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Die Gratistraminitiative der Progressiven Organisationen Basel (POB) 1972 im Kanton Basel-Stadt

Aufarbeitung mit besonderem Fokus auf die Mittel des Abstimmungskampfs und dessen Folgen

Bachelorarbeit 2009 46 Seiten

Verkehrswissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Historischer Kontext
2.1 Die neuen sozialen Bewegungen

3 Die Gratistraminitiative im Kanton Basel-Stadt
3.1 Initianten
3.2 Einreichung der Initiative
3.3 Abstimmung und Folgen
3.4 Auswertung von Leserbriefen
3.5 Propaganda und Mobilmachung
3.5.1 Plakate und andere Drucksachen
3.5.2 Tramblockaden
3.6 „Tramprozesse“

4 Fazit

5 Bibliografie

1 Einleitung

Im Kanton Basel-Stadt beschliesst die Regierung Ende Mai 1969, den Tarif für die Basler Verkehrsbetriebe (BVB) auf den 1. Juli der Teuerung anzupassen und um durchschnittlich zwanzig Prozent zu erhöhen. Dies ist seit Langem die massivste Erhöhung und stösst daher in allen politischen Kreisen auf Kritik. Trotz mehrerer Interpellationen gegen die Preiserhöhung bleibt die basel-städtische Regierung bei ihrem Vorhaben und geht nicht auf die Forderungen der Politiker ein.[1]

Aus diesem Grund sehen sich die Progressiven Organisationen Basel (POB) zum Handeln gezwungen. Sie lancieren eine Initiative, welche entgegen dem erwarteten Preisaufschlag für die Benützung des öffentlichen Verkehrs eine Änderung des Organisationsgesetzes der BVB vom 11. April 1946 verlangt. Ziel dieses Begehrens ist die Einführung des Nulltarifs im öffentlichen Nahverkehr.[2]

Zur Ankurbelung der Unterschriftensammlung ruft die POB die Bevölkerung zu sogenannten Tram-Sit-Ins, also zur Blockierung der Tramschienen auf. Dabei demonstrieren sie gegen die Preiserhöhung, um die Betroffenen und Schaulustigen von ihrem Vorhaben zu überzeugen. Die Demonstranten stossen damit zu Beginn auf Verständnis und auch bürgerliche Zeitungen unterstreichen den harmlosen Charakter dieser Aktionen. Je länger die Sit-Ins jedoch dauern, desto mehr stossen sie auch auf Unverständnis. Deshalb beschliessen die POB am 5. Juli 1969, die Schienenbesetzungen nach fünf Tagen vorerst abzubrechen und stattdessen Verhandlungen mit der Regierung aufzunehmen. Dabei können sie allerdings keinerlei Erfolge verbuchen, weshalb sie sich noch einmal für ein kurzes auf zehn Minuten beschränktes Tram-Sit-In entscheiden. Nachdem sich daraufhin am 18. Juli 1969 erneut mehrere Demonstranten auf den Tramschienen beim Barfüsserplatz versammeln, greift die Polizei bereits nach sieben Minuten ein. Das erste Mal in der Geschichte der Stadt Basel wird Tränengas eingesetzt und die Schienenbesetzer werden abgeführt. Insgesamt werden an diesem Abend 71 Personen festgenommen und später 27 Strafverfahren eingeleitet.[3]

Die Unterschriftensammlung der POB kommt in der Zwischenzeit gut voran und am 25. Juli 1969 kann das Initiativkomitee der Staatskanzlei knapp 6‘000 gültige Unterschriften für die sogenannte Gratistraminitiative überreichen. Zur Abstimmung kommt es allerdings erst drei Jahre später. Die Initianten erhalten nur von der Partei der Arbeit (PdA) Unterstützung für die Initiative und versuchen daher, die Bevölkerung mittels Plakaten und klassenkämpferischen Parolen wie „Tramtaxen sind Lohnraub“ von ihrem Vorhaben zu überzeugen. In ihrem Sinne handelt auch die damals auflagestärkste Basler Tageszeitung, die National-Zeitung.

