensionalität der unterschiedlichen Integrationsdimensionen aufgelöst wurde. (vgl. ebenda: 84f) „Die strukturelle Integration (verstanden als sozialer Aufstieg in die Mainstream-Position der Aufnahmegesellschaft) ist auch in einem besonderen Maße bei Erhalt der mitgebrachten und kulturellen Gewohnheiten, bei fortbestehender Einbettung in die ethnischen Gemeinden und Netzwerke und auch bei stärkeren sozialen und emotionalen Bindungen an die Herkunftsregionen und ethnischen Kontexte möglich.“ (ebenda: 85) Das Resultat der Verknüpfung von „struktureller Assimilation“ (ebenda: 85) mit der „Betonung und Pflege ethnischer kultureller Praktiken, Ressourcen und Bindungen […]“ (ebenda) wird in der Theory of Segmented Assimilation als „selective acculturation“ (ebenda) betitelt.

Die New Assimilation Theory, die ihrerseits als Reaktion auf die TSA zu verstehen ist, postuliert aufgrund der veränderten Verhältnisse eine neue theoretische Grundlage.

Wie bereits die TSA bezieht sich auch die NAT auf die drei möglichen Ausgänge der Entwicklung interethnischer Beziehungen: „Assimilation, ethnische Schichtung und selektive Akkulturation“ (ebenda) und deren mögliches Eintreten unter bestimmten politischen, sozialen und ökonomischen Bedingungen. Neben diesen Gemeinsamkeiten distanziert sich die NAT in der empirischen Kernaussage deutlich von der TSA. (vgl. ebenda) Die NAT greift auf die Old Immigration zurück, demzufolge die grundlegenden Mechanismen und strukturellen Bedingungen doch dafür sorgen, dass „[…] es zur Anpassung der kulturellen Gewohnheiten, zu sozialem Aufstieg, zur Angleichung des Wohnverhaltens und der sozialen Kontakte kommt und das sich die ethnischen Identifikationen und Identitäten zu bloß symbolischen und individuell gepflegten Relikten ohne jede weitere Bedeutung verdünnen.“ (ebenda) Dies kann durchaus über einen längeren Zeitraum der einzelnen Generationen geschehen, jedoch nicht bei allen ethnischen Gruppen gleichermaßen.

Das Modell der intergenerationalen Integration wurde anfänglich zur Erklärung der vier Phasen des Race-Relation-Cycles der klassischen Assimilationstheorie entwickelt.

„Es besteht aus drei Teilen: der Spezifikation der grundlegenden Optionen der Migranten und der Selektionsregeln dafür; der Verbindung der Optionen mit den empirischen Bedingungen über einige wenige Grundfunktionen; und der Bestimmung des Explanandums – verschiedene strukturelle Ausgänge des Prozesses der intergenerationalen Integration – als aggregiertes Resultat (u. a.) der individuellen Wahl bestimmter Optionen.“ (ebenda: 87)

Esser vermutet seitens der Migranten bestimmte, auf den Aufnahmekontext bezogene Optionen, die sich ihrerseits in Aktivitäten hinsichtlich des Aufnahmelands (rc-Option) und des ethnischen Kontexts (ec-Option)[5] gliedern. Er geht davon aus, dass die Migranten bestimmte Kapitalien mit in die Aufnahmegesellschaft bringen, diese aber nicht zwangsläufig in diesem Kontext anwendbar sind. Aus diesem Grund sind sie gezwungen, sich zwischen der ec- und der rc-Option zu entscheiden. Hier lässt sich die Wert-Erwartungstheorie heranziehen, in der für jede mögliche Option ein EU-Gewicht gebildet wird. „Das EU-Gewicht ist die Summe aus den mit der Wahl der jeweiligen Option möglichen negativen wie positiven Erträgen, gewichtet mit den Erwartungen, dass der Ertrag über die Option auch wirklich eintritt.“ (ebenda: 88) Für die Integration der Migranten ist es wichtig, dass eigene kulturelle, ökonomische und soziale Ausstattung eingebracht werden können. Der Migrant kann hier im Zuge dessen an Grenzen stoßen, sodass eine Lösung des Problems die Investition von Kapitalien, die im Aufnahmeland einen hohen Stellenwert haben, ist. Problematisch bei dieser Lösung ist die Unsicherheit des Migranten in Bezug auf die mit der Investition verbundenen Erträge, bei gleichzeitiger Sicherheit bezüglich der anfallenden Kosten. Greift der Migrant auf ihm altbekannte Investitionsmöglichkeiten zurück, kann er zwar die Investitionskosten überblicken, allerdings wird der zu erwartende Ertrag deutlich kleiner ausfallen.