Diese setzt sich vehement für den geforderten Nulltarif ein und sieht darin einen ersten Schritt in Richtung einer wieder angenehmer bewohnbaren Stadt.[4]

Aus diesen Gründen gehen die Gegner des Initiativbegehrens dem Abstimmungstermin vom 3./4. Juni 1972 mit gemischten Gefühlen entgegen und sind sich unsicher über den Ausgang der Volksabstimmung. Das Ergebnis nach Auszählung aller Stimmzettel zeigt allerdings ein überraschend deutliches Bild: Den 46‘090 Nein-Stimmen stehen nur 6‘621 Ja-Stimmen gegenüber, womit die Gratistraminitiative deutlich abgelehnt wird.[5]

Nachdem ich mich bereits in einer Seminararbeit mit den Gratistraminitiativen der Progressiven Organisationen Schweiz (POCH) in den Kantonen Basel-Stadt und Zürich auseinandergesetzt und insbesondere auch die Durchsetzbarkeit eines Nulltarifs im öffentlichen Nahverkehr der Schweiz diskutiert habe, werde ich mich in dieser Bachelorarbeit alleine der Gratistraminitiative in Basel und deren Folgen und Wirkungen zuwenden. Ich möchte die Initiative genauer unter die Lupe nehmen und aufzeigen, wie es zu deren Lancierung sowie zu den Abstimmungsergebnissen gekommen ist. Dabei werde ich den Schwerpunkt allerdings auf die Propaganda und Mobilmachung setzen und die verwendeten Werbeplakate und Drucksachen der POB genauer betrachten sowie auch deren Wirkungsgrad auf die Meinungsbildung der Bevölkerung herauszufinden versuchen.

Weiter möchte ich auch den Polizeieinsatz bei der Schienenbesetzung vom 18. Juli 1969 untersuchen und aufzeigen, weshalb die Polizei so schnell und so hart eingegriffen hat. Die sogenannten Tramprozesse im Anschluss an die Verhaftungen möchte ich ebenfalls aufarbeiten und dabei auch die Meinung der Bevölkerung dazu mit einfliessen lassen. In einem Fazit werde ich die gewonnenen Erkenntnisse zum Schluss noch einmal zusammenfassen und die Bachelorarbeit damit abschliessen.

Dies bringt mich auch gleich zum nächsten Aspekt, den ich in der Einleitung noch an-sprechen möchte, und betrifft die Quellenlage sowie den Forschungsstand: Wie ich bereits in der Seminararbeit erwähnt habe, existieren zwar mehrere Artikel und Leserbriefe in Zeitungen und Zeitschriften über die Gratistraminitiative, hingegen gibt es keine umfangreiche Arbeiten zu diesem Thema. Bis auf einzelne Partei-Schriften ist neben den Zeitungsartikeln kaum Material auffindbar und auch APPENZELLER widmet der Thematik in seinem Buch „Basel und sein Tram“[6] nur einen kleinen vierseitigen Bericht. Dies machte es notwendig, in Archiven nach Materialien über die behandelte Thematik zu suchen. In diesem Zusammenhang möchte ich das Staatsarchiv Basel-Stadt nennen, welches ich für meine Archivarbeit rege benutzt habe.

2 Historischer Kontext

Die Zeit um 1970, in welcher die Gratistraminitiative lanciert wurde, ist in der Schweiz durch langjährigen wirtschaftlichen Aufschwung und einer seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs deutlichen Verbesserung der sozialen Stellung geprägt. Das Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit führte in der Schweiz zu einer enormen Steigerung des Wohlstandes. Die Arbeitszeit wurde von durchschnittlich 48 auf 41 Stunden verkürzt, was zur Herausbildung der sogenannten „Freizeitgesellschaft“ führte. Die allgemein verbesserte Lage der Schweizer Bürger schlug sich auch in einem veränderten Bewusstsein nieder. Die bis dahin scharfen Gegensätze zwischen dem selbständig erwerbenden „Bürgertum“ und der „Arbeiterklasse“ verschwanden. Das ständige Wachstum barg aber auch die Gefahr einer Inflation, weil Wohlstand und Bevölkerungswachstum zu einer zunehmenden Nachfrage führten, was Kosten und Preise in die Höhe schnellen liess. Im Jahre 1970 betrug die Jahresteuerung wiederholt fast zehn Prozent, wodurch sich der Bundesrat gezwungen sah, den Schweizer Franken aufzuwerten.[7]

Neben der aktuellen Situation verbesserten sich durch einen erheblichen Ausbau der sozialen Sicherheit auch die Zukunftsaussichten. 1960 wurde die Invalidenversicherung (IV) eingeführt und die Renten der Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) wurden in den Fünfziger- und Sechzigerjahren durch mehrere Revisionen Schritt für Schritt erhöht. Dies führte in der zweiten Hälfte der Sechzigerjahre bei den linken Parteien zum Wunsch einer staatlichen Vollpension. 1969 reichte die PdA, welche auch bei der Gratistraminitiative in Basel eine Rolle spielte, eine Initiative mit der Forderung einer eigentlichen Volksrente ein. Es ist jedoch davon auszugehen, dass dies zu enormen finanziellen Schwierigkeiten geführt hätte, weshalb die bürgerlichen Parteien dem Konzept der PdA schliesslich das „Dreisäulenmodell“ als Alternative gegenüberstellten. Dieser Vorschlag wurde später in der Volksabstimmung vom 3. Dezember 1972 angenommen.[8]

In derselben Zeit, genauer in den Fünfziger- und vor allem Sechzigerjahren, wurden immer mehr Einwanderer in die Schweiz aufgenommen, damit die Knappheit an Arbeitskräften nicht noch deutlichere Ausmasse einnehmen konnte. So stieg nicht nur der Anteil der ausländischen Arbeitskräfte der Schweiz, sondern der gesamten Wohnbevölkerung. Durch die Nichtwiederanstellung vieler Saisonniers und Jahresaufenthaltern konnte in der Rezession nach 1973 damit ziemlich einfach eine grössere Arbeitslosigkeit in der Schweiz verhindert werden.[9]

Im Laufe der Zeit wurde die liberale Einwanderungspraxis des Bundes allerdings immer stärker kritisiert. Die „Nationale Aktion für Volk und Heimat (NA, ab 1990 „Schweizer Demokraten“) und ab 1970 auch die „Republikanische Bewegung“, die sich von der NA abspaltete, protestierten lautstark gegen die steigende Zahl der ausländischen Wohnbevölkerung. In der „Schwarzenbach-Initiative“ – nach dem Nationalrat James Schwarzenbach benannt – welche 1970 mit einer Rekordstimmbeteiligung von 74 Prozent nur sehr knapp abgelehnt wurde, hätte der Anteil der ausländischen Bevölkerung in keinem Kanton zehn Prozent der gesamten Wohnbevölkerung übersteigen dürfen.[10]

Mit der Zunahme der Wohnbevölkerung über das gesamte 20. Jahrhundert hinweg nahm auch der Bedarf an Platz zu, was zur Herausbildung der Agglomerationen führte. Die Städte wurden immer mehr nur noch zum Ort des Arbeitsplatzes, wohingegen die Mehrzahl der Beschäftigten ausserhalb der Stadt wohnte und daher zur Arbeit pendeln musste. Im Stadtzentrum verblieben oft nur noch die wenig verdienenden Bürger, während die oberen Einkommensklassen ihre Steuern in den Agglomerationsgemeinden bezahlten. Neben den zunehmenden Ausgaben für Infrastruktur und Verkehr führte dies zu stets grösser werdenden finanziellen Schwierigkeiten der Städte. Die Trennung von Wohn- und Arbeitsort ergab enorme Verkehrsbedürfnisse, weshalb die Strassennetze vermehrt ausgebaut und vergrössert wurden. 1958 wurde vom Schweizer Volk ein Verfassungsartikel mit dem Ziel, alle wichtigen Städte der Schweiz miteinander zu verbinden, angenommen und bis zum Erwachen des Umweltbewusstseins in den Siebzigerjahren auch mehrheitlich oppositionslos umgesetzt. Durch die grössere Mobilität im Sinne einer starken Zunahme des Autoverkehrs nahmen jedoch die sogenannten „externen Kosten“ wie die Luftverschmutzung und generell die Umweltbelastung zu. Dies führte durch die „68er-Bewegung“ vom Beginn der Siebzigerjahre zu einer umfassenden Auseinandersetzung über das Verhältnis von Wirtschaftswachstum, Mensch und Natur. Der Ausbau des öffentlichen Verkehrs setzte allerdings nur langsam ein und Erfolge wurden erst in den späteren Achtzigerjahren erzielt, blieben zudem regional begrenzt.[11]

Aus demselben Grund, nämlich des zunehmenden Umweltbewusstseins, wuchsen nach der Inbetriebnahme der neuen Kernkraftwerke Beznau 1969 und Mühleberg 1971 die Widerstände gegen den Bau eines Kernkraftwerks in Kaiseraugst bei Basel. Die Gegner argumentierten hauptsächlich mit einer dadurch verursachten hohen Unfallgefahr und der Frage nach der Beseitigung der radioaktiven Abfälle. Ebenso wurden eine erhöhte Strahlenintensität und negative Auswirkungen auf das Klima gegen den Bau des neuen Kernkraftwerks aufgeführt, welches nach längeren Auseinandersetzungen tatsächlich zurückgestellt werden musste.