Auf dieser Grundlage entwickelte Esser zur Verdeutlichung eine Formel für die Darstellung der EU-Gewichte der beiden Optionen:[6]

Für den Wechsel von der Wahl der ec-Option in eine rc-Option (aus der Annahme

Die Differenz aus Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthaltenkann als Motivation für die Wahl von rc-Optionen interpretiert werden. Was jeweils passiert, „ist eine Frage der Relationen zwischen den empirischen Bedingungen im Aufnahme- und im ethnischen Kontext und dem, was die Migranten jeweils an Ressourcen und Kapital mitbringen und verwenden können.“ (ebenda: 89)

Diese theoretisch dargestellten EU-Gewichte splitten sich in zwei zentrale Bedingungen, die für die Variation der EU-Gewichte vermutet werden: die Gruppengröße der Migranten und die ethnischen Grenzziehungen. Mit der Gruppengröße zieht Esser eine Variable, unter Bezugnahme der Opportunitätstheorie interethnischer Beziehungen von Blau (1964) heran, unter derer sich die Chancen für intra- und interethnische Beziehungen strukturell-objektiv nach der jeweiligen Gruppengröße verändern. Bei kleinen Migrantengruppen ist die Chance für intraethnische Kontakte höher als bei größeren Gruppen. (vgl. ebenda)

In Bezug zu der zweiten Variante, den ethnischen Grenzziehungen, führt Esser aus, dass es sich hierbei einerseits um eine Schließung der Aufnahmegesellschaft (extern) handeln kann, andererseits aber auch als Ethnisierung des ethnischen Kontextes (intern) seitens der Migranten. Diese Grenzziehungen führt Esser an, da sie „EU-Gewichte für die Optionen unabhängig von den Größeneffekten systematisch und nachhaltig verändern können.“ (ebenda: 91)

Neben dem einleitend erwähnten Ziel, der Zusammenführung der drei Modelle in einen Funktionszusammenhang, benennt Esser die Erklärung struktureller Ausgänge bei der Integration von Migranten als gesellschaftliche Sachverhalte als weiteres Ziel des Modells. (vgl. ebenda: 92)

4.4 Islam und Moderne – ein Antagonismus?

Ein wichtiger Punkt, den es in Bezug zur Möglichkeit der Integration zu beachten gilt, ist, welche Sichtweisen und Bilder die Migranten und die Aufnahmegesellschaft von dem jeweils anderen kulturellen System haben. „Sichtweisen, Urteile bzw. Vorurteile, wie sie sich in der öffentlich- und wissenschaftlichen Meinung beider Seiten darbieten, bestimmen historisch verwurzelt und mit eigener Erfahrung und gelernten Erklärungsmustern aktualisiert, sowohl den allgemeinen Diskurs zwischen dem Islam und dem Westen, wie auch in Wechselwirkung die Positionierung der Individuen in den Transfomationsprozessen zwischen den Kulturen der Mehrheitsgesellschaft und der Migranten.“ (Kelek 2002: 60) Beide Welten, die islamische und die westliche, beklagen die Inhumanität der jeweils anderen. Aus islamischer Sicht hat sich das positive Bild des Westens, zu denen Tugenden wie Strebsamkeit, Bildung und Initiative gehörten, in ein Bild des egoistischen Westens gewandelt, kaltblütig und ohne jeglichen Sinn für die Gemeinschaft. Der Westen wiederum wirft dem Islam Unaufgeklärtheit und Unmodernität vor, gepaart mit gewalttätigen und fortschrittsfeindlichen Klischeevorstellungen.

(vgl. ebenda) „Während Stimmen aus dem Westen eine islamische Moderne als Widerspruch in sich ansehen, fürchten Islamisten die Moderne als vermeintliche Dominanz des Christentums und der als dekadent betrachteten westlichen Kultur.“ (ebenda) Sobald jedoch der Islam die “Moderne“ und die christliche Kultur gleichsetzt, werden zwei wesentliche Gesichtspunkte ausgeblendet. Einerseits die engen Gemeinsamkeiten beider Religionen, die sich im Glauben an Abraham und dem Alten Testament widerspiegeln und zum anderen die Tatsache, dass die Moderne keineswegs ein Baustein des Christentums ist, sondern ihre historischen Wurzeln in der Zeit von Renaissance und Aufklärung hat.