Die zunehmende Sensibilität für die Umwelt führte 1971 auch zur Revision des Gewässerschutzgesetzes und verbesserte in den Siebziger- und Achtzigerjahren den Zustand mancher Gewässer markant. Im selben Jahr ermächtigte das Schweizer Volk den Bund zur Umweltgesetzgebung, was 1985 zur Inkraftsetzung des Umweltschutzgesetzes führte.[12]

KLEMM beschreibt die Situation jener Zeit in seiner Dissertation sehr zutreffend: „Grösseres Umweltbewusstsein, die Forderung der Bevölkerung nach besserer Lebensqualität in Wohnquartieren sowie die wesentliche Beeinträchtigung dieser beiden Aspekte durch den ins Unerträgliche gewachsenen städtischen Verkehr [bewirkten] Veränderungen bei der Verkehrsplanung. Das Versagen der Ideologie der autogerechten Stadt [wurde] einer breiten Öffentlichkeit klar. Neue Ziele wie etwa die Wahrung der städtischen Lebensqualität, der Schutz von Wohnquartieren und die generelle Reduktion der Umweltbelastung, [wurden] neben die klassischen verkehrsplanerischen Ziele gestellt. In vielen Städten [wurde] der Vorrang des öffentlichen vor dem individuell motorisierten Verkehr postuliert, wobei gleichzeitig festgestellt [wurde], dass der ÖV wegen Jahrzehnten der Vernachlässigung und des Abbaus seine Konkurrenzfähigkeit weitgehend verloren hatte.“[13]

Insgesamt gelten vor allem die Jahre zwischen 1965 und 1975 als eine Zeit relativ intensiver Modernisierung von Staat und Gesellschaft, in welcher eine Reihe alter Postulate endlich erfüllt und umgesetzt wurden. Alt Beispiel möchte ich nur auf die Einführung des Frauenstimmrechts 1971 hinweisen.[14]

Mit diesem Hintergrund und vor allem im Hinblick auf die Umweltwende um 1970 könnte man natürlich auch die Gratistraminitiative untersuchen und eruieren, wie dies die Abstimmung hat. Ich glaube allerdings, dass die Abstimmung 1972 für eine solche Untersuchung noch zu früh erfolgte und daher, wenn überhaupt, nur eine kleine Beeinflussung durch das neue Umweltbewusstsein zu messen wäre.

2.1 Die neuen sozialen Bewegungen

Wie bereits angetönt, wuchs in den Sechzigerjahren das Unbehagen vieler Jugendlichen gegenüber der neu geschaffenen Wohlstandsgesellschaft. Dabei bildete sich eine eigentliche „Fundamentalkritik“ heraus, wobei die Schweiz als „Konsumgesellschaft“ kritisiert, aber auch Kritik an der Wirtschafts- und Staatsordnung laut wurde und die „freie Welt“ sowie die „herrschende Moral“ stark hinterfragt wurden. Diese Vorstellungen manifestierten sich in unterschiedlichen Äusserlichkeiten wie dem bewussten Tragen langer Haare, führten aber auch zu Studentenbewegungen, zur Opposition auf der Strasse und zur Gründung neuer politischer Gruppen, der „Neuen Linken“ oder eben den neuen sozialen Bewegungen. Diese diskutierten entgegen der liberalkapitalistischen Wirtschaftsordnung neomarxistische Modelle als Alternative oder suchten anstelle einer Identifikation mit den USA, eine solche mit den Völkern der „Dritten Welt“.[15]

Die untenstehende Abbildung zeigt das Geflecht der unterschiedlichen Bewegungen und dient nur als Übersicht oder zur Orientierung, ohne dass ich näher darauf eingehen möchte.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Chronologischer Abriss der neuen sozialen Bewegungen[16]