In dieser Zeit fand ein Umdenken in der Gesellschaft statt, weg vom göttlich Gegebenen - einem Diesseits, das vom Jenseits geprägt ist, hin zu einem Verständnis, das die Fähigkeit des Menschen, seine Welt menschlich zu gestalten postuliert. Obwohl der Islam bisher einen solchen Prozess nicht durchlaufen hat, kann man ihm keine antiaufklärerische Grundhaltung zuschreiben, denn dort, wo der Islam mit anderen Religionen konkurrieren muss, kennt auch er einen Humanismus. (vgl. ebenda: 60ff) „Die Totalität bestimmter Gesellschaften, in denen der Islam dominiert, ist weniger ein Abbild der Religion selbst, als Ausdruck der kulturellen und sozialen Machtverhältnisse im jeweiligen innerislamischen Diskurs.“ (ebenda: 63) Abgrenzungstendenzen, wie sie hier deutlich werden, wurzeln, laut der marokkanischen Soziologin Fatema Mernissi, in „der Angst der traditionellen Gesellschaft vor dem Zerfall des Gemeinwesens.“ (ebenda) In diesem Sinne steht Tradition für den islamischen Ursprungsmythos, der die Menschen vor dem befürchteten Chaos durch Freiheit beschützen soll.

Für die Bedeutung des Islam in Bezug auf Integration lässt sich festhalten, „[…] wenn Religion spezifische und gewissermaßen idealtypische Weltbilder im kulturellen System verankert und die kulturellen Dimensionen quasi als universale Grammatiken – den differenten Ausprägungen der Religiosität übergeordnet – eine latente Struktur unterhalb der Vernunftsebene bilden, die übereinstimmende Wertvorstellungen und Handlungsorientierungen vermitteln, prägt der Islam einen eigenen muslimischen Habitus, den es auch in der Migrationsforschung zu erfassen gilt.“ (ebenda: 64) Die Interpretation des Islam in der Integration und seine spezifische Rolle in kulturellen Transformationsprozessen, hängen essenziell von den wesentlichen Wandlungen der kulturellen Dimensionen der Aufnahmegesellschaft ab. (vgl. ebenda: 60ff.) Abschließend sei hierzu eine treffende Aussage von Reissner wiedergeben, in der er fordert: „Weg mit den „-ismen“ beim Umgang mit Muslimen, hinschauen, hinhören, auf das, was Menschen in ihrem Selbstverständnis als Muslime wollen.“ (ebenda: 64)

Neben einer ausführlichen Definition von Integration thematisierte das vierte Kapitel die vier Hauptdimensionen von Integration, anhand derer aufgezeigt wurde, was die Migranten aber auch die Aufnahmegesellschaft zu einer verbesserten Integration beitragen können. Die Ausführungen über das deutsche Zuwanderungsgesetz zeigten die wesentlichen Neuerungen, des im Januar 2005 in Kraft getretenen Gesetzes auf. Hinsichtlich marokkanischer Migranten in Deutschland lag der Blick vor allem auf den Neuerungen bezüglich der nun zwei gültigen Aufenthaltstitel und den Änderungen hinsichtlich der Arbeitsmigration, bei Fortbestehen des Anwerbestopps. In der Beschreibung des Modells der intergenerationalen Integration wurden die Grundannahmen der CAT, TSA und NAT aufgegriffen, um die Funktionszusammenhänge der Modelle herauszuarbeiten und dadurch das Modell der intergenerationalen Integration näher zu erläutern. Die Differenz hinsichtlich des Islam und der Moderne sollte in Bezug zu der Integration die kulturell bedingten Bilder und Sichtweisen der aufnehmenden- und die der Herkunftsgesellschaft verdeutlichen und einen Zugang zu den jeweiligen, historisch und durch eigene Erfahrung geprägten Sichtweisen beider Positionen herstellen.

5. Kultur

Der Begriff Kultur verweist begriffsgeschichtlich auf das Gegensatzpaar von cultura und natura in der Naturrechtslehre des 17. Jahrhunderts. Cultura, vom lateinischen colere (bebauen, pflegen), bezieht sich hierbei auf das vom Menschen Bearbeitete.