Als Oppositionsgruppen bildeten die neu entstandenen Parteien auf Bundesebene allerdings bloss eine Randnotiz und sie blieben die meiste Zeit über isoliert. Die erste Partei, welche 1967 mit einem Wähleranteil von 9.1 Prozent immerhin 16 Mandate auf sich vereinen konnte, war der „Landesring der Unabhängigen“. Weitere politische Gruppierungen, welche für kurze Zeit einige Wählerstimmen gewinnen konnten, waren die sogenannten Überfremdungsparteien, welche ich im vorangegangenen Kapitel in Verbindung mit James Schwarzenbach bereits kurz angesprochen habe. Die Menschen, welche sich hauptsächlich für die Umwelt und deren nachhaltigen Schutz einsetzten, fanden sich zunächst in überparteilichen Verbänden wieder und konnten aufgrund von diversen Wahlerfolgen 1983 die Bildung der „Grünen Partei der Schweiz“ als Erfolg verzeichnen.

Als weitere politische Gruppierungen gingen seit 1968 Parteien hervor, welche sich an einer der sozialistischen Varianten – Sowjetkommunismus, Trotzkismus, Maoismus usw. - orientierten. Davon konnten sich allerdings nur die „Progressiven Organisationen der Schweiz“ (POCH) über eine längere Zeit grösserer Resonanz erfreuen.[17]

Da diese die Initianten der Gratistraminitiative sind, werde ich sie im nächsten Kapitel noch näher vorstellen und möchte dabei nicht unterlassen, ihre Ideologie und ihre Standpunkte etwas ausführlicher zu erläutern.

Das Erscheinen der neuen sozialen Bewegungen wird gemäss DAHINDEN mit einer grundsätzlichen Krise der Moderne in Verbindung gebracht. Denn obwohl die neuen sozialen Bewegungen mit der 68-Bewegung verglichen werden können und miteinander zusammenhängen, liegt eine Zäsur in Form des Zerfalls der Studentenbewegung, der Abnahme der gesellschaftlich breit verankerten Reformbereitschaft sowie der Krisenerfahrung zwischen den beiden Bewegungen, und lässt sie dadurch voneinander unterscheiden. Der Begriff „neue soziale Bewegungen“ stammt von den Bewegungen selbst und ist nicht von aussen entstanden.[18]

Weiter führt DAHINDEN aus, dass soziale Bewegungen dann entstehen, „wenn sich im sozialen Wandel für Teile der Bevölkerung neue und bedrängende Probleme stellen und zum Bewusstsein bringen, ohne dass die etablierten Parteien und Verbände, ohne dass das politische System willens oder in der Lage sind, den Problemen angemessen zu begegnen. Eine solche Interpretation entspricht insbesondere auch dem Selbstverständnis der sozialen Bewegungen selber. Und die historische Erfahrung scheint ihr auch zu entsprechen: Jede soziale Bewegung lässt sich mit Problemen in Verbindung bringen, die man zur Zeit ihrer Entstehung als bedrängend empfand, und es trifft sicherlich auch zu, dass diese Probleme seitens der massgeblichen Instanzen nicht die gebührende oder überhaupt keine Beachtung gefunden haben.“[19]

„Der Aufstieg neuer sozialen Bewegungen ging mit einem Strukturwandel der Öffentlichkeit und einer neuen Rolle der Medien einher, die sich zunehmend von der parteipolitischen Einbindung emanzipierten.“[20] Ihre Anhänger „vertreten nicht die Interessen von bestimmten sozialen Gruppen, sondern setzen sich für die Förderung des Gemeinwohls – von dessen Nutzen alle profitieren – ein.“[21]

Von anderen Bewegungen unterscheiden sich ihre Aktionen einerseits durch Pragmatismus, weil die Bevölkerung vor Ort miteinbezogen wird und andererseits durch die Aktionsformen. Die neuen sozialen Bewegungen bedienten sich nicht nur Demonstrationen, sondern haben noch andere nicht konventionelle Aktionsformen wie Sit-Ins, Hausbesetzungen und Strassentheater entwickelt. Hinzu kommt, dass sie ihr Aktionsrepertoire zusätzlich um symbolische Aktionen erweitert haben, wie beispielsweise das Sich-Anketten an Kühltürmen von Atomkraftwerken.

Ihre Anhänger investierten viel Zeit in die Sensibilisierung der Öffentlichkeit für ihre Anliegen, und diese doppelte Vorgehensweise von politischer Mobilisierung und Information der Öffentlichkeit ist denn auch ein typisches Merkmal der neuen sozialen Bewegungen.