Diese Bandbreite reicht von den Ackerbaukulturen bis zu religiösen Kulten. (vgl. Freise 2005: 16) „Der weitere Bedeutungskreis entsteht metaphorisch: dabei geht es einmal um die “Übertragung“ (translatio) von “hier“ in Gebrauch Stehendem nach “dort“ – woraus coloniae entstehen […]. Zum anderen werden Agritechniken zum Modell des Begreifens von mentalen, sozialen, religiösen, erzieherischen Meliorationen, mithin der “Kultivierung“ einer Gesellschaft oder eines Individuums […] eingesetzt.“ (Böhme 1996: 51)

5.1 Eine Definition

"Kultur ist ein für uns alle geltender Hintergrund von etablierten und über Generationen überlieferten Sichtweisen, Werten, Ansichten und Haltungen, welche einerseits unser ganzes Denken, Fühlen und Handeln beeinflussen, die wir andererseits aber in individueller, wie auch kollektiver Weise übernehmen, modifizieren und weiterentwickeln und zwar in Abhängigkeit von unserer Teilhabe an unterschiedlichen Kontexten" (Definition von Hegemann in: von Wogau et al. 2004: 80)

Diese Definition nach Thomas Hegemann beschreibt die für Kultur so wichtige Berücksichtigung von sozialen und ökonomischen Kontexten. Zudem geht er davon aus, dass Kultur nur als dynamische und prozesshafte Entwicklung betrachtet werden kann. „Kultur ist nicht statisch, nicht homogen, macht sich nicht an – nationalen – Grenzen fest, ist keine Konstante, die geeignet wäre, Gruppen von Menschen zu klassifizieren und zu bewerten.“ (von Wogau et al. 2004: 10) Statisch gedachte Kulturbegriffe führen zu stereotypem Denken und suggerieren eine einheitliche Kultur, übersehen aber deren Widersprüche und Gegensätze innerhalb dieser.

Freise (vgl. 2005: 18f.) fügt dem hinzu, dass Kultur dialektisch zu verstehen ist, als ein sich öffnen und sich schließen. Er zielt drauf ab, dass Vieles in unserer heutigen Kultur aus anderen übernommen ist, wie beispielsweise das arabische Zahlensystem in Deutschland. Wir müssen uns lediglich dem Fremden öffnen, uns durchlässig machen für neue Werte, Verhaltensweisen und Denkmuster fremdkulturellen Ursprungs. Auf der anderen Seite (dem sich schließen) erfüllt Kultur eine Abgrenzfunktion. Sie zeigt uns, was uns vom Anderen unterscheidet. Durch die beiden Aspekte der Abgrenzung und Öffnung kann ein Individuum aktiv entscheiden, ob es beispielsweise bestimmte Merkmale einer Kultur annimmt oder ablehnt.

„Kulturen haben eine „Distinktionsfunktion“: Es werden Unterschiede markiert (wie bei Wohnstilen), und diese dienen der Orientierung.“ (Auernheimer 2003: 75)

[...]


[1] Eine detaillierte Stellungnahme zum Thema Akkulturation ist im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich. Wenn jedoch von Akkulturation die Rede ist, bezieht sich dies auf die Definition von Esser. „Nach Esser muß Akkulturation sich nicht auf ein einheitliches kulturelles System beziehen, sondern liegt auch vor, wenn sich die Übernahme kultureller Elemente auf Teilkulturen oder auf die Übernahme von Teilelementen aus der dominanten Kultur bezieht. Der Begriff der Akkulturation bezeichnet Prozesse, die bei dem Zusammentreffen von Individuen unterschiedlicher Kulturen stattfinden.“ [Rohmann 2003: 13]

[2] Als Rechtsgrundlage für eine Regelanfrage wird der § 85 I 1 Nr. 1 Ausländergesetz angeführt. Voraussetzung für eine Einbürgerung ist hiernach, dass keine verfassungsfeindliche oder extremistische Betätigung des Bewerbers vorliegt. Ist der Person ein solches Verhalten nachzuweisen, so muss der Einbürgerungswillige glaubhaft machen, sich von dieser Art Bestrebungen abgewandt zu haben. Die Regelung ist durch die Reform des Staatsangehörigkeitsrechts im Juli 1999 geschaffen worden.

[vgl. http://www.linksnet.de]

[3] Internationales Forum der marokkanischen Expertise im Ausland

[4] Im Rahmen dieser Diplomarbeit werden lediglich die grundlegenden Strukturen des Modells der intergenerationalen Integration erläutert. Detaillierte Ausführungen sind in diesem Zusammenhang nicht möglich.

[5] Die Abkürzung „rc“ steht für receiving-context-Option und „ec“ steht für ethnic-context-Option. (vgl. Esser 2008: 88)

[6] Legende der Formeln:

Details

Seiten
132
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783842800069
Dateigröße
2.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v227373
Institution / Hochschule
Fachhochschule Münster – Sozialwesen, Studiengang Soziale Arbeit
Note
1,0
Schlagworte
marokko migration integration tradition fragebogen

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Titel: Marokkanische Migranten in Deutschland im Spannungsfeld von Integration und Tradition