Des Weiteren waren sie möglichst wenig hierarchisch und dezentralisiert organisiert, um bei Entscheidungen den Einbezug so vieler Mitglieder wie möglich zu gewährleisten. Schliesslich wurden die neuen sozialen Bewegungen hauptsächlich von Sympathisanten der Linken unterstützt und wiesen ein besonderes soziales Umfeld auf, da die Mehrzahl ihrer Anhänger der neuen Mittelklasse angehörten und im sozialen oder kulturellen Bereich engagiert waren. Deshalb ist auch die soziale Zusammensetzung dieser Art politischer Protestbewegung einmalig.[22]

Für die weitere Lektüre über die neuen sozialen Bewegungen in der Schweiz empfehle ich GIUGNI, welcher sein 1995 veröffentlichtes Buch „Entre stratégie et opportunité“[23] genau diesem Thema widmet. Weiter hat sich auch KRIESI[24] intensiv mit den neuen sozialen Bewegungen auseinandergesetzt und diese unter anderem auch einem Vergleich mit Frankreich, Deutschland und den Niederlanden unterzogen.

[...]


[1] APPENZELLER, Stephan: Basel und sein Tram. Die Geschichte der Basler Verkehrs-Betriebe. Basel 1995, S.186.

[2] Bericht des Regierungsrates zum Initiativbegehren betreffend Änderung des Organisationsgesetzes der Basler Verkehrs-Betriebe vom 11. April 1946. Initiative Gratistram. Basel 1971, S.3.

[3] APPENZELLER, S.186-189.

[4] APPENZELLER, S.187f.

[5] Ebd., S.188.

[6] APPENZELLER, Stephan: Basel und sein Tram. Die Geschichte der Basler Verkehrs-Betriebe. Basel 1995.

[7] WACKER, Jean-Claude: Die Schweiz von 1848 bis zur Gegenwart. In: FELDER, Pierre; MEYER, Helmut; SIEBER-LEHMANN, Claudius et. al. (Hg.): Die Schweiz und ihre Geschichte. Zürich 2007, S. 361-365.

[8] Ebd., S. 366f.

[9] Ebd., S. 370f.

[10] WACKER, S. 385.

[11] Ebd., S. 372-375.

[12] WACKER, S. 376-378.

[13] KLEMM, Martin Oliver: Welche Mobilität wollen wir? Unser kollektiver Umgang mit dem Problem des städtischen Personenverkehrs. Eine Untersuchung am Beispiel der Stadt Basel. Basel, Boston und Berlin 1996, S.55.

[14] WACKER, S. 387.

[15] WACKER, S. 382-384.

[16] GIUGNI, Marco; PASSY, Florence: Zwischen Konflikt und Kooperation. Die Integration der sozialen Bewegungen in der Schweiz. Chur und Zürich 1999, S. 8.

[17] WACKER, S. 385f.

[18] DAHINDEN, Martin (Hg.): Neue soziale Bewegungen – und ihre gesellschaftlichen Wirkungen. Zürich 1987, S. 2f.

[19] Ebd., S. 259f.

[20] KÖNIG, Mario ; KREIS, Georg ; MEISTER, Franziska et. al. (Hg.): Dynamisierung und Umbau. Die Schweiz in den 60er und 70er Jahren. Zürich 1998, S. 18.

[21] GIUGNI & PASSY, S. 1.

[22] GIUGNI & PASSY, S. 4f.

[23] GIUGNI, Marco: Entre stratégie et opportunité. Les nouveaux mouvements sociaux en Suisse. Zürich 1995.

[24] KRIESI, Hanspeter; KOOPMANS, Ruud; DUYVENDAK, Jan Willem et al.: New Social Movements in Western Europe. A Comparative Analysis. London 1995; KRIESI, Hanspeter: Le système politique suisse. Paris 1998; KRIESI, Hanspeter; WISLER, Dominique: The Impact of Social Movements on Political Institutions: A Comparison of the Introduction of Direct Legislation in Switzerland and the United States. In: GIUGNI, Marco; MCADAM, Doug; TILLY, Charles (Hg.): How social movements matter. Minneapolis 1999.

Details

Seiten
46
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783836649742
Dateigröße
1.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v227363
Institution / Hochschule
Universität Bern – Historisch-Philosophische Fakultät, Geschichte
Note
Schlagworte
geschichte verkehr basel gratistram propaganda

Autor

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Titel: Die Gratistraminitiative der Progressiven Organisationen Basel (POB) 1972 im Kanton Basel-Stadt